#38 Zurückblick in die Zukunft

10. Dezember 2010


Freitag, 10. Dezember

Seit Wochen haben wir herrlichstes Winterwetter, und das im Herbst. Heute ist es ungrau, wenn auch nicht so richtig klar, aber prima, um ein bisschen in der Stadt umherzulaufen. Wie zufällig führt mich mein Weg zu Raute. Uwe hat dort vielleicht noch die „Meddle“ von Pink Floyd für mich stehen. Mein Pech: Die letzte ist gerade rausgegangen. Macht nix, sowohl die LP als auch ich kommen immer wieder. Uwe und Chefin Katrin kündigen einen guten Termin dafür an: die Weihnachtsfeier, die sie am 17. und 18. Dezember im Laden veranstalten, mit selbstgemachtem Punsch nach Kathrins Geheimrezept, Sonderangeboten und kleinen Präsenten für Freunde und Stammkunden. Es klingt so, als würde Weihnachten gut in diesem Jahr.

À propos, ich möchte die Jahresabschlusszeit nutzen, mir von den Leuten ihre aufregendsten, erinnernswertesten, beeindruckendsten oder nachhaltigsten Geschichten aus den letzten zwölf Monaten erzählen zu lassen. Meine eigene ist folgende:

Matze

Im Sommer, als er kurz einer war, waren Schepper und ich eines Nachts auf Fototour in der Stadt unterwegs. Schepper mit seinem Bass, ich mit meiner Fotokamera. Wir hielten hier und fotografierten dort, etwa bei den Dinosauriern am Naturhistorischen Museum, auf dem Gaußberg oder vor den Schlossattrappen, wo wir Straßenbahnen an Schepper und seinem Bass vorbeirauschen ließen. Vorletzte Station – letzte sollte der Farbring sein, der im Rahmen des Lichtparcours’ an der Oker stand – war die Okercabana, genauer: die wunderbare Pornopalme. Mit Blitz und Langzeitbelichtung bannten wir Scheppers mit Bass in der Hand Umhergehen auf Film. Hernach überfiel uns Durst, also stellten wir uns an die Schlange der Okercabanagetränkeausgabe. Schepper traf dort im Halbdunkel eine Freundin, die erzählte, dass sie mit einer weiteren Freundin tiefer im Ganzdunkel säße. Wir schlossen uns ihr an, jeder ein alkoholfreies Hefeweizen in der Hand, ich den Apparat mit Stativ in der anderen und Schepper seine verpackten Instrumente auf dem Rücken. Die Freundin der Freundin rief uns aus dem Dunkeln entgegen: „Ach, Schepper, ich hab dich schon von weitem an deiner Silhouette erkannt!“ Der war überrascht: „Aber die hab ich doch heute gar nicht dabei?“

Uwe & Katrin

Uwe: „Wir haben einen Kunden, der ist Single-Sammler, der stand heulend bei uns im Laden. Am 2. Januar kurz nach 11 Uhr stand der tränenüberströmt im Laden, umarmte mich und sagte ‚ich liebe dich, ich liebe dich’. Katrin: „Du musst auch sagen, warum.“ Uwe: „Der hat eine Single von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich gesucht. 25 Jahre hat er versucht, die aufzuspüren. Da haben wir ihm kurz vor Silvester gesagt, dass wir sie ihm besorgen.“ Katrin: „Der ist jetzt 55. Das war am Samstag, 2. Januar, zur Wiedereröffnung.“ Uwe: „Das war die Single von ‚Zabadak’. Monatelang ging das so: ‚Haste ‚Zabadak’?’, ‚Haste ‚Zabadak’?’.“ Katrin: „Die haben wir ihm dann auf einer Börse gekauft.“ Uwe: „Dann kam er wieder: ‚Haste ‚Zabadak’?’, und ich sage: ‚Moment’. So fing das Jahr an. Die Single ist nicht so rar, aber der Mensch hat kein Internet. Er hat am 31. Dezember Geburtstag und hat schon angekündigt, er kommt wieder, und ich werde ihm wieder eine Single besorgen. Von Bloodwyn Pig, das Album mit dem Schweinekopf, dazu sucht er die Single.“

Die zweitbeste Geschichte war für sie die von dem älteren Paar, dem die beiden die Single vom „Lachenden Vagabund“ organisierten – auf Finnisch. Bei „Zabadak“ erstaunt es mich am meisten, dass es von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich ist. Die sind an sich schlimm, so etwas wie „Bend It“ kann man sich gar nicht anhören. Sirtaki von Engländern, die einen auf Karibik machen. Aber „Zabadak“ hat, wenn man mal die ganze Party-Stimmungs-Zuordnung und das Cover von der Saragossa Band wegdenkt, einen wehmütig-melancholischen Touch. Die Single würde ich mir auch noch kaufen. Vielleicht bei der Raute-Weihnachtsfeier?

