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#31 Sein bester Film

17. Mai 2010


Montag, 17. Mai

Der Himmel droht mit Regen, macht seine Drohung zum Glück aber nicht wahr. Bei Regen im Mai muss ich immer und automatisch an Max Werner denken, an „Rain In May“. Sofort habe ich das typische Schlagzeug-Intro im Kopf und die geleierten Zeilen „Feeling down when the autumn has come/Stormy days and the leaves keep on falling“… Recht hat der Mann. Den Song mag ich ohnehin.  Serge hatte vor einiger Zeit mal die 12“-Single in seinem Antiquariat neben dem Riptide. Die hab ich aber stehen lassen – ich hab schon die 7“.

Gegen Mittag ist es heute noch ziemlich leer im Riptide. Jasmin und Caren sind zurzeit noch fast allein und harren der Gäste, die da kommen. Sie stehen hinter der Theke, ich stelle mich davor und bestelle einen Kaffee. „Eigentlich bin ich hergekommen, um etwas zu tun“, sagt Jasmin. Sie blickt sich etwas hilflos im Café um, aber alles, was es zu tun gab, haben die beiden bereits erledigt. Ich frage sie, ob die neuen Öffnungszeiten sich bereits etabliert haben. Seit Anfang Mai hat das Riptide nämlich auch montags bis mittwochs bis um 23 Uhr geöffnet. Mindestens jedenfalls; letzte Woche Mittwoch, am Tag vor Himmelfahrt, war ich erst um 23 Uhr hier. Vorher war ich mit Begleiter im Universum und hab mir endlich den Anvil-Film angesehen. Der Film ist gut, der bildet mit „This Is Spinal Tap“ und „Full Metal Village“ die heilige Dreifaltigkeit des Heavy-Metal-Films. Nur die Musik ist so mittelmäßig, wie es der ausbleibende Erfolg der Band ahnen lässt. Macht aber nix: Den Hit „Metal On Metal“ hatte ich tagelang im Ohr. So sehr, dass ich mir eben bei Raute Records das Album gekauft habe. Mehr brauche ich von Anvil dann aber nicht mehr. Oder?

Raute hatte am Wochenende seinen zweiten Geburtstag gefeiert, wie mir Uwe und seine „Chefin“ vorhin erzählten. Sie hatten am Himmelfahrt-Donnerstag umgeräumt und am Freitag und Samstag eine kleine Feier mit Sonderangeboten veranstaltet. Als ich heute früh bei Raute auftauchte, war alles noch nicht wieder hergerichtet. Zu meinem Glück: Ich habe einige tolle 12“es und LPs gefunden, darunter die 11:45-Minuten-Version von „Tonight Tonight Tonight“ von Genesis, einem von zwei guten Songs von der Band aus der Zeit, und „The Boat“ von Bolland & Bolland, das ich 1985 auf NDR2 bei „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen alias Die-Dschäi-Dschi-Äi gehört, super gefunden und in Ermangelung ausreichender Englischkenntnisse ohne Titel und Interpret auf Kassette gebannt hatte. Erst im letzten Jahr hatte ich herausbekommen, was ich da eigentlich 24 Jahre lang suchte und nun eben endlich fand. Aber Tolle-Sachen-Finden erstaunt mich ja bei Raute ebenso wenig wie im Riptide. Als ich im Gehen sagte, dass ich ins Riptide wollte, gaben mir Uwe und seine „Chefin“ Grüße für Chris und André mit.

Nach dem Anvil-Film jedenfalls sind mein Begleiter und ich ins Riptide gegangen. An sich hatte ich noch die Schweinebärmann Bar auf dem Schirm, wo Claudy Soundschwester ihre „Wild & tanzbar“-Party veranstaltete, doch mein Begleiter musste anderntags früh raus und wollte nicht so lange bleiben. Also gingen wir um 23 Uhr ins Riptide und setzten uns ins Achteck. Dienst hatte an dem Abend Lukas. Er grinste, als wir ihn fragten, ob er nicht eigentlich den Laden dicht machen wollte, verneinte und reichte uns unsere gewünschten Getränke.

Lukas hatte ich erst eine Woche davor kennen gelernt. Er war derjenige, der bei der zweiten Show „Frank Schäfer proudly presents“ an der Kasse stand. Gaststars und Stargäste waren damals Michael Quasthoff und Dietrich zur Nedden von der Fitzoblongshow aus Hannover. Die hatte ich bereits bei „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst gesehen. Jedenfalls fragte ich Lukas, ob er neu sei, und er antwortete: „Ich bin im zweiten Monat“, stutzte kurz und schob dann hinterher: „Das klingt, als ob ich schwanger wär.“ Er klang an dem Abend leicht nordisch, doch er sagte, er komme aus Braunschweig. „Vom Strammgast zum Mitarbeiter“, meinte er. Das Nordische käme vom Kommilitonen, die so redeten und von denen er sich das etwas abgeguckt habe.

Für Frank-Schäfer-Fans gab es an dem Abend eine gute und eine schlechte Nachricht: „Eine Fortsetzung gibt es, aber jetzt ist erst mal Sommerpause, erst im September geht’s weiter“, verriet der Literat. „Es ist geplant, dass wir in diesem Jahr vier Ausgaben machen.“ Hoffentlich kommen dann mehr Leute als an jenem Donnerstag. Es regnete wie aus Kübeln, das hielt wohl viele potentielle Zuschauer davon ab, aus dem Haus und ins Riptide zu gehen. Vorher war ich beim Treffen unserer Bürgerinitiative im östlichen Ringgebiet, aber da außer mir noch ein weiteres Mitglied der Initiative unbedingt ins Riptide wollte, hatten wir das Programm etwas stringenter abgehandelt. Auch Frank sprach in Riptide übrigens von Anvil: Am Samstag nach seiner Show sollte er als eines von drei „Read ’em all“-Mitgliedern gemeinsam mit den anderen beiden, also Axel Klingenberg und Till Burgwächter, im Universum lesen, in Kombination mit dem Anvil-Film. Was für eine unfassbar großartige Veranstaltungsidee! Film und Lesung zum Thema Heavy Metal – im Kino! Und ich konnte nicht. Dafür sah ich mir den Film eben einige Tage darauf an.

Lukas also ließ meinen Kinobegleiter und mich entspannt unsere Getränke zu uns nehmen. Doch wie das in Braunschweig und im Riptide eben immer so ist: Ich wollte nur kurz durch die Lounge gehen, kam aber nicht weit. An einem Tisch saß eine große Runde Menschen, von denen mein Kinobegleiter und ich einige kannten. Also setzten wir uns dazu. Die Gruppe, die teilweise aus Mitgliedern der Theatergruppe Fanferlüsch bestand, hatte noch helles Leuchten in den Augen von der Veranstaltung, die sie davor wahrgenommen hatte: In der Nicht-Schlossattrappen-Filiale von Thalia hatten sie eine Lesung mit David Nathan und Oliver Rohrbeck gesehen und gehört. Nathan synchronisiert Johnny Depp, Rohrbeck spricht Justus Jonas von den Drei Fragezeichen. Das Besondere an der Lesung sei aber gewesen, dass nicht die beiden Sprecher mit Texten zu Thalia gekommen waren, sondern die Zuschauer. Die hatten Bücher, Heftchen oder Selbstverfasstes mitgebracht und sich vorlesen lassen. Mit geschlossenen Augen hatte sich das glückliche Publikum der Illusion hingeben können, es seien Justus Jonas und Johnny Depp, die ihnen die Texte vorlasen. Lukas nun schloss um 1 Uhr hinter uns ab, nachdem er uns eine weitere Runde an den Tisch gebracht und sich selber mit einer Flasche Astra Rotlicht an unseren Tisch gesetzt hatte. Eigentlich wollte ich längst schon zu Hause im Bett, wenn schon nicht in der Schweinebärmann Bar sein…

Jasmin und Caren finden Lukas’ Haltung gut; Jasmin würde auch nicht einfach das Lokal schließen, wenn sich noch genug Gäste amüsierten. Die beiden unterhalten sich über Cola-Sorten, Kaffeegenuss und Schallplattenkäufe. „Als Schülerin kann ich mir nicht viele CDs leisten“, sagt Caren. Seit kurzem macht die gebürtige Berlinerin im Riptide ein Praktikum. Die Tür öffnet sich, Jasmin und Caren blicken auf: Nicht Kunden, sondern Promoter kommen ins Café. „Sind die Geschäftsführer da?“, fragt die freundliche Promoterin. Der Mann neben ihr sagt nichts. Caren und Jasmin verneinen, André käme aber bald. Die Promoterin lässt einige Flyer für ihr Getränk Kenko Kombucha da und kündigt an, später mit Probiergetränken zurückzukommen. Caren und Jasmin blättern in den Flyern und stellen fest, dass eines der abgebildeten Models die Promoterin selbst ist. Jasmin kennt Kombucha, aber nicht Kenko, das sich laut Flyer bindestrichlos als „Das Tee Pilz Erfrischungs Getränk“ bezeichnet. „Das kommt aus Braunschweig“, entdeckt sie außerdem. Zumindest die „Kommunikation“, die Produktion kommt aus Bennigsen. Wir lokalisieren den Ort anhand Postleitzahl und Vorwahl in der Nähe von Hannover und liegen damit ganz gut: Der Ort gehört zur Stadt Springe in der Region Hannover. Caren und Jasmin sind gespannt auf die versprochenen Probegetränke.

Mit „die selbsterfüllende Prophezeiung“ begrüße ich Micha, der mit einer geschulterten Ikea-Tüte voller Festival-Theaterformen-Programmbüchlein durch die weit geöffnete Café-Tür schreitet, eine Hausmarke bestellt und damit einen Dialog von Caren und Jasmin neu entfacht. Ich schließe mich mit der Getränkebestellung an. „So hat mich noch keiner genannt“, sagt Micha zu mir. „Höchstens Zeitmaschine.“ Er grinst, Caren und Jasmin gucken fragend. „Weil du immer rückwärts gehst?“, rate ich. „Nein, weil mit mir die Zeit immer schnell vergeht.“ Jasmin findet: „Das ist aber ein Lob.“ Micha ist skeptisch. „Wenn’s mit dir langweilig wär, würd die Zeit schleichen“, sage ich. Das überzeugt ihn nur kurz. Es steckt etwas anderes dahinter, wie er erklärt: An einen seiner vielen Verteilpunkte bringe er immer montags Flyer vorbei. „Daran erkennen die, wie schnell die Zeit vergeht: ‚Schon wieder Montag?’“, sagt Micha. Einleuchtend, Jasmin und Caren gefällt der Vergleich. Micha gehe es damit genauso: Auch er erkenne, wie die Zeit vergeht.

Mit Tüten voller Brot und anderen Lebensmitteln schwer bepackt kommt André durch die Tür und wird von uns vieren freudestrahlend begrüßt. Zurückgrüßen kann er nicht, er hat keine Hand frei und Waren bis unters Kinn gestapelt. Die bringt er erst in die Küche und begrüßt uns dann reihum. „Warst du einkaufen?“, fragt Micha. „Ist Montag“, gibt André zurück. Viel Muße zum entspannten Plaudern hat er nicht: André sortiert nebenbei wie automatisch Platten ein. Micha spricht ihn auf Maximilian Hecker an, der am 4. Juli im Riptide auftritt. André erzählt, dass der Booker für Hecker erst ein Piano wünschte, dann auf Klavier herunterhandeln wollte und dann doch mit dem angebotenen E-Piano zufrieden war.

Trotz des dräuenden Himmels sitzen mehr und mehr Gäste draußen, einige inzwischen auch drinnen, noch niemand indes in der Rip-Lounge. Caren und Jasmin sind jetzt beschäftigt. André geht an der neuen Schiefertafel neben der Theke vorbei, auf der „NEU BAILEY’S“ steht, und nimmt den Platz hinter der Theke ein. Micha bestellt einen Kaffee, obwohl er eigentlich keine Zeit hat. „Ein Glas Wasser dazu?“, fragt André, während vor ihm der Kaffeeautomat dampft und zischt. Micha schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie man zu Kaffee Wasser trinken kann“, sagt er. Aus der Küche steckt Jasmin ihren Kopf heraus: „Das macht man, damit man vorher den Mund ausspülen kann, um später den Kuchen besser zu schmecken.“ Micha hätte das nicht gewusst. „In Italien trinken sie Wasser zu Espresso, das verstehe ich ja noch.“

André nimmt von einem Paketdienstmitarbeiter ein Paket entgegen, stellt es auf die Theke und packt es aus. Es enthält „Fuze“-Hefte. „WM live im Riptide…“ liest Micha unterdessen auf einem Ankündigungsblatt auf der Theke. „Ballack ist nicht dabei“, fällt André dabei ein. „Dann kann ich endlich wieder zu Deutschland halten“, sagt Micha. „Jetzt freue ich mich auf die WM – ich kann den Ballack nicht leiden.“ André grinst: „Das merkt man.“ Micha beginnt zu philosophieren: „Dem Löw fehlt jetzt die klassische Nummer Sechs, der hat da nur den Schweinsteiger vielleicht noch – aus der Sicht ist es schlecht, dass Ballack nicht mitfährt.“

Zwischendurch frage ich André nach den neuen Alben von Mike Patton und Dirtmusic. „Beides ist noch nicht mitgekommen“, sagt André nach einem Blick auf den Computerbildschirm. Irgendetwas wollte ich doch noch gefragt haben. „Ist die neue LCD Soundsystem da?“, fragt Andreas, der eben ins Café gekommen ist. „Das war’s, genau“, sage ich. „Ja, ja!“, sagt Andreas, der grinsend befürchtet, dass ich sie ihm wegschnappen will. „Soll die letzte Platte von denen sein“, fügt er hinzu und zieht sich mit einem Finger ein Augenlid herunter, „ja, ja!“ So könne man Aufsehen erregen. „Wie bei The Cure“, sage ich. „Die sagen auch nach jeder Platte, dass es die letzte ist.“ Filmfan Micha fällt auch eine Parallele ein: „Bei Jean-Claude-van-Damme-Filmen stand auf Plakaten immer drauf: ‚Sein bester Film’, und ich bin immer drauf reingefallen, fünf Filme in zehn Jahren.“ Andreas nickt grinsend: „Da haste aber lange gebraucht, um das zu bemerken.“ – „Ist verschoben“, sagt André mausklickend. „Ich wollte nur wissen, ob es eine Doppel-LP wird“, sagt Andreas, und: „Ich hör die schon immer im Internet.“ André bestätigt: „Ja, ist eine Doppel-LP.“ An Micha gewandt, nimmt Andreas dessen Einwand wieder auf: „Jean-Claude van Damme kenne ich aus einem Musikvideo, da hat er Tango getanzt.“ Das kann Micha nicht fassen: „Tango?“ Andreas nickt: „Er hat mit Ballet begonnen.“ Während Andreas zu den Singles herübergeht, sagt Micha: „‚Bloodsport’ ist sein bester Film.“ Andreas dreht sich vor den Singles um und ruft Zustimmendes. „Ich mochte immer, wenn er einen Spagat gemacht hat zwischen Stühlen oder an Ringen“, sagt Micha. Andreas weiß, warum der Belgier das konnte: „Das war die langjährige Ballettausbildung!“

Das wechselhafte und unberechenbare Wetter beunruhigt Jasmin und Caren. Bevor sie zur Tür stürmen und sie prophylaktisch schließen können, stürmen Micha und ich hinaus. Micha hat noch Programmheftchen zu verteilen, zu Fuß dieses Mal, weil er mit seinen Rückenschmerzen nicht Radfahren kann. Wir beschließen, uns bald mal wieder zu treffen. Zufällig. Im Riptide vielleicht.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#30 Ich

22. April 2010


21. April

Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich freue mich, dass es in Braunschweig inzwischen wieder viele Orte und Veranstaltungen gibt, die mir ein Gefühl von Zuhause und Zugehörigkeit vermitteln. Das Riptide gehört dazu, ganz klar. Dann noch die vielen unterschiedlichen Aktionen in der KaufBar, das Nexus, das Tegtmeyer, die Silberquelle, ganz bestimmt – so ich sie denn endlich mal besuche – die Schweinebärmann Bar und nicht zuletzt der Silver Club. Der hat mir mächtig viel Energie gegeben, vor anderthalb Wochen. Mit dem Silver Club hat Skapino etwas richtig Tolles auf die Beine gestellt, davon zehre ich noch lange. Und werde auch beim siebten wieder dabei sein.

Doch jetzt steht das Verzehren an erster Stelle. Janna und ich haben heute für uns die Spargel-Saison eröffnet. Seit einigen Jahren schon essen wir einmal pro Woche Spargel, den wir uns – so hat es sich inzwischen eingependelt – samstags auf dem Markt vor dem Altstadtrathaus kaufen. Einen Samstag ohne Markt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Das ist wie ein kleiner Urlaub, egal, zu welcher Jahreszeit. Und wie ein Ausflug aufs Dorf. Alle kennen sich, als Stammkunde kennt man auch bald alle. Die Brötchen bei „Grete“, die Kartoffeln bei Saucke, das Obst bei Meyer. Auch für Eier, Feigen und Fleischsalat haben wir unsere Stammstände. Der Italiener hat manchmal Artischocken und Olivenöl, es duftet nach Bratwurst, Kaffe und immer nach dem Produkten, die saisonal gerade an der Reihe sind. Champignons und Kohl kaufen wir dort, wo wir sie gerade am besten finden. Erdbeeren sind auch bald dran, dann kommen schon fast Kirschen und Pfirsiche. Aber ab jetzt und bis zum 24. Juni eben Spargel. Und weil der nicht so richtig lange satt macht, verlockt mich die Idee von einem Eiskaffee im Riptide.

Bei dem seltsamen Wetter ist es ohnehin rätselhaft, dass es überhaupt Spargel gibt. Die gefühlten Minusgrade verscheuchen die Erinnerung vom letzten Wochenende, an dem ich noch fast im T-Shirt herumgelaufen bin. Immerhin scheint gerade die Sonne, nachdem der Regen eben noch isländische Vulkanasche auf die Straßen gespült hat. Der Vulkan hat überdies auch sein Gutes: Wenn der Himmel einmal blau ist, trägt er zurzeit nicht einmal mehr Kondensstreifen.

Maren kennt die Rip-Lounge noch nicht, will aber erst mal Chris und André begrüßen. Das tun wir alle. Chris kommt mit dem Telefon am Ohr aus seiner Ecke, André mit freien Ohren aus der Küche. Sie empfangen uns lächelnd. Zuhause. „Was führt euch ins Riptde?“, fragt André. „Das Riptide führt uns ins Riptde“, sage ich und schaue mich auf der Theke um. Die Quartette liegen da, zwei aktuelle „Die drei Fragezeichen“-Kassetten, der Ausriss aus dem Subway mit dem Jahrespoll und dem Wort „Danke!!!!!“ darunter. Eine kleine Staffelei mit der Doppel-CD-Ausgabe von Paul Wellers neuem Album „Wake Up The Nation“ als Buch treiben mir als fast alles kaufender Weller-Fan die Tränen in die Augen. Nicht hingegen entdecke ich die CD „Tillicus Glossicus Metallicus“, die Till Burgwächter hier letzte Woche vorgestellt hat. Leider konnte ich an dem Abend nicht und hoffe nun, mir die CD wenigstens jetzt kaufen zu können. „Die ist noch nicht draußen“, sagt André leider. „Hat sich da was verschoben?“, frage ich. André nickt: „Till hat bei der Lesung so was gesagt.“ Schade! Ich zwinge mich, nicht mit den Fingern in den nur eine Armlänge entfernten neuen LPs zu blättern, und folge Janna und Maren aufs Sofa.

Auf dem Sofa sitzen hinter uns nun nicht mehr nur Augen-Kissen. Eines ist noch da, im verdrehten MSV-Duisburg-Muster. Auf einem weiteren Kissen ist ein altes Röhrenradio abgedruckt, das nächste zieren eine Audiokassette und der Satz „I Love Mixtapes“. Passt zu meinem T-Shirt: Darauf ist das Cover der letzten Yo-La-Tengo-LP „Popular Songs“ zu sehen, eine kaputte Kassette mit herausgezogenem Band nämlich. Eine tolle Platte überdies, eine der besten des vergangenen Jahres. Auf dem Tisch vor uns steht außer den Speise- und Getränkekarten eine Vase mit gelben Rosen und ein größeres mattes Glas mit einer brennenden Kerze darin. Um uns herum schmücken kleinere Fotos von Cylixe die Wände. An dem Tisch links neben uns stand kürzlich noch eine alte Holzbank. Die ist jetzt verschwunden, stattdessen steht dort ein mit weißem Kunstleder überzogener Sitzquader. Der Zeitungsständer immerhin ist noch da. Was mag mit der Bank passiert sein?

