Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#34 Tief im Westen

15. August 2010


Samstag, 14. August

Die dunklen Wolken tun uns heute den großen Gefallen, um den Ort des Geschehens, also Braunschweig, herumzuziehen. Das ist gut für alles, was an diesem Wochenende in Braunschweig geschieht, und es geschieht eine Menge: Die BBG-Open-Air-Nights am Dowesee, Das 12. Lammer Open Air, die Aktion „Okerwasser”, das LOT-Hoffest, Das Verlagsfest von Andreas Reiffer, Lord Schadts Geburtstag auf der Oker, das zweite Kulturschaufenster 38118 auf dem Frankfurter Platz, das Summer Special Barbecue im Café Riptide und das DFB-Pokalspiel der Eintracht gegen Greuther Fürth. Irgendwo ist auch noch ein Hoffest, berichteten mir Bekannte, auf einem der Braunschweig umgebenden Dörfer, aber man kann sich ja nicht alles so genau merken. Und erstrecht kann man nicht alles wahrnehmen, was so in und um Braunschweig geschieht. Zumindest ich kann das nicht, vielleicht ist es ja doch jemandem gelungen. Auf jeden Fall will ich immerhin zwei der Stationen ansteuern.

Die erste ist der Frankfurter Platz. Letztes Jahr gab’s da erstmals das Kulturschaufenster, bei dem auch die Riptide-Gäste Müller & die Platemeiercombo auftraten. Riptide-Gäste stehen auch dieses Mal auf dem Programm: Play-It-Again-Ben Büttner, der Pianist der Bumsdorfer Auslese, spielt Schlagzeug bei der Band Tatsache, und Toddn liest abends im Gambit aus der Historie des Viertels: von Arbeitern nämlich, die dort gewohnt haben. „Live im Westen“ heißt das Programm, vom dem ich immerhin Le’Band, Tatsache und Culture Pub live mitbekomme. Die Mischung im Publikum gefällt mir: Punks, Prolls – und alles dazwischen. Ein paar minderjährige Halbstarke posieren vor den Irishfolkern Culture Pub und überraschen mich damit, dass sie plötzlich mit Tapdance beginnen. Noch überraschender finde ich, dass sie den mit Streetdance kombinieren, indem sie aus dem Nichts einen Stuhl herbeizaubern, über dessen Lehne hinweglaufen und anschließend auf dem Boden vor den pogenden Punks Handstandüberschläge machen. Außerdem treffe ich viele Bekannte und Freunde, deren Bekannte sich für mich überraschend ebenfalls allesamt untereinander kennen. Dieses Braunschweig ist eben doch eine Erbse.

Das Barbecue im Riptide verpasse ich leider erneut, wie schon im letzten Jahr. Dafür bin ich einfach zu spät aus dem Haus gekommen. Auch Toddns Lesung verpasse ich leider, weil ich mich in der einsetzenden Dunkelheit dann doch auf dem Weg in den Handelsweg mache. Per SMS aus dem Stadion erfahre ich, dass es gegen Fürth noch 0:0 steht. Wo bleibt der Zauber der ersten Spieltage dieser Saison? In Richtung Innenstadt komme ich noch an Christiane Stegats „Spawn“ vorbei, dem illuminierten Froschlaich am Neustadtmühlengraben im Prinzenweg. Der dritte Lichtparcours macht Laune, besonders die Exponatdichte im Bürgerpark. An Wochenenden herrscht dort nachts ein herrlicher Kunsttourismus. Und die „Appearing Rooms“ von Jeppe Hein machen rund um die Uhr und allen Altersstufen Spaß. Vornehmlich kleinen Kindern, die wild tobend durch die Fontänenräume rennen. Da wird mal wieder ein nächtlicher Okerrundgang fällig, wie schon vor fünf und vor zehn Jahren. Mit Verweilen, Fotografieren und mit Leuten ins Gespräch kommen dauert das ungefähr vier äußerst angenehme Stunden.

Von der Breiten Straße biege ich in den Handelsweg ein und höre, dass dort gute Laune herrscht. Alle Tische im Achteck sind belegt, Kerzen illuminieren den Hof anheimelnd. Ganz anders sieht es im Café aus. Alle Tische und Stühle sind weg, lediglich das Sofa steht unterhalb der völlig leeren Wand neben einer Grünpflanze und einer Lampe. Dies soll heute Nacht die Tanzfläche sein. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der DJ des Abends, Monsieur LeSupersexuel, und konzentriert sich auf das, was ihm seine Kopfhörer von den rotierenden Plattentellern übermitteln. Hinter der Theke begrüßt mich Sina, André kommt aus der Küche. Dort werkelt Lara an Kundenbestellungen herum. Alle drei tragen vorn DIN-A6-große Aufkleber. Die haben oben und unten einen goldenen Rand, wie im Breitwandfilmformat, und zeigen dazwischen getaggt den Namen des jeweiligen Trägers. „Das war Leif“, sagt André. Live? Bei einem Konzert? Oder was? „Nein, Leif, ein Stammgast.“ Ach so! Aber ich hab gleich einen neuen Namen für die meterlange Liste kurioser Namen: Leif Gig.

Ein Live-DJ-Set bereitet Monsieur LeSupersexuel derweil vor. Er heißt eigentlich Helge und verrät, dass er ein Schwager vom Riptide-Lesereihenveranstalter Frank Schäfer ist. Helges 60’s Beat Partys erfreuen sich im Riptide einiger Beliebtheit, auch wenn Helge ein bisschen beklagt, dass es für reine Soulmusikpartys in Braunschweig keine so richtige Szene gibt. Er schwärmt von Hamburg: „Da gab’s mal einen Club über dem Thalia-Theater, das Nachtasyl, das lag im fünften oder sechsten Stock und man musste zu Fuß die Treppen rauf.“ Dort seien Deko, Kleidung und Musik stilecht wie in den 60ern gewesen. Helge strahlt bei der Erinnerung daran. „Ein Kumpel hat damals in Hamburg gewohnt, einmal im Monat ins Nachtasyl war Pflicht“, erzählt er. Hier in Braunschweig beschallt er ansonsten bisweilen die Haifischbar mit amerikanischem Soul, Northern Soul, Beat und Garage aus den 60ern. Den Plan hat er sich für heute auch vorgenommen – „aber ich habe keine konkrete Playlist“, sagt er. Ob das Stück, das zurzeit auf dem Turntable turnt, auch das Eröffnungsstück ist, weiß er noch nicht, da will er sich vom Moment leiten lassen. Normalerweise habe er im Riptide außerdem immer einen Beamer dabei, der Fotos aus den 60ern an die Wände wirft, aber heute aus organisatorischen Gründen nicht. Am Nachmittag schon unterhielt Helge die Barbecue-Gäste, mit modernem und zeitgenössischem Indie-Sound. „Gegessen habe ich leider nichts, aber es hat gut gerochen“, bedauert Helge.

An der Theke bestellt sich Leif ein Astra. „Ich habe heute früh schon gearbeitet“, erzählt er. „Auf dem Wochenmarkt am Altstadtmarkt, am Bioland-Stand vom Lindenhof.“ Oh, dann müsste ich ihn ja gesehen haben, schließlich gehe ich da auch allsamstäglich einkaufen. „Ich mache das seit zwei Jahren“, sagt Leif. Dann erstrecht, sage ich. „Wir müssen uns mal treffen“, sagt Leif und hebt die Hand zum Highfive. Aber gerne! Ich schlage ein und spreche ihn auf die Namensschilder an. „Willst auch eins haben?“, fragt er. Au ja. Leif holt einen weiteren Aufkleber aus seiner Tasche und setzt den Edding an. Er schreibt „MatZe“, setzt vorn und hinten je ein Sternchen dazu und ein „Yo!“ darüber. Dann zieht er die Folie ab, setzt den Aufkleber auf mein T-Shirt, streicht darüber, zögert ein bisschen, sagt dann entschuldigend: „Das gehört dazu“ und klopft mir einmal auf die Brust. „Danke, darauf hab ich schon gewartet“, sage ich. Leif macht viel in Street Art und Stencils, erzählt er und geht dann mit Getränk und Begleitern zurück ins Achteck.

Die Namensschildern fallen vielen Gästen auf, die sich an der Theke Getränke bestellen. „Was steht da drauf?“, fragt Nora Sina stirnrunzelnd. „Sina“, sagt Sina. „Hätte auch Linda heißen können“, meint Nora. „Nenn mich heute Klaus.“ Christian steht neben ihr und guckt mit verkniffenem Blick auf mein Schild. „Matze…?“, rät er. Stimmt. „So unlesbar ist es also nicht“, sage ich. Nora schüttelt den Kopf: „Er ist Künstler, er ist tag-geprüft.“ Aus der Küche tritt André hinter die Theke. „André!“, ruft Nora. „Ich bin nur deinetwegen hier.“ Sie erkundigt sich auch nach Chris, aber der hat schon Feierabend.

Die nächste Bestellung kommt vom DJ: „Hast du mal eine Gabel und Gaffa-Tape?“, fragt Helge Lara. Habe ich das gerade richtig gehört? Eine Gabel und Gaffa-Tape? Das ist wohl die kurioseste Bestellung, die ich im Riptide je gehört habe. „Du magst die Olsenbande?“, mutmaße ich. „Das auch, ja“, entgegnet er. „Dann hättest du noch einen stinkenden Käse bestellen müssen“, sage ich. „Das wollte ich nur leise sagen“, grinst Helge, „aber wofür ich das brauche, das bleibt mein Geheimnis.“ Er verrät es doch, als Lara ihm zumindest die Gabel überreicht und ihn bittet, sich wegen des Gaffa-Tapes an André zu wenden. Helge legt den Griff der Gabel mit den Zinken auf seinen Bauch gerichtet auf den Tresen und deutet mit einer Handbewegung an, wie er sie quer mit Gaffa-Tape festklebt. „Das wird mein Kopfhörer-Halter“, sagt er. Der Schleier ist gelüftet, ich bin baff. „Schön mit Rundung“, deutet Helge auf die Zinken, „da kann man den Kopfhörer reinhängen.“ Er nimmt die Gabel von der Theke und grübelt: „Was hat sie gesagt, André fragen wegen Gaffa?“ Hat sie.

Zwei Sekt bestellt Iris und deutet auf den untersten Boden der Vitrine: „Was ist das denn Putziges?“ Auf einem Silbertablett stehen gerade noch zwei winzige Alu-Förmchen mit kraterartigem Gebackenem darin. „Keine Ahnung, irgendwas Vanilliges“, sagt Lara. „Möchtest du eins?“ – „Nä“, sagt Iris und geht in Abwehrhaltung einen Schritt zurück. Lara ist verwirrt: „Eben waren sie noch putzig?“ – „Daran ändert sich auch nichts“, versichert Iris. „Aber essen? Nee.“ Ohne das zu begründen, aber mit einem breiten Grinsen nimmt sie ihre Sektgläser und geht ins Achteck. Ich finde, dass die Vanilligen gut aussehen. Wenn nicht gerade so viel los wär, würd ich eines bestellen. Zum Probieren.

Aber die Schlange der ihrerseits Bestellenden reißt gerade gar nicht ab, zum Glück. „Da ist jeweils 50 Cent Pfand drauf“, sagen Lara und Sina bei jedem Getränk, das sie an die Gäste ausgeben. Das wird ab sofort zu ihrem Mantra. Astra geht heute am besten, in Urtyp ebenso wie in Rotlicht. Die beiden mischen Weißweinschorlen und Mojitos. Sie greifen im Kühlschrank nach Wolters, Bionade, Schöffehofer Grapefruit, Fritz-Kola und Beck’s. Jeder geöffnete Kronkorken landet klackend in einem grünen Becher, um den ganz viele rote Gummibänder gewickelt sind. Sie drücken bei der Kaffeemaschine auf den Knopf für Cappuccino. Sogar der Bitte nach einer Zigarette kommt Sina nach. Lara ist müde, ihre Augen sind nur halb geöffnet. „Was ist los?“, frage ich. „Wenig geschlafen“, kommt die wenig überraschende Antwort. „Was war’s“, frage ich nach und mutmaße: „Der Mond?“ Der nimmt gerade zu und ist wegen der Wolken ohnehin nicht zu sehen, ist also zurzeit das unverfänglichste Argument für Müdigkeit. Sie nickt: „Genau, der Mond.“ Also nicht. „Ist schlimm grad, nicht?“, spinne ich weiter. „Ja“, sagt Lara. „Erst der Mond, dann die Sonne. Die wechseln sich ab. Du kommst da nicht raus. Das ist Scheiße.“

Rein kommt dafür Marc, mit einer großen Papprolle in der Hand. Die reicht er Sina über den Tresen und bittet sie, das Plakat aufzuhängen. André kommt aus der Küche und wird sofort neugierig. Er lässt sich vom Sina das Plakat geben, sieht es sich an und verspricht, es noch am Abend aufzuhängen. Worum geht’s? „Rock’n’Roll Wrestling Bash“, klärt Marc mich auf. Was? „Am 4. September in der Skateboardhalle Walhalla, ein Rock’n’Roll-Konzert mit Wrestling-Show“, erklärt er. GTWA nennt sich der Veranstalter, „das steht für Galactic Trash Wrestling Alliance“, sagt Marc. Und fügt berechtigt hinzu: „Das wird die skurrilste Show, die Braunschweig je gesehen hat, das schwör ich!“ Marc ist erster Vorsitzender von Walhalla und veranstaltet das Spektakel zusammen mit Carlos, dem Chef der GTWA. „Ein Mexikaner“, erklärt Marc. „Es wird einiges an Skurrilitäten zu sehen geben, zum Beispiel Fights wie Betty Poo gegen Boris The Butcher, Blutgesplatter und Pyrotechnik, mit Musik abgestimmt.“ Ui. Marc führt weiter aus: „Die Band spielt während des Wrestlings, die Moves sind auf die Musik abgestimmt.“ Für mehr Informationen verweist er auf die Internetseite und das mitgebrachte Plakat, „André wollte das gleich aufhängen.“ Jetzt zieht es Marc aber nach draußen zu seinen Getränken.

Draußen ist es rappelvoll. Wo hat man schon mal Gäste im Außenbereich ihres Lieblingscafés bereitwillig stehen sehen? Die Soul-Party hat sich eben einfach nach draußen verlagert, es sieht dort so aus, wie es drinnen aussehen würde, wäre es draußen kalt. Drinnen rotiert derweil der Ventilator am Eingang, Helge hat die ersten Tunes eingespielt, ein Gast stützt sich mit Getränk in der Hand auf die Holzabdeckungen auf den LP-Regalen. Am Tresen wimmelt es vor trinkfreudigen Gästen. Das Riptide ist längst bereit, zum Tanz zu bitten. In zwei Wochen bittet es außerdem zum Metal: Im Rahmen der Braunschweiger Kulturnacht gibt’s „Read ’em All“ mit Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Helges Schwager. Zurzeit geht gottlob eine Menge in Braunschweig. Trotzdem verliert die Eintracht in dieser Nacht, 1:2 in der Verlängerung. Da mag man mit den Nürnbergern einstimmen, die da sagen: „Lieber Fünfter als Fürther.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#33 Kein Freispiel drin

22. Juli 2010


Gregor will eigentlich nur kurz im Riptide fragen, ob seine LPs da sind. Eigentlich. Wie ich bleibt er jedoch einige Stunden da, was uns beiden wiederum sehr leicht fällt, und geht’s nun mal prima dort, um die Mittagszeit herum an der Theke. Chris ist da, zurzeit noch allein. Er pendelt zwischen Küche, Tonträgerfächern, Theke und Achteck hin und her, während er im Vorbeiflug an Gregors und meiner Unterhaltung teilhat. Ja, uns geht’s prima, da macht es auch nichts, dass es trotz weniger als 30 Grad Celsius unerträglich warm, weil schwül ist. Ein schwenkender Ventilator neben dem Eingang weht uns immerhin gelegentlich etwas Erfrischung zu. Denn weniger als 30 Grad Celsius hat es nur draußen.

Wie üblich komme ich gerade von Raute Records. Das entwickelt sich zu einer schönen Gewohnheit, wie früher, als man freitags zuerst in den Moorkater und dann ab drei Uhr ins Farmer’s Inn gefahren ist. Heute ist es eben statt Katerfarmer’s Rauteriptide. Bei Raute kann man wie im Riptide einfach nur mal so sein, ich hatte aber noch einen anderen Grund. Eine lange Geschichte: Riptide-Literat und -Gast Frank Schäfer spielte einst bei einer Heavy-Metal-Band Gitarre, das war nach seiner Zeit bei Operation Daisyland. Diese andere Band nun hieß Salem’s Law. Auf dem ZYX-Sublabel ZYX Metallic kam vor 21 Jahren das beinahe einzige Album „Tale Of Goblin’s Breed“ heraus, auf Vinyl und CD. Das Sublabel stellte jedoch kurz darauf den Betrieb ein und das Album wurde nicht nachgepresst. Jetzt ist es eine solche Rarität, dass es weltweit für um die 100 Dollar gehandelt wird, wenn man es denn überhaupt jemals irgendwo findet, egal, in welchem Format. Deshalb habe ich es bei eBay in meine Suchanfragen aufgenommen. Jetzt war es einmal wieder drin, sogar als LP, und für einen erschreckend geringen und für eine einzelne LP dennoch recht hohen Preis. Ich war überrascht. In welchem entlegenen Winkel der Erde mochte die LP jetzt wohl angeboten werden! Ob der Verkäufer seriös war? Ich schaute auf das Profil – und war gleichzeitig erstaunt und sah mich bestätigt: Raute Records, Braunschweig. Wo sonst! Uwe und Katrin sei Dank: Die Power-Metal-LP von der Band aus Gifhorn ist jetzt mein. Ein zweites Album von Salem’s Law hat es übrigens doch noch gegeben: Aufgenommen 1990 bis 1992, veröffentlich jedoch erst vor zwei Jahren, und zwar als Bonus-CD zu Franks Buch „Generation Rock“.

Doch auch im Riptide wartete Vinyl auf mich: Chris und André wissen, dass ich Veröffentlichungen von !!! stets in meine Sammlung integrieren möchte. Überraschend mailte mit Chris also kürzlich von einer neuen !!!-12“. Von einem kommenden Album hatte ich gelesen, von der 12“ namens „AM/FM“ jedoch erst nach Chris’ Mail. Vom einen Glück ins nächste: Von der 12“ gibt’s nur 800 Stück weltweit. Sie ist durchsichtig und greift damit die Eis-Gestaltung des im August kommenden Albums „Strange Weather, Isn’t It?“ auf. Sehr schön, die Gestaltung, und sehr schön auch, dass eine der 800 Kopien im Riptide und nun bei mir landet.

Chris stellt die 12“ an die Seite neben der Kasse, wo ausgewählte Schallplatten immer stehen, bis der Kunde seinen Aufenthalt im Café beendet. Dazu stellt Chris gleich noch eine Platte, nämlich die, die Gregor sich ausgesucht hat: „John Cale Live At Rockpalast“. Gregor wählt außerdem ein alkoholfreies Hefeweizen und stellt dies auf die Theke neben meine Fritz-Cola. „Hattest du noch etwas bestellt, war die Current 93 für dich?“, fragt Chris Gregor in einer Weise, die am treffendsten mit verschmitzt zu bezeichnen ist. Chris weiß, dass er damit Gregor locken kann: „Like Swallowing Eclipses“, eine schwarze Box mit bunten Kindern drauf, enthält sechs LPs. „Das sind die ersten fünf Alben, geremixt und mit einer Bonus-LP“, erklärt Chris und reicht Gregor die Box. „Ui, das ist aber schön“, sagt der. „Und dann noch mit Andrew Liles!“ Chris nickt: „Der hat die geremixt.“ Gregor reicht Chris die Box zurück und fragt: „Und Lilium, ist meine Lilium-LP da?“ Chris wendet sich den Regalmetern mit den Bestellungen zu und fragt, nicht minder verschmitzt: „Auf CD?“ Gregor ist fast entsetzt: „Nein, auf Vinyl natürlich, doch nicht das Auslaufmodell!“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Kein Schrott, ich kaufe nur Vinyl, außer, es gibt etwas nur auf CD.“ In den 90ern hätte er beinahe den Fehler gemacht, Vinyl komplett abzustoßen, sagt er. „Aber ich hab’s nicht gemacht“, sagt Gregor erleichtert. Er wendet sich dem LP-Kasten mit den Neuheiten zu und blättert darin herum.

In der Ecke zwischen den Vinyl-Neuheiten und der Theke steht ein schwarzer Tisch mit Aufstellern, in denen aktuelle und ältere Ausgaben von Musikexpress und Rolling Stone klemmen. So auch die neueste Ausgabe des Rolling Stone, die bei mir erst heute im Briefkasten klemmte, mit dem neuen Prince-Album darin. Der Intro-Aufsteller drückt sich neben dem Tisch an die Theke, auf der anderen Seite das lila Evil-Puppets-Plakat, das ich eben schon bei Raute an der Tür kleben sah. Auf der Theke liegt das Klemmbrett mit der Email-Verteiler-Liste, die jemand mit Riptide-Schriftzeichen und einer Zeichentrickkatze verschönert hat. Mich erinnert das an die silberne Auberginen-Kettensäge, die seit einiger Zeit Brücken und Schilder auf und an Autobahnen rund um Braunschweig verschönert. Das Album von The Roskinski Quartett inklusive Button und die drei Quartetts zu den Themen Seuchen, Tyrannen und Rauschgift verzieren die andere Seite der Theke. Die Quartetts sorgen bei Gästen immer wieder für Erheiterung.

