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#24 Silber und Gold

21. Oktober 2009


Samstag, 10. Oktober


Es regnet, und das gefühlt schon immer. Das ist nicht einfach nur Regen, was da vom Himmel stürzt. Besonders nachts sieht der Niederschlag aus wie eine undurchdringliche nasse Wand. Jetzt ist es früher Nachmittag, der Regen ist nur um wenig weniger geworden. Unter dem eigentlich als Sonnenschirm gedachten Wetterschutz vor dem Riptide steht Kathi an einen Stuhl gelehnt und raucht, bei ihr ist eine Freundin. Kathi erzählt, dass sie unterm Dach wohnt und den Regen von allen Seiten auf sich herabprasseln hört. Manchen hindere das am Schlafen, dem anderen helfe es, Schlaf zu finden. Tagsüber hat der Regen einen weiteren Nachteil: Geht man – wie samstags möglich – um die Ecke am Altstadtmarkt über den Wochenmarkt, muss man in den engen Gassen enorm aufpassen, keine Regenschirmspitzen in die Augen zu bekommen. Das Wort „Regenschirmnazis“ fällt. Da fällt Kathi noch eine andere wilde Geschichte ein, wie sie einmal bei grün leuchtender Fußgängerampel über die Straße ging und ihr ein alter Mann mit Stock entgegenkam. „Der hat mit dem Stock vor sich herumgefuchtelt und ihn mir gegen das Schienbein gehauen“, erzählt Kathi, während sie ihre geschützte Deckung unter dem Schirm verlässt und zurück ins Café geht. „Ich war so perplex, ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte.“

Wenn Skapino neue Mitmacher für den Silver Club gewinnen will, hat er eine pralle Mappe dabei. Darin finden sich Ankündigungen, Fotos, Flyer und Presseberichte über die vier bisherigen Veranstaltungen des mobilen Clubs. Viel Überzeugungsarbeit dürfte Skapino bei seinen Gesprächspartnern kaum aufbringen müssen, denn wer vom Silver Club gehört oder ihn gar selber erlebt hat, ist sofort begeistert. Neben die Mappen auf dem Cafétisch stellt Kathi Kaffee. Skapino kommt aus Hamburg, ist erst vor wenigen Jahren nach Braunschweig gezogen und setzt hier fort, was er dort bereits begonnen hat. Der Silver Club allerdings entspringt nicht alleine seinem geist, sondern einem regelmäßigen Stammtisch, an dem man sich darüber einig war, dass sich einfach nur treffen nicht ausreiche und man das Ganze auch gleich in Produktivität umwandeln könnte. Mit positivem Ergebnis.

Im Frühjahr 2007 gestattete das Haarwerk in der Nussbergstrasse dem Silver-Club-Team, die erste Party zu veranstalten. Ein schräg in den Industrieraum geklebtes Fußballfeld gestaltete den Fußboden unter den an der Decke hängenden Großspiegeln. Das Konzept ging auf, die Braunschweiger nahmen die Party an. „Es gab auch eine Haareschneideaktion“, erzählt Skapino. Denn das sei ein wichtiges Element bei den Partys: „Wir wollen den Ort oder dessen Geschichte thematisieren.“

Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis es den Silver Club als Party ein zweites Mal gab. Dieses und auch das dritte Mal bei Marco’s Coffee am Waisenhausdamm, im Frühjahr und Sommer dieses Jahres. Skapino hat Fotos dabei. „Hier haben wir den Einfahrtsbereich zur Lounge gemacht“, erzählt er. Den tschechischen Fotokünstler Jan Saudek konnte er zudem dafür gewinnen, einige Exponate auszustellen. „Beim ersten Mal in Marco’s Coffee hatten wir nicht genug Platz zum Tanzen, das haben viele Gäste bemängelt, doch als wir beim zweiten Mal mit der Lounge genug Platz hatten, hat niemand getanzt.“ Er wundert sich: „Komisch.“ Aber eines freue ihn: „Es ist toll, dass es in Braunschweig so viele Leute gibt, die das annehmen.“

Zwischendurch nimmt Kathi die leere Kaffeetasse mit und bringt Skaipno eine Flasche Fritz-Cola. Skapino dankt und berichtet weiter vom Silver Club, dessen vierte Ausgabe noch nicht so lange zurückliegt. Die fand in der ehemaligen Krabbenkuppel statt, aus der Toddn jetzt die Französische Botschaft macht. „Das war wirklich mal eine“, weiß Skapino. „Wir haben uns mit der Historie des Gebäudes befasst, im 17. Jahrhundert residierte darin die Französische Botschaft“, sagt er. „Die erste Disco Braunschweigs war auch da drin, das passt daher.“ Der vierte Silver Club hatte folgerichtig eine „Französische Indie-Kulturnacht“ als Motto. Chris war daran überdies auch beteiligt, er legte unten im Gewölbekeller auf.

Doch jetzt beschäftigt Skapino der anstehende fünfte Silver Club. Am Samstag, 5. Dezember, soll der stattfinden, Ort: noch unklar. Ein Thema steht zur Debatte: „Es ist eine Drei-Dekaden-Party geplant über die Anfänge des Independent“, überlegt Skapino. „Mit Musik, Kunst und Mode.“ Und dafür sucht er noch Leute, die mitmachen. „Bei uns ist alles vollkommen unkommerziell“, betont er. Niemandem ginge es darum, Gewinne zu machen, und wer seine Hilfe anböte, täte dies ehrenamtlich. So sei auch Michel, der Sänger von Such A Surge, regelmäßig dabei. „Es geht nicht ums Geld, sondern wir machen das für Freunde“, betont Skapino. Wichtig sei ihm zudem, dass der Silver Club niemandem sonst in Braunschweig Konkurrenz mache. „Wir wollen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten“, sagt er. Deshalb versuche das Team auch, immer wieder andere Kulturschaffende zu beteiligen. Wie eben letztes Mal Kult-O-Rama, also Toddn. Skapino sammelt seine Unterlagen zusammen und steckt sie zurück in die Mappe.

Offen bleibt bis jetzt allerdings die Frage, warum Skapino so genannt wird, schließlich heißt er eigentlich Sascha. Die Geschichte dazu überrascht, spielt doch die norwegisch-schwedische Crossover-Band Clawfinger eine entscheidende Rolle dabei. „Früher habe ich das viel gemacht, mit einem Freund in den Niederlanden unterwegs sein“, beginnt Skapino die Geschichte zu erzählen. „Da waren wir auf Konzerten und Festivals.“ Dieses eine spezifische Mal war es hinterher wie so oft: wie kommt man zurück? „Der Freund kannte Clawfinger und hat die gefragt, ob wir im Bandbus mitfahren dürfen – Hauptsache, wir kommen nach Hause“, fährt er fort. So saßen die beiden also mit Clawfinger im Bandbus und durchkreuzten die Niederlande auf dem Weg zurück nach Deutschland. „Alle drei Meter kam so ein Plakat, auf dem ‚Skapino’ stand“, sagt Skapino. „Mit Füßen drauf“, vervollständigt er. „Ich fand das lustig, hatte schon was getrunken, und die Clawfinger haben gesagt: ‚You are Skapino!’.“

Heute Abend steigt im Riptide eine Soulparty, „Ein Abend mit Monsieur LeSupersexuel“ lautet das Motto. Doch parallel dazu stehen die Gäste der nächsten Woche heute schon in Wolfsburg auf der Bühne: Müller & die Platemeiercombo werden am 17. Im Riptide spielen und heute im Kulturzentrum Hallenbad der Gruppe Die Trottelkacker Tribut zollen – einer Band also, der Bandchef Müller selbst einmal angehört hatte. Sechzehn Bands haben sich für dieses Großereignis angekündigt. Organisator ist Paul, Schlagzeuger der Gruppe Die Weltenretter, die zurzeit als Foto im Riptide hängt. So schließen sich Kreise.

Noch immer regnet es. Es ist grau und nass mit der Tendenz zu schwarz und nass. Wer das Riptide in Richtung Innenstadt verlässt, kommt an den beiden bunt leuchtenden Stelen vorbei, die darauf hinweisen, dass es im Schaufensterdurchbruch des Geschäftes Möbel Sander eine Straße namens Handelsweg gibt, die wiederum mit attraktiven Lokalen und Geschäften lockt. Es tut den Gewerbetreibenden im Handelsweg sicherlich gut, dass auf sie hingewiesen wird. Das Leuchten der Stelen durchdringt sogar den Regen.

Samstag, 17. Oktober

Pechschwarz ist es draußen, was dieses Mal allerdings nicht alleine am Wetter liegt, sondern an der Tageszeit. Es ist kurz vor halb zehn Uhr – abends. André steht draußen vor dem Riptide am Holzpult und kassiert. Wer heute Abend dafür Eintritt zahlt, dass er das Quartett Müller & die Platemeiercombo live im Riptide spielen sieht, erhält von der Band ein kopiertes Heft mit Songtexten ausgehändigt. Das erinnert angenehm an die „Kot & Wahn & Sock’n’Roll“-Heftchen, die es damals immer beim Open Arsch gab. Erinnerungen werden wach: Einmal pro Jahr fand in Rümmer auf der Schweinewiese das Festival mit dem sehr pubertären Namen Open Arsch statt. Hauptzugpferd waren Die Trottelkacker, weitere gern gesehene Gäste waren Bands wie Dead Shepherd aus Hamburg, Notrufmelder oder Waterman. Die Erinnerungen daran wurden nicht nur wach, sondern erhielten neue Substanz, als all diese Bands und ein gutes Dutzend mehr am vergangenen Samstag in Wolfsburg den Trottelkackern zur Ehre spielten. Auch Die Trottelkacker selbst traten in der Besetzung Krüger-Müller-Knotke auf – sieben Jahre nach dem eigentlichen Ende dieser wahrhaftigen Kultband.

Ebenjener Müller scharte die Platemeiercombo um sich, ergänzt um Heyl, der auch bei Waterman spielte. Und in dieser Besetzung sollen die Musiker jetzt im Riptide spielen. Plate, Müller und Heyl gesellen sich zu André, bevor das Konzert losgeht. Plate bedauert, dass Die Weltenretter parallel im Schweinebärmann spielen. „Das hätte man besser abstimmen können“, sagt er. Schließlich wären sonst beide Bands jeweils der anderen Publikum gewesen. Die drei Musiker gehen zurück ins Café, Meier wartet dort auf sie, das Publikum sowieso.

Müller und Meier tragen Hemden unter hellen Anzügen, Bassist Meier zudem einen Strohhut. Plate drängt sich hinter sein augenscheinliches Minischlagzeug in der hintersten Ecke des Verkaufsraumes. Heyl, in dunklerer Kleidung und als einziger mit Krawatte, geht während des instrumentalen Intros „Trick 17“ im Zuschauerraum umher und begrüßt das Publikum per Handschlag. Dann schnappt auch er sich eine Gitarre und gesellt sich zur Band.

Die ist cool. „Cool Pop“ nennt Müller selbst die Musik, die aus Swing und Jazz, Bossanova, Salsa und Cha Cha besteht, jeweils mit einem Grundgerüst, das die Rockvergangenheit deutlich Gegenwart sein lässt. Meier ganz links grinst unter dem Hut und mit dem Bass, der fast so groß ist wie er selbst; Heyl ganz rechts bedient sein gigantisches Arsenal an Saiten- und Percussion-Instrumenten mit todernster Miene. Dahinter liefert Plate den rhythmischen Unterbau, in der Mitte singt Müller seine Lieder. Müller geht auf die Liederhefte ein, darauf, dass ihm oft gesagt werde, man könne seine Texte nicht verstehen. „Das passiert nur bei deutschsprachigen Texten“, stellt Müller fest. „Bei englischsprachigen Liedern ist das egal, da geht es mehr um die Musik, oder wie!“ Dafür habe die Band eben die Texthefte verteilt. „Jetzt werden wir uns nur noch den Vorwurf anhören müssen, dass das Publikum die Texte nicht lesen kann.“ Für Fehler entschuldigte er sich explizit nicht: „Die sind Folge der Technisierung unserer Welt.“ Wert lege er vorrangig darauf, dass der Name der Gastsängerin Cora Coriander mit C geschrieben werde, nicht mit K.

Zu hören gibt es hauptsächlich Lieder des neuen Albums „Sexy Sockenschuss“, dazu viele bis dato noch gänzlich unveröffentlichte Stücke. Nur wenige alte Songs finden den Weg in die Setlist. Müllers Ansagen und die Publikumsreaktion ergeben so manchen herrlichen Dialog. Müller kündigt ein nächstes Lied an. Eine Frauenstimme von ganz hinten: „Mit welchem Akkord geht’s los?“ Müller, überrascht: „Yps… vierzehn!“

Man merkt der Band nicht nur an, dass es ihr gut geht, sie sagt es auch. „Hier fühlt man sich wie zu Hause“, meint Müller. Dann spielt die Band „Nichtsnutz“, das Stück hat Live-Premiere, wie Müller betont. Meier sagt irgendwann: „Hier geh ich nicht mehr weg, ist schön hier.“ Müller bestätigt: „Ja, nicht? Aber wir haben ja noch Zeit.“ Die füllen sie mit ihren tollen Ohrwürmern. Nach einem Applaus sagt Müller: „Danke, auch an die letzte Reihe: vielen Dank!“ Die Frauenstimme aus der letzten Reihe erwidert: „Gerne, gerne!“

Für einige Lieder wie „Cocktails und Eiscreme“ kommt Cora Coriander auf die Bühne und veredelt die Songs mit ihrer Stimme. Manchmal tanzt sie auch nur beschwingt und tut es damit dem Publikum gleich, nur eben auf der Bühne. Ein deutlich angetrunkener Mann im Publikum fragt Müller: „Ey, wie heißtn du mit Vornamen?“ Müller gibt es preis: „Tobias Walter.“ Es entsteht eine Pause. „Wirklich“, schickt er nach. „Ich kann das bestätigen“, sagt Cora neben ihm.

„Wir sind schon so weit fortgeschritten in der Liste“, sagt Müller mit einem Blick auf die Liste. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr sagt er: „Oh, in der Zeit auch.“ Aus der letzten Reihe ist glockenhelles Lachen zu vernehmen. „Da hinten lachen Frauen“, stellt Meier fest. „Du hast alles richtig gemacht, wenn irgendwo Frauen lachen.“ Doch Müller ist nicht überzeugt: „Die lachen über mich.“ Meier kontert: „Du musst deine Schwächen zu deinen Stärken machen.“ Müller nickt: „Dafür bin ich hier.“

Nach alter Open-Arsch-Manier erschallt das Wort „Gabuze“ aus den Zuschauerreihen, als Müller bekannt gibt, das letzte Lied sei auch das letzte des Abends gewesen. „Dass auch Zugaben verlangt werden, verwöhnt uns“, behauptet Müller daraufhin. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht größenwahnsinnig werden.“ Doch da besteht keine Gefahr. Das nächste Lied beschleunigt Plate unbewusst mit schneller werdendem Takt. Hinterher fragt ihn Müller: „Plate! Hast du’s eilig?“ Plate, grinsend: „Da ging das Tier mit mir durch.“

Das Konzert endet unspektakulär: Die vier Musiker verlassen nach einem Abschiedsgruß den als Bühne gedachten teil des Riptides und mischen sich unter ihr Publikum, teils drinnen, teils zum Rauchen draußen. Allen Musikern steckt das glückliche Strahlen vom Trottelkacker-Tribut des letzten Wochenendes im Gesicht. Heyl saß dabei als einer von zwei verbliebenen Waterman-Musikern auf der Bühne des Hallenbads. „Unser letztes Konzert als Waterman haben wir in Trier gegeben“, erzählt Heyl. Eines der Bandmitglieder sei dorthin gezogen. „Das war auch der Grund, weshalb es mit der Band zu Ende ging.“ Auf das Gerücht angesprochen, Waterman haben pro Jahr nur einmal geprobt, nämlich auf dem Open Arsch, wehrt Heyl ab: „Neeee, also, na ja, später vielleicht“, überlegt kurz, „eigentlich stimmt das.“ Er geht auch nach draußen.

Karine und Nikolaus sind Kollegen von Plate im Kulturzentrum Hallenbad. „Das Trottelkacker-Tribut habe ich verpasst“, sagt Nikolaus enttäuscht. Er war an dem Wochenende bei seiner Familie in Süddeutschland. Als Quasi-Ortsfremder ist er von der unterschwelligen Feindschaft zwischen Braunschweig und Wolfsburg überrascht und erzählt: „Karine und Plate haben für Radio Okerwelle ein Interview gegeben, da kam die Konkurrenz deutlich zutage.“ Verstehen könne er das aber nicht.

Überall in der Luft hängen noch die Lieder von Müller & die Platemeiercombo. So schnell bekommt sie niemand aus dem Ohr. Und das ist gut.

Dienstag, 20. Oktober

Kaum zu glauben, aber die Sonne scheint. So sieht der goldene Oktober aus, den man sich ausmalt, sobald man von ihm hört. Es ist früher Nachmittag, heute sind Chris und André im Riptide. Chris sitzt am Computer und telefoniert mit Kunden und Geschäftspartnern, André etikettiert neue LPs und sortiert sie in die entsprechenden Fächer ein. An der Wand hängt die Picture-LP der zwölften Drei-Fragezeichen-Folge „und der seltsame Wecker“, mit der die Sprecher nächste Woche auch nach Braunschweig kommen. Hinter André lugt eine a-ha-12“ aus dem Second-Hand-Kasten.

„Unsere allseits beliebten, leckeren Suppen sind wieder da“, sagt André. „Die Wochensuppen.“ Bereits letzte Woche gab es eine Kürbis-Ingwer-Suppe. „Man musste sie letztlich Ingwer-Kürbis-Suppe nennen, weil der Ingwer durchgezogen ist“, stellt André grinsend richtig. Aktuell steht eine Erbsen-Minzcrème-Suppe „mit einer feinen Chili-Note“ auf der Karte. „Ein bisschen Frische reingebracht durch die Minze, und von hinten kommen Schweißperlen auf die Stirn“, grinst André. Während er für Gäste Kaffee vorbereitet, kündigt André an: „Am 2. November eröffnen wir hier eine neue Kunstausstellung, von Christian Grams, der ist Grafiker und macht auch Schablonenkunst.“ Was André auf dem Monitor seines Computers zeigt, erinnert leicht an Banksy.

André streut Kakaopulver über einen Milchkaffee und legt die „Teufelswerk“-CD von Hell beiseite, die jemand nach dem Kaffeegenuss kaufen möchte. Chris telefoniert immer noch angeregt, André bringt den Kaffee an einen der Tische. Unfassbar, es scheint die Sonne! Man sollte nach draußen gehen. Wenn es dort nicht so viel kälter wäre als im Riptide.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#23 Zwei Fragen

16. September 2009


Mittwoch, 16. September 2009

Man spürt, dass sich der Sommer seinem Ende entgegenneigt. Doch aus dem trüben Vormittag ist ein richtig angenehmer Nachmittag geworden. Angenehm genug für die meisten Gäste des Café Riptide, draußen im Achteck zu sitzen. Drinnen liegen einige T-Shirts auf der Theke. „Ich bin grad dabei, hier’n bisschen…“ lässt André seinen Satz unbeendet und räumt einige T-Shirts beiseite. Hinter ihm röchelt die Kaffeemaschine, die Tasse ist voll. André bringt den bestellten Kaffee an einen Tisch draußen und kommt mit dem Tablett voller leerer Flaschen wieder zurück. Er verschwindet in der Küche, man hört ihn dort die Flaschen in Kisten versenken. Auch Chris kann man hören, er sitzt der Küche gegenüber an seinem Stammplatz und klackert auf der Tastatur seines PCs. Beide tragen einen Button, der sofort ins Auge fällt: Einen silbernen „Jubiläums-Button“, wie Chris ihn nennt. Darauf ist das Riptide-Logo gedruckt.

Es gibt einen schönen Anlass dafür. Das Riptide wir nämlich heute auf den Tag genau zwei Jahre alt. Am Samstag steigt dazu die Geburtstagsfeier, doch schon heute bekommt jeder Gast zwei Fragen gestellt:

1. Was wünschst du dem Riptide?
2. Welche Assoziation hast du zur Zahl zwei in Verbindung mit dem Riptide?

Mirko

1. Dass es am Leben bleibt, dass die Rendite passt und Glückseligkeit und das Beste, was man nicht in Worte fassen kann.

„Das ist mein Lieblingscafé“, fügt er hinzu, bevor er die zweite Frage beantwortet.

2. Dass alle guten Dinge erst mal drei werden sollen.

Von draußen kommen Kathi und Till ins Café, um zu zahlen. Heute ist Kathi mal als Gast hier, nicht als Angestellte.

Kathi

1. Ein weiterhin nettes, immer fröhliches und freundliches Arbeitsklima und dass wir weiterhin so viel Erfolg haben und auf immer und ewig so super miteinander auskommen.
2. Ich habe meinen Freund hier kennen gelernt – seitdem sind wir zu zweit.

Till

1. Eine wundervolle Zukunft und weiterhin ein tolles Ambiente. Ich bin unheimlich gerne hier und weiß nicht, wie ich das in Worte fassen soll.

„Das ist sein Wohnzimmer“, erklärt Kathi. Sie weiß das: „Er ist mein bester Freund“ – aber nicht der Freund, den sie hier kennen gelernt hat.