Am Fernseher knapp neben uns sitzt Joel und knarrt bei jeder Bewegung auf seinem Barhocker. Er bewegt sich viel, denn er beklebt gerade Plakate von The Roskinski Quartett, die ihr Debütalbum auf Riptide Recordings herausbringen. Joel reißt Din-A4-Seiten längs auseinander, auf denen zweimal die Daten für das Release-Konzert abgedruckt sind, und klebt diese Streifen auf die Plakate. Neben sich hat er ein Glas Wasser und einen Teller mit einem Cookie darauf stehen. Joel stellt fest, dass diese Aufgabe aus sich sehr wiederholenden Handgriffen besteht, und erzählt, dass er einmal – noch stupider – Nummern auf ganz viele Eintrittskarten hat stempeln müssen. Ich erzähle ihm von meinen sechs Jahren Bandarbeit bei VW. Das erinnert ihn an einen Angehörigen eines Freundes, der bei VW einen höheren Posten bekleidet und ihn, Joel, seines Aussehens wegen nicht begrüßen wollte – Joel hatte Piercings und trug nicht Hemd und Krawatte. Solche Leute habe ich bei VW ebenfalls kennen gelernt. Dabei sieht Joel doch völlig normal aus, ganz in schwarz, hautenge Jeans, ein Schlüsselbund glitzert an einer Hosentasche. Ungewöhnlich ist höchstens, dass ein Mann in seinen jungen Jahren ein Misfits-Shirt trägt. Joel wendet sich wieder seinem Werk zu, der Stuhl knarrt unter ihm. Er sitzt in der Sonne, eine rosa Plüsch-Schlange bäumt sich neben ihm auf.

André kommt an unseren Tisch und nimmt unsere Bestellungen auf. Maren ordert eine Bios, „es gibt doch da irgendwas mit Traube“, und ein Fladenbrot. „Chai-Latte“ bestellt Janna, ich kann endlich meinen Wunsch nach einem Eiskaffee äußern. Maren erzählt von einem Junggesellenabschied, den sie zu planen hat. Für die Braut habe sie genug Ideen, für die Hochzeit ebenfalls, aber für einen Man so etwas zu planen, fiele ihr schwer. Kein typischer Junggesellenabschied solle es werden, darin sind sich alle einig, der Bräutigam wohl, Maren, Janna und auch ich. Besonders Ideen für Hochzeitsfeiern, die nichts mit Baumstammzersägen und Herzenausbettlakenschneiden zu tun haben, fallen von uns dreien an der Zahl. Wir können es alle nicht verstehen, wie man mit den traditionellen Hochzeitsspielchen die Feier so langweilig zerdehnen kann. Hochzeiten habe ich auch schon alle möglichen erlebt, von unglaublich schrecklich bis sehr einfallsreich. Wobei die einfallsreichen in der Unterzahl sind. Schön fand ich einmal die Idee mit den Polaroids, die von jedem Gast gemacht und dann in ein Buch eingeklebt wurden, in das man dann als entsprechender Gast neben dem Polaroid etwas einzutragen hatte. Maren hat die Idee vor Augen, einen unerschöpflichen Fundus an Material bereitzustellen, aus dem die Gäste etwas kreativ auf einer Leinwand zu gestalten haben. Janna assoziiert und erzählt von einer Tour auf einem Fluss, den sie einmal mit einigen Leuten machte. Schnell sei man im Grünen gewesen und doch mitten in der Stadt. „Auf dem Rückweg hat einer angefangen zu singen und alle haben eingestimmt“, schwärmt Janna. Dabei fällt Maren eine Begebenheit ein, die sie mit und bei der Autorengruppe Writers Ink machte. Da war ich sogar dabei: Daniil Pashkoff zu Ehren setzten alle Schiffchen mit Teelichtern darauf in die Oker. Ein Lichtfluss glitt in der jungen Sommernacht nach Norden. Aber das hat ja beides nichts mit Hochzeit zu tun.

Mir fällt ein, dass Maren ja im Norden einen Kabarettisten kennt, der könnte ja ein Programm geben, schlage ich vor. Da überrascht Maren mich mit einer Information: „Der kommt aus Lelm im Elm.“ So aus der Nähe! Das hätte ich nicht gedacht. „Da haben sie ‚Neues aus Uhlenbusch’ gedreht“, setzt Maren die nächste überraschende Information ab. Sie beschreibt, wie eigenartig es ist, in Lelm über den Marktplatz zu gehen und sofort den des Dörfchens Uhlenbusch vor Augen zu haben. „Fährt Heini da noch rum?“, frage ich. „Den hab ich da noch nicht gesehen“, sagt Maren, „aber ich bin da manchmal schreiend über den Marktplatz gerannt: Konstantiiiiin…“

Es wird schlagartig dunkel um unser Sofa herum, die Sonne verschwindet hinter Wolken. Wind kommt auf und zerrt an den Bäumen und Schirmen im Achteck. Maren beißt in ihr Fladenbrot, Janna genießt ihren Chai-Latte, ich löffle mein Eis aus dem Kaffee. Das war die richtige Wahl. „Was hat es eigentlich mit Chai-Latte auf sich?“, fragt Maren Janna. Die gibt ihr ihr Getränk zum Probieren. „Schmeckt adventlich“, stellt Maren genüsslich fest. Beide sind sich einig, dass das Getränk dennoch ganzjahrestauglich ist. Beim Blick auf den Wind kann ich, an Joels Kopf vorbei, entdecken, dass über dem Eingang zur Rip-Lounge „RIP Lounge“ an der Wand steht. „Das steht da aber auch noch nicht lange“, stelle ich an Joel gewand fest. „Seit einem Monat“, bestätigt Joel. „Ich war jetzt aber auch eine Weile nicht hier, ich hatte ja Ferien.“ Der Glückliche. So ganz ferienfrei war ich ja auch nicht, immerhin zwei Wochen am Stück hatte ich. Und die auch bestens genutzt, wenngleich ich es an keinem Tag ins Riptide geschafft habe. Dafür nach Marburg und Göttingen, über Ostern ins Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt, nach Hamburg, dann in ganz Braunschweig Flyer und Poster verteilen für die sechste Indie-Ü30-Party sowie aufbauen, durchführen und abbauen helfen beim Silver Club in der Wichmannhalle. Eine herrliche freie Zeit. Da machte es auch nichts, dass ich nicht dazu gekommen war, meine Pflanzen endlich umzutopfen, mein Auto zur Werkstatt zu bringen und meine Lohnsteuerunterlagen vorzubereiten. Die Pflanzen waren immerhin heute früh endlich an der Reihe. Dabei habe ich Gabriel Burns gehört. An sich wollte ich dem Vorbild eines Kollegen folgen und bis zum Erscheinen der nächsten Folge alle bisherigen erneut am Stück hören. Doch war das heute früh erst die Nummer 14 – und die Folge 34 erscheint bereits am Freitag. Zwanzig Folgen schaffe ich in zwei Tagen einfach nicht, davon bin ich jetzt einfach mal überzeugt. Seltsam ist nur, wenn ich jetzt meinen Weihnachtskaktus sehe, erinnert er mich daran, wie Larry Blumberg von einem Grauen Engel zerrissen wurde, während ich die Erde um die Wurzeln des Kaktus’ festdrückte. Dem Kaktus geht’s aber ganz gut, denke ich. Meinem Magen auch. Wer zu Akte X essen kann, kann auch zu Gabriel Burns Kakteen, Geranien, Efeu und Bananen umtopfen.

Mit Marco, der ein paar Kartons schleppt, kehrt auch die Sonne zurück. Ein DPD-Mann bringt ein Päckchen. André und Chris nutzen die Zeit, bevor das Café voller wird, und kümmern sich um administrative Angelegenheiten. Joel überreicht die fertig beklebten Poster an André und verlässt das Café, mit ihm verschwindet die Sonne wieder. Nachdem Marco seine Kartons abgestellt hat, setzt er sich mit einem Milchkaffee an den Tisch neben der Theke. Joel kehrt wieder zurück, bekleidet mit einer blauen Mülltüte und damit laut raschelnd. Ein eigenwilliges Bild. Ich beschließe, vorsichtshalber keine Fragen zu stellen. Maren nimmt mir das ab. „Warum hat der Mann eine Mülltüte an?“, fragt sie André, weil Joel zu schnell wieder aus dem Riptide herausgestürmt ist. „Vorsorge“, sagt André. „Er kümmert sich um die Tische, abbeizen, streichen.“ Joel ist wieder zurück. Hinter der Theke höre ich ihn „morgen komme ich im Blaumann“ sagen. Mit einem Pinsel geht er wieder nach draußen, wohin auch immer – vom Sofa aus sind weder die Tische noch Joel bei der Arbeit zu sehen. Aber André, der mit einem Roskinski-Plakat in unsere Richtung wedelt, nachdem er ein anderes an die Theke geklebt hat. „Weiß ich schon, hab Joel die Plakate bekleben sehen“, sage ich. André nickt und bringt das Plakat in die Rip-Lounge. Auf den Nebentischen flackern die Kerzen in den Gläsern.

Das Riptide füllt sich jetzt, die Rip-Lounge gegenüber ebenfalls. Neben uns am Fernseher knarren zwei junge Frauen mit den Barhockern. Chris winkt von ferne und geht, dafür kommt Jasmin ins Café. Sie ist die neue Aushilfe, seit kurzem. „Sonst bin ich im Merz“, sagt sie. Unter die Café-Geräusche mischt sich plötzlich das Intro vom „Mundian to bach ke“ von Panjabi MC. Eines der Mädchen neben uns greift in seine Tasche und geht ans Telefon, der Song hört leider im selben Augenblick auf. Die Sonne beleuchtet die beiden. Da springt die Tür auf und Micha ins Riptide. „Das war zu erwarten“, sage ich. War es wirklich: Es ist unwahrscheinlich, dass ich meine Zeit im Riptide verbringe und nicht auf Micha treffe. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt, am Eröffnungstag, dem 16. September 2007. Seitdem laufen wir uns immerzu und überall über den Weg, oft der Einfachheit halber gleich direkt in die Arme: auf Plattenbörsen, im Kino, mitten auf der Straße. Und eben im Riptide. Kino ist auch der Grund, weshalb er da ist: Micha verteilt das Wochenprogramm vom Universum. Ich schlage es auf und entdecke, dass der Anvil-Film angekündigt ist. Noch besser: Unter dem abgedruckten Plakat steht „Read ’em all“ für Samstag, 8. Mai, 20 Uhr. Mist, da habe ich Dienst. Denn das ist herrlich: Sie zeigen den Film und lassen Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Frank Schäfer dazu lesen. Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket. Heavy Metal pur. „Ich muss wieder los
, sagt Micha und stolpert winkend durch die Tür. Wenn er Flyer verteilt, ist er in Eile. Kaum habe ich das gedacht, öffnet sich die Tür wieder und Micha sprintet in Richtung Theke. In unsere Richtung sagt er entschuldigend „schnell noch’n Getränk“, stellt sich an den Tresen und wiederholt dort an Jasmin gerichtet „schnell noch’n Getränk.“ Mit einer Fritz-Kola – „leider“, wie er findet – stellt Micha sich an unseren Tisch. Er trinkt hastig und hat trotzdem Zeit, währenddessen zu sprechen. „Sie haben keine Hausmarke mehr“, sagt er. „Gar nicht mehr im Programm?“, frage ich. Entsetzt weicht er zurück. „Nee“, sagt Micha, „dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er lässt den Gedanken kreisen und wiederholt abweisend, beinahe angewidert: „Dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er grinst und weiß, dass ich ihm das nicht glaube, und ich grinse und weiß, dass ich damit richtig liege. Micha kehrt zurück zum Anvil-Film und kündigt an, dass der Universum-Chef persönlich noch ein Plakat dazu vorbeibringen will. „Ich habe jetzt ‚Schwerkraft’ gesehen, mit Jürgen Vogel“, erzählt Micha. „Der war gut, hatte zwar zwischendurch Längen, war aber gut.“ Ich erzähle, dass ich schon seit bestimmt einem Monat nicht mehr im Kino war. Leider, aber es fehlt mir an Zeit. Und auch am Willen, muss ich gestehen. An sich bin ich ein Verfechter des europäischen Kinos, habe aber zuletzt viel europäischen Müll unter dem Deckmantel der alternativen Kinokunst zu sehen bekommen. Und wenn nicht Müll, dann Mittelmaß, aber dafür ist mir meine Zeit zu knapp, als dass ich mir Halbgares ansehe, nur weil es independent ist. So waren meine letzten Kino-Filme tatsächlich fast alle aus Hollywood. „Mein letzter Film war ‚Alice’“, erzähle ich Micha. „In 3D?“, hakt er nach. „Ja“, sage ich, „leider.“ Ich finde es blöd, für einen Film 11,50 Euro zahlen zu müssen, nur wegen der Effekte. „Wegen der Technik“, schränkt Micha berechtigt ein. Ja, wegen der Technik, dabei ändert die nichts am Inhalt. Wir sind uns aber beide einig, dass Disney an „Alice“ nichts kaputt gemacht hat. „Ich habe mich gut unterhalten“, teilt er meine Meinung. Er spricht „Avatar“ an, den ich nicht sehen wollte. „Pocahontas in blau“, sage ich. „Auf Blue Ray soll er gut sein, sehr farbgewaltig“, sagt Micha. Ich habe nicht mal einen Blue-Ray-Player. Micha hat seine Kola leergestürzt, zuckt entschuldigend mit den Schultern, sagt „Pocahontas ist doch gut“, bringt damit Maren und Janna zum Lachen und die Flasche an die Theke und geht. „Wir treffen uns“, sagt er im Gehen und wird damit ganz sicher Recht behalten.

Janna steht auf und sagt: „Ich gehe mal in die Rip-Lounge.“ Sie raucht gar nicht und setzt sinnierend nach: „Es ist schön, dass man jetzt mal ein anderes Synonym dafür hat.“ Als sie zurückkehrt, nimmt Jasmin bei uns Bestellungen auf. Maren wünscht einen Milchkaffe. Janna hat Hunger, will eigentlich gehen und bestellt daher nichts. Ich nehme das Signal nicht wahr und bestelle mir ebenfalls einen Milchkaffee. Bevor Janna reagieren kann, ist Jasmin schon zur Theke geeilt. Dabei wollte Janna doch so gerne einen Muffin bestellen. „Ich gucke mal, was sie da haben“, sagt sie und geht. Nicht lange, und sie kommt zurück. „So schnell?“, staunt Maren. „Ein Mandel-Marzipan-Muffin wird gleich seinen Weg zu mir finden“, kündigt Janna an. Und richtig: Jasmin hat einen Teller mit einem Muffin darauf in der Hand, den sie Janna überreicht und zur Küche zurückkehrt. „Der ist aber klein“, stellt Maren fest. „Aber schwer“, sagt Janna und reicht ihn ihr. „Das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Maren und wiegt den Muffin in ihrer Hand. Ich möchte den auch mal wiegen und nehme ihn ihr ab. „Danke“, sage ich, gebe vor, ihn essen zu wollen und drücke ihn schnell Janna in die Hand. Gespielt empört sagt sie: „Pöh! Du kannst höchstens was von dem Schoko-Muffin abhaben, wenn ich den noch bestelle, das ist der letzte in der Vitrine.“ Maren ist entsetzt: „Keine Muffins mehr?“ – „Nee, das war der Vorletzte.“ – „Du erzählst schlechte Geschichten, keine Muffins mehr!“ – „Der schmeckt auch gar nicht“, lügt Janna, „den würde ich keinem anbieten wollen.“ Beherzt beißt sie in den Muffin. „Mein Kaffee schmeckt auch gar nicht“, sagt Maren. „Nee“, sagt Janna. Maren schlägt vor: „Vielleicht sollten wir die Sachen, die nicht schmecken, zusammentun und nur einen von uns essen lassen.“ Sie kichert.

Ohne Mülltüte, aber mit großen Augen steht Joel vor uns, mitten im Raum. „Es ist stressig, weil Chris und André weg sind“, sagt er. „André ist auch weg?“ Hatte ich gar nicht bemerkt. Mitleiderregend klagt Joel: „Ja – nur noch die Hilfskraft und der Praktikant.“ Wir kichern. „Klappt doch ganz gut“, sagt Maren, überzeugt ihn aber nicht. Die Tische machen ihm zu schaffen. „Das klappt nicht so“, sagt er. „Die sind jetzt zwei Tage am einweichen, das muss das falsche Beizmittel sein, ich krieg die Farbe nicht ab.“ Andere Arbeit ruft ihn, mich ruft etwas anderes. Ich gehe in die Rip-Lounge, komme aber nicht weit. Dort sitzt Armagan, ihr gegenüber Tatjana. „Ich hab deine Freundin auch schon gesehen“, sagt sie. Sie kellnert in einem unserer vielen erweiterten Wohnzimmern: im Havanna. Leider sind wir dort inzwischen seltener als früher, als wir noch in der Nähe gewohnt haben. Wenn wir jetzt einmal Hunger und keine Lust zum Kochen haben, liegt Guidos Pizzeria, ebenfalls ein erweitertes Wohnzimmer, einfach näher. Das Wild Geese gehört leider auch zu dem erweiterten Wohnzimmern, die wir nicht mehr so häufig aufsuchen, aber das hat einen anderen Grund: Unser eigenes Wohnzimmer ist jetzt einfach groß genug. Früher, als wir uns noch 48 Quadratmeter geteilt haben, sind wir oft ins Wild Geese gegangen, haben uns Getränke und Chips bestellt und unsere Kniffelsachen ausgepackt. Jetzt ist unsere Wohnfläche deutlich größer und das Bedürfnis, mehr Platz zu haben, entsprechend geringer. „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter sehe“, sagt Armagan. Sie gehört für uns zu den Menschen, die uns in unseren erweiterten Wohnzimmern das Zuhausegefühl geben. So wie es uns eben auch im Riptide geht. Erstmals gesehen habe ich Armagan im Sommer 2007 im Tegtmeyer, als ich dort zum ersten Mal auflegte. „Das war, als sie im Brain umgebaut haben, oder?“, fragt Armagan. „Da war im Tegtmeyer so eine kleine Tanzfläche freigeräumt – das war toll.“ Und Anke, die mir den DJ-Posten erst möglich machte, weil sie im Tegtmeyer arbeitet und Timo überredete, stand an der Theke neben mir und sagte immer: „Guck mal, die sieht süß aus.“ Ankes Begeisterung ist immer ungemein ansteckend. Jedenfalls habe ich Anke daraufhin als Dank für den DJ-Posten ins Havanna eingeladen, Janna war auch mit dabei. Und wer bediente uns? Armagan, die uns sofort erkannte und sich zu uns setzte. So fing das an. Im Havanna ist sie leider die letzte, zu der wir solchen Kontakt haben. Die Jungs sind gottlob immer noch im Apo erreichbar, die ganzen Mädels offenbar mit ihrem Studium fertig und aus der Welt. Und für neue regelmäßige Kontakte sind wir nicht oft genug im Havanna. Auch Armagan wird irgendwann mit ihrem Studium fertig sein. Da kommt Maren in die Rip-Lounge. „Janna und ich wollen gehen“, sagt sie. Ich verabschiede mich von Armagan und Tatjana und folge Maren zurück ins Haupt-Café.

Will es zumindest. Chris schwingt sich eben auf sein Fahrrad. So ganz weg war er offenbar noch nicht, hat dies aber jetzt vor zu sein. „Ich bin schon zu spät“, sagt er. „Yo La Tengo?“, tippt er mit Blick auf mein T-Shirt richtig. Ich bestätige und verrate ihm, warum ich auf das Shirt so stolz bin: „Das habe ich mir im November in Kopenhagen beim Konzert gekauft.“ Mein drittes Konzert von denen in 15 Jahren: Roskilde, FBZ, Kopenhagen. „Ich hab die noch nie live gesehen“, sagt Chris. „Eine meiner vielen Lieblingsbands“, sagte ich. „Gut, dass es die sind“, sagt Chris, „und nicht die Böhsen Onkelz – die kommen erst auf Platz zwei.“ Er grinst, tritt in die Pedale und verabschiedet sich erst von mir, dann auch von André, der gerade zwei große Grasgewächse aus der Abstellkammer zerrt. Auch er ist also nicht ganz weg. Im Gegenteil zu uns. Wir ziehen uns an, zahlen bei Jasmin und verabschieden uns. Aus dem großen matten Glas auf unserem Tisch steigt Qualm empor. Die Kerze ist aus gegangen.


Matthias Bosenick
www.krautnick.de

#29 Schäfers Stündchen

20. März 2010


Mittwoch, 3. März

Zwischen zwei Terminen, bepackt mit einer Tüte voller LPs, schneit Arni am Abend förmlich ins Café Riptide. Er kommt direkt von Raute Records und verspricht André augenzwinkernd, sein nächstes Geld im Riptide auszugeben. Für heute investiert er es zunächst in einen Milchkaffee, den er gegenüber in der Rip-Lounge zu sich nehmen will. Die kennt er nämlich noch nicht. „Ich geh rüber in die Lunge“, sagt Arni zu André, der dies registriert. Viel Zeit hat Arni jedoch nicht: Er will noch in die Volkswagenhalle, zu Jean Michel Jarre. Bei Raute hat er einige Zeit lang gestöbert und sich von Uwe kompetente und gute Musik-Tipps geben lassen. Zum Beispiel Uwes „Platte der Woche“, „King Of The Black Sunrise“ von Thunder And Roses. Außerdem erzählt Arni von einem Aufkleber, den Uwe auf die LP „Viva“ von La Düsseldorf geklebt hatte, auf dem stand etwas wie „Du hast Scheißfreunde, wenn dir 13 nur eine LP schenken und alle darauf unterschreiben“ – die LP-Hülle war völlig bekritzelt. Nach einer Zigarette und dem Milchkaffee kehrt Arni in die Haupt-Filiale des Cafés zurück. Dort hat er ohnehin seine LPs auf der Theke vergessen. Doch so schnell, wie er es eigentlich vor hat, kann Arni nicht in die VW-Halle gehen: Er kommt bei den Platten mit Micha ins Gespräch.

