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#17 Spiel’s noch einmal, Ben!

13. März 2009


Ostfälisches Grau drückt nass vom Himmel herab. Es will und will nicht Frühling werden. Glück hat der, der seine Zeit an Orten verbringen kann, an denen es warm ist, farbenfroh und hell, an denen er Menschen treffen kann, an denen er auch einen heißen Kaffee bekommt. Den bekommt Rainer von Marcel. Marcel ist seit Mitte Januar Praktikant im Riptide, der fünfte schon. Er hat gerade sein Abitur in Gifhorn gemacht und will die verbleibende Zeit bis zum Studium sinnvoll nutzen. Gerade sortiert er CDs aus, die wieder an die Vertriebe zurückgehen sollen. Studieren will er, „auf Lehramt, Politik und Deutsch oder Englisch“, sagt er. „Ich will nichts unterrichten, was ich nicht mag“, begründet er die Wahl seiner Fächer. „Ich kenne zu viele Leute, die Jobs haben, die sie nicht gerne machen.“

Rainer hat sich ein Jimi-Hendrix-T-Shirt ausgesucht und legt es auf den Tresen neben sich. „Mit Jimi Hendrix bin ich aufgewachsen“, sagt er. Daneben liegt die neue Version des Hendrix-Albums „Electric Ladyland“, auf CD. „Die Scheibe hab ich schon zwölfmal auf Schallplatte, aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Covern“, sagt Rainer. „Zum Beispiel das Nude-Cover mit den nackten Frauen drauf.“ Von dem Album kann er nicht genug bekommen, deshalb muss es jetzt auch die neue CD-Ausgabe sein. „Die ist mit DVD, und die kann man aufklappen“, sagt er und klappt das Digipak auf. „Alleine deswegen kaufe ich mir die schon“, fügt er hinzu und grinst kopfschüttelnd.

Hendrix soll aber nicht seine einzige Errungenschaft des Tages sein, also geht Rainer an den Stand mit den Second-Hand-LPs. Dort findet er „Nevermind“ von Nirvana. „Ist die original?“, fragt er Chris. Der hat sich gerade von seinen Buchhaltungsarbeiten losgelöst und ist an den Tresen gekommen. „Ich denke, ja“, sagt Chris. „Jedenfalls weiß ich, wann die gekauft wurde, das war 1995, und raus kam die 1991 – zu meinem 18. Geburtstag!“ Während Chris noch gespielt traurig über Alter und Vergänglichkeit nachdenkt, sagt Rainer: „Ach, die nehm ich auch noch mit“ und legt die LP zu seinen Sachen. „Eines der besten Gitarrenalben der 90er“, findet er.

Rainer erzählt aus seinem Leben. Er ist Braunschweiger, 1950 geboren, war in Lüneburg bei der Bundeswehr, kam nach Wolfsburg zu Volkswagen und ist heute Vorruheständler. Er berichtet von den Schwierigkeiten, die er hier noch 1960 als Flüchtlingskind hatte, und davon, sich bei der Bundeswehr, gelinde gesagt, mit pazifistischen Ansichten unbeliebt gemacht zu haben. Musik war schon immer wichtig für ihn, bis heute bleibt er am Ball. „Zuletzt bin ich immer mit dem Bus nach Wolfsburg gefahren“, sagt er. „Da hab ich einmal die 50-Cent-Biografie gelesen, da kommen drei Rapper rein, gucken so, sehen, was ich lese, und fragen, ‚Alter, biste Rapper?’, und ich sag, ‚nee, ich wollte mal wissen, wie der Kumpel so zu Geld gekommen ist’.“ Er lacht. „Das fanden sie gut, ich war danach hoch angesehen bei den dreien.“ Mit Hip-Hop kenne er sich aus. „Schon durch meinen Sohn“, erklärt Rainer. „Ich hab alle Eminem-Platten.“

Die Riptide-Belegschaft ist heute wieder zu viert. Chris und André sind da, Marcel hilft mit und Marco steht wieder in der Küche. Sie bereiten sich aufs Abendprogramm vor, da kommt nämlich die Bumsdorfer Gerüchteküche zu Besuch und lässt lesen. „Marcel, holst du bitte mit Marco das Podest aus dem Keller?“, fragt André. Stressig ist es nicht, findet Marcel. „Normal. Standardsachen.“ Marco und Marcel verschwinden in Richtung Keller.

Über Hendrix kommt Rainer derweil auf die Band Ramatam. „Die haben zwei klasse Rockscheiben gemacht, Anfang der 70er, da spielte eine Gitarristin, April Lawton, da wollte damals keiner glauben, dass eine Frau so gut Gitarre spielt“, sagt er. „Da haben sie gesagt, sie sei ein Transvestit, aber der Ehemann hat sie vom Gegenteil überzeugt, und dann haben sie gesagt, sie hat bei Hendrix gelernt, hat sie aber nicht.“ Über gute Gitarristen kommt er auf Carl Carlton. „Der heißt eigentlich Buskohl und kommt aus Ostfriesland, das konnte damals auch keiner glauben, ein guter Gitarrist aus Ostfriesland“, erzählt Rainer. Frauen und Ostfriesen in der Rockmusik. Er lacht. „Carlton hat zum Beispiel bei Peter Maffay gespielt, der hat die CD ‚Heute vor 30 Jahren’ produziert, eine gute Platte, hat er sehr gut gemacht, man hört jedes Instrument, jede Gitarre deutlich heraus“, sagt Rainer. „Deutschsprachige Rockmusik hatte ja lange keinen guten Stand“, fügt er hinzu und verweist nach Osten. „Dort hatten sie Rock, die Puhdys, aber auch Blues, Renft, oder Jazz, Uschi Brüning“, zählt er auf. „Die haben dort Free Jazz gemacht, da brauchste starke Nerven, was meinste, wie gut die waren!“ Rainer hat eine riesige Amiga-Plattensammlung zu Hause. „Rund 800 LPs, die hat mir ein DDR-Bürger verkauft, die hat er von anderen zusammengesucht und mir gegeben, die brauchten D-Mark“, erzählt er. „Heute ärgern sie sich darüber, dass sie die Platten nicht mehr haben.“

Rainer landet bei der politphilosophischen Idee vom „guten Diktator“. Marcel hat davon gehört: „Schiller hat gesagt, der Herrscher ist nicht das Problem, aber ein guter Herrscher muss es sein.“ – „Das hat er von Platon“, meint Rainer gleich. Sie lassen sich aber beide nicht von dieser Idee überzeugen. Rainer muss nun allmählich auch los, zahlt, sucht seine Einkäufe zusammen und geht fröhlich grüßend. Marco macht derweil Feierabend, will aber wiederkommen: „Mein Ex-Mitbewohner liest doch!“ Mit Axel von der Gerüchteküche hatte er nämlich mal eine WG. „Bis heute Abend!“

Bis dahin ist noch etwas Zeit. André kündigt an, was sich ab April im Riptide ändert: „Da gibt’s die Aushilfe, und samstags wollen wir früher anfangen, wir wollen ein Frühstück anbieten.“ Außerdem gibt es die Fritz-Cola jetzt auch mit einem weißen Etikett. „Die ist zuckerfrei, hat aber genau so viel Koffein“, sagt André. „Die schmeckt mir sogar besser, da schmeckt man die Zitrone mehr raus“, findet Marcel. „Die gab’s eine Weile nicht“, sagt André. „Komischerweise.“

Sven legt die „For Now“-LP von The Bishops auf den Tresen. Er hat wenig Zeit. „Ich muss gleich los, im Merz auflegen.“ Auf Svens Konto gehen unter anderem die Champagne-Supernova-Partys im Schwanensee. „Erstmal nach Hause, eine halbe Stunde die Beine hochlegen, um neun muss ich da sein, um halb zwölf kommen die Leute – bis dahin kann ich spielen, was ich will, wozu ich Lust hab“, freut er sich, grüßt und geht.

„Hello Kitty?“ Lisa wühlt in der Kiste mit den Buttons, die auf dem Tresen neben der Muffin-Vitrine steht. Sie nimmt den genannten Button heraus. „Die mag mein Bruder, der ist – wie heißen die, Emo?“ Sie holt ihr Handy heraus und zeigt ein Foto von ihrem Bruder. „Ja, Emo“, bestätigt Marcel nach einem Blick auf das Foto. Der Bruder ist 15, also fünf Jahre jünger als Lisa, und steht auf die Farbe Rosa. „Hello Kitty ist nicht pink genug“, sagt sie jedoch. Auf ihrem nächsten Button-Fund prangt Gargamel. „Kennst du den, von den Schlümpfen?“, fragt sie. „Ein Held meiner Jugend“, nickt Marcel. „Ich war immer für die Bösen“, fügt er hinzu. „Cool war, wie er eine Maschine gebaut und die Schlümpfe in Gold verwandelt hat – dann hatten sie wenigstens einen kapitalistischen Mehrwert“, grinst er. Sie unterhalten sich beide übers Altern und über zahlenmäßig weniger werdende Haare. „An unserer Schule gab es einen Lehrer, der trug ein Toupet“, sagt Marcel. „Da haben sie am Türrahmen einen Fliegenfänger angebracht, und als er drunter durch ging, ist das Toupet dran hängen geblieben.“ Sie lachen.

Auf ein Astra ist Stefan ins Ritide gekommen, jetzt will er weiter. „Zum Werbeagenturabend“, sagt er. „Was wir da machen? Bier trinken und erzählen!“ Er erklärt: „Das ist ein Herrenabend, bei dem auch Frauen dabei sind, aber Herrenabend als Bezeichnung klang nicht gut – eigentlich ist es ein Stammtisch.“ Und der findet immer in einer befreundeten Werbeagentur statt. Zwar ist Stefan freiberuflich unterwegs, aber nicht in der Werbung. Er betreibt „Gandula“, ein Online-Portal für Sport in Braunschweig, eine Art „Zeitung im Netz“. „Gandula ist portugiesisch und heißt Balljunge“, erklärt Stefan. „Wir berichten über den ganzen Sport, auch Aerobic und Babykrabbelgruppe“, sagt er. „Alles, worüber man woanders nichts zu lesen bekommt.“ Er muss los, sein Stammtisch wartet.

Nach ihm schließt Marcel die Tür und lässt nur noch Leute herein, die mit dem Abendprogramm zu tun haben. Das sind zunächst Ben, Andreas und Axel. Sie haben Technik dabei, ein Keyboard, Kabel, ein Mikro mit Ständer und Lautsprecher. Axel Klingenberg gehört zur Stamm-Mannschaft der Lesebühne „Bumsdorfer Gerüchteküche“, die sonst immer in der Kaufbar stattfindet, die ihrerseits aber gerade umzieht. „In die Helmstedter Straße 135“, sagt Axel. „Gegenüber vom Marienstift, da, wo der Spanier früher drin war.“ – „Ist da nicht eine Kirche?“, fragt Ben. Axel nickt. „Da ist eine wunderschöne Kirche an der Ecke.“ Die nächste Gerüchteküche steigt dann dort, in den neuen Räumen der Kaufbar, am 9. April.

Ben ist Keyboarder. Er trägt ein AC/DC-T-Shirt und hat Dread-Ansätze auf dem Kopf. „Ich spiele zwischen den Lesungen kleine Einlagen“, sagt er. Seit einiger Zeit schon ist er damit ein festes Mitglied der Gerüchteküche. „Sie nennen mich Play-It-Again-Ben“, erzählt er grinsend. „Einen Kaffe mit Milch“, bestellt er, während Andreas einen Lautsprecher neben Ben auf den Tresen stellt. „Ich mache jetzt Technik“, sagt Andreas, der das ansonsten nämlich nicht macht, „aber ich verlege auch die Sachen der Bumsdorfer“, in seinem eigenen „Verlag Andreas Reiffer“. Der „Punchliner“ erscheint bei ihm, „ich habe auch die letzten acht Lemmy-Hefte verlegt“. Lemmy, das war die Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“, die Hartmut El Kurdi, Frank Schäfer und Gerald Fricke früher im Antiquariat Buch und Kunst veranstalteten.

Trotz der latenten Hektik, die aufkommt, weil der Platz für die Lesenden und die Zuhörenden freigemacht werden muss, bleibt immer Zeit zum Scherzen. Chris stellt die Topfpflanzen in eine Ecke des Raumes, der zur Bühne werden soll. „Axel, ich hab euch das ein bisschen grün gemacht in der Ecke“, ruft er. Axel dreht sich um und grinst. „Das ist schön, da stehen wir drauf.“

Marcel öffnet die Tür für Roland Kremer, den Moderator der Gerüchteküche. Roland trägt ein dunkles Sakko mit Buttons über einem lila Hemd und ist in der selben Stimmung wie seine Kollegen. Auf die Frage, was von ihm heute Abend zu erwarten ist, sagt er: „Ich moderiere, ich singe nicht, und es gibt kein Haiku – heute ist Charles-Bukowski-Gedenktag, da gibt’s kein Haiku!“ Haikus hat er nämlich sonst gerne im Programm.