2. Zwei tolle Läden in einem.

Till und Kathi müssen beide weg. „Ich bin völlig durch“, erklärt Till noch. „Ich habe meine Bachelorarbeit um zwölf Uhr abgegeben.“

Bernd

1. Viel Glück, dass es weiter so geht.
2. Ich spiele mit Chris Fußball.

Micha

1. Gesundheit. Alles andere kommt von selbst.
2. Zwei nette Besitzer.

Micha erklärt seine beiden Antworten genauer: „Weil, wenn die zwei netten Besitzer nicht gesund sind, ist auch nicht viel mit dem Riptide – ohne diese persönliche Zuordnung läuft auch das andere nicht.“ Natürlich schließe das auch die wirtschaftliche Gesundheit mit ein. Micha bestellt bei André einen Kaffee und erzählt, dass er eine Einladung zur Eröffnung des neuen Universum-Kinos hatte, aber nicht da war. „An dem Tag hab ich ‚Inglorious Basterds’ geguckt“, sagt er. Den fand er gut, „im Großen und Ganzen“. Doch seinem Kino-Begleiter gebe er in einem Punkt Recht: „Schauspielerisch fielen einige ab, zum Beispiel Diane Krüger, aber dass liegt auch daran, dass Christoph Waltz die anderen an die Wand spielt.“ August Diehl habe er am überzeugendsten gefunden. „Der hat überzeugend gespielt, auch die beiden, die Goebbels und Hitler gespielt haben, zusammen mit Herrn Waltz – der ist das Eintrittsgeld alleine wert.“ Bei Quentin Tarantino sei es ansonsten immer so gewesen, dass er das Letzte aus den Schauspielern herausgeholt habe. „Das habe ich dieses Mal nicht so empfunden“, meint Micha. „Auch Eli Roth und Brad Pitt waren blass, etwas austauschbar, solide.“ Einen Grund kann Micha sich dafür denken: „Das kann auch an der Ensemblegröße liegen.“ Kein anderer Schauspieler habe schließlich so viel Zeit im Film bekommen wie Christoph Waltz, da habe niemand seinen Charakter wirklich entwickeln können. „Ich muss weg“, sagt Micha und stürzt seinen Kaffee herunter. „Jetzt ist eine Lesung in der Kemenate, da helfe ich.“

Oliver

1. Alles Gute, dass die so bleiben, wie sie sind, und dass sie uns so lange wie möglich erhalten bleiben.

„Ich kenne sie erst seit der Hälfte der Zeit“, stellt Oliver fest. „Möchte ich nicht mehr missen.“

2. Ich hoffe, dass wir noch mindestens eine Null dranhängen werden.

André legt Olivers Bestellung auf die Theke, „Agilok & Blubbo“ von The Inner Space, einmal auf Vinyl und einmal als CD. „Das ist die Vorläuferbesetzung von Can“, erklärt Oliver. „Ungefähr sechs Wochen später haben sie sich Can genannt.“ Er betrachtet das Sexploitation-Cover der LP und den Bandnamen. „Das war mir bis vor vier Wochen auch noch kein Begriff.“ Natürlich hat Oliver auch das aktuelle Album von Phillip Boa, „Diamonds Fall“. Denn da spielt Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit mit. Auf der nächsten Boa-Tour wird Liebezeit auch dabei sein. „Da gibt es zwei Termine: am 3. Oktober in Hamburg und am 10. Oktober in Berlin“, sagt Oliver. „Das sind für mich die einzigen Optionen, weil ich aufs Wochenende achten muss.“ Von Boa hält Oliver auch ohne Liebezeit viel. „Der macht sich in Braunschweig rar, auf den letzten zwei Touren musste ich ihn in Hannover sehen“, beklagt er sich. Er schwärmt von Boas Alben, von Boas dauerhaft guter Qualität. „Und wenn mal ein Album nicht gleich kickt, dann spätestens nach einem Jahr.“

Laura

1. Mehr Soul-Partys.
2. Runde Atmosphäre – weil die 2 rund ist.

Miriam

1. Weiterhin viel Erfolg und Sonnenschein.
2. Die beiden Chefs – Chris und André.

Oliver kommt aus Bad Harzburg. „Ich habe heute extra früher Feierabend gemacht, um die LP und die CD zu kriegen“, erzählt er. Chris, von seinem PC-Arbeitsplatz an die Theke getreten, berichtet davon, wie sie versucht haben, beides zu bestellen. „Ein kleines italienisches Label hat die herausgebracht“, sagt Chris. „Das war nicht einfach, die zu finden – unter Soundtracks haben wir sie dann gefunden.“ Oliver nickt. „Agilok & Blubbo ist auch ein Film, von dem ich noch nie gehört habe.“ Dann nimmt er wieder bezug zu Chris’ Sucharbeit: „Das ist halt was Schönes – ich krieg hier nie zu hören: Geht nicht.“ Chris bestätigt grinsend: „Geht nicht gibt’s nicht.“ Oliver will nach Hause, sich heute wenigstens noch die CD anhören. „Bevor ich euch kannte, musste ich immer nach Hannover fahren, um fähige Leute zu finden“, sagt er noch und geht dann.

Neue Speisekarten gibt es im Riptide. „Die Bilder, die im Hintergrund zu sehen sind, sind hier abfotografiert“, sagt André und präsentiert das Werk. „Sieht jetzt aus wie von einer Kette“, grinst er. „Audrey hat’s gemacht“, sagt er und blättert zum Foto mit dem riesigen Muffin. „Sieht doch zum Reinbeißen aus“, grinst er wieder. Dann zeigt er auf den geschriebenen Inhalt. „Bei den Crêpes hat man jetzt selber in der Hand, wie man’s zusammenstellt.“ Die Zutaten sind nämlich einzeln aufgelistet. Auch neu war ein Stapel Kalender vom Café Riptide, im Checkkartenformat. „Die sind aber schon alle weg“, sagt André. „Die Leute sind gewappnet fürs nächste Jahr.“

Matze

1. Alles Gute, genauso weitermachen wie bisher, dass das Riptide die nächsten zwanzig – ach, hundert Jahre Braunschweig erhalten bleibt.

André wirft dazwischen: „So lange muss ich hoffentlich nicht arbeiten!“ Matze wehrt ab: „Ich hab erst mal geschätzt, wie alt du bist, und dann doch lieber hundert gesagt.“

2. Ich habe bisher zwei CDs hier gekauft – zu wenig.

Und er fügt hinzu: „Aber die ein- oder andere Platte!“ Und grinst.

Der Plattenladen Riptide ist in die Liste auf www.meinplattenladen.de aufgenommen, erklären Chris und André. Das bedeutet, dass es im Riptide gelegentlich limitierte Tonträger gibt, die man woanders nicht bekommt. „Die Element-Of-Crime-Single haben wir“, sagt André. Chris ergänzt: „Die B-Seite ist exklusiv, die gibt’s nur für kleine Plattenläden, die A-Seite ist vom Album“. Das Album heißt, wie die Single, mit falscher Interpunktion „Immer da wo du bist bin ich nie“, auf der B-Seite findet sich das Andreas-Dorau-Cover „Blaumeise Yvonne“. „Nur für ausgesuchte Plattenläden, das kriegen keine Großen“, sagt André.

„Kannst du was von Fall Of Efrafa bestellen, das ist eine Hardcore-Band“, fragt Markus André. Der guckt am PC nach und bestätigt: „Ja, kann ich bestellen, ist eine Doppel-LP, als Import, das dauert dann aber etwas.“ Das Album heißt „Inlé“, Efrafa ist der Name eines Landes in „Watership Down“. Markus bestellt das Album.

Markus

1. Dass es so bleibt, wie es ist.
2. Doppel-LP.

Malte

1. Mehr Auftritte. War ja auch ab und an, dass ein DJ hier war – dass das beibehalten wird.
2. Dass ich noch zum zweiten Mal wiederkommen müsste.

Tatsächlich ist Malte zum ersten Mal hier. „Ich habe davon im Internet gelesen, es aber nie hergeschafft“, sagt er. „Ich muss das mal begutachten hier.“ Er guckt sich um. „Dabei wohne ich schon zwei Jahre in Braunschweig – noch eine Assoziation zur zwei.“ Zeit zum intensiven Begutachten hat er heute jedoch nicht, Markus und Malte müssen los.

Fiona

1. Dass es noch länger bestehen bleibt – ich find’s gut hier.
2. Ich habe mir hier zwei Platten gekauft und war auf zwei Konzerten. Ich wohne zwei Jahre in Braunschweig, ich bin hier also her gezogen, als das Riptide aufgemacht hat.

Fiona ist mit Matze hier. Sie kommen beide aus Helmstedt. Neben der mittelalterlichen Altstadt gebe es dort nicht viel zu sehen, meinen sie. Matze empfiehlt „Kalt u. heiß Heinz“, einen Schnellimbiss. „Gleich neben dem Hausmannsturm“, sagt Matze. „Als ich noch zur Schule ging, haben wir in den Freistunden immer den großen Helmstedter Gastronomiecheck gemacht – da war Kalt u. heiß Heinz die klare Nummer Eins.“ So klein sei die Auswahl an Gastronomiebetrieben in Helmstedt nicht, dass das zwangsläufig so wäre, sagt Fiona: „Es gibt jede Menge Dönerläden.“ Und sogar einen Club, in dem es ab und zu einigermaßen alternativ zugeht, so Matze: „Das Number One auf dem Holzberg.“ Fiona konkretisiert: „Da gibt es einmal im Monat eine Indieparty – was heißt Indie, die sind nie über Green Day und Blink 182 hinausgekommen.“ Den Laden gibt es aber schon lange. „Da haben meine Eltern sich kennen gelernt“, erzählt Matze. Fiona nickt. „Meine Oma ist da auch schon hingegangen.“ Matze weiß: „Da hatte der aber noch einen anderen Namen.“ Green Day und Blink 182 sind auch nicht der Geschmack von Matze und Fiona. „Aber wir haben dazu getanzt, weil wir uns gefreut haben, mal was mit Gitarre zu hören“, sagt Fiona. „Wo ‚Summer Of ’69’ gespielt wird, ist keine Indieparty“, findet Matze. Sie zählen lauter Songs auf, die in das Schema hineinpassen, und Fiona landet bei „Time Of My Life“. Jetzt, da Patrick Swayze tot ist, wird das bestimmt öfter wieder irgendwo gespielt. Matze erinnert sich an den Film „Die rote Flut – Red Dawn“, in dem Swayze und Charlie Sheen mitgespielt haben. „Da besetzen russische Truppen die USA, Swayze und Sheen sind Teenager, die sich in die Wälder zurückziehen und eine Rebellentruppe bilden“, sagt Matze. „Ziemlich schlechter Film.“ Außer „Ghost“ und „Dirty Dancing“ gibt es kaum Filme, vor allem neuere, in denen Swayze eine Rolle gespielt hatte und die erinnernswert sind. „Donnie Darko“, fällt Matze ein. „Da hatte Swayze ein ähnliches Comeback wie Kurt Russel in ‚Death Proof’.“ Fiona weiß: „Von ‚Donnie Darko’ gibt es bald einen zweiten Teil, da geht es um die Schwester, die ist auf einem Road Trip und hat Visionen, ähnlich wie Donnie – der soll aber schlecht sein.“ „S. Darko“ heißt der und ist direkt auf DVD erschienen, wie schon sein Prequel. „Der ist auch nicht vom Original-Regisseur, der hat sich davon distanziert“, ergänzt Matze. Die beiden wollen jetzt bei André ihre Rechnungen begleichen und entdecken die Quartettspiele auf der Theke, Seuchen, Tyrannen und Rauschgift. „Wir haben immer Perso-Quartett gespielt, als wir auf Rucksacktour waren“, erzählt Fiona. „Ich hab immer verloren: in Größe, Alter…“ Matze widerspricht: „Bei Hausnummer hast du mich geschlagen.“ Unterwegs waren sie in Italien und Griechenland, zu viert. Und haben unzählige Geschichten mitgebracht. Wie die von dem Mexikaner, der ihnen auf einem Hausdach in Athen erzählt hat, dass sie in Mexiko jeden Tag Party feiern, von Montag bis Sonntag. „Wir haben lustige Leute getroffen“, schließen sie in Erinnerungen schwelgend und verabschieden sich.

Matthias

1. Dass es größer wird und noch mehr Platten hat.

„Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt Matthias.

2. Wir sind zu zweit.

Zwei geschäftsmäßig aussehende Männer in Hemd und lockerer Krawatte, die draußen zusammen Kaffee getrunken haben und jetzt weiter wollen. „Mein Sohn verkehrt hier regelmäßig, der spielt bei Trick Seventeen“, sagt Matthias. „Die haben den Band Battle gewonnen und auf der Expo-Plaza vor Peter Fox gespielt.“ Er guckt in Richtung der Platten und nickt mit dem Kopf. „Ich sammle Vinyl“, sagt Matthias. „Bei Raute Records war ich schon, aber hier noch nicht.“ Der, der Matthias zu zweit sein lässt, heißt Uwe. „Ich habe eine Einladung für einen Vortrag zum Thema Rücken bekommen“, erklärt Uwe. Er hat ein Buch dabei, erst wenige Woche alt: „Rückerts kleine Rückenschule“ aus dem Humboldt-Verlag. Sein Buch. „Den Vortrag halte ich heute vor der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung“, sagt Uwe. „Der Sohn, der in der Gruppe spielt, hat mich eingeladen.“ So waren Matthias und Uwe aufeinandergetroffen, Matthias wollte Uwe auf einen Kaffee einladen und hat sich an den Vorschlag seines Sohnes erinnert, mal das Riptide auszuprobieren. „Ich komme aus Hamburg, ich bin zum ersten Mal überhaupt in Braunschweig“, sagt Uwe. Er lobt das Riptide und findet einen passenden Vergleich: „Das ist wie die Schanze.“ Matthias fragt derweil nach der neuen Porcupine Tree auf Vinyl. „Die kommen nach Hannover“, sagt er strahlend. „Im Vorprogramm: Robert Fripp!“ Zu Uwe gewandt: „King Crimson!“ Sie gehen nach draußen.

Nina

1. Es soll weitere hundertzehntausend Jahre bestehen und bitte sich in Idealismus nicht ändern zum Schlechten hin – man kann sich ja immer verbessern. Zum Beispiel Cola-Angebote, dass sie nichts anbieten, was man nicht unterstützen sollte.

Um sich Inspiration für die Antwort auf die zweite Frage zu holen, geht Nina kurz vor die Tür, guckt an der Fassade hoch und kommt wieder rein.

2. Zwei Riptides wären besser in Braunschweig.

Johanna

1. Viele Gäste und dass der Smoothie genau so lecker bleibt.
2. Zwei verschiedene Räumlichkeiten.

Wer Nina kennt, kennt sie zumeist tanzend. Jetzt hat sie einen frischen Hot Dog in er Hand, den sie gleich verspeisen will. „Bei Musikveranstaltungen, bei denen Live-Bands spielen, tanze ich auf der Bühne mit den Bands“, erklärt Nina. „Das mache ich öfter.“ Und auch demnächst wieder: „Am 2. Oktober im Jolly Joker bei der Sunsation.“ Am liebsten tanze sie bei Bands auf der Bühne, doch bei der Sunsation lege ein DJ elektronische Musik auf, Klangachse, wie Nina erklärt. „Der macht was im Chill-Out-Bereich, er legt auf und der Gitarrist von Le’Band spielt dazu und ich bin die Tänzerin“, sagt Nina. „Ich nenne mich noch um, DiscoNina passt nicht mehr.“ Das erinnere zu sehr daran, dass sie diesen Namen trägt, seit sie deutlich jünger war als jetzt. Der zweite Tanzauftritt ist am 16. Oktober im Meier, bei einer Release-Party eines Samplers mit lokalen Bands. „Vielleicht – wenn’s klappt“, schränkt Nina ein. Ihre Wunsch-Bands, bei denen sie tanzen will, sind Le’Band und Due e la Donna. Sie tanzt Ausdruckstanz, erklärt Nina weiter. „Ich lerne gerade die Grundtechnik, man tanzt, wie die Stimmung ist, in Verbindung zu der Musik, die einen umgibt.“ Zuletzt war sie beim Kulturschaufenster 38118 am letzten Freitag auf der Bühne am Frankfurter Platz zu sehen, unter anderem bei Müller & die Platemeiercombo. Und die wiederum spielen nicht nur ebenfalls am 16. Oktober im Meier bei der New City Rock Release Party, sondern einen Tag später auch im Riptide.

Timo

1. Dass es noch ganz viele tolle Konzerte gibt von Bands, die ich auch gerne mag, und dass es stattfindet, wenn ich Zeit habe.
2. Von zwei zu zwanzig: Ich habe mir das Peter-Doherty-Album letztens gekauft, dass hat über 20 Euro gekostet. Natürlich auf LP.

Timo lässt sich von André die „Klang“-CD von The Rakes geben. Er setzt sich an die CD-Player am Fenster und hört in das Album rein.

Chris sitzt immer noch am PC und plagt sich mit Kompabilitätsproblemen. Im Gegensatz zu Micha war Chris bei der Eröffnungsparty des Universum-Kinos, wie Chris erzählt. „Das hat Donnerstag aufgemacht, Mittwoch war Eröffnung für Sponsoren, Freunde, Politiker, Architekten, Vereine – und mich.“ Er lacht und zuckt dabei mit den Achseln. „Ich arbeite seit acht Jahren fürs Filmfest, als DJ, Werbesponsor – da war ich eingeladen.“ Die Leute vom Filmfest leiten jetzt nämlich das Universum. Einen Sektempfang und einen roten Teppich habe es gegeben. „Es war schön, alle wiederzusehen“, sagt Chris. Eine Führung habe es gegeben, durch die zwei übrig gebliebenen Filmsäle und das Bistro, das sie im dritten eingerichtet haben. Das Bistro heißt Abspann. „Den Namen find ich gut“, sagt Chris. Nach einigen Ansprachen sei man zum Filmegucken gekommen. „Zuerst einen belgischen Kurzfilm, ‚Kwiz’, völlig genial“, sagt Chris. „Und dann den griechischen Eröffnungsfilm, der erste Film, der da lief im Universum.“ Chris strahlt. „Das ist so wichtig für ganz Braunschweig“, sagt er. „Ich hoffe, dass sie leben können.“ Er sinniert. „Das war ein richtig schöner Abend, eine schöne Eröffnung, hat Spaß gemacht.“ Und dann war Chris auch am Samstagabend in der ehemaligen Krabbenkuppel bei der aktuellen Ausgabe des Silver Club. Da hat Chris aufgelegt, unten im Gewölbekeller, der einmal ein griechisches Restaurant war. Régine Rius las Serge Gainsbourg. Toddn legte auch auf. „Und Michel von Such A Surge, der Ex-Sänger, stand hinterm Tresen und hat mir eine Cola verkauft“, wundert sich Chris. Außer Toddn und Chris war noch Christoph als DJ dabei. „Spex-Redakteur und Intendant von irgendetwas, der ist kürzlich von Berlin nach Braunschweig gezogen, auf ein Dorf in der Nähe“, berichtet Chris. „Wir haben uns gut verstanden.“ Zwei Kunstausstellungen hat es gegeben, eine davon waren Bilder, auf LKW-Planen gemalt. „Die hingen im Eingangsbereich, Iggy Pop war auf einem drauf“, sagt Chris. Der Silver Club war wegen des DJ-Auftrags auf Chris zugekommen, sagt der. „Sie haben mich schon öfter gefragt, du musst kommen, unbedingt, aber es hat nie zeitlich hingehauen.“ Aber jetzt. „Mir hat’s Spaß gemacht, trotz der Hitze“, sagt Chris. „Lustig war’s, in dem Laden wieder zu sein, der original aussah wie früher, vor 19 Jahren, als ich Vegetarier wurde.“ Bis damals sei er regelmäßig mit seiner Jugendgruppe beim Griechen gewesen. „Immer schön Gyros und Pommes“, so Chris. „Erst vor einem Jahr wurde mir klar, dass der Laden dicht hat – und das schon sechs Jahre.“ Was damit passiert, ist noch nicht ganz sicher, doch: „Toddn will da demnächst seine ‚Please Kill Me’-Lesung halten.“ Am 10. Oktober nämlich. Toddn nennt die Krabbenkuppel in seiner Ankündigung Französische Botschaft. Chris wendet sich wieder seinem PC-Problem zu.

Sven Supernova

1. Dass es so weitergeht.
2. Ich hab auf jeden Fall schon mehr als zwei Platten hier gekauft.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#21 Helga hat Hochkonjunktur

25. Juli 2009


Donnerstag, 16. Juli

Der Monat in der Mitte von April und November gestaltet sich wie eine Mischung aus diesen beiden, nur in schwül. Wer sich vom gelegentlichen Regen nicht verscheuchen lässt, sucht sich einen Platz draußen, vor dem Café. Chris, der heute ein Grandmaster-Flash-Shirt trägt, schlängelt sich zwischen den Tischen hindurch. Er ist auf dem Heimweg und bereitet sich schon auf das Melt!-Festival vor. Dort wird er einen Stand haben und Platten verkaufen. „Nächste Woche liest Till Burgwächter im Riptide über Wacken“, kündigt er noch an, dann ist er weg.

„Es ist schön, wenn man hochguckt“, sagt Janna an einem der Tische und guckt hoch. Die Schwalben ziehen ungewöhnlich hoch über ihr ihre Kreise und rufen dazu schrill. „Wenn man sich vorstellt, dass da früher noch ein Glasdach drüber war“, sinniert sie und betrachtet den Balkon und die Bögen über sich. Sie hält inne. „Ich frag mich, wer das putzt“, grinst sie. Dann lässt sie wieder ihren Blick im Achteck schweifen. „Eine hübsche Ecke, wenn man so guckt.“

André kommt heraus und nimmt die Bestellung entgegen. „Eine Latte Macchiato mit Vanille-Eis ohne Sahne“, bestellt Janna zunächst, überlegt dann aber: „Geht auch eine Eis-Schokolade ohne Sahne?“ André fragt: „Meinst du Frappé? Das gibt’s in weißer und dunkler Schokolade, auch Vanille, kannst du auch mit Sirup verfeinern – ich glaube, das ist das, was du meinst.“ Janna denkt kurz darüber nach und meint dann: „Mir geht’s da auch um die Kalorien – ist da Zucker drin?“ André nickt, schränkt aber poetisch ein: „Ein Hauch, eine Prise nur.“ Damit überzeugt er Janna. „Okay, das nehme ich“, sagt sie. André grinst: „Dafür sind da dann aber auch viele Vitamine drin.“ Sie lachen.

