Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#112 Wiesel Übernachtsensation

24. Februar 2017


Donnerstag, 23. Februar 2017

Wegen Frank Zappa ist das Universum-Kino heute ausverkauft. Man zeigt „Eat That Question“, eine Dokumentation, die den Musiker anhand von collagierten Interviewsequenzen charakterisiert. Der quasi brandneue Film läuft im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, die das Universum und das Café Riptide gemeinsam ausrichten, und weil zum Nachfilmprogramm ein Auftritt von Schepper im Schallplattenladen gehört, gehört der Film für mich geguckt. Und weil ich längst herausgefunden habe, wie Zappas Musik abseits von „Boby Brown Goes Down“ so klingt, dass sich nämlich ganz viele meiner Lieblingsmusiker bei ihm bedienen und das brutal Verschachtelte gar nicht erfunden haben. Fantômas! Zum Beispiel.

Hätte mich meine Lieblings-DJane Soundschwester nicht gefragt, ob wir zusammen ins Kino gehen, und uns Karten reserviert, wäre ich davon ausgegangen, dass es in Braunschweig kein so großes Publikum für Zappa gibt, dass man um einen Platz fürchten muss. Musste man aber, wir ergatterten die vorvorletzten Karten. Das ist doch sehr überraschend, schließlich gab es schon Filme über namhaftere und populärere Musiker als ausgerechnet den Freak Zappa, die leider nicht ausverkauft waren. Abseits von „Bobby Brown“ hatte Zappa auch keine wahrnehmbaren Hits, er experimentierte vielmehr so sehr, dass ihm selbst harte Anhänger nicht in alle Exkursionen folgen konnten. Und dann ist „Eat That Question“ auch noch vorrangig ein Laberfilm. Schön, was alles so geht.

Acht Jahre lang, so erzählt es Beate vor dem Filmstart, hat Regisseur Thorsten Schütte an diesem Film gearbeitet. Und dabei offenbar zahlreiche Kämpfe mit Zappas Nachlassverwaltern ausgefochten. Die Organisatoren der Zappanale in Bad Doberan können unschöne Geschichten darüber erzählen. Doch gewann Schütte Zappas Witwe Gail für sein Projekt und damit die bestmögliche Förderin.

Außerdem sagt Beate an, dass in der kommenden Staffel von „Sound On Screen“ der andere neue Film von Jim Jarmusch außer „Paterson“ zu sehen sein wird, nämlich „Gimme Danger“, seine Dokumentation über Iggy Pop und The Stooges. Der kam laut Journaille eigentlich schon parallel zu „Paterson“ heraus, doch ist die DVD lediglich als Import zu haben, was mich wunderte, und Beate gibt die Erklärung: Bei „Sound On Screen“ läuft er zum Bundesstart. Deshalb also noch keine DVD in diesem Lande. Die anderen beiden Filme der Staffel sind einer über Mumford & Sons in Südafrika, der mich sowas von gar nicht reizt, und ein Biopic über Miles Davis, bei dem Ewan McGregor mitspielt, den ich eben noch in „T2 Trainspotting“ wiedersah.

Zappa war schon eine coole Sau. Geile Frisur, geiler Bart, geile Figur, geile Stimme, und sowas von ordentlich was im Kopf. Um genau den Kopfinhalt geht es in dem Film. Mutig unmoderiert montiert Schütte Interviewsequenzen zusammen, die halb inhaltlich, halb chronologisch sortiert sind. Zappa spricht über Politik, religiösen Fanatismus, Wirtschaft, Drogen, Kreativität, Bildung, Sprache, Kultur und auch ein bisschen über sich und seine Musik. Biographische Stationen schreitet „Eat That Question“ nicht zwingend ab; über die Zahl seiner Kinder und seine Krebserkrankung erfährt man zwar etwas, auch kommt mal ein Song oder ein Albumtitel zur Sprache, doch stehen seine Haltungen im Mittelpunkt. Und Zappa hat Haltung. Wer Musik macht, sagt er etwa, um damit Geld zu verdienen, ist kein Künstler, sondern Unternehmer. Interessanter Diskussionsansatz.

Man sieht den aus heutiger Sicht völlig normalen Menschen Zappa mit TV-Moderatoren umgehen – für die Zeit damals muss das ein erheblicher Kulturschock gewesen sein. Manche Interviewer nähern sich ihm überheblich als dem ausgeflippten Kinderschreck, andere finden aus ihrer Position heraus einen brückenschlagenden Zugang zu Zappa; manche Leute lässt jener auflaufen, mit anderen vertieft er sich in deren Themen. Angenehm ist dabei, wie grundsympathisch Zappa in allen Fällen wirkt. Und wie felsenfest überzeugt von dem Weg, den er einschlägt. Schon als Jugendlicher mit dem Fahrradkonzert. Unfassbar schon das.

