Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#54 Keine Früchte

26. April 2012


Donnerstag, 26. April

Die Plattenmatte mit dem orangefarbenen Jägermeisterhirsch auf den beiden Reinhörplattenspielern im Riptide gibt diesem grauen Tag etwas Farbe. Es ist Ende April, die Okercabana öffnet heute, die Schwalben sind überfällig, etwas höhere Temperaturen eigentlich auch, sieht man mal von der einen viel zu frühen warmen Woche im März ab und davon, dass es heute gerade einmal ein bisschen zu warm für einen Schal ist. Immerhin, der Flieder in unserem Hinterhof blüht zurzeit und die Fledermäuse drehen dort auch schon seit einer Weile ihre Runden. Die Sonne könnte sich also mal wieder blicken lassen, wo kommen wir denn da hin. Trotzdem: So schön grün, wie auch die Straßenbäume jetzt wieder sind, da macht es richtig Spaß, durch die Stadt zu schlendern, vom Kohlmarkt zum Kingking Shop und in den Handelsweg. Bei Serge im Eingang steht eine Leinwand mit orangefarbenen Luftballons darauf, die für ein Selbstfilmfest werben, und gegenüber bei Piou steht ein Stuhl mit einer Topfpflanze darauf vor der Tür. Zusätzlich zu den Jägermeisterplattenmatten geht es im Riptide wie gewohnt farbig zu. Chris unterhält sich mit einem Kunden über Liveerlebnisse mit einer uralten Indieband, André konzentriert sich auf seine Arbeit am PC, Sina bedient die Gäste und Jasmin ist in der Küche zugange.

Sina stellt mein bestelltes Wolters auf die Theke neben die inzwischen zehn verschiedenen Quartette, die dort ausgestellt sind, ergänzend zu den vielen anderen CDs, DVDs und weiteren Produkten, und Chris erzählt vom Record Store Day. Der war am Samstag und das Riptide einer der weltweit teilnehmenden Läden und deshalb entsprechend voll. Die Liste der nur für diesen Tag in ausgewählten Schallplattenläden wie dem Riptide erhältlichen Veröffentlichungen war gigantisch lang, die Schlange vor der Theke wohl auch. „Die meisten Nachfragen hatten wir nach ABBA“, erzählt Chris. Auf blauem Vinyl gab es den Extended Dance Mix von „Voulez-vous“, und, so Chris: „Da ist ein unveröffentlichter Song drauf“, die B-Seite „If It Wasn’t For The Night“ nämlich. Schade nur, dass ein nicht geringer Teil der Käufer die tollen Raritäten nicht wegen der wunderbaren und oft exklusiven Musik kauft, sondern wegen des vielfachen Wiederverkaufswertes. Glücklich können sich also alljene schätzen, die im Riptide einen begehrten Schatz ergatterten, und davon gab es eine Menge.

Der anstehende Mai kommt im Riptide mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen, obwohl er mit einem geschlossenen Tag startet, dem Maifeiertag. Das Plakat von der Nagel-Lesung am 18. begrüßt gleich jeden Gast am Eingang. „Nagel hat bei uns gerade seine Ausstellung, der war schon zur Eröffnung hier, persönlich“, erzählt Chris. „Er kommt wieder zur Finissage – ‚Bebilderte Lesung‘ nennt er das.“ Chris blickt in Richtung Kunst: „Für die neue Ausstellung haben wir alles einmal komplett gestrichen, wir haben richtig viel geschafft, mit zehn Leuten haben wir hier gestanden.“ Der Mai sei deshalb so voll mit Veranstaltungen, weil im Juni die Fußball-EM kommt, sagt Chris. Stimmt ja. Olympiade ist auch, aber irgendwie hat die in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung verloren, scheint mir. „Vier Veranstaltungen haben wir, die Nagel-Lesung, Sound On Screen mit einer Reggae-Party danach, eine Soul-Party am 5. und MC Rene liest aus seinem Buch.“ Chris schwärmt von MC Rene: „Der ist Braunschweiger und war seinerzeit der beste Freestyle-MC Deutschlands, hat auf Viva moderiert, dann alles verkauft und war zwei bis drei Jahre nur mit einem Bahnticket auf Reisen und hat darüber in dem Buch geschrieben, selbstkritisch und ironisch.“ Das Buch sei zwar kein Hip-Hop-, sondern ein Reise-Buch, so Chris, „aber mit einem Musik-Einschlag“. Es heißt „Wir sehen uns im Zug“, erscheint im Rowohlt-Verlag und ist noch gar nicht veröffentlicht. „Wir haben die Release-Lesung“, sagt Chris, „vorher ist er nur bei Stefan Raab.“

Für André ist Feierabend, er verlässt seinen Platz am PC und nach einigen Abschiedsworten auch das Café. Chris übernimmt seinen Posten. Jasmin arbeitet weiter in der Küche und Sina läuft zwischen den Caféräumen umher und nimmt Bestellungen auf. Möchte ein Kunde bezahlen, kommt Chris wieder an die Theke zurück. „Ich zahle die Sofa-Rechnung“, sagt Barbara und deutet auf das Möbelstück und ihre sich davon erhebende Begleiterin. Das dürfte etwa 400 Euro machen, oder? Sie wehrt ab: „Nee, so schön ist es auch wieder nicht.“ Chris blickt auf: „Was?“ Barbara reicht ihm grinsend den genannten Betrag und wird genauer: „Es ist gemütlich – aber meins ist gemütlicher.“

Auf dem Zeitschriftenstapel liegt bereits das Mai-Intro. Die April-Ausgabe gab es an meinem Arbeitsplatz dieses Mal nicht, gab’s denn im Riptide eine? Bei meinen letzten Besuchen hier dachte ich nicht daran, danach zu suchen. „April? War das das mit Frittenbude?“, fragt Chris. Das weiß ich eben leider nicht. Ah, wer sich nach etwas weiter unten durchwühlt, wird unter den ganzen neuen Magazinen fündig und sieht Chris bestätigt: Ja, das mit Frittenbude. „Unsere Jungs“, wie Chris grinsend feststellt und bemerkt: „Nicht mehr, aber ich hab die entdeckt, da ist das schon Wahnsinn.“ Und demnächst spielen sie in Wolfsburg im Kulturzentrum Hallenbad. „Da gehe ich hin, wenn ich Zeit habe“, sagt Chris. „Wenn Bohren spielen, habe ich wahrscheinlich keine – da ist hier Bohlwegzeiten-Party im Riptide.“ Bohren & der Club Of Gore kommen im Rahmen des „Festival Theaterformen“ nach Braunschweig. Das wechselt jährlich zwischen Hannover und Braunschweig, dieses Mal sind wir wieder dran. Letztes Mal, vor zwei Jahren also, war es schon so, dass über die Dauer des Theaterfestivals parallel im Theaterpark abends Open-Air-Konzerte wirklich namhafter Musiker und Bands stattfanden. So ist es dieses Mal wieder: Am 2. Juni spielen Bohren, am 3. Nils Koppruch. Da habe ich mal Glück, denn an dem Wochenende muss ich nicht arbeiten und habe auch sonst noch nichts vor, außer mir am Samstag bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt den Bauch mit weltweiten Leckereien vollzuschlagen. Dann geht’s abends gemütlich in den Park, Doomjazz hören. Chris zitiert zwei exemplarische Songtitel vom 1995er Debüt „Gore Motel“, „Dangerflirt mit der Schlägerbitch“ und „Dandys lungern durch die Nacht“, und lacht. „Das war vor mehr als 15 Jahren, kurz nach 7 Inch Booots, das war die Vorgängerband, die habe ich noch live gesehen, da waren die noch Neurosis-dreckig.“ Mike Patton, der auf dem letzten Bohren-Album „Beileid“ die ersten Vocals der Bandgeschichte beisteuerte, wird wohl nicht in Braunschweig zu erwarten sein – nicht wie letztes Mal mit Tamikrest, als Hugo Race als unangekündigter Gast inkognito auf der Bühne stand, ausschließlich in Braunschweig. Aber wir haben schon Glück genug damit, dass Bohren überhaupt zu uns kommen.

Vorhin im Kingking Shop blätterten wir auch schon staunend durch das Festival-Programm. Und durch das Gratis-Magazin „Zettelwirtschaft“, in dem Off-Literaten und Poetry-Slammer ihre Texte beisteuern. Ein neues Heft stellten Stefan und Pott auch vor: „Päng, das Magazin für Leute mit einem Knall“. Demnächst macht Marc Domin im Kingking Shop Halt auf seiner Promotour für sein neues Buch „Viertel nach Untergang“. Marc war auch bei der „Mühe & Muße“-Show von Müller & die Platemeiercombo und vielen weiteren Beteiligten in der Brunsviga auf der Bühne und wird es wohl bei der Aufführung morgen in der Wolfenbütteler Kuba-Halle auch wieder sein. „Mühe & Muße“ wird seiner Selbstbeschreibung „Live-Psychotest-Revue“ nicht gerecht, weil es viel mehr bietet als nur das. Letztes Mal war Marcs Beitrag ein Slam darüber, wie wichtig es ist, bei der Arbeit betrunken zu sein. „Die Polen sind schlauer als die Deutschen“, sagte er in der Pause, und wenn er solches sagt, glaube ich ihm das, ist er doch mit einer Polin verheiratet. Er setzte fort: „In Polen geht das ganze Land den Bach runter und die Leute saufen, in Deutschland geht das ganze Land den Bach runter und die Leute bleiben nüchtern.“ Marc bewirbt seine Show damit, dass sie ab 18 sei, und hat damit vermutlich Recht.

Aus der Küche dringen seltsame Geräusche. Es klingt wie eine Mischung aus Kratzen, Schaben und Hacken. Welche Speise erfordert solche Geräusche? Keine, oder besser: alle, denn Jasmin reinigt einige Küchengeräte. Und ich fragte mich schon: Was bereitet sie da nur zu? „Noch gar nichts“, sagt Jasmin, „aber gleich wieder mit großer Freude alles.“

Auch Chris reinigt, als er einen Karton auspackt, und zwar die Hülle einer CD von Kleberesten. Den Kragen auf dem Cover erkenne ich aus diversen Musikmagazinen: James Blake, das selbstbetitelte Album mit dem verwischten Gesicht. Chris hält es hoch: „Auch die Singles sehen so aus, man muss genau hinsehen.“ Und „Meds“ von Placebo auch, das ist aber fünf Jahre älter. Gleichalt hingegen sind die neuen Alben von Mia („Tacheles“) und dem einen Kalkbrenner („Suol Mates“ von Fritz, nur echt mit dem Buchstabendreher) – und die haben beide den identischen optischen Effekt auf dem Cover: Eine Mischung aus Profil und Frontansicht des jeweiligen Musikers. Ein Berlin-Zufall?

Ein leises zweifaches elektronisches Klingeln lässt Sina wissen, dass ein Gast in der Riplounge gegenüber einen Wunsch hat. Sie geht herüber. Jasmin befasst sich derweil mit dem Dienstplan für Mai und die Pläne für das anstehende Wochenende. Meines verbringe ich mit früheren Mitschülern, wir haben Abi-Treffen, hoch droben und tief drunten in der Heide. Abi-Treffen sind nichts für Jasmin: „Ich habe schon nach kurzer Zeit viele Leute vergessen.“ Das war bei uns am Anfang nicht so, und der Anfang hat einige Jahre gedauert. Aber mit der Zeit gingen die Lebensentwürfe dann doch auseinander, zum Beispiel in Sachen Kinderplanung, da stecke ich als einer, der keine Kinder haben will, in einer anderen Alltagsstruktur als die, die welche haben. Sina kommt nach der aufgenommenen und erfüllten Bestellung dazu. „Magst du die Lions?“, fragt er mich. Da habe ich gar kein Interesse dran, es ist also weder so, dass ich sie mag, noch dass ich sie nicht mag. Samstag spielen sie, sagt Chris. Da muss ich ihn enttäuschen, da würde ich aber schon wegen des Abi-Treffens nicht mitkommen, und wenn ich dort nicht hinginge, dann nach Dortmund, das ist der Ärgerliche Teil an dem Treffen: Am selben Tag findet das Festival „Rock in den Ruinen“ statt, mit zehn Bands – darunter Killing Joke, Phillip Boa – zu Hause! – und Saxon. Als wär das nicht geil genug, kostet das Ticket schlappe zwölf Euro. Für so ein günstiges Paket ist Dortmund mal ganz schön um die Ecke. Und mit der Meisterschaft ist da wahrscheinlich dann doppelte Party angesagt. Auch Jasmin und Sina sind nicht an den Lions interessiert: „Was euch an Kinderwunsch fehlt, fehlt mir an Sportbegeisterung“, sagt Sina. Jasmin stellt fest: „Das ist doch American Football, da verstehe ich die Regeln nicht.“ Chris erklärt sie: „Es gibt keine – einfach auf die Fresse.“ Nach einem schnell nachgeschobenen „nee“ grinst er. „Auf die Fresse?“, grübelt Jasmin. „Ist das nicht Rugby?“

Robin kommt ins Café. Er stutzt und zögert, die Tür wieder zu schließen. Wir gucken ihn erwartungsvoll an. „Soll ich die Tür auflassen?“, fragt er unschlüssig. Sina fragt: „Ist es denn notwendig?“ Robin hat die Türklinke noch immer in der Hand und bemerkt: „Draußen ist die Luft frisch.“ Dabei sieht es gar nicht danach aus, so dräuend-grau. „Nee, die Luft ist gut, bisschen warm, aber gut“, insistiert Robin. Er lässt die Tür halboffen stehen und nähert sich der Theke. „Eine Mate“, bestellt er, und sein durch die halboffene Tür tretender Begleiter auch, deshalb korrigiert sich Robin auf „zwei Mate“. Sina reicht sie rüber und fragt: „Wo sitzt ihr? Drüben?“ Robin zeigt ins Achteck und sagt: „Ja, drüben, aber nicht im Raucherbereich, sondern draußen.“ Sie schließen die Tür von außen und setzen sich an den Tisch vor dem Fenster mit den Reinhörplattenspielern.

„Hast du die Ausstellung schon gesehen?“, fragt Jasmin. Habe ich noch nicht. „Komm, wir gucken mal“, sagt sie und wir gehen und gucken mal. Durch die Glastür sehen wir gegenüber am Fenster in der Riplounge Sina sitzen. Sie raucht und winkt uns zurück. Ums Rauchen geht es auch bei Nagels Linoleumdrucken. Das Bild mit dem Zitat aus „Waiting Room“ von Fugazi kenne ich von der Werbung zur Ausstellung. Nach einer Runde durch die Schau kehren wir zeitgleich mit Sina an die Theke zurück. Sina entdeckt, dass die Hotelglocke auf dem Tresen etwas schräg geworden ist, und versucht, sie zu reparieren. „Die ist schief“, stellt sie fest. Und Chris, der frisch ausgepackte Tonträger etikettiert, weiß, warum: „Weil manche Leute zu doll draufhauen.“ Vielleicht hilft’s ja, wenn er einen der „Platte bitte nicht öffnen“-Sticker auf die Klingel klebt. Ähnlich passend: Zurzeit läuft jemand durch Braunschweig und hinterlässt überall Aufkleber mit dem Wort „Nicht.“ Das ergibt oft witzige Konstellationen, etwa an einer Supermarkttür: „Drücken“ – „Nicht.“ Kürzlich sah ich an einem Mehrfachbriefkasten eines Wohnblocks unter all den „Bitte keine Werbung“-Stickern einen Briefkasten mit der Aufschrift „Keine Früchte“.

Es wird Zeit für mehr Sonne. Vielleicht hilft ja die Nyan Cat gegen die graue, schwere Wolkendecke. Irgendjemand hat eine 100-Stunden-Version bei Youtube hochgeladen. Wer davon keine gute Laune bekommt, ist zweifelsfrei normal.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#52 Drehbuch für die Träne eines Narren

20. Februar 2012


Montag, 20. Februar

Die Sonne scheint! Ein Glück für alle Rheinländer, die am heutigen Rosenmontag nicht eben winterfest gekleidet herumlaufen wollen. Obwohl, so richtig warm ist es trotzdem nicht, sieht aber besser aus als gestern, als die Braunschweiger ihren Karnevalsumzug hatten und es zwischendurch sogar einen kurzen Schneesturm gab. Viel ist heute vom Karnevalsumzug nicht mehr zu sehen, lediglich Ballons an Fußgängerüberwegschildern und einige Konfettischnipsel auf dem Gehweg erinnern an Braunschweigs große Narretei. Die Konfettischnipsel könnten glatt liegen bleiben, das lockert Braunschweigs graue Wege etwas auf. In Wolfsburg haben mal irgendwelche Leute fehlende Gehwegplatten durch Lego-Platten ersetzt. Auch das sah gut aus, aber die Stadt durfte den Humor, den sie hat, nicht zeigen, und tauschte die wertvollen Lego- gegen stinknormale handelsübliche Gehwegplatten aus. Ja, auch in Wolfsburg gibt es Streetart.

Ein Montagmorgen im Riptide ist ein Montagmorgen, unabhängig davon, ob es ein Rosenmontagmorgen ist oder nicht. Im Handelsweg ist das Riptide so früh am Tag einer der wenigen geöffneten Läden; bei Piou und Serge sind noch die Lichter aus. Chris und Sina wuseln im Café herum. Chris sieht schon wieder nach weggehen aus. Er steckt Müll in eine Plastiktüte und studiert dann einen Zettel, wohl die Einkaufsliste. Weder Chris und Sina noch die Gäste haben Pappnasen auf, von Rosenmontag keine Spur. Das war gestern noch ganz anders, erzählt Sina: „Da waren Familien mit Kindern da, die haben Tische reserviert und ihre Kinder geschminkt, Punkte ins Gesicht, Clownsgesichter – das war niedlich.“ Ansonsten geht es ihr wie mir: Karneval und Fasching können gut und gerne vorbeiziehen. Das haben die Feiernden gestern auch gemacht, sagt Sina: „Die sind hier durchgezogen.“ Also durch den Handelsweg, nicht durchs Riptide. „Nein, richtig Betrunkene hatten wir nicht.“

Der Braunschweiger Karneval ist eine seltsame Angelegenheit. Eine Freundin aus dem Rheinland meinte das am Samstag noch: „Man merkt gar nicht, dass morgen der Umzug ist, der kommt aus dem Nichts.“ Sina stimmt zu: „Stimmt, das empfinde ich auch so, plötzlich sind überall bunte Menschen.“ In Sachen Karneval nimmt man bis auf ein paar Plakate und Zeitungsberichte nichts wahr von dem Spektakel, das es wohl für ein paar Stunden ist. Als ich noch in der Gutenbergstraße gewohnt habe – das gehört zum Braunschweigerwerden dazu, einmal im westlichen Ringgebiet zu wohnen –, kamen meine Freundin und ich mal auf einem unbedarften Sonntag auf die Idee, uns doch Kaffeetrinkend irgendwo hinzusetzen, vornehmlich ins Giallo-Rosso auf dem Kohlmarkt. Auf dem Weg dorthin kamen uns die absonderlichsten Gestalten entgegengetorkelt. Die wenigsten von ihnen waren verkleidet, aber da man bisweilen den Unterschied zwischen aktueller Mode und Karnevalskostüm nicht mehr erkennt, wären uns die tatsächlich Verkleideten wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Jedenfalls gab es für uns Indiz für die Erklärung des absonderlichen Gebarens. Die Gestalten verhielten sich seltsam, zusätzlich zum Torkeln bereits am Nachmittag. Viele blieben unvermittelt stehen und ließen ebenso unvermittelt Körperflüssigkeiten ab. Wer überhaupt noch zu verbaler Kommunikation fähig war, nutze die zum Grölen. Je näher wir der Innenstadt kamen, desto schräger wurden und liefen die Gestalten. Und irgendwann dämmerte es uns, uns, die wir das Datum von Rosenmontag nie bewusst vor Augen haben: Es war der Sonntag genau davor, Braunschweiger Karnevalsumzug! Der war wohl gerade vorbei. Wir kamen einigermaßen unbeschadet im Giallo-Rosso an und hatten dann noch einen karnevalistisch unbehelligten Tag. Heute wohnen wir direkt in der Innenstadt und bekommen vom Umzug überraschenderweise absolut gar nichts mit.

Ebenso wenig wie jetzt davon, dass heute Rosenmontag ist. Ist es im Riptide ja auch nicht: „Montag ist Alles-erledigen-Tag“, sagt Chris. „Ich werde jetzt die Reste zusammensuchen, bevor es auf die große Einkaufsreise geht.“ Die ist jetzt einfacher, da Chris und André einen alten VW-Bus besitzen. „Dafür ist der Bus da“, bestätigt Chris. Für Einkäufe und Müllwegbringen: „Diese schöne Aufgabe mache ich jetzt mal“, sagt Chris und verschwindet.

Meine bestellte CD ist noch nicht da, mal wieder ein Frankreich-Import: Das neue Album von Air, „Le voyage dans la lune“, der neu komponierte Soundtrack zum gleichnamigen Science-Fiction-Filmklassiker, der in der Version des Albums, die ich bestellt habe, als Bonus-DVD beiliegt. Dafür wurde ich kürzlich bei Raute mal wieder fündig, Uwe und Katrin haben eine neue Ladung Indie-Vinyl bekommen. Für mich war zum Beispiel die „Swine Flu“-Maxi von Tumor Circus dabei. Eigentlich brauche ich die nicht, weil auf der CD von Tumor Circus die Tracks sämtlicher Vinyls enthalten sind, aber es ist einfach schön, die 12“ zu haben. Außerdem ist genau diese CD für mich mittlerweile ein Mahnmal für die Vergänglichkeit geworden: Sie ist transparent, man kann durch die Rückseite die Schrift auf der Vorderseite lesen. Das haben die alten Alternative-Tentacles-CDs leider so an sich. Sie spielen noch, aber ich sollte mir wohl beizeiten die Vinylversionen der Alben zulegen, wenn ich sie noch eine Weile hören möchte. Tumor Circus sind toll, Jello Biafra mit Steel Pole Bath Tub, die es leider nicht mehr gibt. Und zwar länger, als Wikipedia behauptet: Nicht erst 2002, sondern 1996 haben sie sich aufgelöst. Weil sie mit dem Musikbusiness nicht zurechtkamen. Das steht zumindest im Booklet der letzten CD „Unlistenable“, die wohl der Grund für den falschen Wikipediaeintrag ist: Die CD kam 2002 heraus, enthält aber lediglich die letzten Aufnahmen der Band, bevor sie sich 1996 getrennt hat. Uwe und Katrin haben jedenfalls noch die schöne Geschichte erzählt, wie sich ein Kunde bei ihnen eine LP gekauft hat. Sicher, das ist noch nicht so aufregend, besonders für einen Laden, der ausschließlich Platten verkauft. Eine Weile später jedoch kam einer von den Nexus-Leuten in den Laden und sagte, er habe am Geldautomaten einer Bank eine Tüte mit einer LP gefunden, die ganz nach Raute aussähe, und brachte sie zurück. Siehe da: Es war die LP des Kunden. So schön ehrlich kann Braunschweig sein, wenn man sich in den richtigen Kreisen bewegt. Der Nexus-Mann hatte das Album ohnehin bereits selbst zu Hause, hat er gesagt, aber wohl mit dem Augenzwinkern, das sicherstellt, dass er die Platte auch in jedem anderen Fall zurückgebracht hätte.