Drinnen packt André Kisten, die Chris mit aufs Melt! nimmt. Die LP- und CD-Fächer sind schon ziemlich leer. Neben der Kasse liegt „Accelerate“ von R.E.M. in der normalen und der Digipak-Version zum Sonderpreis. „Die haben wir nur heute im Angebot“, sagt André. „Wir dachten uns, wir machen mal so was.“ Er geht wieder nach draußen und räumt Jannas leeres Glas ab. „Und“, fragt er sie, „kommt das dem nahe, was du dir vorgestellt hast?“ – „So ziemlich“, entgegnet sie zufrieden.

Donnerstag, 23. Juli

Neben den Seuchen- und Diktatoren-Quartetts gibt es jetzt auch ein Die-Ärzte-Kartenspiel auf dem Tresen, direkt neben dem Michael-Joseph-Jackson-Fach mit einigen Alben zum Sonderpreis, allen voran „Thriller“. „Das hat er sich mal verdient“, meint Chris. Er packt neu eingetroffene LPs aus und weg. Obenauf liegt eine ganz bunte. „Das ist Portugal.The Man, ein superaufwändiges Cover, Blüten kannst du da so rausfalten“, erklärt er. „Ich bin hier grad Kleinkram am rumtüddeln, wir müssen gleich den Abend vorbereiten“, sagt er kurz. Der Abend, der steht im Zeichen des Wacken Open Airs, denn Stamm-Leser Till Burgwächter wird eine Woche, bevor das Metal-Fetsival startet, also heute, hier themenbezogen lesen.

Dann erzählt er von einem Konzert: „Ich war mal ganz alleine bei einer Band, das war mir unangenehm, ich hab mich nicht getraut, wegzugehen, aufs Klo oder so. Das war in Wolfsburg, ein Konzert mit sechs Bands, so legendären wie Peace Of Mind – Anfangs waren da noch so 50 Leute da, irgendwann war ich alleine. Ich kannte die Band auch persönlich, die haben dann immer gesagt: Für Chris spielen wir auch noch einen, und ich hab mir nur gewünscht, dass sie aufhören…“

Chris und André packen schon wieder Plattenkisten. Morgen fährt André an Omas Teich, einem Festival in Ostfriesland, in Großenfehn. „Ich hab noch genug vom Melt!“, sagt Chris. „Ich bin noch immer kaputt.“ Die Omas-Teich-Packerei vermischt sich mit den Vorbereitungspackereien für den Abend. „Was ist denn heute Abend?“, fragt Daniel. „Eine Heavy-Metal-Lesung“, antwortet Chris, „das ist das lustigste, was es gibt.“ Daniel kann nicht: „Ich hab Training.“ Chris grinst: „Was denn, Hallen-Jojo?“ – „Fußball.“ – „’n Kicker“, sagt Chris. Daniel nickt: „Und Samstag geh ich zur Eintracht.“ Eigentlich war Daniel ins Riptide gekommen, um nach Platten zu gucken, aber die werden ja gerade verpackt. „Suchst du was Bestimmtes?“, fragt Chris. „Nee, ich wollte nur gucken“, sagt Daniel. Empfehlungen kann Chris trotzdem geben, er kennt seine Kunden: „Die neue Major Lazer ist gut, das wird eine Referenzplatte, da bin ich mir hundertprozentig sicher, die geht los mit Elektro von Diplo, dann holen sie die Dancehall-Reggae-Keule raus“, beschreibt Chris. Für Daniel klingt das verlockend. „Die Moderat hat mich enttäuscht“, entgegnet er dann, und fragt: „Wie war eigentlich das Melt!?“ Chris seufzt. „Ich sage drei Worte: Schrecklich, nie wieder. Nur einen Tag später wusste ich, dass ich schon aufs nächste Jahr warten würde.“ Eine Beobachtung hat er gemacht: „Männer in pinken Leggings sind der neue Trend.“ Daniel glaubt: „Das kann ich nicht tragen.“ Chris winkt ab: „Da haben es auch Leute getragen, die es nicht sollten.“ Zur Lesung kann Daniel nicht bleiben, er geht schon wieder.

Dafür kommt Lukas, der vor einiger Zeit nach Amon Amarth gefragt hatte. Der Technik-Verweigerer. „Inzwischen habe ich ein Handy“, sagt er resigniert. „Hab mich angepasst.“ Aber er grinst: „Meine Nummer haben nur zwei Leute.“ André fragt ihn: „Was möchtest du denn?“ Lukas dreht sich einmal um sich selbst. „Eine… Hermann-Kola.“ André grinst: „Was war das denn, ein Michael-Jackson-Move?“ Lukas entgegnet: „Eine Entscheidungshilfe.“ André fragt: „Und was dazu?“ – „Einen Muffin.“ – „Welchen?“ Lukas dreht sich erneut einmal um sich selbst. „Schoki.“ Er nimmt alles entgegen, dankt und sagt: „Ich geh wieder rüber zu Serge.“

Der kommt kurz darauf selber ins Café. „Ich bekomme einen Hotdog mit Sauerkraut“, sagt er in Richtung Chris, dreht sich um und ist schon beinahe wieder draußen. „Hast du den schon bestellt?“, vergewissert sich Chris. „Nee, ich bestelle jetzt“, sagt Serge nachdrücklich und geht wieder zu seinem Laden nach nebenan.

Till und Annika kommen ins Café. „Was darf’s denn ein?“, fragt Chris den Destruction-Shirt-Träger mit der Mähne. „Alkoholfreies Bier, Honigmilch?“ – „Haahaa, lustig“, sagt Till. „Ach nee“, korrigiert sich Chris, „ihr Metaller trinkt ja Blut aus Hörnern.“ Ein Astra bestellt sich Till stattdessen. Und Annika: „Hab ich da grad ein Becks Green Lemon gesehen?“ Hat sie, bekommt sie auch. Chris entschuldigt: „Wir müssen noch vorbereiten.“ Till entschuldigt ebenfalls: „Bin ja auch ganz schön früh da.“ Annika und er setzen sich nach draußen.

Chris niest ständig. Eine Folge vom Melt!, ist er sich sicher. Während der Umräumarbeiten findet Chris die Zeit, vom Melt! zu erzählen: „Es waren vielleicht drei trockene Stunden am Sonntag“, sagt er und niest erneut. Er berichtet vom Orkanregen und dem Einsatz von Feuerwehr und Polizei, die ein Bühnenzelt geräumt haben. „Es gibt da die Gemini-Bühne, da hatten sie das Dach nicht fest genug gespannt, da bildeten sich Blasen mit 200 Litern Wasser drin, und als der Orkanregen losging, waren natürlich alle im Zelt. Dann kam die Feuerwehr und hat gesagt: Alle raus, wenn die Blasen platzen, das ist gefährlich – ich weiß jetzt, wie laut das ist, wenn 10.000 Leute pfeifen. Die sollten alle in den Regen, mit Höschen, Bikini und Sandalen. Irgendwann kam die Polizei und wollte das Zelt räumen – ich weiß nicht, was die als nächstes gemacht hätten. Wasserwerfer vielleicht, dann wären sie alle schon mal nass. Irgendwann sind dann alle raus in den Orkanregen. Am nächsten Tag hast du gehört, alle Zelte waren durchweicht, alles war nass…“ Chris niest.

Während Chris und André weiter herumräumen, kommt Serge zurück ins Café. „Also, der schmeckt ja schon klasse“, sagt er über den Hotdog und bringt seinen Teller grinsend in die Küche. Er kommt wieder heraus, im Weitergehen sagt er noch: „Lob, wem Lob gebührt“ und ist dann auch schon verschwunden.

Till bestellt sich ein weiteres Astra und berichtet dann, wer ihn da eigentlich gerade begleitet: „Das ist Annika Blanke, sie kommt aus Ostfriesland. Ich habe sie letzte Woche in Braunschweig beim Poetry Slam getroffen, sie hat einen Text über Wacken gelesen. Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass wir einen ähnlichen Stil und Humor haben, und haben gesagt, wir müssen mal was zusammen machen.“ Das wird dann heute Abend sein. „Sie liest auch in Wacken, zusammen mit Andreas Schöwe, der hat ein Buch über Wacken gemacht, zum 20. Geburtstag, das heißt ‚Wacken Roll’, daraus liest er.“ Auch Till liest demnächst auf einem Festival: „Ich bin morgen in Hamburg auf dem Headbangers Open Air und übermorgen lese ich dort – ein sehr metallastiges Wochenende!“

Chris deutet auf die Wand hinter dem Lesetisch. „Guck mal, ich hab den Hintergrund extra für dich gestaltet!“ Viele Metal-LPs hat Chris dort aufgereiht, darunter auch die „Feuermond“-LP der Drei Fragezeichen. Sie verfallen sofort in Heavy-Metal-Fachsimpeleien. Till erzählt dann vom Death Angel- und Kataklysm-Konzert, das er kürzlich im Meier gesehen hat. „Bei Kataklysm ist ein Crowdsurfer, der lässt sich auf dem Rücken tragen – mit einem Hefeweizenglas in der Hand, ist da genießerisch am trinken – der Sänger hält die Band an, spricht den an – wie heißt du?, Harry oder so, Harry, du darfst dir nach dem Konzert an unserem Merchandising-Stand ein T-Shirt aussuchen, so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Lukas kommt ins Café und bringt seine leere Flasche zurück. Er singt: „One, two, three, A B C…” Jackson 5! „Lief grad im Bierteufel”, sagt er, singt weiter, geht wieder raus und ruft noch „See You!“ in den Raum.

„Den Gitarristen von Very Wicked treffe ich ab und zu im Stadion“, erzählt Till gerade. Beim VfL Wolfsburg, was macht er da? „Da bin ich dienstlich“, sagt Till. „Ich war schon in vielen Stadien in Deutschland und bei unendlich vielen Spielen – aber das war das erste Mal, dass ich dabei war, als eine Mannschaft Deutscher Meister wurde.“ Er strahlt. „Ich habe nichts gegen den VfL – ich bin ja St.-Pauli-Fan.“ Er wirft einen Blick nach draußen, wo Annika sitzt. „Wir müssen noch absprechen, was wir lesen – sie schreibt gerade noch an einem Text, das wird eine Weltpremiere im Riptide.“

Chris und André haben sich Unterstützung für den Abend geholt. Sina steht jetzt hinter der Theke. „Seit vier Monaten helfe ich am Wochenende und mal abends, wenn Veranstaltungen sind“, sagt sie. „Damit die beiden auch mal zu Schlaf kommen“, fügt sie lächelnd an. „Ich pendele immer so zwischen Merz und hier hin und her“, sagt sie. „Ist schön hier, wie ein Wohnzimmer, es ist ein schöner Ort zum –“ sie überlegt kurz, ist sich dann aber sicher: „Arbeiten.“

Inzwischen ist Annika an den Tresen gekommen. Sie bestätigt Sina: „Ihr habt’s schön hier“, sagt sie und bestellt bei Sina noch ein Becks Green Lemon. Dann fällt ihr Blick auf die von Chris präparierte LP-Reihe. „Oh, ihr habt ‚Feuermond’ auf Vinyl?“, stellt sie erfreut fest. „Ich bin riesengroßer Fan, hab alle Folgen und kann dir sagen, die roten mit Verschraubung und so.“ Damit meint sie die alten Kassetten der Drei Fragezeichen. Annika kommt aus Leer. „Es gibt eine Metal-Party im ‚Limit’ in Ihrhofe, da kommt immer ganz Ostfriesland zusammen“, erzählt sie. „Die sind dort tolerant, da steht der Hardcore-Fan neben dem Fan von…“ Sie überlegt kurz und wählt dann exemplarisch „Eisregen.“ In Leer gibt es das alte Zollhaus mit der „40 Up Party“, schon seit Jahren läuft die da. „Die gibt es immer noch“, sagt Annika. „Und im Alten Zollhaus machen wir jetzt unseren Poetry Slam.“ Sie geht wieder raus zu Till.

Derweil stöpselt Chris das Mikro ein und testet den Sound. Sina läuft herum und räumt die letzten Gegenstände beiseite. „Sina, du kannst jemanden grüßen, deinen Freund oder so“, sagt Chris und hält ihr das Mikrofon hin. „Meine Chefs“, sagt Sina. „Meine Chefs sind super und sehen gut aus und das Riptide ist ein gutes Wirtschaftsunternehmen.“ Chris nimmt das Mikro zurück und sagt: „Das letzte hab ich nicht verstanden, nochmal!“ Er legt das Mikro auf den Tisch und beendet damit seine Arbeiten. Mittlerweile muss er nämlich gehen. Chris legt heute Abend noch im Brain auf. „Ich will noch etwas essen, ein bisschen schlafen vielleicht“, sagt er.

Das Café ist vorübergehend für Publikum geschlossen. Till und Annika sitzen draußen und besprechen ihre Texte. Guido setzt sich an einen der Tische. Zur Lesung kann er nicht bleiben, „da ist noch ein Riesenstapel Arbeit liegengeblieben“, sagt er. Dann erzählt er von D. Boon, dem Gitarristen der Minutemen. „Da gibt es eine CD mit Sessions aus der besten Minutemen-Zeit“, sagt Guido. „Das Label hat da jetzt eine Bonus-CD beigelegt mit weiteren Sessions aus der Zeit.“ Bassist Mike Watt habe die autorisiert. „Umtriebig, der Mann – wahrscheinlich einer der besten Künstler überhaupt“, findet Guido. Dann erzählt er von „Big Bottom Pow Wow“, einer DJ-Maxi mit einem Spoken-Word-Track. „Da unterhalten sich Watt, Les Claypool und Flea über das Bassspielen“, sagt Guido. „Die gibt es gerade bei Ebay“, jedoch für zu viel Geld. Guido schon wieder weg.

Draußen sammeln sich indessen viele Gäste und warten auf Einlass. Zu denen gehört auch Kui. „Wir haben am Samstag einen Gig in Gifhorn, im H1“, kündigt er an. Er spielt in der Band Carbid!. „Der nächste Auftritt ist am 22. August bei einem Bikertreffen, bei den Flying Bikers, in Biewende bei Wolfenbüttel.“ Und dann geht die Lesung los. Doch schon vor dem ersten offiziell gelesenen Satz gibt es einen regen Schlagabtausch zwischen Till und dem Publikum, dass ohnehin zu zwei Dritteln aus Freunden Tills zu bestehen scheint. „Naja, einem Drittel“, wird Till später korrigieren. Till kündigt seine spontane Gastleserin an als „die Doro Pesch Ostfrieslands“. Aus seinem Buch „Die Wahrheit über Wacken“ liest er einzelne Passagen vor, die er mehr oder weniger streng nach Buchstaben geordnet hat. Wenn Till liest, betont er seine Texte wie ein Krisengebiets-Korrespondent aus dem Heutejournal. Nach jeder Zeile ertönt aus dem aufgekratzten Publikum mindestens ein Kichern, häufig aber lautes und schallendes Gelächter. Dann überlässt Till Annika das Mikrofon, die sich in ihrem soeben erst vervollständigten Text eine Welt aus Metall ausmalt. Sie spricht unglaublich schnell und setzt ihre Pointen ganz anders als Till. Das Publikum muss sich hörbar an ihren Stil gewöhnen, aber ebenso hörbar hat es große Lust, sich auf Annika einzulassen. Mit lachmuskelkaterverzerrten Bäuchen entlassen die beiden nach einer Stunde ihr Publikum in die Pause.

Nach draußen, wo die Luft deutlich angenehmer ist als drinnen. Deswegen sitzen Stephan und Dennis auch lieber außerhalb des Riptides. „Wir können hier zwar nichts hören, aber drinnen ist es einfach zu warm“, sagt Dennis. Er überlegt, ob man nicht einen Lautsprecher oder gleich die Lesenden herausbringen sollte. „Oder nee“, dreht er sich zu André um, der an der Kasse sitzt, „Funkkopfhörer!“

Nach der Pause erspielt sich Annika endgültig eine komplette neue Fangemeinde – mit einem Text darüber, wie sie als Festivalvorbereitung Grillfleisch einkauft. Die Leute machen mit, imitieren das „Piep“ des Barcodelasers, rufen „Hunger!“ und sowieso bei jeder aufgezählten Fleischsorte mindestens „aaaah!“ oder „hmmm!“. Das Publikum feiert mit Annika ein imaginäres Grillfest, man spürt deutlich, dass ihr Text am besten gar nicht enden solle. Till greift das Grill-Thema auf und deutet auf den in der ersten Reihe sitzenden Frank, mit den Worten: „Den besten Text zu dem Thema hat Frank geschrieben, den kann ich achtmal hören und muss immer wieder lachen.“

Danach toppt Annika noch ihre Grillausführungen. Sie hyperventiliert ihre Geschichte vom ersten Mal in Wacken eher als Poetry Slam denn als Lesung. Sie outet sich ungestraft als U2-Fan und wirft immens komische Blicke auf Metaller, wie: „Black Metaller sind so böse, die schlafen sogar schlecht“ und dergleichen unfassbar viel mehr. Davon gibt es auch einen Film im Internet, wie sie diesen Text performt, und dieser Film verschaffte ihr das Engagement, in Wacken zu lesen, berichtet Till.

An sich ist längst Schluss, aber die Gäste wollen natürlich eine Zugabe. Die bekommen sie auch von beiden, Till zuerst, dem es gelingt, Braunschweig und die umliegenden Städte treffend zu beschreiben, verunglimpfend zuvorderst, und damit bei den umsitzenden Zwerchfellen die letztmöglichen Lachsalven freizusetzen. Doch auch Annika soll noch einmal lesen. „Hab ich noch was metallisches?“, fragt sie besorgt und sucht in ihren Unterlagen. „Ich hab hier noch die Wegbeschreibung vom Riptide“, zeigt sie und wählt dann doch ein Gedicht mit einem völlig anderen Thema.

Bei der Hitze drängen sich nach der Show die Gäste an der Theke und ordern Getränke. Roland kommt ins Café, genau zum Ende der Vorstellung. Er kennt Annika vom Braunschweiger Poetry Slam. Gregor, der Annika für die Zeit ihres Aufenthalts in Braunschweig Unterkunft gibt, begrüßt Roland. Als der seine Haare ausschüttelt, sagt Gregor: „Du siehst aus wie Gaby Baginsky.“


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#19 Max Werners Hit

6. Mai 2009


In Braunschweig hat zwar inzwischen die Strandsaison begonnen, doch lädt das heutige Nieselwetter nicht gerade dazu ein, sein Frühstück draußen einzunehmen. Also setzt sich Katharina im Riptide an einen der Tische vor den großen Bildern von Régine Rius, die seit Samstag im Café ausgestellt sind. Von hier ist es auch sehr gemütlich, den Leuten draußen dabei zuzusehen, wie sie bei Wind und Regen mit ihren Schirmen kämpfen. Man selbst hat es ja warm und kuschelig beleuchtet. Katharina schnappt sich die Frühstückskarte und beginnt zu lesen.

André ist so früh am Morgen noch alleine im Café. Er geht zunächst in die Küche und hält sich bereit, Katharinas Bestellung entgegenzunehmen. Sie liest und überlegt. „Schülerfrühstück…?“, entdeckt sie. Aus der Küche hört sie ein „nur gegen Ausweis!“ und grinst: „Die Ohren funktionieren aber gut?“ André kommt ebenfalls grinsend um die Ecke. Katharina hat sich noch nicht so richtig entschieden. „Das ‚Vegane Frühstück’, oder nein, lieber dieses hier“, sie zeigt auf die Karte, „oder das hier mit einem Brötchen weniger, ich hab schon zu Hause etwas gegessen vorhin?“ André hilft: „Ich kann dir zu dem ‚Veganen Frühstück’ auch einen Kaffee statt des Extra-Brötchens machen.“ Damit ist Katharina einverstanden.

Katharina kam vorhin wenige Minuten später ins Café, als sie vorhatte. „Aber wenn ich auf dem Weg jemanden treffe, nehme ich mir auch die Zeit, mich mit ihm zu unterhalten“, sagt sie. „Für mich ist das auch ein Stück Lebensqualität.“ Kein Stress in der Freizeit. Derweil bringt André ein Glas Orangensaft mit einer Zitronenscheibe am Rand und den Kaffee, kurze Zeit später auch den Rest vom „Veganen Frühstück“: Das Brötchen im Korb, auf dem Teller eine Physalis, Gurken und Tomaten, ein Glasschälchen mit Butter und eine Packung Tartex, pflanzliche Pastete. Während Katharina ihr Frühstück genießt, erzählt sie, dass sie ihr Wochenende in Erfurt auf einer Dialyse-Fortbildung verbringen wird. „Da war ich noch nie“, sagt sie. „Und Weimar ist in der Nähe, das wäre auch noch interessant, aber das schaffe ich nicht.“ Bevor sie losfährt, will sie aber ihre Familie noch mal bekochen, „Spargel schälen und so“, obwohl die das auch alles alleine hinbekämen. „Spargel will ich nur dann essen, wenn Saison ist“, meint sie entschieden. „Oder Rhabarber und Erdbeeren, man kann zwar auch alles einfrieren, aber der Körper braucht das jetzt.“ Ihre Kinder sind inzwischen schon keine mehr. Der Jüngste ist gerade 16 geworden und will auch nicht mehr jeden Urlaub mit seinen Eltern verbringen. Katharina kann das nur unterstützen. „Ich-Kompetenz stärken“, nennt sie das. Die große Schwester hat in den letzten Jahren nach der Schule immer in der Okercabana gejobbt, „dieses Jahr will sie das aber nicht mehr.“

Mit dem Frühstück ist Katharina fertig. „Einen Kaffee hätte ich gerne noch“, bestellt sie bei André. Der bringt ihn ihr. „Kann ich hier mein Geburtstagsfrühstück auch wie ein Büffet bekommen, wenn ich mit Freundinnen herkomme?“, fragt sie ihn. „Ein Frühstücksbüffet hatten wir mal sonntags“, erzählt André. „Ich würde das aber gerne in der Woche machen“, meint Katharina. „Klar“, sagt André, „das kriegen wir hin, melde dich einfach rechtzeitig.“ Katharina muss jetzt auch los, sie ist mit ihrem Mann verabredet, sie wollen ihre Fahrräder zur Reparatur bringen. Sie dankt, grüßt und strömt in den Regen hinaus.

