Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#116 Ist dies das Leben, das wir wirklich wollen?

3. Juni 2017


Freitag, 2. Juni 2017

Wenn Uwe mich fragt, kann ich einfach nicht nein sagen. Uwe ist das Fanclub Soundsystem, das eigentlich aus zwei Leuten besteht, ihm und Markus, der sich aber wohl aus dem DJ-Dasein verabschiedet hat. Als Fanclub Soundsystem legten die beiden schon einmal im Riptide auf, und als André Uwe fragte, wann es zu einem zweiten Mal kommt, sagte der, dass er mich dabeihaben wolle. Eine Ehre für mich! In jeder Hinsicht: Es ist das erste Mal in fast zehn Jahren Existenz, dass ich überhaupt im Café Riptide auflege.

Und das auch noch parallel zum Bassstammtisch, den Schepper an jedem ersten Freitag im Monat im Riptide zusammentrommelt. Üblicherweise sitzt die Runde neuerdings in der nun rauchfreien Rip-Lounge, doch nicht bei einem so schönen Wetter wie heute, da lagern die Bassisten davor, unterhalb des Fensters zur Lounge, also im Achteck genau gegenüber des Haupteingangs zum Café. „Hab ich mir heute gekauft“, sagt Schepper zur Begrüßung und zeigt mir die neue LP von Roger Waters, „Is This The Life We Really Want?“. Auf dem Cover sind lauter geschwärzte Textzeilen zu sehen, die wenigen Lücken ergeben den Albumtitel. Wer war das, die NSA? Schepper: „David Gilmour.“

Der ganze Handelsweg ist voller Menschen. Bei Stefans Comiculture zocken die Leute Kartenspiele, vor Helmuts Strohpinte trinken sie Gezapftes und das Achteck am Riptide ist proppevoll. Wie es dahinter aussieht, bei Serge und Achim und so, weiß ich nicht, ich biege ins Café ab, wo André und Uwe schon links vor den LP-Regalen unser DJ-Pult aufgebaut haben. „Unsere kleine Show“ nennen Uwe und ich unsere kleine Show, die keinerlei großes Konzept hat, sondern aus der Hüfte heraus geschehen soll. Wir haben unser Repertoire dabei, beide erstmals auf Laptops, und wollen uns damit den Gegebenheiten anpassen. Außer den beiden und den Thekenmenschen ist das Covfefe leer. Nicht ganz: Carsten blättert mit einem Getränk in der Hand in den Second-Hand-LPs am Eingang. André sagt, dass wir zur Illuminierung auch Kerzen angezündet bekommen könnten, doch dann wegen des Ventilators am Eingang vorsichtig zu sein hätten: Er und Chris wunderten sich, woher das fiele herumliegende Wachs auf der Theke gekommen sei, und begriffen dann, dass es der Ventilator von den Kerzen gepustet hatte. Und ich bekomme jetzt den Hinweis, dass der Handelsweg auch jenseits des Achtecks mit Menschen gefüllt ist: Stef sitzt mit vielen anderen bei Serge, sagt sie, und kommt kurz zum Gruße herüber.

Ein wenig arrangieren wir unsere Auflegelokalität neu, ziehen die Lautsprecher nach vorn und beschriften die Kreidetafel am Pult mit einem Hinweis auf unsere nächste gemeinsame Aktion mit Rille Elf, den „Ball im Bierhaus“ am 8. Juni ab 19 Uhr in Harrys Bierhaus nämlich. Und ich verteile an Uwe und André CDs, die mir Leif aus Malmö zur Bemusterung zuschickte: Sein Projekt Perma F hat ein neues Album namens „Gravity“ draußen. Leif war Mitglied der in den Achtzigern in Schweden offenbar einigermaßen bekannten Waveband Unter Den Linden und macht heute mit seiner Frau Birgitta als Perma F Musik zwischen Synthiepop und Rock. „Gravity“ ist der jüngste Zeuge davon, mit einer gestorbenen Blaumeise auf dem Cover, die den Titel zynisch untermalt. Kennen gelernt habe ich Life durch Olaf, denn für dessen Projekt Blinky Blinky Computerband fertigte Leif diverse Remixe an, unter anderem für unser gemeinsames Stück „Meine Freizeit“, und wenn ich mal in Kopenhagen bin, steige ich bisweilen in den Zug nach Malmö und treffe Leif dort.

Uwes System läuft schon, meins startet jetzt. Carsten beugt sich zu mir und erzählt von der 3. Film-Kultur-Nacht, die er mit Freunden am 29. November in der KaufBar veranstaltet. Dafür wünscht er sich als Einleitung Kurzfilme mit lokalem Bezug und regt an, den Riptide-Film zu meinem 100. Blogeintrag zu zeigen, den Stef und Micha A. mit mir und vielen anderen drehten. Feine Idee, da spreche ich die beiden schnellstmöglich drauf an.

Uwe und ich lassen die ersten Songs erklingen. Da kommt Markus herein, Uwes vorheriger Begleiter am Pult. Wir haben dann jetzt quasi die Seiten getauscht; wenn ich statt seiner auflege, frage ich mich, ob er dann für mich bloggt, doch er verneint lachend. Gerade läuft C-Tec mit der charakteristischen Stimme von Jean-Luc de Meyer von Front 242. „Wer hat das verbro- ausgesucht?“, fragt Markus, und wie schon bei unserer letzten Begegnung verlieren wir uns stehenden Fußes in Musikphilosophie. Er mag EBM nicht so sehr, ob wohl er mit seiner damaligen Band einen Plattenvertrag in der Szene hatte, The Cain Principle. Gerade will ich erstaunt nachhaken, da nimmt ihn André beiseite. Kurze Zeit später kommt Markus zurück und strahlt: „Er wollte wissen, welchen T-Rex-Song ich letztes Mal gespielt habe – schön, nicht?“ Allerdings! „Es war ‚Cosmic Dancer‘, ein toller Song.“ Ein Stück von The Cain Principle habe ich sogar dabei, „Western Europe Atmosphere“, von einem Sampler, aber Markus steigt nicht darauf ein, sondern schwenkt zu Roger Waters über, dessen neues Album Radiohead-Produzent Nigel Godrich produziert hat und das „eine reine Anti-Trump-Platte“ geworden sei. Wir springen weiter zu Pink Floyd, „die mag ich nur mit Syd Barrett“, so Markus, und Depeche Mode, die sich nach meiner Auffassung zu „Clean“ bei „One Of These Days“ von der „Meddle“ inspirieren ließen. Markus schwärmt von der „Violator“ und erzählt, dass eine Freundin seiner Freundin soeben in London Depeche Mode live sehe. Okay, und wenn ich schon die Musik dieses Anwesenden nicht auflegen soll, dann eben die eines anderen: „Rain Without Clouds“ von Schepper im Remix von Blinky Blinky Computerband – aber bis zum Künstler schafft es der Schall gar nicht, Schepper kann das gar nicht hören. Schade!

Zum Tanzen ist es den meisten Gästen zu warm, sie sitzen draußen und fassen unsere Auswahl als Soundkulisse auf. Auch schön, und einige Freunde von Uwe lassen sich trotzdem von den Temperaturen nicht abschrecken und bewegen sich ausgelassen vor unserem Pult. Michael gesellt sich kurz dazu, von dem ich angenommen habe, er wäre heute beim Sommerfest des Kulturvereins. „Salve Hospes?“, fragt er, und ich nicke. „Ich habe gerade fünf Stunden Versammlung hinter mir“, winkt er ab und holt sich ein Bier. „Rauch mal eine“, sagt er noch und geht ins Achteck.

Durchs Fenster können Uwe und ich sehen, wie die Dämmerung den Ort zwischen den beiden Caféräumen verändert. Die neuen Lampen werfen pfeilgerades, warmes Licht zu Boden und in den Himmel, Ölfackeln lodern vor den Eingängen, es sieht gemütlich und beseelt aus. Bei uns drinnen aber auch.

„Ist Stef schon da?“, fragt mich Jacqueline, wie schon bei der Indie-Ü30-Party vor einigen Wochen im Nexus. Wie damals muss ich ihr sagen, dass das noch nicht der Fall ist und sie sich wohl gedulden müsse. „Dann bin ich allein“, sagt Jacqueline. Ich verneine und deute auf die Tanzmeute hinter ihr. „Hast auch Recht“, sagt sie und schließt sich ihnen an.

Für den nächsten Fachsimpelmarathon kehrt Markus zu mir zurück. Wir landen bei Musik aus Island und schwärmen beide von „Heima“, dem Film von Sigur Rós. Besonders liebe ich die Sequenz, als mitten in „Se lest“ die Blaskapelle von hinten über die Bühne marschiert, durch das Publikum und hinaus durch den Ort. Gänsehaut. „Bei meiner anderen Band hatten wir auch Bläser, bei Emma Peel“, setzt Markus an. Wie, das war er auch? Das waren doch Riptide-Homies. Er nickt: „Wir haben oft hier gespielt.“ Braunschweig!

Etwas überhitzt gesellt sich Jonas zu uns. „Geburtstag, Geburtstag, Geburtstag“, sagt er knapp über seine bisherige Abendgestaltung und beginnt dann sofort zu tanzen. Die freie Lücke am Pult nutzt Jacqueline und philosophiert ebenfalls über Musik. Sie ist erst 20 Jahre alt und hat noch so viel zu entdecken, sowohl die unübersichtliche Gegenwart als auch die üppige Vergangenheit. „Das Riptide ist der ideale Ort für Entdeckungen“, sagt sie und verweist auf die vielen ausgestellten LP-Cover an den Wänden, die eine riesige Bandbreite zwischen Neuerscheinungen und Reissues abdecken.

Je später die Nacht, desto voller die Tanzfläche. Uwe und ich befeuern sie mit Reggae und Gruftmucke, also mit Bauhaus. Doch die Nachbarschaft verlangt bald ein Ende der Veranstaltung, und diese Rücksicht nehmen wir gern. Verschwitzt greift Jonas nach dem letzten Ton in seinen Rucksack: „Ich habe ein Sweatshirt mit“, sagt er. Ich nicht, an ein späteres Verschwitztsein dachte ich beim Losgehen gar nicht. Jonas grinst: „Ich habe gestern dazugelernt.“ Er ist mit dem Fahrrad hier, ich zu Fuß: „Da ist die Verdunstungskälte nicht so groß wie auf dem Rad“, beruhigt er mich.

Wir bauen ab, Uwe und ich klappen unsere Laptops zu, André bringt uns Getränke. „Ihr habt das hier vielleicht nicht gemerkt, aber draußen war die Stimmung gut“, erzählt er uns. Auch sein Feedback sieht vor, dass wir das wiederholen. Nicht zwingend noch im Sommer, aber überhaupt. Da sind wir doch gern und dankbar dabei!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#115 Drei schwarze Punkte in Klammern

20. Mai 2017


Samstag, 20. Mai 2017

„Hier hab ich noch nie gesessen, seit dem Umbau“, sagt Micha, als wir uns auf die neuen Bänke an der Wand im Café Riptide niederlassen, um unsere Kaffeekola zu trinken. Stimmt, seitdem verbrachten wir unsere Zeit entweder draußen im Achteck unter der Segeltuchplane oder gleich stehend am Tresen. Heute nicht, wir waren schon ein Eckchen zu Fuß unterwegs und lassen uns nun von unserer verringerten Kondition in die Knie zwingen. Ist ja auch schön. Neu sind hier außerdem die weißen Kunststofflampen, die die Tische zieren und zu dieser Tageszeit noch ausgeschaltet sind. Sie sind unverkabelt und erwecken den Eindruck, schwimmfähig zu sein. Am hellichten Tag endet da unsere Neugier; nicht die der Gäste am Nachbartisch, die den Mechanismus zum zweistufigen Illuminieren herausgefunden haben und damit herumspielen. Süß.

Vorhin trafen Micha und ich uns auf dem Kohlmarkt. Überraschenderweise findet heute „Braunschweig international“ statt, ein, zwei Wochen früher im Jahr als üblich, daher habe ich damit noch gar nicht gerechnet. Ohne Micha hätte ich das glatt versäumt, was ich dann doch sehr bereut hätte. Schon wieder eine regelmäßige Veranstaltung, die dieses Mal früher stattfindet als gewohnt; Rekordhalter ist die Kulturnacht, die vom August in den Juni vorverlegt wurde. Beziehungsweise strenggenommen vom August des vergangenen Jahres auf den kommenden Juni verschoben, denn das zweijährige Fest fiel 2016 aus.

Auch das Café Riptide nimmt als Austragungsort an der Kulturnacht am 10. Juni teil, die Pins zu fünf Euro, die den Eintritt zu allen Veranstaltungen ermöglichen, preist ein Schild auf der Theke zum Verkauf an. Das wird wieder eine Rennerei: Schepper spielt gegenüber in der Einraumgalerie, Die Müller Verschwörung, nur echt ohne Bindestrich und vormals noch Müller und die Platemeiercombo, spielt in der Sparkasse Dankwardstraße und Stef und Micha A., die unter anderem rund um Kult-Tour Der Stadtblog multimedial aktiv sind, veranstalten eine Party auf dem Karstadt-Parkhausdeck. Im Riptide stellt Roberta Bergmann „Vom Suchen und Finden“ aus, ab 22 Uhr lesen Axel Klingenberg, Frank Schäfer und Till Burgwächter als „Read ‚em All“ Texte rund um Heavy Metal und Artverwandtes. Die Alphorngruppe des Posaunenchors im tatsächlich idyllischen Kreuzgang der Brüderkirche klingt auch noch sehr reizvoll.

