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#40 Leih mir nen Fünfer

23. Februar 2011


Mittwoch, 23. Februar

Der strahlendblaue Himmel und die helle Sonne lassen den Eindruck entstehen, dass nach einem Vierteljahr endlich der Frühling an der Reihe ist, doch hält der Winter gleichzeitig mit einigen Minusgraden dagegen. Nach Draußensitzen sieht es lediglich aus; die Gäste zieht es ins Innere des Café Riptide. Zwei bunt bestückte Kinderwagen stehen zwischen Caféraum und Tonträgerbereich. Die Fahrgäste dieser Vehikel schwirren dazwischen umher. Sie können zwar laufen, aber noch keine Wörter sagen. Sie wetzen immer um den CD-Kasten herum, eines der Kinder hält dabei ein Buch in der Hand. Beide sind mächtig gut gelaunt und glucksen bei ihrer wilden Hatz. Mit den typischen Versteckspielblicken gucken sie mir dabei zu, wie ich das neue Intro aus dem Aufsteller vor der Theke nehme und mir bei Lukas eine Fritz-Kola ohne Zucker bestelle. „Das hat sich mittwochs so eingebürgert“, erklärt Lukas, während er mir das Getränk reicht, mit Blick auf die Kinder. „Das gefällt mir – ich bin nicht mehr allein in der Küche, irgendwer ist immer da.“ Das kann ich mir so lebhaft vorstellen, wie sich die Kinder verhalten. „Eigentlich sind sie zu dritt“, sagt Lukas. „Einer kommt vielleicht noch.“ Er zieht sich seine Jacke über und bringt ein Tablett mit Getränken in die Rip-Lounge.

Im Café ist es für mitten in der Woche und mitten am Tag reichlich gut gefüllt. Die fröhlichen Kinder gehören zu einer aufmerksamen Gruppe am Tisch neben dem Eingang. Nina, Eva und deren Begleiter haben immer Augen auf Tilda und Janno. Nina steht auf. Sie sieht Tilda am CD-Kasten und guckt sich rund um den Kasten nach Janno um, vergeblich zunächst: „Wo ist er denn – gibt es hier noch einen Ausgang?“, fragt sie. Dann entdeckt sie Janno zwischen den Barhockern an den CD-Spielern vor der Heizung stehend aus dem Fenster schauen, bestens versteckt. Beruhigt setzt sie sich wieder. Auch Tilda entdeckt Janno. „Da“, ruft sie strahlend und zeigt auf ihren Freund. Ihr eigenes Versteck findet sie zwischen den T-Shirts, die an einem Aufsteller hinter den CDs hängen.

Wer von draußen kommt, bringt den Anblick von Kälte mit ins Café. Chris etwa hat seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als er die Tür hinter sich schließt und die Kapuze abnimmt, sieht man, dass er mindestens so sehr strahlt die Janno und Tilda. Kaum hinter dem Tresen, nimmt er eine Kundenbestellung auf. Doch überlässt er diese Aufgabe anschließend Lukas und räumt stattdessen ein wenig im Laden auf. Während er Flyer auf die Flyertische zurücklegt, den T-Shirt-Ständer geraderückt und die Kiste mit den CDs Braunschweiger Bands durchguckt, listet er die nächsten drei Filme der Reihe „Sound On Screen“ auf. „Der Film im März mag vielleicht merkwürdig anmuten, ist aber bestimmt gut – ich habe ihn noch nicht gesehen“, sagt Chris: „‚Helden für die Hosen’ über Deutschlands härtesten und gefährlichsten Motorradclub.“ Der Club besorgt die Security und übernimmt alle möglichen weiteren Jobs bei den Hosen und den Beatsteaks. Die Rocker fungieren als Roadies, nicht Rowdies, wie es irgendwo im Internet zu lesen stand. „Ein Punkrock-Rocker-Film, eine Spielfilm-Doku“, sagt Chris. Der Film über die „Black Devils“ hat sogar Deutschlandpremiere im Universum-Filmtheater. Chris ist beim LP-Fach „F“ angekommen und fährt mit seiner Liste fort: „Der Film im April: 49 Prozent Motherfucker und 51 Prozent Son Of A Bitch.“ Davon hatte ich schon gehört: Ein Freund war bei der Rush-Vorführung, da kündigte schon jemand den „Lemmy“-Film an. Chris freut sich schon darauf. Und darüber, dass der Slogan mit den Prozenten auf dem Filmplakat steht, dass Ian Kilmister also selber so von sich spricht. Film Nummer drei: „Im Mai zeigen wir einen ganz besonderen Film, der ist schwierig vom künstlerischen Anspruch her.“ Der Film heißt „Utopia ltd.“ und lief jetzt bei der Berlinale. „Das ist ein Film über die Hamburger Punkband 1000 Robota.“ Chris meint, die Presse schwärme von dieser kunstvollen Doku: „Das wird richtig spannend.“ Er fischt die aktuelle LP von 1000 Robota aus dem entsprechenden Fach. Die Band ist jetzt beim Hamburger Label Buback, das zweien der Goldenen Zitronen gehört und das demnächst in Wolfsburg eine Ausstellung bekommt, im Kunstverein im Schloss nämlich. Als ich das im Musikexpress gelesen hatte, schaute ich gleich im Internet nach. Dabei entdeckte ich, dass Kunstvereins-Vorsitzender Justin Hoffmann Gründungsmitglied der Band FSK, Freiwillige Selbstkontrolle, ist – die seit einigen Jahren zwar ohne ihn auskommen muss, aber ebenfalls bei Buback unter Vertrag steht. In Wolfsburg gebe es einige interessante Kooperationspartner, sagt Chris, doch habe sich bislang noch kein Kontakt ergeben. Dafür habe er auch schon die übernächsten drei „Sound On Screen“-Filme im Kopf. Doch er dämpft meine Neugier: „Die sind noch nicht spruchreif.“ Eine geplante Sommerpause verzögert die Auflösung dieses Rätsels außerdem: „Die Filme kommen im Oktober, November und Dezember.“

Tilda und Janno, die eben noch um unsere Beine und die anderer Kunden herumstromerten, bekommen jetzt Mützen aufgesetzt und Jacken angezogen, Janno von Nina, Tilda von Eva. Beide Kinder sind etwa 18 Monate alt, berichtet Nina. Vom Riptide als Kinderspieloase schwärmt sie: „Das klappt hier super, es ist kinderfreundlich und die Kinder trinken ihren Milchschaum.“ Ich frage sie nach dem dritten Kind, von dem Lukas sprach. „Rosa kommt manchmal noch“, bestätigt Nina. Weder die Eltern noch die Kinder, die sich hier jeden Mittwoch treffen, sind verwandt, sagt Nina: „Wir kennen uns von Pekip.“ Das wiederum kenne ich nicht. „Das ist das Prager Eltern-Kind-Programm“, klärt Nina mich auf, während sie Janno in seinen Kinderwagen setzt und sich verabschiedet. Eltern und Kinder verlassen dick eingepackt das Café.

Ihnen kommen Gregor und André nacheinander entgegen. Gregor im Iron-Maiden-Shirt ist der neue Praktikant, klärt Chris mich auf. „Ein Stammkunde, wie üblich“, sagt Chris erfreut. Gregor gibt mehr Details: „Ich mache das während der Schulzeit, vier Wochen.“ Er mache Hauswirtschaft, da seien zwei Wochen Praktikum im Betrieb und anschließend zwei Wochen in der Schulküche die Regel. „Aber ich hatte dem Riptide schon für vier Wochen zugesagt“, sagt Gregor. „Ich bin der einzige, der vier Wochen im Betrieb ist.“

Am Tresen überkreuzen Benno und ich unsere Arme bei dem Versuch, unsere Getränke von der Theke zu nehmen. Benno guckt durch die LPs. Ich verspreche ihm, ihm seinen Kaffee warm zu halten. „Dann halte ich deine Cola kalt“, antwortet er und stöbert weiter in den LPs herum. Carsten, der voll bemützt und mit beschlagener Brille hereinkommt, bestellt sich bei Lukas einen Kaffee zum Mitnehmen. Er ist Mitglied der Session Lounge, von der Le’Band- und Cultur-Pub-Jogi immer schwärmt. Carsten spielt Gitarre, Bass und Schlagzeug, „hauptsächlich Schlagzeug, das ist mein Ding, ich unterrichte das auch an der Schule Fit in Music.“ Außerdem ist er Mitglied im Verein für Eigenkompositionen, Eiko. Der Verein hat an jedem letzten Freitag im Monat eine Show in der KaufBar, Schepper und Roland Kremer moderieren dann. Und Carsten spielt auch noch in einer Band namens Agapornis. Das Internet widerlegt den Gedanken, der Name habe etwas Pornöses: Agapornis sind Papageien. Auf Deutsch heißen sie Unzertrennliche, auf Englisch Lovebirds. „Wir machen Krautrock“, sagt Carsten, „aber unabsichtlich, wir hatten nicht die Technik, um modern zu sein.“ Jetzt suche die Band jemanden, der mastern kann. „Wir haben eine CD aufgenommen, die wollen wir verschenken“, sagt Carsten. Aber dafür müsse die Musik eben ordentlich gemastert sein. Lukas reicht Carsten den Kaffee herüber. „Ich wollte meinen Kaffee zum Mitnehmen“, rügt Carsten. „Ich kann ihn dir umschütten“, bietet Lukas grinsend an. Doch Carsten, der seinen Kaffee eigentlich am liebsten im Gehen trinkt, entscheidet sich zur Ausnahme. Den beigelegten Keks mag er allerdings nicht. „Ich schenke dir meinen Keks“, sagt er an mich gewandt und legt ihn auf Bennos Untertasse. „Ich stehe nicht so auf Weihnachtsgebäck.“ Meine Fritz-Kola steht weiter drüben auf der Theke, das kann Carsten nicht wissen. Ich grinse, als Benno sich über den Zuwachs an seiner Kaffeetasse wundert, und kläre beide auf. „Danke“, sagt Benno und reicht dann Lukas einen Stapel CDs: „Einmal reinhören.“ Lukas’ scherzhafte Ablehnung werde ich erst später verstehen. Carsten schwärmt von The Band Without Glantz aus Braunschweig, „fällt mir gerade so ein“. Wir freuen uns beide darüber, dass es in Braunschweig zurzeit wieder so viel Kultur gibt, nachdem für eine viel zu lange Weile Ruhe war. Ich terminiere den Beginn der Ruhe auf das Ende des FBZ. Da leuchten Carstens Augen, wir zählen Bands auf, die seitdem nicht mehr nach Braunschweig kommen, aber mal im FBZ gespielt haben: Einstürzende Neubauten, Yo La Tengo. „Bad Brains“, sagen wir gleichzeitig. Wenigstens Phillip Boa kommt im März wieder nach Braunschweig, sage ich, ins Meier nämlich. „Immerhin“, sagt Carsten. Er glaubt fest, dass diese schönen Zeiten wiederkommen werden. „Solche Bands wie NoMeansNo könnten im Nexus oder im Schweinebärmann auftreten“, meint er. NoMenasNo! „Die habe ich jedes Jahr gesehen, wenn sie in der Gegend waren“, sagt Carsten. Die Auftritte auf der Orangenen Bühne in Roskilde 1997 und im Forellenhof Salzgitter 2001 haben wir sogar beide gesehen. Carsten wohnt auf einem Dorf bei Liebenburg, sagt er, und sage seinen Nachbarn immerzu, sie sollen nach Braunschweig kommen, dort passiere wieder etwas. Er nickt. „Die könnten wieder nach Braunschweig kommen“, sagt er erneut über NoMeansNo. Ich spreche der guten Idee nur ungern die Wahrscheinlichkeit ab und fühle mich dabei unwohl. Carsten blockt das ab: „Lass uns träumen.“ Stimmt, das können wir tun. Die Tasse ist leer, Carsten setzt sich seine Mütze auf und verschwindet in die Kälte.

Chris sitzt im Büro, André packt neue LPs aus, unter anderem die Box von Mogwai, Gregor faltet Gutscheine, wenn er nicht Kunden bedient, was ihm Lukas noch abnimmt, obwohl der längst Feierabend hat. „Ich mach hier mein Privatvergnügen“, sagt Lukas zu André, der ihn ans Dienstende erinnert. Lukas unterhält sich noch mit Benno, seinem Kollegen, wie ich jetzt erfahre. „Seit einem Jahr arbeite ich hier“, sagt Benno. Lukas spricht vom „Dreamteam“ am Donnerstagabend ab 21 Uhr, Benno pflichtet ihm lachend bei. Bevor sie Lukas’ Feierabend mit einer gemeinsam eingenommenen Mahlzeit irgendwo in der Stadt einläuten, nimmt Lukas noch Steffis Gutscheinheft entgegen, das Butler’s-Bonus-Buch. „Das wusste ich bis eben auch nicht, dass wir da drin sind“, sagt Lukas und schneidet den Gutschein aus Steffis Heft heraus. „Im Flips-Heft seid ihr auch“, sagt Steffi. Aber mit etwas anderem als zwei Muffins zum Preis von einem. „Leckere Kirschmuffins“, freut sich Steffi, und Lukas korrigiert: „Die heißen Frühstücks-Muffins.“ Sie nimmt die Tüte mit den beiden Backwaren mit Vorfreude von ihm entgegen.

Im Eingang stehen erneut zwei Kinderwagen. Die dazugehörigen Kinder heißen Nenad und Mia-Mathilda, verrät Jennifer. Sie ist weder Mutter der Kinder noch verwandt, sondern Freundin, und weiß: „Nenad ist ein serbischer Name.“ Beide Kinder sind gerade ein Jahr alt und wie Tilda und Janno in der Lage, mit Spielzeug in der Hand herumzurennen. „Mittwochs ist Kindertag“, hat auch Jennifer beobachtet. „Die treffen sich immer hier.“ Sie selbst hat seit zwei Wochen einen enorm kurzen Weg ins Riptide: Sie ist Miteigentümerin des Ladens „Piou – Kunst & Grafik“ gegenüber, in den Räumen der ehemaligen Schneiderei. „Wir machen auch ganz viele Kindersachen“, sagt Jennifer. Die Eröffnung war zeitgleich mit der neuesten Ausstellungseröffnung in der Galerie „Einraum 5-7“ und im Riptide. Mit ihr führt Tanja den Laden. „Tanja macht Grafikdesign, Kinderklamotten, Anziehsachen mit selbstgezeichneten Motiven, Körnerkissen, Mobiles – und ich mache Accessoires für Große“, zählt Jennifer auf. Kommt der Name „Piou“ vom italienischen „più“, also „plus“ oder „mehr“? Jennifer lächelt: „‚Piou’ kommt aus unserer Fantasie.“

Lukas macht endgültig Feierabend, mit Benno geht er auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich schaue kurz nach gegenüber zu „Piou“. Ich erinnere mich, dass mir Poetry-Slam-Organisator Pott alias Patrick Schmitz davon erzählt hat. Er plant selbst, einen Laden zu eröffnen, und zwar den „Kingking Shop“ in der Kastanienallee, und er hat vor, sein Netzwerk auszubauen und mit vergleichbaren Läden wie „Tatendrang Design“ oder eben „Piou“ zusammenzuarbeiten. Ich gehe danach noch in einen anderen Laden, der eng in diese Braunschweiger Kulturfamilie gehört: Raute Records. Gestern habe ich bei Uwe und Katrin die „Wild Frontier“ von Gary Moore als Doppel-LP mit den ganzen Maxi-Versionen als Bonus gesehen, die möchte ich gerne haben. Und wenn’s aus Pietätgründen ist. Aus denen kaufe ich aber nicht alles: Die LP von Peter Alexander lasse ich stehen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#39 Neusortierung

8. Januar 2011


Samstag, 8. Januar

Überraschend unwinterlich zeigt sich diese Januartag. Die Sonne strahlt wie selbst im Sommer kaum, es sind über null Grad, die weiße Pracht aus Dezembertagen ist dahingeschmolzen, Winterdepressionen anlässlich er zuletzt grauen, pieseligen Tage sind weggespült, die Launen heben sich allenthalben. Überraschenderweise sitzt aber niemand im Achteck zwischen Café und Rip-Lounge, das lassen sich die Gäste doch sonst nicht nehmen. Dafür sind sowohl das Café als auch die Rip-Lounge bis auf den letzten Platz gefüllt. Chris, Jasmin und Lara haben gut zu tun, wirken aber gar nicht so. Die drei sind so entspannt und freundlich wie ihre Gäste.

Nach all den Jahresrückblicken ist jetzt mal ein Ausblick dran: „Ein paar schöne Veranstaltungen“ verspricht Chris. Er nennt ein Beispiel: „Das erste Highlight wird am 5. Februar die Lesung von Nagel.“ Der ja schon einmal im Riptide war, damals mit einem Buch über Tourneen seiner Ex-Band Muff Potter. „Er hat ein neues Buch geschrieben“, sagt Chris. Er freut sich, dass ihm Nagels Label einige administrative Arbeit abnimmt: „Der Vorverkauf läuft über Grand Hotel van Cleef, dann müssen wir uns nicht darum kümmern.“

Doch beschränken sich die Vorhaben der Riptide-Chefs Chris und André für 2011 nicht auf reine Veranstaltungsthemen. „Verändern, Verbessern, Umbauen in den nächsten drei Monaten, um mehr Möglichkeiten und mehr Platz zu haben“, sagt Chris. Mehr gibt er noch nicht preis, sondern zeigt mir stattdessen das neueste Quartett: „Wir haben seit heute ein Quartett mit Blechrollern für Scooter-Fans.“ Er holt eine Promokarte dazu aus seinem Bürobereich. Sofort habe ich eine Assoziation zu dem Film, der als nächstes bei der gemeinsamen Serie mit dem Universum-Kino läuft: Dem Mod-Film von The Who. „Das ist Zufall, dass es zusammenfällt“, sagt Chris. „Aber es passt dazu.“ Der Quartett-Produzent sei eine Firma aus Hamburg, erzählt Chris. „Die Quartette sind auf 500 Stück limitiert und werden nicht nachgedruckt, und 50 Cent gehen als Benefiz an eine Kinderhilfsorganisation in Hamburg.“ Er legt ein Anschauungsquartett auf den Tresen in die Reihe mit den Seuchen, den Tyrannen und dem Rauschgift sowie dem weiteren neuen: „WM-Legenden in Mannschaftsform“, zeigt Chris, „mit Fußballbildern von Tante Käthe und Rudi Völler.“ Jasmin, die um Chris herum Kaffee in Tassen füllt und Getränkeflachen entkorkt, wirft ein, dass sie von Fußball keine Ahnung habe, stutzt dann aber kurz und fügt hinzu: „Ist Rudi Völler nicht Tante Käthe?“ Chris nickt. „Du hast ja doch Ahnung von Fußball – ich meinte Tante Käthe und Toni Schumacher.“ Er grinst. „Das Quartett ist ein totaler Männertraum.“

À propos Sound On Screen. Den Titel des Mod-Films, den das Universum am 20. Januar zeigt, darf Chris aus rechtlichen Gründen nicht namentlich nennen, obwohl er bereits bekannt ist. „Das ist kein Witz“, erklärt Chris. Auf den Film freut er sich schon: „Das ist der erste Klassiker, den wir zeigen.“ Eine weitere Reihe, die regelmäßig im Riptide läuft, ist „Frank Schäfer proudly presents“. Doch dafür gibt es noch keine neuen Termine, so Chris: „Frank wird sich melden, es soll ja dreimal im Jahr sein und das letzte Mal war gerade erst.“ Stimmt, da lud Frank sich kurzerhand selbst mit ein, als Ensemblemitglied des Heavy-Metal-Literatentrios Read ’em All. Die Texte der drei Drachentöter sind ja schon immer klasse, doch mittlerweile entwickeln Frank, Axel Klingenberg und Till Burgwächter latente Kabarett-Eigenschaften. Fast noch witziger als das Gelesene sind die Einwürfe und Zwischendialoge, mit denen sich die drei schmerzfrei über sich selbst lustig machen. An dem Abend hatte Frank noch einen Extra-Gast: Micha-El Goehre aus Bielefeld, der Stadt, die es… Micha-El betrachtete die Welt, wie wir sie kennen, aus der Sicht und mit den typischen Vorstellungen eines Black-Metallers. So fuhr eine Black-Metal-Reisetruppe in einer Geschichte extra über Ostdeutschland nach Norderney, damit der Kilometerzähler bei der Fahrt auf die Fähre exakt 666 anzeigte. War alles im Sinne des Black Metal, war es „true“. Und witzig war es zudem auch noch. So gut kann Samstagabendunterhaltung sein.

Ein As hat Chris noch im Ärmel: „Ende Februar haben wir hier wahrscheinlich ein Konzert – aber da gibt es noch nichts Konkretes.“ Einen Namen will er deshalb auch noch nicht nennen. Verständlich. Ansonsten sei die Riptide-Mannschaft gerade bei der „Neufindung“, so Chris. „Ich freue mich auf das vierte Jahr.“

Mit einer CD-Hülle aus dem Fach kommt Carsten an den Tresen und fragt Chris: „Kann ich da mal reinhören?“ Chris bejaht, sucht die CD aus seiner Schublade heraus und reicht sie ihm. Nach einer Weile kommt Carsten zurück und sagt: „Ich dachte, das wäre eine Leatherface-Best-Of.“ Doch tatsächlich lautete der groß geschriebene Titel des Albums „Leather Face“, die Band hieß „Lawrence Arms.“ Carsten hält kurz inne und sagt nachdrücklich zu Chris: „Das ist ein Klasseladen, das muss ich mal sagen, und ich wünsche Euch, dass es so weitergeht.“ Chris freut sich, bedankt sich und wendet sich wieder dem vorherigen Thema zu. „Stand die in dem Leatherface-Fach?“, fragt er, und Carsten bejaht. „Sorry, die war dann falsch sortiert, das werden wir ändern.“ Chris umrundet den Tresen und erklärt: „Lawrence Arms ist eine amerikanische Punkrock-Band.“ Carsten fand die CD auch nicht schlecht, aber: „Ich bin auf Leatherface aus.“ Chris guckt im CD-Kasten und stellt fest: „Es sind noch welche da.“ Er zeigt Carsten einen der beiden Funde und grinst: „Das ist das hässlichste Cover, da hat Frankie Stubbs seinen Hund fotografiert und das Album einfach ‚Dog Disco’ genannt – willst Du mal reinhören?“ Carsten will. Chris kehrt zum Tresen zurück, sucht die passende CD aus der Schublade aus, sagt „das wäre die ‚Dog Disco’“, während er sie Carsten herüberreicht. „Danke“, sagt der und geht an die CD-Spieler.

Eine Neuerung fällt mir auf, als ich mich den Vinyl-Neuheiten zuwende: Die sind mit Trennpappen alphabetisch sortiert. Chris bestätigt: „Die Singles sind auch sortiert, damit es übersichtlicher ist, und wenn das kommt, was ich vorhin gesagt habe, wird es noch übersichtlicher.“ Der Mann macht neugierig.