Die Wände im Café-Bereich sind leer, ohne eine Ausstellung, das waren sie beim Fußballweltmeisterschaftshalbfinale vor einigen Wochen auch schon. Das war ein lustiger Tag, abgesehen vom Ergebnis. Spanien schlug Deutschland mit 1:0, aber das war gar nicht so wichtig. Wichtiger war, dass ich es schaffte, wenigstens ein Spiel dieser WM im Riptide zu sehen. Im Riptide, wahrhaftig, denn draußen im Achteck war kein Platz mehr. Dabei war ich schon früh da, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, und doch waren sämtliche Plätze auf allen Stühlen und Bänken besetzt. Keine Lücke. Erfreulich einerseits, andererseits schade, weil der einzige freie Platz für meine Begleitung und mich im Café war. Meine Begleitung sicherte uns die Barhocker am Fernseher, also dem großen Fenster, das wir folglich im doppelten Sinne als Fernseher nutzten, mit Längsbalken im Bild und verschwommenem Blick, weil das Glas altersbedingt uneben war. Im Café war es an dem Tag klebrig heiß, so wie es heute draußen ist. Das Sitzen allein ließ den Schweiß fließen. Eigenmächtig drehte ich den Schwenkventilator in unsere Richtung, das half. Die kühlen Getränke halfen außerdem. Beste Voraussetzungen für einen tollen Fußballfernsehabend. Und so war es auch. Auf dem Sofa warteten einige Leute wie wir auf den Spielbeginn und redeten lustige Sachen. „Ich nenne ihn immer Ötzel“, sagte etwa einer von ihnen, als Spieler Mezut Özil in Großaufnahme gezeigt wurde, und fügte die überzeugende Erklärung hinzu: „Das gefällt mir besser.“ Mehr als die Kommentare der Gäste im Café hörten wir auch nicht, denn schlechter noch als das Bild gelangte der Ton an unseren ansonsten vorzüglichen Sitzplatz. Den teilten wir mit einem pfeiferauchenden Guckkollegen, der alsbald auf dem hernach frei gewordenen Sofa einnickte. Recht hatte er einigermaßen, das Spiel war langweilig. Interessant war umso mehr das Publikum vor uns. Zur Hälfte saßen Frauen vor der ausgerollten Leinwand, das war schon mal sympathisch. Am Verhalten der heterogenen Gruppe merkten wir auch, dass wir in guter Gesellschaft waren. André reichte etwa Teller mit Nachos und Dips an einen zu weit entfernt sitzenden Gast, und anstatt, dass die anderen Gäste André hämisch grinsend beim die ausweglose Situation meistern beobachteten, griffen sie nach dem Teller und reichten ihn an die ausgestreckten Arme weiter hinten weiter. Oder als einer Zuschauerin in einer spannenden Spielszene ein Quieker entwich, da drehten sich die anderen Zuschauer zu ihr um und freuten sich mit ihr, lachten aber nicht über sie. Oder als eine andere Zuschauerin vor unserem Fenster für einen Sekundenbruchteil ihre Rassel betätigte, konterte ein anderer Gast mit einem ebenso kurzen Trillerpfeifentrillern. Und als dann letztlich das Halbfinalspiel für die Deutsche Mannschaft verloren ging, gab es kein Geschrei, sondern eher Schulterzucken und weitere Getränkebestellungen. Fußballgucken mit Niveau, ganz genau. Wir hatten Spaß dort, an unserem Fernseher und vor den leeren Wänden.

„Es ist Sommerloch“, begründet die Chris. „Wir werden die Wände streichen und renovieren, nach zehn Ausstellungen sehen die entsprechend aus.“ Stimmt, ich erinnere mich an den vergeblichen Versuch, Poster-Klebestreifen von den Wänden zu entfernen, ohne dabei die Farbe herunterzubröseln. „Bei dem Wetter hat fünf Wochen keiner drinnen gesessen, da nutzen wir die Gelegenheit“, sagt Chris. „Und im Winter streicht ihr draußen?“, frage ich.

„Gefunden“, ruft Gregor und zieht das Album „Felt“ von Lilium aus der Neuheiten-Box. „Da isse doch.“ Er reicht die Platte Chris, der sie zur John-Cale-LP stellt. „Den habe ich schon zweimal live gesehen“, sagt Gregor, „91 und 92, im Capitol.“ Chris wendet die Platte in seiner Hand und erklärt: „Die hat Ecki Stieg herausgebracht – den kennen wir ja noch alle aus der Zeit, als Radio noch ‚ooooh’ (imitiert ein glückliches Staunen) war.“ Und ob. Ich erinnere mich außerdem an eine Begebenheit aus den 90ern, als Ecki Stieg einmal im Exil in Bodenteich aufgelegt hat. Zu den Stammgästen dort zählte damals einer, der aussah wie ein Ober-Grufti: schwarze Flokati-Jacke, schwarze Pumphose und wallende, schwarze Löwenmähne. Er wirkte dank seiner Erscheinung stets größer, als er tatsächlich war, und war außerdem weitaus liebenswürdiger, als viele dem Äußeren nach annahmen. Jedenfalls erzählte man sich, dass er während Stiegs Gastspiel als DJ in der sanitären Einrichtung sein Geschäft verrichtete und dass Steig neben ihm stand. Stieg sah ihn und fragte: „Hey, willste’n Autogramm?“ Der Angesprochene drehte sich zum Star-DJ um und antwortete mit den Worten: „Nö.“ Für die musikalische Sozialisation vieler Niedersachsen waren Stiegs „Grenzwellen“ auf Radio ffn jedenfalls definitiv weg- und richtungweisend. „Er hat sein Label ‚MIG’ genannt, ‚Made In Germany’“, fährt Chris fort. „Darauf veröffentlicht er lauter schwer zugängliche Alben, die ihm wichtig sind.“ Wie etwa das „Live At Rockpalast“-Konzert von John Cale. „Ich kenne das Konzert, das habe ich schon auf CD, aber ich bin froh, dass es das jetzt auf Vinyl gibt“, sagt Gregor. Auf DVD auch, fällt mir ein, im neuen Eclipsed ist ein Ausschnitt daraus auf der beigelegten DVD-Compilation „Live At Rockpalast Vol. 2“ enthalten. Gregor wehrt ab: „DVDs brauche ich nicht, die habe ich von John Cale genug.“ Gregor lässt sich darüber aus, dass es keine guten Konzerte mehr in Braunschweig gibt, vor allem, seit das FBZ dicht ist. Ich stimme zu und halte dennoch das Festival Theaterformen entgegen, das kürzlich in Braunschweig stattfand. Gregor ist betrübt: „Da war ich nach der Arbeit zu kaputt – und ich kannte keinen, außer Knarf Rellöm.“ Gregor arbeitet als Kinderpfleger und Gärtner, nacheinander, also nicht als Kindergärtner. „Aber von Knarf Rellöm waren auch nur die ersten zwei Alben gut – ‚Bitte vor R.E.M. einordnen’.“ Er lacht laut los.

Gregor hat ja Recht. Alle, und wenn ich das sage, übertreibe ich nur unwesentlich, vermissen das FBZ. Autor und Da-Capo-Kolumnist Luc Degla lässt es beim Vermissen nicht bleiben: Er übernahm von Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf und machte daraus das Sowjethaus. Dabei steht „Sowjet“ für „Rat“ und „Beratung“, nicht für die kommunistische Idee, damit heißt das „Sowjethaus“ im Grunde so viel wie „Rathaus“. Und wegen Konzerte namhafter Indie-Musiker: Am 2. September kommt Reinhard-Mey-Adept Gisbert zu Knyphausen ins Nexus. Es ist zwar insgesamt weniger als früher, nach wie vor, das stimmt wohl, aber gottlob nicht nichts.

Chris stellt eine Tasse in den Kaffeeautomaten und drückt einen Knopf. Während heißer Dampf und lautes Fauchen dieser Handlung folgen, sagt Chris zu Gregor: „Du machst doch auch Musik.“ Das bestätigt Gregor, auch wenn es ihm gerade etwas unangenehm ist. Krapp heißt Gregors Band, „wie die Färbewurzel“, erklärt er. „Wir machen Folk.“ Für heute Abend steht eine Bandprobe an. Seit 22 Jahren spielt er bei Krapp. „Deine alte Band, sag’s schon“, ermuntert ihn Chris am Kaffeeautomaten. „Ich hab euch als kleiner Junge am FBZ gesehen, beim Umsonst und Draußen“, sagt Chris. „Rummelfuchs hießen wir“, sagt Gregor. „Ihr habt so eine Art Hippie-Punk gemacht“, meint Chris. Gregor lacht verächtlich: „Hippie-Punk? Iiihh.“ Chris grinst und erklärt: „Als kleiner Junge habe ich das als Hippe-Punk empfunden, Punk war für mich Black Flag.“ Gregor wehrt ab. Ganz früher, also noch davor, war er bei den Incredible Fish Hunters. „Ich werde auch immer Musik machen“, sagt er. Er spielt Schlagzeug: „Und das schon seit 25 Jahren.“ Als nächstes live sehen kann man Krapp bei der Braunschweiger Kulturnacht am 28. August, und zwar im Kleinen Haus. „Da haben wir vor zwei Jahren schon einmal gespielt und vor vier Jahren im Figurentheater Fadenschein, das war auch gut, guter Sound.“

Gegor und ich sind mitnichten die einzigen Gäste und Kunden im Riptide. Zwei niederländische Metal-Fans kaufen sich einige Metal-Alben als Picture-Vinyl, ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen und Papa im Schlepptau bittet Chris um eine Serviette. Die Tische im Achteck sind gut belegt. Zwischendurch kommen auch ein Post-Zusteller und Rainer vom Hermes-Versand. „Ich bringe immer Platten“, sagt Rainer. Am Format seines Paketes ist deutlich erkennbar, dass es auch dieses Mal so ist, und an der Dicke des Paketes erkennt er, dass es mehr sind als sonst: „Manchmal ist nur eine drin.“ Auch André ist inzwischen eingetroffen. Er und Chris tauschen heute die Rollen, denn André ist es, der sich an den Computer klemmt und dort arbeitet, während Chris etwa das Paket von Rainer entgegennimmt.

„Es hat so schöne Plattenläden gegeben in Braunschweig“, sinniert Gregor, während ich mich von seiner Getränkewahl dazu anregen lasse, mir ebenfalls ein alkoholfreies Hefeweizen zu bestellen. „Crown Records, das war gegenüber vom Atlantis und hat 91 dicht gemacht, Clash Records, Fallersleber Straße, hat 91 dicht gemacht, der Laden war fantastisch.“ Ran 7 und die Garage führe ich ins Feld, kann ihn damit aber nicht überzeugen. Erst bei Raute und Riptide ist er wieder dabei: „Ich musste fast 20 Jahre warten, bis es wieder einen vernünftigen Plattenladen gab, eine Durststrecke, es hat fast 20 Jahre keine guten Läden gegeben.“ Sein schwelgerischer Blick fällt plötzlich auf die Flasche Record Cleaner in der Ecke des Tresens. „Lohnt sich das?“, fragt er Chris. „Das ist ein erstaunlicher Effekt, den du damit erzielst“, sagt Chris und meint damit „ja“. Die Klangqualität verbessere sich deutlich. „Du sprühst etwas davon auf das Tuch, das mit dabei ist, und reibst damit die Platte vorsichtig ab.“ Gregor sagt: „Ich nehme immer Alkohol.“ Chris nickt: „Oder Wasser mit Spülmittel.“ Gregor fallen dabei lauter Bands ein, nach denen er Chris im Computer suchen lässt, wie Pere Ubu oder Mission Of Burma. Doch das, was er sucht, findet auch Chris nicht. Gregor hält kurz inne und sagt dann: „Die ‚Like Swallowing Eclipses’, was ist da drauf?“ Chris nennt Gregor die Alben-Titel und erklärt, dass Current 93 die neu eingespielt und Andrew Liles die geremixt hat und dass da noch eine sechste LP mit unveröffentlichten Sachen bei ist. Chris spricht David Tibet französisch aus, so haben Gregor und ich den Namen noch nie gehört. Wir finden beide die Aussprache sehr klangvoll. Gregor überlegt nun nicht mehr, sondern sagt: „Stell mir die Box beiseite, ich nehme sie nächstes Mal mit.“ Das macht Chris gerne. Gregor und ich begleichen unsere Rechnungen, grüßen André an seinem versteckten Arbeitsplatz und gehen mir Chris ins Achteck, wo jener einen Tisch abwischt. „Schönes Leben noch“, ruft Chris uns grinsend nach. Gregor lacht. Ich sage: „Wir hatten eigentlich vor, das hier zu verbringen.“ Chris nickt freundlich: „Ich auch.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#32 Hublot in Vancouver

17. Juni 2010


Mittwoch, 16. Juni 2010

Heute soll es sein: mein erstes ganzes Fußballspiel der laufenden WM im Fernsehen. Bislang hatte ich keine Zeit dazu, da will ich mich heute ins mein erweitertes Zuhause setzen, besser: ins Achteck dazwischen. Das Riptide wirbt mit „Fußballgucken mit Niveau“, und genau das will ich haben. Denn ich erinnere mich gerne an die Fußball-WM vor vier Jahren. An sich hatte ich seit 1990 keine Lust mehr auf Fußball, vor allem nicht auf den der deutschen Fußballnational-Band. Die hatte sich in Folge ihres Weltmeistertitels dergestalt arrogant aufgeführt, dass sie vergaß, weiterhin ordentlich Fußball zu spielen. Die Europameisterschaft 1992 habe ich natürlich wahrgenommen und schon damals, ein Jahr vor meiner ersten Reise dorthin, zu Dänemark gehalten, aber das eher zufällig, eben gegen die Arroganz und für den Unterhund. Dänemark war damals ein schönes Beispiel für eine korrekt verkehrte Welt, mit Frittenbudenernährung und Europameistertitel. Folgende Weltmeisterschaften habe ich kaum noch wahrgenommen. 1998, da klingelt etwas, 2002 hab ich nicht mal den Meistertitelträger erfahren. Als dann also die WM vor der Haustür stattfinden sollte, dachte ich nur: mir doch egal. Was ist schon Fußball, wenn er nicht einmal mehr vernünftig aussieht (als Sport, nicht als Sportgerät)!

Meine Fußballsozialisation habe ich als Kind von meinem Vater erfahren, wie es sich wohl gehört. Er war gebürtiger Hamburger und naturgemäß HSV-Fan. Das hatte sich damals auch noch gelohnt, mit Uli, Manni, Felix und Horst. Und Uwe Seeler ist heute ja auch wieder in aller Munde, phonetisch jedenfalls, und dann im doppelten Sinne. Mit meinem Vater ging damals jedoch auch mein Fußballinteresse. Das weckten erst in den 90ern Kollegen wieder, als ich in Wolfsburg arbeitete und der dortige Verein in die erste Liga aufstieg. Ich kam nicht umhin, mich mit Bundesligafußball auszukennen, und wehrte mich auch nicht dagegen. Es macht mir seitdem Spaß, Woche für Woche die Ergebnisse aus mittlerweile drei Ligen zu studieren und mit den Vereinen meiner Zuneigung zu fiebern. Für internationalen Fußball hingegen hatte es bis 2006 dennoch nicht gereicht.

In allerletzter Sekunde ließ ich mich dazu hinreißen, das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica zu gucken, und zwar in einem traditionell nicht unbedingt fußballaffinen Umfeld: im Merz und mit Frauen. Zwar verachte ich Menschen, die in typischen Rollenklischees denken, handeln und reden, aber in dem Moment hatte ich genau darauf Lust, mich selbst in die postulierte Frauenrolle zu drängen, nämlich als vermeintlich Unwissender eine Freizeitaktivität wahrzunehmen, die dem Rest um mich herum im Gegensatz zu mir etwas bedeutete. Protest, ja. Und dann kam alles ganz anders: Das Merz-Publikum bewies, dass Fußballgucken mit Massen auch richtig viel Spaß machen kann. Und die Deutsche Mannschaft zeigte, dass sie es wieder wert war, ihrem Spiel zuzusehen. 4:2, sechsmal Applaus, Costa-Rica-Fahnen wehten im Merz, alle feierten jedes Tor. Was für eine herrliche Harmonie. Und ebendiese Harmonie erlebte ich bei der WM nahezu durchgehend. Das Merz und auch die frisch eröffnete Okercabana waren Hauptanlaufpunkte für mich. 2006 hatte ich in den kuriosesten Konstellationen Fußball geguckt, aber am schönsten war es immer im Merz und in der Okercabana. Dort, am Strand, hatten sie Flachbildschirme aufgebaut und Hefeweizen zu umgerechneten 1990-Preisen ausgeschenkt. Wir saßen neben Argentiniern, die mit uns Mexico-Spiele guckten, und kuschelten uns zum Sonnenuntergang bieretrinkend in den Sand, während über uns eine verirrte Möwe kreiste und Brasilien und Frankreich eine spannende Partie austrugen.

So will ich es heute auch wieder haben, eben „Fußballgucken mit Niveau“. Also ab ins Riptide. Noch schnell vorher im Curry House eine gute Mahlzeit verdrücken, dann rüber ins Achteck. Die Bedingungen könnten besser kaum sein: blauer Himmel, vereinzelte Wolken, es ist warm, ein leichter Wind weht. Nichts ist mehr zu spüren von drückender Schwüle und anschließendem Kälteeinbruch. Doch im Achteck ist von der Leinwand gar nichts zu sehen. Ich gehe ins Café und begrüße André und Chris. André steht in der Küche, Chris sitzt im Büroteil. „Wo habt Ihr denn die Leinwand?“, frage ich. „Die rollen wir gegenüber aus“, antwortet André. Ein Blick aus der Tür zeigt mir eine weiße Querstange über dem großen Fenster der Rip-Lounge. „Ich suche mir mal einen Platz“, sage ich. Chris nickt: „Plätze sind rar heute.“ Kann ich verstehen, Fußball läuft ja gleich. Ich bewundere das Vertrauen in Technik, das Chris und André zeigen, denn schließlich steckt die Leinwand immer noch unausgerollt in der weißen Rolle. Lara kommt zum Dienst, ich bestelle mir ein Wolters bei ihr und setze mich draußen an einen frei gewordenen Tisch. Mit zwei Freunden bis ich verabredet, zum Quatschen und Fußballgucken. Ich warte.

Im Achteck ist es wie immer wunderschön. Das Gildenschild am Caféeingang trägt eine Blumenampel, links und rechts von der Tür sind zurzeit nicht brennende Ölfackeln aufgestellt. Zwischen dem Balkon und der zurzeit noch optionalen Leinwand sorgt ein grünes Sonnensegel für Schatten auf dem hoffentlich bald flackernden Fernsehbild. Auf dem Balkon macht es sich ein Mensch mit Laptop bequem. Ein Deutschlandfähnchen steckt in einem Blumenkasten, bunte Wimpel umkreisen die Reling des Balkons. Die Sonne beleuchtet den oberen Rand der maurischen Mauern. Der Clown, der einige Wochen lang den Elektroschaltkasten neben dem Riptide geziert hat, ist weg. Schade! Schwalben kreischen über den Dächern. Die Tische sind voll besetzt, überall sitzen Menschen, die essen, trinken, sich unterhalten und lachen. Eine angenehme Geräuschkulisse. Aber eigenartig entspannt: Sollte sich nicht langsam das Fußballfieber einstellen? Die beiden Frauen direkt unter der immer noch eingerollten Leinwand gehen. Klar, würde ich so kurz vor Anpfiff auch machen. Zwei andere Frauen setzen sich. Ich überlege, sie zu warnen, denke aber, dass André oder Lara das auch machen werden, wenn sie die Leinwand ausrollen. Chris nicht: Der hat bereits Feierabend und sich schon verabschiedet. Diese Gelassenheit ist aber wirklich rätselhaft. Ich suche den Beamer und kann ihn nicht finden. Was ist das für Technik, die sie hier haben? Eine Plasmaleinwand, ein einrollbarer Fernseher? Das kann doch nicht sein. Gleich ist es halb. Auch meine angekündigten Begleiter sind noch nicht da.

Aus einer der Nachbarkneipen im Handelsweg dringt Vuvuzelageräusch herüber. Kein Anlass für meine Kneipiers, die Leinwand auszurollen. Viel nerviger als die Vuvuzelas finde ich überdies das Gemecker über sie. Ist es denn so, dass die Spieler sich nicht mehr verständigen können? Dass sie den Schiedsrichter nicht mehr pfeifen hören? Dass sie Traineranweisungen nicht mehr wahrnehmen? Umso besser, dann sind die Chancen endlich mal gleich. Die bisherigen Ergebnisse geben mir recht: So gleich schlecht haben bei Weltmeisterschaften selten alle Mannschaften gespielt. Was für trübe Tassen! Überraschend ist es in der Vorrunde bislang lediglich die deutsche Mannschaft, die grandiosen Spielspaß zeigt und so spielt, wie man es von Brasilianern kennt. Im ersten Durchgang der Vorrunde haben nur zwei Mannschaften aus eigener Kraft mehr als ein Tor geschossen. So betrachtet, ist es nicht schlimm, das ich bislang nicht zum Fußballgucken gekommen bin. Na ja, gestern Abend habe ich mir die zweite Halbzeit von Brasilien und Nordkorea angeguckt. Ohne Originalton zunächst; ich dachte, wenn ich eh schon den Anfang verpasst habe, dann kann ich auch die neue CD der Chemical Brothers noch fußballbebildert zuende hören. „Further“ wird ja überall eher mäßig beurteilt. Zu wenig Hits, zu wenig geile Gäste, zu sehr auf Disco gemacht soll sie sein. Klingt für mich nach: Sie besinnen sich aufs Wesentliche, oder im VW-Sprech: aufs Kerngeschäft. Und so ist es auch. Man hört typische Chemical-Brothers-Sounds, nur eben nicht so brachial wie etwa auf den beiden sehr guten Alben davor. Die Brüder klingen gereifter, die Sirenen heulen nicht mehr so im Mittelpunkt. Dafür ertönt ein Pferdewiehern. Während ich also den chemischen Brüdern lauschte, sah ich die Einblendung, dass Béla Réthy das laufende Spiel kommentiert. Nein! Und ich höre die Chemical Brothers! Béla Réthy, der Gott unter den Fußballkommentatoren. Der Grund, Gurkenspiele zu gucken. Der Mann der redundanten Floskeln und des galoppierenden Unsinns. Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren sind wir im Freundeskreis regelmäßig lachend vor dem Fernsehgerät zusammengebrochen. „Für Italien steht es genauso 0:0 wie für Spanien“ ist zum Klassiker geworden. Oder der Moment in der Nachspielzeit, als Réthy mal minutenlang gar nichts sagte und man lediglich die Stadiongeräusche aus dem Fernseher hörte. Man versank allmählich in schöner Entspannung, als Réthy unvermittelt hektisch rief: „112. Minute!“ Ah! Danke, Herr Réthy, und gut beobachtet! Musste der uns deshalb wecken? Sehr schön auch Réthys Off-Kommentar, als beim Spiel Deutschland gegen Türkei das Bild kurz weg war: „Und da Sie einen Mann mit Vollbart sehen, können Sie auch erkennen, dass das Bild wieder da ist.“ Bei unseren Fußballguckrunden im Freundeskreis ist übrigens noch ein geflügeltes Wort entstanden. Maren, die selbsternannte Madame Réthy, fragte – bescheidwissend! – beim Gruppenspiel der Niederlande gegen Frankreich mit Blick auf die Tafel mit den roten und grünen Digital-Nummern, die ein Spielfeldrandmann immerzu in die Kamera hielt: „Wer ist eigentlich dieser Hublot, den die Franzosen ständig einwechseln?“

Das Brasiliennordkoreaspiel nun war langweilig und kann fehlerfrei als nicht geguckt verbucht werden. Die CD war schneller aus als das Spiel. Ich schaltete den Réthy dazu, aber der war leider nicht witzig. Anders offenbar beim bislang einzig guckbaren Spiel der WM, Deutschland gegen Australien, da berichtete Maren, Réthy habe angesichts einer nicht vollzogenen Rachemöglichkeit eines Spielers kommentiert: „Klug genug.“

Die Zeit schreitet voran, noch immer hat es niemand eilig, die Leinwand auszurollen und den Beamer aufzustellen. Das nenne ich mal Gelassenheit. Die Vuvuzuelas aus der Nachbarschaft werden immer lauter. Ich kann die Aufregung um die Tröten nicht verstehen. Ich bin mir sicher, dass alle Fußballgucker das Geräusch ab dem 12. Juli vermissen werden. Man kann vielmehr die Durchhaltekraft der Trötenden bewundern: Beim gestrigen Spiel ebbte der Geräuschteppich zu keiner Zeit ab. Das sind mal Lungen! Und der Geräuschteppich erinnerte mich an etwas. An die Horns Of Dilemma nämlich, das Begleitensemble der Violent Femmes. Auf deren Best-Of „Add It Up“ gibt es den Live-Track „Vancouver“, der klingt wie das Vuvuzelagedröhn aus dem Fernseher. Ich höre also ein anderthalbstündiges Horns-Of-Dilemma-Konzert, im Idealfalle mit Béla-Réthy-Kommentar. Wie schön!