Inzwischen hat Andreas das Mikrofon aufgebaut, ist in den hinteren Bereich des Riptide gegangen und hat Axel gebeten, einen Check zu machen. Axel steht vor dem Mikro und ruft: „Andreas, kannst du mich hören?“ Am anderen Ende kommt trotzdem ein ausdrückliches „Nein.“ von Andreas. Toddn, der erste der drei Gerüchteküche-Gäste, kommt ins Café. Chris: „Tut mir leid, heute ist geschlossene Gesellschaft.“ Toddn stutzt, blickt sich um und sagt dann: „Bin ich zu spät?“

An einem der Tische sitzt Lisa vor einem großen Berg Buttons, die sie alle aus der Kiste gefischt und von denen sie jeden einzelnen betrachtet hat. Einen Button, der für sie infrage kam, hatte sie beiseite gelegt. Sie füllt die Buttons jetzt wieder in die Kiste und bringt sie zurück an den Tresen, zu Marcel. „Ich habe nicht nur keinen neuen Button gefunden, sondern auch den alten verloren“, sagt sie betrübt. „Jetzt kriegt er einen Button mit Miezen und Herzen drauf.“ Geburtstag habe ihr Bruder nicht. „Den kriegt er einfach, weil ich ihn mag – Geschwisterliebe!“ Zur Lesung kann sie nicht bleiben, daher verabschiedet sie sich jetzt.

Am Tresen lehnt jetzt Toddn. Er trägt eine Lederjacke und eine Frisur, die an Marky Ramone erinnert. Gelegentlich hat er eine Sonnenbrille im Haar, die er ab und zu abnimmt. „Am 30. April bin ich wieder hier im Riptide, mit der ‚Please Kill Me’-Lesung, da ist dann auch Hollow Skai mit dabei“, kündigt er an. Seine Show „Toddn Killed The Videostar“ im Studio Ost hat er vorübergehend auf Eis gelegt. „Heute lese ich zum 15. Todestag von Charles Bukowski so’ne – Laudatio, kann man sagen, und noch zwei eigene Geschichten, die da reinpassen“, sagt Toddn. „Wir teilen viel: keine Arbeit, kein Geld – aber Bukowski und ich haben eine Sache nicht gemeinsam: Ich würde nie wie er über Sex schreiben, weil ich finde, dass das niemanden etwas angeht.“ Er schnappt sich sein Getränk und steuert das Sofa an. „Ich setz mich mal zu den anderen.“

Derweil ist Ben noch damit beschäftigt, sich um sein Keyboard zu kümmern. Er entdeckt im Regal die „Feuermond“-LP von den Drei Fragezeichen und fragt André: „Habt ihr die auch auf Kassette?“ André dreht sich um und greift ins Regal hinter sich. „Nur die neuste, ‚Schatten über Hollywood’.“ – „Nee“, sagt Ben, „ich würd den ‚Feuermond’ gerne auf Kassette haben.“ Die Sprecher der Drei Fragezeichen treten im Oktober in der VW-Halle auf, mit dem „Seltsamen Wecker“. „Da hab ich mir Karten für gekauft“, erzählt Ben. „VW-Halle, das kann schon wieder zu groß sein für so was.“ Trotzdem freue er sich auf die Show.

Bald soll es losgehen, aber zwei Gastleser fehlen noch. Eben kommt Till Burgwächter zur Tür herein. Seine Lockenmähne trägt er offen, ein Hemd hat er an mit einem grellgrünen „Heathen“-Bandshirt darunter. „Hey, du bist doch sonst immer der erste?“, begrüßt ihn Axel. „Ich hab mich mit meinem Bruder festgequatscht“, erklärt Till. „Im Auto, direkt vor der Tür quasi, da haben wir eine Viertelstunde erzählt.“ Und Fußball gehört, der HSV spielt gerade gegen Galatasaray. „Eben stand es 1:1“, berichtet Till.

Mit Gerald Fricke ist jetzt auch der dritte Lesegast im Riptide angekommen. Er trägt einen weißen Anzug und ein hellblaues Hemd und erinnert so an John Travolta in „Saturday Night Fever“. „Ich hab schon gedacht, du gehst in die Kaufbar“, scherzt Axel. Kein Gedanke. „Und, habt ihr schon den Rock’nRoll-Dampfer klargemacht für heute Abend?“, hält Gerald dagegen. „Der Dampfer der guten Laune sticht in See?“ Sie besprechen die Sitzreihenfolge auf der Bühne.

Unter die Gäste mischen sich auch Nina und Birte, beide mit einem Glas Wein in der Hand. Nina war schon einmal hier, Birte noch nicht. Sie sehen sich um und entdecken die Ausstellung „FleckchenErde“ von Kati Meden. „Ich muss mir die Bilder noch mal genauer ansehen“, meint Nina. Sie suchen sich aber lieber einen Sitzplatz auf den Bänken, die Chris und Marcel längst aufgebaut haben. Es soll ja bald losgehen. Marco ist inzwischen auch wieder da. Frank Schäfer kommt herein und ruft: „Wichtigste Frage: liest Fricke? Der war ja gestern noch krank!“ Axel beruhigt Frank: „Ja, Gerald liest.“ Frank beugt sich zu André. „Ich hab schon gehört von der Terminüberschneidung“, sagt André. Am selben Tag, an dem der ehemalige Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Riptide auftritt, am 24. März nämlich, liest Frank aus seinem neuen Buch über Woodstock im Antiquariat Buch und Kunst. „Ich hab einfach nicht dran gedacht“, sagt Frank. Gsella war auch einmal beim Lemmy der Gaststar oder Stargast, da waren sich die Veranstalter nie einig, wie es heißen sollte.

Ben legt los, am Keyboard. Er unterlegt seine Akkorde mit Bontempi-Beats und sorgt mit seinem Spiel für die ersten Lacher. Er sitzt ganz links, noch weiter links hat sich nur Andreas, der zwischendurch Fotos macht, einen Platz gesucht. Rechts von Ben sitzt Toddn, dann Till, Axel und Gerald. Ein kleiner Tisch vor ihnen dient als Unterlage für ihre Unterlagen und Getränke, direkt zwischen Tisch und Zuschauern setzt sich jetzt Roland auf einen Barhocker ans Mikro. Er grinst, während er die Show anmoderiert. „Der Anlass ist, vor genau –“ Er blickt sich kurz zu Toddn um, der sagt: „15 Jahren und vier Tagen –“ Roland: „15 Jahren und vier Tagen ist Charles Bukowski gestorben.“ Die Texte des Abends handeln aber nicht nur von ihm. Und zwischendurch gibt’s Musik, von, so Roland, „unserer Showband Play-It-Again-Ben.“ Großer Applaus, Ben spielt irgendetwas, Frank ruft aus den Zuschauerreihen: „Das ist deine Musik, Till!“ Till macht völlig unbeeindruckt den Metalgruß und tut so, als würde er das Kabel vom Keyboard herausstöpseln.

Als erstes liest Axel, eine Kolumne aus seiner Reihe „Mein Kind, das Ding aus einer anderen Welt“ mit dem Titel „Zahltag“. Als er mittendrin auf Seite zwei weiterlesen will, stellt er fest, dass er den falschen Zettel dabei hat. „Falsches Ende“, ruft er und fischt sich den richtigen vom Tisch. „Ich hätte beinahe wieder den Cut-Up erfunden wie Burroughs, aber heute ist ja Bukowski-Tag.“

Ben dudelt abschließend, Roland kündigt Toddn an, Ben spielt zum Übergang jedoch nur einen etwas kürzeren Ton. „Danke“, sagt Toddn gespielt beleidigt. Toddn hat einen Text vorbereitet, in dem er kurz aus dem Leben und Werk von Charles Bukowski erzählt und dann dazu übergeht, seinen eigenen Bezug zu „Buck“ herzustellen. Roland kommt anschließend kurz nach vorne und sagt: „Ich bin nur hier, um das Ganze in die Länge zu ziehen – Play it again, Ben!“ Und Ben spielt.

Allerdings wieder nur einen Ton, noch kürzer als bei Toddn dieses mal, denn Heavy-Netal-Fan Till ist als nächster Leser an der Reihe. „Das ist nicht Slayer – was ich mir gewünscht habe“, sagt Till entrüstet. Er liest einen ironischen Text über Braunschweig und die umliegenden Städte, „nicht über Fußball oder Heavy Metal“. Als er sich anschließend auf seinen Platz setzt, umreißt Ben das Fanfaren-Intro von Liquidos „Narcotic“, um Till zu besänftigen. Was ihm gelingt. „Die waren mal Death Metal“, sagt Till anerkennend, „unter dem Namen Pyogenesis.“

Als soll Gerald lesen. Er geht an den Lautsprecher auf dem Tresen, greift zu einer Videokamera und bedient sie. „Was’n jetzt?“, fragt Axel. „Ich schalte die Kamera ein“, sagt Gerald. „Ich dachte, du filmst alle?“, entgegnet Axel. „Ja“, bestätigt Gerald stoisch-gelassen. „Ich hab’s vergessen anzuschalten.“ Gerald bildet die Welt, die er wahrnimmt, in den Floskeln und Formulierungen derer ab, die er beschreibt, und schießt damit sozusagen zurück. Der Dampfer der guten Laune, wahrhaftig. Roland stellt abschließend den Bezug zur Lemmy-Show her und sagt: „Lemmy war eigentlich die erste Lesebühne in Braunschweig, auch wenn die drei das nie so genannt hätten – aber Lemmy ist ein Vorbild für uns!“ Und Ben spielt wieder.

Es ist Pause. Viele gehen rauchen, holen sich neue Getränke und reden miteinander. Ben entdeckt auf dem Büchertisch eine Hörspiel-CD mit dem Titel „Halbgötter“ von Hauke Trustorff, erschienen in Andreas’ Verlag. „Die nehm ich mit!“, sagt er, und dabei fällt ihm ein, dass er das Hörbuch von Axel auch schon immer mal haben wollte. „Das hab ich sogar mit“, sagt Axel. Dabei handelt es sich um ein Fantasy-Hörbuch mit dem Titel „Das Schwert des Xanq“, Roland hat es eingelesen.

Allmählich klemmt sich Ben wieder hinter sein Keyboard, um die Zuschauer auf das Pausenende aufmerksam zu machen. Roland startet als erster Leser mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Bukowski-Geschichte, danach ist Toddn wieder an der Reihe. Der will aber nicht vorne sitzen, sondern am Tisch. Also muss Till einen Platz nach links rutschen. Toddn liest aber nicht sofort los, sondern holt erst mal Getränke für alle. Als er sich setzt, richtet Roland das Mikro ein. Toddn rückt den Stuhl etwas vor uns rummst mit der Nase ans Mikro. „Das ist immer so bedrohlich“, findet er und dreht das Mikro zur Seite. „Bukowski und ich haben eines gemeinsam: schlecht bezahlte Jobs“, beginnt er. Axel unterbricht: „Ja, aber Bukowski ist schon irgendwann zu Geld gekommen.“ Toddn dreht sich zu ihm um und sagt: „Ja, er hat eine reiche Frau geheiratet – das macht Hoffnung!“ Axel grinst: „Sie hat ihn zum Arbeiten gebracht, das ist der Trick!“ Ums Arbeiten handeln dann auch Toddns Texte, davon, wie aussichtslos es heute ist, ehrliche Jobs zu bekommen, von deren Lohn er seine Stromrechnung bezahlen kann.

Nach einem Ben-Intermezzo ist Axel dran. Er will aber wieder vorne lesen, also schiebt er den Tisch zurück und setzt sich auf den Barhocker. Nach einer Kolumne über Telefonterror angesichts eines zu erwartenden Kindes kündigt er einige Termine ab. Erneut spielt Ben, Till drängt sich nach vorne. „Ich warte auf ‚Highway To Hell’“, grummelt er Ben zu. „Das ist ‚Highway To Hell’“, behauptet Axel. Allmählich schälen sich wirklich Elemente des AC/DC-Stückes aus Bens Keyboardspiel heraus. „Darf ich dich Helmut Zerlett nennen?“, fragt Till jetzt anerkennend. „Mambo Kurt nimmt so was auf CD auf!“ Tills Geschichte handelt vom Moorkater, der alternativen Disco-Kneipen-Legende in Gifhorn, und seiner Heavy-Metal-Sozialisation.

Als Till fertig ist, drückt Ben kurz eine Taste. Roland wartet kurz und fragt dann irritiert: „Das war’s von dir, Ben?“ Roland kündigt Gerald an, der dieses Mal aus seiner Kolumne „Gerald Fricke hat kein Ballgefühl“ einige Texte liest, in denen er den typischen Fußball-Sprachgebrauch aufs Korn nimmt. Gelassen lümmelt er sich auf den Barhocker, eine Hand in der Tasche und in der anderen die Textzettel, und berichtet von Hallenfußball und Trikotwerbung.

Abschließend will Roland noch einmal dran. „Die nächsten Termine hat Axel schon gesagt“, einer fällt ihm wohl noch ein, „ich weiß nicht, hat er das angekündigt…?“ Till: „Ja, hat er!“ Hat er natürlich nicht, den Poetry Slam am 27. März im Roten Saal. Zum Ausklang groovt und swingt Ben auf dem Keyboard herum. „Das nächste Mal wünsche ich mir von dir Volksfestmusik“, sagt Axel.