Ich bezahle meine Platten und drehe mich um. Hinter mir steht Obst in der Reihe, ebenfalls mit einem Stapel Platten in der Hand, „quer durchs Beet“, wie er sagt, und obenauf Mariachi El Bronx. „Die habe ich auf dem Groezrock-Festival in Belgien gesehen, die sind großartig“, schwärmt er. „Das Groezrock ist eines der besten Festivals, vom Line-Up her, die man sich angucken kann.“ Hardcore- und Punkrock-Bands spielen da, „alles, was Rang und Namen hat.“ Obst erzählt von den Zirkuszelten, in denen die Bühnen aufgebaut sind. „Das Blöde ist nur, dass es immer im April stattfindet, es ist immer kalt nachts.“ Nachts ist man ja ohnehin bei den Konzerten, außerdem habe man doch sicher Frostschutzmittel im Blut, werfe ich ein. Doch reiche das nicht, so Obst: „Wir sind einmal vom Konzert gekommen, da lag Eis auf dem Zelt, der Tau war gefroren, weil es so bitterkalt war.“ Wie es sich für einen überzeugten Festivalgänger gehört, grinst er bei der Erinnerung.

Obst spielt beim Akustik-Ska-Trio Splandit. Bis vor anderthalb Jahren wohnten wir noch in einem Haus, dann zog er zu seiner Freundin. Schon damals fand ich den Werdegang des Trios bemerkenswert. Obst berichtete im Treppenhaus strahlend von Touren nach Irland und England oder auch mal quer durch Deutschland. „Braunschweig ist jetzt unser Heimpflaster“, sagt er über den Status, den sich das Trio inzwischen erspielt hat. „Gerade das B58, es ist immer wieder schön, dort zu spielen.“ Doch mitten im Sprung gibt es ein Jahr Zwangspause: „Unser Sänger geht nach England.“ Seine Vorgängerband Blissplease hatte seinerzeit unter ähnlichen Umständen zu leiden, als ein Musiker für längere Zeit in Neuseeland war. „Aber wir versuchen, mit Splandit ein Abschlusskonzert zu machen, Ende Februar, das müssen wir aber noch abkaspern“, kündigt Obst an. Er schwärmt vom letzten Splandit-Auftritt mit Loudog im B58, zu Weihnachten: „Das war der Hammer, für Loudog war es das erste Unplugged-Konzert, für die passte es, dass sie uns vorher spielen ließen.“ Das letzte Splandit-Album ist auch schon fast wieder ein Jahr alt, „das davor nehmen wir noch mal neu auf, wir hatten nur 250 Stück und die sind weggegangen.“ Doch Blissplease erfahren demnächst eine kurzzeitige Renaissance, wie Obst berichtet: „Ein Kumpel studiert an den SAE-Tonstudios in Hamburg, die sind in einem Bunker in St. Pauli untergebracht.“ Das ist der Bunker mit dem Uebel & Gefaehrlich oben drüber. „Im Februar sind wir da, er muss als Abschlussarbeit einen Song aufnehmen, der muss über vier Minuten lang sein, den muss er aufnehmen, abmischen und einen Radio-Edit erstellen“, sagt Obst. „Und weil er Blissplease cool findet, fragte er, ob wir noch mal einen Song für ihn spielen wollen.“ So ganz Reunion wird es aber doch nicht: „Er spielt Schlagzeug, weil wir zu unserem Schlagzeuger keinen Kontakt mehr haben.“ Obst selbst freue sich auch darüber: „Mal noch mal einen alten Song neu hören.“ Schon beim Proben habe die Band überrascht festgestellt, dass sie die meisten Songs noch draufhabe. „Mal sehen, was wir mit dem Song dann machen.“ Vielleicht kommt er auf die alte Myspace-Seite von Blissplease.

Obst wendet sich Chris zu, um seinen Vinylstapel zu bezahlen, und sagt: „Ein Superladen, ich bin oft hier, ich bin auch von CD auf Vinyl umgestiegen.“ Er fragt Chris noch nach der neuen Smoke Of Fire, von der Chris sagt, dass sie weg sei, wenn sie nicht mehr im Fach stehe. Ich nehme Abschied von den beiden. Ein „prächtiges Wochenende“ wünscht Chris dem Gast hinterher, der zufrieden ins sonnige Achteck tritt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#38 Zurückblick in die Zukunft

10. Dezember 2010


Freitag, 10. Dezember

Seit Wochen haben wir herrlichstes Winterwetter, und das im Herbst. Heute ist es ungrau, wenn auch nicht so richtig klar, aber prima, um ein bisschen in der Stadt umherzulaufen. Wie zufällig führt mich mein Weg zu Raute. Uwe hat dort vielleicht noch die „Meddle“ von Pink Floyd für mich stehen. Mein Pech: Die letzte ist gerade rausgegangen. Macht nix, sowohl die LP als auch ich kommen immer wieder. Uwe und Chefin Katrin kündigen einen guten Termin dafür an: die Weihnachtsfeier, die sie am 17. und 18. Dezember im Laden veranstalten, mit selbstgemachtem Punsch nach Kathrins Geheimrezept, Sonderangeboten und kleinen Präsenten für Freunde und Stammkunden. Es klingt so, als würde Weihnachten gut in diesem Jahr.

À propos, ich möchte die Jahresabschlusszeit nutzen, mir von den Leuten ihre aufregendsten, erinnernswertesten, beeindruckendsten oder nachhaltigsten Geschichten aus den letzten zwölf Monaten erzählen zu lassen. Meine eigene ist folgende:

Matze

Im Sommer, als er kurz einer war, waren Schepper und ich eines Nachts auf Fototour in der Stadt unterwegs. Schepper mit seinem Bass, ich mit meiner Fotokamera. Wir hielten hier und fotografierten dort, etwa bei den Dinosauriern am Naturhistorischen Museum, auf dem Gaußberg oder vor den Schlossattrappen, wo wir Straßenbahnen an Schepper und seinem Bass vorbeirauschen ließen. Vorletzte Station – letzte sollte der Farbring sein, der im Rahmen des Lichtparcours’ an der Oker stand – war die Okercabana, genauer: die wunderbare Pornopalme. Mit Blitz und Langzeitbelichtung bannten wir Scheppers mit Bass in der Hand Umhergehen auf Film. Hernach überfiel uns Durst, also stellten wir uns an die Schlange der Okercabanagetränkeausgabe. Schepper traf dort im Halbdunkel eine Freundin, die erzählte, dass sie mit einer weiteren Freundin tiefer im Ganzdunkel säße. Wir schlossen uns ihr an, jeder ein alkoholfreies Hefeweizen in der Hand, ich den Apparat mit Stativ in der anderen und Schepper seine verpackten Instrumente auf dem Rücken. Die Freundin der Freundin rief uns aus dem Dunkeln entgegen: „Ach, Schepper, ich hab dich schon von weitem an deiner Silhouette erkannt!“ Der war überrascht: „Aber die hab ich doch heute gar nicht dabei?“

Uwe & Katrin

Uwe: „Wir haben einen Kunden, der ist Single-Sammler, der stand heulend bei uns im Laden. Am 2. Januar kurz nach 11 Uhr stand der tränenüberströmt im Laden, umarmte mich und sagte ‚ich liebe dich, ich liebe dich’. Katrin: „Du musst auch sagen, warum.“ Uwe: „Der hat eine Single von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich gesucht. 25 Jahre hat er versucht, die aufzuspüren. Da haben wir ihm kurz vor Silvester gesagt, dass wir sie ihm besorgen.“ Katrin: „Der ist jetzt 55. Das war am Samstag, 2. Januar, zur Wiedereröffnung.“ Uwe: „Das war die Single von ‚Zabadak’. Monatelang ging das so: ‚Haste ‚Zabadak’?’, ‚Haste ‚Zabadak’?’.“ Katrin: „Die haben wir ihm dann auf einer Börse gekauft.“ Uwe: „Dann kam er wieder: ‚Haste ‚Zabadak’?’, und ich sage: ‚Moment’. So fing das Jahr an. Die Single ist nicht so rar, aber der Mensch hat kein Internet. Er hat am 31. Dezember Geburtstag und hat schon angekündigt, er kommt wieder, und ich werde ihm wieder eine Single besorgen. Von Bloodwyn Pig, das Album mit dem Schweinekopf, dazu sucht er die Single.“

Die zweitbeste Geschichte war für sie die von dem älteren Paar, dem die beiden die Single vom „Lachenden Vagabund“ organisierten – auf Finnisch. Bei „Zabadak“ erstaunt es mich am meisten, dass es von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich ist. Die sind an sich schlimm, so etwas wie „Bend It“ kann man sich gar nicht anhören. Sirtaki von Engländern, die einen auf Karibik machen. Aber „Zabadak“ hat, wenn man mal die ganze Party-Stimmungs-Zuordnung und das Cover von der Saragossa Band wegdenkt, einen wehmütig-melancholischen Touch. Die Single würde ich mir auch noch kaufen. Vielleicht bei der Raute-Weihnachtsfeier?

Wenige Minuten später, in der Rip-Lounge treffe ich Micha. So muss das sein. Doch wie üblich ist Micha auf dem Sprung, dieses Mal aber wirklich. Deshalb fällt seine Geschichte auch nur kurz aus:

Micha

„Das Konzert von – ich weiß den Namen nicht, das war der Komponist, der beim Filmfest als Gast war – in der Wichman-Halle. Für mich gab’s da eine Geschichte, aber da müsste ich mehr Zeit haben. Das war ein bedeutsames, schönes, gutes Ereignis in diesem Jahr.“

Und weg ist er. Käme André nicht gerade mit einem Kaffee in die Rip-Lounge, säße Jasmin jetzt allein dort. Es ist zehn Minuten vor ihrem Arbeitsbeginn, deshalb will sie sich jetzt nicht die Zeit nehmen, über eine Geschichte nachzudenken, sondern weiterlesen – es ist gerade spannend. Also gehe ich mit André ins Café und höre mir dort seine Geschichte an, die keine richtige Geschichte ist.

André

„Allgemein, die ganze positive Resonanz. Das ist vielleicht kein Highlight, aber was ich nett finde, im neuen Intro, Linus Volkmann, der Chefredakteur, geht in Plattenläden und macht da ein Praktikum und macht eine Rubrik daraus, dass Platenläden es schwer haben, da hat er drei Beispiele genannt, wie es gehen kann, ein Plattenladen in Köln, einer in Hamburg – und das Riptide. Die Fußball-WM war sympathisch, das Wetter passte. Es ist schön, dass es allgemein so gut läuft, dass auch Sound On Screen so gut angenommen wird.“

Jasmin bindet sich neben André die Schürze um. Die spannende Stelle in ihrem Buch hat sie nicht zuende lesen können, da kam ihr der Dienstantritt dazwischen. Eine Geschichte will ihr nicht ad hoc einfallen. „Mein Jahr war langweilig“, behauptet sie, und ich glaube es ihr nicht, schließlich steht sie im Riptide hinter der Theke, das kann doch gar nicht langweilig sein. „Stimmt“, sagt sie, „ich hab hier angefangen, das war auf jeden Fall super.“ Echt, erst dieses Jahr? Kommt mir so vor, als sei Jasmin schon ewig dabei. „Im März, April so“, widerspricht sie aber. So richtig als gültige Geschichte wertet sie das jetzt aber nicht.

Mit beschlagener Brille blättert Stefan im Vinyl herum.

Stefan

„Ich habe eine krasse Geschichte erlebt. Wo ich angefangen habe im Betrieb – der Kollege, unter dem ich angefangen habe, hat den Job ein Jahr lang alleine gemacht, ich habe da ein Praktikum gemacht – da hat sich herausgestellt, dass der Geld unterschlagen hat. Der ist jetzt auf der Flucht, hat sich ins Ausland abgesetzt. Ich bin jetzt Auszubildender in dem Laden. Ich bin noch da, aber der Kollege ist weg. Das war krass.“

In der Tat, krass. Doch Stefan blickt nicht so weit zurück, wie er vorausschaut. „Fürs nächste Jahr plane ich eine Partyreihe in der Skateboardhalle“, verrät er. „Ich will Dubstep, Electronics, Drum & Bass und vielleicht eine Band an einem Abend präsentieren.“ Als Reihe? „Ja, das ist zwar noch in der Mache, aber ein festes Vorhaben.“ In der Walhalla ist er seit Anfang an engagiert. „Gleich das erste Konzert war das Beste, Obrint Pas aus Spanien, da hat die Kassenschlange bis in die andere Disco gereicht.“ Das muss dann ja das Cube gewesen sein? „Nein, noch davor, Toxic oder so.“ Er kichert bei der Erinnerung an die ganzen Punks, die in dem Laden gestanden haben. Und von den Rockern erzählt er, die die Security stellten. Ein Betrunkener schnappte sich das Mikro und sang. „Die Rocker haben sich das zwei, drei Minuten angeguckt und ihn dann freundlich von der Bühne geholt“, erzählt Stefan. Wahrscheinlich haben sie gewartet, ob vielleicht wie bei Black Flag ein zweiter Henry Rollins dabei herauskommt. „Nee, bei dem nicht“, lacht Stefan und wendet sich wieder den Schallplatten zu.

An einem der Tische sitzt Lars. Er ist mit einigem technischen Gerät beschäftigt.

Lars

„Viele Leute aus der Rockmusik sind gestorben dieses Jahr. Dio, Peter Steele, der Sänger von Gotthard, ich habe seinen Namen vergessen. Dio ist gestorben, eine Woche später haben Gotthard ein Dio-Tribute-Album herausgebracht. Das war schon länger geplant. Einen Monat später ist der Sänger auch gestorben, bei einem Motorradunfall in den USA. Er wollte sich einen Lebenstraum erfüllen und ist unter einer Brücke überfahren worden. Das fällt mir leider als erstes ein.“

Doch aus Lars blickt positiv in die Zukunft: „System Of A Down sind wieder zusammen, und ich sehe sie bei Rock im Park.“ Auch der Gitarrist sei wieder dabei, obwohl der jetzt bei Scars On Broadway Gitarre spielt. „Der hatte früher eine Glatze, jetzt hat er lange Haare und kifft die ganze Zeit“, grinst Lars und legt sein technisches Gerät zurück in die Pappverpackung. Die Musik von Scars On Broadway gefalle ihm, sagt er.

Am Nachbartisch sitzen Milena und Kathlen, unterhalten sich und warten auf die Crêpes, die sie bei Jasmin bestellt haben.

Milena

„Ich habe dieses Jahr von der Uni, der HBK, aus bei ‚Campus On Air’ mitgemacht, bei Radio Okerwelle. Da hat man eine Stunde zur Verfügung. Ich habe einen Beitrag übers Riptide gemacht – mein erster Radiobericht. Der wird am 15. Dezember ab 20 Uhr gesendet, da sind wir dann im Studio. Der ist nur vier Minuten lang, aber das war wirklich etwas Besonderes, entwicklungsmäßig ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe viele Leute interviewt, mit Chris geredet. Ich bin gerade erst nach Braunschweig gezogen, habe angefangen zu studieren. Für den Radiobeitrag sollten wir etwas Besonderes nehmen, das nicht unbedingt mit Braunschweig zu tun haben musste. Leute, die uns begeistern. Ich habe überlegt: Was hat Braunschweig für Besonderheiten? Da ist mir spontan das Riptide eingefallen. Das wünsche ich mir, dass sich in der Kulturlandschaft in Braunschweig etwas tut – das war meine Intention. Es war toll, wie das im Riptide aufgenommen wurde, die Leute waren offen und kooperativ. Ich habe die Atmosphäre beschrieben, die finde ich einzigartig. Chris hat erzählt, wie er dazu gekommen ist. Gerade das Vegetarische fand ich hier super von Anfang an.“

Jasmin bringt die Crêpes, Milena und Kathlen sortieren sich die Bestellung zu und probieren beieinander. Milena kommt aus Gießen, Kathlen ist gerade aus Hanau nach Hildesheim gezogen. Sie ist bei Milena zu Besuch und zum ersten Mal in Braunschweig. „Ich liebe so Wohnzimmerkneipen“, sagt sie. Die beiden Hessinnen lassen sich darüber aus, dass sie immer als Süddeutsche wegsortiert werden. „Hanau liegt genau in der Mitte“, mein Kathlen. Und sie stellt fest, dass sie für Hildesheimer Ansprüche viel falsch sagt: „Wir sagen ‚wem ist das’ statt ‚wem gehört das’ oder ‚wessen ist das’“, sagt sie.

Kathlen

„Ich war auf dem Berlin-Festival im September. Der Hauptact wurde kurz vor dem Auftritt abgesagt. Ich war sehr enttäuscht, ich hatte mich so darauf gefreut. Fatboy Slim sollte es sein. Nachts um halb vier haben sie es abgesagt und gesagt, wir sollen nach Hause gehen. Wir konnten das nicht glauben, wir haben das zuerst für einen Scherz gehalten und gewartet. Wir sind dann über einen Sicherheitszaun gestiegen. Die hatten viel zu viele Karten verkauft, die Anlage war viel zu klein. Wir waren bis halb sechs da, weil’s einfach nicht wahr sein konnte. Das war nicht mal der letzte Tag, wir haben nur drei Konzerte gesehen – viel Geld rausgeworfen für nichts. Es gab ein Nachholkonzert mit Fatboy Slim und noch zwei Bands, aber da hatte ich keine Zeit.“

Meine Mutmaßung, dass sich die beiden Studentinnen aus ihrer Heimat kennen, widerlegen sie mit einer völlig unerwarteten Geschichte: „Wir haben beide letztes Jahr ein Praktikum in einer Jugendherberge in Kanada gemacht“, erzählt Milena. Das Grinsen der beiden könnte kaum breiter sein. Gießen und Hanau liegen nur etwa eine Stunde auseinander, aber von dort kennen sie sich nicht. „Wir sehen uns heute nach Kanada zum zweiten Mal“, setzt Kathlen auch noch drauf.

Zwei Tische weiter unterhalten sich Jana und Mieke. Auch sie sind Studentinnen, doch nur Jana wohnt auch in Braunschweig. Mieke ist bei ihr zu Besuch.

Jana

„Ich war im Ausland ein halbes Jahr, von Mai bis September, in Schweden, in Lund. Ich habe dort meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich spreche kein Schwedisch, das braucht man dort auch nicht, man kommt mit Englisch ganz gut zurecht. Es ist schwer, ohne Vorkenntnisse die Sprache durch Hören aufzunehmen. Schweden war Zufall – ich wollte ins Ausland, wo es passt und ich einen Platz kriege.“

Mieke

„Ich hatte einen Superscheißsommer. Es war heiß, ich habe meine Zeit damit verbracht, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Ich habe in überhitzten Räumen gesessen und leichte Sommerkleidung getragen. Wir waren 50 Leute im Raum, es lief nur so, es war richtig heiß. Ich musste das so machen, weil mein Computer gerade kaputt war. Ich musste mich in volle Räume quälen. Es war eine Katastrophe – aber auch schön. Die Bücherei hatte 24 Stunden auf. Das war super. Wenn wir nachts um zwei fertig waren, sind wir noch etwas trinken gegangen. Das war eine nette Zeit.“

Ihr Besuch bei Jana ist Miekes zweiter Aufenthalt in Braunschweig. Beide kommen aus Bremen. Jana will auch wieder in eine große Stadt ziehen, wenn sie mit dem Studium fertig ist. „Braunschweig ist mir zu klein – mir ist sogar Bremen zu klein, obwohl es doppelt so groß ist.“ Das kann ich verstehen. Wenn ich mal aus Hamburg zurück nach Braunschweig fahre, denke ich auch manchmal: Mann, ist das alles klein hier. Aber dafür weiß ich, welche Möglichkeiten ich hier in der Stadt habe. „Zum Studieren ist Braunschweig auch gut, aber danach möchte ich weg“, sagt Jana.

Julius und Yngwie spielen am Nachbartisch Schach. Yngwie nennt Julius Jules, englisch gesprochen, wie in „Pulp Fiction“.

Julius

„Ich war auf Interrail-Tour quer durch Europa, mit dem Zug und mit zwei Kumpels, drei Wochen lang – das war das beste Erlebnis, das ich dieses Jahr hatte. Wir waren in Spanien, in England. Wir haben relativ lustige Sachen erlebt – unterm Eifelturm geschlafen, weil wir keine Unterkunft gefunden hatten. Wir haben viele Kulturen kennen gelernt unterm Eiffelturm. Und einen besoffenen Eiffelturmverkäufer.“

„Du bist dran“, sagt Yngwie zu Julius. Ich frage Yngwie, ob es sein kann, dass ich den Musikgeschmack seines Vaters kenne. „Da liegst du richtig“, lacht Yngwie. Julius erzählt, dass die beiden oft im Riptide sind. „Im Winter waren wir eine Woche lang jeden Tag hier, weil es so kalt war.“

Yngwie

„Für mich war das wichtigste Ereignis dieses Jahr das Hurricane – nicht wegen der Bands, sondern wegen des Konsums. Bandtechnisch hat es sich nicht so gelohnt, war aber lustig.“

„Ich stimme zu“, sagt Julius und bewegt eine Schachfigur. So recht erklären mag Yngwie seine Ausführungen nicht, ergänzt aber: „Mein persönliches Highlight war, dass ich weitermachen darf in der Schule.“ Auch das lässt er für sich stehen, grinst nur und wendet sich wieder dem Schachspiel zu. „Du bist“, sagt Julius.

Und dann sehe ich Bend in den CDs blättern. Ein Kreis schließt sich. Ich habe Bends Gesicht ungefähr zehn Jahre lang nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Er kennt mich nicht, ich war nur Kunde – und er Verkäufer bei Ran7. Das war für mich der Plattenladen schlechthin, in Braunschweig sowieso und auch allgemein. Was hab ich da nicht alles gefunden: „Cop Killer“ von Body Count auf Vinyl in der Erstauflage, „Dirty“ von Sonic Youth in der Erstauflage mit dem später nicht mehr verwendeten Foto unter der CD. Und Aberdutzende CDs und LPs mehr. Für mich als Jugendlichem war es auch immer lehrreich, bei Ran7 einkaufen und stöbern zu gehen – die Leute hinterm Tresen hatten, wie es sich für einen Plattenladen gehört, Ahnung und waren auskunftsfreudig. Zwischen dem Ende von Ran7 und dem Anfang von Riptide und Raute herrschte in Braunschweig die pure Schallplattenladenödnis. Gleichzeitig schloss damals auch das FBZ und läutete die inzwischen gottlob weitgehend vergangene allgemeine kulturelle Ödnis ein. Mit Riptide und Ran7 sowie Nexus, Zum Schweinebärmann Bar, KaufBar, Silberquelle und Silver Club kehrte vor einiger Zeit gottlob endlich die Kultur wieder in die Stadt zurück. Und jetzt steht Bend im Riptide. „Wo auch sonst“, sagt er. Erschütternderweise hat Bend von sich selbst nicht so viele positive Geschichten zu erzählen. Aber dafür – zum großen Teil auch daraus resultierend – jede Menge zu diskutieren. Wir verlaufen uns in aktueller Politik, Kultur und Gesellschaft. Bend ist ausgesprochen kritisch. Und doch nicht ohne realistische Hoffnungen. „Wenn ich im Lotto gewinne“, sagt er, „dann mache ich wieder einen Laden auf – natürlich klappt das nicht.“ Mit so einem Gewinn wäre er nicht vom Gewinn abhängig und damit freier in der Gestaltung. Als Mitarbeiter bei Ran7 war er seinerzeit als Kunde gelandet, erzählt Bend. „Der Chef hat mich gefragt, ob ich das machen will.“ Also hat er das gemacht. In seinem damaligen Job war er nicht so zufrieden, er jobbte in einem Architekturbüro und als Inline-Trainer. „Ich habe mein Geld mit Eishockey verdient“, grinst Bend. „Das waren die besten Zeiten.“ Nach dem Ende von Ran7 war er kurz bei Schaulandt und danach einige Zeit in Hannover bei 25 Music im Lager. Auch als Testfahrer hat er schon gearbeitet. „Man hangelt sich so durch“, sagt Bend schulterzuckend. Und anstatt auf 2010 zurückzublicken, richtet er seinen Blick nach vorne.