„Wir machen beim nächsten ‚Butler’-Gutscheinheft mit“, erzählt André. „Ins eigentliche Heft haben wir es leider nicht geschafft, das kommt auch nur alle anderthalb Jahre einmal heraus.“ Jemand vom „Butler“ will diese Woche noch kommen. „Die machen Bilder und schreiben über uns, das ist mal interessant, wie andere einen sehen, die nehmen nämlich keine vorgefertigten Texte.“ Außerdem haben André und Chris jetzt noch mehr Hilfe im Café. „Kathi und Sina, wir haben jetzt zwei“, sagt André. „Die kommen zum Wochenende, Sonntag machen sie ganz alleine.“

Mit der CD „Killer Klowns From Outer Space“ der Band Bloodsucking Zombies From Outer Space kommt Jörg an den Tresen. „Die machen so Psychobilly-Rockabilly“, erklärt er. „Ich hab im Internet von denen gelesen, aus Zeitgründen kaufe ich die jetzt blind.“ Er fragt André nach T-Shirts von Social Distortion. „In der Mitte zwischen den CDs liegt ein Katalog, hast du da schon mal geguckt?“, fragt André. Jörg schnappt sich den Katalog. „Ich gucke solange mal im Netz, was die da noch haben“, sagt André. Doch für Jörg ist nichts dabei, was er nicht schon hat. „Das Shirt mit dem Skelett und dem Cocktailglas habe ich“, sagt er. „Ansonsten kann ich dir noch Uhren anbieten“, stellt André lachend mit Blick auf den Monitor fest. „Social Distortion höre ich jetzt seit einem Jahr“, erzählt Jörg. „Der Sänger von den Elvis-Metallern Volbeat aus Dänemark hat so ein monstermäßiges Tattoo von denen, da hab ich dann mal reingehört und dann alles von denen zusammengesammelt.“ Über Mailorder zumeist. „EMP oder Ragewear, die habe ich gestern durch Zufall gefunden, die haben Creepshow, The Bones, Rockabilly, so diese Schiene, auch Peter Pan Speedrock.“ Die ja kürzlich erst im Roten Korsaren gespielt haben. „Da habe ich sie verpasst“, bedauert Jörg. „Die gehen gut nach vorne los.“ Das T-Shirt-Programm von Ragewear findet er gut, „von Hardcore bis zum totalen Getrümmer ist alles vertreten.“ Die T-Shirts, die im Riptide unter der Decke hängen, gefallen ihm aber auch. Er zeigt auf das Terrorizer-Shirt: „Das sind Mitglieder von Morbid Angel und Napalm Death, das Debüt ‚World Downfall’ ist eine wegweisende Death-Grind-Platte“, sagt er. „Die haben gesagt, dass die das in drei Tagen eingespielt haben, das hört man nicht, das ist punktgenau, ein Geblaste!“

Er selbst war auch mal in einer Band, „bei Dormant Misery, bis 1996, 1997 ungefähr.“ Dort hat er Schlagzeug gespielt, „aber das mache ich seitdem auch gar nicht mehr.“ Auch aus Zeitgründen. Hier im Laden ist er heute nur zufällig. „Ich habe um die Ecke geparkt und im Vorbeigehen durchs Fenster die Platten gesehen, ich bin heute völlig zum ersten Mal hier.“ Im Comicladen nebenan sei früher auch schon einmal ein An-und-Verkauf-Plattenladen gewesen, sagt Jörg. „Da hab ich mal kurz gearbeitet, aber ich habe den Namen vergessen.“ Gelernt hat er bei Mediamarkt, Verkäufer. „Das war von 1989 bis 1992, also zur Umbruchzeit vom Vinyl auf CD“, erzählt er. „Da hatte jede Sparte ihren eigenen Verkäufer, ich war für Metal zuständig, dann gab’s Punk, Rock, Jazz – so etwas gibt’s ja heute gar nicht mehr, da kümmert sich einer um alles.“ Er selbst ist heute Filialleiter in einem Computer-Laden in Salzgitter, deshalb habe er heutzutage so wenig Zeit, auch zum Musikhören. „Ich gehe lieber mit dem Hund in den Wald, egal, ob bei Regen oder Schnee, ohne Musik, da kommt keine Beschallung auf die Ohren“, sagt er. Und muss auch schon wieder los, hinaus in den Regen.

Chris kommt ins Riptide, grüßt und setzt sich sofort an seinen Platz am Computer. Er und André tauschen einige wichtige Informationen aus, über eingetroffene Bestellungen für Kunden. Anschließend erzählt André vom Kraftwerk-Konzert im Kraftwerk in Wolfsburg. „Ich war ja noch nie in der Autostadt“, sagt er. „Wir sind da durch diese künstliche Stadt geführt worden, über einen Steg ins alte Kraftwerk, das war ein tolles Ambiente, die haben die alten Maschinen beleuchtet und so.“ Die Band selbst stand auf einer kleinen Bühne, die Zuschauer saßen auf einer Tribüne. „Bei Kraftwerk ist ja nur noch ein Originalmitglied dabei, drei andere standen da noch herum, wahrscheinlich, damit es von der Anzahl her passt“, sagt André schelmisch grinsend. „Die Musik kam natürlich sowieso vom Band, aber egal, es war gut, und nach der Hälfte haben sie 3D-Brillen verteilt, da kamen die Buchstaben auf einen zugeflogen.“

Andreas kommt an den Tresen und legt André zwei CDs vor, „24 Hour Revenge Therapy“ von Jawbreaker und „No Division“ von Hot Water Music. „Das ist Punk, schon alt, 1994“, sagt er über Jawbreaker. „Da hast du dir eine ihrer besten herausgesucht“, findet André. Andreas hat noch einen weiteren Wunsch: „Gutscheine, verkauft ihr so was auch?“ André bestätigt das und holt einen hervor. „Ich zeig dir mal, wie das aussieht, den kannst du umgestalten, der ist ganz schlicht, ich schreibe hier den Betrag rein.“ André zeigt das. „Der- oder diejenige weiß, wo der Laden ist?“, vergewissert er sich. Andreas nickt. „Davon gehe ich aus, wenn nicht, sag ich’s.“ André reicht Andreas die CDs und den Gutschein. „Eine Tüte dazu?“ Andreas nickt erneut. „Ja, das wäre nett.“ Er nimmt dankend die Tüte entgegen und lässt sich anschließend draußen nassregnen.

Von dort kommt Rainer ins Café und liefert mit einer Sackkarre Getränkekisten aus, unter anderem Bionade und Schöfferhofer Weizen. „Hast du kein Leergut?“, fragt er André. „Doch, hab ich“, sagt der. „Versteckt, hm?“, mutmaßt Rainer. „Ich bring dir gleich den Rest“, ruft er und geht zurück in den Regen. André sagt: „Bionade Quitte gibt’s leider noch nicht im Großhandel, genau wie Schöfferhofer Weizen Kaktusfeige.“ Rainer kommt zurück. „Vorhin war es nur Niesel, aber jetzt regnet es richtig“, stellt er fest. „Das wird bald aufhören, ich hab Vertrauen in die Wettervorhersage.“ André unterschreibt den Lieferschein. „Dabei habe ich gar nichts gegen Regen“, sagt Rainer, „von abends 22 Uhr bis morgens um fünf!“ Er lacht, schnappt sich Klemmbrett und Sackkarre und geht wieder zurück in den Mairegen.


Matze (van Bauseneick)
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#18 Roboter und Libellen

17. April 2009


Pünktlich zur Frühstückssaison im Café Riptide kam auch die Sonne wieder hervor, brachte Wärme mit sich und veranlasste die Leute dazu, draußen im Achteck der Handelswegpassage zu sitzen. So auch an diesem Donnerstagnachmittag. „So ab ein, zwei Uhr kommt die Sonne in die Passage, es wird ja jetzt auch jeden Tag etwas mehr“, freut sich André, der im Café hinterm Tresen steht. Chris und Marco sind auch da, an ihren üblichen Plätzen: Marco in der Küche und Chris am Computer. Beide kommen ab und zu hervor und begrüßen Gäste und Freunde.

Das Frühstück ist die neueste Einrichtung im Riptide. Montags bis donnerstags hat das Café seit dem 1. April ab 10 Uhr geöffnet, freitags bis sonntags ab 12 Uhr. Die Gäste nehmen das Angebot erfreut an. „Es sind noch Ferien, uns fehlen noch etwas die Schüler, aber ja, die Gäste sitzen draußen und frühstücken, wir hatten schon volle Tische und Stühle, man hört Hmmms, Ooohs und Aaaahs, wenn man vorbeigeht“, berichtet André. Neun verschiedene Frühstücke hat das Riptide im Angebot, darunter auch das augenzwinkernde „Lemmy-Frühstück“ – „Kaffee, Kippe, Whisky“, wie André erklärt. „Das wurde sogar schon zwei-, dreimal bestellt.“

Mit LPs von Able Baker Fox und 108 kommt Björn zum Tresen. „Zahlst du bar oder mit Gutschein?“, fragt ihn André wissend. „Mit Gutschein, bitte“, antwortet Björn. André rechnet zusammen und stellt fest, dass nur noch ein kleiner Betrag übrig ist. „Willst du den Rest für einen Kaffee übrig lassen oder soll ich ihn dir auszahlen?“ Björn überlegt kurz und sagt: „Ich spar’s mit für einen Kaffee.“ André bringt den Betrag auf dem grünen Riptide-Gutschein auf aktuellen Stand und reicht ihn Björn zurück, zusammen mit den beiden LPs. „Die ‚Forever Is Destroyed’ von 108 hab ich mir bewusst ausgesucht, die andere kenne ich nicht“, sagt Björn. Chris und André kleben hin und wieder Rezensionen aus Musikmagazinen auf die jeweiligen Platten in den Fächern, bei Able Baker Fox stammt der Ausriss aus uncle*sallys. „Das liest sich gut und das Cover sieht gut aus“, sagt Björn. Die Band ist ein Nebenprojekt von Nathan Ellis, dem Sänger von The Casket Lottery. „Bei denen ging es mir auch schon so, dass ich die über das Cover entdeckt habe“, erzählt Björn. Vorher in die Platte reingehört hat er nicht: „Die kauf ich mir so, mit Gutschein tut’s nicht so weh.“ André überreicht ihm die Tüte mit den beiden LPs, Björn grüßt und geht.

André hat eine „Braunschweiger Zeitung“ dabei, vom Mittwoch. „Da ist ein Bericht über das Emmapeel-Konzert vom Samstag drin“, sagt André. Der Titel des Artikels lautet „Minimalistische Songs über Roboter und Libellen“. „Soweit ich weiß, ist es das erste Mal, dass die über uns berichten“, sagt André. Da war die „Wolfsburger Allgemeine Zeitung“ schneller, die hatten bereits mehrere Ankündigungen für Veranstaltungen im Riptide veröffentlicht. André freut sich, dass auch die „Braunschweiger Zeitung“ auf das Riptide aufmerksam geworden ist.

„Wie ist denn die ‚Altar’-LP von SunnO))) & Boris?“, fragt Valle. „Die erste Seite ist so zurückhaltend wie SunnO))), die zweite geht nach vorne weg wie Boris“, erklärt André. Valle ist neugierig, hat aber noch mehr Fragen: „Habt ihr was von Primus da?“ André verneint, „aber wir können dir alles bestellen.“ Und Shellac? „Von denen haben wir eine ganze Menge da“, sagt André. Valle ist zufrieden. Bevor er sich jedoch für „Altar“ entscheidet, lässt Valle sich von André zwei CDs von Boris zum Reinhören geben. „Hier ist das Programm wie in meinem Stammladen in Magdeburg“, erzählt Valle erfreut. „Ich hab hier sogar eine Platte von Merzbow gesehen.“ Den krachigen Japaner hat er mal live gesehen, auf einem Festival. „Da haben sie vorher gesagt, Eltern mit Kindern müssen raus, es wird laut und schlimm, und es wurde laut und schlimm.“ Valle schnappt sich die beiden Boris-CDs und hört rein. Nach einer Weile kommt er zurück, entscheidet sich für die „Altar“-LP und fragt André und Chris, der sich gerade auf seinen Feierabnd vorbereitet: „Habt ihr eine Idee, was heute Abend in Braunschweig los ist?“ André überlegt: „Viele gehen in die Silberquelle, das ist ein Pavillon, ein ehemaliger Kiosk, das ist mitten im Goldenen Dreieck, da sind lauter Clubs, in denen die Leute dann hängen bleiben.“ Valle hat aber mehr Lust auf Konzerte. „Da ist heute Abend nichts, nicht mal im Nexus“, sagt André. Und fragt Chris: „Legst du heute nicht auf?“ – „Eigentlich sollte ich heute Abend auflegen, aber das wurde verschoben; ich bin morgen im Lindbergh“, sagt Chris. Im „Subway“ steht für Braunschweig nur ein klassisches Konzert. Valle grinst: „Das ist eher nicht so das, was ich suche.“

Stefan vom Online-Sportportal „Gandula“, das sein Büro im Handelsweg gegenüber vom Riptide hat, stellt eine leere Astra-Flasche auf den Tresen zurück. „Ich muss los, heute ist Donnerstag, da ist wieder Werbeagenturabend“, sagt er. Gandula berichtet über sämtliche Sportsparten in Braunschweig und lebt natürlich auch davon, dass ihm die Vereine ihre Informationen zusenden. „Rot-Weiß ist sehr aktiv, Udo Sommerfeld von den Linken ist da Vorsitzender, die schicken uns alles, auch über die Besucherzahlen vom Osterfeuer, und genau das wollen wir auch“, berichtet Stefan. „Wir wollen so viele Beiträge haben, dass sich die Startseite vier- bis fünfmal am Tag ändert, und da haben wir noch Luft“, sagt er. Sein Werbeagenturstammtisch, auf den er sich gerade freut, findet wöchentlich statt, „das ist aber keine Pflicht, manchmal sitzt man da auch nur zu zweit“, sagt er. „Jetzt ist das Wetter gut, da kommen die Mädels auch mit raus, wir setzen uns dann auf die Terrasse.“ Schöne Aussichten also. „So, ihr Lieben“, winkt er in Richtung Tresen, „ich muss los!“, und geht.

„Willste’n Wolters?“, fragt André den in den Platten stöbernden Detlef. Der bejaht, und André sagt: „Ist wichtig, Wolters hatten wir vorher nicht.“ Detlef grinst und erklärt: „Ich bin öfter hier, hab immer nach Wolters gefragt, aber sie hatten nur Astra – deshalb hat er mich gleich gefragt, ob ich ein Wolters will.“ Detlef bevorzugt Vinyl, hat auch einige CDs und bezeichnet sich nicht als Sammler. „Ich muss nicht alles von einer Band haben, wenn ich einiges gut finde“, sagt er. „Vinyl wird nie sterben“, sagt er überzeugt. „Das hab ich auch damals schon gesagt, als man Vinyl totgesagt hat.“ Er freut sich darüber, dass derzeit viele junge Leute wieder nach Vinyl fragen. „Das ist ein viel bewussteres Hören“, findet er. Und erzählt: „Ein Freund hat mir eine Kiste mit 100 LPs geschenkt – der hat wohl beschlossen, keine Musik mehr zu hören.“ Für ihn sei es spannend, in diesen Platten herumzustöbern. Seine eigenen würde er aber auch dann nicht ausmisten, wenn er eine Platte nicht mehr hört. Zum Beispiel mit „Gone To Earth“ von Barclay James Harvest, das ist das Album mit „Hymn“. „Ich verbinde etwas ganz persönliches damit, die kann ich nicht weggeben“, sagt er. Auch, wenn er sie heute langweilig findet.

Spricht man den Bandnamen „of Montreal“ französisch oder englisch aus? „Das ist eine gute Frage“, lacht Johannes. Er hat sich deren neue CD „Skeletal Lamping“ zum Reinhören ausgesucht. Darauf gestoßen ist er über Last.fm, „da wurde ich damit gescrobbelt“, sagt er. Und erklärt: „Bei Last.fm wird die eigene gehörte Musik aufgezeichnet, es wird registriert, dass man den Titel, den man gerade hört, im Repertoire hat, das ergibt eine Zusammenschau des eigenen Musikgeschmacks.“ Über Algorithmen werden nun Leute errechnet, die einem ähneln, die sogenannten Nachbarn, und über deren Geschmack bekommt man Empfehlungen, was einem auch noch gefallen könnte – wie bei ihm und of Montreal. „Das ist spannend, aber es bedeutet auch, dass man ein Stück seiner Seele preis gibt.“ Johannes verschwindet in Richtung CD-Player.

Mit einigen LPs und einer Single kommt Martin an den Tresen. „Darf’s noch etwas sein?“, fragt André. „Ja“, sagt Martin, „ich hätte gerne noch – drei, vier, fünf…“ André ergänzt: „Fünf Hüllen!“ – „Genau“, sagt Martin. Er seufzt. „Es gibt schon so Süchte!“ Eine der LPs, die er sich gekauft hat, ist inzwischen selten geworden, die „1968“ von Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung. „Die habe ich nur auf CD, aber ich habe keinen Player in der Wohnung und kann die nur im Auto hören“, erzählt Martin. „Auf Konzerten haben sie gesagt, die gibt’s auf Vinyl nicht mehr, nur noch Restbestände bei Versänden“, sagt er. Umso mehr freue er sich, die im Riptide gefunden zu haben.

Es ist allmählich Abend geworden. Draußen treffen sich Ale und Matthias an einem der Tische. Matthias sieht das Riptide zum ersten Mal. „Und ich bin viel zu selten hier“, meint Ale. „Eigentlich sollte ich jeden Abend herkommen.“ Beide sind in der Redaktion des Online-Portals „Unser-Braunschweig.de“, das Nachrichten und Informationen sammelt und veröffentlicht, die nicht in der Presse zu finden sind. Ale bestellt bei André einen Milchkaffee, Matthias ein Astra. „Rotlicht oder Urtyp?“, fragt André. „Was ist da der Unterschied?“, fragt Matthias. Etwas mehr als 1,5%. „Dann nehme ich lieber das Urtyp“, mein Matthias und erzählt: „Im Intershop in der DDR hatten sie 100%igen Wodka aus Russland – da kann man alles draufschreiben, Wodka, Bier, Wein, egal, 100%, das ist purer Alkohol!“ Ale hat die Erklärung: „Das ist zu 100 Prozent Wodka, ohne O-Saft, keine Alcopos, so meinten die das!“ Alcopos mit all dem Zucker machen noch schneller betrunken als purer Wodka. „Deshalb bekomme ich auch immer Kopfschmerzen, wenn ich Wein trinke und Schokolade esse“, meint Matthias. „Aber ich habe meine Mischung gefunden: Champagner und Herrenschokolade.“ Mit 98%igem Schokoladenanteil. Ale: „Ja, da ist wieder zu 98% Schokolade drin, der Rest…“ Sie lachen.

Am vollen Nachbartisch sitzen unter anderem Mitglieder der „Bumsdorfer Gerüchteküche, Keyboarder Ben und die Köche Roland und Axel. Bei der Gerüchteküche, die am 14. Mai in der KaufBar stattfindet, wird unter anderem Marc D. dabei sein, der Sänger der Wolfsburger Punkband Die Weltenretter. Die spielen am Samstag in Wolfsburg im Delphin-Kino, zusammen mit John Doe und den Runaway Boys. „Und morgen sind sie im Heidberg“, sagt Axel. Dort teilen sie die KJZ-Bühne mit den Tanzenden Kadavern aus Braunschweig und Nullbock aus Salzgitter. „Die Weltenretter sind in Ordnung“, sagt Roland. „Ich freue mich aber auch auf das Trottelkacker-Tribute.“ Das steigt am 10. Oktober im Sauna-Klub in Wolfsburg. Roland will seine Band Lump unbedingt dabei haben. „Mal sehen, ob wir das schaffen, wir orientieren uns gerade etwas um“, sagt er. Sie verabschieden sich.

Hayo und Dennis besuchen André bei der Arbeit. „Wir wollen ein paar Bierchen trinken und den Abend verbringen“, sagt Hayo. Er ist Singer-Songwriter und kombiniert Soul mit Hip-Hop, nachzuhören auf seiner Myspace-Seite. „Die habe ich aber noch nicht so lange, erst seit September, und ich komme sehr selten ins Netz“, sagt er. Gemeinsam mit André feiern er und Dennis jetzt den Feierabend, draußen, in der lauen Frühlingsnacht, im Achteck des Handelswegs.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#17 Spiel’s noch einmal, Ben!