Aber zurück auf den Kohlmarkt: Bevor wir uns an die internationalen Stände wandten, zerrte mich Micha in die Stadtbibliothek zum Flohmarkt. Er hatte schon fette Beute gemacht und wusste, dass die Mitarbeiter dort unablässig die Kisten neu auffüllten. Unersättlich, der Mann! Darin, nicht nur, ähneln wir uns. Doch im Gegensatz zu ihm ging ich mit leeren Händen wieder aus dem schlossähnlichen Gebäude heraus. Das Angebot war mir zu groß und ich wusste ja, dass im Riptide noch zwei bestellte Platten auf mich warteten.

Dafür deckten wir uns danach auf dem Kohlmarkt mit Leckereien ein. Die thailändischen Zucchinipuffer und die haitianischen gebackenen Bananen waren meine Speisen der Wahl; wie üblich, aber die sind nun mal auch gut, und der Menschenmix macht immer wieder Laune. Die ganze Welt in Braunschweig.

Erwartbar wäre die ganze Welt für mich auch in Århus gewesen, das ich vor zwei Wochen besuchte, weil es Europäische Kulturhauptstadt ist, eine von zweien in diesem Jahr, aber man hat es dort aus unerfindlichen Gründen versäumt, im Jahr der Kulturhauptstadt die Kulturhauptstadt überhaupt in Erscheinung treten zu lassen. Die Museen Aros und Moesgaard sind auch den Rest des Lebens über offen und besuchenswert, aber gut, dann habe ich die eben auch endlich mal gesehen. Besonders das Aros mit dem begehbaren Regenbogen von Óláfur Elíasson auf dem Dach ist jede noch so kurze Reise wert.

Und die Plattenläden: Århus ist etwa so klein wie Braunschweig und damit trotzdem die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die größte auf dem jütischen Festland, und das werden wohl die Gründe sein, weshalb es dort mindestens acht freie Plattenläden gibt. Die sich auch noch alle gegenseitig empfehlen, wenn man in dem einen etwas sucht und es das dort nicht gibt. Zu meiner Freude fand ich dort die ein, zwei Sammlerstücke des verwunschenen Record Store Days, die es selbst im bestsortierten Riptide nicht für mich gab, sowie eine 7“ des Dänischen RSD, „Alle fangerne“ von The Sandmen nämlich, die ich direkt an meiner ersten Station neben der Kasse entdeckte und von der man mir in allen folgenden Läden, als ich nach deren ebenfalls rarer LP „Den bedste dag“ suchte, versicherte, dass sie nicht mehr zu haben sei, und dann doch recht verwundert guckte, als ich sie zwinkernd aus der Tüte zippte. Trotz der enttäuschenden Kulturhauptstadtssache hat mir Århus Spaß bereitet; aber in Dänemark keinen Spaß zu haben, das ist mir ohnehin nicht möglich.

In wenigen Momenten startet der letzte Bundesligaspieltag dieser Saison. Der Hamburger Sportverein und der Verein für Leibesübungen Wolfsburg treten unter anderem gegeneinander an; das Brisante an dieser Begegnung ist, dass das Ergebnis entscheidet, wer von beiden auf dem Relegationsplatz zur zweiten Liga landet. Und vermutlich gegen die Braunschweiger Eintracht um die Ligazugehörigkeit spielen muss. Die Eintracht ist morgen an der Reihe. Sie hat zwar den Relegationsplatz nach oben sicher, könnte aber rechnerisch noch direkt aufsteigen – wenn der Konkurrent aus Hannover verliert und Braunschweig mit ungefähr sechs Toren Differenz gewinnt. Möglich, aber unwahrscheinlich.

Noch lässt sich der Spielstand nicht abfragen, aber Micha scrollt durch Facebook und entdeckt, dass Stef eben auf Kult-Tour den Musik-Tanz-Ticker veröffentlichte, ihr wöchentliches Ankündigungsformat. Dabei kommen wir auf Jacqueline zu sprechen, und das wird jetzt meta, denn Jacqueline stolperte bei der Lektüre dieser Seiten über Stefs Blog und fragte diese, ob sie für Kult-Tour einen Gastbeitrag leisten dürfe, was Stef grundsätzlich begrüßt, und Jacqueline schrieb über ihre Ertbegegnung mit der „Sound On Screen“-Filmreihe von Universum-Kino und Riptide. Lustigerweise trafen wir uns an dem Abend nicht, obwohl wir beide da waren, aber Jacqueline sprach mich später bei der Indie-Ü30-Party im Nexus an. Ihren Text las auch Micha: „Es interessiert mich, wie jemand das sieht, der bisher keine Berührungspunkte hatte – wir kennen das alles.“

Sehr beeindruckt war Micha kürzlich von einem Frauenfußball-Spiel der U17-Europameisterschaft, da gerät er jetzt noch mächtig ins Schwärmen. Deutschland spielte gegen Spanien und gewann im Elfmeterschießen, obwohl sie die ersten beiden Elfer verschossen, erzählt er. Micha sieht sich auch gern die Spiele der Frauen des VfL Wolfsburg an. Die Frauenfußball-Europameisterschaft findet dieses Jahr in den Niederlanden statt; wir überlegen, ob die Spiele wohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden. Erst heute Morgen las ich, und zwar mit großer Freude, dass Bibiana Steinhaus als erste Schiedsrichterin für die Bundesliga der Männer zugelassen ist. „Das hab ich gelobt“, sagt auch Micha, und ärgert sich über die „fiesen Kommentare“, die diese Entscheidung hervorruft. „Das hat sie verdient, und es ist traurig, dass man das noch betonen muss“, sagt er. Finde ich auch. Männliche Schiedsrichter und Trainer sind im Frauenfußball normal, aber umgekehrt nicht. Auch das mit den weiblichen Kommentatoren finde ich viel zu selten. Micha entdeckt ein Zitat im Internet, das Ilkay Gündogan zugeschrieben wird: „Es haben also alle Angst, dass eine Frau ihre Sache nicht so gut macht, wie die Männer, über die sie sich jede Woche aufregen?“

Eine mittelgroße Gästegruppe mit einem sechs Wochen alten Baby schiebt sich Zug um Zug an unserem Tisch vorbei. Wir kennen uns aus der Hood, und fast alle bleiben sie nacheinander für Gespräche stehen. Kai teilt Michas Schwärmereien von dem U17-Spiel, mit Nils parlieren wir über Musik. Die beiden Vinyls, die ich gleich mitnehmen will, sind von David Bowie und !!!, die schwer zu googeln sind, wenn man nicht weiß, dass sie auch unter „Chk Chk Chk“ firmieren. Nils berichtet von einer Band namens …, die ihren Namen gar nicht ausgesprochen wissen will: „Hast du die neue LP von (Schweigen)?“ Nach drei Punkten kann man nicht googeln, der Zusatz „Band“ hilft da leider auch nicht weiter. Die Encyclopaedia Metallum listet eine indonesische Doomband namens „(((…)))“ auf, aber die können das nicht sein, weil die nicht nicht ausgesprochen werden wollen, sondern „Three black dots in the brackets“. Liest sich aber auch spannend.

Während Lara in der Küche hantiert, händigt mir Jakob meine beiden Schallplatten aus. Nicht nur die Werbung für den Kulturnacht-Pin steht auf der Theke, auch ein betrüblicher Anlass findet als Schild Widerhall: „Chris Cornell 20.7.1964 – 17.5.2017“ steht unter einem Foto des früheren Sängers von Soundgarden, Audioslave und Temple Of The Dog. Dazwischen macht eine Preisliste auf die gegenwärtige Ausstellung aufmerksam: Künstler Heinrich Römisch setzte sich großformatig mit Jazzgrößen auseinander, passend zum jüngsten „Sound On Screen“-Film „Miles And More“ über Miles Davis. Am nächsten Jüngsten im Riptide bin ich sogar selbst beteiligt: Mein „Rille Elf“-Freund Uwe, unter anderem bekannt durch das „Fanclub Soundsystem“, lud mich ein, am 2. Juni ab 21 Uhr mit ihm im Riptide aufzulegen, Motto: „Unsere kleine Show“. Gleichzeitig veranstaltet Schepper in den nun rauchfreien Lounge den Bassstamtisch, das passt perfekt.

Für Micha und mich ist nun Feierabend. Die Relegation bleibt in der Region: Wolfsburg verlor gegen den HSV und darf, so das Unwahrscheinliche nicht doch noch eintritt, gegen Braunschweig und gegen den Abstieg spielen. Das erfahren wir per Smartphone auf unserem Heimweg, den wir bis zum Video-Buster gemeinsam antreten, denn dort kehren wir ein, weil der Buster schließt und Ausverkauf hat, wo Micha nochmal zuschlagen will. Schade um den Laden, denn wenn Micha und ich dort Martin besuchten, war das immer fast wie in „Clerks“, ein anachronistisches Abenteuer mit aus der Welt gefallenen Geschichten. Zwar habe ich mir nie eine DVD geliehen, aber die Zeit dort war immer charmant. Irgendein überlebensgroßer Dämon posierte vor den Verkaufs-DVDs, veraltete Pappaufsteller lungerten in Ecken und struppige Grünpflanzen auf dem Tresen herum, es gab Knabberzeug und Getränke, irgendein Action-Film lief immer auf einem kleinen Fernseher, während das Radio eingeschaltet war. Es kamen Leute in Jogginghosen hereingestürmt, oft junge Paare, die sich gemeinsam Filme aussuchten, oder einzelne, die die geliehenen DVDs zurückbrachten. Wir unterhielten uns natürlich über Filme, logo, und es war immer ein Genuss, Micha und Martin beim nerdnahen Fachsimpeln zuzuhören. Vorbei. Bedauerlich. Bin gespannt, wo Martin nächsten Monat unterkommt. Ich habe mit meinen beiden Schallplatten für heute genug eingekauft und verlasse die beiden. Fröhlich lachend, wie immer. Das geht an einem solchen Ort auch gar nicht anders. Gottlob.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#114 Dann schon lieber ausbrennen

25. April 2017


Dienstag, 25. April 2017

Wer nicht dabei sein kann, muss sich das Wichtigste halt erzählen lassen. Für mich waren das zuletzt der Record Store Day am vergangenen Samstag und die Neueröffnung der Rip-Lounge im März, deren größte Veränderung nicht allein daran liegt, dass sie Chris und André wie das gesamte Café Riptide einer Renovierung unterzogen, sondern dass sie ihr die verqualmte Luft entzogen: Sie ist keine Raucherlounge mehr. Zwar habe ich den neu gestalteten Raum mit der spinnenartigen Lampenkonstruktion an der Decke schon begutachtet, aber noch nichts über die Resonanz zu dieser doch einigermaßen einschneidenden Veränderung in Erfahrung gebracht. Also auf ins Riptide, vielleicht finde ich in der RSD-Box noch ein paar Restschätze.

Zunächst finde ich André, ganz problemlos, schließlich steht er hinter der Theke und hantiert mit einem Paketklebebandapparat an einem Paket herum. „Innerhalb von einer Stunde war’s gegessen“, berichtet er vom RSD und bereitet mir einen Kafka zu. Einen Muffin hätte ich gern noch dazu. „Ich geb dir einen aus“, sagt André. „Den, den wir nicht verkaufen können“, sagt Lara, hinter ihm vorbeigehend. Johanna, die neue Praktikantin, verweist auf den Himbeerkuchen, der in der Vitrine unter den Muffins steht: „Den bitte bevorzugt behandeln.“ Den hat sie nämlich gebacken. André reicht mir schließlich den Muffin: „Ich habe extra den Rand abgemacht, um Deine Zähne nicht zu überfordern.“ Das Mitvierzigerdasein hat also auch seine Vorteile.

Eigentlich, so kehrt André zum Record Store Day zurück, war es wie immer: Schon eine gute Stunde vor Ladenöfnung standen die RSD-Kunden Schlange im Handelsweg. „60 Prozent davon kannte ich nicht, die habe ich zum ersten Mal gesehen“, wundert er sich. „Sie drängen sich um den Tisch und greifen, was geht.“ Über den Tag verteilt kamen noch einige Nachzügler ins Riptide: „Das war’s.“ Offenbar hat der Plattensammlertag etwas an Reiz verloren. 700 verschiedene Releases, sagt André, haben die Plattenfirmen eigens für diesen Tag angefertigt. Davon, so kann man sich im Internet schon vorher überzeugen, sind die wenigsten wirklich exklusiv und neu, das meiste sind Wiederveröffentlichungen. Und sie sind teuer: „Man muss überlegen: Bestelle ich das mit?“, sagt André aus der Sicht des Händlers. Da er die Stücke nicht zurückgeben kann, bleibt er im Zweifel auf ihnen sitzen. Manche Preise haben es echt in sich: So kostet eine einseitige 7“ von The The schon mal elf Euro und die ebenfalls einseitige 12“ der Chemical Brothers sogar satte 24 Euro. „Die Macher des RSD sind an Feedback interessiert“, sagt André. Immerhin das, doch: „Der Ursprungsgedanke des Record Store Day ist nicht mehr herzustellen.“ Ursprünglich ging es nämlich darum, unabhängige Plattenläden an einem Tag im Jahr mit solchen Exklusivveröffentlichungen zu fördern. Daraus entwickelte sich bald ein Tag, an dem Plattenfirmen und Weiterverkäufer ihre Vorteile suchen. Doch gibt es immer wieder Leute wie mich: „Manche Sammler kaufen sowas blind, da kann sonstwas für ein Preis draufstehen.“ Das kann ich nur bestätigen, ich finde ja jedes Jahr irgendetwas und achte erst zu Hause auf das Etikett.

Dabei fällt André etwas ein, das sich im Ritpide ab Mai ändern soll: „Wir haben dann sonntags geöffnet“, kündigt er an. „Wir bieten von 10 bis 15 Uhr ein Frühstücksbuffet an – vegetarisch und vegan, und ‚vegan‘ kannst du richtig groß schreiben!“ Nur am Satzanfang! „Wir geben uns viel Mühe, auch die Veganer zu bedienen.“ Wie das gelingen wird, erfahre ich dann ab kommender Woche.