Bend

„2010 ist der Zeitpunkt, wo ich mir Gedanken mache, Initiative zu ergreifen. Leute zusammentrommeln, die sich Gedanken machen – soll das so weitergehen, kann man etwas unternehmen, was für Möglichkeiten hat man?“

Ich habe Bend getroffen. Ran7 im Riptide, ein Kreis schließt sich. Ich hätte nie damit gerechnet, auch nur irgendwen aus dem Laden jemals wiederzusehen, und bin gleichzeitig erschüttert, dass nicht alle so auf die Füße gefallen sind, wie ich es ihnen wünsche. Was aus seinen Ex-Kollegen geworden ist, weiß auch Bend nicht. „Eine Kollegin muss bei mir in der Nähe wohnen, die habe ich mal gesehen, als ich Wahlhelfer war“, sagt er. Und verabschiedet sich, er wollte nur kurz gucken und längst wieder weg sein. Ich habe Bend von Ran7 getroffen. Im Riptide. Da hat sich das Jahr 2010 einen Höhepunkt bis kurz vor Schluss aufgespart. Mit Wermutstropfen.

Chris kommt, schwer bepackt und bewollmützt. Eigentlich will ich gehen und Chris hat auch keine Zeit, weil er noch etwas holen muss. Eine Geschichte fällt ihm spontan nicht ein, sein Jahr sei langweilig gewesen, behauptet er. Das haben alle behauptet, bevor sie mir dann doch eine Geschichte erzählt haben. Außer Jasmin, wo steckt sie überhaupt? Vielleicht wird ja der Auftritt von Dirk Berneman heute Abend Chris’ beste Geschichte des Jahres. Ich nehme meine Mütze aus der Tasche und Abschied. Draußen begegne ich der besenschwingenden Jasmin, die sogleich strahlend ihre eigene Behauptung widerlegt, nichts Tolles erlebt zu haben.

Jasmin

„Meine Geschichte – worauf ich am stolzesten bin: Eine vierstöckige Hochzeitstorte, die ich zum ersten Mal im Leben gebacken habe. Ich habe Wochen nicht geschlafen, Tage damit verbracht, war mehlübersudelt. Die Torte war rosa mit ganz vielen Blumen drauf. Und das war die schönste Hochzeit, auf der ich je war.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#37 Am anderen Ende der Leine

17. November 2010


Mittwoch, 17. November

Zum ersten Mal bin ich mit dem Hund unterwegs. Allein. Zum ersten Mal deshalb, weil es nicht mein Hund ist: Meine Nachbarin besucht heute jemanden im Krankenhaus und braucht daher einen Aufpasser. Der bin ich gerne, der Hund ist klasse. Er heißt Leopold, weil seine Besitzerin so gerne in Braunschweig wohnt: in der Nähe der Leopoldstraße. Außerdem steht Leo für den Braunschweiger Löwen. „Leo“ wird er auch eher genant als „Leopold“, meistens aber „Poldi“. Und weil ich nun mal kurz ins Riptide will und wir ohnehin auf Gassirunde sind, muss Poldi eben mit. Heute Abend spielen Müller & die Platemeiercombo im LOT, bis dahin ist meine Nachbarin wohl wieder zu Hause.

Es riecht lecker nach Curry im Café. Und es ist schön warm, wärmer als draußen, was nicht schwer ist. Andererseits haben wir mit dem Wetter ja wohl Glück: Seit Juli unverändert, und das will im November schon was heißen. Der Curryduft kommt von Leifs Teller. Zu sehen ist dort aber nicht mehr viel, das Salatblatt ist das Letzte, was von der Mahlzeit übrig ist, mit einem Stück Brot schiebt Leif die offenbar sehr gute Sauce zusammen. Seit es früher dunkel wird, gibt es im Riptide auch wieder die Suppen der Woche. Eine davon widmete sich kürzlich dem Mann am Tisch: „Zwiebelsuppe for L(e)if(e)“. Heute stehen Schilder mit der Aufschrift „Bauer Power“ auf allen Tischen. Ich setze mich zu Leif und will die automatische Leine arretieren, damit Poldi nicht im Riptide umherläuft, weiß aber nicht, wie das geht, wenn ich es will, denn bislang ist es mir lediglich passiert, wenn ich es nicht brauchte, und ich hab die Arretierung nur per Zufall und mit Müh und Not entriegelt bekommen. Leif weiß bescheid. „Hier einfach hochschieben“, zeigt er mir und schiebt dort einfach hoch. In der Tat, so geht’s. „Bei meinem Hund würde die Leine nicht funktionieren“, sagt Leif. „Ich habe einen Pitbull.“ Zerreißt der die Leine? „Nee, der kennt einfach keine.“

Von Leif weiß ich, dass er sich mit Street Art auskennt, also frage ich ihn, ob er „Banksy: Exit Through The Gift Shop“ schon gesehen hat, damit ich von einem Bescheidwisser erfahre, wie er den Film einschätzt, den ich so lustig fand. An drei Abenden läuft der gerade im Universum. Nur drei Tage deshalb, weil an den vier Tagen der Kinowoche, die diesen drei Tagen vorangingen, noch das Filmfest lief. Und ich hab’s nicht einmal zum Filmfest geschafft, so ein Ärger. Dabei hätte ich so gerne den neuen Mike Leigh gesehen, „Another Year“. Selbst die Abschlussparty im Riptide habe ich verpassen müssen. Heute läuft „Banksy“ im Universum zum letzten Mal, aber ich hab ihn am Montag schon gesehen, weil heute Abend ja Müller & die Platemeiercombo im LOT spielen. Von Banksy halte ich viel, seit ich zufällig von ihm gehört hab, als er zusammen mit DJ Dangermouse die Paris-Hilton-CD verbesserte. 500 Stück hat er in englischen Plattenketten gegen seine Version ausgetauscht, kein Kunde hat sie returniert – dafür aber für teuer Geld bei Ebay eingestellt. Kürzlich wieder jemand: 5000 Pfund wollte der haben. Ein paar Klicks hätten ihm offenbart, dass die CDs bei Amazon Marketplace wochenlang selbst für 150 Euro nicht weggehen. Bei Discogs kosten sie so um die 50 Pfund und stehen trotzdem immer eine Weile dort im Bestand. Inzwischen hat der Verkäufer die CD zum zweiten Mal für 5000 Pfund bei Ebay eingestellt, und weil das nicht klappte, auf 750 Pfund reduziert, wie gehabt ohne Erfolg. Vielleicht schlage ich eines Tages bei Discogs zu und investiere in einen originalen Banksy. Es lohnt sich, das weiß ich, denn den Mix kann man sich legal herunterladen. Ein schicker Beat, 40 Minuten lang, mit einigen Samples, die so inhaltsreich sind wie ihre Urheberin Frau Hilton selbst. In der Mitte verwirrt ein Sirtaki. Das Booklet zieren Sprüche wie „Jede CD, die Du von mir kaufst, entfernen Dich ein Stück mehr von mir“. Den Humor mag ich. In seinem Buch „Wall And Piece“, das ich mir daraufhin zugelegt habe, zählt der anonyme Straßenkünstler Banksy diverse seiner Aktionen auf, wie die illegal in renommierte Museen geschmuggelten eigenen Werke oder die Straßenschilder ohne Sinn. Seine Graffiti haben sehr oft gesellschaftskritische und politische Botschaften, was ja der Spruch in der Hilton-CD schon belegt. Trotz allem bleibt Banksy ein Phantom, und das ist der größte Witz daran. Wer weiß, wer dahinter steckt – womöglich die Residents. Der Film offenbart nicht viel mehr über Banksy, er bestätigt lediglich dessen kritischen Humor. Ja, Leif hat den Film bereits gesehen. „Auf Russisch“, wie er berichtet. „Ich verstehe fließend Russisch.“ Meine Befürchtungen, dass ein Street-Art-Insider den Film vielleicht als Anbiederung oder wenig authentisch auffassen könnte, wischt Leifs Begeisterung vom Tisch. „Die beste Szene ist die, wo dem Typen der Farbeimer im Auto umkippt, die rosa Farbe läuft aus dem Auto, und er fährt weg – und zieht dabei eine Spur Farbe hinter sich her.“ Leif lacht. Er muss los, ich ja eigentlich auch, der Hund drängt. Ich will mich mit ihm für Samstag auf dem Markt am Altstadtrathaus verabreden, wo ich ihn fast immer treffe, aber: „Ich bin an diesem Samstag nicht da.“ Es wird einen nächsten Samstag geben. Und außerdem das Riptide.

Mit Poldi an der Leine hatte ich heute leider nicht die Gelegenheit, vor dem Riptide bei Raute einzukehren. Dabei hat Uwe extra die „Meddle“ von Pink Floyd für mich da, wie er mir vor einiger Zeit verriet. Und bestimmt auch wieder einen Kaffee. Im Prinzip hat das Riptide eine schöne Tradition auf die Spitze getrieben: Als Kunde eines ernstzunehmenden Plattenladens bekommt man eine Tasse Kaffee, wenn man sich anschickt, eine Weile in den Tonträgern herumzustöbern, und bereit ist, sich die fundierten Empfehlungen des Menschen hinter der Theke anzuhören. Vor kurzem war ich in Kopenhagen unterwegs, wie ich es regelmäßig gerne mache. Die Bob-Dylan-Ausstellung stand auf dem nicht sonderlich geplanten Programm, das sich dennoch wie von selbst um eine David-Lynch- und eine Picasso-Ausstellung erweiterte. Ein Tag ist aber immer für Cafés und Plattenläden reserviert. Es gibt eben einige Sachen nur dort: D-A-D immer etwas früher als in Deutschland, oder, wie im Falle von „Behind The Seen“, der gelungenen Raritäten-Compilation, auf Vinyl außerhalb Dänemarks gar nicht. Oder Red Warszawa, die prollige Metal-Band. Oder Dizzy Mizz Lizzy, die gerade ihr Reunion-Konzert als CD und DVD veröffentlichten. Oder Under Byen, die einen Wimpernschlag lang auch in Deutschland kurz an die Oberfläche schwappten. Die hatten zu all ihren Alben bislang immer Remix-LPs veröffentlicht, auch die gab es außerhalb Dänemarks nicht. Über deren Label habe ich aber vor einigen Jahren zwei davon bekommen: „Remix 1“ und „Remix 3“. Letztere jedoch mit bitterbösem Kommentar des Labelchefs. Denn bei „Remix 3“ handelte es sich, wie er erklärte, um die letzte Chance für den Künstler Goodiepal, sein erheblich angeschlagenes Renommee zu sanieren. Goodiepal, auch Gæoudjiparl, eigentlich Kristian Vester, Halb-Grönländer und Halb-Färöer, Ex-Schweinehirte, ist ein interdisziplinät tätiger kulturkritischer Kulturschaffender. Daher presste Goodiepal für Under Byen einfach einen alten eigenen Track auf 12“. Dazu zerkratzte und beklebte er die A-Seite bis zur Unabspielbarkeit. Als Cover recyclete er die Promo-Hülle einer anderen Produktion. Fertig – und vollkommen unhörbar, selbst die heile Seite. Für Aktionen wie diese sei Goodiepal auch von der Königlichen Musikakademie geflogen, sagte der Labelchef. Der „Under Byen In The Flip Flop Mix“, wie Goodiepal ihn nannte, war für den Labelmann Müll, den er fast gratis der „Remix 1“ beilegte. Ich fand die Aktion lustig, außerdem wüsste ich nicht, dass ich dergestalt entstelltes Vinyl andernorts je zuvor gesehen hätte. Etches, okay, Shapes, klar, aber absichtliche Kratzer, Aussetzer, Aufkleber? Nö. Vor einem Jahr jedenfalls landete ich auf meinem Weg durch die Platten- und Comicläden in Nørrebro bei „Route 66“, wo sie ausschließlich Vinyl haben. Unter anderem steht da eine große Kiste nur mit Goodiepal-Sachen, die alle so ähnlich aussehen wie der Under-Byen-Mix. „Das ist ein Bekannter von mir“, erzählte der Mann hinterm Tresen. Und er erzählte noch viel mehr: Goodiepal habe mit seinem Mix nur dem Establishment eins draufgeben wollen. Under Byen und Establishment, das müsste einem hier mal mit, sagen wir, Lali Puna passieren. Aber davon abgesehen schwärmte der Plattenhändler in den höchsten Tönen von Goodiepal und dessen Humor. Ein Jahr später, also vor wenigen Tagen, entdeckte ich zufällig nach einem Cafébesuch in Nørrebro das Schild „Æter“ mit dem Zusatz, dass es sich dabei um einen Plattenladen handelte. Der Eigentümer reichte mir eine Tasse Kaffee, die er aus seiner Bodum-Stempelkanne eingoss. Auf dem Plattenteller drehte sich das neue Album von Lali Puna. Er hatte gerade einige neue Platten aus Deutschland bekommen, darunter – er wechselte kurz die LP – „Mimikry“ von ANBB, dem gemeinsamen Projekt von Carsten Nikolai alias Alva Noto und Blixa Bargeld. Auch bei ihm entdeckte ich eine Kiste mit Vinyl, das so ähnlich aussah wie das von Goodiepal. Doch das war sein eigenes Zeugs, er betrieb nämlich auch ein Label. Aber er kannte neue Geschichten von Goodiepal. Der Rausschmiss bei der Königlichen Musikakademie hatte noch einen anderen Hintergrund, erzählte er. Und zwar klaute Goodiepal das teuerste Effektgerät der Akademie, 50.000 Kronen kostete das. Goodiepal lackierte das Gerät rosa und verkaufte es für 250.000 Kronen weiter. Außerdem nahm er von der Ukrainischen Mafia einen Kredit über weitere 250.000 Kronen auf, den er jedoch nicht zurückzahlte. Von all dem Geld produzierte er ein Album, das er für etwas über 300 Kronen bei „Route 66“ verkauft. Jedem Exemplar liegt ein 500-Kronen-Schein bei. Der „Æter“-Chef wusste zwar nicht, ob Goodiepal den Schein bearbeitet hatte, aber: „Du weißt als Käufer also nicht, ob das Geld aus dem Verkauf von Diebesgut stammt oder von der Ukrainischen Mafia.“ Goodiepal ist mein Mann. Ich entdeckte außerdem „Æsjo”, eine Compilation des Escho-Labels, betrieben von Ex-Düreforsög-Mitgliedern, die leider als Düreforsög keine Musik mehr machen. „Denen schulde ich noch Geld“, sagte der Schallplattenverkäufer. Kopenhagen ist klein. Und der Kaffee war gut.

Für einen Kaffee im Riptide habe ich heute leider keine Zeit, Poldi wird unruhig an diesem für ihn fremden Ort und ohne seine vertraute Bezugsperson. Aber für ein kurzes Schwätzchen mit André und Chris ist immer Zeit. Lukas ist heute gar nicht da, erstaunlich, denn bei meinen letzten Besuchen im Riptide schwirrte er immer höchst galant herum und brachte mich mit den unglaublichsten Äußerungen zum Lachen. Sei es damit, dass er vermeintlich genervt stöhnte, als er mich mit Leuten im Schlepptau durch die Tür kommen sah. Das war auch der Tag, an dem meine Schwester erzählte: „Ein Kundinnenkind von mir heißt Thekla. Ich kann das Kind nicht anfassen. Ich habe eine Spinnenphobie.“ Einmal kam ich in die Rip-Lounge und sah Lukas am vollbesetzten Tisch sitzen. Es war nicht sofort erkennbar, dass er nicht als Gast da war. „Interessante Perspektive“, stellte er daraufhin fest, „ich bediene im Sitzen und die Gäste dürfen stehen.“ André jedenfalls hat schon die nächsten drei Themen für die „Sound On Screen“-Reihe mit dem Universum parat. Da habe ich es ja auch noch nie hingeschafft. Nicht komplett jedenfalls. Nach dem Black-Metal-Film „Until The Light Takes Us“ immerhin erlebte ich die Anschlussshow im Riptide, als nämlich die beiden Salem’s-Law-Musiker Frank und Volker Metal-Musikvideos auf Großleinwand zeigten und kommentierten. Die Experten verlegten sich auf einen eher akademischen Stil als darauf, über die Clips platt zu lästern. Dabei hätten es die meisten Clips mehr als verdient. Im Dezember also läuft „Nowhere Boy“ bei „Sound On Screen“, ein biografischer Film über die Jugend von John Lennon, gedreht von Modeschöpfer Sam Taylor-Wood, der auch schon mit den Pet Shop Boys sang. Im Januar schließt sich eine Mod-Party an „Quadrophenia“ an. „Der Film ist jetzt 30 Jahre alt“, sagt André, das sei eine gute Gelegenheit, den wieder zu zeigen. Und im Februar gibt’s Prog Rock: „Beyond The Lighted Stage“, die neue Dokumentation über Rush. „Das wird interessant“, sagt André, „die sind ähnlich unbekannt und sympathisch wie Anvil.“ Stimmt, seit ich die „Rush In Rio“-DVD gesehen habe, bin ich auch Fan, also sehr spät im Leben erst. Davor dachte ich nämlich, dass Rush peinlich wären, bis ich merkte, dass eigentlich eher die Leute peinlich waren, die mir das einreden wollten, und dass viele Leute, die ich ernstnahm, von Rush schwärmten. Seit knapp 20 Jahren etwa höre ich Primus, aber erst seit kurzem weiß ich, dass auf der „Suck On This“ das Intro zu „John The Fisherman“ eigentlich „YYZ“ von Rush ist. Und André hat recht, Geddy Lee, Alex Lifeson und Neil Peart wirken wirklich sympathisch.

Poldi fiept und mahnt mich zum Aufbruch. „Nein, ins LOT gehe ich heute Abend nicht, ich habe ein anderes kulturelles Highlight im Kalender“, sagt Chris von seinem Aktenstapel aus. „Heute ist Premiere von Harry Potter“. Stimmt, ausnahmsweise an einem Mittwoch. Immer, wenn ich „Harry Potter“ schreiben will, vertippe ich mich zu „Happy Rotter“. Ich frage Chris, was es sonst so Neues gibt, und er sagt: „Neues? Johnny Cash ist tot.” Das muss ich erstmal verdauen. Dabei dachte ich, der sei zusammen mit Elvis, Kurt Cobain und Jimi Hendrix bei den Residents. Und führe eine Zweitkarriere als Banksy. „Sie haben in seinen Archiven ein unbekanntes Duett gefunden“, berichtet Chris. „Ich hoffe, dass sie das veröffentlichen, aber es wird sicherlich noch Hunderte von ‚American Recordings’ geben.“ Stimmt, ein Drittel der Serie ist posthum erschienen. „Sie haben ein Duett mit Ray Charles entdeckt“, deckt Chris endlich auf. Wir sind uns beide sicher, dass es das bald als Tonträger geben wird. Poldi zerrt an der Leine, ich muss los. My master’s voice ist stumm, aber willensstark. Ins LOT zu Müller & die Platemeiercombo werde ich ihn nachher aber nicht mitnehmen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#35 Geräusche auf der Leinwand

9. September 2010


Donnerstag, 9. September

Wie üblich habe ich heute die Raute-Riptide-Route im Programm. Zur Begrüßung gab’s von Uwe und Katrin bei Raute Records einen Kaffee, außerdem präsentierten sie mir viele tolle LPs und 12“es, die sie neu ins Lager bekommen haben. Meine Freude, die Salem’s-Law-LP hier erstanden zu haben, ist nachhaltig, und Uwe schlägt vor: „Lass sie dir doch signieren, kann im Wert ja nur steigen.“ Als ich gehen will, gibt Uwe mir wissend einen „schönen Gruß an die Kollegen vom Riptide“ mit. Er kennt meinen Weg.

Schmuddelig ist der Tag, grau, gelegentlich regnerisch, nicht so kalt, wie er aussieht, aber dennoch ungemütlich. Ganz anders das Achteck vorm Riptide: Die riesigen Sonnenschirme dienen den Gästen in Ermangelung von Sonne einfach zweckentfremdet zum Trockenbleiben, über den Stühlen hängen kuschelige Decken. Es gibt tatsächlich Gäste, die bei dieser Witterung draußen sitzen. Und es werden zusehends mehr. Drinnen ist Chris zurzeit noch allein. Eben bedient er ein Paar souverän auf Englisch, berät einen anderen Kunden in Sachen wiederveröffentlichter, dennoch rarer Musik und bereitet anschließend Getränke und Speisen vor. Immer mehr Gäste kommen, aber auch Hilfe: Jasmin gesellt sich Chris zur Seite. Erstaunlich ist, dass der Ansturm zwar groß, aber still ist. Ein Café, dass so gefüllt ist wie eben das Riptide, ist aus Erfahrung eigentlich deutlich lauter. Das ist sehr angenehm gerade.

Viele tolle LPs stehen auf den Simsen über den LP-Fächern, darunter sind neue Alben von Wir sind Helden, Grinderman und Gogol Bordello, aber auch Rereleases wie „Neon Golden“ von The Notwist oder „Danse Macabre“ von The Faint. In den Fächern finde ich die „Dark Side Of The Moon“-LP von den Flaming Lips. Das Album hat die Band vor einiger Zeit erst als Download veröffentlicht. Eine kuriose Mischung findet sich darauf, denn als Gäste sind Peaches und Herny Rollins dabei. Damals schon war mir klar, dass die Flaming Lips das Ding nicht ohne handfesten Datenträger bleiben lassen würden. Jetzt gibt’s eben die CD oder die durchsichtig hellgrüne LP mit Bonus-CD. So ähnlich wie bei „Dark Night Of The Soul“, der rätselhaften Kollaboration von Danger Mouse und Sparklehorse mit David Lynch und allerlei prominenten Gästen. Die sollte es als Bonus zu einem Buch geben, dann gab’s rechtliche Sperenzchen, ein Veröffentlichungsverbot und als Protest einen Rohling zum Buch. Im Internet konnte man sich das Album herunterladen, wenn man Quellen kannte, oder man hatte das Glück, bei eBay eine der raren Promo-LPs zu ersteigern. Seit aber Sparklehorses Mark Linkous tot ist, ergaben sich offenbar doch noch Möglichkeiten, rechtliche Scherereien zu umgehen, und siehe da: Das Album ist für Jedermann erhältlich. Wie auch „Dark Side Of The Moon“, eine LP, an der mich die Interpreten deutlich mehr interessieren als das Original, da bin ich Banause: Von Pink Floyd habe ich lediglich eine Best-Of. Dabei könnte mir „Meddle“ gefallen, vor allem „One Of These Days“ ist ein enorm gutes Stück. Davon können Depeche Mode ein Lied singen, „Clean“ nämlich.

