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	<title>Cafe Riptide</title>
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	<description>Musik &#124; Kunst &#124; Cafe</description>
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		<title>#34 Tief im Westen</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Aug 2010 16:31:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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Samstag, 14. August

Die dunklen Wolken tun uns heute den großen Gefallen, um den Ort des Geschehens, also Braunschweig, herumzuziehen. Das ist gut für alles, was an diesem Wochenende in Braunschweig geschieht, und es geschieht eine Menge: Die BBG-Open-Air-Nights am Dowesee, Das 12. Lammer Open Air, die Aktion „Okerwasser”, das LOT-Hoffest, Das Verlagsfest von Andreas Reiffer, [...]]]></description>
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<strong>Samstag, 14. August</strong><br />
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Die dunklen Wolken tun uns heute den großen Gefallen, um den Ort des Geschehens, also Braunschweig, herumzuziehen. Das ist gut für alles, was an diesem Wochenende in Braunschweig geschieht, und es geschieht eine Menge: Die BBG-Open-Air-Nights am Dowesee, Das 12. Lammer Open Air, die Aktion „Okerwasser”, das LOT-Hoffest, Das Verlagsfest von Andreas Reiffer, Lord Schadts Geburtstag auf der Oker, das zweite Kulturschaufenster 38118 auf dem Frankfurter Platz, das Summer Special Barbecue im Café Riptide und das DFB-Pokalspiel der Eintracht gegen Greuther Fürth. Irgendwo ist auch noch ein Hoffest, berichteten mir Bekannte, auf einem der Braunschweig umgebenden Dörfer, aber man kann sich ja nicht alles so genau merken. Und erstrecht kann man nicht alles wahrnehmen, was so in und um Braunschweig geschieht. Zumindest ich kann das nicht, vielleicht ist es ja doch jemandem gelungen. Auf jeden Fall will ich immerhin zwei der Stationen ansteuern.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Die erste ist der Frankfurter Platz. Letztes Jahr gab’s da erstmals das Kulturschaufenster, bei dem auch die Riptide-Gäste Müller &#038; die Platemeiercombo auftraten. Riptide-Gäste stehen auch dieses Mal auf dem Programm: Play-It-Again-Ben Büttner, der Pianist der Bumsdorfer Auslese, spielt Schlagzeug bei der Band Tatsache, und Toddn liest abends im Gambit aus der Historie des Viertels: von Arbeitern nämlich, die dort gewohnt haben. „Live im Westen“ heißt das Programm, vom dem ich immerhin Le’Band, Tatsache und Culture Pub live mitbekomme. Die Mischung im Publikum gefällt mir: Punks, Prolls – und alles dazwischen. Ein paar minderjährige Halbstarke posieren vor den Irishfolkern Culture Pub und überraschen mich damit, dass sie plötzlich mit Tapdance beginnen. Noch überraschender finde ich, dass sie den mit Streetdance kombinieren, indem sie aus dem Nichts einen Stuhl herbeizaubern, über dessen Lehne hinweglaufen und anschließend auf dem Boden vor den pogenden Punks Handstandüberschläge machen. Außerdem treffe ich viele Bekannte und Freunde, deren Bekannte sich für mich überraschend ebenfalls allesamt untereinander kennen. Dieses Braunschweig ist eben doch eine Erbse.<br />
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Das Barbecue im Riptide verpasse ich leider erneut, wie schon im letzten Jahr. Dafür bin ich einfach zu spät aus dem Haus gekommen. Auch Toddns Lesung verpasse ich leider, weil ich mich in der einsetzenden Dunkelheit dann doch auf dem Weg in den Handelsweg mache. Per SMS aus dem Stadion erfahre ich, dass es gegen Fürth noch 0:0 steht. Wo bleibt der Zauber der ersten Spieltage dieser Saison? In Richtung Innenstadt komme ich noch an Christiane Stegats „Spawn“ vorbei, dem illuminierten Froschlaich am Neustadtmühlengraben im Prinzenweg. Der dritte Lichtparcours macht Laune, besonders die Exponatdichte im Bürgerpark. An Wochenenden herrscht dort nachts ein herrlicher Kunsttourismus. Und die „Appearing Rooms“ von Jeppe Hein machen rund um die Uhr und allen Altersstufen Spaß. Vornehmlich kleinen Kindern, die wild tobend durch die Fontänenräume rennen. Da wird mal wieder ein nächtlicher Okerrundgang fällig, wie schon vor fünf und vor zehn Jahren. Mit Verweilen, Fotografieren und mit Leuten ins Gespräch kommen dauert das ungefähr vier äußerst angenehme Stunden.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Von der Breiten Straße biege ich in den Handelsweg ein und höre, dass dort gute Laune herrscht. Alle Tische im Achteck sind belegt, Kerzen illuminieren den Hof anheimelnd. Ganz anders sieht es im Café aus. Alle Tische und Stühle sind weg, lediglich das Sofa steht unterhalb der völlig leeren Wand neben einer Grünpflanze und einer Lampe. Dies soll heute Nacht die Tanzfläche sein. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der DJ des Abends, Monsieur LeSupersexuel, und konzentriert sich auf das, was ihm seine Kopfhörer von den rotierenden Plattentellern übermitteln. Hinter der Theke begrüßt mich Sina, André kommt aus der Küche. Dort werkelt Lara an Kundenbestellungen herum. Alle drei tragen vorn DIN-A6-große Aufkleber. Die haben oben und unten einen goldenen Rand, wie im Breitwandfilmformat, und zeigen dazwischen getaggt den Namen des jeweiligen Trägers. „Das war Leif“, sagt André. Live? Bei einem Konzert? Oder was? „Nein, Leif, ein Stammgast.“ Ach so! Aber ich hab gleich einen neuen Namen für die meterlange Liste kurioser Namen: Leif Gig.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Ein Live-DJ-Set bereitet Monsieur LeSupersexuel derweil vor. Er heißt eigentlich Helge und verrät, dass er ein Schwager vom Riptide-Lesereihenveranstalter Frank Schäfer ist. Helges 60’s Beat Partys erfreuen sich im Riptide einiger Beliebtheit, auch wenn Helge ein bisschen beklagt, dass es für reine Soulmusikpartys in Braunschweig keine so richtige Szene gibt. Er schwärmt von Hamburg: „Da gab’s mal einen Club über dem Thalia-Theater, das Nachtasyl, das lag im fünften oder sechsten Stock und man musste zu Fuß die Treppen rauf.“ Dort seien Deko, Kleidung und Musik stilecht wie in den 60ern gewesen. Helge strahlt bei der Erinnerung daran. „Ein Kumpel hat damals in Hamburg gewohnt, einmal im Monat ins Nachtasyl war Pflicht“, erzählt er. Hier in Braunschweig beschallt er ansonsten bisweilen die Haifischbar mit amerikanischem Soul, Northern Soul, Beat und Garage aus den 60ern. Den Plan hat er sich für heute auch vorgenommen – „aber ich habe keine konkrete Playlist“, sagt er. Ob das Stück, das zurzeit auf dem Turntable turnt, auch das Eröffnungsstück ist, weiß er noch nicht, da will er sich vom Moment leiten lassen. Normalerweise habe er im Riptide außerdem immer einen Beamer dabei, der Fotos aus den 60ern an die Wände wirft, aber heute aus organisatorischen Gründen nicht. Am Nachmittag schon unterhielt Helge die Barbecue-Gäste, mit modernem und zeitgenössischem Indie-Sound. „Gegessen habe ich leider nichts, aber es hat gut gerochen“, bedauert Helge.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
An der Theke bestellt sich Leif ein Astra. „Ich habe heute früh schon gearbeitet“, erzählt er. „Auf dem Wochenmarkt am Altstadtmarkt, am Bioland-Stand vom Lindenhof.“ Oh, dann müsste ich ihn ja gesehen haben, schließlich gehe ich da auch allsamstäglich einkaufen. „Ich mache das seit zwei Jahren“, sagt Leif. Dann erstrecht, sage ich. „Wir müssen uns mal treffen“, sagt Leif und hebt die Hand zum Highfive. Aber gerne! Ich schlage ein und spreche ihn auf die Namensschilder an. „Willst auch eins haben?“, fragt er. Au ja. Leif holt einen weiteren Aufkleber aus seiner Tasche und setzt den Edding an. Er schreibt „MatZe“, setzt vorn und hinten je ein Sternchen dazu und ein „Yo!“ darüber. Dann zieht er die Folie ab, setzt den Aufkleber auf mein T-Shirt, streicht darüber, zögert ein bisschen, sagt dann entschuldigend: „Das gehört dazu“ und klopft mir einmal auf die Brust. „Danke, darauf hab ich schon gewartet“, sage ich. Leif macht viel in Street Art und Stencils, erzählt er und geht dann mit Getränk und Begleitern zurück ins Achteck.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Die Namensschildern fallen vielen Gästen auf, die sich an der Theke Getränke bestellen. „Was steht da drauf?“, fragt Nora Sina stirnrunzelnd. „Sina“, sagt Sina. „Hätte auch Linda heißen können“, meint Nora. „Nenn mich heute Klaus.“ Christian steht neben ihr und guckt mit verkniffenem Blick auf mein Schild. „Matze&#8230;?“, rät er. Stimmt. „So unlesbar ist es also nicht“, sage ich. Nora schüttelt den Kopf: „Er ist Künstler, er ist tag-geprüft.“ Aus der Küche tritt André hinter die Theke. „André!“, ruft Nora. „Ich bin nur deinetwegen hier.“ Sie erkundigt sich auch nach Chris, aber der hat schon Feierabend.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Die nächste Bestellung kommt vom DJ: „Hast du mal eine Gabel und Gaffa-Tape?“, fragt Helge Lara. Habe ich das gerade richtig gehört? Eine Gabel und Gaffa-Tape? Das ist wohl die kurioseste Bestellung, die ich im Riptide je gehört habe. „Du magst die Olsenbande?“, mutmaße ich. „Das auch, ja“, entgegnet er. „Dann hättest du noch einen stinkenden Käse bestellen müssen“, sage ich. „Das wollte ich nur leise sagen“, grinst Helge, „aber wofür ich das brauche, das bleibt mein Geheimnis.“ Er verrät es doch, als Lara ihm zumindest die Gabel überreicht und ihn bittet, sich wegen des Gaffa-Tapes an André zu wenden. Helge legt den Griff der Gabel mit den Zinken auf seinen Bauch gerichtet auf den Tresen und deutet mit einer Handbewegung an, wie er sie quer mit Gaffa-Tape festklebt. „Das wird mein Kopfhörer-Halter“, sagt er. Der Schleier ist gelüftet, ich bin baff. „Schön mit Rundung“, deutet Helge auf die Zinken, „da kann man den Kopfhörer reinhängen.“ Er nimmt die Gabel von der Theke und grübelt: „Was hat sie gesagt, André fragen wegen Gaffa?“ Hat sie.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Zwei Sekt bestellt Iris und deutet auf den untersten Boden der Vitrine: „Was ist das denn Putziges?“ Auf einem Silbertablett stehen gerade noch zwei winzige Alu-Förmchen mit kraterartigem Gebackenem darin. „Keine Ahnung, irgendwas Vanilliges“, sagt Lara. „Möchtest du eins?“ – „Nä“, sagt Iris und geht in Abwehrhaltung einen Schritt zurück. Lara ist verwirrt: „Eben waren sie noch putzig?“ – „Daran ändert sich auch nichts“, versichert Iris. „Aber essen? Nee.“ Ohne das zu begründen, aber mit einem breiten Grinsen nimmt sie ihre Sektgläser und geht ins Achteck. Ich finde, dass die Vanilligen gut aussehen. Wenn nicht gerade so viel los wär, würd ich eines bestellen. Zum Probieren.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Aber die Schlange der ihrerseits Bestellenden reißt gerade gar nicht ab, zum Glück. „Da ist jeweils 50 Cent Pfand drauf“, sagen Lara und Sina bei jedem Getränk, das sie an die Gäste ausgeben. Das wird ab sofort zu ihrem Mantra. Astra geht heute am besten, in Urtyp ebenso wie in Rotlicht. Die beiden mischen Weißweinschorlen und Mojitos. Sie greifen im Kühlschrank nach Wolters, Bionade, Schöffehofer Grapefruit, Fritz-Kola und Beck’s. Jeder geöffnete Kronkorken landet klackend in einem grünen Becher, um den ganz viele rote Gummibänder gewickelt sind. Sie drücken bei der Kaffeemaschine auf den Knopf für Cappuccino. Sogar der Bitte nach einer Zigarette kommt Sina nach. Lara ist müde, ihre Augen sind nur halb geöffnet. „Was ist los?“, frage ich. „Wenig geschlafen“, kommt die wenig überraschende Antwort. „Was war’s“, frage ich nach und mutmaße: „Der Mond?“ Der nimmt gerade zu und ist wegen der Wolken ohnehin nicht zu sehen, ist also zurzeit das unverfänglichste Argument für Müdigkeit. Sie nickt: „Genau, der Mond.“ Also nicht. „Ist schlimm grad, nicht?“, spinne ich weiter. „Ja“, sagt Lara. „Erst der Mond, dann die Sonne. Die wechseln sich ab. Du kommst da nicht raus. Das ist Scheiße.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Rein kommt dafür Marc, mit einer großen Papprolle in der Hand. Die reicht er Sina über den Tresen und bittet sie, das Plakat aufzuhängen. André kommt aus der Küche und wird sofort neugierig. Er lässt sich vom Sina das Plakat geben, sieht es sich an und verspricht, es noch am Abend aufzuhängen. Worum geht’s? „Rock’n’Roll Wrestling Bash“, klärt Marc mich auf. Was? „Am 4. September in der Skateboardhalle Walhalla, ein Rock’n’Roll-Konzert mit Wrestling-Show“, erklärt er. GTWA nennt sich der Veranstalter, „das steht für Galactic Trash Wrestling Alliance“, sagt Marc. Und fügt berechtigt hinzu: „Das wird die skurrilste Show, die Braunschweig je gesehen hat, das schwör ich!“ Marc ist erster Vorsitzender von Walhalla und veranstaltet das Spektakel zusammen mit Carlos, dem Chef der GTWA. „Ein Mexikaner“, erklärt Marc. „Es wird einiges an Skurrilitäten zu sehen geben, zum Beispiel Fights wie Betty Poo gegen Boris The Butcher, Blutgesplatter und Pyrotechnik, mit Musik abgestimmt.“ Ui. Marc führt weiter aus: „Die Band spielt während des Wrestlings, die Moves sind auf die Musik abgestimmt.“ Für mehr Informationen verweist er auf die Internetseite und das mitgebrachte Plakat, „André wollte das gleich aufhängen.“ Jetzt zieht es Marc aber nach draußen zu seinen Getränken.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Draußen ist es rappelvoll. Wo hat man schon mal Gäste im Außenbereich ihres Lieblingscafés bereitwillig stehen sehen? Die Soul-Party hat sich eben einfach nach draußen verlagert, es sieht dort so aus, wie es drinnen aussehen würde, wäre es draußen kalt. Drinnen rotiert derweil der Ventilator am Eingang, Helge hat die ersten Tunes eingespielt, ein Gast stützt sich mit Getränk in der Hand auf die Holzabdeckungen auf den LP-Regalen. Am Tresen wimmelt es vor trinkfreudigen Gästen. Das Riptide ist längst bereit, zum Tanz zu bitten. In zwei Wochen bittet es außerdem zum Metal: Im Rahmen der Braunschweiger Kulturnacht gibt’s „Read ’em All“ mit Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Helges Schwager. Zurzeit geht gottlob eine Menge in Braunschweig. Trotzdem verliert die Eintracht in dieser Nacht, 1:2 in der Verlängerung. Da mag man mit den Nürnbergern einstimmen, die da sagen: „Lieber Fünfter als Fürther.“</p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze Bosenick<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#33 Kein Freispiel drin</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 20:28:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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Gregor will eigentlich nur kurz im Riptide fragen, ob seine LPs da sind. Eigentlich. Wie ich bleibt er jedoch einige Stunden da, was uns beiden wiederum sehr leicht fällt, und geht’s nun mal prima dort, um die Mittagszeit herum an der Theke. Chris ist da, zurzeit noch allein. Er pendelt zwischen Küche, Tonträgerfächern, Theke und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Gregor will eigentlich nur kurz im Riptide fragen, ob seine LPs da sind. Eigentlich. Wie ich bleibt er jedoch einige Stunden da, was uns beiden wiederum sehr leicht fällt, und geht’s nun mal prima dort, um die Mittagszeit herum an der Theke. Chris ist da, zurzeit noch allein. Er pendelt zwischen Küche, Tonträgerfächern, Theke und Achteck hin und her, während er im Vorbeiflug an Gregors und meiner Unterhaltung teilhat. Ja, uns geht’s prima, da macht es auch nichts, dass es trotz weniger als 30 Grad Celsius unerträglich warm, weil schwül ist. Ein schwenkender Ventilator neben dem Eingang weht uns immerhin gelegentlich etwas Erfrischung zu. Denn weniger als 30 Grad Celsius hat es nur draußen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Wie üblich komme ich gerade von Raute Records. Das entwickelt sich zu einer schönen Gewohnheit, wie früher, als man freitags zuerst in den Moorkater und dann ab drei Uhr ins Farmer’s Inn gefahren ist. Heute ist es eben statt Katerfarmer’s Rauteriptide. Bei Raute kann man wie im Riptide einfach nur mal so sein, ich hatte aber noch einen anderen Grund. Eine lange Geschichte: Riptide-Literat und -Gast Frank Schäfer spielte einst bei einer Heavy-Metal-Band Gitarre, das war nach seiner Zeit bei Operation Daisyland. Diese andere Band nun hieß Salem’s Law. Auf dem ZYX-Sublabel ZYX Metallic kam vor 21 Jahren das beinahe einzige Album „Tale Of Goblin’s Breed“ heraus, auf Vinyl und CD. Das Sublabel stellte jedoch kurz darauf den Betrieb ein und das Album wurde nicht nachgepresst. Jetzt ist es eine solche Rarität, dass es weltweit für um die 100 Dollar gehandelt wird, wenn man es denn überhaupt jemals irgendwo findet, egal, in welchem Format. Deshalb habe ich es bei eBay in meine Suchanfragen aufgenommen. Jetzt war es einmal wieder drin, sogar als LP, und für einen erschreckend geringen und für eine einzelne LP dennoch recht hohen Preis. Ich war überrascht. In welchem entlegenen Winkel der Erde mochte die LP jetzt wohl angeboten werden! Ob der Verkäufer seriös war? Ich schaute auf das Profil – und war gleichzeitig erstaunt und sah mich bestätigt: Raute Records, Braunschweig. Wo sonst! Uwe und Katrin sei Dank: Die Power-Metal-LP von der Band aus Gifhorn ist jetzt mein. Ein zweites Album von Salem’s Law hat es übrigens doch noch gegeben: Aufgenommen 1990 bis 1992, veröffentlich jedoch erst vor zwei Jahren, und zwar als Bonus-CD zu Franks Buch „Generation Rock“.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Doch auch im Riptide wartete Vinyl auf mich: Chris und André wissen, dass ich Veröffentlichungen von !!! stets in meine Sammlung integrieren möchte. Überraschend mailte mit Chris also kürzlich von einer neuen !!!-12“. Von einem kommenden Album hatte ich gelesen, von der 12“ namens „AM/FM“ jedoch erst nach Chris’ Mail. Vom einen Glück ins nächste: Von der 12“ gibt’s nur 800 Stück weltweit. Sie ist durchsichtig und greift damit die Eis-Gestaltung des im August kommenden Albums „Strange Weather, Isn’t It?“ auf. Sehr schön, die Gestaltung, und sehr schön auch, dass eine der 800 Kopien im Riptide und nun bei mir landet.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Chris stellt die 12“ an die Seite neben der Kasse, wo ausgewählte Schallplatten immer stehen, bis der Kunde seinen Aufenthalt im Café beendet. Dazu stellt Chris gleich noch eine Platte, nämlich die, die Gregor sich ausgesucht hat: „John Cale Live At Rockpalast“. Gregor wählt außerdem ein alkoholfreies Hefeweizen und stellt dies auf die Theke neben meine Fritz-Cola. „Hattest du noch etwas bestellt, war die Current 93 für dich?“, fragt Chris Gregor in einer Weise, die am treffendsten mit verschmitzt zu bezeichnen ist. Chris weiß, dass er damit Gregor locken kann: „Like Swallowing Eclipses“, eine schwarze Box mit bunten Kindern drauf, enthält sechs LPs. „Das sind die ersten fünf Alben, geremixt und mit einer Bonus-LP“, erklärt Chris und reicht Gregor die Box. „Ui, das ist aber schön“, sagt der. „Und dann noch mit Andrew Liles!“ Chris nickt: „Der hat die geremixt.“ Gregor reicht Chris die Box zurück und fragt: „Und Lilium, ist meine Lilium-LP da?“ Chris wendet sich den Regalmetern mit den Bestellungen zu und fragt, nicht minder verschmitzt: „Auf CD?“ Gregor ist fast entsetzt: „Nein, auf Vinyl natürlich, doch nicht das Auslaufmodell!“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Kein Schrott, ich kaufe nur Vinyl, außer, es gibt etwas nur auf CD.“ In den 90ern hätte er beinahe den Fehler gemacht, Vinyl komplett abzustoßen, sagt er. „Aber ich hab’s nicht gemacht“, sagt Gregor erleichtert. Er wendet sich dem LP-Kasten mit den Neuheiten zu und blättert darin herum.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