So ganz frei von Musik kann so ein Film über Zappa natürlich nicht sein. Der irrsinnige Komponist konnte ja nun echt mal viel bis alles, vom gefälligen Popsong (der dann sicherlich trotzdem kein Hit wurde) über Blues und Rock bis zur Avantgarde und zur hochkomplexen Neoklassik. „Titties And Beer“ gibt’s nur als T-Shirt-Aufdruck, ansonsten muss man sich eben die Mühe machen, sich wirklich mit mehr als nur der „Sheik Yerbouti“ auseinanderzusetzen.

Was es da alles noch gibt! Den Einblick in das Oeuvre des Meisters erhalten wir von Jogi, der wie so unzählige andere Braunschweiger Musiker und Kulturschaffende im Kinopublikum sitzt. Nach dem Film erzählt er mir, dass das Riptide nämlich mit Plattencovern aus seiner Sammlung dekoriert sei. Stimmt, hinter Schepper sieht man etwa „Joe’s Garage“, „Weasels Ripped My Flesh“, „Freak Out!“ und „Over-Nite Sensation“ auf der Ablage aufgereiht.

Wir stehen noch draußen und plaudern, mit Musikern, Veranstaltern, Weinhändlern, Autoren, Gastronomen, Filmfans, Zappafans, Schepperfans. Der hat drinnen sein neues Banner ausgerollt, das er erst kürzlich im Kingking Shop hat anfertigen lassen, und setzt soeben vor vollem Haus zum Beat und Loop mit Gesang an. Wir verfolgen seinen Gig zunächst von draußen aus, durch die Scheibe direkt neben der zur Bühne freigeräumten Verkaufsfläche. Der Solobassist passt schon gut zum freakigen Zappa: nicht minder verfrickelt und eigenwillig, bisweilen wundervoll eigensinnig. Der „King Of Time“ ist heute noch länger als sonst und wird seinem Titel gerecht. „Jaaaa, das hat was“, sagt jemand neben mir, als Schepper nach gefühlten 395720 Minuten Song zum Neil-Young-Gegniedel ansetzt. Auch im Set ist „Pea(s)“, das Schepper extra für mein Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ komponierte. Jedes Mal bin ich glücklich, dass es genau dieser Song wurde: Er passt perfekt und ist mit Leichtigkeit ein Lieblingsstück.

Der Basspsychedeliker hält lang durch, länger als viele Gäste, aber es ist ja auch mitten in der Woche. Beirren lässt Schepper sich davon nicht. Gottlob. Er zieht durch. Und uns mit. Und doch irgendwann Leine. Ich nutze die Chance, noch schnell meine eingetroffene Bestellung zu erwerben, die Doppel-LP „Para quienes aún viven“ von Exquirla nämlich, dem neuen Projekt der spanischen Postrocker Toundra und dem Flamencosänger Niño de Elche. Schön exotisch, wie die andere exotische CD, die ich vergangene Woche erwarb: „A Hermitage“ von Jambinai, einer südkoreanischen Metalband mit traditionellen Instrumenten drin. Feines Stöffchen auch das.

Es gibt einen dringlichen Grund, die LP noch heute mitzunehmen: Ab Montag ist das Riptide nämlich für über zwei Wochen geschlossen, weil Chris und André es runderneuern wollen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens, das sie im September begehen. Und gerade, als ich mich frage, wo ich denn dann die neue „Intro“-Ausgabe herkriegen soll, entdecke ich sie noch so weit vom Monatsersten entfernt auf dem Stapel an der Kasse liegen. Jetzt aber heim. Morgen wieder früh raus und so. Ausfreaken können heute meinetwegen andere.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#111 Familientreffen in Kaiserslautern

26. Januar 2017


Donnerstag, 26. Januar 2017

„Familientreffen“, ruft jemand, als ich das Café Riptide betrete. Denn mit mir kommt Micha herein, an der Theke steht Marcus, der sich mit Chris unterhält, der am PC steht, vor den Schallplatten sitzt André auf einem Stuhl und geht die Eigenveröffentlichungen durch, und am großen Fenster hocken Stef und Sascha. Mit „Frohes Neues“ begrüße ich Marcus, Micha schließt sich mit dem Gruß an Chris gerichtet an, und der erwidert: „Wir haben uns doch schon gesehen dieses Jahr!“ Als Stef und ich uns vorhin noch in der Küche über den Weg liefen, wussten wir nichts von unserem gemeinsamen Ziel, aber ich traf Vitas in der Stadt, der mir ihre Anwesenheit im Riptide verriet. Erbse!