Während Chris im Keller das Leergut sortiert, erzählt Sina, dass es gestern im Riptide voll war: „Es waren ganz viele Menschen da, die Crêpes essen wollten.“ Crêpes sind ja auch eine Art verkleideter Teig. Sina nickt: „Im Nutella-Mantel und so.“ Sie hantiert an der Kaffeemaschine herum. „Winter ist Crêpe-Hochsaison“, stellt sie fest. Ach ja, der Winter – das war bereits der dritte in Folge, den man wirklich als Winter bezeichnen konnte. Herrlich. Immerhin dreimal habe ich es geschafft, meine Füße auf zugefrorene Gewässer zu stellen, einmal in Braunschweig und zweimal in Wolfsburg. In Braunschweig war es im Bürgerpark, auf dem kleinen Teich beim Portikus, der für meine Freundin immer in ihre freundliche Kategorie „kaiserlichen Scheiß“ fällt. Sina erzählt, dass sie in Berlin auf einem zugefrorenen See war, dem Schlachtensee in der Nähe des Grunewaldes. „Das war echt schön“, schwärmt sie und erzählt von ganzen Familien, die dort unterwegs waren und sogar auf dem Eis gegrillt haben. Auch sie war mit Familie da. Und mit Schlittschuhen: „Ich bin lange keine Schlittschuhe mehr gelaufen, aber es hat gut geklappt, ohne Schoner und Helm, ich bin keinmal hingefallen und einmal sogar rückwärts gelaufen, demonstrativ.“ Schlittschuh bin ich ewig nicht gelaufen, und als ich’s noch gelaufen bin, hat es mir keinen Spaß gemacht, immer nur im Kreis. Lieber habe ich den Leuten beim Herumalbern zugeguckt. Oder beim Grillen, das klingt schön. „Kinder sind hingefallen“, erzählt Sina. „Aber das macht denen nichts, die sind immer dick gepolstert angezogen.“

Sina stellt sich zu Sina hinter den Tresen. Noch eine! „Sie ist meine beste Freundin“, sagt die erste Sina. Sei unterhalten sich über Wulffs Rück- und Gaucks Antritt als Bundespräsident. Die andere Sina dreht sich wie die erste Sina ihre Zigaretten selbst. Sie verschwindet mit einer Tasse Kaffee in der Rip-Lounge, nachdem sie auf der Liste an der Kasse an der entsprechenden Stelle einen Strich gemacht hat. Sina zwei macht seit ein paar Monaten im Riptide sauber, sagt Sina eins. Das wird dann aber kompliziert mit zwei Sinas, oder? Sina verneint: „Wenn ihr Vater ruft, höre ich den Unterschied, wen er meint.“

Während Sina sich ihre Pause gönnt, bedient Sina die Gäste im Riptide und der Lounge. Auf der Theke hat es Zuwachs gegeben: Mehr Quartette, eine Flasche Torani-Sirup mit dem gezackt ausgeschnittenen Hinweis, dass der käuflich zu erwerben sei, „Die Krönung für Eure Heiß- und Kaltgetränke“, neue DVDs, unter anderem die Live-DVD von Radiohead und der Film „All You Need Is Klaus“, der bei der Sound-On-Screen-Reihe lief, und die Dreifach-Box von Trent Reznor und Atticus Ross mit dem Soundtrack zum Film „The Girl With The Dragon Tattoo“, der hierzulande den folgerichtigen Titel „Verblendung“ trägt. Was soll’s, ist beides nicht die korrekte Übersetzung von „Män som hatar kvinnor“. Die Dreifach-Kassette der 150. Drei-Fragezeichen-Folge „Geisterbucht“ steht neben dem Kästchen mit Stempelkarten für Heißgetränke. Sina kehrt mit der leeren Tasse aus der Lounge zurück und gesellt sich zu Sina in die Küche. Eine Reihe bunter, wenngleich unverkleideter Kinder zieht krakeelend durch den Handelsweg. Chris kommt aus dem Keller. „Ich hab den Müll sortiert“, sagt er, „Leergut und so.“ Er bereitet sich jetzt auf seine Tour vor: „Durch das Braunschweiger Land“, wie er sagt. Damit liegt er wahrscheinlich ganz richtig, bei der langen Zu-erledigen-Liste. Zum Abschied gibt er Sina in der Küche noch ein paar hilfreiche Tipps für den anstehenden Mittagsansturm, dann fällt ihm ein: „Ach, das muss ich ja…“ und er geht zurück an den PC, um von dort eine lange Liste zu holen, die er intensiv betrachtet und zusammenfaltet. Dann erinnert er mich an die nächste Ausgabe von Sound On Screen mit dem Film „The Runaways“ über die erste Band von Joan Jett am Donnerstag im Universum. Davon weiß ich bereits, weil Claudi Soundschwester kürzlich dafür bei ihrer Veranstaltung „Salon d’amour“ in der KaufBar Werbung gemacht. Da hatte sie das junge Simon-&-Garfunkel-Duo Deerwood und Slammer Sven Kamin zu Gast. „Sie macht das After-Film-Programm“, sagt Chris. Zu erwarten gibt’s dann wahrscheinlich Musik von Bands wie Bikini Kill oder Sleater-Kinney. Chris ergänzt: „Und Team Dresch und Kaia solo.“ Chris erzählt, dass er die Bands im politischen Hardcore-Umfeld kennen gelernt hat. Bei mir war es die Musik an sich, über die ich die Bands kennen lernte, weil ich nie einer Szene zugehörte. Chris verabschiedet sich und ich gucke, ob sie die Wild-Flag-LP im Fach haben. Haben sie.

À propos Slam, der war ja wieder am Freitag im LOT-Theater, und sehr gut war er auch. Moderator Dominik hatte eine Schlagfertigkeit am Leibe, die kein einstudierter Comedian hinbekommt. Souverän zeigte sich Slammer Blau Broode, der, als er gerade so richtig in Fahrt war mit seinem „Aufruf an drei verlorengegangene Freunde“, plötzlich ein Blackout hatte und seinen Text nicht mehr wusste. Er half sich zunächst mit einem wahrhaftig flachen „Das Leben ist wie…“-Witz weiter. Der war so flach, dass er nicht mal haften blieb. Der zweite dafür umso mehr: „Das Leben ist wie Achterbahnfahren, hinterher muss man kotzen.“ Mit dem dritten hatte er das Publikum wieder bei sich: „Das Leben ist wie ein Fahrstuhl, man kann’s in Brandfall nicht benutzen.“ Und wiederum à propos Witze, in der Ausgabe des englischen Q Magazine mit der „Achtung Baby“-Tribute-CD war ein Witz abgedruckt, dessen französische Pointe nur auf Englisch funktioniert: Mit welchem Käse lockt man Meister Petz aus seiner Höhle? Camembert.

Sina bringt ein Tablett mit Burgern aus der Küche an einen Tisch, die andere Sina wickelt sich zwei, drei Schals um ihren Hals. „Ich gehe in die Sonne“, sagt sie. So warm sei es dort ja noch nicht. Zu Hause warte ihr Kind: „Dann gehen wir wohl noch auf den Spielplatz.“ Mit Putzen sei sie für dieses Mal fertig. Die Idee, in der Sonne herumzuspazieren, gefällt mir, und ich schließe mich ihr an. Wie passend, dass der Braunschweiger Karnevalsumzug nicht am Rosenmontag war: Heute Abend spielt die Eintracht, das wäre für viele ein massiver Interessenkonflikt gewesen. Damit steht mein Abendprogramm fest, irgendwo werden sie das Spiel schon zeigen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#51 Familienfest

14. Januar 2012


Freitag, 13. Januar

Das wird ein Fest! Ein Familienfest, um genau zu sein. Müller & die Platemeiercombo haben eingeladen, und alle, die sich der großen Familie zugehörig fühlen, kommen ins Café Riptide. Bestimmt. Es war immer so, wenn das Quartett irgendwo aufgespielt hat. Freudige Erwartung ist daher im Achteck zwischen Café und Riplounge zu spüren, auch bei den Musikern Heyl und Meier, die dort mit Freunden stehen, rauchen und darauf warten, dass das Vorprogramm losgeht. Es gibt heute nämlich eins.

An der Kasse überrascht ein neues Gesicht: Alex nimmt den Schein entgegen und drückt mir als Ausgleich den Riptide-Stempel auf das Handgelenk. Alex macht seit Montag ein dreiwöchiges Schulpraktikum im Riptide. „Das ist das erste Konzert für mich“, sagt er. „Es ist mal was anderes, zu sehen, dass das Riptide nicht nur ein Café ist.“ Hinter der Theke stehen André und Roberto, in der Küche ist Kati zugange. Roberto ist auch neu dabei, aber nicht so neu wie Alex: Bei ihm habe ich mir vor einigen Wochen die CD von Müller & die Platemeiercombo gekauft, „…von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“, die zu bewerben der Anlass für das Konzert heute Abend ist. Da hat er mir schon erzählt, dass er ein brasilianischer Wolfsburger ist. Oder umgekehrt. Als ich mein Wolters bei ihm bezahle, sieht er die Kronenmünzen, die ich mitsamt meinem sonstigen Kleingeld aus der Tasche krame: „Dänisch?“ Richtig, die habe ich immer dabei, als Reiseerinnerung. „Ich war über Silvester in Dänemark“, erzählt Roberto. „In Hvide Sande, am Ringkøbing Fjord, da an dem Landzipfel.“ Wo die Deutschen den Strand mit Betonbunkern vollgemüllt haben. Die hat Roberto nicht gesehen, aber dafür eine Militärbasis bei Esbjerg. Zu Silvester in Dänemark war ich auch einmal, vor genau zehn Jahren, in Kopenhagen. Ich habe die Euro-Einführung in einem Nicht-Euro-Land verbracht und meine ersten Euro-Scheine auf dem Rückweg in Lüneburg am Bankautomaten bekommen. Und sie gleich vor Ort – also in Lüneburg, nicht bei der Bank – gegen schmackhafte Speisen eingetauscht. „Das merkt man sich“, stellt Roberto fest. „Ich weiß nicht mehr, wann ich meine ersten Euro-Münzen bekommen habe – ich erinnere mich nur noch an das Starter-Kit.“

Das Riptide füllt sich. Mit mir an der Theke steht Fossi. „Kommste morgen?“, fragt er. Aber sicher: Der Silver Club trifft sich einfach nur so, als Zusammenkunft der Helfer und Teilnehmer, ohne die nächste Veranstaltung zu planen. Auf die Runde freue ich mich schon, seit wir sie vor einem Monat bei den Aufräumarbeiten im Fire-Abend verabredet haben.

Zu den das Riptide Füllenden gehört auch Müller, der sein Vorprogramm empfängt und begrüßt: Kai-Olaf Stehrenberg aus Peine. Wie kommt Kai-Olaf ins Vorprogramm von Müller? „Er hat mich gefragt, ob ich’s mache“, sagt Kai-Olaf. Müller erinnert sich, Kai-Olaf erstmals auf dem Magnifest gesehen zu haben. Und auf einem Poetry Slam, weil dessen Organisator Pott Müller von Kai-Olaf vorgeschwärmt hat. „Du benutztest mein Plek“, sagt Müller. Kai-Olaf bestätigt und kramt in seinem Gedächtnis: „Und du bist auch der ominöse Friedhelm?“ Das wiederum bestätigt Müller, der als Friedhelm Nesselhag unter anderem das kafkaeske Buch „Leben und Werk in eigenen Worten“ veröffentlicht hat. Bevor es mit der Livemusik losgeht, hat Müller noch eine Menge zu tun: „Was wollt ich jetzt…?“

Eine gute Gelegenheit für Fossi und mich, abgestempelt das Achteck aufzusuchen. Das wird stimmungsvoll beleuchtet von diversen Ölfackeln. Auch die knallrote Vespa, die unter dem Fenster mit den Plattenspielern lehnt, passt ins Ambiente. Die Temperaturen sind gar nicht winterlich, es regnet nur gelegentliche dicke Tropfen, da steht man gerne draußen. Müller-Bassist Meier hat unterdessen andere Gesellschaft bekommen und wird jetzt umringt von Roland Kremer und Frank Schäfer. „Kai-Olaf ist immer ein Erlebnis“, sagt Roland gerade. Das macht neugierig auf den Peiner. „Kommste morgen?“, fragt Fossi ins Rund. Alle drei waren bereits an Veranstaltungen des Silver Club beteiligt und sind deshalb automatisch miteingeladen. Doch Roland ist ausgebucht: „Sag mal schöne Grüße, ich kann nicht.“ Machen wir. Fossi weiß: „Schepper kommt auch, ich war beim Bass-Stammtisch, da hab ich ihn extra eingeladen.“ Freitags veranstaltet Schepper immer den Stammtisch im Riptide.

Die anderen gehen ihren trockenen Kehlen nach, Fossi und ich unterhalten uns draußen. Fossi raucht eine Selbstgedrehte. Aus dem Handelsweg tritt Cora Coriander energischen Schrittes zu uns ins Achteck. Im Comic sähe man jetzt eine dunkle Wolke über ihrem Kopf, die Blitze in alle Richtungen entlädt. Cora bleibt vor uns stehen und fischt eine frittierte Kartoffelstange aus der offenen Tüte einer Schnellimbisskette, die sie in der anderen Hand hält. Sie ist wütend auf ihr unzuverlässiges Fahrrad: „Es ist kaputt.“ Zur Strafe hat sie es vor der Frittenausgabe stehen gelassen und mit einigermaßen als solcher anerkennbarer Nahrung den Rest des Weges zu Fuß zurückgelegt. „Pommes beruhigen“, weiß Fossi mitfühlend. Die hat Cora mittlerweile aufgegessen: „Jetzt brauche ich noch ’ne Zigarette.“ Nicht von mir, ich rauche nicht. „Kannst du drehen oder soll ich…?“, fragt Fossi und zückt seinen Tabak. „Ich kann drehen, danke“, sagt Cora. Sie entrollt die Tabakpackung, Fossi warnt sie rechtzeitig: Sie greift nach dem miteingerollten Feuerzeug. Fossi entschuldigt seine Frage: „Drehen können ja nicht viele.“ Cora dreht, zündet an und nimmt einen Zug. „Sehr schön, jetzt ist alles gut“, sagt sie.

Da tritt Schepper zu uns. „Ich war grad in ’ner Kunstausstellung“, sagt er und schaltet das Rücklicht seines Fahrrads ein und aus, bevor er es in seiner Manteltasche verschwinden lässt. Stimmt, hat er erzählt, er wollte in die Galerie auf Zeit. Schepper blickt durchs Riptide-Fenster und winkt Fritz und Robert zu. Die Runde im Achteck wächst: Krüger kommt mit Anhang und im The-Cure-T-Shirt dazu. Auch er winkt den Leuten am Fenster zu. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? War es die Grass-Harp-Silvesterfeier im Sauna-Klub in Wolfsburg? War es das gemeinsame Konzert von Krüger und Müller in der Garage in Peine am Tag der VfL-Meisterfeier? „Es war beim Trottelkacker-Tribute“, weiß Krüger. Richtig! Was für ein großartiger Abend das war, Oktober 2009, Kulturzentrum Hallenbad in Wolfsburg, 15 Bands und Musiker spielen Lieder der Trottelkacker nach, dem Trio, dem Krüger und Müller einst angehörten. Für drei Lieder kamen bei dem Festival auch Die Trottelkacker auf die Bühne, ein letztes Mal vermutlich. Fünf Stunden Programm – und Hunderte von Enddreißigern und Mittvierzigern waren glücklich. Cora schwärmt besonders von der „Iguanodon“-Version, die Tom Stach und Björn, der Hustinettenbär, intonierten. Ganz im Sinne seiner alten Band Murder At The Registry machte Tom mit einer Art Dr. Avalanche aus dem Trottelkacker-Stück einen Batcave-Knaller im Stile von Alien Sex Fiend oder den Sisters Of Mercy. Tom hat übrigens fürs neue Album Fotos von Müller & der ganzen Platemeiercombo gemacht, so schließen sich Kreise. Von Krüger habe ich musikalisch auch nichts mehr gehört, seit Myspace tot ist. „Du hast auch nichts verpasst, ich habe nichts gemacht“, sagt Krüger. Das ist gut und schlecht gleichermaßen. „Aber das Nächste wirst du nicht verpassen, dafür werde ich sorgen“, kündigt Krüger an. Da bin ich gespannt: Seit dem Album „Unbemerkt verschwinden“ und dem Überraschungs-Hit „Gütersloh“ war bei ihm musikalische Stille, mich dürstet nach Neuem.

Der eben noch nur vermittels Winkens an den Kreis angeschlossene Robert tritt nun in den Kreis. Robert ist Eigner des Labels Moonbean Records, das er hauptsächlich für die Veröffentlichung der Alben von Grass Harp – eine weitere Band, in der Müller und Krüger mitspielen, außerdem Müllers Schlagzeuger Plate – gegründet hat. Er ist vor einigen Jahren nach Berlin gezogen: „Das ist das erste Mal, dass ich im Riptide bin.“ Es verschlage ihn nur noch selten in die alte Heimat, doch mit Blick auf das, was er vom Café bislang gesehen hat, sagt er: „Das ist das Beste, was Braunschweig passieren konnte.“ Mir fallen dazu noch das Nexus, das Tegtmeyer, der Kingking Shop und die Silberquelle ein. In der Silberquelle hat Robert seinen Abschied aus der Stadt gefeiert, die kennt er noch. Und fragt: „Wo hätte Müller gespielt, wenn es das Riptide nicht gäbe?“ Ich nenne die KaufBar, in der auch viele der heute anwesenden Gäste auftreten, zum Beispiel Schepper, der sich eben zu uns gesellt, der moderiert in der KaufBar die Eiko-Show. „Was?“, fragt Schepper, und Robert sagt: „Du wirst grad gepriesen.“ Schepper erzählt Robert von einer DVD namens „The Trip“, die er sich gekauft hat. Cineast Robert ist sofort hellhörig: „Ist das der, den Jack Nicholson geschrieben hat?“ Schepper bestätigt und beide schwärmen sofort los. „Eine gute Investition“, findet Robert.

Drinnen hat Kai-Olaf längst angefangen zu spielen. Doch immer noch feiern die ganzen Familienmitglieder im Achteck Wiedersehen, tauschen Geschichten aus und frischen sich gegenseitig ihre aktuellen Situationen auf. Auch die Rip-Lounge ist voll, in einem Winkel und in einer großen Gruppe sitzt Jörg, der auch schon beim Silver Club mitgemacht hat. Schepper und Fossi begrüßen die Runde, Fossi dreht sich eine Zigarette. Auf deren Länge erinnern wir uns an den New-Wave-Silver-Club im Fire-Abend. 500 glückliche Gäste in einem Punk-Schuppen. Und, was uns alle erstaunt hat: Wir haben kistenweise Mandarinen auf die Tische verteilt. Beim Aufräumen stellten wir fest, dass nur noch ein halbes Dutzend der Zitrusfrüchte übrig war – und fanden fast alle Mandarinenschalen in Mülleimern wieder, nicht im Veranstaltungsraum verstreut. Respekt vor den Gästen.

Nach der Zigarette wollen wir eigentlich ins Café zur Livemusik, bleiben aber wiederum im Achteck bei anderen Familienmitgliedern hängen. Zum Beispiel Elmar und Julia, oder Detlef, der Fossis Frage, ob er morgen dabei ist, mit „Ja“ beantwortet. Jetzt ist es Fossi, der lobt: „Schepper ist Braunschweigs bester Bassist.“ Schepper will Fossi bremsen, hat aber keine Chance: „Schepper gibt 45 Minuten Bassunterricht für 70 Euro.“ Schepper wehrt ab: „Für das Geld mache ich noch ’ne Pizza.“ Robert stellt sich das vor: „Und mit dem Bass schiebst du die Pizza in den Ofen.“ Fossi lacht und zitiert Hans Rosenthal: „Sie sind der Meinung, das war spitze!“ Der Name des Urhebers dieses Zitates fällt ihm jedoch nicht mehr ein, Schepper hilft nach: „Das war Karl May.“ Stimmt nicht, wende ich ein, der hat das kommunistische Manifest geschrieben. Schepper ist erstaunt: „Karl Dall?“ Robert lacht: „Ja, und die Welt blieb kurz stehen.“

Jetzt gehen wir aber rein und finden im Café kaum Platz. Schepper kündigt noch an, dss er nicht bis zum Schluss bleiben wird: „Frank Schäfer hat mir erzählt, dass Kui heute noch spielt, da muss ich hin.“ Genau, mit Carbid!, hat er mir gemailt. Zwischen Theke und Bühne ist noch etwas Platz. In der Menge treffe ich Johanna, auch sie ist morgen dabei. „Hallo, ich bin Müller“, singt Müller. Der behutete Meier spielt im Plattenspielerwinkel Ukulele, Plate schlägt am LP-Regal Zeug und Heyl in weißem Hemd und mit Krawatte rasselt an der Theke mit einem Percussion-Ei. Der Song ist neu und natürlich nicht auf dem Album enthalten, wie sollte es auch anders sein. Das war beim Vorgängeralbum „Sexy Sockenschuss“ auch schon so, dass Müller & die Platemeiercombo Lieder gespielt haben, die erst und gottlob überhaupt jetzt auf „…von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“ enthalten sind. „Der Privatier“ zum Beispiel, gleich das nächste Lied, das die Band spielt, nachdem Meier seinen Bass und Müller und Heyl ihre Gitarren umgeschnallt haben. Orangegelbes Licht untermalt die Wärme, die auch die Musik ausstrahlt. Da können die vier in ihren Swing-, Chacha- und Bossanova-Stücken hundertmal zwischendurch rocken, ihre Arrangements sind so feinfühlig, dass sie eine positive, weiche, wundervolle Wohlfühlatmosphäre schaffen. Müllers Texte zeigen seine nachdenkliche, analytische und kritische Haltung, in der ich mich oft deckungsgleich wiederfinde. „Das Streben nach Glück und die Vermeidung von Leid“ folgt, sehr zynisch und schwarzhumorig. „Versteht man Müller?“, fragt Plate danach von seinem winzigen Schlagzeugschemel aus. „Keiner versteht mich“, sagt Müller im Jammerton. „Akustisch, meine ich“, rückt Plate gerade. Müller ist zufrieden: „Das soll mir schon reichen.“ Es folgt „Viva Selbstbetrug“, Meier lässt sich gewohnt cool und breit grinsend in die Grooves hängen, Plate trommelt schier apokalyptische Rhythmen, an denen jeder Mitwipper verzweifelt, und Heyl untermalt die Stücke mit Gitarre, den absonderlichsten Percussion-Instrumenten und der scheinbaren Steifheit eines Bankangestellten. Sofern es Platz hat, nickt das Publikum mit; es grinst auf jeden Fall.