In der Ecke zwischen den Vinyl-Neuheiten und der Theke steht ein schwarzer Tisch mit Aufstellern, in denen aktuelle und ältere Ausgaben von Musikexpress und Rolling Stone klemmen. So auch die neueste Ausgabe des Rolling Stone, die bei mir erst heute im Briefkasten klemmte, mit dem neuen Prince-Album darin. Der Intro-Aufsteller drückt sich neben dem Tisch an die Theke, auf der anderen Seite das lila Evil-Puppets-Plakat, das ich eben schon bei Raute an der Tür kleben sah. Auf der Theke liegt das Klemmbrett mit der Email-Verteiler-Liste, die jemand mit Riptide-Schriftzeichen und einer Zeichentrickkatze verschönert hat. Mich erinnert das an die silberne Auberginen-Kettensäge, die seit einiger Zeit Brücken und Schilder auf und an Autobahnen rund um Braunschweig verschönert. Das Album von The Roskinski Quartett inklusive Button und die drei Quartetts zu den Themen Seuchen, Tyrannen und Rauschgift verzieren die andere Seite der Theke. Die Quartetts sorgen bei Gästen immer wieder für Erheiterung.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Die Wände im Café-Bereich sind leer, ohne eine Ausstellung, das waren sie beim Fußballweltmeisterschaftshalbfinale vor einigen Wochen auch schon. Das war ein lustiger Tag, abgesehen vom Ergebnis. Spanien schlug Deutschland mit 1:0, aber das war gar nicht so wichtig. Wichtiger war, dass ich es schaffte, wenigstens ein Spiel dieser WM im Riptide zu sehen. Im Riptide, wahrhaftig, denn draußen im Achteck war kein Platz mehr. Dabei war ich schon früh da, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, und doch waren sämtliche Plätze auf allen Stühlen und Bänken besetzt. Keine Lücke. Erfreulich einerseits, andererseits schade, weil der einzige freie Platz für meine Begleitung und mich im Café war. Meine Begleitung sicherte uns die Barhocker am Fernseher, also dem großen Fenster, das wir folglich im doppelten Sinne als Fernseher nutzten, mit Längsbalken im Bild und verschwommenem Blick, weil das Glas altersbedingt uneben war. Im Café war es an dem Tag klebrig heiß, so wie es heute draußen ist. Das Sitzen allein ließ den Schweiß fließen. Eigenmächtig drehte ich den Schwenkventilator in unsere Richtung, das half. Die kühlen Getränke halfen außerdem. Beste Voraussetzungen für einen tollen Fußballfernsehabend. Und so war es auch. Auf dem Sofa warteten einige Leute wie wir auf den Spielbeginn und redeten lustige Sachen. „Ich nenne ihn immer Ötzel“, sagte etwa einer von ihnen, als Spieler Mezut Özil in Großaufnahme gezeigt wurde, und fügte die überzeugende Erklärung hinzu: „Das gefällt mir besser.“ Mehr als die Kommentare der Gäste im Café hörten wir auch nicht, denn schlechter noch als das Bild gelangte der Ton an unseren ansonsten vorzüglichen Sitzplatz. Den teilten wir mit einem pfeiferauchenden Guckkollegen, der alsbald auf dem hernach frei gewordenen Sofa einnickte. Recht hatte er einigermaßen, das Spiel war langweilig. Interessant war umso mehr das Publikum vor uns. Zur Hälfte saßen Frauen vor der ausgerollten Leinwand, das war schon mal sympathisch. Am Verhalten der heterogenen Gruppe merkten wir auch, dass wir in guter Gesellschaft waren. André reichte etwa Teller mit Nachos und Dips an einen zu weit entfernt sitzenden Gast, und anstatt, dass die anderen Gäste André hämisch grinsend beim die ausweglose Situation meistern beobachteten, griffen sie nach dem Teller und reichten ihn an die ausgestreckten Arme weiter hinten weiter. Oder als einer Zuschauerin in einer spannenden Spielszene ein Quieker entwich, da drehten sich die anderen Zuschauer zu ihr um und freuten sich mit ihr, lachten aber nicht über sie. Oder als eine andere Zuschauerin vor unserem Fenster für einen Sekundenbruchteil ihre Rassel betätigte, konterte ein anderer Gast mit einem ebenso kurzen Trillerpfeifentrillern. Und als dann letztlich das Halbfinalspiel für die Deutsche Mannschaft verloren ging, gab es kein Geschrei, sondern eher Schulterzucken und weitere Getränkebestellungen. Fußballgucken mit Niveau, ganz genau. Wir hatten Spaß dort, an unserem Fernseher und vor den leeren Wänden.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Es ist Sommerloch“, begründet die Chris. „Wir werden die Wände streichen und renovieren, nach zehn Ausstellungen sehen die entsprechend aus.“ Stimmt, ich erinnere mich an den vergeblichen Versuch, Poster-Klebestreifen von den Wänden zu entfernen, ohne dabei die Farbe herunterzubröseln. „Bei dem Wetter hat fünf Wochen keiner drinnen gesessen, da nutzen wir die Gelegenheit“, sagt Chris. „Und im Winter streicht ihr draußen?“, frage ich.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Gefunden“, ruft Gregor und zieht das Album „Felt“ von Lilium aus der Neuheiten-Box. „Da isse doch.“ Er reicht die Platte Chris, der sie zur John-Cale-LP stellt. „Den habe ich schon zweimal live gesehen“, sagt Gregor, „91 und 92, im Capitol.“ Chris wendet die Platte in seiner Hand und erklärt: „Die hat Ecki Stieg herausgebracht – den kennen wir ja noch alle aus der Zeit, als Radio noch ‚ooooh’ (imitiert ein glückliches Staunen) war.“ Und ob. Ich erinnere mich außerdem an eine Begebenheit aus den 90ern, als Ecki Stieg einmal im Exil in Bodenteich aufgelegt hat. Zu den Stammgästen dort zählte damals einer, der aussah wie ein Ober-Grufti: schwarze Flokati-Jacke, schwarze Pumphose und wallende, schwarze Löwenmähne. Er wirkte dank seiner Erscheinung stets größer, als er tatsächlich war, und war außerdem weitaus liebenswürdiger, als viele dem Äußeren nach annahmen. Jedenfalls erzählte man sich, dass er während Stiegs Gastspiel als DJ in der sanitären Einrichtung sein Geschäft verrichtete und dass Steig neben ihm stand. Stieg sah ihn und fragte: „Hey, willste’n Autogramm?“ Der Angesprochene drehte sich zum Star-DJ um und antwortete mit den Worten: „Nö.“ Für die musikalische Sozialisation vieler Niedersachsen waren Stiegs „Grenzwellen“ auf Radio ffn jedenfalls definitiv weg- und richtungweisend. „Er hat sein Label ‚MIG’ genannt, ‚Made In Germany’“, fährt Chris fort. „Darauf veröffentlicht er lauter schwer zugängliche Alben, die ihm wichtig sind.“ Wie etwa das „Live At Rockpalast“-Konzert von John Cale. „Ich kenne das Konzert, das habe ich schon auf CD, aber ich bin froh, dass es das jetzt auf Vinyl gibt“, sagt Gregor. Auf DVD auch, fällt mir ein, im neuen Eclipsed ist ein Ausschnitt daraus auf der beigelegten DVD-Compilation „Live At Rockpalast Vol. 2“ enthalten. Gregor wehrt ab: „DVDs brauche ich nicht, die habe ich von John Cale genug.“ Gregor lässt sich darüber aus, dass es keine guten Konzerte mehr in Braunschweig gibt, vor allem, seit das FBZ dicht ist. Ich stimme zu und halte dennoch das Festival Theaterformen entgegen, das kürzlich in Braunschweig stattfand. Gregor ist betrübt: „Da war ich nach der Arbeit zu kaputt – und ich kannte keinen, außer Knarf Rellöm.“ Gregor arbeitet als Kinderpfleger und Gärtner, nacheinander, also nicht als Kindergärtner. „Aber von Knarf Rellöm waren auch nur die ersten zwei Alben gut – ‚Bitte vor R.E.M. einordnen’.“ Er lacht laut los.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Gregor hat ja Recht. Alle, und wenn ich das sage, übertreibe ich nur unwesentlich, vermissen das FBZ. Autor und Da-Capo-Kolumnist Luc Degla lässt es beim Vermissen nicht bleiben: Er übernahm von Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf und machte daraus das Sowjethaus. Dabei steht „Sowjet“ für „Rat“ und „Beratung“, nicht für die kommunistische Idee, damit heißt das „Sowjethaus“ im Grunde so viel wie „Rathaus“. Und wegen Konzerte namhafter Indie-Musiker: Am 2. September kommt Reinhard-Mey-Adept Gisbert zu Knyphausen ins Nexus. Es ist zwar insgesamt weniger als früher, nach wie vor, das stimmt wohl, aber gottlob nicht nichts.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Chris stellt eine Tasse in den Kaffeeautomaten und drückt einen Knopf. Während heißer Dampf und lautes Fauchen dieser Handlung folgen, sagt Chris zu Gregor: „Du machst doch auch Musik.“ Das bestätigt Gregor, auch wenn es ihm gerade etwas unangenehm ist. Krapp heißt Gregors Band, „wie die Färbewurzel“, erklärt er. „Wir machen Folk.“ Für heute Abend steht eine Bandprobe an. Seit 22 Jahren spielt er bei Krapp. „Deine alte Band, sag’s schon“, ermuntert ihn Chris am Kaffeeautomaten. „Ich hab euch als kleiner Junge am FBZ gesehen, beim Umsonst und Draußen“, sagt Chris. „Rummelfuchs hießen wir“, sagt Gregor. „Ihr habt so eine Art Hippie-Punk gemacht“, meint Chris. Gregor lacht verächtlich: „Hippie-Punk? Iiihh.“ Chris grinst und erklärt: „Als kleiner Junge habe ich das als Hippe-Punk empfunden, Punk war für mich Black Flag.“ Gregor wehrt ab. Ganz früher, also noch davor, war er bei den Incredible Fish Hunters. „Ich werde auch immer Musik machen“, sagt er. Er spielt Schlagzeug: „Und das schon seit 25 Jahren.“ Als nächstes live sehen kann man Krapp bei der Braunschweiger Kulturnacht am 28. August, und zwar im Kleinen Haus. „Da haben wir vor zwei Jahren schon einmal gespielt und vor vier Jahren im Figurentheater Fadenschein, das war auch gut, guter Sound.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Gegor und ich sind mitnichten die einzigen Gäste und Kunden im Riptide. Zwei niederländische Metal-Fans kaufen sich einige Metal-Alben als Picture-Vinyl, ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen und Papa im Schlepptau bittet Chris um eine Serviette. Die Tische im Achteck sind gut belegt. Zwischendurch kommen auch ein Post-Zusteller und Rainer vom Hermes-Versand. „Ich bringe immer Platten“, sagt Rainer. Am Format seines Paketes ist deutlich erkennbar, dass es auch dieses Mal so ist, und an der Dicke des Paketes erkennt er, dass es mehr sind als sonst: „Manchmal ist nur eine drin.“ Auch André ist inzwischen eingetroffen. Er und Chris tauschen heute die Rollen, denn André ist es, der sich an den Computer klemmt und dort arbeitet, während Chris etwa das Paket von Rainer entgegennimmt.<br />
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„Es hat so schöne Plattenläden gegeben in Braunschweig“, sinniert Gregor, während ich mich von seiner Getränkewahl dazu anregen lasse, mir ebenfalls ein alkoholfreies Hefeweizen zu bestellen. „Crown Records, das war gegenüber vom Atlantis und hat 91 dicht gemacht, Clash Records, Fallersleber Straße, hat 91 dicht gemacht, der Laden war fantastisch.“ Ran 7 und die Garage führe ich ins Feld, kann ihn damit aber nicht überzeugen. Erst bei Raute und Riptide ist er wieder dabei: „Ich musste fast 20 Jahre warten, bis es wieder einen vernünftigen Plattenladen gab, eine Durststrecke, es hat fast 20 Jahre keine guten Läden gegeben.“ Sein schwelgerischer Blick fällt plötzlich auf die Flasche Record Cleaner in der Ecke des Tresens. „Lohnt sich das?“, fragt er Chris. „Das ist ein erstaunlicher Effekt, den du damit erzielst“, sagt Chris und meint damit „ja“. Die Klangqualität verbessere sich deutlich. „Du sprühst etwas davon auf das Tuch, das mit dabei ist, und reibst damit die Platte vorsichtig ab.“ Gregor sagt: „Ich nehme immer Alkohol.“ Chris nickt: „Oder Wasser mit Spülmittel.“ Gregor fallen dabei lauter Bands ein, nach denen er Chris im Computer suchen lässt, wie Pere Ubu oder Mission Of Burma. Doch das, was er sucht, findet auch Chris nicht. Gregor hält kurz inne und sagt dann: „Die ‚Like Swallowing Eclipses’, was ist da drauf?“ Chris nennt Gregor die Alben-Titel und erklärt, dass Current 93 die neu eingespielt und Andrew Liles die geremixt hat und dass da noch eine sechste LP mit unveröffentlichten Sachen bei ist. Chris spricht David Tibet französisch aus, so haben Gregor und ich den Namen noch nie gehört. Wir finden beide die Aussprache sehr klangvoll. Gregor überlegt nun nicht mehr, sondern sagt: „Stell mir die Box beiseite, ich nehme sie nächstes Mal mit.“ Das macht Chris gerne. Gregor und ich begleichen unsere Rechnungen, grüßen André an seinem versteckten Arbeitsplatz und gehen mir Chris ins Achteck, wo jener einen Tisch abwischt. „Schönes Leben noch“, ruft Chris uns grinsend nach. Gregor lacht. Ich sage: „Wir hatten eigentlich vor, das hier zu verbringen.“ Chris nickt freundlich: „Ich auch.“</p>
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Matze Bosenick<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#32 Hublot in Vancouver</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 11:05:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
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Mittwoch, 16. Juni 2010

Heute soll es sein: mein erstes ganzes Fußballspiel der laufenden WM im Fernsehen. Bislang hatte ich keine Zeit dazu, da will ich mich heute ins mein erweitertes Zuhause setzen, besser: ins Achteck dazwischen. Das Riptide wirbt mit „Fußballgucken mit Niveau“, und genau das will ich haben. Denn ich erinnere mich gerne an [...]]]></description>
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<strong>Mittwoch, 16. Juni 2010</strong><br />
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Heute soll es sein: mein erstes ganzes Fußballspiel der laufenden WM im Fernsehen. Bislang hatte ich keine Zeit dazu, da will ich mich heute ins mein erweitertes Zuhause setzen, besser: ins Achteck dazwischen. Das Riptide wirbt mit „Fußballgucken mit Niveau“, und genau das will ich haben. Denn ich erinnere mich gerne an die Fußball-WM vor vier Jahren. An sich hatte ich seit 1990 keine Lust mehr auf Fußball, vor allem nicht auf den der deutschen Fußballnational-Band. Die hatte sich in Folge ihres Weltmeistertitels dergestalt arrogant aufgeführt, dass sie vergaß, weiterhin ordentlich Fußball zu spielen. Die Europameisterschaft 1992 habe ich natürlich wahrgenommen und schon damals, ein Jahr vor meiner ersten Reise dorthin, zu Dänemark gehalten, aber das eher zufällig, eben gegen die Arroganz und für den Unterhund. Dänemark war damals ein schönes Beispiel für eine korrekt verkehrte Welt, mit Frittenbudenernährung und Europameistertitel. Folgende Weltmeisterschaften habe ich kaum noch wahrgenommen. 1998, da klingelt etwas, 2002 hab ich nicht mal den Meistertitelträger erfahren. Als dann also die WM vor der Haustür stattfinden sollte, dachte ich nur: mir doch egal. Was ist schon Fußball, wenn er nicht einmal mehr vernünftig aussieht (als Sport, nicht als Sportgerät)!<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Meine Fußballsozialisation habe ich als Kind von meinem Vater erfahren, wie es sich wohl gehört. Er war gebürtiger Hamburger und naturgemäß HSV-Fan. Das hatte sich damals auch noch gelohnt, mit Uli, Manni, Felix und Horst. Und Uwe Seeler ist heute ja auch wieder in aller Munde, phonetisch jedenfalls, und dann im doppelten Sinne. Mit meinem Vater ging damals jedoch auch mein Fußballinteresse. Das weckten erst in den 90ern Kollegen wieder, als ich in Wolfsburg arbeitete und der dortige Verein in die erste Liga aufstieg. Ich kam nicht umhin, mich mit Bundesligafußball auszukennen, und wehrte mich auch nicht dagegen. Es macht mir seitdem Spaß, Woche für Woche die Ergebnisse aus mittlerweile drei Ligen zu studieren und mit den Vereinen meiner Zuneigung zu fiebern. Für internationalen Fußball hingegen hatte es bis 2006 dennoch nicht gereicht.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
In allerletzter Sekunde ließ ich mich dazu hinreißen, das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica zu gucken, und zwar in einem traditionell nicht unbedingt fußballaffinen Umfeld: im Merz und mit Frauen. Zwar verachte ich Menschen, die in typischen Rollenklischees denken, handeln und reden, aber in dem Moment hatte ich genau darauf Lust, mich selbst in die postulierte Frauenrolle zu drängen, nämlich als vermeintlich Unwissender eine Freizeitaktivität wahrzunehmen, die dem Rest um mich herum im Gegensatz zu mir etwas bedeutete. Protest, ja. Und dann kam alles ganz anders: Das Merz-Publikum bewies, dass Fußballgucken mit Massen auch richtig viel Spaß machen kann. Und die Deutsche Mannschaft zeigte, dass sie es wieder wert war, ihrem Spiel zuzusehen. 4:2, sechsmal Applaus, Costa-Rica-Fahnen wehten im Merz, alle feierten jedes Tor. Was für eine herrliche Harmonie. Und ebendiese Harmonie erlebte ich bei der WM nahezu durchgehend. Das Merz und auch die frisch eröffnete Okercabana waren Hauptanlaufpunkte für mich. 2006 hatte ich in den kuriosesten Konstellationen Fußball geguckt, aber am schönsten war es immer im Merz und in der Okercabana. Dort, am Strand, hatten sie Flachbildschirme aufgebaut und Hefeweizen zu umgerechneten 1990-Preisen ausgeschenkt. Wir saßen neben Argentiniern, die mit uns Mexico-Spiele guckten, und kuschelten uns zum Sonnenuntergang bieretrinkend in den Sand, während über uns eine verirrte Möwe kreiste und Brasilien und Frankreich eine spannende Partie austrugen.<br />
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So will ich es heute auch wieder haben, eben „Fußballgucken mit Niveau“. Also ab ins Riptide. Noch schnell vorher im Curry House eine gute Mahlzeit verdrücken, dann rüber ins Achteck. Die Bedingungen könnten besser kaum sein: blauer Himmel, vereinzelte Wolken, es ist warm, ein leichter Wind weht. Nichts ist mehr zu spüren von drückender Schwüle und anschließendem Kälteeinbruch. Doch im Achteck ist von der Leinwand gar nichts zu sehen. Ich gehe ins Café und begrüße André und Chris. André steht in der Küche, Chris sitzt im Büroteil. „Wo habt Ihr denn die Leinwand?“, frage ich. „Die rollen wir gegenüber aus“, antwortet André. Ein Blick aus der Tür zeigt mir eine weiße Querstange über dem großen Fenster der Rip-Lounge. „Ich suche mir mal einen Platz“, sage ich. Chris nickt: „Plätze sind rar heute.“ Kann ich verstehen, Fußball läuft ja gleich. Ich bewundere das Vertrauen in Technik, das Chris und André zeigen, denn schließlich steckt die Leinwand immer noch unausgerollt in der weißen Rolle. Lara kommt zum Dienst, ich bestelle mir ein Wolters bei ihr und setze mich draußen an einen frei gewordenen Tisch. Mit zwei Freunden bis ich verabredet, zum Quatschen und Fußballgucken. Ich warte.<br />
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Im Achteck ist es wie immer wunderschön. Das Gildenschild am Caféeingang trägt eine Blumenampel, links und rechts von der Tür sind zurzeit nicht brennende Ölfackeln aufgestellt. Zwischen dem Balkon und der zurzeit noch optionalen Leinwand sorgt ein grünes Sonnensegel für Schatten auf dem hoffentlich bald flackernden Fernsehbild. Auf dem Balkon macht es sich ein Mensch mit Laptop bequem. Ein Deutschlandfähnchen steckt in einem Blumenkasten, bunte Wimpel umkreisen die Reling des Balkons. Die Sonne beleuchtet den oberen Rand der maurischen Mauern. Der Clown, der einige Wochen lang den Elektroschaltkasten neben dem Riptide geziert hat, ist weg. Schade! Schwalben kreischen über den Dächern. Die Tische sind voll besetzt, überall sitzen Menschen, die essen, trinken, sich unterhalten und lachen. Eine angenehme Geräuschkulisse. Aber eigenartig entspannt: Sollte sich nicht langsam das Fußballfieber einstellen? Die beiden Frauen direkt unter der immer noch eingerollten Leinwand gehen. Klar, würde ich so kurz vor Anpfiff auch machen. Zwei andere Frauen setzen sich. Ich überlege, sie zu warnen, denke aber, dass André oder Lara das auch machen werden, wenn sie die Leinwand ausrollen. Chris nicht: Der hat bereits Feierabend und sich schon verabschiedet. Diese Gelassenheit ist aber wirklich rätselhaft. Ich suche den Beamer und kann ihn nicht finden. Was ist das für Technik, die sie hier haben? Eine Plasmaleinwand, ein einrollbarer Fernseher? Das kann doch nicht sein. Gleich ist es halb. Auch meine angekündigten Begleiter sind noch nicht da.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Aus einer der Nachbarkneipen im Handelsweg dringt Vuvuzelageräusch herüber. Kein Anlass für meine Kneipiers, die Leinwand auszurollen. Viel nerviger als die Vuvuzelas finde ich überdies das Gemecker über sie. Ist es denn so, dass die Spieler sich nicht mehr verständigen können? Dass sie den Schiedsrichter nicht mehr pfeifen hören? Dass sie Traineranweisungen nicht mehr wahrnehmen? Umso besser, dann sind die Chancen endlich mal gleich. Die bisherigen Ergebnisse geben mir recht: So gleich schlecht haben bei Weltmeisterschaften selten alle Mannschaften gespielt. Was für trübe Tassen! Überraschend ist es in der Vorrunde bislang lediglich die deutsche Mannschaft, die grandiosen Spielspaß zeigt und so spielt, wie man es von Brasilianern kennt. Im ersten Durchgang der Vorrunde haben nur zwei Mannschaften aus eigener Kraft mehr als ein Tor geschossen. So betrachtet, ist es nicht schlimm, das ich bislang nicht zum Fußballgucken gekommen bin. Na ja, gestern Abend habe ich mir die zweite Halbzeit von Brasilien und Nordkorea angeguckt. Ohne Originalton zunächst; ich dachte, wenn ich eh schon den Anfang verpasst habe, dann kann ich auch die neue CD der Chemical Brothers noch fußballbebildert zuende hören. „Further“ wird ja überall eher mäßig beurteilt. Zu wenig Hits, zu wenig geile Gäste, zu sehr auf Disco gemacht soll sie sein. Klingt für mich nach: Sie besinnen sich aufs Wesentliche, oder im VW-Sprech: aufs Kerngeschäft. Und so ist es auch. Man hört typische Chemical-Brothers-Sounds, nur eben nicht so brachial wie etwa auf den beiden sehr guten Alben davor. Die Brüder klingen gereifter, die Sirenen heulen nicht mehr so im Mittelpunkt. Dafür ertönt ein Pferdewiehern. Während ich also den chemischen Brüdern lauschte, sah ich die Einblendung, dass Béla Réthy das laufende Spiel kommentiert. Nein! Und ich höre die Chemical Brothers! Béla Réthy, der Gott unter den Fußballkommentatoren. Der Grund, Gurkenspiele zu gucken. Der Mann der redundanten Floskeln und des galoppierenden Unsinns. Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren sind wir im Freundeskreis regelmäßig lachend vor dem Fernsehgerät zusammengebrochen. „Für Italien steht es genauso 0:0 wie für Spanien“ ist zum Klassiker geworden. Oder der Moment in der Nachspielzeit, als Réthy mal minutenlang gar nichts sagte und man lediglich die Stadiongeräusche aus dem Fernseher hörte. Man versank allmählich in schöner Entspannung, als Réthy unvermittelt hektisch rief: „112. Minute!“ Ah! Danke, Herr Réthy, und gut beobachtet! Musste der uns deshalb wecken? Sehr schön auch Réthys Off-Kommentar, als beim Spiel Deutschland gegen Türkei das Bild kurz weg war: „Und da Sie einen Mann mit Vollbart sehen, können Sie auch erkennen, dass das Bild wieder da ist.“ Bei unseren Fußballguckrunden im Freundeskreis ist übrigens noch ein geflügeltes Wort entstanden. Maren, die selbsternannte Madame Réthy, fragte – bescheidwissend! – beim Gruppenspiel der Niederlande gegen Frankreich mit Blick auf die Tafel mit den roten und grünen Digital-Nummern, die ein Spielfeldrandmann immerzu in die Kamera hielt: „Wer ist eigentlich dieser Hublot, den die Franzosen ständig einwechseln?“<br />