Die Show ist vorbei, die Lachmuskeln entspannen sich wieder, die Leute finden zusammen, trinken, rauchen draußen, erzählen. Chris, André und Marcel räumen die Bänke weg, Andreas und Ben bringen die Technik beiseite. Frank, Till und Axel hatten zwei Monate zuvor im Riptide die Heavy-Metal-Lesung gehalten und kürzlich in Hamburg ausprobiert, ob das Konzept woanders ebenfalls aufgeht. „Das hat auch sehr gut funktioniert“, bestätigt Frank. „Das war in so’nem Schuppen auf dem Kiez.“ Gerald will sich nun verabschieden und meint grinsend, mit Blick auf Chris, der eine Bank zusammenklappt: „Ich gehe, bevor ich hier noch zum Aufräumen verhaftet werde!“ Axel platzt heraus: „In Hamburg mussten wir aufräumen, bevor wir gelesen haben!“

Die Gerüchteküche verabschiedet sich. Dieser Ausflug hat Herzlichkeit, Harmonie und ganz viel Gelächter ins Riptide gebracht. Auf jeden Fall hat der Restwinter ganz viel Farbe und Wärme bekommen. Das Frühjahr kann kommen.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#16 Warm von innen

18. Februar 2009


Dieser Februartag sieht aus, wie man sich einen Februartag wünscht: Strahlendblauer Himmel mit vereinzelten Wolken, aber eiskalten Temperaturen. André steht alleine hinter der Theke, weil Chris zu Hause ist – „er hat sich verlegen und sich was eingeklemmt“, erzählt André. Er selbst hatte erst kürzlich drei Tage auf dem Sofa verbringen müssen, weil er sich einen Infekt eingefangen hatte. „Da bin ich mal richtig zur Ruhe gekommen“, sagt er, und ergänzt: „Ab 1. April wollen wir Hilfe in Anspruch nehmen.“ Kathi, eine Freundin, wolle dann an Wochenenden aushelfen. „Sie ist immer schon mal eingesprungen.“

Markus findet das schade. „Hätte ich das eher gewusst!“ Den Job hätte er nämlich auch gerne übernommen. Aber er hat auch schon andere Job-Pläne, die er nur noch nicht verraten mag. Stattdessen erzählt er von einem Konzert, das er im April oder Mai im Nexus veranstalten will. „‚Der Tante Renate’ spielen, die zweite Band ist noch nicht sicher, vielleicht ‚Juri Gagarin’.“ Diese Gruppe kommt nicht etwa, wie zu erwarten wäre, aus Osteuropa, sondern aus Hamburg. „Die machen Electro und spielen als Einmarschmusik die Hymne der Sowjetunion“, erklärt Markus. André schlägt „Misses Next Match“ vor und lässt Markus in das kommende Album reinhören. Markus wollte eigentlich gerade gehen und zieht noch mal seine Jacke aus, sein Interesse ist geweckt. „Die sind feiertauglich, haben ein paar richtige Smasher“, findet André. Für Markus sind auf dem ersten Eindruck zu viele Gitarren drin. „Ich bin von mehr Electro ausgegangen“, sagt er. „Das kommt noch“, meint André und skippt ein Stück vor. Mit der Konzertgruppe „Kritik & Feierei“ veranstaltet Markus schon seit längerem Konzerte im Nexus, das mit „Der Tante Renate“ soll sein erstes werden, das er ganz alleine auf die Beine stellt. „Immer weniger Leute wollen so etwas machen, aber dann fehlt etwas in Braunschweig“, meint er,

„Im Nexus bin ich aktiv, seit ich in Braunschweig wohne“, erzählt Markus draußen in der Kälte beim Rauchen. Ursprünglich kommt er aus Salzgitter, „aber wir waren schon immer viel in Braunschweig unterwegs“. Gelernt hat er Kaufmann mit Fachbereich Spielwaren. „Ich hab mich schon über meine Wahl geärgert, man findet damit in der Region nichts.“ Und nach München habe er nicht gewollt, „das ist mir zu weit weg, ich hab meine Freunde hier.“ Dabei war das Thema an sich passend, mit Table Decks und Magic-Spielen. „Von 1993 bis 2004 habe ich Magic gespielt“, erzählt Markus. Irgendwann habe das Interesse daran aber nachgelassen. „Hobbys verändern sich.“ Arbeiten raubt Zeit. „Und ich habe eine zweieinhalbjährige Tochter, mit der beschäftige ich mich auch lieber.“ Er geht zurück zum Tresen, auf dem sein Buch noch liegt, „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart“ von Markus Heitz. „Das ist das beste, was die deutsche Fantasy in den letzten 20 Jahren herausgebracht hat“, schwärmt Markus, schnappt sich seine Jacke und wendet sich zum Gehen: „Jetzt muss ich aber wirklich los!“

Das Buch lag neben dem Stapel mit den Flyern für die Lichterkette, die am nächsten Donnerstag von Braunschweig um die Asse herum bis zum Schacht Konrad reichen soll, 52 Kilometer lang, gegen Atommüll in der Region, gegen Atomkraft allgemein. Jetzt wuchtet André eine Kiste mit Second-Hand-LPs auf den Stapel. Frank blättert den Stapel durch, aber nichts davon spricht ihn sofort an. „Ist halt so Punk“, meint er. „Ich guck die demnächst noch mal durch.“ Ohne Tonträger wird der Sammler das Riptide dennoch nicht verlassen. „Solange es Quellen für Vinyl zum vernünftigen Kurs gibt – ich sehe mich schon dreimal die Woche herkommen“, seufzt Frank. „Ich bin diese Woche schon zum dritten Mal hier.“ André überreicht ihm die Tüte mit zwei Depeche-Mode-Maxi-Singles und dem Album „Harmonia“ von Earthbend. „Die machen hoch angepriesenen Stoner-Psychedelic-Rock“, erklärt Frank. „Das ist ein Doppel-Vinyl, das kaufe ich sogar blind, nach den vielen guten Kritiken.“ Er nimmt die Tüte entgegen. „Das kannst du auch bedenkenlos tun“, bestätigt André. „Es gibt noch ambitionierte junge Musiker, denen es um die Musik geht, und nicht nur – “, Frank reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. „Das ist schön anzusehen.“ Er verabschiedet sich. „Ich komme bestimmt noch mal wieder“, sagt er. „Das wäre dann aber das vierte Mal“, ruft ihm André grinsend nach. Frank dreht sich um und sagt: „Ja, macht doch nix.“

Bibbernd kommt Kai zur Tür herein. „Hier ist es warm“, freut er sich. „Das ist die richtige Zeit, um sich mit einem Heißgetränk auch von innen zu wärmen“, sagt André zur Begrüßung. „Habt ihr auch Tee?“, fragt Kai. Ein gutes Dutzend Sorten steht über dem Kaffeeautomaten gestapelt zur Verfügung. „Wenn du die Sorten von da erkennen kannst“, meint André bestätigend. Kai umrundet den Tresen und liest die Packungsaufschriften. „’ne schöne Ostfriesenmischung“, bestellt er. „Schwarztee?“, fragt André. „Im Kännchen?“ Im Kännchen. Kai hatte die Inneneinrichtung des Cafés mitgebaut, demnächst baut er vielleicht eine Sitzecke ein. „Wir reden erst mal drüber“, sagt er. Von ihm sind „der Tresen, das Ding da oben und die Plattenteile“. Mit dem „Ding da oben“ meint er die orange-rosa-grüne Brücke über dem Tresen. „Die musste rein“, erklärt André. „Das ist die Brücke für die Elektrik, ist ein schöner Eyecatcher geworden.“ André erzählt davon, wie das Riptide gestaltet wurde. „Ilka, die auch schon das Nexus mit designt hat, hat ein Modell vom Riptide gebaut, und in Zusammenarbeit mit einer Berliner Grafikdesignerin das Konzept entworfen.“ Die Designerin ist Kati Meden, deren Ausstellung „FleckchenErde“ gerade im Riptide zu sehen ist. Von den beiden stammt also auch das Farbkonzept. „Das Bunte in der Brücke ist beklebtes Plexiglas mit Licht dahinter“, rundet Kai ab, bevor er sich bei André eine Suppe bestellt.

Die nächste Ausstellung steht auch schon fest: „Bilder von Ute Heuser, die das Buch über Turbonegro gestaltet hat“, sagt André. In genau diesem Augenblick legt Luki jenes Buch zum Kauf auf den Tresen. „Das passt ja“, sagt André. „Möchtest du eine Tüte dazu?“ Luki möchte, sein Begleiter Daniel ergänzt fröstelnd: „Und ’ne Jacke!“

Philipp lässt sich von André „Years Of Refusal“, das neue Morrissey-Album, auf CD geben, zum Reinhören. „Vorsicht“, sagt André, „da ist noch eine DVD mit drin.“ Philipp dankt und meint, „okay, dann leg ich die DVD ein.“ Seine Freundin Anna bestellt derweil einen braunen Cookie und einen Chai-Tee. Beides bringt André zu ihr ans Sofa, Philipp kommt vom Morrisseyhören zurück zu ihr. Anna und Philipp spielen in einer Band, „The Roskinski Quartett“. „Wir haben auch schon mal hier im Riptide gespielt“, erzählt Anna. Das Riptide mögen sie beide. Sie blicken sich um, schauen auf die bunten, großformatigen Bilder. „Sind die nicht von der Frau, die das Riptide farblich mitgestaltet hat?“ Sind sie. „Das sieht man, die passen gut hier rein.“

Die Musik ihrer Band bezeichnen Anna und Philipp als „Indie-Pop mit einem bisschen Disco“. Das war bei dem Bandnamen nicht zu erwarten. „Wir machen keinen Jazz, das glauben viele, deswegen auch das ‚The’“, erklärt Anna. Die Band trägt außerdem ihren Nachnamen. „Anna ist die Songwriterin und Sängerin der Band“, sagt Philipp. „Ich spiele Gitarre und mache noch PR.“ Die neue Morrissey habe er sich bei André gleich bestellt, zusammen mit „The Western Lands“ von Gravenhurst. „Ich hab mir drei, vier Lieder von Morrissey angehört, die sind besser als das Album davor, das fand ich nicht so gut wie das vorletzte“, sagt Philipp. „Wir müssen uns noch das Album von Carl Craig kaufen, das mit den Berliner Symphonikern.“ Beide schwärmen von „Versus“, einer Aufführung aus Paris, die sie irgendwo gesehen haben. „Ein Orchester hat Stücke von Carl Craig gespielt“, sagt Anna. „Das war geil“, meint Philipp, „die haben die ganzen Electro-Spielereien umgesetzt, Drum-Aussetzer und so.“ Er steht abrupt auf und verschwindet in Richtung André. „Zuerst hat nur das Orchester gespielt, aber mit der Zeit hat Craig das untermalt“, erzählt Anna weiter.

So ähnlich wie zuletzt bei Polarkreis 18 vielleicht? „Nicht ganz“, meint Anna. Von denen mag sie ein Lied gerne: „Das heißt ‚Somedays Sundays’ und ist noch vom ersten Album, das ist Techno, geht aber gut ab, am Anfang ganz ruhig, dann geht der Beat los, richtig gut zum Abdancen.“ Mit den Jungs von Polarkreis 18 hat sich Anna schon unterhalten, in Köln. „Die sind wie wir in der Soundfoundation, da hat jede Band einen Paten, und die waren unser Pate“, erklärt Anna. Philipp kommt zurück. „‚Recomposed’, Carl Craig und Moritz von…” – „Oswald”, fällt Anna jetzt sofort ein. „Ich hab die grad bestellt“, sagt Philipp. „Als Doppel-LP, ich kaufe immer Vinyl, wenn’s irgendwie geht.“ Allmählich packen beide ihre Sachen zusammen. „Wir müssen los.“

Mit einem ausgeklappten Zollstock, einem Stift, einem Zettel und einem sehr konzentrierten Blick läuft Kai im Riptide herum. André und er diskutieren Ideen und planen, gemeinsam zu Ikea zu fahren. Doch auch Kai hat jetzt nur noch wenig Zeit. „Danke für die Suppe, die war sehr lecker“, sagt er. „Ich muss weg.“ Es wird still im Riptide. André räumt auf, wischt Tische ab, rückt Kissen zurecht. Die nächsten Gäste können kommen.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#15 Die Drei Drachenschlachter

17. Januar 2009


Dieser Freitag ist ungemütlich grau und windig. Die Gäste, die es ins Riptide weht, werden von Hanna begrüßt. Sie macht ihr Berufsschulpraktikum im Café und wirkt so souverän, dass man auf diese Idee gar nicht käme. „Mein Fachgebiet ist Ernährungswissenschaften, deshalb musste es im Gastrobereich sein“, erklärt sie. „Das Praktikum ist das letzte, was ich mit der Schule hier mache, danach ziehe ich nach Amsterdam“. Ihr Freund hat dort einen Studienplatz, sie geht mit ihm. „In den Niederlanden geht ein Studium auch ohne Abi“, sagt sie, „ich muss nur ein Jahr zur Hochschule gehen, das mache ich und studiere dann Journalismus.“ Auf Englisch, nicht auf Niederländisch. „Ich habe zwar an der Volkshochschule eine Kurs belegt, aber ich traue es mir noch nicht zu, in der Sprache auch zu studieren“, sagt Hanna und verschwindet in Richtung Küche. „Jetzt mache ich erst mal einen Burger.“

In der Küche hilft Marco täglich für zwei Stunden aus. Ihm gehörte einst der Fasanenkrug. „Er hat mal mit Axel Klingenberg zusammengewohnt“, spannt André den Bogen zur Abendveranstaltung. Axel wird heute Abend nämlich zusammen mit Frank Schäfer und Till Burgwächter die Lesung „Das ist ja wohl die absolute Härte!“ bestreiten. Zu dritt sind sie bislang noch nie aufgetreten, lediglich in allen erdenklichen Zweierkombinationen waren sie schon vorlesend unterwegs. Für Chris und André bedeutet dies, das Café rechtzeitig vorzubereiten. Für eine Stunde soll es daher geschlossen bleiben und pünktlich um acht wieder die Türen öffnen. Aber noch ist das Riptide offen für sein Publikum.