Eigentlich wollten Micha und ich uns mal dienstlich treffen, für einige Absprachen. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Eingang und durchforsten unsere Unterlagen. André erhebt sich von seinem Stuhl, steuert den Thekenbereich an und fragt mich im Vorbeigehen: „Kafka?“ An sich eine gute Idee, aber heute ist mir mehr nach einem Milchkaffee. Micha gibt einen Cappuccino in Auftrag. Kurze Zeit darauf bringt uns André das Bestellte: „Falls ihr’s nicht erkennen könnt, das soll ein Herz sein“, sagt er und deutet auf die Schokopulverform auf dem Milchschaum. Ganz eindeutig ein Herz! Das wärmt mindestens so gut wie der Kaffee selbst.

Viel Zeit hat Micha nicht, er ist noch mit einem Freund zum Filmabend verabredet. Er flippt durch die App vom C1-Kino und grantelt, dass zwar gestern „Hacksaw Ridge“ vom Mel Gibson in der Vorpremiere lief, aber nicht ins normale Programm übernommen wurde. „Das ist schon der dritte Film dieses Jahr, der nicht in Braunschweig läuft“, schimpft er. Dieses Jahr war ich noch gar nicht im Kino, mein letzter Film war „Arrival“ am 5. Dezember. „Das ist schon ein bisschen her“, findet auch Micha. Er überlegt, sich „La La Land“ anzusehen, angefixt durch die vielen Oscarnominierungen und Golden Globes, „da lasse ich mich verleiten“. Mich interessiert der genau so wenig wie „Hacksaw Ridge“. „Ein Bekannter findet ‚La La Land‘ gut“, sagt Micha. Jeder findet den gut. „Das muss nichts Schlechtes sein“, sagt Micha und schlägt mir vor: „Du kannst dich mit allen abgleichen und sehen, ob du normal bist, oder krank.“ Oder genau das nicht, wer weiß.

Bei „Hacksaw Ridge“, erklärt mir Micha, geht es um einen Soldaten, der ohne Waffe in den Krieg zieht: „Das würde ich nicht machen.“ Ich nehme nur die Waffe, ohne den Krieg. „Auch ’ne Möglichkeit“, sagt Micha. Ich nehme denen die Waffe weg. Micha: „Denen den Krieg wegnehmen!“

André gönnt sich den Moment und setzt sich zu uns. Er sieht auf Michas Display und stellt die naheliegende Frage: „Wollt ihr ins Kino?“ So halb: Micha ja, ich grad nicht. Micha wiederholt seinen Unmut bezüglich der Filmauswahl in den Braunschweiger Kinos und dass er Interesse an dem Musicalfilm „La La Land“ habe. „Da wird nur gesungen“, sagt André. Micha lacht: „Sagst du in diesem Laden!“ André grinst verlegen und murmelt, dass er das auf Filme bezogen kritischer sieht. Regisseur Damien Chazelle, sagt Micha, hat ein Faible für Jazz, was Micha verlocke, denn auch der erste Film „Whiplash“ handelte von jener Musikrichtung. Ach ja: Rocky am Schlagzeug.

André erzählt etwas davon, dass jemand nach einem Film „draußen“ etwas unappetitliches erlebte, und Micha versteht miss, André sei „rauchen“ gewesen. Dabei fällt ihm die Geschichte ein, wie er mit einem „Kumpel“, der starker Raucher ist und es kaum ohne Zigarette aushält, im überlangen Remake von „Verblendung“ gewesen sei. „Daniel Craig hat gefühlt neunzig Prozent des Films geraucht“, lacht Micha. „Zum Schluss bietet ihm ’ne Frau ’ne Zigarette an und er sagt: ‚Ich will aufhören.‘“ Er grinst: „Ich gucke zu dem Kumpel rüber und der sagt: ‚Mit dir gehe ich nie wieder ins Kino.‘“ Das erinnert André ein das eine von zwei gemeinsamen Malen mit Micha im Kino: Da wies Micha André auf einen kleinen Schatten in der Ecke der Leinwand hin, der daher rührte, dass der Projektor nicht vollständig an der Empore vorbei projizierte. „Das sagt er mir vor dem Film“, echauffiert sich André. „Das wäre mir nie aufgefallen – ich habe den ganzen Film über nur die Kante gesehen.“ Micha grinst: „Gern geschehen.“