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Das Brasiliennordkoreaspiel nun war langweilig und kann fehlerfrei als nicht geguckt verbucht werden. Die CD war schneller aus  als das Spiel. Ich schaltete den Réthy dazu, aber der war leider nicht witzig. Anders offenbar beim bislang einzig guckbaren Spiel der WM, Deutschland gegen Australien, da berichtete Maren, Réthy habe angesichts einer nicht vollzogenen Rachemöglichkeit eines Spielers kommentiert: „Klug genug.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Die Zeit schreitet voran, noch immer hat es niemand eilig, die Leinwand auszurollen und den Beamer aufzustellen. Das nenne ich mal Gelassenheit. Die Vuvuzuelas aus der Nachbarschaft werden immer lauter. Ich kann die Aufregung um die Tröten nicht verstehen. Ich bin mir sicher, dass alle Fußballgucker das Geräusch ab dem 12. Juli vermissen werden. Man kann vielmehr die Durchhaltekraft der Trötenden bewundern: Beim gestrigen Spiel ebbte der Geräuschteppich zu keiner Zeit ab. Das sind mal Lungen! Und der Geräuschteppich erinnerte mich an etwas. An die Horns Of Dilemma nämlich, das Begleitensemble der Violent Femmes. Auf deren Best-Of „Add It Up“ gibt es den Live-Track „Vancouver“, der klingt wie das Vuvuzelagedröhn aus dem Fernseher. Ich höre also ein anderthalbstündiges Horns-Of-Dilemma-Konzert, im Idealfalle mit Béla-Réthy-Kommentar. Wie schön!<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Und à propos Live-Konzert: War das Festival Theaterformen nicht schön? Zwar hatten die Veranstalter es nicht drauf, dafür vernünftig Werbung zu machen, und trotzdem jede Menge Leute mobilisiert, aber das Programm war endlich mal wieder wie weiland zu seligen FBZ-Zeiten. Los ging’s schon mit einem Knaller: Tamikrest sollten spielen, kurz vor WM-Anpfiff. Doch vor das Konzert hatten die Veranstalter Hürden gestellt: Im Theaterplan stand es unter „Haus III“ aufgelistet, also im Magniviertel. Das überhaupt herauszufinden war schon eine Meisterleistung. Zwar lagen überall die Programmbüchlein aus, auch im Riptide, aber wer sich für Theater nicht grundsätzlich interessiert, nimmt das alternative Konzertprogramm dahinter gar nicht wahr. Davon habe ich im Musikexpress erfahren, als ich scherzeshalber die Tourdaten von Dirtmusic/Tamikrest las – und überrascht feststellte, dass da Braunschweig aufgelistet war. Bei Die Zukunft ebenso. Warum, so fragte ich mich, wusste ich davon nichts? Sofort wollte ich Tickets haben. Im Ticketcenter war das Konzert in keinem System aufgelistet. Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis wir auf die Idee kamen, mal im Theaterplan nachzusehen, in dem dann unter „Haus III“ bei jedem Konzert stand: „Eintritt frei“. Wie bitte? Erneut: Warum weiß davon niemand? So also pilgerten wir an jenem Mittwoch zu Haus III und wunderten uns, warum wir die einzigen waren. Wir führten dies auf die eben sehr schlechte Werbung zurück. Na ja, und auch auf die Abwesenheit einer Bühne. An Haus III gab es keinerlei Hinweis auf das Konzert. Dort hing auch der Theaterplan aus, ja, vergewisserten wir uns, es stand unter „Haus III“, und klein darunter stand „Gartenhaus Haeckel“, offenbar der Sponsor. Das Haus III war verschlossen, also machten wir uns auf den Weg zu den Häusern Klein und Groß. Klein war ebenfalls verschlossen. Dann entdeckten wir ein riesiges Zelt mit Wimpeln daran im Museumspark. Dort sprach uns eine Frau an, ob wir uns in Braunschweig auskannten. Die Nachtigall hörte ich ganz laut trapsen: Auch sie suchte Tamikrest und konnte uns versichern, dass die Band im Zelt vor unserer Nase nicht spielen würde. Am Mobiltelefon hatte sie Leute, die bereits dort waren, wo wir hinwollten, und die uns lotsten. Und noch weitere Menschen, die so orientierungslos waren wie wir. Irgendwo am Ende des Theaterparks nun entdeckten wir weitere Menschen, die Bühne und den Grund dafür, warum auf dem Spielplan „Gartenhaus Haeckel“ stand: Das war der Name des Veranstaltungsortes. Den kein Braunschweiger kannte. Aber wir waren in der Zeit: Die Band hatte noch nicht begonnen. Am Merchandisingstand saß eine junge Frau, der ich erzählte, dass ich mir Tamikrest nur deshalb ansehen wollte, weil die auf der Dirtmusic-Platte „BKO“ unter anderem mit Hugo Race musizierten, den ich sehr schätze und vor Jahren schon einmal im Brain bewundert hatte. „Der ist heute auch hier, wenn du willst, kannst du nachher mit ihm sprechen“, sagte sie wie beiläufig. Okay. Alles war gut. Tamikrest auch: Mitnichten war es eine Rockband aus der Wüste, die Rockmusik spielte, sondern eine traditionelle Band aus der Wüste, die lediglich Rockinstrumente benutzte. Es war sehr chillig und entspannend. Nach und nach kamen die Darsteller von benachbarten Theaterveranstaltungen herüber und begannen, exstatisch zu tanzen. Exstatisch und ansteckend, der Raum zwischen Klappstühlen und Bühne füllte sich mehr und mehr mit ausgelassen zuckenden Menschen. Ein weiterer in Tuaregkleidung gewandeter Musiker enterte die Bühne und stöpselte sein Instrument ein. Völliges Understatement: Niemand nannte den Namen Hugo Race, nur wenige im Publikum wussten, um wen es sich da handelte. Race gab dem Quintett weiteren Schub, die Musik wurde zusehends mitreißender, die Menschen ließen sich mehr und mehr mitreißen. Furios! Noch furioser: Nach dem Auftritt hatte ich auch ohne Merchandisingstanddamenvermittlung die Gelegenheit, mit Hugo Race zu sprechen. Zweimal in zehn Jahren habe ich ihn gesehen, sagte ich ihm. „Wo war denn das andere Mal, im Brain?“, fragte er. Das war ja ein Ding: Er erinnerte sich! Und erzählte viel, davon, dass am Vorabend in Paris das vorerst letzte gemeinsame Konzert von Tamikrest und Dirtmusic stattgefunden hatte und dass er auf dem Weg nach Berlin in Braunschweig Halt machte, weil er sich an die Stadt erinnerte. Und dass er die Band gewarnt hatte, das Publikum in Braunschweig bei ihrem ersten Gig als Headliner in Europa nicht misszuverstehen, dass nämlich verhaltener Applaus keine Aussage über die Qualität des Auftritts mache, und dass er sich enorm wunderte, wie ausgelassen ebenjenes Braunschweiger Publikum dann tatsächlich war. Und er erzählte davon, dass viele Wüstenbewohner mit E-Gitarren und akkubetriebenen Verstärkern eigene Musik machten, sie auf USB-Sticks oder Mobiltelefonen speicherten und über Tausende von Kilometern hinweg via Bluetooth irgendwo in der Wüste mit anderen ebenfalls musizierenden Nomaden austauschten. Ich fühlte mich wieder wie ein Teenie, der seinen Lieblingsstar trifft, und ließ alle sechs Musiker die gemeinsam aufgenommene Doppel-LP „BKO“ bekritzeln. So einfach kann Glück sein.<br />
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Nicht so viel Glück hatte ich damit, die anderen Konzerte der Reihe wahrzunehmen. Lediglich bei Kristof Schreuf war ich noch. Das war ein gigantisches Familientreffen: Freunde an der Zahl, Leute vom Silver Club, von Radio Okerwelle, von überall. Und Schreuf auf der Bühne, der zwischen neuen eigenen, in Bastard-Pop-Art gecoverten und alten Brüllen- und Kolossale-Jugend-Liedern lustige ernstgemeinte Sachen sagte wie: „Glaubt nicht an die Wahrheit dahinter!“ Wir nahmen ihn beim Wort. Gern gesehen hätte ich auch Die Zukunft mit Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Olifr Guz, oder Hans Unstern, von dem im Nachhinein erfuhr, dass ihn Nackt produzierte, Bandmitglied von Warren Suicide, einer der wenigen Nullerjahrebands, die mich nachhaltig und dauerhaft überzeugen. Und To Rococo Rot, die hab ich auch verpasst, aber an dem Tag war ohnehin viel los in der Stadt. Bei Graff war Verleihung des Daniil-Pashkoff-Preises, im Riptide spielte Maximilian Hecker. Das war einer der vielen späten Abende, an denen ich meine Zeit im Riptide verbrachte und mich freute, dass der Laden so brummte. Wenn sogar Literaten und Angestellte ihre Freizeit an ihrem gelegentlichen Arbeitsplatz verbrachten!<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Ich blicke auf die Uhr. Das Wolters geht zur Neige, meine Begleiter sind noch nicht da, der Anpfiff ist längst erfolgt, die Leinwand jedoch noch immer nicht ausgerollt. Und es scheint auch niemanden zu beunruhigen. Ja, bin ich denn der einzige&#8230;? Ich gehe ins Café. „Äh. Nur mal so zu meiner Information: Zeigt Ihr das Spiel heute gar nicht?“, frage ich. „Ich dachte, Ihr zeigt jedes Spiel.“ – „Erst ab K.O.-Runde“, sagt André. „Vorher nur die Deutschland-Spiele.“ Er berichtet begeistert davon, wie voll es im Riptide beim Spiel gegen Australien war. Ich bin neidisch und nervös. Hey, ich habe mal einen Abend frei, da möchte ich endlich ein Fußballspiel sehen. Ganz. Das ist jetzt schon nicht mehr möglich. So gesehen erstaunt es dann doch, dass das Achteck so rappelvoll ist mit Leuten, die während der WM keinen Gedanken an sie verschwenden. Also zahle ich, verabschiede mich von Lara und André und beordere meine immer noch nicht anwesenden Begleiter per Kurznachricht zur Piazza Lino. Am Kohlmarkt hat Lino nämlich vor seinem Restaurant einen Flachbildschirm aufgestellt. Die Vuvuzela leitet mich dorthin. Das Spiel hingegen interessiert dort fast niemanden. Meine Begleiter treffen jetzt ein, wir ordern Wolters-Biere. Auf dem Schirm gurken auch Uruguay und Gastgeber Südafrika nur vor sich hin. Wir scherzen flach über Urumilitärs, Uruglider und Urupluies. Was ist denn bloß los bei dieser WM? Zwar gewinnt mit Uruguay mal eine Mannschaft 3:0, aber wie denn bitte! Das 2:0 war schon dubios. Torwart-Rot und Elfmeter, dem sich ein Feldspieler im Kasten ausgesetzt sieht. Der richtige Torwart versäumt das nächste Spiel, heißt es. Schön ist die dazugehörige Einblendung: „Misses Next Match“. Das ist eine Band! Deren Album hat das Label vom Riptide herausgebracht, die Plakate hängen dort im Achteck. Das ist dann ja doch noch fast wie Fußballgucken in Riptide.</p>
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Matze Bosenick<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#31 Sein bester Film</title>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 19:39:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
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Montag, 17. Mai

Der Himmel droht mit Regen, macht seine Drohung zum Glück aber nicht wahr. Bei Regen im Mai muss ich immer und automatisch an Max Werner denken, an „Rain In May“. Sofort habe ich das typische Schlagzeug-Intro im Kopf und die geleierten Zeilen „Feeling down when the autumn has come/Stormy days and the leaves [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Montag, 17. Mai</strong><br />
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Der Himmel droht mit Regen, macht seine Drohung zum Glück aber nicht wahr. Bei Regen im Mai muss ich immer und automatisch an Max Werner denken, an „Rain In May“. Sofort habe ich das typische Schlagzeug-Intro im Kopf und die geleierten Zeilen „Feeling down when the autumn has come/Stormy days and the leaves keep on falling“&#8230; Recht hat der Mann. Den Song mag ich ohnehin.  Serge hatte vor einiger Zeit mal die 12“-Single in seinem Antiquariat neben dem Riptide. Die hab ich aber stehen lassen – ich hab schon die 7“.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Gegen Mittag ist es heute noch ziemlich leer im Riptide. Jasmin und Caren sind zurzeit noch fast allein und harren der Gäste, die da kommen. Sie stehen hinter der Theke, ich stelle mich davor und bestelle einen Kaffee. „Eigentlich bin ich hergekommen, um etwas zu tun“, sagt Jasmin. Sie blickt sich etwas hilflos im Café um, aber alles, was es zu tun gab, haben die beiden bereits erledigt. Ich frage sie, ob die neuen Öffnungszeiten sich bereits etabliert haben. Seit Anfang Mai hat das Riptide nämlich auch montags bis mittwochs bis um 23 Uhr geöffnet. Mindestens jedenfalls; letzte Woche Mittwoch, am Tag vor Himmelfahrt, war ich erst um 23 Uhr hier. Vorher war ich mit Begleiter im Universum und hab mir endlich den Anvil-Film angesehen. Der Film ist gut, der bildet mit „This Is Spinal Tap“ und „Full Metal Village“ die heilige Dreifaltigkeit des Heavy-Metal-Films. Nur die Musik ist so mittelmäßig, wie es der ausbleibende Erfolg der Band ahnen lässt. Macht aber nix: Den Hit „Metal On Metal“ hatte ich tagelang im Ohr. So sehr, dass ich mir eben bei Raute Records das Album gekauft habe. Mehr brauche ich von Anvil dann aber nicht mehr. Oder?<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Raute hatte am Wochenende seinen zweiten Geburtstag gefeiert, wie mir Uwe und seine „Chefin“ vorhin erzählten. Sie hatten am Himmelfahrt-Donnerstag umgeräumt und am Freitag und Samstag eine kleine Feier mit Sonderangeboten veranstaltet. Als ich heute früh bei Raute auftauchte, war alles noch nicht wieder hergerichtet. Zu meinem Glück: Ich habe einige tolle 12“es und LPs gefunden, darunter die 11:45-Minuten-Version von „Tonight Tonight Tonight“ von Genesis, einem von zwei guten Songs von der Band aus der Zeit, und „The Boat“ von Bolland &amp; Bolland, das ich 1985 auf NDR2 bei „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen alias Die-Dschäi-Dschi-Äi gehört, super gefunden und in Ermangelung ausreichender Englischkenntnisse ohne Titel und Interpret auf Kassette gebannt hatte. Erst im letzten Jahr hatte ich herausbekommen, was ich da eigentlich 24 Jahre lang suchte und nun eben endlich fand. Aber Tolle-Sachen-Finden erstaunt mich ja bei Raute ebenso wenig wie im Riptide. Als ich im Gehen sagte, dass ich ins Riptide wollte, gaben mir Uwe und seine „Chefin“ Grüße für Chris und André mit.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Nach dem Anvil-Film jedenfalls sind mein Begleiter und ich ins Riptide gegangen. An sich hatte ich noch die Schweinebärmann Bar auf dem Schirm, wo Claudy Soundschwester ihre „Wild &amp; tanzbar“-Party veranstaltete, doch mein Begleiter musste anderntags früh raus und wollte nicht so lange bleiben. Also gingen wir um 23 Uhr ins Riptide und setzten uns ins Achteck. Dienst hatte an dem Abend Lukas. Er grinste, als wir ihn fragten, ob er nicht eigentlich den Laden dicht machen wollte, verneinte und reichte uns unsere gewünschten Getränke.<br />
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Lukas hatte ich erst eine Woche davor kennen gelernt. Er war derjenige, der bei der zweiten Show „Frank Schäfer proudly presents“ an der Kasse stand. Gaststars und Stargäste waren damals Michael Quasthoff und Dietrich zur Nedden von der Fitzoblongshow aus Hannover. Die hatte ich bereits bei „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch &amp; Kunst gesehen. Jedenfalls fragte ich Lukas, ob er neu sei, und er antwortete: „Ich bin im zweiten Monat“, stutzte kurz und schob dann hinterher: „Das klingt, als ob ich schwanger wär.“ Er klang an dem Abend leicht nordisch, doch er sagte, er komme aus Braunschweig. „Vom Strammgast zum Mitarbeiter“, meinte er. Das Nordische käme vom Kommilitonen, die so redeten und von denen er sich das etwas abgeguckt habe.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Für Frank-Schäfer-Fans gab es an dem Abend eine gute und eine schlechte Nachricht: „Eine Fortsetzung gibt es, aber jetzt ist erst mal Sommerpause, erst im September geht’s weiter“, verriet der Literat. „Es ist geplant, dass wir in diesem Jahr vier Ausgaben machen.“ Hoffentlich kommen dann mehr Leute als an jenem Donnerstag. Es regnete wie aus Kübeln, das hielt wohl viele potentielle Zuschauer davon ab, aus dem Haus und ins Riptide zu gehen. Vorher war ich beim Treffen unserer Bürgerinitiative im östlichen Ringgebiet, aber da außer mir noch ein weiteres Mitglied der Initiative unbedingt ins Riptide wollte, hatten wir das Programm etwas stringenter abgehandelt. Auch Frank sprach in Riptide übrigens von Anvil: Am Samstag nach seiner Show sollte er als eines von drei „Read ’em all“-Mitgliedern gemeinsam mit den anderen beiden, also Axel Klingenberg und Till Burgwächter, im Universum lesen, in Kombination mit dem Anvil-Film. Was für eine unfassbar großartige Veranstaltungsidee! Film und Lesung zum Thema Heavy Metal – im Kino! Und ich konnte nicht. Dafür sah ich mir den Film eben einige Tage darauf an.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Lukas also ließ meinen Kinobegleiter und mich entspannt unsere Getränke zu uns nehmen. Doch wie das in Braunschweig und im Riptide eben immer so ist: Ich wollte nur kurz durch die Lounge gehen, kam aber nicht weit. An einem Tisch saß eine große Runde Menschen, von denen mein Kinobegleiter und ich einige kannten. Also setzten wir uns dazu. Die Gruppe, die teilweise aus Mitgliedern der Theatergruppe Fanferlüsch bestand, hatte noch helles Leuchten in den Augen von der Veranstaltung, die sie davor wahrgenommen hatte: In der Nicht-Schlossattrappen-Filiale von Thalia hatten sie eine Lesung mit David Nathan und Oliver Rohrbeck gesehen und gehört. Nathan synchronisiert Johnny Depp, Rohrbeck spricht Justus Jonas von den Drei Fragezeichen. Das Besondere an der Lesung sei aber gewesen, dass nicht die beiden Sprecher mit Texten zu Thalia gekommen waren, sondern die Zuschauer. Die hatten Bücher, Heftchen oder Selbstverfasstes mitgebracht und sich vorlesen lassen. Mit geschlossenen Augen hatte sich das glückliche Publikum der Illusion hingeben können, es seien Justus Jonas und Johnny Depp, die ihnen die Texte vorlasen. Lukas nun schloss um 1 Uhr hinter uns ab, nachdem er uns eine weitere Runde an den Tisch gebracht und sich selber mit einer Flasche Astra Rotlicht an unseren Tisch gesetzt hatte. Eigentlich wollte ich längst schon zu Hause im Bett, wenn schon nicht in der Schweinebärmann Bar sein&#8230;<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Jasmin und Caren finden Lukas’ Haltung gut; Jasmin würde auch nicht einfach das Lokal schließen, wenn sich noch genug Gäste amüsierten. Die beiden unterhalten sich über Cola-Sorten, Kaffeegenuss und Schallplattenkäufe. „Als Schülerin kann ich mir nicht viele CDs leisten“, sagt Caren. Seit kurzem macht die gebürtige Berlinerin im Riptide ein Praktikum. Die Tür öffnet sich, Jasmin und Caren blicken auf: Nicht Kunden, sondern Promoter kommen ins Café. „Sind die Geschäftsführer da?“, fragt die freundliche Promoterin. Der Mann neben ihr sagt nichts. Caren und Jasmin verneinen, André käme aber bald. Die Promoterin lässt einige Flyer für ihr Getränk Kenko Kombucha da und kündigt an, später mit Probiergetränken zurückzukommen. Caren und Jasmin blättern in den Flyern und stellen fest, dass eines der abgebildeten Models die Promoterin selbst ist. Jasmin kennt Kombucha, aber nicht Kenko, das sich laut Flyer bindestrichlos als „Das Tee Pilz Erfrischungs Getränk“ bezeichnet. „Das kommt aus Braunschweig“, entdeckt sie außerdem. Zumindest die „Kommunikation“, die Produktion kommt aus Bennigsen. Wir lokalisieren den Ort anhand Postleitzahl und Vorwahl in der Nähe von Hannover und liegen damit ganz gut: Der Ort gehört zur Stadt Springe in der Region Hannover. Caren und Jasmin sind gespannt auf die versprochenen Probegetränke.<br />
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Mit „die selbsterfüllende Prophezeiung“ begrüße ich Micha, der mit einer geschulterten Ikea-Tüte voller Festival-Theaterformen-Programmbüchlein durch die weit geöffnete Café-Tür schreitet, eine Hausmarke bestellt und damit einen Dialog von Caren und Jasmin neu entfacht. Ich schließe mich mit der Getränkebestellung an. „So hat mich noch keiner genannt“, sagt Micha zu mir. „Höchstens Zeitmaschine.“ Er grinst, Caren und Jasmin gucken fragend. „Weil du immer rückwärts gehst?“, rate ich. „Nein, weil mit mir die Zeit immer schnell vergeht.“ Jasmin findet: „Das ist aber ein Lob.“ Micha ist skeptisch. „Wenn’s mit dir langweilig wär, würd die Zeit schleichen“, sage ich. Das überzeugt ihn nur kurz. Es steckt etwas anderes dahinter, wie er erklärt: An einen seiner vielen Verteilpunkte bringe er immer montags Flyer vorbei. „Daran erkennen die, wie schnell die Zeit vergeht: ‚Schon wieder Montag?’“, sagt Micha. Einleuchtend, Jasmin und Caren gefällt der Vergleich. Micha gehe es damit genauso: Auch er erkenne, wie die Zeit vergeht.<br />