13. März 2009


Ostfälisches Grau drückt nass vom Himmel herab. Es will und will nicht Frühling werden. Glück hat der, der seine Zeit an Orten verbringen kann, an denen es warm ist, farbenfroh und hell, an denen er Menschen treffen kann, an denen er auch einen heißen Kaffee bekommt. Den bekommt Rainer von Marcel. Marcel ist seit Mitte Januar Praktikant im Riptide, der fünfte schon. Er hat gerade sein Abitur in Gifhorn gemacht und will die verbleibende Zeit bis zum Studium sinnvoll nutzen. Gerade sortiert er CDs aus, die wieder an die Vertriebe zurückgehen sollen. Studieren will er, „auf Lehramt, Politik und Deutsch oder Englisch“, sagt er. „Ich will nichts unterrichten, was ich nicht mag“, begründet er die Wahl seiner Fächer. „Ich kenne zu viele Leute, die Jobs haben, die sie nicht gerne machen.“

Rainer hat sich ein Jimi-Hendrix-T-Shirt ausgesucht und legt es auf den Tresen neben sich. „Mit Jimi Hendrix bin ich aufgewachsen“, sagt er. Daneben liegt die neue Version des Hendrix-Albums „Electric Ladyland“, auf CD. „Die Scheibe hab ich schon zwölfmal auf Schallplatte, aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Covern“, sagt Rainer. „Zum Beispiel das Nude-Cover mit den nackten Frauen drauf.“ Von dem Album kann er nicht genug bekommen, deshalb muss es jetzt auch die neue CD-Ausgabe sein. „Die ist mit DVD, und die kann man aufklappen“, sagt er und klappt das Digipak auf. „Alleine deswegen kaufe ich mir die schon“, fügt er hinzu und grinst kopfschüttelnd.

Hendrix soll aber nicht seine einzige Errungenschaft des Tages sein, also geht Rainer an den Stand mit den Second-Hand-LPs. Dort findet er „Nevermind“ von Nirvana. „Ist die original?“, fragt er Chris. Der hat sich gerade von seinen Buchhaltungsarbeiten losgelöst und ist an den Tresen gekommen. „Ich denke, ja“, sagt Chris. „Jedenfalls weiß ich, wann die gekauft wurde, das war 1995, und raus kam die 1991 – zu meinem 18. Geburtstag!“ Während Chris noch gespielt traurig über Alter und Vergänglichkeit nachdenkt, sagt Rainer: „Ach, die nehm ich auch noch mit“ und legt die LP zu seinen Sachen. „Eines der besten Gitarrenalben der 90er“, findet er.

Rainer erzählt aus seinem Leben. Er ist Braunschweiger, 1950 geboren, war in Lüneburg bei der Bundeswehr, kam nach Wolfsburg zu Volkswagen und ist heute Vorruheständler. Er berichtet von den Schwierigkeiten, die er hier noch 1960 als Flüchtlingskind hatte, und davon, sich bei der Bundeswehr, gelinde gesagt, mit pazifistischen Ansichten unbeliebt gemacht zu haben. Musik war schon immer wichtig für ihn, bis heute bleibt er am Ball. „Zuletzt bin ich immer mit dem Bus nach Wolfsburg gefahren“, sagt er. „Da hab ich einmal die 50-Cent-Biografie gelesen, da kommen drei Rapper rein, gucken so, sehen, was ich lese, und fragen, ‚Alter, biste Rapper?’, und ich sag, ‚nee, ich wollte mal wissen, wie der Kumpel so zu Geld gekommen ist’.“ Er lacht. „Das fanden sie gut, ich war danach hoch angesehen bei den dreien.“ Mit Hip-Hop kenne er sich aus. „Schon durch meinen Sohn“, erklärt Rainer. „Ich hab alle Eminem-Platten.“

Die Riptide-Belegschaft ist heute wieder zu viert. Chris und André sind da, Marcel hilft mit und Marco steht wieder in der Küche. Sie bereiten sich aufs Abendprogramm vor, da kommt nämlich die Bumsdorfer Gerüchteküche zu Besuch und lässt lesen. „Marcel, holst du bitte mit Marco das Podest aus dem Keller?“, fragt André. Stressig ist es nicht, findet Marcel. „Normal. Standardsachen.“ Marco und Marcel verschwinden in Richtung Keller.

Über Hendrix kommt Rainer derweil auf die Band Ramatam. „Die haben zwei klasse Rockscheiben gemacht, Anfang der 70er, da spielte eine Gitarristin, April Lawton, da wollte damals keiner glauben, dass eine Frau so gut Gitarre spielt“, sagt er. „Da haben sie gesagt, sie sei ein Transvestit, aber der Ehemann hat sie vom Gegenteil überzeugt, und dann haben sie gesagt, sie hat bei Hendrix gelernt, hat sie aber nicht.“ Über gute Gitarristen kommt er auf Carl Carlton. „Der heißt eigentlich Buskohl und kommt aus Ostfriesland, das konnte damals auch keiner glauben, ein guter Gitarrist aus Ostfriesland“, erzählt Rainer. Frauen und Ostfriesen in der Rockmusik. Er lacht. „Carlton hat zum Beispiel bei Peter Maffay gespielt, der hat die CD ‚Heute vor 30 Jahren’ produziert, eine gute Platte, hat er sehr gut gemacht, man hört jedes Instrument, jede Gitarre deutlich heraus“, sagt Rainer. „Deutschsprachige Rockmusik hatte ja lange keinen guten Stand“, fügt er hinzu und verweist nach Osten. „Dort hatten sie Rock, die Puhdys, aber auch Blues, Renft, oder Jazz, Uschi Brüning“, zählt er auf. „Die haben dort Free Jazz gemacht, da brauchste starke Nerven, was meinste, wie gut die waren!“ Rainer hat eine riesige Amiga-Plattensammlung zu Hause. „Rund 800 LPs, die hat mir ein DDR-Bürger verkauft, die hat er von anderen zusammengesucht und mir gegeben, die brauchten D-Mark“, erzählt er. „Heute ärgern sie sich darüber, dass sie die Platten nicht mehr haben.“

Rainer landet bei der politphilosophischen Idee vom „guten Diktator“. Marcel hat davon gehört: „Schiller hat gesagt, der Herrscher ist nicht das Problem, aber ein guter Herrscher muss es sein.“ – „Das hat er von Platon“, meint Rainer gleich. Sie lassen sich aber beide nicht von dieser Idee überzeugen. Rainer muss nun allmählich auch los, zahlt, sucht seine Einkäufe zusammen und geht fröhlich grüßend. Marco macht derweil Feierabend, will aber wiederkommen: „Mein Ex-Mitbewohner liest doch!“ Mit Axel von der Gerüchteküche hatte er nämlich mal eine WG. „Bis heute Abend!“

Bis dahin ist noch etwas Zeit. André kündigt an, was sich ab April im Riptide ändert: „Da gibt’s die Aushilfe, und samstags wollen wir früher anfangen, wir wollen ein Frühstück anbieten.“ Außerdem gibt es die Fritz-Cola jetzt auch mit einem weißen Etikett. „Die ist zuckerfrei, hat aber genau so viel Koffein“, sagt André. „Die schmeckt mir sogar besser, da schmeckt man die Zitrone mehr raus“, findet Marcel. „Die gab’s eine Weile nicht“, sagt André. „Komischerweise.“

Sven legt die „For Now“-LP von The Bishops auf den Tresen. Er hat wenig Zeit. „Ich muss gleich los, im Merz auflegen.“ Auf Svens Konto gehen unter anderem die Champagne-Supernova-Partys im Schwanensee. „Erstmal nach Hause, eine halbe Stunde die Beine hochlegen, um neun muss ich da sein, um halb zwölf kommen die Leute – bis dahin kann ich spielen, was ich will, wozu ich Lust hab“, freut er sich, grüßt und geht.

„Hello Kitty?“ Lisa wühlt in der Kiste mit den Buttons, die auf dem Tresen neben der Muffin-Vitrine steht. Sie nimmt den genannten Button heraus. „Die mag mein Bruder, der ist – wie heißen die, Emo?“ Sie holt ihr Handy heraus und zeigt ein Foto von ihrem Bruder. „Ja, Emo“, bestätigt Marcel nach einem Blick auf das Foto. Der Bruder ist 15, also fünf Jahre jünger als Lisa, und steht auf die Farbe Rosa. „Hello Kitty ist nicht pink genug“, sagt sie jedoch. Auf ihrem nächsten Button-Fund prangt Gargamel. „Kennst du den, von den Schlümpfen?“, fragt sie. „Ein Held meiner Jugend“, nickt Marcel. „Ich war immer für die Bösen“, fügt er hinzu. „Cool war, wie er eine Maschine gebaut und die Schlümpfe in Gold verwandelt hat – dann hatten sie wenigstens einen kapitalistischen Mehrwert“, grinst er. Sie unterhalten sich beide übers Altern und über zahlenmäßig weniger werdende Haare. „An unserer Schule gab es einen Lehrer, der trug ein Toupet“, sagt Marcel. „Da haben sie am Türrahmen einen Fliegenfänger angebracht, und als er drunter durch ging, ist das Toupet dran hängen geblieben.“ Sie lachen.

Auf ein Astra ist Stefan ins Ritide gekommen, jetzt will er weiter. „Zum Werbeagenturabend“, sagt er. „Was wir da machen? Bier trinken und erzählen!“ Er erklärt: „Das ist ein Herrenabend, bei dem auch Frauen dabei sind, aber Herrenabend als Bezeichnung klang nicht gut – eigentlich ist es ein Stammtisch.“ Und der findet immer in einer befreundeten Werbeagentur statt. Zwar ist Stefan freiberuflich unterwegs, aber nicht in der Werbung. Er betreibt „Gandula“, ein Online-Portal für Sport in Braunschweig, eine Art „Zeitung im Netz“. „Gandula ist portugiesisch und heißt Balljunge“, erklärt Stefan. „Wir berichten über den ganzen Sport, auch Aerobic und Babykrabbelgruppe“, sagt er. „Alles, worüber man woanders nichts zu lesen bekommt.“ Er muss los, sein Stammtisch wartet.

Nach ihm schließt Marcel die Tür und lässt nur noch Leute herein, die mit dem Abendprogramm zu tun haben. Das sind zunächst Ben, Andreas und Axel. Sie haben Technik dabei, ein Keyboard, Kabel, ein Mikro mit Ständer und Lautsprecher. Axel Klingenberg gehört zur Stamm-Mannschaft der Lesebühne „Bumsdorfer Gerüchteküche“, die sonst immer in der Kaufbar stattfindet, die ihrerseits aber gerade umzieht. „In die Helmstedter Straße 135“, sagt Axel. „Gegenüber vom Marienstift, da, wo der Spanier früher drin war.“ – „Ist da nicht eine Kirche?“, fragt Ben. Axel nickt. „Da ist eine wunderschöne Kirche an der Ecke.“ Die nächste Gerüchteküche steigt dann dort, in den neuen Räumen der Kaufbar, am 9. April.

Ben ist Keyboarder. Er trägt ein AC/DC-T-Shirt und hat Dread-Ansätze auf dem Kopf. „Ich spiele zwischen den Lesungen kleine Einlagen“, sagt er. Seit einiger Zeit schon ist er damit ein festes Mitglied der Gerüchteküche. „Sie nennen mich Play-It-Again-Ben“, erzählt er grinsend. „Einen Kaffe mit Milch“, bestellt er, während Andreas einen Lautsprecher neben Ben auf den Tresen stellt. „Ich mache jetzt Technik“, sagt Andreas, der das ansonsten nämlich nicht macht, „aber ich verlege auch die Sachen der Bumsdorfer“, in seinem eigenen „Verlag Andreas Reiffer“. Der „Punchliner“ erscheint bei ihm, „ich habe auch die letzten acht Lemmy-Hefte verlegt“. Lemmy, das war die Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“, die Hartmut El Kurdi, Frank Schäfer und Gerald Fricke früher im Antiquariat Buch und Kunst veranstalteten.

Trotz der latenten Hektik, die aufkommt, weil der Platz für die Lesenden und die Zuhörenden freigemacht werden muss, bleibt immer Zeit zum Scherzen. Chris stellt die Topfpflanzen in eine Ecke des Raumes, der zur Bühne werden soll. „Axel, ich hab euch das ein bisschen grün gemacht in der Ecke“, ruft er. Axel dreht sich um und grinst. „Das ist schön, da stehen wir drauf.“

Marcel öffnet die Tür für Roland Kremer, den Moderator der Gerüchteküche. Roland trägt ein dunkles Sakko mit Buttons über einem lila Hemd und ist in der selben Stimmung wie seine Kollegen. Auf die Frage, was von ihm heute Abend zu erwarten ist, sagt er: „Ich moderiere, ich singe nicht, und es gibt kein Haiku – heute ist Charles-Bukowski-Gedenktag, da gibt’s kein Haiku!“ Haikus hat er nämlich sonst gerne im Programm.

Inzwischen hat Andreas das Mikrofon aufgebaut, ist in den hinteren Bereich des Riptide gegangen und hat Axel gebeten, einen Check zu machen. Axel steht vor dem Mikro und ruft: „Andreas, kannst du mich hören?“ Am anderen Ende kommt trotzdem ein ausdrückliches „Nein.“ von Andreas. Toddn, der erste der drei Gerüchteküche-Gäste, kommt ins Café. Chris: „Tut mir leid, heute ist geschlossene Gesellschaft.“ Toddn stutzt, blickt sich um und sagt dann: „Bin ich zu spät?“

An einem der Tische sitzt Lisa vor einem großen Berg Buttons, die sie alle aus der Kiste gefischt und von denen sie jeden einzelnen betrachtet hat. Einen Button, der für sie infrage kam, hatte sie beiseite gelegt. Sie füllt die Buttons jetzt wieder in die Kiste und bringt sie zurück an den Tresen, zu Marcel. „Ich habe nicht nur keinen neuen Button gefunden, sondern auch den alten verloren“, sagt sie betrübt. „Jetzt kriegt er einen Button mit Miezen und Herzen drauf.“ Geburtstag habe ihr Bruder nicht. „Den kriegt er einfach, weil ich ihn mag – Geschwisterliebe!“ Zur Lesung kann sie nicht bleiben, daher verabschiedet sie sich jetzt.

Am Tresen lehnt jetzt Toddn. Er trägt eine Lederjacke und eine Frisur, die an Marky Ramone erinnert. Gelegentlich hat er eine Sonnenbrille im Haar, die er ab und zu abnimmt. „Am 30. April bin ich wieder hier im Riptide, mit der ‚Please Kill Me’-Lesung, da ist dann auch Hollow Skai mit dabei“, kündigt er an. Seine Show „Toddn Killed The Videostar“ im Studio Ost hat er vorübergehend auf Eis gelegt. „Heute lese ich zum 15. Todestag von Charles Bukowski so’ne – Laudatio, kann man sagen, und noch zwei eigene Geschichten, die da reinpassen“, sagt Toddn. „Wir teilen viel: keine Arbeit, kein Geld – aber Bukowski und ich haben eine Sache nicht gemeinsam: Ich würde nie wie er über Sex schreiben, weil ich finde, dass das niemanden etwas angeht.“ Er schnappt sich sein Getränk und steuert das Sofa an. „Ich setz mich mal zu den anderen.“

Derweil ist Ben noch damit beschäftigt, sich um sein Keyboard zu kümmern. Er entdeckt im Regal die „Feuermond“-LP von den Drei Fragezeichen und fragt André: „Habt ihr die auch auf Kassette?“ André dreht sich um und greift ins Regal hinter sich. „Nur die neuste, ‚Schatten über Hollywood’.“ – „Nee“, sagt Ben, „ich würd den ‚Feuermond’ gerne auf Kassette haben.“ Die Sprecher der Drei Fragezeichen treten im Oktober in der VW-Halle auf, mit dem „Seltsamen Wecker“. „Da hab ich mir Karten für gekauft“, erzählt Ben. „VW-Halle, das kann schon wieder zu groß sein für so was.“ Trotzdem freue er sich auf die Show.

Bald soll es losgehen, aber zwei Gastleser fehlen noch. Eben kommt Till Burgwächter zur Tür herein. Seine Lockenmähne trägt er offen, ein Hemd hat er an mit einem grellgrünen „Heathen“-Bandshirt darunter. „Hey, du bist doch sonst immer der erste?“, begrüßt ihn Axel. „Ich hab mich mit meinem Bruder festgequatscht“, erklärt Till. „Im Auto, direkt vor der Tür quasi, da haben wir eine Viertelstunde erzählt.“ Und Fußball gehört, der HSV spielt gerade gegen Galatasaray. „Eben stand es 1:1“, berichtet Till.

Mit Gerald Fricke ist jetzt auch der dritte Lesegast im Riptide angekommen. Er trägt einen weißen Anzug und ein hellblaues Hemd und erinnert so an John Travolta in „Saturday Night Fever“. „Ich hab schon gedacht, du gehst in die Kaufbar“, scherzt Axel. Kein Gedanke. „Und, habt ihr schon den Rock’nRoll-Dampfer klargemacht für heute Abend?“, hält Gerald dagegen. „Der Dampfer der guten Laune sticht in See?“ Sie besprechen die Sitzreihenfolge auf der Bühne.

Unter die Gäste mischen sich auch Nina und Birte, beide mit einem Glas Wein in der Hand. Nina war schon einmal hier, Birte noch nicht. Sie sehen sich um und entdecken die Ausstellung „FleckchenErde“ von Kati Meden. „Ich muss mir die Bilder noch mal genauer ansehen“, meint Nina. Sie suchen sich aber lieber einen Sitzplatz auf den Bänken, die Chris und Marcel längst aufgebaut haben. Es soll ja bald losgehen. Marco ist inzwischen auch wieder da. Frank Schäfer kommt herein und ruft: „Wichtigste Frage: liest Fricke? Der war ja gestern noch krank!“ Axel beruhigt Frank: „Ja, Gerald liest.“ Frank beugt sich zu André. „Ich hab schon gehört von der Terminüberschneidung“, sagt André. Am selben Tag, an dem der ehemalige Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Riptide auftritt, am 24. März nämlich, liest Frank aus seinem neuen Buch über Woodstock im Antiquariat Buch und Kunst. „Ich hab einfach nicht dran gedacht“, sagt Frank. Gsella war auch einmal beim Lemmy der Gaststar oder Stargast, da waren sich die Veranstalter nie einig, wie es heißen sollte.

Ben legt los, am Keyboard. Er unterlegt seine Akkorde mit Bontempi-Beats und sorgt mit seinem Spiel für die ersten Lacher. Er sitzt ganz links, noch weiter links hat sich nur Andreas, der zwischendurch Fotos macht, einen Platz gesucht. Rechts von Ben sitzt Toddn, dann Till, Axel und Gerald. Ein kleiner Tisch vor ihnen dient als Unterlage für ihre Unterlagen und Getränke, direkt zwischen Tisch und Zuschauern setzt sich jetzt Roland auf einen Barhocker ans Mikro. Er grinst, während er die Show anmoderiert. „Der Anlass ist, vor genau –“ Er blickt sich kurz zu Toddn um, der sagt: „15 Jahren und vier Tagen –“ Roland: „15 Jahren und vier Tagen ist Charles Bukowski gestorben.“ Die Texte des Abends handeln aber nicht nur von ihm. Und zwischendurch gibt’s Musik, von, so Roland, „unserer Showband Play-It-Again-Ben.“ Großer Applaus, Ben spielt irgendetwas, Frank ruft aus den Zuschauerreihen: „Das ist deine Musik, Till!“ Till macht völlig unbeeindruckt den Metalgruß und tut so, als würde er das Kabel vom Keyboard herausstöpseln.

Als erstes liest Axel, eine Kolumne aus seiner Reihe „Mein Kind, das Ding aus einer anderen Welt“ mit dem Titel „Zahltag“. Als er mittendrin auf Seite zwei weiterlesen will, stellt er fest, dass er den falschen Zettel dabei hat. „Falsches Ende“, ruft er und fischt sich den richtigen vom Tisch. „Ich hätte beinahe wieder den Cut-Up erfunden wie Burroughs, aber heute ist ja Bukowski-Tag.“

Ben dudelt abschließend, Roland kündigt Toddn an, Ben spielt zum Übergang jedoch nur einen etwas kürzeren Ton. „Danke“, sagt Toddn gespielt beleidigt. Toddn hat einen Text vorbereitet, in dem er kurz aus dem Leben und Werk von Charles Bukowski erzählt und dann dazu übergeht, seinen eigenen Bezug zu „Buck“ herzustellen. Roland kommt anschließend kurz nach vorne und sagt: „Ich bin nur hier, um das Ganze in die Länge zu ziehen – Play it again, Ben!“ Und Ben spielt.

Allerdings wieder nur einen Ton, noch kürzer als bei Toddn dieses mal, denn Heavy-Netal-Fan Till ist als nächster Leser an der Reihe. „Das ist nicht Slayer – was ich mir gewünscht habe“, sagt Till entrüstet. Er liest einen ironischen Text über Braunschweig und die umliegenden Städte, „nicht über Fußball oder Heavy Metal“. Als er sich anschließend auf seinen Platz setzt, umreißt Ben das Fanfaren-Intro von Liquidos „Narcotic“, um Till zu besänftigen. Was ihm gelingt. „Die waren mal Death Metal“, sagt Till anerkennend, „unter dem Namen Pyogenesis.“

Als soll Gerald lesen. Er geht an den Lautsprecher auf dem Tresen, greift zu einer Videokamera und bedient sie. „Was’n jetzt?“, fragt Axel. „Ich schalte die Kamera ein“, sagt Gerald. „Ich dachte, du filmst alle?“, entgegnet Axel. „Ja“, bestätigt Gerald stoisch-gelassen. „Ich hab’s vergessen anzuschalten.“ Gerald bildet die Welt, die er wahrnimmt, in den Floskeln und Formulierungen derer ab, die er beschreibt, und schießt damit sozusagen zurück. Der Dampfer der guten Laune, wahrhaftig. Roland stellt abschließend den Bezug zur Lemmy-Show her und sagt: „Lemmy war eigentlich die erste Lesebühne in Braunschweig, auch wenn die drei das nie so genannt hätten – aber Lemmy ist ein Vorbild für uns!“ Und Ben spielt wieder.