Der blättert eigentlich in den LPs herum, in den gebrauchten ebenso wie in den neuen. Zum Thema Hörgenuss gibt Micha Arni einen eigenwilligen Tipp: „Nimm ein Buch, klappe es auf, lege eine Alufolie hinein, mit der stumpfen Seite nach unten und der glänzenden nach oben, lege darauf die CD, klappe das Buch zu, streiche ein paarmal darüber, klappe es auf, nimm die CD und lege sie sofort – nicht erst durch die ganze Wohnung rennen – in den Player.“ Den Unterschied werde Arni hören, beteuert Micha. Er erklärt die Sache mit den digitalen Informationen auf der CD, die sich statisch aufladen und verschieben. „Das Alu entmagnetisiert die CD“, sagt Micha. Er gibt ein Beispiel für audiophile Tonträger: Bei Ofra Haza etwa rücke diese Methode die Stimme von der Ecke zurück ins Zentrum.

Während die beiden sich unterhalten, steht Joel hinter der Theke und André an der Tür. André ist vollgeladen mit einem Getränketablett, das er in die Rip-Lounge bringen will. Vorsichtig, so als ob er niemanden stören dürfe, öffnet André die Tür, zwängt sich zögerlich durch den Spalt und will gerade umgreifen, als ihm wie in Zeitlupe auf dem Tablett die Gefäße umkippen. Einige Flaschen fallen zu Boden. Nichts geht zu Bruch, aber die Getränke laufen aus und ergießen sich auf den Holzfußboden des Cafés. Das Ganze passiert so langsam, das es fast lautlos und eigenartig unecht abläuft. André dreht sich in der Tür und macht einen Schritt über die frische Pfütze hinweg, Joel verlässt seinen Platz hinter der Theke und kommt mit einem Handtuch in der Hand auf ihn zu. Vorwurfsvoll grinsend fragt ihn André: „Wieso ist dir das eigentlich nicht passiert?“ Joel pariert: „Ich wollte mir erst von einem Profi zeigen lassen, wie das geht.“

Jetzt reißt sich Arni doch los und verabschiedet sich von allen. „Wo gehst du denn hin?“, fragt ihn Micha, dem Arni das tatsächlich noch gar nicht erzählt hat. „Zu Jean Michel Jarre“, antwortet Arni also. Er erntet ein Raunen, das zwischen Verwunderung und Respekt changiert. Vom Milchkaffee gestärkt und mit den Platten in der Hand macht sich Arni auf den Weg. André fragt noch: „Bist du morgen hier, bei Frank Schäfer und Frank Schulz?“ Doch schafft Arni das nicht, obwohl er seinen alten Bandkollegen –
Operation Daisyland – Frank Schäfer gerne einmal wiedersehen würde.

Donnerstag, 4. März

Heute Abend ist es Gesa, die die Frage „Stehst du auf der Gästeliste?“ an die eintreffenden Gäste richtet. Seit etwa einem Monat unterstützt Gesa das Riptide donnerstags und freitags. An sich ist sie im Thekenbereich tätig, doch heute nimmt sie Eintritt für die Lesung von Frank Schäfer und Frank Schulz. Chris ist wieder da. Er war im Urlaub, zum ersten Mal seit fünf Jahren. So stand es auf der Internetseite des Nexus, wo er erstmalig seine monatliche „Pleasure Park Party“ nicht geben konnte. „Ich war am Roten Meer, in Ägypten“, schwärmt Chris hinter dem Tresen. „Ich habe am neuntgrößten Korallenriff der Erde getaucht – deshalb war ich da.“ Mehr kann Chris nicht erzählen, denn er ist im vollen Café mit Bedienen gut beschäftigt.

Diese Lesung als gut besucht zu beschreiben, ist eine wahre Untertreibung. Die Gäste rangeln bei dem Versuch, anderen nicht die Sicht zu nehmen, selbst um die unbequemsten Plätze an der Tür. Viele Gesichter sind zu sehen, die auch die alte Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst schon immer besucht haben. Unter den Gästen ist auch Andreas, der jetzt Gesas Platz am Kartenschalter einnimmt. „Frank Schäfer war Schüler an unserer Schule, bevor ich dort war“, erzählt er. Seit 1990 unterrichtet Andreas an einem Gifhorner Gymnasium. Mit ihm sind noch weitere Kollegen ins Riptide gekommen, um ihrem alten Schüler zuzuhören.

Der sitzt neben dem weißbärtigen Frank Schulz an einem Tisch auf der Bühne in der Schallplattenecke und lässt soeben eine Bombe platzen: Er kündigt an, im Riptide eine vierteljährliche Lesereihe zu etablieren. Titel: „Frank Schäfer proudly presents“. „Ich werde mich im Abglanz berühmter Autoren sonnen“, sagt er. „Ich werde Bücher vorstellen, dreckige Filmchen zeigen und auch die Gitarre rausholen – all das mache ich aber heute nicht.“ Stattdessen spricht er ein Loblied auf Frank Schulz und dessen „Hagener Trilogie“: „Wer sie gelesen hat, hat darin die besten Stellen angestrichen und auswendig gelernt“, sagt er. Einzig von Frank Schulz’ Musikgeschmack behauptet er lachend, der sei Scheiße. Aus alten „Lemmy“-Zeiten reaktiviert Frank Schäfer die unentschlossene Bezeichnung „Stargast-Gaststar“ und begrüßt damit Frank Schulz.

Der hat die „Hagener Trilogie“ zwar dabei, doch steht die nicht im Mittelpunkt. Stattdessen präsentiert er seinen neuen Erzählungsband „Mehr Liebe“ und einige Texte daraus. Denn, so Frank Schulz, „es soll heute ausschließlich Musikgeschichten geben“ – Vorgabe vom Gastgeber. Und Frank Schulz weist darauf hin, dass sich der Tonfall des neuen Bandes von dem der Trilogie distanzieren soll, die in Medien als „saukomisch“ bezeichnet würde: „Saukomisch ist er deshalb nicht.“ Um Frank Schäfers Vorgabe zu erfüllen, liest Frank Schulz auch nur die Texte mit Bezug zu musikalischen Themen. Der erste dreht sich um „I Believe In Love“ von Hot Chocolate. Frank Schäfer wirft ein: „Ich sag doch, er hat einen Scheißgeschmack!“ Als Frank Schulz in seinem Text an die Stelle mit dem Lied kommt, singt er den Refrain – und fährt die Ernte in Form eines tosenden Applauses ein. „Dein Publikum“, sagt Frank Schäfer sichtlich stolz. Frank Schulz lächelt verlegen: „Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ich mal mit Singen reüssiere.“ Frank Schäfer lügt: „Die wollen nur höflich sein.“ Vor der Pause steht noch eine weitere musikalische Kuriosität im Frank Schulz’ nächster Geschichte: „Loop di Love“ von Juan Bastos. Das kennt nicht jeder im Riptide.

Andreas kennt es. Als die Pause den Rauchern das Bedürfnis ermöglicht, sich in die Rip-Lounge oder ins Achteck zu stellen, erinnert sich Andreas an seine Zeit als Schüler am MK. „Da sind wir hier auch immer durch die Passage gegangen“, erzählt er. „Da hatten sie im Hinterhof eine Kneipe aufgemacht…“ Der Name fällt ihm nicht mehr ein, Andreas winkt vage in die Richtung der ehemaligen Kneipe, aber er erinnert sich noch an Blumenmotive an der Wand. Mit seinen begeisterten Kollegen vertieft er jetzt die jüngsten Eindrücke.

„Die zwei ersten Texte habe ich mitgeschnitten“, sagt Sylvia, die sich zur Pause nach draußen schlängelt. Sie grinst: „Ich kann einfach nicht anders.“ Sie hat wieder ihre Utensilien dabei, mit denen sie Material für Radio Okerwelle erstellt. „Mal sehen, wie ich es senden kann“, überlegt sie und erreicht die Tür.

Nach der Pause bewahrheitet sich, dass nicht alle Texte von Frank Schulz „saukomisch“ sind. Er liest einen, bei dem den Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt. Frank Schäfer gleicht das mit seinen Texten aus „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Generation Rock“ deutlich aus, die Gäste lachen laut und viel. Erst spät in der Nacht endet die Leseshow. Wer nicht schnell nach Hause geht, weil er morgen wieder arbeiten wird, steht in Grüppchen herum. „Ich bin zum fünften Mal in Braunschweig“, sagt Frank Schulz. Einen Bezug zu der Stadt habe er zwar dennoch nicht herstellen können, aber: „Meine Verbindung ist Frank Schäfer.“ An den wendet er sich und fragt: „Mein erstes Mal in Braunschweig – Frank, wann war das?“ Frank Schäfer weiß es: „Das war zum ‚Lemmy’.“ Bei Frank Schäfer steht gerade Gerald Fricke, der wie er zur „Lemmy“-Besetzung gehörte. Frank Schulz grübelt weiter: „Dann war ich in einer Buchhandlung…“ Auch hier hilft Frank Schäfer weiter: „Neumeyer, im Bohlweg.“ – „Dann die große…“ – „Graff.“ – „Ja, und dann hier!“ Frank Schäfer wirft ein: „Im Spiegelzelt nochmal.“ Frank Schulz nickt. „Genau, das fünfte Mal also.“ Und das erste Mal im Riptide: „Das gefällt mir gut, gutes Publikum.“ Das wiederum verlässt das Riptide jetzt nach einem unterhaltsamen, witzigen, sprachlich anspruchsvollen Literaturabend. Die Fortsetzung hat Frank Schäfer für den 6. Mai angekündigt. Gast und Star wird die Fitzoblongshow aus Hannover sein – auch die war schon bei „Lemmy“ zu Gast. Mit dieser Empfehlung streunen die Gäste in die Braunschweiger Nacht.

Freitag, 19. März

Selbst am Abend ist es noch erstaunlich warm, der tolle Winter scheint endgültig vorbei zu sein. Gelegentlich nieselt es zwar, aber selbst der schmale Regen lässt niemanden frösteln. Das Café Riptide ist voll, auf beiden Seiten des Achtecks. André und Gesa kümmern sich in Windeseile um ihre vielen Gäste. Tobias kommt mit einer Freundin und zwei Freunden ins Riptide und sieht sich um. „Vier Personen, ja?“, fragt André hinter der Theke. „Ja, genau“, sagt Tobias. „Ich habe gesehen, in der Ecke ist ein Tisch frei, fehlen nur die Stühle.“ André nickt: „Ich kann euch welche holen – oder ihr setzt euch nach gegenüber, wir haben jetzt erweitert.“ Tobias hakt nach: „Drüben ist Raucherbereich, oder?“ André bestätigt begeistert: „Ja, drüben darf jetzt geraucht werden.“ Doch Tobias’ Miene verzieht sich, er schnippt in einer Pech-gehabt-Geste mit dem Finger: „Mist.“ André grinst: „Dann hol ich euch vier Stühle.“ Tobias ist einverstanden: „Wenn wir dir helfen können…“ André nickt: „Das könntet ihr sogar, ihr könnten von draußen Stühle reinholen.“ Tobias und seine Freunde sind einverstanden, wenden sich nach draußen und schließen die Tür. Nach einer sehr kurzen Weile kommen sie zurück. „Habt ihr Stühle mit?“, fragt André und kann keine entdecken. Tobias verneint und nennt die pragmatische Lösung: „Wir setzen uns raus.“ Doch vorher bestellen die vier ihre Getränke bei André.

Aus dem Cafébereich stürmt Gesa an die Theke, schnappt sich einen Block und einen Stift und beginnt zu schreiben. Dann hält sie inne, grübelt kurz und schreibt wieder. Hält inne, grübelt, schreibt. Hält inne, grübelt, sagt „Ah, ja!“, streckt kurz den Zeigefinger in die Luft und schreibt. Erklärend fügt sie an: „Ich hatte den Block vergessen und versucht, mir die Bestellung zu merken.“ Das ist ihr gelungen, sie holt die bestellten Flaschen aus dem Kühlschrank und stellt sie aufs Tablett.

In der Küche bereitet André Baguettes, Bagels und Crêpes zu. „Eine regelmäßige Lesung mit Frank Schäfer ist angedacht“, sagt er. „Einen Termin gibt es noch, den 6. Mai – mal sehen, wie es angenommen wird.“ So voll, wie die erste Show war, und so glücklich, wie die Gäste darüber sprachen, steht da aber nichts Schlimmes zu befürchten. Über den abebbenden Winter freut sich André. „Vor zwei Tagen ging’s los, da hatte man selbst schon den Frühling in der Nase“, schwärmt er, während er Mozzarella auf ein Baguette legt. Da ging es nicht nur ihm so, dass er den Frühling begrüßen wollte: „Ich musste Tische und Stühle rausräumen.“ Grund und Anlass, schon jetzt über den Sommer nachzudenken: „Wir haben Bierbänke gekauft, rollen unterm Balkon eine Leinwand herunter und gucken WM.“ André legt die fertig zubereiteten Leckereien auf Teller und bringt sie zu den Gästen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#28 Ein ernsthafter Mann

3. Februar 2010


Dienstag, 2. Februar

Vor 20 Uhr kommt zunächst kein Gast ins Café Riptide, denn bis dahin bereiten André und Chris den Raum für die heutige Abendveranstaltung vor. Heute Abend liest Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Café, zum bereits zweiten Mal. Für die Gäste, die die Zeit zwischen Cafébetrieb und Abendveranstaltung dennoch in Reichweite des Riptides verbringen wollen, hat sich die Situation immens verbessert: Sie müssen jetzt nicht im kalten Nieselregen stehen, sondern können sich die neue Rip-Lounge setzen. Dort sitzt Sylvia und interviewt Thomas Gsella für Radio Okerwelle. Gerald Fricke und Frank Schäfer setzen sich nach einer Weile dazu. Sie kennen Thomas Gsella, denn sie hatten ihn einmal bei ihrer Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“ zu Gast, die sie bis vor ein paar Jahren gemeinsam mit Hartmut El Kurdi im Antiquariat Buch und Kunst veranstaltet hatten. Dort war Sylvia auch immer Gast, deswegen kennt sie auch die beiden Braunschweiger Autoren.

„Hast du reserviert?“ Diese Frage wird Jana an der Kasse heute noch häufiger stellen. Die meisten Gäste bejahen sie. Statt einer Eintrittskarte drückt Jana den Gästen den Riptide-Stempel in die Hand. „Ich bin die Aushilfe für die Aushilfe“, erklärt Jana lachend. „Das mache ich gerne, wenn mal Not an der Frau ist.“ Der nächste Gast kommt an die Kasse. „Hast du reserviert?“

Noch ist im Café nicht viel los. Überall stehen Bierbänke quer im Raum, eine winzige Bühne drängt sich in die LP-Ecke, davor warten die vier schwarzen Hockerwürfel auf Sitzende. Die nehmen zuerst das Sofa am anderen Ende des Raumes ein. André kommt aus Richtung Sofa, Chris kommt von der Leiter herunter. Er hat den Beamer auf einen Lautsprecher gestellt und das Bild von Gsellas neuem Buch „Warte nur, balde dichtest du auch! – Offenbacher Anthologien“ auf die Leinwand neben der Minibühne projiziert. Chris setzt sich auf den Stuhl an dem Tisch auf der Bühne. „Thomas Gsella hat mich gebeten, euch ein paar Geschichten zu erzählen“, spricht er ins Mikrofon. „Er hat keinen Bock“, behauptet er und fügt grinsend hinzu: „Auf euch.“

Ein Relikt aus vergangener Zeit, ein Symbol für die Einzigartigkeit und den liebenswerten Charakter des Café Riptide haben Chris und André zu Grabe getragen: Den Schlüssel für das WC. Er liegt jetzt aufgebahrt in einem Holzsarg auf dem Tresen, beschriftet mit „R.I.P. 16.9.2007 – 16.1.2010“. Seit es in der Lounge Toiletten gibt, wird die Frage „kann ich mal den Schlüssel haben?“ im Riptide ebenso wenig wieder zu hören sein wie die gut gelaunt geäußerte Wegbeschreibung „wenn du hier raus gehst, nach rechts, etwa zehn Meter, dann auf der linken Seite die Glastür, die Treppe hoch“. Eine Ära geht zu Ende. Das sehen offenbar viele Gäste so, denn Chris erzählt eben jemandem, dass ein anderer Gast gesagt hätte, er würde jetzt trotzdem nur mit dem Schlüssel aufs WC gehen wollen. Überdies berichtet Chris, dass es mit der einzigartigen Klingel für die Funk-Verbindung zur Rip-Lounge nicht geklappt hat, und beruhigt: „Die provisorische Klingel funktioniert jetzt immerhin.“

Am Rand der ersten Reihe stapelt Sylvia ihre technischen Dinge und ihre Winter-Sachen auf die Bank. „Hab den Thomas interviewt drüben“, sagt sie, „und mir jetzt einen Platz in der ersten Reihe reserviert.“ Auch Chris setzt sich in die erste Reihe, neben Marcel Pollex vom Ensemble der Bumsdorfer Auslese. Mehr Platz ist im rappelvollen Café auch kaum noch zu bekommen. Aber zu finden: Auch Heike und Jerun zwängen sich noch erfolgreich nach ganz vorne.

Sich umständlich verrenkend nimmt Thomas Gsella den Platz auf der Bühne ein. „Ich darf mich nicht bewegen, sonst rutsche ich von der Bühne“, stellt er um sich blickend fest. „Hinter mir ist ein Graben, zehn Meter tief.“ Vor einem Jahr sei er schon mal im Riptide gewesen, erinnert er sich. „Als ich vor einem Vierteljahr erfuhr, dass ich schon wieder für Braunschweig gebucht bin, stellte ich fest, dass ich noch gar kein neues Programm hatte, da musste ich schnell zwei neue Bücher schreiben.“ Zum Beispiel die „Offenbacher Anthologie“ als Antwort auf die „Frankfurter Anthologie“, die Marcel Reich-Ranicki als Lyrik-Rezensions-Kolumne in der FAZ verfasst. Gsella beschränkte sich jedoch nicht wie Reich-Ranicki auf deutschsprachige Lyrik, sondern ließ prominente Gestalten offenbar ohne deren Wissen weltweit unbekannte Lyrik-Phänomene auftun und beschreiben. Passend dazu warf er immer ein Foto des vermeintlichen Dichters an die Wand. Gsella adaptierte nicht nur absurde Lyrik, sondern nicht minder überzeugend die verbalen Auswüchse der Lyrikrezipienten. Die Genrevielfalt und das damit sehr breit gefächerte Allgemeinwissen brachten immer andere Ecken des Publikums zum Lachen. Freude hatten so alle an der Lesung.

In der Pause wechselten viele Gäste in die Rip-Lounge, nicht nur zum Rauchen. Heike und Jerun gehören dazu. Heike lobt das Riptide. „Eine tolle Atmosphäre hier“, sagt sie. Erst gestern Morgen hatte sie per Mail zwei Plätze für die Veranstaltung vorbestellen wollen. „Abends kam dann Antwort von Chris“, erzählt sie erleichtert. Die beiden gehen rauchen, wie viele andere Gäste auch.

Also haben die Nichtraucher im Riptide mehr Platz, sich in Gruppen zusammenzustellen und zu unterhalten. Mit leuchtenden Augen schwärmt Gerald von „A Serious Man“, dem neuesten Film der Brüder Joel und Ethan Coen. Das Ende habe ihn überrascht, die vielen kleinen Details gefielen ihm. „Das Parkplatz-Gleichnis“, erinnert er sich und muss sofort wieder darüber lachen. Gerald hat den Anspruch, die Filme der Coen-Brüder komplett zu sehen „‚Burn After Reading’ habe ich noch nicht gesehen, ‚Barton Fink’ war mein erster“, erzählt er. Der habe ihn damals auf den Rest erst neugierig gemacht. „Arizona Junior“ fehle ihm noch. Über „Ladykillers“ sagt er jedoch: „Das ist der Verzichtbarste.“

Zwei Gruppen von Gästen bevölkern die Rip-Lounge: Die Raucher, sitzend, und diejenigen, die sonst nach dem Schlüssel fragen würden, schlangestehend. Irgendwo dazwischen macht sich Laura auf den Weg zurück ins Haupt-Café. Laura kellnert im Herman’s, lernt zurzeit aber auch viel fürs Studium. „Ich könnte mir keinen Job vorstellen, bei dem ich nichts mit Leuten zu tun habe“, sagt sie, und erzählt: „Eine Freundin gestaltet Dinge am PC, das könnte ich nicht.“ Sie verlässt die Rip-Lounge. Allmählich leert die sich, auch Heike und Jerun rauchen auf und gehen durch den Nieselregen zurück ins Café.

Am Eingang steht André im Niesel und raucht. „Am 13. haben wir wieder die Party mit dem Superbonz Soundsystem“, sagt er. „Da lassen wir in der Rip-Lounge entspanntere Musik laufen, da können die Leute dann chillen.“ Er zieht an der Zigarette, da kommt Ben den Handelsweg entlang. Der Play-It-Again-Ben der Bumsdorfer Auslese wundert sich, was im Café los ist. „Thomas Gsella hält eine Lesung“, sagt André. „Ich komme nur zufällig vorbei, will mit Arbeitskollegen etwas trinken gehen“, sagt Ben. Er fragt André: „Haste mal Feuer?“ und hält ihm eine Selbstgedrehte hin. André hat Feuer. Ben dankt und verschwindet grüßend und Rauch in die Luft blasend in der nassen Kälte.