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Mit Tüten voller Brot und anderen Lebensmitteln schwer bepackt kommt André durch die Tür und wird von uns vieren freudestrahlend begrüßt. Zurückgrüßen kann er nicht, er hat keine Hand frei und Waren bis unters Kinn gestapelt. Die bringt er erst in die Küche und begrüßt uns dann reihum. „Warst du einkaufen?“, fragt Micha. „Ist Montag“, gibt André zurück. Viel Muße zum entspannten Plaudern hat er nicht: André sortiert nebenbei wie automatisch Platten ein. Micha spricht ihn auf Maximilian Hecker an, der am 4. Juli im Riptide auftritt. André erzählt, dass der Booker für Hecker erst ein Piano wünschte, dann auf Klavier herunterhandeln wollte und dann doch mit dem angebotenen E-Piano zufrieden war.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Trotz des dräuenden Himmels sitzen mehr und mehr Gäste draußen, einige inzwischen auch drinnen, noch niemand indes in der Rip-Lounge. Caren und Jasmin sind jetzt beschäftigt. André geht an der neuen Schiefertafel neben der Theke vorbei, auf der „NEU BAILEY’S“ steht, und nimmt den Platz hinter der Theke ein. Micha bestellt einen Kaffee, obwohl er eigentlich keine Zeit hat. „Ein Glas Wasser dazu?“, fragt André, während vor ihm der Kaffeeautomat dampft und zischt. Micha schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie man zu Kaffee Wasser trinken kann“, sagt er. Aus der Küche steckt Jasmin ihren Kopf heraus: „Das macht man, damit man vorher den Mund ausspülen kann, um später den Kuchen besser zu schmecken.“ Micha hätte das nicht gewusst. „In Italien trinken sie Wasser zu Espresso, das verstehe ich ja noch.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
André nimmt von einem Paketdienstmitarbeiter ein Paket entgegen, stellt es auf die Theke und packt es aus. Es enthält „Fuze“-Hefte. „WM live im Riptide&#8230;“ liest Micha unterdessen auf einem Ankündigungsblatt auf der Theke. „Ballack ist nicht dabei“, fällt André dabei ein. „Dann kann ich endlich wieder zu Deutschland halten“, sagt Micha. „Jetzt freue ich mich auf die WM – ich kann den Ballack nicht leiden.“ André grinst: „Das merkt man.“ Micha beginnt zu philosophieren: „Dem Löw fehlt jetzt die klassische Nummer Sechs, der hat da nur den Schweinsteiger vielleicht noch – aus der Sicht ist es schlecht, dass Ballack nicht mitfährt.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Zwischendurch frage ich André nach den neuen Alben von Mike Patton und Dirtmusic. „Beides ist noch nicht mitgekommen“, sagt André nach einem Blick auf den Computerbildschirm. Irgendetwas wollte ich doch noch gefragt haben. „Ist die neue LCD Soundsystem da?“, fragt Andreas, der eben ins Café gekommen ist. „Das war’s, genau“, sage ich. „Ja, ja!“, sagt Andreas, der grinsend befürchtet, dass ich sie ihm wegschnappen will. „Soll die letzte Platte von denen sein“, fügt er hinzu und zieht sich mit einem Finger ein Augenlid herunter, „ja, ja!“ So könne man Aufsehen erregen. „Wie bei The Cure“, sage ich. „Die sagen auch nach jeder Platte, dass es die letzte ist.“ Filmfan Micha fällt auch eine Parallele ein: „Bei Jean-Claude-van-Damme-Filmen stand auf Plakaten immer drauf: ‚Sein bester Film’, und ich bin immer drauf reingefallen, fünf Filme in zehn Jahren.“ Andreas nickt grinsend: „Da haste aber lange gebraucht, um das zu bemerken.“ – „Ist verschoben“, sagt André mausklickend. „Ich wollte nur wissen, ob es eine Doppel-LP wird“, sagt Andreas, und: „Ich hör die schon immer im Internet.“ André bestätigt: „Ja, ist eine Doppel-LP.“ An Micha gewandt, nimmt Andreas dessen Einwand wieder auf: „Jean-Claude van Damme kenne ich aus einem Musikvideo, da hat er Tango getanzt.“ Das kann Micha nicht fassen: „Tango?“ Andreas nickt: „Er hat mit Ballet begonnen.“ Während Andreas zu den Singles herübergeht, sagt Micha: „‚Bloodsport’ ist sein bester Film.“ Andreas dreht sich vor den Singles um und ruft Zustimmendes. „Ich mochte immer, wenn er einen Spagat gemacht hat zwischen Stühlen oder an Ringen“, sagt Micha. Andreas weiß, warum der Belgier das konnte: „Das war die langjährige Ballettausbildung!“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Das wechselhafte und unberechenbare Wetter beunruhigt Jasmin und Caren. Bevor sie zur Tür stürmen und sie prophylaktisch schließen können, stürmen Micha und ich hinaus. Micha hat noch Programmheftchen zu verteilen, zu Fuß dieses Mal, weil er mit seinen Rückenschmerzen nicht Radfahren kann. Wir beschließen, uns bald mal wieder zu treffen. Zufällig. Im Riptide vielleicht.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze Bosenick<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#30 Ich</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Apr 2010 23:38:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
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21. April

Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>21. April</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich freue mich, dass es in Braunschweig inzwischen wieder viele Orte und Veranstaltungen gibt, die mir ein Gefühl von Zuhause und Zugehörigkeit vermitteln. Das Riptide gehört dazu, ganz klar. Dann noch die vielen unterschiedlichen Aktionen in der KaufBar, das Nexus, das Tegtmeyer, die Silberquelle, ganz bestimmt – so ich sie denn endlich mal  besuche – die Schweinebärmann Bar und nicht zuletzt der Silver Club. Der hat mir mächtig viel Energie gegeben, vor anderthalb Wochen. Mit dem Silver Club hat Skapino etwas richtig Tolles auf die Beine gestellt, davon zehre ich noch lange. Und werde auch beim siebten wieder dabei sein.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Doch jetzt steht das Verzehren an erster Stelle. Janna und ich haben heute für uns die Spargel-Saison eröffnet. Seit einigen Jahren schon essen wir einmal pro Woche Spargel, den wir uns – so hat es sich inzwischen eingependelt – samstags auf dem Markt vor dem Altstadtrathaus kaufen. Einen Samstag ohne Markt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Das ist wie ein kleiner Urlaub, egal, zu welcher Jahreszeit. Und wie ein Ausflug aufs Dorf. Alle kennen sich, als Stammkunde kennt man auch bald alle. Die Brötchen bei „Grete“, die Kartoffeln bei Saucke, das Obst bei Meyer. Auch für Eier, Feigen und Fleischsalat haben wir unsere Stammstände. Der Italiener hat manchmal Artischocken und Olivenöl, es duftet nach Bratwurst, Kaffe und immer nach dem Produkten, die saisonal gerade an der Reihe sind. Champignons und Kohl kaufen wir dort, wo wir sie gerade am besten finden. Erdbeeren sind auch bald dran, dann kommen schon fast Kirschen und Pfirsiche. Aber ab jetzt und bis zum 24. Juni eben Spargel. Und weil der nicht so richtig lange satt macht, verlockt mich die Idee von einem Eiskaffee im Riptide.<br />
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Bei dem seltsamen Wetter ist es ohnehin rätselhaft, dass es überhaupt Spargel gibt. Die gefühlten Minusgrade verscheuchen die Erinnerung vom letzten Wochenende, an dem ich noch fast im T-Shirt herumgelaufen bin. Immerhin scheint gerade die Sonne, nachdem der Regen eben noch isländische Vulkanasche auf die Straßen gespült hat. Der Vulkan hat überdies auch sein Gutes: Wenn der Himmel einmal blau ist, trägt er zurzeit nicht einmal mehr Kondensstreifen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Maren kennt die Rip-Lounge noch nicht, will aber erst mal Chris und André begrüßen. Das tun wir alle. Chris kommt mit dem Telefon am Ohr aus seiner Ecke, André mit freien Ohren aus der Küche. Sie empfangen uns lächelnd. Zuhause. „Was führt euch ins Riptde?“, fragt André. „Das Riptide führt uns ins Riptde“, sage ich und schaue mich auf der Theke um. Die Quartette liegen da, zwei aktuelle „Die drei Fragezeichen“-Kassetten, der Ausriss aus dem Subway mit dem Jahrespoll und dem Wort „Danke!!!!!“ darunter. Eine kleine Staffelei mit der Doppel-CD-Ausgabe von Paul Wellers neuem Album „Wake Up The Nation“ als Buch treiben mir als fast alles kaufender Weller-Fan die Tränen in die Augen. Nicht hingegen entdecke ich die CD „Tillicus Glossicus Metallicus“, die Till Burgwächter hier letzte Woche vorgestellt hat. Leider konnte ich an dem Abend nicht und hoffe nun, mir die CD wenigstens jetzt kaufen zu können. „Die ist noch nicht draußen“, sagt André leider. „Hat sich da was verschoben?“, frage ich. André nickt: „Till hat bei der Lesung so was gesagt.“ Schade! Ich zwinge mich, nicht mit den Fingern in den nur eine Armlänge entfernten neuen LPs zu blättern, und folge Janna und Maren aufs Sofa.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Auf dem Sofa sitzen hinter uns nun nicht mehr nur Augen-Kissen. Eines ist noch da, im verdrehten MSV-Duisburg-Muster. Auf einem weiteren Kissen ist ein altes Röhrenradio abgedruckt, das nächste zieren eine Audiokassette und der Satz „I Love Mixtapes“. Passt zu meinem T-Shirt: Darauf ist das Cover der letzten Yo-La-Tengo-LP „Popular Songs“ zu sehen, eine kaputte Kassette mit herausgezogenem Band nämlich. Eine tolle Platte überdies, eine der besten des vergangenen Jahres. Auf dem Tisch vor uns steht außer den Speise- und Getränkekarten eine Vase mit gelben Rosen und ein größeres mattes Glas mit einer brennenden Kerze darin. Um uns herum schmücken kleinere Fotos von Cylixe die Wände. An dem Tisch links neben uns stand kürzlich noch eine alte Holzbank. Die ist jetzt verschwunden, stattdessen steht dort ein mit weißem Kunstleder überzogener Sitzquader. Der Zeitungsständer immerhin ist noch da. Was mag mit der Bank passiert sein?<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Am Fernseher knapp neben uns sitzt Joel und knarrt bei jeder Bewegung auf seinem Barhocker. Er bewegt sich viel, denn er beklebt gerade Plakate von The Roskinski Quartett, die ihr Debütalbum auf Riptide Recordings herausbringen. Joel reißt Din-A4-Seiten längs auseinander, auf denen zweimal die Daten für das Release-Konzert abgedruckt sind, und klebt diese Streifen auf die Plakate. Neben sich hat er ein Glas Wasser und einen Teller mit einem Cookie darauf stehen. Joel stellt fest, dass diese Aufgabe aus sich sehr wiederholenden Handgriffen besteht, und erzählt, dass er einmal – noch stupider – Nummern auf ganz viele Eintrittskarten hat stempeln müssen. Ich erzähle ihm von meinen sechs Jahren Bandarbeit bei VW. Das erinnert ihn an einen Angehörigen eines Freundes, der bei VW einen höheren Posten bekleidet und ihn, Joel, seines Aussehens wegen nicht begrüßen wollte – Joel hatte Piercings und trug nicht Hemd und Krawatte. Solche Leute habe ich bei VW ebenfalls kennen gelernt. Dabei sieht Joel doch völlig normal aus, ganz in schwarz, hautenge Jeans, ein Schlüsselbund glitzert an einer Hosentasche. Ungewöhnlich ist höchstens, dass ein Mann in seinen jungen Jahren ein Misfits-Shirt trägt. Joel wendet sich wieder seinem Werk zu, der Stuhl knarrt unter ihm. Er sitzt in der Sonne, eine rosa Plüsch-Schlange bäumt sich neben ihm auf.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
André kommt an unseren Tisch und nimmt unsere Bestellungen auf. Maren ordert eine Bios, „es gibt doch da irgendwas mit Traube“, und ein Fladenbrot. „Chai-Latte“ bestellt Janna, ich kann endlich meinen Wunsch nach einem Eiskaffee äußern. Maren erzählt von einem Junggesellenabschied, den sie zu planen hat. Für die Braut habe sie genug Ideen, für die Hochzeit ebenfalls, aber für einen Man so etwas zu planen, fiele ihr schwer. Kein typischer Junggesellenabschied solle es werden, darin sind sich alle einig, der Bräutigam wohl, Maren, Janna und auch ich. Besonders Ideen für Hochzeitsfeiern, die nichts mit Baumstammzersägen und Herzenausbettlakenschneiden zu tun haben, fallen von uns dreien an der Zahl. Wir können es alle nicht verstehen, wie man mit den traditionellen Hochzeitsspielchen die Feier so langweilig zerdehnen kann. Hochzeiten habe ich auch schon alle möglichen erlebt, von unglaublich schrecklich bis sehr einfallsreich. Wobei die einfallsreichen in der Unterzahl sind. Schön fand ich einmal die Idee mit den Polaroids, die von jedem Gast gemacht und dann in ein Buch eingeklebt wurden, in das man dann als entsprechender Gast neben dem Polaroid etwas einzutragen hatte. Maren hat die Idee vor Augen, einen unerschöpflichen Fundus an Material bereitzustellen, aus dem die Gäste etwas kreativ auf einer Leinwand zu gestalten haben. Janna assoziiert und erzählt von einer Tour auf einem Fluss, den sie einmal mit einigen Leuten machte. Schnell sei man im Grünen gewesen und doch mitten in der Stadt. „Auf dem Rückweg hat einer angefangen zu singen und alle haben eingestimmt“, schwärmt Janna. Dabei fällt Maren eine Begebenheit ein, die sie mit und bei der Autorengruppe Writers Ink machte. Da war ich sogar dabei: Daniil Pashkoff zu Ehren setzten alle Schiffchen mit Teelichtern darauf in die Oker. Ein Lichtfluss glitt in der jungen Sommernacht nach Norden. Aber das hat ja beides nichts mit Hochzeit zu tun.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Mir fällt ein, dass Maren ja im Norden einen Kabarettisten kennt, der könnte ja ein Programm geben, schlage ich vor. Da überrascht Maren mich mit einer Information: „Der kommt aus Lelm im Elm.“ So aus der Nähe! Das hätte ich nicht gedacht. „Da haben sie ‚Neues aus Uhlenbusch’ gedreht“, setzt Maren die nächste überraschende Information ab. Sie beschreibt, wie eigenartig es ist, in Lelm über den Marktplatz zu gehen und sofort den des Dörfchens Uhlenbusch vor Augen zu haben. „Fährt Heini da noch rum?“, frage ich. „Den hab ich da noch nicht gesehen“, sagt Maren, „aber ich bin da manchmal schreiend über den Marktplatz gerannt: Konstantiiiiin&#8230;“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Es wird schlagartig dunkel um unser Sofa herum, die Sonne verschwindet hinter Wolken. Wind kommt auf und zerrt an den Bäumen und Schirmen im Achteck. Maren beißt in ihr Fladenbrot, Janna genießt ihren Chai-Latte, ich löffle mein Eis aus dem Kaffee. Das war die richtige Wahl. „Was hat es eigentlich mit Chai-Latte auf sich?“, fragt Maren Janna. Die gibt ihr ihr Getränk zum Probieren. „Schmeckt adventlich“, stellt Maren genüsslich fest. Beide sind sich einig, dass das Getränk dennoch ganzjahrestauglich ist. Beim Blick auf den Wind kann ich, an Joels Kopf vorbei, entdecken, dass über dem Eingang zur Rip-Lounge „RIP Lounge“ an der Wand steht. „Das steht da aber auch noch nicht lange“, stelle ich an Joel gewand fest. „Seit einem Monat“, bestätigt Joel. „Ich war jetzt aber auch eine Weile nicht hier, ich hatte ja Ferien.“ Der Glückliche. So ganz ferienfrei war ich ja auch nicht, immerhin zwei Wochen am Stück hatte ich. Und die auch bestens genutzt, wenngleich ich es an keinem Tag ins Riptide geschafft habe. Dafür nach Marburg und Göttingen, über Ostern ins Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt, nach Hamburg, dann in ganz Braunschweig Flyer und Poster verteilen für die sechste Indie-Ü30-Party sowie aufbauen, durchführen und abbauen helfen beim Silver Club in der Wichmannhalle. Eine herrliche freie Zeit. Da machte es auch nichts, dass ich nicht dazu gekommen war, meine Pflanzen endlich umzutopfen, mein Auto zur Werkstatt zu bringen und meine Lohnsteuerunterlagen vorzubereiten. Die Pflanzen waren immerhin heute früh endlich an der Reihe. Dabei habe ich Gabriel Burns gehört. An sich wollte ich dem Vorbild eines Kollegen folgen und bis zum Erscheinen der nächsten Folge alle bisherigen erneut am Stück hören. Doch war das heute früh erst die Nummer 14 – und die Folge 34 erscheint bereits am Freitag. Zwanzig Folgen schaffe ich in zwei Tagen einfach nicht, davon bin ich jetzt einfach mal überzeugt. Seltsam ist nur, wenn ich jetzt meinen Weihnachtskaktus sehe, erinnert er mich daran, wie Larry Blumberg von einem Grauen Engel zerrissen wurde, während ich die Erde um die Wurzeln des Kaktus’ festdrückte. Dem Kaktus geht’s aber ganz gut, denke ich. Meinem Magen auch. Wer zu Akte X essen kann, kann auch zu Gabriel Burns Kakteen, Geranien, Efeu und Bananen umtopfen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Mit Marco, der ein paar Kartons schleppt, kehrt auch die Sonne zurück. Ein DPD-Mann bringt ein Päckchen. André und Chris nutzen die Zeit, bevor das Café voller wird, und kümmern sich um administrative Angelegenheiten. Joel überreicht die fertig beklebten Poster an André und verlässt das Café, mit ihm verschwindet die Sonne wieder. Nachdem Marco seine Kartons abgestellt hat, setzt er sich mit einem Milchkaffee an den Tisch neben der Theke. Joel kehrt wieder zurück, bekleidet mit einer blauen Mülltüte und damit laut raschelnd. Ein eigenwilliges Bild. Ich beschließe, vorsichtshalber keine Fragen zu stellen. Maren nimmt mir das ab. „Warum hat der Mann eine Mülltüte an?“, fragt sie André, weil Joel zu schnell wieder aus dem Riptide herausgestürmt ist. „Vorsorge“, sagt André. „Er kümmert sich um die Tische, abbeizen, streichen.“ Joel ist wieder zurück. Hinter der Theke höre ich ihn „morgen komme ich im Blaumann“ sagen. Mit einem Pinsel geht er wieder nach draußen, wohin auch immer – vom Sofa aus sind weder die Tische noch Joel bei der Arbeit zu sehen. Aber André, der mit einem Roskinski-Plakat in unsere Richtung wedelt, nachdem er ein anderes an die Theke geklebt hat. „Weiß ich schon, hab Joel die Plakate bekleben sehen“, sage ich. André nickt und bringt das Plakat in die Rip-Lounge. Auf den Nebentischen flackern die Kerzen in den Gläsern.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Das Riptide füllt sich jetzt, die Rip-Lounge gegenüber ebenfalls. Neben uns am Fernseher knarren zwei junge Frauen mit den Barhockern. Chris winkt von ferne und geht, dafür kommt Jasmin ins Café. Sie ist die neue Aushilfe, seit kurzem. „Sonst bin ich im Merz“, sagt sie. Unter die Café-Geräusche mischt sich plötzlich das Intro vom „Mundian to bach ke“ von Panjabi MC. Eines der Mädchen neben uns greift in seine Tasche und geht ans Telefon, der Song hört leider im selben Augenblick auf. Die Sonne beleuchtet die beiden. Da springt die Tür auf und Micha ins Riptide. „Das war zu erwarten“, sage ich. War es wirklich: Es ist unwahrscheinlich, dass ich meine Zeit im Riptide verbringe und nicht auf Micha treffe. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt, am Eröffnungstag, dem 16. September 2007. Seitdem laufen wir uns immerzu und überall über den Weg, oft der Einfachheit halber gleich direkt in die Arme: auf Plattenbörsen, im Kino, mitten auf der Straße. Und eben im Riptide. Kino ist auch der Grund, weshalb er da ist: Micha verteilt das Wochenprogramm vom Universum. Ich schlage es auf und entdecke, dass der Anvil-Film angekündigt ist. Noch besser: Unter dem abgedruckten Plakat steht „Read ’em all“ für Samstag, 8. Mai, 20 Uhr. Mist, da habe ich Dienst. Denn das ist herrlich: Sie zeigen den Film und lassen Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Frank Schäfer dazu lesen. Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket. Heavy Metal pur. „Ich muss wieder los</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span>“<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;">, sagt Micha und stolpert winkend durch die Tür. Wenn er Flyer verteilt, ist er in Eile. Kaum habe ich das gedacht, öffnet sich die Tür wieder und Micha sprintet in Richtung Theke. In unsere Richtung sagt er entschuldigend „schnell noch’n Getränk“, stellt sich an den Tresen und wiederholt dort an Jasmin gerichtet „schnell noch’n Getränk.“ Mit einer Fritz-Kola – „leider“, wie er findet – stellt Micha sich an unseren Tisch. Er trinkt hastig und hat trotzdem Zeit, währenddessen zu sprechen. „Sie haben keine Hausmarke mehr“, sagt er. „Gar nicht mehr im Programm?“, frage ich. Entsetzt weicht er zurück. „Nee“, sagt Micha, „dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er lässt den Gedanken kreisen und wiederholt abweisend, beinahe angewidert: „Dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er grinst und weiß, dass ich ihm das nicht glaube, und ich grinse und weiß, dass ich damit richtig liege. Micha kehrt zurück zum Anvil-Film und kündigt an, dass der Universum-Chef persönlich noch ein Plakat dazu vorbeibringen will. „Ich habe jetzt ‚Schwerkraft’ gesehen, mit Jürgen Vogel“, erzählt Micha. „Der war gut, hatte zwar zwischendurch Längen, war aber gut.“ Ich erzähle, dass ich schon seit bestimmt einem Monat nicht mehr im Kino war. Leider, aber es fehlt mir an Zeit. Und auch am Willen, muss ich gestehen. An sich bin ich ein Verfechter des europäischen Kinos, habe aber zuletzt viel europäischen Müll unter dem Deckmantel der alternativen Kinokunst zu sehen bekommen. Und wenn nicht Müll, dann Mittelmaß, aber dafür ist mir meine Zeit zu knapp, als dass ich mir Halbgares ansehe, nur weil es independent ist. So waren meine letzten Kino-Filme tatsächlich fast alle aus Hollywood. „Mein letzter Film war ‚Alice’“, erzähle ich Micha. „In 3D?