Es ist Pause. Viele gehen rauchen, holen sich neue Getränke und reden miteinander. Ben entdeckt auf dem Büchertisch eine Hörspiel-CD mit dem Titel „Halbgötter“ von Hauke Trustorff, erschienen in Andreas’ Verlag. „Die nehm ich mit!“, sagt er, und dabei fällt ihm ein, dass er das Hörbuch von Axel auch schon immer mal haben wollte. „Das hab ich sogar mit“, sagt Axel. Dabei handelt es sich um ein Fantasy-Hörbuch mit dem Titel „Das Schwert des Xanq“, Roland hat es eingelesen.

Allmählich klemmt sich Ben wieder hinter sein Keyboard, um die Zuschauer auf das Pausenende aufmerksam zu machen. Roland startet als erster Leser mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Bukowski-Geschichte, danach ist Toddn wieder an der Reihe. Der will aber nicht vorne sitzen, sondern am Tisch. Also muss Till einen Platz nach links rutschen. Toddn liest aber nicht sofort los, sondern holt erst mal Getränke für alle. Als er sich setzt, richtet Roland das Mikro ein. Toddn rückt den Stuhl etwas vor uns rummst mit der Nase ans Mikro. „Das ist immer so bedrohlich“, findet er und dreht das Mikro zur Seite. „Bukowski und ich haben eines gemeinsam: schlecht bezahlte Jobs“, beginnt er. Axel unterbricht: „Ja, aber Bukowski ist schon irgendwann zu Geld gekommen.“ Toddn dreht sich zu ihm um und sagt: „Ja, er hat eine reiche Frau geheiratet – das macht Hoffnung!“ Axel grinst: „Sie hat ihn zum Arbeiten gebracht, das ist der Trick!“ Ums Arbeiten handeln dann auch Toddns Texte, davon, wie aussichtslos es heute ist, ehrliche Jobs zu bekommen, von deren Lohn er seine Stromrechnung bezahlen kann.

Nach einem Ben-Intermezzo ist Axel dran. Er will aber wieder vorne lesen, also schiebt er den Tisch zurück und setzt sich auf den Barhocker. Nach einer Kolumne über Telefonterror angesichts eines zu erwartenden Kindes kündigt er einige Termine ab. Erneut spielt Ben, Till drängt sich nach vorne. „Ich warte auf ‚Highway To Hell’“, grummelt er Ben zu. „Das ist ‚Highway To Hell’“, behauptet Axel. Allmählich schälen sich wirklich Elemente des AC/DC-Stückes aus Bens Keyboardspiel heraus. „Darf ich dich Helmut Zerlett nennen?“, fragt Till jetzt anerkennend. „Mambo Kurt nimmt so was auf CD auf!“ Tills Geschichte handelt vom Moorkater, der alternativen Disco-Kneipen-Legende in Gifhorn, und seiner Heavy-Metal-Sozialisation.

Als Till fertig ist, drückt Ben kurz eine Taste. Roland wartet kurz und fragt dann irritiert: „Das war’s von dir, Ben?“ Roland kündigt Gerald an, der dieses Mal aus seiner Kolumne „Gerald Fricke hat kein Ballgefühl“ einige Texte liest, in denen er den typischen Fußball-Sprachgebrauch aufs Korn nimmt. Gelassen lümmelt er sich auf den Barhocker, eine Hand in der Tasche und in der anderen die Textzettel, und berichtet von Hallenfußball und Trikotwerbung.

Abschließend will Roland noch einmal dran. „Die nächsten Termine hat Axel schon gesagt“, einer fällt ihm wohl noch ein, „ich weiß nicht, hat er das angekündigt…?“ Till: „Ja, hat er!“ Hat er natürlich nicht, den Poetry Slam am 27. März im Roten Saal. Zum Ausklang groovt und swingt Ben auf dem Keyboard herum. „Das nächste Mal wünsche ich mir von dir Volksfestmusik“, sagt Axel.

Die Show ist vorbei, die Lachmuskeln entspannen sich wieder, die Leute finden zusammen, trinken, rauchen draußen, erzählen. Chris, André und Marcel räumen die Bänke weg, Andreas und Ben bringen die Technik beiseite. Frank, Till und Axel hatten zwei Monate zuvor im Riptide die Heavy-Metal-Lesung gehalten und kürzlich in Hamburg ausprobiert, ob das Konzept woanders ebenfalls aufgeht. „Das hat auch sehr gut funktioniert“, bestätigt Frank. „Das war in so’nem Schuppen auf dem Kiez.“ Gerald will sich nun verabschieden und meint grinsend, mit Blick auf Chris, der eine Bank zusammenklappt: „Ich gehe, bevor ich hier noch zum Aufräumen verhaftet werde!“ Axel platzt heraus: „In Hamburg mussten wir aufräumen, bevor wir gelesen haben!“

Die Gerüchteküche verabschiedet sich. Dieser Ausflug hat Herzlichkeit, Harmonie und ganz viel Gelächter ins Riptide gebracht. Auf jeden Fall hat der Restwinter ganz viel Farbe und Wärme bekommen. Das Frühjahr kann kommen.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#15 Die Drei Drachenschlachter

17. Januar 2009


Dieser Freitag ist ungemütlich grau und windig. Die Gäste, die es ins Riptide weht, werden von Hanna begrüßt. Sie macht ihr Berufsschulpraktikum im Café und wirkt so souverän, dass man auf diese Idee gar nicht käme. „Mein Fachgebiet ist Ernährungswissenschaften, deshalb musste es im Gastrobereich sein“, erklärt sie. „Das Praktikum ist das letzte, was ich mit der Schule hier mache, danach ziehe ich nach Amsterdam“. Ihr Freund hat dort einen Studienplatz, sie geht mit ihm. „In den Niederlanden geht ein Studium auch ohne Abi“, sagt sie, „ich muss nur ein Jahr zur Hochschule gehen, das mache ich und studiere dann Journalismus.“ Auf Englisch, nicht auf Niederländisch. „Ich habe zwar an der Volkshochschule eine Kurs belegt, aber ich traue es mir noch nicht zu, in der Sprache auch zu studieren“, sagt Hanna und verschwindet in Richtung Küche. „Jetzt mache ich erst mal einen Burger.“

In der Küche hilft Marco täglich für zwei Stunden aus. Ihm gehörte einst der Fasanenkrug. „Er hat mal mit Axel Klingenberg zusammengewohnt“, spannt André den Bogen zur Abendveranstaltung. Axel wird heute Abend nämlich zusammen mit Frank Schäfer und Till Burgwächter die Lesung „Das ist ja wohl die absolute Härte!“ bestreiten. Zu dritt sind sie bislang noch nie aufgetreten, lediglich in allen erdenklichen Zweierkombinationen waren sie schon vorlesend unterwegs. Für Chris und André bedeutet dies, das Café rechtzeitig vorzubereiten. Für eine Stunde soll es daher geschlossen bleiben und pünktlich um acht wieder die Türen öffnen. Aber noch ist das Riptide offen für sein Publikum.

Chris erzählt, dass seine Mutter bis zur Rente an der Schule unterrichtete, auf die Hanna geht. „Ich muss jetzt ganz viele Lehrer grüßen“, sagt Hanna grinsend. „Alle Schüler sind durch ihre Hände gegangen, hat sie immer gesagt“, erzählt Chris und schiebt die „Dust Sucker“-Doppel-LP von Captain Beefheart And The Magic Band in eine Schutzhülle. Sieht schick aus, die Platte. „Sie haben vor kurzem einige Beefheart-Alben neu rausgebracht“, sagt Chris. „Das ist wie bei Zappa: Alle sagen, der ist ein Genie, aber keiner kennt ihn.“ Hanna kennt Zappa. „Seit neustem habe ich das Zappa-Poster überm Bett hängen, auf dem er auf dem Klo sitzt“, sagt sie. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sehe ich Frank Zappa auf dem Klo – kein schöner Anblick, das muss nicht sein.“ Ihr Freund hatte das Poster aufgehängt. „Sind ja nur noch drei Wochen“, grinst Hanna.

„Kann ich da mal reinhören?“, fragt Moritz und legt André die „Jewels“-CD-Hülle von den Einstürzenden Neubauten vor. „Na klar“, sagt André, sucht die passende CD heraus und gibt sie ihm. „Seit ‚Kollaps’ höre ich die Neubauten“, erzählt Moritz. „Ich hab mit dem Krach angefangen.“ Bei den neueren Alben mag er die Texte nicht mehr so gerne. „Das ist für mich so Pseudo-Lyrik“, findet er. Es habe eine Zeit gegeben, da habe er nichts anderes als die Neubauten gehört. „Weil es einfach nichts Vergleichbares gab – aber heute könnte ich das auch nicht mehr den ganzen Tag hören.“ Er schnappt sich die „Jewels“ und setzt sich an den CD-Player.

Wenn nicht, wie heute, eine Abendveranstaltung geplant ist, wird das Riptide jetzt am Wochenende zur Lounge. „Ab 20 Uhr machen wir einen Umbau, dämpfen das Licht und erzeugen ein bisschen Lounge-Atmosphäre“, sagt André. „Wir legen dann die Tischaufbauten auf das eine CD-Regal und nutzen es so als Tisch, der wird gerne genutzt, da finden auch große Gruppen Platz.“ Außerdem gibt es Cocktails im Riptide. „Das sind eher Zweimischgetränke“, sagt André, „ich weiß nicht, ob man die schon als Cocktails bezeichnen darf.“ Es gibt Schnäpse, Jägermeister, Wodka und Whiskey. „Als Mixgetränke haben wir Highball, das ist Whiskey mit Ginger Ale, oder Screwdriver, das ist Wodka-O“, zählt André auf.

„Neurosis“ steht auf Mathis’ Pullover, „Neurosis“ steht auch auf der einen LP, die er zur Kasse trägt, darunter „The Eye Of Every Storm“. Auf der anderen LP steht „Dummy“ neben dem Namen „Portishead“. „Die Neurosis ist für einen Freund, die habe ich selber schon“, sagt Mathis. Und die „Dummy“ bezahlt gerade sein Begleiter. „Die habe ich auch selber“, grinst Mathis. Er selbst hat sich noch eine ganz andere LP gekauft: „Board Up The House“ von Genghis Tron. „Die machen so Grind-Geballer“, sagt Mathis. „Die treten auch live auf, die haben einen Drumcomputer, zwei Keyboarder und zwei Gitarristen“, erklärt er. Und grinst: „Diese Platte ist verglichen mit der davor schon fast strukturiert.“ Er schiebt seine LP zurück in die Tüte zu den Schutzhüllen, die er ebenfalls hier gekauft hat.

Außer der Bionade hat das Riptide jetzt auch die Limonadenmarke „Bios“ im Repertoire. „Die ist ohne Zuckerzusatz und mit dem Bio-Siegel, das greift sogar stärker als die EU-Norm“, sagt André. „Die Sorten sind ein bisschen an Bionade angelehnt“, meint er und zählt auf: „Holunder-Traube, Orange-Ingwer, Lemon Grass und Red Apple.“

Währenddessen sortiert Chris einige neue LPs in die Fächer und beginnt anschließend damit, schon einmal Kleinigkeiten für den Abend zurechtzurücken. „Habt ihr die ‚Life Won’t Wait’-LP von Rancid hier?“, fragt ihn Sina. Chris sieht im Fach nach. „Wir haben noch eine da, als Picture-Vinyl, davon gibt es nur 500 Stück“, sagt er. „Die hat die Band sogar selber rausgebracht.“ Eine große Freude für Sina. „Ein Glück, dass ich die bekommen habe, da wird er sich freuen!“ Aha, sie kauft das rare Stück nicht für sich selbst? „Das ist ein Geschenk, und genau die fehlt ihm noch.“

Inzwischen werden nicht nur Kleinigkeiten geräumt. André schiebt die CD-Regale beiseite, lehnt die Tischabdeckung daneben, stellt die Pflanze dahinter. Der Zeitschriftenaufsteller kommt auch in die Ecke. Das Café ist zwar eigentlich fürs Publikum nicht mehr geöffnet, leer ist es trotzdem nie. Einige Gäste bieten sogar ihre Hilfe an. Allmählich trudeln die drei Leser ein, Till ist der erste. Er hat eine wilde, lockige Mähne und trägt ein Rob-Halford-T-Shirt und eine Helloween-Jacke. „Ich bin das erste Mal hier“, sagt er, während er seine Blicke anerkennend durch das Café streifen lässt. „Frank hat davon erzählt, dem hat das sofort gefallen.“ Till wohnt seit zehn Jahren in Braunschweig, kommt aber ursprünglich aus Gifhorn. Wie Frank, der aus einem Nachbardorf stammt. Axel kommt aus Bodenteich, das heute Bad Bodenteich heißt. „Stimmt, wir kommen alle beinahe aus einer Gegend“, sagt Till.

Er sieht die neue Eläkeläiset-CD „Humppa United“ auf dem Tresen. „Zu denen haben auf dem Wacken 30.000 Leute Polonäse getanzt“, erzählt er, und geht über zur Band Van Canto. „Die machen Metal mit ihren Stimmen, nur der Schlagzeuger ist echt.“ Auf dem Rockharz-Festival habe er die gesehen, dort hätten sie zur hälfte Covers, zur Hälfte eigene Stücke gespielt. „Für eine halbe, dreiviertel Stunde ist das interessant.“ Gecovert hätten sie alles von Europe bis Slayer – „ungefähr das, was ich auch höre.“ Damit kommt er zum Thema Genres. „Heavy-Metal-Hörer sind Fans für immer“, meint er, „und das wissen die Promoter.“ Als Beispiel nennt er Bon Jovi und Bryan Adams, „die hören sich ja eigentlich gleich an.“ Aber da Bon Jovi ihre erste Tour im Vorprogramm einer Metal-Band gebucht hätten, wären die im Bewusstsein der Fans nach wie vor dem Metal zugeordnet – „Bryan Adams nicht.“ In diesem Augenblick kommt Axel dazu. „Die braucht man heute aber beide nicht“, meint er. Axel trägt ein gestreiftes dunkles Hemd, keine Metal-Insignien. „Ich halte mich offen für alles“, grinst er. Jetzt ist auch Frank da, im Thin-Lizzy-Shirt. „Ich höre alles, was gut ist“, sagt Axel gerade, und Frank ergänzt lachend: „Ich höre alles, was so im Radio läuft.“ Axel: „So Rock Pop, nur nicht die harten Sachen.“ Frank: „Ich mag nur die Balladen von denen.“ Alle drei brechen in schallendes Gelächter aus. Es geht gut los.

Chris bereitet den Lesetisch vor und fragt nach Details: „Wollt ihr ein Mikro oder drei Mikros?“ Darauf Frank: „Also, ich brauche nur ein Mikro.“ Till, Axel und Frank besprechen die Sitzreihenfolge. „Ich habe mal gehört, dass rechts immer der Chef sitzt“, meint Axel grinsend. Till entdeckt die „Feuermond“-Dreifach-LP der Drei Fragezeichen im Fach hinter dem Tisch. „Auf LP – geil, dass es die noch gibt“, staunt er. Um die drei herum stellen Chris und André Lautsprecherboxen auf, verteilen Mikros und bereiten die Bierbänke für das Publikum vor. Chris fragt nach einer Einmarschmusik. „‚Der Hund von Baskerville’ von Cindy und Bert“, schlägt Axel vor. Alle lachen. „Meine Lieblings-Heavy-Metal-Version ist ‚Fuchs geh voran’ von den Scorpions“, sagt Till. „Das ist ‚Fox On The Run’ von den Sweet auf Deutsch.“ Das haben die Scorpions unter dem Namen „The Hunters“ 1975 herausgebracht. „Und du willst uns nicht veräppeln?“, fragt Frank. Will er nicht.

Allmählich rollen die drei ihre Rock’n’Roll-Vergangenheit auf. „Ich habe in Gifhorn bei der Band ‚Cryptic Voices’ Gitarre gespielt“, will Till eigentlich gar nicht erzählen. „Wir haben uns den Proberaum damals mit Gastric Ulcer geteilt“, sagt er. Deren Sänger Marco ist jetzt bei Very Wicked. „Papa Gore hat eine klasse Stimme“, findet Till. Der Bodenteicher Axel kennt natürlich auch die Discothek „Exil“. „Ich war beim Eröffnungsabend dabei, da haben einige Bands gespielt“, erzählt Axel. „Das muss Anfang der 80er gewesen sein, meine ältere Schwester hat mich da mitgenommen.“ Für die Bodenteicher sei es wunderbar gewesen, dass die das Exil im Ort gehabt hätten. „Ich habe zwar am anderen Ende gewohnt, aber es war trotzdem praktisch, dass man nie irgendwo hinfahren musste“, sagt Axel. Frank hat seine Zeit im Gifhorner „Moorkater“ verbracht, auch mit Bandauftritten, mit „Salem’s Law“ und „Operation Daisyland“. „Im Kater waren wir fast nie“, sagt Axel. „Wie, nie im Kater?“, hält Frank entrüstet dagegen. „Wozu“, meint Axel, „Wir hatten’s ja zu Hause.“ Die drei zählen lauter alte Disconamen auf. „Penny Lane, Mausefalle“, meint Axel, „und kennt noch wer das Amazonas in Hankensbüttel?“ Heike kommt dazu. „Jembker Hof und Farmer’s Inn“, wirft sie ein. Von irgendwo fallen noch die Namen Schlucklum und Panopticum.

Es geht los. Mehr als 60 Metalheads und Literaturinteressierte haben sich auf Bierbänken und Stühlen oder an der Theke lehnend eingefunden. Die Stimmung ist heiter und gelöst, sowohl beim Publikum als auch bei den drei Stargästen, die sich zunächst vorstellen. Till schreibt unter anderem für den „Metal Hammer“, Axel beim „Punchliner“. „Außerdem ist er Chef der Bumsdorfer Gerüchteküche“, behauptet Frank. „Hey!“, ruft es da gespielt entrüstet von hinten. Das war Roland, der ebenfalls bei der Bumsdorfer Gerüchteküche mitmischt. Frank liest als erster, und zwar aus seinem Buch „Generation Rock“. Jeder der drei hat als ersten Text einen Bericht über eine Band oder einen Musiker herausgesucht. Frank berichtet von den Hellacopters, Axel von Swantje und Till von Ozzy Osborne. Frank liest in einem langsamen, verschwörerischen, sehr spannungsgeladenen Tonfall, Axel eher munter, beinahe heiter, und Tills Stimme rollt die Geschichten und Glossen, als wäre er selber ein Metal-Growler. Die drei schaffen gekonnte Überleitungen und gehen aufeinander ein. Sie reichen den inhaltlichen Staffelstab weiter, wo manchmal sogar eigentlich keiner ist. „À propos Kindergeburtstag“, heißt es zum Beispiel. Die positive Stimmung der Leser wird vom Publikum aufgenommen. Jeder der drei hat einen anderen Schwerpunkt in der Berichterstattung, doch was sie alle eint, ist die Tatsache, dass man die Inhalte auch losgelöst vom Heavy Metal nachvollziehen und teilen kann. Zahlreiche Juchzer und Quieklacher aus dem Publikum quittieren das. Eine herrliche Mischung. Es gibt eine kurze Pause, die viele rauchend vor der Tür verbringen, dann geht es weiter. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Man spürt die Zuneigung der drei zueinander, das fließende Miteinander. Am besten sollten sie niemals aufhören zu lesen, zu erzählen, sich ins Wort zu fallen und schlagfertig lustige Seitenhiebe zu kommentieren. Doch irgendwann muss Schluss sein. „Möchte einer meiner Kollegen noch etwas sagen?“, fragt Axel. „Heavy Metal is the law“, meint Till. Und Frank: „Dem schließe ich mich an.“

Wieder strömen die Leute zum Rauchen nach draußen, die drei Stargäste ebenfalls. Frank muss sogar schon nach Hause, Till und Axel mischen sich unters Publikum und sprechen mit Gästen und Bekannten. Ex-Bassist Kui kennt Frank noch aus seiner gemeinsamen Zeit bei den Bands „Operation Daisyland“ und „Salem’s Law“, heute singt er bei „Carbid!“, einer Metal-Cover-Band. „Bei Salem’s Law habe ich noch gesungen und Bass gespielt, bei Operation Daisyland schon nur noch gesungen“, erzählt er. „Ich habe eine Zeitlang beides versucht, aber das ist mir zu viel Arbeit“, gesteht er. „Ich muss auch gleich noch zur Bandprobe“, sagt er. Nach 23 Uhr? „Unser Schlagzeuger kommt mit dem Zug aus Frankfurt“, erklärt Kui. „Er ist länger in der Band, als er in Frankfurt wohnt.“ André steht hinter der Theke und gibt Getränke heraus, Hanna macht sich auf den Heimweg, Marco steht entspannt im Türrahmen der Küche, Chris klappt Bänke zusammen. Überall stehen Leute herum, sprechen, trinken, lachen. Von der Winterkälte ist nichts zu spüren.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#14 Gabriel brennt

23. Dezember 2008


Zwei Tage vor Heilig Abend ist das Café Riptide mehr als voll. Die Gäste stehen an der Bar und warten auf freie Plätze. Die Sitzenden wirken entspannt, unterhalten sich angeregt und werden von Kerzen warm beleuchtet. Manche kaufen noch letzte Weihnachtsgeschenke, andere sogar erst erste. Gutscheine gehen gut, Accessoires kommen an und nach Platten wird gefragt. Chris und André arbeiten konzentriert und unter Druck, wirken aber glücklich: Es tut ihnen gut, dass das Café so voll ist. „Liegt’s an Weihnachten?“, fragt sich André verwundert, und grinst: „Jemand sagte mal, man müsste Weihnachten abschaffen, dann wären die Leute weniger gestresst.“ Die im Riptide sind es auch so nicht.