Wenige Minuten später, in der Rip-Lounge treffe ich Micha. So muss das sein. Doch wie üblich ist Micha auf dem Sprung, dieses Mal aber wirklich. Deshalb fällt seine Geschichte auch nur kurz aus:

Micha

„Das Konzert von – ich weiß den Namen nicht, das war der Komponist, der beim Filmfest als Gast war – in der Wichman-Halle. Für mich gab’s da eine Geschichte, aber da müsste ich mehr Zeit haben. Das war ein bedeutsames, schönes, gutes Ereignis in diesem Jahr.“

Und weg ist er. Käme André nicht gerade mit einem Kaffee in die Rip-Lounge, säße Jasmin jetzt allein dort. Es ist zehn Minuten vor ihrem Arbeitsbeginn, deshalb will sie sich jetzt nicht die Zeit nehmen, über eine Geschichte nachzudenken, sondern weiterlesen – es ist gerade spannend. Also gehe ich mit André ins Café und höre mir dort seine Geschichte an, die keine richtige Geschichte ist.

André

„Allgemein, die ganze positive Resonanz. Das ist vielleicht kein Highlight, aber was ich nett finde, im neuen Intro, Linus Volkmann, der Chefredakteur, geht in Plattenläden und macht da ein Praktikum und macht eine Rubrik daraus, dass Platenläden es schwer haben, da hat er drei Beispiele genannt, wie es gehen kann, ein Plattenladen in Köln, einer in Hamburg – und das Riptide. Die Fußball-WM war sympathisch, das Wetter passte. Es ist schön, dass es allgemein so gut läuft, dass auch Sound On Screen so gut angenommen wird.“

Jasmin bindet sich neben André die Schürze um. Die spannende Stelle in ihrem Buch hat sie nicht zuende lesen können, da kam ihr der Dienstantritt dazwischen. Eine Geschichte will ihr nicht ad hoc einfallen. „Mein Jahr war langweilig“, behauptet sie, und ich glaube es ihr nicht, schließlich steht sie im Riptide hinter der Theke, das kann doch gar nicht langweilig sein. „Stimmt“, sagt sie, „ich hab hier angefangen, das war auf jeden Fall super.“ Echt, erst dieses Jahr? Kommt mir so vor, als sei Jasmin schon ewig dabei. „Im März, April so“, widerspricht sie aber. So richtig als gültige Geschichte wertet sie das jetzt aber nicht.

Mit beschlagener Brille blättert Stefan im Vinyl herum.

Stefan

„Ich habe eine krasse Geschichte erlebt. Wo ich angefangen habe im Betrieb – der Kollege, unter dem ich angefangen habe, hat den Job ein Jahr lang alleine gemacht, ich habe da ein Praktikum gemacht – da hat sich herausgestellt, dass der Geld unterschlagen hat. Der ist jetzt auf der Flucht, hat sich ins Ausland abgesetzt. Ich bin jetzt Auszubildender in dem Laden. Ich bin noch da, aber der Kollege ist weg. Das war krass.“

In der Tat, krass. Doch Stefan blickt nicht so weit zurück, wie er vorausschaut. „Fürs nächste Jahr plane ich eine Partyreihe in der Skateboardhalle“, verrät er. „Ich will Dubstep, Electronics, Drum & Bass und vielleicht eine Band an einem Abend präsentieren.“ Als Reihe? „Ja, das ist zwar noch in der Mache, aber ein festes Vorhaben.“ In der Walhalla ist er seit Anfang an engagiert. „Gleich das erste Konzert war das Beste, Obrint Pas aus Spanien, da hat die Kassenschlange bis in die andere Disco gereicht.“ Das muss dann ja das Cube gewesen sein? „Nein, noch davor, Toxic oder so.“ Er kichert bei der Erinnerung an die ganzen Punks, die in dem Laden gestanden haben. Und von den Rockern erzählt er, die die Security stellten. Ein Betrunkener schnappte sich das Mikro und sang. „Die Rocker haben sich das zwei, drei Minuten angeguckt und ihn dann freundlich von der Bühne geholt“, erzählt Stefan. Wahrscheinlich haben sie gewartet, ob vielleicht wie bei Black Flag ein zweiter Henry Rollins dabei herauskommt. „Nee, bei dem nicht“, lacht Stefan und wendet sich wieder den Schallplatten zu.