Kai-Olaf packt seine Sachen zusammen und macht sich zum Aufbruch bereit. „Einen Applaus für Kai-Olaf“, regt Müller an. Kai-Olaf bekommt den Applaus. Vorgruppengigs seien eine undankbare Angelegenheit, sagt Müller, „davon können wir ein Lied singen.“ Robert, ganz vorn an der Theke stehend: „Mach doch.“ Müller rückt seine Gitarre zurecht: „Ja, machen wir, aber ich muss es erst schreiben.“

Mit „Sein Spiel“ stimmt die Band das nächste neue Lied an, eines über offene Beziehungen und die gemischten Gefühle, die Müller dazu hat. Dieses Thema untermalt die Platemeiercombo überraschend mit einem Discogroove. Heyl nimmt die Klanghölzer zur Hand und die spärliche Instrumentierung zum Anlass, mit sich ihnen durchs enggestellte Publikum zu quetschen. „Guten Tag“, begrüßt er die Gäste. Zurück auf der Bühne, stimmt Heyl in den Album-Opener „Süßes Nichtstun“ mit ein. Das Lied funktioniert auch ohne das bombastische Orchester fantastisch.

„Das nächste Lied beinhaltet wieder jede Menge krummer Akkorde, die haben im vorigen Jahrhundert ein paar schlaue Jazzmusiker erfunden, um zu verschleiern, dass es kaum Komposition gibt“, sagt Müller und erntet dafür von den Musikern im Publikum schallendes Gelächter. „Müller, ich hätt gern ein Wasser, meinste, das kann man organisieren?“, ist Plates Stimme zu hören. Roberto hinter der Theke reagiert und füllt ein großes Glas mit kaltem Mineralwasser, während die Band bereits „Die Ameisenstraße“ angestimmt hat. Roberto reicht mir das Glas, ich gebe es an den weiter vorn stehenden Robert weiter, der gibt es Cora und die hält Heyl den Strohhalm hin, an dem er grinsend nuckelt, während er Gitarre spielt.

Als wären die Themen nicht ohnehin ernst, leitet Müller die düstere, schwarze Phase ein, wie er sagt. „Identität ersetzt Persönlichkeit“, das nagelneue „Keine Rose ist keine Rose“ und der Album-Rauswerfer „Wie ein Tier“ ertönen, dann erzählt Müller von der Winterdepression, die ihn im Januar befällt. „Bob Marley hilft“, meint Elmar. „Der ist tot“, weiß Detlef. „Hilft aber trotzdem“, sagt Elmar. Müller leitet um auf die Geschichte von der jungen Frau, die den Sommer nicht mag und sich nach der dunklen Jahreszeit sehnt. „So machen das die Emos“, führt er aus. „Die Emus?“, hakt Plate nach. „Genau“, bestätigt Müller, „die stecken ihren Kopf in den Sand.“ Als hätte Elmar es geahnt, hat das so angekündigte Lied „Sie liebt den Winter“ einen Reggaerhythmus.

„Die Menschen funktionieren nicht“, singt Müller dann, gefolgt vom neuen Stück „Schöne Gedanken“, dessen Zeile „Es gibt keine Schranken für schöne Gedanken“ später von vielen Gästen zitiert durchs Achteck hallt. Müller kündigt danach ein Lied an, das von dem Gefühl handelt, das man hat, wenn man zu Eskapismus neigt, sich in ziegelsteindicke Bücher vertieft und auf der letzten Seite angekommen ist. „Das ist eine Zivilisationskrankheit“, entscheidet Müller. „Früher gab es keine Bücher.“ Mit „Das Buch ist aus“ endet auch das Konzert. „So, das war’s erst mal“, sagt Meier und schnallt seinen Bass ab. „Zugabe“, sagt Elmar. „Jaha, jetzt kommt ihr“, kündigt Meier vage an. Müller wird genauer: „Wir sind automatisch beim Karaoke-Teil angekommen.“ Das hatte er angekündigt: Jeder, der einen aus einer Liste von elf vorbereiteten älteren Müller-Songs mit Bandbegleitung auf der Bühne singt, erhält das Album als Geschenk. Gewohnheitsmäßig hält sich die Resonanz in Grenzen. Roland kommt vom Draußenrauchen zurück und hört die Umstehenden seinen Namen rufen. „Wie, ist schon Karaoke dran?“, fragt er und stellt sein Bierglas neben sich ab. Müller zuckt mit den Schultern: „Ich rede nur schon eine halbe Stunde davon.“ Roland lässt sich nicht lange bitten, obwohl er Argumente anführt wie „ich kenne die Texte doch nicht“, die Müller entkräftet, etwa mit vorbereiteten Zetteln. Roland kann sich nicht entscheiden zwischen „Es sind die Pilze“ und „Mutti, warum ist das Backblech so braun?“. Er taumelt hinter das Mikrofon und entschließt sich: „Mach mal die Pilze.“ Während er sich seinen Platz sucht, lässt er sich über Müllers eigenwillige Kompositionen und seinen unnachahmlichen Sprechgesang aus, also einige der Qualitätsmerkmale, die Müllers Musik vom Rest der Welt positiv unterscheiden. „Kannst du dich mal vorstellen?“, bittet Müller. „Ich bin ein Pseudoprivatier“, sagt Roland. „Hobbys?“, fragt Müller. „Eskapistisches Lesen“, sagt Roland. „Lieblingsfarbe?“, fragt Müller. „Schwarz“, sagt Roland. „Und meine Lieblingsjahreszeit ist der Winter.“ Roland ist auch als Interimssänger der Platemeiercombo ganz der Entertainer, wie man ihn kennt. Verpasste Einsätze gleicht er mit Schlagfertigkeit aus. „Gleich das Backblech hinterher“, regt Müller nach dem Lied an, um Pausen zu vermeiden. „Du kriegst auch noch eine CD.“ Roland schwankt: „Aber ich hab doch schon eine, so’ne Scheiße!“ Meiers Argument überzeugt Roland schließlich: „Kriegste noch zwei, kannste drei verkaufen.“ Cora gesellt sich zu Roland auf die Bühne. Gemeinsam bringen sie das Stück ins Ziel, das vom Debüt der Platemeiercombo stammt und textlich noch sehr an Die Trottelkacker erinnert. Schön, so alte Stücke mal wieder live zu hören, besonders in einem so trefflichen Duett.

Es gibt überraschend einen Freiwilligen für ein weiteres Lied. Von ganz hinten schiebt sich Markus auf die Bühne. „Stell dich mal vor“, bittet Müller. „Mich kennt hier keiner“, behauptet Markus. Er wünscht sich das Trio-Cover „Halt mich fest, ich wird verrückt“. „Eine ausgezeichnete Wahl“, lobt Müller. Die Band legt los und Markus sich mächtig ins Zeug. Er bellt das Lied ins Mikro, die Band spielt einen rasenden Funk dazu. Beeindruckend. Noch bevor das Lied aus ist, steht Markus in der ersten Reihe im Publikum. Andere Karaoke-Freiwillige finden sich nicht, also spielt die Band selbst noch ein paar alte Hits: „Vergrämen Sie mir den Marder!“, „Chili Cocain“ und „Geisterfahrer“. Dann ist Schluss.

Zumindest mit dem Konzert, denn jetzt hat die große Familie wieder Gelegenheit, miteinander zu reden, mindestens über das Konzert. Ich entdecke Tom Hinze im Publikum, den Fossi eben fragt, ob er morgen dabei ist. Und ich frage Markus, wie unbekannt er nun wirklich ist. Gar nicht so sehr, stellt sich dabei heraus. Er kennt Müller & die Platemeiercombo, und: „Ich war bei Brainport, das war mal ’ne Band.“ Die existierte in Wolfsburg: „Ist aber seit 16 Jahren Geschichte.“ Jetzt lebt er in Hildesheim und erzählt, dass Rufe nach einer Reunion laut werden. Ein weiterer bekannter Musiker war in der Band: Daniel Heizmann von The Gee-Suz Batteries.

Es ist spät, viele sprechen vom Aufbruch. Gerald kommt gerade erst an: „Ich war in der Galerie auf Zeit.“ Ohne Müller wäre ich da sicherlich auch gewesen, Schepper hat ja auch davon geschwärmt. Aber ich finde es schön, in Braunschweig endlich wieder eine Wahl zu haben, wie ich meine Freizeit verbringe. Allmählich will ich auch los. Doch mit „Der Spiegel zeigt nicht die Realität“ bremst mich Cora im Achteck aus. Philosophisches zum Geleit! Detlef sieht es wie sie und erwidert: „Besonders morgens ohne Brille.“ Und nach dem Duschen, wenn das Glas beschlagen ist. Doch Cora meint es anders. Sie erzählt davon, wie sie sich im Spiegel auf eine Fotosession vorbereitet hat, und dem Fotografen gelang es nicht, ihre Perspektive einzunehmen. Sie war verzweifelt. Dazu kommt, dass Gesichter asymmetrisch sind und man sich deshalb im Spiegel in der Tat nicht so sieht, wie einen andere sehen. „Genau“, sagt Cora, und berichtet von einem Fotofilm, den sie abgeholt hat. Sie zeigte die Fotos Freunden und meinte, dass sie darauf endlich einmal so aussehe, wie sie sich selbst sehe, und alle Freunde widersprachen ihr mit Vehemenz. An einem Bierflaschenetikett hatte sie dann erkannt, dass die Fotos seitenverkehrt abgezogen waren – sie sah sich selbst auf den Fotos also lediglich so, wie sie sich vom Spiegel her kannte. Roland kommt dazu und bringt das Gespräch auf seine Möhre. Er greift in die Tasche und zückt eine gefilzte Karotte mit ebenfalls gefilztem Grünzeug. „Die habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen“, grinst Roland. „Das ist ein Kugelschreiber, mit dem kann man toll schreiben.“ Zum Beweis nimmt er einen Block hervor und schreibt darauf mit seiner Möhre das Wort „toll“.

Die Musiker schleppen ihre Instrumente aus dem Café, Kati reiht sich mit leeren Bierkisten ein. Die Familienrunde löst sich allmählich doch noch auf. Fossi besteigt sein Fahrrad, das er in der Nähe von Piou angebunden hatte. „Fange an, dein Fahrrad zu lieben“, ruft er Cora zu und radelt in die Nacht. „Bis morgen“, ruft er mir noch zu. Ja, bis morgen, zur nächsten Familienfeier.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#50 50 Wörter für fünfzig

13. Dezember 2011


Dienstag, 13. Dezember

Der Dezember holt den November nach: Der Wind bläst durch die Stadt, gelegentlich golfballgroße Wassertropfen mitschickend. Für Laub als Mitbringsel ist der Sturm zu spät. Genau das passende Herbstwetter für einen Vormittag im Café Riptide, müsste man sich dafür nicht vors Haus und damit ins Wetter wagen. Aber Wetter ist ja nie ein Argument. Mit Blick auf die Frühe des Tages und meinen Gesichtsausdruck kredenzt mir André einen Stufe-drei-Kaffee mit einem Schuss Espresso darin. „Falls es zu sehr nach vorne geht“, ergänzt er und stellt mir ein Glas Wasser dazu. Doch der befürchtete Effekt bleibt aus, ich werde nicht hyperaktiv, aber auch nicht signifikant wacher. Prima, dann kann ich mich voll auf den Geschmack des Getränks konzentrieren, und der ist gut.

„Ihr habt ein neues Baguette?“, fragt Tanja von dem Geschäft Piou gegenüber. André nickt: „Ein Fladenbrot mit Feta, eingelegten Tomaten und Rucola.“ Tanja bestellt eins, André macht sich sofort auf den Weg in die Küche und dort an die Zubereitung. Er fischt die eingelegten Tomaten aus dem Gefäß und zerkleinert sie mit einem Messer.

Weil im Dezember allenthalben Jahresrückblicke anstehen, frage ich die im Riptide Anwesenden nach ihrem persönlichen Besonderen des Jahres 2011. Also:

Tanja: Ich habe Pulp gesehen in Oslo – das war mir sehr wichtig, weil die ein Comeback gemacht und hier nur auf dem Melt-Festival gespielt haben, da fand ich das Line-Up nicht gut, deswegen bin ich extra nach Olso gefahren. Von meinem Sohn der Vater lebt in Oslo. Das war für meinen Sohn ein Highlight, weil er seinen Vater gesehen hat, und für mich, weil ich Pulp gesehen habe.

Tanja kehrt zurück in ihren Laden, André folgt ihr nach kurzer Zeit mit dem bestellten Fladenbrot. „Wir haben die Karte ein bisschen überarbeitet“, berichtet er, nachdem er von gegenüber zurückgekehrt ist. „Neuen Burger, neues Fladenbrot“, fährt er fort. „Und ein paar Preise angepasst – was auch heißt: senken.“ Dann schwärmt er von der Debüt-LP des Schauspielers Axel Prahl: „Der hat Musik studiert und eine Platte rausgebracht mit dem Filmorchester Babelsberg.“ André holt die LP „Blick aufs Mehr“ von der Neuheiten-Zeile, wo sie direkt neben „50 Words For Snow“ steht, dem neuen Album von Kate Bush, und drückt sie mir in die Hand. Lied zwei heißt „Reise, Reise“ – ich gucke, ob es eine Cover-LP ist, weil so schließlich auch ein Rammstein-Stück heißt, und stelle mit Erleichterung fest, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil, die meisten Stücke sind von Prahl – und seinem Kooperationspartner Danny Dziuk. Da haben sich ja zwei gefunden. Den ehemaligen Stoppok-Mitmusiker Dziuk habe ich bei der Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch und Kunst lieben gelernt. Da hat er die Lieder aus seinen eigenen CD-Booklets abgesungen, weil er die Texte nicht konnte. Das wirkt bei den meisten unprofessionell, aber bei ihm erstaunlicherweise nicht; stattdessen haben wir mit ihm gelacht. Über seine Texte sowieso. Auch über das Lied, das er später anlässlich des Nichtraucherschutzgesetzes auf seine Myspace-Seite geladen hat: „Nichtraucher sind Steuerhinterzieher“. Dziuk und Prahl also. Es ist doch immer wieder schön, wenn Leute schon meinen, neben ihrer eigentlichen Profession aktiv werden zu müssen, und sich dann wenigstens verlässliche Partner suchen. Es hätte so schlimm werden können: Deutscher Schauspieler bringt LP heraus. Für die Single zum gleichnamigen Film „Du bist nicht allein“ arbeitete Prahl bereits mit Jakob Ilja von Element Of Crime zusammen, das war auch schon passend. Und das Stück ist als Bonus auf der LP enthalten, wie ich sehe; die CD hat ein anderes, jedoch verstecktes Bonus-Stück. Mir egal, ich hab die Prahl-Single ohnehin zu Hause. Das Original auch, das ist von Roy Black, entstammt dem Vermächtnis meines Vaters und gibt leider einen schonungslosen Blick auf meine musikalische Sozialisation frei. „À propos Roy Black“, sagt André. „Von dem haben sie jetzt alte Aufnahmen erstmals auf Vinyl veröffentlicht.“ Stimmt, „The Last Rock’n’Roll Show“ von Roy Black And The Cannons. André nickt: „Sowas wollte er lieber machen, wurde aber in die Ecke gedrängt.“

Ganz still an dem Tisch in der Ecke sitzt Aileen auf der Sitzbank und konzentriert sich auf das, was vor ihr liegt: Sie hat Schreibhefte, Bücher, einen Teller mit einer angebissenen Käsebrötchenhälfte und eine leere Tasse vor sich ausgebreitet. „Ich lerne Erdkunde, ich schreibe eine Klausur“, erklärt die Schülerin. Da hat sie sich einen schönen Ort für ausgesucht. Meint sie auch, um sich blickend: „Ich finde das entspannend.“ Sie legt den Stift auf ihren Block.

Aileen: Ich war dieses Jahr beim Hurricane, das war mein erstes Mal. Es war wilder, als ich es mir vorgestellt habe. Ungeordnet, dadurch, dass so viele Menschen da waren. Aber es war gut. So viele verschiedene Menschen zusammen, verschiedene Künstler – ich mag die Vielfältigkeit und die unterschiedlichen Leute, die zusammenkommen. Chase & Status wollte ich sehen, die machen Drum and Bass.

Sie nimmt den Stift wieder auf und konzentriert sich auf ihre Unterrichtsunterlagen. Derweil hat ein Zusteller Post gebracht. Obenauf erkenne ich das Logo von Cargo Records, die zurzeit online den Plattenladen-Award 2011 ausrufen. Jeder kann online seinen Lieblingsplattenladen wählen. Seit ich das letzte Mal auf die Seite geguckt habe, ist das Café Riptide dort von Platz 20 auf Platz sechs hochgeklettert. „Das ist schön“, freut sich André.

André: Es gibt immer so viele schöne Sachen. Schön war zum Beispiel für uns als kleinen Plattenladen, als wir Eddie Argos von Art Brut oder Fatih Akin hier begrüßen durften. Keine Ahnung, wie die das gefunden haben, die müssen sich im Internet informiert haben. Ein sehr schöner Tag war auch unsere Vier-Jahres-Feier; einmal, weil wir sehen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass das Riptide in den vier Jahren so gewachsen ist und sich etabliert hat.

Eddie Argos und Fatih Akin im Café Riptide? André grinst: „Aktuell Michaela Schaffrath, aber die war noch nicht hier, die ist nur durchgegangen.“ Sie tritt zurzeit in der Komödie am Altstadtmarkt auf. Von dort aus haben schon einige TV-Größen das Riptide zum Kaffeetrinken besucht.

„Ich habe gelesen, dass Ihr diese 12-mal-12-Heftchen habt, da hätte ich gerne eins oder zwei von“, sagt Andreas zu André. Der staunt und dreht sich zum Lager um: „Die haben wir gestern erst bekommen, wie viele möchtest du?“ André fingert eines aus den Gummibändern hervor. „Zwei wären gut“, sagt Andreas zurückhaltend. Er bekommt natürlich zwei.

Andreas: Scott Walker in rauen Mengen. Das ist mehr geworden in diesem Jahr. Ich hab noch mehr Schallplatten, da kann man nicht meckern – ich bin ein Nerd.

Er grinst dabei und steckt seine Heftchen ein. Im Riptide sei Andreas bislang nur selten gewesen, sagt er zum Abschied. Im Gehen bleibt sein Blick an der Second-Hand-Kiste mit dem Nichts-Album hängen: „Ich bleibe noch ein bisschen.“ André hat auch mir einer der 12-mal-12-Heftchen gegeben. Davon habe ich noch nie gehört. „Ist so eine Nachbarschaftsaktion, da haben gestern sehr viele nach gefragt, bevor wir davon wussten“, sagt André. Uns beiden ist schleierhaft, wo man davon gelesen haben mag. „Auf Facebook“, sagt Andreas, der sich inzwischen zu den CD-Neuheiten vorgearbeitet hat. Für solche Informationen lohnt es sich offenbar doch, sich einen Facebook-Account zuzulegen. Andererseits habe ich ja nun auch ohne davon gehört. Das Heft ist toll: Autoren, Künstler und Slammer aus der Gegend haben Kleinigkeiten dazu beigetragen. Ein Drittel davon war bereits im Riptide aktiv, viele kennt man von Poetry Slams. Schon beim Durchblättern wird deutlich, was für ein Schatz das geworden ist. Wer an dem Spaß teilhaben will, muss schnell sein: Es gibt nur 750 Exemplare. Doch die Aufschrift „Dezember 2011“ lässt vermuten, dass immerhin Fortsetzungen geplant sind.

Während ich in dem Heftchen schmökere, bringt André leere Getränkekisten weg, stellt den gefüllten Wassernapf für Hunde vor die Tür, nimmt UPS-Pakete entgegen, sortiert CDs und öffnet sich eine Flasche Paulaner Spezi. „Eigentlich bin ich kein Limonadentrinker“, sagt er. Und dann fällt ihm noch etwas ein, das ihm in diesem Jahr wichtig war: „Wir haben das Riptide auf mehrere Standbeine gestellt, unter anderem den Mailorder, doch ist der auf der Strecke geblieben – den haben wir reaktiviert und aktuelle Platten reingenommen.“

Mit gezückter Geldbörse tritt Martina an den Tresen. „Ich hätte gern einen Gutschein“, sagt sie zu André. Der fragt nach dem Wert und stellt den Gutschein entsprechend aus. „So?“, fragt er sie und zeigt ihr das länglich gefaltete Papier mit der schnörkeligen Schrift. Sieht anders aus als früher. Martina nickt zufrieden. Auch ihr stelle ich die Frage nach der persönlichen Besonderheit des Jahres. „Oh, das ist schwierig, mir fällt nur Negatives ein“, sagt sie überraschend. „Ich bestelle mir einen vegetarischen Burger und denke darüber nach.“ Kaum sitzt sie an dem Tisch neben der Theke, steht sie schon wieder auf.