Kabel und Mikrofone türmen sich auf Sylvias Platz. Sie schneidet Gsellas Programm auszugsweise mit: „Mal sehen, was noch kommt.“ Den Anfang habe sie jedenfalls mitgeschnitten, berichtet sie, und freut sich: „Besonders Franks Lachen, das hört man ja immer und überall heraus.“

Jetzt ist auch Thomas Gsella aus der Raucher-Lounge zurück an seinen Bühnenplatz gekehrt. „In der Pause haben Leute gesagt, die Lesung wäre scheiße, weil zu wenig Gedichte vorkamen“, setzt er an. Den Missstand behebt er, indem er für Spiegel-Online verfasse Sudel-Gedichte über Städte rezitiert. „Über Braunschweig habe ich auch eines geschrieben auf der Fahrt hierher“, sagt er und liest es vor. Die „Offenbacher Anthologien“ bestimmen danach auch den zweiten Teil der Lesung, obendrauf gibt es Prosa sowie Texte aus der Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ zu hören.

„Es ist schön, jemandem zu lauschen, der weiß, was er da macht“, kommentiert Janna an deren Ende die Veranstaltung. Für Gsella erfindet sie das Lob „ich find den krallenett“. Heike, die vor ihr sitzt, bedient sich an Jannas Kleidungsstücken, bis sie bemerkt, dass es gar nicht ihre sind. Beide lachen. „Ich war mal auf einer Party, da haben alle ihre Jacken aufs Bett geworfen, um die 30 Gäste“, erzählt Heike. „Das war im Winter, und als ich nach Hause wollte, musste ich erst meine Jacke suchen – alle waren schwarz“, sagt sie. Im gehen macht sie noch einen Vorschlag: „Im Winter sollte man mal etwas anderes als Schwarz tragen, zum Beispiel Orange.“

Auch Sylvia sucht ihre ganzen Sachen zusammen. „Am Sonntag von zwölf bis 13 Uhr mache ich über Chris eine Sendung“, kündigt sie an. „Den ganzen Werdegang, vom Mailorder bis zum Café, und André sucht die Musik aus.“ Kabel landen in Sylvias Tasche. „Das Interview mit Thomas ist am Donnerstag in ‚Pandora’ zu hören, zwischen 19 und 20 Uhr“, sagt sie. Die Sendung „Pandora“ läuft an jedem Donnerstag auf Radio Okerwelle. Der Sender residiert in der Brunsviga, dort ist Sylvia also oft anzutreffen. „Da kommt Hartmut El Kurdi hin, am 26. Februar, zum Satire-Fest“, sagt Sylvia begeistert. „Und am 27. März kommt er mit The Twang auch in die Brunsviga“, schiebt sie hinterher. Kaum weniger begeistert berichtet sie von der neuen The-Twang-CD: „Klaus Voormann hat das Cover gemacht, die Band in einem Stetson – Voormann hat in der Band von Manfred Mann gespielt und das Cover von der Beatles-LP ‚Revolver’ gestaltet.“ Im Vorbeigehen hat auch Frank, dessen Lache Sylvia so mag, noch einen Veranstaltungstipp: „Am 4. März ist Frank Schulz im Riptide, das stand auch unten im Newsletter zu Gsella.“

Die Show ist lange vorbei, das Riptide leert sich. André klappt Bänke zusammen, Jana gibt an der Theke das Pfandgeld aus. Chris dankt Thomas Gsella an der Bühne für den Abend. Wird Gsella ein drittes Mal ins Riptide kommen? „Wenn ich darf?“, hält er grinsend dagegen. Chris spielt empört: „Aber sicher!“


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#27 Verdoppelter Brandungsrückstrom

20. Januar 2010


Samstag, 16. Januar

Nina schreibt:
Wir waren zu viert und kamen aus dem Kino, so ca. 23.30 Uhr. Natürlich haben wir von der Party im Café Riptide gehört und sind in die Richtung geschlendert. Im Kopf war aber der Gedanke, dass um diese Uhrzeit doch niemand mehr da ist und die Party ohne uns gelaufen ist. Um so überraschter waren wir dann, als wir schon zu Beginn des Handelweges Musik und Lachen aus dem Café gehört haben… Mit Vorfreude sind wir dann eingetreten und begegneten gleich vielen gut gelaunten Menschlein mit Sekt und Co. Alle in guter und lockerer Stimmung. Einen Sitzplatz haben wir nicht gleich finden können, aber konnten uns dann doch auf zwei kleinen Sitzwürfeln niederlassen und quatscheln.

Mein Eindruck war sehr positiv. Eine entspannte Atmosphäre und dann doch so „kicksig“ und frisch. Ich finde es schön, dass es dort an jeder Wand und Ecke etwas zu entdecken gibt: bunter Bilder, Spielzeug, spannende Leute… Ein bissel wie bei Oma in der Stube.

Leider wurde kurz nach unserem Eintreffen doch der Laden geschlossen. Eine sehr nette und hübsche Dame fragte uns nach unserer Meinung und bat uns, bald wiederzukommen. Nach einer sehr herzlichen Knuddelage ihrerseits sind wir dann weitergezogen.

Janna schreibt:
Die Riptide-Lounge ist so gemütlich, dass ich am liebsten hierbleiben würde – wenn ich nicht Nichtraucherin wäre. Die Wände in Rot und Pink und etwas Gold, zum Teil mit passender Riptide-Tapete versehen, knüpfen an den maurischen Charakter des Gebäudes an, inklusive Sitznische und Kerzen. Es ist voll, doch ich finde dennnoch, was ich suche: Das WC ist nicht mehr auf interessant verschlungenen Wegen, sondern ebenerdig zu erreichen und auch für Leute geeignet, die größer sind als 1,48 m.

Lina schreibt:
Es war gut besucht: Immer wieder kamen Gäste mit beschlagenen Brillen, die nach einem Platz suchten, und die Kellner kamen kaum mehr hinterher, den zahlreichen, lautstark und fröhlich geäußerten Bestellungen Folge zu leisten. Die Raucher freuten sich, dass sie in den neuen Räumlichkeiten rauchen durften, die Nichtraucher, weil der Nichtraucherbereich davon höchstens optisch etwas mitbekam und sie, wie sonst auch, bei den Platten saßen, und man freute sich kollektiv darauf, dass die Lücke dazwischen bald durch Sonnenschirme und Sitzgelegenheiten im Innenhof geschlossen werden würde.

Mittwoch, 20. Januar

Der ganze Schnee, der seit Weihnachten alles bedeckte, ist inzwischen weg. Die wenigen Reste sind so grau wie der Himmel. Umso besser, dass das Riptide schon kurz vor Mittag geöffnet hat. Noch ist es ruhig, zwei Gäste sitzen am Tisch, ein weiterer blättert in den LPs. Chris steht hinter der Theke und wirkt ratlos. „Gestern habe ich den Monitor ausgemacht, heute geht er nicht mehr an – das kann doch nicht sein, der kann doch nicht über Nacht kaputt gehen!“ Er krabbelt unter die Theke. „Da muss ich unten bei den Kabeln gucken.“ Seine Stimme klingt gedämpft. Sollte der Monitor wirklich kaputt sein, wäre das problematisch: „Es fällt viel weg, was ich nicht machen kann, und außerdem wird auch noch ein neuer Monitor fällig.“

Von den LPs kommt Dennis herüber. „The XX habt ihr nicht hier?“, fragt er Chris, der sich von unter der Theke erhebt. „Da muss ich gucken“, sagt Chris. „Die geht täglich rein-raus – hier kann ich nicht gucken, das muss ich hinten machen.“ Also geht er an den PC im versteckteren Büro-Teil des Cafés. Nach einer Weile kehrt er zurück und überbringt Dennis die schlechte Botschaft: „Beides ist raus, auf die LP warten wir schon länger, die CD kommt morgen.“ Dennis würde jedoch lieber die LP haben wollen. „Kann ich verstehen, die ist super gemacht, mit dem X als Cut-Out – die ist saugeil, die Platte, taucht auch in allen Bestenlisten auf, seitdem kriegen wir noch mehr Nachfragen.“ Chris klettert wieder unter den Tresen und fördert einen schwarzen Stecker zutage. „Den Netzstecker hab ich gefunden“, sagt er zwar erstaunt, aber doch nicht so recht zufrieden, weil das dem Monitor nicht hilft. „The XX hab ich bei Tracks auf arte gesehen“, kehrt Dennis zum Thema zurück. „So wie ich haben bestimmt auch viele die Band dadurch entdeckt.“ Chris werkelt weiter an der Steckleiste herum. „Alle gehen jetzt ihre eigenen Listen durch und gucken: Hab ich was verpasst?“, sagt er. Es klackt, wenn er Stecker zurück in die Leiste drückt. „Da taucht alles auf, was 2009 gut war: La Roux, Mumford And Sons, The XX – die sind alle bei mir auch auf der Bestenliste.“ Es piept. Chris stutzt und blickt verdutzt auf den Monitor. „Der ist wieder da!“, stellt er fest. „Ich hab alle Stecker rausgenommen, die Kabel geradegezogen – der kann doch nicht einfach kaputtgehen, der muss rauchen, blitzen, pfffff, aber doch nicht so still und heimlich…“ Chris klackert an der Tastatur. „Schlimm ist, wenn man nicht weiß, woran’s gelegen hat.“ Jetzt kann er Dennis auch wieder vom der Theke aus Fragen nach LPs beantworten.

Seit Samstag ist das Riptide größer. Gegenüber, am anderen Ende des Achtecks, eröffneten Chris und André die Rip-Lounge. Eben geht Chris an den besetzten Tisch im Haupt-Café und fragt nach weiteren Wünschen. Timo fragt Chris nach der Rip-Lounge. „Das ist der Raucherbereich, wir haben 23 neue Sitzplätze und WCs drüben, man muss nicht mehr den Schlüssel holen“, zählt Chris auf. Timo fragt nach Partys in zwei Räumen, die jetzt möglich wären. Chris nickt: „Wir haben im Februar eine Party und überlegen, die auch drüben über Funk mit der PA zu beschallen.“ Timo steht auf. „Das guck ich mir mal an.“ Er verlässt das Café, überquert den Handelsweg und öffnet die Tür zur Rip-Lounge. „Wow!“, staunt er. Bis auf das Hellgrün sind alle Farben aus dem Haupt-Café auch hier zu sehen, die schmucke Tapete reicht bis in Kopfhöhe, Bänke stehen parallel zueinander, vorne stehen Stühle an den Tischen. Am Fenster, das dem großen Fernseher-Fenster im Haupt-Café fast gegenüberliegt, steht ein Schild mit der Aufschrift „Suppe der Woche: Kohlrabi-Möhren-Cremesuppe“ und eine Vase mit Nelken. Eine Vase mit Tulpen steht auf einem der Tische. Am Ende der einen Bankreihe machen Kissen aus einer zugemauerten Fensternische eine gemütliche Sitzecke. Neben der Tür hängt ein Kasten mit der Aufschrift „Bestellen? Drück mich!“ und einem Knopf in der Mitte. „Das sieht aber gut aus“, findet Timo mit einem Blick in die Runde und kehrt dann wieder zurück an den Tisch im Haupt-Café.

Dort berichtet Chris vom Samstag. „Um 15 Uhr haben wir offiziell das Band durchgeschnitten“, sagt er. So richtig fassen kann er nicht, woran er sich erinnert: „Die Leute hatten wohl die Party des Jahres erwartet, sie zumindest daraus gemacht – sie kamen und kamen und kamen…“ Freunde und Fremde, ein Riesentrubel, mit ihm und André sechs Helfer im ständigen Einsatz.

Mit Plakaten kommt Stefan herein und fragt, ob Chris die aufhängt. Der sichert das zu. Von Radio Ferner kommt Stefan. „Wir machen Hörproben bei uns, Freitag geht’s los“, sagt er. Um Plattenspieler der unterschiedlichsten Preisklassen geht es dann. „Wir haben euch schon viele Leute geschickt“, sagt Chris und nimmt die Plakate entgegen. Stefan bestätigt: „Ja, da kommen viele junge Leute zu uns, und immer, wenn’s um Platten geht, frage ich, kennste das Riptide?, und die kennen das auch.“ Chris grinst: „Das sind wohl die, die wir zu euch geschickt haben.“ Aber bei den jungen Leuten will es Stefan nicht belassen. „Wenn mal ein paar ältere Leute zu euch kommen, die sind auch von uns“, sagt er und erzählt, dass die es nicht glauben können, wenn er ihnen sagt, dass es in Braunschweig einen Laden gibt, in dem man Platten kaufen kann, „und zwar nicht gebrauchte, sondern richtig neue.“ Ihm selbst gehe es genauso: „Ich will auch nicht nur die alten Sachen hören.“ Deswegen hat er zwar für die Kunden viele ältere LPs und CDs für die Hörproben im Geschäft. „Neue Musik wollen die meisten nicht hören, aber manchmal lege ich dann auch Bonnie ‚Prince’ Billy oder Seasick Steve auf, da fragen die Kunden dann schon mal, was das ist.“ Die Live-Platte von Bonnie „Prince“ Billy hat einen tollen Sound, findet Stefan. „Und wenn ich mal Seasick Steve auflege, sagt trotzdem keiner: Das nervt“, berichtet er. Erst seit wenigen Monaten sucht Stefan überhaupt wieder nach neuer Musik. „Ich war ein paar Jahre weg davon“, sagt er. Familie, Beruf und so weiter. Jetzt hat er einen Account bei Napster. „Da lade ich mir Alben herunter, höre sie mir an, und was mir gefällt, das kaufe ich mir auf Platte.“ So hat er schon eine Menge Sachen kennen gelernt, über die er ohne Napster nie gestolpert wäre. „Die Mountain Goats oder My Morning Jacket hört man ja nicht im Radio”, bedauert Stefan. „Und die habe ich bei Napster entdeckt“. Stefan wendet sich jetzt an Chris, weil er noch etwas bestellen will.

Mittlerweile füllt sich das Café. Nicht nur mit Gästen: Joel ist eingetroffen, er macht zurzeit ein Praktikum im Riptide. „Seit…“ Er überlegt kurz und weiß dann: „…letzte Woche Mittwoch.“ Samstag zur Eröffnung der Rip-Lounge war er dann also bereits dabei. „Da war gut was los“, nickt er. Der 19-Jährige geht auf die BBS 3 Fredenberg in Salzgitter-Lebenstedt und wohnt in Bad. Das Riptide ist bis dorthin bekannt: „Bei vielen Kumpels, die Vegetarier und Veganer sind, und bei Hardcore-Punks, die Platten sammeln“, sagt Joel. „Die sind auch öfter hier, das spricht sich überall herum.“ Seinen Geschmack bekommt er hier auch erfüllt: „Crust, Grind, Death Metal, Punk, Thrash Metal – hauptsächlich Krach.“ Er grinst und macht sich wieder an seine Arbeit.

„Drüben ist auf?“, fragen Detlev und Jürgen, die kurz ins Riptide blicken. Chris bejaht und fragt: „Was nehmt ihr, wie immer?“ Die beiden bestätigen, Chris nickt und sie gehen nach gegenüber in die Rip-Lounge, kurz darauf folgen auch die Getränke. Die Post und ein Paketdienst kommen an die Theke und bringen Post und Pakete. Nach einer Weile steckt Detlev seinen Kopf zur Tür herein und fragt, ob er noch eine Bestellung abgeben kann. „Habt ihr geklingelt?“, fragt Chris. Hat er, hat aber offenbar nicht funktioniert. Er erzählt, dass in der Rip-Lounge früher das Doktor Korn war, „ganz früher, Ende der 60er, da ging’s hier hoch her.“ Er grinst. „Das Doktor Korn war eine Pinte“, er macht eine kleine Pause, „freie Liebe gab’s überall“, und schränkt dann ein: „Ich war erst zwölf, 13, bin immer von der Schule hier durch.“ Er denkt kurz nach, was damals wohl noch so dazu beitrug, dass es hoch her ging, und sagt: „Tante Puttchen ist eh klar, und das Banana, ich sitze grad mit dem ehemaligen Besitzer zusammen.“ Das ist Jürgen, der Detlev Steini nennt. Er wartet in der Rip-Lounge rauchend auf Detlev und die bestellten Getränke. „Handelsweg 11 war meine Adresse“, sagt Jürgen. „Ich hatte Schmuck, Kleidung, Besonderes, Asiatika.“ Detlev erinnert sich: „Vorher war da Fletcher.“ Jürgen nickt. „Ich bin neunundachtzig da rein, raus bin ich…“, er grübelt, „zweitausendzwei oder drei – jetzt bin ich bei der Stadt.“ Chris bringt den Milchkaffee für Jürgen und den Grünen Tee für Detlev. „Dürfte ich ausnahmsweise gleich abkassieren?“, fragt Chris und stößt damit auf volles Verständnis. Beide Gäste greifen zu ihren Geldbörsen, doch Jürgen sagt: „Nein, Steini, dieses Mal bin ich dran.“ Chris dankt, nimmt das Tablett und kehrt zurück ins Haupt-Café. Jürgen und Detlev beginnen, sich an Geschichten und Erlebnisse zu erinnern. „Johnny Cash hab ich mal auf Bali kennen gelernt“, sagt Detlev gerade. „Da hat er in einer Karaoke-Bar sein eigenes Lied gesungen.“ Jürgen fällt ein: „Auf Bali haben wir uns auch mal getroffen, zufällig, das war in dem Jahr, als Jan Ullrich die Tour de France gewonnen hat.“ Jürgen war auf Bali, weil er dort Sachen für seinen Laden gekauft hat. „Viermal im Jahr war ich in Südostasien, auch in Mexiko“, erzählt er. Detlev und Jürgen haben zusammen Fußball gespielt, beide waren an Sport interessiert. „Ich bin nach Bali geflogen, als die Tour de France schon zuende war, und Steini wollte unbedingt wissen, wie’s ausgegangen ist, ob Jan Ullrich gewonnen hat – damals gab’s ja noch nicht in jedem Nest ein Internet-Café.“ Detlev kehrt thematisch zurück zum Handelsweg und weiß über das Riptide: „Angela war da vorher drin, mit ihrem Antiquitätenladen, die ist jetzt vorne an der Ecke, gegenüber vom ehemaligen Hound Dog.“ Beiden fällt der Begriff „Kontakthof“ ein, sie nennen Knuff und Pata Pata. Jürgen lacht und zeigt in die Weite der Rip-Lounge. „Hier hatte ich mal ein Erlebnis, ich war mit meiner Freundin hier, da kam Paule rein mit einer Winchester, hat nur zum Spaß in die Decke geschossen, baaamm, baaamm!“ Beide lachen. „Hier könnt’ ich Bücher erzählen“, versichert Jürgen glaubhaft. „Pata Pata hat komplett mit Matratzen ausgelegen“, fällt Detlev ein. „Und als Schüler habe ich mir immer bei Tante Puttchen Eis geholt.“ Jürgen erzählt, dass er aus West-Berlin kommt „Ich bin im MK zur Schule gegangen, das war lustig, als ich den Laden hatte, sind ab und zu meine alten Lehrer vorbeigekommen, die hab ich dann angesprochen, die hätten mich nicht erkannt.“ Die beiden erinnern sich an den Gewölbekeller unter der Rip-Lounge und überlegen, was da vor dem Peetie’s drin war. „Wild Geese 2“, fällt Jürgen ein. „War das das, wo der drin geheiratet hat?“, fragt Detlev. Jürgen verneint: „Das war im Red Pub, so hieß es davor.“ An ein Fahrradgeschäft erinnert sich Detlev. „Da ist jetzt der Comic-Laden drin“, weiß er. Zurück beim Fußball erzählt Jürgen von Anekdoten und Erlebnissen, die er als Spieler der Altherrenmannschaft der Eintracht hatte. Detlev lacht. Er arbeitet beim Theater und zitiert aus dem Stück „Gipfelstürmer“: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Wolters her.“ Wie aufs Stichwort kommt Joel herüber und fragt: „Darf’s noch was sein?“ Jürgen verneint: „Nein, für mich nicht mehr.“ Detlev fügt hinzu: „Es ist nett, dass du fragst!“ Joel nickt und kündigt an, dass er zum Abräumen gleich wiederkommen wird. Jürgen und Detlev kehren zurück zu ihren Erinnerungen und hören gar nicht mehr auf zu lachen.

Drüben im Haupt-Café ist André inzwischen eingetroffen. In der Küche ist er ganz gut beschäftigt, denn am MK ist gerade Pause und viele Schüler holen sich ihren Imbiss im Riptide ab. Einige stehen mit Straßenpizza bei ihren Freunden herum, die gerade ihre Bestellung zubereitet bekommen. Timo schiebt sich zwischen sie und begleicht bei Chris seine Rechnung. Beim Blick auf die Led-Zeppelin-Box hinter Chris fragt er nach dem Preis und sagt, dass er sie gerade ersteigert hat und vergleichen will. „66 Euro“, liest Chris ab. „Ja!!!“, jubelt Timo. Chris grinst: „Hast du ein Schnäppchen gemacht?” Timo erzählt, dass er sie für 20 Euro bekommen hat uns schon glaubte, zu viel bezahlt zu haben. Chris verneint: „Da kannst du im Quadrat springen.“ Das macht Timo dann doch nicht, sondern dankt, grüßt und geht.