“, hakt er nach. „Ja“, sage ich, „leider.“ Ich finde es blöd, für einen Film 11,50 Euro zahlen zu müssen, nur wegen der Effekte. „Wegen der Technik“, schränkt Micha berechtigt ein. Ja, wegen der Technik, dabei ändert die nichts am Inhalt. Wir sind uns aber beide einig, dass Disney an „Alice“ nichts kaputt gemacht hat. „Ich habe mich gut unterhalten“, teilt er meine Meinung. Er spricht „Avatar“ an, den ich nicht sehen wollte. „Pocahontas in blau“, sage ich. „Auf Blue Ray soll er gut sein, sehr farbgewaltig“, sagt Micha. Ich habe nicht mal einen Blue-Ray-Player. Micha hat seine Kola leergestürzt, zuckt entschuldigend mit den Schultern, sagt „Pocahontas ist doch gut“, bringt damit Maren und Janna zum Lachen und die Flasche an die Theke und geht. „Wir treffen uns“, sagt er im Gehen und wird damit ganz sicher Recht behalten.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Janna steht auf und sagt: „Ich gehe mal in die Rip-Lounge.“ Sie raucht gar nicht und setzt sinnierend nach: „Es ist schön, dass man jetzt mal ein anderes Synonym dafür hat.“ Als sie zurückkehrt, nimmt Jasmin bei uns Bestellungen auf. Maren wünscht einen Milchkaffe. Janna hat Hunger, will eigentlich gehen und bestellt daher nichts. Ich nehme das Signal nicht wahr und bestelle mir ebenfalls einen Milchkaffee. Bevor Janna reagieren kann, ist Jasmin schon zur Theke geeilt. Dabei wollte Janna doch so gerne einen Muffin bestellen. „Ich gucke mal, was sie da haben“, sagt sie und geht. Nicht lange, und sie kommt zurück. „So schnell?“, staunt Maren. „Ein Mandel-Marzipan-Muffin wird gleich seinen Weg zu mir finden“, kündigt Janna an. Und richtig: Jasmin hat einen Teller mit einem Muffin darauf in der Hand, den sie Janna überreicht und zur Küche zurückkehrt. „Der ist aber klein“, stellt Maren fest. „Aber schwer“, sagt Janna und reicht ihn ihr. „Das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Maren und wiegt den Muffin in ihrer Hand. Ich möchte den auch mal wiegen und nehme ihn ihr ab. „Danke“, sage ich, gebe vor, ihn essen zu wollen und drücke ihn schnell Janna in die Hand. Gespielt empört sagt sie: „Pöh! Du kannst höchstens was von dem Schoko-Muffin abhaben, wenn ich den noch bestelle, das ist der letzte in der Vitrine.“ Maren ist entsetzt: „Keine Muffins mehr?“ – „Nee, das war der Vorletzte.“ – „Du erzählst schlechte Geschichten, keine Muffins mehr!“ – „Der schmeckt auch gar nicht“, lügt Janna, „den würde ich keinem anbieten wollen.“ Beherzt beißt sie in den Muffin. „Mein Kaffee schmeckt auch gar nicht“, sagt Maren. „Nee“, sagt Janna. Maren schlägt vor: „Vielleicht sollten wir die Sachen, die nicht schmecken, zusammentun und nur einen von uns essen lassen.“ Sie kichert.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Ohne Mülltüte, aber mit großen Augen steht Joel vor uns, mitten im Raum. „Es ist stressig, weil Chris und André weg sind“, sagt er. „André ist auch weg?“ Hatte ich gar nicht bemerkt. Mitleiderregend klagt Joel: „Ja – nur noch die Hilfskraft und der Praktikant.“ Wir kichern. „Klappt doch ganz gut“, sagt Maren, überzeugt ihn aber nicht. Die Tische machen ihm zu schaffen. „Das klappt nicht so“, sagt er. „Die sind jetzt zwei Tage am einweichen, das muss das falsche Beizmittel sein, ich krieg die Farbe nicht ab.“ Andere Arbeit ruft ihn, mich ruft etwas anderes. Ich gehe in die Rip-Lounge, komme aber nicht weit. Dort sitzt Armagan, ihr gegenüber Tatjana. „Ich hab deine Freundin auch schon gesehen“, sagt sie. Sie kellnert in einem unserer vielen erweiterten Wohnzimmern: im Havanna. Leider sind wir dort inzwischen seltener als früher, als wir noch in der Nähe gewohnt haben. Wenn wir jetzt einmal Hunger und keine Lust zum Kochen haben, liegt Guidos Pizzeria, ebenfalls ein erweitertes Wohnzimmer, einfach näher. Das Wild Geese gehört leider auch zu dem erweiterten Wohnzimmern, die wir nicht mehr so häufig aufsuchen, aber das hat einen anderen Grund: Unser eigenes Wohnzimmer ist jetzt einfach groß genug. Früher, als wir uns noch 48 Quadratmeter geteilt haben, sind wir oft ins Wild Geese gegangen, haben uns Getränke und Chips bestellt und unsere Kniffelsachen ausgepackt. Jetzt ist unsere Wohnfläche deutlich größer und das Bedürfnis, mehr Platz zu haben, entsprechend geringer. „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter sehe“, sagt Armagan. Sie gehört für uns zu den Menschen, die uns in unseren erweiterten Wohnzimmern das Zuhausegefühl geben. So wie es uns eben auch im Riptide geht. Erstmals gesehen habe ich Armagan im Sommer 2007 im Tegtmeyer, als ich dort zum ersten Mal auflegte. „Das war, als sie im Brain umgebaut haben, oder?“, fragt Armagan. „Da war im Tegtmeyer so eine kleine Tanzfläche freigeräumt – das war toll.“ Und Anke, die mir den DJ-Posten erst möglich machte, weil sie im Tegtmeyer arbeitet und Timo überredete, stand an der Theke neben mir und sagte immer: „Guck mal, die sieht süß aus.“ Ankes Begeisterung ist immer ungemein ansteckend. Jedenfalls habe ich Anke daraufhin als Dank für den DJ-Posten ins Havanna eingeladen, Janna war auch mit dabei. Und wer bediente uns? Armagan, die uns sofort erkannte und sich zu uns setzte. So fing das an. Im Havanna ist sie leider die letzte, zu der wir solchen Kontakt haben. Die Jungs sind gottlob immer noch im Apo erreichbar, die ganzen Mädels offenbar mit ihrem Studium fertig und aus der Welt. Und für neue regelmäßige Kontakte sind wir nicht oft genug im Havanna. Auch Armagan wird irgendwann mit ihrem Studium fertig sein. Da kommt Maren in die Rip-Lounge. „Janna und ich wollen gehen“, sagt sie. Ich verabschiede mich von Armagan und Tatjana und folge Maren zurück ins Haupt-Café.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Will es zumindest. Chris schwingt sich eben auf sein Fahrrad. So ganz weg war er offenbar noch nicht, hat dies aber jetzt vor zu sein. „Ich bin schon zu spät“, sagt er. „Yo La Tengo?“, tippt er mit Blick auf mein T-Shirt richtig. Ich bestätige und verrate ihm, warum ich auf das Shirt so stolz bin: „Das habe ich mir im November in Kopenhagen beim Konzert gekauft.“ Mein drittes Konzert von denen in 15 Jahren: Roskilde, FBZ, Kopenhagen. „Ich hab die noch nie live gesehen“, sagt Chris. „Eine meiner vielen Lieblingsbands“, sagte ich. „Gut, dass es die sind“, sagt Chris, „und nicht die Böhsen Onkelz – die kommen erst auf Platz zwei.“ Er grinst, tritt in die Pedale und verabschiedet sich erst von mir, dann auch von André, der gerade zwei große Grasgewächse aus der Abstellkammer zerrt. Auch er ist also nicht ganz weg. Im Gegenteil zu uns. Wir ziehen uns an, zahlen bei Jasmin und verabschieden uns. Aus dem großen matten Glas auf unserem Tisch steigt Qualm empor. Die Kerze ist aus gegangen.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matthias Bosenick<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#29 Schäfers Stündchen</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Mar 2010 19:10:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Cafe]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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Mittwoch, 3. März

Zwischen zwei Terminen, bepackt mit einer Tüte voller LPs, schneit Arni am Abend förmlich ins Café Riptide. Er kommt direkt von Raute Records und verspricht André augenzwinkernd, sein nächstes Geld im Riptide auszugeben. Für heute investiert er es zunächst in einen Milchkaffee, den er gegenüber in der Rip-Lounge zu sich nehmen will. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Mittwoch, 3. März</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Zwischen zwei Terminen, bepackt mit einer Tüte voller LPs, schneit Arni am Abend förmlich ins Café Riptide. Er kommt direkt von Raute Records und verspricht André augenzwinkernd, sein nächstes Geld im Riptide auszugeben. Für heute investiert er es zunächst in einen Milchkaffee, den er gegenüber in der Rip-Lounge zu sich nehmen will. Die kennt er nämlich noch nicht. „Ich geh rüber in die Lunge“, sagt Arni zu André, der dies registriert. Viel Zeit hat Arni jedoch nicht: Er will noch in die Volkswagenhalle, zu Jean Michel Jarre. Bei Raute hat er einige Zeit lang gestöbert und sich von Uwe kompetente und gute Musik-Tipps geben lassen. Zum Beispiel Uwes „Platte der Woche“, „King Of The Black Sunrise“ von Thunder And Roses. Außerdem erzählt Arni von einem Aufkleber, den Uwe auf die LP „Viva“ von La Düsseldorf geklebt hatte, auf dem stand etwas wie „Du hast Scheißfreunde, wenn dir 13 nur eine LP schenken und alle darauf unterschreiben“ – die LP-Hülle war völlig bekritzelt. Nach einer Zigarette und dem Milchkaffee kehrt Arni in die Haupt-Filiale des Cafés zurück. Dort hat er ohnehin seine LPs auf der Theke vergessen. Doch so schnell, wie er es eigentlich vor hat, kann Arni nicht in die VW-Halle gehen: Er kommt bei den Platten mit Micha ins Gespräch.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Der blättert eigentlich in den LPs herum, in den gebrauchten ebenso wie in den neuen. Zum Thema Hörgenuss gibt Micha Arni einen eigenwilligen Tipp: „Nimm ein Buch, klappe es auf, lege eine Alufolie hinein, mit der stumpfen Seite nach unten und der glänzenden nach oben, lege darauf die CD, klappe das Buch zu, streiche ein paarmal darüber, klappe es auf, nimm die CD und lege sie sofort – nicht erst durch die ganze Wohnung rennen – in den Player.“ Den Unterschied werde Arni hören, beteuert Micha. Er erklärt die Sache mit den digitalen Informationen auf der CD, die sich statisch aufladen und verschieben. „Das Alu entmagnetisiert die CD“, sagt Micha. Er gibt ein Beispiel für audiophile Tonträger: Bei Ofra Haza etwa rücke diese Methode die Stimme von der Ecke zurück ins Zentrum.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Während die beiden sich unterhalten, steht Joel hinter der Theke und André an der Tür. André ist vollgeladen mit einem Getränketablett, das er in die Rip-Lounge bringen will. Vorsichtig, so als ob er niemanden stören dürfe, öffnet André die Tür, zwängt sich zögerlich durch den Spalt und will gerade umgreifen, als ihm wie in Zeitlupe auf dem Tablett die Gefäße umkippen. Einige Flaschen fallen zu Boden. Nichts geht zu Bruch, aber die Getränke laufen aus und ergießen sich auf den Holzfußboden des Cafés. Das Ganze passiert so langsam, das es fast lautlos und eigenartig unecht abläuft. André dreht sich in der Tür und macht einen Schritt über die frische Pfütze hinweg, Joel verlässt seinen Platz hinter der Theke und kommt mit einem Handtuch in der Hand auf ihn zu. Vorwurfsvoll grinsend fragt ihn André: „Wieso ist dir das eigentlich nicht passiert?“ Joel pariert: „Ich wollte mir erst von einem Profi zeigen lassen, wie das geht.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Jetzt reißt sich Arni doch los und verabschiedet sich von allen. „Wo gehst du denn hin?“, fragt ihn Micha, dem Arni das tatsächlich noch gar nicht erzählt hat. „Zu Jean Michel Jarre“, antwortet Arni also. Er erntet ein Raunen, das zwischen Verwunderung und Respekt changiert. Vom Milchkaffee gestärkt und mit den Platten in der Hand macht sich Arni auf den Weg. André fragt noch: „Bist du morgen hier, bei Frank Schäfer und Frank Schulz?“ Doch schafft Arni das nicht, obwohl er seinen alten Bandkollegen – </span></span></span></span></span>„<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;">Operation Daisyland</span></span></span></span></span>“<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><span style="font-family: Arial; color: #000000;"> – Frank Schäfer gerne einmal wiedersehen würde.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Donnerstag, 4. März</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Heute Abend ist es Gesa, die die Frage „Stehst du auf der Gästeliste?“ an die eintreffenden Gäste richtet. Seit etwa einem Monat unterstützt Gesa das Riptide donnerstags und freitags. An sich ist sie im Thekenbereich tätig, doch heute nimmt sie Eintritt für die Lesung von Frank Schäfer und Frank Schulz. Chris ist wieder da. Er war im Urlaub, zum ersten Mal seit fünf Jahren. So stand es auf der Internetseite des Nexus, wo er erstmalig seine monatliche „Pleasure Park Party“ nicht geben konnte. „Ich war am Roten Meer, in Ägypten“, schwärmt Chris hinter dem Tresen. „Ich habe am neuntgrößten Korallenriff der Erde getaucht – deshalb war ich da.“ Mehr kann Chris nicht erzählen, denn er ist im vollen Café mit Bedienen gut beschäftigt.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Diese Lesung als gut besucht zu beschreiben, ist eine wahre Untertreibung. Die Gäste rangeln bei dem Versuch, anderen nicht die Sicht zu nehmen, selbst um die unbequemsten Plätze an der Tür. Viele Gesichter sind zu sehen, die auch die alte Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch &amp; Kunst schon immer besucht haben. Unter den Gästen ist auch Andreas, der jetzt Gesas Platz am Kartenschalter einnimmt. „Frank Schäfer war Schüler an unserer Schule, bevor ich dort war“, erzählt er. Seit 1990 unterrichtet Andreas an einem Gifhorner Gymnasium. Mit ihm sind noch weitere Kollegen ins Riptide gekommen, um ihrem alten Schüler zuzuhören.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Der sitzt neben dem weißbärtigen Frank Schulz an einem Tisch auf der Bühne in der Schallplattenecke und lässt soeben eine Bombe platzen: Er kündigt an, im Riptide eine vierteljährliche Lesereihe zu etablieren. Titel: „Frank Schäfer proudly presents“. „Ich werde mich im Abglanz berühmter Autoren sonnen“, sagt er. „Ich werde Bücher vorstellen, dreckige Filmchen zeigen und auch die Gitarre rausholen – all das mache ich aber heute nicht.“ Stattdessen spricht er ein Loblied auf Frank Schulz und dessen „Hagener Trilogie“: „Wer sie gelesen hat, hat darin die besten Stellen angestrichen und auswendig gelernt“, sagt er. Einzig von Frank Schulz’ Musikgeschmack behauptet er lachend, der sei Scheiße. Aus alten „Lemmy“-Zeiten reaktiviert Frank Schäfer die unentschlossene Bezeichnung „Stargast-Gaststar“ und begrüßt damit Frank Schulz.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Der hat die „Hagener Trilogie“ zwar dabei, doch steht die nicht im Mittelpunkt. Stattdessen präsentiert er seinen neuen Erzählungsband „Mehr Liebe“ und einige Texte daraus. Denn, so Frank Schulz, „es soll heute ausschließlich Musikgeschichten geben“ – Vorgabe vom Gastgeber. Und Frank Schulz weist darauf hin, dass sich der Tonfall des neuen Bandes von dem der Trilogie distanzieren soll, die in Medien als „saukomisch“ bezeichnet würde: „Saukomisch ist er deshalb nicht.“ Um Frank Schäfers Vorgabe zu erfüllen, liest Frank Schulz auch nur die Texte mit Bezug zu musikalischen Themen. Der erste dreht sich um „I Believe In Love“ von Hot Chocolate. Frank Schäfer wirft ein: „Ich sag doch, er hat einen Scheißgeschmack!“ Als Frank Schulz in seinem Text an die Stelle mit dem Lied kommt, singt er den Refrain – und fährt die Ernte in Form eines tosenden Applauses ein. „Dein Publikum“, sagt Frank Schäfer sichtlich stolz. Frank Schulz lächelt verlegen: „Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ich mal mit Singen reüssiere.“ Frank Schäfer lügt: „Die wollen nur höflich sein.“ Vor der Pause steht noch eine weitere musikalische Kuriosität im Frank Schulz’ nächster Geschichte: „Loop di Love“ von Juan Bastos. Das kennt nicht jeder im Riptide.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Andreas kennt es. Als die Pause den Rauchern das Bedürfnis ermöglicht, sich in die Rip-Lounge oder ins Achteck zu stellen, erinnert sich Andreas an seine Zeit als Schüler am MK. „Da sind wir hier auch immer durch die Passage gegangen“, erzählt er. „Da hatten sie im Hinterhof eine Kneipe aufgemacht&#8230;“ Der Name fällt ihm nicht mehr ein, Andreas winkt vage in die Richtung der ehemaligen Kneipe, aber er erinnert sich noch an Blumenmotive an der Wand. Mit seinen begeisterten Kollegen vertieft er jetzt die jüngsten Eindrücke.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Die zwei ersten Texte habe ich mitgeschnitten“, sagt Sylvia, die sich zur Pause nach draußen schlängelt. Sie grinst: „Ich kann einfach nicht anders.“ Sie hat wieder ihre Utensilien dabei, mit denen sie Material für Radio Okerwelle erstellt. „Mal sehen, wie ich es senden kann“, überlegt sie und erreicht die Tür.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Nach der Pause bewahrheitet sich, dass nicht alle Texte von Frank Schulz „saukomisch“ sind. Er liest einen, bei dem den Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt. Frank Schäfer gleicht das mit seinen Texten aus „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Generation Rock“ deutlich aus, die Gäste lachen laut und viel. Erst spät in der Nacht endet die Leseshow. Wer nicht schnell nach Hause geht, weil er morgen wieder arbeiten wird, steht in Grüppchen herum. „Ich bin zum fünften Mal in Braunschweig“, sagt Frank Schulz. Einen Bezug zu der Stadt habe er zwar dennoch nicht herstellen können, aber: „Meine Verbindung ist Frank Schäfer.“ An den wendet er sich und fragt: „Mein erstes Mal in Braunschweig – Frank, wann war das?“ Frank Schäfer weiß es: „Das war zum ‚Lemmy’.“ Bei Frank Schäfer steht gerade Gerald Fricke, der wie er zur „Lemmy“-Besetzung gehörte. Frank Schulz grübelt weiter: „Dann war ich in einer Buchhandlung&#8230;“ Auch hier hilft Frank Schäfer weiter: „Neumeyer, im Bohlweg.“ – „Dann die große&#8230;“ – „Graff.“ – „Ja, und dann hier!“ Frank Schäfer wirft ein: „Im Spiegelzelt nochmal.“ Frank Schulz nickt. „Genau, das fünfte Mal also.“ Und das erste Mal im Riptide: „Das gefällt mir gut, gutes Publikum.“ Das wiederum verlässt das Riptide jetzt nach einem unterhaltsamen, witzigen, sprachlich anspruchsvollen Literaturabend. Die Fortsetzung hat Frank Schäfer für den 6. Mai angekündigt. Gast und Star wird die Fitzoblongshow aus Hannover sein – auch die war schon bei „Lemmy“ zu Gast. Mit dieser Empfehlung streunen die Gäste in die Braunschweiger Nacht.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Freitag, 19. März</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Selbst am Abend ist es noch erstaunlich warm, der tolle Winter scheint endgültig vorbei zu sein. Gelegentlich nieselt es zwar, aber selbst der schmale Regen lässt niemanden frösteln. Das Café Riptide ist voll, auf beiden Seiten des Achtecks. André und Gesa kümmern sich in Windeseile um ihre vielen Gäste. Tobias kommt mit einer Freundin und zwei Freunden ins Riptide und sieht sich um. „Vier Personen, ja?“, fragt André hinter der Theke. „Ja, genau“, sagt Tobias. „Ich habe gesehen, in der Ecke ist ein Tisch frei, fehlen nur die Stühle.“ André nickt: „Ich kann euch welche holen – oder ihr setzt euch nach gegenüber, wir haben jetzt erweitert.“ Tobias hakt nach: „Drüben ist Raucherbereich, oder?“ André bestätigt begeistert: „Ja, drüben darf jetzt geraucht werden.“ Doch Tobias’ Miene verzieht sich, er schnippt in einer Pech-gehabt-Geste mit dem Finger: „Mist.“ André grinst: „Dann hol ich euch vier Stühle.“ Tobias ist einverstanden: „Wenn wir dir helfen können&#8230;“ André nickt: „Das könntet ihr sogar, ihr könnten von draußen Stühle reinholen.“ Tobias und seine Freunde sind einverstanden, wenden sich nach draußen und schließen die Tür. Nach einer sehr kurzen Weile kommen sie zurück. „Habt ihr Stühle mit?“, fragt André und kann keine entdecken. Tobias verneint und nennt die pragmatische Lösung: „Wir setzen uns raus.“ Doch vorher bestellen die vier ihre Getränke bei André.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Aus dem Cafébereich stürmt Gesa an die Theke, schnappt sich einen Block und einen Stift und beginnt zu schreiben. Dann hält sie inne, grübelt kurz und schreibt wieder. Hält inne, grübelt, schreibt. Hält inne, grübelt, sagt „Ah, ja!“, streckt kurz den Zeigefinger in die Luft und schreibt. Erklärend fügt sie an: „Ich hatte den Block vergessen und versucht, mir die Bestellung zu merken.“ Das ist ihr gelungen, sie holt die bestellten Flaschen aus dem Kühlschrank und stellt sie aufs Tablett.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
In der Küche bereitet André Baguettes, Bagels und Crêpes zu. „Eine regelmäßige Lesung mit Frank Schäfer ist angedacht“, sagt er. „Einen Termin gibt es noch, den 6. Mai – mal sehen, wie es angenommen wird.“ So voll, wie die erste Show war, und so glücklich, wie die Gäste darüber sprachen, steht da aber nichts Schlimmes zu befürchten. Über den abebbenden Winter freut sich André. „Vor zwei Tagen ging’s los, da hatte man selbst schon den Frühling in der Nase“, schwärmt er, während er Mozzarella auf ein Baguette legt. Da ging es nicht nur ihm so, dass er den Frühling begrüßen wollte: „Ich musste Tische und Stühle rausräumen.“ Grund und Anlass, schon jetzt über den Sommer nachzudenken: „Wir haben Bierbänke gekauft, rollen unterm Balkon eine Leinwand herunter und gucken WM.“ André legt die fertig zubereiteten Leckereien auf Teller und bringt sie zu den Gästen.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze (van Bauseneick)<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