Die Flaming-Lips-LP lege ich auf den Tresen, neben die Flyer zu „Sound On Screen“ – einer Veranstaltung, die man als Universum-Kinogänger und Riptide-Aficionado immer auf der Wunschliste, aber nicht für so schnell möglich gehalten hätte: Im Universum zeigen sie einmal im Monat einen Musikfilm, zu dem es anschließend im Riptide eine passende Veranstaltung gibt, sei es eine Party, eine Lesung oder was Chris und André eben sonst noch so einfällt. Was für eine großartige Lösung für ein an sich unnützes Problem, denn Chris und André hatten schon lange die Idee, im Riptide Filmabende zu veranstalten, wussten aber um die rechtlichen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens. Dann verlegt man den Film eben ganz einfach an einen Veranstaltungsort, wo es ohnehin Filme zu sehen gibt und mit dem man sich als Dreingabe größtenteils das Publikum teilt. Und dann sind es kaum 200 Meter, die man zu überbrücken hat, wenn man die Termine wahrnimmt. Den Auftakt gibt es am 18. September, dummerweise parallel zum siebten Silver Club. Zu sehen gibt es den neuen The-Doors-Film „When You’re Strange“ und im Anschluss eine „Sound On Screen“-Eröffnungsparty. Am 7. Oktober läuft „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ mit einer musikalisch passenden Party im Riptide. Der dritte Film läuft am 3. November, heißt „Until The Light Takes Us“, ist eine Dokumentation und behandelt den norwegischen Black Metal. Angedacht war für den Anschluss eine Lesung mit Frank Schäfer und seinem Schwager Helge Huhstedt, doch sagte mir Frank bei der „Read ’em All“-Show zur Braunschweiger Kulturnacht, dass statt Helges jemand anders läse – bloß wer? Chris weiß es natürlich: „Volker, der hat mit Frank zusammen bei Salem’s Law gespielt, das ist authentischer als Helge – der hat den Posten gerne abgetreten, als er davon gehört hat.“ Ach, richtig! Das wäre eine gute Gelegenheit, mir die LP signieren zu lassen. Kui ist dann bestimmt auch wieder im Publikum, der spielt jetzt bei Carbid! und war auch bei Salem’s Law dabei. Vielleicht wird es dann ja doch noch einmal etwas mit der Reunion, die sich auch 20 Jahre später noch so viele Fans wünschen.

Bei der Kulturnacht war das Riptide herrlich voll. Die Nacht war aber ohnehin super, eine tolle Einrichtung, eine tolle Idee. Für fünf Euro bekam man einen Pin, mit dem man an 90 Veranstaltungsorten unendlich viele Kulturschaffende unterschiedlichster Tiefe beim Kulturschaffen beobachten konnte. Das Programm war so reichhaltig, dass eine Kulturnacht allein dafür eigentlich gar nicht ausreichte. Wie bei jedem Festival hatte man nun die Wahl: Entweder so viel wie möglich sehen, aber nichts erleben, oder sich auf Weniges beschränken und dort dann abtauchen. Ich startete meine Nacht am Gemeinschaftsatelier von Tatendrang-Design, dort gaben die Impro-Stars von „Jetzt und Hier“ eine köstliche Kostprobe davon, was Impro-Theater so ist. Der Spaß auf Seiten des Publikums war so groß wie der Einfallsreichtum des Ensembles. Mein zweiter Punkt auf der Zwei-Punkte-Liste meines Abendprogramms wäre zwei Stunden später „Read ’em All“ gewesen. Also machte ich mich auf den Weg in die Wichmannhalle, um Lord Schadt zu sagen, dass ich wegen des Parallelprogramms nicht an seiner Lesung teilhaben konnte. Das war eine gute Idee: Zum einen kam ich großzügig verumwegt am Lichtparcours vorbei, zum anderen war der Schritt in die Wichmannhalle wie eine Heimkehr. Überall saßen Mitglieder vom Silver Club. Der letzte Silver Club fand nämlich in genau der Halle statt; jetzt dort zu sein und die vertrauten Gesichter wiederzusehen, das weckte das wohlige Gefühl von Zuhausesein in mir. Le’Band spielten gerade. Aus meinem kurzen Absagen wurde dann doch eine ganze Weile, die ich in der Halle verbrachte. Lord Schadts Lesung bekam ich leider trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann am „Spawn“-Objekt des Lichtparcours’ vorbei ins Riptide wanderte. Dort wartete schon Skapino auf mich, um mir die Flyer für den nächsten Silver Club am 18. September in die Hand zu drücken. Nicht nur er wartete: Schepper wollte sich ebenfalls die drei Drachenschlachter Frank Schäfer, Till Burgwächter und Axel Klingenberg alias „Read ’em All“ anhören. Der Raum war voll, André, Dennis und Sina hatten alle Hände voll zu tun. Die Lesung war wieder fabelhaft. Das macht jedes Mal so einen riesigen Spaß, dass ich mir auch die Geschichten immer wieder gerne anhöre, die ich schon in- und auswendig kenne. Wie Franks Wacken-Episode mit dem Fleischkonsum, in der Sätze vorkommen wie „Die Gitarren hingen tief, das Niveau auch und die Wolken sowieso“. Man merkte aber schon, dass das Publikum nicht ausschließlich aus Leuten bestand, die wussten, was sie erwartete. Eine Zuhörerin etwa ließ sich von Tills selbstironischen Betrachtungen provozieren, der da erzählte, wie schwer es für einen Metaller sei, eine Freundin zu finden, und bei der Selbst-Betrachtung kein einziges gutes an seinen üppigen Haaren ließ. Doch als er sagte, dass weibliche Eintracht-Fans im Fan-Schal wie eine Mischung aus Pferd und Stallknecht aussähen, rief besagte Zuhörerin lauthals „Buuuuuuh!“, woraufhin Till ergänzte: „…und klingen auch so.“ Das Gelächter konnte größer kaum sein, und Till entschuldigte sich mit „Sorry, das war ein Elfmeter, den musste ich reinmachen.“ Axel gab Auszüge aus dem „Read ’em All“-Tourtagebuch zum Besten und kündigte abschließend die nächste Bumsdorfer Auslese in der Kaufbar am 11. September sowie die nächste „Read ’em All“-Lesung im Riptide im Dezember an. Die Lesung war nun zwar zuende, die Kulturnacht aber noch nicht. Da aber Chris jetzt lustige Musik auflegte, das Bier schmeckte und die tollen Menschen ohnehin umeinander saßen, blieben wir auch gleich da. Schepper, der regelmäßig in der Kaufbar Bass spielt oder mit Roland Kremer die Eiko-Shows moderiert, unterhielt sich mit Eva, die nach einer Weile meinte, „so, jetzt muss ich aber rüber“. Fragezeichen? Schepper erklärte uns, sie habe einen Auftritt in der „Komödie am Altstadtmarkt“ um die Ecke. Katharina holte den Faltplan aus der Tasche, wir blätterten, und ja, da stand „Eva“. Eben noch in unserer Bierrunde, jetzt schon auf der Showbühne. Das mag ich am Braunschweiger Kulturleben: Es gibt kein „Wir hier oben, ihr da unten“. Alles passiert auf einer Ebene, und: Jeder kann mitmachen.

Das kleine „Putzige“, das Iris letztens erst in der Vitrine entdeckte, weckt heute auch meine Aufmerksamkeit. Leider sind die trichterförmigen Teile vom letzten Mal nicht da, dafür aber ebenso putzige Donuts mit Schoko-Überzug. „Ständig wechselnde kleine Köstlichkeiten“, steht auf dem Schild. Aufgelistet sind darunter Mini-Donuts, Blätterteig-Vanille-Törtchen und Schokoladen-Croissants. Ich lasse mir von Chris mit der Zange einen Donut auf die Hand geben und bestelle einen Milchkaffee dazu. Einen solchen kredenzte mir kürzlich eine Kollegin namens Nele. „Die ist neu hier“, bestätigt Chris meinen Verdacht.

Die beiden Gäste, die Chris vorhin noch auf Englisch bediente, kommen an die Theke. Marilia kommt aus Thessaloniki und freut sich, als mir dazu als erstes die Europäische Kulturhauptstadt 1997 einfällt. Ihr Freund Robert kommt aus New York. Beide wohnen in Texas und sind als Wissenschaftler in Deutschland unterwegs. „Wir kommen gerade aus Berlin und müssen da auch wieder hin“, sagt Marilia. Im Vergleich gefalle ihnen Braunschweig besser als die Bundeshauptstadt. „Braunschweig ist überschaubarer, man muss hier nicht mit dem Auto fahren wie in Texas, man kann hier auch zu Fuß gehen wie in New York“, sagt sie. Sie seien hier an der TU bei einem Projekt, das in sechsjährigen Zyklen verlaufe. „In sechs Jahren sind wir also wieder hier“, lacht Marilia. Auf das Riptide seien sie über ein Internet-Protal aufmerksam geworden, das vegetarische Lokale auflistet. „Da gab es noch ein zweites in Braunschweig, aber unter der Adresse haben wir nichts gefunden“, sagt Marilia. „Wer weiß, wie alt der Eintrag ist, das kann es schon zehn Jahre nicht mehr geben.“ Aber so freue sie sich, im Riptide gelandet zu sein, und lobt die Mischung aus Plattenladen und Café.

Robert sei gerade dabei, Griechisch zu lernen. „Eigentlich will er lieber Spanisch lernen, aber ich sage: erst Griechisch – spätestens dann, wenn Kinder da sind.“ Sie schwärmt von bilingualer Erziehung und den Vorteilen, die sie habe. Marilia habe einst auch Deutsch gelernt, aber mit dem Sprechen habe sie es nicht mehr so. „Ich kann es lesen und verstehe viel, aber mehr auch nicht“, sagt sie. Besonders die Aussprache bereite ihr Schwierigkeiten. „Im Griechischen spricht man alles genau so aus, wie man es liest“, sagt sie. „Aber in Englisch oder Deutsch ist das nicht so, zum Beispiel das Wort ‚neue’ – ich lese das und sehe die Buchstaben, aber woher soll ich wissen, dass man das ‚noie’ ausspricht?“ Von meiner Griechenlandreise kenne ich noch die Wörter „parakalo“ und „efcharisto“ für „bitte“ und „danke“ sowie diverse Tagesgrüße. Ich frage sie, ob sie Asterix kennt, und sie bestätigt: „Eine meiner Lieblings-Comicserien.“

Griechenland habe ich nämlich genau so erlebt, wie es im Asterix dargestellt wird: Kennst du einen, vermittelt der dich an seinen Schwager weiter, wenn du Hilfe brauchst. Wir waren auf dem Peloponnes, in Charokopio, einem Dorf bei Koroni. Unser Unterkunft-Vermieter holte uns mit seinem Sohn in seinem klapprigen Fiat von der Bushaltestelle ab, wo uns der Bus ausspie. Der Fahrer sprach nur Griechisch, als Übersetzer war der 13jährige Sohn dabei. Während er uns durch Charokopio in Richtung unseres Appartements schaukelte, wies er auf eine Taverne und ließ seinen Sohn in den höchsten Tönen davon schwärmen. Wie Recht er hatte, erfuhren wir, als wir seiner Empfehlung Folge leisteten. Wir setzten uns an einen Tisch und warteten. Der Wirt kam und fragte etwas auf Griechisch. Wir wiesen ihn auf Englisch darauf hin, dass wir ihn nicht verstanden, und er fragte auf Deutsch: „Essen?“ Es war uns unangenehm, dass er uns dann in unserer Sprache bedienen musste, aber wir bejahten. „Was?“ Das wussten wir nicht, was gab’s denn, gab es eine Karte? Er schüttelte den Kopf und sagte: „Kommt mit.“ Er führte uns in die Küche. Dort hob er jeden Deckel und öffnete jede Klappe, während er wortreich und auf Griechisch kommentierte, was dort gerade schmackhaft duftend garte. Wir waren etwas baff und zeigten auf einige Gefäße, von denen wir meinten, sie enthielten etwas, auf das wir Appetit hatten; eine genauere Auswahl waren wir nicht zu treffen in der Lage, denn alles sah gut aus. Die Frau des Wirts stand mit Block und Stift bereit und notierte alles, worauf unsere Finger deuteten. Dann setzten wir uns wieder und warteten mit großen Augen auf das, was da kommen sollte. Und es kam viel, der Tisch bog sich vor Leckereien. Und fast gar nichts war so, wie wir es unter dem gleichen Namen aus Deutschland kannten: Souflaki, Suzuki, Bifteki, alles schmeckte tausendmal leichter und besser. Dazu gab es Speisen, die wir überhaupt nicht kannten, wie die länglichen Paprikaschoten, in die Käse und Schinken zusammengerollt hineingeschoben waren, das Ganze mit Brot verkorkt und gebacken, oder die hauchdünnen Kartoffelscheiben, in Öl gebadet und mit Käse überschneit. Unsere Bäuche kugelten sich, zum Nachtisch gab’s dann frisches Obst – Trauben, Feigen, was auch immer – aus dem Garten des Wirts, gratis obendrauf. Jedenfalls kannte uns der Wirt also nun. Um nun mit dem Bus nach Koroni zu kommen, musste man wissen, wann der fährt. Und wo er hielt. Das erfuhren wir von einem Passanten in Charokopio: „Stellt euch in die Gerade zwischen den beiden Kurven, dort an der Bar, und wenn der Bus kommt, hebt den Arm.“ Am gewiesenen Platz standen schon weitere Passanten, wir stellten uns dazu, der Bus kam, eine Mitwartetende hob den Arm, der Bus hielt, wir stiegen zu und fuhren nach Koroni. Dort angekommen, suchten wir einen Fahrplan. Es gab keine Touristeninfo, also versuchten wir es bei der Post, wo man uns dann jedoch zum Kiosk weitervermittelte. Der uralte Mann im Kiosk verstand unser Englisch kaum, begriff aber in Zeichensprache, dass wir einen Busfahrplan suchten. Der Kiosk war bis unter die Decke und mehrreihig mit Zeitschriften vollgestapelt. Da musste es doch einen Busfahrplan geben. Der Mann nickte. Zu unserer Überraschung jedoch gab er uns keinen, sondern riss von einem Zettel ein Stückchen ab und kritzelte mit dem Kuli einige Zahlen darauf. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass dies tatsächlich die Antwort auf unsere Frage war: Die Zahlen waren gleichzeitig die An- und Abfahrtszeiten für Koroni, einer Endstation. Mit diesem Wissen stellten wir uns am Folgetag in Charokopio zur nachgerechneten Uhrzeit an die Straße. Zu unserem besseren Überblick jedoch nicht an den Platz, an dem wir am Vortag standen, sondern so, dass wir den Bus in der Geraden einrauschen sehen konnten. Und wir sahen ihn gut, als er kam, der Fahrer sah auch uns, ich hob den Arm, er grüßte freundlich zurück und rauschte vorbei. Wir stutzten nicht undämlich. Wer uns so stutzen sah, war der Tavernenwirt. Er erklärte uns: „Wenn ihr mit dem Bus fahren wollt, müsst ihr euch dort hinstellen.“ Er wies auf die Stelle vom Vortag. „Ihr habt aber dort gestanden.“ Er wies drei Meter weiter. „Wenn ihr da steht, hält der Bus nicht, weil er nicht weiß, dass ihr mitfahren wollt – wo wollt ihr denn hin, nach Koroni?“ Wir bejahten. In diesem Moment hielt ein Taxi neben uns. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, meinte der Wirt und sprach auf Griechisch und auf uns zeigend mit dem Fahrer. Der Mann willigte ein, uns zu fahren, und das zu einem nur unwesentlich über dem Bustarif liegenden Kurs. Gut. Wenige Tage später befanden wir uns in einer ähnlichen Situation, dieses Mal jedoch kam der Bus ganz einfach gar nicht. Dafür aber der uns inzwischen bekannte Taxifahrer. Der Kurs blieb gleich, das Ziel auch. „Wir wollen uns einen Mietwagen leihen“, sagte ich ihm während der Fahrt. „Gute Idee, habt ihr einen gebucht?“ Wir verneinten. „Das ist schlecht, es ist Hauptsaison, da werdet ihr keinen mehr bekommen.“ Ich sagte: „Aber fragen kann man doch, oder?“ Und er bestätigte: „Jaja, fragen kann man.“ Also sollte er uns beim Autoverleiher herauslassen. Das tat er, steuerte in Koroni auf den Hof einer Mietwagenfirma und erblickte dort den Mann, der aus dem dazugehörigen Verwaltungsraum kam. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, sagte uns der Taxifahrer, kurbelte das Fenster herunter und sprach mit dem Mann auf Griechisch. Dann verabschiedete er sich von uns, wir zahlten, dankten und gingen. Der Autoverleiher begrüßte uns mit offenen Armen und fragte rhetorisch: „So, ihr sucht einen Mietwagen? Heute Nachmittag kommt wieder einer zurück.“ Er führte uns zu seiner Frau ins Verwaltungshäuschen, klärte die Formalitäten, hab uns einen guten Wagen zu einem guten Kurs und riet uns zum Abschied: „Wenn ihr tanken müsst, nehmt die Tankstelle dort vorne, die gehört einem Schwager von mir.“ Und so weiter.

„Die Menschen in Griechenland sind nicht mehr ganz so freundlich“, bedauert Marilia jedoch. „Wie überall in Europa übernehmen die Leute nur das Schlechte aus den USA“, fügt sie mit frechem Seitenblick auf Robert hinzu. Eine Frage haben die beiden an Chris: „Warum heißt das Café ‚Riptide’?“ Chris zählt die drei Gründe auf: Die Liebe zur Mutter Erde und ihren Kräften, die Liebe zum Schwimmen und Surfen sowie die Liebe zu „Trio mit vier Fäusten“, der Fernsehserie, die im Original „Riptide“ heißt und die Robert und Marilia erstaunlicherweise nicht kennen. Marilia hat aber auch eine Erklärung: „Der Laden ist die Kraft, die die Leute wegzieht vom Mainstream.“ Das gefällt Chris: „Toll, eine wissenschaftliche Erklärung.“ Robert und Marilia verabschieden sich überschwänglich und versprechen, in spätestens sechs Jahren wiederzukommen.

Ihren Platz nimmt Arne ein. Er sucht das neue Album von Parkway Drive auf LP, doch Chris muss ihn enttäuschen: „Die wird es hier auf Vinyl nicht geben.“ Er erklärt, dass nur 1000 Stück davon gepresst wurden, dass davon die Hälfte nach Europa ging und der Rest beim Label-Shop wegging. Von den Europa-Pressungen seien 200 kaputt gewesen und weggeschmissen worden, „bleiben 300 für Europa – das ist ärgerlich, es wurden keine ausgeliefert an uns, und ich muss es dem enttäuschten Endverbraucher erklären.“ Arne würde sich dann wenigstens die CD anhören wollen, „ich habe bislang nur davon gelesen, mit Slayerriffs und weg von dem alten Metalcore.“ Doch die CD sei gerade gestern verkauft, sagt Chris. „Ich bestelle sie sofort nach.“ Arne und Chris lassen sich über Limitierungspolitik von Labels aus. Arne hatte selber mal eins, mit einem Freund zusammen, „Benirhana“, „das ist ein Skate-Trick“, erklärt er. „Aber das ist schon lange her.“ Nach nur fünf Veröffentlichungen sei Schluss gewesen. „Für mich war es ein Hobby, aber der Kumpel wollte davon leben können.“ Auch da sei es üblich gewesen, dass nur 1000 Exemplare eines Albums gepresst wurden, „die waren dann auch limitiert“, so Arne. „Aber wir hatten auch keine 1000 Abnehmer dafür, 1000 Stück waren einfach billiger als 500.“ Das sei eine andere Ebene als bei Bands, die deutlich höhere Verkaufszahlen haben und dann von einem Album nur 1000 Stück herausbringen, als künstliche Verknappung. „Wir haben nur unwesentlich mehr als 500 Stück verkauft, das war eine kleine Szene.“ Die wahrscheinlich auch in der Betty Ford Clinic eine Bleibe hatte, mutmaße ich. Chris bestätigt: „Euren ersten Sampler habt ihr mit der Betty Ford Clinic gemacht, bevor ich da war.“ Chris war in der BFC? „Ja, ich hab da gearbeitet.“ Arne und Chris versinken in Erinnerungen an Hardcore-Konzerte im Forellenhof in Salzgitter. „Ich hab das just for fun gemacht“, erzählt Arne von den Konzerten, die er dort veranstaltet hat. Zum Beispiel mit One King Down, deren gesichtstätowierter Rob Fusco jetzt bei Most Precious Blood ist und damals bei Arne im Elternhaus in Salzgitter übernachtete und sich morgens mit Arnes Mutter am Frühstückstisch über den Lehrerberuf unterhielt. Arne resümiert: „Das ist das, was die Sache cool gemacht hat.“ Chris kann auch solche Geschichten erzählen, sogar von der anderen Seite, als er mit den Bands vom Riptide-Label auf Tour war. „In Spanien sind die noch anders strukturiert als in Deutschland“, sagt Chris. Da habe man als Hardcore-Band auch mal in anders gemeinten Kneipen gespielt. „Einmal haben wir bei einem Veranstalter in Barcelona übernachtet, in einem Hochhaus, 26. Stock, da standen lauter Nähmaschinen in einem Raum und wir haben nebenan eng zusammengequetscht in unseren Schlafsäcken gelegen“, erzählt Chris. „Morgens dann das chk chk chk, ich gucke um die Ecke, sitzen da die Frauen an den Nähmaschinen und arbeiten.“ Arne und Chris erinnern sich an den Busfahrer von Sick Of It All, die im Forellenhof gespielt haben und die der Fahrer nicht kannte. „Scheiß Vegetarier“, habe der geschimpft, so Chris. „Dem haben wir zehn Mark gegeben, der ist dann zur Tanke gegangen und hat sich eine Heiße Hexe geholt.“ Arne und Chris lachen. Arne sagt: „Wenn du einem die Line-Ups aufzählst, die im Forellenhof gespielt haben, das glaubt dir keiner, wenn denn überhaupt noch einer die Bands kennt.“ Seit 1993 sei Arne Forellenhof-Gast. Und die beiden denken an das Biohazard-Konzert im FBZ 2001, „eines der letzten Konzerte im FBZ“, weiß Chris, der daraufhin eine Geschichte von einer Hochzeit erzählt, auf der lauter Schlipsträger feierten, die allmählich lockerer wurden und die Hochzeits-DJ Chris dann mit „Punishment“ von Biohazard so richtig zum Feiern brachte.