Und à propos Live-Konzert: War das Festival Theaterformen nicht schön? Zwar hatten die Veranstalter es nicht drauf, dafür vernünftig Werbung zu machen, und trotzdem jede Menge Leute mobilisiert, aber das Programm war endlich mal wieder wie weiland zu seligen FBZ-Zeiten. Los ging’s schon mit einem Knaller: Tamikrest sollten spielen, kurz vor WM-Anpfiff. Doch vor das Konzert hatten die Veranstalter Hürden gestellt: Im Theaterplan stand es unter „Haus III“ aufgelistet, also im Magniviertel. Das überhaupt herauszufinden war schon eine Meisterleistung. Zwar lagen überall die Programmbüchlein aus, auch im Riptide, aber wer sich für Theater nicht grundsätzlich interessiert, nimmt das alternative Konzertprogramm dahinter gar nicht wahr. Davon habe ich im Musikexpress erfahren, als ich scherzeshalber die Tourdaten von Dirtmusic/Tamikrest las – und überrascht feststellte, dass da Braunschweig aufgelistet war. Bei Die Zukunft ebenso. Warum, so fragte ich mich, wusste ich davon nichts? Sofort wollte ich Tickets haben. Im Ticketcenter war das Konzert in keinem System aufgelistet. Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis wir auf die Idee kamen, mal im Theaterplan nachzusehen, in dem dann unter „Haus III“ bei jedem Konzert stand: „Eintritt frei“. Wie bitte? Erneut: Warum weiß davon niemand? So also pilgerten wir an jenem Mittwoch zu Haus III und wunderten uns, warum wir die einzigen waren. Wir führten dies auf die eben sehr schlechte Werbung zurück. Na ja, und auch auf die Abwesenheit einer Bühne. An Haus III gab es keinerlei Hinweis auf das Konzert. Dort hing auch der Theaterplan aus, ja, vergewisserten wir uns, es stand unter „Haus III“, und klein darunter stand „Gartenhaus Haeckel“, offenbar der Sponsor. Das Haus III war verschlossen, also machten wir uns auf den Weg zu den Häusern Klein und Groß. Klein war ebenfalls verschlossen. Dann entdeckten wir ein riesiges Zelt mit Wimpeln daran im Museumspark. Dort sprach uns eine Frau an, ob wir uns in Braunschweig auskannten. Die Nachtigall hörte ich ganz laut trapsen: Auch sie suchte Tamikrest und konnte uns versichern, dass die Band im Zelt vor unserer Nase nicht spielen würde. Am Mobiltelefon hatte sie Leute, die bereits dort waren, wo wir hinwollten, und die uns lotsten. Und noch weitere Menschen, die so orientierungslos waren wie wir. Irgendwo am Ende des Theaterparks nun entdeckten wir weitere Menschen, die Bühne und den Grund dafür, warum auf dem Spielplan „Gartenhaus Haeckel“ stand: Das war der Name des Veranstaltungsortes. Den kein Braunschweiger kannte. Aber wir waren in der Zeit: Die Band hatte noch nicht begonnen. Am Merchandisingstand saß eine junge Frau, der ich erzählte, dass ich mir Tamikrest nur deshalb ansehen wollte, weil die auf der Dirtmusic-Platte „BKO“ unter anderem mit Hugo Race musizierten, den ich sehr schätze und vor Jahren schon einmal im Brain bewundert hatte. „Der ist heute auch hier, wenn du willst, kannst du nachher mit ihm sprechen“, sagte sie wie beiläufig. Okay. Alles war gut. Tamikrest auch: Mitnichten war es eine Rockband aus der Wüste, die Rockmusik spielte, sondern eine traditionelle Band aus der Wüste, die lediglich Rockinstrumente benutzte. Es war sehr chillig und entspannend. Nach und nach kamen die Darsteller von benachbarten Theaterveranstaltungen herüber und begannen, exstatisch zu tanzen. Exstatisch und ansteckend, der Raum zwischen Klappstühlen und Bühne füllte sich mehr und mehr mit ausgelassen zuckenden Menschen. Ein weiterer in Tuaregkleidung gewandeter Musiker enterte die Bühne und stöpselte sein Instrument ein. Völliges Understatement: Niemand nannte den Namen Hugo Race, nur wenige im Publikum wussten, um wen es sich da handelte. Race gab dem Quintett weiteren Schub, die Musik wurde zusehends mitreißender, die Menschen ließen sich mehr und mehr mitreißen. Furios! Noch furioser: Nach dem Auftritt hatte ich auch ohne Merchandisingstanddamenvermittlung die Gelegenheit, mit Hugo Race zu sprechen. Zweimal in zehn Jahren habe ich ihn gesehen, sagte ich ihm. „Wo war denn das andere Mal, im Brain?“, fragte er. Das war ja ein Ding: Er erinnerte sich! Und erzählte viel, davon, dass am Vorabend in Paris das vorerst letzte gemeinsame Konzert von Tamikrest und Dirtmusic stattgefunden hatte und dass er auf dem Weg nach Berlin in Braunschweig Halt machte, weil er sich an die Stadt erinnerte. Und dass er die Band gewarnt hatte, das Publikum in Braunschweig bei ihrem ersten Gig als Headliner in Europa nicht misszuverstehen, dass nämlich verhaltener Applaus keine Aussage über die Qualität des Auftritts mache, und dass er sich enorm wunderte, wie ausgelassen ebenjenes Braunschweiger Publikum dann tatsächlich war. Und er erzählte davon, dass viele Wüstenbewohner mit E-Gitarren und akkubetriebenen Verstärkern eigene Musik machten, sie auf USB-Sticks oder Mobiltelefonen speicherten und über Tausende von Kilometern hinweg via Bluetooth irgendwo in der Wüste mit anderen ebenfalls musizierenden Nomaden austauschten. Ich fühlte mich wieder wie ein Teenie, der seinen Lieblingsstar trifft, und ließ alle sechs Musiker die gemeinsam aufgenommene Doppel-LP „BKO“ bekritzeln. So einfach kann Glück sein.

Nicht so viel Glück hatte ich damit, die anderen Konzerte der Reihe wahrzunehmen. Lediglich bei Kristof Schreuf war ich noch. Das war ein gigantisches Familientreffen: Freunde an der Zahl, Leute vom Silver Club, von Radio Okerwelle, von überall. Und Schreuf auf der Bühne, der zwischen neuen eigenen, in Bastard-Pop-Art gecoverten und alten Brüllen- und Kolossale-Jugend-Liedern lustige ernstgemeinte Sachen sagte wie: „Glaubt nicht an die Wahrheit dahinter!“ Wir nahmen ihn beim Wort. Gern gesehen hätte ich auch Die Zukunft mit Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Olifr Guz, oder Hans Unstern, von dem im Nachhinein erfuhr, dass ihn Nackt produzierte, Bandmitglied von Warren Suicide, einer der wenigen Nullerjahrebands, die mich nachhaltig und dauerhaft überzeugen. Und To Rococo Rot, die hab ich auch verpasst, aber an dem Tag war ohnehin viel los in der Stadt. Bei Graff war Verleihung des Daniil-Pashkoff-Preises, im Riptide spielte Maximilian Hecker. Das war einer der vielen späten Abende, an denen ich meine Zeit im Riptide verbrachte und mich freute, dass der Laden so brummte. Wenn sogar Literaten und Angestellte ihre Freizeit an ihrem gelegentlichen Arbeitsplatz verbrachten!

Ich blicke auf die Uhr. Das Wolters geht zur Neige, meine Begleiter sind noch nicht da, der Anpfiff ist längst erfolgt, die Leinwand jedoch noch immer nicht ausgerollt. Und es scheint auch niemanden zu beunruhigen. Ja, bin ich denn der einzige…? Ich gehe ins Café. „Äh. Nur mal so zu meiner Information: Zeigt Ihr das Spiel heute gar nicht?“, frage ich. „Ich dachte, Ihr zeigt jedes Spiel.“ – „Erst ab K.O.-Runde“, sagt André. „Vorher nur die Deutschland-Spiele.“ Er berichtet begeistert davon, wie voll es im Riptide beim Spiel gegen Australien war. Ich bin neidisch und nervös. Hey, ich habe mal einen Abend frei, da möchte ich endlich ein Fußballspiel sehen. Ganz. Das ist jetzt schon nicht mehr möglich. So gesehen erstaunt es dann doch, dass das Achteck so rappelvoll ist mit Leuten, die während der WM keinen Gedanken an sie verschwenden. Also zahle ich, verabschiede mich von Lara und André und beordere meine immer noch nicht anwesenden Begleiter per Kurznachricht zur Piazza Lino. Am Kohlmarkt hat Lino nämlich vor seinem Restaurant einen Flachbildschirm aufgestellt. Die Vuvuzela leitet mich dorthin. Das Spiel hingegen interessiert dort fast niemanden. Meine Begleiter treffen jetzt ein, wir ordern Wolters-Biere. Auf dem Schirm gurken auch Uruguay und Gastgeber Südafrika nur vor sich hin. Wir scherzen flach über Urumilitärs, Uruglider und Urupluies. Was ist denn bloß los bei dieser WM? Zwar gewinnt mit Uruguay mal eine Mannschaft 3:0, aber wie denn bitte! Das 2:0 war schon dubios. Torwart-Rot und Elfmeter, dem sich ein Feldspieler im Kasten ausgesetzt sieht. Der richtige Torwart versäumt das nächste Spiel, heißt es. Schön ist die dazugehörige Einblendung: „Misses Next Match“. Das ist eine Band! Deren Album hat das Label vom Riptide herausgebracht, die Plakate hängen dort im Achteck. Das ist dann ja doch noch fast wie Fußballgucken in Riptide.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#31 Sein bester Film

17. Mai 2010


Montag, 17. Mai

Der Himmel droht mit Regen, macht seine Drohung zum Glück aber nicht wahr. Bei Regen im Mai muss ich immer und automatisch an Max Werner denken, an „Rain In May“. Sofort habe ich das typische Schlagzeug-Intro im Kopf und die geleierten Zeilen „Feeling down when the autumn has come/Stormy days and the leaves keep on falling“… Recht hat der Mann. Den Song mag ich ohnehin.  Serge hatte vor einiger Zeit mal die 12“-Single in seinem Antiquariat neben dem Riptide. Die hab ich aber stehen lassen – ich hab schon die 7“.

Gegen Mittag ist es heute noch ziemlich leer im Riptide. Jasmin und Caren sind zurzeit noch fast allein und harren der Gäste, die da kommen. Sie stehen hinter der Theke, ich stelle mich davor und bestelle einen Kaffee. „Eigentlich bin ich hergekommen, um etwas zu tun“, sagt Jasmin. Sie blickt sich etwas hilflos im Café um, aber alles, was es zu tun gab, haben die beiden bereits erledigt. Ich frage sie, ob die neuen Öffnungszeiten sich bereits etabliert haben. Seit Anfang Mai hat das Riptide nämlich auch montags bis mittwochs bis um 23 Uhr geöffnet. Mindestens jedenfalls; letzte Woche Mittwoch, am Tag vor Himmelfahrt, war ich erst um 23 Uhr hier. Vorher war ich mit Begleiter im Universum und hab mir endlich den Anvil-Film angesehen. Der Film ist gut, der bildet mit „This Is Spinal Tap“ und „Full Metal Village“ die heilige Dreifaltigkeit des Heavy-Metal-Films. Nur die Musik ist so mittelmäßig, wie es der ausbleibende Erfolg der Band ahnen lässt. Macht aber nix: Den Hit „Metal On Metal“ hatte ich tagelang im Ohr. So sehr, dass ich mir eben bei Raute Records das Album gekauft habe. Mehr brauche ich von Anvil dann aber nicht mehr. Oder?

Raute hatte am Wochenende seinen zweiten Geburtstag gefeiert, wie mir Uwe und seine „Chefin“ vorhin erzählten. Sie hatten am Himmelfahrt-Donnerstag umgeräumt und am Freitag und Samstag eine kleine Feier mit Sonderangeboten veranstaltet. Als ich heute früh bei Raute auftauchte, war alles noch nicht wieder hergerichtet. Zu meinem Glück: Ich habe einige tolle 12“es und LPs gefunden, darunter die 11:45-Minuten-Version von „Tonight Tonight Tonight“ von Genesis, einem von zwei guten Songs von der Band aus der Zeit, und „The Boat“ von Bolland & Bolland, das ich 1985 auf NDR2 bei „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen alias Die-Dschäi-Dschi-Äi gehört, super gefunden und in Ermangelung ausreichender Englischkenntnisse ohne Titel und Interpret auf Kassette gebannt hatte. Erst im letzten Jahr hatte ich herausbekommen, was ich da eigentlich 24 Jahre lang suchte und nun eben endlich fand. Aber Tolle-Sachen-Finden erstaunt mich ja bei Raute ebenso wenig wie im Riptide. Als ich im Gehen sagte, dass ich ins Riptide wollte, gaben mir Uwe und seine „Chefin“ Grüße für Chris und André mit.

Nach dem Anvil-Film jedenfalls sind mein Begleiter und ich ins Riptide gegangen. An sich hatte ich noch die Schweinebärmann Bar auf dem Schirm, wo Claudy Soundschwester ihre „Wild & tanzbar“-Party veranstaltete, doch mein Begleiter musste anderntags früh raus und wollte nicht so lange bleiben. Also gingen wir um 23 Uhr ins Riptide und setzten uns ins Achteck. Dienst hatte an dem Abend Lukas. Er grinste, als wir ihn fragten, ob er nicht eigentlich den Laden dicht machen wollte, verneinte und reichte uns unsere gewünschten Getränke.

Lukas hatte ich erst eine Woche davor kennen gelernt. Er war derjenige, der bei der zweiten Show „Frank Schäfer proudly presents“ an der Kasse stand. Gaststars und Stargäste waren damals Michael Quasthoff und Dietrich zur Nedden von der Fitzoblongshow aus Hannover. Die hatte ich bereits bei „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst gesehen. Jedenfalls fragte ich Lukas, ob er neu sei, und er antwortete: „Ich bin im zweiten Monat“, stutzte kurz und schob dann hinterher: „Das klingt, als ob ich schwanger wär.“ Er klang an dem Abend leicht nordisch, doch er sagte, er komme aus Braunschweig. „Vom Strammgast zum Mitarbeiter“, meinte er. Das Nordische käme vom Kommilitonen, die so redeten und von denen er sich das etwas abgeguckt habe.

Für Frank-Schäfer-Fans gab es an dem Abend eine gute und eine schlechte Nachricht: „Eine Fortsetzung gibt es, aber jetzt ist erst mal Sommerpause, erst im September geht’s weiter“, verriet der Literat. „Es ist geplant, dass wir in diesem Jahr vier Ausgaben machen.“ Hoffentlich kommen dann mehr Leute als an jenem Donnerstag. Es regnete wie aus Kübeln, das hielt wohl viele potentielle Zuschauer davon ab, aus dem Haus und ins Riptide zu gehen. Vorher war ich beim Treffen unserer Bürgerinitiative im östlichen Ringgebiet, aber da außer mir noch ein weiteres Mitglied der Initiative unbedingt ins Riptide wollte, hatten wir das Programm etwas stringenter abgehandelt. Auch Frank sprach in Riptide übrigens von Anvil: Am Samstag nach seiner Show sollte er als eines von drei „Read ’em all“-Mitgliedern gemeinsam mit den anderen beiden, also Axel Klingenberg und Till Burgwächter, im Universum lesen, in Kombination mit dem Anvil-Film. Was für eine unfassbar großartige Veranstaltungsidee! Film und Lesung zum Thema Heavy Metal – im Kino! Und ich konnte nicht. Dafür sah ich mir den Film eben einige Tage darauf an.

Lukas also ließ meinen Kinobegleiter und mich entspannt unsere Getränke zu uns nehmen. Doch wie das in Braunschweig und im Riptide eben immer so ist: Ich wollte nur kurz durch die Lounge gehen, kam aber nicht weit. An einem Tisch saß eine große Runde Menschen, von denen mein Kinobegleiter und ich einige kannten. Also setzten wir uns dazu. Die Gruppe, die teilweise aus Mitgliedern der Theatergruppe Fanferlüsch bestand, hatte noch helles Leuchten in den Augen von der Veranstaltung, die sie davor wahrgenommen hatte: In der Nicht-Schlossattrappen-Filiale von Thalia hatten sie eine Lesung mit David Nathan und Oliver Rohrbeck gesehen und gehört. Nathan synchronisiert Johnny Depp, Rohrbeck spricht Justus Jonas von den Drei Fragezeichen. Das Besondere an der Lesung sei aber gewesen, dass nicht die beiden Sprecher mit Texten zu Thalia gekommen waren, sondern die Zuschauer. Die hatten Bücher, Heftchen oder Selbstverfasstes mitgebracht und sich vorlesen lassen. Mit geschlossenen Augen hatte sich das glückliche Publikum der Illusion hingeben können, es seien Justus Jonas und Johnny Depp, die ihnen die Texte vorlasen. Lukas nun schloss um 1 Uhr hinter uns ab, nachdem er uns eine weitere Runde an den Tisch gebracht und sich selber mit einer Flasche Astra Rotlicht an unseren Tisch gesetzt hatte. Eigentlich wollte ich längst schon zu Hause im Bett, wenn schon nicht in der Schweinebärmann Bar sein…

Jasmin und Caren finden Lukas’ Haltung gut; Jasmin würde auch nicht einfach das Lokal schließen, wenn sich noch genug Gäste amüsierten. Die beiden unterhalten sich über Cola-Sorten, Kaffeegenuss und Schallplattenkäufe. „Als Schülerin kann ich mir nicht viele CDs leisten“, sagt Caren. Seit kurzem macht die gebürtige Berlinerin im Riptide ein Praktikum. Die Tür öffnet sich, Jasmin und Caren blicken auf: Nicht Kunden, sondern Promoter kommen ins Café. „Sind die Geschäftsführer da?“, fragt die freundliche Promoterin. Der Mann neben ihr sagt nichts. Caren und Jasmin verneinen, André käme aber bald. Die Promoterin lässt einige Flyer für ihr Getränk Kenko Kombucha da und kündigt an, später mit Probiergetränken zurückzukommen. Caren und Jasmin blättern in den Flyern und stellen fest, dass eines der abgebildeten Models die Promoterin selbst ist. Jasmin kennt Kombucha, aber nicht Kenko, das sich laut Flyer bindestrichlos als „Das Tee Pilz Erfrischungs Getränk“ bezeichnet. „Das kommt aus Braunschweig“, entdeckt sie außerdem. Zumindest die „Kommunikation“, die Produktion kommt aus Bennigsen. Wir lokalisieren den Ort anhand Postleitzahl und Vorwahl in der Nähe von Hannover und liegen damit ganz gut: Der Ort gehört zur Stadt Springe in der Region Hannover. Caren und Jasmin sind gespannt auf die versprochenen Probegetränke.

Mit „die selbsterfüllende Prophezeiung“ begrüße ich Micha, der mit einer geschulterten Ikea-Tüte voller Festival-Theaterformen-Programmbüchlein durch die weit geöffnete Café-Tür schreitet, eine Hausmarke bestellt und damit einen Dialog von Caren und Jasmin neu entfacht. Ich schließe mich mit der Getränkebestellung an. „So hat mich noch keiner genannt“, sagt Micha zu mir. „Höchstens Zeitmaschine.“ Er grinst, Caren und Jasmin gucken fragend. „Weil du immer rückwärts gehst?“, rate ich. „Nein, weil mit mir die Zeit immer schnell vergeht.“ Jasmin findet: „Das ist aber ein Lob.“ Micha ist skeptisch. „Wenn’s mit dir langweilig wär, würd die Zeit schleichen“, sage ich. Das überzeugt ihn nur kurz. Es steckt etwas anderes dahinter, wie er erklärt: An einen seiner vielen Verteilpunkte bringe er immer montags Flyer vorbei. „Daran erkennen die, wie schnell die Zeit vergeht: ‚Schon wieder Montag?’“, sagt Micha. Einleuchtend, Jasmin und Caren gefällt der Vergleich. Micha gehe es damit genauso: Auch er erkenne, wie die Zeit vergeht.

Mit Tüten voller Brot und anderen Lebensmitteln schwer bepackt kommt André durch die Tür und wird von uns vieren freudestrahlend begrüßt. Zurückgrüßen kann er nicht, er hat keine Hand frei und Waren bis unters Kinn gestapelt. Die bringt er erst in die Küche und begrüßt uns dann reihum. „Warst du einkaufen?“, fragt Micha. „Ist Montag“, gibt André zurück. Viel Muße zum entspannten Plaudern hat er nicht: André sortiert nebenbei wie automatisch Platten ein. Micha spricht ihn auf Maximilian Hecker an, der am 4. Juli im Riptide auftritt. André erzählt, dass der Booker für Hecker erst ein Piano wünschte, dann auf Klavier herunterhandeln wollte und dann doch mit dem angebotenen E-Piano zufrieden war.