]]></content:encoded>
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		<title>#28 Ein ernsthafter Mann</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Feb 2010 15:44:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Cafe]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[
Dienstag, 2. Februar

Vor 20 Uhr kommt zunächst kein Gast ins Café Riptide, denn bis dahin bereiten André und Chris den Raum für die heutige Abendveranstaltung vor. Heute Abend liest Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Café, zum bereits zweiten Mal. Für die Gäste, die die Zeit zwischen Cafébetrieb und Abendveranstaltung dennoch in Reichweite des Riptides verbringen wollen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Dienstag, 2. Februar</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Vor 20 Uhr kommt zunächst kein Gast ins Café Riptide, denn bis dahin bereiten André und Chris den Raum für die heutige Abendveranstaltung vor. Heute Abend liest Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Café, zum bereits zweiten Mal. Für die Gäste, die die Zeit zwischen Cafébetrieb und Abendveranstaltung dennoch in Reichweite des Riptides verbringen wollen, hat sich die Situation immens verbessert: Sie müssen jetzt nicht im kalten Nieselregen stehen, sondern können sich die neue Rip-Lounge setzen. Dort sitzt Sylvia und interviewt Thomas Gsella für Radio Okerwelle. Gerald Fricke und Frank Schäfer setzen sich nach einer Weile dazu. Sie kennen Thomas Gsella, denn sie hatten ihn einmal bei ihrer Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“ zu Gast, die sie bis vor ein paar Jahren gemeinsam mit Hartmut El Kurdi im Antiquariat Buch und Kunst veranstaltet hatten. Dort war Sylvia auch immer Gast, deswegen kennt sie auch die beiden Braunschweiger Autoren.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Hast du reserviert?“ Diese Frage wird Jana an der Kasse heute noch häufiger stellen. Die meisten Gäste bejahen sie. Statt einer Eintrittskarte drückt Jana den Gästen den Riptide-Stempel in die Hand. „Ich bin die Aushilfe für die Aushilfe“, erklärt Jana  lachend. „Das mache ich gerne, wenn mal Not an der Frau ist.“ Der nächste Gast kommt an die Kasse. „Hast du reserviert?“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Noch ist im Café nicht viel los. Überall stehen Bierbänke quer im Raum, eine winzige Bühne drängt sich in die LP-Ecke, davor warten die vier schwarzen Hockerwürfel auf Sitzende. Die nehmen zuerst das Sofa am anderen Ende des Raumes ein. André kommt aus Richtung Sofa, Chris kommt von der Leiter herunter. Er hat den Beamer auf einen Lautsprecher gestellt und das Bild von Gsellas neuem Buch „Warte nur, balde dichtest du auch! – Offenbacher Anthologien“ auf die Leinwand neben der Minibühne projiziert. Chris setzt sich auf den Stuhl an dem Tisch auf der Bühne. „Thomas Gsella hat mich gebeten, euch ein paar Geschichten zu erzählen“, spricht er ins Mikrofon. „Er hat keinen Bock“, behauptet er und fügt grinsend hinzu: „Auf euch.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Ein Relikt aus vergangener Zeit, ein Symbol für die Einzigartigkeit und den liebenswerten Charakter des Café Riptide haben Chris und André zu Grabe getragen: Den Schlüssel für das WC. Er liegt jetzt aufgebahrt in einem Holzsarg auf dem Tresen, beschriftet mit „R.I.P. 16.9.2007 – 16.1.2010“. Seit es in der Lounge Toiletten gibt, wird die Frage „kann ich mal den Schlüssel haben?“ im Riptide ebenso wenig wieder zu hören sein wie die gut gelaunt geäußerte Wegbeschreibung „wenn du hier raus gehst, nach rechts, etwa zehn Meter, dann auf der linken Seite die Glastür, die Treppe hoch“. Eine Ära geht zu Ende. Das sehen offenbar viele Gäste so, denn Chris erzählt eben jemandem, dass ein anderer Gast gesagt hätte, er würde jetzt trotzdem nur mit dem Schlüssel aufs WC gehen wollen. Überdies berichtet Chris, dass es mit der einzigartigen Klingel für die Funk-Verbindung zur Rip-Lounge nicht geklappt hat, und beruhigt: „Die provisorische Klingel funktioniert jetzt immerhin.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Am Rand der ersten Reihe stapelt Sylvia ihre technischen Dinge und ihre Winter-Sachen auf die Bank. „Hab den Thomas interviewt drüben“, sagt sie, „und mir jetzt einen Platz in der ersten Reihe reserviert.“ Auch Chris setzt sich in die erste Reihe, neben Marcel Pollex vom Ensemble der Bumsdorfer Auslese. Mehr Platz ist im rappelvollen Café auch kaum noch zu bekommen. Aber zu finden: Auch Heike und Jerun zwängen sich noch erfolgreich nach ganz vorne.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Sich umständlich verrenkend nimmt Thomas Gsella den Platz auf der Bühne ein. „Ich darf mich nicht bewegen, sonst rutsche ich von der Bühne“, stellt er um sich blickend fest. „Hinter mir ist ein Graben, zehn Meter tief.“ Vor einem Jahr sei er schon mal im Riptide gewesen, erinnert er sich. „Als ich vor einem Vierteljahr erfuhr, dass ich schon wieder für Braunschweig gebucht bin, stellte ich fest, dass ich noch gar kein neues Programm hatte, da musste ich schnell zwei neue Bücher schreiben.“ Zum Beispiel die „Offenbacher Anthologie“ als Antwort auf die „Frankfurter Anthologie“, die Marcel Reich-Ranicki als Lyrik-Rezensions-Kolumne in der FAZ verfasst. Gsella beschränkte sich jedoch nicht wie Reich-Ranicki auf deutschsprachige Lyrik, sondern ließ prominente Gestalten offenbar ohne deren Wissen weltweit unbekannte Lyrik-Phänomene auftun und beschreiben. Passend dazu warf er immer ein Foto des vermeintlichen Dichters an die Wand. Gsella adaptierte nicht nur absurde Lyrik, sondern nicht minder überzeugend die verbalen Auswüchse der Lyrikrezipienten. Die Genrevielfalt und das damit sehr breit gefächerte Allgemeinwissen brachten immer andere Ecken des Publikums zum Lachen. Freude hatten so alle an der Lesung.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
In der Pause wechselten viele Gäste in die Rip-Lounge, nicht nur zum Rauchen. Heike und Jerun gehören dazu. Heike lobt das Riptide. „Eine tolle Atmosphäre hier“, sagt sie. Erst gestern Morgen hatte sie per Mail zwei Plätze für die Veranstaltung vorbestellen wollen. „Abends kam dann Antwort von Chris“, erzählt sie erleichtert. Die beiden gehen rauchen, wie viele andere Gäste auch.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Also haben die Nichtraucher im Riptide mehr Platz, sich in Gruppen zusammenzustellen und zu unterhalten. Mit leuchtenden Augen schwärmt Gerald von „A Serious Man“, dem neuesten Film der Brüder Joel und Ethan Coen. Das Ende habe ihn überrascht, die vielen kleinen Details gefielen ihm. „Das Parkplatz-Gleichnis“, erinnert er sich und muss sofort wieder darüber lachen. Gerald hat den Anspruch, die Filme der Coen-Brüder komplett zu sehen „‚Burn After Reading’ habe ich noch nicht gesehen, ‚Barton Fink’ war mein erster“, erzählt er. Der habe ihn damals auf den Rest erst neugierig gemacht. „Arizona Junior“ fehle ihm noch. Über „Ladykillers“ sagt er jedoch: „Das ist der Verzichtbarste.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Zwei Gruppen von Gästen bevölkern die Rip-Lounge: Die Raucher, sitzend, und diejenigen, die sonst nach dem Schlüssel fragen würden, schlangestehend. Irgendwo dazwischen macht sich Laura auf den Weg zurück ins Haupt-Café. Laura kellnert im Herman’s, lernt zurzeit aber auch viel fürs Studium.  „Ich könnte mir keinen Job vorstellen, bei dem ich nichts mit Leuten zu tun habe“, sagt sie, und erzählt: „Eine Freundin gestaltet Dinge am PC, das könnte ich nicht.“ Sie verlässt die Rip-Lounge. Allmählich leert die sich, auch Heike und Jerun rauchen auf und gehen durch den Nieselregen zurück ins Café.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Am Eingang steht André im Niesel und raucht. „Am 13. haben wir wieder die Party mit dem Superbonz Soundsystem“, sagt er. „Da lassen wir in der Rip-Lounge entspanntere Musik laufen, da können die Leute dann chillen.“ Er zieht an der Zigarette, da kommt Ben den Handelsweg entlang. Der Play-It-Again-Ben der Bumsdorfer Auslese wundert sich, was im Café los ist. „Thomas Gsella hält eine Lesung“, sagt André. „Ich komme nur zufällig vorbei, will mit Arbeitskollegen etwas trinken gehen“, sagt Ben. Er fragt André: „Haste mal Feuer?“ und hält ihm eine Selbstgedrehte hin. André hat Feuer. Ben dankt und verschwindet grüßend und Rauch in die Luft blasend in der nassen Kälte.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Kabel und Mikrofone türmen sich auf Sylvias Platz. Sie schneidet Gsellas Programm auszugsweise mit: „Mal sehen, was noch kommt.“ Den Anfang habe sie jedenfalls mitgeschnitten, berichtet sie, und freut sich: „Besonders Franks Lachen, das hört man ja immer und überall heraus.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Jetzt ist auch Thomas Gsella aus der Raucher-Lounge zurück an seinen Bühnenplatz gekehrt. „In der Pause haben Leute gesagt, die Lesung wäre scheiße, weil zu wenig Gedichte vorkamen“, setzt er an. Den Missstand behebt er, indem er für Spiegel-Online verfasse Sudel-Gedichte über Städte rezitiert. „Über Braunschweig habe ich auch eines geschrieben auf der Fahrt hierher“, sagt er und liest es vor. Die „Offenbacher Anthologien“ bestimmen danach auch den zweiten Teil der Lesung, obendrauf gibt es Prosa sowie Texte aus der Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ zu hören.<br />
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„Es ist schön, jemandem zu lauschen, der weiß, was er da macht“, kommentiert Janna an deren Ende die Veranstaltung. Für Gsella erfindet sie das Lob „ich find den krallenett“. Heike, die vor ihr sitzt, bedient sich an Jannas Kleidungsstücken, bis sie bemerkt, dass es gar nicht ihre sind. Beide lachen. „Ich war mal auf einer Party, da haben alle ihre Jacken aufs Bett geworfen, um die 30 Gäste“, erzählt Heike. „Das war im Winter, und als ich nach Hause wollte, musste ich erst meine Jacke suchen – alle waren schwarz“, sagt sie. Im gehen macht sie noch einen Vorschlag: „Im Winter sollte man mal etwas anderes als Schwarz tragen, zum Beispiel Orange.“<br />
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Auch Sylvia sucht ihre ganzen Sachen zusammen. „Am Sonntag von zwölf bis 13 Uhr mache ich über Chris eine Sendung“, kündigt sie an. „Den ganzen Werdegang, vom Mailorder bis zum Café, und André sucht die Musik aus.“ Kabel landen in Sylvias Tasche. „Das Interview mit Thomas ist am Donnerstag in ‚Pandora’ zu hören, zwischen 19 und 20 Uhr“, sagt sie. Die Sendung „Pandora“ läuft an jedem Donnerstag auf Radio Okerwelle. Der Sender residiert in der Brunsviga, dort ist Sylvia also oft anzutreffen. „Da kommt Hartmut El Kurdi hin, am 26. Februar, zum Satire-Fest“, sagt Sylvia begeistert. „Und am 27. März kommt er mit The Twang auch in die Brunsviga“, schiebt sie hinterher. Kaum weniger begeistert berichtet sie von der neuen The-Twang-CD: „Klaus Voormann hat das Cover gemacht, die Band in einem Stetson – Voormann hat in der Band von Manfred Mann gespielt und das Cover von der Beatles-LP ‚Revolver’ gestaltet.“ Im Vorbeigehen hat auch Frank, dessen Lache Sylvia so mag, noch einen Veranstaltungstipp: „Am 4. März ist Frank Schulz im Riptide, das stand auch unten im Newsletter zu Gsella.“<br />
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Die Show ist lange vorbei, das Riptide leert sich. André klappt Bänke zusammen, Jana gibt an der Theke das Pfandgeld aus. Chris dankt Thomas Gsella an der Bühne für den Abend. Wird Gsella ein drittes Mal ins Riptide kommen? „Wenn ich darf?“, hält er grinsend dagegen. Chris spielt empört: „Aber sicher!“</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze (van Bauseneick)<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#27 Verdoppelter Brandungsrückstrom</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 20:22:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
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Samstag, 16. Januar

Nina schreibt:
Wir waren zu viert und kamen aus dem Kino, so ca. 23.30 Uhr. Natürlich haben wir von der Party im Café Riptide gehört und sind in die Richtung geschlendert. Im Kopf war aber der Gedanke, dass um diese Uhrzeit doch niemand mehr da ist und die Party ohne uns gelaufen ist. Um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Samstag, 16. Januar</strong><br />
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<strong>Nina schreibt:</strong><span style="font-family: Courier New; color: #000000;"><br />
Wir waren zu viert und kamen aus dem Kino, so ca. 23.30 Uhr. Natürlich haben wir von der Party im Café Riptide gehört und sind in die Richtung geschlendert. Im Kopf war aber der Gedanke, dass um diese Uhrzeit doch niemand mehr da ist und die Party ohne uns gelaufen ist. Um so überraschter waren wir dann, als wir schon zu Beginn des Handelweges Musik und Lachen aus dem Café gehört haben&#8230; Mit Vorfreude sind wir dann eingetreten und begegneten gleich vielen gut gelaunten Menschlein mit Sekt und Co. Alle in guter und lockerer Stimmung. Einen Sitzplatz haben wir nicht gleich finden können, aber konnten uns dann doch auf zwei kleinen Sitzwürfeln niederlassen und quatscheln.<br />
<span style="font-family: Courier New; color: #000000;"><br />
Mein Eindruck war sehr positiv. Eine entspannte Atmosphäre und dann doch so &#8222;kicksig&#8220; und frisch. Ich finde es schön, dass es dort an jeder Wand und Ecke etwas zu entdecken gibt: bunter Bilder, Spielzeug, spannende Leute&#8230; Ein bissel wie bei Oma in der Stube.<br />
<span style="font-family: Courier New; color: #000000;"><br />
Leider wurde kurz nach unserem Eintreffen doch der Laden geschlossen. Eine sehr nette und hübsche Dame fragte uns nach unserer Meinung und bat uns, bald wiederzukommen. Nach einer sehr herzlichen Knuddelage ihrerseits sind wir dann weitergezogen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Janna schreibt:</strong><span style="font-family: Courier New; color: #000000;"><br />
Die Riptide-Lounge ist so gemütlich, dass ich am liebsten hierbleiben würde – wenn ich nicht Nichtraucherin wäre. Die Wände in Rot und Pink und etwas Gold, zum Teil mit passender Riptide-Tapete versehen, knüpfen an den maurischen Charakter des Gebäudes an, inklusive Sitznische und Kerzen. Es ist voll, doch ich finde dennnoch, was ich suche: Das WC ist nicht mehr auf interessant verschlungenen Wegen, sondern ebenerdig zu erreichen und auch für Leute geeignet, die größer sind als 1,48 m.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Lina schreibt:</strong><span style="font-family: Courier New; color: #000000;"><br />
Es war gut besucht: Immer wieder kamen Gäste mit beschlagenen Brillen, die nach einem Platz suchten, und die Kellner kamen kaum mehr hinterher, den zahlreichen, lautstark und fröhlich geäußerten Bestellungen Folge zu leisten. Die Raucher freuten sich, dass sie in den neuen Räumlichkeiten rauchen durften, die Nichtraucher, weil der Nichtraucherbereich davon höchstens optisch etwas mitbekam und sie, wie sonst auch, bei den Platten saßen, und man freute sich kollektiv darauf, dass die Lücke dazwischen bald durch Sonnenschirme und Sitzgelegenheiten im Innenhof geschlossen werden würde.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Mittwoch, 20. Januar</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Der ganze Schnee, der seit Weihnachten alles bedeckte, ist inzwischen weg. Die wenigen Reste sind so grau wie der Himmel. Umso besser, dass das Riptide schon kurz vor Mittag geöffnet hat. Noch ist es ruhig, zwei Gäste sitzen am Tisch, ein weiterer blättert in den LPs. Chris steht hinter der Theke und wirkt ratlos. „Gestern habe ich den Monitor ausgemacht, heute geht er nicht mehr an – das kann doch nicht sein, der kann doch nicht über Nacht kaputt gehen!“ Er krabbelt unter die Theke. „Da muss ich unten bei den Kabeln gucken.“ Seine Stimme klingt gedämpft. Sollte der Monitor wirklich kaputt sein, wäre das problematisch: „Es fällt viel weg, was ich nicht machen kann, und außerdem wird auch noch ein neuer Monitor fällig.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Von den LPs kommt Dennis herüber. „The XX habt ihr nicht hier?“, fragt er Chris, der sich von unter der Theke erhebt. „Da muss ich gucken“, sagt Chris. „Die geht täglich rein-raus – hier kann ich nicht gucken, das muss ich hinten machen.“ Also geht er an den PC im versteckteren Büro-Teil des Cafés. Nach einer Weile kehrt er zurück und überbringt Dennis die schlechte Botschaft: „Beides ist raus, auf die LP warten wir schon länger, die CD kommt morgen.“ Dennis würde jedoch lieber die LP haben wollen. „Kann ich verstehen, die ist super gemacht, mit dem X als Cut-Out – die ist saugeil, die Platte, taucht auch in allen Bestenlisten auf, seitdem kriegen wir noch mehr Nachfragen.“ Chris klettert wieder unter den Tresen und fördert einen schwarzen Stecker zutage. „Den Netzstecker hab ich gefunden“, sagt er zwar erstaunt, aber doch nicht so recht zufrieden, weil das dem Monitor nicht hilft. „The XX hab ich bei Tracks auf arte gesehen“, kehrt Dennis zum Thema zurück. „So wie ich haben bestimmt auch viele die Band dadurch entdeckt.“ Chris werkelt weiter an der Steckleiste herum. „Alle gehen jetzt ihre eigenen Listen durch und gucken: Hab ich was verpasst?“, sagt er. Es klackt, wenn er Stecker zurück in die Leiste drückt. „Da taucht alles auf, was 2009 gut war: La Roux, Mumford And Sons, The XX – die sind alle bei mir auch auf der Bestenliste.“ Es piept. Chris stutzt und blickt verdutzt auf den Monitor. „Der ist wieder da!“, stellt er fest. „Ich hab alle Stecker rausgenommen, die Kabel geradegezogen – der kann doch nicht einfach kaputtgehen, der muss rauchen, blitzen, pfffff, aber doch nicht so still und heimlich&#8230;“ Chris klackert an der Tastatur. „Schlimm ist, wenn man nicht weiß, woran’s gelegen hat.“ Jetzt kann er Dennis auch wieder vom der Theke aus Fragen nach LPs beantworten.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Seit Samstag ist das Riptide größer. Gegenüber, am anderen Ende des Achtecks, eröffneten Chris und André die Rip-Lounge. Eben geht Chris an den besetzten Tisch im Haupt-Café und fragt nach weiteren Wünschen. Timo fragt Chris nach der Rip-Lounge. „Das ist der Raucherbereich, wir haben 23 neue Sitzplätze und WCs drüben, man muss nicht mehr den Schlüssel holen“, zählt Chris auf. Timo fragt nach Partys in zwei Räumen, die jetzt möglich wären. Chris nickt: „Wir haben im Februar eine Party und überlegen, die auch drüben über Funk mit der PA zu beschallen.“ Timo steht auf. „Das guck ich mir mal an.“ Er verlässt das Café, überquert den Handelsweg und öffnet die Tür zur Rip-Lounge. „Wow!“, staunt er. Bis auf das Hellgrün sind alle Farben aus dem Haupt-Café auch hier zu sehen, die schmucke Tapete reicht bis in Kopfhöhe, Bänke stehen parallel zueinander, vorne stehen Stühle an den Tischen. Am Fenster, das dem großen Fernseher-Fenster im Haupt-Café fast gegenüberliegt, steht ein Schild mit der Aufschrift „Suppe der Woche: Kohlrabi-Möhren-Cremesuppe“ und eine Vase mit Nelken. Eine Vase mit Tulpen steht auf einem der Tische. Am Ende der einen Bankreihe machen Kissen aus einer zugemauerten Fensternische eine gemütliche Sitzecke. Neben der Tür hängt ein Kasten mit der Aufschrift „Bestellen? Drück mich!“ und einem Knopf in der Mitte. „Das sieht aber gut aus“, findet Timo mit einem Blick in die Runde und kehrt dann wieder zurück an den Tisch im Haupt-Café.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Dort berichtet Chris vom Samstag. „Um 15 Uhr haben wir offiziell das Band durchgeschnitten“, sagt er. So richtig fassen kann er nicht, woran er sich erinnert: „Die Leute hatten wohl die Party des Jahres erwartet, sie zumindest daraus gemacht – sie kamen und kamen und kamen&#8230;“ Freunde und Fremde, ein Riesentrubel, mit ihm und André sechs Helfer im ständigen Einsatz.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Mit Plakaten kommt Stefan herein und fragt, ob Chris die aufhängt. Der sichert das zu. Von Radio Ferner kommt Stefan. „Wir machen Hörproben bei uns, Freitag geht’s los“, sagt er. Um Plattenspieler der unterschiedlichsten Preisklassen geht es dann. „Wir haben euch schon viele Leute geschickt“, sagt Chris und nimmt die Plakate entgegen. Stefan bestätigt: „Ja, da kommen viele junge Leute zu uns, und immer, wenn’s um Platten geht, frage ich, kennste das Riptide?, und die kennen das auch.