„Na, das ist ja ein guter Zufall“, schallt es nun lauthals ins Riptide. Eine Gruppe von acht Erwachsenen und einem Kind strömt ins Café und begrüßt Chris und André. In den Händen tragen die acht eine Videokamera, eine schwarze Plastikkrähe, einen Kamm, eine rolle Klopapier mit 500-Euro-Schein-Aufdruck sowie eine rote Promo-Mütze zum Otto-Film „7 Zwerge“. „Die hat Herr Oppermann persönlich beim letzten Betriebsfest aufgehabt“, ruft jemand dazu. Während sich Chris und Arne bereit erklären, aus den vier Utensilien einen kleinen Film für die Gruppe zu machen, erklärt mir Lisa, eine der acht, vor der Tür, worum es geht. „Wir sind alle aus dem C1“, sagt sie, „und haben heute Betriebsfeier, den ersten Teil von zweien.“ Anlass sei der zehnte Geburtstag des Cinemaxx, wie das C1 hieß, bevor es sich Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe zurückkaufte. Im Rahmen dieser Betriebsfeier habe der Betrieb seine Mitarbeiter mit diesem Film-Wettbewerb überrascht, erklärt Lisa, die zur Betriebsleitung gehört. In drei Gruppen aufgeteilt erhielten alle C1-Kollegen die genanten vier Requisiten und eine Kamera sowie den Auftrag, daraus einen Film zu machen. Im zweiten Teil der Betriebsfeier nächste Woche treten diese drei Filme gegeneinander an. Haupt-Thema ist „Ohne Fleiß kein Preis“, die Achtergruppe suchte sich für ihren Film als Inhalt aus, ehemalige Cinemaxx-Mitarbeiter zu besuchen und zu fragen: „Gibt es ein Leben nach dem Cinemaxx, und ist das lebenswert?“ Lisa: „Da haben wir als erstes an Chris gedacht, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, und es ist ein Super-Zufall, dass auch Arne da war.“ Das Kind, das sie dabei haben, heißt Philip. „Er ist unser Kinderbonus“, lacht Lisa. „Wir hoffen, damit gewinnen wir, und wir wollten eigentlich noch eine Welpe einbauen.“ Wer nicht am Film beteiligt ist, der parallel im Riptide entsteht, hört Lisa zu und ergänzt und kommentiert. Auch Jasmin steht bei uns und hört zu. Caro will ins Riptide gehen und stutzt, als sie wahrnimmt, was dort geschieht. „Ist gleich vorbei“, schallt es vielstimmig und breit grinsend von allen Seiten. „Wolltest du etwas trinken?“, fragt Jasmin. Doch Caro verneint und hört mit uns, welche Dialoge sich Arne und Chris einfallen lassen. „Die ganzen sozialen Kontakte, das ist alles eingeschlafen“, jammert Arne gerade. Chris muntert ihn auf: „Ich hab da noch ein Geschenk für dich, hab ich dir aus Uruguay mitgebracht.“ Leider ist nicht zu sehen, welche der vier Requisiten er Arne überreicht, jedenfalls kommt der mit der roten Mütze auf dem Kopf und der Taubenschreck-Krähe im Arm zur Tür heraus. Das Gelächter bei der Film-Gruppe ist riesig. Die acht mit Kind und Kamera danken den beiden Impro-Schauspielern und verabschieden sich. Den Film bekommen Arne und Chris beim zweiten Teil der Betriebsfeier im C1 zusehen.

Und Caro bekommt von Chris ihre Frage nach der Vinyl-Version des letzten Freitag erschienenen neuen Interpol-Albums beantwortet: „Die kommt erst nächsten Freitag, die bekommen wir in zwei Versionen, ganz limitiert als Doppel-LP auf 45 aus USA und normal als Einzel-LP.“ Für Caro liegt der Fall klar: „Die Limitierte – wenn, dann das Schmuckstück.“ Chris notiert sich Coras Emailadresse und sichert ihr zu, bescheid zu geben, wenn das Stück eintrifft. Das Gegenteil von Eintreffen trifft bei mir nun ein: Ich will die Flaming-Lips-LP und meine Raute-12“es hören und mache mich auf den Heimweg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#31 Sein bester Film

17. Mai 2010


Montag, 17. Mai

Der Himmel droht mit Regen, macht seine Drohung zum Glück aber nicht wahr. Bei Regen im Mai muss ich immer und automatisch an Max Werner denken, an „Rain In May“. Sofort habe ich das typische Schlagzeug-Intro im Kopf und die geleierten Zeilen „Feeling down when the autumn has come/Stormy days and the leaves keep on falling“… Recht hat der Mann. Den Song mag ich ohnehin.  Serge hatte vor einiger Zeit mal die 12“-Single in seinem Antiquariat neben dem Riptide. Die hab ich aber stehen lassen – ich hab schon die 7“.

Gegen Mittag ist es heute noch ziemlich leer im Riptide. Jasmin und Caren sind zurzeit noch fast allein und harren der Gäste, die da kommen. Sie stehen hinter der Theke, ich stelle mich davor und bestelle einen Kaffee. „Eigentlich bin ich hergekommen, um etwas zu tun“, sagt Jasmin. Sie blickt sich etwas hilflos im Café um, aber alles, was es zu tun gab, haben die beiden bereits erledigt. Ich frage sie, ob die neuen Öffnungszeiten sich bereits etabliert haben. Seit Anfang Mai hat das Riptide nämlich auch montags bis mittwochs bis um 23 Uhr geöffnet. Mindestens jedenfalls; letzte Woche Mittwoch, am Tag vor Himmelfahrt, war ich erst um 23 Uhr hier. Vorher war ich mit Begleiter im Universum und hab mir endlich den Anvil-Film angesehen. Der Film ist gut, der bildet mit „This Is Spinal Tap“ und „Full Metal Village“ die heilige Dreifaltigkeit des Heavy-Metal-Films. Nur die Musik ist so mittelmäßig, wie es der ausbleibende Erfolg der Band ahnen lässt. Macht aber nix: Den Hit „Metal On Metal“ hatte ich tagelang im Ohr. So sehr, dass ich mir eben bei Raute Records das Album gekauft habe. Mehr brauche ich von Anvil dann aber nicht mehr. Oder?

Raute hatte am Wochenende seinen zweiten Geburtstag gefeiert, wie mir Uwe und seine „Chefin“ vorhin erzählten. Sie hatten am Himmelfahrt-Donnerstag umgeräumt und am Freitag und Samstag eine kleine Feier mit Sonderangeboten veranstaltet. Als ich heute früh bei Raute auftauchte, war alles noch nicht wieder hergerichtet. Zu meinem Glück: Ich habe einige tolle 12“es und LPs gefunden, darunter die 11:45-Minuten-Version von „Tonight Tonight Tonight“ von Genesis, einem von zwei guten Songs von der Band aus der Zeit, und „The Boat“ von Bolland & Bolland, das ich 1985 auf NDR2 bei „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen alias Die-Dschäi-Dschi-Äi gehört, super gefunden und in Ermangelung ausreichender Englischkenntnisse ohne Titel und Interpret auf Kassette gebannt hatte. Erst im letzten Jahr hatte ich herausbekommen, was ich da eigentlich 24 Jahre lang suchte und nun eben endlich fand. Aber Tolle-Sachen-Finden erstaunt mich ja bei Raute ebenso wenig wie im Riptide. Als ich im Gehen sagte, dass ich ins Riptide wollte, gaben mir Uwe und seine „Chefin“ Grüße für Chris und André mit.

Nach dem Anvil-Film jedenfalls sind mein Begleiter und ich ins Riptide gegangen. An sich hatte ich noch die Schweinebärmann Bar auf dem Schirm, wo Claudy Soundschwester ihre „Wild & tanzbar“-Party veranstaltete, doch mein Begleiter musste anderntags früh raus und wollte nicht so lange bleiben. Also gingen wir um 23 Uhr ins Riptide und setzten uns ins Achteck. Dienst hatte an dem Abend Lukas. Er grinste, als wir ihn fragten, ob er nicht eigentlich den Laden dicht machen wollte, verneinte und reichte uns unsere gewünschten Getränke.

Lukas hatte ich erst eine Woche davor kennen gelernt. Er war derjenige, der bei der zweiten Show „Frank Schäfer proudly presents“ an der Kasse stand. Gaststars und Stargäste waren damals Michael Quasthoff und Dietrich zur Nedden von der Fitzoblongshow aus Hannover. Die hatte ich bereits bei „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst gesehen. Jedenfalls fragte ich Lukas, ob er neu sei, und er antwortete: „Ich bin im zweiten Monat“, stutzte kurz und schob dann hinterher: „Das klingt, als ob ich schwanger wär.“ Er klang an dem Abend leicht nordisch, doch er sagte, er komme aus Braunschweig. „Vom Strammgast zum Mitarbeiter“, meinte er. Das Nordische käme vom Kommilitonen, die so redeten und von denen er sich das etwas abgeguckt habe.

Für Frank-Schäfer-Fans gab es an dem Abend eine gute und eine schlechte Nachricht: „Eine Fortsetzung gibt es, aber jetzt ist erst mal Sommerpause, erst im September geht’s weiter“, verriet der Literat. „Es ist geplant, dass wir in diesem Jahr vier Ausgaben machen.“ Hoffentlich kommen dann mehr Leute als an jenem Donnerstag. Es regnete wie aus Kübeln, das hielt wohl viele potentielle Zuschauer davon ab, aus dem Haus und ins Riptide zu gehen. Vorher war ich beim Treffen unserer Bürgerinitiative im östlichen Ringgebiet, aber da außer mir noch ein weiteres Mitglied der Initiative unbedingt ins Riptide wollte, hatten wir das Programm etwas stringenter abgehandelt. Auch Frank sprach in Riptide übrigens von Anvil: Am Samstag nach seiner Show sollte er als eines von drei „Read ’em all“-Mitgliedern gemeinsam mit den anderen beiden, also Axel Klingenberg und Till Burgwächter, im Universum lesen, in Kombination mit dem Anvil-Film. Was für eine unfassbar großartige Veranstaltungsidee! Film und Lesung zum Thema Heavy Metal – im Kino! Und ich konnte nicht. Dafür sah ich mir den Film eben einige Tage darauf an.

Lukas also ließ meinen Kinobegleiter und mich entspannt unsere Getränke zu uns nehmen. Doch wie das in Braunschweig und im Riptide eben immer so ist: Ich wollte nur kurz durch die Lounge gehen, kam aber nicht weit. An einem Tisch saß eine große Runde Menschen, von denen mein Kinobegleiter und ich einige kannten. Also setzten wir uns dazu. Die Gruppe, die teilweise aus Mitgliedern der Theatergruppe Fanferlüsch bestand, hatte noch helles Leuchten in den Augen von der Veranstaltung, die sie davor wahrgenommen hatte: In der Nicht-Schlossattrappen-Filiale von Thalia hatten sie eine Lesung mit David Nathan und Oliver Rohrbeck gesehen und gehört. Nathan synchronisiert Johnny Depp, Rohrbeck spricht Justus Jonas von den Drei Fragezeichen. Das Besondere an der Lesung sei aber gewesen, dass nicht die beiden Sprecher mit Texten zu Thalia gekommen waren, sondern die Zuschauer. Die hatten Bücher, Heftchen oder Selbstverfasstes mitgebracht und sich vorlesen lassen. Mit geschlossenen Augen hatte sich das glückliche Publikum der Illusion hingeben können, es seien Justus Jonas und Johnny Depp, die ihnen die Texte vorlasen. Lukas nun schloss um 1 Uhr hinter uns ab, nachdem er uns eine weitere Runde an den Tisch gebracht und sich selber mit einer Flasche Astra Rotlicht an unseren Tisch gesetzt hatte. Eigentlich wollte ich längst schon zu Hause im Bett, wenn schon nicht in der Schweinebärmann Bar sein…

Jasmin und Caren finden Lukas’ Haltung gut; Jasmin würde auch nicht einfach das Lokal schließen, wenn sich noch genug Gäste amüsierten. Die beiden unterhalten sich über Cola-Sorten, Kaffeegenuss und Schallplattenkäufe. „Als Schülerin kann ich mir nicht viele CDs leisten“, sagt Caren. Seit kurzem macht die gebürtige Berlinerin im Riptide ein Praktikum. Die Tür öffnet sich, Jasmin und Caren blicken auf: Nicht Kunden, sondern Promoter kommen ins Café. „Sind die Geschäftsführer da?“, fragt die freundliche Promoterin. Der Mann neben ihr sagt nichts. Caren und Jasmin verneinen, André käme aber bald. Die Promoterin lässt einige Flyer für ihr Getränk Kenko Kombucha da und kündigt an, später mit Probiergetränken zurückzukommen. Caren und Jasmin blättern in den Flyern und stellen fest, dass eines der abgebildeten Models die Promoterin selbst ist. Jasmin kennt Kombucha, aber nicht Kenko, das sich laut Flyer bindestrichlos als „Das Tee Pilz Erfrischungs Getränk“ bezeichnet. „Das kommt aus Braunschweig“, entdeckt sie außerdem. Zumindest die „Kommunikation“, die Produktion kommt aus Bennigsen. Wir lokalisieren den Ort anhand Postleitzahl und Vorwahl in der Nähe von Hannover und liegen damit ganz gut: Der Ort gehört zur Stadt Springe in der Region Hannover. Caren und Jasmin sind gespannt auf die versprochenen Probegetränke.

Mit „die selbsterfüllende Prophezeiung“ begrüße ich Micha, der mit einer geschulterten Ikea-Tüte voller Festival-Theaterformen-Programmbüchlein durch die weit geöffnete Café-Tür schreitet, eine Hausmarke bestellt und damit einen Dialog von Caren und Jasmin neu entfacht. Ich schließe mich mit der Getränkebestellung an. „So hat mich noch keiner genannt“, sagt Micha zu mir. „Höchstens Zeitmaschine.“ Er grinst, Caren und Jasmin gucken fragend. „Weil du immer rückwärts gehst?“, rate ich. „Nein, weil mit mir die Zeit immer schnell vergeht.“ Jasmin findet: „Das ist aber ein Lob.“ Micha ist skeptisch. „Wenn’s mit dir langweilig wär, würd die Zeit schleichen“, sage ich. Das überzeugt ihn nur kurz. Es steckt etwas anderes dahinter, wie er erklärt: An einen seiner vielen Verteilpunkte bringe er immer montags Flyer vorbei. „Daran erkennen die, wie schnell die Zeit vergeht: ‚Schon wieder Montag?’“, sagt Micha. Einleuchtend, Jasmin und Caren gefällt der Vergleich. Micha gehe es damit genauso: Auch er erkenne, wie die Zeit vergeht.

Mit Tüten voller Brot und anderen Lebensmitteln schwer bepackt kommt André durch die Tür und wird von uns vieren freudestrahlend begrüßt. Zurückgrüßen kann er nicht, er hat keine Hand frei und Waren bis unters Kinn gestapelt. Die bringt er erst in die Küche und begrüßt uns dann reihum. „Warst du einkaufen?“, fragt Micha. „Ist Montag“, gibt André zurück. Viel Muße zum entspannten Plaudern hat er nicht: André sortiert nebenbei wie automatisch Platten ein. Micha spricht ihn auf Maximilian Hecker an, der am 4. Juli im Riptide auftritt. André erzählt, dass der Booker für Hecker erst ein Piano wünschte, dann auf Klavier herunterhandeln wollte und dann doch mit dem angebotenen E-Piano zufrieden war.

Trotz des dräuenden Himmels sitzen mehr und mehr Gäste draußen, einige inzwischen auch drinnen, noch niemand indes in der Rip-Lounge. Caren und Jasmin sind jetzt beschäftigt. André geht an der neuen Schiefertafel neben der Theke vorbei, auf der „NEU BAILEY’S“ steht, und nimmt den Platz hinter der Theke ein. Micha bestellt einen Kaffee, obwohl er eigentlich keine Zeit hat. „Ein Glas Wasser dazu?“, fragt André, während vor ihm der Kaffeeautomat dampft und zischt. Micha schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie man zu Kaffee Wasser trinken kann“, sagt er. Aus der Küche steckt Jasmin ihren Kopf heraus: „Das macht man, damit man vorher den Mund ausspülen kann, um später den Kuchen besser zu schmecken.“ Micha hätte das nicht gewusst. „In Italien trinken sie Wasser zu Espresso, das verstehe ich ja noch.“

André nimmt von einem Paketdienstmitarbeiter ein Paket entgegen, stellt es auf die Theke und packt es aus. Es enthält „Fuze“-Hefte. „WM live im Riptide…“ liest Micha unterdessen auf einem Ankündigungsblatt auf der Theke. „Ballack ist nicht dabei“, fällt André dabei ein. „Dann kann ich endlich wieder zu Deutschland halten“, sagt Micha. „Jetzt freue ich mich auf die WM – ich kann den Ballack nicht leiden.“ André grinst: „Das merkt man.“ Micha beginnt zu philosophieren: „Dem Löw fehlt jetzt die klassische Nummer Sechs, der hat da nur den Schweinsteiger vielleicht noch – aus der Sicht ist es schlecht, dass Ballack nicht mitfährt.“

Zwischendurch frage ich André nach den neuen Alben von Mike Patton und Dirtmusic. „Beides ist noch nicht mitgekommen“, sagt André nach einem Blick auf den Computerbildschirm. Irgendetwas wollte ich doch noch gefragt haben. „Ist die neue LCD Soundsystem da?“, fragt Andreas, der eben ins Café gekommen ist. „Das war’s, genau“, sage ich. „Ja, ja!“, sagt Andreas, der grinsend befürchtet, dass ich sie ihm wegschnappen will. „Soll die letzte Platte von denen sein“, fügt er hinzu und zieht sich mit einem Finger ein Augenlid herunter, „ja, ja!“ So könne man Aufsehen erregen. „Wie bei The Cure“, sage ich. „Die sagen auch nach jeder Platte, dass es die letzte ist.“ Filmfan Micha fällt auch eine Parallele ein: „Bei Jean-Claude-van-Damme-Filmen stand auf Plakaten immer drauf: ‚Sein bester Film’, und ich bin immer drauf reingefallen, fünf Filme in zehn Jahren.“ Andreas nickt grinsend: „Da haste aber lange gebraucht, um das zu bemerken.“ – „Ist verschoben“, sagt André mausklickend. „Ich wollte nur wissen, ob es eine Doppel-LP wird“, sagt Andreas, und: „Ich hör die schon immer im Internet.“ André bestätigt: „Ja, ist eine Doppel-LP.“ An Micha gewandt, nimmt Andreas dessen Einwand wieder auf: „Jean-Claude van Damme kenne ich aus einem Musikvideo, da hat er Tango getanzt.“ Das kann Micha nicht fassen: „Tango?“ Andreas nickt: „Er hat mit Ballet begonnen.“ Während Andreas zu den Singles herübergeht, sagt Micha: „‚Bloodsport’ ist sein bester Film.“ Andreas dreht sich vor den Singles um und ruft Zustimmendes. „Ich mochte immer, wenn er einen Spagat gemacht hat zwischen Stühlen oder an Ringen“, sagt Micha. Andreas weiß, warum der Belgier das konnte: „Das war die langjährige Ballettausbildung!“

Das wechselhafte und unberechenbare Wetter beunruhigt Jasmin und Caren. Bevor sie zur Tür stürmen und sie prophylaktisch schließen können, stürmen Micha und ich hinaus. Micha hat noch Programmheftchen zu verteilen, zu Fuß dieses Mal, weil er mit seinen Rückenschmerzen nicht Radfahren kann. Wir beschließen, uns bald mal wieder zu treffen. Zufällig. Im Riptide vielleicht.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#30 Ich

22. April 2010


21. April

Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich freue mich, dass es in Braunschweig inzwischen wieder viele Orte und Veranstaltungen gibt, die mir ein Gefühl von Zuhause und Zugehörigkeit vermitteln. Das Riptide gehört dazu, ganz klar. Dann noch die vielen unterschiedlichen Aktionen in der KaufBar, das Nexus, das Tegtmeyer, die Silberquelle, ganz bestimmt – so ich sie denn endlich mal besuche – die Schweinebärmann Bar und nicht zuletzt der Silver Club. Der hat mir mächtig viel Energie gegeben, vor anderthalb Wochen. Mit dem Silver Club hat Skapino etwas richtig Tolles auf die Beine gestellt, davon zehre ich noch lange. Und werde auch beim siebten wieder dabei sein.

Doch jetzt steht das Verzehren an erster Stelle. Janna und ich haben heute für uns die Spargel-Saison eröffnet. Seit einigen Jahren schon essen wir einmal pro Woche Spargel, den wir uns – so hat es sich inzwischen eingependelt – samstags auf dem Markt vor dem Altstadtrathaus kaufen. Einen Samstag ohne Markt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Das ist wie ein kleiner Urlaub, egal, zu welcher Jahreszeit. Und wie ein Ausflug aufs Dorf. Alle kennen sich, als Stammkunde kennt man auch bald alle. Die Brötchen bei „Grete“, die Kartoffeln bei Saucke, das Obst bei Meyer. Auch für Eier, Feigen und Fleischsalat haben wir unsere Stammstände. Der Italiener hat manchmal Artischocken und Olivenöl, es duftet nach Bratwurst, Kaffe und immer nach dem Produkten, die saisonal gerade an der Reihe sind. Champignons und Kohl kaufen wir dort, wo wir sie gerade am besten finden. Erdbeeren sind auch bald dran, dann kommen schon fast Kirschen und Pfirsiche. Aber ab jetzt und bis zum 24. Juni eben Spargel. Und weil der nicht so richtig lange satt macht, verlockt mich die Idee von einem Eiskaffee im Riptide.

Bei dem seltsamen Wetter ist es ohnehin rätselhaft, dass es überhaupt Spargel gibt. Die gefühlten Minusgrade verscheuchen die Erinnerung vom letzten Wochenende, an dem ich noch fast im T-Shirt herumgelaufen bin. Immerhin scheint gerade die Sonne, nachdem der Regen eben noch isländische Vulkanasche auf die Straßen gespült hat. Der Vulkan hat überdies auch sein Gutes: Wenn der Himmel einmal blau ist, trägt er zurzeit nicht einmal mehr Kondensstreifen.