Nach ihm kommt Sahar an die Theke. „Einen von den dunklen Coockies“, bestellt sie bei Chris. „Zum Mitnehmen?“, fragt der. „Ja“, sagt sie und diskutiert mit ihren Freundinnen, warum sie lieber den dunklen als den hellen haben möchte. „Wir haben gerade Mittagspause“, erklärt sie noch, nimmt ihren Cookie entgegen und verlässt gemeinsam mit ihren Freundinnen das Café. André hat inzwischen auch die Crêpe-Wünsche der anderen Schüler erfüllt, das Café leert sich ein wenig. André macht sich an die nächsten Crêpes auf dem Bestellzettel.

„Die Klingel hat manchmal Aussetzer“, weiß Chris über die Funkstille zur Rip-Lounge. Er verrät: „Wir lassen uns da gerade etwas Besonderes bauen, was es nicht gibt.“ Mehr jedoch verrät er nicht. Nur, dass die Rip-Lounge noch lange nicht fertig ist. „Lüftung, finale Möbel, Klingelsystem“ fehlen noch. „Es klafft noch ein Loch in der Wand, da kommt die Lüftung rein, das stört aber nicht – wir haben die Lounge erst mal in Betrieb nehmen wollen, Ende Januar kommt hoffentlich alles.“ Den Namen „Rip-Lounge“ lehnt Chris an VIP-Lounge an. „Den wusste ich schon vor einem Jahr“, grinst er.

In der Küche schnippelt André gerade Bananen auf einen fertig gebackenen Crêpe. „Samstag war ein Erfolg“, erzählt er erleichtert. „Da ist uns eine Last von den Schultern gefallen.“ Chris und André hätten vor zweieinhalb Jahren nicht zu träumen gewagt, dass das Riptide einmal zu klein sein würde. Der Sprung über den Handelsweg war ein Wagnis. Eines, das den Gästen mehr Komfort bietet. Bei einem Schmuddelwetter wie jetzt müssen die Raucher nicht mehr unter dem Schirm im Achteck frieren. Sie können im Warmen, Trockenen sitzen, rauchen und sich mit Speis und Trank bedienen lassen. Joel kommt mit einem vollen Tablett mit leeren Gefäßen darauf aus der Rip-Lounge. Noch bis Ostern wird er regelmäßig im Riptide arbeiten. Das ist noch weit weg.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#25 Frickelhaftigkeit

23. November 2009


Montag, 23. November

Wenigstens der November hält, was er verspricht: Es ist zwar Tag, doch unterscheidet sich die Helligkeit kaum von der Nacht. Immerhin regnet es gerade einmal nicht. Am Samstag war es noch so mild, dass sogar viele Gäste draußen saßen, nicht nur zum Rauchen. Heute sitzen alle Gäste im Riptide. Am Tresen ist Chris dabei, neue LPs, Singles und CDs mit Preisschildern zu etikettieren. André ist derweil in der Küche beschäftigt. Unter den Singles, die durchs Chris’ Hände gleiten, ist auch eine von Pearl Jam. „‚The Fixer’, aus dem Album ‚Backspacer’“, erklärt Chris. „Es gibt so Bands“, setzt er an, und zählt auf: „Radiohead, Coldplay, Muse, Placebo und eben Pearl Jam – die Singles kannst du beiseite stellen, da vervierfacht sich der Wert.“ Chris schreibt einen Preis auf ein Etikett und klebt es auf eine CD. „Es gibt alte Coldplay-Singles, die kosten jetzt 40 Euro.“

Es gibt außerdem ein großes Hallo, als nämlich Kim und Nadine das Café betreten. André kommt aus der Küche, trocknet sich die Hände an einem Handtuch ab, begrüßt die beiden und kehrt dann wieder in die Küche zurück. Auch Chris schüttelt ihnen die Hände. Sie sprechen über den vergangenen Freitag, als das Riptide an der ersten Braunschweiger Cocktailnacht teilnahm. „Die haben wir organisiert“, erzählt Nadine. Sie ist Mitarbeiterin der „Projektagentur Plan B“, Kim ist ihr Chef. Der sitzt im Hauptsitz in Münster, Nadine leitet eine Zweigstelle in Hannover. „Nicht ganz in Münster, sondern in Havixbeck – aber wer kennt Havixbeck, deswegen sage ich immer Münster“, meint Kim. „Der Chef hat schon jahrelang im Gastronomiebereich Kneipenfestivals gemacht“, sagt Nadine. „Im Gespräch mit Gastronomen in Münster kam dann die Idee: Beim Honky Tonk war die Bude voll, wie schaffen wir das ein zweites Mal?“ Die Lösung: „Cocktails statt Bands.“ In Braunschweig war das die erste Cocktailnacht, im April folgt die zweite. „Bis Ostern machen wir das in 30 Städten“, sagt Kim. Am 8. Januar zum Beispiel in Wolfsburg, auch Magdeburg und Celle stehen auf der Liste. Mit der Resonanz in Braunschweig waren die beiden zufrieden. „Die Verkaufszahlen waren super, es sind viele Leute unterwegs gewesen, auch die Gastronomen fanden’s ganz gagig“, berichtet Kim. „Die mussten gucken: Wie funktioniert das – und eigentlich klappt das schon ganz gut.“ Wie kamen die beiden dann aufs Café Riptide? Nadine gibt die Antwort: „Das war ein Geheimtipp, von Getränke Höpfner.“ Kim fügt hinzu: „Wir sind halt Freunde von Individualgastronomie, wie der Silberquelle.“ Die beiden verabschieden sich und versprechen, auf ihrer Tour durch die Kneipen, die an der Cocktailnacht teilgenommen haben, noch einmal ins Riptide hereinzuschauen.

„Ich geh wieder ins Büro“, sagt Chris und setzt sich an seinen PC. Uwe von Cargo Records kommt mit einer kleinen CD-Kiste ins Café und fragt André: „Ist Chris nicht da?“ – „Doch“, erwidert André. Uwe weiß sofort: „Der schläft wieder in seiner Ecke.“ Das macht Chris, der für Plattenfirmenkontakte zuständig ist, natürlich nicht. Er kommt an den Tresen und begrüßt Uwe. „Ich habe ein paar Sampler für euch“, sagt der und drückt Chris einige von einem Gummiband zusammengehaltene Exemplare der CD-Reihe „We Deliver The Goods“, Ausgabe 115/09, in die Hand. „Und Sachen zum Reinhören oder Verschenken“, fügt Uwe hinzu und reicht Chris die kleine Kiste mit CDs und Info-Zetteln herüber. Chris bedankt sich. Er wie Uwe haben nur wenig Zeit und leiten gleich wieder den Abschied ein. „In dreieinhalb Stunden ist hier ein Konzert“, erklärt Chris. Videoclub spielen nämlich um 18 Uhr im Riptide. Uwe versteht, sagt „wir können ja telefonieren“, strömt zum Ausgang und ruft im Hinausgehen „mach’s gut, André!“

Der war gerade dabei, Gäste zu bedienen, und kehrt jetzt mit dem leeren Tablett zur Theke zurück. Auf dem Cargo-Sampler ist neben Gordon Gano und den Bollock Brothers auch Jello Biafra drauf, mit „New Feudalism“. Ein Spoken-Word-Track? „Nein, Musik”, sagt André, geht an das Neuheiten-Fach und zieht die LP „The Audacity Of Hype“ heraus. „Er hat eine neue Band, The Guantanamo School Of Medicine.“ Da ist auch Billy Gould von Faith No More mit bei. Und den Song hat Biafra sogar bereits veröffentlicht, vor fünf Jahren mit der No WTO Combo.

Mit einem nassen Regenschirm kommt Dennis ins Café. Er begrüßt Freunde an einem Tisch und stellt sich dann zu André an die Theke. „Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragt der. „Nein, mein Magen verlangt nach etwas Gesundem“, antwortet Dennis. André überlegt eine Weile und schlägt dann vor: „Tee. Kräutertee.“ Das überzeugt Dennis nicht: „Nee…“ Er guckt durch die Glastür in den Kühlschrank und fragt: „Habt ihr die rote Bionade gerade nicht da?“ – „Doch“, behauptet André, guckt in den Kühlschrank auf eine Lücke zwischen den Bionadeflaschen und korrigiert sich: „Nein.“ Dennis denkt kurz nach und sagt: „Dann gib mir eine Kräuter.“ Als André nach der Flasche greift, sagt Dennis: „Oder nee, Ingwer-Orange, Ingwer ist vielleicht besser für den Magen.“ Dennis bereitet sich gerade auf eine Berlinfahrt vor, er sucht eine Wohnung dort. Und er ist zurzeit dabei, eine Internetseite zu erstellen, auf der er seine Kunst präsentiert. „Ich will auch eigene Videoinstallationen hochladen“, sagt er. So einfach sei das nicht, weil er die so einstellen will, dass zum Beispiel eine dreigeteilte Installation erst komplett geladen ist, bis der Film startet. Dennis arbeitet mit Mac und bearbeitet seine Filme mit Quicktime. „Da müssen alle Filme anders komprimiert werden“, sagt er. Bei einigen ergibt es Pixel, während dieselbe Einstellung bei anderen Filmen bestens klappt. Youtube will er zum Hochladen nicht nutzen, aber dabei fällt ihm ein: „Ein Freund hat ein Video mehrmals bei Youtube hoch- und wieder runtergeladen.“ Das habe einen einmaligen Effekt gegeben. „Den Final Cut gibt’s nicht bei Photoshop, der war handgemacht.“ Er lacht und fügt hinzu: „Wenn dir Kunst nicht gelingt, mach sie kaputt.“

Die Band trudelt ein, früher als geplant. Die Musiker grinsen alle, es geht ihnen gut. Sie gucken sich mit strahlenden Augen im Riptide um, entdecken T-Shirts, LPs, CDs und betrachten die spätere Bühne dazwischen. Jorek ist der Gitarrist. „Und Tourmanager“, wie er betont. Die Bandmitglieder kommen aus Münster, Hamburg und Düsseldorf. Nur nicht Jorek: „Ich bin Pole, aus Breslau.“ Videoclub spielen gerade eine Tour. „Wir haben ein paar Off-Days“, erklärt Jorek. „Die Gründe dafür waren zum Teil Zufälle, zum Teil hat unser Booker einige Tage nicht vollgemacht.“ Ihr mitgereister Techniker Christopher kommt ursprünglich aus Braunschweig. „Der hat bei Schrottgrenze mitgespielt“, sagt Jorek. „Und er kannte Chris, hat spontan den Termin ausgemacht, deswegen gibt es auch keine Flyer, keine Poster.“ Er schaut sich erneut im Café um. „Jetzt spielen wir hier und freuen uns schon darauf.“ Die Band sei gerade zu Fuß vom Hagenmarkt herübergekommen. „Für fast alle ist es eine Premiere, in Braunschweig zu sein“, sagt Jorek. „Bis auf Christopher.“ Er berichtet von blockartigern Häusern, die er auf dem Weg wahrgenommen habe. „Sehr kompakt, aber schön“, findet er. „Braunschweig macht einen guten Eindruck.“ Was machen Videoclub für Musik? „Ich würde erst mal sagen, wir machen Pop“, sagt Jorek erst mal. Er weiß: „Damit mache ich’s mir einfach, aber ich finde, Musik muss man sich anhören, ohne sie in Kategorien zu sortieren.“ Dann denkt er eine Weile nach und kommt zu dem Ergebnis: „Unsere Musik ist eine Mischung aus Frickelhaftigkeit und Anbiederung.“ Er holt sich mit Blicken Bestätigung von seinen Bandkollegen, die gerade in den LPs herumstöbern, und sagt nachdrücklich: „Das ist unsere Musik. Und Pathos!“ Elektro mit Gitarre schwebt als genannte Richtung im Raum, Jorek stimmt zu: „Das passt gut, wir haben mit Felix seit kurzem einen Keyboarder dabei.“ Der Genannte wendet den Blick von seinen Fingern im CD-Fach ab, blickt über die Schulter und nickt. Seine Mitmusiker nennen ihn „Felich“. Ist er Spanier oder Schweizer? „Weder, noch“, sagt Jorek grinsend. „Wir nennen ihn einfach so.“ Jetzt gibt’s aber Getränke für alle, die Band gruppiert sich um das Sofa herum.

Am Nebentisch sitzen Katharina und Birgit. André nimmt deren Bestellung entgegen: „Haben die Damen schon gewählt?“ Birgit antwortet: „Einen Milchkaffee.“ Katharina blickt zu ihr herüber uns sagt fragend: „Kreppes?“ Als Birgit nickt, bestellt Katharina also: „Crêpes mit Zimt und Zucker, zweimal.“ André nickt und fragt: „Beides zweimal, auch den Milchkaffee?“ Da erst fällt Katharina auf, dass sie noch gar kein Getränk für sich bestellt hat, und sie wehrt ab: „Nee, Chai-Tee, ein Kännchen!“ André nickt: „Mit Milch?“ Katharina fragt: „Habt ihr auch Sahne?“ André nickt wiederum: „Haben wir auch, wenn du es wünschst, bringe ich dir Sahne.“ Das gefällt Katharina: „Dann mit Sahne bitte.“ André wendet sich an Birgit: „Und für dich, ein stilles Wasser zum Kaffee?“ Birgit verneint dankend: „Nur den Kaffee.“ André notiert und geht, Katharina und Birgit unterhalten sich zunächst über Katharinas Spanien-Urlaub. „Meine Bankdaten waren nicht betroffen“, berichtet Katharina erleichtert. Und davon, dass sie am Strand lieber Dosenbier trank, während ihr Mann Flaschenbier bevorzugte. Von Bier in PET-Flaschen wie in Dänemark halten beide nichts, aber Birgit erzählt: „Das habe ich bei Aldi im Vorbeigehen gesehen, da haben sie Hefeweizen oder so in Plastikflaschen.“ Bei Wasser sei das in Ordnung, solange gewährleistet sei, dass der Kunststoff nicht ins Wasser ausdünste. Und wegen der Einkaufschlepperei in den dritten Stock habe Birgit eine probate Methode entwickelt: „Ich parke in zweiter Reihe, bringe den vollgepackten Rucksack schnell in den Keller und suche dann erst einen Parkplatz – das hat sieben Jahre gebraucht, bis ich diese Idee hatte.“ Während André Getränke und Crêpes bringt, fragt Katharina, warum Birgit den Rucksack nicht einfach im Hausflur abstellt. „Seit uns dort eine frische Bio-Melone abhanden gekommen ist, mache ich das nicht mehr,“ antwortet Birgit. André kommt erneut an den Tisch und sagt: „Die Band beginnt gleich mit dem Soundcheck, ihr müsst nicht rausgehen, ich will euch nur warnen.“

Leonie kommt mit ihrer Mutter Sina im Schlepptau ans große Fenster, um die Vitrine mit den Broschen zu betrachten. Währenddessen packt ihr Vater Philip am Tisch das Spiel „Looping Louie“ aus. Vom Betrachten der bunten Broschen zurückgekehrt, macht sich die fünfjährige Leonie gleich daran, Louie mit seinem Propellerflugzeug über den Tisch rotieren zu lassen. Sie hat hörbar Spaß daran, ihr Kichern und Lachen ist deutlich lauter als der dezent einsetzende Soundcheck der Band. „Mein Bruder Christopher macht den Sound“, sagt Philip. „Deswegen sind wir mit der ganzen Familie angerückt.“ Philip ist zum dritten Mal im Riptide. „Ich war sogar noch nie hier“, sagt Sina. Die beiden haben sich auch schon Gedanken darüber gemacht, ob es Leonie zu laut werden könnte. „Dann hält sie sich die Ohren zu, hat sie gesagt“, grinst Philip. „Und Christopher hat angeboten, mit Kopfhörern auszuhelfen.“

Philip räumt jetzt Louie zurück in seine Schachtel. Ein angenehmer Duft von Sauerkraut weht durchs Café, jemand muss sich den Hotdog bestellt haben. Das Riptide füllt sich, auch Kim und Nadine sind wie versprochen wieder da. Die Band spielt sich allmählich ein. Draußen fängt es an zu gießen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#23 Zwei Fragen

16. September 2009


Mittwoch, 16. September 2009

Man spürt, dass sich der Sommer seinem Ende entgegenneigt. Doch aus dem trüben Vormittag ist ein richtig angenehmer Nachmittag geworden. Angenehm genug für die meisten Gäste des Café Riptide, draußen im Achteck zu sitzen. Drinnen liegen einige T-Shirts auf der Theke. „Ich bin grad dabei, hier’n bisschen…“ lässt André seinen Satz unbeendet und räumt einige T-Shirts beiseite. Hinter ihm röchelt die Kaffeemaschine, die Tasse ist voll. André bringt den bestellten Kaffee an einen Tisch draußen und kommt mit dem Tablett voller leerer Flaschen wieder zurück. Er verschwindet in der Küche, man hört ihn dort die Flaschen in Kisten versenken. Auch Chris kann man hören, er sitzt der Küche gegenüber an seinem Stammplatz und klackert auf der Tastatur seines PCs. Beide tragen einen Button, der sofort ins Auge fällt: Einen silbernen „Jubiläums-Button“, wie Chris ihn nennt. Darauf ist das Riptide-Logo gedruckt.

Es gibt einen schönen Anlass dafür. Das Riptide wir nämlich heute auf den Tag genau zwei Jahre alt. Am Samstag steigt dazu die Geburtstagsfeier, doch schon heute bekommt jeder Gast zwei Fragen gestellt:

1. Was wünschst du dem Riptide?
2. Welche Assoziation hast du zur Zahl zwei in Verbindung mit dem Riptide?

Mirko

1. Dass es am Leben bleibt, dass die Rendite passt und Glückseligkeit und das Beste, was man nicht in Worte fassen kann.

„Das ist mein Lieblingscafé“, fügt er hinzu, bevor er die zweite Frage beantwortet.

2. Dass alle guten Dinge erst mal drei werden sollen.

Von draußen kommen Kathi und Till ins Café, um zu zahlen. Heute ist Kathi mal als Gast hier, nicht als Angestellte.

Kathi

1. Ein weiterhin nettes, immer fröhliches und freundliches Arbeitsklima und dass wir weiterhin so viel Erfolg haben und auf immer und ewig so super miteinander auskommen.
2. Ich habe meinen Freund hier kennen gelernt – seitdem sind wir zu zweit.

Till

1. Eine wundervolle Zukunft und weiterhin ein tolles Ambiente. Ich bin unheimlich gerne hier und weiß nicht, wie ich das in Worte fassen soll.

„Das ist sein Wohnzimmer“, erklärt Kathi. Sie weiß das: „Er ist mein bester Freund“ – aber nicht der Freund, den sie hier kennen gelernt hat.