Jetzt muss André wieder arbeiten, dafür gesellt sich Stef kurz zu uns. „Unser letzter Ticker war sehr erfolgreich“, berichtet sie Micha. Gemeinsam erstellen sie nämlich für Stefs „Kult-Tour Der Stadtblog“ einen wöchentlichen Veranstaltungskalender. „Der wurde sechsmal geteilt!“ Das freut den Miturheber: „Das haben wir gut gemacht.“ Er ist in plötzlicher Eile und bricht auf, um seine Folgeverabredung einzuhalten. Stef lotst mich zu sich und Sascha an den Tisch am Fenster. Ich hocke mich zu ihnen, und wir stellen fest, dass einer der beiden weißen Lampenschirme über unseren Köpfen zerbrochen ist: „Ist das kaputt oder Design?“, fragt Stef. Ich bin für Design und Sascha hat sofort die selbe Assoziation wie ich: „Calimero.“ Mit Sombrero. „Das kenne ich wieder nicht“, sagt Stef, die etwas jünger ist als wir. Sascha erklärt ihr das mit der Zeichentrickfigur, einem schwarzen Küken mit Eierschalenhut. Seltsam genug: Ein Küken mit italienisch klingendem Namen, der auf dem griechischen Wort für „Guten Morgen“ basiert, das laut Titellied eine mexikanische Kopfbedeckung tragen soll. Multikulti.

Sascha kannte ich bislang nicht direkt, wir haben Lür als gemeinsame Brücke: Lür ist Mitinitiator des DJ-Teams „Rille Elf“ und Erfinder des Tanztees im Tegtmeyer, aus Zeitgründen aber leider nicht mehr so richtig dabei. Lür und Sascha gehen oft zusammen ins Eintrachtstadion, und einmal taumelte Lür mit Anhang nach einem Sonntagsspiel ins Tegtmeyer zum Tanztee, und da war Sascha auch dabei. Also: Gesehen haben wir uns schon mal. Auch diese neue Runde bricht auf: Sascha muss noch zum Fußballtraining und Stef will nach Hause. Ich schließe mich an.

An der Kasse steht ein großes Schild mit der Aufschrift „FCK TRMP“. Chris erläutert: „‘Der FC Kaiserslautern triumphiert‘, heißt das.“ Politische Statements verkneife man sich hier schließlich. Ich spreche ihn auf die Renovierung des Riptide an, von der in der Stadt bereits zu hören ist. „Wir haben dann zwei Wochen geschlossen“, bestätigt Chris. Vom 28. Februar bis 15. März, „das ist zumindest geplant, da müssen nur noch die Handwerker mitspielen“, sagt Chris. Am 16. März macht das Riptide dann wieder auf. „Was wir genau machen, steht noch nicht fest – wahrscheinlich normal auf und mit Sekt.“ Und wie das Riptide dann aussehen soll, verrät Chris natürlich auch nicht. Im Mai schließlich soll auch noch die Homepage überarbeitet werden. Alles neu – fürs Zehnjährige, das im September ansteht. Zehn Jahre Café Riptide. Nicht drüber nachdenken!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#110 Scheiß 2016

22. Dezember 2016


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weltweit ist man sich einig: 2016 ist ein Scheißjahr. Es startete mit dem Tod von David Bowie und schickt sich dazu an, sich mit dem mehrfach tödlichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zu verabschieden. Dazwischen: Rechtsruck, Terror, Krieg, Trump, AfD sowie weitere zu beklagende Künstlertode. Dem jüngsten mit Bezug auf den Geschmack des Riptide-Publikums huldigt auf der Theke ein Pappaufsteller, ähnlich dem für Bowie im Januar: „R.I.P. Leonard Cohen 21.9.1934 – 7.11.2016 – We are ugly but we have the music“ steht unter einem Foto des Kanadiers.

Aber das kann ja nicht alles sein. Ich zumindest will nicht ein ganzes Jahr als nur scheiße verbuchen müssen. Mein persönliches hatte einiges zu bieten, das über das Gewöhnliche weit hinausging: den Kinofilm von Stef und Micha zum 100. Riptide-Blog-Eintrag, das Konzert im Tegtmeyer mit Blinky Blinky Computerband, vergnügliche Veranstaltungen mit Rille Elf an wechselnden Orten sowie der Indie-Ü30-Party im Nexus, meine Reisebegegnungen in Thy, Sanremo, Nizza und Kopenhagen, der 50. Geburtstag eines Dänischen Freundes in Roskilde, recht persönliche After-Show-Gespräche mit Oliver Kalkofe und Friedrich Liechtenstein, Konzertausrichtungen im Nexus mit Kult-Tour Der Stadtblog und zum Jahresabschluss auch noch die Entfristung meines neuen Arbeitsvertrages: geht doch!