Maren kennt die Rip-Lounge noch nicht, will aber erst mal Chris und André begrüßen. Das tun wir alle. Chris kommt mit dem Telefon am Ohr aus seiner Ecke, André mit freien Ohren aus der Küche. Sie empfangen uns lächelnd. Zuhause. „Was führt euch ins Riptde?“, fragt André. „Das Riptide führt uns ins Riptde“, sage ich und schaue mich auf der Theke um. Die Quartette liegen da, zwei aktuelle „Die drei Fragezeichen“-Kassetten, der Ausriss aus dem Subway mit dem Jahrespoll und dem Wort „Danke!!!!!“ darunter. Eine kleine Staffelei mit der Doppel-CD-Ausgabe von Paul Wellers neuem Album „Wake Up The Nation“ als Buch treiben mir als fast alles kaufender Weller-Fan die Tränen in die Augen. Nicht hingegen entdecke ich die CD „Tillicus Glossicus Metallicus“, die Till Burgwächter hier letzte Woche vorgestellt hat. Leider konnte ich an dem Abend nicht und hoffe nun, mir die CD wenigstens jetzt kaufen zu können. „Die ist noch nicht draußen“, sagt André leider. „Hat sich da was verschoben?“, frage ich. André nickt: „Till hat bei der Lesung so was gesagt.“ Schade! Ich zwinge mich, nicht mit den Fingern in den nur eine Armlänge entfernten neuen LPs zu blättern, und folge Janna und Maren aufs Sofa.

Auf dem Sofa sitzen hinter uns nun nicht mehr nur Augen-Kissen. Eines ist noch da, im verdrehten MSV-Duisburg-Muster. Auf einem weiteren Kissen ist ein altes Röhrenradio abgedruckt, das nächste zieren eine Audiokassette und der Satz „I Love Mixtapes“. Passt zu meinem T-Shirt: Darauf ist das Cover der letzten Yo-La-Tengo-LP „Popular Songs“ zu sehen, eine kaputte Kassette mit herausgezogenem Band nämlich. Eine tolle Platte überdies, eine der besten des vergangenen Jahres. Auf dem Tisch vor uns steht außer den Speise- und Getränkekarten eine Vase mit gelben Rosen und ein größeres mattes Glas mit einer brennenden Kerze darin. Um uns herum schmücken kleinere Fotos von Cylixe die Wände. An dem Tisch links neben uns stand kürzlich noch eine alte Holzbank. Die ist jetzt verschwunden, stattdessen steht dort ein mit weißem Kunstleder überzogener Sitzquader. Der Zeitungsständer immerhin ist noch da. Was mag mit der Bank passiert sein?

Am Fernseher knapp neben uns sitzt Joel und knarrt bei jeder Bewegung auf seinem Barhocker. Er bewegt sich viel, denn er beklebt gerade Plakate von The Roskinski Quartett, die ihr Debütalbum auf Riptide Recordings herausbringen. Joel reißt Din-A4-Seiten längs auseinander, auf denen zweimal die Daten für das Release-Konzert abgedruckt sind, und klebt diese Streifen auf die Plakate. Neben sich hat er ein Glas Wasser und einen Teller mit einem Cookie darauf stehen. Joel stellt fest, dass diese Aufgabe aus sich sehr wiederholenden Handgriffen besteht, und erzählt, dass er einmal – noch stupider – Nummern auf ganz viele Eintrittskarten hat stempeln müssen. Ich erzähle ihm von meinen sechs Jahren Bandarbeit bei VW. Das erinnert ihn an einen Angehörigen eines Freundes, der bei VW einen höheren Posten bekleidet und ihn, Joel, seines Aussehens wegen nicht begrüßen wollte – Joel hatte Piercings und trug nicht Hemd und Krawatte. Solche Leute habe ich bei VW ebenfalls kennen gelernt. Dabei sieht Joel doch völlig normal aus, ganz in schwarz, hautenge Jeans, ein Schlüsselbund glitzert an einer Hosentasche. Ungewöhnlich ist höchstens, dass ein Mann in seinen jungen Jahren ein Misfits-Shirt trägt. Joel wendet sich wieder seinem Werk zu, der Stuhl knarrt unter ihm. Er sitzt in der Sonne, eine rosa Plüsch-Schlange bäumt sich neben ihm auf.

André kommt an unseren Tisch und nimmt unsere Bestellungen auf. Maren ordert eine Bios, „es gibt doch da irgendwas mit Traube“, und ein Fladenbrot. „Chai-Latte“ bestellt Janna, ich kann endlich meinen Wunsch nach einem Eiskaffee äußern. Maren erzählt von einem Junggesellenabschied, den sie zu planen hat. Für die Braut habe sie genug Ideen, für die Hochzeit ebenfalls, aber für einen Man so etwas zu planen, fiele ihr schwer. Kein typischer Junggesellenabschied solle es werden, darin sind sich alle einig, der Bräutigam wohl, Maren, Janna und auch ich. Besonders Ideen für Hochzeitsfeiern, die nichts mit Baumstammzersägen und Herzenausbettlakenschneiden zu tun haben, fallen von uns dreien an der Zahl. Wir können es alle nicht verstehen, wie man mit den traditionellen Hochzeitsspielchen die Feier so langweilig zerdehnen kann. Hochzeiten habe ich auch schon alle möglichen erlebt, von unglaublich schrecklich bis sehr einfallsreich. Wobei die einfallsreichen in der Unterzahl sind. Schön fand ich einmal die Idee mit den Polaroids, die von jedem Gast gemacht und dann in ein Buch eingeklebt wurden, in das man dann als entsprechender Gast neben dem Polaroid etwas einzutragen hatte. Maren hat die Idee vor Augen, einen unerschöpflichen Fundus an Material bereitzustellen, aus dem die Gäste etwas kreativ auf einer Leinwand zu gestalten haben. Janna assoziiert und erzählt von einer Tour auf einem Fluss, den sie einmal mit einigen Leuten machte. Schnell sei man im Grünen gewesen und doch mitten in der Stadt. „Auf dem Rückweg hat einer angefangen zu singen und alle haben eingestimmt“, schwärmt Janna. Dabei fällt Maren eine Begebenheit ein, die sie mit und bei der Autorengruppe Writers Ink machte. Da war ich sogar dabei: Daniil Pashkoff zu Ehren setzten alle Schiffchen mit Teelichtern darauf in die Oker. Ein Lichtfluss glitt in der jungen Sommernacht nach Norden. Aber das hat ja beides nichts mit Hochzeit zu tun.

Mir fällt ein, dass Maren ja im Norden einen Kabarettisten kennt, der könnte ja ein Programm geben, schlage ich vor. Da überrascht Maren mich mit einer Information: „Der kommt aus Lelm im Elm.“ So aus der Nähe! Das hätte ich nicht gedacht. „Da haben sie ‚Neues aus Uhlenbusch’ gedreht“, setzt Maren die nächste überraschende Information ab. Sie beschreibt, wie eigenartig es ist, in Lelm über den Marktplatz zu gehen und sofort den des Dörfchens Uhlenbusch vor Augen zu haben. „Fährt Heini da noch rum?“, frage ich. „Den hab ich da noch nicht gesehen“, sagt Maren, „aber ich bin da manchmal schreiend über den Marktplatz gerannt: Konstantiiiiin…“

Es wird schlagartig dunkel um unser Sofa herum, die Sonne verschwindet hinter Wolken. Wind kommt auf und zerrt an den Bäumen und Schirmen im Achteck. Maren beißt in ihr Fladenbrot, Janna genießt ihren Chai-Latte, ich löffle mein Eis aus dem Kaffee. Das war die richtige Wahl. „Was hat es eigentlich mit Chai-Latte auf sich?“, fragt Maren Janna. Die gibt ihr ihr Getränk zum Probieren. „Schmeckt adventlich“, stellt Maren genüsslich fest. Beide sind sich einig, dass das Getränk dennoch ganzjahrestauglich ist. Beim Blick auf den Wind kann ich, an Joels Kopf vorbei, entdecken, dass über dem Eingang zur Rip-Lounge „RIP Lounge“ an der Wand steht. „Das steht da aber auch noch nicht lange“, stelle ich an Joel gewand fest. „Seit einem Monat“, bestätigt Joel. „Ich war jetzt aber auch eine Weile nicht hier, ich hatte ja Ferien.“ Der Glückliche. So ganz ferienfrei war ich ja auch nicht, immerhin zwei Wochen am Stück hatte ich. Und die auch bestens genutzt, wenngleich ich es an keinem Tag ins Riptide geschafft habe. Dafür nach Marburg und Göttingen, über Ostern ins Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt, nach Hamburg, dann in ganz Braunschweig Flyer und Poster verteilen für die sechste Indie-Ü30-Party sowie aufbauen, durchführen und abbauen helfen beim Silver Club in der Wichmannhalle. Eine herrliche freie Zeit. Da machte es auch nichts, dass ich nicht dazu gekommen war, meine Pflanzen endlich umzutopfen, mein Auto zur Werkstatt zu bringen und meine Lohnsteuerunterlagen vorzubereiten. Die Pflanzen waren immerhin heute früh endlich an der Reihe. Dabei habe ich Gabriel Burns gehört. An sich wollte ich dem Vorbild eines Kollegen folgen und bis zum Erscheinen der nächsten Folge alle bisherigen erneut am Stück hören. Doch war das heute früh erst die Nummer 14 – und die Folge 34 erscheint bereits am Freitag. Zwanzig Folgen schaffe ich in zwei Tagen einfach nicht, davon bin ich jetzt einfach mal überzeugt. Seltsam ist nur, wenn ich jetzt meinen Weihnachtskaktus sehe, erinnert er mich daran, wie Larry Blumberg von einem Grauen Engel zerrissen wurde, während ich die Erde um die Wurzeln des Kaktus’ festdrückte. Dem Kaktus geht’s aber ganz gut, denke ich. Meinem Magen auch. Wer zu Akte X essen kann, kann auch zu Gabriel Burns Kakteen, Geranien, Efeu und Bananen umtopfen.

Mit Marco, der ein paar Kartons schleppt, kehrt auch die Sonne zurück. Ein DPD-Mann bringt ein Päckchen. André und Chris nutzen die Zeit, bevor das Café voller wird, und kümmern sich um administrative Angelegenheiten. Joel überreicht die fertig beklebten Poster an André und verlässt das Café, mit ihm verschwindet die Sonne wieder. Nachdem Marco seine Kartons abgestellt hat, setzt er sich mit einem Milchkaffee an den Tisch neben der Theke. Joel kehrt wieder zurück, bekleidet mit einer blauen Mülltüte und damit laut raschelnd. Ein eigenwilliges Bild. Ich beschließe, vorsichtshalber keine Fragen zu stellen. Maren nimmt mir das ab. „Warum hat der Mann eine Mülltüte an?“, fragt sie André, weil Joel zu schnell wieder aus dem Riptide herausgestürmt ist. „Vorsorge“, sagt André. „Er kümmert sich um die Tische, abbeizen, streichen.“ Joel ist wieder zurück. Hinter der Theke höre ich ihn „morgen komme ich im Blaumann“ sagen. Mit einem Pinsel geht er wieder nach draußen, wohin auch immer – vom Sofa aus sind weder die Tische noch Joel bei der Arbeit zu sehen. Aber André, der mit einem Roskinski-Plakat in unsere Richtung wedelt, nachdem er ein anderes an die Theke geklebt hat. „Weiß ich schon, hab Joel die Plakate bekleben sehen“, sage ich. André nickt und bringt das Plakat in die Rip-Lounge. Auf den Nebentischen flackern die Kerzen in den Gläsern.

Das Riptide füllt sich jetzt, die Rip-Lounge gegenüber ebenfalls. Neben uns am Fernseher knarren zwei junge Frauen mit den Barhockern. Chris winkt von ferne und geht, dafür kommt Jasmin ins Café. Sie ist die neue Aushilfe, seit kurzem. „Sonst bin ich im Merz“, sagt sie. Unter die Café-Geräusche mischt sich plötzlich das Intro vom „Mundian to bach ke“ von Panjabi MC. Eines der Mädchen neben uns greift in seine Tasche und geht ans Telefon, der Song hört leider im selben Augenblick auf. Die Sonne beleuchtet die beiden. Da springt die Tür auf und Micha ins Riptide. „Das war zu erwarten“, sage ich. War es wirklich: Es ist unwahrscheinlich, dass ich meine Zeit im Riptide verbringe und nicht auf Micha treffe. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt, am Eröffnungstag, dem 16. September 2007. Seitdem laufen wir uns immerzu und überall über den Weg, oft der Einfachheit halber gleich direkt in die Arme: auf Plattenbörsen, im Kino, mitten auf der Straße. Und eben im Riptide. Kino ist auch der Grund, weshalb er da ist: Micha verteilt das Wochenprogramm vom Universum. Ich schlage es auf und entdecke, dass der Anvil-Film angekündigt ist. Noch besser: Unter dem abgedruckten Plakat steht „Read ’em all“ für Samstag, 8. Mai, 20 Uhr. Mist, da habe ich Dienst. Denn das ist herrlich: Sie zeigen den Film und lassen Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Frank Schäfer dazu lesen. Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket. Heavy Metal pur. „Ich muss wieder los
, sagt Micha und stolpert winkend durch die Tür. Wenn er Flyer verteilt, ist er in Eile. Kaum habe ich das gedacht, öffnet sich die Tür wieder und Micha sprintet in Richtung Theke. In unsere Richtung sagt er entschuldigend „schnell noch’n Getränk“, stellt sich an den Tresen und wiederholt dort an Jasmin gerichtet „schnell noch’n Getränk.“ Mit einer Fritz-Kola – „leider“, wie er findet – stellt Micha sich an unseren Tisch. Er trinkt hastig und hat trotzdem Zeit, währenddessen zu sprechen. „Sie haben keine Hausmarke mehr“, sagt er. „Gar nicht mehr im Programm?“, frage ich. Entsetzt weicht er zurück. „Nee“, sagt Micha, „dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er lässt den Gedanken kreisen und wiederholt abweisend, beinahe angewidert: „Dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er grinst und weiß, dass ich ihm das nicht glaube, und ich grinse und weiß, dass ich damit richtig liege. Micha kehrt zurück zum Anvil-Film und kündigt an, dass der Universum-Chef persönlich noch ein Plakat dazu vorbeibringen will. „Ich habe jetzt ‚Schwerkraft’ gesehen, mit Jürgen Vogel“, erzählt Micha. „Der war gut, hatte zwar zwischendurch Längen, war aber gut.“ Ich erzähle, dass ich schon seit bestimmt einem Monat nicht mehr im Kino war. Leider, aber es fehlt mir an Zeit. Und auch am Willen, muss ich gestehen. An sich bin ich ein Verfechter des europäischen Kinos, habe aber zuletzt viel europäischen Müll unter dem Deckmantel der alternativen Kinokunst zu sehen bekommen. Und wenn nicht Müll, dann Mittelmaß, aber dafür ist mir meine Zeit zu knapp, als dass ich mir Halbgares ansehe, nur weil es independent ist. So waren meine letzten Kino-Filme tatsächlich fast alle aus Hollywood. „Mein letzter Film war ‚Alice’“, erzähle ich Micha. „In 3D?“, hakt er nach. „Ja“, sage ich, „leider.“ Ich finde es blöd, für einen Film 11,50 Euro zahlen zu müssen, nur wegen der Effekte. „Wegen der Technik“, schränkt Micha berechtigt ein. Ja, wegen der Technik, dabei ändert die nichts am Inhalt. Wir sind uns aber beide einig, dass Disney an „Alice“ nichts kaputt gemacht hat. „Ich habe mich gut unterhalten“, teilt er meine Meinung. Er spricht „Avatar“ an, den ich nicht sehen wollte. „Pocahontas in blau“, sage ich. „Auf Blue Ray soll er gut sein, sehr farbgewaltig“, sagt Micha. Ich habe nicht mal einen Blue-Ray-Player. Micha hat seine Kola leergestürzt, zuckt entschuldigend mit den Schultern, sagt „Pocahontas ist doch gut“, bringt damit Maren und Janna zum Lachen und die Flasche an die Theke und geht. „Wir treffen uns“, sagt er im Gehen und wird damit ganz sicher Recht behalten.

Janna steht auf und sagt: „Ich gehe mal in die Rip-Lounge.“ Sie raucht gar nicht und setzt sinnierend nach: „Es ist schön, dass man jetzt mal ein anderes Synonym dafür hat.“ Als sie zurückkehrt, nimmt Jasmin bei uns Bestellungen auf. Maren wünscht einen Milchkaffe. Janna hat Hunger, will eigentlich gehen und bestellt daher nichts. Ich nehme das Signal nicht wahr und bestelle mir ebenfalls einen Milchkaffee. Bevor Janna reagieren kann, ist Jasmin schon zur Theke geeilt. Dabei wollte Janna doch so gerne einen Muffin bestellen. „Ich gucke mal, was sie da haben“, sagt sie und geht. Nicht lange, und sie kommt zurück. „So schnell?“, staunt Maren. „Ein Mandel-Marzipan-Muffin wird gleich seinen Weg zu mir finden“, kündigt Janna an. Und richtig: Jasmin hat einen Teller mit einem Muffin darauf in der Hand, den sie Janna überreicht und zur Küche zurückkehrt. „Der ist aber klein“, stellt Maren fest. „Aber schwer“, sagt Janna und reicht ihn ihr. „Das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Maren und wiegt den Muffin in ihrer Hand. Ich möchte den auch mal wiegen und nehme ihn ihr ab. „Danke“, sage ich, gebe vor, ihn essen zu wollen und drücke ihn schnell Janna in die Hand. Gespielt empört sagt sie: „Pöh! Du kannst höchstens was von dem Schoko-Muffin abhaben, wenn ich den noch bestelle, das ist der letzte in der Vitrine.“ Maren ist entsetzt: „Keine Muffins mehr?“ – „Nee, das war der Vorletzte.“ – „Du erzählst schlechte Geschichten, keine Muffins mehr!“ – „Der schmeckt auch gar nicht“, lügt Janna, „den würde ich keinem anbieten wollen.“ Beherzt beißt sie in den Muffin. „Mein Kaffee schmeckt auch gar nicht“, sagt Maren. „Nee“, sagt Janna. Maren schlägt vor: „Vielleicht sollten wir die Sachen, die nicht schmecken, zusammentun und nur einen von uns essen lassen.“ Sie kichert.

Ohne Mülltüte, aber mit großen Augen steht Joel vor uns, mitten im Raum. „Es ist stressig, weil Chris und André weg sind“, sagt er. „André ist auch weg?“ Hatte ich gar nicht bemerkt. Mitleiderregend klagt Joel: „Ja – nur noch die Hilfskraft und der Praktikant.“ Wir kichern. „Klappt doch ganz gut“, sagt Maren, überzeugt ihn aber nicht. Die Tische machen ihm zu schaffen. „Das klappt nicht so“, sagt er. „Die sind jetzt zwei Tage am einweichen, das muss das falsche Beizmittel sein, ich krieg die Farbe nicht ab.“ Andere Arbeit ruft ihn, mich ruft etwas anderes. Ich gehe in die Rip-Lounge, komme aber nicht weit. Dort sitzt Armagan, ihr gegenüber Tatjana. „Ich hab deine Freundin auch schon gesehen“, sagt sie. Sie kellnert in einem unserer vielen erweiterten Wohnzimmern: im Havanna. Leider sind wir dort inzwischen seltener als früher, als wir noch in der Nähe gewohnt haben. Wenn wir jetzt einmal Hunger und keine Lust zum Kochen haben, liegt Guidos Pizzeria, ebenfalls ein erweitertes Wohnzimmer, einfach näher. Das Wild Geese gehört leider auch zu dem erweiterten Wohnzimmern, die wir nicht mehr so häufig aufsuchen, aber das hat einen anderen Grund: Unser eigenes Wohnzimmer ist jetzt einfach groß genug. Früher, als wir uns noch 48 Quadratmeter geteilt haben, sind wir oft ins Wild Geese gegangen, haben uns Getränke und Chips bestellt und unsere Kniffelsachen ausgepackt. Jetzt ist unsere Wohnfläche deutlich größer und das Bedürfnis, mehr Platz zu haben, entsprechend geringer. „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter sehe“, sagt Armagan. Sie gehört für uns zu den Menschen, die uns in unseren erweiterten Wohnzimmern das Zuhausegefühl geben. So wie es uns eben auch im Riptide geht. Erstmals gesehen habe ich Armagan im Sommer 2007 im Tegtmeyer, als ich dort zum ersten Mal auflegte. „Das war, als sie im Brain umgebaut haben, oder?“, fragt Armagan. „Da war im Tegtmeyer so eine kleine Tanzfläche freigeräumt – das war toll.“ Und Anke, die mir den DJ-Posten erst möglich machte, weil sie im Tegtmeyer arbeitet und Timo überredete, stand an der Theke neben mir und sagte immer: „Guck mal, die sieht süß aus.“ Ankes Begeisterung ist immer ungemein ansteckend. Jedenfalls habe ich Anke daraufhin als Dank für den DJ-Posten ins Havanna eingeladen, Janna war auch mit dabei. Und wer bediente uns? Armagan, die uns sofort erkannte und sich zu uns setzte. So fing das an. Im Havanna ist sie leider die letzte, zu der wir solchen Kontakt haben. Die Jungs sind gottlob immer noch im Apo erreichbar, die ganzen Mädels offenbar mit ihrem Studium fertig und aus der Welt. Und für neue regelmäßige Kontakte sind wir nicht oft genug im Havanna. Auch Armagan wird irgendwann mit ihrem Studium fertig sein. Da kommt Maren in die Rip-Lounge. „Janna und ich wollen gehen“, sagt sie. Ich verabschiede mich von Armagan und Tatjana und folge Maren zurück ins Haupt-Café.

Will es zumindest. Chris schwingt sich eben auf sein Fahrrad. So ganz weg war er offenbar noch nicht, hat dies aber jetzt vor zu sein. „Ich bin schon zu spät“, sagt er. „Yo La Tengo?“, tippt er mit Blick auf mein T-Shirt richtig. Ich bestätige und verrate ihm, warum ich auf das Shirt so stolz bin: „Das habe ich mir im November in Kopenhagen beim Konzert gekauft.“ Mein drittes Konzert von denen in 15 Jahren: Roskilde, FBZ, Kopenhagen. „Ich hab die noch nie live gesehen“, sagt Chris. „Eine meiner vielen Lieblingsbands“, sagte ich. „Gut, dass es die sind“, sagt Chris, „und nicht die Böhsen Onkelz – die kommen erst auf Platz zwei.“ Er grinst, tritt in die Pedale und verabschiedet sich erst von mir, dann auch von André, der gerade zwei große Grasgewächse aus der Abstellkammer zerrt. Auch er ist also nicht ganz weg. Im Gegenteil zu uns. Wir ziehen uns an, zahlen bei Jasmin und verabschieden uns. Aus dem großen matten Glas auf unserem Tisch steigt Qualm empor. Die Kerze ist aus gegangen.