2. Zwei tolle Läden in einem.

Till und Kathi müssen beide weg. „Ich bin völlig durch“, erklärt Till noch. „Ich habe meine Bachelorarbeit um zwölf Uhr abgegeben.“

Bernd

1. Viel Glück, dass es weiter so geht.
2. Ich spiele mit Chris Fußball.

Micha

1. Gesundheit. Alles andere kommt von selbst.
2. Zwei nette Besitzer.

Micha erklärt seine beiden Antworten genauer: „Weil, wenn die zwei netten Besitzer nicht gesund sind, ist auch nicht viel mit dem Riptide – ohne diese persönliche Zuordnung läuft auch das andere nicht.“ Natürlich schließe das auch die wirtschaftliche Gesundheit mit ein. Micha bestellt bei André einen Kaffee und erzählt, dass er eine Einladung zur Eröffnung des neuen Universum-Kinos hatte, aber nicht da war. „An dem Tag hab ich ‚Inglorious Basterds’ geguckt“, sagt er. Den fand er gut, „im Großen und Ganzen“. Doch seinem Kino-Begleiter gebe er in einem Punkt Recht: „Schauspielerisch fielen einige ab, zum Beispiel Diane Krüger, aber dass liegt auch daran, dass Christoph Waltz die anderen an die Wand spielt.“ August Diehl habe er am überzeugendsten gefunden. „Der hat überzeugend gespielt, auch die beiden, die Goebbels und Hitler gespielt haben, zusammen mit Herrn Waltz – der ist das Eintrittsgeld alleine wert.“ Bei Quentin Tarantino sei es ansonsten immer so gewesen, dass er das Letzte aus den Schauspielern herausgeholt habe. „Das habe ich dieses Mal nicht so empfunden“, meint Micha. „Auch Eli Roth und Brad Pitt waren blass, etwas austauschbar, solide.“ Einen Grund kann Micha sich dafür denken: „Das kann auch an der Ensemblegröße liegen.“ Kein anderer Schauspieler habe schließlich so viel Zeit im Film bekommen wie Christoph Waltz, da habe niemand seinen Charakter wirklich entwickeln können. „Ich muss weg“, sagt Micha und stürzt seinen Kaffee herunter. „Jetzt ist eine Lesung in der Kemenate, da helfe ich.“

Oliver

1. Alles Gute, dass die so bleiben, wie sie sind, und dass sie uns so lange wie möglich erhalten bleiben.

„Ich kenne sie erst seit der Hälfte der Zeit“, stellt Oliver fest. „Möchte ich nicht mehr missen.“

2. Ich hoffe, dass wir noch mindestens eine Null dranhängen werden.

André legt Olivers Bestellung auf die Theke, „Agilok & Blubbo“ von The Inner Space, einmal auf Vinyl und einmal als CD. „Das ist die Vorläuferbesetzung von Can“, erklärt Oliver. „Ungefähr sechs Wochen später haben sie sich Can genannt.“ Er betrachtet das Sexploitation-Cover der LP und den Bandnamen. „Das war mir bis vor vier Wochen auch noch kein Begriff.“ Natürlich hat Oliver auch das aktuelle Album von Phillip Boa, „Diamonds Fall“. Denn da spielt Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit mit. Auf der nächsten Boa-Tour wird Liebezeit auch dabei sein. „Da gibt es zwei Termine: am 3. Oktober in Hamburg und am 10. Oktober in Berlin“, sagt Oliver. „Das sind für mich die einzigen Optionen, weil ich aufs Wochenende achten muss.“ Von Boa hält Oliver auch ohne Liebezeit viel. „Der macht sich in Braunschweig rar, auf den letzten zwei Touren musste ich ihn in Hannover sehen“, beklagt er sich. Er schwärmt von Boas Alben, von Boas dauerhaft guter Qualität. „Und wenn mal ein Album nicht gleich kickt, dann spätestens nach einem Jahr.“

Laura

1. Mehr Soul-Partys.
2. Runde Atmosphäre – weil die 2 rund ist.

Miriam

1. Weiterhin viel Erfolg und Sonnenschein.
2. Die beiden Chefs – Chris und André.

Oliver kommt aus Bad Harzburg. „Ich habe heute extra früher Feierabend gemacht, um die LP und die CD zu kriegen“, erzählt er. Chris, von seinem PC-Arbeitsplatz an die Theke getreten, berichtet davon, wie sie versucht haben, beides zu bestellen. „Ein kleines italienisches Label hat die herausgebracht“, sagt Chris. „Das war nicht einfach, die zu finden – unter Soundtracks haben wir sie dann gefunden.“ Oliver nickt. „Agilok & Blubbo ist auch ein Film, von dem ich noch nie gehört habe.“ Dann nimmt er wieder bezug zu Chris’ Sucharbeit: „Das ist halt was Schönes – ich krieg hier nie zu hören: Geht nicht.“ Chris bestätigt grinsend: „Geht nicht gibt’s nicht.“ Oliver will nach Hause, sich heute wenigstens noch die CD anhören. „Bevor ich euch kannte, musste ich immer nach Hannover fahren, um fähige Leute zu finden“, sagt er noch und geht dann.

Neue Speisekarten gibt es im Riptide. „Die Bilder, die im Hintergrund zu sehen sind, sind hier abfotografiert“, sagt André und präsentiert das Werk. „Sieht jetzt aus wie von einer Kette“, grinst er. „Audrey hat’s gemacht“, sagt er und blättert zum Foto mit dem riesigen Muffin. „Sieht doch zum Reinbeißen aus“, grinst er wieder. Dann zeigt er auf den geschriebenen Inhalt. „Bei den Crêpes hat man jetzt selber in der Hand, wie man’s zusammenstellt.“ Die Zutaten sind nämlich einzeln aufgelistet. Auch neu war ein Stapel Kalender vom Café Riptide, im Checkkartenformat. „Die sind aber schon alle weg“, sagt André. „Die Leute sind gewappnet fürs nächste Jahr.“

Matze

1. Alles Gute, genauso weitermachen wie bisher, dass das Riptide die nächsten zwanzig – ach, hundert Jahre Braunschweig erhalten bleibt.

André wirft dazwischen: „So lange muss ich hoffentlich nicht arbeiten!“ Matze wehrt ab: „Ich hab erst mal geschätzt, wie alt du bist, und dann doch lieber hundert gesagt.“

2. Ich habe bisher zwei CDs hier gekauft – zu wenig.

Und er fügt hinzu: „Aber die ein- oder andere Platte!“ Und grinst.

Der Plattenladen Riptide ist in die Liste auf www.meinplattenladen.de aufgenommen, erklären Chris und André. Das bedeutet, dass es im Riptide gelegentlich limitierte Tonträger gibt, die man woanders nicht bekommt. „Die Element-Of-Crime-Single haben wir“, sagt André. Chris ergänzt: „Die B-Seite ist exklusiv, die gibt’s nur für kleine Plattenläden, die A-Seite ist vom Album“. Das Album heißt, wie die Single, mit falscher Interpunktion „Immer da wo du bist bin ich nie“, auf der B-Seite findet sich das Andreas-Dorau-Cover „Blaumeise Yvonne“. „Nur für ausgesuchte Plattenläden, das kriegen keine Großen“, sagt André.

„Kannst du was von Fall Of Efrafa bestellen, das ist eine Hardcore-Band“, fragt Markus André. Der guckt am PC nach und bestätigt: „Ja, kann ich bestellen, ist eine Doppel-LP, als Import, das dauert dann aber etwas.“ Das Album heißt „Inlé“, Efrafa ist der Name eines Landes in „Watership Down“. Markus bestellt das Album.

Markus

1. Dass es so bleibt, wie es ist.
2. Doppel-LP.

Malte

1. Mehr Auftritte. War ja auch ab und an, dass ein DJ hier war – dass das beibehalten wird.
2. Dass ich noch zum zweiten Mal wiederkommen müsste.

Tatsächlich ist Malte zum ersten Mal hier. „Ich habe davon im Internet gelesen, es aber nie hergeschafft“, sagt er. „Ich muss das mal begutachten hier.“ Er guckt sich um. „Dabei wohne ich schon zwei Jahre in Braunschweig – noch eine Assoziation zur zwei.“ Zeit zum intensiven Begutachten hat er heute jedoch nicht, Markus und Malte müssen los.

Fiona

1. Dass es noch länger bestehen bleibt – ich find’s gut hier.
2. Ich habe mir hier zwei Platten gekauft und war auf zwei Konzerten. Ich wohne zwei Jahre in Braunschweig, ich bin hier also her gezogen, als das Riptide aufgemacht hat.

Fiona ist mit Matze hier. Sie kommen beide aus Helmstedt. Neben der mittelalterlichen Altstadt gebe es dort nicht viel zu sehen, meinen sie. Matze empfiehlt „Kalt u. heiß Heinz“, einen Schnellimbiss. „Gleich neben dem Hausmannsturm“, sagt Matze. „Als ich noch zur Schule ging, haben wir in den Freistunden immer den großen Helmstedter Gastronomiecheck gemacht – da war Kalt u. heiß Heinz die klare Nummer Eins.“ So klein sei die Auswahl an Gastronomiebetrieben in Helmstedt nicht, dass das zwangsläufig so wäre, sagt Fiona: „Es gibt jede Menge Dönerläden.“ Und sogar einen Club, in dem es ab und zu einigermaßen alternativ zugeht, so Matze: „Das Number One auf dem Holzberg.“ Fiona konkretisiert: „Da gibt es einmal im Monat eine Indieparty – was heißt Indie, die sind nie über Green Day und Blink 182 hinausgekommen.“ Den Laden gibt es aber schon lange. „Da haben meine Eltern sich kennen gelernt“, erzählt Matze. Fiona nickt. „Meine Oma ist da auch schon hingegangen.“ Matze weiß: „Da hatte der aber noch einen anderen Namen.“ Green Day und Blink 182 sind auch nicht der Geschmack von Matze und Fiona. „Aber wir haben dazu getanzt, weil wir uns gefreut haben, mal was mit Gitarre zu hören“, sagt Fiona. „Wo ‚Summer Of ’69’ gespielt wird, ist keine Indieparty“, findet Matze. Sie zählen lauter Songs auf, die in das Schema hineinpassen, und Fiona landet bei „Time Of My Life“. Jetzt, da Patrick Swayze tot ist, wird das bestimmt öfter wieder irgendwo gespielt. Matze erinnert sich an den Film „Die rote Flut – Red Dawn“, in dem Swayze und Charlie Sheen mitgespielt haben. „Da besetzen russische Truppen die USA, Swayze und Sheen sind Teenager, die sich in die Wälder zurückziehen und eine Rebellentruppe bilden“, sagt Matze. „Ziemlich schlechter Film.“ Außer „Ghost“ und „Dirty Dancing“ gibt es kaum Filme, vor allem neuere, in denen Swayze eine Rolle gespielt hatte und die erinnernswert sind. „Donnie Darko“, fällt Matze ein. „Da hatte Swayze ein ähnliches Comeback wie Kurt Russel in ‚Death Proof’.“ Fiona weiß: „Von ‚Donnie Darko’ gibt es bald einen zweiten Teil, da geht es um die Schwester, die ist auf einem Road Trip und hat Visionen, ähnlich wie Donnie – der soll aber schlecht sein.“ „S. Darko“ heißt der und ist direkt auf DVD erschienen, wie schon sein Prequel. „Der ist auch nicht vom Original-Regisseur, der hat sich davon distanziert“, ergänzt Matze. Die beiden wollen jetzt bei André ihre Rechnungen begleichen und entdecken die Quartettspiele auf der Theke, Seuchen, Tyrannen und Rauschgift. „Wir haben immer Perso-Quartett gespielt, als wir auf Rucksacktour waren“, erzählt Fiona. „Ich hab immer verloren: in Größe, Alter…“ Matze widerspricht: „Bei Hausnummer hast du mich geschlagen.“ Unterwegs waren sie in Italien und Griechenland, zu viert. Und haben unzählige Geschichten mitgebracht. Wie die von dem Mexikaner, der ihnen auf einem Hausdach in Athen erzählt hat, dass sie in Mexiko jeden Tag Party feiern, von Montag bis Sonntag. „Wir haben lustige Leute getroffen“, schließen sie in Erinnerungen schwelgend und verabschieden sich.

Matthias

1. Dass es größer wird und noch mehr Platten hat.

„Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt Matthias.

2. Wir sind zu zweit.

Zwei geschäftsmäßig aussehende Männer in Hemd und lockerer Krawatte, die draußen zusammen Kaffee getrunken haben und jetzt weiter wollen. „Mein Sohn verkehrt hier regelmäßig, der spielt bei Trick Seventeen“, sagt Matthias. „Die haben den Band Battle gewonnen und auf der Expo-Plaza vor Peter Fox gespielt.“ Er guckt in Richtung der Platten und nickt mit dem Kopf. „Ich sammle Vinyl“, sagt Matthias. „Bei Raute Records war ich schon, aber hier noch nicht.“ Der, der Matthias zu zweit sein lässt, heißt Uwe. „Ich habe eine Einladung für einen Vortrag zum Thema Rücken bekommen“, erklärt Uwe. Er hat ein Buch dabei, erst wenige Woche alt: „Rückerts kleine Rückenschule“ aus dem Humboldt-Verlag. Sein Buch. „Den Vortrag halte ich heute vor der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung“, sagt Uwe. „Der Sohn, der in der Gruppe spielt, hat mich eingeladen.“ So waren Matthias und Uwe aufeinandergetroffen, Matthias wollte Uwe auf einen Kaffee einladen und hat sich an den Vorschlag seines Sohnes erinnert, mal das Riptide auszuprobieren. „Ich komme aus Hamburg, ich bin zum ersten Mal überhaupt in Braunschweig“, sagt Uwe. Er lobt das Riptide und findet einen passenden Vergleich: „Das ist wie die Schanze.“ Matthias fragt derweil nach der neuen Porcupine Tree auf Vinyl. „Die kommen nach Hannover“, sagt er strahlend. „Im Vorprogramm: Robert Fripp!“ Zu Uwe gewandt: „King Crimson!“ Sie gehen nach draußen.

Nina

1. Es soll weitere hundertzehntausend Jahre bestehen und bitte sich in Idealismus nicht ändern zum Schlechten hin – man kann sich ja immer verbessern. Zum Beispiel Cola-Angebote, dass sie nichts anbieten, was man nicht unterstützen sollte.

Um sich Inspiration für die Antwort auf die zweite Frage zu holen, geht Nina kurz vor die Tür, guckt an der Fassade hoch und kommt wieder rein.

2. Zwei Riptides wären besser in Braunschweig.

Johanna

1. Viele Gäste und dass der Smoothie genau so lecker bleibt.
2. Zwei verschiedene Räumlichkeiten.

Wer Nina kennt, kennt sie zumeist tanzend. Jetzt hat sie einen frischen Hot Dog in er Hand, den sie gleich verspeisen will. „Bei Musikveranstaltungen, bei denen Live-Bands spielen, tanze ich auf der Bühne mit den Bands“, erklärt Nina. „Das mache ich öfter.“ Und auch demnächst wieder: „Am 2. Oktober im Jolly Joker bei der Sunsation.“ Am liebsten tanze sie bei Bands auf der Bühne, doch bei der Sunsation lege ein DJ elektronische Musik auf, Klangachse, wie Nina erklärt. „Der macht was im Chill-Out-Bereich, er legt auf und der Gitarrist von Le’Band spielt dazu und ich bin die Tänzerin“, sagt Nina. „Ich nenne mich noch um, DiscoNina passt nicht mehr.“ Das erinnere zu sehr daran, dass sie diesen Namen trägt, seit sie deutlich jünger war als jetzt. Der zweite Tanzauftritt ist am 16. Oktober im Meier, bei einer Release-Party eines Samplers mit lokalen Bands. „Vielleicht – wenn’s klappt“, schränkt Nina ein. Ihre Wunsch-Bands, bei denen sie tanzen will, sind Le’Band und Due e la Donna. Sie tanzt Ausdruckstanz, erklärt Nina weiter. „Ich lerne gerade die Grundtechnik, man tanzt, wie die Stimmung ist, in Verbindung zu der Musik, die einen umgibt.“ Zuletzt war sie beim Kulturschaufenster 38118 am letzten Freitag auf der Bühne am Frankfurter Platz zu sehen, unter anderem bei Müller & die Platemeiercombo. Und die wiederum spielen nicht nur ebenfalls am 16. Oktober im Meier bei der New City Rock Release Party, sondern einen Tag später auch im Riptide.

Timo

1. Dass es noch ganz viele tolle Konzerte gibt von Bands, die ich auch gerne mag, und dass es stattfindet, wenn ich Zeit habe.
2. Von zwei zu zwanzig: Ich habe mir das Peter-Doherty-Album letztens gekauft, dass hat über 20 Euro gekostet. Natürlich auf LP.

Timo lässt sich von André die „Klang“-CD von The Rakes geben. Er setzt sich an die CD-Player am Fenster und hört in das Album rein.

Chris sitzt immer noch am PC und plagt sich mit Kompabilitätsproblemen. Im Gegensatz zu Micha war Chris bei der Eröffnungsparty des Universum-Kinos, wie Chris erzählt. „Das hat Donnerstag aufgemacht, Mittwoch war Eröffnung für Sponsoren, Freunde, Politiker, Architekten, Vereine – und mich.“ Er lacht und zuckt dabei mit den Achseln. „Ich arbeite seit acht Jahren fürs Filmfest, als DJ, Werbesponsor – da war ich eingeladen.“ Die Leute vom Filmfest leiten jetzt nämlich das Universum. Einen Sektempfang und einen roten Teppich habe es gegeben. „Es war schön, alle wiederzusehen“, sagt Chris. Eine Führung habe es gegeben, durch die zwei übrig gebliebenen Filmsäle und das Bistro, das sie im dritten eingerichtet haben. Das Bistro heißt Abspann. „Den Namen find ich gut“, sagt Chris. Nach einigen Ansprachen sei man zum Filmegucken gekommen. „Zuerst einen belgischen Kurzfilm, ‚Kwiz’, völlig genial“, sagt Chris. „Und dann den griechischen Eröffnungsfilm, der erste Film, der da lief im Universum.“ Chris strahlt. „Das ist so wichtig für ganz Braunschweig“, sagt er. „Ich hoffe, dass sie leben können.“ Er sinniert. „Das war ein richtig schöner Abend, eine schöne Eröffnung, hat Spaß gemacht.“ Und dann war Chris auch am Samstagabend in der ehemaligen Krabbenkuppel bei der aktuellen Ausgabe des Silver Club. Da hat Chris aufgelegt, unten im Gewölbekeller, der einmal ein griechisches Restaurant war. Régine Rius las Serge Gainsbourg. Toddn legte auch auf. „Und Michel von Such A Surge, der Ex-Sänger, stand hinterm Tresen und hat mir eine Cola verkauft“, wundert sich Chris. Außer Toddn und Chris war noch Christoph als DJ dabei. „Spex-Redakteur und Intendant von irgendetwas, der ist kürzlich von Berlin nach Braunschweig gezogen, auf ein Dorf in der Nähe“, berichtet Chris. „Wir haben uns gut verstanden.“ Zwei Kunstausstellungen hat es gegeben, eine davon waren Bilder, auf LKW-Planen gemalt. „Die hingen im Eingangsbereich, Iggy Pop war auf einem drauf“, sagt Chris. Der Silver Club war wegen des DJ-Auftrags auf Chris zugekommen, sagt der. „Sie haben mich schon öfter gefragt, du musst kommen, unbedingt, aber es hat nie zeitlich hingehauen.“ Aber jetzt. „Mir hat’s Spaß gemacht, trotz der Hitze“, sagt Chris. „Lustig war’s, in dem Laden wieder zu sein, der original aussah wie früher, vor 19 Jahren, als ich Vegetarier wurde.“ Bis damals sei er regelmäßig mit seiner Jugendgruppe beim Griechen gewesen. „Immer schön Gyros und Pommes“, so Chris. „Erst vor einem Jahr wurde mir klar, dass der Laden dicht hat – und das schon sechs Jahre.“ Was damit passiert, ist noch nicht ganz sicher, doch: „Toddn will da demnächst seine ‚Please Kill Me’-Lesung halten.“ Am 10. Oktober nämlich. Toddn nennt die Krabbenkuppel in seiner Ankündigung Französische Botschaft. Chris wendet sich wieder seinem PC-Problem zu.

Sven Supernova

1. Dass es so weitergeht.
2. Ich hab auf jeden Fall schon mehr als zwei Platten hier gekauft.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#22 344

16. August 2009


Sonntag, 16. August

Ort der Handlung: Das Café Riptide im beschaulichen Braunschweig. Es ist Nachmittag, der Himmel ist blau und es ist entsprechend heiß. Arni, ganz in Schwarz, in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen, und Maren, in schwarzem Jim-Avignon-T-Shirt mit bunten Smileys, blauen Jeans und blauen Crocs, treten auf. Sie gehen kurz ins Café, um Sina, die hinter der Theke steht, bescheid zu sagen, dass sie da sind, holen sich aus dem Spieleschrank den Kniffelblock, den Plastikwürfelbecher mit sechs Würfeln und einen Kugelschreiber, nehmen sich die oberste Zeitschrift vom Zeitschriftenstapel und gehen wieder nach draußen. Vor dem Café öffnet sich ein achteckiger Platz. Das Riptide hat dort Tische und Stühle aufgestellt, mit genügen Platz für den Fußgänger-Durchgangsverkehr. In der Nachbarschaft haben diverse andere Kneipen geöffnet, überall sitzen Leute draußen. Irgendwo läuft, gelegentlich hörbar, Fußball. Arni und Maren setzen sich an den Tisch links vom Ausgang, der jetzt noch im Schatten steht, legen die Zeitschrift auf ihre Vorderseite und beabsichtigen so, die auf die Rückseite gedruckte Vichy-Werbung mit der halbnackten Frau als Kniffelunterlage zu benutzen. Arni und Maren sitzen sich gegenüber.

(Sina) [kommt heraus] Habt ihr schon was gewählt?
(Maren) Ihr habt doch auch Eiskaffe, dafür habt ihr doch auch Eis da – meinst du, dass es möglich ist, dass ich nur Eis bekomme?
(Arni) Also Eiskaffee ohne Kaffee.
(Sina) Muss ich gucken, ich glaube, wir haben nur noch Schoko-Eis da. [geht ab]
(Arni) [blättert in der Zeitschrift und beginnt zu lesen]
(Sina) [kommt heraus] Ich war grad mit dem Kopf in der Truhe, aber das einzige, was ich anbieten kann, ist das Vanilleeis, das wir für den Eiskaffee nehmen.
(Maren) Das ist doch okay.
(Sina) Drei Kugeln, mit Schlagsahne und Schokostreuseln?
(Maren) Nur mit Schokostreuseln!
(Sina) [zu Arni] Und für dich?
(Arni) Ich hätte gerne einen Eiskaffee.
(Sina) [nickt und geht ab]
(Arni) [legt die Zeitschrift mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch] Stört’s, wenn ich meine Schuhe ausziehe? [zieht seine Sandalen aus]

(Sina) [bringt einen Eiskaffee und ein Schälchen mit drei Eiskugeln, Schokostreuseln und einer Physalis, bringt das Tablett ins Café zurück und setzt sich zu Arni und Maren an den Tisch, um zu rauchen] Gestern hatten wir hier vegetarisches Barbecue, wart ihr da?
(Arni und Maren) [schütteln die Köpfe]
(Sina) Das war nett, das haben die schon zum zweiten Mal gemacht. Da haben sie dort [zeigt auf die gegenüberliegende Seite des Achtecks] einen großen und zwei kleine Grills aufgebaut. Ich war der Grillmaster, obwohl drei Männer da waren. Chris wollte gar nicht grillen, André später schon, und dann war da noch Lennart, der war mal Praktikant hier, der hat auch mitgegrillt. Aber Chris wollte partout nicht grillen. [zieht an der Zigarette] Der Vorteil: Man kann den ganzen Tag grillen und riecht gut. Ich kenn das von meinem Vater, wenn der grillt, riecht der, als hätte er selber auf dem Grill gelegen.