Im Riptide will ich herausfinden, was für andere Menschen gar nicht so scheiße war an diesem 2016. Die beiden Chefs André und Chris habe ich um nur fünf Minuten verpasst, sagt mir Max hinter der Theke. Also gibt er mir die erste Antwort.

Max:

„Privat war gar nicht so scheiße, dass ich hier angefangen habe zu arbeiten. Global: Das neue Stones-Album war gar nicht so scheiße. Ich habe reingehört und bin wirklich sehr sehr positiv überrascht. Sie haben ganz viele alte Bluesstücke genommen, die sie geil fanden, und auf ihre Weise vertont. Und Terence Hill ist noch nicht gestorben. Und politisch war wirklich nichts gut.“

Vielleicht, dass die AfD in Braunschweig nicht ganz so große Anteile im Stadtrat bekommen hat wie anderswo? Max nickt: „Das ist ein verhältnismäßig kleines Bekenntnis zur eigenen Dummheit.“ Im Riptide arbeitet er noch nicht mal seit einem Vierteljahr, seit 1. Oktober nämlich: „Richtig frisch und der allererste Gastrojob sowieso.“ Damit finanziert er sich sein Studium. Für meine Reise durch da Jahr der Gäste bestelle bei ihm ich als Proviant ein Glas Glühwein.

In der Ecke am großen Fenster sitzt ein gutgelauntes Paar am Tisch und hält mit der jeweils freien Hand, die nicht ein Getränk umklammert, die Hand es jeweils anderen fest. Marc, der heute in der Küche herumwirbelt, bringt mir meinen Glühwein und einen Karamellkeks an den Tisch.

Nelipot & Gordon:

Gordon: „Das ist schwer.“
Nelipot: „Dass ich ihn getroffen habe – das war nicht scheiße.“
Gordon sieht sie lächelnd an.
Nelipot, grinsend: „Jetzt bist du unter Druck!“
Gordon: „Muss ich was sagen?“
Nelipot: „Du hast dich selbst getroffen.“
Gordon: „Ich hatte heute eine Blasenspiegelung.“
Das zählt zu den Sachen aus diesem Jahr, die nicht scheiße waren?
Gordon: „Das ist eine Frage des Blickwinkels. Der Arzt sah nicht unglücklich aus.“
Nelipot: „Im chinesischen Horoskop bin ich Affe, und es heißt, das eigene Jahr wird scheiße, alle zwölf Jahre wird also ein Scheißjahr.“
War dieses Jahr denn dann scheiße?
Nelipot: „Es war richtig scheiße. Ich war dreimal im Krankenhaus. Ich war mehr im Krankenhaus als irgendwo anders.“

Nelipots Akzent macht mich neugierig, sie sagt „kinesisch“. Und richtig, sie ist nicht aus Braunschweig: „Ich bin Schottin.“ Okay, das hätte ich jetzt aber auch nicht erwartet, sondern eher irgendwo aus Süddeutschland. Das stimmt zumindest ansatzweise, denn sie pendelte immer zwischen diesen zwei Regionen und kam vor zwei Jahren erst wieder nach Deutschland zurück. Kennen gelernt haben sich Gordon und Nelipot nicht in Braunschweig, sondern in Königslutter. In der Psychiatrie. Und zwar als Patienten. „Ich wurde gestern entlassen“, erzählt Gordon und zeigt auf sein Astra: „Das ist mein erstes Bier in Freiheit.“ Die beiden strahlen so vergnügt, dass es ansteckt. „Ich habe gute Zeiten gehabt in der Psychiatrie“, sagt Nelipot. Das findet Gordon auch: „Ich habe tolle Leute kennen gelernt.“ Da ich selbst auch so meine psychiatrischen Erfahrungen habe, fühlen wir uns verbunden. Das Internet verrät mir später übrigens, dass ein Nelipot jemand ist, der weitestgehend barfuß durch die Welt läuft.

In der anderen Ecke sitzt Tolga am Tisch, seine Ohren unter großen Kopfhörern verborgen, die er mit Musik aus seinem aufgeklappten Laptop versorgt. Für mich nimmt er die pinken Kopfhörer ab.