Matthias Bosenick
www.krautnick.de

#29 Schäfers Stündchen

20. März 2010


Mittwoch, 3. März

Zwischen zwei Terminen, bepackt mit einer Tüte voller LPs, schneit Arni am Abend förmlich ins Café Riptide. Er kommt direkt von Raute Records und verspricht André augenzwinkernd, sein nächstes Geld im Riptide auszugeben. Für heute investiert er es zunächst in einen Milchkaffee, den er gegenüber in der Rip-Lounge zu sich nehmen will. Die kennt er nämlich noch nicht. „Ich geh rüber in die Lunge“, sagt Arni zu André, der dies registriert. Viel Zeit hat Arni jedoch nicht: Er will noch in die Volkswagenhalle, zu Jean Michel Jarre. Bei Raute hat er einige Zeit lang gestöbert und sich von Uwe kompetente und gute Musik-Tipps geben lassen. Zum Beispiel Uwes „Platte der Woche“, „King Of The Black Sunrise“ von Thunder And Roses. Außerdem erzählt Arni von einem Aufkleber, den Uwe auf die LP „Viva“ von La Düsseldorf geklebt hatte, auf dem stand etwas wie „Du hast Scheißfreunde, wenn dir 13 nur eine LP schenken und alle darauf unterschreiben“ – die LP-Hülle war völlig bekritzelt. Nach einer Zigarette und dem Milchkaffee kehrt Arni in die Haupt-Filiale des Cafés zurück. Dort hat er ohnehin seine LPs auf der Theke vergessen. Doch so schnell, wie er es eigentlich vor hat, kann Arni nicht in die VW-Halle gehen: Er kommt bei den Platten mit Micha ins Gespräch.

Der blättert eigentlich in den LPs herum, in den gebrauchten ebenso wie in den neuen. Zum Thema Hörgenuss gibt Micha Arni einen eigenwilligen Tipp: „Nimm ein Buch, klappe es auf, lege eine Alufolie hinein, mit der stumpfen Seite nach unten und der glänzenden nach oben, lege darauf die CD, klappe das Buch zu, streiche ein paarmal darüber, klappe es auf, nimm die CD und lege sie sofort – nicht erst durch die ganze Wohnung rennen – in den Player.“ Den Unterschied werde Arni hören, beteuert Micha. Er erklärt die Sache mit den digitalen Informationen auf der CD, die sich statisch aufladen und verschieben. „Das Alu entmagnetisiert die CD“, sagt Micha. Er gibt ein Beispiel für audiophile Tonträger: Bei Ofra Haza etwa rücke diese Methode die Stimme von der Ecke zurück ins Zentrum.

Während die beiden sich unterhalten, steht Joel hinter der Theke und André an der Tür. André ist vollgeladen mit einem Getränketablett, das er in die Rip-Lounge bringen will. Vorsichtig, so als ob er niemanden stören dürfe, öffnet André die Tür, zwängt sich zögerlich durch den Spalt und will gerade umgreifen, als ihm wie in Zeitlupe auf dem Tablett die Gefäße umkippen. Einige Flaschen fallen zu Boden. Nichts geht zu Bruch, aber die Getränke laufen aus und ergießen sich auf den Holzfußboden des Cafés. Das Ganze passiert so langsam, das es fast lautlos und eigenartig unecht abläuft. André dreht sich in der Tür und macht einen Schritt über die frische Pfütze hinweg, Joel verlässt seinen Platz hinter der Theke und kommt mit einem Handtuch in der Hand auf ihn zu. Vorwurfsvoll grinsend fragt ihn André: „Wieso ist dir das eigentlich nicht passiert?“ Joel pariert: „Ich wollte mir erst von einem Profi zeigen lassen, wie das geht.“

Jetzt reißt sich Arni doch los und verabschiedet sich von allen. „Wo gehst du denn hin?“, fragt ihn Micha, dem Arni das tatsächlich noch gar nicht erzählt hat. „Zu Jean Michel Jarre“, antwortet Arni also. Er erntet ein Raunen, das zwischen Verwunderung und Respekt changiert. Vom Milchkaffee gestärkt und mit den Platten in der Hand macht sich Arni auf den Weg. André fragt noch: „Bist du morgen hier, bei Frank Schäfer und Frank Schulz?“ Doch schafft Arni das nicht, obwohl er seinen alten Bandkollegen –
Operation Daisyland – Frank Schäfer gerne einmal wiedersehen würde.

Donnerstag, 4. März

Heute Abend ist es Gesa, die die Frage „Stehst du auf der Gästeliste?“ an die eintreffenden Gäste richtet. Seit etwa einem Monat unterstützt Gesa das Riptide donnerstags und freitags. An sich ist sie im Thekenbereich tätig, doch heute nimmt sie Eintritt für die Lesung von Frank Schäfer und Frank Schulz. Chris ist wieder da. Er war im Urlaub, zum ersten Mal seit fünf Jahren. So stand es auf der Internetseite des Nexus, wo er erstmalig seine monatliche „Pleasure Park Party“ nicht geben konnte. „Ich war am Roten Meer, in Ägypten“, schwärmt Chris hinter dem Tresen. „Ich habe am neuntgrößten Korallenriff der Erde getaucht – deshalb war ich da.“ Mehr kann Chris nicht erzählen, denn er ist im vollen Café mit Bedienen gut beschäftigt.

Diese Lesung als gut besucht zu beschreiben, ist eine wahre Untertreibung. Die Gäste rangeln bei dem Versuch, anderen nicht die Sicht zu nehmen, selbst um die unbequemsten Plätze an der Tür. Viele Gesichter sind zu sehen, die auch die alte Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst schon immer besucht haben. Unter den Gästen ist auch Andreas, der jetzt Gesas Platz am Kartenschalter einnimmt. „Frank Schäfer war Schüler an unserer Schule, bevor ich dort war“, erzählt er. Seit 1990 unterrichtet Andreas an einem Gifhorner Gymnasium. Mit ihm sind noch weitere Kollegen ins Riptide gekommen, um ihrem alten Schüler zuzuhören.

Der sitzt neben dem weißbärtigen Frank Schulz an einem Tisch auf der Bühne in der Schallplattenecke und lässt soeben eine Bombe platzen: Er kündigt an, im Riptide eine vierteljährliche Lesereihe zu etablieren. Titel: „Frank Schäfer proudly presents“. „Ich werde mich im Abglanz berühmter Autoren sonnen“, sagt er. „Ich werde Bücher vorstellen, dreckige Filmchen zeigen und auch die Gitarre rausholen – all das mache ich aber heute nicht.“ Stattdessen spricht er ein Loblied auf Frank Schulz und dessen „Hagener Trilogie“: „Wer sie gelesen hat, hat darin die besten Stellen angestrichen und auswendig gelernt“, sagt er. Einzig von Frank Schulz’ Musikgeschmack behauptet er lachend, der sei Scheiße. Aus alten „Lemmy“-Zeiten reaktiviert Frank Schäfer die unentschlossene Bezeichnung „Stargast-Gaststar“ und begrüßt damit Frank Schulz.

Der hat die „Hagener Trilogie“ zwar dabei, doch steht die nicht im Mittelpunkt. Stattdessen präsentiert er seinen neuen Erzählungsband „Mehr Liebe“ und einige Texte daraus. Denn, so Frank Schulz, „es soll heute ausschließlich Musikgeschichten geben“ – Vorgabe vom Gastgeber. Und Frank Schulz weist darauf hin, dass sich der Tonfall des neuen Bandes von dem der Trilogie distanzieren soll, die in Medien als „saukomisch“ bezeichnet würde: „Saukomisch ist er deshalb nicht.“ Um Frank Schäfers Vorgabe zu erfüllen, liest Frank Schulz auch nur die Texte mit Bezug zu musikalischen Themen. Der erste dreht sich um „I Believe In Love“ von Hot Chocolate. Frank Schäfer wirft ein: „Ich sag doch, er hat einen Scheißgeschmack!“ Als Frank Schulz in seinem Text an die Stelle mit dem Lied kommt, singt er den Refrain – und fährt die Ernte in Form eines tosenden Applauses ein. „Dein Publikum“, sagt Frank Schäfer sichtlich stolz. Frank Schulz lächelt verlegen: „Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ich mal mit Singen reüssiere.“ Frank Schäfer lügt: „Die wollen nur höflich sein.“ Vor der Pause steht noch eine weitere musikalische Kuriosität im Frank Schulz’ nächster Geschichte: „Loop di Love“ von Juan Bastos. Das kennt nicht jeder im Riptide.

Andreas kennt es. Als die Pause den Rauchern das Bedürfnis ermöglicht, sich in die Rip-Lounge oder ins Achteck zu stellen, erinnert sich Andreas an seine Zeit als Schüler am MK. „Da sind wir hier auch immer durch die Passage gegangen“, erzählt er. „Da hatten sie im Hinterhof eine Kneipe aufgemacht…“ Der Name fällt ihm nicht mehr ein, Andreas winkt vage in die Richtung der ehemaligen Kneipe, aber er erinnert sich noch an Blumenmotive an der Wand. Mit seinen begeisterten Kollegen vertieft er jetzt die jüngsten Eindrücke.

„Die zwei ersten Texte habe ich mitgeschnitten“, sagt Sylvia, die sich zur Pause nach draußen schlängelt. Sie grinst: „Ich kann einfach nicht anders.“ Sie hat wieder ihre Utensilien dabei, mit denen sie Material für Radio Okerwelle erstellt. „Mal sehen, wie ich es senden kann“, überlegt sie und erreicht die Tür.

Nach der Pause bewahrheitet sich, dass nicht alle Texte von Frank Schulz „saukomisch“ sind. Er liest einen, bei dem den Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt. Frank Schäfer gleicht das mit seinen Texten aus „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Generation Rock“ deutlich aus, die Gäste lachen laut und viel. Erst spät in der Nacht endet die Leseshow. Wer nicht schnell nach Hause geht, weil er morgen wieder arbeiten wird, steht in Grüppchen herum. „Ich bin zum fünften Mal in Braunschweig“, sagt Frank Schulz. Einen Bezug zu der Stadt habe er zwar dennoch nicht herstellen können, aber: „Meine Verbindung ist Frank Schäfer.“ An den wendet er sich und fragt: „Mein erstes Mal in Braunschweig – Frank, wann war das?“ Frank Schäfer weiß es: „Das war zum ‚Lemmy’.“ Bei Frank Schäfer steht gerade Gerald Fricke, der wie er zur „Lemmy“-Besetzung gehörte. Frank Schulz grübelt weiter: „Dann war ich in einer Buchhandlung…“ Auch hier hilft Frank Schäfer weiter: „Neumeyer, im Bohlweg.“ – „Dann die große…“ – „Graff.“ – „Ja, und dann hier!“ Frank Schäfer wirft ein: „Im Spiegelzelt nochmal.“ Frank Schulz nickt. „Genau, das fünfte Mal also.“ Und das erste Mal im Riptide: „Das gefällt mir gut, gutes Publikum.“ Das wiederum verlässt das Riptide jetzt nach einem unterhaltsamen, witzigen, sprachlich anspruchsvollen Literaturabend. Die Fortsetzung hat Frank Schäfer für den 6. Mai angekündigt. Gast und Star wird die Fitzoblongshow aus Hannover sein – auch die war schon bei „Lemmy“ zu Gast. Mit dieser Empfehlung streunen die Gäste in die Braunschweiger Nacht.

Freitag, 19. März

Selbst am Abend ist es noch erstaunlich warm, der tolle Winter scheint endgültig vorbei zu sein. Gelegentlich nieselt es zwar, aber selbst der schmale Regen lässt niemanden frösteln. Das Café Riptide ist voll, auf beiden Seiten des Achtecks. André und Gesa kümmern sich in Windeseile um ihre vielen Gäste. Tobias kommt mit einer Freundin und zwei Freunden ins Riptide und sieht sich um. „Vier Personen, ja?“, fragt André hinter der Theke. „Ja, genau“, sagt Tobias. „Ich habe gesehen, in der Ecke ist ein Tisch frei, fehlen nur die Stühle.“ André nickt: „Ich kann euch welche holen – oder ihr setzt euch nach gegenüber, wir haben jetzt erweitert.“ Tobias hakt nach: „Drüben ist Raucherbereich, oder?“ André bestätigt begeistert: „Ja, drüben darf jetzt geraucht werden.“ Doch Tobias’ Miene verzieht sich, er schnippt in einer Pech-gehabt-Geste mit dem Finger: „Mist.“ André grinst: „Dann hol ich euch vier Stühle.“ Tobias ist einverstanden: „Wenn wir dir helfen können…“ André nickt: „Das könntet ihr sogar, ihr könnten von draußen Stühle reinholen.“ Tobias und seine Freunde sind einverstanden, wenden sich nach draußen und schließen die Tür. Nach einer sehr kurzen Weile kommen sie zurück. „Habt ihr Stühle mit?“, fragt André und kann keine entdecken. Tobias verneint und nennt die pragmatische Lösung: „Wir setzen uns raus.“ Doch vorher bestellen die vier ihre Getränke bei André.

Aus dem Cafébereich stürmt Gesa an die Theke, schnappt sich einen Block und einen Stift und beginnt zu schreiben. Dann hält sie inne, grübelt kurz und schreibt wieder. Hält inne, grübelt, schreibt. Hält inne, grübelt, sagt „Ah, ja!“, streckt kurz den Zeigefinger in die Luft und schreibt. Erklärend fügt sie an: „Ich hatte den Block vergessen und versucht, mir die Bestellung zu merken.“ Das ist ihr gelungen, sie holt die bestellten Flaschen aus dem Kühlschrank und stellt sie aufs Tablett.

In der Küche bereitet André Baguettes, Bagels und Crêpes zu. „Eine regelmäßige Lesung mit Frank Schäfer ist angedacht“, sagt er. „Einen Termin gibt es noch, den 6. Mai – mal sehen, wie es angenommen wird.“ So voll, wie die erste Show war, und so glücklich, wie die Gäste darüber sprachen, steht da aber nichts Schlimmes zu befürchten. Über den abebbenden Winter freut sich André. „Vor zwei Tagen ging’s los, da hatte man selbst schon den Frühling in der Nase“, schwärmt er, während er Mozzarella auf ein Baguette legt. Da ging es nicht nur ihm so, dass er den Frühling begrüßen wollte: „Ich musste Tische und Stühle rausräumen.“ Grund und Anlass, schon jetzt über den Sommer nachzudenken: „Wir haben Bierbänke gekauft, rollen unterm Balkon eine Leinwand herunter und gucken WM.“ André legt die fertig zubereiteten Leckereien auf Teller und bringt sie zu den Gästen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#28 Ein ernsthafter Mann

3. Februar 2010


Dienstag, 2. Februar

Vor 20 Uhr kommt zunächst kein Gast ins Café Riptide, denn bis dahin bereiten André und Chris den Raum für die heutige Abendveranstaltung vor. Heute Abend liest Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Café, zum bereits zweiten Mal. Für die Gäste, die die Zeit zwischen Cafébetrieb und Abendveranstaltung dennoch in Reichweite des Riptides verbringen wollen, hat sich die Situation immens verbessert: Sie müssen jetzt nicht im kalten Nieselregen stehen, sondern können sich die neue Rip-Lounge setzen. Dort sitzt Sylvia und interviewt Thomas Gsella für Radio Okerwelle. Gerald Fricke und Frank Schäfer setzen sich nach einer Weile dazu. Sie kennen Thomas Gsella, denn sie hatten ihn einmal bei ihrer Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“ zu Gast, die sie bis vor ein paar Jahren gemeinsam mit Hartmut El Kurdi im Antiquariat Buch und Kunst veranstaltet hatten. Dort war Sylvia auch immer Gast, deswegen kennt sie auch die beiden Braunschweiger Autoren.

„Hast du reserviert?“ Diese Frage wird Jana an der Kasse heute noch häufiger stellen. Die meisten Gäste bejahen sie. Statt einer Eintrittskarte drückt Jana den Gästen den Riptide-Stempel in die Hand. „Ich bin die Aushilfe für die Aushilfe“, erklärt Jana lachend. „Das mache ich gerne, wenn mal Not an der Frau ist.“ Der nächste Gast kommt an die Kasse. „Hast du reserviert?“

Noch ist im Café nicht viel los. Überall stehen Bierbänke quer im Raum, eine winzige Bühne drängt sich in die LP-Ecke, davor warten die vier schwarzen Hockerwürfel auf Sitzende. Die nehmen zuerst das Sofa am anderen Ende des Raumes ein. André kommt aus Richtung Sofa, Chris kommt von der Leiter herunter. Er hat den Beamer auf einen Lautsprecher gestellt und das Bild von Gsellas neuem Buch „Warte nur, balde dichtest du auch! – Offenbacher Anthologien“ auf die Leinwand neben der Minibühne projiziert. Chris setzt sich auf den Stuhl an dem Tisch auf der Bühne. „Thomas Gsella hat mich gebeten, euch ein paar Geschichten zu erzählen“, spricht er ins Mikrofon. „Er hat keinen Bock“, behauptet er und fügt grinsend hinzu: „Auf euch.“

Ein Relikt aus vergangener Zeit, ein Symbol für die Einzigartigkeit und den liebenswerten Charakter des Café Riptide haben Chris und André zu Grabe getragen: Den Schlüssel für das WC. Er liegt jetzt aufgebahrt in einem Holzsarg auf dem Tresen, beschriftet mit „R.I.P. 16.9.2007 – 16.1.2010“. Seit es in der Lounge Toiletten gibt, wird die Frage „kann ich mal den Schlüssel haben?“ im Riptide ebenso wenig wieder zu hören sein wie die gut gelaunt geäußerte Wegbeschreibung „wenn du hier raus gehst, nach rechts, etwa zehn Meter, dann auf der linken Seite die Glastür, die Treppe hoch“. Eine Ära geht zu Ende. Das sehen offenbar viele Gäste so, denn Chris erzählt eben jemandem, dass ein anderer Gast gesagt hätte, er würde jetzt trotzdem nur mit dem Schlüssel aufs WC gehen wollen. Überdies berichtet Chris, dass es mit der einzigartigen Klingel für die Funk-Verbindung zur Rip-Lounge nicht geklappt hat, und beruhigt: „Die provisorische Klingel funktioniert jetzt immerhin.“

Am Rand der ersten Reihe stapelt Sylvia ihre technischen Dinge und ihre Winter-Sachen auf die Bank. „Hab den Thomas interviewt drüben“, sagt sie, „und mir jetzt einen Platz in der ersten Reihe reserviert.“ Auch Chris setzt sich in die erste Reihe, neben Marcel Pollex vom Ensemble der Bumsdorfer Auslese. Mehr Platz ist im rappelvollen Café auch kaum noch zu bekommen. Aber zu finden: Auch Heike und Jerun zwängen sich noch erfolgreich nach ganz vorne.

Sich umständlich verrenkend nimmt Thomas Gsella den Platz auf der Bühne ein. „Ich darf mich nicht bewegen, sonst rutsche ich von der Bühne“, stellt er um sich blickend fest. „Hinter mir ist ein Graben, zehn Meter tief.“ Vor einem Jahr sei er schon mal im Riptide gewesen, erinnert er sich. „Als ich vor einem Vierteljahr erfuhr, dass ich schon wieder für Braunschweig gebucht bin, stellte ich fest, dass ich noch gar kein neues Programm hatte, da musste ich schnell zwei neue Bücher schreiben.“ Zum Beispiel die „Offenbacher Anthologie“ als Antwort auf die „Frankfurter Anthologie“, die Marcel Reich-Ranicki als Lyrik-Rezensions-Kolumne in der FAZ verfasst. Gsella beschränkte sich jedoch nicht wie Reich-Ranicki auf deutschsprachige Lyrik, sondern ließ prominente Gestalten offenbar ohne deren Wissen weltweit unbekannte Lyrik-Phänomene auftun und beschreiben. Passend dazu warf er immer ein Foto des vermeintlichen Dichters an die Wand. Gsella adaptierte nicht nur absurde Lyrik, sondern nicht minder überzeugend die verbalen Auswüchse der Lyrikrezipienten. Die Genrevielfalt und das damit sehr breit gefächerte Allgemeinwissen brachten immer andere Ecken des Publikums zum Lachen. Freude hatten so alle an der Lesung.

In der Pause wechselten viele Gäste in die Rip-Lounge, nicht nur zum Rauchen. Heike und Jerun gehören dazu. Heike lobt das Riptide. „Eine tolle Atmosphäre hier“, sagt sie. Erst gestern Morgen hatte sie per Mail zwei Plätze für die Veranstaltung vorbestellen wollen. „Abends kam dann Antwort von Chris“, erzählt sie erleichtert. Die beiden gehen rauchen, wie viele andere Gäste auch.

Also haben die Nichtraucher im Riptide mehr Platz, sich in Gruppen zusammenzustellen und zu unterhalten. Mit leuchtenden Augen schwärmt Gerald von „A Serious Man“, dem neuesten Film der Brüder Joel und Ethan Coen. Das Ende habe ihn überrascht, die vielen kleinen Details gefielen ihm. „Das Parkplatz-Gleichnis“, erinnert er sich und muss sofort wieder darüber lachen. Gerald hat den Anspruch, die Filme der Coen-Brüder komplett zu sehen „‚Burn After Reading’ habe ich noch nicht gesehen, ‚Barton Fink’ war mein erster“, erzählt er. Der habe ihn damals auf den Rest erst neugierig gemacht. „Arizona Junior“ fehle ihm noch. Über „Ladykillers“ sagt er jedoch: „Das ist der Verzichtbarste.“

Zwei Gruppen von Gästen bevölkern die Rip-Lounge: Die Raucher, sitzend, und diejenigen, die sonst nach dem Schlüssel fragen würden, schlangestehend. Irgendwo dazwischen macht sich Laura auf den Weg zurück ins Haupt-Café. Laura kellnert im Herman’s, lernt zurzeit aber auch viel fürs Studium. „Ich könnte mir keinen Job vorstellen, bei dem ich nichts mit Leuten zu tun habe“, sagt sie, und erzählt: „Eine Freundin gestaltet Dinge am PC, das könnte ich nicht.“ Sie verlässt die Rip-Lounge. Allmählich leert die sich, auch Heike und Jerun rauchen auf und gehen durch den Nieselregen zurück ins Café.

Am Eingang steht André im Niesel und raucht. „Am 13. haben wir wieder die Party mit dem Superbonz Soundsystem“, sagt er. „Da lassen wir in der Rip-Lounge entspanntere Musik laufen, da können die Leute dann chillen.“ Er zieht an der Zigarette, da kommt Ben den Handelsweg entlang. Der Play-It-Again-Ben der Bumsdorfer Auslese wundert sich, was im Café los ist. „Thomas Gsella hält eine Lesung“, sagt André. „Ich komme nur zufällig vorbei, will mit Arbeitskollegen etwas trinken gehen“, sagt Ben. Er fragt André: „Haste mal Feuer?“ und hält ihm eine Selbstgedrehte hin. André hat Feuer. Ben dankt und verschwindet grüßend und Rauch in die Luft blasend in der nassen Kälte.

Kabel und Mikrofone türmen sich auf Sylvias Platz. Sie schneidet Gsellas Programm auszugsweise mit: „Mal sehen, was noch kommt.“ Den Anfang habe sie jedenfalls mitgeschnitten, berichtet sie, und freut sich: „Besonders Franks Lachen, das hört man ja immer und überall heraus.“

Jetzt ist auch Thomas Gsella aus der Raucher-Lounge zurück an seinen Bühnenplatz gekehrt. „In der Pause haben Leute gesagt, die Lesung wäre scheiße, weil zu wenig Gedichte vorkamen“, setzt er an. Den Missstand behebt er, indem er für Spiegel-Online verfasse Sudel-Gedichte über Städte rezitiert. „Über Braunschweig habe ich auch eines geschrieben auf der Fahrt hierher“, sagt er und liest es vor. Die „Offenbacher Anthologien“ bestimmen danach auch den zweiten Teil der Lesung, obendrauf gibt es Prosa sowie Texte aus der Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ zu hören.