[Eine Passantin mit einem kleinen Hund geht vorbei}
(Sina) Hunde fangen für mich ab Kniehöhe an.
(Arni) [zieht am Strohhalm seines Eiskaffees] Freunde von uns haben einen Hund, der ist so groß, der liegt auf Partys immer im Wohnzimmer in der Ecke, und wenn der mal aufsteht, ist das ganze Wohnzimmer voll.
[durcheinander redend beklagen sie sich, dass viele Leute mit ihren Hunden nicht umgehen können, und vergleichen das mit überforderten Eltern]
(Sina) Ich habe letzten Fernsehen geguckt, da hatte eine Familie zehn Kinder, beide keine Arbeit und wunderten sich, dass sie kein Geld hatten. Da wundert man sich, dass sie überhaupt so viele Kinder in die Welt gesetzt haben!
(Maren) [löffelt ihr Eis] Stimmt, das hätten sie sich beim [hält kurz inne und gestikuliert vage] siebten Kind schon überlegen können.
(Sina) [ist mit Rauchen fertig und steht auf] Wollt ihr noch was trinken?
(Maren) Ich nehme eine Fritz-Kola ohne Zucker.
(Arni) Und ich mit!

[Fußballgeräusche sind von nebenan aus einem Fernseher zu hören]
(Maren) [gespielt naiv] Bundesliga ist immer wie eine Lotterie. Man weiß nie, was kommt.
[Die Sonne ist inzwischen so weit gewandert, dass Arni und Maren nicht mehr im Schatten sitzen. Sie siedeln mit allem, was sie dabei haben, einen Tisch weiter in Richtung Fußgängerdurchgang um]
(Sina) [kommt mit den Getränken und wundert sich grinsend] Mal sehen, wo ich euch nachher finde!
(Arni) Wir sind Nomaden der Springflut. Die Leute in Braunschweig gucken immer ins Riptide, um die Uhrzeit zu sehen. ‚Schnell nach Hause, ist schon Tisch drei, Tagesschau!’
(Maren) [bereitet endlich den Kniffelblock vor. In die rechte obere Ecke schreibt sie die Zahl 344 und in die Namenszeile zunächst HANS NARR und dann dahinter KARTOFFEL]
(Arni) [beginnt zu würfeln, mit der hohlen Hand, ohne Becher, weil der aus Plastik ist und sehr laut klappert] Ich bin Hans Narr? Na, das passt ja! [Würfelt mit dem zweiten Wurf eine Große Straße auf die Zeitschrift] Tidelding!
(Maren) Ich bin die Kartoffel! [würfelt einen schlechten Wert] Ein mehliger Wurf. [betrachtet die Vichy-Werbung] Dieser Hintern lenkt mich ab!
[beide würfeln abwechselnd, Maren trägt die Werte auf dem Kniffelblock entsprechend ein]
(Maren) [würfelt eine Große Straße]
(Arni) Du hast ‚tidelding’ vergessen! [würfelt, Maren trägt ein]
(Maren) [würfelt drei Einsen, eine Zwei und eine Drei] Ich mach mal nen Kniffel! [schafft ihn jedoch nicht] Bei uns Kartoffeln ist das ein Kniffel!
(Arni) [laut und kurz] Nein! [wieder normal] Ein Kartiffel!
(Maren) Du hast ja Narrenfreiheit, Arni.
(Arni) [über einen guten Wurf] Nice dice! [Will Maren ärgern]
(Maren) Don’t mess with the Kartoffel!
(Arni) [würfelt zwei Fünfen]
(Maren) Fumf!
(Arni) Was mit Fumf. [würfelt keine einzige weitere Fünf] Schade, hätt fast geklappt, ey!
(Maren) [mit Blick auf den fast vollen Block] Wir brauchen beide noch Viererpasch. [Schafft ihn nicht]
(Arni) [schafft ihn auch nicht] Erbärmlich!
(Maren) Niemand hat’s geschafft! [Zählt zusammen, Maren hat 245 Punkte, Arni 231] Die Kartoffel gewinnt! Erster Preis: ne Fritteuse! Oh weh!

[Die Sonne hat Arni und Maren eingeholt, sie wandern in die Ecke weiter, in der tags zuvor noch der Barbecue-Grill gestanden haben muss, und sitzen jetzt genau dem Eingang zum Café gegenüber]
(Arni) [singt, einen russischen Akzent imitierend, zur Melodie von „Mein Hut, der hat drei Ecken“] Mein Chund, der chat drei Beine…
(Maren) [beginnt die zweite Runde] Tidelding!
(Arni) Was ist denn das hier, Straßenbau?
[beide würfeln abwechselnd, Maren notiert wieder die Werte]
(Sina) [kommt heraus] Wollt ihr noch was trinken?
(Maren) Ich hätte gerne eine Bios Holunder-Traube.
(Sina) [zu Arni] Und du?
(Arni) [zeigt auf sein viertelvolles Glas] Ich hab noch, danke!
(Sina) [geht ab]
(Arni) [singt] Mein Chund, der chat drei Köpfe, und kommt aus Tschernobyl…
(Maren) [feststellend] Das singt Arni öfter beim Würfeln.
(Arni) [reicht Maren die Würfel] Wurrrst… Salat.
(Maren) Auch das sagt Arni öfter beim Würfeln.
(Arni) [guckt nach einem miserablen Wurf auf den Kniffelblock, den er nur auf dem Kopf lesen kann, und sucht die Spalte, in der Maren seine Werte eingetragen hat] Wo bin ich?
(Maren) Café Riptide.
(Arni) Mir ist schlecht.
(Maren) Es ist Sonntag. Nachmittag.
(Arni) Schlauberger-Liesel!
(Maren) Ich sag’s nur, wie es ist!!!
(Sina) [kommt aus dem Café heraus genau auf den Tisch zu] Wer ist am führen?
(Maren) [hebt den Finger wie in der Schule] Die Kartoffel! [Arni und Maren haben noch zu trinken, Sina geht wieder ab] Die Kartoffel liegt in Führung, dicht gefolgt vom Narr!
(Arni) [würfelt vier Sechsen]
(Maren) Die Kartoffel kriegt hektische Flecken…
(Arni) Sprossen!
(Maren) [zählt jetzt die Punkte der zweiten Runde zusammen; Arni hat 265, Maren 237 Punkte] Der Narr gewinnt!

[Viele Fußgänger nutzen die Passage als Durchgang, viele werfen Blicke auf das kniffelnde Paar]
(Maren) [bereitet den Block für die dritte Runde vor] Nach wie vor gilt es, die 344 zu knacken. [schreibt ‚waam’ auf den Block, fügt nach kurzem Stutzen ‚sinn’ hinzu]
(Arni) [will eine Große Straße versuchen, aber es klappt nicht]
(Maren) Die Kartoffel zeigt die jetzt, wie’s geht! [würfelt wertlose Zahlen]
(Arni) Aha, so geht das also?
(Maren) Das ist die klassische Kartoffel-Verwirr-Taktik!
(Arni) [gelingt es gleich im nächsten Wurf] Tidelding!
(Maren) Trélegant!
(Arni) Trélegant? Sind das Tiere?
(Maren) Ja. Mit Fühlern. [würfelt fünf Vieren] Kniffel!!!
(Arni) Der erste Kniffel heute! [würfelt vier Vieren] Ich hab oben bis jetzt immer eine mehr. [Das braucht er, um seinen eigenen Rekord, die 344, knacken zu können; Maren würfelt] Für die 344 braucht man oben mindestens einen Kniffel bei Fünfen oder Sechsen, damit das eine kryptische Zahl wie 120 als Summe ergibt. [würfelt fünf Fünfen]
(Maren) Frrrrrrechheit! [würfelt ebenfalls fünf Fünfen, guckt verdutzt auf den Kniffelblock] Kniffel hab ich schon! Das darf man auch nicht oft sagen: Kniffel hab ich schon!
(Arni) Dann streich doch die Chance! [guckt auf den Block] Ich brauch noch ne Große Straße. [würfelt] Tidelding!
(Sina) [kommt raus, setzt sich an den ersten Tisch] Ich bleib mal in der Sonne sitzen. [raucht genüsslich, steht dann auf und räumt Sitzkissen zusammen] Braucht noch jemand ein Kissen?
(Arni) Ja, ich!
(Sina) [bringt es ihm]
(Arni) Danke, und ich hätt auch gerne noch einen freundlichen Kaffee!
(Sina) [steckt Arni ein weiteres Kissen hinter den Rücken] Mit Milch?
(Arni) Bitte. [nickt] Das ist’n Service!
(Maren) [rechnet das Ergebnis der dritten Runde aus; Maren hat 318, Arni 249 Punkte]

(Sina) [bringt die Tasse Kaffee und geht wieder ab]
(Arni) [packt den beigelegten Keks aus der Hülle, beißt ab] Lotte!
(Maren) [deutet Schläge in Arnis Gesicht an] Das gibt gleich Lotte links-rechts!
(Arni) [zeigt ihr kauend den angebissenen Keks, auf dem ‚Lotte’ steht]
(Maren) Whole Lotte Love! Arni fängt an!
(Arni) [beginnt die vierte Runde und würfelt vier Einsen]
(Maren) Arni fängt doch nicht an!
(Arni) [würfelt noch eine Eins] Lautloser Schrei! Haste gehört? [Maren würfelt, Arni ist wieder an der Reihe, würfelt fünf Dreien]
(Maren) Arni fliegt raus! Zwei Runden, zwei Kniffel! [würfelt]
(Arni) [würfelt drei Sechsen, gespielt enttäuscht] Kein Kniffel.
(Maren) Soll ich die Sechsen streichen?
(Arni) Streich den ganzen oberen Bereich.
(Maren) Gerne! [überlegt] Sind Kartoffeln eigentlich automatisch Triebtäter?
(Arni) Je nach Jahreszeit.
(Sina) [kommt aus dem Riptide an den Tisch von Arni und Maren]
(Maren) Ich krieg Hunger!
(Sina) [unterbricht nickend] Einmal. Mit Käse.
(Arni) [lacht] Hunger überbacken!
(Maren) Ich hätte gerne ein Tomate-Mozzarella-Fladenbrot.
(Sina) Gut. [geht ab]
(Maren) [würfelt vier Zweien]
(Arni) Jetzt gibt sie Gas. Jetzt gibt sie Gäschen!
(Maren) Aufgrund meiner Vergäslichkeit…
(Arni) [würfelt und lacht]
(Maren) …muss ich immer schnell machen.
(Arni) [würfelt wertloses Zeug, gespielt erbost] Ooooh!!!! Dich bring ich auch noch mal raus!
(Maren) [würfelt] Ja? Bringst du mich groß raus oder klein?
(Arni) Wenn, dann schon groß! [würfelt erneut wertloses Zeug, guckt auf den Block] Dann streich den Full House!
(Maren) [erkennt besser, was noch offen ist] Du meinst wohl den Viererpasch!
(Arni) Wasse weiße iche!
(Maren) Wasser ist immer unten, weißt du das nicht?
(Arni) Nee! Haste noch nie ne Wolke gesehen?
(Maren) [guckt nach oben in den strahlendblauen Himmel] Nee. Heute nicht.
(Arni) Aber ist doch blau, ist alles Wasser! [grinst] Die Abenteuer von Klein-Maren. Heute: Klein-Maren unter Wasser.
(Maren) [zählt die Punkte zusammen; Arni hat 292, Maren nur 219] Das ist noch nicht mal ein Krokettchen!
(Arni) Ein zufriedenstellendes Resultat!

(Sina) [kommt an Arnis und Marens Tisch]
(Maren) Ich würd gern noch was trinken.
(Sina) Wieder was Limonadiges?
(Maren) [nickt]
(Sina) Kennst du schon die Mate-Cola? Ist wie Mate-Tee, nur eben mit Cola.
(Maren) Die probier ich!
(Sina) [geht ab und kommt mit der Cola wieder; neben Marens fast leerem Glas mit roter Brause steht jetzt eines mit Mate-Cola; Sina geht wieder ab]
(Maren) [stürzt die Bios-Brause hinunter und greift nach dem Cola-Glas] Von Rot zu Schwarz. [trinkt einen Schluck]
Denken kann ich, Gottseidank
mach mir einen Zaubertrank
schütt ihn in mein Köpflein rein
möchte so gern Gewinner sein!
(Arni) [lehnt sich genüßlich zurück] Es ist erstaunlich, wie schön so ein Tag in Braunschweig sein kann, wenn man’s richtig angeht.

[von irgendwo nebenan ist plötzlich Gebrüll zu hören] Tor!!! Nein, Pfosten, das gibt’s ja nicht!!!
(Maren) [dreht ein Kniffelblatt um und zieht darauf Linien]
(Arni) [nimmt den sechsten Würfel hinzu und beginnt die erste Runde Zehntausend] 1.100, ich bin drin!
[sie würfeln abwechselnd. Um ins Spiel zu kommen, müssen sie mit mindestens 1.000 Punkten eröffnen, danach zählen nur die Würfe, die sie mit mindestens 350 Punkten quittiert haben. Gewinner ist, wer als erstes genau 10.000 Punkte erreicht]
(Maren) Auch 1.100, ich bin auch drin!
(Arni) Ich mach… [würfelt fünf Zweien] 20.000!
(Maren) n bisschen drüber! [der Wind weht das Blatt vom Tisch, auf dem Maren die Punkte notiert; sie greift danach, verfehlt es und muss aufstehen, um es aufzuheben; gespielt hysterisch] Keiner hilft mir! Alle sehen, was passiert, aber keiner macht was! [setzt sich, stellt das Colaglas auf das Blatt und würfelt ebenfalls fünf Zweien] Auch 20.000, Mist! Das sind die 10.000 der Verzweifelten, oder was!
[Nach nur sehr wenigen Runden verliert Maren mit geringer Punktzahl. Sie beginnen eine weitere Runde]
(Arni) Wer ist dran? [würfelt] Little dranner boy. [würfelt 1.450 Punkte und ist drin] Nehmich!
(Maren) Nehmich? Wohnt in der Habichschongasse.
(Arni) [würfelt, legt eine Eins heraus, würfelt zwei weitere Einsen, eine Fünf und zwei wertlose Zahlen, hätte also schon 350, die er notieren dürfte, steckt aber den Fünfer-Würfel zu denen, mit denen er erneut würfelt]
(Maren) Der Heeerr möchte mehr!
(Arni) Das reimt sich. Und was sich reimt, ist gut! [würfelt eine weitere Eins und hat also 400] Schrei’ma auf!
(Maren) Schrei ma auf? Uah! [sie braucht viele Runden, um mit 1.050 überhaupt ins Spiel zu kommen, während Arnis Punktekonto wächst] Hätt ich auch nicht mehr mit gerechnet!
(Arni) [hat einen Punktestand von 4.550, würfelt 450, muss quittieren, würfelt 5.000 dazu] Macht 5.450!
(Maren) Dann biste bei… [rechnet] 10.000!
(Arni) Alter! [läst sich überrascht in seinen Stuhl zurückfallen] Das hab ich aber auch noch nie geschafft, bei unter der Hälfte rauszuwürfeln!
[Es geht auf Ladenschluss zu, Sina möchte Feierabend machen]
(Maren) [Räumt die Kniffelzettel zusammen und befördert die sechs Würfel zurück in den Plastikbecher] Das war’s! [Arni und Maren bringen Flaschen und Gläser, Kissen und Kniffelsachen ins Café, bezahlen und verabschieden sich von Sina]


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#21 Helga hat Hochkonjunktur

25. Juli 2009


Donnerstag, 16. Juli

Der Monat in der Mitte von April und November gestaltet sich wie eine Mischung aus diesen beiden, nur in schwül. Wer sich vom gelegentlichen Regen nicht verscheuchen lässt, sucht sich einen Platz draußen, vor dem Café. Chris, der heute ein Grandmaster-Flash-Shirt trägt, schlängelt sich zwischen den Tischen hindurch. Er ist auf dem Heimweg und bereitet sich schon auf das Melt!-Festival vor. Dort wird er einen Stand haben und Platten verkaufen. „Nächste Woche liest Till Burgwächter im Riptide über Wacken“, kündigt er noch an, dann ist er weg.

„Es ist schön, wenn man hochguckt“, sagt Janna an einem der Tische und guckt hoch. Die Schwalben ziehen ungewöhnlich hoch über ihr ihre Kreise und rufen dazu schrill. „Wenn man sich vorstellt, dass da früher noch ein Glasdach drüber war“, sinniert sie und betrachtet den Balkon und die Bögen über sich. Sie hält inne. „Ich frag mich, wer das putzt“, grinst sie. Dann lässt sie wieder ihren Blick im Achteck schweifen. „Eine hübsche Ecke, wenn man so guckt.“

André kommt heraus und nimmt die Bestellung entgegen. „Eine Latte Macchiato mit Vanille-Eis ohne Sahne“, bestellt Janna zunächst, überlegt dann aber: „Geht auch eine Eis-Schokolade ohne Sahne?“ André fragt: „Meinst du Frappé? Das gibt’s in weißer und dunkler Schokolade, auch Vanille, kannst du auch mit Sirup verfeinern – ich glaube, das ist das, was du meinst.“ Janna denkt kurz darüber nach und meint dann: „Mir geht’s da auch um die Kalorien – ist da Zucker drin?“ André nickt, schränkt aber poetisch ein: „Ein Hauch, eine Prise nur.“ Damit überzeugt er Janna. „Okay, das nehme ich“, sagt sie. André grinst: „Dafür sind da dann aber auch viele Vitamine drin.“ Sie lachen.

Drinnen packt André Kisten, die Chris mit aufs Melt! nimmt. Die LP- und CD-Fächer sind schon ziemlich leer. Neben der Kasse liegt „Accelerate“ von R.E.M. in der normalen und der Digipak-Version zum Sonderpreis. „Die haben wir nur heute im Angebot“, sagt André. „Wir dachten uns, wir machen mal so was.“ Er geht wieder nach draußen und räumt Jannas leeres Glas ab. „Und“, fragt er sie, „kommt das dem nahe, was du dir vorgestellt hast?“ – „So ziemlich“, entgegnet sie zufrieden.

Donnerstag, 23. Juli

Neben den Seuchen- und Diktatoren-Quartetts gibt es jetzt auch ein Die-Ärzte-Kartenspiel auf dem Tresen, direkt neben dem Michael-Joseph-Jackson-Fach mit einigen Alben zum Sonderpreis, allen voran „Thriller“. „Das hat er sich mal verdient“, meint Chris. Er packt neu eingetroffene LPs aus und weg. Obenauf liegt eine ganz bunte. „Das ist Portugal.The Man, ein superaufwändiges Cover, Blüten kannst du da so rausfalten“, erklärt er. „Ich bin hier grad Kleinkram am rumtüddeln, wir müssen gleich den Abend vorbereiten“, sagt er kurz. Der Abend, der steht im Zeichen des Wacken Open Airs, denn Stamm-Leser Till Burgwächter wird eine Woche, bevor das Metal-Fetsival startet, also heute, hier themenbezogen lesen.

Dann erzählt er von einem Konzert: „Ich war mal ganz alleine bei einer Band, das war mir unangenehm, ich hab mich nicht getraut, wegzugehen, aufs Klo oder so. Das war in Wolfsburg, ein Konzert mit sechs Bands, so legendären wie Peace Of Mind – Anfangs waren da noch so 50 Leute da, irgendwann war ich alleine. Ich kannte die Band auch persönlich, die haben dann immer gesagt: Für Chris spielen wir auch noch einen, und ich hab mir nur gewünscht, dass sie aufhören…“

Chris und André packen schon wieder Plattenkisten. Morgen fährt André an Omas Teich, einem Festival in Ostfriesland, in Großenfehn. „Ich hab noch genug vom Melt!“, sagt Chris. „Ich bin noch immer kaputt.“ Die Omas-Teich-Packerei vermischt sich mit den Vorbereitungspackereien für den Abend. „Was ist denn heute Abend?“, fragt Daniel. „Eine Heavy-Metal-Lesung“, antwortet Chris, „das ist das lustigste, was es gibt.“ Daniel kann nicht: „Ich hab Training.“ Chris grinst: „Was denn, Hallen-Jojo?“ – „Fußball.“ – „’n Kicker“, sagt Chris. Daniel nickt: „Und Samstag geh ich zur Eintracht.“ Eigentlich war Daniel ins Riptide gekommen, um nach Platten zu gucken, aber die werden ja gerade verpackt. „Suchst du was Bestimmtes?“, fragt Chris. „Nee, ich wollte nur gucken“, sagt Daniel. Empfehlungen kann Chris trotzdem geben, er kennt seine Kunden: „Die neue Major Lazer ist gut, das wird eine Referenzplatte, da bin ich mir hundertprozentig sicher, die geht los mit Elektro von Diplo, dann holen sie die Dancehall-Reggae-Keule raus“, beschreibt Chris. Für Daniel klingt das verlockend. „Die Moderat hat mich enttäuscht“, entgegnet er dann, und fragt: „Wie war eigentlich das Melt!?“ Chris seufzt. „Ich sage drei Worte: Schrecklich, nie wieder. Nur einen Tag später wusste ich, dass ich schon aufs nächste Jahr warten würde.“ Eine Beobachtung hat er gemacht: „Männer in pinken Leggings sind der neue Trend.“ Daniel glaubt: „Das kann ich nicht tragen.“ Chris winkt ab: „Da haben es auch Leute getragen, die es nicht sollten.“ Zur Lesung kann Daniel nicht bleiben, er geht schon wieder.