Tolga:

„Für mich persönlich war der Sommer nicht scheiße – aber ob er das auch gemessen an alten Sommern war, kann ich nicht behaupten. Gesamtgesellschaftlich: Hmmm. Dieses Jahr war vieles gut, schon am Anfang: Im Mai war ich in Portugal, das war geil, das war ein Reiseziel, das ich schon immer sehen wollte, Lissabon ist eine tolle Stadt, sehr gediegen. Von dort aus ging’s nach Porto hoch.“

Er schwelgt in Reiseerinnerungen. Ich habe Portugal noch nicht bereist, das steht noch aus. Tolga lebt in Hamburg und wartet hier auf seinen Bruder. „Einmal war ich schon im Riptide, da drüben“, sagt er und deutet auf die Rip-Lounge. Ursprünglich kommen beide aus einem Dorf im Landkreis Peine. Der Bruder arbeitet momentan noch: „Ich habe anderthalb Stunden Wartezeit“, sagt Tolga und stülpt sich seine Kopfhörer wieder über.

Einen Tisch weiter nehmen André und Matthias Platz, nacheinander, weil Matthias noch seinen Nachwuchs mit Spielsachen aus der Kiste am Fenster ausstattet. André ist als Journalist in Braunschweig unterwegs. Ich lagere meine inzwischen leere Glühweintasse und meinen Keks auf dem Tisch vor ihnen zwischen und frage: Was war für die beiden nicht so scheiße an 2016?

André & Matthias:

André: „Das Jahr ging gleich gut los mit dem neuen Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.“
Matthias: „Bei mir ging’s mit ‚ner Steuernachzahlung los.“
André: „Gut war, dass ich mal ’ne Woche rausgekommen bin, das ist auch nicht so selbstverständlich. Las Palmas, da war ich 2014 schon, das habe ich wieder aufgenommen.“
Matthias: „Ich lebe noch.“
André: „Bei dir war ja das mit dem Bild.“
Matthias: „Es fing scheiße an, ich hatte ein Bild auf meiner Homepage, an dem ich nicht die Urheberrechte hatte. Fast zehn Jahre – wären es über zehn Jahre gewesen, wäre es verjährt.“
André: „Das HAUM war auch ein kleines Fest. Die Drei-Stunden-Pressekonferenz, zu der ich drei, vier Geschichten abgesetzt habe. Das war ein Fest, dass nach sieben Jahren alles wieder begehbar ist – für mich ein Highlight, städtisch auch. Alle haben dem entgegengefiebert, jeder dachte, das macht nie wieder auf. Die Klassiker im neuen Gewand.“

Mit dem HAUM meint André das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, das sich selbst jedoch grammatisch inkorrekt nicht durchkoppelt, sondern als einen Herzog darstellt, dessen Vorname Anton und der Nachname Ulrich-Museum lautet. Max kommt an den Tisch und nimmt die Bestellungen auf, beide hätten gern einen Bonanza-Burger mit Käse und einen Cappuccino. Jeweils.

André: „Dieses Jahr habe ich nur wenige Konzerte gesehen.“
Matthias: „Ich auch.“
André: „King Crimson habe ich in Hamburg gesehen, mit Katrin und Uwe von Raute. Und The Wedding Present – wie konnte ich das vergessen! Im Hafenklang, das war grandios.“

Das einzige Konzert, das Matthias dieses Jahr sah, war eine klassikähnliche Veranstaltung, die er „furchtbar“ fand und André zu verdanken hatte. Sie waren beide reichlich abgeneigt davon. „Ich habe mir alles hinterher zurückgeholt bei der After-Show-Party“, winkt Matthias ab. Im Riptide braucht er das nicht, da kommt Max mit dem Tablett vorbei und stellt das Bestellte auf den Beistelltisch.

An der Theke sammeln sich soeben zufällig lauter Kulturtreibende: Volker, der noch auf Beate wartet, Thomas vom KULT-Theater und Roland, dessen Seemannslieder ich kürzlich bei Ollys Verlobunxfeier lachend lauschen durfte. Meinen Karamellkeks trage ich immer noch bei mir. Er bekommt einen Interimsplatz auf der Theke und die Leute um mich herum meine Frage gestellt.

Thomas, Roland, Volker & Beate:

Thomas: „Mein 2016 war gut.“
Roland: „Mein Monat Papaurlaub war gut. Mein Sohn ist geil. Mit ihm ist jedes Jahr ein geiles Jahr.“

Roland grinst breit übers ganze Antlitz und steuert das Sofa an, auf dem der juvenile Erwähnte seiner Mutter gegenüber sitzt.

Thomas: „Zu mir kommen immer mehr Leute ins KULT, dadurch kennen das immer mehr und lernen das noch mehr Leute kennen. Ich hatte keinen Überfall, keine Bomben, keine herrenlosen Taschen – super, alles gut! Ich hatte großartige Veranstaltungen und stehe immer noch jeden Morgen mit einem Grinsen auf, seit sechs Jahren.“

Das KULT, das kleinste Theater der Stadt, zog vor einiger Zeit vom Hagenmarkt in den Schimmelhof um, Anfang des Jahres sah ich dort zumindest eine Veranstaltung. Vier Jahre lang gibt es das KULT insgesamt, seit sechs Jahren ist Thomas selbständiger Theaterspieler.