Martina: Mein Umzug – von einer kalten, großen Altbauwohnung in eine große beheizte Wohnung mit Kamin. Ich habe früher direkt am Prinzenpark gewohnt, das war schon gut. Jetzt wohne ich in der Helmstedter Straße.

Das ist ja beides nicht so weit voneinander entfernt, und außerdem ist der Weg in die KaufBar dann umso kürzer. „Ja, die ist prima“, sagt Martina. „Und auch gleich bei mir um die Ecke.“

Im Neuheiten-Fach entdecke ich die neue Doppel-CD von The Cure, „Bestival Live 2011“. Das passt doch zum Silver Club am vergangenen Samstagabend, zur New Wave Independent Kulturnacht im Fire-Abend, das wir extra dafür reaktiviert haben. Abgesehen vom Organisieren, Auf- und Abbauen war mein Auftrag an dem Abend der des Türstehers. Zum zweiten Mal, bei der Braunschweig Indiesound Kulturnacht im April 2010 in der Wichmannhalle habe ich das schon einmal gemacht. Ich, Türsteher; ohne eine türstehererprobte Vorhut hätte ich mich darauf allerdings nicht eingelassen. So war ich dann eher der Begrüßer und Richtungsweiser. Ein Gast fragte, warum wir überhaupt Türsteher brauchen, und hatte Recht: Wir hatten mehr als 500 Gäste und keinerlei Probleme. André begrüßte ich unter den Gästen ebenfalls. Und Claudi Soundschwester, die sich zu mir in die Kälte stellte. Über einen Außenlautsprecher hörten wir, was auf der Bühne an Abenteuerlichem vor sich ging, und stellten fest, dass wir vermutlich etwas Tolles verpassten. Zumindest die Bilder dazu. Zum Beispiel verpassten wir Müllers Premiere als Moderator, abgesehen von den Gelegenheiten während seiner eigenen Konzerte. Die nächste Gelegenheit dieser Art bietet sich am Freitag, dem 13. Januar, im Riptide: Dann stellt er mit der Platemeiercombo deren neues Album „Von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“ vor. Zum Ausgleich dafür, dass uns das Bühnengeschehen optisch verborgen blieb, schien der Vollmond über dem Fire-Abend, dem alten Industriegebäude, das wir in rot und orange angeleuchtet hatten. Ein wunderschöner Anblick – mit der Aussicht auf eine alles toppende Mondfinsternis, wie ich feststellte. „Die war schon“, musste Claudi mich enttäuschen. Wie schade, dass ich sie verpasst habe. „Macht nix“, meinte Claudi, „vielleicht wiederholen sie sie ja.“

Sabine und Richard sitzen an dem Tisch, an dem bis vor kurzem noch Aileen gebüffelt hat. Sie finden die Frage nach der persönlichen Besonderheit des Jahres nicht ganz so einfach zu beantworten.

Sabine: Ich hatte einige besondere Begegnungen – aber die hat man ja öfter.

Richard fände die Frage nach der besten Platte einfacher zu beantworten, und das am liebsten auch ganz unabhängig vom Jahr 2011.

Richard: Wenn ich zurückdenke, würde ich „Sergeant Pepper“ sagen. Das hat keinen Bezug zur aktuellen Weltlage. Ich mag daran die Kreativität – im damaligen Umfeld war das ein ziemliches Novum, an die Zeit und die Situation gebunden.

Bei André begleiche ich meine Rechnungen. Bevor ich gehen kann, erinnert er mich an die Silvester-Party, die das Riptide mit dem Merz veranstaltet. Ich habe schon von vielen gehört, die davon schwärmen, doch keine Chance: Ich feiere schon seit Jahren mit Onkel Fritz.

Fünfzig
Caoga (Irisch)
Chamsīn (Arabisch)
Cincizeci (Rumänisch)
Cincuenta (Spanisch)
Cinquanta (Italienisch)
Cinquante (Französisch)
Cinqüenta (Portugiesisch)
əlli (Aserbaidschanisch)
Elli (Türkisch)
Femti (Norwegisch)
Femtio (Schwedisch)
Fifty (Englisch)
Fimmtíu (Isländisch)
Föfftig (Plattdeutsch)
Fuffzich
Füfzg (Schweizerdeutsch)
Gojū (Japanisch)
Halvtreds (Dänisch)
Hálvtrýss (Färöisch)
Ħamsin (Maltesisch)
Hamsini (Suaheli)
Hanter-kant (Bretonisch)
Kvindek (Esperanto)
L
Lima puluh (Malaysisch)
Limapuluh (Indonesisch)
Luldeg (Volapük)
năm mươi (Vietnamesisch)
Ötven (Ungarisch)
Padesát (Tschechisch)
Päťdesiat (Slowakisch)
Pedeset (Kroatisch)
Penkiasdešimt (Litauisch)
Pesëdhjetë (Albanisch)
Petdeset (Slowenisch)
Piecdesmit (Lettisch)
Pięćdziesiąt (Polnisch)
Pum deg (Walisisch)
Quinquaginta (Latein)
Tschuncanta (Rätoromanisch)
Viisikymmentä (Finnisch)
Viiskümmend (Estnisch)
Vijftig (Niederländisch)
Vyftig (Afrikaans)
Πενήντα (Griechisch)
Педесет (Mazedonisch, Serbisch)
П‘ятдесят (Ukrainisch)
Пятьдесят (Russisch)
Пяцьдзесят (Weißrussisch)


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#49 Hornisschen in der Geisterbucht

18. November 2011


Freitag, 18. November

Wenn man mal echt und absolut keine Zeit hat, sollte man Pott nicht begegnen. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste und voneinander los schon mal gar nicht – auf diese Wiese habe ich schon wundervolle Stunden im Kingking Shop verbracht. Für Pott muss es noch schlimmer sein, wenn er selbst – wie heute – keine Zeit hat. Eigentlich war er nämlich nur wegen der Vorverkaufs-Abrechnung für das Konzert vom Fuck Hornisschen Orchestra und Müller & die Platemeiercombo heute Abend im LOT-Theater im Riptide. „Lass uns draußen noch eine rauchen, dann muss ich los“, sagt Pott. Wir setzen uns trotz der novembergrauen Kälte ins Achteck auf die gemütlichwarmen Sitzkissen, Pott zündet sich seine Zigarette an. Und er berichtet, zum Beispiel davon, wie schade er es findet, dass das neue Album von Müller & die Platemeiercombo zu dem Konzert heute Abend noch nicht fertig ist. „Aber gepresst wird es schon“, sagt Pott. Überraschung für mich: Das fünfte Album kommt also nicht als CDR, Premiere bei der Band. Pott kennt das Album schon, er hat nämlich das Cover gestaltet, und das macht er nie, ohne sich ausgiebig mit der Musik zu befassen. „Das wird der Dezember der Pott-Cover“, sagt er, denn das für die nächste Weihnachts-CD von The Twang hat er auch gestaltet. Und die Musik dazu also im Sommer gehört. Auf dem Weg vom Café in die Rip-Longe kommt Chris mit einem vollen Tablett an unserem Tisch vorbei. „Ihr zwei Tapferen“, bemerkt er grinsend. Ich überlege laut, mir bei ihm einen Eiskaffee zu bestellen. „Den kann ich dir machen“, sagt Chris, als er die Tür zur Lounge öffnet. Das glaube ich ihm gerne. Bevor er die Tür schließt, sagt er noch: „Oder ein Glas mit Eiswürfeln – Sie baden gerade ihre Hände drin.“ Eiswürfel on the rocks wären gut. Pott und ich verlieren uns in Themen über Technik und deren Verweigerer, gute und schlechte Satire und fantastische Graphic Novels, obwohl er dafür keine Zeit hat. Seine Zigarette hat er längst im Ascher ausgedrückt. „Wir trinken nach dem Konzert heute Abend ein Bier“, sagt er eilig zum Abschied und löst sich dann doch.

Im Café ist es deutlich wärmer und noch gemütlicher als davor. Auch der Empfang ist warm, aber das ist er jahreszeitenunabhängig ohnehin immer. Jasmin tritt ihren Dienst an, André sitzt in der Büroecke und Chris bedient die Kunden. „Wichtig“, sagt Chris und deutet auf einen grünen Flyer auf der Theke: Der Plattenladenaward von Cargo Records hat begonnen, seit zwei Wochen kann man online mitmachen. „Wie viele Plattenläden gibt es bundesweit, 300? Es gab einen Vorentscheid – wir haben Glück gehabt und sind unter den ersten 50.“ Über die kann man jetzt abstimmen, welcher der beste Plattenladen in ganz Deutschland ist. Von den Flyern liegen noch ein paar mehr neben der Vitrine mit den Muffins. „Wir bitten alle Leute, für uns zu stimmen, sofern sie uns unterstützen wollen“, sagt Chris. Von der Riptide-Webseite aus gibt es einen direkten Link zur Teilnahme. Chris schwärmt von den Gewinnen, die Cargo den Teilnehmern in Aussicht stellt: „Einen Designplattenspieler im Wert von 3000 Euro oder, fast noch interessanter, der Besuch in einem Presswerk, was ich auch noch nicht hatte.“ Auch der Gewinner-Laden profitiert, und, so Chris, mit ihm auch dessen Kunden, denn bei der nächsten Plattenladenwoche gibt es für den Besten dann besondere Konzerte und andere Specials.

Ebenfalls online ist der neue Webshop des Café Riptide. Die nächste Single der eigentlich lange aufgelösten Guided By Voices sei dort schon zu finden, sagt Chris, „unter Neuheiten Dezember, als Pre-Sale“. Da findet man außerdem die nächsten Alben von Fennesz oder Bitch Magnet, „eine legendäre 90er-Band, die den Begriff Post Rock erfunden hat – wird neu aufgelegt.“ Im Webshop wisse man als Kunde immer schon, was alles neu kommt, zum Beispiel die Alben von den Lemonheads, den Mighty Mighty Bosstones – oder eben die Single „Doughnut For A Snowman“ von Guided By Voices, dem Vorgeschmack zum Album „Let’s Go Eat The Factory“ mit vier exklusiven Bonustracks. „Es gibt ein neues Album in Originalbesetzung, zum ersten Mal seit 15 Jahren“, sagt Chris. Dabei hat sich Bandchef Robert Pollard doch zur Ruhe setzen wollen.

„Ich hatte einen Robinson-Burger, eine heiße Zitrone, einen Schoko-Muffin und einen Kaffee mit Sojamilch“, zählt Juliane am Tresen mit dem Portemonnaie in der Hand auf. „Und es war alles superlecker, echt“, setzt sie hinzu. „Gut, dass es euch gibt – ich bin hier am allerliebsten.“ Juliane ist vor einem Jahr von Jena nach Braunschweig gezogen. Jena habe 100.000 Einwohner, von denen 23.000 Studenten seien – „das macht viel aus, Jena hat ein anderes Flair als Braunschweig“. Da freue sie sich umso mehr, dass sie das Riptide entdeckt hat: „Das ist so ein kleiner Schatz, ein bisschen versteckt unter den anderen Kneipen.“ Ihr gefalle, dass das Café gemütlich ist und dass es hier vegane Burger gibt. „Und letzte Woche die Soul-und-Funk-Party, die war auch sehr angenehm.“ Chris strahlt.

Und hat schon den nächsten Kunden: Benjamin hat auf einem Zettel notiert, in welche Musik er gerne reinhören würde. Er liest ab: „Dillon, Radiohead, Gui Boratto…“ Chris nimmt den Zettel entgegen: „Die neue Dillon haben wir da, die Radiohead auch, aber erstaunlicherweise nur auf CD, nicht auf Vinyl.“ Benjamin nickt: „Das ist wirklich erstaunlich.“ Chris fährt fort: „Die neue Gui Boratto ist da, als Twelve Inch.“ Benjamin hakt ein: „Wo stehen die?“ Chris macht einen Schlenker um den Tresen herum: „Zeig ich dir.“ Gemeinsam blättern die durch die Neuheiten-Kiste, Chris kommentiert die Wünsche auf Benjamins Liste. Einzig die Dillon-LP bleibt unauffindbar: „Ich dachte, die wäre da, da muss ich im Rechner gucken“, sagt Chris. „Das macht nix, ich hab Zeit“, sagt Benjamin und setzt sich an den Tisch neben der Theke. „Ich hab noch eine Suppe zu essen.“ Die Suche übernimmt André. Er klickert in der schmalen Büroecke auf der Tastatur herum, umkurvt die Theke, greift in ein Plattenfach und legt die gewünschte LP auf die Theke. „Wo hast du die gefunden?“, fragt Chris staunend. „Bpitch Control“, nennt André das entsprechende Fach und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück. Chris reicht die Nachricht gleich an Benjamin weiter, der seine Suppe isst: „Die Dillon haben wir schon mal gefunden.“ Ich wundere mich: Wie kommt es zu dem Rollentausch von Chris und André? Sonst ist es doch Chris, der im Büro sitzt, und André bedient die Kunden. Chris erklärt, dass diese Verteilung tatsächlich seit Jahren so besteht. Eben deshalb der Tausch: „André soll mal in die Vorgänge reingucken, bis es klappt – und ich will auch mal raus.“

Nach einigem Stöbern legt Moritz die neue CD von Bon Iver auf die Theke. Das Cover kommt mir vertraut vor: Es klebt als Poster an der Kiste mit den Second-Hand-LPs neben dem Eingang. „Nicht alleine hören“, warnt Chris, während er die CD aus der Kiste in der Schublade holt und ins leere Digipak steckt. „Die ist auch nicht für mich“, entwarnt Moritz, „die ist für meine Freundin.“ Chris klappt das Cover zu und reicht ihm die CD: „Die ist schaurig, traurig, schön – passend zur Jahreszeit eigentlich.“ Moritz ist neu in Braunschweig, er kommt aus Osnabrück und studiert hier. Das Riptide hat er zufällig entdeckt: „Ich habe einen Comicladen gesucht.“ Chris nickt: „Comiculture nebenan ist wohl der letzte Comicladen in Braunschweig.“ Den Trivial Book Shop, einst am Hagenmarkt gelegen und jetzt seit Jahren in der Holwedestraße geschlossen, gibt es ja auch nicht mehr. Moritz fährt fort: „Da bin ich hier vorbeigegangen, es sah cool aus – es bietet auf der einen Seite alternative Musik, die ich höre, und vegane Speisen, die ich esse.“

Auf der Theke liegen unter anderem auch Flyer für die nächste Ausgabe der gemeinsamen Filmreihe Sound On Screen von Universum-Kino und Riptide. In „All You Need Is Klaus“ geht es am 8. Dezember um Klaus Voormann, der die grafische Seite der Beatles mit seinen Arbeiten einzigartig machte. Ein Glück, dass es Sound On Screen gibt, wenn schon das Filmfest nicht ewig dauern konnte. Das war aber auch wieder ein Spaß vergangene Woche. Schon am Eröffnungsabend ist man aus dem Händeschütteln und Leutedrücken im Foyer von C1 oder Universum nicht herausgekommen. Wie üblich nahmen sich viele Leute Urlaub, kauften sich eine Dauerkarte, markierten das Programmheft kunterbunt und schraubten auf dem Sitzplatz nebenan ihre Thermoskanne auf. In den Pausen packten sie Butterstullen oder Obst aus, trafen Freunde und Bekannte und tauschten sich über die gesehenen Filme aus. Ein wahres Fest eben. Da kam es auch vor, dass ich Leute traf, die in gar keinem Film waren, sondern nur zum Leutetreffen ins Kino gingen. „Ich habe viel mitgeholfen, auf einer internen Party für die französischen Stargäste aufgelegt und nur einen Film gesehen“, erzählt Chris. „Der war zum Glück gut.“ Ein Film von 1997, „Love And Death On Long Island“, mit John Hurt, laut Chris der Charakterschauspieler schlechthin, und als Gegenspieler jemanden, der, so Chris, kaum entgegengesetzter als Hurt sein könnte: „Jason Priestley.“ Chris guckt erwartungsvoll, doch mir sagt der Name zu seiner Verwunderung nichts. Und zur Verwunderung von Jasmin, die aus der Küche um die Ecke blickt. „Beverly Hills 90210“, erklärt Chris. Hab ich nie gesehen. „Schon vergessen?“, fragt Jasmin. Nein, die Existenz der Serie ist mir schon bekannt, aber gesehen habe ich sie nie und mir auch keine Schauspielernamen gemerkt. Manchmal muss man etwas nicht sehen, um zu wissen, dass es einem nicht gefällt, wie etwa Baywatch. „War doch geil“, ruft Chris breit grinsend. Jasmin dreht sich zurück in die Küche und winkt ebenfalls grinsend ab: „Das hab ich mir gedacht.“ Von dem Film haben in den Pausen auch andere Kinogänger geschwärmt. Ich hab es immerhin auf drei Filme gebracht: „Morgen“, bei dem mittendrin zwei Filmrollen vertauscht waren, was offenbar niemandem auffiel, vermutlich, weil das Filmkunst-Publikum an seltsame Handlungsstrukturen gewöhnt ist, den sehr guten und todtraurigen „Halt auf freier Strecke“ vom endlich wieder guckbaren Andreas Dresen und „Another Earth“ mit den von Clemens umschwärmten Fall On Your Sword als Gästen. Ihren Youtube-Hit „Shatner Of The Mount“ hatten sie entgegen ihrer Aussage leider nicht als CD dabei – er ist auch grundsätzlich gar nicht erhältlich, aus Rechtsgründen gibt es lediglich ein Remake als Download. Schade. Zu mehr Filmen habe ich es nicht gebracht, weil immerzu andere Sachen anstanden, Freunde besuchen etwa, eine supertolle Freizeitverbringungsidee übrigens, oder als Krönung davon auch Geburtstagfeiern, im Idealfalle im Riptide. Den Auftakt dieser kleinen Feier habe ich leider verpasst: Als Maren an ihrem Geburtstag ins Riptide kam, überraschten sie Chris und André – Facebook sei Dank – mit einem kleinen Muffin und einer Kerze. Maren war gerührt und meinte, dass es schon seinen Grund habe, warum das Riptide für sie ein Zuhause sei. Ich konnte erst später zu der Feierrunde stoßen. Auf dem Weg ins Riptide kam ich bei Raute Records vorbei und wollte nicht einfach grußlos weiterziehen. Also reichte ich Uwe und Katrin die Hand und begründete meine Eile mit dem bereits laufenden Geburtstagsfest im Riptide. Eile gibt es jedoch nicht mit Uwe: „Moooment.“ Katrin half ihm, seinen Beitrag zum Thema aus der Singleskiste zu fischen: „Es lebe das Geburtstagskind“ von Manuela. Die beiden haben es eben immer passend. Unseren vermeintlichen neuen Running Gag, die Compilation „What Is Beat?“ von The Beat, habe ich überdies bereits anderswo gefunden, da muss also wieder etwas Anderes her. Vielleicht angelehnt an unseren ersten Gag die „Animals“ von Pink Floyd, die hat mir schon von Les Claypool sehr gut gefallen. Und: Auch in die Filmfest-Zeit fiel die Aktion „Occupy Bankplatz“, von der mir ein Filmfest-Gast erzählte und die auch ein achtlos weggeworfener zerknitterter Zettel im Riptide ankündigte – und zu der wir mitten in der Nacht nach einem privaten Filmfest mit Freunden – „Die Braut des Prinzen“, zu Unrecht nahezu völlig unbekannt – zu spät kamen. Kreidezeichen auf dem Bankplatz mit Sprüchen wie „Widerstand ist sexy“ oder dem Wort „REVOLUTION“ mit farblich abgesetztem „EVOL“, bei dem das E und das L zudem spiegelverkehrt gemalt waren, zeugten davon, dass da immerhin wirklich etwas passiert war, jedoch offenbar ohne New Yorker Ausmaße.

Um das Sofa herum gruppiert sich mittlerweile eine anwachsende Menschenmasse: der Drum-and-Bass-Stammtisch, wie an jedem Freitag, initiiert von Ly.da Buddah, wie Chris berichtet. Er überschlägt sich vor lauter Schwärmen: Ly.da Buddah habe in der Europa-Rangliste der D’n’B-DJs einen Platz in den Top Ten inne. „Das ist der einzige Superstar, den Braunschweig zu bieten hat“, strahlt Chris. Ly.da Buddah hatte früher einen kleinen D’n’B-Plattenladen, so Chris, „oben bei Boardjunkies“, was er aus Zeitgründen – Tourneen! – aufgeben musste. Er betreue jetzt die D’n’B-Abteilung im Riptide. Chris: „Es gibt eine Gruppe bei Facebook, die zum Stammtisch immer ein Motto ausruft – dieses Mal: Jazz.“ Interessant wird es noch, wenn sich der Drum-and-Bass-Stammtisch und der Bass-Stammtisch rund ums Sofa treffen.