Jetzt interessiert mich noch, wie die Gäste auf die weggefallene Raucherlounge reagieren. „Wir bekommen nur verhaltene Rückmeldung“, sagt André. „Viele denken, es ist noch der Raucherbereich, aber das fällt in unser Zutun.“ Es muss den Gästen also noch wohlvertraut gemacht werden, dass sich die Luft in der Lounge verändert hat. „Der Raum hat an Charme gewonnen“, stellt André grundsätzlich fest. „Aber noch versammelt sich alles hier“, sagt er und deutet auf die Sitzplätze im Hauptcafé.

Jetzt will ich aber schon wissen, wie die Gäste selbst das finden. Stefan bietet sich für diese Frage an, denn er hat einige Wartezeit neben mir am Tresen, weil André für die Antwort auf seine Frage erst den Telefonjoker ziehen muss. Die Frage dreht sich um Karten für den nächsten Poetry Slam Ende Mai, und André hat noch gar keine. Stefan ist Raucher, versichert er mir, also frage ich ihn, ob er das mit der weggefallenen Raucherlounge schon mitbekommen hat. „Das habe ich nicht mitgekriegt“, sagt er mit einigem Entsetzen im Blick. „Das ist fast ein Totschlagargument – hier konnte man noch rauchen und trinken!“ Mit dickgedruckt gesprochenem „und“. Immerhin könne man hier kurz vor die Tür gehen, „das geht auch“, lenkt er ein. André beendet sein Telefonat mit Pott, der seit Jahrzehnten die Poetry Slams in Braunschweig und drumherum organisiert, und gibt Auskunft: „Die Karten kommen am Freitag.“ Stefan dankt für Andrés Information, ist aber von meiner noch so geschockt, dass er Lara, die zufällig aus der Küche an den Tresen tritt, fragt: „Ihr habt echt den Raucherbereich dichtgemacht?!“ Die kennt die exakte Antwort und gibt sie in aller gebotener Ausführlichkeit: „Ja.“

Mit Blick auf mein !!!-T-Shirt erinnert sich André daran, dass er mir noch deren neues Album bestellen wollte. „Bin gleich wieder da“, sagt er nach Vollendung dieser Tat und macht einen Schritt zur Seite, hinter die Wand neben der Theke und raus aus meinem Blickfeld. An der Oberkante der Wand steht seit der Renovierung verschachtelt in die Architektur geschrieben ein Satzbeginn: „It’s better to burn out…“, aus Neil Youngs „Hey Hey My My“, das Teho Teardo und Blixa Bargeld zufälligerweise auf ihrer diesjährigen exklusiven RSD-EP „Fall“ coverten. So kurz nach Ostern ist es vielleicht angebracht, das Riptide nach dem fehlenden „…than to fade away“ abzusuchen; wer weiß, wo die Gastronomen es versteckt haben. Ich höre, dass André sich hinter der Wand mit jemandem unterhält. Das kann ja nur Chris sein, und tatsächlich, er kommt nun zum Vorschein, allerdings, um sich direkt nach unserer Begrüßung in seinen Feierabend zu verabschieden. Ich schließe mich ihm an, aber nicht, ohne zu zahlen und die Mai-Intro mitzunehmen.

Im Herman’s treffe ich später unter anderem Schepper, der im Riptide den Bass-Stammtisch ausrichtet, und der ist von der rauchfreien Lounge begeistert. „Wir sitzen am großen Tisch, das ist ganz angenehm für uns ältere Tieftöner, weil wir nicht mehr auf den Sitzwürfeln rumlungern müssen.“ Ihm gefällt die neue Gestaltung der Lounge: „Ist schön geworden.“ Und eben auch das Rauchfreie: „Merkt man gleich, ist was anderes, wenn man die Tür aufmacht.“ Outburnen können die Raucher auch im Achteck zwischen den Cafésegmenten, so wird der Rauch aus der Lounge schon bald awayfaden.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#113 Zweipunktnull

10. März 2017


Freitag, 10. März 2017

Im Café Riptide wird zurzeit alles neu, und zwar zumeist auf eine Art und Weise, die man als Gast kaum wahrnimmt. Außer in der Lounge, aber was dort passiert, soll ein Geheimnis bleiben, bis Donnerstag, wenn das Riptide wieder für seine Kundschaft öffnet. Um 12 Uhr, wie gehabt. Bis dahin indes haben André und Chris noch einige Kraftakte vor sich. Und das mit lauter bereits getätigten Kraftakten in den Knochen. Die beiden luden mich dazu ein, mir ein Bild vom Renovierungsprozess zu machen, und ich freue mich, daran teilhaben zu dürfen.

Im Achteck steht Stecky vor der Cafétür, auf den Besen gestützt und mit einer Bekannten plaudernd. An der Wand zur Lounge stapelt sich Müll hinter einem Flatterband. Das Innere des Cafés ist geprägt vom Sound eines Staubsaugers, mit dem Chris die Ecke zwischen den LP-Regalen reinigt. „Ist laut“, sagt er, als Entschuldigung dafür, dass er sich mir momentan nicht verbal widmen kann. Das kann André besser, der in der Küche mit einem Bügeleisen eine Dekokante an ein Arbeitsbrett presst. „Das macht man so“, sagt er, als er mein Lachen hört.

Die Küche gehört zu den Orten, die der Kunde üblicherweise nicht zu Gesicht bekommt, also auch zu denen, deren Veränderung niemand wahrnimmt. Ich sehe, dass zwei neue Dunstabzugshauben installiert sind, beide kurioserweise mit rotweißem Flatterband versehen. Sämtliche Regale sind leer, oder besser: frei von Lebensmitteln; stattdessen lagern dort Werkzeuge, Arbeitsmaterialien und Putzmittel. Auf einem Block sind Zahlenkolonnen notiert, ein Taschenrechner liegt daneben. Ich mag André kaum erzählen, dass heute die Sonne die Stadt erhellt, doch der weiß das: „Wenn du zum Auto gehst, um die Parkuhr zu verlängern, kriegst du mit, dass die Sonne scheint.“

Noch sechs Tage sind es bis zur Neueröffnung. „Wir liegen in der Zeit“, sagt André vorsichtig. „Ein paar Kleinigkeiten noch, einige Besorgungen; mit den gröbsten baulichen Sachen sind wir durch.“ Dazu gehört: „Das neue Abluftsystem in der Küche, ein paar Tischlersachen, neue Schränke, neue LP-Displays an der Wand, wir haben den Tresen modifiziert.“ André zieht zur Demonstration eine neue Kühlschublade auf. „Wir wollen aber nicht zu viel verraten, sonst ist die Überraschung weg.“ Sehen darf ich also, sprechen aber nicht über alles. „Manches ist nicht offensichtlich, zum Beispiel die Farbe, einfach aufgefrischt“, sagt André. Damit auch kein Gast vor Donnerstag zu viel davon erkennt, sind sämtliche Fenster mit Zeitungspapier und ist die Tür mit Plakaten abgeklebt. Ein Papiercountdown am Eingang zählt die Tage rückwärts, den tauschen Chris und André entsprechend aus. Eines der Sichtschutzplakate trägt den Schriftzug „All Through The Night“, das „O“ ist herausgeschnitten: So viel Peek-a-boo gestatten die Inhaber ihren Gästen.

Die sehen dadurch aber trotzdem nicht, dass sämtliche Tische in der Ecke mit dem großen Fenster zusammengeschoben stehen. Davor stapeln sich Kisten und Farbeimer mit Malerutensilien. Ein Paar Arbeitshandschuhe thront über dem Ensemble. Auf der anderen Seite, an der Wand, zu deren Füßen Chris den Staubsaugerlärm erträgt, sind die Plattenregale abgeplant. In der Mitte bietet ein Tisch dem aberwitzigsten Werkzeug und dem obligatorischen Baustrahler einen Platz. Klappleiter und Sackkarre ergänzen das Arrangement wie Landmarken.

Das Highlight, so André, wird die Lounge: „Das wird aber nicht verraten.“ Da pflichtet ihm Chris bei, gestattet mir aber einen an Verschwiegenheit gekoppelten Blick hinein. „Da gibt es Pläne“, sagt er vage. Ich sehe, staune und schweige. Er schließt die Tür wieder ab und wir kehren zurück. Die noch nicht umgesetzten Pläne für den Außenbereich im Achteck will er mir nicht mal verraten, dafür präsentiert er mir die neuen Außenlampen: Strahler, die nach oben und unten die Fassade entlang leuchten. „Das hatten wir noch nie“, betont Chris, nicht zum einzigen Mal bei einer Nennung der baulichen Aktivitäten. „Ein warmes Licht, auch die Tafeln werden beleuchtet.“ Er schaltet es wieder aus. „Das bringt Licht und Gemütlichkeit, das ist uns wichtig“, sagt er. Auch die Fenster sind draußen abgeschliffen und neu lackiert.

Innen ist das Café neu gestrichen und tapeziert. „Wir haben den Kronleuchter tiefer gehängt“, Chris deutet auf den, der über dem zurzeit nicht am üblichen Platz stehenden Sofa angebracht ist, „und der andere war seit sieben Jahren nicht mehr an“, damit meint er den direkt im Eingangsbereich: „Wir mussten sogar den Schalter suchen.“ Inhaltlich kehrt Chris flott in die Küche zurück: „Dort ist alles neu, Herd, Kühlschränke“, er schwenkt wieder zurück, „komplett neuer Tresen, sieht auch keiner.“ Er fasst die Intention der Renovierung zusammen: „Das Café gemütlicher zu machen und so zu bleiben, wie wir sind.“ Bedenken, aus dem Riptide würde jetzt eine unpersönliche Hipsterkneipe, bestätigen sich mitnichten. „Für uns haben sich auch die Abläufe vereinfacht“, erklärt Chris.

Auch, wenn es gegenwärtig nicht danach aussieht: Der Öffnungstermin am Donnerstag bleibt, um 12 Uhr. „Nix Großes“, sagt Chris über das Comeback, „wir machen ganz normal auf und stellen eine Kiste Sekt hin, keine Bambule.“ André fasst den Rahmen weiter: „Das alles findet im Rahmen von Riptide 2.0 statt.“ Chris erläutert: „So nennen wir das.“ André fährt fort: „Wir haben im September unser Zehnjähriges – der erste Abschnitt ist die Inneneinrichtung.“ Chris ergänzt: „Dann kommen eine neue Webseite und ein neuer Webshop – der wird vom Provider nicht mehr unterstützt, deshalb ist ist der offline.“ Und eine neue Speisekarte gibt es: „Das ist uns wichtig, die wird völlig überarbeitet“, sagt André. „Konzeptionell bleibt sie gleich“, beschwichtigt Chris. „Wir werden nicht plötzlich Fleisch anbieten.“ Dennoch wird es Veränderungen im Angebot von Speisen und Getränken geben, denn darauf ist die neue Küche ausgelegt, dass die Karte diesbezüglich angepasst werden kann. André kündigt an: „Auch kulturell werden wir wieder mehr machen, das ist etwas in den Hintergrund gerückt.“ Daher soll sich in Sachen Licht und Sound ebenfalls etwas tun, doch noch nicht in dem angedachten Umfang; das soll später noch erweitert werden.

Trotz des Staubes in der Luft leuchten die Augen der beiden Gastwirte. Nach fast zehn Jahren immer noch und immer wieder. Sie kehren nun wieder zu ihren Aufgaben zurück und können doch nicht aufhören, zu erzählen: „Wir haben einen Lieferstopp gemacht“, sagt Chris mit Bezug auf neue Musik. „Am Dienstag kommen hier wer weiß wie viele Platten.“ Die müssen sie alle auspacken, auspreisen und in die LP-Fächer und neuen Displays stellen. Die sind nicht nur neu, sondern auch mehr: „Dann stellen wir die Platten nach Genres aus, Iron Maiden steht dann bei Metal“, erklärt Chris.

Stecky wuselt die ganze Zeit emsig herum, als letzte Aufgabe des Tages stapelt er die Flyer für die nächsten beiden Filme der Reihe „Sound On Screen“ in das Regal hinter der Theke. Am 23. März zeigt das Universum-Kino einen Film über Mumford & Sons und am 27. April „Gimme Danger“ von Jim Jarmusch über The Stooges. „Da muss ich wohl arbeiten“, sagt Stecky. Im Riptide natürlich. Jetzt hat er aber Feierabend. Er lässt sein Longboard auf den Boden fallen, öffnet die Cafétür und rollt ins Achteck und davon, am Flatterband vorbei, in den Sonnenuntergang.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#112 Wiesel Übernachtsensation

24. Februar 2017


Donnerstag, 23. Februar 2017

Wegen Frank Zappa ist das Universum-Kino heute ausverkauft. Man zeigt „Eat That Question“, eine Dokumentation, die den Musiker anhand von collagierten Interviewsequenzen charakterisiert. Der quasi brandneue Film läuft im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, die das Universum und das Café Riptide gemeinsam ausrichten, und weil zum Nachfilmprogramm ein Auftritt von Schepper im Schallplattenladen gehört, gehört der Film für mich geguckt. Und weil ich längst herausgefunden habe, wie Zappas Musik abseits von „Boby Brown Goes Down“ so klingt, dass sich nämlich ganz viele meiner Lieblingsmusiker bei ihm bedienen und das brutal Verschachtelte gar nicht erfunden haben. Fantômas! Zum Beispiel.