Thomas: „Im Figurentheater zeige ich noch ganz viel. Und ich habe mir zu Weihnachten eine singende Säge geschenkt. Die kann man im Musikalienhandel kaufen. Ich habe sie gestern ausprobiert und ein paar Töne rausgelockt. Das ist anstrengend. Man muss sie zweimal gebogen halten, ein S machen. Wenn ich da mehr Töne rauskriege und die auch in Folge, werde ich sie einsetzen. Im Moment quietscht es nur und ich werde wohl meine Wohnung verlieren.“

Thomas legt KULT-Programme und Poster auf die Theke und verabschiedet sich, um seinen Werbezug durch Braunschweig fortzusetzen.

Beate: „Toll war, im Garten rumzubuddeln.“
Volker und Beate sprechen kurz über weitere Höhepunkte.
Beate: „Das Riptide natürlich. Der schöne Duft, wenn du reinkommst, duftet es immer so toll. Das Riptide ist toll. Auch, wenn es mal keinen Platz gibt, wie jetzt – deshalb gehen wir weiter.“
Volker: „Ich hab Urlaub. Seit jetzt.“

Und auch die beiden treten in die Dunkelheit hinaus. Betta und Leona unterhalten sich an dem Tisch direkt neben der Eingangstür. Ich lege meinen Karamellkeks ab, um alle Hände frei fürs Schreiben zu haben, und biete ihn Leona an, die ihn dankbar mit Betta teilt. Wortlose verlässliche Freundschaft.

Betta & Leona:

Betta: „Bei mir war nicht scheiße, dass die Zeit nicht so schnell vergangen ist – das war mein längstes Jahr. Sonst geht es immer so schnell weiter“
Leona: „Ist das nicht immer dann so, wen es doof ist?“
Betta: „Nein. Wenn du von Januar erzählst, denke ich, das war vor zwei Jahren.“
Leona: „Die Schule hat geklappt, das Abitur, aber ich hab jetzt nicht damit gerechnet, dass es nicht klappt.“

An der IGS Querum machte Leona ihr Abitur. Die beiden wirken infektiös glücklich. Und auch so glücklich, wie Roland seinen Sohn am Strohhalm nuckeln lässt, fordert er mich glatt dazu auf, mich noch einmal zu ihm zu gesellen und meine Frage auch an die Kindsmutter Eva zu richten.

Eva & Roland:

Eva: „Unser Kind.“
Roland: „Das habe ich auch gesagt.“

Roland erwähnt eine Metal-Band aus Wolfsburg, von der ihm jemand vorschwärmte. Es gibt einen indirekten Link zu ihm: Der Verwandte eines der Bandmitglieder spielt bei Kinnara, den Proberaumnachbarn von Rolands Band Lump.

Jetzt bin ich einmal im Riptide herumgekommen, abgesehen von der Rip-Lounge. In der Küche ringe ich nun Marc, den viele Stecky nennen, „selbst meine Mutter“, eine Antwort auf meine Frage ab, was 2016 nicht so scheiße war.

Marc:

„Unsere Kanzlerin. Mit ihrem Statement zur Flüchtlingspolitik. Ich bin beileibe kein CDU- oder CSU-Wähler! Und Martin Sonneborn im EU-Parlament mit seinen Statements. Sick Of It All, deren dreißigjähriges Jubiläum!“

Die entsprechende Box zu diesem Geburtstag der New-York-Hardcore-Band steht im Riptide bei den Punk-Platten. Marc kehrt in die Küche zurück und Niclas betritt zum Zechezahlen das Café.

Niclas:

„Ich bin aufm Sprung, ich muss überlegen.“
Also zahl er zunächst zwei Kaffee und zwei Rotwein bei Max. Er wählt seine Worte behutsam aus:
„Nicht so scheiße war, dass ich Momente hatte, die mit leichten Irritationen einhergehen und bei denen man sich fragt: Hab ich Fehler gemacht, kann ich mir was vorwerfen, war ich ungerecht? Das kann ich mich Sicherheit mit Ja beantworten. Mein Fazit ist, dass die Grundintention eine richtige ist und dass sich das Gefühl entwickelt, dass einen veranlasst, sich nicht grämen zu müssen, sondern die Kraft erhält, so weiterzumachen wie in der Vergangenheit, dann ist das eine Quelle, aus der man Kraft schöpfen kann. Gut war, dass ich das 30. Lebensjahr vollendet habe und um ein Vielfaches jünger aussehe – das gilt es zu bewahren. Und gut wird die Weihnachtsgans – davon gehe ich aus.“

Ein besinnlicher und reflektierter Abschluss. Doch die letzten Worte haben Max und Marc.