Chris klebt Preis- und „Nicht öffnen“-Etiketten auf CDs und LPs, entnimmt CDs ihren Hüllen und verstaut sie in der Kiste in der Schublade, steckt Digipaks in Plastikhüllen und öffnet Kartons. Unter den neu angekommenen LPs ist auch „Inni“, das neue Live-Album von Sigur Rós, das eigentlich schon seit einiger Zeit im Riptide zu haben ist. „Nachschub“, sagt Chris. Der Film, das Haupt-Ding an der Veröffentlichung, ist ganz gut, schwarzweiß, künstlerisch, wegen des Flackerns anstrengend zu sehen, aber damit immerhin anders als „Heima“, die andere DVD der Isländer. Auch musikalisch: Da das Streichquartett Amiina auf der Tour 2008 nicht dabei war, fehlt dem Sound der Kitt, der ihn zusammenhält. „Inni“ ist mehr Drone als von Sigur Rós gewohnt. Als ich kürzlich in Kopenhagen war, haben sie „Inni“ im Rahmen eines Dokumentarfilmfestivals im Kino gezeigt. Ich hätte ihn mir gerne angeguckt, wenn ich nicht parallel bei dem bombastisch guten Konzert von Under Byen gewesen wäre, das ebenfalls im Rahmen des „CPH:DOX“-Festivals stattfand, begleitet von Videofilmen der Regisseurin Sidse Carstens. Da habe ich doch lieber eine Liveband als einen Film von einer Liveband. „Sowas gibt’s nur in Skandinavien“, sagt Chris seufzend über die „Inni“-Kinovorführung. Ich dementiere, indem ich auf den Sound-On-Screen-Flyer tippe. Doch Chris insistiert: „Wir haben ‚Inni’ für Sound On Screen nicht bekommen.“ Als Alternative dazu gibt es im Januar „Backyard“: „Damit haben wir Island abgehandelt“, sagt Chris. „‚Backyard’ handelt von einem Festival, bei dem ein Typ auf seinen Hinterhof alle isländischen Bands einlädt – das ist berühmt, weil da dann Björk mit irgendwem jammt und so.“ Für den Anschluss steht auf dem Flyer, den Chris eigens aus der noch verschlossenen Flyerkiste fingert, ein „Secret Gig“. Doch da bleibt er eisern: „Der bleibt bis dahin geheim.“ Vorfreude ist ja auch fein. Besonders zu dieser Zeit: Nächste Woche beginnt der Weihnachtsmarkt. Dann wird’s ernst.

Die Drei Fragezeichen werden mich retten: Chris überreicht mit die Dreifach-Picture-LP der neuen Folge 150, „Geisterinsel“. Ich freue mich schon auf Oliver Kalkofe als Inspektor.
„Die Nachfrage nach der Vinylversion war so groß, dass das Label nicht alle Bestellungen erfüllen konnte“, sagt Chris. Danke, Riptide: Meine hast du erfüllt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#48 Simmernde Butternuss

21. Oktober 2011


Freitag, 21. Oktober

Herbstzeit: Sonnenzeit. Goldener Oktober halt. Das Wetter ist heute schöner, als es im Sommer je war. Zwar ist es kalt, aber mit genügen Decken sitzt es sich überall auch draußen gut, auf dem Kohlmarkt in der Sonne etwa, oder auch im Achteck beim Riptide. Irgendwem ist nie zu kalt. Noch vor nicht einmal drei Wochen saßen wir in einer größeren Runde auf dem Kohlmarkt bei Nicoffee draußen, im T-Shirt, in der warmen Sonne und in aller Seelenruhe. Das war am 3. Oktober, dem Feiertag, dem herrlich verlängerten Wochenende. Und als wir da so saßen und den Kaffee und die Wärme genossen, sagte eine Dame aus der Runde: „Nächsten Monat öffnet der Weihnachtsmarkt.“ Der Rest der Runde ließ den Satz sacken, dachte an den ersten Advent Ende November, blickte auf die sommerliche Kleidung ringsum und sagte dann: „Halt bloß den Mund.“

Herbstzeit: Gemüsezeit. Es ist zwar oberflächlich gesehen eintönig, weil man auf dem Wochenmarkt lediglich zwischen Kohl und Kürbis entscheiden kann, aber in den jeweiligen Genres ist die Auswahl riesig und mit genügend Ideen lässt sich Gutes und Variables daraus machen. Leckeres sowieso. Herbstzeit: Suppenzeit. „Seit dem 1. Oktober gibt es wieder Suppen“, sagt André. „Die Suppensaison hat wieder begonnen.“ Chris verrät, welche Suppe in dieser Woche im Riptide zu haben ist: „Kartoffel mit Kohlrabi – die ist grober, deftiger, eintopfmäßiger.“ Klingt verlockend. Wenn es bei uns zu Hause heute nicht auch Suppe gäbe, würde ich zuschlagen. Kraftvoll roch es vorhin in der ganzen Wohnung: Im Backofen garte in einer Auflaufform ein zerstückelter Butternut-Kürbis. Wir hatten schon einmal einen verwurstet, als Alternative zum bislang bei uns üblicheren Hokkaido-Kürbis, der den Vorteil hat, dass man seine Schale bedenkenlos mitpürieren kann. Das ist beim Butternut nicht der Fall, dessen Schale muss man mit einem Messer zu Leibe rücken, und zwar so kraftvoll, wie er im Backofen riecht. Mit diesem für uns neuen Rezept will die Zubereitende den nussigen Geschmack, der dem Kürbis seinen Namen verleiht, besser herausarbeiten als mit dem Eintopfrezept, das wir davor ausprobiert haben. Eine Dreiviertelstunde ließ sie die Form mit den Kürbisstücken und Zwiebelschnitzen im Ofen, bis sie dunkle Ränder ansetzten. „Das muss so sein“, sagte sie dann. Ein Blick aufs Rezept gab ihr Recht: „Werden einige Stellen bräunlich, verleiht das der Suppe ein leichtes Röstaroma“, stand dort. Verlockend.

Bei André bestelle ich einen Kafka für gleich und die nächste Drei-Fragezeichen-Dreifach-LP für später. „Geisterbucht“, liest André vom Monitor ab. Genau, die erscheint am 11. November. Ich bin mir sicher, dass die ohnehin im Riptide zu haben sein wird, wie auch die letzten Dreifach-LPs der Drei Fragezeichen, aber ich will sichergehen. André quittiert mein Gesuch und händigt dann Udo seine LP aus. Der gibt André im Tausch dafür das entsprechende Geld. Auf Andrés freundlichen Dank reagiert Udo noch überschwänglicher: „Ich danke für den wie immer guten Service.“ André strahlt. „Wenn du uns was Gutes tun willst, wähle uns zum Plattenladen des Jahres“, sagt er und deutet auf ein entsprechendes Plakat, das in der Tür klebt. „Läuft das über den Rolling Stone?“, fragt Udo und liest nach. André verneint: „Das läuft über Cargo Records, du musst dich da im Internet einloggen, steht alles auf dem Plakat.“ Aus der Büroecke ergänzt Chris: „Ab 1. November geht das erst.“ Udo verspricht, mitzumachen, und geht. André bedient die Gäste im Café, in der Rip-Lounge und im Achteck, und bringt einen Stapel beschriebener Zettel zurück hinter die Theke. Ausschnitte davon ruft er zu Benno in die Küche. Chris sortiert derweil Platten ein. Er steckt die buchförmige Deluxe-Version des neuen Tom-Waits-Albums „Bad As Me“ in den Aufsteller auf der Theke, zwischen die „Exit Through The Gift Shop“-DVD von Banksy und die „Anthology“-Box von New Model Army. Ein würdiger Platz. Auf Vinyl hat Chris die „Bad As Me“ auch, die stellt er auf die Ablage über dem Neuheiten-Fach. „Cargo förderte schon unabhängige Plattenläden, noch bevor es Mode war“, berichtet Chris dabei. Er schwärmt von der Aktion: „Die Teilnehmer können etwas gewinnen, und der Plattenladen, der gewinnt, kriegt eine exklusive Riesen-Party beider nächsten Plattenladenwoche, im April nächsten Jahres; so haben alle etwas davon – die Leute, die mitmachen, und der Plattenladen, der gewinnt.“ Die Platenladenwoche ist eine Entsprechung zum US-amerikanischen Record Store Day: Es gibt in ausgewählten Plattenläden ausgewählte Sonderveröffentlichungen. Von der bis dato letzten Plattenladenwoche steht noch eine Kiste im Riptdie, mit Poster dazu und Tonträgern wie der Unplugged-Doppel-CD von Udo Lindenberg, einer Flogging-Molly-7“, einer Gotthatd-Doppel-LP, einer Thees-Uhlmann-Picture-LP und mehr darin. Bei der bundesweiten Plattenladenwoche soll es in Sachen Plattenladenunterstützung nicht bleiben, weiß Chris: „Der Black Firday wird eingeführt – Freitag, Release-Tag in Deutschland, da soll es ein-, zweimal im Jahr ganz exklusive Super-Releases geben.“ Er klebt ein Etikett auf eine Modeselektor-LP und zuckt mit den Schultern: „Was das wird – abwarten.“

Wenn der Kürbis mürb ist, gibt man ihn mit einem halben Liter Brühe in einen Topf. Darin kocht man ihn auf und lässt ihn dann eine Viertelstunde simmern. Begriffe, die es nur in Kochrezepten gibt: simmern. Kommt aus dem Englischen und heißt dort „sieden“, bedeutet aber beim Kochen etwas Anderes, nämlich so viel wie: auf kleiner Flamme köcheln. Am Ende des Simmerns steht der Pürierstab, mit dem das Ganze zur Suppe zerkleinert wird. Geht auch mit einem Mixer.

Benno hält einen Mixer voller Schokoladenteig aus der Küche und fragt: „Will jemand ablecken?“ André verneint, ich nicht. „Das hab ich früher auch immer so gemacht“, erzählt Benno und wendet sich wieder seiner eigentlichen Tätigkeit zu: Er legt einige Papierförmchen in die Mulden eines Muffinblechs. Warum dann jetzt nicht? Sein Magen sei jetzt nicht aufnahmefähig dafür, sagt er und gießt den soeben gemixten Schokoladenteig in die Papierförmchen. Da verpasst er etwas. Ich reiche ihm den Mixer zurück. „Und, war gut?“ Aber selbstverständlich!

Morgen Abend legt Chris im Lindbergh Palace auf. Beim Soulnighter, kündigt er an, „mit Funk und Beat“. Das erinnert André an die neue Ausstellung im Riptide: Schallplattencover gibt es zu sehen, im Zuge der Sound-On-Screen-Veranstaltung mit dem „Blue Note“-Film. Heißt: lauter Jazz-Cover, aller Originale. „Das Kino war ausverkauft“, erzählt André. Nicht zum ersten Mal bei Sound On Screen, erfreulicherweise. „Wir hatten Live-Jazz hier, es war gut besucht, mal ein anderes Publikum als sonst.“ Die Jazz-Cover stammen von einem Mitglied der Jazz-Initiative Braunschweig, die bei der Ausgabe von Sound On Screen mit dem Universum und dem Riptide zusammenarbeitete. Beim nächsten Mal, am 3. November, gibt es den White-Stripes-Film im Universum zu sehen und anschließend ein Konzert von Mintamings im Riptide.

Mit einer Terrine gefüllt mit der aktuellen Suppe der Woche kommt Benno aus der Küche. Sieht gut aus. André bringt die Suppe an den entsprechenden Tisch und ich erzähle Benno von unserer Kürbissuppe. „Hmm, Kürbissuppe“, sagt Benno und reibt sich den Bauch. „Jemand hat mir gesagt, dass man da ein Stück Schmelzkäse hineintun kann“, sagt er. „Habe ich aber auch noch nicht ausprobiert.“ Klingt gut, erinnert mich daran, dass ich früher immer Käse in Ravioli gerieben habe, um sie nahrhaft zu machen. „Letztes Mal habe ich Kokosmilch in die Suppe getan, zum ersten Mal, eine ganze Dose – aber das war zu viel“, berichtet Benno. Kokosmilch in Kürbissuppe ist toll, so hatten wir die zuletzt auch immer. Aber nur mit einer halben Dose Kokosmilch. Interessant an Kokosmilch ist, dass man sie eher riecht als schmeckt. „Stimmt“, sagt Benno und verschwindet wieder in der Küche.

Currypulver kommt an die Suppe auch noch, und zwar in einer Pfanne angeröstetes. „Das intensiviert das Aroma“, sagt das Rezept. Curry ist sowieso eine tolle Mischung. Irgendjemand hat mal gefragt, wie Curry eigentlich geerntet wird. Die Antwort könnte Krüger geben, der kennt sich mit so was aus, der hat auch mal die „Gyrosernte in Griechenland“ besungen.

„Kann ich da reinhören?“, fragt Ulrike Benno und legt zwei CDs auf den Tresen. Der bestätigt und sucht die Tonträger aus dem Schubfach heraus. „Das ist Doom Grindcore“, erklärt Ulrike. Doom Grindcore? „Steht so auf dem Fach als Beschreibung”, sagt sie schulterzuckend. Ich staune. „Ich höre auch softere Sachen“, entschuldigt sie sich. „Sachen wie Linking Park, Limp Bizkit, die mag eigentlich jeder, oder?“ Benno drückt ihr die CDs in die Hand. „324“, steht auf einer. „Die kenne ich nicht“, sagt Ulrike. „Ich fand den Namen aber interessant – 324.“ Beinahe andachtsvoll nimmt sie die CDs in die Hand. „Man findet hier viele interessante Sachen und man wird gut beraten“, sinniert sie über das Riptide. „Sie haben hier viel Underground – aber die beiden haben in alles reingehört.“ Das macht sie mit ihren ausgewählten CDs jetzt auch.

Chris bedient den nächsten Kunden: „Habt ihr das neue Tom-Waits-Album da?“, fragt Tobias. Chris deutet auf den Aufsteller vor ihm: „Als Limited Edition.“ Tobias strahlt: „Die nehme ich gleich mit.“ Keine halbe Stunde steht sie dort, schon ist sie weg. Nicht ganz: Chris gibt ihm eine aus dem Lager. „Kann ich mit Karte zahlen?“, fragt Tobias. Er kann. „Ich bin selbst ganz heiß drauf“, sagt Chris. „Ich wird mir das Album in Ruhe mal anhören, heute Abend, vielleicht morgen, auf jeden Fall aber noch an diesem Wochenende.“ Als er das bislang letzte Album „Real Gone“ gehört habe, sei er „geschockt“ gewesen, sagt Chris: „Wo ist das Klavier? Tom Waits ist ein Piano-Man.“ Mit der Zeit habe er das Album aber doch gut gefunden. Umso mehr freue er sich auf „Bad As Me“: „Ich hab vorab noch nicht reingehört, habe nichts drüber gelesen – ich denke nur: geil, Tom Waits.“ Ich habe drüber gelesen, erzähle ich ihm, und zwar: „Geil, Tom Waits“. Chris lacht und gibt Tobias die CD herüber.

Ulrike kehrt vom CD-Spieler zurück. Sie hat sich entschieden, die neue CD von Life Long Tragedy mitzunehmen. „Wenn der Gesang noch ein bisschen melodischer wird, wär’s perfekt“, sagt sie. Chris erfüllt ihren Wunsch, zumindest den, dass sie das Album mit nach Hause nehmen kann. Einen Wunsch hat auch Felix: „Ich würde gerne eine Platte bestellen, und zwar ‚Audio Video Disco’ von Justice“, sagt er zu Benno. Der sieht, dass Chris gerade seine Arbeit beendet hat, und fragt ihn: „Machst du?“ Chris macht, und Benno macht, dass er in die Küche kommt. „Die müsste nächste Woche erscheinen“, sagt Chris mit Blick auf den Monitor zu Felix. „Nee, die ist verschoben, die kommt im November, zumindest die Vinyl, die CD kommt vorher.“ Um die Vinyl-Ausgabe des Albums geht es Felix auch. Er lässt sich eine Kopie reservieren.

Auf dem Tresen liegt ein Flyer von Ulf Hartmann. Den Flyer kenne ich aus dem Herman’s, da spielt Ulf Hartmann auch, da sind wie im Riptide auch alle Flyer einzeln von Hand mit dem Datum beschrieben. „Unsere haben wir aber selbst beschrieben“, sagt Chris. Benno, wieder zurück aus der Küche, nimmt sich einen der Flyer. „Der ist ganz nett“, sagt er über Ulf Hartmann. „Ich hab den vor einem Jahr schon mal gesehen, ich freue mich, wenn der kommt.“ Am 25. November ist es soweit, zwei Tage später ist er im Herman’s. „Klingt nach einer Kneipen-Tour durch Braunschweig“, sagt Chris und packt eine LP aus. Dieses Mal keine für den Laden: „Das ist die teuerste Platte, die ich mir jemals gekauft habe.“ „Orchester Ambros Seelos“ steht drauf. „Das ist ein total durchgeknallter Saxophonist, sieht man ja schon am Cover“, erklärt Chris. Der habe damals das Fernsehen erobert. „Dazu haben Omas getanzt“, weiß Chris. „Ich habe mir noch nie so eine teure Platte gekauft“, stellt er erneut fest. Auf CD habe er die zwar schon, wolle die aber morgen ins Lindbergh zum Auflegen mitnehmen.

Ich will auch etwas mitnehmen: „TKOL RMX 1234567“ von Radiohead. Chris schwärmt von den zeitgemäßen Remixern wie Caribou, Four Tet oder Jamie xx von The Xx. „Die anderen kenne ich auch nicht.“ Modeselektor sind eigentlich die einzigen, die ich davon noch kenne. „Stimmt, Modeselektor sind auch dabei“, sagt Chris. Mir gefällt, dass Radiohead die sieben „The King Of Lims“-Remix-12“es als Sammlung veröffentlichen, das vereinfacht das Sammeln für den Fan. „Ich hatte eine Kundin, die wollte alle sieben bestellen“, erzählt Benno. Kostspielige Angelegenheit vermutlich. Die 12“ „Supercollider/The Butcher”, die es vergangenes Jahr beim Record Store Day gab, ist leider nicht auf der Doppel-CD enthalten. Und die Thom-Yorke-Solo-Remix-12“es könnte es auch mal als Sammlung geben, das wäre fein.

In meine Sammlung hab ich kürzlich ein anderes lang gesuchtes Album aufgenommen. Als ich mal wieder bei Raute war, warf mir Uwe ein „Hast du zwölf Euro dabei?“ an Grußes Statt entgegen. Hatte ich, und er hatte dafür die „Meddle“ von Pink Floyd für mich, als italienische Pressung. Toll für mich, aber damit haben Uwe und ich uns leider einen Running Gag genommen. Und ich hab extra bei einem Flohmarkt in Wolfsburg die „Meddle“ stehen gelassen. Dann müssen wir eben etwas Neues finden, zum Beispiel suche ich auf Empfehlung eines ehemaligen „Freedom“-DJs hin „What Beat?“ von The Beat, das kannte ich nicht und fand Gefallen an einem bestimmten Song von denen. Das könnte sich als nächster Running Gag zwischen Uwe und mir entwickeln, dachte ich. Pustekuchen: Uwe verschwand sofort im Lager und sah nach, Katrin lachte. Doch auch in den Singles fand er den Song nicht, um den es mir ging und den Uwe natürlich sofort erriet und vor sich hin sang: „Mirror In The Bathroom“. Das hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass ich mit solchen mir selbst unbekannten Sache bei Uwe und Katrin genau richtig war. Dennoch, der Song war vergriffen und ist damit unser neuer Running Gag. Oder doch die „Animals“ von Pink Floyd? Eigentlich mag ich Pink Floyd ja nicht, aber so, wie Les Claypool „Animals“ gespielt hat, muss das auch im Original ein gutes Album sein. Jedenfalls entließ mich Uwe nicht, ohne seine aktuelle Lebensweisheit mit mir zu teilen: „Wer lange auf dem Pfade der Exzesse wandelt, gelangt zum Tempel der Erleuchtung.“ Er nickte und fügte nüchtern hinzu: „Ich habe ihn ja auch noch nicht erreicht, ich werde es erst in Kürze wissen – man müsste mal Nina Hagen fragen, die dürfte da schon gewesen sein.“

Nicht geschafft indes habe ich es zur Eröffnung des Kulturwarenladens, Das ist der neue Online-Shop des Kingking Shops. Stefan von der Einraumgalerie, der sein Büro im Kingking Shop hat, hatte angekündigt, dass der Online-Shop mit einem Oktoberfest ans Netz gehen sollte. Und Kingking-Chef Pott hatte mir beschrieben, wie er sich die Eröffnung vorgestellt hat: Draußen vor dem Shop wollte er eine Reihe von Laptops aufstellen, an denen sich die Kunden die ausgesuchten Waren bestellen. Von drinnen hätte er dann die Bestellungen herausgereicht. Das hätte die Umtauschwege stark verkürzt, hatte Pott gemeint. Schepper, der seinen Bass-Stammtisch übrigens ins Riptide verlagert hat, war zur Eröffnungsfeier im Shop und erzählte mir, dass sie diese Idee dann leider doch nicht umgesetzt haben. Dafür erzählte mir Stefan davon, dass kürzlich eine Delegation Fritz-Kola-Vertreter aus Hamburg im Kingking Shop war. Darauf aufmerksam geworden waren sie über einen Flyer, den sie im Café Riptide gefunden hatten. Da schließen sich Kreise. Jedenfalls schwärmten die Fritz-Leute wohl vom Kingking Shop und sagten: „So etwas fehlt uns in Hamburg noch.“ Und Stefan staunte sehr. Aber es kann hinkommen: Die ganzen Plattenläden in der Schanze sind oftmals auch nur kaum günstige Touristenziele, bisweilen haben Großketten in Hamburg eine bessere Auswahl als die. Da kann man mal sehen, wie gut es uns in Braunschweig geht.

Die Kürbissuppenköchin hat extra kerniges Brot als Beilage besorgt. Die Suppe hat einen braungelben Farbton, ist nicht so dick wie erwartet und riecht verheißungsvoll. Einige Kürbisstückchen hat der Pürierstab nicht erwischt. Und ja, die Zubereitende hat recht: Ein bisschen schmeckt der Kürbis nach Walnuss. Eine fantastische Suppe, so viel ist mal sicher. Ach, Herbst, du und deine Früchte! Da fällt mir ein, die Äpfel sind alle. Morgen ist ja wieder Wochenmarkt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#46 Beirut brennt

22. August 2011


Montag, 22. August

„Die Hausmarke haben wir jetzt neu mit Lakritz.“ Hm. Franzis Hinweis lässt mich kurz stutzen: Soll ich das Wagnis eingehen? Dafür spricht, dass ich dänisches Lakritz-Eis auch mag. Also ja. „Ich habe die selber auch noch nicht probiert – ich mag kein Lakritz, aber ich mag ja auch Mandeln und kein Amaretto.“ Franzi steigt auf die umgestülpte Astra-Kiste und fischt eine Hausmarke mit Lakritz aus den oberen hinteren Reihen des Kühlschranks. Allein dieses Getränkeversteck lässt sie mutmaßen: „Ich weiß nicht, ob es ein Versehen war, dass die mitbestellt wurde.“ Sie steigt mit der Flasche von der Kiste, öffnet sie, stellt sie vor mich auf die Theke und verschwindet in der Küche. Daraus bringt sie ein Glas mit einem Eiswürfel darin mit. Hätte ich gewusst, dass sie deshalb in die Küche geht, hätte ich ihr gleich gesagt, dass ich kein Glas brauche. Franzi stellt es an die Seite. Ich rieche am Getränk und stelle fest, dass es an Pernod-Cola erinnert, nur ohne Alkohol. Franzi nickt. „Stimmt.“ Und hat einen Verwendungszweck für das Glas: Sie probiert selber. „Ich bin überrascht“, sagt sie nach dem Probieren überrascht, „und zwar positiv.“ Ich auch, allerdings.