„Es ist schön, jemandem zu lauschen, der weiß, was er da macht“, kommentiert Janna an deren Ende die Veranstaltung. Für Gsella erfindet sie das Lob „ich find den krallenett“. Heike, die vor ihr sitzt, bedient sich an Jannas Kleidungsstücken, bis sie bemerkt, dass es gar nicht ihre sind. Beide lachen. „Ich war mal auf einer Party, da haben alle ihre Jacken aufs Bett geworfen, um die 30 Gäste“, erzählt Heike. „Das war im Winter, und als ich nach Hause wollte, musste ich erst meine Jacke suchen – alle waren schwarz“, sagt sie. Im gehen macht sie noch einen Vorschlag: „Im Winter sollte man mal etwas anderes als Schwarz tragen, zum Beispiel Orange.“

Auch Sylvia sucht ihre ganzen Sachen zusammen. „Am Sonntag von zwölf bis 13 Uhr mache ich über Chris eine Sendung“, kündigt sie an. „Den ganzen Werdegang, vom Mailorder bis zum Café, und André sucht die Musik aus.“ Kabel landen in Sylvias Tasche. „Das Interview mit Thomas ist am Donnerstag in ‚Pandora’ zu hören, zwischen 19 und 20 Uhr“, sagt sie. Die Sendung „Pandora“ läuft an jedem Donnerstag auf Radio Okerwelle. Der Sender residiert in der Brunsviga, dort ist Sylvia also oft anzutreffen. „Da kommt Hartmut El Kurdi hin, am 26. Februar, zum Satire-Fest“, sagt Sylvia begeistert. „Und am 27. März kommt er mit The Twang auch in die Brunsviga“, schiebt sie hinterher. Kaum weniger begeistert berichtet sie von der neuen The-Twang-CD: „Klaus Voormann hat das Cover gemacht, die Band in einem Stetson – Voormann hat in der Band von Manfred Mann gespielt und das Cover von der Beatles-LP ‚Revolver’ gestaltet.“ Im Vorbeigehen hat auch Frank, dessen Lache Sylvia so mag, noch einen Veranstaltungstipp: „Am 4. März ist Frank Schulz im Riptide, das stand auch unten im Newsletter zu Gsella.“

Die Show ist lange vorbei, das Riptide leert sich. André klappt Bänke zusammen, Jana gibt an der Theke das Pfandgeld aus. Chris dankt Thomas Gsella an der Bühne für den Abend. Wird Gsella ein drittes Mal ins Riptide kommen? „Wenn ich darf?“, hält er grinsend dagegen. Chris spielt empört: „Aber sicher!“


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#27 Verdoppelter Brandungsrückstrom

20. Januar 2010


Samstag, 16. Januar

Nina schreibt:
Wir waren zu viert und kamen aus dem Kino, so ca. 23.30 Uhr. Natürlich haben wir von der Party im Café Riptide gehört und sind in die Richtung geschlendert. Im Kopf war aber der Gedanke, dass um diese Uhrzeit doch niemand mehr da ist und die Party ohne uns gelaufen ist. Um so überraschter waren wir dann, als wir schon zu Beginn des Handelweges Musik und Lachen aus dem Café gehört haben… Mit Vorfreude sind wir dann eingetreten und begegneten gleich vielen gut gelaunten Menschlein mit Sekt und Co. Alle in guter und lockerer Stimmung. Einen Sitzplatz haben wir nicht gleich finden können, aber konnten uns dann doch auf zwei kleinen Sitzwürfeln niederlassen und quatscheln.

Mein Eindruck war sehr positiv. Eine entspannte Atmosphäre und dann doch so „kicksig“ und frisch. Ich finde es schön, dass es dort an jeder Wand und Ecke etwas zu entdecken gibt: bunter Bilder, Spielzeug, spannende Leute… Ein bissel wie bei Oma in der Stube.

Leider wurde kurz nach unserem Eintreffen doch der Laden geschlossen. Eine sehr nette und hübsche Dame fragte uns nach unserer Meinung und bat uns, bald wiederzukommen. Nach einer sehr herzlichen Knuddelage ihrerseits sind wir dann weitergezogen.

Janna schreibt:
Die Riptide-Lounge ist so gemütlich, dass ich am liebsten hierbleiben würde – wenn ich nicht Nichtraucherin wäre. Die Wände in Rot und Pink und etwas Gold, zum Teil mit passender Riptide-Tapete versehen, knüpfen an den maurischen Charakter des Gebäudes an, inklusive Sitznische und Kerzen. Es ist voll, doch ich finde dennnoch, was ich suche: Das WC ist nicht mehr auf interessant verschlungenen Wegen, sondern ebenerdig zu erreichen und auch für Leute geeignet, die größer sind als 1,48 m.

Lina schreibt:
Es war gut besucht: Immer wieder kamen Gäste mit beschlagenen Brillen, die nach einem Platz suchten, und die Kellner kamen kaum mehr hinterher, den zahlreichen, lautstark und fröhlich geäußerten Bestellungen Folge zu leisten. Die Raucher freuten sich, dass sie in den neuen Räumlichkeiten rauchen durften, die Nichtraucher, weil der Nichtraucherbereich davon höchstens optisch etwas mitbekam und sie, wie sonst auch, bei den Platten saßen, und man freute sich kollektiv darauf, dass die Lücke dazwischen bald durch Sonnenschirme und Sitzgelegenheiten im Innenhof geschlossen werden würde.

Mittwoch, 20. Januar

Der ganze Schnee, der seit Weihnachten alles bedeckte, ist inzwischen weg. Die wenigen Reste sind so grau wie der Himmel. Umso besser, dass das Riptide schon kurz vor Mittag geöffnet hat. Noch ist es ruhig, zwei Gäste sitzen am Tisch, ein weiterer blättert in den LPs. Chris steht hinter der Theke und wirkt ratlos. „Gestern habe ich den Monitor ausgemacht, heute geht er nicht mehr an – das kann doch nicht sein, der kann doch nicht über Nacht kaputt gehen!“ Er krabbelt unter die Theke. „Da muss ich unten bei den Kabeln gucken.“ Seine Stimme klingt gedämpft. Sollte der Monitor wirklich kaputt sein, wäre das problematisch: „Es fällt viel weg, was ich nicht machen kann, und außerdem wird auch noch ein neuer Monitor fällig.“

Von den LPs kommt Dennis herüber. „The XX habt ihr nicht hier?“, fragt er Chris, der sich von unter der Theke erhebt. „Da muss ich gucken“, sagt Chris. „Die geht täglich rein-raus – hier kann ich nicht gucken, das muss ich hinten machen.“ Also geht er an den PC im versteckteren Büro-Teil des Cafés. Nach einer Weile kehrt er zurück und überbringt Dennis die schlechte Botschaft: „Beides ist raus, auf die LP warten wir schon länger, die CD kommt morgen.“ Dennis würde jedoch lieber die LP haben wollen. „Kann ich verstehen, die ist super gemacht, mit dem X als Cut-Out – die ist saugeil, die Platte, taucht auch in allen Bestenlisten auf, seitdem kriegen wir noch mehr Nachfragen.“ Chris klettert wieder unter den Tresen und fördert einen schwarzen Stecker zutage. „Den Netzstecker hab ich gefunden“, sagt er zwar erstaunt, aber doch nicht so recht zufrieden, weil das dem Monitor nicht hilft. „The XX hab ich bei Tracks auf arte gesehen“, kehrt Dennis zum Thema zurück. „So wie ich haben bestimmt auch viele die Band dadurch entdeckt.“ Chris werkelt weiter an der Steckleiste herum. „Alle gehen jetzt ihre eigenen Listen durch und gucken: Hab ich was verpasst?“, sagt er. Es klackt, wenn er Stecker zurück in die Leiste drückt. „Da taucht alles auf, was 2009 gut war: La Roux, Mumford And Sons, The XX – die sind alle bei mir auch auf der Bestenliste.“ Es piept. Chris stutzt und blickt verdutzt auf den Monitor. „Der ist wieder da!“, stellt er fest. „Ich hab alle Stecker rausgenommen, die Kabel geradegezogen – der kann doch nicht einfach kaputtgehen, der muss rauchen, blitzen, pfffff, aber doch nicht so still und heimlich…“ Chris klackert an der Tastatur. „Schlimm ist, wenn man nicht weiß, woran’s gelegen hat.“ Jetzt kann er Dennis auch wieder vom der Theke aus Fragen nach LPs beantworten.

Seit Samstag ist das Riptide größer. Gegenüber, am anderen Ende des Achtecks, eröffneten Chris und André die Rip-Lounge. Eben geht Chris an den besetzten Tisch im Haupt-Café und fragt nach weiteren Wünschen. Timo fragt Chris nach der Rip-Lounge. „Das ist der Raucherbereich, wir haben 23 neue Sitzplätze und WCs drüben, man muss nicht mehr den Schlüssel holen“, zählt Chris auf. Timo fragt nach Partys in zwei Räumen, die jetzt möglich wären. Chris nickt: „Wir haben im Februar eine Party und überlegen, die auch drüben über Funk mit der PA zu beschallen.“ Timo steht auf. „Das guck ich mir mal an.“ Er verlässt das Café, überquert den Handelsweg und öffnet die Tür zur Rip-Lounge. „Wow!“, staunt er. Bis auf das Hellgrün sind alle Farben aus dem Haupt-Café auch hier zu sehen, die schmucke Tapete reicht bis in Kopfhöhe, Bänke stehen parallel zueinander, vorne stehen Stühle an den Tischen. Am Fenster, das dem großen Fernseher-Fenster im Haupt-Café fast gegenüberliegt, steht ein Schild mit der Aufschrift „Suppe der Woche: Kohlrabi-Möhren-Cremesuppe“ und eine Vase mit Nelken. Eine Vase mit Tulpen steht auf einem der Tische. Am Ende der einen Bankreihe machen Kissen aus einer zugemauerten Fensternische eine gemütliche Sitzecke. Neben der Tür hängt ein Kasten mit der Aufschrift „Bestellen? Drück mich!“ und einem Knopf in der Mitte. „Das sieht aber gut aus“, findet Timo mit einem Blick in die Runde und kehrt dann wieder zurück an den Tisch im Haupt-Café.

Dort berichtet Chris vom Samstag. „Um 15 Uhr haben wir offiziell das Band durchgeschnitten“, sagt er. So richtig fassen kann er nicht, woran er sich erinnert: „Die Leute hatten wohl die Party des Jahres erwartet, sie zumindest daraus gemacht – sie kamen und kamen und kamen…“ Freunde und Fremde, ein Riesentrubel, mit ihm und André sechs Helfer im ständigen Einsatz.

Mit Plakaten kommt Stefan herein und fragt, ob Chris die aufhängt. Der sichert das zu. Von Radio Ferner kommt Stefan. „Wir machen Hörproben bei uns, Freitag geht’s los“, sagt er. Um Plattenspieler der unterschiedlichsten Preisklassen geht es dann. „Wir haben euch schon viele Leute geschickt“, sagt Chris und nimmt die Plakate entgegen. Stefan bestätigt: „Ja, da kommen viele junge Leute zu uns, und immer, wenn’s um Platten geht, frage ich, kennste das Riptide?, und die kennen das auch.“ Chris grinst: „Das sind wohl die, die wir zu euch geschickt haben.“ Aber bei den jungen Leuten will es Stefan nicht belassen. „Wenn mal ein paar ältere Leute zu euch kommen, die sind auch von uns“, sagt er und erzählt, dass die es nicht glauben können, wenn er ihnen sagt, dass es in Braunschweig einen Laden gibt, in dem man Platten kaufen kann, „und zwar nicht gebrauchte, sondern richtig neue.“ Ihm selbst gehe es genauso: „Ich will auch nicht nur die alten Sachen hören.“ Deswegen hat er zwar für die Kunden viele ältere LPs und CDs für die Hörproben im Geschäft. „Neue Musik wollen die meisten nicht hören, aber manchmal lege ich dann auch Bonnie ‚Prince’ Billy oder Seasick Steve auf, da fragen die Kunden dann schon mal, was das ist.“ Die Live-Platte von Bonnie „Prince“ Billy hat einen tollen Sound, findet Stefan. „Und wenn ich mal Seasick Steve auflege, sagt trotzdem keiner: Das nervt“, berichtet er. Erst seit wenigen Monaten sucht Stefan überhaupt wieder nach neuer Musik. „Ich war ein paar Jahre weg davon“, sagt er. Familie, Beruf und so weiter. Jetzt hat er einen Account bei Napster. „Da lade ich mir Alben herunter, höre sie mir an, und was mir gefällt, das kaufe ich mir auf Platte.“ So hat er schon eine Menge Sachen kennen gelernt, über die er ohne Napster nie gestolpert wäre. „Die Mountain Goats oder My Morning Jacket hört man ja nicht im Radio”, bedauert Stefan. „Und die habe ich bei Napster entdeckt“. Stefan wendet sich jetzt an Chris, weil er noch etwas bestellen will.

Mittlerweile füllt sich das Café. Nicht nur mit Gästen: Joel ist eingetroffen, er macht zurzeit ein Praktikum im Riptide. „Seit…“ Er überlegt kurz und weiß dann: „…letzte Woche Mittwoch.“ Samstag zur Eröffnung der Rip-Lounge war er dann also bereits dabei. „Da war gut was los“, nickt er. Der 19-Jährige geht auf die BBS 3 Fredenberg in Salzgitter-Lebenstedt und wohnt in Bad. Das Riptide ist bis dorthin bekannt: „Bei vielen Kumpels, die Vegetarier und Veganer sind, und bei Hardcore-Punks, die Platten sammeln“, sagt Joel. „Die sind auch öfter hier, das spricht sich überall herum.“ Seinen Geschmack bekommt er hier auch erfüllt: „Crust, Grind, Death Metal, Punk, Thrash Metal – hauptsächlich Krach.“ Er grinst und macht sich wieder an seine Arbeit.

„Drüben ist auf?“, fragen Detlev und Jürgen, die kurz ins Riptide blicken. Chris bejaht und fragt: „Was nehmt ihr, wie immer?“ Die beiden bestätigen, Chris nickt und sie gehen nach gegenüber in die Rip-Lounge, kurz darauf folgen auch die Getränke. Die Post und ein Paketdienst kommen an die Theke und bringen Post und Pakete. Nach einer Weile steckt Detlev seinen Kopf zur Tür herein und fragt, ob er noch eine Bestellung abgeben kann. „Habt ihr geklingelt?“, fragt Chris. Hat er, hat aber offenbar nicht funktioniert. Er erzählt, dass in der Rip-Lounge früher das Doktor Korn war, „ganz früher, Ende der 60er, da ging’s hier hoch her.“ Er grinst. „Das Doktor Korn war eine Pinte“, er macht eine kleine Pause, „freie Liebe gab’s überall“, und schränkt dann ein: „Ich war erst zwölf, 13, bin immer von der Schule hier durch.“ Er denkt kurz nach, was damals wohl noch so dazu beitrug, dass es hoch her ging, und sagt: „Tante Puttchen ist eh klar, und das Banana, ich sitze grad mit dem ehemaligen Besitzer zusammen.“ Das ist Jürgen, der Detlev Steini nennt. Er wartet in der Rip-Lounge rauchend auf Detlev und die bestellten Getränke. „Handelsweg 11 war meine Adresse“, sagt Jürgen. „Ich hatte Schmuck, Kleidung, Besonderes, Asiatika.“ Detlev erinnert sich: „Vorher war da Fletcher.“ Jürgen nickt. „Ich bin neunundachtzig da rein, raus bin ich…“, er grübelt, „zweitausendzwei oder drei – jetzt bin ich bei der Stadt.“ Chris bringt den Milchkaffee für Jürgen und den Grünen Tee für Detlev. „Dürfte ich ausnahmsweise gleich abkassieren?“, fragt Chris und stößt damit auf volles Verständnis. Beide Gäste greifen zu ihren Geldbörsen, doch Jürgen sagt: „Nein, Steini, dieses Mal bin ich dran.“ Chris dankt, nimmt das Tablett und kehrt zurück ins Haupt-Café. Jürgen und Detlev beginnen, sich an Geschichten und Erlebnisse zu erinnern. „Johnny Cash hab ich mal auf Bali kennen gelernt“, sagt Detlev gerade. „Da hat er in einer Karaoke-Bar sein eigenes Lied gesungen.“ Jürgen fällt ein: „Auf Bali haben wir uns auch mal getroffen, zufällig, das war in dem Jahr, als Jan Ullrich die Tour de France gewonnen hat.“ Jürgen war auf Bali, weil er dort Sachen für seinen Laden gekauft hat. „Viermal im Jahr war ich in Südostasien, auch in Mexiko“, erzählt er. Detlev und Jürgen haben zusammen Fußball gespielt, beide waren an Sport interessiert. „Ich bin nach Bali geflogen, als die Tour de France schon zuende war, und Steini wollte unbedingt wissen, wie’s ausgegangen ist, ob Jan Ullrich gewonnen hat – damals gab’s ja noch nicht in jedem Nest ein Internet-Café.“ Detlev kehrt thematisch zurück zum Handelsweg und weiß über das Riptide: „Angela war da vorher drin, mit ihrem Antiquitätenladen, die ist jetzt vorne an der Ecke, gegenüber vom ehemaligen Hound Dog.“ Beiden fällt der Begriff „Kontakthof“ ein, sie nennen Knuff und Pata Pata. Jürgen lacht und zeigt in die Weite der Rip-Lounge. „Hier hatte ich mal ein Erlebnis, ich war mit meiner Freundin hier, da kam Paule rein mit einer Winchester, hat nur zum Spaß in die Decke geschossen, baaamm, baaamm!“ Beide lachen. „Hier könnt’ ich Bücher erzählen“, versichert Jürgen glaubhaft. „Pata Pata hat komplett mit Matratzen ausgelegen“, fällt Detlev ein. „Und als Schüler habe ich mir immer bei Tante Puttchen Eis geholt.“ Jürgen erzählt, dass er aus West-Berlin kommt „Ich bin im MK zur Schule gegangen, das war lustig, als ich den Laden hatte, sind ab und zu meine alten Lehrer vorbeigekommen, die hab ich dann angesprochen, die hätten mich nicht erkannt.“ Die beiden erinnern sich an den Gewölbekeller unter der Rip-Lounge und überlegen, was da vor dem Peetie’s drin war. „Wild Geese 2“, fällt Jürgen ein. „War das das, wo der drin geheiratet hat?“, fragt Detlev. Jürgen verneint: „Das war im Red Pub, so hieß es davor.“ An ein Fahrradgeschäft erinnert sich Detlev. „Da ist jetzt der Comic-Laden drin“, weiß er. Zurück beim Fußball erzählt Jürgen von Anekdoten und Erlebnissen, die er als Spieler der Altherrenmannschaft der Eintracht hatte. Detlev lacht. Er arbeitet beim Theater und zitiert aus dem Stück „Gipfelstürmer“: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Wolters her.“ Wie aufs Stichwort kommt Joel herüber und fragt: „Darf’s noch was sein?“ Jürgen verneint: „Nein, für mich nicht mehr.“ Detlev fügt hinzu: „Es ist nett, dass du fragst!“ Joel nickt und kündigt an, dass er zum Abräumen gleich wiederkommen wird. Jürgen und Detlev kehren zurück zu ihren Erinnerungen und hören gar nicht mehr auf zu lachen.

Drüben im Haupt-Café ist André inzwischen eingetroffen. In der Küche ist er ganz gut beschäftigt, denn am MK ist gerade Pause und viele Schüler holen sich ihren Imbiss im Riptide ab. Einige stehen mit Straßenpizza bei ihren Freunden herum, die gerade ihre Bestellung zubereitet bekommen. Timo schiebt sich zwischen sie und begleicht bei Chris seine Rechnung. Beim Blick auf die Led-Zeppelin-Box hinter Chris fragt er nach dem Preis und sagt, dass er sie gerade ersteigert hat und vergleichen will. „66 Euro“, liest Chris ab. „Ja!!!“, jubelt Timo. Chris grinst: „Hast du ein Schnäppchen gemacht?” Timo erzählt, dass er sie für 20 Euro bekommen hat uns schon glaubte, zu viel bezahlt zu haben. Chris verneint: „Da kannst du im Quadrat springen.“ Das macht Timo dann doch nicht, sondern dankt, grüßt und geht.

Nach ihm kommt Sahar an die Theke. „Einen von den dunklen Coockies“, bestellt sie bei Chris. „Zum Mitnehmen?“, fragt der. „Ja“, sagt sie und diskutiert mit ihren Freundinnen, warum sie lieber den dunklen als den hellen haben möchte. „Wir haben gerade Mittagspause“, erklärt sie noch, nimmt ihren Cookie entgegen und verlässt gemeinsam mit ihren Freundinnen das Café. André hat inzwischen auch die Crêpe-Wünsche der anderen Schüler erfüllt, das Café leert sich ein wenig. André macht sich an die nächsten Crêpes auf dem Bestellzettel.

„Die Klingel hat manchmal Aussetzer“, weiß Chris über die Funkstille zur Rip-Lounge. Er verrät: „Wir lassen uns da gerade etwas Besonderes bauen, was es nicht gibt.“ Mehr jedoch verrät er nicht. Nur, dass die Rip-Lounge noch lange nicht fertig ist. „Lüftung, finale Möbel, Klingelsystem“ fehlen noch. „Es klafft noch ein Loch in der Wand, da kommt die Lüftung rein, das stört aber nicht – wir haben die Lounge erst mal in Betrieb nehmen wollen, Ende Januar kommt hoffentlich alles.“ Den Namen „Rip-Lounge“ lehnt Chris an VIP-Lounge an. „Den wusste ich schon vor einem Jahr“, grinst er.

In der Küche schnippelt André gerade Bananen auf einen fertig gebackenen Crêpe. „Samstag war ein Erfolg“, erzählt er erleichtert. „Da ist uns eine Last von den Schultern gefallen.“ Chris und André hätten vor zweieinhalb Jahren nicht zu träumen gewagt, dass das Riptide einmal zu klein sein würde. Der Sprung über den Handelsweg war ein Wagnis. Eines, das den Gästen mehr Komfort bietet. Bei einem Schmuddelwetter wie jetzt müssen die Raucher nicht mehr unter dem Schirm im Achteck frieren. Sie können im Warmen, Trockenen sitzen, rauchen und sich mit Speis und Trank bedienen lassen. Joel kommt mit einem vollen Tablett mit leeren Gefäßen darauf aus der Rip-Lounge. Noch bis Ostern wird er regelmäßig im Riptide arbeiten. Das ist noch weit weg.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

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Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de
Myspace: www.myspace.com/riptide_rules

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten:
MO – MI: 10 bis 23 Uhr
DO: 10 bis 1 Uhr
FR – SA: 12 bis 1 Uhr
SO: 12 bis 19 Uhr