Hätte mich meine Lieblings-DJane Soundschwester nicht gefragt, ob wir zusammen ins Kino gehen, und uns Karten reserviert, wäre ich davon ausgegangen, dass es in Braunschweig kein so großes Publikum für Zappa gibt, dass man um einen Platz fürchten muss. Musste man aber, wir ergatterten die vorvorletzten Karten. Das ist doch sehr überraschend, schließlich gab es schon Filme über namhaftere und populärere Musiker als ausgerechnet den Freak Zappa, die leider nicht ausverkauft waren. Abseits von „Bobby Brown“ hatte Zappa auch keine wahrnehmbaren Hits, er experimentierte vielmehr so sehr, dass ihm selbst harte Anhänger nicht in alle Exkursionen folgen konnten. Und dann ist „Eat That Question“ auch noch vorrangig ein Laberfilm. Schön, was alles so geht.

Acht Jahre lang, so erzählt es Beate vor dem Filmstart, hat Regisseur Thorsten Schütte an diesem Film gearbeitet. Und dabei offenbar zahlreiche Kämpfe mit Zappas Nachlassverwaltern ausgefochten. Die Organisatoren der Zappanale in Bad Doberan können unschöne Geschichten darüber erzählen. Doch gewann Schütte Zappas Witwe Gail für sein Projekt und damit die bestmögliche Förderin.

Außerdem sagt Beate an, dass in der kommenden Staffel von „Sound On Screen“ der andere neue Film von Jim Jarmusch außer „Paterson“ zu sehen sein wird, nämlich „Gimme Danger“, seine Dokumentation über Iggy Pop und The Stooges. Der kam laut Journaille eigentlich schon parallel zu „Paterson“ heraus, doch ist die DVD lediglich als Import zu haben, was mich wunderte, und Beate gibt die Erklärung: Bei „Sound On Screen“ läuft er zum Bundesstart. Deshalb also noch keine DVD in diesem Lande. Die anderen beiden Filme der Staffel sind einer über Mumford & Sons in Südafrika, der mich sowas von gar nicht reizt, und ein Biopic über Miles Davis, bei dem Ewan McGregor mitspielt, den ich eben noch in „T2 Trainspotting“ wiedersah.

Zappa war schon eine coole Sau. Geile Frisur, geiler Bart, geile Figur, geile Stimme, und sowas von ordentlich was im Kopf. Um genau den Kopfinhalt geht es in dem Film. Mutig unmoderiert montiert Schütte Interviewsequenzen zusammen, die halb inhaltlich, halb chronologisch sortiert sind. Zappa spricht über Politik, religiösen Fanatismus, Wirtschaft, Drogen, Kreativität, Bildung, Sprache, Kultur und auch ein bisschen über sich und seine Musik. Biographische Stationen schreitet „Eat That Question“ nicht zwingend ab; über die Zahl seiner Kinder und seine Krebserkrankung erfährt man zwar etwas, auch kommt mal ein Song oder ein Albumtitel zur Sprache, doch stehen seine Haltungen im Mittelpunkt. Und Zappa hat Haltung. Wer Musik macht, sagt er etwa, um damit Geld zu verdienen, ist kein Künstler, sondern Unternehmer. Interessanter Diskussionsansatz.

Man sieht den aus heutiger Sicht völlig normalen Menschen Zappa mit TV-Moderatoren umgehen – für die Zeit damals muss das ein erheblicher Kulturschock gewesen sein. Manche Interviewer nähern sich ihm überheblich als dem ausgeflippten Kinderschreck, andere finden aus ihrer Position heraus einen brückenschlagenden Zugang zu Zappa; manche Leute lässt jener auflaufen, mit anderen vertieft er sich in deren Themen. Angenehm ist dabei, wie grundsympathisch Zappa in allen Fällen wirkt. Und wie felsenfest überzeugt von dem Weg, den er einschlägt. Schon als Jugendlicher mit dem Fahrradkonzert. Unfassbar schon das.

So ganz frei von Musik kann so ein Film über Zappa natürlich nicht sein. Der irrsinnige Komponist konnte ja nun echt mal viel bis alles, vom gefälligen Popsong (der dann sicherlich trotzdem kein Hit wurde) über Blues und Rock bis zur Avantgarde und zur hochkomplexen Neoklassik. „Titties And Beer“ gibt’s nur als T-Shirt-Aufdruck, ansonsten muss man sich eben die Mühe machen, sich wirklich mit mehr als nur der „Sheik Yerbouti“ auseinanderzusetzen.

Was es da alles noch gibt! Den Einblick in das Oeuvre des Meisters erhalten wir von Jogi, der wie so unzählige andere Braunschweiger Musiker und Kulturschaffende im Kinopublikum sitzt. Nach dem Film erzählt er mir, dass das Riptide nämlich mit Plattencovern aus seiner Sammlung dekoriert sei. Stimmt, hinter Schepper sieht man etwa „Joe’s Garage“, „Weasels Ripped My Flesh“, „Freak Out!“ und „Over-Nite Sensation“ auf der Ablage aufgereiht.

Wir stehen noch draußen und plaudern, mit Musikern, Veranstaltern, Weinhändlern, Autoren, Gastronomen, Filmfans, Zappafans, Schepperfans. Der hat drinnen sein neues Banner ausgerollt, das er erst kürzlich im Kingking Shop hat anfertigen lassen, und setzt soeben vor vollem Haus zum Beat und Loop mit Gesang an. Wir verfolgen seinen Gig zunächst von draußen aus, durch die Scheibe direkt neben der zur Bühne freigeräumten Verkaufsfläche. Der Solobassist passt schon gut zum freakigen Zappa: nicht minder verfrickelt und eigenwillig, bisweilen wundervoll eigensinnig. Der „King Of Time“ ist heute noch länger als sonst und wird seinem Titel gerecht. „Jaaaa, das hat was“, sagt jemand neben mir, als Schepper nach gefühlten 395720 Minuten Song zum Neil-Young-Gegniedel ansetzt. Auch im Set ist „Pea(s)“, das Schepper extra für mein Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ komponierte. Jedes Mal bin ich glücklich, dass es genau dieser Song wurde: Er passt perfekt und ist mit Leichtigkeit ein Lieblingsstück.

Der Basspsychedeliker hält lang durch, länger als viele Gäste, aber es ist ja auch mitten in der Woche. Beirren lässt Schepper sich davon nicht. Gottlob. Er zieht durch. Und uns mit. Und doch irgendwann Leine. Ich nutze die Chance, noch schnell meine eingetroffene Bestellung zu erwerben, die Doppel-LP „Para quienes aún viven“ von Exquirla nämlich, dem neuen Projekt der spanischen Postrocker Toundra und dem Flamencosänger Niño de Elche. Schön exotisch, wie die andere exotische CD, die ich vergangene Woche erwarb: „A Hermitage“ von Jambinai, einer südkoreanischen Metalband mit traditionellen Instrumenten drin. Feines Stöffchen auch das.

Es gibt einen dringlichen Grund, die LP noch heute mitzunehmen: Ab Montag ist das Riptide nämlich für über zwei Wochen geschlossen, weil Chris und André es runderneuern wollen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens, das sie im September begehen. Und gerade, als ich mich frage, wo ich denn dann die neue „Intro“-Ausgabe herkriegen soll, entdecke ich sie noch so weit vom Monatsersten entfernt auf dem Stapel an der Kasse liegen. Jetzt aber heim. Morgen wieder früh raus und so. Ausfreaken können heute meinetwegen andere.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#111 Familientreffen in Kaiserslautern

26. Januar 2017


Donnerstag, 26. Januar 2017

„Familientreffen“, ruft jemand, als ich das Café Riptide betrete. Denn mit mir kommt Micha herein, an der Theke steht Marcus, der sich mit Chris unterhält, der am PC steht, vor den Schallplatten sitzt André auf einem Stuhl und geht die Eigenveröffentlichungen durch, und am großen Fenster hocken Stef und Sascha. Mit „Frohes Neues“ begrüße ich Marcus, Micha schließt sich mit dem Gruß an Chris gerichtet an, und der erwidert: „Wir haben uns doch schon gesehen dieses Jahr!“ Als Stef und ich uns vorhin noch in der Küche über den Weg liefen, wussten wir nichts von unserem gemeinsamen Ziel, aber ich traf Vitas in der Stadt, der mir ihre Anwesenheit im Riptide verriet. Erbse!

Eigentlich wollten Micha und ich uns mal dienstlich treffen, für einige Absprachen. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Eingang und durchforsten unsere Unterlagen. André erhebt sich von seinem Stuhl, steuert den Thekenbereich an und fragt mich im Vorbeigehen: „Kafka?“ An sich eine gute Idee, aber heute ist mir mehr nach einem Milchkaffee. Micha gibt einen Cappuccino in Auftrag. Kurze Zeit darauf bringt uns André das Bestellte: „Falls ihr’s nicht erkennen könnt, das soll ein Herz sein“, sagt er und deutet auf die Schokopulverform auf dem Milchschaum. Ganz eindeutig ein Herz! Das wärmt mindestens so gut wie der Kaffee selbst.

Viel Zeit hat Micha nicht, er ist noch mit einem Freund zum Filmabend verabredet. Er flippt durch die App vom C1-Kino und grantelt, dass zwar gestern „Hacksaw Ridge“ vom Mel Gibson in der Vorpremiere lief, aber nicht ins normale Programm übernommen wurde. „Das ist schon der dritte Film dieses Jahr, der nicht in Braunschweig läuft“, schimpft er. Dieses Jahr war ich noch gar nicht im Kino, mein letzter Film war „Arrival“ am 5. Dezember. „Das ist schon ein bisschen her“, findet auch Micha. Er überlegt, sich „La La Land“ anzusehen, angefixt durch die vielen Oscarnominierungen und Golden Globes, „da lasse ich mich verleiten“. Mich interessiert der genau so wenig wie „Hacksaw Ridge“. „Ein Bekannter findet ‚La La Land‘ gut“, sagt Micha. Jeder findet den gut. „Das muss nichts Schlechtes sein“, sagt Micha und schlägt mir vor: „Du kannst dich mit allen abgleichen und sehen, ob du normal bist, oder krank.“ Oder genau das nicht, wer weiß.

Bei „Hacksaw Ridge“, erklärt mir Micha, geht es um einen Soldaten, der ohne Waffe in den Krieg zieht: „Das würde ich nicht machen.“ Ich nehme nur die Waffe, ohne den Krieg. „Auch ’ne Möglichkeit“, sagt Micha. Ich nehme denen die Waffe weg. Micha: „Denen den Krieg wegnehmen!“

André gönnt sich den Moment und setzt sich zu uns. Er sieht auf Michas Display und stellt die naheliegende Frage: „Wollt ihr ins Kino?“ So halb: Micha ja, ich grad nicht. Micha wiederholt seinen Unmut bezüglich der Filmauswahl in den Braunschweiger Kinos und dass er Interesse an dem Musicalfilm „La La Land“ habe. „Da wird nur gesungen“, sagt André. Micha lacht: „Sagst du in diesem Laden!“ André grinst verlegen und murmelt, dass er das auf Filme bezogen kritischer sieht. Regisseur Damien Chazelle, sagt Micha, hat ein Faible für Jazz, was Micha verlocke, denn auch der erste Film „Whiplash“ handelte von jener Musikrichtung. Ach ja: Rocky am Schlagzeug.

André erzählt etwas davon, dass jemand nach einem Film „draußen“ etwas unappetitliches erlebte, und Micha versteht miss, André sei „rauchen“ gewesen. Dabei fällt ihm die Geschichte ein, wie er mit einem „Kumpel“, der starker Raucher ist und es kaum ohne Zigarette aushält, im überlangen Remake von „Verblendung“ gewesen sei. „Daniel Craig hat gefühlt neunzig Prozent des Films geraucht“, lacht Micha. „Zum Schluss bietet ihm ’ne Frau ’ne Zigarette an und er sagt: ‚Ich will aufhören.‘“ Er grinst: „Ich gucke zu dem Kumpel rüber und der sagt: ‚Mit dir gehe ich nie wieder ins Kino.‘“ Das erinnert André ein das eine von zwei gemeinsamen Malen mit Micha im Kino: Da wies Micha André auf einen kleinen Schatten in der Ecke der Leinwand hin, der daher rührte, dass der Projektor nicht vollständig an der Empore vorbei projizierte. „Das sagt er mir vor dem Film“, echauffiert sich André. „Das wäre mir nie aufgefallen – ich habe den ganzen Film über nur die Kante gesehen.“ Micha grinst: „Gern geschehen.“

Jetzt muss André wieder arbeiten, dafür gesellt sich Stef kurz zu uns. „Unser letzter Ticker war sehr erfolgreich“, berichtet sie Micha. Gemeinsam erstellen sie nämlich für Stefs „Kult-Tour Der Stadtblog“ einen wöchentlichen Veranstaltungskalender. „Der wurde sechsmal geteilt!“ Das freut den Miturheber: „Das haben wir gut gemacht.“ Er ist in plötzlicher Eile und bricht auf, um seine Folgeverabredung einzuhalten. Stef lotst mich zu sich und Sascha an den Tisch am Fenster. Ich hocke mich zu ihnen, und wir stellen fest, dass einer der beiden weißen Lampenschirme über unseren Köpfen zerbrochen ist: „Ist das kaputt oder Design?“, fragt Stef. Ich bin für Design und Sascha hat sofort die selbe Assoziation wie ich: „Calimero.“ Mit Sombrero. „Das kenne ich wieder nicht“, sagt Stef, die etwas jünger ist als wir. Sascha erklärt ihr das mit der Zeichentrickfigur, einem schwarzen Küken mit Eierschalenhut. Seltsam genug: Ein Küken mit italienisch klingendem Namen, der auf dem griechischen Wort für „Guten Morgen“ basiert, das laut Titellied eine mexikanische Kopfbedeckung tragen soll. Multikulti.