Der Sommer ist zurückgekehrt. Es ist warm, bisweilen sonnig, bis auf einen sitzen alle Gäste draußen im maurischen Achteck unter großen grünen Schirmen. Die drei nächsten Sound-On-Screen-Filme sind auf einem Plakat angekündigt: „SoulBoy“ am 16. September, „Blue Note: A Story About Modern Jazz“ am 13. Oktober und „The White Stripes – Under Great White Northern Lights“ am 3. November. Eine Tafel hängt seit einiger Zeit neben dem Eingang zur Rip-Lounge, die Aufschrift heißt Gäste und Sommer gleichermaßen willkommen. Die Gäste sind da deutlich zuverlässiger: „Es ist viel los für einen Montag“, stellt Franzi zufrieden fest. Wir bemängeln beide die Leistung des Ventilators, der an der rechten Seite der Theke rotiert, an der bereits die ersten Tische des Cafés stehen. „Der bringt nicht so viel“, sagt Franzi. „Wenn ich mit einem Tablett daran vorbeigehe, weht’s mir die Servietten und die leeren Keksfolien herunter – aber es bringt keine Erleichterung.“ Stimmt, wenn er doch wenigstens die schweren Flaschen herunterwehen würde.

Von seinem Draußenplatz bringt Jan ein Tablett mit leerem Geschirr herein. „Ich stell’s dir gleich hin“, sagt er zu Franzi. Die nimmt ihm das ab und kassiert dann auch gleich. Jans Chucks erregen meine Aufmerksamkeit: Sind die rot oder rosa? „Dreckig rot“, sagt Jan. „Die trage ich nur im Sommer für ein paar Wochen, dann sperre ich sie wieder weg – die trage ich seit 2002.“ Ganz schön lange für Chucks. Ich habe ein Paar, das ist jünger und hat Löcher in der Sohle, und wenn ich in ihnen gehe, habe ich sofort auch Löcher in den Socken. „Für mich nur Chucks ohne Socken“, sagt Jan. Ich habe sofort den Geruch von Chucks mit Socken in der Nase und mag mir den Odeur von mit ohne gar nicht vorstellen. „Bei meinen sind die Löcher an den Seiten“, sagt Jan. Die gehören ja fast dazu, sage ich. Gefragt habe ich ihn, weil ich pinke Chucks habe und dafür eher Unverständnis ernte, zumindest bei Männern. Bei Frauen nicht. Heute trage ich gelbe Chucks mit Blumen und Marienkäfern, die habe ich mal günstig bei Real gefunden. „Die Preisentwicklung bei Chucks ist seltsam“, sagt Jan. „Vor zehn Jahren haben die in den USA zehn Dollar gekostet, das sind sechs Euro fünfzig – heute zahlst du 65 Euro dafür.“

Gerade ist Jan weg, da kommen vier junge Gäste ins Café. Zwei männliche stürzen sich sofort auf die LPs, der weibliche sucht sich mit den dritten männlichen Gast einen Platz auf dem Sofa. Felix, einer der LP-Stürmer, geht zu den beiden Sitzenden und sagt auf Leon an den LP-Fächern zeigend: „Da kriegt ihr ihn jetzt erst mal nicht weg.“ Franzi kommt aus der Küche. „Ist jemand da, der Platten bestellen kann?“, fragt Felix sie. Franzi verneint: „Aber ich kann es aufschreiben und du schreibst deine Emailadresse dazu.“ Felix zögert, es geht ihm um bestimmte Shops, in denen er etwas bestellt bekommen möchte. Jetzt zögert auch Franzi: Aufschreiben könne er es doch trotzdem? Der Begleiter auf dem Sofa hat das Gesuchte auf seinem Mobiltelefon gespeichert, davon schreibt Felix es auf einen Zettel ab und erklärt, dass es sich dabei um einen Drum-and-Bass-Track handelt, der womöglich nicht überall so einfach zu bekommen ist. „Sensa & Spekky“, schreibt er auf. „Ich will mein DJ-Set aufstocken“, sagt er. Aha, wo legt er denn auf? „Noch gar nicht, ich habe erst 50 Vinyls, das reicht nicht für einen ganzen Abend“, antwortet er. „Ein Kumpel hat 100“, zusammen sei da bald etwas möglich. Noch habe er zudem nicht alles auf CD, da brauche er noch ein digitales Abspielgerät. „Ich habe früher auch Indie gehört, bis ich Drum and Bass entdeckt habe, das kann man besser auflegen.“ Leon und er sind gerade auf die BBS V gewechselt, erzählt Felix. Leon hat sich von den LP-Fächern losgelöst, stellt sich zu Felix und über den Tresen hinweg Franzi die überraschende Frage: „Habt Ihr nichts von Pink Floyd?“ Franzi und ich sind gleichermaßen verdutzt. „So ‚Dark Side Of The Moon’ oder so?“, hängt Leon an, während Franzi schon am Computer guckt. „Das wäre cool.“ Franzi muss ihn enttäuschen: „Da haben wir sie nicht, aber ich kann sie bestellen.“ Das überlegt sich Leon noch mal und fragt lieber, ob sich jemand mit Gitarrenaufnehmen auskennt. Ich nicht. Felix fragt etwas in Richtung Pre-Amp und an den PC anschließen und ob er das meine, und Leon nickt. „Frag mich“, sagt Felix. Sie gehen zurück in die Sonne, die beiden Sofabegleiter schließen sich ihnen an.

Die „The Wilhelm Scream“-Maxi-Single von James Blake legt Lukas auf den Tresen. „Für’n Feierabend“, sagt er. Davon, dass der „Wilhelm Scream“ ein berühmter Schrei-Sample ist, der in Hollywoodfilmen immer wieder auftaucht, weiß er nichts, bestätigt aber, dass die Musik von James Blake sehr auf Sampling basiert. „Sehr frickelig“, sagt Lukas. „Ich hab’s, glaube ich, auf dem iPod, möchte es aber viel lieber auf Platte haben.“ Eine andere interessante Platte hat Lukas noch entdeckt: „Das nächste, was ich holen will, ist das erste Album von The Gaslight Anthem – das ist unglaublich, wie Social Distortion, eher punkig“, sagt Lukas. „Die neuen Platten sind etwas ruhiger geworden, aber die erste geht mehr auf die Fresse, irgendwie.“ Franzi nimmt die James-Blake-Platte und fragt: „Bar oder mit Karte?“ Reflexartig sagt Lukas „bar“ und begreift dann: „Moment – wenn ich mit Karte zahlen kann, kann ich die Platte gleich mal mitnehmen.“ Lukas legt The Gaslight Anthem auf die Theke. Jetzt will ich „The Wilhelm Scream“ aber mal hören. Eher anstrengend finden Franz und ich den. „Eher zum Feierabend, zum entspannen“, sagt Lukas. Franzi und ich lauschen noch eine Weile und stellen dann fest, dass wir das auch schon erlebt haben, dass man manche vermeintlich nervigen Sachen nach einigem Hören schön und sogar entspannend findet. „Das ist so ein Hype-Ding, taucht in jedem Blog auf“, sagt Lukas über James Blake. Und in Musikmagazinen, ergänze ich, wo ich Blake dann genau deshalb auch immer überblättere. „Das habe ich auch immer gemacht, bis ich angefangen habe, ihn gut zu finden“, sagt Lukas. Mich erinnert James Blake ein bisschen an Super_Collider, das gemeinsame Projekt, das Cristian Vogel und Jamie Lidell vor zehn Jahren hatten. Die hab ich bei MTV entdeckt, zu einer Zeit, als dort noch Musik lief. „Vor meiner Zeit“, sagt Lukas. Er hat gerade an der BBS V sein Abi gemacht und fängt zum nächsten Semester an zu studieren, hat MTV also tatsächlich nicht mehr so richtig als Musiksender kennen gelernt. Lukas will sich ein Getränk bestellen. Franzi ist in der Küche, wie ein Geist aus der Maschine ist aber plötzlich Kathi da und nimmt die Bestellung entgegen: „Eine Club Mate.“ Lukas grinst: „Der nächste Hype nach James Blake.“ Sein T-Shirt sieht überdies auch nach Schallplattencover aus, sage ich. Ist es aber nicht: „Das ist von Sixpack France, einem Modelabel, das mit Künstlern kollaboriert“, klärt Lukas mich auf. Sein Shirt zeigt um einen Würfel herum im Kreis angeordnete bunte Pyramiden auf schwarzem Grund. „Das ist eine Kollaboration mit La Boca, das schreiben die dann immer ‚Sixpack France x La Boca’“, erklärt Lukas. La Boca, ist das nicht ein Straßenkünstler? „Genau“, sagt Lukas. Allmählich will er wieder los. „Das Riptide ist eine Institution geworden“, stellt er fest. „Ein guter Grund, mich aufs Rad zu schwingen und von Schandelah herzukommen.“ Aus Schandelah mit dem Fahrrad? Respekt. „Und da fahre ich jetzt wieder hin“, sagt Lukas.

Wie ein Geisterstrom zieht sich eine endlose Schülerschlange durch den Handelsweg. Im Martino-Katharineum haben sie wohl gerade Pause, die Ferien sind ja gerade um, deshalb wohl auch das schöne Wetter. Abends und nachts ist der Handelsweg am Wochenende überdies eine richtig angenehme Partymeile geworden. Wenn auch noch in der Einraumgalerie eine Eröffnung ist, bevölkern lauter nette Leute die schmale Passage. Alles mischt sich, man holt sich Wein im Riptide oder Gezapftes in der Strohpinte, Nachbar Serge ist unterwegs, überall sind freundliche Menschen, mit denen man gerne spricht. Also genau wie tagsüber, nur zur besten Partyuhrzeit. Alles so entspannt wie André, der ins Riptide kommt und eigentlich frei hat. „Aber du weißt ja, wie das ist“, sagt er, und stimmt, ich weiß, wie das ist.

Mit einer zweiten Lakritz-Hausmarke setze ich mich draußen zu Micha und Christian. Micha habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, da ist die Freude groß. Meine volle Colaflasche gesellt sich zu ihren leeren Kaffeetassen. Micha und Christian kennen sich seit 20 Jahren, erzählen sie. Sie haben mal in einer WG gewohnt, einer Vierer-WG. Sie tauschen Erinnerungen aus. Christian raucht seine Selbstgedrehten bis zu den Fingern. Er ist in Baden-Württemberg geboren und hat am Niederrhein und in Norddeutschland gewohnt, erzählt er. Am Niederrhein, wo denn, in Xanten? Er guckt überrascht und nickt: „Ja bei Xanten.“ Da war ich noch nie, ich war noch nie in einer Stadt mit X. Außer in Griechenland, aber da gibt’s davon auch mehr. Xanten habe außer der Römer auch nicht viel zu bieten, meint Christian. Aber immerhin, sage ich. In Crailsheim in Baden-Württemberg ist er nur zufällig geboren: „Meine Mutter war dort zu Besuch.“ Das hat früher bestimmt für Gelächter gesorgt in der Schule, mutmaße ich. Hat es nicht, bislang sei das gar nicht so richtig Thema gewesen. „Jetzt kommt die Geschichte raus“, lacht Micha. Und wo in Norddeutschland? „Bei Celle, na ja, also nicht richtig Norddeutschland.“ Bei Celle? „Hermannsburg.“ Klar, kenne ich, ich komme ja selber aus der Heide. Dann ist er bestimmt auch ins Freedom gegangen. Christian bestätigt und ergänzt: „Und nach Uelzen und Soltau sind wir in die Discos gefahren, immer in Kolonne.“ In Uelzen, was gab’s denn da an Discos? „Galerie hieß die.“ Ach, stimmt, „Galeere“ haben wir immer gesagt. Da konnte man hingehen? Christian grinst: „Und zu Freddie Mercury tanzen.“ Das Exil in Bodenteich kennt er nicht, aber das Farmer’s Inn in Uetze. Micha indes hält nicht viel vom Verreisen: „Das ist mir zu stressig.“ Er komme gerade mal bis Wolfsburg. Das ist doch schon was, sage ich. „Zum Frauenfußball oder ins Kunstmuseum“, sagt Micha. Der Mann überrascht mich immer wieder. Frauenfußball? „Am 26. September wieder“, sagt Micha. Ich nenne Martina Müller, und Micha meint, das sei die beste Spielerin. Ich fand es schade, dass Silvia Neid die auf dem eigenen Rasen nicht eingewechselt hat. „Stimmt“, sagt Micha, „das war auf dem eigenen Rasen – noch ein Fehler von Frau Neid.“ Nach der letzten WM vor vier Jahren habe ich mal eine Rilke-Nacht vom Tanzenden Theater Wolfsburg im Phaeno gesehen. Da hat sich das Ensemble des Tanzenden Theaters in der Architektur des Phaeno bewegt, dazu erklang Musik und Wolfsburger Prominente haben Rilke rezitiert. Darunter waren Dero von Oomph! und eben Martina Müller. Ich hatte im Anschluss die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, und fand sie sehr sympathisch. Micha hat zwar noch nicht mit ihr gesprochen, hat aber denselben Eindruck. „Sie könnte längst in Frankfurt oder Duisburg spielen, ist aber in Wolfsburg geblieben“, stellt er fest. Noch mehr liegt ihm und Christian an Wolfsburgs Neuzugang Conny Pohlers. „Sie war Torschützenkönigin in der letzten Saison“, sagt Micha. „Muss man sich Karten für den 26. September vorbestellen?“, fragt Christian. Micha verneint: „So populär ist Frauenfußball nicht.“ Christian nickt: „Nicht wie bei der WM.“ Die beiden analysieren das DFB-Pokalspiel von Eintracht Braunschweig gegen Bayern München und die Leistung der Eintracht in der zweiten Liga. Wir freuen uns, dass die Eintracht die ersten Spiele in der für sie neuen zweiten Liga gleich auf dem ersten Platz verbracht hat. Doch wir sind uns darin einig, dass das wohl nicht mehr als wichtige Punkte zum Klassenerhalt sind. Bevor ich aufbrechen kann, fragt Micha nach unserem Lieblingsthema: „Warst du mal wieder im Kino?“ War ich nicht, aus zwei Gründen: Bei meinem späten Feierabend bedeutet ins Kino gehen, nach Feierabend nicht viel mehr als nur ins Kino gehen zu machen, und da greift Grund zwei: Das Programm ist für so eine spärliche Freizeitverbringung nicht gut genug. „Die Kinolandschaft ist langweilig“, findet auch Micha. Er hat zuletzt „Super 8“ und „Planet der Affen“ gesehen. Die finde ich beide nicht so interessant, ich freue mich auf den neuen Film von Aki Kaurismäki im September. „Den mag ich nicht mehr so“, sagt Micha, und zählt stattdessen die neuen Filme von Lars von Trier und Pedro Almodóvar auf. Da gehe ich mit, in jedem Sinne. Doch jetzt gehen wir erst mal bezahlen.

André ist noch da. Ich frage ihn nach der neuen LP von Beirut als Ladendekoration. Er grinst: „Eigentlich müssten wir sämtliche Lagerbestände aufkaufen, aber da gibt’s ein Problem.“ Dass der Titel getrennt geschrieben ist? Also „The Rip Tide“ und nicht „Riptide“? „Das auch“, sagt André. „Aber die Lager sind abgefackelt im Zuge der Unruhen – es kommt nach und nach weniger Vinyl bei uns an.“ Ach du Schande. So sind die Auswirkungen der Londoner Krawalle also auch bei uns spürbar, sagt Micha. Wir zahlen, grüßen und gehen zurück in die Sonne.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#45 Aprember

17. Juli 2011


Sonntag, 17. Juli

Ist das noch Juli? Für diese Sorte Monat mitten im Sommer, die aus einer Mischung aus Schwüle, Regen und Kälte besteht, müsste eigentlich ein neuer Monatsname erfunden werden. So etwas wie Aprember. Heute ist es mittelkalt, also gerade so nicht mehr ganz okay für ein T-Shirt, aber zu warm für eine Jacke, und es nieselt. Aber das Café Riptide hat hartgesottene Gäste und eine Tuchplane in der Achteckhälfte mit der Rip-Lounge. Die reicht den Hartgesottenen als Schutz. Sie speisen und trinken, während nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt das Wasser im Wind herumtrudelt. So richtig Regen ist es nämlich noch nicht. Noch nicht. Nicht nur draußen, auch drinnen sind viele Gäste. Und das am Sonntag, ungewöhnlich. Doch nicht alle sind in Gesellschaft: „Ich bin allein“, stellt Kati fest, meint es natürlich anders, während sie Kaffeetassen zunächst unter die Kaffeemaschine und dann auf vorbereitete Untertassen auf einem Tablett stellt. „Viel Frühstück heute morgen“, lässt sie mich wissen, „das ist immer sehr aufwändig.“ Sie bringt die Getränke an einen der vollen Tische und sagt nach ihrer Rückkehr an die Theke: „Ich muss jetzt erst mal Crêpes machen.“ Sie schwirrt in die Küche und macht vermutlich erst mal Crêpes.

Der Tisch vor dem Sofa ist voll belegt, die kleineren Tische daneben ebenfalls, und immerzu kommen neue Gäste ins Café. An sich ist das auch an Sonntagen wohl nichts Ungewöhnliches mehr, vergangene Woche war es ja ebenso. Da war ich mit einem Freund im Riptide, der noch nie zuvor überhaupt im Handelsweg gewesen war. Erstaunlich genug. Wir saßen draußen, und weil ich vor dem Treffen nicht wusste, wie lange ich auf ihn hätte warten müssen – es stellte sich heraus, dass er trotz meines frühen Aufbruchs vor mir da war – hatte ich mir ein Buch mitgenommen. Das hatte ich aus dem Kingking Shop: „Auf die Zwölf“ von Anton Waldt, lauter Texte für Berghain-Flyer, also nichts für Leute, die da ohnehin keinen Bezug zu haben, und ich habe keinen. Serge, der an sich mit Leuten vor der Einraum-Galerie saß, kam auf dem Weg zur nächsten Bestellung im Ritpide an unserem Tisch vorbei und griff nach dem grellpinken Büchlein. Ich versuchte, mich zu verteidigen, und wehrte prophylaktisch ab, dass der Umstand, dass ich das Buch dabeihätte, nicht bedeutete, dass ich es mochte, und Serge meinte, dass ihm das klar sei und dass der Verbrecher-Verlag dafür bekannt sei, bisweilen Seltsames zu veröffentlichen. Er legte das Buch zurück auf den Tisch und ging bestellen. Zu Hause erst stellte ich fest, dass der Name des Verlages gar nicht auf dem Umschlag abgedruckt war. Lediglich die sich gegenseitig erschießenden Strichmännchen, das winzige Verlagslogo, konnte man mit geübten Blick ausmachen. Den hatte Serge ganz offenbar. Andererseits hat „Kosmas“, das neue Buch des Ex-Wolfsburgers und Ex-Die-tödliche-Doris-Mannes Wolfgang Müller, ein sehr ähnliches Layout wie das Berghain-Buch, das scheint also für den Verbrecher-Verlag das Erkennungsmerkmal zu sein. So, wie man ECM-CDs ja auch immer am Design erkennt. Trotzdem: Beeindruckender Blick.

Den Müller hatte ich mir auch bei Pott im Kingking Shop gekauft. Außer einem Pott Kaffee erhielt ich von Pott noch die Empfehlung, bei Erna & Käthe in der Heinrichstraße eine Portion Frozen Yoghurt zu probieren. Er selbst sei dort bislang noch nicht gewesen, weil er nun mal einen eigenen Laden zu betreuen habe, aber wie sich herausstellte, ging es dein beiden Betreiberinnen von Erna & Käthe mit dem Kingking Shop genauso. Was beide gegenseitig bedauerten. Der Frozen Yoghurt schmeckte übrigens großartig. Mit den Toppings konnte man sich eine seltsame Geschmackskombination nach der anderen ausdenken. Der Yoghurt selbst war sauer, alles andere schmeckte wie, nun, alles andere eben so schmeckt: frische Erdbeeren und anderes Obst, selbstgebranntes Karamell, Pilz-Marshmellows, Gummibärchen, Schoko-Cookies und was man sich nicht alles auf Eissubstituten so vorstellen mochte. Dazu gab’s Kuchen, Möbel, Picknickkoffer und Getränke zu kaufen. Eine wilde Mischung, auch optisch anheimelnd an Omas Küche gemahnend. Und alles Essbare war superlecker.

Bei Pott hatte ich außerdem einen Geschenkgutschein eingelöst: „Die Wahrheit über Wacken“ von Till Burgwächter in der dritten Auflage, jetzt erschienen bei Andreas Reiffer. Wurde auch Zeit, dass ich mir das mal zulegte. Live von Till vorgelesen kannte ich gefühlt das halbe Buch (es war weniger, stellte sich bei der Lektüre heraus), als Konservenlesung steht es jetzt überdies auch bei Pott im Laden. In der Nähre der CD von Annika Blanke, die mal im Riptide als Tills Gast mit ihrem großartigen Wacken-Text punktete. Einen weiteren Gutschein habe ich außerdem bei Uwe und Katrin eingelöst, in deren Laden Raute Records. Leider hatten die beiden erst kurz zuvor kistenweise neue Post-Punk-, New-Wave- und sonstige frühe Indie-LPs hereinbekommen. Leider, weil die Auswahl dadurch so riesig wurde. So ein Pech aber auch. Zwar war Uwe gerade mit einem Kunden ins Gespräch vertieft, ein „Kein ‚Meddle’ da“ brachte er zwischen zwei Sätzen dennoch heraus. Machte nix, mit „The Last Supper“ von den Bollock Brothers und „Re-Works“ von The Art Of Noise war ich mehr als zufrieden. Eine Clan-Of-Xymox-12“ stellte ich erst mal zurück. Schließlich hatte ich auch im Riptide noch Bestellungen offen: Die „Hot Sauce Committee Party Two“ von den Beastie Boys als Doppel-LP mit Bonus-7“ ist bereits da, die „Entreat Plus“-Doppel-LP von The Cure steht noch aus.