Eine umweltgraue Pappklapp-CD mit aufgeklebten Fotos legt Steffi auf den Tresen. „Kippen ist die beste Braunschweiger Band“, sagt sie. „Die CD ist liebevoll gemacht.“ „Talfahrt zur Futterkrippe“ heißt das Album. „Die kaufe ich als Weihnachtsgeschenk für mich selbst“, sagt Steffi. Im Riptide sei sie gerne. „Das ist schön“, findet sie. „Und wertet Braunschweig um 110 Prozent auf“, ergänzt Hendrik neben ihr. Hendrik wird Kike genannt, „das ist eine gender-neutrale spanische Koseform.“ Er ist Braunschweiger und lebt in Bielefeld, weiß also, wie es um die Stadt bestellt war, bevor es das Riptide gab. „Das Nexus war schon ein guter Anfang“, meint er. Er vergleicht es mit dem AJZ in Bielefeld und erzählt: „Das Nexus ist der schönste autonome Laden Deutschlands – jedenfalls sagt man das außerhalb Braunschweigs.“

Passend zum kalten Wetter ist die Getränkekarte inzwischen um Lumumba, White Mocca, Pharisäer und Chai Latte erweitert. Dennoch bestellt Dennis lieber einen Wein. André stellt ihm selbstverständlich ein Glas Leitungswasser daneben. „Ich war grad in einem schönen Weinladen und habe mich erstmal selber beschenkt“, sagt Dennis, mit nachlassender Spannung in der Stimme. „Die werde ich heute Abend austrinken.“ Den kommenden Weihnachtsfeiertagen sieht er eher unentspannt entgegen, weil da wieder Familienfeiern anliegen. „Irgendwann wird sich dann an der Flasche bedient, die immer auf dem Tisch steht“, sagt er mit versöhnlichem Blick. Das Weinglas in der Hand, pendelt er zwischen Theke und Plattenfächern hin und her. „Ich war vorhin schon mal hier und hoffte, dass es jetzt nicht mehr so voll ist“, sagt er. Ist es aber noch. Doch auch im Stehen lässt es sich unterhalten, außerdem trifft er gerade eine Bekannte und stellt sich zu ihr.

André und Chris haben alle Hände voll zu tun. Gäste kommen und gehen, bestellen und bezahlen, fragen hiernach, erzählen davon. Das freundliche Lächeln und der Eindruck, für jeden Menschen persönlich da zu sein, bleiben bei den beiden stets bestehen. „Es ist erstaunlich, wie viele Leute im Café einen Platz finden, obwohl es so klein ist“, sagt Chris. „Hier kommen sechs Leute rein und finden alle einen Platz.“ Die Gäste haben einfach zwei Tische zusammengeschoben. „In anderen Cafés geht das nicht, da lassen es die Besitzer gar nicht zu, dass man Tische zusammenstellt.“ Er zuckt verständnislos mit den Schultern.

Mit einem Plakatentwurf für ein Konzert am 27. Januar im Jolly Joker kommt Anselm an die Theke. „Euer Logo soll hier mit drauf, das hatten wir so abgesprochen“, sagt er. Chris bestätigt und überreicht den vereinbarten Betrag. Anselm macht das Booking für „Hotel 666“ und Ole Sander, die Veranstalter des Konzertes. „Ole macht ‚Stars In The City’, er ist der ehemalige Manager von Cappuccino und Jazzkantine“, erklärt er. Oben auf dem Plakat, auf das auch das Riptide-Logo kommt, steht der Bandname „Japanische Kampfhörspiele“ alias JaKa aus Krefeld. „Die sind bekannt, die laufen des Öfteren auf Arte“, sagt Anselm. „Was die machen, ist ja auch eher Kunst als Metal.“ Deren Sorte Metal bezeichnet Anselm als „Fun-Grind“. Ist Grind nicht immer Fun? „Nee“, wehrt er grinsend ab, „da gibt es auch ernste Bands.“ Die Grind-Metaller in Wolfsburg laufen seit neuestem nicht mehr matte-, sondern einen Arm schüttelnd im Kreis hintereinander vor der Bühne herum und haben definitiv Fun. „Davon habe ich auch schon gehört“, sagt Anselm. „Das hat sich wohl dieses Jahr auf Festivals durchgesetzt.“ Nach JaKa spielen noch Sniper und Ancestry. Letztere sind aus Braunschweig. „Ole Sander produziert die“, sagt Anselm. Vor dem Konzert findet noch Sanders ‚Stars In The City’ statt. „Das ist ein Newcomer-Contest, da geht’s um einen Plattenvertrag“, erklärt Anselm. „Das ist im Rolling Stone im Jolly Joker.“ Anselm wirkt völlig entspannt, obwohl er eigentlich nur wenig Zeit hat. Seine warmherzige Art passt zur Jahreszeit. „Schöne Weihnachten“, wünscht er noch im Gehen. Das passt doch: Für „Hotel 666“ hier sein und schöne Weihnachten wünschen. Er grinst. „Wir sind doch alle erwachsen geworden, oder?“

Angeblich haben die Japanischen Kampfhörspiele ihren Namen indirekt den Drei Fragezeichen zu verdanken. Japanische Kassettenrekorderhersteller würden ihre Geräte so herstellen, dass sie Drei-Fragezeichen-Hörspielkassetten fräßen, um so ihre japanischen Kampfhörspiele in den Markt zu pressen, schrieb ein Freund der Band, die sich davon gleich inspirieren ließ. À propos: „Die Drei-Fragezeichen-dreifach-LP ist endlich da“, sagt Chris. Nummer 125, „Feuermond“, gibt es nämlich als Jubiläums-Version wieder auf Vinyl, wie schon die Nummer 100, „Toteninsel“. Dieses Mal ist der Clou, dass es sich um drei Picture-LPs handelt. Die Bestellung hatte einige Zeit gebraucht. „Aber ich hab gleich ein paar aktuelle Kassetten mitbestellt, da bauen wir hier einen Aufsteller auf, in dem wir die präsentieren“, sagt Chris. Hörspielen auf CD traut er nicht über den Weg, obwohl neuere Serien wie „Gabriel Burns“ auf jenem Medium besser gehen. „Hörspiele gehören auf Kassetten“, sagt er.

„Hat noch jemand einen Tip für Silvester?“, fragt Christian. Die Party im Roten Korsaren klingt für ihn schon mal verlockend. Er kommt aus Wolfsburg und möchte lieber in Braunschweig feiern, weil ihm die Stadt besser gefällt. „Im Meier ist auch Party“, weiß er bereits, sieht sich aber noch nach Alternativen um. Christian hat Zeit und verbringt sie damit, für sich zu entscheiden, ob ihm die Hermann- oder die Fritz-Cola besser schmeckt. Diese Zeit nutzt er auch zum Erzählen. Sechzehn Jahre hatte Christian bei Volkswagen gearbeitet und dann die Abfindung angenommen. „Lieber eine schlecht organisierte Demokratie als eine gut organisierte Diktatur“, kommentiert er seinen Weggang lakonisch. Heute arbeitet er als Personal Coach, freiberuflich. „Ich kann mit Leuten reden und sehe deren Schmerz“, sagt er. „Ich habe die Fähigkeit, ihnen den Schmerz zu entziehen.“ Das liefe aber nicht so gut, sagt er. „Man kann das nicht verkaufen wie Gebrauchtwagen.“ Viele rannten davon, sobald er an ihr Innerstes gelangte.

Christian kommt vom Hölzchen zum Stöckchen. Die brennenden Kohleflöze in China machen jede Klimapolitik obsolet, meint er. „Kauf dir also einen 911er und tritt aufs Gas.“ Er liebe Verschwörungstheorien. „Guck dir auf Google Videos den Film ‚Zeitgeist’ an, danach setzt du dich mit einem Kaninchenfell vor die Höhle.“ In dem Film ginge es um Religionen, 9/11 und den US-Dollar. „Seit Atomkraftwerke Klimaschutz sind, glaube ich sowieso nichts mehr.“ Er bleibt beim Medium Film. „Kennt jemand ‚Die Legende vom Ozeanpianisten’?“ Nach dem Roman „Novecento“ von Alessandro Baricco. „Mit Tim Roth als Protagonisten“, ergänzt André. Christian staunt. „Ich hätte gedacht, dass den keiner kennt.“ Dafür kennt niemand „Phase IV“, ein Film mit intelligenten Ameisen, die die Menschheit vernichten wollen, und dessen Handlung Christian begeistert erzählt.

Dann landet er bei Musik. Die Compilations des Schriftstellers Joseph von Westphalen mag er gerne, zum Beispiel „Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt.“ Diese Sorte Jazz mag er, nicht den dudeligen. „Die Instrumente sind da, sie sind wichtig, aber sie unterstützen nur die Geschichte, die die Stimme erzählt.“ Über eine vernünftige Anlage könne man die Aufnahmen nicht hören, sagt Christian. „Die sind alt und knacken, aber auf dem iPod hört man das nicht.“ Dann fällt ihm noch The Music Machine ein, eine Band aus den 60ern oder 70ern. „Aus den 60ern“, bestätigt ein Gast en passant. „Das haben die Beatles nicht besser hingekriegt“, meint Christian.

Ladenschluss ist allmählich überschritten, Christian macht sich bereit zum Gehen. Es fällt ihm nicht leicht. „Das ist ein Ort der Zuflucht hier“, meint er. Das Riptide leert sich, es wird stiller. André und Chris hören nicht auf, herumzuwuseln. „Tagesabschluss heißt, dass man das am Ende des Tages macht und das nicht in den nächsten Tag mit reinschleppt“, sagt Chris. André und er stellen Tische zurecht, bringen die Sachen von draußen herein, löschen die Kerzen, packen neue LP-Lieferungen aus, machen sich an den Papierkram und essen nebenbei Schokolade. „Die hat uns eine Stammkundin geschenkt“, sagt André. Zusammen probieren sie sich durch die verschiedenen Sorten. „Die hier ist mit Chili“, stellt Chris fest.

„Für Dr. Pepper wird das ein riesiger logistischer Aufwand, wenn die jedem Amerikaner eine Dose schicken wollen“, meint Chris, abrechnend und genüsslich kauend. Das hatte die Firma ja versprochen, wenn W. Axl Rose sein „Chinese Democracy“ noch vor Ende des Jahres 2008 als CD herausbringt. Das hat er ja nun gemacht und damit den lustigsten Running Gag der Musikgeschichte beendet. „Dr. Pepper gibt’s in Deutschland inzwischen an Tankstellen“, sagt Chris. „Die hat einen geilen Kirschgeschmack.“ Die Cola schmecke ungefähr so künstlich wie Weingummikirschen. „Wenn du die trinkst, merkst du noch nichts, aber sobald du heruntergeschluckt hast und absetzt, kommt die Kirsch-Bombe.“

An Heilig Abend hat das Riptide noch bis zum frühen Nachmittag geöffnet, dann sind zwei Tage Familienfeiern angesagt. Am Samstag legt Chris im Nexus auf, da startet wieder seine „Pleasure Park Party“. „Das wird schön“, sagt Chris. „Nach drei Tagen Weihnachten.“


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#13 Spektakuläre Funken

17. November 2008


Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, und doch ist es so kalt, wie es im November allmählich auch sein sollte. Immerhin regnet es nicht, Nebel gibt’s auch keinen. „Etwas Warmes“, bestellt Katharina daher bei Chris. „Genau das Richtige bei der Kälte“, sagt der. „Ich nehme einen Kafka“, sagt Katharina, „der füllt den Magen.“ – „…und macht wach, und schmeckt“, ergänzt Chris. Einen Mandel-Muffin probiert Katharina auch. Sie ist gerade in der Stadt unterwegs, um Nikolausgeschenke für ihre Chefs zu kaufen. „Ich habe mich bereit erklärt, weil ich dieses Mal Ideen hatte“, sagt sie, „und außerdem bin ich dann auch erst in 24 Jahren das nächste Mal damit dran.“ Am Wochenende hatte sie für ihre Freunde eine Barfuß-Tanz-Party veranstaltet, zum ersten Mal. „Das ist gut angekommen“, sagt sie erleichtert. Wie sie sind viele ihrer Gäste über 40 und finden selten Gelegenheit zum Weggehen und Tanzen. „Man spürt den Bedarf“, sagt Katharina. Daher soll es auch unbedingt ein zweites Mal geben.

Im Riptide sieht es heute etwas anders aus. Die CD-Fächer stehen quer hintereinander im Raum und teilen ihn so. Daneben lehnen Abdeckplatten. „Das sind Tischaufbauten“, erklärt André. Die könne man über die CD-Fächer legen und die dann als Tische für Gäste oder DJs nutzen. Die Abdeckungen nehmen etwas Platz weg, aber André beruhigt: „Das ist keine Lösung für immer.“ Seit letzter Woche hängen auch neue Fotos an den Wänden, von Nadine Poser. Die Ausstellungseröffnung „Capturing Beauty“ war am Samstag. Eine Soul-Party gab’s auch im Riptide. „Das war eine stramme Woche“, sagt André, sichtlich darüber erfreut.

„Hast du was von Tiger Lou?“, fragt Moritz. André kann ihm auf Vinyl das Album „Is My Head Still On?“ anbieten, das neue, „A Partial Print“, derzeit nur als CD. „Die LP ist genau die, die ich suche“, meint Moritz. „Bei der Neuen mag ich die Lieder nicht so sehr.“ Moritz ist mit Hagen da. „Vinyl, was gibt’s besseres?“, kommentiert Hagen Moitz’ LP-Wahl. Beide studieren seit einem Jahr in Braunschweig und schauen sich nach für sie interessanten Weggehmöglichkeiten um. „Ich habe das Nexus jetzt erst entdeckt“, sagt Moritz. „Ich war auf der Pleasure Park Party, das war genau meine Musik, da habe ich ständig getanzt.“

Moritz kommt aus Malente, Hagen aus Lehrte. „Wenn man in der Landeshauptstadt ist, denkt man, was soll ich woanders“, erzählt Hagen. „Aber in Braunschweig geht was.“ Besonders liegen beiden eben das Nexus und das Tegtmeyer. Vom Riptide sind sie überrascht. „Ich habe gehofft, dass ich mir die neue Friska Viljor hier bestellen kann, aber als ich reinkam, hatten sie sie sogar da“, sagt Moritz anerkennend. Hagen hört ganz gemischte Musik, „Schwarze Soul-Musik von Ray Charles, aber auch Hip-Hop“, sagt er. Freunde von ihm machen Hardcore, „aber das ist nicht ganz so meine Richtung.“ Aber eines findet er daran gut: „Man kennt die von der Schule, und dann hält man eine LP von denen in der Hand – das ist etwas Besonderes.“

Beide schwärmen von einem Tüftler, der in der Nähe des Affenfelsens einen Thorens-Fachhandel hat. Den Namen haben sie vergessen, aber „wenn ihr mal Probleme mit euren Plattenspielern habt, dann geht zu dem.“ Sie erzählen, wie sie zu dritt ihre Geräte bei ihm abgegeben haben, und der am Telefon zwischendurch meinte, er habe gerade keine Zeit, denn es seien drei junge Studenten da, denen er erst mal die Funktionsweise eines Plattenspielers beibringen müsste, die wüssten so was ja nicht mehr. Beide lachen darüber. „Ich habe meinen Plattenspieler auch erst seit kurzem“, sagt Hagen. Jetzt sammle er alte Vinyl-LPs, zum Beispiel von The Doors. Doch, ein breiter Geschmack.

Beide sprechen von Toleranz, Offenheit und Bodenständigkeit, die sie sich bewahren wollen. „Eine Freundin studiert Jura“, erzählt Hagen. „Der habe ich die Empfehlung gegeben, einen Brief an sich selbst zu schreiben, mit ihren Ideen und Vorstellungen davon, was sie mit ihrem Studium erreichen will, und den soll sie in zehn Jahren lesen und gucken, was sie davon wirklich umgesetzt hat.“

Dann erzählt Hagen, „wie die Stadt“, wie er zu seinen Namen gekommen war. „Meine Mutter hat in der Schwangerschaft die Nibelungensage gelesen“, sagt er. „Ein Kollege von mir heißt Bilbo – da kann man sich vorstellen, was seine Mutter in der Schwangerschaft gelesen hat.“ Der sei sogar der einzige Bilbo in ganz Europa. Hagen blickt zu Moritz und sagt: „Bei dir ist auch klar, was deine Mutter gelesen hat – du hast bestimmt auch immer der Witwe Bolte die Hühner geklaut, oder?“

Es gibt noch weitere Neuerungen im Riptide, wie André anschließend aufzählt: „Wir haben Mixgetränke und Schnäpse im Angebot, Whiskey, Gin, Jägermeister, Tequila, und zur kalten Jahreszeit wöchentlich wechselnde Suppen.“ Der Whiskey ist ein zehnjähriger Bushmills, die aktuelle Suppe eine Erbsen-Minz-Crème-Suppe mit feiner Chili-Note. „Ab morgen gibt’s eine Zwiebelsuppe“, sagt André. Eine Praktikantin war während der Herbstferien im Einsatz. „Iska war bereits unser vierter Praktikant, Andreas hieß unser erster“, sagt André.

„Es ist gut, dass es das Riptide gibt“, sagt Olli. „Das hat die Szene in Braunschweig gebraucht.“ Er kommt aus Salzgitter und kennt das Café, seit es im Bau war. „Ich bin mit meiner Frau oft vorbeigekommen und habe gedacht, dass wir da unbedingt hin müssen.“ Seine Frau ist gerade in der Stadt unterwegs und Olli nur auf Stippvisite im Riptide. Aus seiner nichtschwarzen Jacke hängt ein Lanyard vom M’era Luna. „Ich kenne Andrew Eldritch persönlich“, beginnt Olli zu erzählen. „Ich hab schon mit ihm gefeiert, aber der ist heute satt, der lässt seine Fans hängen.“ Kennen gelernt habe er die Sisters Of Mercy schon 1985, Eldritch später über den Gitarristen Andreas Bruhn. Ein weiterer Ex-Sisters-Gitarrist sei Olli aber lieber als Eldritch: „Wayne Hussey ist sympathischer, die ganze Band ist nett.“ The Mission habe er quasi auf der Straße kennen lernen dürfen. „Ich stand in Hannover an der Ecke, als der Tourbus vorbeikam und die nach dem Weg fragten“, erzählt Olli. „Als die das zweite Mal vorbeikamen, nahmen sie mich mit.“ Nette Leute seien das, „besonders Gitarrist Simon Hinkler.“ Husseys Solo-Auftritt auf dem M’era Luna habe ihm gefallen. „Das Publikum hat ihn gefeiert.“ Dann kommt er zu den Fields Of The Nephilim. „Die habe ich 1987 zum ersten Mal gehört, da stand eine Anzeige, die seien wie die Sisters, und ich dachte, es gibt nichts wie die Sisters, und habe sie mir in Hamburg angeguckt.“ Carl McCoy sei sogar kleiner als er selbst. „Und ich habe mich gewundert, was all die englischen Fans mit ihrem Mehl auf dem Konzert wollten.“ Später wusste er es. Nach einem Fields-Auftritt auf der Loreley hat seine Frau McCoy in einem Restaurant in St. Goarshausen wiedererkannt und angesprochen.

In Berlin habe er kürzlich eines von zwei aufeinanderfolgenden Konzerten von Killing Joke gesehen, von deren Tour in der Urbesetzung. Irgendwie sei er im Backstagebereich gelandet und habe mit den Bandmitgliedern gefeiert. „Ich habe die 1986 schon mal gesehen, zu ‚Brighter Than A Thousand Suns’, da haben sie so Pop-Rock gemacht.“ Auch auf dem M’era Luna 2003 waren sie dabei, „das war ein gutes Konzert, da haben sie nur ihre rockige Seite gezeigt, das war fast Metal.“ Danach kommt er auf seine eigentliche Lieblingsband zu sprechen, auf The Stranglers. „Seit 1990 kenne ich die, das war die Abschiedstour von Hugh Cornwell“, sagt Olli. „Paul Roberts, der Neue, ist sogar noch besser als Cornwell.“ Der zweite Sänger Jean-Jacques Burnel ist aber bis heute dabei. „Der ist mehrfacher französischer Karate-Meister, sogar Weltmeister“, sagt Olli. Er hätte noch viel mehr zu erzählen, muss aber los, weil seine Frau schon auf ihn wartet.

Die Sache mit der aktuellen Tour von Killing Joke, auf der sie ganze Alben spielen, bringt André auf die Sparks. „Die haben vor kurzem alle ihre Alben hintereinander live gespielt“, sagt André. Das waren immerhin 20, mit dem neuen Album „Exotic Creatures Of The Dark“ am 21. Tag. „Sparks Spectacular“ nannten sie diese Konzertreihe.