Chris erzählt, dass seine Mutter bis zur Rente an der Schule unterrichtete, auf die Hanna geht. „Ich muss jetzt ganz viele Lehrer grüßen“, sagt Hanna grinsend. „Alle Schüler sind durch ihre Hände gegangen, hat sie immer gesagt“, erzählt Chris und schiebt die „Dust Sucker“-Doppel-LP von Captain Beefheart And The Magic Band in eine Schutzhülle. Sieht schick aus, die Platte. „Sie haben vor kurzem einige Beefheart-Alben neu rausgebracht“, sagt Chris. „Das ist wie bei Zappa: Alle sagen, der ist ein Genie, aber keiner kennt ihn.“ Hanna kennt Zappa. „Seit neustem habe ich das Zappa-Poster überm Bett hängen, auf dem er auf dem Klo sitzt“, sagt sie. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sehe ich Frank Zappa auf dem Klo – kein schöner Anblick, das muss nicht sein.“ Ihr Freund hatte das Poster aufgehängt. „Sind ja nur noch drei Wochen“, grinst Hanna.

„Kann ich da mal reinhören?“, fragt Moritz und legt André die „Jewels“-CD-Hülle von den Einstürzenden Neubauten vor. „Na klar“, sagt André, sucht die passende CD heraus und gibt sie ihm. „Seit ‚Kollaps’ höre ich die Neubauten“, erzählt Moritz. „Ich hab mit dem Krach angefangen.“ Bei den neueren Alben mag er die Texte nicht mehr so gerne. „Das ist für mich so Pseudo-Lyrik“, findet er. Es habe eine Zeit gegeben, da habe er nichts anderes als die Neubauten gehört. „Weil es einfach nichts Vergleichbares gab – aber heute könnte ich das auch nicht mehr den ganzen Tag hören.“ Er schnappt sich die „Jewels“ und setzt sich an den CD-Player.

Wenn nicht, wie heute, eine Abendveranstaltung geplant ist, wird das Riptide jetzt am Wochenende zur Lounge. „Ab 20 Uhr machen wir einen Umbau, dämpfen das Licht und erzeugen ein bisschen Lounge-Atmosphäre“, sagt André. „Wir legen dann die Tischaufbauten auf das eine CD-Regal und nutzen es so als Tisch, der wird gerne genutzt, da finden auch große Gruppen Platz.“ Außerdem gibt es Cocktails im Riptide. „Das sind eher Zweimischgetränke“, sagt André, „ich weiß nicht, ob man die schon als Cocktails bezeichnen darf.“ Es gibt Schnäpse, Jägermeister, Wodka und Whiskey. „Als Mixgetränke haben wir Highball, das ist Whiskey mit Ginger Ale, oder Screwdriver, das ist Wodka-O“, zählt André auf.

„Neurosis“ steht auf Mathis’ Pullover, „Neurosis“ steht auch auf der einen LP, die er zur Kasse trägt, darunter „The Eye Of Every Storm“. Auf der anderen LP steht „Dummy“ neben dem Namen „Portishead“. „Die Neurosis ist für einen Freund, die habe ich selber schon“, sagt Mathis. Und die „Dummy“ bezahlt gerade sein Begleiter. „Die habe ich auch selber“, grinst Mathis. Er selbst hat sich noch eine ganz andere LP gekauft: „Board Up The House“ von Genghis Tron. „Die machen so Grind-Geballer“, sagt Mathis. „Die treten auch live auf, die haben einen Drumcomputer, zwei Keyboarder und zwei Gitarristen“, erklärt er. Und grinst: „Diese Platte ist verglichen mit der davor schon fast strukturiert.“ Er schiebt seine LP zurück in die Tüte zu den Schutzhüllen, die er ebenfalls hier gekauft hat.

Außer der Bionade hat das Riptide jetzt auch die Limonadenmarke „Bios“ im Repertoire. „Die ist ohne Zuckerzusatz und mit dem Bio-Siegel, das greift sogar stärker als die EU-Norm“, sagt André. „Die Sorten sind ein bisschen an Bionade angelehnt“, meint er und zählt auf: „Holunder-Traube, Orange-Ingwer, Lemon Grass und Red Apple.“

Währenddessen sortiert Chris einige neue LPs in die Fächer und beginnt anschließend damit, schon einmal Kleinigkeiten für den Abend zurechtzurücken. „Habt ihr die ‚Life Won’t Wait’-LP von Rancid hier?“, fragt ihn Sina. Chris sieht im Fach nach. „Wir haben noch eine da, als Picture-Vinyl, davon gibt es nur 500 Stück“, sagt er. „Die hat die Band sogar selber rausgebracht.“ Eine große Freude für Sina. „Ein Glück, dass ich die bekommen habe, da wird er sich freuen!“ Aha, sie kauft das rare Stück nicht für sich selbst? „Das ist ein Geschenk, und genau die fehlt ihm noch.“

Inzwischen werden nicht nur Kleinigkeiten geräumt. André schiebt die CD-Regale beiseite, lehnt die Tischabdeckung daneben, stellt die Pflanze dahinter. Der Zeitschriftenaufsteller kommt auch in die Ecke. Das Café ist zwar eigentlich fürs Publikum nicht mehr geöffnet, leer ist es trotzdem nie. Einige Gäste bieten sogar ihre Hilfe an. Allmählich trudeln die drei Leser ein, Till ist der erste. Er hat eine wilde, lockige Mähne und trägt ein Rob-Halford-T-Shirt und eine Helloween-Jacke. „Ich bin das erste Mal hier“, sagt er, während er seine Blicke anerkennend durch das Café streifen lässt. „Frank hat davon erzählt, dem hat das sofort gefallen.“ Till wohnt seit zehn Jahren in Braunschweig, kommt aber ursprünglich aus Gifhorn. Wie Frank, der aus einem Nachbardorf stammt. Axel kommt aus Bodenteich, das heute Bad Bodenteich heißt. „Stimmt, wir kommen alle beinahe aus einer Gegend“, sagt Till.

Er sieht die neue Eläkeläiset-CD „Humppa United“ auf dem Tresen. „Zu denen haben auf dem Wacken 30.000 Leute Polonäse getanzt“, erzählt er, und geht über zur Band Van Canto. „Die machen Metal mit ihren Stimmen, nur der Schlagzeuger ist echt.“ Auf dem Rockharz-Festival habe er die gesehen, dort hätten sie zur hälfte Covers, zur Hälfte eigene Stücke gespielt. „Für eine halbe, dreiviertel Stunde ist das interessant.“ Gecovert hätten sie alles von Europe bis Slayer – „ungefähr das, was ich auch höre.“ Damit kommt er zum Thema Genres. „Heavy-Metal-Hörer sind Fans für immer“, meint er, „und das wissen die Promoter.“ Als Beispiel nennt er Bon Jovi und Bryan Adams, „die hören sich ja eigentlich gleich an.“ Aber da Bon Jovi ihre erste Tour im Vorprogramm einer Metal-Band gebucht hätten, wären die im Bewusstsein der Fans nach wie vor dem Metal zugeordnet – „Bryan Adams nicht.“ In diesem Augenblick kommt Axel dazu. „Die braucht man heute aber beide nicht“, meint er. Axel trägt ein gestreiftes dunkles Hemd, keine Metal-Insignien. „Ich halte mich offen für alles“, grinst er. Jetzt ist auch Frank da, im Thin-Lizzy-Shirt. „Ich höre alles, was gut ist“, sagt Axel gerade, und Frank ergänzt lachend: „Ich höre alles, was so im Radio läuft.“ Axel: „So Rock Pop, nur nicht die harten Sachen.“ Frank: „Ich mag nur die Balladen von denen.“ Alle drei brechen in schallendes Gelächter aus. Es geht gut los.

Chris bereitet den Lesetisch vor und fragt nach Details: „Wollt ihr ein Mikro oder drei Mikros?“ Darauf Frank: „Also, ich brauche nur ein Mikro.“ Till, Axel und Frank besprechen die Sitzreihenfolge. „Ich habe mal gehört, dass rechts immer der Chef sitzt“, meint Axel grinsend. Till entdeckt die „Feuermond“-Dreifach-LP der Drei Fragezeichen im Fach hinter dem Tisch. „Auf LP – geil, dass es die noch gibt“, staunt er. Um die drei herum stellen Chris und André Lautsprecherboxen auf, verteilen Mikros und bereiten die Bierbänke für das Publikum vor. Chris fragt nach einer Einmarschmusik. „‚Der Hund von Baskerville’ von Cindy und Bert“, schlägt Axel vor. Alle lachen. „Meine Lieblings-Heavy-Metal-Version ist ‚Fuchs geh voran’ von den Scorpions“, sagt Till. „Das ist ‚Fox On The Run’ von den Sweet auf Deutsch.“ Das haben die Scorpions unter dem Namen „The Hunters“ 1975 herausgebracht. „Und du willst uns nicht veräppeln?“, fragt Frank. Will er nicht.

Allmählich rollen die drei ihre Rock’n’Roll-Vergangenheit auf. „Ich habe in Gifhorn bei der Band ‚Cryptic Voices’ Gitarre gespielt“, will Till eigentlich gar nicht erzählen. „Wir haben uns den Proberaum damals mit Gastric Ulcer geteilt“, sagt er. Deren Sänger Marco ist jetzt bei Very Wicked. „Papa Gore hat eine klasse Stimme“, findet Till. Der Bodenteicher Axel kennt natürlich auch die Discothek „Exil“. „Ich war beim Eröffnungsabend dabei, da haben einige Bands gespielt“, erzählt Axel. „Das muss Anfang der 80er gewesen sein, meine ältere Schwester hat mich da mitgenommen.“ Für die Bodenteicher sei es wunderbar gewesen, dass die das Exil im Ort gehabt hätten. „Ich habe zwar am anderen Ende gewohnt, aber es war trotzdem praktisch, dass man nie irgendwo hinfahren musste“, sagt Axel. Frank hat seine Zeit im Gifhorner „Moorkater“ verbracht, auch mit Bandauftritten, mit „Salem’s Law“ und „Operation Daisyland“. „Im Kater waren wir fast nie“, sagt Axel. „Wie, nie im Kater?“, hält Frank entrüstet dagegen. „Wozu“, meint Axel, „Wir hatten’s ja zu Hause.“ Die drei zählen lauter alte Disconamen auf. „Penny Lane, Mausefalle“, meint Axel, „und kennt noch wer das Amazonas in Hankensbüttel?“ Heike kommt dazu. „Jembker Hof und Farmer’s Inn“, wirft sie ein. Von irgendwo fallen noch die Namen Schlucklum und Panopticum.

Es geht los. Mehr als 60 Metalheads und Literaturinteressierte haben sich auf Bierbänken und Stühlen oder an der Theke lehnend eingefunden. Die Stimmung ist heiter und gelöst, sowohl beim Publikum als auch bei den drei Stargästen, die sich zunächst vorstellen. Till schreibt unter anderem für den „Metal Hammer“, Axel beim „Punchliner“. „Außerdem ist er Chef der Bumsdorfer Gerüchteküche“, behauptet Frank. „Hey!“, ruft es da gespielt entrüstet von hinten. Das war Roland, der ebenfalls bei der Bumsdorfer Gerüchteküche mitmischt. Frank liest als erster, und zwar aus seinem Buch „Generation Rock“. Jeder der drei hat als ersten Text einen Bericht über eine Band oder einen Musiker herausgesucht. Frank berichtet von den Hellacopters, Axel von Swantje und Till von Ozzy Osborne. Frank liest in einem langsamen, verschwörerischen, sehr spannungsgeladenen Tonfall, Axel eher munter, beinahe heiter, und Tills Stimme rollt die Geschichten und Glossen, als wäre er selber ein Metal-Growler. Die drei schaffen gekonnte Überleitungen und gehen aufeinander ein. Sie reichen den inhaltlichen Staffelstab weiter, wo manchmal sogar eigentlich keiner ist. „À propos Kindergeburtstag“, heißt es zum Beispiel. Die positive Stimmung der Leser wird vom Publikum aufgenommen. Jeder der drei hat einen anderen Schwerpunkt in der Berichterstattung, doch was sie alle eint, ist die Tatsache, dass man die Inhalte auch losgelöst vom Heavy Metal nachvollziehen und teilen kann. Zahlreiche Juchzer und Quieklacher aus dem Publikum quittieren das. Eine herrliche Mischung. Es gibt eine kurze Pause, die viele rauchend vor der Tür verbringen, dann geht es weiter. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Man spürt die Zuneigung der drei zueinander, das fließende Miteinander. Am besten sollten sie niemals aufhören zu lesen, zu erzählen, sich ins Wort zu fallen und schlagfertig lustige Seitenhiebe zu kommentieren. Doch irgendwann muss Schluss sein. „Möchte einer meiner Kollegen noch etwas sagen?“, fragt Axel. „Heavy Metal is the law“, meint Till. Und Frank: „Dem schließe ich mich an.“