Sascha kannte ich bislang nicht direkt, wir haben Lür als gemeinsame Brücke: Lür ist Mitinitiator des DJ-Teams „Rille Elf“ und Erfinder des Tanztees im Tegtmeyer, aus Zeitgründen aber leider nicht mehr so richtig dabei. Lür und Sascha gehen oft zusammen ins Eintrachtstadion, und einmal taumelte Lür mit Anhang nach einem Sonntagsspiel ins Tegtmeyer zum Tanztee, und da war Sascha auch dabei. Also: Gesehen haben wir uns schon mal. Auch diese neue Runde bricht auf: Sascha muss noch zum Fußballtraining und Stef will nach Hause. Ich schließe mich an.

An der Kasse steht ein großes Schild mit der Aufschrift „FCK TRMP“. Chris erläutert: „‘Der FC Kaiserslautern triumphiert‘, heißt das.“ Politische Statements verkneife man sich hier schließlich. Ich spreche ihn auf die Renovierung des Riptide an, von der in der Stadt bereits zu hören ist. „Wir haben dann zwei Wochen geschlossen“, bestätigt Chris. Vom 28. Februar bis 15. März, „das ist zumindest geplant, da müssen nur noch die Handwerker mitspielen“, sagt Chris. Am 16. März macht das Riptide dann wieder auf. „Was wir genau machen, steht noch nicht fest – wahrscheinlich normal auf und mit Sekt.“ Und wie das Riptide dann aussehen soll, verrät Chris natürlich auch nicht. Im Mai schließlich soll auch noch die Homepage überarbeitet werden. Alles neu – fürs Zehnjährige, das im September ansteht. Zehn Jahre Café Riptide. Nicht drüber nachdenken!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#110 Scheiß 2016

22. Dezember 2016


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weltweit ist man sich einig: 2016 ist ein Scheißjahr. Es startete mit dem Tod von David Bowie und schickt sich dazu an, sich mit dem mehrfach tödlichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zu verabschieden. Dazwischen: Rechtsruck, Terror, Krieg, Trump, AfD sowie weitere zu beklagende Künstlertode. Dem jüngsten mit Bezug auf den Geschmack des Riptide-Publikums huldigt auf der Theke ein Pappaufsteller, ähnlich dem für Bowie im Januar: „R.I.P. Leonard Cohen 21.9.1934 – 7.11.2016 – We are ugly but we have the music“ steht unter einem Foto des Kanadiers.

Aber das kann ja nicht alles sein. Ich zumindest will nicht ein ganzes Jahr als nur scheiße verbuchen müssen. Mein persönliches hatte einiges zu bieten, das über das Gewöhnliche weit hinausging: den Kinofilm von Stef und Micha zum 100. Riptide-Blog-Eintrag, das Konzert im Tegtmeyer mit Blinky Blinky Computerband, vergnügliche Veranstaltungen mit Rille Elf an wechselnden Orten sowie der Indie-Ü30-Party im Nexus, meine Reisebegegnungen in Thy, Sanremo, Nizza und Kopenhagen, der 50. Geburtstag eines Dänischen Freundes in Roskilde, recht persönliche After-Show-Gespräche mit Oliver Kalkofe und Friedrich Liechtenstein, Konzertausrichtungen im Nexus mit Kult-Tour Der Stadtblog und zum Jahresabschluss auch noch die Entfristung meines neuen Arbeitsvertrages: geht doch!

Im Riptide will ich herausfinden, was für andere Menschen gar nicht so scheiße war an diesem 2016. Die beiden Chefs André und Chris habe ich um nur fünf Minuten verpasst, sagt mir Max hinter der Theke. Also gibt er mir die erste Antwort.

Max:

„Privat war gar nicht so scheiße, dass ich hier angefangen habe zu arbeiten. Global: Das neue Stones-Album war gar nicht so scheiße. Ich habe reingehört und bin wirklich sehr sehr positiv überrascht. Sie haben ganz viele alte Bluesstücke genommen, die sie geil fanden, und auf ihre Weise vertont. Und Terence Hill ist noch nicht gestorben. Und politisch war wirklich nichts gut.“

Vielleicht, dass die AfD in Braunschweig nicht ganz so große Anteile im Stadtrat bekommen hat wie anderswo? Max nickt: „Das ist ein verhältnismäßig kleines Bekenntnis zur eigenen Dummheit.“ Im Riptide arbeitet er noch nicht mal seit einem Vierteljahr, seit 1. Oktober nämlich: „Richtig frisch und der allererste Gastrojob sowieso.“ Damit finanziert er sich sein Studium. Für meine Reise durch da Jahr der Gäste bestelle bei ihm ich als Proviant ein Glas Glühwein.

In der Ecke am großen Fenster sitzt ein gutgelauntes Paar am Tisch und hält mit der jeweils freien Hand, die nicht ein Getränk umklammert, die Hand es jeweils anderen fest. Marc, der heute in der Küche herumwirbelt, bringt mir meinen Glühwein und einen Karamellkeks an den Tisch.

Nelipot & Gordon:

Gordon: „Das ist schwer.“
Nelipot: „Dass ich ihn getroffen habe – das war nicht scheiße.“
Gordon sieht sie lächelnd an.
Nelipot, grinsend: „Jetzt bist du unter Druck!“
Gordon: „Muss ich was sagen?“
Nelipot: „Du hast dich selbst getroffen.“
Gordon: „Ich hatte heute eine Blasenspiegelung.“
Das zählt zu den Sachen aus diesem Jahr, die nicht scheiße waren?
Gordon: „Das ist eine Frage des Blickwinkels. Der Arzt sah nicht unglücklich aus.“
Nelipot: „Im chinesischen Horoskop bin ich Affe, und es heißt, das eigene Jahr wird scheiße, alle zwölf Jahre wird also ein Scheißjahr.“
War dieses Jahr denn dann scheiße?
Nelipot: „Es war richtig scheiße. Ich war dreimal im Krankenhaus. Ich war mehr im Krankenhaus als irgendwo anders.“

Nelipots Akzent macht mich neugierig, sie sagt „kinesisch“. Und richtig, sie ist nicht aus Braunschweig: „Ich bin Schottin.“ Okay, das hätte ich jetzt aber auch nicht erwartet, sondern eher irgendwo aus Süddeutschland. Das stimmt zumindest ansatzweise, denn sie pendelte immer zwischen diesen zwei Regionen und kam vor zwei Jahren erst wieder nach Deutschland zurück. Kennen gelernt haben sich Gordon und Nelipot nicht in Braunschweig, sondern in Königslutter. In der Psychiatrie. Und zwar als Patienten. „Ich wurde gestern entlassen“, erzählt Gordon und zeigt auf sein Astra: „Das ist mein erstes Bier in Freiheit.“ Die beiden strahlen so vergnügt, dass es ansteckt. „Ich habe gute Zeiten gehabt in der Psychiatrie“, sagt Nelipot. Das findet Gordon auch: „Ich habe tolle Leute kennen gelernt.“ Da ich selbst auch so meine psychiatrischen Erfahrungen habe, fühlen wir uns verbunden. Das Internet verrät mir später übrigens, dass ein Nelipot jemand ist, der weitestgehend barfuß durch die Welt läuft.

In der anderen Ecke sitzt Tolga am Tisch, seine Ohren unter großen Kopfhörern verborgen, die er mit Musik aus seinem aufgeklappten Laptop versorgt. Für mich nimmt er die pinken Kopfhörer ab.

Tolga:

„Für mich persönlich war der Sommer nicht scheiße – aber ob er das auch gemessen an alten Sommern war, kann ich nicht behaupten. Gesamtgesellschaftlich: Hmmm. Dieses Jahr war vieles gut, schon am Anfang: Im Mai war ich in Portugal, das war geil, das war ein Reiseziel, das ich schon immer sehen wollte, Lissabon ist eine tolle Stadt, sehr gediegen. Von dort aus ging’s nach Porto hoch.“

Er schwelgt in Reiseerinnerungen. Ich habe Portugal noch nicht bereist, das steht noch aus. Tolga lebt in Hamburg und wartet hier auf seinen Bruder. „Einmal war ich schon im Riptide, da drüben“, sagt er und deutet auf die Rip-Lounge. Ursprünglich kommen beide aus einem Dorf im Landkreis Peine. Der Bruder arbeitet momentan noch: „Ich habe anderthalb Stunden Wartezeit“, sagt Tolga und stülpt sich seine Kopfhörer wieder über.

Einen Tisch weiter nehmen André und Matthias Platz, nacheinander, weil Matthias noch seinen Nachwuchs mit Spielsachen aus der Kiste am Fenster ausstattet. André ist als Journalist in Braunschweig unterwegs. Ich lagere meine inzwischen leere Glühweintasse und meinen Keks auf dem Tisch vor ihnen zwischen und frage: Was war für die beiden nicht so scheiße an 2016?

André & Matthias:

André: „Das Jahr ging gleich gut los mit dem neuen Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.“
Matthias: „Bei mir ging’s mit ‚ner Steuernachzahlung los.“
André: „Gut war, dass ich mal ’ne Woche rausgekommen bin, das ist auch nicht so selbstverständlich. Las Palmas, da war ich 2014 schon, das habe ich wieder aufgenommen.“
Matthias: „Ich lebe noch.“
André: „Bei dir war ja das mit dem Bild.“
Matthias: „Es fing scheiße an, ich hatte ein Bild auf meiner Homepage, an dem ich nicht die Urheberrechte hatte. Fast zehn Jahre – wären es über zehn Jahre gewesen, wäre es verjährt.“
André: „Das HAUM war auch ein kleines Fest. Die Drei-Stunden-Pressekonferenz, zu der ich drei, vier Geschichten abgesetzt habe. Das war ein Fest, dass nach sieben Jahren alles wieder begehbar ist – für mich ein Highlight, städtisch auch. Alle haben dem entgegengefiebert, jeder dachte, das macht nie wieder auf. Die Klassiker im neuen Gewand.“

Mit dem HAUM meint André das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, das sich selbst jedoch grammatisch inkorrekt nicht durchkoppelt, sondern als einen Herzog darstellt, dessen Vorname Anton und der Nachname Ulrich-Museum lautet. Max kommt an den Tisch und nimmt die Bestellungen auf, beide hätten gern einen Bonanza-Burger mit Käse und einen Cappuccino. Jeweils.

André: „Dieses Jahr habe ich nur wenige Konzerte gesehen.“
Matthias: „Ich auch.“
André: „King Crimson habe ich in Hamburg gesehen, mit Katrin und Uwe von Raute. Und The Wedding Present – wie konnte ich das vergessen! Im Hafenklang, das war grandios.“

Das einzige Konzert, das Matthias dieses Jahr sah, war eine klassikähnliche Veranstaltung, die er „furchtbar“ fand und André zu verdanken hatte. Sie waren beide reichlich abgeneigt davon. „Ich habe mir alles hinterher zurückgeholt bei der After-Show-Party“, winkt Matthias ab. Im Riptide braucht er das nicht, da kommt Max mit dem Tablett vorbei und stellt das Bestellte auf den Beistelltisch.

An der Theke sammeln sich soeben zufällig lauter Kulturtreibende: Volker, der noch auf Beate wartet, Thomas vom KULT-Theater und Roland, dessen Seemannslieder ich kürzlich bei Ollys Verlobunxfeier lachend lauschen durfte. Meinen Karamellkeks trage ich immer noch bei mir. Er bekommt einen Interimsplatz auf der Theke und die Leute um mich herum meine Frage gestellt.

Thomas, Roland, Volker & Beate:

Thomas: „Mein 2016 war gut.“
Roland: „Mein Monat Papaurlaub war gut. Mein Sohn ist geil. Mit ihm ist jedes Jahr ein geiles Jahr.“

Roland grinst breit übers ganze Antlitz und steuert das Sofa an, auf dem der juvenile Erwähnte seiner Mutter gegenüber sitzt.

Thomas: „Zu mir kommen immer mehr Leute ins KULT, dadurch kennen das immer mehr und lernen das noch mehr Leute kennen. Ich hatte keinen Überfall, keine Bomben, keine herrenlosen Taschen – super, alles gut! Ich hatte großartige Veranstaltungen und stehe immer noch jeden Morgen mit einem Grinsen auf, seit sechs Jahren.“

Das KULT, das kleinste Theater der Stadt, zog vor einiger Zeit vom Hagenmarkt in den Schimmelhof um, Anfang des Jahres sah ich dort zumindest eine Veranstaltung. Vier Jahre lang gibt es das KULT insgesamt, seit sechs Jahren ist Thomas selbständiger Theaterspieler.

Thomas: „Im Figurentheater zeige ich noch ganz viel. Und ich habe mir zu Weihnachten eine singende Säge geschenkt. Die kann man im Musikalienhandel kaufen. Ich habe sie gestern ausprobiert und ein paar Töne rausgelockt. Das ist anstrengend. Man muss sie zweimal gebogen halten, ein S machen. Wenn ich da mehr Töne rauskriege und die auch in Folge, werde ich sie einsetzen. Im Moment quietscht es nur und ich werde wohl meine Wohnung verlieren.“

Thomas legt KULT-Programme und Poster auf die Theke und verabschiedet sich, um seinen Werbezug durch Braunschweig fortzusetzen.

Beate: „Toll war, im Garten rumzubuddeln.“
Volker und Beate sprechen kurz über weitere Höhepunkte.
Beate: „Das Riptide natürlich. Der schöne Duft, wenn du reinkommst, duftet es immer so toll. Das Riptide ist toll. Auch, wenn es mal keinen Platz gibt, wie jetzt – deshalb gehen wir weiter.“
Volker: „Ich hab Urlaub. Seit jetzt.“

Und auch die beiden treten in die Dunkelheit hinaus. Betta und Leona unterhalten sich an dem Tisch direkt neben der Eingangstür. Ich lege meinen Karamellkeks ab, um alle Hände frei fürs Schreiben zu haben, und biete ihn Leona an, die ihn dankbar mit Betta teilt. Wortlose verlässliche Freundschaft.