Aber jetzt steht nicht aus, sondern ab: mein Milchkaffee. Schluck um Schluck verhindere ich das. Und da, Erleichterung für Kati: Franzi tritt ihr zur Seite. Franzis Stirn ist ganz nass, sie sieht etwas abgekämpft aus. Regnet es etwa…? „Es hat genau angefangen, als ich losmusste“, bestätigt Franzi, während sie sich die Schürze umbindet. „Wahrscheinlich ist es jetzt schon wieder vorbei.“ Sie bereitet Kaffees vor, teilt sie aus und geht dann mit leerem Tablett die Tischreihen entlang, um Bestellungen aufzunehmen. Mit gefülltem Notizblock kehrt sie zur Theke zurück und stellt erfreut fest: „Sonntag ist sonst nicht so viel los.“ Sie grinst gespielt entnervt: „Ich dachte, ich komme hier an und kann mich mit einem Kaffee raussetzen…“ Bei dem Regen wäre aus beidem nichts geworden, wende ich ein. Sie hält inne, blickt durch die offene Tür und sagt: „Stimmt, wär eh scheiße gewesen.“ Und wenn es wegen der Abkühlgefahr kein Kaffee sein kann, dann vielleicht ein kalter Kaffee, ein Eiskaffee? „Nein“, entgegnet Franzi, „dafür ist es zu kalt, heute ist das Wetter eher nach einem heißen Kakao.“ Sie winkt ab. „Ich werde heute noch dazu kommen“, ist sie überzeugt. So dringend sei der Bedarf zurzeit ohnehin nicht: „Ich komme gerade vom Brunchen.“

Franzi wendet sich der Kaffeemaschine zu und holt sich mit einer Spezialfrage bei Kati Rat zur Bedienung des komplizierten Apparats. Dann dreht sie sich wieder zur Theke und sortiert Bestellzettel. Ich wundere mich an sie gewandt über die hartgesottenen Draußensitzer. Die sind nicht ungewöhnlich für Franzi: „Ich hatte gestern zwei, die wollten im Regen sitzen, und die saßen dann auch im Regen, die hatten da überhaupt kein Problem mit.“ Sie blickt erneut nach draußen und setzt nach: „Meins wär das nicht.“ Sie geht um die Theke herum und wieder durch die Tischreihen.

Eine Hermann-Kola im Glas bestellt Alice bei Kati. „Habt Ihr was Neues zu essen?“, fragt Alice. „Draußen steht ein Schild…“ Kati nickt: „Ja, Eis.“ Das wusste ich auch noch nicht. Kati stellt mir die Eiskarte neben den Milchkaffee. Doch Eis ist nicht das, was Alice essen möchte. Sie entscheidet sich für einen Hotdog, „mit Sauerkraut, oder?“ Ja, bestätigt Kati, mit Sauerkraut, und fragt: „Wo sitzt du, drüben?“ Sie meint die Rip-Lounge. Alice schüttelt den Kopf. „Nein, da stinkt’s mir zu doll – bin ja selber Raucher, aber beim Essen…“ So recht überzeugt ist Alice vom Hotdog doch noch nicht. Sie fragt, was es sonst noch zu essen gebe. Kati zählt auf, was es sonst noch zu essen gibt, darunter Bagels, Crêpes und Currywurst, und Alice sagt: „Hotdog, mit Sauerkraut“. Sie setzt sich an einen der letzten freien Tische.

Mit etwas unsicherem Blick und freundlicher Ausstrahlung kommen herein: Marc, der aussieht wie ein zu dunkel geratener Andy Cairns, und Igor, deutlich hagerer. Kati nimmt die Bestellungen entgegen. „Ein Bier“, sagt Igor. „Welches Bier?“, fragt Kati nach. Sie deutet auf den Kühlschrank: „Wir haben Wolters, Astra, Becks und Hefe.“ Das Zauberwort ist mit dabei: „Hefe“, sagt Igor. Marc schließt sich an. Kati nickt: „Also zwei Hefe?“ Für einen offenbar in der Rip-Lounge wartenden Dritten wollen Marc und Igor ein weiteres Getränk mitbestellen, und dabei stellt sich heraus, was ihre augenscheinliche Unsicherheit ausgelöst hat: Sie wissen es nicht so recht zu formulieren, sie finden die Vokabel nicht – sie sprechen nämlich noch gar nicht so viel Deutsch. Igor und Marc diskutieren in ihrer Muttersprache, es fällt der Name Pablo. Während Kati und Igor versuchen, das Rätsel um die unbekannte Bestellung zu lösen, läuft Marc in die Rip-Lounge und fragt wohl bei Pablo nach. Igor sagt etwas, das mich an Tee oder Limonade erinnert, doch Kati weiß es besser: „Chai Latte“, schlägt sie vor. In dem Augenblick, als Igor das bestätigen will, kommt Marc zurück, und so sagen sie gleichzeitig: „Chai Latte.“ Kati rekapituliert: „Zwei Hefe und eine Chai Latte?“ Aus der Rip-Lounge drängt sich Pablo zwischen Marc und Igor und sagt: „Zwei Chai.“ Kati rerekapituliert: „Zwei Hefe und zwei Chai Latte?“ Jetzt stimmt’s. Pablo kehrt zurück in die Rip-Lounge. Die drei kommen aus Spanien, genauer: aus Barcelona und dem Baskenland. Marc erzählt, dass er in Deutschland ist, um Deutsch zu lernen. „Ich habe eine Arbeitsstelle gefunden“, sagt Igor. Bei VW, frage ich. Igor verneint, aber Marcs Augen leuchten: „Meine Frau ist bei VW.“ Als Neu-Braunschweiger hätten sie sich ein ausgezeichnetes Café ausgesucht, merke ich an. Igor bestätigt: „Wir sind ein, zwei Mal die Woche hier.“ Sie winken und gehen ihren Getränken nach.

Obwohl immerzu Gäste an die Theke kommen, um ihre Rechnungen zu begleichen, scheint das Café gar nicht leerer zu werden. Linda und Sergej bezahlen ebenfalls. Dabei fällt ihr Blick auf das einzig verbliebene Weltquartett, das noch auf der Theke klebt, unterhalb der Drei-Fragezeichen-Kassetten: Atomkraftwerke. „Wir haben alle“, sagt Sergej ansteckend gutgelaunt. Wie viele gibt es, vier? „Sechs Stück“, sagt Sergej und zählt auf: „Tyrannen eins und zwei, Ungeziefer, Seuchen…“ Mit fällt noch Rauschgift ein. „Rauschgift“, bestätigt Sergej, „und Atomkraftwerke.“ Das ist neu, das kenne ich noch gar nicht. Ich frage ihn wegen seines Namens, ob er aus dem Osten kommt. „Sehr aus dem Osten“, bestätigt er, „östlicher als die DDR – aus St. Petersburg.“ Das überrascht mich. Bis auf das zungengerollte R ist davon gar nichts zu hören, das hätte auch aus Franken oder Cloppenburg sein können. „Das stimmt“, sagt Linda. Sie lachen, grüßen und gehen.

Franzi stellt ein Tablett neben die Kaffeemaschine, stellt drei Unterteller darauf und befüllt reihum drei Tassen mit Heißgetränken. „En Scheelschen Heeßen“, wie einer meiner Ex-Kollegen aus Sachsen immer sagte, wenn er eine Tasse Kaffee meinte: „Ein Schälchen Heißen.“ Einen anderen Ex-Kollegen aus Sachsen habe ich gestern erst wieder getroffen. Ab und zu streift er für mich in Chemnitz über Flohmärkte und bringt mir Amiga-Schallplatten mit. Gestern waren es zwei Debüts und ein Zweit-Album: „Wenn der Abend kommt“ von Holger Biege, „Blues“ von Engerling, die kürzlich erst als Begleitband von Mitch Ryder in Barnaby’s Blues Bar aufgetreten sind, und „Weißes Gold“ von Stern-Combo Meißen, der Band, deren Gründungsmitglied Veronika Fischer war. Erstaunlich. Das ist, als wäre Andrea Berg Gründungsmitglied von Tangerine Dream gewesen. Oder Hugo Egon Balder von Birthcontrol. Ach, war er ja. Es klirrt, als Franzi Löffel auf die Untertassen legt. Daneben legt sie Kekse. Franzi dreht sich um und holt eine Schachtel Zigaretten aus einer Schublade. Eine Zigarette gesellt sich zu Keksen und Löffeln, bevor Franzi auch die vollen und heiß dampfenden Tassen dazustellt. Ich reihe mich in die Schlange der Rechnungsbegleichenden ein. Es hat zu regnen aufgehört. Kein schönes Wetter für eine Frauen-Fußball-WM. Schön genug hingegen für die Eintracht, sich gegen die Sechzger als Neu-Zweitligist mal eben auf den ersten Platz zu spielen. So kann’s weitergehen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#42 Die Antwort auf die Frage nach dem Soundtrack für den Frühling

18. April 2011


Montag, 18. April

Die Nadel setzt auf. Eine dünne Keyboardfanfare ertönt, die zunächst an ein Kinderlied erinnert. Ein Bass umspielt die Fanfare alsbald. Und dann geht der treibende Rock los. Erstaunlich, bedenkt man den Sound der Band auf den Alben davor. Die Fanfare findet sich kurz darauf von einer E-Gitarre gespielt im Refrain wieder. „Money Don’t Lie“ eröffnet das Album „Nights In France“ von Flash And The Pan. Das Stück war 1987 eine von drei Singles, die die Australier aus ihrem fünften Album auskoppelten. „Manfred, lüge nicht“, könnte man es übersetzen, analog zu „Manfred für gar nichts“ von Dire Straits, „Manfred ist nicht unser Gott“ von Killing Joke und dem schlicht „Manfred“ betitelten Hit von Pink Floyd.

À propos Pink Floyd. Auch dieses Mal habe ich bei Raute Records Pech oder, wie Uwe meint, Glück: „Die ‚Meddle’ ist vergriffen.“ So lange er das Pink-Floyd-Album, das einzige, an dem ich neben einer Best-Of interessiert bin, bei ihm nicht bekomme, habe er die Sicherheit, dass ich ihm als Kunde erhalten bleibe, meint er. Wir wissen beide, dass es nicht an der „Meddle“ hängt. So entdecke ich bei ihm den Jellybean Remix von „Jet Set“ von Alphaville und „The Best Disco (In The World)“, die vierte Maxi von Bruce & Bongo, dem englischen Duo mit „Geil“. Außerdem nehme ich „Caverna Magica“ von Andreas Vollenweider mit. Uwe ist besänftigt: „Dafür erzähle ich auch keinem, dass du Bruce & Bongo hörst.“

Und Flash And The Pan, aber das weiß Uwe noch gar nicht. Kennen gelernt habe ich die Band 1985, als ein Betreuer bei der Konfa-Freizeit das Titellied des vierten Albums „Early Morning Wake Up Call“ in der Maxi-Version auf Kassette dudeln ließ, direkt in Kombination mit „Tainted Love/Where Did Our Love Go“ von Soft Cell. Zusammen waren das herrliche 16 Minuten Achtziger-Jahre-Musik, und nicht nur rückblickend die schönsten 16 Minuten der gesamten Freizeit überhaupt. Zwei Jahre später, zu einer Zeit, als es für mich noch Ostergeschenke gab, ließ ich mir „Nights In France“ zu Ostern schenken. Ich entdeckte die LP zwischen der Schrankwand im Gelsenkirchener Barock und der Zimmerwand. Ich legte die LP in meinem Presspappejugendzimmer auf meiner vom Konfirmationsgeld gekauften Billig-Stereoanlage auf. Als erstes erklang „Money Don’t Lie“. Das Fenster war weit offen, unser Grundstück grenzte an einen Acker. Über dem trällerten Lerchen. Die Luft war frühlingswarm, es dominierten die Farben blau, grün und gelb. Für mich ist seitdem „Nights In France“ ein Frühlingsbote, wie es auch Einbecker Mai-Urbock und Spargel sind.

Heute ist genau so ein Tag. Zu warm für eine Jacke, doch zu kühler Wind, um auf sie zu verzichten. In der Sonne sitzen geht aber, etwa im Achteck vorm Riptide. Das tun die Gäste dort auch. Nicht nur die, André hat an einem der Tische eine Besprechung. So ist Franzi heute zunächst allein für alles zuständig. Alles umfasst Bestellungen entgegennehmen, Abrechnungen machen, Getränke und Speisen zubereiten, Anrufer auf das Ende von Andrés Besprechung vertrösten und Gäste bedienen. Im Riptide hält sich niemand auf, um etwas zu verköstigen. Wer sich im Café aufhält, bestellt, bezahlt oder blättert in den Platten herum. „Sucht ihr gerade eine Aushilfe?“, fragt Eve, als sie bei Franzi die Rechung begleicht. Die stutzt und bestätigt: „Ja, wir suchen gerade eine Aushilfe.“ Franzi schreibt sich Eves Telefonnummer auf und verspricht, sie an Chris weiterzureichen, der gerade nicht da ist. „Keine Ahnung, ob Chris schon Bewerbungsgespräche geführt hat“, sagt Franzi. Eve hat Erfahrungen im Kellnern: „Ich habe sieben Jahre im Merz gearbeitet – ich weiß noch, wie man Tabletts trägt“, sagt sie und winkelt die rechte Hand über ihrem Kopf an, als trüge sie eines. Franzi fragt Eve nach ihrer Stempelkarte. „Sowas habt ihr auch?“, fragt Eve zurück. Franzi nickt und zeigt auf das Fach mit den Stempelkarten auf dem Tresen. „Für alle Heißgetränke gibt es einen Stempel.“ Eve blickt auf die Karten und guckt in ihrem Portemonnaie nach. „Die kommen mir bekannt vor“, sagt sie und befördert allerlei Stempelkarten ans Licht, nur keine vom Riptide. Haben möchte sie aber doch keine: „Die vergesse ich nur.“ Sie verabschiedet sich. Franzi ist seit Dezember 2009 im Riptide, getroffen habe ich sie aber noch nie. „Vorher war ich überall, auch fünf Jahre im Merz“, erzählt sie und bringt Kunden im Achteck Getränke.

Auf das wuchtige „Money Don’t Lie“ folgt eine Ballade, das Titellied des Albums „Nights In France“. Eine Harmonika unterstreicht den Frankreichsound, wie ihn sich Australier vorstellen. Der Sänger nuschelt von Straßencafés. Wer auch immer der Sänger ist. Über Flash And The Pan erfährt man kaum mehr, als dass Harry Vanda und George Young die einzigen Mitglieder sind. Die waren vorher bei den Easybeats, von denen „Friday On My Mind“ stammt, der Song, der Gary Moore später, nun, unsterblich gemacht hat. Außerdem haben die beiden vieles von AC/DC und John Paul Young produziert. Kein Wunder: Der Nachname Young taucht in der Konstellation gleich viermal auf. Es sind Brüder. Der Song „Nights In France“ wird in seinem Verlaufe zum hymnischen Rocker. Der Gesang endet in der Mitte des Stücks, den Part übernimmt dann eine Mundharmonika. Das Schlagzeug rührt den Beat dazu.

Einen schwarzblauen Flyer faltet Jan zusammen, als er zum Bezahlen an die Theke kommt. Aufmerksame Betrachter könnten auf dem Flyer einen Affen entdecken, Potts Logo. Der Flyer wirbt für den Poetry Slam und den Kingking Shop, beides von Pott initiiert. „Den Shop kenne ich noch nicht, aber den Poetry Slam“, sagt Jan. „Ich vergesse nur immer, rechtzeitig Karten zu besorgen.“ Also wendet er sich an Franzi und ordert drei Karten für den Poetry Slam am 7. Mai in der Neustadtmühle. Außerdem wollen er und sein Begleiter Jan-Niklas ihre Getränkerechnungen begleichen. Doch können die Slam-Karten nicht mit der EC-Karte bezahlt werden, wie Franzi bedauert. „Aber ich kann sie euch zurücklegen“, bietet sie an. Jan ist dankbar dafür: „Dann holen wir sie morgen ab und zahlen jetzt die Getränke.“ Eine Stempelkarte hat Jan, Jan-Niklas noch nicht. „Zum Shop können wir jetzt ja hin“, schlägt Jan seinem Begleiter vor. „Mit der Tram, zwei Stationen – das geht sogar zu Fuß.“ Zum Abschied gebe ich ihnen Grüße für Pott mit.

Sobald die Mundharmonika verklungen ist, ertönen ein Hi-Hat, ein Bass und eine funky gezupfte Gitarre, die fast wie eine Bontempiorgel klingt. Der Bass gibt den Groove vor, den das Schlagzeug aufnimmt. Der brummelnde Sänger sagt kurz den Titel: „Ayla“. Ein Chor nimmt ihn auf. Das Stück erinnert von der Struktur noch am ehesten an den Hit „Early Morning Wake Up Call“, ist aber in seiner Tanzbarkeit rockiger. Für mich schwebt da auch noch ein anderer Unterton mit: Als ich „Es“ von Stephen King gelesen habe, lief immer ein und dieselbe Kassette. „Ayla“ war auch darauf. Aus dem Stand kann ich nicht sagen, was noch auf der Kassette war; es funktioniert umgekehrt: Sobald eines der Stücke erklingt, beschleicht mich das damalige Teenager-Gruselbuch-Gefühl. Ich mochte King nie, bis heute, aber die Stimmung von „Es“ ist in Songs wie „Ayla“ enthalten geblieben. Gerd Alzen, mein damaliger Lieblingsmoderator, hat in seiner Sendung „Maxis maximal“ im Anschluss an „Ayla“ den älteren Flash-And-The-Pan-Song „Waiting For A Train“ gespielt, das folgte auf der Kassette, so viel weiß ich noch. Und „Waiting For A Train“ ist ganz anders, die ersten drei Alben sind versponnener, verspielter Artpop. „Walking In The Rain“ vom selbstbetitelten Debüt etwa hat damals sogar Grace Jones gefallen. Erst auf „Early Morning Wake Up Call“ dominierten die Popstrukturen, die auf „Nights In France“ unter einer Bluesrockschicht verschwanden. Einige Jahre später erschien mit „Burning Up The Night“ das sechste und letzte Album von Flash And The Pan – und das schlechteste. Erschreckend uninspirierter Plastikpoprock. Davon ist bei „Ayla“ gottlob noch nichts zu fürchten. Das Video zu dem Song, der ersten Single des Albums, lief damals sogar im Musikfernsehen, also bei „Formel eins“ und „Ronny’s Popshow.“ Das funky Gitarrenlick und der „Ayla“-Chor können sich leicht ins Gedächtnis bohren.

Vor der Theke steht eine Kiste mit Record-Store-Day-Vinyl, 7“ und 12“. Links und rechts auf der Theke stapeln sich die Boxen: von Joy Division und New Order, von Autechre und F.S.K., von Paul Weller und vielen anderen. Zwei Drei-Fragezeichen-Kassetten und die begehrten Quartettspiele ergänzen das Tresen-Ensemble. Die Drei Fragezeichen finden sich auch bei den Schallplatten wieder: Folge elf, „Das Gespensterschloss“, gibt es als Wiederveröffentlichung zwischen den musikalischen Neuheiten. André hat seine Besprechung beendet, umrundet die Theke und begrüßt Micha, der mit ein paar Postern unterm Arm bei André eine Hausmarke bestellt. Der hantiert an der Espressomaschine herum und holt aus dem Eingeweiden des Apparats ein großes Plastikteil hervor, das er als „Backbone“, „Rückgrat“, bezeichnet, „weil du’s so rausgreifst“. Weil er nur eine Hand frei hat, bittet er Micha, die Hausmarke-Flasche selber festzuhalten, die er ihm auf den Tresen stellt. Mit der freien Hand öffnet André die Flasche und lässt den Kronkorken in den Kronkorkenbehälter fallen. Micha erzählt, dass er den Film „Ohne Limit“ im Kino gesehen hat. Das sagt mir nichts. „Der handelt vom einem Loser, der eine Schreibblockade hat“, sagt Micha. „Er trifft einen Kumpel von früher und wirft eine Droge ein, mit der er plötzlich nicht mehr nur 20 Prozent seines Gehirns nutzt, sondern 100 Prozent, sogar 150 Prozent.“ Der Typ habe danach Sprachen in drei Tagen erlernen können. „Aber wie immer bei Drogen, hat die Nebenwirkungen“, sagt Micha. „Der Film ist gut, bis auf das Ende, aber visuell ganz gelungen.“ Der letzte Film, den ich gesehen habe, war „Paul“ mit Simon Pegg und Nick Frost, der bei weitem nicht so gut ist wie „Shaun Of The Dead“ und „Hot Fuzz“. „Paul“ ist von einem Amerikaner gedreht, was man deutlich merkt: Der Film wirkt, als würde der Mann versuchen, eine britische Komödie zu drehen, aber nicht wissen, dass zu einem Lacher mehr gehört als redundante Wiederholung, unflätige Sprache und Klischees. Micha ist von „Paul“ abgeneigt. Wenn schon Alien-Filme, dann eher „World Invasion: Battle Los Angeles“. „Ich liebe Alien-Invasions-Filme“, sagt Micha. Er erzählt, dass Chris vom Riptide ihn schon gesehen und von guten Effekten, aber jeder Menge Pathos berichtet habe. „Das schreckt mich ab“, sagt Micha. Er holt sein Smart-Phone aus der Tasche und zeigt mir über das Riptide-eigene W-Lan die Trailer zweier anderer Filme, die ihn interessieren. Einmal „Source Code“, den neuen Film von Duncan Jones, David Bowies Sohn, von dem auch „Moon“ stammt. „Source Code“ handelt von einer Zeitmaschine, mit der man sogar die Identität wechseln kann. Ein Mann erhält den Auftrag, die Explosion eines Zuges aufzuhalten, hat dafür aber aus technischen Gründen jeweils nur acht Minuten Zeit. Acht Minuten, die er immer wieder erlebt. Eine Abwandlung also von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und „12:01“. Bevor er den nächsten Trailer sucht, sagt Micha: „Und ‚Fast Five’ will ich sehen, aus einem Grund.“ Er macht eine Pause und grinst: „Wegen The Rock.“ Den zweiten Trailer findet Micha auf IMDB: „Hanna“. Darin macht ein Mann seine 14-jährige Tochter zu einer Profikillerin. Micha lästert darüber, dass der deutsche Verleih aus dem Titel „Wer ist Hanna?“ gemacht hat. Die Musik im Trailer ist gut. Der Abspann sagt, warum: „Score: The Chemical Brothers“ steht da. Davon hab ich gelesen, deshalb kam mir der Titel so bekannt vor. „Ich hab mir von denen das neue Album gekauft“, sagt Micha. „Further“ aus dem Jahr 2010. „Im Nachhinein hätte ich mir die Version mit den Videos kaufen sollen“, bedauert Micha. An der Version ist auch schön, dass beide Disks in einem Büchlein stecken.