Colin stürmt ins Riptide. „Hi, sind meine bestellten Platten da?“, fragt er André. „Was hast du denn bestellt?“ – „The Evens, nein, warte mal, die habe ich letztes Mal schon abgeholt.“ André bringt zwei LPs, unter anderem „Repeater“ von Fugazi. „Das ist ihr bestes Album“, findet Colin, und erklärt: „Ich bin gerade dabei, meine CD-Sammlung auf LP nachzukaufen und so meine LP-Sammlung zu vervollständigen.“ The Evens findet er besser als The White Stripes. „Klar, wegen Ian McKaye“, sagt er. André fragt, ob er einen Cappuccino möchte. „Keine Zeit“, bedauert Colin, „ich muss das Wild Geese aufschließen, und zwar – jetzt!“ Er stürmt los, landet aber in der Schallplattenecke, kramt kurz und kommt dann mit „Can I Say?“ von Dag Nasty wieder. „Die guten, alten Sachen“, sagt André. Und eine weitere Dischord-LP. Colin grüßt und verschwindet in der herbstlichen Dunkelheit.

Auf den Tischen stehen Kerzen, es ist heimelig warm im Riptide. Auf dem Sofa sitzt eine Gruppe, an zwei Tischen sitzen einzelne Gäste und arbeiten oder lesen. Die Hintergrundmusik ist dezent und passt zur Stimmung. Noch bevor der Abend zu Ende geht, gibt André einen Fernsehtip: „Arte, heute Abend, null Uhr zwanzig, Pink Floyd Live at Pompeii.“ Und wenn man kein Pink-Floyd-Fan ist? „Danach wird man’s!“


van Bauseneick
www.krautnick.de

#12 Der unschuldige Landstreicher

17. Oktober 2008


Es ist grau, nass und kalt an diesem Donnerstag, der Sommer ist endgültig vorbei. In den wenigen Regenpausen sitzen dennoch immer wieder Gäste draußen, unter dem Schirm, um mehr oder weniger genüsslich zu rauchen. Heute Abend tritt Nagel im Riptide auf, aber noch sitzt Chris wie gewohnt an den Verwaltungsarbeiten und André erzählt derweil, dass das Café Riptide erneut im Fernsehen zu sehen war, und zwar auf 3Sat. „Amitav Gosh, ein indischer Schriftsteller, war gerade auf Lesereise in Deutschland, mit seinem neuen Bush über Opiumhandel in Afghanistan, Indien und anderen Ländern“, sagt André. Das Buch heißt „Das mohnrote Meer“, gelesen hatte Gosh bei Graff. „Der hat in Indien vom Riptide gehört und dachte, na ja, bin ich schon mal in Deutschland…“, scherzt André, und berichtigt: „Einer aus dem Filmteam war schon mal hier, da haben die gefragt, ob es möglich ist, hier ein Interview mit Gosh zu filmen, klar war das möglich, und dann haben sie ihn hier eine halbe Stunde interviewt.“ Zu sehen waren die Interview-Ausschnitte auf 3Sat „Kulturzeit“. „Man konnte immerhin unsere Tapete erkennen“, sagt André. „Und einer aus dem Filmteam hat auch eine Platte gekauft.“

Die Wikinger-Metaller Amon Amarth haben es Lukas angetan. „Die CD ‚Twilight Of The Thunder God’ hatten wir mal hier, die ist aber ausverkauft“, sagt André. Auch die Spezialversion mit den Bandmitgliedern als Spielzeugfiguren gab es im Riptide, aber an der ist Lukas nicht interessiert, ihm reicht die normale Doppel-CD mit DVD. Er wolle auch nur mal reinhören, er habe ein Video von denen irgendwo gesehen. „Das sieht aus wie eine Wikinger-Dokumentation auf N24 – alles Laiendarsteller, die auf Wikinger machen, aber gedreht mit vernünftigen Kameras“, sagt Lukas. Er sucht im CD-Fach nach einem bestimmten Cover und fragt: „Wusstet ihr, dass As I Lie Dying und Evergreen Terrace Christ Core sind?“ Wusste niemand. „Der Gitarrist von As I Lie Dying spielt auch in der Kirche seine E-Gitarre“, sagt Lukas und präsentiert, was er suchte: Die ANTiSEEN-CD „Screamin Body Live“ mit dem Reichsadler auf dem Cover, der das Redneck-Zeichen statt des Hakenkreuzes hat.

Derweil packt André eine Kiste mit LPs aus, unter anderem das vorletzte Album von Okkervil River, „The Stage Names“, mit der aus dem Wasser ragenden Hand auf dem Cover. „Das ergibt mit dem neuen Cover ein Bild“, sagt André. Auf „The Stand Ins“ nämlich ist ein vornüber liegendes Skelett mit hoch gerecktem Arm zu sehen, das man passend unter das Vorgängeralbum halten kann. Die beiden LPs ergeben ohnehin ein Gesamtwerk. „Les Savy Fav haben das mal mit neun Singles gemacht“, sagt André. „Das ist wie Lustige Taschenbücher“, meint Lukas, „Gimmicks für Große.“

Lukas ist 19 und ist für sich selber zu dem Schluss gekommen, dass er ein Leben ohne zu viel Technik führen will. Er hat keinen mp3-Player mehr, „mein Handy habe ich sogar kaputt gemacht, Myspace wird auch noch gelöscht.“ Er vermisse nichts. „Letztens bin ich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und dachte: Das Lied hören wäre jetzt cool; ich hab’s aber nicht bereut.“ Das Festnetz reiche ihm auch, „man muss nicht erreichbar sein.“ Er fühle sich ohnehin nicht verpflichtet, ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt. Lukas präsentiert sein Notizbuch mit Adressheft und Telefonkarte darin. „Die habe ich aber noch nie benutzt“, sagt er. Außerdem trinke er auch seit fast zwei Jahren keinen Alkohol mehr und beteuert: „Ich vermisse nichts.“

Aus dem trüben, ungemütlichen Herbstnachmittag kommt Stephan vom Nexus ins warme Riptide. „Einen Drei-Bohnen-Kaffee“ bestellt er, wie immer. Während er auf seine Verabredung wartet, erzählt er davon, wie Clubs ihre guten DJs vergraulen, wenn sie von ihnen erwarten, dass ihr Programm mainstreamiger wird. „Lasst ihn doch machen, wie er will, die Leute kommen doch, weil das Bier billig ist“, grinst er.

„Habt ihr ernsthaft vegetarische Currywurst?“, staunt Nagel, die Speisekarte lesend. „Und Hotdogs mit Sauerkraut?“ André grinst: „Kennst du so was nicht?“ Nein, sagt Nagel, „als Vegetarier kenne ich mich mit Hotdogs nicht aus.“ Auf die Currywurst wolle er aber noch zurückkommen. Nagel setzt sich an sein Notebook und bereitet seinen Auftritt vor. Nagel kommt aus Münster, wohnt in Berlin und ist Sänger und Gitarrist bei der Band Muff Potter, die sich nach einer Figur aus „Die Abenteuer von Tom Sawyer“ von Mark Twain benannt hat. „Man kennt sich aus der Hardcore-Szene, jahrelang ist man sich auf Konzerten über den Weg gelaufen“, sagt er darüber, wie er ins Riptide kam. „Chris meinte, er mache auch Veranstaltungen im Laden, und ich war gerade auf Lesetour und habe dem Booker gesagt: Lass uns das dort machen – einfacher kann es gar nicht gehen“, sagt er. „Es ist oft so, dass man Leuten aus der Hardcore- und Punk-Szene, die man jahrelang nicht gesehen hat, plötzlich wieder über den Weg läuft – man trifft erstaunlich viele wieder, die alle ihr Ding durchgezogen haben, die machen Film, Musik oder eben ein Café“, sagt Nagel und grinst: „Die sind alle über 30 und werden nostalgisch.“

Für den Abend kündigt er „ein anarchisches Durcheinander von allem, was ich an Output habe“ an und zählt auf: „Ausschnitte aus meinem Buch ‚Wo die wilden Maden graben’, neue Texte, Songs auf der Akustikgitarre, bescheuerte jpgs, die ich an die Wand werfe, plus X – vielleicht ufert der Rest des Abends in sinnfreies Gesabbel aus.“ Der Vorteil, einmal nicht mit der Band unterwegs zu sein, sei, dass man sich mit niemandem absprechen müsse, sagt Nagel. „Ich kann im Zug noch mein Programm ändern und auf der Bühne schneller auf das Publikum reagieren.“ Das Riptide gefalle ihm. „Es ist ganz schön hier, nicht nur wegen der vegetarischen Currywurst, sondern“ – er macht eine Pause – „ich habe mir wahrscheinlich schon für die Hälfte meiner Gage Platten ausgesucht.“

Inzwischen läuft das Album „100 Days, 100 Nights“ von Sharon Jones & The Dap Kings. „Das ist moderner Soul“, schwärmt Chris. „Alles auf alt gemacht, auch das Cover, schlägt aber ganz aktuell hohe Wellen.“ Und ergänzt: „Die Backing-Band, The Dap Kings, ist die Backing-Band von Amy Winehouse – Nerd-Wissen.“ Er grinst. „Die ist brillant, die Dame!“

Draußen unterhalten sich Serge vom Antiquitäten-Laden nebenan und Régine, die raucht. Nach einer Weile kommt Régine ins Café. „Das ist mehr als nur Herbst“, sagt sie fröstelnd und legt ihre Handschuhe auf den runden Tisch, neben ihr knallgrünes Zigarettentäschchen. „Der Sommer ist vorbei.“ Sie spricht André auf einen Termin für ihre Kunstausstellung im Riptide an. „Ich male in Öl“, sagt sie. „Ich mache aber auch Lesungen mit Musik, seit mehr als 20 Jahren schon.“ Am 15. November hat sie eine Lesung über Serge Gainsbourg in der Haifischbar. Sie beginnt zu erzählen. Régine ist Französin, kommt aus Toulouse und ist über den Umweg Paris-Berlin in Braunschweig gelandet. „Toulouse ist die viertgrößte Stadt in Frankreich, da kommen viele Künstler her, zum Beispiel Manu Chao“, sagt sie. Viele spanische Flüchtlinge seien während der Franco-Zeit in Frankreich eingewandert und sesshaft geworden. „Manu Chao ist spanischer Abstammung – so wie ich“, sagt sie. „Toulouse ist eine sehr große, künstlerische Stadt.“ Sie erzählt von Sänger Art Mengo, der ebenfalls spanischer Franzose ist. „Damals haben die spanischen Flüchtlinge immer ‚Burro’ gespielt, ein Kartenspiel. Ich war zehn, der Großvater von Art Mengo war mit meinem Großvater befreundet.“ So habe sie als Kind Art Mengo kennen gelernt.

In Deutschland ist Régine seit dreißig Jahren, und schon in Berlin habe sie angefangen, künstlerisch tätig zu sein. „Ich war in einer Band namens Zatopek, habe mit Leuten von Element Of Crime gewohnt, bin Gründungsmitglied vom Mehringhof-Theater“, zählt sie auf. „Der Mehringhof war ein alternatives Kultur- und Bildungs-Zentrum. Im Nicaraguakrieg haben wir zum Beispiel Nica-Kaffee eingeführt, hatten den Buchladen ‚Schwarze Risse’ – über mein Leben in Berlin kann man ein Buch schreiben!“ Nach Braunschweig kam Régine, weil der Vater ihres Sohnes hier wohnte. „Ich wollte nicht, dass mein Sohn ohne Vater aufwächst, auch wenn wir getrennt waren“, sagt Régine. „Ich bin eine kämpferische, alternative Vorreiterin in vielen Sachen, aber ich habe in meiner Erziehung trotzdem konservative Prinzipien weitergegeben“, sagt sie.

Als Beispiel erzählt sie, wie sie in der Pariser Métro Musik gemacht und Geld gesammelt hat. „Das war kein Betteln, sondern ein künstlerischer Auftritt, das war eine ganz andere Epoche, wo man sich außerhalb traditioneller Wege produzieren konnte.“ Régine habe den Weg weg von der Tradition gewählt und Sachen bewegt für sich und andere. „Aber je älter ich wurde, desto mehr Prinzipien habe ich in mein Leben eingebaut und die an meinen Sohn weitergegeben.“ Zum Beispiel durch feste Uhrzeiten für Essen oder Hausaufgaben, die er einzuhalten hatte. „Jetzt wird er 19 und ich merke: Ich finde zu meinen Ursprüngen zurück, zu meiner alten künstlerischen Ausdrucksform, nur mit mehr Weisheit und Erfahrung.“ In Braunschweig sei sie die erste gewesen, die eine Lesung mit Musik gemacht habe, 1995 im Galeriehof, begleitet von Lutz Trenkwitz. Ihre Texte seien politisch und sozial, handelten aber auch von Liebe, jedoch von der schmerzhaften, also lustigen Seite. „In meiner literarischen Kunst greife ich heute auf das zurück, was meine Landsleute geschrieben haben, zum Beispiel Serge Gainsbourg.“, sagt Régine. „Als nächstes möchte ich Léo Ferré machen, gerne auch eine Frau.“ Die Texte wähle sie mit Bedacht: „Die zeigen auch einen Lebensabschnitt, der hinter mir liegt, die schildern auch meine letzten 30 Jahre.“ Und schlägt erneut die Brücke zu heute: „Die Jugend hat etwas verloren, und was fehlt, ist im Grunde Engagement, auch politisches, Verantwortung in der Gesellschaft und in der Liebe“, zählt sie auf. „Die kriegen alles in den Hals gesteckt, wir haben es uns verdient, aber die wissen nicht, woran sie sich orientieren können, und hören dann die Beatles und Cat Stevens, aber was suchen sie in den Texten und Klängen?“ Régine gibt die Antwort selbst: „Eine Ideologie, und darauf greife ich mit meinen Texten zurück – warum soll ich neue Sachen schreiben, wenn es das alles schon gibt? Meine künstlerische Arbeit ist nicht, neue Texte zu schaffen, sondern Geschichte zu zeigen.“ Ein gewaltiger Bogen, den sie da spannt.

„Meine Bilder suchen Ausgeglichenheit und Harmonie, sind kontemplativ, eine Einladung zum Träumen“, sagt Régine. „Die jungen Leute arbeiten mit Technik“, fährt sie mit Blick auf die Bilder von Chrisse Kunst fort. „Das ist gut so, das sollen sie auch, doch irgendwann haben sie ihre Technik erschöpft, und dann erst werden sie schöpferisch.“

Dann kommt Régine auf die Kleinkunstszene in Braunschweig zu sprechen. „Die Szene hat Pause gemacht, kommt aber wieder“, kündigt sie an. „Die Leute sind jetzt zwischen 45 und 55“, sie selbst sei 49, „die sind aus dem Gröbsten raus und brauchen den Ausdruck.“ Sie nennt Namen wie Toddn, Axel Klingenberg und Elmar. „Wir nennen das manchmal Familie, wir begleiten uns seit Jahren.“ Sie zeigt auf das Poems-For-Laila-Plakat. „Das Konzert macht Toddn, und Elmar macht bestimmt den Sound.“ Und dann erzählt sie von ihrer eigenen Rolle in Braunschweig. „Ich bin die Chefschnecke vom Liro, die Grande Dame vom Kalenwall, ich habe später, 1997, das Flex in der Leopoldstraße gegründet.“ Auch von Radio Okerwelle sei sie Gründungsmitglied. „Als vorm Brain die Emanzen demonstrierten, habe ich Wiglaf Droste hinein gelassen und mich mit den Emanzen angelegt“, erzählt sie kichernd. „Jan Off war auch dabei.“

Zwischendurch geht Régine immer wieder „für zwei Minuten rauchen, länger brauche ich nicht.“ Das Treiben im Riptide wird allmählich lebendiger. Für den normalen Kundenverkehr ist es geschlossen und soll für die Show von Nagel erst wieder geöffnet werden. Doch dafür muss der Beamer laufen, Boxen stehen, Tische beiseitegeräumt und ein Lesetisch aufgestellt werden. Bierbänke sollen quer im Riptide stehen. Régine setzt sich nach draußen, wo bereits einige andere Nagel-Gäste auf Einlass warten. Gelegentlich regnet es, kühl ist es auch, doch niemand murrt. Die Zahl der Wartenden wird größer, plötzlich ist auch Toddn dabei und setzt sich überrascht zu Régine. Er hat am morgigen Freitag seinen sechsten „Videokiller“-Termin im Studio Ost, mit Kitty Reed und Meike Köster. „Da werde ich viel über Politik machen“, sagt Toddn, „Bankenkrise.“ Er ist krank und fühlt sich nicht so gut. „Meike hat auch schon angerufen und gesagt, dass sie nicht singen kann“, grinst er unter seiner Wollmütze.

Wie Régine hat auch Toddn eine bewegte Braunschweiger Vergangenheit. „Ich habe die Haifischbar gegründet, das war vorher eine türkische Spielhalle“, erzählt er. „Die Idee habe ich aus Hamburg mitgebracht, aber in Hamburg war mir zu viel Rock’n’Roll.“ Zu viel Stress, meint er. „Ich habe da unter anderem für Crypt Records gearbeitet, die haben die ersten Sachen von Jon Spencer rausgebracht.“ Jedenfalls habe er die Bar in Braunschweig eröffnen wollen. „Im Liro hattest du die Idee, der einen Fischnamen zu geben“, erinnert sich Régine. „Stimmt,“ bestätigt Toddn, „und bevor es eine türkische Spielhalle war, hieß es ‚Zum Walfisch’.“ In Hamburg wird Toddn demnächst aber wieder unterwegs sein, sowohl mit der „Please Kill Me“-Lesung als auch mit „Toddn Killed The Video Star“. „Bei ‚Please Kill Me’ wird Hollow Skai dabei sein, der Lektor des Buches“, sagt Toddn. „Ich freu mich wieder auf Hamburg.“ Régine kommt auf ihre Einschätzung von vorhin zurück: „Wir sind eine große Familie, stimmt das?“ Toddn nickt. „Das stimmt, aber wir sehen uns zu selten.“ Er springt auf. „Ich muss mal Werbung machen für morgen“, sagt er, holt ein Videokiller-Plakat aus seiner Tasche und wird von den vielen Wartenden dabei beobachtet, wie er es an die Wand klebt.

Nagel kommt vorbei und sieht die vielen Menschen, die allmählich ins Riptide gelassen werden. „Schlangen vor einer Lesung, das habe ich mir immer gewünscht“, grinst er. „Ich geh erst mal eine rauchen, bis gleich.“

Toddn fährt fort, seine Geschichte zu erzählen. „In den 80ern bis 1989 habe ich ‚The Street’ gemacht, das erste Braunschweiger Fanzine“, sagt er. „In der letzten Ausgabe hatten wir Interviews zum Beispiel mit Bad Brains und Motörhead.“ Außerdem hatte er bis vor kurzen noch mit Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf geführt, ist dort aber zugunsten des Videokillers ausgestiegen. „Ich muss weg“, sagt er abrupt und klebt noch schnell ein Poems-For-Laila-Plakat an, „ich muss für morgen fit sein.“

Am Eingang steht André und kassiert. Das Riptide ist rappelvoll, die Leute quetschen sich auf den Bierbänken zusammen und stehen sogar an der Theke. Niemandem macht die Enge etwas aus. Nagel kommt vom Rauchen zurück. „Ist überhaupt noch ein Platz für mich frei?“, fragt er André. „Du hast den Extra-Platz reserviert“, grinst der. Immer noch kommen Gäste und staunen darüber, dass für sie eigentlich gar kein Platz mehr ist. „Leg dich doch quer über uns“, schlagen Sitzende vor. „Es gibt noch Plätze, auf denen man nur hören und nichts sehen kann“, sagen andere. „Verkauft die doch zum halben Preis!“ Auch André staunt und erzählt: „Bei Olafur Arnalds hatten 80 Leute gestanden, mit Bänken haben wir das heute zum ersten Mal. Damals hatten wir Kaffee und Kuchen gemacht, weil wir nicht wussten, wie viele Leute kommen, und sind dann kaum mit dem Tablett durchgekommen.“ Das Publikum weiß aber mit der Enge umzugehen und beweist gegenseitiges Vertrauen. „Ein Becks“, ruft ein Gast von der Tür aus Chris an der Theke zu und reicht das Geld dem nächstbesten Sitzenden vor ihm. „Reich mal weiter, bestellt ist schon.“

Nagel begrüßt das Publikum mit einem freundlichen „Hallo“, das mehrstimmig erwidert wird. „Für den Titel meiner Lesereise habe ich einen Freund gefragt, der Schlug vor: ‚Pudding an der Wand – ein Abend mit Nagel’“, sagt Nagel. „Ich habe den Witz selber erst zwei Tage später verstanden; ging es euch auch so?“ Zustimmendes und erheitertes Gemurmel aus dem Publikum. Dann erzählt er die Geschichte vom ausgefallenen Braunschweiger Muff-Potter-Konzert letztes Jahr, als die Band parallel zu einer Ballermann-Party spielen sollte. „Das stand nicht im Einklang mit dem, was wir unter Muff Potter verstehen, deswegen haben wir das abgesagt – noch mal eine herzliche Entschuldigung an alle, die deswegen extra gekommen waren.“ Außerdem freut er sich, dass heute so viele Leute da sind, wo doch Udo Lindenberg parallel in der Volkswagen-Halle auftrete. Wie angekündigt liest Nagel aus seinem Buch, singt Lieder und zeigt lustige Graffiti, die er unterhaltsam kommentiert.

In der Pause kommt auch André wieder ins Riptide. „Ich war draußen, damit mehr Leute Platz haben“, sagt er. Außer ihm tummeln sich noch eine halbe Handvoll Leute vor dem Café, die keinen Platz gefunden haben. Auch hier herrscht keinerlei Unmut. Das Publikum strömt aus dem Café, um zu rauchen, sich die Beine auszustrecken und sich über die Lesung zu unterhalten. Man spürt, dass es den Menschen gut geht. Auch regnet es gerade einmal nicht.


van Bauseneick
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