Trotz des dräuenden Himmels sitzen mehr und mehr Gäste draußen, einige inzwischen auch drinnen, noch niemand indes in der Rip-Lounge. Caren und Jasmin sind jetzt beschäftigt. André geht an der neuen Schiefertafel neben der Theke vorbei, auf der „NEU BAILEY’S“ steht, und nimmt den Platz hinter der Theke ein. Micha bestellt einen Kaffee, obwohl er eigentlich keine Zeit hat. „Ein Glas Wasser dazu?“, fragt André, während vor ihm der Kaffeeautomat dampft und zischt. Micha schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie man zu Kaffee Wasser trinken kann“, sagt er. Aus der Küche steckt Jasmin ihren Kopf heraus: „Das macht man, damit man vorher den Mund ausspülen kann, um später den Kuchen besser zu schmecken.“ Micha hätte das nicht gewusst. „In Italien trinken sie Wasser zu Espresso, das verstehe ich ja noch.“

André nimmt von einem Paketdienstmitarbeiter ein Paket entgegen, stellt es auf die Theke und packt es aus. Es enthält „Fuze“-Hefte. „WM live im Riptide…“ liest Micha unterdessen auf einem Ankündigungsblatt auf der Theke. „Ballack ist nicht dabei“, fällt André dabei ein. „Dann kann ich endlich wieder zu Deutschland halten“, sagt Micha. „Jetzt freue ich mich auf die WM – ich kann den Ballack nicht leiden.“ André grinst: „Das merkt man.“ Micha beginnt zu philosophieren: „Dem Löw fehlt jetzt die klassische Nummer Sechs, der hat da nur den Schweinsteiger vielleicht noch – aus der Sicht ist es schlecht, dass Ballack nicht mitfährt.“

Zwischendurch frage ich André nach den neuen Alben von Mike Patton und Dirtmusic. „Beides ist noch nicht mitgekommen“, sagt André nach einem Blick auf den Computerbildschirm. Irgendetwas wollte ich doch noch gefragt haben. „Ist die neue LCD Soundsystem da?“, fragt Andreas, der eben ins Café gekommen ist. „Das war’s, genau“, sage ich. „Ja, ja!“, sagt Andreas, der grinsend befürchtet, dass ich sie ihm wegschnappen will. „Soll die letzte Platte von denen sein“, fügt er hinzu und zieht sich mit einem Finger ein Augenlid herunter, „ja, ja!“ So könne man Aufsehen erregen. „Wie bei The Cure“, sage ich. „Die sagen auch nach jeder Platte, dass es die letzte ist.“ Filmfan Micha fällt auch eine Parallele ein: „Bei Jean-Claude-van-Damme-Filmen stand auf Plakaten immer drauf: ‚Sein bester Film’, und ich bin immer drauf reingefallen, fünf Filme in zehn Jahren.“ Andreas nickt grinsend: „Da haste aber lange gebraucht, um das zu bemerken.“ – „Ist verschoben“, sagt André mausklickend. „Ich wollte nur wissen, ob es eine Doppel-LP wird“, sagt Andreas, und: „Ich hör die schon immer im Internet.“ André bestätigt: „Ja, ist eine Doppel-LP.“ An Micha gewandt, nimmt Andreas dessen Einwand wieder auf: „Jean-Claude van Damme kenne ich aus einem Musikvideo, da hat er Tango getanzt.“ Das kann Micha nicht fassen: „Tango?“ Andreas nickt: „Er hat mit Ballet begonnen.“ Während Andreas zu den Singles herübergeht, sagt Micha: „‚Bloodsport’ ist sein bester Film.“ Andreas dreht sich vor den Singles um und ruft Zustimmendes. „Ich mochte immer, wenn er einen Spagat gemacht hat zwischen Stühlen oder an Ringen“, sagt Micha. Andreas weiß, warum der Belgier das konnte: „Das war die langjährige Ballettausbildung!“

Das wechselhafte und unberechenbare Wetter beunruhigt Jasmin und Caren. Bevor sie zur Tür stürmen und sie prophylaktisch schließen können, stürmen Micha und ich hinaus. Micha hat noch Programmheftchen zu verteilen, zu Fuß dieses Mal, weil er mit seinen Rückenschmerzen nicht Radfahren kann. Wir beschließen, uns bald mal wieder zu treffen. Zufällig. Im Riptide vielleicht.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#29 Schäfers Stündchen

20. März 2010


Mittwoch, 3. März

Zwischen zwei Terminen, bepackt mit einer Tüte voller LPs, schneit Arni am Abend förmlich ins Café Riptide. Er kommt direkt von Raute Records und verspricht André augenzwinkernd, sein nächstes Geld im Riptide auszugeben. Für heute investiert er es zunächst in einen Milchkaffee, den er gegenüber in der Rip-Lounge zu sich nehmen will. Die kennt er nämlich noch nicht. „Ich geh rüber in die Lunge“, sagt Arni zu André, der dies registriert. Viel Zeit hat Arni jedoch nicht: Er will noch in die Volkswagenhalle, zu Jean Michel Jarre. Bei Raute hat er einige Zeit lang gestöbert und sich von Uwe kompetente und gute Musik-Tipps geben lassen. Zum Beispiel Uwes „Platte der Woche“, „King Of The Black Sunrise“ von Thunder And Roses. Außerdem erzählt Arni von einem Aufkleber, den Uwe auf die LP „Viva“ von La Düsseldorf geklebt hatte, auf dem stand etwas wie „Du hast Scheißfreunde, wenn dir 13 nur eine LP schenken und alle darauf unterschreiben“ – die LP-Hülle war völlig bekritzelt. Nach einer Zigarette und dem Milchkaffee kehrt Arni in die Haupt-Filiale des Cafés zurück. Dort hat er ohnehin seine LPs auf der Theke vergessen. Doch so schnell, wie er es eigentlich vor hat, kann Arni nicht in die VW-Halle gehen: Er kommt bei den Platten mit Micha ins Gespräch.

Der blättert eigentlich in den LPs herum, in den gebrauchten ebenso wie in den neuen. Zum Thema Hörgenuss gibt Micha Arni einen eigenwilligen Tipp: „Nimm ein Buch, klappe es auf, lege eine Alufolie hinein, mit der stumpfen Seite nach unten und der glänzenden nach oben, lege darauf die CD, klappe das Buch zu, streiche ein paarmal darüber, klappe es auf, nimm die CD und lege sie sofort – nicht erst durch die ganze Wohnung rennen – in den Player.“ Den Unterschied werde Arni hören, beteuert Micha. Er erklärt die Sache mit den digitalen Informationen auf der CD, die sich statisch aufladen und verschieben. „Das Alu entmagnetisiert die CD“, sagt Micha. Er gibt ein Beispiel für audiophile Tonträger: Bei Ofra Haza etwa rücke diese Methode die Stimme von der Ecke zurück ins Zentrum.

Während die beiden sich unterhalten, steht Joel hinter der Theke und André an der Tür. André ist vollgeladen mit einem Getränketablett, das er in die Rip-Lounge bringen will. Vorsichtig, so als ob er niemanden stören dürfe, öffnet André die Tür, zwängt sich zögerlich durch den Spalt und will gerade umgreifen, als ihm wie in Zeitlupe auf dem Tablett die Gefäße umkippen. Einige Flaschen fallen zu Boden. Nichts geht zu Bruch, aber die Getränke laufen aus und ergießen sich auf den Holzfußboden des Cafés. Das Ganze passiert so langsam, das es fast lautlos und eigenartig unecht abläuft. André dreht sich in der Tür und macht einen Schritt über die frische Pfütze hinweg, Joel verlässt seinen Platz hinter der Theke und kommt mit einem Handtuch in der Hand auf ihn zu. Vorwurfsvoll grinsend fragt ihn André: „Wieso ist dir das eigentlich nicht passiert?“ Joel pariert: „Ich wollte mir erst von einem Profi zeigen lassen, wie das geht.“

Jetzt reißt sich Arni doch los und verabschiedet sich von allen. „Wo gehst du denn hin?“, fragt ihn Micha, dem Arni das tatsächlich noch gar nicht erzählt hat. „Zu Jean Michel Jarre“, antwortet Arni also. Er erntet ein Raunen, das zwischen Verwunderung und Respekt changiert. Vom Milchkaffee gestärkt und mit den Platten in der Hand macht sich Arni auf den Weg. André fragt noch: „Bist du morgen hier, bei Frank Schäfer und Frank Schulz?“ Doch schafft Arni das nicht, obwohl er seinen alten Bandkollegen –
Operation Daisyland – Frank Schäfer gerne einmal wiedersehen würde.

Donnerstag, 4. März

Heute Abend ist es Gesa, die die Frage „Stehst du auf der Gästeliste?“ an die eintreffenden Gäste richtet. Seit etwa einem Monat unterstützt Gesa das Riptide donnerstags und freitags. An sich ist sie im Thekenbereich tätig, doch heute nimmt sie Eintritt für die Lesung von Frank Schäfer und Frank Schulz. Chris ist wieder da. Er war im Urlaub, zum ersten Mal seit fünf Jahren. So stand es auf der Internetseite des Nexus, wo er erstmalig seine monatliche „Pleasure Park Party“ nicht geben konnte. „Ich war am Roten Meer, in Ägypten“, schwärmt Chris hinter dem Tresen. „Ich habe am neuntgrößten Korallenriff der Erde getaucht – deshalb war ich da.“ Mehr kann Chris nicht erzählen, denn er ist im vollen Café mit Bedienen gut beschäftigt.

Diese Lesung als gut besucht zu beschreiben, ist eine wahre Untertreibung. Die Gäste rangeln bei dem Versuch, anderen nicht die Sicht zu nehmen, selbst um die unbequemsten Plätze an der Tür. Viele Gesichter sind zu sehen, die auch die alte Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch & Kunst schon immer besucht haben. Unter den Gästen ist auch Andreas, der jetzt Gesas Platz am Kartenschalter einnimmt. „Frank Schäfer war Schüler an unserer Schule, bevor ich dort war“, erzählt er. Seit 1990 unterrichtet Andreas an einem Gifhorner Gymnasium. Mit ihm sind noch weitere Kollegen ins Riptide gekommen, um ihrem alten Schüler zuzuhören.

Der sitzt neben dem weißbärtigen Frank Schulz an einem Tisch auf der Bühne in der Schallplattenecke und lässt soeben eine Bombe platzen: Er kündigt an, im Riptide eine vierteljährliche Lesereihe zu etablieren. Titel: „Frank Schäfer proudly presents“. „Ich werde mich im Abglanz berühmter Autoren sonnen“, sagt er. „Ich werde Bücher vorstellen, dreckige Filmchen zeigen und auch die Gitarre rausholen – all das mache ich aber heute nicht.“ Stattdessen spricht er ein Loblied auf Frank Schulz und dessen „Hagener Trilogie“: „Wer sie gelesen hat, hat darin die besten Stellen angestrichen und auswendig gelernt“, sagt er. Einzig von Frank Schulz’ Musikgeschmack behauptet er lachend, der sei Scheiße. Aus alten „Lemmy“-Zeiten reaktiviert Frank Schäfer die unentschlossene Bezeichnung „Stargast-Gaststar“ und begrüßt damit Frank Schulz.

Der hat die „Hagener Trilogie“ zwar dabei, doch steht die nicht im Mittelpunkt. Stattdessen präsentiert er seinen neuen Erzählungsband „Mehr Liebe“ und einige Texte daraus. Denn, so Frank Schulz, „es soll heute ausschließlich Musikgeschichten geben“ – Vorgabe vom Gastgeber. Und Frank Schulz weist darauf hin, dass sich der Tonfall des neuen Bandes von dem der Trilogie distanzieren soll, die in Medien als „saukomisch“ bezeichnet würde: „Saukomisch ist er deshalb nicht.“ Um Frank Schäfers Vorgabe zu erfüllen, liest Frank Schulz auch nur die Texte mit Bezug zu musikalischen Themen. Der erste dreht sich um „I Believe In Love“ von Hot Chocolate. Frank Schäfer wirft ein: „Ich sag doch, er hat einen Scheißgeschmack!“ Als Frank Schulz in seinem Text an die Stelle mit dem Lied kommt, singt er den Refrain – und fährt die Ernte in Form eines tosenden Applauses ein. „Dein Publikum“, sagt Frank Schäfer sichtlich stolz. Frank Schulz lächelt verlegen: „Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ich mal mit Singen reüssiere.“ Frank Schäfer lügt: „Die wollen nur höflich sein.“ Vor der Pause steht noch eine weitere musikalische Kuriosität im Frank Schulz’ nächster Geschichte: „Loop di Love“ von Juan Bastos. Das kennt nicht jeder im Riptide.

Andreas kennt es. Als die Pause den Rauchern das Bedürfnis ermöglicht, sich in die Rip-Lounge oder ins Achteck zu stellen, erinnert sich Andreas an seine Zeit als Schüler am MK. „Da sind wir hier auch immer durch die Passage gegangen“, erzählt er. „Da hatten sie im Hinterhof eine Kneipe aufgemacht…“ Der Name fällt ihm nicht mehr ein, Andreas winkt vage in die Richtung der ehemaligen Kneipe, aber er erinnert sich noch an Blumenmotive an der Wand. Mit seinen begeisterten Kollegen vertieft er jetzt die jüngsten Eindrücke.

„Die zwei ersten Texte habe ich mitgeschnitten“, sagt Sylvia, die sich zur Pause nach draußen schlängelt. Sie grinst: „Ich kann einfach nicht anders.“ Sie hat wieder ihre Utensilien dabei, mit denen sie Material für Radio Okerwelle erstellt. „Mal sehen, wie ich es senden kann“, überlegt sie und erreicht die Tür.

Nach der Pause bewahrheitet sich, dass nicht alle Texte von Frank Schulz „saukomisch“ sind. Er liest einen, bei dem den Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt. Frank Schäfer gleicht das mit seinen Texten aus „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Generation Rock“ deutlich aus, die Gäste lachen laut und viel. Erst spät in der Nacht endet die Leseshow. Wer nicht schnell nach Hause geht, weil er morgen wieder arbeiten wird, steht in Grüppchen herum. „Ich bin zum fünften Mal in Braunschweig“, sagt Frank Schulz. Einen Bezug zu der Stadt habe er zwar dennoch nicht herstellen können, aber: „Meine Verbindung ist Frank Schäfer.“ An den wendet er sich und fragt: „Mein erstes Mal in Braunschweig – Frank, wann war das?“ Frank Schäfer weiß es: „Das war zum ‚Lemmy’.“ Bei Frank Schäfer steht gerade Gerald Fricke, der wie er zur „Lemmy“-Besetzung gehörte. Frank Schulz grübelt weiter: „Dann war ich in einer Buchhandlung…“ Auch hier hilft Frank Schäfer weiter: „Neumeyer, im Bohlweg.“ – „Dann die große…“ – „Graff.“ – „Ja, und dann hier!“ Frank Schäfer wirft ein: „Im Spiegelzelt nochmal.“ Frank Schulz nickt. „Genau, das fünfte Mal also.“ Und das erste Mal im Riptide: „Das gefällt mir gut, gutes Publikum.“ Das wiederum verlässt das Riptide jetzt nach einem unterhaltsamen, witzigen, sprachlich anspruchsvollen Literaturabend. Die Fortsetzung hat Frank Schäfer für den 6. Mai angekündigt. Gast und Star wird die Fitzoblongshow aus Hannover sein – auch die war schon bei „Lemmy“ zu Gast. Mit dieser Empfehlung streunen die Gäste in die Braunschweiger Nacht.

Freitag, 19. März

Selbst am Abend ist es noch erstaunlich warm, der tolle Winter scheint endgültig vorbei zu sein. Gelegentlich nieselt es zwar, aber selbst der schmale Regen lässt niemanden frösteln. Das Café Riptide ist voll, auf beiden Seiten des Achtecks. André und Gesa kümmern sich in Windeseile um ihre vielen Gäste. Tobias kommt mit einer Freundin und zwei Freunden ins Riptide und sieht sich um. „Vier Personen, ja?“, fragt André hinter der Theke. „Ja, genau“, sagt Tobias. „Ich habe gesehen, in der Ecke ist ein Tisch frei, fehlen nur die Stühle.“ André nickt: „Ich kann euch welche holen – oder ihr setzt euch nach gegenüber, wir haben jetzt erweitert.“ Tobias hakt nach: „Drüben ist Raucherbereich, oder?“ André bestätigt begeistert: „Ja, drüben darf jetzt geraucht werden.“ Doch Tobias’ Miene verzieht sich, er schnippt in einer Pech-gehabt-Geste mit dem Finger: „Mist.“ André grinst: „Dann hol ich euch vier Stühle.“ Tobias ist einverstanden: „Wenn wir dir helfen können…“ André nickt: „Das könntet ihr sogar, ihr könnten von draußen Stühle reinholen.“ Tobias und seine Freunde sind einverstanden, wenden sich nach draußen und schließen die Tür. Nach einer sehr kurzen Weile kommen sie zurück. „Habt ihr Stühle mit?“, fragt André und kann keine entdecken. Tobias verneint und nennt die pragmatische Lösung: „Wir setzen uns raus.“ Doch vorher bestellen die vier ihre Getränke bei André.

Aus dem Cafébereich stürmt Gesa an die Theke, schnappt sich einen Block und einen Stift und beginnt zu schreiben. Dann hält sie inne, grübelt kurz und schreibt wieder. Hält inne, grübelt, schreibt. Hält inne, grübelt, sagt „Ah, ja!“, streckt kurz den Zeigefinger in die Luft und schreibt. Erklärend fügt sie an: „Ich hatte den Block vergessen und versucht, mir die Bestellung zu merken.“ Das ist ihr gelungen, sie holt die bestellten Flaschen aus dem Kühlschrank und stellt sie aufs Tablett.

In der Küche bereitet André Baguettes, Bagels und Crêpes zu. „Eine regelmäßige Lesung mit Frank Schäfer ist angedacht“, sagt er. „Einen Termin gibt es noch, den 6. Mai – mal sehen, wie es angenommen wird.“ So voll, wie die erste Show war, und so glücklich, wie die Gäste darüber sprachen, steht da aber nichts Schlimmes zu befürchten. Über den abebbenden Winter freut sich André. „Vor zwei Tagen ging’s los, da hatte man selbst schon den Frühling in der Nase“, schwärmt er, während er Mozzarella auf ein Baguette legt. Da ging es nicht nur ihm so, dass er den Frühling begrüßen wollte: „Ich musste Tische und Stühle rausräumen.“ Grund und Anlass, schon jetzt über den Sommer nachzudenken: „Wir haben Bierbänke gekauft, rollen unterm Balkon eine Leinwand herunter und gucken WM.“ André legt die fertig zubereiteten Leckereien auf Teller und bringt sie zu den Gästen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#27 Verdoppelter Brandungsrückstrom

20. Januar 2010


Samstag, 16. Januar

Nina schreibt:
Wir waren zu viert und kamen aus dem Kino, so ca. 23.30 Uhr. Natürlich haben wir von der Party im Café Riptide gehört und sind in die Richtung geschlendert. Im Kopf war aber der Gedanke, dass um diese Uhrzeit doch niemand mehr da ist und die Party ohne uns gelaufen ist. Um so überraschter waren wir dann, als wir schon zu Beginn des Handelweges Musik und Lachen aus dem Café gehört haben… Mit Vorfreude sind wir dann eingetreten und begegneten gleich vielen gut gelaunten Menschlein mit Sekt und Co. Alle in guter und lockerer Stimmung. Einen Sitzplatz haben wir nicht gleich finden können, aber konnten uns dann doch auf zwei kleinen Sitzwürfeln niederlassen und quatscheln.

Mein Eindruck war sehr positiv. Eine entspannte Atmosphäre und dann doch so „kicksig“ und frisch. Ich finde es schön, dass es dort an jeder Wand und Ecke etwas zu entdecken gibt: bunter Bilder, Spielzeug, spannende Leute… Ein bissel wie bei Oma in der Stube.

Leider wurde kurz nach unserem Eintreffen doch der Laden geschlossen. Eine sehr nette und hübsche Dame fragte uns nach unserer Meinung und bat uns, bald wiederzukommen. Nach einer sehr herzlichen Knuddelage ihrerseits sind wir dann weitergezogen.

Janna schreibt:
Die Riptide-Lounge ist so gemütlich, dass ich am liebsten hierbleiben würde – wenn ich nicht Nichtraucherin wäre. Die Wände in Rot und Pink und etwas Gold, zum Teil mit passender Riptide-Tapete versehen, knüpfen an den maurischen Charakter des Gebäudes an, inklusive Sitznische und Kerzen. Es ist voll, doch ich finde dennnoch, was ich suche: Das WC ist nicht mehr auf interessant verschlungenen Wegen, sondern ebenerdig zu erreichen und auch für Leute geeignet, die größer sind als 1,48 m.

Lina schreibt:
Es war gut besucht: Immer wieder kamen Gäste mit beschlagenen Brillen, die nach einem Platz suchten, und die Kellner kamen kaum mehr hinterher, den zahlreichen, lautstark und fröhlich geäußerten Bestellungen Folge zu leisten. Die Raucher freuten sich, dass sie in den neuen Räumlichkeiten rauchen durften, die Nichtraucher, weil der Nichtraucherbereich davon höchstens optisch etwas mitbekam und sie, wie sonst auch, bei den Platten saßen, und man freute sich kollektiv darauf, dass die Lücke dazwischen bald durch Sonnenschirme und Sitzgelegenheiten im Innenhof geschlossen werden würde.

Mittwoch, 20. Januar

Der ganze Schnee, der seit Weihnachten alles bedeckte, ist inzwischen weg. Die wenigen Reste sind so grau wie der Himmel. Umso besser, dass das Riptide schon kurz vor Mittag geöffnet hat. Noch ist es ruhig, zwei Gäste sitzen am Tisch, ein weiterer blättert in den LPs. Chris steht hinter der Theke und wirkt ratlos. „Gestern habe ich den Monitor ausgemacht, heute geht er nicht mehr an – das kann doch nicht sein, der kann doch nicht über Nacht kaputt gehen!“ Er krabbelt unter die Theke. „Da muss ich unten bei den Kabeln gucken.“ Seine Stimme klingt gedämpft. Sollte der Monitor wirklich kaputt sein, wäre das problematisch: „Es fällt viel weg, was ich nicht machen kann, und außerdem wird auch noch ein neuer Monitor fällig.“

Von den LPs kommt Dennis herüber. „The XX habt ihr nicht hier?“, fragt er Chris, der sich von unter der Theke erhebt. „Da muss ich gucken“, sagt Chris. „Die geht täglich rein-raus – hier kann ich nicht gucken, das muss ich hinten machen.“ Also geht er an den PC im versteckteren Büro-Teil des Cafés. Nach einer Weile kehrt er zurück und überbringt Dennis die schlechte Botschaft: „Beides ist raus, auf die LP warten wir schon länger, die CD kommt morgen.“ Dennis würde jedoch lieber die LP haben wollen. „Kann ich verstehen, die ist super gemacht, mit dem X als Cut-Out – die ist saugeil, die Platte, taucht auch in allen Bestenlisten auf, seitdem kriegen wir noch mehr Nachfragen.“ Chris klettert wieder unter den Tresen und fördert einen schwarzen Stecker zutage. „Den Netzstecker hab ich gefunden“, sagt er zwar erstaunt, aber doch nicht so recht zufrieden, weil das dem Monitor nicht hilft. „The XX hab ich bei Tracks auf arte gesehen“, kehrt Dennis zum Thema zurück. „So wie ich haben bestimmt auch viele die Band dadurch entdeckt.“ Chris werkelt weiter an der Steckleiste herum. „Alle gehen jetzt ihre eigenen Listen durch und gucken: Hab ich was verpasst?“, sagt er. Es klackt, wenn er Stecker zurück in die Leiste drückt. „Da taucht alles auf, was 2009 gut war: La Roux, Mumford And Sons, The XX – die sind alle bei mir auch auf der Bestenliste.“ Es piept. Chris stutzt und blickt verdutzt auf den Monitor. „Der ist wieder da!“, stellt er fest. „Ich hab alle Stecker rausgenommen, die Kabel geradegezogen – der kann doch nicht einfach kaputtgehen, der muss rauchen, blitzen, pfffff, aber doch nicht so still und heimlich…“ Chris klackert an der Tastatur. „Schlimm ist, wenn man nicht weiß, woran’s gelegen hat.“ Jetzt kann er Dennis auch wieder vom der Theke aus Fragen nach LPs beantworten.