An einem der Tische sitzt Lars. Er ist mit einigem technischen Gerät beschäftigt.

Lars

„Viele Leute aus der Rockmusik sind gestorben dieses Jahr. Dio, Peter Steele, der Sänger von Gotthard, ich habe seinen Namen vergessen. Dio ist gestorben, eine Woche später haben Gotthard ein Dio-Tribute-Album herausgebracht. Das war schon länger geplant. Einen Monat später ist der Sänger auch gestorben, bei einem Motorradunfall in den USA. Er wollte sich einen Lebenstraum erfüllen und ist unter einer Brücke überfahren worden. Das fällt mir leider als erstes ein.“

Doch aus Lars blickt positiv in die Zukunft: „System Of A Down sind wieder zusammen, und ich sehe sie bei Rock im Park.“ Auch der Gitarrist sei wieder dabei, obwohl der jetzt bei Scars On Broadway Gitarre spielt. „Der hatte früher eine Glatze, jetzt hat er lange Haare und kifft die ganze Zeit“, grinst Lars und legt sein technisches Gerät zurück in die Pappverpackung. Die Musik von Scars On Broadway gefalle ihm, sagt er.

Am Nachbartisch sitzen Milena und Kathlen, unterhalten sich und warten auf die Crêpes, die sie bei Jasmin bestellt haben.

Milena

„Ich habe dieses Jahr von der Uni, der HBK, aus bei ‚Campus On Air’ mitgemacht, bei Radio Okerwelle. Da hat man eine Stunde zur Verfügung. Ich habe einen Beitrag übers Riptide gemacht – mein erster Radiobericht. Der wird am 15. Dezember ab 20 Uhr gesendet, da sind wir dann im Studio. Der ist nur vier Minuten lang, aber das war wirklich etwas Besonderes, entwicklungsmäßig ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe viele Leute interviewt, mit Chris geredet. Ich bin gerade erst nach Braunschweig gezogen, habe angefangen zu studieren. Für den Radiobeitrag sollten wir etwas Besonderes nehmen, das nicht unbedingt mit Braunschweig zu tun haben musste. Leute, die uns begeistern. Ich habe überlegt: Was hat Braunschweig für Besonderheiten? Da ist mir spontan das Riptide eingefallen. Das wünsche ich mir, dass sich in der Kulturlandschaft in Braunschweig etwas tut – das war meine Intention. Es war toll, wie das im Riptide aufgenommen wurde, die Leute waren offen und kooperativ. Ich habe die Atmosphäre beschrieben, die finde ich einzigartig. Chris hat erzählt, wie er dazu gekommen ist. Gerade das Vegetarische fand ich hier super von Anfang an.“

Jasmin bringt die Crêpes, Milena und Kathlen sortieren sich die Bestellung zu und probieren beieinander. Milena kommt aus Gießen, Kathlen ist gerade aus Hanau nach Hildesheim gezogen. Sie ist bei Milena zu Besuch und zum ersten Mal in Braunschweig. „Ich liebe so Wohnzimmerkneipen“, sagt sie. Die beiden Hessinnen lassen sich darüber aus, dass sie immer als Süddeutsche wegsortiert werden. „Hanau liegt genau in der Mitte“, mein Kathlen. Und sie stellt fest, dass sie für Hildesheimer Ansprüche viel falsch sagt: „Wir sagen ‚wem ist das’ statt ‚wem gehört das’ oder ‚wessen ist das’“, sagt sie.

Kathlen

„Ich war auf dem Berlin-Festival im September. Der Hauptact wurde kurz vor dem Auftritt abgesagt. Ich war sehr enttäuscht, ich hatte mich so darauf gefreut. Fatboy Slim sollte es sein. Nachts um halb vier haben sie es abgesagt und gesagt, wir sollen nach Hause gehen. Wir konnten das nicht glauben, wir haben das zuerst für einen Scherz gehalten und gewartet. Wir sind dann über einen Sicherheitszaun gestiegen. Die hatten viel zu viele Karten verkauft, die Anlage war viel zu klein. Wir waren bis halb sechs da, weil’s einfach nicht wahr sein konnte. Das war nicht mal der letzte Tag, wir haben nur drei Konzerte gesehen – viel Geld rausgeworfen für nichts. Es gab ein Nachholkonzert mit Fatboy Slim und noch zwei Bands, aber da hatte ich keine Zeit.“

Meine Mutmaßung, dass sich die beiden Studentinnen aus ihrer Heimat kennen, widerlegen sie mit einer völlig unerwarteten Geschichte: „Wir haben beide letztes Jahr ein Praktikum in einer Jugendherberge in Kanada gemacht“, erzählt Milena. Das Grinsen der beiden könnte kaum breiter sein. Gießen und Hanau liegen nur etwa eine Stunde auseinander, aber von dort kennen sie sich nicht. „Wir sehen uns heute nach Kanada zum zweiten Mal“, setzt Kathlen auch noch drauf.