“ Chris grinst: „Das sind wohl die, die wir zu euch geschickt haben.“ Aber bei den jungen Leuten will es Stefan nicht belassen. „Wenn mal ein paar ältere Leute zu euch kommen, die sind auch von uns“, sagt er und erzählt, dass die es nicht glauben können, wenn er ihnen sagt, dass es in Braunschweig einen Laden gibt, in dem man Platten kaufen kann, „und zwar nicht gebrauchte, sondern richtig neue.“ Ihm selbst gehe es genauso: „Ich will auch nicht nur die alten Sachen hören.“ Deswegen hat er zwar für die Kunden viele ältere LPs und CDs für die Hörproben im Geschäft. „Neue Musik wollen die meisten nicht hören, aber manchmal lege ich dann auch Bonnie ‚Prince’ Billy oder Seasick Steve auf, da fragen die Kunden dann schon mal, was das ist.“ Die Live-Platte von Bonnie „Prince“ Billy hat einen tollen Sound, findet Stefan. „Und wenn ich mal Seasick Steve auflege, sagt trotzdem keiner: Das nervt“, berichtet er. Erst seit wenigen Monaten sucht Stefan überhaupt wieder nach neuer Musik. „Ich war ein paar Jahre weg davon“, sagt er. Familie, Beruf und so weiter. Jetzt hat er einen Account bei Napster. „Da lade ich mir Alben herunter, höre sie mir an, und was mir gefällt, das kaufe ich mir auf Platte.“ So hat er schon eine Menge Sachen kennen gelernt, über die er ohne Napster nie gestolpert wäre. „Die Mountain Goats oder My Morning Jacket hört man ja nicht im Radio”, bedauert Stefan. „Und die habe ich bei Napster entdeckt“. Stefan wendet sich jetzt an Chris, weil er noch etwas bestellen will.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Mittlerweile füllt sich das Café. Nicht nur mit Gästen: Joel ist eingetroffen, er macht zurzeit ein Praktikum im Riptide. „Seit&#8230;“ Er überlegt kurz und weiß dann: „&#8230;letzte Woche Mittwoch.“ Samstag zur Eröffnung der Rip-Lounge war er dann also bereits dabei. „Da war gut was los“, nickt er. Der 19-Jährige geht auf die BBS 3 Fredenberg in Salzgitter-Lebenstedt und wohnt in Bad. Das Riptide ist bis dorthin bekannt: „Bei vielen Kumpels, die Vegetarier und Veganer sind, und bei Hardcore-Punks, die Platten sammeln“, sagt Joel. „Die sind auch öfter hier, das spricht sich überall herum.“ Seinen Geschmack bekommt er hier auch erfüllt: „Crust, Grind, Death Metal, Punk, Thrash Metal – hauptsächlich Krach.“ Er grinst und macht sich wieder an seine Arbeit.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Drüben ist auf?“, fragen Detlev und Jürgen, die kurz ins Riptide blicken. Chris bejaht und fragt: „Was nehmt ihr, wie immer?“ Die beiden bestätigen, Chris nickt und sie gehen nach gegenüber in die Rip-Lounge, kurz darauf folgen auch die Getränke. Die Post und ein Paketdienst kommen an die Theke und bringen Post und Pakete. Nach einer Weile steckt Detlev seinen Kopf zur Tür herein und fragt, ob er noch eine  Bestellung abgeben kann. „Habt ihr geklingelt?“, fragt Chris. Hat er, hat aber offenbar nicht funktioniert. Er erzählt, dass in der Rip-Lounge früher das Doktor Korn war, „ganz früher, Ende der 60er, da ging’s hier hoch her.“ Er grinst. „Das Doktor Korn war eine Pinte“, er macht eine kleine Pause, „freie Liebe gab’s überall“, und schränkt dann ein: „Ich war erst zwölf, 13, bin immer von der Schule hier durch.“ Er denkt kurz nach, was damals wohl noch so dazu beitrug, dass es hoch her ging, und sagt: „Tante Puttchen ist eh klar, und das Banana, ich sitze grad mit dem ehemaligen Besitzer zusammen.“ Das ist Jürgen, der Detlev Steini nennt. Er wartet in der Rip-Lounge rauchend auf Detlev und die bestellten Getränke. „Handelsweg 11 war meine Adresse“, sagt Jürgen. „Ich hatte Schmuck, Kleidung, Besonderes, Asiatika.“ Detlev erinnert sich: „Vorher war da Fletcher.“ Jürgen nickt. „Ich bin neunundachtzig da rein, raus bin ich&#8230;“, er grübelt, „zweitausendzwei oder drei – jetzt bin ich bei der Stadt.“ Chris bringt den Milchkaffee für Jürgen und den Grünen Tee für Detlev. „Dürfte ich ausnahmsweise gleich abkassieren?“, fragt Chris und stößt damit auf volles Verständnis. Beide Gäste greifen zu ihren Geldbörsen, doch Jürgen sagt: „Nein, Steini, dieses Mal bin ich dran.“ Chris dankt, nimmt das Tablett und kehrt zurück ins Haupt-Café. Jürgen und Detlev beginnen, sich an Geschichten und Erlebnisse zu erinnern. „Johnny Cash hab ich mal auf Bali kennen gelernt“, sagt Detlev gerade. „Da hat er in einer Karaoke-Bar sein eigenes Lied gesungen.“ Jürgen fällt ein: „Auf Bali haben wir uns auch mal getroffen, zufällig, das war in dem Jahr, als Jan Ullrich die Tour de France gewonnen hat.“ Jürgen war auf Bali, weil er dort Sachen für seinen Laden gekauft hat. „Viermal im Jahr war ich in Südostasien, auch in Mexiko“, erzählt er. Detlev und Jürgen haben zusammen Fußball gespielt, beide waren an Sport interessiert. „Ich bin nach Bali geflogen, als die Tour de France schon zuende war, und Steini wollte unbedingt wissen, wie’s ausgegangen ist, ob Jan Ullrich gewonnen hat – damals gab’s ja noch nicht in jedem Nest ein Internet-Café.“ Detlev kehrt thematisch zurück zum Handelsweg und weiß über das Riptide: „Angela war da vorher drin, mit ihrem Antiquitätenladen, die ist jetzt vorne an der Ecke, gegenüber vom ehemaligen Hound Dog.“ Beiden fällt der Begriff „Kontakthof“ ein, sie nennen Knuff und Pata Pata. Jürgen lacht und zeigt in die Weite der Rip-Lounge. „Hier hatte ich mal ein Erlebnis, ich war mit meiner Freundin hier, da kam Paule rein mit einer Winchester, hat nur zum Spaß in die Decke geschossen, baaamm, baaamm!“ Beide lachen. „Hier könnt’ ich Bücher erzählen“, versichert Jürgen glaubhaft. „Pata Pata hat komplett mit Matratzen ausgelegen“, fällt Detlev ein. „Und als Schüler habe ich mir immer bei Tante Puttchen Eis geholt.“ Jürgen erzählt, dass er aus West-Berlin kommt „Ich bin im MK zur Schule gegangen, das war lustig, als ich den Laden hatte, sind ab und zu meine alten Lehrer vorbeigekommen, die hab ich dann angesprochen, die hätten mich nicht erkannt.“ Die beiden erinnern sich an den Gewölbekeller unter der Rip-Lounge und überlegen, was da vor dem Peetie’s drin war. „Wild Geese 2“, fällt Jürgen ein. „War das das, wo der drin geheiratet hat?“, fragt Detlev. Jürgen verneint: „Das war im Red Pub, so hieß es davor.“ An ein Fahrradgeschäft erinnert sich Detlev. „Da ist jetzt der Comic-Laden drin“, weiß er. Zurück beim Fußball erzählt Jürgen von Anekdoten und Erlebnissen, die er als Spieler der Altherrenmannschaft der Eintracht hatte. Detlev lacht. Er arbeitet beim Theater und zitiert aus dem Stück „Gipfelstürmer“: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Wolters her.“ Wie aufs Stichwort kommt Joel herüber und fragt: „Darf’s noch was sein?“ Jürgen verneint: „Nein, für mich nicht mehr.“ Detlev fügt hinzu: „Es ist nett, dass du fragst!“ Joel nickt und kündigt an, dass er zum Abräumen gleich wiederkommen wird. Jürgen und Detlev kehren zurück zu ihren Erinnerungen und hören gar nicht mehr auf zu lachen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Drüben im Haupt-Café ist André inzwischen eingetroffen. In der Küche ist er ganz gut beschäftigt, denn am MK ist gerade Pause und viele Schüler holen sich ihren Imbiss im Riptide ab. Einige stehen mit Straßenpizza bei ihren Freunden herum, die gerade ihre Bestellung zubereitet bekommen. Timo schiebt sich zwischen sie und begleicht bei Chris seine Rechnung. Beim Blick auf die Led-Zeppelin-Box hinter Chris fragt er nach dem Preis und sagt, dass er sie gerade ersteigert hat und vergleichen will. „66 Euro“, liest Chris ab. „Ja!!!“, jubelt Timo. Chris grinst: „Hast du ein Schnäppchen gemacht?” Timo erzählt, dass er sie für 20 Euro bekommen hat uns schon glaubte, zu viel bezahlt zu haben. Chris verneint: „Da kannst du im Quadrat springen.“ Das macht Timo dann doch nicht, sondern dankt, grüßt und geht.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Nach ihm kommt Sahar an die Theke. „Einen von den dunklen Coockies“, bestellt sie bei Chris. „Zum Mitnehmen?“, fragt der. „Ja“, sagt sie und diskutiert mit ihren Freundinnen, warum sie lieber den dunklen als den hellen haben möchte. „Wir haben gerade Mittagspause“, erklärt sie noch, nimmt ihren Cookie entgegen und verlässt gemeinsam mit ihren Freundinnen das Café. André hat inzwischen auch die Crêpe-Wünsche der anderen Schüler erfüllt, das Café leert sich ein wenig. André macht sich an die nächsten Crêpes auf dem Bestellzettel.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Die Klingel hat manchmal Aussetzer“, weiß Chris über die Funkstille zur Rip-Lounge. Er verrät: „Wir lassen uns da gerade etwas Besonderes bauen, was es nicht gibt.“ Mehr jedoch verrät er nicht. Nur, dass die Rip-Lounge noch lange nicht fertig ist. „Lüftung, finale Möbel, Klingelsystem“ fehlen noch. „Es klafft noch ein Loch in der Wand, da kommt die Lüftung rein, das stört aber nicht – wir haben die Lounge erst mal in Betrieb nehmen wollen, Ende Januar kommt hoffentlich alles.“ Den Namen „Rip-Lounge“ lehnt Chris an VIP-Lounge an. „Den wusste ich schon vor einem Jahr“, grinst er.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
In der Küche schnippelt André gerade Bananen auf einen fertig gebackenen Crêpe. „Samstag war ein Erfolg“, erzählt er erleichtert. „Da ist uns eine Last von den Schultern gefallen.“ Chris und André hätten vor zweieinhalb Jahren nicht zu träumen gewagt, dass das Riptide einmal zu klein sein würde. Der Sprung über den Handelsweg war ein Wagnis. Eines, das den Gästen mehr Komfort bietet. Bei einem Schmuddelwetter wie jetzt müssen die Raucher nicht mehr unter dem Schirm im Achteck frieren. Sie können im Warmen, Trockenen sitzen, rauchen und sich mit Speis und Trank bedienen lassen. Joel kommt mit einem vollen Tablett mit leeren Gefäßen darauf aus der Rip-Lounge. Noch bis Ostern wird er regelmäßig im Riptide arbeiten. Das ist noch weit weg.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze (van Bauseneick)<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
]]></content:encoded>
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		<title>#26 Wunsch oder Reim aka Glücklos wuschig</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Dec 2009 23:48:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[
Mittwoch, 9. Dezember

Zum Geleit: Da es auf Weihnachten zugeht und Weihnachten nach heutiger Auffassung vorrangig das Fest der Wünsche ist, stehen die Gäste des Café Riptide heute vor der Wahl, entweder von einem Wunsch zu berichten, den sie sich bereits erfüllt haben oder noch erfüllen möchten, oder sich ein Gedicht auszudenken.

Chris und André haben im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Mittwoch, 9. Dezember</strong><br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Zum Geleit: Da es auf Weihnachten zugeht und Weihnachten nach heutiger Auffassung vorrangig das Fest der Wünsche ist, stehen die Gäste des Café Riptide heute vor der Wahl, entweder von einem Wunsch zu berichten, den sie sich bereits erfüllt haben oder noch erfüllen möchten, oder sich ein Gedicht auszudenken.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Chris und André haben im Achteck vor dem Riptide immer noch Tische und Stühle unter dem Schirm stehen, und die werden auch immer noch genutzt, von Rauchern zumeist. Dabei ist es heute wenngleich trocken, so doch recht kalt. Immerhin lässt sich die Sonne gelegentlich blicken. Das ist so ungewöhnlich, dass es sich bei den Gästen deutlich bemerkbar macht. „Alle strahlen heute, die reinkommen“, stellt André daher fest. Und lässt sich seinerseits ansteckend davon anstecken.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Was ist denn gerade die Suppe der Woche?“, fragt Manu vom Platz vor der Theke aus. „Linsensuppe nach Omas Rezept“, sagt André über die Theke hinweg. Manu bestellt davon. „Weil die Linsen die Flüssigkeit eingezogen haben, ist aus der Suppe ein Eintopf geworden“, erklärt André, als er Manu die Schüssel bringt.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Sondersendung“ heißt die Silvesterparty, die im Fernmeldeamt steigt und an der auch das Riptide beteiligt ist. André weist auf die entsprechenden Flyer hin, die seit einiger Zeit der Tresen schmücken. Auch weist er darauf hin, dass am Samstag, 19. Dezember, Monsieur LeSupersexuel im Riptide seine „Sinful pleasures a-go-go“ ausleben wird. „Das ist Helge, der hat oft in der Haifischbar aufgelegt, das ist das dritte Mal, dass er das jetzt bei uns macht“, erklärt André. Und schlägt das aktuelle „intro“ auf, da ist „The Ghost That Broke In Half“, das neue Album der Göteborger Band Boy Omega, in der Rubrik „Platten vor Gericht“ auf Platz fünf von zehn. Das Album ist auf dem Riptide-Label erschienen. Außerdem berichtet André von Franzi, der neuen Aushilfe. „Sie macht das Team komplett“, sagt er. Kathi, Sina und Franzi ermöglichen Chris und André jetzt mehr Freiraum, sich um andere Belange des Cafés zu kümmern.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Chris sitzt nämlich auch jetzt wieder in seiner Büroecke. Man hört aus dem Winkel abwechselnd Tastaturklappern, Stuhlknarren und Sichamtelefonverabschieden. Ansonsten hört man recht wenig im Riptide, obwohl es voll ist. Eine beinahe andächtige Stille macht die allgemeine strahlende Entspanntheit greifbar. Jetzt steht Chris auf und sortiert einige Belege in die Schublade am Tresen. Er guckt in den Raum und stutzt: „Sind so viele Leute da – was ich immer nicht mitkriege.“ Er dreht sich zufrieden um und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Ich habe mir den Wunsch erfüllt, nach erfolgreicher Abschlussarbeit einen Thorens-Plattenspieler zu kaufen“, sagt Manu, als er seine Suppenschüssel geleert hat. „Ich habe mir gesagt: Wenn das gut läuft und ich damit fertig bin, erfülle ich mir den Wunsch.“ Ein TD 147 ist es. „Nicht das Überding“, meint er, „aber ein schönes Ding aus den 80ern.“ Gefunden hat er ihn in einem Laden, dem er bereits seit längerem vertraut: „Neuklang, am Affenfelsen, der Typ ist schon älter, der erklärt einem auch alles, wenn er was heile macht.“ Die Abschlussarbeit hat Manu in seinem Hauptfach Politikwissenschaft geschrieben. „Einen Großteil der Arbeit habe ich im Riptide fertiggestellt“, erzählt er grinsend. „Im Sommer habe ich mich immer draußen hingesetzt mit meinem Minilaptop, und wenn’s gut gelaufen ist, habe ich mir Platten mitgenommen, wenn es nicht gut gelaufen ist, habe ich mir nichts mitgenommen.“ Stressig sei die Zeit gewesen, aber damit habe er sie sich etwas versüßt. „So habe ich mein gesamtes Monatsgeld abgesetzt“, sagt er. Doch ganz vorbei ist es noch nicht: „Jetzt lerne ich für die Abschlussprüfung, das ist noch alter Magisterstudiengang.“ Die Freunde, auf die er gewartet hat, sind inzwischen eingetrudelt. Manu setzt sich zu ihnen, es gibt ein großes Hallo.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Von seinem Tisch in der Ecke geht Dennis nach draußen, um zu rauchen. Ein Wunsch fällt ihm nicht gleich ein, „da muss ich erst überlegen“, sagt er. Und überlegt. Und sagt dann grinsend: „Wie letztes Jahr: Weihnachten nur mit Alkohol.“ Vom Wunsch schweift er ab. Das Fernmeldeamt, in dem auch die Silvester-Sondersendung stattfindet, interessiert Dennis. Zum Silver Club, der dort am vergangenen Samstag stieg, war er jedoch nicht in Braunschweig. „Mal sehen, ob ich es überhaupt mal in den Laden schaffe“, sagt er. Denn er beabsichtigt einen Umzug nach Berlin, außerdem soll das Gebäude im August schon abgerissen werden. „Ich habe gehört, dass im April Schluss ist mit Veranstaltungen“, sagt Dennis und zieht an der Zigarette. „Irgendwann bin ich nur noch zu Besuch in Braunschweig, dann interessiert mich das nicht mehr so.“ Er hat aufgeraucht, nimmt seine Zigaretten vom Tisch und geht an den Tresen, um sich von André einige LP-Schutzhüllen und Innen-Sleeves geben zu lassen, bevor er in die kühle Dezemberluft zurückkehrt.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Mit strahlenden Augen erzählt André von den Movie Days, die kürzlich an zwei Tagen in der Stadthalle stattgefunden haben. „Der Beißer, Jay und Boba Fett waren da, also Richard Kiel, Jason Mewes und Jeremy Bulloch“, schwärmt André. „Ich bin da wie ein kleines Kind herumgelaufen, habe mich in ein Raumschiff gesetzt, und meine Freundin musste alles fotografieren.“ Andrés Augen werden immer größer. „Der Beißer hat meinen Kopf so in die Zange genommen“, sagt er und deutet es mit seinen Händen an. Gregor, der gerade mit beschlagener Brille ins Café kommt, fragt André nach einigen Bestellungen. „Viele Leute sind da auch in Verkleidungen hingekommen“, sagt André noch und reicht Gregor die Califone-LP „All My Friends Are Funeral Singers“ herüber. „Die Califone ist da“, kommentiert André und dreht sich zurück ans Plattenfach neben dem Kühlschrank. Gregor nimmt seine Brille ab, als André ihm mit den Worten „und diese hier“ eine weitere LP reicht. Gregor kann mit beschlagener Brille so wenig sehen wie ganz ohne und braucht etwas Zeit, um „Roots To Grow“ von Stefanie Heinzmann zu erkennen. „Nee, die habe ich nicht bestellt“, wehrt Gregor lachend ab, und ebenso lachend steckt André die Platte zurück ins Fach. „Brauchst du ein Tuch?“, fragt er Gregor. „Nein, das bringt nichts“, antwortet der, „die beschlägt sowieso gleich wieder.“ Er geht an die LP-Fächer und versucht, die Neuheiten zu erkennen.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
„Im Film ‚Sneakers – die Lautlosen’ sagt der Blinde: ‚Ich möchte Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’, und der CIA-Mann antwortet: ‚Wir gehören zur Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, wir machen so etwas nicht!’“, antwortet Sebastian auf die Frage nach dem Wunsch. Er sitzt draußen am Tisch und raucht. Janett neben ihm lacht. „Das habe ich auch als Sample in einem Song gehört“, fügt Sebastian hinzu. Das macht Janett neugierig: „Wo denn?“ Doch Sebastian ist sich nicht sicher, tippt vorsichtig auf die Wohlstandskinder und liegt damit richtig. „Die Welt von Mitteleuropa aus“ heißt der Song. „‚Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’ antworte ich immer, wenn mich einer fragt, was ich mir wünsche, wie bei einer Sternschnuppe“, sagt Sebastian. „Das sage ich immer, auch wenn’s was anderes war.“ Janett würde gerne dichten, mag aber die langweiligen Paarreime nicht, die ihr spontan einfallen. Auch Sebastians Angebot, dazu eine Beatbox zu machen, kann sie nicht dazu umstimmen, die Reime dennoch zu nennen. „Ich wünsche mir einen Einfall für unter meinem Hochbett“, sagt sie daher. „Mit McDonald’s-Bällen hinter Plexiglas, so was bräuchte ich für unter meinem Hochbett – oder einen anderen Einfall.“ Sie erklärt, dass sie das alte Sofa, das einmal darunter stand, überraschend auf dem Sperrmüll loswerden konnte, ohne sich rechtzeitig um einen Ersatz dafür kümmern zu können. „Da ist jetzt nichts, ich sitze auf dem Boden, hab schon angefangen, meinen Hocker zu lackieren und eine Werkstat einzurichten“, sagt sie hilflos. Die Sache mit dem Reim lässt sie aber auch nicht los.<br />
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Zu einem Nachgespräch über den fünften Silver Club am vergangenen Samstag treffen sich Skapino, der den Löwenanteil der Organisation übernommen hat, und „Soundschwester“ Claudy, die eine Hälfte der DJs stellte, im Riptide. „Hurra, wir leben wieder“, sagt Skapino, während er seine Jacke über die Stuhllehne hängt. „Und wir sind fast fertig mit Abbauen.“ Er setzt sich, Claudy hat ihren Platz auf der gemütlichen Bank gefunden, die seit kurzem im Riptide steht. „Wollt ihr erst mal ankommen?“, fragt André und begrüßt die beiden. „Wir sind da!“, ruft Skapino und bestellt einen Milchkaffee. Claudy überlegt, dass sie gerne Kaffee und etwas Limonadiges tränke, und wirft einen schnellen Blick in die Karte. „Habt Ihr Bionade?“, fragt sie André. Der bestätigt das und ergänzt: „Aber auch Bios.“ Das weckt Claudys Neugier. Sie lässt sich die Sorten aufzählen und entscheidet sich für Lemon Grass und einen Cappuccino. „Ich würde auch gerne Kuchen oder Gebäck bestellen, was habt ihr denn da?“ André beginnt, einige Muffinsorten aufzuzählen, und Claudy wählt einen mit Schokolade. André schreibt mit und wendet sich der Küche zu. „Hast du einen Überblick, wie viele Leute da waren?“, wendet sich Claudy jetzt an Skapino. „Dazu habe ich unterschiedliche Aussagen gehört“, sagt der. „Manche sagen über 500&#8230;“ Claudy unterbricht überrascht: „Über 500?“ Skapino nickt: „Im Durchlauf, bei der Party waren es 250 bis 300, bei der Lesung 100 bis 150 vielleicht.“ Sie amüsieren sich darüber, wie schwierig es war, die Leute um fünf Uhr morgens aus dem Fernmeldeamt zu bekommen. „Hinterher haben einige noch mit den herumstehenden Gitarren der Musiker ein Sit-In gemacht“, erinnert sich Skapino. „Das war geil“, fällt Claudy gleich ein. Und zieht Bilanz: „Das war die geilste Party, auf der ich auflegen durfte.“ Und ausnahmsweise einmal die punkig-rockigen Sachen. Mit „Feliz navidad“ von den Voodoo Glow Skulls zum Beispiel hatte sie den meisten Gästen einen nachhaltigen Ohrwurm gezaubert.<br />