Seit Samstag ist das Riptide größer. Gegenüber, am anderen Ende des Achtecks, eröffneten Chris und André die Rip-Lounge. Eben geht Chris an den besetzten Tisch im Haupt-Café und fragt nach weiteren Wünschen. Timo fragt Chris nach der Rip-Lounge. „Das ist der Raucherbereich, wir haben 23 neue Sitzplätze und WCs drüben, man muss nicht mehr den Schlüssel holen“, zählt Chris auf. Timo fragt nach Partys in zwei Räumen, die jetzt möglich wären. Chris nickt: „Wir haben im Februar eine Party und überlegen, die auch drüben über Funk mit der PA zu beschallen.“ Timo steht auf. „Das guck ich mir mal an.“ Er verlässt das Café, überquert den Handelsweg und öffnet die Tür zur Rip-Lounge. „Wow!“, staunt er. Bis auf das Hellgrün sind alle Farben aus dem Haupt-Café auch hier zu sehen, die schmucke Tapete reicht bis in Kopfhöhe, Bänke stehen parallel zueinander, vorne stehen Stühle an den Tischen. Am Fenster, das dem großen Fernseher-Fenster im Haupt-Café fast gegenüberliegt, steht ein Schild mit der Aufschrift „Suppe der Woche: Kohlrabi-Möhren-Cremesuppe“ und eine Vase mit Nelken. Eine Vase mit Tulpen steht auf einem der Tische. Am Ende der einen Bankreihe machen Kissen aus einer zugemauerten Fensternische eine gemütliche Sitzecke. Neben der Tür hängt ein Kasten mit der Aufschrift „Bestellen? Drück mich!“ und einem Knopf in der Mitte. „Das sieht aber gut aus“, findet Timo mit einem Blick in die Runde und kehrt dann wieder zurück an den Tisch im Haupt-Café.

Dort berichtet Chris vom Samstag. „Um 15 Uhr haben wir offiziell das Band durchgeschnitten“, sagt er. So richtig fassen kann er nicht, woran er sich erinnert: „Die Leute hatten wohl die Party des Jahres erwartet, sie zumindest daraus gemacht – sie kamen und kamen und kamen…“ Freunde und Fremde, ein Riesentrubel, mit ihm und André sechs Helfer im ständigen Einsatz.

Mit Plakaten kommt Stefan herein und fragt, ob Chris die aufhängt. Der sichert das zu. Von Radio Ferner kommt Stefan. „Wir machen Hörproben bei uns, Freitag geht’s los“, sagt er. Um Plattenspieler der unterschiedlichsten Preisklassen geht es dann. „Wir haben euch schon viele Leute geschickt“, sagt Chris und nimmt die Plakate entgegen. Stefan bestätigt: „Ja, da kommen viele junge Leute zu uns, und immer, wenn’s um Platten geht, frage ich, kennste das Riptide?, und die kennen das auch.“ Chris grinst: „Das sind wohl die, die wir zu euch geschickt haben.“ Aber bei den jungen Leuten will es Stefan nicht belassen. „Wenn mal ein paar ältere Leute zu euch kommen, die sind auch von uns“, sagt er und erzählt, dass die es nicht glauben können, wenn er ihnen sagt, dass es in Braunschweig einen Laden gibt, in dem man Platten kaufen kann, „und zwar nicht gebrauchte, sondern richtig neue.“ Ihm selbst gehe es genauso: „Ich will auch nicht nur die alten Sachen hören.“ Deswegen hat er zwar für die Kunden viele ältere LPs und CDs für die Hörproben im Geschäft. „Neue Musik wollen die meisten nicht hören, aber manchmal lege ich dann auch Bonnie ‚Prince’ Billy oder Seasick Steve auf, da fragen die Kunden dann schon mal, was das ist.“ Die Live-Platte von Bonnie „Prince“ Billy hat einen tollen Sound, findet Stefan. „Und wenn ich mal Seasick Steve auflege, sagt trotzdem keiner: Das nervt“, berichtet er. Erst seit wenigen Monaten sucht Stefan überhaupt wieder nach neuer Musik. „Ich war ein paar Jahre weg davon“, sagt er. Familie, Beruf und so weiter. Jetzt hat er einen Account bei Napster. „Da lade ich mir Alben herunter, höre sie mir an, und was mir gefällt, das kaufe ich mir auf Platte.“ So hat er schon eine Menge Sachen kennen gelernt, über die er ohne Napster nie gestolpert wäre. „Die Mountain Goats oder My Morning Jacket hört man ja nicht im Radio”, bedauert Stefan. „Und die habe ich bei Napster entdeckt“. Stefan wendet sich jetzt an Chris, weil er noch etwas bestellen will.

Mittlerweile füllt sich das Café. Nicht nur mit Gästen: Joel ist eingetroffen, er macht zurzeit ein Praktikum im Riptide. „Seit…“ Er überlegt kurz und weiß dann: „…letzte Woche Mittwoch.“ Samstag zur Eröffnung der Rip-Lounge war er dann also bereits dabei. „Da war gut was los“, nickt er. Der 19-Jährige geht auf die BBS 3 Fredenberg in Salzgitter-Lebenstedt und wohnt in Bad. Das Riptide ist bis dorthin bekannt: „Bei vielen Kumpels, die Vegetarier und Veganer sind, und bei Hardcore-Punks, die Platten sammeln“, sagt Joel. „Die sind auch öfter hier, das spricht sich überall herum.“ Seinen Geschmack bekommt er hier auch erfüllt: „Crust, Grind, Death Metal, Punk, Thrash Metal – hauptsächlich Krach.“ Er grinst und macht sich wieder an seine Arbeit.

„Drüben ist auf?“, fragen Detlev und Jürgen, die kurz ins Riptide blicken. Chris bejaht und fragt: „Was nehmt ihr, wie immer?“ Die beiden bestätigen, Chris nickt und sie gehen nach gegenüber in die Rip-Lounge, kurz darauf folgen auch die Getränke. Die Post und ein Paketdienst kommen an die Theke und bringen Post und Pakete. Nach einer Weile steckt Detlev seinen Kopf zur Tür herein und fragt, ob er noch eine Bestellung abgeben kann. „Habt ihr geklingelt?“, fragt Chris. Hat er, hat aber offenbar nicht funktioniert. Er erzählt, dass in der Rip-Lounge früher das Doktor Korn war, „ganz früher, Ende der 60er, da ging’s hier hoch her.“ Er grinst. „Das Doktor Korn war eine Pinte“, er macht eine kleine Pause, „freie Liebe gab’s überall“, und schränkt dann ein: „Ich war erst zwölf, 13, bin immer von der Schule hier durch.“ Er denkt kurz nach, was damals wohl noch so dazu beitrug, dass es hoch her ging, und sagt: „Tante Puttchen ist eh klar, und das Banana, ich sitze grad mit dem ehemaligen Besitzer zusammen.“ Das ist Jürgen, der Detlev Steini nennt. Er wartet in der Rip-Lounge rauchend auf Detlev und die bestellten Getränke. „Handelsweg 11 war meine Adresse“, sagt Jürgen. „Ich hatte Schmuck, Kleidung, Besonderes, Asiatika.“ Detlev erinnert sich: „Vorher war da Fletcher.“ Jürgen nickt. „Ich bin neunundachtzig da rein, raus bin ich…“, er grübelt, „zweitausendzwei oder drei – jetzt bin ich bei der Stadt.“ Chris bringt den Milchkaffee für Jürgen und den Grünen Tee für Detlev. „Dürfte ich ausnahmsweise gleich abkassieren?“, fragt Chris und stößt damit auf volles Verständnis. Beide Gäste greifen zu ihren Geldbörsen, doch Jürgen sagt: „Nein, Steini, dieses Mal bin ich dran.“ Chris dankt, nimmt das Tablett und kehrt zurück ins Haupt-Café. Jürgen und Detlev beginnen, sich an Geschichten und Erlebnisse zu erinnern. „Johnny Cash hab ich mal auf Bali kennen gelernt“, sagt Detlev gerade. „Da hat er in einer Karaoke-Bar sein eigenes Lied gesungen.“ Jürgen fällt ein: „Auf Bali haben wir uns auch mal getroffen, zufällig, das war in dem Jahr, als Jan Ullrich die Tour de France gewonnen hat.“ Jürgen war auf Bali, weil er dort Sachen für seinen Laden gekauft hat. „Viermal im Jahr war ich in Südostasien, auch in Mexiko“, erzählt er. Detlev und Jürgen haben zusammen Fußball gespielt, beide waren an Sport interessiert. „Ich bin nach Bali geflogen, als die Tour de France schon zuende war, und Steini wollte unbedingt wissen, wie’s ausgegangen ist, ob Jan Ullrich gewonnen hat – damals gab’s ja noch nicht in jedem Nest ein Internet-Café.“ Detlev kehrt thematisch zurück zum Handelsweg und weiß über das Riptide: „Angela war da vorher drin, mit ihrem Antiquitätenladen, die ist jetzt vorne an der Ecke, gegenüber vom ehemaligen Hound Dog.“ Beiden fällt der Begriff „Kontakthof“ ein, sie nennen Knuff und Pata Pata. Jürgen lacht und zeigt in die Weite der Rip-Lounge. „Hier hatte ich mal ein Erlebnis, ich war mit meiner Freundin hier, da kam Paule rein mit einer Winchester, hat nur zum Spaß in die Decke geschossen, baaamm, baaamm!“ Beide lachen. „Hier könnt’ ich Bücher erzählen“, versichert Jürgen glaubhaft. „Pata Pata hat komplett mit Matratzen ausgelegen“, fällt Detlev ein. „Und als Schüler habe ich mir immer bei Tante Puttchen Eis geholt.“ Jürgen erzählt, dass er aus West-Berlin kommt „Ich bin im MK zur Schule gegangen, das war lustig, als ich den Laden hatte, sind ab und zu meine alten Lehrer vorbeigekommen, die hab ich dann angesprochen, die hätten mich nicht erkannt.“ Die beiden erinnern sich an den Gewölbekeller unter der Rip-Lounge und überlegen, was da vor dem Peetie’s drin war. „Wild Geese 2“, fällt Jürgen ein. „War das das, wo der drin geheiratet hat?“, fragt Detlev. Jürgen verneint: „Das war im Red Pub, so hieß es davor.“ An ein Fahrradgeschäft erinnert sich Detlev. „Da ist jetzt der Comic-Laden drin“, weiß er. Zurück beim Fußball erzählt Jürgen von Anekdoten und Erlebnissen, die er als Spieler der Altherrenmannschaft der Eintracht hatte. Detlev lacht. Er arbeitet beim Theater und zitiert aus dem Stück „Gipfelstürmer“: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Wolters her.“ Wie aufs Stichwort kommt Joel herüber und fragt: „Darf’s noch was sein?“ Jürgen verneint: „Nein, für mich nicht mehr.“ Detlev fügt hinzu: „Es ist nett, dass du fragst!“ Joel nickt und kündigt an, dass er zum Abräumen gleich wiederkommen wird. Jürgen und Detlev kehren zurück zu ihren Erinnerungen und hören gar nicht mehr auf zu lachen.

Drüben im Haupt-Café ist André inzwischen eingetroffen. In der Küche ist er ganz gut beschäftigt, denn am MK ist gerade Pause und viele Schüler holen sich ihren Imbiss im Riptide ab. Einige stehen mit Straßenpizza bei ihren Freunden herum, die gerade ihre Bestellung zubereitet bekommen. Timo schiebt sich zwischen sie und begleicht bei Chris seine Rechnung. Beim Blick auf die Led-Zeppelin-Box hinter Chris fragt er nach dem Preis und sagt, dass er sie gerade ersteigert hat und vergleichen will. „66 Euro“, liest Chris ab. „Ja!!!“, jubelt Timo. Chris grinst: „Hast du ein Schnäppchen gemacht?” Timo erzählt, dass er sie für 20 Euro bekommen hat uns schon glaubte, zu viel bezahlt zu haben. Chris verneint: „Da kannst du im Quadrat springen.“ Das macht Timo dann doch nicht, sondern dankt, grüßt und geht.

Nach ihm kommt Sahar an die Theke. „Einen von den dunklen Coockies“, bestellt sie bei Chris. „Zum Mitnehmen?“, fragt der. „Ja“, sagt sie und diskutiert mit ihren Freundinnen, warum sie lieber den dunklen als den hellen haben möchte. „Wir haben gerade Mittagspause“, erklärt sie noch, nimmt ihren Cookie entgegen und verlässt gemeinsam mit ihren Freundinnen das Café. André hat inzwischen auch die Crêpe-Wünsche der anderen Schüler erfüllt, das Café leert sich ein wenig. André macht sich an die nächsten Crêpes auf dem Bestellzettel.

„Die Klingel hat manchmal Aussetzer“, weiß Chris über die Funkstille zur Rip-Lounge. Er verrät: „Wir lassen uns da gerade etwas Besonderes bauen, was es nicht gibt.“ Mehr jedoch verrät er nicht. Nur, dass die Rip-Lounge noch lange nicht fertig ist. „Lüftung, finale Möbel, Klingelsystem“ fehlen noch. „Es klafft noch ein Loch in der Wand, da kommt die Lüftung rein, das stört aber nicht – wir haben die Lounge erst mal in Betrieb nehmen wollen, Ende Januar kommt hoffentlich alles.“ Den Namen „Rip-Lounge“ lehnt Chris an VIP-Lounge an. „Den wusste ich schon vor einem Jahr“, grinst er.

In der Küche schnippelt André gerade Bananen auf einen fertig gebackenen Crêpe. „Samstag war ein Erfolg“, erzählt er erleichtert. „Da ist uns eine Last von den Schultern gefallen.“ Chris und André hätten vor zweieinhalb Jahren nicht zu träumen gewagt, dass das Riptide einmal zu klein sein würde. Der Sprung über den Handelsweg war ein Wagnis. Eines, das den Gästen mehr Komfort bietet. Bei einem Schmuddelwetter wie jetzt müssen die Raucher nicht mehr unter dem Schirm im Achteck frieren. Sie können im Warmen, Trockenen sitzen, rauchen und sich mit Speis und Trank bedienen lassen. Joel kommt mit einem vollen Tablett mit leeren Gefäßen darauf aus der Rip-Lounge. Noch bis Ostern wird er regelmäßig im Riptide arbeiten. Das ist noch weit weg.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#26 Wunsch oder Reim aka Glücklos wuschig

10. Dezember 2009


Mittwoch, 9. Dezember

Zum Geleit: Da es auf Weihnachten zugeht und Weihnachten nach heutiger Auffassung vorrangig das Fest der Wünsche ist, stehen die Gäste des Café Riptide heute vor der Wahl, entweder von einem Wunsch zu berichten, den sie sich bereits erfüllt haben oder noch erfüllen möchten, oder sich ein Gedicht auszudenken.

Chris und André haben im Achteck vor dem Riptide immer noch Tische und Stühle unter dem Schirm stehen, und die werden auch immer noch genutzt, von Rauchern zumeist. Dabei ist es heute wenngleich trocken, so doch recht kalt. Immerhin lässt sich die Sonne gelegentlich blicken. Das ist so ungewöhnlich, dass es sich bei den Gästen deutlich bemerkbar macht. „Alle strahlen heute, die reinkommen“, stellt André daher fest. Und lässt sich seinerseits ansteckend davon anstecken.

„Was ist denn gerade die Suppe der Woche?“, fragt Manu vom Platz vor der Theke aus. „Linsensuppe nach Omas Rezept“, sagt André über die Theke hinweg. Manu bestellt davon. „Weil die Linsen die Flüssigkeit eingezogen haben, ist aus der Suppe ein Eintopf geworden“, erklärt André, als er Manu die Schüssel bringt.

„Sondersendung“ heißt die Silvesterparty, die im Fernmeldeamt steigt und an der auch das Riptide beteiligt ist. André weist auf die entsprechenden Flyer hin, die seit einiger Zeit der Tresen schmücken. Auch weist er darauf hin, dass am Samstag, 19. Dezember, Monsieur LeSupersexuel im Riptide seine „Sinful pleasures a-go-go“ ausleben wird. „Das ist Helge, der hat oft in der Haifischbar aufgelegt, das ist das dritte Mal, dass er das jetzt bei uns macht“, erklärt André. Und schlägt das aktuelle „intro“ auf, da ist „The Ghost That Broke In Half“, das neue Album der Göteborger Band Boy Omega, in der Rubrik „Platten vor Gericht“ auf Platz fünf von zehn. Das Album ist auf dem Riptide-Label erschienen. Außerdem berichtet André von Franzi, der neuen Aushilfe. „Sie macht das Team komplett“, sagt er. Kathi, Sina und Franzi ermöglichen Chris und André jetzt mehr Freiraum, sich um andere Belange des Cafés zu kümmern.

Chris sitzt nämlich auch jetzt wieder in seiner Büroecke. Man hört aus dem Winkel abwechselnd Tastaturklappern, Stuhlknarren und Sichamtelefonverabschieden. Ansonsten hört man recht wenig im Riptide, obwohl es voll ist. Eine beinahe andächtige Stille macht die allgemeine strahlende Entspanntheit greifbar. Jetzt steht Chris auf und sortiert einige Belege in die Schublade am Tresen. Er guckt in den Raum und stutzt: „Sind so viele Leute da – was ich immer nicht mitkriege.“ Er dreht sich zufrieden um und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück.

„Ich habe mir den Wunsch erfüllt, nach erfolgreicher Abschlussarbeit einen Thorens-Plattenspieler zu kaufen“, sagt Manu, als er seine Suppenschüssel geleert hat. „Ich habe mir gesagt: Wenn das gut läuft und ich damit fertig bin, erfülle ich mir den Wunsch.“ Ein TD 147 ist es. „Nicht das Überding“, meint er, „aber ein schönes Ding aus den 80ern.“ Gefunden hat er ihn in einem Laden, dem er bereits seit längerem vertraut: „Neuklang, am Affenfelsen, der Typ ist schon älter, der erklärt einem auch alles, wenn er was heile macht.“ Die Abschlussarbeit hat Manu in seinem Hauptfach Politikwissenschaft geschrieben. „Einen Großteil der Arbeit habe ich im Riptide fertiggestellt“, erzählt er grinsend. „Im Sommer habe ich mich immer draußen hingesetzt mit meinem Minilaptop, und wenn’s gut gelaufen ist, habe ich mir Platten mitgenommen, wenn es nicht gut gelaufen ist, habe ich mir nichts mitgenommen.“ Stressig sei die Zeit gewesen, aber damit habe er sie sich etwas versüßt. „So habe ich mein gesamtes Monatsgeld abgesetzt“, sagt er. Doch ganz vorbei ist es noch nicht: „Jetzt lerne ich für die Abschlussprüfung, das ist noch alter Magisterstudiengang.“ Die Freunde, auf die er gewartet hat, sind inzwischen eingetrudelt. Manu setzt sich zu ihnen, es gibt ein großes Hallo.

Von seinem Tisch in der Ecke geht Dennis nach draußen, um zu rauchen. Ein Wunsch fällt ihm nicht gleich ein, „da muss ich erst überlegen“, sagt er. Und überlegt. Und sagt dann grinsend: „Wie letztes Jahr: Weihnachten nur mit Alkohol.“ Vom Wunsch schweift er ab. Das Fernmeldeamt, in dem auch die Silvester-Sondersendung stattfindet, interessiert Dennis. Zum Silver Club, der dort am vergangenen Samstag stieg, war er jedoch nicht in Braunschweig. „Mal sehen, ob ich es überhaupt mal in den Laden schaffe“, sagt er. Denn er beabsichtigt einen Umzug nach Berlin, außerdem soll das Gebäude im August schon abgerissen werden. „Ich habe gehört, dass im April Schluss ist mit Veranstaltungen“, sagt Dennis und zieht an der Zigarette. „Irgendwann bin ich nur noch zu Besuch in Braunschweig, dann interessiert mich das nicht mehr so.“ Er hat aufgeraucht, nimmt seine Zigaretten vom Tisch und geht an den Tresen, um sich von André einige LP-Schutzhüllen und Innen-Sleeves geben zu lassen, bevor er in die kühle Dezemberluft zurückkehrt.

Mit strahlenden Augen erzählt André von den Movie Days, die kürzlich an zwei Tagen in der Stadthalle stattgefunden haben. „Der Beißer, Jay und Boba Fett waren da, also Richard Kiel, Jason Mewes und Jeremy Bulloch“, schwärmt André. „Ich bin da wie ein kleines Kind herumgelaufen, habe mich in ein Raumschiff gesetzt, und meine Freundin musste alles fotografieren.“ Andrés Augen werden immer größer. „Der Beißer hat meinen Kopf so in die Zange genommen“, sagt er und deutet es mit seinen Händen an. Gregor, der gerade mit beschlagener Brille ins Café kommt, fragt André nach einigen Bestellungen. „Viele Leute sind da auch in Verkleidungen hingekommen“, sagt André noch und reicht Gregor die Califone-LP „All My Friends Are Funeral Singers“ herüber. „Die Califone ist da“, kommentiert André und dreht sich zurück ans Plattenfach neben dem Kühlschrank. Gregor nimmt seine Brille ab, als André ihm mit den Worten „und diese hier“ eine weitere LP reicht. Gregor kann mit beschlagener Brille so wenig sehen wie ganz ohne und braucht etwas Zeit, um „Roots To Grow“ von Stefanie Heinzmann zu erkennen. „Nee, die habe ich nicht bestellt“, wehrt Gregor lachend ab, und ebenso lachend steckt André die Platte zurück ins Fach. „Brauchst du ein Tuch?“, fragt er Gregor. „Nein, das bringt nichts“, antwortet der, „die beschlägt sowieso gleich wieder.“ Er geht an die LP-Fächer und versucht, die Neuheiten zu erkennen.