Zwei Tische weiter unterhalten sich Jana und Mieke. Auch sie sind Studentinnen, doch nur Jana wohnt auch in Braunschweig. Mieke ist bei ihr zu Besuch.

Jana

„Ich war im Ausland ein halbes Jahr, von Mai bis September, in Schweden, in Lund. Ich habe dort meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich spreche kein Schwedisch, das braucht man dort auch nicht, man kommt mit Englisch ganz gut zurecht. Es ist schwer, ohne Vorkenntnisse die Sprache durch Hören aufzunehmen. Schweden war Zufall – ich wollte ins Ausland, wo es passt und ich einen Platz kriege.“

Mieke

„Ich hatte einen Superscheißsommer. Es war heiß, ich habe meine Zeit damit verbracht, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Ich habe in überhitzten Räumen gesessen und leichte Sommerkleidung getragen. Wir waren 50 Leute im Raum, es lief nur so, es war richtig heiß. Ich musste das so machen, weil mein Computer gerade kaputt war. Ich musste mich in volle Räume quälen. Es war eine Katastrophe – aber auch schön. Die Bücherei hatte 24 Stunden auf. Das war super. Wenn wir nachts um zwei fertig waren, sind wir noch etwas trinken gegangen. Das war eine nette Zeit.“

Ihr Besuch bei Jana ist Miekes zweiter Aufenthalt in Braunschweig. Beide kommen aus Bremen. Jana will auch wieder in eine große Stadt ziehen, wenn sie mit dem Studium fertig ist. „Braunschweig ist mir zu klein – mir ist sogar Bremen zu klein, obwohl es doppelt so groß ist.“ Das kann ich verstehen. Wenn ich mal aus Hamburg zurück nach Braunschweig fahre, denke ich auch manchmal: Mann, ist das alles klein hier. Aber dafür weiß ich, welche Möglichkeiten ich hier in der Stadt habe. „Zum Studieren ist Braunschweig auch gut, aber danach möchte ich weg“, sagt Jana.

Julius und Yngwie spielen am Nachbartisch Schach. Yngwie nennt Julius Jules, englisch gesprochen, wie in „Pulp Fiction“.

Julius

„Ich war auf Interrail-Tour quer durch Europa, mit dem Zug und mit zwei Kumpels, drei Wochen lang – das war das beste Erlebnis, das ich dieses Jahr hatte. Wir waren in Spanien, in England. Wir haben relativ lustige Sachen erlebt – unterm Eifelturm geschlafen, weil wir keine Unterkunft gefunden hatten. Wir haben viele Kulturen kennen gelernt unterm Eiffelturm. Und einen besoffenen Eiffelturmverkäufer.“

„Du bist dran“, sagt Yngwie zu Julius. Ich frage Yngwie, ob es sein kann, dass ich den Musikgeschmack seines Vaters kenne. „Da liegst du richtig“, lacht Yngwie. Julius erzählt, dass die beiden oft im Riptide sind. „Im Winter waren wir eine Woche lang jeden Tag hier, weil es so kalt war.“

Yngwie

„Für mich war das wichtigste Ereignis dieses Jahr das Hurricane – nicht wegen der Bands, sondern wegen des Konsums. Bandtechnisch hat es sich nicht so gelohnt, war aber lustig.“

„Ich stimme zu“, sagt Julius und bewegt eine Schachfigur. So recht erklären mag Yngwie seine Ausführungen nicht, ergänzt aber: „Mein persönliches Highlight war, dass ich weitermachen darf in der Schule.“ Auch das lässt er für sich stehen, grinst nur und wendet sich wieder dem Schachspiel zu. „Du bist“, sagt Julius.