Betta & Leona:

Betta: „Bei mir war nicht scheiße, dass die Zeit nicht so schnell vergangen ist – das war mein längstes Jahr. Sonst geht es immer so schnell weiter“
Leona: „Ist das nicht immer dann so, wen es doof ist?“
Betta: „Nein. Wenn du von Januar erzählst, denke ich, das war vor zwei Jahren.“
Leona: „Die Schule hat geklappt, das Abitur, aber ich hab jetzt nicht damit gerechnet, dass es nicht klappt.“

An der IGS Querum machte Leona ihr Abitur. Die beiden wirken infektiös glücklich. Und auch so glücklich, wie Roland seinen Sohn am Strohhalm nuckeln lässt, fordert er mich glatt dazu auf, mich noch einmal zu ihm zu gesellen und meine Frage auch an die Kindsmutter Eva zu richten.

Eva & Roland:

Eva: „Unser Kind.“
Roland: „Das habe ich auch gesagt.“

Roland erwähnt eine Metal-Band aus Wolfsburg, von der ihm jemand vorschwärmte. Es gibt einen indirekten Link zu ihm: Der Verwandte eines der Bandmitglieder spielt bei Kinnara, den Proberaumnachbarn von Rolands Band Lump.

Jetzt bin ich einmal im Riptide herumgekommen, abgesehen von der Rip-Lounge. In der Küche ringe ich nun Marc, den viele Stecky nennen, „selbst meine Mutter“, eine Antwort auf meine Frage ab, was 2016 nicht so scheiße war.

Marc:

„Unsere Kanzlerin. Mit ihrem Statement zur Flüchtlingspolitik. Ich bin beileibe kein CDU- oder CSU-Wähler! Und Martin Sonneborn im EU-Parlament mit seinen Statements. Sick Of It All, deren dreißigjähriges Jubiläum!“

Die entsprechende Box zu diesem Geburtstag der New-York-Hardcore-Band steht im Riptide bei den Punk-Platten. Marc kehrt in die Küche zurück und Niclas betritt zum Zechezahlen das Café.

Niclas:

„Ich bin aufm Sprung, ich muss überlegen.“
Also zahl er zunächst zwei Kaffee und zwei Rotwein bei Max. Er wählt seine Worte behutsam aus:
„Nicht so scheiße war, dass ich Momente hatte, die mit leichten Irritationen einhergehen und bei denen man sich fragt: Hab ich Fehler gemacht, kann ich mir was vorwerfen, war ich ungerecht? Das kann ich mich Sicherheit mit Ja beantworten. Mein Fazit ist, dass die Grundintention eine richtige ist und dass sich das Gefühl entwickelt, dass einen veranlasst, sich nicht grämen zu müssen, sondern die Kraft erhält, so weiterzumachen wie in der Vergangenheit, dann ist das eine Quelle, aus der man Kraft schöpfen kann. Gut war, dass ich das 30. Lebensjahr vollendet habe und um ein Vielfaches jünger aussehe – das gilt es zu bewahren. Und gut wird die Weihnachtsgans – davon gehe ich aus.“

Ein besinnlicher und reflektierter Abschluss. Doch die letzten Worte haben Max und Marc.

Max & Marc:

Marc: „Ich bin froh, hier zu arbeiten.“
Max: „Wir haben wunderbare Chefs.“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#109 Alles außer Genesis

26. November 2016


Freitag, 25. November 2016

Als Uwe seinen nächsten Song startet, erinnert mich die Akkordfolge an „Wicked Game“. Nicht nur mich. Uwes Co-DJ Markus locken die Töne zurück von der Theke ans Plattenunterhalterpult, er beugt sich zu ihm: „Chris Isaak, schön – und das ist Rocko Schamoni?“ Uwe bestätigt. Und überrascht mit der Antwort auch mich: Das ist also Musik von Rocko Schamoni! „Wicked Game“ geschickt neu umgesetzt, und zwar zu einem Cover eines noch ganz anderen Stückes, „Was kostet die Welt“ von F.S.K. nämlich, auf Rockos noch jungem Cover-Album „Die Vergessenen“. Bei Schamoni wisse man nie, was man bekomme, findet Markus: Entweder richtig gut oder sehr schlecht. Das hier sei richtig gut. Finde ich auch. Live gesehen habe ich Schamoni solo noch nie, lediglich im Rahmen von Studio Braun, und Markus schwärmt sofort von einem kurz zurückliegenden Fraktus-Konzert: jeder Song eine Besonderheit. Das neue Album des Studio-Braun-Projektes kenne ich noch nicht, mag aber den zum Raumschiff umfunktionierten Fahrradhelm auf dem Cover mag ich schon mal.

Ein schöner Start für mich in die Neuausgabe des „Fanclub Soundsystem“ im Café Riptide. Eben noch waren Ada und ich auf dem Weihnachtsmarkt zum Glühmettrinken (mit einem T mehr verändert sich der Sinn gleich zum angenehm Unsinnhaften) und anschließend auf Zwischenstation in Serges Antiquariat neben dem Riptide, wo ihr als erstes der dicke Wälzer „Ada“ von Vladimir Nabokov ins Auge sprang. Jetzt begrüßen wir Uwe und Markus an ihrem neuen Arbeitsplatz im Riptide. „Anderthalb Jahre lang haben wir das in der Haifischbar gemacht, einmal im Monat“, erklärt mir Uwe. „Wir hatten vielleicht ein, zwei Aussetzer in den Sommermonaten.“ Das ist inzwischen auch seit einiger Zeit vorbei, ich lernte Uwe erst danach überhaupt kennen. Längst sind wir beide Mitglieder der DJ-Gruppe Rille Elf und legen zusammen beim „Tanztee“ im Tegtmeyer und beim „Ball im Bierhaus“ in Harrys Bierhaus auf. Und wo wir halt sonst noch die freundliche Aufforderung zur Beschallung bekommen, wie demnächst auf einer privaten „Verlobunxfeier“, in deren Rahmen der Gastgeber hofft, eine Freundin zu finden. Ein unterstützenswertes Vorhaben, finden wir.

Ada bringt ein Tablett mit Tee und Kaffee ans DJ-Pult, der Kaffe ist freundlicherweise für mich, der Tee für sie selbst. Uwe und Markus tauschen die Plätze, ich frage Uwe nach der Intention zum „Fanclub Soundsystem“. „Die Idee war“, hebt er an. „Was war die Idee – dass wir dachten – was dachten wir denn…“ Ich mag Uwes Humor. „Dass wir in der Kneipe die Musik hören wollten, die wir auch zu Hause hören“, bringt er seinen Satz zum Abschluss. „Es gibt keine Bindung, jeder kann auflegen, was er will“, ergänzt er. „Außer Genesis.“

Als ich von der Reihe erstmals höre, dachte ich, es handele sich um einen reinen Soul-Abend. Doch Uwe, der eigentlich tatsächlich Soul als eines von vielen Spezialgebieten hat, verneint: „Soul-Abende sind es nicht, wir spielen Funk, Soul, Electro, Punk – bunt durch die Reihe gemischt.“ Die Soul-Abende in Braunschweig seien Wopi und Heiko vorbehalten, sagt Uwe. Die kenne ich beide nicht. Und wie kam es zum Zusammenschluss mit Markus? „Wir sind seit über 30 Jahren Freunde“, sagt Uwe. Und nach der Partypause nun der Neustart hier? „Das Riptide hat sich angeboten, das wollten wir mal hier machen“, erklärt Uwe. Ob die beiden den monatlichen Turnus wieder aufnehmen, steht noch nicht fest. Da müssen wir uns gedulden, wie die Resonanz auf allen Seiten aussieht.

Zum Beispiel bei den Riptide-Chefs. André ist heute Abend im Einsatz. Im Vorbeigehen betätigt er die Nebelmaschine am DJ-Pult und kommt dann zur Begrüßung zu Ada und mir. Seine Resonanz zum „Fanclub Soundsystem“ im Riptide kann euphorischer kaum sein: „Na geil, Mensch, hat ein bisschen gedauert, mit Kusshand waren wir hinter ihnen her, haben sie mit ein paar Cappuccinos überzeugt“, sprudelt er mit güldenem Strahlen. André selbst war jetzt eine Weile nicht im Riptide, „was habe ich verpasst?“ Das Filmfest, mindestens. Daran war das Riptide unter anderem mit der „Sound On Screen“-Party beteiligt. Eine Veranstaltung des Filmfests besuchte André aber doch: Die Live-Untermalung des Stummfilms „The Fall Of The House Of Usher“ durch die Band In The Nursery im Rahmen der Filmfest-Reihe „Poe At Midnight“ in der Bartholomäuskirche. Zwar war ich nicht dabei, weil das parallel zu unserem Filmfest-„Tanztee“ startete, doch hörte ich davon, dass es kalt war und dass viele Leute entspannt eingeschlafen seien. André grinst: „Man musste sich entscheiden: auf den Film konzentrieren oder auf die Musik, ich habe mich für die Musik entschieden.“ Die habe er hingebungsvoll mit geschlossenen Augen verfolgt. So muss es also zu dem irreführenden Eindruck gekommen sein, das Publikum sei eingeschlafen.

Mein persönlicher alljährlicher Filmfest-Höhepunkt trat auch dieses Mal wieder ein: Auf dem Sitzplatz neben mir öffnete Elke ihre Thermoskanne und goss sich Tee ein. Das sehe ich als Symbol dafür, dass es viele Leute gibt, die sich für das Filmfest Urlaub nehmen und einen gespielt herablassend ansehen, wenn man nicht wie sie schon vier Filme gesehen hat – an nur einem Tag. Sie zelebrieren das Filmfest intensivst und gönnen sich ihre Verpflegungspausen zwangsweise mitten im Film. Inklusive Brotbox oder in Butterbrotpapier gewickelten Stullen. Oder eben mit Thermoskannen.

Gleich tauscht Uwe wieder den Platz mit Markus. Schnell erzählt er mir noch eine Geschichte von einem Konzertbesuch in Hamburg, der beinahe lediglich ein Konzertversuch geworden wäre: „Beginn 19 Uhr stand drauf“, sagt Uwe. „Na ja, man weiß ja, wie das ist.“ Also nahmen er und sein fahrender Begleiter die Angabe recht ungenau, bis Uwe kurz vor den Toren Hamburgs mal auf seinem Mobiltelefon genauer nachsah und feststellte, dass dort für 22 Uhr bereits das nächste Konzert angesetzt war: „Drück auf die Tube“, rief er dem Fahrer zu. „Um halb acht kamen wir an, da hatten die schon angefangen.“ Im Molotow war das. Dort war ich seit dem Umzug noch nicht wieder, zuletzt sah ich noch unter der alten Adresse !!!. Ich las etwas darüber, dass sich das neue Molotow auf drei Etagen erstreckt und man bei einmaligem Eintritt den Zugang zu allen Etagen habe. Das kann Uwe zwar nicht bestätigen, die Lokalitätsbeschreibung aber schon.

DJ-Tausch. Das Pult ist dort aufgebaut, wo ansonsten der T-Shirt-Ständer vor den Reinhörplattenspielern im Weg steht. Die Sofaecke auf der anderen Seite des Cafés eignet sich bei dieser Gelegenheit extravortrefflich dazu, sich mit Leuten zu treffen, sich zu unterhalten, Getränke zu sich zu nehmen und mit dem Kopf zu nicken, wo das Fußwippen nicht ausreicht und die Motivation zum Tanzen noch zu gering ist. Die Kunst über den Sofas und die illuminierte Spiegelkugel vertiefen die Gemütlichkeit des Ortes.

Über dich haben wir gestern geredet“, sagt Markus zu mir, als er hinter dem Pult hervorkommt. Das erstaunt mich, schließlich lerne ich ihn doch erst jetzt in diesem Moment überhaupt kennen. Mit wem also…? „Ich wohne im selben Haus wie Schepper“, löst er auf. Unglaublich. Braunschweig. Die Stadt ist eine Erbse und so. Markus bedauert es, Scheppers Musik noch nicht gehört zu haben, und will einen Tauschdienst mit ihm anregen und ihm im Gegenzug seine Lieblingsbands Talk Talk und The Notwist empfehlen. Darin stimme ich mit ihm überein, ich liebe das letzte Talk-Talk-Album „The Laughing Stock“. Markus rät mir, mich intensiv mit dem neuen Live-Album „Superheroes, Ghostvillains And Stuff“ von The Notwist zu befassen. Da muss er nicht viel Überredungskunst aufbringen, das habe ich ohnehin vor; die Dreifach-LP gibt es auch hier im Riptide, ich muss nur endlich mal zuschlagen. Aber die Auswahl ist so groß hier.

Damit plagt sich auch Ada herum: „Ich habe ein Riesenproblem“, sagt sie, und während ich noch Schlimmes fürchte, fügt sie hinzu: „Da hängt eine ‚Lost Highway‘, da hängt eine Björk, da hängt eine, wo ich das Cover gut finde – ich kann mich nicht entscheiden.“ Nachvollziehbares Problem! Bei der LP mit dem ansehnlichen Cover handelt es sich um „Gore“ von den Deftones, und als ich ihr erzähle, dass es sich dabei um NuMetal für herausgewachsene Teenager handelt, bleiben ihr immerhin noch zwei reizvolle Alben zur Auswahl.

Und dabei fällt mir ein, dass ich hier ja auch noch eine Bestellung offen habe. Vergangene Woche orderte ich das neue Automat-Album „Ostwest“ bei Chris und vereinbarte mit ihm, dass ich sie beim „Fanclub Soundsystem“ mitnehme. Doch weder Kamila und Max, die heute Thekendienst haben, noch André finden sie: Ist wohl doch noch nicht mitgekommen. Dann habe ich eben einen weiteren Grund, mal wieder ins Riptide zu kommen.