„Im Film ‚Sneakers – die Lautlosen’ sagt der Blinde: ‚Ich möchte Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’, und der CIA-Mann antwortet: ‚Wir gehören zur Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, wir machen so etwas nicht!’“, antwortet Sebastian auf die Frage nach dem Wunsch. Er sitzt draußen am Tisch und raucht. Janett neben ihm lacht. „Das habe ich auch als Sample in einem Song gehört“, fügt Sebastian hinzu. Das macht Janett neugierig: „Wo denn?“ Doch Sebastian ist sich nicht sicher, tippt vorsichtig auf die Wohlstandskinder und liegt damit richtig. „Die Welt von Mitteleuropa aus“ heißt der Song. „‚Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’ antworte ich immer, wenn mich einer fragt, was ich mir wünsche, wie bei einer Sternschnuppe“, sagt Sebastian. „Das sage ich immer, auch wenn’s was anderes war.“ Janett würde gerne dichten, mag aber die langweiligen Paarreime nicht, die ihr spontan einfallen. Auch Sebastians Angebot, dazu eine Beatbox zu machen, kann sie nicht dazu umstimmen, die Reime dennoch zu nennen. „Ich wünsche mir einen Einfall für unter meinem Hochbett“, sagt sie daher. „Mit McDonald’s-Bällen hinter Plexiglas, so was bräuchte ich für unter meinem Hochbett – oder einen anderen Einfall.“ Sie erklärt, dass sie das alte Sofa, das einmal darunter stand, überraschend auf dem Sperrmüll loswerden konnte, ohne sich rechtzeitig um einen Ersatz dafür kümmern zu können. „Da ist jetzt nichts, ich sitze auf dem Boden, hab schon angefangen, meinen Hocker zu lackieren und eine Werkstat einzurichten“, sagt sie hilflos. Die Sache mit dem Reim lässt sie aber auch nicht los.

Zu einem Nachgespräch über den fünften Silver Club am vergangenen Samstag treffen sich Skapino, der den Löwenanteil der Organisation übernommen hat, und „Soundschwester“ Claudy, die eine Hälfte der DJs stellte, im Riptide. „Hurra, wir leben wieder“, sagt Skapino, während er seine Jacke über die Stuhllehne hängt. „Und wir sind fast fertig mit Abbauen.“ Er setzt sich, Claudy hat ihren Platz auf der gemütlichen Bank gefunden, die seit kurzem im Riptide steht. „Wollt ihr erst mal ankommen?“, fragt André und begrüßt die beiden. „Wir sind da!“, ruft Skapino und bestellt einen Milchkaffee. Claudy überlegt, dass sie gerne Kaffee und etwas Limonadiges tränke, und wirft einen schnellen Blick in die Karte. „Habt Ihr Bionade?“, fragt sie André. Der bestätigt das und ergänzt: „Aber auch Bios.“ Das weckt Claudys Neugier. Sie lässt sich die Sorten aufzählen und entscheidet sich für Lemon Grass und einen Cappuccino. „Ich würde auch gerne Kuchen oder Gebäck bestellen, was habt ihr denn da?“ André beginnt, einige Muffinsorten aufzuzählen, und Claudy wählt einen mit Schokolade. André schreibt mit und wendet sich der Küche zu. „Hast du einen Überblick, wie viele Leute da waren?“, wendet sich Claudy jetzt an Skapino. „Dazu habe ich unterschiedliche Aussagen gehört“, sagt der. „Manche sagen über 500…“ Claudy unterbricht überrascht: „Über 500?“ Skapino nickt: „Im Durchlauf, bei der Party waren es 250 bis 300, bei der Lesung 100 bis 150 vielleicht.“ Sie amüsieren sich darüber, wie schwierig es war, die Leute um fünf Uhr morgens aus dem Fernmeldeamt zu bekommen. „Hinterher haben einige noch mit den herumstehenden Gitarren der Musiker ein Sit-In gemacht“, erinnert sich Skapino. „Das war geil“, fällt Claudy gleich ein. Und zieht Bilanz: „Das war die geilste Party, auf der ich auflegen durfte.“ Und ausnahmsweise einmal die punkig-rockigen Sachen. Mit „Feliz navidad“ von den Voodoo Glow Skulls zum Beispiel hatte sie den meisten Gästen einen nachhaltigen Ohrwurm gezaubert.

Claudy ist geboren in Sachsen, in Aue, im Erzgebirge, und aufgewachsen zwischen Stuttgart und Tübingen. Seit zehn Jahren lebt sie in Niedersachsen, seit sechs Jahren in Braunschweig. „Schwippbögen, so Krempel wie Räuchermändlä, das hab ich auch“, sagt Claudy. Als Skapino überrascht lacht, fügt sie hinzu: „Aber nicht so viele.“ Sie grinst. Das Räuchermändle spricht sie eher schwäbisch als sächsisch aus. „Ich kann viele Dialekte“, sagt sie daher. „Und auch viele Töne – Soundschwester eben.“ Sie lächelt.

Zurück zum Silver Club. Claudy erzählt Muffin essend, wie sie am Samstag kurz bei Pizza Hut um die Ecke etwas essen wollte. „Da gehe ich ja nie hin“, sagt sie. „Und treffe zwei Leute aus Hannover, die sagen: ‚Du legst heute auf, da gehen wir hin!’“ Sie wundert sich. Skapino lacht: „Ich hab deutschlandweit Werbung gemacht, hab ich das nicht erzählt?“ Zumindest bei Radio ffn hatte er eine Ankündigung eingereicht. „Aber ich habe einer Freundin bei ffn eine Einladung geschickt, die hat das dem Verantwortlichen gegeben.“ Und der hat daraufhin für den Silver Club geworben. Doppelt ist sicher.

„Wie findest du den Schweinebärmann?“, fragt Claudy ganz unvermittelt. „Ich finde den knuffig“, sagt Skapino. Das wiederum findet Claudy knuffig. „Da hab ich auch schon aufgelegt, Polkatronics, Partymusik, mit La Cherga, die haben Balkan-Musik gemacht mit Drum & Bass.“ André kommt an den Tisch und fragt: „Möchtet ihr noch etwas trinken?“ Claudys Antwort sorgt für überraschte Stille: „Ich hätt gern’n Schnäpsken.“ André stutzt kurz: „Einen Schnaps?“ Skapino schwindelt: „Sie hat ja auch beim Silver Club ordentlich gebechert.“ Claudy bestätigt das: „Fünf Flaschen Wasser hab ich weggezogen, fünf Flaschen Klaren.“ Sie bleibt beim Auflegen jedoch am liebsten nüchtern und sagt: „Das Auflegen macht doch den Rausch.“ Jetzt bestellt sie sich aber einen Gin Tonic.

Claudy strahlt nicht nur ansteckende Zufriedenheit aus, sie ist auch zufrieden. „Ich hab das perfekte Leben“, sagt die studierte Theater- und Medienwissenschaftlerin und erzählt, dass sie und ihre Freundin zwei Kinder in Pflege haben. „Wir sind wie ein Heim in klein, eine Familie – das ist meine Arbeit“, sagt sie. „Und ich kann alles machen, Musik und Kultur.“ Dabei hat sie ein großes Verantwortungsbewusstsein: „Nächstes Jahr mache ich eine Prüfung zur Erzieherin.“ In sechs Jahren sind die beiden Kinder aus dem Haus. „Vielleicht nehmen wir dann wieder Kinder im schulpflichtigen Alter auf“, sagt Claudy. Sie strahlt, sie schwärmt – „Ein geiles Leben.“

Was sie auch noch macht: Rockabella, die Frauenparty im Jugendzentrum Neustadtmühle, seit zwei Jahren. „Rockabella Riot hieß das früher, aber die Mädels hier sind nicht so auf Riot aus“, grinst Claudy. Auf Radio Okerwelle hat sie außerdem eine Sendung, „Soulseduction“, sonntags ab 23 Uhr. Und sie ist Mitglied der Impro-Theatergruppe „Die Freispieler“. Ans DJen ist sie über ihre Brüder gekommen, die ungefähr zehn Jahre älter sind als sie. „Ich hab immer deren Platten gehört“, erzählt Claudy. Irgendwann sollte sie dann auf den Partys der Brüder auflegen. „Die fanden das gut, so hat’s angefangen – mit 16“. Erst seit zwei Jahren macht die Über-30-Jährige das öffentlich. Ihre Co-DJane beim Silver Club, Ina, kannte sie vorher gar nicht – was nicht so wirkte. „Wir haben nur vorher telefoniert und abgemacht: Ich spiele die rockigen Sachen, sie die elektronischen.“ Und das hat prima funktioniert.

An Skapino richtet Claudy eine Neuentdeckung: den Sampler „No New Tales To Tell“, einem Tribute-Sampler an Love And Rockets, mit Black Francis und Puscifer. Darüber kommen Skapino und Claudy darauf, dass beim Silver Club überwiegend ältere Gäste waren. „Deshalb heißt der auch Silver Club“, behauptet Skapino grinsend. „Echt, ist das der Grund?“, fragt Claudy zu Recht ungläubig. Skapino berichtet: „Nein, wir wollten einfach mal etwas Helles bieten, nicht immer so dunkle Discos – wir haben aber nicht bedacht, wie teuer das ist.“ Er denkt kurz an den roten Molton im Fernmeldeamt: „Obwohl – jetzt müsste er eigentlich Red Club heißen.“

Allmählich muss Claudy aufbrechen, zur Theaterprobe. An die Riptide-Gäste richtet sie einen Reim:

„Ich bin so gern im Riptide und sah Dich manchmal dort –
Ich finde, dies Café ist Braunschweigs schönster Ort!“

An Skapino ist es, zu wünschen: „Ich möchte, dass die Menschen wieder menschlicher werden.“

Bevor auch er geht, erzählt Skapino noch von seiner Wohnungssuche in Braunschweig und davon, wie er begann, hier Netzwerke zu bilden. Er nennt es „WG-Surfen“: „Ich kannte keinen in Braunschweig, hab mir WGs angeguckt, bin eine halbe Stunde da gewesen, hab Tee getrunken, über die Wohnung geredet, weiter zur nächsten – ich dachte mir, da könnte man ein Hobby draus machen.“ Hat er aber nicht, denn: „Irgendwann musste ich ja eine Bleibe finden.“

Als offizieller Flyer-Verteiler des Universum-Kinos strömt Stammgast Micha ins Café. „Guten Tag“, grüßt er André. „Ich komme vom Universum-Kino und möchte die alten Flyer gegen die neuen austauschen.“ André zeigt hinter ihn an die Wand und sagt: „Du kannst die Flyer in die Box stellen.“ Micha dreht sich um: „Ah, vielen Dank.“ Er nimmt die Flyer von letzter Woche aus dem ihm gründlich bekannten Kasten und ersetzt sie durch das Programm für kommende Woche. Weil Michas Tour bis zu fünf Stunden dauert, kann er sich zwar eigentlich nicht lange im Riptide aufhalten, bestellt aber dennoch eine Hausmarke. Und berichtet von seinem Wunsch: „Mit einer attraktiven Frau im Kino sein. Hab ich mir erfüllt.“ Gesehen haben sie „Die Weihnachtsgeschichte“ von Walt Disney. „In 3D“, ergänzt Micha. „Der Film war sekundär. Wenn nicht sogar tertiär, aber der Film war auch gut, deshalb war alles gut.“ Derweil steht Stefan von seinem Tisch auf und fragt André nach einem Kinoprogramm vom Cinemaxx. „Haben wir nicht, aber ich kann im Internet gucken“, sagt André. Stefan druckst herum. „Dann muss ich ja peinlicherweise sagen, welchen Film ich sehen will: ‚Wo die wilden Kerle wohnen’.“ Von Micha bekommt er jedoch sofort Bestätigung: „Ist bestimmt gut, ist von Spike Jonze.“ André findet den Film im Online-Programm nicht, was Stefan wundert. Im aktuellen Subway liest er daraufhin, dass der Film erst am 17. Dezember anläuft, was ihn nicht minder wundert. Ein Wunsch fällt ihm daher schnell ein: „‚Wo die wilden Kerle wohnen’ gucken.“ Beim Blättern in der Subway entdeckt er eine Anzeige vom Kunstmuseum Wolfsburg und fügt hinzu: „In die James-Turrell-Ausstellung gehen – das ist ein Wunsch, den ich mir noch erfüllen möchte.“ Stefan geht zurück an seinen Tisch und berichtet dort, dass der Film erst übernächste Woche anläuft. Micha hat jetzt seine Hausmarke ausgetrunken, verabschiedet sich von Chris und André, geht in die Dunkelheit hinaus und schwingt sich auf sein Fahrrad, Flyer verteilen. Morgen wird im Riptide mit Lord Schadt gewichtelt.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#25 Frickelhaftigkeit

23. November 2009


Montag, 23. November

Wenigstens der November hält, was er verspricht: Es ist zwar Tag, doch unterscheidet sich die Helligkeit kaum von der Nacht. Immerhin regnet es gerade einmal nicht. Am Samstag war es noch so mild, dass sogar viele Gäste draußen saßen, nicht nur zum Rauchen. Heute sitzen alle Gäste im Riptide. Am Tresen ist Chris dabei, neue LPs, Singles und CDs mit Preisschildern zu etikettieren. André ist derweil in der Küche beschäftigt. Unter den Singles, die durchs Chris’ Hände gleiten, ist auch eine von Pearl Jam. „‚The Fixer’, aus dem Album ‚Backspacer’“, erklärt Chris. „Es gibt so Bands“, setzt er an, und zählt auf: „Radiohead, Coldplay, Muse, Placebo und eben Pearl Jam – die Singles kannst du beiseite stellen, da vervierfacht sich der Wert.“ Chris schreibt einen Preis auf ein Etikett und klebt es auf eine CD. „Es gibt alte Coldplay-Singles, die kosten jetzt 40 Euro.“

Es gibt außerdem ein großes Hallo, als nämlich Kim und Nadine das Café betreten. André kommt aus der Küche, trocknet sich die Hände an einem Handtuch ab, begrüßt die beiden und kehrt dann wieder in die Küche zurück. Auch Chris schüttelt ihnen die Hände. Sie sprechen über den vergangenen Freitag, als das Riptide an der ersten Braunschweiger Cocktailnacht teilnahm. „Die haben wir organisiert“, erzählt Nadine. Sie ist Mitarbeiterin der „Projektagentur Plan B“, Kim ist ihr Chef. Der sitzt im Hauptsitz in Münster, Nadine leitet eine Zweigstelle in Hannover. „Nicht ganz in Münster, sondern in Havixbeck – aber wer kennt Havixbeck, deswegen sage ich immer Münster“, meint Kim. „Der Chef hat schon jahrelang im Gastronomiebereich Kneipenfestivals gemacht“, sagt Nadine. „Im Gespräch mit Gastronomen in Münster kam dann die Idee: Beim Honky Tonk war die Bude voll, wie schaffen wir das ein zweites Mal?“ Die Lösung: „Cocktails statt Bands.“ In Braunschweig war das die erste Cocktailnacht, im April folgt die zweite. „Bis Ostern machen wir das in 30 Städten“, sagt Kim. Am 8. Januar zum Beispiel in Wolfsburg, auch Magdeburg und Celle stehen auf der Liste. Mit der Resonanz in Braunschweig waren die beiden zufrieden. „Die Verkaufszahlen waren super, es sind viele Leute unterwegs gewesen, auch die Gastronomen fanden’s ganz gagig“, berichtet Kim. „Die mussten gucken: Wie funktioniert das – und eigentlich klappt das schon ganz gut.“ Wie kamen die beiden dann aufs Café Riptide? Nadine gibt die Antwort: „Das war ein Geheimtipp, von Getränke Höpfner.“ Kim fügt hinzu: „Wir sind halt Freunde von Individualgastronomie, wie der Silberquelle.“ Die beiden verabschieden sich und versprechen, auf ihrer Tour durch die Kneipen, die an der Cocktailnacht teilgenommen haben, noch einmal ins Riptide hereinzuschauen.

„Ich geh wieder ins Büro“, sagt Chris und setzt sich an seinen PC. Uwe von Cargo Records kommt mit einer kleinen CD-Kiste ins Café und fragt André: „Ist Chris nicht da?“ – „Doch“, erwidert André. Uwe weiß sofort: „Der schläft wieder in seiner Ecke.“ Das macht Chris, der für Plattenfirmenkontakte zuständig ist, natürlich nicht. Er kommt an den Tresen und begrüßt Uwe. „Ich habe ein paar Sampler für euch“, sagt der und drückt Chris einige von einem Gummiband zusammengehaltene Exemplare der CD-Reihe „We Deliver The Goods“, Ausgabe 115/09, in die Hand. „Und Sachen zum Reinhören oder Verschenken“, fügt Uwe hinzu und reicht Chris die kleine Kiste mit CDs und Info-Zetteln herüber. Chris bedankt sich. Er wie Uwe haben nur wenig Zeit und leiten gleich wieder den Abschied ein. „In dreieinhalb Stunden ist hier ein Konzert“, erklärt Chris. Videoclub spielen nämlich um 18 Uhr im Riptide. Uwe versteht, sagt „wir können ja telefonieren“, strömt zum Ausgang und ruft im Hinausgehen „mach’s gut, André!“

Der war gerade dabei, Gäste zu bedienen, und kehrt jetzt mit dem leeren Tablett zur Theke zurück. Auf dem Cargo-Sampler ist neben Gordon Gano und den Bollock Brothers auch Jello Biafra drauf, mit „New Feudalism“. Ein Spoken-Word-Track? „Nein, Musik”, sagt André, geht an das Neuheiten-Fach und zieht die LP „The Audacity Of Hype“ heraus. „Er hat eine neue Band, The Guantanamo School Of Medicine.“ Da ist auch Billy Gould von Faith No More mit bei. Und den Song hat Biafra sogar bereits veröffentlicht, vor fünf Jahren mit der No WTO Combo.

Mit einem nassen Regenschirm kommt Dennis ins Café. Er begrüßt Freunde an einem Tisch und stellt sich dann zu André an die Theke. „Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragt der. „Nein, mein Magen verlangt nach etwas Gesundem“, antwortet Dennis. André überlegt eine Weile und schlägt dann vor: „Tee. Kräutertee.“ Das überzeugt Dennis nicht: „Nee…“ Er guckt durch die Glastür in den Kühlschrank und fragt: „Habt ihr die rote Bionade gerade nicht da?“ – „Doch“, behauptet André, guckt in den Kühlschrank auf eine Lücke zwischen den Bionadeflaschen und korrigiert sich: „Nein.“ Dennis denkt kurz nach und sagt: „Dann gib mir eine Kräuter.“ Als André nach der Flasche greift, sagt Dennis: „Oder nee, Ingwer-Orange, Ingwer ist vielleicht besser für den Magen.“ Dennis bereitet sich gerade auf eine Berlinfahrt vor, er sucht eine Wohnung dort. Und er ist zurzeit dabei, eine Internetseite zu erstellen, auf der er seine Kunst präsentiert. „Ich will auch eigene Videoinstallationen hochladen“, sagt er. So einfach sei das nicht, weil er die so einstellen will, dass zum Beispiel eine dreigeteilte Installation erst komplett geladen ist, bis der Film startet. Dennis arbeitet mit Mac und bearbeitet seine Filme mit Quicktime. „Da müssen alle Filme anders komprimiert werden“, sagt er. Bei einigen ergibt es Pixel, während dieselbe Einstellung bei anderen Filmen bestens klappt. Youtube will er zum Hochladen nicht nutzen, aber dabei fällt ihm ein: „Ein Freund hat ein Video mehrmals bei Youtube hoch- und wieder runtergeladen.“ Das habe einen einmaligen Effekt gegeben. „Den Final Cut gibt’s nicht bei Photoshop, der war handgemacht.“ Er lacht und fügt hinzu: „Wenn dir Kunst nicht gelingt, mach sie kaputt.“

Die Band trudelt ein, früher als geplant. Die Musiker grinsen alle, es geht ihnen gut. Sie gucken sich mit strahlenden Augen im Riptide um, entdecken T-Shirts, LPs, CDs und betrachten die spätere Bühne dazwischen. Jorek ist der Gitarrist. „Und Tourmanager“, wie er betont. Die Bandmitglieder kommen aus Münster, Hamburg und Düsseldorf. Nur nicht Jorek: „Ich bin Pole, aus Breslau.“ Videoclub spielen gerade eine Tour. „Wir haben ein paar Off-Days“, erklärt Jorek. „Die Gründe dafür waren zum Teil Zufälle, zum Teil hat unser Booker einige Tage nicht vollgemacht.“ Ihr mitgereister Techniker Christopher kommt ursprünglich aus Braunschweig. „Der hat bei Schrottgrenze mitgespielt“, sagt Jorek. „Und er kannte Chris, hat spontan den Termin ausgemacht, deswegen gibt es auch keine Flyer, keine Poster.“ Er schaut sich erneut im Café um. „Jetzt spielen wir hier und freuen uns schon darauf.“ Die Band sei gerade zu Fuß vom Hagenmarkt herübergekommen. „Für fast alle ist es eine Premiere, in Braunschweig zu sein“, sagt Jorek. „Bis auf Christopher.“ Er berichtet von blockartigern Häusern, die er auf dem Weg wahrgenommen habe. „Sehr kompakt, aber schön“, findet er. „Braunschweig macht einen guten Eindruck.“ Was machen Videoclub für Musik? „Ich würde erst mal sagen, wir machen Pop“, sagt Jorek erst mal. Er weiß: „Damit mache ich’s mir einfach, aber ich finde, Musik muss man sich anhören, ohne sie in Kategorien zu sortieren.“ Dann denkt er eine Weile nach und kommt zu dem Ergebnis: „Unsere Musik ist eine Mischung aus Frickelhaftigkeit und Anbiederung.“ Er holt sich mit Blicken Bestätigung von seinen Bandkollegen, die gerade in den LPs herumstöbern, und sagt nachdrücklich: „Das ist unsere Musik. Und Pathos!“ Elektro mit Gitarre schwebt als genannte Richtung im Raum, Jorek stimmt zu: „Das passt gut, wir haben mit Felix seit kurzem einen Keyboarder dabei.“ Der Genannte wendet den Blick von seinen Fingern im CD-Fach ab, blickt über die Schulter und nickt. Seine Mitmusiker nennen ihn „Felich“. Ist er Spanier oder Schweizer? „Weder, noch“, sagt Jorek grinsend. „Wir nennen ihn einfach so.“ Jetzt gibt’s aber Getränke für alle, die Band gruppiert sich um das Sofa herum.