Eigentlich fehlen im Fade-Out von „Ayla“ noch Handclaps. Wieder mit Keyboardton, Bass-Groove und Hi-Hat startet danach die dritte Single „Yesterday’s Gone“. Nach dem Refrain setzt die Band ein, das Schlagzeug treibt, die Gitarre begleitet den Gesang. So sehr nach Band hat das Studioprojekt Flash And The Pan nie geklungen wie auf diesem Album. In der Mitte des Songs geht sogar das Gegniedel los. Das Schlagzeug hat die ganze Zeit über einen eher pappkartonartigen Sound, was allerdings das Album von anderen Rockalben unterscheidet. So vermeintlich unproduziert wähnt man sich dichter an den Musikern. Einmal noch kommt der Refrain, dann chillen sich die Musiker aus. „Gone, gone, gone, gone“, fistelt ein Chor. Das Keyboard jubiliert, die Gitarren flirren, der Schlagzeuger verausgabt sich wieder. Ende Seite eins, vier Lieder füllen mehr als 20 Minuten aus. Auf der zweiten Seite ist es genauso. Die beginnt mit „Drawn By The Light“, einem Bluesrocker. Die ganze zweite Seite besteht nur noch aus Bluesrockern. „Drawn By The Light“ ist auch das fröhlichste Lied, das noch am ehesten die sonnige Frühlingsstimmung transportiert.

„Morgen!“, ruft Lukas gegen halb drei nachmittags ins Riptide. Ich frage ihn, ob er gut geschlafen hat. An der Küche vorbei murmelt er „geht so“ und klopft dann André an der Theke mit dem Wort „Cheffo“ auf die Schulter. Lukas ist heute gar nicht im Dienst, er trifft sich draußen unter anderem mit seinem Kollegen Benno, der heute ebenfalls frei hat. Micha mit der Hausmarke in der Hand ist noch beim Thema Film. „Ein Kumpel von mir will ‚Thor’ sehen“, sagt er und grinst, weil er davon nicht so viel hält. Das Plakat vom dem Götterfilm kenne ich. „Ein Fußballfilm“, vermute ich. Lukas fügt an: „Oder Eishockey.“ Ich entgegne: „Oder Idioten.“ Lukas nickt: „Also Fußball.“ Ohne ein Wort stellt André einen Pokal zwischen uns auf die Theke. Darauf steht „2. Sieger Osterstreitkampf“. Den haben Cora und Jens von der Gear Box organisiert, erlärt André. Das Riptide war zum ersten Mal dabei, allerdings ohne André. Ich erinnere mich: Chris hat mitgespielt und war deshalb etwas später in die Wichmannhalle zum Silver Club gekommen. „Sieht hochwertig aus“, sagt Lukas über den Pokal. André stellt ihn wieder weg. Jenny vom Piou-Laden gegenüber lehnt sich an den Tresen. Micha hat sich gerade bei André einen Cappuccino bestellt und zirkelt um Jenny herum, um vom nächstbesten Tisch einen Zuckerstreuer zu fischen. „Na, einen Kaffee?“, fragt André Jenny. Sie sagt: „Nee, eine Leiter.“ Micha lacht laut los: „Das sage ich jetzt auch immer.“

Die lockere Stimmung von „Drawn By The Light“ nimmt „Hard Livin’“ nicht nur vom Titel her wieder weg. Keyboard und Bass leiten das Stück ein, das eher stille Intro ist noch länger als bei den anderen Songs des Albums. Der Sänger erzählt, dass er in der Zeit gestrandet ist. Die ganze Band fällt im Refrain mit einem schweren Blues ein, der für die Strophe wieder dem Keyboard weicht. Vielleicht war es Teenage Angst, aber als deprimierend habe ich „Hard Livin’“ nie empfunden. Ist doch ein launiger Chor drin, der Song rockt doch dann ordentlich, die Gitarre gniedelt wieder. Es stimmte doch: Ostern auf dem Dorf, ein Fest im Kreise der Familie, eingesperrt in familiäre Zwänge, freiheitliches Erwachsensein in noch ungreifbarer Ferne als Errungenschaft, deren Eigenschaften man noch gar nicht kennt, da sind sogar trällernde Lerchen, obgleich verheißungsvoll, so doch Bestandteil des Soundtracks zum „Hard Livin’“. Musik hat Heranwachsende schon immer am besten verstanden. Die Gitarre begleitet den Hörer versonnen aus dem Deprisong heraus.

Von André und Franzi unbemerkt steht Rebekka neben Micha und mir vor dem Tresen und wartet darauf, bedient zu werden. Doch André ist am PC beschäftigt und Franzi in der Küche. Dabei kann man Rebekka gar nicht übersehen: Sie trägt ein regenbogengestreiftes Shirt und hat lange, lockige Haare. „Ruf doch“, schlägt ihr Micha vor, der Rebekkas stille Geduld wahrnimmt. Ich biete mich an, den vom Personal ungeliebten Klingelknopf auf der Theke für sie zu bedienen, und schlage einmal darauf. In diesem Moment kommen Lukas von draußen ins Café, André aus der PC-Ecke und Franzi aus der Küche. Lukas sagt grinsend etwas Abfälliges über die Klingel. Franzi fragt ihn über Rebekka hinweg: „Warst du das?“ Lukas spielt entsetzt: „Ich? Warum immer ich?“ Ich gestehe, der Klingler gewesen zu sein, stellvertretend für Rebekka, die zu André sagt: „Ich wollte wissen, ob meine Bestellungen schon da sind.“ André ist ein wenig verwirrt. Er erinnert sich, dass Rebekka kein Internet hat und hätte angerufen werden sollen, und guckt nach. „Die Kimya Dawson steht noch aus, die Björk müssen wir importieren, die kommt in der nächsten Lieferung mit“, sagt er ihr. Es ist ihm sichtlich unangenehm, dass Rebekka noch nicht wie zugesichert zwei Anrufe erhaltern hat, und meint, sie beklage sich zu recht darüber. Doch das verwirrt Rebekka, die sich nicht beschweren wollte – sie wusste von dem Anruf-Service gar nichts, sie wollte sich nur informieren. Mit der Information und einer Club Mate stellt sie sich zu Micha und mir. Sie ist 24 und hat eine siebenjährige Tochter, die gerade in den Ferien ist, also nutzt sie ihre freie Zeit eben im Riptide. „Was machst du?“, fragt sie Micha. „Ich bin selbständig, als Verteiler“, antwortet er und erzählt von seinem Job. Das Riptide gehört zu seinen Kunden: Er verteilt auch die Flyer für Sound On Screen, die gemeinsame Veranstaltungs-Reihe von Riptide und Universum-Kino. Der nächste Teil steht am Mittwoch an: „Lemmy“. In der Reihe lief auch die Doku „The Doors: When You’re Strange“. „Den Film fand ich nicht gut“, sagt Rebekka. „Der Spielfilm war besser.“ Micha hatte kein großes Interesse an den Doors und war mit der Doku daher zufrieden. Rebekka hört sich gerne bis zu den Ursprüngen der diversen Musikrichtungen durch. „Dann musst du ja bis zur Klassik gehen“, meint Micha. Er gibt klassischer Musik keine Zukunft: „Die hört bald niemand mehr.“ Rebekka sieht das anders: „Ich sehe die Zukunft steril und mit klassischer Musik, vielleicht noch mit Mini-Songs wie in ‚Demolition Man’, das ist ja heute schon so.“

Österliches Georgel leitet „Saviour Man“ ein, den zweitpositivsten Song auf „Nights In France“. Eine Fanfare dominiert im Refrain, der Song pluckert und ist in der Strophe von einem Ambientkeyboard unterlegt. Die Gitarren zeichnen schöne Atmosphären. Die Verheißung dringt aus allen Tönen. Es rockt. In der Mitte wechselt der musikalische Tonfall zu etwas eher Nachdenklich-Besinnlichem, der Gesang ist ab jetzt eingestellt. Durch das offene Fenster wehte laue Luft, das Zwitschern der Lerche drang durch die behutsame Gitarre und das spacige Keyboard. Doch die Band holt nur Luft. Sobald die Musik wieder in vollem Unfang da ist, gesellt sich ein Saxophon dazu. Während es soliert, unterfüttert die Kirchenorgel das Stück. So könnte es ewig weitergehen. Der Erretter naht.

Bosse nicht: Das Konzert ist verschoben, wie André ankündigt. „Der Termin steht aber noch nicht fest.“ Dafür jede Menge andere: Am 3. Mai gibt es das Live-Hörspiel „DJ Tulpe & der fette Mann“ im Riptide. Sound On Screen geht am 13. Mai mit „Utopia Ltd.“ und einem Konzert der Band 1000 Robota in die neunte Runde. Etwas Besonderes kündigt André für den 20. Mai an: einen Zombie-Abend. „Im Universum wird ein neuer Zombie-Film gezeigt und HBKler haben eine Zombie-Filmographie herausgebracht, das gab es vorher noch nicht.“ Zu sehen gibt es „Survival Of The Dead“ von George A. Romero, dem Vater des Zombiefilms. Das Buch ist „Untot – Zombie, Film, Theorie“ von Michael Fürst, Florian Krautkrämer und Serjoscha Wiemer. Hinterher gibt es eine Party im Riptide. „Wir versuchen, mit Bodennebel zu arbeiten“, sagt André, „Arme aus Blumenbeeten raus und so.“ Der „Twitter-König aus Deutschland“, so André, kommt dann am 26. Mai ins Riptide: Jan-Uwe Fitz alias „@Vergraemer“ liest aus seinem Buch „Entschuldigen Sie meine Störung“. Ihn unterstützen Holger Reichard und Gerald Fricke, die den Sammelband „Eintracht und Zwietracht – Braunschweiger Geschichten“ vorstellen. Am 21. Mai ist außerdem BS-Visite von der HBK im Rebenpark, gegenüber der Mensa. „Da machen wir das Catering“, sagt André erfreut. Auch Rebekka freut sich. Sie wollte eigentlich nur ein bisschen in den Platten blättern, hat aber als erstes „Live In London“ von Regina Spektor in die Finger bekommen. Bei den Buttons hat sie außerdem den Embryo-Engel vom Sigur-Rós-Album „Ágætis byrjun“ entdeckt. Sie möchte mit Karte bezahlen. „Ich weiß auch meinen PIN wieder“, sagt sie zu André in Erinnerung an ein früheres Erlebnis. „Aber das weißt du nicht mehr.“ André bestätigt das: „Hast du dreimal deinen PIN nicht gewusst und ich musste vor deinen Augen deine Karte zerschneiden?“ Micha ist schon gegangen, Rebekka geht jetzt auch. André verspricht ihr: „Wir telefonieren.“

Mit einem schleppenden, flirrenden Blues lassen Flash And The Pan das Album ausklingen. „Bones“ wird von gefühlt drei, vier Gitarren beherrscht, die nach Thin-Lizzy-, The-Godfathers- oder Iron-Maiden-Art umeinanderschwirren, nur nicht so hart. Dazu klimpert ein schräges Klavier. Sehr dringlich rocken die Australier zum Abschluss. Sie wissen, wo die Knochen begraben sind, sagen sie. Das hört man. Die Knochen dienen vermutlich als Dünger für all die Bäume und Blumen, die jetzt sprießen. Es ist Frühling, wer singt denn da bitte vom Tod. Auch wenn „Bones“ musikalisch gar nicht so dunkel ist, wie es der Text vermuten lässt, muss jetzt etwas Aufmunternderes her. Also noch mal von vorn, „Money Don’t Lie“ erinnert mich immer so schön an Frühling und Ostern.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#41 Erkeltet

22. März 2011


Dienstag, 22. März

Ein freier Tag wie dieser, das ist der richtige Tag für ein Frühstück mit Freunden. Eines, bei dem die Zeit keine Rolle spielt. Eines mit Brötchen und Croissants, Apfelgelee und Geflügelwurst, Kaffee und Ideen. Etwa der Idee, seinen freien Tag nach erfolgter Sättigung in der Stadt zu verbringen. Seit gestern ist Frühling, und das, was der Tag uns bietet, entspricht sehr genau dem Kalender. Wir schlendern in der Stadt herum, bis wir völlig zufällig Raute Records erreichen. „Ich hab Meddle für dich da“, sagt Uwe zum Gruß. Metal? Hab ich doch letztes Mal erst einiges mitgenommen. „Nein, Meddle, mit Doppel-D.“ Ah, das Pink-Floyd-Album! Bevor ich das aus dem Fach hole, stöbere ich in den anderen Fächern herum. Wir sind nicht die einzigen Kunden, und einer von ihnen ist schneller als ich: Er legt sich die Meddle auf seinen Stapel der zu erwerbenden Platten. Macht nichts, zu Raute komme ich ohnehin immer gerne, da ist die Suche nach Meddle ein schöner weiterer Grund. Wir müssen gehen, Uwe schickt uns einen Slogan hinterher: „Wir sind nicht die Besten in dem, was wir tun, aber wir sind die Einzigen, die das machen, was wir machen.“

In der warmen Sonne trennen wir Freunde uns nun, ich gehe alleine in den Handelsweg. Bei Comiculture nehme ich mir drei Lucky-Luke-Bände mit. Bislang habe ich von dem zwar einige Bücher gelesen, aber nie den Drang zum Sammeln gehabt. Mir war das mit der Nummerierung immer zu unübersichtlich, genau wie bei Gaston. Aber da ich zurzeit recht viel Spaß habe, abwechselnd das Geo-Epoche-Heft „Kelten“ und Asterix-Bücher zu lesen, greife ich bei dem ebenfalls vom Gespann Morris und Goscinny stammenden Herrn Luke zu. Mein Plan sieht vor, gleich nebenan im Achteck sitzend zu schmökern.

Der Plan geht auf, und zwar so was von. Es ist still am Dienstagnachmittag. Das neue Intro mit der grellen Aufschrift „Techno“ ist da. André auch, er nimmt meine Bestellung entgegen, eine Club Mate Cola. Dabei erzählt er mir vom Bosse-Akustik-Gig, der demnächst im Riptide stattfindet, und von der fabelhaften Ehre, 1000 Robota anlässlich der Sound-On-Screen-Vorführung von deren Film live da zu haben. Buback, das Label der 1000 Robota, ist ja ohnehin zurzeit in aller Munde. À propos: Ich habe mir den Hinweis zu Herzen genommen, dass Justin Hoffmann, Leiter des Kunstvereins Wolfsburg, in dem am 31. März eine Buback-Ausstellung inklusive eines Konzertes von 3 Normal Beatles startet, sehr wohl noch aktives Mitglied der Band F.S.K. ist. Ich habe ihn darauf angesprochen. „Das mache ich schon noch nebenbei, das zweite Leben“, sagte er daraufhin. „Muss schon zusammen gehen, die anderen bei FSK haben auch ihre Berufe.“

Draußen im Achteck steht erstaunlicherweise nur ein einziger Tisch, an den sich Gäste setzen können, und er ist auch noch frei. Bei dem herrlichen Wetter hatte ich ein anderes Bild erwartet. Drei verwitterte Stühle umrunden diesen Tisch. Auf ihnen liegen schwarze Decken mit weißer Aufschrift, von der in einem Falle nur „skane sbier“ zu lesen ist. „Wir werden für die Draußen-Saison wieder aller herrichten“, sagt André, während er die benutzten Gläser vom Tisch räumt und den vollen Aschenbecher auf sein Tablett stapelt. „Und die Festival-Saison beginnt.“ Beim Immergut sei klar, dass das Riptide einen Stand aufbaue. „Das Immergut könnte größer werden, das machen sie aber nicht, und das macht auch den Charme ein bisschen aus.“

Ich lehne mich in den Stuhl und blättere „Das Greenhorn“ auf, in jeder Zählung die Nummer 16. Die Sonne schafft den Weg um die Bögen oberhalb des Achtecks herum leider nicht, dafür steht sie noch zu tief. Aber man spürt ihre kraftvollen Bemühungen. Der Wind immerhin kriegt nämlich die Kurve und ist nicht zu kühl. Er lässt die Blätter der Bambus- und sonstigen Büsche zittern, die ringsum im Achteck stehen. Die eine Kastanie treibt grüne Spitzen aus. In dem Buschtopf neben dem Eingang steckt ein kleines ausgeblichenes Windrad. Es zu bewegen, fehlt dem Wind die Kraft. Nur der Busch hinter dem Windrad zittert leicht. Auf der anderen Seite der Eingangstür steht ein weiterer Tisch, doch nur für die schwarze Sturmlampe, in der eine Kerze flackert. Die ist bei dem für diese Gegend ungewöhnlich hellen Licht kaum zu sehen. Die Ölfackeln vor dem Café und der Lounge brennen nicht. Über dem Speisekartenkasten am Eingang prangt ein grünes Plakat mit der Aufschrift „Frühlings-Allerlei“, dem Namen der Suppe der Woche, an der hellgelben Achteckwand. An der klebt so einiges: Das Plakat zum Film „Der ganz große Traum“, diverse Band-Poster, von Adele über Interpol bis Iron And Wine, und Ankündigungen der nächsten Sound-On-Screen-Beiträge. Die sind auch auf dem Aufsteller zu lesen, der mitten im Achteck steht. Vor der Einraum-Galerie lehnt ein Fahrrad. An der einen verschlossenen Tür auf der Seite mit der Lounge lehnen zwei weitere Fahrräder, hinter ihnen auf der Tür steht mit Kreide geschrieben „Es ist kompliziert“. Eine grüne Sonnenplane spannt sich zwischen dem Balkon und der Lounge. Den Übergang von der Lounge zu Piou bildet ein Elektroschaltkasten, über dem Napoleon wacht. Vorher stand da noch ein Clown auf dem Kasten. Aus dem Piou-Laden dringt wahres Blitzlichtgewitter.

Im Vorbeigehen stellt André einen leeren Aschenbecher auf den Tisch zwischen Speisekarte, Kerze mit Papiertüte und Zuckerstreuer. Hin und wieder passieren Passanten die Passage, einige kehren in die Lounge oder ins Café ein. Es ist ruhig. Jennifer und Tanja von Piou stehen nebeneinander vor ihrem Laden und stülpen sich Papiertüten über den Kopf. Sie folgen den Anweisungen einer Fotografin, von der also das Blitzlichtgewitter stammte. Die Fotografin fordert sie auf, bei drei zu springen, und zählt bis drei. Jennifer und Tanja springen blind. Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen der Fotografin, denn sie gibt die Anweisung zum Sprung immer wieder. „Eins, zwei, drei, springt.“ Den beiden Bepapiertüteten ist nicht klar, ob auf drei oder bei drei und dann, und so springen Tanja und Jennifer zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Ein weißer Mops kommt aus dem Laden, schnüffelt an mir und verschwindet im Riptide. „Eins, zwei, drei, springt.“ Das ist für den Mops von deutlich größerem Interesse als das Café. Auf dasselbe Kommando stellt er sich vor Tanja und Jennifer auf die Hinterbeine und bellt. Das macht sich auf dem Foto bestimmt gut. „Für uns, fürs Internet“ seien die Fotos bestimmt, sagt Jennifer. Das werde ich mir anschauen. „Lala“, ruft die Assistentin der Fotografin und meint damit den Mops.

Weitere Gäste wollen wie ich draußen sitzen. André nimmt das Sturmlicht von dem zweiten Tisch im Achteck, stellt den Tisch etwas von der Wand ab und die zwei Stühle von meinem Tisch dazu. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass hinter mir an dem Fernseher, dem großen Café-Fenster, jemand sitzt. Radfahrer rollen gemächlich durch die Passage. „Wir möchten auch draußen sitzen“, sagen die nächsten Gäste, gehen ins Café und fragen André nach Gelegenheiten dazu. Der kommt heraus, stellt die beiden Fahrräder etwas beiseite und schließt die Tür auf. Dem Raum dahinter entnimmt er Stühle. „Können wir dir helfen?“, fragt der Gast. André lächelt und sagt: „Geht rein zur Musik und guckt, was es Neues gibt.“ Der Angesprochene nickt und sagt zu seiner Begleiterin: „Ich geh rein zur Musik und gucke, was es Neues gibt.“ Er geht rein zur Musik und guckt, was es Neues gibt. Derweil hat André die Lagertür geschlossen und holt einen der Café-Tische heraus. Die Gäste sind glücklich, bedanken sich und freuen sich über die Blumen, die mit dem guten Tisch nach draußen kamen. Für die nächsten zwei Draußen-Gäste holt André gleich Tische und Stühle aus dem Café nach draußen. Die Gäste wissen den Service zu schätzen und sind dankbar.

Meine Cola ist alle, das Heft habe ich durch. Die Sonne sinkt irgendwo hinter dem Haus, die Temperatur des Windes nimmt ab. Zeit, zu gehen. Schöner kann ich mir einen freien Tag im frischen Frühling nicht vorstellen. Ein Eis auf den Weg?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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