Dafür kommt Lukas, der vor einiger Zeit nach Amon Amarth gefragt hatte. Der Technik-Verweigerer. „Inzwischen habe ich ein Handy“, sagt er resigniert. „Hab mich angepasst.“ Aber er grinst: „Meine Nummer haben nur zwei Leute.“ André fragt ihn: „Was möchtest du denn?“ Lukas dreht sich einmal um sich selbst. „Eine… Hermann-Kola.“ André grinst: „Was war das denn, ein Michael-Jackson-Move?“ Lukas entgegnet: „Eine Entscheidungshilfe.“ André fragt: „Und was dazu?“ – „Einen Muffin.“ – „Welchen?“ Lukas dreht sich erneut einmal um sich selbst. „Schoki.“ Er nimmt alles entgegen, dankt und sagt: „Ich geh wieder rüber zu Serge.“

Der kommt kurz darauf selber ins Café. „Ich bekomme einen Hotdog mit Sauerkraut“, sagt er in Richtung Chris, dreht sich um und ist schon beinahe wieder draußen. „Hast du den schon bestellt?“, vergewissert sich Chris. „Nee, ich bestelle jetzt“, sagt Serge nachdrücklich und geht wieder zu seinem Laden nach nebenan.

Till und Annika kommen ins Café. „Was darf’s denn ein?“, fragt Chris den Destruction-Shirt-Träger mit der Mähne. „Alkoholfreies Bier, Honigmilch?“ – „Haahaa, lustig“, sagt Till. „Ach nee“, korrigiert sich Chris, „ihr Metaller trinkt ja Blut aus Hörnern.“ Ein Astra bestellt sich Till stattdessen. Und Annika: „Hab ich da grad ein Becks Green Lemon gesehen?“ Hat sie, bekommt sie auch. Chris entschuldigt: „Wir müssen noch vorbereiten.“ Till entschuldigt ebenfalls: „Bin ja auch ganz schön früh da.“ Annika und er setzen sich nach draußen.

Chris niest ständig. Eine Folge vom Melt!, ist er sich sicher. Während der Umräumarbeiten findet Chris die Zeit, vom Melt! zu erzählen: „Es waren vielleicht drei trockene Stunden am Sonntag“, sagt er und niest erneut. Er berichtet vom Orkanregen und dem Einsatz von Feuerwehr und Polizei, die ein Bühnenzelt geräumt haben. „Es gibt da die Gemini-Bühne, da hatten sie das Dach nicht fest genug gespannt, da bildeten sich Blasen mit 200 Litern Wasser drin, und als der Orkanregen losging, waren natürlich alle im Zelt. Dann kam die Feuerwehr und hat gesagt: Alle raus, wenn die Blasen platzen, das ist gefährlich – ich weiß jetzt, wie laut das ist, wenn 10.000 Leute pfeifen. Die sollten alle in den Regen, mit Höschen, Bikini und Sandalen. Irgendwann kam die Polizei und wollte das Zelt räumen – ich weiß nicht, was die als nächstes gemacht hätten. Wasserwerfer vielleicht, dann wären sie alle schon mal nass. Irgendwann sind dann alle raus in den Orkanregen. Am nächsten Tag hast du gehört, alle Zelte waren durchweicht, alles war nass…“ Chris niest.

Während Chris und André weiter herumräumen, kommt Serge zurück ins Café. „Also, der schmeckt ja schon klasse“, sagt er über den Hotdog und bringt seinen Teller grinsend in die Küche. Er kommt wieder heraus, im Weitergehen sagt er noch: „Lob, wem Lob gebührt“ und ist dann auch schon verschwunden.

Till bestellt sich ein weiteres Astra und berichtet dann, wer ihn da eigentlich gerade begleitet: „Das ist Annika Blanke, sie kommt aus Ostfriesland. Ich habe sie letzte Woche in Braunschweig beim Poetry Slam getroffen, sie hat einen Text über Wacken gelesen. Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass wir einen ähnlichen Stil und Humor haben, und haben gesagt, wir müssen mal was zusammen machen.“ Das wird dann heute Abend sein. „Sie liest auch in Wacken, zusammen mit Andreas Schöwe, der hat ein Buch über Wacken gemacht, zum 20. Geburtstag, das heißt ‚Wacken Roll’, daraus liest er.“ Auch Till liest demnächst auf einem Festival: „Ich bin morgen in Hamburg auf dem Headbangers Open Air und übermorgen lese ich dort – ein sehr metallastiges Wochenende!“

Chris deutet auf die Wand hinter dem Lesetisch. „Guck mal, ich hab den Hintergrund extra für dich gestaltet!“ Viele Metal-LPs hat Chris dort aufgereiht, darunter auch die „Feuermond“-LP der Drei Fragezeichen. Sie verfallen sofort in Heavy-Metal-Fachsimpeleien. Till erzählt dann vom Death Angel- und Kataklysm-Konzert, das er kürzlich im Meier gesehen hat. „Bei Kataklysm ist ein Crowdsurfer, der lässt sich auf dem Rücken tragen – mit einem Hefeweizenglas in der Hand, ist da genießerisch am trinken – der Sänger hält die Band an, spricht den an – wie heißt du?, Harry oder so, Harry, du darfst dir nach dem Konzert an unserem Merchandising-Stand ein T-Shirt aussuchen, so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Lukas kommt ins Café und bringt seine leere Flasche zurück. Er singt: „One, two, three, A B C…” Jackson 5! „Lief grad im Bierteufel”, sagt er, singt weiter, geht wieder raus und ruft noch „See You!“ in den Raum.

„Den Gitarristen von Very Wicked treffe ich ab und zu im Stadion“, erzählt Till gerade. Beim VfL Wolfsburg, was macht er da? „Da bin ich dienstlich“, sagt Till. „Ich war schon in vielen Stadien in Deutschland und bei unendlich vielen Spielen – aber das war das erste Mal, dass ich dabei war, als eine Mannschaft Deutscher Meister wurde.“ Er strahlt. „Ich habe nichts gegen den VfL – ich bin ja St.-Pauli-Fan.“ Er wirft einen Blick nach draußen, wo Annika sitzt. „Wir müssen noch absprechen, was wir lesen – sie schreibt gerade noch an einem Text, das wird eine Weltpremiere im Riptide.“

Chris und André haben sich Unterstützung für den Abend geholt. Sina steht jetzt hinter der Theke. „Seit vier Monaten helfe ich am Wochenende und mal abends, wenn Veranstaltungen sind“, sagt sie. „Damit die beiden auch mal zu Schlaf kommen“, fügt sie lächelnd an. „Ich pendele immer so zwischen Merz und hier hin und her“, sagt sie. „Ist schön hier, wie ein Wohnzimmer, es ist ein schöner Ort zum –“ sie überlegt kurz, ist sich dann aber sicher: „Arbeiten.“

Inzwischen ist Annika an den Tresen gekommen. Sie bestätigt Sina: „Ihr habt’s schön hier“, sagt sie und bestellt bei Sina noch ein Becks Green Lemon. Dann fällt ihr Blick auf die von Chris präparierte LP-Reihe. „Oh, ihr habt ‚Feuermond’ auf Vinyl?“, stellt sie erfreut fest. „Ich bin riesengroßer Fan, hab alle Folgen und kann dir sagen, die roten mit Verschraubung und so.“ Damit meint sie die alten Kassetten der Drei Fragezeichen. Annika kommt aus Leer. „Es gibt eine Metal-Party im ‚Limit’ in Ihrhofe, da kommt immer ganz Ostfriesland zusammen“, erzählt sie. „Die sind dort tolerant, da steht der Hardcore-Fan neben dem Fan von…“ Sie überlegt kurz und wählt dann exemplarisch „Eisregen.“ In Leer gibt es das alte Zollhaus mit der „40 Up Party“, schon seit Jahren läuft die da. „Die gibt es immer noch“, sagt Annika. „Und im Alten Zollhaus machen wir jetzt unseren Poetry Slam.“ Sie geht wieder raus zu Till.

Derweil stöpselt Chris das Mikro ein und testet den Sound. Sina läuft herum und räumt die letzten Gegenstände beiseite. „Sina, du kannst jemanden grüßen, deinen Freund oder so“, sagt Chris und hält ihr das Mikrofon hin. „Meine Chefs“, sagt Sina. „Meine Chefs sind super und sehen gut aus und das Riptide ist ein gutes Wirtschaftsunternehmen.“ Chris nimmt das Mikro zurück und sagt: „Das letzte hab ich nicht verstanden, nochmal!“ Er legt das Mikro auf den Tisch und beendet damit seine Arbeiten. Mittlerweile muss er nämlich gehen. Chris legt heute Abend noch im Brain auf. „Ich will noch etwas essen, ein bisschen schlafen vielleicht“, sagt er.

Das Café ist vorübergehend für Publikum geschlossen. Till und Annika sitzen draußen und besprechen ihre Texte. Guido setzt sich an einen der Tische. Zur Lesung kann er nicht bleiben, „da ist noch ein Riesenstapel Arbeit liegengeblieben“, sagt er. Dann erzählt er von D. Boon, dem Gitarristen der Minutemen. „Da gibt es eine CD mit Sessions aus der besten Minutemen-Zeit“, sagt Guido. „Das Label hat da jetzt eine Bonus-CD beigelegt mit weiteren Sessions aus der Zeit.“ Bassist Mike Watt habe die autorisiert. „Umtriebig, der Mann – wahrscheinlich einer der besten Künstler überhaupt“, findet Guido. Dann erzählt er von „Big Bottom Pow Wow“, einer DJ-Maxi mit einem Spoken-Word-Track. „Da unterhalten sich Watt, Les Claypool und Flea über das Bassspielen“, sagt Guido. „Die gibt es gerade bei Ebay“, jedoch für zu viel Geld. Guido schon wieder weg.

Draußen sammeln sich indessen viele Gäste und warten auf Einlass. Zu denen gehört auch Kui. „Wir haben am Samstag einen Gig in Gifhorn, im H1“, kündigt er an. Er spielt in der Band Carbid!. „Der nächste Auftritt ist am 22. August bei einem Bikertreffen, bei den Flying Bikers, in Biewende bei Wolfenbüttel.“ Und dann geht die Lesung los. Doch schon vor dem ersten offiziell gelesenen Satz gibt es einen regen Schlagabtausch zwischen Till und dem Publikum, dass ohnehin zu zwei Dritteln aus Freunden Tills zu bestehen scheint. „Naja, einem Drittel“, wird Till später korrigieren. Till kündigt seine spontane Gastleserin an als „die Doro Pesch Ostfrieslands“. Aus seinem Buch „Die Wahrheit über Wacken“ liest er einzelne Passagen vor, die er mehr oder weniger streng nach Buchstaben geordnet hat. Wenn Till liest, betont er seine Texte wie ein Krisengebiets-Korrespondent aus dem Heutejournal. Nach jeder Zeile ertönt aus dem aufgekratzten Publikum mindestens ein Kichern, häufig aber lautes und schallendes Gelächter. Dann überlässt Till Annika das Mikrofon, die sich in ihrem soeben erst vervollständigten Text eine Welt aus Metall ausmalt. Sie spricht unglaublich schnell und setzt ihre Pointen ganz anders als Till. Das Publikum muss sich hörbar an ihren Stil gewöhnen, aber ebenso hörbar hat es große Lust, sich auf Annika einzulassen. Mit lachmuskelkaterverzerrten Bäuchen entlassen die beiden nach einer Stunde ihr Publikum in die Pause.

Nach draußen, wo die Luft deutlich angenehmer ist als drinnen. Deswegen sitzen Stephan und Dennis auch lieber außerhalb des Riptides. „Wir können hier zwar nichts hören, aber drinnen ist es einfach zu warm“, sagt Dennis. Er überlegt, ob man nicht einen Lautsprecher oder gleich die Lesenden herausbringen sollte. „Oder nee“, dreht er sich zu André um, der an der Kasse sitzt, „Funkkopfhörer!“

Nach der Pause erspielt sich Annika endgültig eine komplette neue Fangemeinde – mit einem Text darüber, wie sie als Festivalvorbereitung Grillfleisch einkauft. Die Leute machen mit, imitieren das „Piep“ des Barcodelasers, rufen „Hunger!“ und sowieso bei jeder aufgezählten Fleischsorte mindestens „aaaah!“ oder „hmmm!“. Das Publikum feiert mit Annika ein imaginäres Grillfest, man spürt deutlich, dass ihr Text am besten gar nicht enden solle. Till greift das Grill-Thema auf und deutet auf den in der ersten Reihe sitzenden Frank, mit den Worten: „Den besten Text zu dem Thema hat Frank geschrieben, den kann ich achtmal hören und muss immer wieder lachen.“

Danach toppt Annika noch ihre Grillausführungen. Sie hyperventiliert ihre Geschichte vom ersten Mal in Wacken eher als Poetry Slam denn als Lesung. Sie outet sich ungestraft als U2-Fan und wirft immens komische Blicke auf Metaller, wie: „Black Metaller sind so böse, die schlafen sogar schlecht“ und dergleichen unfassbar viel mehr. Davon gibt es auch einen Film im Internet, wie sie diesen Text performt, und dieser Film verschaffte ihr das Engagement, in Wacken zu lesen, berichtet Till.

An sich ist längst Schluss, aber die Gäste wollen natürlich eine Zugabe. Die bekommen sie auch von beiden, Till zuerst, dem es gelingt, Braunschweig und die umliegenden Städte treffend zu beschreiben, verunglimpfend zuvorderst, und damit bei den umsitzenden Zwerchfellen die letztmöglichen Lachsalven freizusetzen. Doch auch Annika soll noch einmal lesen. „Hab ich noch was metallisches?“, fragt sie besorgt und sucht in ihren Unterlagen. „Ich hab hier noch die Wegbeschreibung vom Riptide“, zeigt sie und wählt dann doch ein Gedicht mit einem völlig anderen Thema.

Bei der Hitze drängen sich nach der Show die Gäste an der Theke und ordern Getränke. Roland kommt ins Café, genau zum Ende der Vorstellung. Er kennt Annika vom Braunschweiger Poetry Slam. Gregor, der Annika für die Zeit ihres Aufenthalts in Braunschweig Unterkunft gibt, begrüßt Roland. Als der seine Haare ausschüttelt, sagt Gregor: „Du siehst aus wie Gaby Baginsky.“


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#20 Die Grenzen der Kontrolle

24. Juni 2009


Donnerstag, 11. Juni

Es ist Abend, was im Sommer erfreulicherweise bedeutet, dass es noch hell ist. Es ist auch warm genug, um draußen zu sitzen, was viele Gäste tun. André ist um diese späte Uhrzeit alleine hinter der Theke, aber bei weitem nicht alleine im Café.

Zu den vielen Gästen gehört auch Marcel, der ehemalige Praktikant Nummer 5. Zu ihm an den Tresen gesellt sich Michael. Wolfsburg ist das Thema: Kann man ironiefrei sagen, dass man die Stadt mag? Das kulturelle Angebot scheint sich zu mausern, doch vom deutschen Fußballmeister ist Michael nicht so überzeugt. „Das ist wie mit der Eintracht“, glaubt er, „die werden nie wieder einen Titel schaffen und dann ihr Leben lang von dem einen reden.“ Doch sei jeder Meister besser als die Bayern, abgesehen von 1860.

Marcel ist mit einer kleinen Gruppe von Freunden da und setzt sich an den Tisch mit dem Sofa. Den teilt sich die Gruppe mit einigen Gästinnen, die dort schon sitzen. Nach einer Weile entdecken sie das Kinderspiel mit dem Flugzeug, das im Spieleschrank des Cafés auf an sich viel jüngere Gäste wartet. Die spontane Spielegemeinschaft hat zumindest den ganzen Abend über Spaß an dem sich drehenden Plastikflugzeug. Immerzu hört man das Klackgeräusch, das ertönt, wenn das Flugzeug auf seiner Runde eine Spielstation erreicht. Dazu erschallt das laute Gelächter der Spieler.

Ermuntert von diesem Treiben, inspizieren zwei andere Gäste den Spieleschrank. Sie fördern ein Schachbrett inklusive Figuren zutage, tragen es nach draußen und dort hochkonzentriert Partie um Partie aus.

Für einen kurzen Augenblick kommt Chris ins Riptide. An sich hat er schon Feierabend, aber auch nur kurz: „Ich lege heute Abend noch auf.“ Und weil die Zeit allmählich eng wird, verabschiedet er sich auch schon wieder.

Für Michael ist das aktuelle Kinogeschehen in Braunschweig ein wichtiges Thema. Seit das „City“ geschlossen ist, bietet das „Cinemaxx“ ein entsprechendes Programm unter dem Namen „Artmaxx“ im eigenen Haus an. Viele Braunschweiger sind verwirrt und glauben nun, im „Artmax“ mit nur einem X gäbe es jetzt ein Kino. Einer der letzten Filme, die Michael im „City“ gesehen hat, war „The Fall“ von Tarsem Singh. „Den kannte ich schon, den habe ich auf Blue Ray“, sagt er. Trotzdem wollte er ihn noch mal im Kino sehen. Im „City“ angekündigt war noch „The Limits Of Control“, der neue Film von Jim Jarmusch, doch das „City“ schloss knapp vor dem Filmstart. Jetzt hofft Michael, dass der wenigstens im „Artmaxx“ laufen wird. Er bestellt bei André einen Kaffee.

Dienstag, 23. Juni (Sankt Hans)

In Braunschweig machen die Geschäfte zu. Es ist nach 20 Uhr, warm und trocken, also ideal, seine Zeit draußen zu verbringen. Michael und Christian kommen gerade aus dem Riptide. Sie haben keine Zeit: „Wir wollen ins ‚Cinemaxx‘, den neuen Jarmusch sehen“, sagt Michael. Wie angekündigt. Es war schon viel Schlechtes über den Film zu hören und zu lesen, aber davon lässt Michael sich nicht beirren. „Ich berichte, wie ich ihn finde“, sagt er und stürmt mit Christian los.

Auch fürs Riptide bedeutet diese Uhrzeit an einem Dienstag Ladenschluss. Ein Gast stöbert trotzdem noch in den Platten herum, André bereitet sich auf seinen Feierabend vor. Von Michaels Vorhaben, „The Limits Of Control“ zu gucken, hat er erfahren. „Den will ich auch noch sehen“, sagt André. Nicht zuletzt wegen der Musik von Boris, die den Score eingespielt haben.

„Gestern hatten wir hier eine Ausstellungseröffnung“, erzählt er. Die Begleitparty hat lange gedauert: „Ich war erst spät zu Hause.“ Tapas gab’s, berichtet er, zubereitet von der Künstlerin Celia selbst. Celia zeigt Gemälde und Zeichnungen, die über den Tischen und dem Sofa an den Wänden hängen. Sie sind farbenfroh und ernst. Genähte Kakteen stehen im Fenster, dem „Fernseher“. „Die sind auch von Celia“, sagt André. Eine genähte Puppe hängt sogar zwischen den Bildern.

Plötzlich stürmt Régine ins Café. Ihre Ausstellung ging gestern zu ende, sie hatte heute ihre Bilder abgeholt. Für den November plant sie eine weitere Lesung im Riptide und freut sich auch schon darauf. Noch mehr freut sie sich über die anstehenden Ferien: „Ich habe endlich alle Klausuren abgegeben.“ Klingt nach Lehrerin. Sie verabschiedet sich und verschwindet in die Passage.

André beginnt jetzt, die Klappschilder und Pflanzen ins Café zu holen. Bevor er die Drahtseile um die Tische und Stühle draußen schlingt, gönnt er sich eine Feierabendzigarette und ein passendes Getränk. Während er so sitzt, radeln und spazieren Leute vorbei, die ihm einen schönen Feierabend wünschen. Ein Paar trudelt ein. „Wir haben leider schon geschlossen“, sagt André. „Aber ihr könnt euch gerne noch die neue Ausstellung angucken.“ Das Angebot nehmen sie an. Nach einer Weile kommen sie zurück und lesen den Infozettel in der Cafétür. „Aus Spanien kommt sie“, stellen sie fest. Sie unterhalten sich noch eine Weile mit André und wollen dann an einem Tag wiederkommen, an dem das Riptide auch nach 20 Uhr noch offiziell geöffnet hat. Das wird am Donnerstag sein. Inzwischen hat André aufgeraucht und ausgetrunken und alle Stühle zusammengeschlossen. Es ist Feierabend, weit nach 21 Uhr, es ist hell und warm und sieht ganz danach aus, dass dieser Abend noch etwas zu bieten hat.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de
Myspace: www.myspace.com/riptide_rules

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

ACHTUNG! NEUE Öffnungszeiten ab dem 01.05.2010:
MO – MI: 10 bis 23 Uhr
DO: 10 bis 1 Uhr
FR – SA: 12 bis 1 Uhr
SO: 12 bis 19 Uhr