Am Nebentisch sitzen Katharina und Birgit. André nimmt deren Bestellung entgegen: „Haben die Damen schon gewählt?“ Birgit antwortet: „Einen Milchkaffee.“ Katharina blickt zu ihr herüber uns sagt fragend: „Kreppes?“ Als Birgit nickt, bestellt Katharina also: „Crêpes mit Zimt und Zucker, zweimal.“ André nickt und fragt: „Beides zweimal, auch den Milchkaffee?“ Da erst fällt Katharina auf, dass sie noch gar kein Getränk für sich bestellt hat, und sie wehrt ab: „Nee, Chai-Tee, ein Kännchen!“ André nickt: „Mit Milch?“ Katharina fragt: „Habt ihr auch Sahne?“ André nickt wiederum: „Haben wir auch, wenn du es wünschst, bringe ich dir Sahne.“ Das gefällt Katharina: „Dann mit Sahne bitte.“ André wendet sich an Birgit: „Und für dich, ein stilles Wasser zum Kaffee?“ Birgit verneint dankend: „Nur den Kaffee.“ André notiert und geht, Katharina und Birgit unterhalten sich zunächst über Katharinas Spanien-Urlaub. „Meine Bankdaten waren nicht betroffen“, berichtet Katharina erleichtert. Und davon, dass sie am Strand lieber Dosenbier trank, während ihr Mann Flaschenbier bevorzugte. Von Bier in PET-Flaschen wie in Dänemark halten beide nichts, aber Birgit erzählt: „Das habe ich bei Aldi im Vorbeigehen gesehen, da haben sie Hefeweizen oder so in Plastikflaschen.“ Bei Wasser sei das in Ordnung, solange gewährleistet sei, dass der Kunststoff nicht ins Wasser ausdünste. Und wegen der Einkaufschlepperei in den dritten Stock habe Birgit eine probate Methode entwickelt: „Ich parke in zweiter Reihe, bringe den vollgepackten Rucksack schnell in den Keller und suche dann erst einen Parkplatz – das hat sieben Jahre gebraucht, bis ich diese Idee hatte.“ Während André Getränke und Crêpes bringt, fragt Katharina, warum Birgit den Rucksack nicht einfach im Hausflur abstellt. „Seit uns dort eine frische Bio-Melone abhanden gekommen ist, mache ich das nicht mehr,“ antwortet Birgit. André kommt erneut an den Tisch und sagt: „Die Band beginnt gleich mit dem Soundcheck, ihr müsst nicht rausgehen, ich will euch nur warnen.“

Leonie kommt mit ihrer Mutter Sina im Schlepptau ans große Fenster, um die Vitrine mit den Broschen zu betrachten. Währenddessen packt ihr Vater Philip am Tisch das Spiel „Looping Louie“ aus. Vom Betrachten der bunten Broschen zurückgekehrt, macht sich die fünfjährige Leonie gleich daran, Louie mit seinem Propellerflugzeug über den Tisch rotieren zu lassen. Sie hat hörbar Spaß daran, ihr Kichern und Lachen ist deutlich lauter als der dezent einsetzende Soundcheck der Band. „Mein Bruder Christopher macht den Sound“, sagt Philip. „Deswegen sind wir mit der ganzen Familie angerückt.“ Philip ist zum dritten Mal im Riptide. „Ich war sogar noch nie hier“, sagt Sina. Die beiden haben sich auch schon Gedanken darüber gemacht, ob es Leonie zu laut werden könnte. „Dann hält sie sich die Ohren zu, hat sie gesagt“, grinst Philip. „Und Christopher hat angeboten, mit Kopfhörern auszuhelfen.“

Philip räumt jetzt Louie zurück in seine Schachtel. Ein angenehmer Duft von Sauerkraut weht durchs Café, jemand muss sich den Hotdog bestellt haben. Das Riptide füllt sich, auch Kim und Nadine sind wie versprochen wieder da. Die Band spielt sich allmählich ein. Draußen fängt es an zu gießen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#24 Silber und Gold

21. Oktober 2009


Samstag, 10. Oktober


Es regnet, und das gefühlt schon immer. Das ist nicht einfach nur Regen, was da vom Himmel stürzt. Besonders nachts sieht der Niederschlag aus wie eine undurchdringliche nasse Wand. Jetzt ist es früher Nachmittag, der Regen ist nur um wenig weniger geworden. Unter dem eigentlich als Sonnenschirm gedachten Wetterschutz vor dem Riptide steht Kathi an einen Stuhl gelehnt und raucht, bei ihr ist eine Freundin. Kathi erzählt, dass sie unterm Dach wohnt und den Regen von allen Seiten auf sich herabprasseln hört. Manchen hindere das am Schlafen, dem anderen helfe es, Schlaf zu finden. Tagsüber hat der Regen einen weiteren Nachteil: Geht man – wie samstags möglich – um die Ecke am Altstadtmarkt über den Wochenmarkt, muss man in den engen Gassen enorm aufpassen, keine Regenschirmspitzen in die Augen zu bekommen. Das Wort „Regenschirmnazis“ fällt. Da fällt Kathi noch eine andere wilde Geschichte ein, wie sie einmal bei grün leuchtender Fußgängerampel über die Straße ging und ihr ein alter Mann mit Stock entgegenkam. „Der hat mit dem Stock vor sich herumgefuchtelt und ihn mir gegen das Schienbein gehauen“, erzählt Kathi, während sie ihre geschützte Deckung unter dem Schirm verlässt und zurück ins Café geht. „Ich war so perplex, ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte.“

Wenn Skapino neue Mitmacher für den Silver Club gewinnen will, hat er eine pralle Mappe dabei. Darin finden sich Ankündigungen, Fotos, Flyer und Presseberichte über die vier bisherigen Veranstaltungen des mobilen Clubs. Viel Überzeugungsarbeit dürfte Skapino bei seinen Gesprächspartnern kaum aufbringen müssen, denn wer vom Silver Club gehört oder ihn gar selber erlebt hat, ist sofort begeistert. Neben die Mappen auf dem Cafétisch stellt Kathi Kaffee. Skapino kommt aus Hamburg, ist erst vor wenigen Jahren nach Braunschweig gezogen und setzt hier fort, was er dort bereits begonnen hat. Der Silver Club allerdings entspringt nicht alleine seinem geist, sondern einem regelmäßigen Stammtisch, an dem man sich darüber einig war, dass sich einfach nur treffen nicht ausreiche und man das Ganze auch gleich in Produktivität umwandeln könnte. Mit positivem Ergebnis.

Im Frühjahr 2007 gestattete das Haarwerk in der Nussbergstrasse dem Silver-Club-Team, die erste Party zu veranstalten. Ein schräg in den Industrieraum geklebtes Fußballfeld gestaltete den Fußboden unter den an der Decke hängenden Großspiegeln. Das Konzept ging auf, die Braunschweiger nahmen die Party an. „Es gab auch eine Haareschneideaktion“, erzählt Skapino. Denn das sei ein wichtiges Element bei den Partys: „Wir wollen den Ort oder dessen Geschichte thematisieren.“

Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis es den Silver Club als Party ein zweites Mal gab. Dieses und auch das dritte Mal bei Marco’s Coffee am Waisenhausdamm, im Frühjahr und Sommer dieses Jahres. Skapino hat Fotos dabei. „Hier haben wir den Einfahrtsbereich zur Lounge gemacht“, erzählt er. Den tschechischen Fotokünstler Jan Saudek konnte er zudem dafür gewinnen, einige Exponate auszustellen. „Beim ersten Mal in Marco’s Coffee hatten wir nicht genug Platz zum Tanzen, das haben viele Gäste bemängelt, doch als wir beim zweiten Mal mit der Lounge genug Platz hatten, hat niemand getanzt.“ Er wundert sich: „Komisch.“ Aber eines freue ihn: „Es ist toll, dass es in Braunschweig so viele Leute gibt, die das annehmen.“

Zwischendurch nimmt Kathi die leere Kaffeetasse mit und bringt Skaipno eine Flasche Fritz-Cola. Skapino dankt und berichtet weiter vom Silver Club, dessen vierte Ausgabe noch nicht so lange zurückliegt. Die fand in der ehemaligen Krabbenkuppel statt, aus der Toddn jetzt die Französische Botschaft macht. „Das war wirklich mal eine“, weiß Skapino. „Wir haben uns mit der Historie des Gebäudes befasst, im 17. Jahrhundert residierte darin die Französische Botschaft“, sagt er. „Die erste Disco Braunschweigs war auch da drin, das passt daher.“ Der vierte Silver Club hatte folgerichtig eine „Französische Indie-Kulturnacht“ als Motto. Chris war daran überdies auch beteiligt, er legte unten im Gewölbekeller auf.

Doch jetzt beschäftigt Skapino der anstehende fünfte Silver Club. Am Samstag, 5. Dezember, soll der stattfinden, Ort: noch unklar. Ein Thema steht zur Debatte: „Es ist eine Drei-Dekaden-Party geplant über die Anfänge des Independent“, überlegt Skapino. „Mit Musik, Kunst und Mode.“ Und dafür sucht er noch Leute, die mitmachen. „Bei uns ist alles vollkommen unkommerziell“, betont er. Niemandem ginge es darum, Gewinne zu machen, und wer seine Hilfe anböte, täte dies ehrenamtlich. So sei auch Michel, der Sänger von Such A Surge, regelmäßig dabei. „Es geht nicht ums Geld, sondern wir machen das für Freunde“, betont Skapino. Wichtig sei ihm zudem, dass der Silver Club niemandem sonst in Braunschweig Konkurrenz mache. „Wir wollen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten“, sagt er. Deshalb versuche das Team auch, immer wieder andere Kulturschaffende zu beteiligen. Wie eben letztes Mal Kult-O-Rama, also Toddn. Skapino sammelt seine Unterlagen zusammen und steckt sie zurück in die Mappe.

Offen bleibt bis jetzt allerdings die Frage, warum Skapino so genannt wird, schließlich heißt er eigentlich Sascha. Die Geschichte dazu überrascht, spielt doch die norwegisch-schwedische Crossover-Band Clawfinger eine entscheidende Rolle dabei. „Früher habe ich das viel gemacht, mit einem Freund in den Niederlanden unterwegs sein“, beginnt Skapino die Geschichte zu erzählen. „Da waren wir auf Konzerten und Festivals.“ Dieses eine spezifische Mal war es hinterher wie so oft: wie kommt man zurück? „Der Freund kannte Clawfinger und hat die gefragt, ob wir im Bandbus mitfahren dürfen – Hauptsache, wir kommen nach Hause“, fährt er fort. So saßen die beiden also mit Clawfinger im Bandbus und durchkreuzten die Niederlande auf dem Weg zurück nach Deutschland. „Alle drei Meter kam so ein Plakat, auf dem ‚Skapino’ stand“, sagt Skapino. „Mit Füßen drauf“, vervollständigt er. „Ich fand das lustig, hatte schon was getrunken, und die Clawfinger haben gesagt: ‚You are Skapino!’.“

Heute Abend steigt im Riptide eine Soulparty, „Ein Abend mit Monsieur LeSupersexuel“ lautet das Motto. Doch parallel dazu stehen die Gäste der nächsten Woche heute schon in Wolfsburg auf der Bühne: Müller & die Platemeiercombo werden am 17. Im Riptide spielen und heute im Kulturzentrum Hallenbad der Gruppe Die Trottelkacker Tribut zollen – einer Band also, der Bandchef Müller selbst einmal angehört hatte. Sechzehn Bands haben sich für dieses Großereignis angekündigt. Organisator ist Paul, Schlagzeuger der Gruppe Die Weltenretter, die zurzeit als Foto im Riptide hängt. So schließen sich Kreise.

Noch immer regnet es. Es ist grau und nass mit der Tendenz zu schwarz und nass. Wer das Riptide in Richtung Innenstadt verlässt, kommt an den beiden bunt leuchtenden Stelen vorbei, die darauf hinweisen, dass es im Schaufensterdurchbruch des Geschäftes Möbel Sander eine Straße namens Handelsweg gibt, die wiederum mit attraktiven Lokalen und Geschäften lockt. Es tut den Gewerbetreibenden im Handelsweg sicherlich gut, dass auf sie hingewiesen wird. Das Leuchten der Stelen durchdringt sogar den Regen.

Samstag, 17. Oktober

Pechschwarz ist es draußen, was dieses Mal allerdings nicht alleine am Wetter liegt, sondern an der Tageszeit. Es ist kurz vor halb zehn Uhr – abends. André steht draußen vor dem Riptide am Holzpult und kassiert. Wer heute Abend dafür Eintritt zahlt, dass er das Quartett Müller & die Platemeiercombo live im Riptide spielen sieht, erhält von der Band ein kopiertes Heft mit Songtexten ausgehändigt. Das erinnert angenehm an die „Kot & Wahn & Sock’n’Roll“-Heftchen, die es damals immer beim Open Arsch gab. Erinnerungen werden wach: Einmal pro Jahr fand in Rümmer auf der Schweinewiese das Festival mit dem sehr pubertären Namen Open Arsch statt. Hauptzugpferd waren Die Trottelkacker, weitere gern gesehene Gäste waren Bands wie Dead Shepherd aus Hamburg, Notrufmelder oder Waterman. Die Erinnerungen daran wurden nicht nur wach, sondern erhielten neue Substanz, als all diese Bands und ein gutes Dutzend mehr am vergangenen Samstag in Wolfsburg den Trottelkackern zur Ehre spielten. Auch Die Trottelkacker selbst traten in der Besetzung Krüger-Müller-Knotke auf – sieben Jahre nach dem eigentlichen Ende dieser wahrhaftigen Kultband.

Ebenjener Müller scharte die Platemeiercombo um sich, ergänzt um Heyl, der auch bei Waterman spielte. Und in dieser Besetzung sollen die Musiker jetzt im Riptide spielen. Plate, Müller und Heyl gesellen sich zu André, bevor das Konzert losgeht. Plate bedauert, dass Die Weltenretter parallel im Schweinebärmann spielen. „Das hätte man besser abstimmen können“, sagt er. Schließlich wären sonst beide Bands jeweils der anderen Publikum gewesen. Die drei Musiker gehen zurück ins Café, Meier wartet dort auf sie, das Publikum sowieso.

Müller und Meier tragen Hemden unter hellen Anzügen, Bassist Meier zudem einen Strohhut. Plate drängt sich hinter sein augenscheinliches Minischlagzeug in der hintersten Ecke des Verkaufsraumes. Heyl, in dunklerer Kleidung und als einziger mit Krawatte, geht während des instrumentalen Intros „Trick 17“ im Zuschauerraum umher und begrüßt das Publikum per Handschlag. Dann schnappt auch er sich eine Gitarre und gesellt sich zur Band.

Die ist cool. „Cool Pop“ nennt Müller selbst die Musik, die aus Swing und Jazz, Bossanova, Salsa und Cha Cha besteht, jeweils mit einem Grundgerüst, das die Rockvergangenheit deutlich Gegenwart sein lässt. Meier ganz links grinst unter dem Hut und mit dem Bass, der fast so groß ist wie er selbst; Heyl ganz rechts bedient sein gigantisches Arsenal an Saiten- und Percussion-Instrumenten mit todernster Miene. Dahinter liefert Plate den rhythmischen Unterbau, in der Mitte singt Müller seine Lieder. Müller geht auf die Liederhefte ein, darauf, dass ihm oft gesagt werde, man könne seine Texte nicht verstehen. „Das passiert nur bei deutschsprachigen Texten“, stellt Müller fest. „Bei englischsprachigen Liedern ist das egal, da geht es mehr um die Musik, oder wie!“ Dafür habe die Band eben die Texthefte verteilt. „Jetzt werden wir uns nur noch den Vorwurf anhören müssen, dass das Publikum die Texte nicht lesen kann.“ Für Fehler entschuldigte er sich explizit nicht: „Die sind Folge der Technisierung unserer Welt.“ Wert lege er vorrangig darauf, dass der Name der Gastsängerin Cora Coriander mit C geschrieben werde, nicht mit K.

Zu hören gibt es hauptsächlich Lieder des neuen Albums „Sexy Sockenschuss“, dazu viele bis dato noch gänzlich unveröffentlichte Stücke. Nur wenige alte Songs finden den Weg in die Setlist. Müllers Ansagen und die Publikumsreaktion ergeben so manchen herrlichen Dialog. Müller kündigt ein nächstes Lied an. Eine Frauenstimme von ganz hinten: „Mit welchem Akkord geht’s los?“ Müller, überrascht: „Yps… vierzehn!“

Man merkt der Band nicht nur an, dass es ihr gut geht, sie sagt es auch. „Hier fühlt man sich wie zu Hause“, meint Müller. Dann spielt die Band „Nichtsnutz“, das Stück hat Live-Premiere, wie Müller betont. Meier sagt irgendwann: „Hier geh ich nicht mehr weg, ist schön hier.“ Müller bestätigt: „Ja, nicht? Aber wir haben ja noch Zeit.“ Die füllen sie mit ihren tollen Ohrwürmern. Nach einem Applaus sagt Müller: „Danke, auch an die letzte Reihe: vielen Dank!“ Die Frauenstimme aus der letzten Reihe erwidert: „Gerne, gerne!“

Für einige Lieder wie „Cocktails und Eiscreme“ kommt Cora Coriander auf die Bühne und veredelt die Songs mit ihrer Stimme. Manchmal tanzt sie auch nur beschwingt und tut es damit dem Publikum gleich, nur eben auf der Bühne. Ein deutlich angetrunkener Mann im Publikum fragt Müller: „Ey, wie heißtn du mit Vornamen?“ Müller gibt es preis: „Tobias Walter.“ Es entsteht eine Pause. „Wirklich“, schickt er nach. „Ich kann das bestätigen“, sagt Cora neben ihm.

„Wir sind schon so weit fortgeschritten in der Liste“, sagt Müller mit einem Blick auf die Liste. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr sagt er: „Oh, in der Zeit auch.“ Aus der letzten Reihe ist glockenhelles Lachen zu vernehmen. „Da hinten lachen Frauen“, stellt Meier fest. „Du hast alles richtig gemacht, wenn irgendwo Frauen lachen.“ Doch Müller ist nicht überzeugt: „Die lachen über mich.“ Meier kontert: „Du musst deine Schwächen zu deinen Stärken machen.“ Müller nickt: „Dafür bin ich hier.“

Nach alter Open-Arsch-Manier erschallt das Wort „Gabuze“ aus den Zuschauerreihen, als Müller bekannt gibt, das letzte Lied sei auch das letzte des Abends gewesen. „Dass auch Zugaben verlangt werden, verwöhnt uns“, behauptet Müller daraufhin. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht größenwahnsinnig werden.“ Doch da besteht keine Gefahr. Das nächste Lied beschleunigt Plate unbewusst mit schneller werdendem Takt. Hinterher fragt ihn Müller: „Plate! Hast du’s eilig?“ Plate, grinsend: „Da ging das Tier mit mir durch.“

Das Konzert endet unspektakulär: Die vier Musiker verlassen nach einem Abschiedsgruß den als Bühne gedachten teil des Riptides und mischen sich unter ihr Publikum, teils drinnen, teils zum Rauchen draußen. Allen Musikern steckt das glückliche Strahlen vom Trottelkacker-Tribut des letzten Wochenendes im Gesicht. Heyl saß dabei als einer von zwei verbliebenen Waterman-Musikern auf der Bühne des Hallenbads. „Unser letztes Konzert als Waterman haben wir in Trier gegeben“, erzählt Heyl. Eines der Bandmitglieder sei dorthin gezogen. „Das war auch der Grund, weshalb es mit der Band zu Ende ging.“ Auf das Gerücht angesprochen, Waterman haben pro Jahr nur einmal geprobt, nämlich auf dem Open Arsch, wehrt Heyl ab: „Neeee, also, na ja, später vielleicht“, überlegt kurz, „eigentlich stimmt das.“ Er geht auch nach draußen.

Karine und Nikolaus sind Kollegen von Plate im Kulturzentrum Hallenbad. „Das Trottelkacker-Tribut habe ich verpasst“, sagt Nikolaus enttäuscht. Er war an dem Wochenende bei seiner Familie in Süddeutschland. Als Quasi-Ortsfremder ist er von der unterschwelligen Feindschaft zwischen Braunschweig und Wolfsburg überrascht und erzählt: „Karine und Plate haben für Radio Okerwelle ein Interview gegeben, da kam die Konkurrenz deutlich zutage.“ Verstehen könne er das aber nicht.

Überall in der Luft hängen noch die Lieder von Müller & die Platemeiercombo. So schnell bekommt sie niemand aus dem Ohr. Und das ist gut.

Dienstag, 20. Oktober

Kaum zu glauben, aber die Sonne scheint. So sieht der goldene Oktober aus, den man sich ausmalt, sobald man von ihm hört. Es ist früher Nachmittag, heute sind Chris und André im Riptide. Chris sitzt am Computer und telefoniert mit Kunden und Geschäftspartnern, André etikettiert neue LPs und sortiert sie in die entsprechenden Fächer ein. An der Wand hängt die Picture-LP der zwölften Drei-Fragezeichen-Folge „und der seltsame Wecker“, mit der die Sprecher nächste Woche auch nach Braunschweig kommen. Hinter André lugt eine a-ha-12“ aus dem Second-Hand-Kasten.

„Unsere allseits beliebten, leckeren Suppen sind wieder da“, sagt André. „Die Wochensuppen.“ Bereits letzte Woche gab es eine Kürbis-Ingwer-Suppe. „Man musste sie letztlich Ingwer-Kürbis-Suppe nennen, weil der Ingwer durchgezogen ist“, stellt André grinsend richtig. Aktuell steht eine Erbsen-Minzcrème-Suppe „mit einer feinen Chili-Note“ auf der Karte. „Ein bisschen Frische reingebracht durch die Minze, und von hinten kommen Schweißperlen auf die Stirn“, grinst André. Während er für Gäste Kaffee vorbereitet, kündigt André an: „Am 2. November eröffnen wir hier eine neue Kunstausstellung, von Christian Grams, der ist Grafiker und macht auch Schablonenkunst.“ Was André auf dem Monitor seines Computers zeigt, erinnert leicht an Banksy.

André streut Kakaopulver über einen Milchkaffee und legt die „Teufelswerk“-CD von Hell beiseite, die jemand nach dem Kaffeegenuss kaufen möchte. Chris telefoniert immer noch angeregt, André bringt den Kaffee an einen der Tische. Unfassbar, es scheint die Sonne! Man sollte nach draußen gehen. Wenn es dort nicht so viel kälter wäre als im Riptide.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#23 Zwei Fragen

16. September 2009


Mittwoch, 16. September 2009

Man spürt, dass sich der Sommer seinem Ende entgegenneigt. Doch aus dem trüben Vormittag ist ein richtig angenehmer Nachmittag geworden. Angenehm genug für die meisten Gäste des Café Riptide, draußen im Achteck zu sitzen. Drinnen liegen einige T-Shirts auf der Theke. „Ich bin grad dabei, hier’n bisschen…“ lässt André seinen Satz unbeendet und räumt einige T-Shirts beiseite. Hinter ihm röchelt die Kaffeemaschine, die Tasse ist voll. André bringt den bestellten Kaffee an einen Tisch draußen und kommt mit dem Tablett voller leerer Flaschen wieder zurück. Er verschwindet in der Küche, man hört ihn dort die Flaschen in Kisten versenken. Auch Chris kann man hören, er sitzt der Küche gegenüber an seinem Stammplatz und klackert auf der Tastatur seines PCs. Beide tragen einen Button, der sofort ins Auge fällt: Einen silbernen „Jubiläums-Button“, wie Chris ihn nennt. Darauf ist das Riptide-Logo gedruckt.