Markus und Uwe, das kommt beim folgenden Gespräch mit Markus heraus, haben dieselbe Intention für den Fanclub, die sich nach seiner Ausführung in ebenjenem Namen niederschlägt: „Hintergrund ist, dass wir die Fans von etwas sind.“ Und genau das wollen sie teilen: „Die Idee ist, dass wir spielen, was wir mögen.“ Damit wiederholt er nahezu wortgenau Uwes Erläuterung. Dieses Team hat sich definitiv mit einer gemeinsamen Basis gefunden. Blindes Vertrauen. Alles außer Genesis. Also „Musik für das Kaff der Guten Hoffnung“, wie es auf dem Flyer für diese Show steht. Wahre Worte!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#106 Die Gesichter des Sedan-Bazars

16. August 2016


Sonntag, 13. August 2016

Riptide-Blog in Fremdvergabe: Heute lasse ich mal jemand anders an die Tastatur. Es passt so schön: Stefanie Krause und ich waren zusammen beim Sedan-Bazar. Nicht nur, dass es zusammen Spaß macht: Sie übernahm das Schreiben, ich dafür ihren Fotojob. Das Ergebnis gibt’s auf Kult-Tour Der Stadtblog und hier:

„Ich war auf dem Sedan-Bazar im Braunschweiger Handelsweg. Zum ersten mal! Und heute ist ein perfekter Sonntag, um einen flockigen Blogeintrag darüber zu schreiben. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Keine Seetemperaturen, aber auch kein Badewannenwetter. Ich ein wenig müde, doch nicht zu müde. Eben genau richtig. Und so entspannt im Kopf, um ein paar Ideen über den Abend und dessen Begegnungen fliegen zu lassen, sich aber keinen zu großen, blockierten Kopf zu machen. Das Basilikum auf dem Balkon hält die Klappe. Beste Voraussetzungen also, um in die Tasten zu hauen: 13.08.2016, Ankunft etwa 18 Uhr in der kleinen – aber ältesten – Stadtpassage Braunschweigs. Sie ist heute dichter als sonst mit buntgestipptem Volk gefüllt.

Einmal im Jahr tun sich die kleinen Lädchen, Cafés und Kneipen im Handelsweg zusammen, um gemeinsam ein Sommerfest zu feiern. Schepper – Solobassist und charmantverschüchterter Anekdotenerzähler – zupft schon an seinem Instrument und blinzelt schräg zu uns hoch. Die Plastikblume an seiner Technik sitzt noch nicht perfekt. Zu allem Überfluss kitzelt ihn eine seiner langen Haarsträhnen ein wenig am Näschen, auf dessen Spitze die Brille gerutscht ist. Darunter kräuselt er die feinen Lippen und wirft schwungvoll und doch ein bisschen eckig die Haarpracht zurück, um uns zur Begrüßung die „Ghettofaust“ zu geben. Ich bin heute mit Bloggerkollege Matze unterwegs. Er ist hier im Handelsweg ein alter Hase. Seit nunmehr acht Jahren schreibt er bereits den Riptideblog. Es dauert auch nicht lange, bis er mir die Spiegelreflex wegschnappt und die Szenen fotografiert, die er sonst nur mit Worten umschreibt. Jaja, aber vorher erstmal meckern, als das Entladen der Speicherkarte unseren Aufbruch vom westlichen „Ghetto“ in die Braunschweiger Innenstadt unwesentlich verzögerte. Jetzt freut er sich also doch darüber, seine Menschen ablichten zu können. Mein halbbewusster Plan ist aufgegangen und ich muss mir erstmal keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich lieber an meinem Glas Weißwein nippe oder die Kamera zur Hand nehme. Gut!

Matzes Motto „Die Stadt ist eine Erbse“ – erst kürzlich erschien unter diesem Titel ein Auszug seines Blogs als Buch – wird sich heute gleich mehrfach auch für mich bewahrheiten. Nachdem ich das Teint unterstreichende rote T-Shirt von unserem Lord – dem Herrn Schadt, Autor und lebendige Legende – bewundert habe, nachdem er mein Kleid gelobt hat, begrüße ich sogleich den guten Serge. Oha, da hat ihm der Lord doch das erste Kompliment des Tages weggeschnappt! Äußerst frech: das sieht ihm ähnlich. Fatale Vorstellung, wenn Serge das wüsste! Als möchte er diesen ihm eigentlich gar nicht bekannten, aber wahrscheinlich intuitiv erspürten Rückstand sofort wieder ausgleichen, trägt er erstmal richtig dick auf: „Aaah, die Königin der Nacht!“, trommelt er begleitet von einer theatralischen Geste, und ich vervollständige: „…ist heute aber tagsüber unterwegs.“ In der Tat bin ich meistens eher später auf Kult-Tour, aber heute lohnt sich das Erlebnis ganz besonders bei Sonnenlicht. Es gibt viel zu schauen. Die Menschen trippeln wie Farbtupfer über das Pflaster und es entsteht ein schönes Bild meiner Stadt. Man schlürft genüsslich Kaffee im Riptide, holt sich bei Filmemacher Jonte Moerking eine vegane Wurst vom Grill, stöbert in der heute vor der Tür präsentierten Auslage von Schmuckmanufaktur, Comicladen, Galerie und Second-Hand-Boutique oder trinkt einfach eine zünftige Kaltschale in einer der Kneipen, während sich der ganz junge Nachwuchs schminken lässt.

Auch ich möchte mich erstmal ein bisschen zerstreuen und entfliehe der mir gerade zu heißen Herdplatte vor Serge Roons kleinem Antiquariat. Ich bin einfach noch zu flatterig für einen guten Literaturtipp, heute zu sanft für eine Kostprobe vom Präsentierteller und wahrlich zu unkonzentriert für einen Schlagabtausch mit dem Schriftsteller, Regisseur, Künstler und – ja, Serge hat kaum eine Tätigkeit im kulturellen Bereich ausgelassen. Über ihn könnte ich jetzt also noch viel mehr sagen. Denn kürzlich erst las ich sein Buch „Die Gesichter der Frauen“, muss die rezensierende Stef für mich aber erst erfinden. Meinen heutigen Ad-hoc-Versuch, mich in Luft aufzulösen, lässt er jedoch auf gar keinen Fall gelten. Gezielt legt er noch mehrfach nach. Wahrscheinlich will er nicht wieder in den Rückstand geraten. Wenn es um Komplimente geht, ist und bleibt er schließlich der Platzhirsch im Handelsweg. Da hilft es mir kaum, dass ich mich in der ersten Reihe verstecken will.

Doch dann soll es losgehen, signalisiert Schepper durch sein Headset. „Warte doch noch einmal fünf Minuten“, bremsen ihn Matze und Patrick Schmitz vom KingKing Shop. „Wir unterhalten uns doch gerade noch!“, scherzen sie. Und schon ist eine freundliche Verbindung zwischen Musiker und Publikum hergestellt. So soll es sein und so geht es auch weiter. Schepper spielt abwechselnd einen „langsamen“ und einen „schnellen“ Song und auch eben jenen, der Soundtrack für unseren Jubiläumsfilm zu Matzes hundertstem Riptideblogbeitrag geworden ist. „Das ist ja wie im Kino hier!“, lacht Matze. Ja, und hundert Geschichten erzählen sich auch am heutigen Tag. Viele bekannte Gesichter ziehen vorbei oder bleiben zu einem kurzen oder auch langen Schnack kleben. Wirklich verstecken kann ich mich eigentlich nur bei Helmut in der Strohpinte. Seine Kneipe ist die dunkelste und engste, die ich in Braunschweig kenne. Ganz hinten in der Ecke ist es richtig finster. Hierhin verirre ich mich also ganz absichtlich und provoziere den herzensguten Poltergeist zu seiner kratzenden Lache. Zum Sedan-Bazar und auch sonst recht oft gibt es hier Live-Musik. Gerade spielt Alex van den Berg gut gecoverte Songs auf der Gitarre und singt mit angenehmer Stimme, als Fehmi Baumbach von Helmut nett, aber bestimmt heran gewunken wird. Die Künstlerin hat es inzwischen nach Berlin verschlagen, aber sie käme immer wieder gerne auf einen Besuch in ihre Geburtsstadt zurück, erzählt sie mir. Wir verlieren uns in Ur-Braunschweiger Geschichten von irgendwelchen Künstlerhöfen in der Nähe des Handelswegs, die ich gar nicht kennen kann. Schließlich bin ich erst seit 2002 in Braunschweig. Doch Helmut wird tief nostalgisch, seufzt, schürzt die Lippen und nimmt einen schmatzenden Schluck aus seinem Bier, während Fehmi von alten Zeiten erzählt. Dann entdecken wir doch einen gemeinsamen alten Bekannten: Das „Blubber“ in Salzgitter. Tja, in diesen Hippieschuppen sind offensichtlich sowohl meine als auch Fehmis Eltern gegangen. Leider erkennt Fehmis Mutter Jutta meine Mutter Renate auf dem Foto zunächst nicht wieder, welches ich ihr auf meinem Handy zeige. Das wäre jetzt aber auch echt ein Ding gewesen!

Mitten in der Unterhaltung und nach mehreren kleineren Binnengesprächen erhöre ich endlich das Grummeln meines vernachlässigten Magens. Stimmt, vor ungefähr 40 Minuten habe ich im Riptide einen vegetarischen Burger geordert – den ich eigentlich schon vor 20 Minuten hätte abholen sollen. Die freundliche Bedienung mit beachtlicher Körpergröße, Bart und Zopf hat gut drauf aufgepasst! Ich kann noch schnell ein „Danke“ anbringen, bevor mich der Schlag der Erbse erneut trifft und mir die Sonnenbrille vom Kopf fällt. Zwei Gestalten aus meiner Vergangenheit sind heute auch hier. Man kennt sich in der Erbse: Marc und Anna sind bereits seit Ewigkeiten mit Schepper befreundet. So vermischen sich die Geschichten zum Ende des Abends im Herzen der Stadt, die wirklich eine Erbse ist.

Angesättigt von dem Burger und einen Barfußtanz im einRaum5-7 später befinde ich mich dann auch zufrieden auf dem Heimweg – beziehungsweise auf dem Umweg zum Haus- und Hoffest im LOT-Theater. Hier kann ich mich jedoch nur noch verabschieden, denn dieses Fest neigt sich deutlich dem Ende hin. An alle, die im LOT oder gar bei dem Straßentanz am Bültenweg waren: Wie war es denn dort? Erzählt doch mal, in den Kommentaren findet ihr genügend Platz!

Ein großes Fotoalbum mit dem Blümchen, dem lordigen T-Shirt, dem Serge-Blick und vielen weiteren Gesichtern vom Sedan Bazar findet ihr HIER und bei Facebook.“


Stefanie Krause
Kult-Tour Der Stadtblog


für
Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#105 Rudi, der Mariachi-Maharadscha

29. Juli 2016


Freitag, 29. Juli 2016

Mein erster Blick, als ich heute das Café Riptide betrete, fällt auf den Drahtkorb links vor der Theke. Ja, wir sind glücklich: Gegen Ende des Monats erst, aber die neue Intro-Doppelausgabe Juli/August ist doch noch eingetroffen. Gleich mal eingesteckt. Ach, und dann sehe ich, dass da ja noch ein paar Leute sind. Ahäm. André unterhält sich gerade mit Marcus und Jonte, besser: Er händigt ihnen ihre Bestellungen aus, zwei verschiedene koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Marcus setzt sich schon mal draußen im Achteck an einen Tisch. „Und, hast du einen Koala dabei?“, fragt André Jonte, der ihm das Geld reicht. Ich denke, ich verhöre mich, und wiederhole das Vernommene. Beide grinsen, und Jonte erklärt, dass er gerade für ein halbes Jahr in Australien war und davon eine Woche lang einen Koala-Treck begleitete. Da möchte ich mit einem neoklassischen Drei-Fragezeichen-Auswurf kontern: Bitteeee?!

Eine Freundin von Jonte studiert in Sydney an der Uni, erklärt er mir den Auslöser für seine Koala-Aktivitäten. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt er. „Ich hatte nichts zu tun.“ So eine Woche mit Koalas sei ihm da gerade recht gekommen. „Wir saßen in den Blue Mountains“, dort beobachteten sie, also einige Freiwillige rund um eine Forscherin, was die Koalas fraßen, wie weit sie herumliefen, wie sie die Bäume wechselten. Zu sehen bekam er die niedlichen Beuteltiere nur selten: „Die sitzen fünfzig Meter hoch im Baum.“ Die Trecker hatten Antennen, mit denen sie die Sender in den Halsbändern der Koalas aufspürten; bei Erfolg ertönte ein Geräusch. „Das hört sich an wie ein Alien“, sagt Jonte und imitiert ein „Bock… Bock…“ Der Ton habe die Frequenz verändert, je nach Entfernung zum Tier. Den entsprechenden Baum, auf dem der Koala saß, markierten die Teilnehmer per GPS digital. „Das war spannend“, so Jonte, gerade weil man die Koalas manchmal gar nicht sah. Und wie ist es mit dem Hören? Nur die Männlichen, erklärt Jonte, und gehört hat er den Ruf einmal unter einem ausgewählten Baum: „Die Biologin hat den Ruf abgespielt, der hört sich an wie Rülpsen, kann man gar nicht nachmachen, und weil er der Boss in der Region war, hat er gleich zurückgeschrien.“ Auch erfasste die Gruppe solche Koalas, die nicht mit einem Sender ausgestattet waren, der Vollständigkeit halber. „Das Halsband haben sie ein halbes Jahr, dann nimmt man es ab und gibt es einem anderen“, erklärt Jonte. Dann greift er sich die beiden Brauseflaschen und macht sich auf, sich zu Marcus zu setzen: „Bevor sie kalt werden.“

Nachdem André die Getränke ausgehändigt hatte, verschwand er in der Küche und begann danach, andere Gäste zu bedienen. Chris kommt nun mit einer bepackten Kiste aus dem Büro im ersten Stockwerk gegenüber, direkt neben dem neu gestalteten Bierteufel. Die Kneipe heißt noch so, die Fassade ist auch noch dunkelrot, aber die Fensterfront sieht heller, offener aus. Kurz nach der Neueröffnung ging ich kurz hinein und sah mich um, der Raum ist viel luftiger als vorher. Eine Thekenfrau griff dieses Gefühl auf, indem sie ihre Arme ausbreitete und ausladend einladend vom neuen Bierteufel schwärmte. Hier im Riptide rotieren Chris und André heute mächtig. Zwar ist das Café selbst häufig beinahe leer, sofern niemand in den Schallplatten stöbert, aber die Gäste bevölkern das Achteck unter dem Segeltuch. Helmut von der Strohpinte auf der anderen Seite im Handelsweg winkt plötzlich in den Raum hinein: „Ich geh grad zu Karstadt, wollt ihr auch…?“ Was sie wollen könnten, lässt er offen, und auch Andrés Antwort erhellt da nichts: „Nee, danke.“ Ein Rätsel!