Wieder strömen die Leute zum Rauchen nach draußen, die drei Stargäste ebenfalls. Frank muss sogar schon nach Hause, Till und Axel mischen sich unters Publikum und sprechen mit Gästen und Bekannten. Ex-Bassist Kui kennt Frank noch aus seiner gemeinsamen Zeit bei den Bands „Operation Daisyland“ und „Salem’s Law“, heute singt er bei „Carbid!“, einer Metal-Cover-Band. „Bei Salem’s Law habe ich noch gesungen und Bass gespielt, bei Operation Daisyland schon nur noch gesungen“, erzählt er. „Ich habe eine Zeitlang beides versucht, aber das ist mir zu viel Arbeit“, gesteht er. „Ich muss auch gleich noch zur Bandprobe“, sagt er. Nach 23 Uhr? „Unser Schlagzeuger kommt mit dem Zug aus Frankfurt“, erklärt Kui. „Er ist länger in der Band, als er in Frankfurt wohnt.“ André steht hinter der Theke und gibt Getränke heraus, Hanna macht sich auf den Heimweg, Marco steht entspannt im Türrahmen der Küche, Chris klappt Bänke zusammen. Überall stehen Leute herum, sprechen, trinken, lachen. Von der Winterkälte ist nichts zu spüren.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#12 Der unschuldige Landstreicher

17. Oktober 2008


Es ist grau, nass und kalt an diesem Donnerstag, der Sommer ist endgültig vorbei. In den wenigen Regenpausen sitzen dennoch immer wieder Gäste draußen, unter dem Schirm, um mehr oder weniger genüsslich zu rauchen. Heute Abend tritt Nagel im Riptide auf, aber noch sitzt Chris wie gewohnt an den Verwaltungsarbeiten und André erzählt derweil, dass das Café Riptide erneut im Fernsehen zu sehen war, und zwar auf 3Sat. „Amitav Gosh, ein indischer Schriftsteller, war gerade auf Lesereise in Deutschland, mit seinem neuen Bush über Opiumhandel in Afghanistan, Indien und anderen Ländern“, sagt André. Das Buch heißt „Das mohnrote Meer“, gelesen hatte Gosh bei Graff. „Der hat in Indien vom Riptide gehört und dachte, na ja, bin ich schon mal in Deutschland…“, scherzt André, und berichtigt: „Einer aus dem Filmteam war schon mal hier, da haben die gefragt, ob es möglich ist, hier ein Interview mit Gosh zu filmen, klar war das möglich, und dann haben sie ihn hier eine halbe Stunde interviewt.“ Zu sehen waren die Interview-Ausschnitte auf 3Sat „Kulturzeit“. „Man konnte immerhin unsere Tapete erkennen“, sagt André. „Und einer aus dem Filmteam hat auch eine Platte gekauft.“

Die Wikinger-Metaller Amon Amarth haben es Lukas angetan. „Die CD ‚Twilight Of The Thunder God’ hatten wir mal hier, die ist aber ausverkauft“, sagt André. Auch die Spezialversion mit den Bandmitgliedern als Spielzeugfiguren gab es im Riptide, aber an der ist Lukas nicht interessiert, ihm reicht die normale Doppel-CD mit DVD. Er wolle auch nur mal reinhören, er habe ein Video von denen irgendwo gesehen. „Das sieht aus wie eine Wikinger-Dokumentation auf N24 – alles Laiendarsteller, die auf Wikinger machen, aber gedreht mit vernünftigen Kameras“, sagt Lukas. Er sucht im CD-Fach nach einem bestimmten Cover und fragt: „Wusstet ihr, dass As I Lie Dying und Evergreen Terrace Christ Core sind?“ Wusste niemand. „Der Gitarrist von As I Lie Dying spielt auch in der Kirche seine E-Gitarre“, sagt Lukas und präsentiert, was er suchte: Die ANTiSEEN-CD „Screamin Body Live“ mit dem Reichsadler auf dem Cover, der das Redneck-Zeichen statt des Hakenkreuzes hat.

Derweil packt André eine Kiste mit LPs aus, unter anderem das vorletzte Album von Okkervil River, „The Stage Names“, mit der aus dem Wasser ragenden Hand auf dem Cover. „Das ergibt mit dem neuen Cover ein Bild“, sagt André. Auf „The Stand Ins“ nämlich ist ein vornüber liegendes Skelett mit hoch gerecktem Arm zu sehen, das man passend unter das Vorgängeralbum halten kann. Die beiden LPs ergeben ohnehin ein Gesamtwerk. „Les Savy Fav haben das mal mit neun Singles gemacht“, sagt André. „Das ist wie Lustige Taschenbücher“, meint Lukas, „Gimmicks für Große.“

Lukas ist 19 und ist für sich selber zu dem Schluss gekommen, dass er ein Leben ohne zu viel Technik führen will. Er hat keinen mp3-Player mehr, „mein Handy habe ich sogar kaputt gemacht, Myspace wird auch noch gelöscht.“ Er vermisse nichts. „Letztens bin ich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und dachte: Das Lied hören wäre jetzt cool; ich hab’s aber nicht bereut.“ Das Festnetz reiche ihm auch, „man muss nicht erreichbar sein.“ Er fühle sich ohnehin nicht verpflichtet, ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt. Lukas präsentiert sein Notizbuch mit Adressheft und Telefonkarte darin. „Die habe ich aber noch nie benutzt“, sagt er. Außerdem trinke er auch seit fast zwei Jahren keinen Alkohol mehr und beteuert: „Ich vermisse nichts.“

Aus dem trüben, ungemütlichen Herbstnachmittag kommt Stephan vom Nexus ins warme Riptide. „Einen Drei-Bohnen-Kaffee“ bestellt er, wie immer. Während er auf seine Verabredung wartet, erzählt er davon, wie Clubs ihre guten DJs vergraulen, wenn sie von ihnen erwarten, dass ihr Programm mainstreamiger wird. „Lasst ihn doch machen, wie er will, die Leute kommen doch, weil das Bier billig ist“, grinst er.

„Habt ihr ernsthaft vegetarische Currywurst?“, staunt Nagel, die Speisekarte lesend. „Und Hotdogs mit Sauerkraut?“ André grinst: „Kennst du so was nicht?“ Nein, sagt Nagel, „als Vegetarier kenne ich mich mit Hotdogs nicht aus.“ Auf die Currywurst wolle er aber noch zurückkommen. Nagel setzt sich an sein Notebook und bereitet seinen Auftritt vor. Nagel kommt aus Münster, wohnt in Berlin und ist Sänger und Gitarrist bei der Band Muff Potter, die sich nach einer Figur aus „Die Abenteuer von Tom Sawyer“ von Mark Twain benannt hat. „Man kennt sich aus der Hardcore-Szene, jahrelang ist man sich auf Konzerten über den Weg gelaufen“, sagt er darüber, wie er ins Riptide kam. „Chris meinte, er mache auch Veranstaltungen im Laden, und ich war gerade auf Lesetour und habe dem Booker gesagt: Lass uns das dort machen – einfacher kann es gar nicht gehen“, sagt er. „Es ist oft so, dass man Leuten aus der Hardcore- und Punk-Szene, die man jahrelang nicht gesehen hat, plötzlich wieder über den Weg läuft – man trifft erstaunlich viele wieder, die alle ihr Ding durchgezogen haben, die machen Film, Musik oder eben ein Café“, sagt Nagel und grinst: „Die sind alle über 30 und werden nostalgisch.“

Für den Abend kündigt er „ein anarchisches Durcheinander von allem, was ich an Output habe“ an und zählt auf: „Ausschnitte aus meinem Buch ‚Wo die wilden Maden graben’, neue Texte, Songs auf der Akustikgitarre, bescheuerte jpgs, die ich an die Wand werfe, plus X – vielleicht ufert der Rest des Abends in sinnfreies Gesabbel aus.“ Der Vorteil, einmal nicht mit der Band unterwegs zu sein, sei, dass man sich mit niemandem absprechen müsse, sagt Nagel. „Ich kann im Zug noch mein Programm ändern und auf der Bühne schneller auf das Publikum reagieren.“ Das Riptide gefalle ihm. „Es ist ganz schön hier, nicht nur wegen der vegetarischen Currywurst, sondern“ – er macht eine Pause – „ich habe mir wahrscheinlich schon für die Hälfte meiner Gage Platten ausgesucht.“

Inzwischen läuft das Album „100 Days, 100 Nights“ von Sharon Jones & The Dap Kings. „Das ist moderner Soul“, schwärmt Chris. „Alles auf alt gemacht, auch das Cover, schlägt aber ganz aktuell hohe Wellen.“ Und ergänzt: „Die Backing-Band, The Dap Kings, ist die Backing-Band von Amy Winehouse – Nerd-Wissen.“ Er grinst. „Die ist brillant, die Dame!“

Draußen unterhalten sich Serge vom Antiquitäten-Laden nebenan und Régine, die raucht. Nach einer Weile kommt Régine ins Café. „Das ist mehr als nur Herbst“, sagt sie fröstelnd und legt ihre Handschuhe auf den runden Tisch, neben ihr knallgrünes Zigarettentäschchen. „Der Sommer ist vorbei.“ Sie spricht André auf einen Termin für ihre Kunstausstellung im Riptide an. „Ich male in Öl“, sagt sie. „Ich mache aber auch Lesungen mit Musik, seit mehr als 20 Jahren schon.“ Am 15. November hat sie eine Lesung über Serge Gainsbourg in der Haifischbar. Sie beginnt zu erzählen. Régine ist Französin, kommt aus Toulouse und ist über den Umweg Paris-Berlin in Braunschweig gelandet. „Toulouse ist die viertgrößte Stadt in Frankreich, da kommen viele Künstler her, zum Beispiel Manu Chao“, sagt sie. Viele spanische Flüchtlinge seien während der Franco-Zeit in Frankreich eingewandert und sesshaft geworden. „Manu Chao ist spanischer Abstammung – so wie ich“, sagt sie. „Toulouse ist eine sehr große, künstlerische Stadt.“ Sie erzählt von Sänger Art Mengo, der ebenfalls spanischer Franzose ist. „Damals haben die spanischen Flüchtlinge immer ‚Burro’ gespielt, ein Kartenspiel. Ich war zehn, der Großvater von Art Mengo war mit meinem Großvater befreundet.“ So habe sie als Kind Art Mengo kennen gelernt.

In Deutschland ist Régine seit dreißig Jahren, und schon in Berlin habe sie angefangen, künstlerisch tätig zu sein. „Ich war in einer Band namens Zatopek, habe mit Leuten von Element Of Crime gewohnt, bin Gründungsmitglied vom Mehringhof-Theater“, zählt sie auf. „Der Mehringhof war ein alternatives Kultur- und Bildungs-Zentrum. Im Nicaraguakrieg haben wir zum Beispiel Nica-Kaffee eingeführt, hatten den Buchladen ‚Schwarze Risse’ – über mein Leben in Berlin kann man ein Buch schreiben!“ Nach Braunschweig kam Régine, weil der Vater ihres Sohnes hier wohnte. „Ich wollte nicht, dass mein Sohn ohne Vater aufwächst, auch wenn wir getrennt waren“, sagt Régine. „Ich bin eine kämpferische, alternative Vorreiterin in vielen Sachen, aber ich habe in meiner Erziehung trotzdem konservative Prinzipien weitergegeben“, sagt sie.

Als Beispiel erzählt sie, wie sie in der Pariser Métro Musik gemacht und Geld gesammelt hat. „Das war kein Betteln, sondern ein künstlerischer Auftritt, das war eine ganz andere Epoche, wo man sich außerhalb traditioneller Wege produzieren konnte.“ Régine habe den Weg weg von der Tradition gewählt und Sachen bewegt für sich und andere. „Aber je älter ich wurde, desto mehr Prinzipien habe ich in mein Leben eingebaut und die an meinen Sohn weitergegeben.“ Zum Beispiel durch feste Uhrzeiten für Essen oder Hausaufgaben, die er einzuhalten hatte. „Jetzt wird er 19 und ich merke: Ich finde zu meinen Ursprüngen zurück, zu meiner alten künstlerischen Ausdrucksform, nur mit mehr Weisheit und Erfahrung.“ In Braunschweig sei sie die erste gewesen, die eine Lesung mit Musik gemacht habe, 1995 im Galeriehof, begleitet von Lutz Trenkwitz. Ihre Texte seien politisch und sozial, handelten aber auch von Liebe, jedoch von der schmerzhaften, also lustigen Seite. „In meiner literarischen Kunst greife ich heute auf das zurück, was meine Landsleute geschrieben haben, zum Beispiel Serge Gainsbourg.“, sagt Régine. „Als nächstes möchte ich Léo Ferré machen, gerne auch eine Frau.“ Die Texte wähle sie mit Bedacht: „Die zeigen auch einen Lebensabschnitt, der hinter mir liegt, die schildern auch meine letzten 30 Jahre.“ Und schlägt erneut die Brücke zu heute: „Die Jugend hat etwas verloren, und was fehlt, ist im Grunde Engagement, auch politisches, Verantwortung in der Gesellschaft und in der Liebe“, zählt sie auf. „Die kriegen alles in den Hals gesteckt, wir haben es uns verdient, aber die wissen nicht, woran sie sich orientieren können, und hören dann die Beatles und Cat Stevens, aber was suchen sie in den Texten und Klängen?“ Régine gibt die Antwort selbst: „Eine Ideologie, und darauf greife ich mit meinen Texten zurück – warum soll ich neue Sachen schreiben, wenn es das alles schon gibt? Meine künstlerische Arbeit ist nicht, neue Texte zu schaffen, sondern Geschichte zu zeigen.“ Ein gewaltiger Bogen, den sie da spannt.