Es gibt einen schönen Anlass dafür. Das Riptide wir nämlich heute auf den Tag genau zwei Jahre alt. Am Samstag steigt dazu die Geburtstagsfeier, doch schon heute bekommt jeder Gast zwei Fragen gestellt:

1. Was wünschst du dem Riptide?
2. Welche Assoziation hast du zur Zahl zwei in Verbindung mit dem Riptide?

Mirko

1. Dass es am Leben bleibt, dass die Rendite passt und Glückseligkeit und das Beste, was man nicht in Worte fassen kann.

„Das ist mein Lieblingscafé“, fügt er hinzu, bevor er die zweite Frage beantwortet.

2. Dass alle guten Dinge erst mal drei werden sollen.

Von draußen kommen Kathi und Till ins Café, um zu zahlen. Heute ist Kathi mal als Gast hier, nicht als Angestellte.

Kathi

1. Ein weiterhin nettes, immer fröhliches und freundliches Arbeitsklima und dass wir weiterhin so viel Erfolg haben und auf immer und ewig so super miteinander auskommen.
2. Ich habe meinen Freund hier kennen gelernt – seitdem sind wir zu zweit.

Till

1. Eine wundervolle Zukunft und weiterhin ein tolles Ambiente. Ich bin unheimlich gerne hier und weiß nicht, wie ich das in Worte fassen soll.

„Das ist sein Wohnzimmer“, erklärt Kathi. Sie weiß das: „Er ist mein bester Freund“ – aber nicht der Freund, den sie hier kennen gelernt hat.

2. Zwei tolle Läden in einem.

Till und Kathi müssen beide weg. „Ich bin völlig durch“, erklärt Till noch. „Ich habe meine Bachelorarbeit um zwölf Uhr abgegeben.“

Bernd

1. Viel Glück, dass es weiter so geht.
2. Ich spiele mit Chris Fußball.

Micha

1. Gesundheit. Alles andere kommt von selbst.
2. Zwei nette Besitzer.

Micha erklärt seine beiden Antworten genauer: „Weil, wenn die zwei netten Besitzer nicht gesund sind, ist auch nicht viel mit dem Riptide – ohne diese persönliche Zuordnung läuft auch das andere nicht.“ Natürlich schließe das auch die wirtschaftliche Gesundheit mit ein. Micha bestellt bei André einen Kaffee und erzählt, dass er eine Einladung zur Eröffnung des neuen Universum-Kinos hatte, aber nicht da war. „An dem Tag hab ich ‚Inglorious Basterds’ geguckt“, sagt er. Den fand er gut, „im Großen und Ganzen“. Doch seinem Kino-Begleiter gebe er in einem Punkt Recht: „Schauspielerisch fielen einige ab, zum Beispiel Diane Krüger, aber dass liegt auch daran, dass Christoph Waltz die anderen an die Wand spielt.“ August Diehl habe er am überzeugendsten gefunden. „Der hat überzeugend gespielt, auch die beiden, die Goebbels und Hitler gespielt haben, zusammen mit Herrn Waltz – der ist das Eintrittsgeld alleine wert.“ Bei Quentin Tarantino sei es ansonsten immer so gewesen, dass er das Letzte aus den Schauspielern herausgeholt habe. „Das habe ich dieses Mal nicht so empfunden“, meint Micha. „Auch Eli Roth und Brad Pitt waren blass, etwas austauschbar, solide.“ Einen Grund kann Micha sich dafür denken: „Das kann auch an der Ensemblegröße liegen.“ Kein anderer Schauspieler habe schließlich so viel Zeit im Film bekommen wie Christoph Waltz, da habe niemand seinen Charakter wirklich entwickeln können. „Ich muss weg“, sagt Micha und stürzt seinen Kaffee herunter. „Jetzt ist eine Lesung in der Kemenate, da helfe ich.“

Oliver

1. Alles Gute, dass die so bleiben, wie sie sind, und dass sie uns so lange wie möglich erhalten bleiben.

„Ich kenne sie erst seit der Hälfte der Zeit“, stellt Oliver fest. „Möchte ich nicht mehr missen.“

2. Ich hoffe, dass wir noch mindestens eine Null dranhängen werden.

André legt Olivers Bestellung auf die Theke, „Agilok & Blubbo“ von The Inner Space, einmal auf Vinyl und einmal als CD. „Das ist die Vorläuferbesetzung von Can“, erklärt Oliver. „Ungefähr sechs Wochen später haben sie sich Can genannt.“ Er betrachtet das Sexploitation-Cover der LP und den Bandnamen. „Das war mir bis vor vier Wochen auch noch kein Begriff.“ Natürlich hat Oliver auch das aktuelle Album von Phillip Boa, „Diamonds Fall“. Denn da spielt Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit mit. Auf der nächsten Boa-Tour wird Liebezeit auch dabei sein. „Da gibt es zwei Termine: am 3. Oktober in Hamburg und am 10. Oktober in Berlin“, sagt Oliver. „Das sind für mich die einzigen Optionen, weil ich aufs Wochenende achten muss.“ Von Boa hält Oliver auch ohne Liebezeit viel. „Der macht sich in Braunschweig rar, auf den letzten zwei Touren musste ich ihn in Hannover sehen“, beklagt er sich. Er schwärmt von Boas Alben, von Boas dauerhaft guter Qualität. „Und wenn mal ein Album nicht gleich kickt, dann spätestens nach einem Jahr.“

Laura

1. Mehr Soul-Partys.
2. Runde Atmosphäre – weil die 2 rund ist.

Miriam

1. Weiterhin viel Erfolg und Sonnenschein.
2. Die beiden Chefs – Chris und André.

Oliver kommt aus Bad Harzburg. „Ich habe heute extra früher Feierabend gemacht, um die LP und die CD zu kriegen“, erzählt er. Chris, von seinem PC-Arbeitsplatz an die Theke getreten, berichtet davon, wie sie versucht haben, beides zu bestellen. „Ein kleines italienisches Label hat die herausgebracht“, sagt Chris. „Das war nicht einfach, die zu finden – unter Soundtracks haben wir sie dann gefunden.“ Oliver nickt. „Agilok & Blubbo ist auch ein Film, von dem ich noch nie gehört habe.“ Dann nimmt er wieder bezug zu Chris’ Sucharbeit: „Das ist halt was Schönes – ich krieg hier nie zu hören: Geht nicht.“ Chris bestätigt grinsend: „Geht nicht gibt’s nicht.“ Oliver will nach Hause, sich heute wenigstens noch die CD anhören. „Bevor ich euch kannte, musste ich immer nach Hannover fahren, um fähige Leute zu finden“, sagt er noch und geht dann.

Neue Speisekarten gibt es im Riptide. „Die Bilder, die im Hintergrund zu sehen sind, sind hier abfotografiert“, sagt André und präsentiert das Werk. „Sieht jetzt aus wie von einer Kette“, grinst er. „Audrey hat’s gemacht“, sagt er und blättert zum Foto mit dem riesigen Muffin. „Sieht doch zum Reinbeißen aus“, grinst er wieder. Dann zeigt er auf den geschriebenen Inhalt. „Bei den Crêpes hat man jetzt selber in der Hand, wie man’s zusammenstellt.“ Die Zutaten sind nämlich einzeln aufgelistet. Auch neu war ein Stapel Kalender vom Café Riptide, im Checkkartenformat. „Die sind aber schon alle weg“, sagt André. „Die Leute sind gewappnet fürs nächste Jahr.“

Matze

1. Alles Gute, genauso weitermachen wie bisher, dass das Riptide die nächsten zwanzig – ach, hundert Jahre Braunschweig erhalten bleibt.

André wirft dazwischen: „So lange muss ich hoffentlich nicht arbeiten!“ Matze wehrt ab: „Ich hab erst mal geschätzt, wie alt du bist, und dann doch lieber hundert gesagt.“

2. Ich habe bisher zwei CDs hier gekauft – zu wenig.

Und er fügt hinzu: „Aber die ein- oder andere Platte!“ Und grinst.

Der Plattenladen Riptide ist in die Liste auf www.meinplattenladen.de aufgenommen, erklären Chris und André. Das bedeutet, dass es im Riptide gelegentlich limitierte Tonträger gibt, die man woanders nicht bekommt. „Die Element-Of-Crime-Single haben wir“, sagt André. Chris ergänzt: „Die B-Seite ist exklusiv, die gibt’s nur für kleine Plattenläden, die A-Seite ist vom Album“. Das Album heißt, wie die Single, mit falscher Interpunktion „Immer da wo du bist bin ich nie“, auf der B-Seite findet sich das Andreas-Dorau-Cover „Blaumeise Yvonne“. „Nur für ausgesuchte Plattenläden, das kriegen keine Großen“, sagt André.

„Kannst du was von Fall Of Efrafa bestellen, das ist eine Hardcore-Band“, fragt Markus André. Der guckt am PC nach und bestätigt: „Ja, kann ich bestellen, ist eine Doppel-LP, als Import, das dauert dann aber etwas.“ Das Album heißt „Inlé“, Efrafa ist der Name eines Landes in „Watership Down“. Markus bestellt das Album.

Markus

1. Dass es so bleibt, wie es ist.
2. Doppel-LP.

Malte

1. Mehr Auftritte. War ja auch ab und an, dass ein DJ hier war – dass das beibehalten wird.
2. Dass ich noch zum zweiten Mal wiederkommen müsste.

Tatsächlich ist Malte zum ersten Mal hier. „Ich habe davon im Internet gelesen, es aber nie hergeschafft“, sagt er. „Ich muss das mal begutachten hier.“ Er guckt sich um. „Dabei wohne ich schon zwei Jahre in Braunschweig – noch eine Assoziation zur zwei.“ Zeit zum intensiven Begutachten hat er heute jedoch nicht, Markus und Malte müssen los.

Fiona

1. Dass es noch länger bestehen bleibt – ich find’s gut hier.
2. Ich habe mir hier zwei Platten gekauft und war auf zwei Konzerten. Ich wohne zwei Jahre in Braunschweig, ich bin hier also her gezogen, als das Riptide aufgemacht hat.

Fiona ist mit Matze hier. Sie kommen beide aus Helmstedt. Neben der mittelalterlichen Altstadt gebe es dort nicht viel zu sehen, meinen sie. Matze empfiehlt „Kalt u. heiß Heinz“, einen Schnellimbiss. „Gleich neben dem Hausmannsturm“, sagt Matze. „Als ich noch zur Schule ging, haben wir in den Freistunden immer den großen Helmstedter Gastronomiecheck gemacht – da war Kalt u. heiß Heinz die klare Nummer Eins.“ So klein sei die Auswahl an Gastronomiebetrieben in Helmstedt nicht, dass das zwangsläufig so wäre, sagt Fiona: „Es gibt jede Menge Dönerläden.“ Und sogar einen Club, in dem es ab und zu einigermaßen alternativ zugeht, so Matze: „Das Number One auf dem Holzberg.“ Fiona konkretisiert: „Da gibt es einmal im Monat eine Indieparty – was heißt Indie, die sind nie über Green Day und Blink 182 hinausgekommen.“ Den Laden gibt es aber schon lange. „Da haben meine Eltern sich kennen gelernt“, erzählt Matze. Fiona nickt. „Meine Oma ist da auch schon hingegangen.“ Matze weiß: „Da hatte der aber noch einen anderen Namen.“ Green Day und Blink 182 sind auch nicht der Geschmack von Matze und Fiona. „Aber wir haben dazu getanzt, weil wir uns gefreut haben, mal was mit Gitarre zu hören“, sagt Fiona. „Wo ‚Summer Of ’69’ gespielt wird, ist keine Indieparty“, findet Matze. Sie zählen lauter Songs auf, die in das Schema hineinpassen, und Fiona landet bei „Time Of My Life“. Jetzt, da Patrick Swayze tot ist, wird das bestimmt öfter wieder irgendwo gespielt. Matze erinnert sich an den Film „Die rote Flut – Red Dawn“, in dem Swayze und Charlie Sheen mitgespielt haben. „Da besetzen russische Truppen die USA, Swayze und Sheen sind Teenager, die sich in die Wälder zurückziehen und eine Rebellentruppe bilden“, sagt Matze. „Ziemlich schlechter Film.“ Außer „Ghost“ und „Dirty Dancing“ gibt es kaum Filme, vor allem neuere, in denen Swayze eine Rolle gespielt hatte und die erinnernswert sind. „Donnie Darko“, fällt Matze ein. „Da hatte Swayze ein ähnliches Comeback wie Kurt Russel in ‚Death Proof’.“ Fiona weiß: „Von ‚Donnie Darko’ gibt es bald einen zweiten Teil, da geht es um die Schwester, die ist auf einem Road Trip und hat Visionen, ähnlich wie Donnie – der soll aber schlecht sein.“ „S. Darko“ heißt der und ist direkt auf DVD erschienen, wie schon sein Prequel. „Der ist auch nicht vom Original-Regisseur, der hat sich davon distanziert“, ergänzt Matze. Die beiden wollen jetzt bei André ihre Rechnungen begleichen und entdecken die Quartettspiele auf der Theke, Seuchen, Tyrannen und Rauschgift. „Wir haben immer Perso-Quartett gespielt, als wir auf Rucksacktour waren“, erzählt Fiona. „Ich hab immer verloren: in Größe, Alter…“ Matze widerspricht: „Bei Hausnummer hast du mich geschlagen.“ Unterwegs waren sie in Italien und Griechenland, zu viert. Und haben unzählige Geschichten mitgebracht. Wie die von dem Mexikaner, der ihnen auf einem Hausdach in Athen erzählt hat, dass sie in Mexiko jeden Tag Party feiern, von Montag bis Sonntag. „Wir haben lustige Leute getroffen“, schließen sie in Erinnerungen schwelgend und verabschieden sich.

Matthias

1. Dass es größer wird und noch mehr Platten hat.

„Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt Matthias.

2. Wir sind zu zweit.

Zwei geschäftsmäßig aussehende Männer in Hemd und lockerer Krawatte, die draußen zusammen Kaffee getrunken haben und jetzt weiter wollen. „Mein Sohn verkehrt hier regelmäßig, der spielt bei Trick Seventeen“, sagt Matthias. „Die haben den Band Battle gewonnen und auf der Expo-Plaza vor Peter Fox gespielt.“ Er guckt in Richtung der Platten und nickt mit dem Kopf. „Ich sammle Vinyl“, sagt Matthias. „Bei Raute Records war ich schon, aber hier noch nicht.“ Der, der Matthias zu zweit sein lässt, heißt Uwe. „Ich habe eine Einladung für einen Vortrag zum Thema Rücken bekommen“, erklärt Uwe. Er hat ein Buch dabei, erst wenige Woche alt: „Rückerts kleine Rückenschule“ aus dem Humboldt-Verlag. Sein Buch. „Den Vortrag halte ich heute vor der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung“, sagt Uwe. „Der Sohn, der in der Gruppe spielt, hat mich eingeladen.“ So waren Matthias und Uwe aufeinandergetroffen, Matthias wollte Uwe auf einen Kaffee einladen und hat sich an den Vorschlag seines Sohnes erinnert, mal das Riptide auszuprobieren. „Ich komme aus Hamburg, ich bin zum ersten Mal überhaupt in Braunschweig“, sagt Uwe. Er lobt das Riptide und findet einen passenden Vergleich: „Das ist wie die Schanze.“ Matthias fragt derweil nach der neuen Porcupine Tree auf Vinyl. „Die kommen nach Hannover“, sagt er strahlend. „Im Vorprogramm: Robert Fripp!“ Zu Uwe gewandt: „King Crimson!“ Sie gehen nach draußen.

Nina

1. Es soll weitere hundertzehntausend Jahre bestehen und bitte sich in Idealismus nicht ändern zum Schlechten hin – man kann sich ja immer verbessern. Zum Beispiel Cola-Angebote, dass sie nichts anbieten, was man nicht unterstützen sollte.

Um sich Inspiration für die Antwort auf die zweite Frage zu holen, geht Nina kurz vor die Tür, guckt an der Fassade hoch und kommt wieder rein.

2. Zwei Riptides wären besser in Braunschweig.

Johanna

1. Viele Gäste und dass der Smoothie genau so lecker bleibt.
2. Zwei verschiedene Räumlichkeiten.

Wer Nina kennt, kennt sie zumeist tanzend. Jetzt hat sie einen frischen Hot Dog in er Hand, den sie gleich verspeisen will. „Bei Musikveranstaltungen, bei denen Live-Bands spielen, tanze ich auf der Bühne mit den Bands“, erklärt Nina. „Das mache ich öfter.“ Und auch demnächst wieder: „Am 2. Oktober im Jolly Joker bei der Sunsation.“ Am liebsten tanze sie bei Bands auf der Bühne, doch bei der Sunsation lege ein DJ elektronische Musik auf, Klangachse, wie Nina erklärt. „Der macht was im Chill-Out-Bereich, er legt auf und der Gitarrist von Le’Band spielt dazu und ich bin die Tänzerin“, sagt Nina. „Ich nenne mich noch um, DiscoNina passt nicht mehr.“ Das erinnere zu sehr daran, dass sie diesen Namen trägt, seit sie deutlich jünger war als jetzt. Der zweite Tanzauftritt ist am 16. Oktober im Meier, bei einer Release-Party eines Samplers mit lokalen Bands. „Vielleicht – wenn’s klappt“, schränkt Nina ein. Ihre Wunsch-Bands, bei denen sie tanzen will, sind Le’Band und Due e la Donna. Sie tanzt Ausdruckstanz, erklärt Nina weiter. „Ich lerne gerade die Grundtechnik, man tanzt, wie die Stimmung ist, in Verbindung zu der Musik, die einen umgibt.“ Zuletzt war sie beim Kulturschaufenster 38118 am letzten Freitag auf der Bühne am Frankfurter Platz zu sehen, unter anderem bei Müller & die Platemeiercombo. Und die wiederum spielen nicht nur ebenfalls am 16. Oktober im Meier bei der New City Rock Release Party, sondern einen Tag später auch im Riptide.

Timo

1. Dass es noch ganz viele tolle Konzerte gibt von Bands, die ich auch gerne mag, und dass es stattfindet, wenn ich Zeit habe.
2. Von zwei zu zwanzig: Ich habe mir das Peter-Doherty-Album letztens gekauft, dass hat über 20 Euro gekostet. Natürlich auf LP.

Timo lässt sich von André die „Klang“-CD von The Rakes geben. Er setzt sich an die CD-Player am Fenster und hört in das Album rein.

Chris sitzt immer noch am PC und plagt sich mit Kompabilitätsproblemen. Im Gegensatz zu Micha war Chris bei der Eröffnungsparty des Universum-Kinos, wie Chris erzählt. „Das hat Donnerstag aufgemacht, Mittwoch war Eröffnung für Sponsoren, Freunde, Politiker, Architekten, Vereine – und mich.“ Er lacht und zuckt dabei mit den Achseln. „Ich arbeite seit acht Jahren fürs Filmfest, als DJ, Werbesponsor – da war ich eingeladen.“ Die Leute vom Filmfest leiten jetzt nämlich das Universum. Einen Sektempfang und einen roten Teppich habe es gegeben. „Es war schön, alle wiederzusehen“, sagt Chris. Eine Führung habe es gegeben, durch die zwei übrig gebliebenen Filmsäle und das Bistro, das sie im dritten eingerichtet haben. Das Bistro heißt Abspann. „Den Namen find ich gut“, sagt Chris. Nach einigen Ansprachen sei man zum Filmegucken gekommen. „Zuerst einen belgischen Kurzfilm, ‚Kwiz’, völlig genial“, sagt Chris. „Und dann den griechischen Eröffnungsfilm, der erste Film, der da lief im Universum.“ Chris strahlt. „Das ist so wichtig für ganz Braunschweig“, sagt er. „Ich hoffe, dass sie leben können.“ Er sinniert. „Das war ein richtig schöner Abend, eine schöne Eröffnung, hat Spaß gemacht.“ Und dann war Chris auch am Samstagabend in der ehemaligen Krabbenkuppel bei der aktuellen Ausgabe des Silver Club. Da hat Chris aufgelegt, unten im Gewölbekeller, der einmal ein griechisches Restaurant war. Régine Rius las Serge Gainsbourg. Toddn legte auch auf. „Und Michel von Such A Surge, der Ex-Sänger, stand hinterm Tresen und hat mir eine Cola verkauft“, wundert sich Chris. Außer Toddn und Chris war noch Christoph als DJ dabei. „Spex-Redakteur und Intendant von irgendetwas, der ist kürzlich von Berlin nach Braunschweig gezogen, auf ein Dorf in der Nähe“, berichtet Chris. „Wir haben uns gut verstanden.“ Zwei Kunstausstellungen hat es gegeben, eine davon waren Bilder, auf LKW-Planen gemalt. „Die hingen im Eingangsbereich, Iggy Pop war auf einem drauf“, sagt Chris. Der Silver Club war wegen des DJ-Auftrags auf Chris zugekommen, sagt der. „Sie haben mich schon öfter gefragt, du musst kommen, unbedingt, aber es hat nie zeitlich hingehauen.“ Aber jetzt. „Mir hat’s Spaß gemacht, trotz der Hitze“, sagt Chris. „Lustig war’s, in dem Laden wieder zu sein, der original aussah wie früher, vor 19 Jahren, als ich Vegetarier wurde.“ Bis damals sei er regelmäßig mit seiner Jugendgruppe beim Griechen gewesen. „Immer schön Gyros und Pommes“, so Chris. „Erst vor einem Jahr wurde mir klar, dass der Laden dicht hat – und das schon sechs Jahre.“ Was damit passiert, ist noch nicht ganz sicher, doch: „Toddn will da demnächst seine ‚Please Kill Me’-Lesung halten.“ Am 10. Oktober nämlich. Toddn nennt die Krabbenkuppel in seiner Ankündigung Französische Botschaft. Chris wendet sich wieder seinem PC-Problem zu.

Sven Supernova

1. Dass es so weitergeht.
2. Ich hab auf jeden Fall schon mehr als zwei Platten hier gekauft.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de
Myspace: www.myspace.com/riptide_rules

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

ACHTUNG! NEUE Öffnungszeiten ab dem 01.05.2010:
MO – MI: 10 bis 23 Uhr
DO: 10 bis 1 Uhr
FR – SA: 12 bis 1 Uhr
SO: 12 bis 19 Uhr