Und dann sehe ich Bend in den CDs blättern. Ein Kreis schließt sich. Ich habe Bends Gesicht ungefähr zehn Jahre lang nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Er kennt mich nicht, ich war nur Kunde – und er Verkäufer bei Ran7. Das war für mich der Plattenladen schlechthin, in Braunschweig sowieso und auch allgemein. Was hab ich da nicht alles gefunden: „Cop Killer“ von Body Count auf Vinyl in der Erstauflage, „Dirty“ von Sonic Youth in der Erstauflage mit dem später nicht mehr verwendeten Foto unter der CD. Und Aberdutzende CDs und LPs mehr. Für mich als Jugendlichem war es auch immer lehrreich, bei Ran7 einkaufen und stöbern zu gehen – die Leute hinterm Tresen hatten, wie es sich für einen Plattenladen gehört, Ahnung und waren auskunftsfreudig. Zwischen dem Ende von Ran7 und dem Anfang von Riptide und Raute herrschte in Braunschweig die pure Schallplattenladenödnis. Gleichzeitig schloss damals auch das FBZ und läutete die inzwischen gottlob weitgehend vergangene allgemeine kulturelle Ödnis ein. Mit Riptide und Ran7 sowie Nexus, Zum Schweinebärmann Bar, KaufBar, Silberquelle und Silver Club kehrte vor einiger Zeit gottlob endlich die Kultur wieder in die Stadt zurück. Und jetzt steht Bend im Riptide. „Wo auch sonst“, sagt er. Erschütternderweise hat Bend von sich selbst nicht so viele positive Geschichten zu erzählen. Aber dafür – zum großen Teil auch daraus resultierend – jede Menge zu diskutieren. Wir verlaufen uns in aktueller Politik, Kultur und Gesellschaft. Bend ist ausgesprochen kritisch. Und doch nicht ohne realistische Hoffnungen. „Wenn ich im Lotto gewinne“, sagt er, „dann mache ich wieder einen Laden auf – natürlich klappt das nicht.“ Mit so einem Gewinn wäre er nicht vom Gewinn abhängig und damit freier in der Gestaltung. Als Mitarbeiter bei Ran7 war er seinerzeit als Kunde gelandet, erzählt Bend. „Der Chef hat mich gefragt, ob ich das machen will.“ Also hat er das gemacht. In seinem damaligen Job war er nicht so zufrieden, er jobbte in einem Architekturbüro und als Inline-Trainer. „Ich habe mein Geld mit Eishockey verdient“, grinst Bend. „Das waren die besten Zeiten.“ Nach dem Ende von Ran7 war er kurz bei Schaulandt und danach einige Zeit in Hannover bei 25 Music im Lager. Auch als Testfahrer hat er schon gearbeitet. „Man hangelt sich so durch“, sagt Bend schulterzuckend. Und anstatt auf 2010 zurückzublicken, richtet er seinen Blick nach vorne.

Bend

„2010 ist der Zeitpunkt, wo ich mir Gedanken mache, Initiative zu ergreifen. Leute zusammentrommeln, die sich Gedanken machen – soll das so weitergehen, kann man etwas unternehmen, was für Möglichkeiten hat man?“

Ich habe Bend getroffen. Ran7 im Riptide, ein Kreis schließt sich. Ich hätte nie damit gerechnet, auch nur irgendwen aus dem Laden jemals wiederzusehen, und bin gleichzeitig erschüttert, dass nicht alle so auf die Füße gefallen sind, wie ich es ihnen wünsche. Was aus seinen Ex-Kollegen geworden ist, weiß auch Bend nicht. „Eine Kollegin muss bei mir in der Nähe wohnen, die habe ich mal gesehen, als ich Wahlhelfer war“, sagt er. Und verabschiedet sich, er wollte nur kurz gucken und längst wieder weg sein. Ich habe Bend von Ran7 getroffen. Im Riptide. Da hat sich das Jahr 2010 einen Höhepunkt bis kurz vor Schluss aufgespart. Mit Wermutstropfen.

Chris kommt, schwer bepackt und bewollmützt. Eigentlich will ich gehen und Chris hat auch keine Zeit, weil er noch etwas holen muss. Eine Geschichte fällt ihm spontan nicht ein, sein Jahr sei langweilig gewesen, behauptet er. Das haben alle behauptet, bevor sie mir dann doch eine Geschichte erzählt haben. Außer Jasmin, wo steckt sie überhaupt? Vielleicht wird ja der Auftritt von Dirk Berneman heute Abend Chris’ beste Geschichte des Jahres. Ich nehme meine Mütze aus der Tasche und Abschied. Draußen begegne ich der besenschwingenden Jasmin, die sogleich strahlend ihre eigene Behauptung widerlegt, nichts Tolles erlebt zu haben.

Jasmin

„Meine Geschichte – worauf ich am stolzesten bin: Eine vierstöckige Hochzeitstorte, die ich zum ersten Mal im Leben gebacken habe. Ich habe Wochen nicht geschlafen, Tage damit verbracht, war mehlübersudelt. Die Torte war rosa mit ganz vielen Blumen drauf. Und das war die schönste Hochzeit, auf der ich je war.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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