„Meine Bilder suchen Ausgeglichenheit und Harmonie, sind kontemplativ, eine Einladung zum Träumen“, sagt Régine. „Die jungen Leute arbeiten mit Technik“, fährt sie mit Blick auf die Bilder von Chrisse Kunst fort. „Das ist gut so, das sollen sie auch, doch irgendwann haben sie ihre Technik erschöpft, und dann erst werden sie schöpferisch.“

Dann kommt Régine auf die Kleinkunstszene in Braunschweig zu sprechen. „Die Szene hat Pause gemacht, kommt aber wieder“, kündigt sie an. „Die Leute sind jetzt zwischen 45 und 55“, sie selbst sei 49, „die sind aus dem Gröbsten raus und brauchen den Ausdruck.“ Sie nennt Namen wie Toddn, Axel Klingenberg und Elmar. „Wir nennen das manchmal Familie, wir begleiten uns seit Jahren.“ Sie zeigt auf das Poems-For-Laila-Plakat. „Das Konzert macht Toddn, und Elmar macht bestimmt den Sound.“ Und dann erzählt sie von ihrer eigenen Rolle in Braunschweig. „Ich bin die Chefschnecke vom Liro, die Grande Dame vom Kalenwall, ich habe später, 1997, das Flex in der Leopoldstraße gegründet.“ Auch von Radio Okerwelle sei sie Gründungsmitglied. „Als vorm Brain die Emanzen demonstrierten, habe ich Wiglaf Droste hinein gelassen und mich mit den Emanzen angelegt“, erzählt sie kichernd. „Jan Off war auch dabei.“

Zwischendurch geht Régine immer wieder „für zwei Minuten rauchen, länger brauche ich nicht.“ Das Treiben im Riptide wird allmählich lebendiger. Für den normalen Kundenverkehr ist es geschlossen und soll für die Show von Nagel erst wieder geöffnet werden. Doch dafür muss der Beamer laufen, Boxen stehen, Tische beiseitegeräumt und ein Lesetisch aufgestellt werden. Bierbänke sollen quer im Riptide stehen. Régine setzt sich nach draußen, wo bereits einige andere Nagel-Gäste auf Einlass warten. Gelegentlich regnet es, kühl ist es auch, doch niemand murrt. Die Zahl der Wartenden wird größer, plötzlich ist auch Toddn dabei und setzt sich überrascht zu Régine. Er hat am morgigen Freitag seinen sechsten „Videokiller“-Termin im Studio Ost, mit Kitty Reed und Meike Köster. „Da werde ich viel über Politik machen“, sagt Toddn, „Bankenkrise.“ Er ist krank und fühlt sich nicht so gut. „Meike hat auch schon angerufen und gesagt, dass sie nicht singen kann“, grinst er unter seiner Wollmütze.

Wie Régine hat auch Toddn eine bewegte Braunschweiger Vergangenheit. „Ich habe die Haifischbar gegründet, das war vorher eine türkische Spielhalle“, erzählt er. „Die Idee habe ich aus Hamburg mitgebracht, aber in Hamburg war mir zu viel Rock’n’Roll.“ Zu viel Stress, meint er. „Ich habe da unter anderem für Crypt Records gearbeitet, die haben die ersten Sachen von Jon Spencer rausgebracht.“ Jedenfalls habe er die Bar in Braunschweig eröffnen wollen. „Im Liro hattest du die Idee, der einen Fischnamen zu geben“, erinnert sich Régine. „Stimmt,“ bestätigt Toddn, „und bevor es eine türkische Spielhalle war, hieß es ‚Zum Walfisch’.“ In Hamburg wird Toddn demnächst aber wieder unterwegs sein, sowohl mit der „Please Kill Me“-Lesung als auch mit „Toddn Killed The Video Star“. „Bei ‚Please Kill Me’ wird Hollow Skai dabei sein, der Lektor des Buches“, sagt Toddn. „Ich freu mich wieder auf Hamburg.“ Régine kommt auf ihre Einschätzung von vorhin zurück: „Wir sind eine große Familie, stimmt das?“ Toddn nickt. „Das stimmt, aber wir sehen uns zu selten.“ Er springt auf. „Ich muss mal Werbung machen für morgen“, sagt er, holt ein Videokiller-Plakat aus seiner Tasche und wird von den vielen Wartenden dabei beobachtet, wie er es an die Wand klebt.

Nagel kommt vorbei und sieht die vielen Menschen, die allmählich ins Riptide gelassen werden. „Schlangen vor einer Lesung, das habe ich mir immer gewünscht“, grinst er. „Ich geh erst mal eine rauchen, bis gleich.“

Toddn fährt fort, seine Geschichte zu erzählen. „In den 80ern bis 1989 habe ich ‚The Street’ gemacht, das erste Braunschweiger Fanzine“, sagt er. „In der letzten Ausgabe hatten wir Interviews zum Beispiel mit Bad Brains und Motörhead.“ Außerdem hatte er bis vor kurzen noch mit Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf geführt, ist dort aber zugunsten des Videokillers ausgestiegen. „Ich muss weg“, sagt er abrupt und klebt noch schnell ein Poems-For-Laila-Plakat an, „ich muss für morgen fit sein.“

Am Eingang steht André und kassiert. Das Riptide ist rappelvoll, die Leute quetschen sich auf den Bierbänken zusammen und stehen sogar an der Theke. Niemandem macht die Enge etwas aus. Nagel kommt vom Rauchen zurück. „Ist überhaupt noch ein Platz für mich frei?“, fragt er André. „Du hast den Extra-Platz reserviert“, grinst der. Immer noch kommen Gäste und staunen darüber, dass für sie eigentlich gar kein Platz mehr ist. „Leg dich doch quer über uns“, schlagen Sitzende vor. „Es gibt noch Plätze, auf denen man nur hören und nichts sehen kann“, sagen andere. „Verkauft die doch zum halben Preis!“ Auch André staunt und erzählt: „Bei Olafur Arnalds hatten 80 Leute gestanden, mit Bänken haben wir das heute zum ersten Mal. Damals hatten wir Kaffee und Kuchen gemacht, weil wir nicht wussten, wie viele Leute kommen, und sind dann kaum mit dem Tablett durchgekommen.“ Das Publikum weiß aber mit der Enge umzugehen und beweist gegenseitiges Vertrauen. „Ein Becks“, ruft ein Gast von der Tür aus Chris an der Theke zu und reicht das Geld dem nächstbesten Sitzenden vor ihm. „Reich mal weiter, bestellt ist schon.“

Nagel begrüßt das Publikum mit einem freundlichen „Hallo“, das mehrstimmig erwidert wird. „Für den Titel meiner Lesereise habe ich einen Freund gefragt, der Schlug vor: ‚Pudding an der Wand – ein Abend mit Nagel’“, sagt Nagel. „Ich habe den Witz selber erst zwei Tage später verstanden; ging es euch auch so?“ Zustimmendes und erheitertes Gemurmel aus dem Publikum. Dann erzählt er die Geschichte vom ausgefallenen Braunschweiger Muff-Potter-Konzert letztes Jahr, als die Band parallel zu einer Ballermann-Party spielen sollte. „Das stand nicht im Einklang mit dem, was wir unter Muff Potter verstehen, deswegen haben wir das abgesagt – noch mal eine herzliche Entschuldigung an alle, die deswegen extra gekommen waren.“ Außerdem freut er sich, dass heute so viele Leute da sind, wo doch Udo Lindenberg parallel in der Volkswagen-Halle auftrete. Wie angekündigt liest Nagel aus seinem Buch, singt Lieder und zeigt lustige Graffiti, die er unterhaltsam kommentiert.

In der Pause kommt auch André wieder ins Riptide. „Ich war draußen, damit mehr Leute Platz haben“, sagt er. Außer ihm tummeln sich noch eine halbe Handvoll Leute vor dem Café, die keinen Platz gefunden haben. Auch hier herrscht keinerlei Unmut. Das Publikum strömt aus dem Café, um zu rauchen, sich die Beine auszustrecken und sich über die Lesung zu unterhalten. Man spürt, dass es den Menschen gut geht. Auch regnet es gerade einmal nicht.


van Bauseneick
www.krautnick.de

#09 Kerzen (Wir sind)

17. Juli 2008


Es regnet. „Leider“, sagt Chris hinterm Tresen. Denn Chrisse Kunst ist gerade dabei, im Café seine Ausstellung vorzubereiten, die am Abend eröffnet werden soll. Bei dem Wetter sitzen die Gäste natürlich drinnen, und Chrisse will sie mit seinen Vorbereitungs-Arbeiten nicht stören. Wer konnte denn auch mit so einem Sommer rechnen. Chrisse schnappt sich die Leiter, die am Tresen lehnt, klettert hinauf und wirft Nylonfäden über Heizungsrohre.

„Chrisse Kunst ist mein richtiger Name“, sagt Chrisse, „Christoph Kunst“, kein Künstlername. Chrisse kommt aus Wolfenbüttel, lebt und arbeitet aber in Berlin. Den Wolfenbütteler will er aber nicht ablegen: „Überall in meinen Arbeiten tauchen immer wieder Jägermeister-Flaschen auf.“ Zum Beispiel in dem großen, schwarzweißen Bild an der Außenwand, das er gerade befestigt. „Das ist das Cover zur ‚Get Wasted’-LP von Oliver Koletzki“, erklärt er. „Darauf sind sieben Jägermeister-Flaschen versteckt.“ Zu sehen ist eigentlich eine Straßenecke in Berlin, titelgemäß völlig verwüstet. Ein umgekipptes Metro-Schild sticht hervor. Und nicht nur die Jägermeister-Flaschen sind Indizien dafür, dass so eine Auftragsarbeit durchaus autobiographische Züge tragen kann. „Stimmt“, sagt Chrisse und zeigt an den unteren Bildrand, „hier steht auch ‚Brain’.“ An einem Bild von dem Ausmaß habe er mit einem schwarzen Stift eine Woche lang gezeichnet, sagt er, „da versteckt man schon mal so ein paar autobiographische Details.“ Beim Cover für die ‚Get Wasted’-Remix-LP ist es genauso. Dort sieht man auch einen „Köpi bleibt“-Schriftzug an einer Hauswand. „Dabei geht es um ein besetztes Haus in der Köpenicker Straße“, erklärt Chrisse. Seltsam, dass man ein solches Grafitto auch in Braunschweig am City-Kino sieht. Chrisse schmunzelt. „Ich kann mir sogar denken, wer das war.“

Wie die „Get Wasted“-Arbeiten sind die meisten Bilder der Ausstellung Reproduktionen, fast alle in schwarzweiß. „Nur diese beiden experimentellen Collagen sind original“, sagt Chrisse. „Die fand ich witzig, die sind ganz frisch, die habe ich noch nie ausgestellt.“ Premiere also im Café Riptide. Den Kontakt zu Chris und André habe Chrisse schon lange, bald 15 Jahre, sagt er. So sei es beinahe von alleine zu dieser Ausstellung gekommen.

Natürlich wird er auf das „Drei Tage wach“-Video von Lützenkirchen angesprochen. „Nein, da habe ich nicht Regie geführt“, wehrt er überrascht ab. „So kommen die falschen Gerüchte zustande – ich war der weiße Hase, und gedreht haben wir bei mir zu Hause.“ Und auch in diesem Video ist eine Jägermeister-Flasche zu sehen. Chrisse klettert zurück auf die Leiter und zieht sein Bild noch einmal gerade.

Charlotte jobbt während der Ferien im Café. „Das Riptide ist wie London“, schwärmt sie. Da komme sie nämlich gerade her, von einem halbjährigen Aufenthalt. „An London mag ich, dass es so offen ist“, sagt sie. Ganz anders als Braunschweig, wie sie findet. „Im Riptide kann ich außerdem noch etwas lernen, über neue Musik.“ Und alte Musik neu entdecken, sie hört zu Hause auch Joy Division. Man merkt ihr an, dass ihr der Job Spaß macht. „Ich will auch bis zum Ende der Ferien durchziehen“, sagt sie. Charlotte war es auch, die die außergewöhnliche Myspace-Seite für das Café Riptide gebastelt hat.

Inzwischen hat der Regen aufgehört, unter dem neuen Regenschirm sitzen schon wieder Leute. Nicht nur der Schirm ist neu. „Auch neu ist unser Becks-Schaukasten“, erzählt Chris. „Und wir haben hoffentlich bald Kreditkartenzahlung“, sagt er. „Wir können von unseren Kunden nicht erwarten, dass sie immer zum Bankautomaten laufen.“ Erleichtert atmet er aus. „Das haben wir bald – und Telefon hoffentlich auch.“

„Einen Drei-Bohnen-Kaffee“ bestellt Stephan vom Nexus. Drei Bohnen nur? „Das ist die Skala an der Maschine, wie stark der Kaffee ist“, erklärt Stephan. „Drei Bohnen ist der stärkste, schon fast an Espresso dran.“ Charlotte reicht ihm die Tasse. Neben ihm liegt ein Stapel Flyer für die Abgabe-Party der Videokunst-Aktion „Durchgedreht24“. „Das haben sie sonst immer in einem Atelier gemacht, dieses Mal wollen sie es etwas größer aufziehen“, sagt Stephan. Am Samstag um 19 Uhr geht’s im Nexus los, um 20 Uhr ist Film-Abgabeschluss, danach soll Party sein.