Außer den üblichen CD- und DVD-Besonderheiten, Hörspielen und Quartetten säumen auch selbstgebackene Muffins und Cupcakes die Theke. Neben dem Durchgang zur Küche rotiert der Ventilator gegen die warme Luft an. Eine Kiste mit Gratis-LPs ist für mich neu; darin enthalten sind solche Flohmarktschätze wie Schlager-Sampler und Operetten. Schon etwas länger wartet ein Kaugummiautomat neben den Second-Hand-Wave-LPs auf Kleingeld: Heraus kullern kleine Plastikbälle mit Freigetränken, Riptide-Buttons oder Nieten. Das Plakat von unserem ersten „Ball im Bierhaus“, den wir mit Rille Elf vor einer Woche in Harrys Bierhaus bei Werner und Annette veranstalteten, klebt noch unter der Theke. Das war unsere Premiere dort, die wir allesamt für gelungen halten und mit einer Fortsetzung versehen wollen. Unsere nächsten Shows mit Rille Elf indes haben wir wieder im Tegtmeyer: das Sommerferien-Ende-Grillen am 6. August und den Tanztee am 11. September, dem Wahltag, an dem ohnehin alle Welt unterwegs ist, wie wir hoffen. Das Tegtmeyer war jetzt auch zweimal Heimat für den Strange-Electro-Pop-Stammtisch, von Olaf ins Leben gerufen, mit Petra, Clemens, Arni, Maren und mir. Einerseits promotet Olaf damit sein Konzert am 1. Oktober im Tegtmeyer, mit seiner Blinky Blinky Computerband und als Headlinern den ex-kanadischen Achtziger-Synthie-EBM-Helden Psyche, jetzt aus Timmendorf, sowie Synergy und Infernosounds, außerdem sein nächstes Album „For A Beter World“, das Ende August herauskommt; andererseits war der Stammtisch natürlich ein fröhlicher Austausch von Ideen und Meinungen. Weiß der Geier, wie wir darauf kamen, es standen bald zungenbrecherische Songtitelideen wie „Mariachi-Maharadscha“ und „Muted Mutant“ im Raum. Den heißen Versuch, diese Wortkombinationen schnell hintereinander auszusprechen, löschten wir mit ansprechenden Kaltgetränken. Vielleicht bedingte das auch einander, wer kann da schon die Kausalität beisammenhalten.

Heute geht Chris noch ins Eintracht-Stadion, zur Saisoneröffnung. „Da spielen sie immer gegen ein internationales Team“, erklärt er. Für dieses Mal ist es der S.C. Bastia, „ein französischer Erstligist“, aus Korsika. Chris beginnt sich selbst unterbrechend zu strahlen: „Für mich ist die Stimmung – das erste Mal – ich hasse die spielfreie Zeit im Sommer, auch trotz der EM – für mich gibt es nur die Eintracht.“ Ja, ich verstehe. Er schwärmt von der Atmosphäre im Stadion, der kollektiven Neugier, vom ersten Mal, von Antworten auf Fragen wie: „Wie sind die neuen Spieler?“ Chris lächelt, er findet das: „Schön!“

Und à propos Saisonauftakt, ich hab mir gerade bei Graff die neue 11Freunde geholt, mit dem Titelbild nach Art der alten Drei-Fragezeichen-Cover. Chris hat das Bild im Internet gesehen, ich zeige es ihm im Original und er findet es genau so gut wie ich. Ein schöner Crossover, gelungen die Zeichnungen von Aiga Rasch adaptiert. So thematisch wird das Magazin zum Saisonauftakt immer, einmal etwa gestalteten sie alles im Stile von Filmplakaten.

Und jetzt erfüllt Chris eine besondere Kundenbestellung: „Wir waren der erste Laden in Braunschweig, der einen Rudi hat.“ Irgendwas muss heute mit meinen Ohren sein. Koalas? Rudi? „Es gibt den noch in der Haifischbar, wir sind die einzigen in Braunschweig“, setzt Chris fort und holt einen Sahnesiphon aus dem Kühlschrank. „Das passt, wegen Rudi Riptide“, fährt er fort und lässt mich mit drei Fragezeichen überm Kopf an der Theke stehen. Das Wort „Jägermeister“ ertönt noch von über dem Tablett aus, an dem Chris mit dem Siphon hantiert. „Ausgedacht hat sich Rudi ein Berliner Gastronom, und zwar einer von zweien, die in Berlin Wolters ausschenken“, höre ich. „Von der regionalen Verbindung wusste der nichts, dass Jägermeister aus Wolfenbüttel und Wolters aus Braunschweig Nachbarn sind.“ Also, was ist denn Rudi jetzt? Jägermeister mit Wolters? „Beinahe“, grinst Chris: „Jägermeister-Schaum, deshalb schäumen wir den extra auf, deshalb haben wir einen Aufschäumer, einen Sahnesiphon, zweckentfremdet, dasste nur den Schaum hast, dann hat er ne Schaumkrone obendrauf.“ Also: Der Rudi ist ein Jägermeister mit einer Wolters-Schaumkrone? Chris nickt. „Der hat das in seiner Kneipe ausprobiert und das Rudi genannt.“ Den Weg ins Riptide fand das Getränk über die Wolfenbütteler: „Mich hat Jägermeister gefragt: ‚Du bist doch Rudi?, und jetzt haben wir das auch.“ Behutsam sprüht er Woltersschaum auf drei Jägermeisterschnapsgläser. Und, hat er das denn auch schon selbst getrunken? „Nee“, wehrt er ab, „aber ausführlich testen lassen.“ Chris versichert: „Auch Leute, die keinen Jägermeister mögen, mögen das – ist ein bisschen malzig, wegen des Schaums.“ Chris bringt das Tablett mit den drei Rudis nach draußen und macht mich neugierig. Bleibt die Frage, wann es Renate gibt.

Grinsend kommt Niclas von der Runde rings um Serge nebenan ins Café, stellt eine leere Tasse und ein leeres Glas auf die Theke, sagt „so“ und wartet mit einem noch breiteren Grinsen, bis André ebenso breit grinsend und mit einem „danke“ das Leergut annimmt. Noch im Gehen bleibt Niclas‘ Grinsen erhalten. Routine, angenehmer Art.

Mit Sound On Screen, der gemeinsamen Musikfilm-Party-Reihe von Riptide und Universum-Kino, geht es erst im September weiter, bestätigt mir Chris, zurück bei der Arbeit an der Theke. „Wir sind am sichten und am festlegen“, sagt er. „Wir haben viele schöne Sachen, Beate war wieder auf Filmfestivals.“ Mist, ich hoffte, ein paar mehr aufregende Details in Erfahrung zu bringen. Na, das kommt noch. Zunächst findet im Handelsweg ohnehin eine ganz andere Fast-Traditionsveranstaltung statt: der Sedan-Bazar am 13. August, an dem sich alle Anrainer beteiligen und bei dem viele Musiker auftreten, unter anderem auch wieder Schepper.

Eine schüchterne Kundin fragt André, ob er noch einen weiteren Tisch aufschließen könne. Der Angesprochene lächelt ausgesprochen freundlich und sucht aus der Kiste mit den Vorhängeschlössern den Schlüssel heraus. „Können wir“, sagt er und erklärt, dass Regen angekündigt gewesen sei und sie deshalb einige Tische und Stühle noch mit den Drahtseilen zusammengebunden ließen. Chris guckt kurz im Internet nach und bestätigt: „Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt immer noch sechzig Prozent.“ André begleitet die Kundin nach draußen und lächelt weiter: „Wenn’s regnet, musst du dir einen neuen Platz suchen.“ Nur wenige Momente später setzt der Regen tatsächlich ein. Kurz nur und somit kein Grund, sich davonzumachen.

Auch nicht für Dennis, der indes aus anderen Gründen seine Rechnung begleichen will: „Ich muss langsam los, ich bin schließlich am längsten hier.“ Seit drei Wochen? „Nein, seit halb eins“, lacht er, und er habe hier gearbeitet. „Länger als ich“, behauptet Chris, doch Denis weiß, dass das nicht stimmt: „Nein – aber ich habe wenig konsumiert, ich bin ein schlechter Gast.“ Chris rechnet zusammen und unterstellt ihm: „Und dann verdienst du wahrscheinlich Millionen hier am Computer.“ Sie lachen und verfallen wieder in die Begrüßungsformel ihrer gemeinsamen Moderatorenzeit bei Radio Okerwelle: „Nabend Herr Frank“, „Nabend Herr Rank“. Sie kichern, und Chris erzählt, wie er einmal Tom Waits spielte und jemand anrief und in den Hörer rief, dass er gerade von der Arbeit käme und sich freue, zum ersten Mal Tom Waits im Radio zu hören. „Da wussten wir: Wir haben einen Hörer.“ Sie lachen wieder.

So ähnlich ging mir das mal, als ich „Waiting Room“ von Fugazi auflegte und jemand sagte, das habe er seit zwanzig Jahren nicht gehört. Fugazis Label Dischord, so las ich heute, hat den gesamten Backcatalogue auf Bandcamp veröffentlicht. Dennis hat das auch gelesen: „Rund 300 Veröffentlichungen, auch Demos – aber ich hab sie noch nicht durchgeguckt.“ Auf Spotify gebe es auch einige Alben, dann aber nicht zum bezahlten Download. Während Chris LPs sortiert, sagt er: „Es gibt nur wenige Labels, wo man sagt: Das hat mein Leben verändert – bei mir war es so mit Dischord.“ Dennis und ich thematisieren kurz Minor Threat, die frühere Band von Labelchef und Fugazi-Sänger Ian KacKaye. Ich habe deren „Complete Discography“, die ein ein gut dreiviertelstündiges Album passt, auf CD. „Ist das das, wo der Typ auf der Treppe sitzt?“, fragt Dennis. Ist es, längst ikonisch geworden, das Cover, und Chris meint: „Das ist in Washington, und wenn ich da mal hinkomme, setze ich mich auch auf die Treppe.“ Jede Punk- und Hardcore-Band habe das dort gemacht, „das Haus gibt’s noch, Dischord sitzt da immer noch drin“, weiß Chris. Ach ja, Dennis wollte ja los, und er macht sich jetzt auch auf den Weg.

Derweil packt Chris das Paket aus, das ein Bote eben brachte. Mir fällt darin sofort die „Houdini“-LP von den Melvins auf. „Sie haben die drei Klassiker von Geffen neu aufgelegt“, erläutert Chris. Ebenfalls in dem Karton steckt die „Stoner Witch“, die „Stag“ steht noch im Laden. Chris schwärmt von dem „Houdini“-Cover, ich auch: die süßen Kinder mit dem zweiköpfigen Hundewelpen, herzallerliebst. Als drittes in dem Karton steckt die neue „Kachelbad“-EP von Messer, deren Cover mir auch gefällt, mit einer alten heruntergelassenen Jalousie darauf. 2016 und es gibt noch Covermotive, die es bislang nicht gab, zumindest nach meinem Kenntnisstand. Und da fängt Chris mit weit aufgerissenen Augen an zu schwärmen, von der Doppel-LP mit dem Soundtrack zu „Star Wars: The Force Awakens“: „Wenn du da eine Lichtquelle über die LP hältst, während du sie abspielst, entsteht ein Hologramm und ein Tie Fighter dreht sich über der Platte.“ Ich muss ungläubig gucken: „Ich hab’s gesehen“, bekräftigt Chris. Und über der zweiten LP schwebt der Millennium Falcon. „Jack White hatte schon eine kleine Ballerina, die sich dreht – aber so ein Raumschiff“, Chris deutet eine Größe deutlich über zwölf Zoll an. Da seien reflektierende Schichten in die Rillen eingelassen, die bei Direktlicht das Hologramm ergäben. Das klingt natürlich extrem verlockend, aber den Soundtrack brauche ich nun wirklich nicht. Chris hat ihn sich trotzdem zugelegt: „Das schreibt Geschichte.“ Da hat er wohl eindeutig Recht.

Hinter mir klickt es, dann rattert es. Einer von zwei Anfangzwanzigern holt eine Kunststoffkugel aus dem Kaugummiautomaten und fragt Chris: „Wohin damit, einfach hinlegen?“ Er greift über die Theke. „Was habt ihr denn?“, informiert sich Chris. „Leider nichts.“ Sein Freund doch: „Ich habe mir mal zwei Platten aus der Gratis-Kiste genommen“, ruft er. Chris nickt: „Gern.“ Er hat bald Feierabend, dann geht er mit Marcus und Jonte ins Stadion. Mal sehen, ob sie Hublot einwechseln.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 15.00 Uhr (Frühstücksbuffet)