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Claudy ist geboren in Sachsen, in Aue, im Erzgebirge, und aufgewachsen zwischen Stuttgart und Tübingen. Seit zehn Jahren lebt sie in Niedersachsen, seit sechs Jahren in Braunschweig. „Schwippbögen, so Krempel wie Räuchermändlä, das hab ich auch“, sagt Claudy. Als Skapino überrascht lacht, fügt sie hinzu: „Aber nicht so viele.“ Sie grinst. Das Räuchermändle spricht sie eher schwäbisch als sächsisch aus. „Ich kann viele Dialekte“, sagt sie daher. „Und auch viele Töne – Soundschwester eben.“ Sie lächelt.<br />
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Zurück zum Silver Club. Claudy erzählt Muffin essend, wie sie am Samstag kurz bei Pizza Hut um die Ecke etwas essen wollte. „Da gehe ich ja nie hin“, sagt sie. „Und treffe zwei Leute aus Hannover, die sagen: ‚Du legst heute auf, da gehen wir hin!’“ Sie wundert sich. Skapino lacht: „Ich hab deutschlandweit Werbung gemacht, hab ich das nicht erzählt?“ Zumindest bei Radio ffn hatte er eine Ankündigung eingereicht. „Aber ich habe einer Freundin bei ffn eine Einladung geschickt, die hat das dem Verantwortlichen gegeben.“ Und der hat daraufhin für den Silver Club geworben. Doppelt ist sicher.<br />
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„Wie findest du den Schweinebärmann?“, fragt Claudy ganz unvermittelt. „Ich finde den knuffig“, sagt Skapino. Das wiederum findet Claudy knuffig. „Da hab ich auch schon aufgelegt, Polkatronics, Partymusik, mit La Cherga, die haben Balkan-Musik gemacht mit Drum &amp; Bass.“ André kommt an den Tisch und fragt: „Möchtet ihr noch etwas trinken?“ Claudys Antwort sorgt für überraschte Stille: „Ich hätt gern’n Schnäpsken.“ André stutzt kurz: „Einen Schnaps?“ Skapino schwindelt: „Sie hat ja auch beim Silver Club ordentlich gebechert.“ Claudy bestätigt das: „Fünf Flaschen Wasser hab ich weggezogen, fünf Flaschen Klaren.“ Sie bleibt beim Auflegen jedoch am liebsten nüchtern und sagt: „Das Auflegen macht doch den Rausch.“ Jetzt bestellt sie sich aber einen Gin Tonic.<br />
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Claudy strahlt nicht nur ansteckende Zufriedenheit aus, sie ist auch zufrieden. „Ich hab das perfekte Leben“, sagt die studierte Theater- und Medienwissenschaftlerin und erzählt, dass sie und ihre Freundin zwei Kinder in Pflege haben. „Wir sind wie ein Heim in klein, eine Familie – das ist meine Arbeit“, sagt sie. „Und ich kann alles machen, Musik und Kultur.“ Dabei hat sie ein großes Verantwortungsbewusstsein: „Nächstes Jahr mache ich eine Prüfung zur Erzieherin.“ In sechs Jahren sind die beiden Kinder aus dem Haus. „Vielleicht nehmen wir dann wieder Kinder im schulpflichtigen Alter auf“, sagt Claudy. Sie strahlt, sie schwärmt – „Ein geiles Leben.“<br />
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Was sie auch noch macht: Rockabella, die Frauenparty im Jugendzentrum Neustadtmühle, seit zwei Jahren. „Rockabella Riot hieß das früher, aber die Mädels hier sind nicht so auf Riot aus“, grinst Claudy. Auf Radio Okerwelle hat sie außerdem eine Sendung, „Soulseduction“, sonntags ab 23 Uhr. Und sie ist Mitglied der Impro-Theatergruppe „Die Freispieler“. Ans DJen ist sie über ihre Brüder gekommen, die ungefähr zehn Jahre älter sind als sie. „Ich hab immer deren Platten gehört“, erzählt Claudy. Irgendwann sollte sie dann auf den Partys der Brüder auflegen. „Die fanden das gut, so hat’s angefangen – mit 16“. Erst seit zwei Jahren macht die Über-30-Jährige das öffentlich. Ihre Co-DJane beim Silver Club, Ina, kannte sie vorher gar nicht – was nicht so wirkte. „Wir haben nur vorher telefoniert und abgemacht: Ich spiele die rockigen Sachen, sie die elektronischen.“ Und das hat prima funktioniert.<br />
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An Skapino richtet Claudy eine Neuentdeckung: den Sampler „No New Tales To Tell“, einem Tribute-Sampler an Love And Rockets, mit Black Francis und Puscifer. Darüber kommen Skapino und Claudy darauf, dass beim Silver Club überwiegend ältere Gäste waren. „Deshalb heißt der auch Silver Club“, behauptet Skapino grinsend. „Echt, ist das der Grund?“, fragt Claudy zu Recht ungläubig. Skapino berichtet: „Nein, wir wollten einfach mal etwas Helles bieten, nicht immer so dunkle Discos – wir haben aber nicht bedacht, wie teuer das ist.“ Er denkt kurz an den roten Molton im Fernmeldeamt: „Obwohl – jetzt müsste er eigentlich Red Club heißen.“<br />
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Allmählich muss Claudy aufbrechen, zur Theaterprobe. An die Riptide-Gäste richtet sie einen Reim:<br />
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„Ich bin so gern im Riptide und sah Dich manchmal dort –<br />
Ich finde, dies Café ist Braunschweigs schönster Ort!“<br />
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An Skapino ist es, zu wünschen: „Ich möchte, dass die Menschen wieder menschlicher werden.“<br />
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Bevor auch er geht, erzählt Skapino noch von seiner Wohnungssuche in Braunschweig und davon, wie er begann, hier Netzwerke zu bilden. Er nennt es „WG-Surfen“: „Ich kannte keinen in Braunschweig, hab mir WGs angeguckt, bin eine halbe Stunde da gewesen, hab Tee getrunken, über die Wohnung geredet, weiter zur nächsten – ich dachte mir, da könnte man ein Hobby draus machen.“ Hat er aber nicht, denn: „Irgendwann musste ich ja eine Bleibe finden.“<br />
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Als offizieller Flyer-Verteiler des Universum-Kinos strömt Stammgast Micha ins Café. „Guten Tag“, grüßt er André. „Ich komme vom Universum-Kino und möchte die alten Flyer gegen die neuen austauschen.“ André zeigt hinter ihn an die Wand und sagt: „Du kannst die Flyer in die Box stellen.“ Micha dreht sich um: „Ah, vielen Dank.“ Er nimmt die Flyer von letzter Woche aus dem ihm gründlich bekannten Kasten und ersetzt sie durch das Programm für kommende Woche. Weil Michas Tour bis zu fünf Stunden dauert, kann er sich zwar eigentlich nicht lange im Riptide aufhalten, bestellt aber dennoch eine Hausmarke. Und berichtet von seinem Wunsch: „Mit einer attraktiven Frau im Kino sein. Hab ich mir erfüllt.“ Gesehen haben sie „Die Weihnachtsgeschichte“ von Walt Disney. „In 3D“, ergänzt Micha. „Der Film war sekundär. Wenn nicht sogar tertiär, aber der Film war auch gut, deshalb war alles gut.“ Derweil steht Stefan von seinem Tisch auf und fragt André nach einem Kinoprogramm vom Cinemaxx. „Haben wir nicht, aber ich kann im Internet gucken“, sagt André. Stefan druckst herum. „Dann muss ich ja peinlicherweise sagen, welchen Film ich sehen will: ‚Wo die wilden Kerle wohnen’.“ Von Micha bekommt er jedoch sofort Bestätigung: „Ist bestimmt gut, ist von Spike Jonze.“ André findet den Film im Online-Programm nicht, was Stefan wundert. Im aktuellen Subway liest er daraufhin, dass der Film erst am 17. Dezember anläuft, was ihn nicht minder wundert. Ein Wunsch fällt ihm daher schnell ein: „‚Wo die wilden Kerle wohnen’ gucken.“ Beim Blättern in der Subway entdeckt er eine Anzeige vom Kunstmuseum Wolfsburg und fügt hinzu: „In die James-Turrell-Ausstellung gehen – das ist ein Wunsch, den ich mir noch erfüllen möchte.“ Stefan geht zurück an seinen Tisch und berichtet dort, dass der Film erst übernächste Woche anläuft. Micha hat jetzt seine Hausmarke ausgetrunken, verabschiedet sich von Chris und André, geht in die Dunkelheit hinaus und schwingt sich auf sein Fahrrad, Flyer verteilen. Morgen wird im Riptide mit Lord Schadt gewichtelt.<br />
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Matze (van Bauseneick)<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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		<title>#25 Frickelhaftigkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Nov 2009 21:26:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matze</dc:creator>
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Montag, 23. November

Wenigstens der November hält, was er verspricht: Es ist zwar Tag, doch unterscheidet sich die Helligkeit kaum von der Nacht. Immerhin regnet es gerade einmal nicht. Am Samstag war es noch so mild, dass sogar viele Gäste draußen saßen, nicht nur zum Rauchen. Heute sitzen alle Gäste im Riptide. Am Tresen ist Chris [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
<strong>Montag, 23. November</strong><br />
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Wenigstens der November hält, was er verspricht: Es ist zwar Tag, doch unterscheidet sich die Helligkeit kaum von der Nacht. Immerhin regnet es gerade einmal nicht. Am Samstag war es noch so mild, dass sogar viele Gäste draußen saßen, nicht nur zum Rauchen. Heute sitzen alle Gäste im Riptide. Am Tresen ist Chris dabei, neue LPs, Singles und CDs mit Preisschildern zu etikettieren. André ist derweil in der Küche beschäftigt. Unter den Singles, die durchs Chris’ Hände gleiten, ist auch eine von Pearl Jam. „‚The Fixer’, aus dem Album ‚Backspacer’“, erklärt Chris. „Es gibt so Bands“, setzt er an, und zählt auf: „Radiohead, Coldplay, Muse, Placebo und eben Pearl Jam – die Singles kannst du beiseite stellen, da vervierfacht sich der Wert.“ Chris schreibt einen Preis auf ein Etikett und klebt es auf eine CD. „Es gibt alte Coldplay-Singles, die kosten jetzt 40 Euro.“<br />
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Es gibt außerdem ein großes Hallo, als nämlich Kim und Nadine das Café betreten. André kommt aus der Küche, trocknet sich die Hände an einem Handtuch ab, begrüßt die beiden und kehrt dann wieder in die Küche zurück. Auch Chris schüttelt ihnen die Hände. Sie sprechen über den vergangenen Freitag, als das Riptide an der ersten Braunschweiger Cocktailnacht teilnahm. „Die haben wir organisiert“, erzählt Nadine. Sie ist Mitarbeiterin der „Projektagentur Plan B“, Kim ist ihr Chef. Der sitzt im Hauptsitz in Münster, Nadine leitet eine Zweigstelle in Hannover. „Nicht ganz in Münster, sondern in Havixbeck – aber wer kennt Havixbeck, deswegen sage ich immer Münster“, meint Kim. „Der Chef hat schon jahrelang im Gastronomiebereich Kneipenfestivals gemacht“, sagt Nadine. „Im Gespräch mit Gastronomen in Münster kam dann die Idee: Beim Honky Tonk war die Bude voll, wie schaffen wir das ein zweites Mal?“ Die Lösung: „Cocktails statt Bands.“ In Braunschweig war das die erste Cocktailnacht, im April folgt die zweite. „Bis Ostern machen wir das in 30 Städten“, sagt Kim. Am 8. Januar zum Beispiel in Wolfsburg, auch Magdeburg und Celle stehen auf der Liste. Mit der Resonanz in Braunschweig waren die beiden zufrieden. „Die Verkaufszahlen waren super, es sind viele Leute unterwegs gewesen, auch die Gastronomen fanden’s ganz gagig“, berichtet Kim. „Die mussten gucken: Wie funktioniert das – und eigentlich klappt das schon ganz gut.“ Wie kamen die beiden dann aufs Café Riptide? Nadine gibt die Antwort: „Das war ein Geheimtipp, von Getränke Höpfner.“ Kim fügt hinzu: „Wir sind halt Freunde von Individualgastronomie, wie der Silberquelle.“ Die beiden verabschieden sich und versprechen, auf ihrer Tour durch die Kneipen, die an der Cocktailnacht teilgenommen haben, noch einmal ins Riptide hereinzuschauen.<br />
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„Ich geh wieder ins Büro“, sagt Chris und setzt sich an seinen PC. Uwe von Cargo Records kommt mit einer kleinen CD-Kiste ins Café und fragt André: „Ist Chris nicht da?“ – „Doch“, erwidert André. Uwe weiß sofort: „Der schläft wieder in seiner Ecke.“ Das macht Chris, der für Plattenfirmenkontakte zuständig ist, natürlich nicht. Er kommt an den Tresen und begrüßt Uwe. „Ich habe ein paar Sampler für euch“, sagt der und drückt Chris einige von einem Gummiband zusammengehaltene Exemplare der CD-Reihe „We Deliver The Goods“, Ausgabe 115/09, in die Hand. „Und Sachen zum Reinhören oder Verschenken“, fügt Uwe hinzu und reicht Chris die kleine Kiste mit CDs und Info-Zetteln herüber. Chris bedankt sich. Er wie Uwe haben nur wenig Zeit und leiten gleich wieder den Abschied ein. „In dreieinhalb Stunden ist hier ein Konzert“, erklärt Chris. Videoclub spielen nämlich um 18 Uhr im Riptide. Uwe versteht, sagt „wir können ja telefonieren“, strömt zum Ausgang und ruft im Hinausgehen „mach’s gut, André!“<br />
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Der war gerade dabei, Gäste zu bedienen, und kehrt jetzt mit dem leeren Tablett zur Theke zurück. Auf dem Cargo-Sampler ist neben Gordon Gano und den Bollock Brothers auch Jello Biafra drauf, mit „New Feudalism“. Ein Spoken-Word-Track? „Nein, Musik”, sagt André, geht an das Neuheiten-Fach und zieht die LP „The Audacity Of Hype“ heraus. „Er hat eine neue Band, The Guantanamo School Of Medicine.“ Da ist auch Billy Gould von Faith No More mit bei. Und den Song hat Biafra sogar bereits veröffentlicht, vor fünf Jahren mit der No WTO Combo.<br />
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Mit einem nassen Regenschirm kommt Dennis ins Café. Er begrüßt Freunde an einem Tisch und stellt sich dann zu André an die Theke. „Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragt der. „Nein, mein Magen verlangt nach etwas Gesundem“, antwortet Dennis. André überlegt eine Weile und schlägt dann vor: „Tee. Kräutertee.“ Das überzeugt Dennis nicht: „Nee&#8230;“ Er guckt durch die Glastür in den Kühlschrank und fragt: „Habt ihr die rote Bionade gerade nicht da?“ – „Doch“, behauptet André, guckt in den Kühlschrank auf eine Lücke zwischen den Bionadeflaschen und korrigiert sich: „Nein.“ Dennis denkt kurz nach und sagt: „Dann gib mir eine Kräuter.“ Als André nach der Flasche greift, sagt Dennis: „Oder nee, Ingwer-Orange, Ingwer ist vielleicht besser für den Magen.“ Dennis bereitet sich gerade auf eine Berlinfahrt vor, er sucht eine Wohnung dort. Und er ist zurzeit dabei, eine Internetseite zu erstellen, auf der er seine Kunst präsentiert. „Ich will auch eigene Videoinstallationen hochladen“, sagt er. So einfach sei das nicht, weil er die so einstellen will, dass zum Beispiel eine dreigeteilte Installation erst komplett geladen ist, bis der Film startet. Dennis arbeitet mit Mac und bearbeitet seine Filme mit Quicktime. „Da müssen alle Filme anders komprimiert werden“, sagt er. Bei einigen ergibt es Pixel, während dieselbe Einstellung bei anderen Filmen bestens klappt. Youtube will er zum Hochladen nicht nutzen, aber dabei fällt ihm ein: „Ein Freund hat ein Video mehrmals bei Youtube hoch- und wieder runtergeladen.“ Das habe einen einmaligen Effekt gegeben. „Den Final Cut gibt’s nicht bei Photoshop, der war handgemacht.“ Er lacht und fügt hinzu: „Wenn dir Kunst nicht gelingt, mach sie kaputt.“<br />
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Die Band trudelt ein, früher als geplant. Die Musiker grinsen alle, es geht ihnen gut. Sie gucken sich mit strahlenden Augen im Riptide um, entdecken T-Shirts, LPs, CDs und betrachten die spätere Bühne dazwischen. Jorek ist der Gitarrist. „Und Tourmanager“, wie er betont. Die Bandmitglieder kommen aus Münster, Hamburg und Düsseldorf. Nur nicht Jorek: „Ich bin Pole, aus Breslau.“ Videoclub spielen gerade eine Tour. „Wir haben ein paar Off-Days“, erklärt Jorek. „Die Gründe dafür waren zum Teil Zufälle, zum Teil hat unser Booker einige Tage nicht vollgemacht.“ Ihr mitgereister Techniker Christopher kommt ursprünglich aus Braunschweig. „Der hat bei Schrottgrenze mitgespielt“, sagt Jorek. „Und er kannte Chris, hat spontan den Termin ausgemacht, deswegen gibt es auch keine Flyer, keine Poster.“ Er schaut sich erneut im Café um. „Jetzt spielen wir hier und freuen uns schon darauf.“ Die Band sei gerade zu Fuß vom Hagenmarkt herübergekommen. „Für fast alle ist es eine Premiere, in Braunschweig zu sein“, sagt Jorek. „Bis auf Christopher.“ Er berichtet von blockartigern Häusern, die er auf dem Weg wahrgenommen habe. „Sehr kompakt, aber schön“, findet er. „Braunschweig macht einen guten Eindruck.“ Was machen Videoclub für Musik? „Ich würde erst mal sagen, wir machen Pop“, sagt Jorek erst mal. Er weiß: „Damit mache ich’s mir einfach, aber ich finde, Musik muss man sich anhören, ohne sie in Kategorien zu sortieren.“ Dann denkt er eine Weile nach und kommt zu dem Ergebnis: „Unsere Musik ist eine Mischung aus Frickelhaftigkeit und Anbiederung.“ Er holt sich mit Blicken Bestätigung von seinen Bandkollegen, die gerade in den LPs herumstöbern, und sagt nachdrücklich: „Das ist unsere Musik. Und Pathos!“ Elektro mit Gitarre schwebt als genannte Richtung im Raum, Jorek stimmt zu: „Das passt gut, wir haben mit Felix seit kurzem einen Keyboarder dabei.“ Der Genannte wendet den Blick von seinen Fingern im CD-Fach ab, blickt über die Schulter und nickt. Seine Mitmusiker nennen ihn „Felich“. Ist er Spanier oder Schweizer? „Weder, noch“, sagt Jorek grinsend. „Wir nennen ihn einfach so.“ Jetzt gibt’s aber Getränke für alle, die Band gruppiert sich um das Sofa herum.<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Am Nebentisch sitzen Katharina und Birgit. André nimmt deren Bestellung entgegen: „Haben die Damen schon gewählt?“ Birgit antwortet: „Einen Milchkaffee.“ Katharina blickt zu ihr herüber uns sagt fragend: „Kreppes?“ Als Birgit nickt, bestellt Katharina also: „Crêpes mit Zimt und Zucker, zweimal.“ André nickt und fragt: „Beides zweimal, auch den Milchkaffee?“ Da erst fällt Katharina auf, dass sie noch gar kein Getränk für sich bestellt hat, und sie wehrt ab: „Nee, Chai-Tee, ein Kännchen!“ André nickt: „Mit Milch?“ Katharina fragt: „Habt ihr auch Sahne?“ André nickt wiederum: „Haben wir auch, wenn du es wünschst, bringe ich dir Sahne.“ Das gefällt Katharina: „Dann mit Sahne bitte.“ André wendet sich an Birgit: „Und für dich, ein stilles Wasser zum Kaffee?“ Birgit verneint dankend: „Nur den Kaffee.“ André notiert und geht, Katharina und Birgit unterhalten sich zunächst über Katharinas Spanien-Urlaub. „Meine Bankdaten waren nicht betroffen“, berichtet Katharina erleichtert. Und davon, dass sie am Strand lieber Dosenbier trank, während ihr Mann Flaschenbier bevorzugte. Von Bier in PET-Flaschen wie in Dänemark halten beide nichts, aber Birgit erzählt: „Das habe ich bei Aldi im Vorbeigehen gesehen, da haben sie Hefeweizen oder so in Plastikflaschen.“ Bei Wasser sei das in Ordnung, solange gewährleistet sei, dass der Kunststoff nicht ins Wasser ausdünste. Und wegen der Einkaufschlepperei in den dritten Stock habe Birgit eine probate Methode entwickelt: „Ich parke in zweiter Reihe, bringe den vollgepackten Rucksack schnell in den Keller und suche dann erst einen Parkplatz – das hat sieben Jahre gebraucht, bis ich diese Idee hatte.“ Während André Getränke und Crêpes bringt, fragt Katharina, warum Birgit den Rucksack nicht einfach im Hausflur abstellt. „Seit uns dort eine frische Bio-Melone abhanden gekommen ist, mache ich das nicht mehr,“ antwortet Birgit. André kommt erneut an den Tisch und sagt: „Die Band beginnt gleich mit dem Soundcheck, ihr müsst nicht rausgehen, ich will euch nur warnen.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Leonie kommt mit ihrer Mutter Sina im Schlepptau ans große Fenster, um die Vitrine mit den Broschen zu betrachten. Währenddessen packt ihr Vater Philip am Tisch das Spiel „Looping Louie“ aus. Vom Betrachten der bunten Broschen zurückgekehrt, macht sich die fünfjährige Leonie gleich daran, Louie mit seinem Propellerflugzeug über den Tisch rotieren zu lassen. Sie hat hörbar Spaß daran, ihr Kichern und Lachen ist deutlich lauter als der dezent einsetzende Soundcheck der Band. „Mein Bruder Christopher macht den Sound“, sagt Philip. „Deswegen sind wir mit der ganzen Familie angerückt.“ Philip ist zum dritten Mal im Riptide. „Ich war sogar noch nie hier“, sagt Sina. Die beiden haben sich auch schon Gedanken darüber gemacht, ob es Leonie zu laut werden könnte. „Dann hält sie sich die Ohren zu, hat sie gesagt“, grinst Philip. „Und Christopher hat angeboten, mit Kopfhörern auszuhelfen.“<br />
<span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Philip räumt jetzt Louie zurück in seine Schachtel. Ein angenehmer Duft von Sauerkraut weht durchs Café, jemand muss sich den Hotdog bestellt haben. Das Riptide füllt sich, auch Kim und Nadine sind wie versprochen wieder da. Die Band spielt sich allmählich ein. Draußen fängt es an zu gießen.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial; color: #000000;"><br />
Matze (van Bauseneick)<br />
<a href="http://www.vanbauseneick.de/" target="_blank">www.krautnick.de</a></span></p>
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