Einen Tag davor ist im Nexus ein Konzert von einer Band mit einem berühmten Schlagzeuger. „Wir bekommen ständig Emails: ‚Wann spielen die Dresden Dolls bei euch?’“, erzählt Stephan belustigt. In Wahrheit spielen am Freitag The World/Friendship Society, aber deren Drummer ist Brian Viglione, eine Hälfte der Dresden Dolls. „Die haben auf ihrer Myspace-Seite die Tourdaten von The World/Inferno Friendship Society gepostet, und jetzt glauben viele, dass die Dresden Dolls ins Nexus kommen.“

Chris und André packen derweil Kartons mit neuer Ware aus. Einen ganzen Schwung Vinyl hält Chris in den Händen. „Die neue Björk-Box ‚Wanderlust’“, kommentiert Chris. „Eine 12-Inch-Reihe, zusammengefasst als Vierfach-Box.“ Außerdem in der Kiste: „Ellen Alien, Mogwai, Young Team, neu aufgelegt, Infadels“ und noch viel mehr.

Auch für Gerhard sind ein paar Platten dabei, zum Beispiel die Mudcrutch-Doppel-LP, mit einem Stück mehr und der CD als Beilage. Seine Informationen über neue Platten bekommt er überwiegend aus dem Radio, wie er erzählt. „NDR Info ab 23.05 Uhr und dann ab 0.05 Uhr noch mal für zwei Stunden“, sagt Gerhard. „Die haben gute Redakteure da, wie Angela Gobelin.“ Und er lobt die Konzert-Auswahl. „Die bringen seltene Live-Auftritte, zum Beispiel von Rufus Wainwright.“ Auch Zeitschriften seien für ihn eine Informationsquelle, „aber nicht der deutsche Rolling Stone, die haben einen schlechten Geschmack.“ Die würden nämlich immer an The Doors herumnörgeln. „Die sind unantastbar, wie Goethe und Bach.“ Da gebe es keine Diskussion. „Bach war der einzige E-Musiker“, fügt er noch an, „alles andere ist U-Musik.“ Nein, seine Zeitschriften seien aus den USA und England, aber auch aus Frankreich und Italien. „Was man hier in Braunschweig halt so findet“, und das sei nicht mehr so viel wie früher. „Den NME gibt es hier auch nicht mehr, inzwischen findet man am Hildesheimer Bahnhof mehr als am Braunschweiger, zum Beispiel den US-Rolling Stone.“ Umso mehr freue er sich, dass er seine gesuchten Platten im Riptide bekommen kann. „Diesen Laden kann man nur loben!“

Inzwischen sind Chris, André und Charlotte dabei, die Tische beiseite zu räumen, die CD-Regale an die Wand zu schieben und Platz für das DJ-Pult zu machen. Nicht mehr lang, dann geht die Party los, bis dahin soll alles vorbereitet sein. Der DJ trifft ein, Marc Hausen, wie Chrisse auch aus Wolfenbüttel. Er schleppt sein Equipment ins Café. „Wir rocken heute alles kaputt“, kündigt er an. „Ich habe extra nur aggressive Mucke mitgebracht, wir rocken euch die Bude zu Splitterholz.“ Er grinst. Und relativiert seine Aussage: „Das wird eine Mischung aus Funkigem, Skurrilem und auf jeden Fall Altem.“ Er baut zwei Plattenspieler auf. „Alles andere würde ja auch dem Geschäft hier nicht gut stehen“, grinst er. Ein Geschäft hat er selber: Boardjunkies, am Ziegenmarkt. Er und Chrisse kennen sich auch schon ewig. „Nicht wahr, Chrisse-Schatz?“ Chrisse auf der anderen Seite des Raumes legt letzte Hand an seine Ausstellung und bejaht. Die beiden liefern sich sofort einen ausgesprochen unterhaltsamen verbalen Schlagabtausch.

Draußen räumt André die Karten und Zuckerstreuer von den Tischen und bringt neue Aschenbecher raus. Iris sitzt mit einer Freundin und einem Glas Sekt unterm Schirm. Den Sekt bekommen alle Ausstellungsgäste zur Begrüßung. „Brauchst du den Zucker noch?“, fragt André verschmitzt, als er an ihrem Tisch ankommt. „Falls der Sekt zu trocken ist.“ Iris lacht. „Klar, der ist nicht süß genug.“

Drinnen interessiert sich Anke für die Fadenmut-Sachen von Audrey. Besonders hat es ihr eine rosa Tasche mit bunten Totenschädeln drauf angetan. „Die ist hübsch“, findet Anke. Die brauche sie für Geld, Wimperntusche und Lipgloss. „Dann habe ich immer alles zusammen“, sagt sie. „Und das flasht, wenn man bezahlt und zieht seine pinke, psychedelische Totenkopftasche raus.“

Der Übergang vom normalen Café-Betrieb zur Ausstellungseröffnung ist fließend. Die Leute kommen, begrüßen sich, freuen sich, sich zu sehen, und verbreiten gute Laune. Bald sind alle Tische im Achteck besetzt. „Wie wär’s mit einem Sekt?“, fragt André Maren und Kasi. Beide sagen dankbar zu. Charmant, wie nur André sein kann, kommt er mit den Gläsern wieder und überreicht sie den beiden mit einem galanten „Madame“.

Marc legt die ersten Platten auf, seine Charakterisierung stimmt: Funkig, skurril und alt, zumindest überwiegend. „Mas que nada“ von Sergio Mendes & Brasil ‚66 ist dabei, „All Along The Watchtower“ in einer langen, abgedrehten Version von Affinity aus dem Jahr 1970, sogar „Wir“ von Freddy Quinn. Ein paar Leute tanzen. Die Musik ist aber auch draußen gut zu hören. Die Sonne lässt sich noch einmal sacht blicken, bevor sie untergeht. André bringt Kerzen nach draußen. Inzwischen sind so viele Leute da, dass die meisten stehen. Sie unterhalten sich angeregt, strahlen, wirken zufrieden.

Kasi hat sich an den Nachbartisch gesetzt, für sie setzt sich Michael zu Maren. Michael ist Riptide-Gast der ersten Stunde. Maren und er unterhalten sich über Filme. Michael hat gerade „Happy-Go-Lucky“ von Mike Leigh gesehen und findet ihn gut. „Und das, obwohl ich Mike Leigh sonst eher nicht mag“, sagt er. Ihm gefiel Poppy, die Hauptfigur mit der positiven Ausstrahlung. „Lieber einmal lachen als dreimal Tabletten nehmen“, sagt er. „Ich fahre auch gerne mit der Straßenbahn, wenn Kinder mitfahren, die haben noch dieses Natürliche.“ Sie landen bei Lars von Trier. „Nach ‚Dancer In The Dark’ habe ich beschlossen, keinen Film von ihm mehr zu sehen“, sagt Maren. Aber nicht, weil sie den Film nicht mochte, im Gegenteil. „Das ging mir zu nah, das ertrage ich nicht.“ Michael erzählt von seiner ersten Kinoerfahrung: „‚Krieg der Sterne’, als Fünfjähriger.“ Das habe ihn nachhaltig beeindruckt, die Effekte, die Geschichte, die Sounds. André kommt an den Tisch und erzählt: „Ich war mal im Ski-Urlaub, da hat mich das Geräusch der Rollen vom Sessellift an einen Sound aus ‚Star Wars’ erinnert, da musste ich erst mal zehn Minuten stehen bleiben und zuhören.“

Chrisse hat Marc inzwischen am DJ-Pult abgelöst. Seine Mischung ist genauso wild wie die seines Freundes. Leute kommen von draußen und gucken sich Chrisses Bilder an. Auf dem Sofa sitzt Aziz. „Ich liebe die Bilder“, strahlt er. Auf einem steht „Don’t Kill For Peas“. „Töte nicht für das, was jemand isst“, sagt er, „Erbsen sind Frieden.“ Er sieht in allem einen Sinn und philosophiert unablässig, dabei unermesslich viel Zuversicht vermittelnd. Im Riptide ist er zum ersten Mal, Marc hat ihn mitgebracht. „Hier ist das Leben“, sagt er. „Wir sind wie eine Kerze, wir tragen das Licht von hier aus in die Welt, überall hin, jeder kann sich an uns seine Kerze anzünden.“ Aziz ist Mitte 40, kommt aus Ghana und lebt seit 15 Jahren in Deutschland, davon drei Jahre in Braunschweig. „Die Welt sieht so aus, wie wir sie uns vorstellen“, sagt er. „Wenn du nur die verrückten Sachen sehen willst, dann ist die Welt auch verrückt.“ Aziz strahlt positive Energie aus, er überträgt sie auf alle in seiner Umgebung. „Du hast deine Kerze entzündet“, sagt er. „Jetzt trage sie in die Welt.“

van Bauseneick
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#07 Weiche Juwelen

15. Mai 2008

Vormittags regnete es ein wenig, nach fast zwei Wochen Sonne. „Das ist das erste Mal seit Wochen, dass wieder Leute drinnen sitzen“, sagt Chris. Mittlerweile hat der Regen nachgelassen, inzwischen setzen sich schon wieder Gäste nach draußen, unter die typischen grauen Wolken Ostfalens. André nimmt die Bestellung auf. „Eine Latte Macchiato“, bestellt Maren. „Und die neue Portishead auf Vinyl.“ Sie bekommt beides nach draußen gebracht. „Sehr wohl, die Dame“, sagt André galant und reicht ihr erst das Heißgetränk und dann das heiß ersehnte Album „Third“.

„Ab Juni haben wir unsere Schanklizenz“, berichtet André. Das bedeutet, dass es auch Alkohol im Café Riptide geben wird. „Donnerstag, Freitag und Samstag soll dann hier Start in die Stadt sein“, sagt er. „Aber eine Nachtbar soll es nicht werden.“ Welche Art Alkohol es geben wird, ist noch nicht klar. „Wir machen das aber wie mit der Limonade: etwas spezieller.“ Dabei fällt ihm ein: „Ich hab mir letztens Kartoffelchips mit Biergeschmack gekauft – darauf hab ich eigentlich schon lange gewartet.“ Die gäbe es wohl limitiert als Special zur Fußball-EM. „Doof finde ich aber, dass da ‚alkoholfrei’ drauf steht“, grinst er. „Der Geschmack geht so, ein bisschen wie abgestandenes Bier.“

Im Spitzen Winkel zwischen Vinyl-„A“ und den Tonträger-Abspielgeräten steht ein silbergrauer CD-Anhör-Tower. „Den haben wir neu von einem Indigo-Mitarbeiter aus Braunschweig bekommen“, sagt André. Fünf CDs kann man sich dort über Kopfhörer anhören. „Da sind lauter Indigo-CDs drin“, beispielsweise Ja König Ja und Kettcar.

Währenddessen kümmert sich Chris um notwendige Formulararbeiten, kommt aber immer wieder aus dem Bürobereich hervor. Er erzählt von zwei Schülern, die kürzlich im Café waren, um Crêpes zu essen, und neben ihnen bezahlte ein weit älterer Kunde eine LP. Der eine fragte den LP-Käufer: „Bist du DJ?“ Der Kunde erwiderte ein fragendes „Nö?“ Der Schüler fragte dann: „Und warum kaufst du dir die LP?“ Der Kunde, nach einem kurzen Stutzen: „Zum Hören?“ Und der Schüler, verwundert: „Aber die gibt’s doch umsonst im Netz?“

Außerdem berichtet Chris von neuen Radio-Abenteuern. Nach dem Ausflug nach Hamburg zum Internet-Radiosender Byte.FM folgt am Sonntag ein Interview bei Radio Okerwelle. Von 11 bis 12 Uhr stellt sich Chris den Fragen von Andreas Last in dessen Sendung und spielt auch ein bisschen Musik. „Das ist dann live, keine Aufzeichnung“, sagt Chris. Ein wenig mulmig ist ihm bei dem Gedanken daran, „aber ich werd’s überleben.“ André gefällt die Sendung, die hört er auch gerne. „Das ist für Sonntag Morgen genau das Richtige“, findet er. „Last hat einen guten Geschmack.“ Am Sonntag wird André aber nicht dabei sein, wenn Chris das Café Riptide präsentiert. „Ich habe Bauaktion“, sagt André. Er wird Steckdosen nach draußen verlegen, für Licht sorgen, eine Box installieren. „Ein bisschen den Außenbereich pflegen, den ganz nett machen.“ Jetzt, wo es so lange warm und sonnig war und der Sommer erst vor der Tür steht.

„Einen Cappuccino mit Soja-Milch“ bestellt Ben. Auf seiner linken Hand steht „True“, auf dem Arm darüber „Confessions“. „Das ist eine Single von den Silvertones, einer Reggae-Band“, erklärt er. Auf der Arminnenseite steht „fight racism“. „Da stehe ich zu“, sagt Ben. „Aber das Lied handelt davon, dass der Sänger seine Freundin schlecht behandelt und betrogen hat, das jetzt öffentlich bereut und sie zurück haben will.“ Ihm gefalle diese Doppeldeutigkeit. Ben veranstaltet Reggae- und Ska-Konzerte in der Funzel, dem B58 und dem Nexus. Für den 6. Juni hat er dort K-Mob und die Skamones gebucht. Das Café Riptide mag er: „Als ich das erste Mal hier reingekommen bin, ist mir das Herz aufgegangen.“ Schwärmend blickt er sich um. „Das ist der richtige Laden zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Chris legt die bestellte Dreifach-LP von den japanischen Bands Boris und Merzbow für einen Kunden ins Regal zurück und muss dann ein Paket mit Platten versenden. „Unsere Band Gregor Samsa ist gerade in Italien auf Tour“, erklärt er. „Denen sind die eigenen Platten ausgegangen.“ Bevor er sich auf den Weg zur Versandstation macht, erwähnt er noch die neue CD der Einstürzenden Neubauten, „Jewels“. „Für das Album machen die keine Werbung“, sagt Chris. „’Soft Marketing’ heißt das, die ist plötzlich einfach im Laden zu haben.“ Blöd für alle Supporter, die die Stücke in Phase drei als Bonus herunterladen durften, dass die nun nicht mehr exklusiv sind.

Audrey bestückt ihre Fadenmut-Vitrine mit neuen Gegenständen, die sie alle selbst hergestellt hat, Buttons, Taschen, Beutel und mehr. „Die verkaufen sich überraschend gut“, freut sie sich. Parallel verkauft sie ihre Sachen auch im Internet. „Hier vor Ort ist der Geschmack ganz anders, da verkaufe ich andere Sachen als im Netz“, erzählt sie. In Braunschweig gingen Katzen gut. „Die Kunden hier mögen es verspielt, schrill.“ Sie ist froh, dass ihre Kunst so gut angenommen wird. „Rosa kommt immer gut“, lächelt sie. Und lieber einen individuellen Gegenstand als zwei von der Stange, das macht den Charme ihrer Accessoires aus.

Als Minimal Trash bezeichnet Jörn die Musik von John Zorn, bei dem er über Mr. Bungle landet. Für ihn sei das kein Free Jazz. „Ornette Coleman ist Free Jazz“, sagt er. Aber Mr. Bungle hört er nicht mehr. Stattdessen gerne Primal Scream und Hard Bop: Duke Ellington, Charles Mingus, Thelonious Monk. Und Miles Davis? „Mit Miles bin ich durch“, winkt Jörn ab. Er beobachtet, wie Chris, eben zurückgekehrt, Platten sortiert, und zeigt auf eine 10 Inch. „Wir haben früher immer die alten Shellac-Platten geworfen, die flogen gut“, grinst er. „Das würdest du heute aber nicht mehr machen“, sagt Chris gespielt empört. Er schwärmt von verschiedenen Vinyl-Formaten, von 12 Inch angefangen bis 3 Inch, und präsentiert Anschauungsmaterial. „Die Split-Single von Fantômas und Melt-Banana gibt es als 5 Inch“, zeigt er. Die CD sieht noch sonderbarer aus: „Das ist eine eckige Baby-CD, die kann nicht einmal jeder Player abspielen.“ Chris schwärmt von The Locust aus San Diego, „die haben eine quadratische Platte rausgebracht, schwarz-weiß kariert, darauf kannst du Schach spielen.“ Und vier Singles, die man zusammenpuzzeln kann.

Man hört deutlich, dass Jörn aus dem Norden kommt, aus Schleswig-Holstein. Seine Frau ist beruflich von Kiel nach Süddeutschland gezogen und von dort aus wieder weiter in den Norden, eben nach Braunschweig. Und Jörn immer mit. „Ich dachte mir: Was mache ich in Baden-Württemberg? Wirste Erfinder“, erzählt er. Als Produktdesigner befasse er sich mit Handhabungs-Vereinfachung, einige Patente gingen auch schon auf seine Kappe. Von Schleswig-Holstein kann Jörn nur schwärmen, besonders von den Landkommunen, die es nicht nur um Ton Steine Scherben gab und gibt. Er erzählt von der Fuckin’ Kius Band und von zahlreichen Geschichten mit Holgi und Rötger. Wie Holgi mit seinem Porsche immer Rötger dabei beobachtete, wie der an seiner Horex bastelte, und wie er sagte: „Na, bröselst du wieder rum?“, und er erzählt vom legendären Rennen und davon, dass immer noch Leute kommen, die danach fragen.

Allmählich hat Jörn aber Lust auf eine Zigarette und geht raus. Inzwischen scheint längst wieder die Sonne und wärmt die draußen sitzenden Gäste. Bereit für den Sommer.

van Bauseneick
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#03 Für die Kultur ist es gut

25. Januar 2008

Viele Leute sind da, die meisten einfach nur auf einen Kaffee, einige mit Platz am Fernseher (direkt am Fenster also). Der jüngste Gast ist Mathilda, neuneinhalb Monate alt, agil, aufmerksam, zum Stehen bereit und wie wild durch das Café krabbelnd. Ihre Mutter Ilka krabbelt ihr entgegen, ein Riesenspaß für beide. Mit all dem Spielzeug ist das Café ein El Dorado für Kinder. „Als ich im dritten Monat schwanger war, habe ich geträumt, eine Tochter zu haben, die Mathilda heißt“, erzählt Ilka. Sie mochte die Mathilda aus „Léon der Profi“ schon immer, aber erst nach diesem Traum war ihr klar, dass das erste Kind nicht nur ein Mädchen, sondern auch eine Mathilda wird. „Ich habe letzte Nacht auch von ihr geträumt“, berichtet Chris hinter dem Tresen erstaunt. „Sie war so alt wie jetzt und hat sich mit mir unterhalten.“

Die Musik kommt vom PC, per Zufallsgenerator. „Atari Teenage Riot hab ich aber erst mal runtergenommen“, sagt Chris erschrocken, als die gerade lospoltern. „Ich will ja nicht, dass jemand vor Schreck vom Hocker fällt.“ Zwischendurch muss er den PC neu starten, für die kurze Zeit läuft also keine Musik. „Singt mal was“, bittet Chris. Singen? Höchstens Gitarren-Riffs. „Beim Autofahren haben wir das auf langen Strecken gespielt“, grinst Chris: „Heiteres Riffraten.“

Jenny kauft sich „In Rainbows“ von Radiohead auf Vinyl. Sie kennt das Album zwar schon in der mp3-Version, aber: „Mir war klar, dass ich es sowieso kaufe.“ Die angebliche mangelhafte Qualität der offiziellen mp3s kann sie nicht nachvollziehen. „Ich höre keinen Unterschied zwischen 160 und 320 kbps“, gesteht sie. Wer’s richtig hören will, kauft sich, wie sie, ohnehin das Album. Auch nach Berlin will sie fahren, um für 45 Euro Radiohead live sehen. „Das werde ich mir leisten.“

Neben ihr steht die neue Vitrine, mit Muffins. „Die funktioniert auch endlich“, erzählt Chris. „Bei der davor, da war das Kühlmittel zu alt.“ Die Muffins, diesmal von André gebacken, schmecken aber auch wieder. André, der heute die meiste Zeit in der Küche verbringt, berichtet von weiteren Neuerungen: „Wir haben jetzt auch Burger im Angebot,“ zum Beispiel. „Und regelmäßige Veranstaltungen,“ wie die Party am 19. und das Superpunk-Frühstück in der Woche darauf. Chris ergänzt Andrés Aufzählung um die angeleierten Abos von „Spex“ und „Rolling Stone“. Auch „Intro“ und „Uncle Sally’s“ sollen endlich ausliegen. „Das Intro hat gerade keinen Zusteller für Braunschweig“, erzählt Chris. „Aber die wollen uns die Hefte und den Aufsteller per Post schicken – und gleich eine Stellenausschreibung, die wir aushängen werden.“

Manuel kauft sich derweil „Ringleaders Of The Tormentors“, das letzte Album von Morrissey, und zwar als LP. „Ich hab da jetzt Bock drauf“, sagt Manuel. „Morrissey ist seit ‚You Are The Quarry’ endlich wieder gut,“ findet auch Chris. Manuel studiert Medienwissenschaften mit Politik im Hauptfach. Beim Thema Politik und Kultur fällt ihm sofort die Brücke ein: „Die Stadt verkauft die Brücke für eine Million Euro und mietet sich im ‚Schloss’ für mehr als eine Million Euro pro Jahr ein“, beklagt er. „Im Roten Saal haben sie aber mehr Laufkundschaft, also mehr Publikum als in der Brücke.“ Sein Fazit: „Für die Politik ist das schlecht, für die Kultur ist es gut.“

van Bauseneick
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#01 Ein Monat Café Riptide

16. Oktober 2007


Abstimmung: Vinyl oder CD

Einen Monat gibt’s das Café Riptide im Handelsweg jetzt. Betreiber sind, in alphabetischer Reihenfolge, André und Chris. Heute ist André hinter dem Tresen. An einem Dienstag Mittag ist noch nicht viel los – „die Haupt-Zeit ist Freitag Nachmittag und Samstag“, sagt André. Er macht einen Kafka, einen Kaffee mit Kakao. Hinter dem Tresen stapeln sich auch noch diverse Kartons. „Ist noch viel zu machen“, sagt er und macht noch viel.

Chris und er haben noch einiges vor, zum Beispiel wollen sie eine Glasvitrine mit Bagels aufstellen, mit denen sie die Schüler des Martino-Katharineums davon überzeugen wollen, ihren Kaffee mit Gebäck in der Pause doch lieber hier einzunehmen. „Da können wir gleich noch ein bisschen musikalische Früherziehung betreiben“, sagt André. Die Mandel-Marzipan-Muffins, die bereits unter einer durchsichtigen Glocke auf hungrige Gäste warten, hat diesmal nicht Chris zu Hause zubereitet. „Die habe ich hier im Ofen gebacken“, erzählt André, „der ist jetzt sauber, deswegen haben wir auch ganz neu Crêpes im Angebot.“

„Die Platten sind drin, die kannst du dir anhören, CDs geb ich dir raus“, sagt André zu Patrick. Patrick sucht elektronische Musik. André und macht LCD Soundsystem an. Patrick hört eigentlich alle möglichen Arten elektronischer Musik, „Techno, Trance, Minimal Electronic, Querbeet“, hat aber auf der anderen Seite eine riesengroße Sammlung von Michael Jackson, „weit über 100 Vinyl-Sachen“. Patrick ist 22, kommt aus Polen und ist Michael-Jackson- und John-Travolta-Imitator. Er unterrichtet das sogar, aber auch Hip-Hop-Tanz und Electric Boogie, „so show-mäßig“. Als wenn das nicht schon ungewöhnlich genug wäre, präsentiert er sich als Human Beat Box, so überzeugend, dass André verwundert um die Ecke guckt. „Das hab ich mir alles im Fernsehen und von Videos abgeguckt“, erzählt Patrick.

Das mit der elektronischen Musik lässt André aber nicht in Ruhe. LCD Soundsystem sind nur der Aufhänger, um schnell noch !!!, The Faint und Ladytron zu erwähnen. Und Autechre, Funkstörung und Mouse On Mars natürlich. Zoot Woman und Aphex Twin nicht zu vergessen. Irgendwie landet er bei Oomph!: „Ich dachte früher immer, die heißen ‚Zero Zero Miles Per Hour’, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die sich wirklich Uhmf nennen.“ Aber der Name kommt ja von Comic-Geräuschen, genau wie Wham! und Biff Bang Pow!.

Martin kommt „von der Bauruine gegenüber“ und wartet auf Mike. Bei einer Latte Macchiato erzählt er von seinen Plänen. Er will aus dem alten Gewölbekeller, der schon das „Peetie’s“ beherbergte, eine Schwulen-Disco namens „Poofy“ machen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. „Einen Termin habe ich noch nicht, ich will mich nicht selbst unter Druck setzen.“ Mit ihm kam Ronny, ein großer, rotbrauner, zotteliger Hund, der auf das Geräusch von geöffneten Kekstüten, die dem Kafka beiliegen, reagiert. „Der liebt diese Kekse. Wenn du den selber essen willst, warte, bis er weg ist“, sagt Martin.

André erzählt, dass er immer noch keinen Telefonanschluss und damit auch kein Internet hat. Von Telefongesellschaften weiß Martin auch Lieder zu singen. „Biste bei der Telecom, rufste an, kommt einer raus. Biste bei 1&1, rufste an, sagen die, rufen Sie die Telecom an, rufste die Telecom an, sagen die, nee, Sie sind bei 1&1.“ Mike ist immer noch nicht da, also geht Martin mit einer Flasche Hermann-Brause in der Hand im Café umher und bestaunt die Wandfarbe: „Das Kawasaki-Grün hat sich überall durchgesetzt.“ Die Frage nach Vinyl oder CD beantwortet er schnell: „mp3!“

„Ich hab schon zwei Hetero-Bedienungen für die Kneipe“, erzählt Martin. „Das zieht die Leute, die wollen alle die Heten sehen, die in ner Schwulen-Kneipe bedienen.“ Mike ist inzwischen aufgetaucht und bestätigt, dass das funktioniert. „In der Uni haben damals ein paar Leute Flyer verteilt, auf denen stand, dass der Chef vom Pano Nazi ist. So viel Publikum wie in den drei Monaten danach hatte der nie wieder: Alle wollten den Nazi sehen.“

Iris hockt sich an den Tresen und bestellt sich irgendwas. André verschwindet in der Küche. Iris hat die Vorhänge genäht und will nur mal gucken, wie es aussieht, wenn die hängen. Das tun sie noch nicht. André kommt aus der Küche zurück. „So weit sind wir noch nicht, das kommt aber als nächstes!“

Vinyl gegen CD: 2 zu 1, plus 1 für mp3.

van Bauseneick
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Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de
Myspace: www.myspace.com/riptide_rules

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten:
MO – MI: 10 bis 23 Uhr
DO: 10 bis 1 Uhr
FR – SA: 12 bis 1 Uhr
SO: 12 bis 19 Uhr