Max & Marc:

Marc: „Ich bin froh, hier zu arbeiten.“
Max: „Wir haben wunderbare Chefs.“

Matze van Bauseneick
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#109 Alles außer Genesis

26. November 2016


Freitag, 25. November 2016

Als Uwe seinen nächsten Song startet, erinnert mich die Akkordfolge an „Wicked Game“. Nicht nur mich. Uwes Co-DJ Markus locken die Töne zurück von der Theke ans Plattenunterhalterpult, er beugt sich zu ihm: „Chris Isaak, schön – und das ist Rocko Schamoni?“ Uwe bestätigt. Und überrascht mit der Antwort auch mich: Das ist also Musik von Rocko Schamoni! „Wicked Game“ geschickt neu umgesetzt, und zwar zu einem Cover eines noch ganz anderen Stückes, „Was kostet die Welt“ von F.S.K. nämlich, auf Rockos noch jungem Cover-Album „Die Vergessenen“. Bei Schamoni wisse man nie, was man bekomme, findet Markus: Entweder richtig gut oder sehr schlecht. Das hier sei richtig gut. Finde ich auch. Live gesehen habe ich Schamoni solo noch nie, lediglich im Rahmen von Studio Braun, und Markus schwärmt sofort von einem kurz zurückliegenden Fraktus-Konzert: jeder Song eine Besonderheit. Das neue Album des Studio-Braun-Projektes kenne ich noch nicht, mag aber den zum Raumschiff umfunktionierten Fahrradhelm auf dem Cover mag ich schon mal.

Ein schöner Start für mich in die Neuausgabe des „Fanclub Soundsystem“ im Café Riptide. Eben noch waren Ada und ich auf dem Weihnachtsmarkt zum Glühmettrinken (mit einem T mehr verändert sich der Sinn gleich zum angenehm Unsinnhaften) und anschließend auf Zwischenstation in Serges Antiquariat neben dem Riptide, wo ihr als erstes der dicke Wälzer „Ada“ von Vladimir Nabokov ins Auge sprang. Jetzt begrüßen wir Uwe und Markus an ihrem neuen Arbeitsplatz im Riptide. „Anderthalb Jahre lang haben wir das in der Haifischbar gemacht, einmal im Monat“, erklärt mir Uwe. „Wir hatten vielleicht ein, zwei Aussetzer in den Sommermonaten.“ Das ist inzwischen auch seit einiger Zeit vorbei, ich lernte Uwe erst danach überhaupt kennen. Längst sind wir beide Mitglieder der DJ-Gruppe Rille Elf und legen zusammen beim „Tanztee“ im Tegtmeyer und beim „Ball im Bierhaus“ in Harrys Bierhaus auf. Und wo wir halt sonst noch die freundliche Aufforderung zur Beschallung bekommen, wie demnächst auf einer privaten „Verlobunxfeier“, in deren Rahmen der Gastgeber hofft, eine Freundin zu finden. Ein unterstützenswertes Vorhaben, finden wir.

Ada bringt ein Tablett mit Tee und Kaffee ans DJ-Pult, der Kaffe ist freundlicherweise für mich, der Tee für sie selbst. Uwe und Markus tauschen die Plätze, ich frage Uwe nach der Intention zum „Fanclub Soundsystem“. „Die Idee war“, hebt er an. „Was war die Idee – dass wir dachten – was dachten wir denn…“ Ich mag Uwes Humor. „Dass wir in der Kneipe die Musik hören wollten, die wir auch zu Hause hören“, bringt er seinen Satz zum Abschluss. „Es gibt keine Bindung, jeder kann auflegen, was er will“, ergänzt er. „Außer Genesis.“

Als ich von der Reihe erstmals höre, dachte ich, es handele sich um einen reinen Soul-Abend. Doch Uwe, der eigentlich tatsächlich Soul als eines von vielen Spezialgebieten hat, verneint: „Soul-Abende sind es nicht, wir spielen Funk, Soul, Electro, Punk – bunt durch die Reihe gemischt.“ Die Soul-Abende in Braunschweig seien Wopi und Heiko vorbehalten, sagt Uwe. Die kenne ich beide nicht. Und wie kam es zum Zusammenschluss mit Markus? „Wir sind seit über 30 Jahren Freunde“, sagt Uwe. Und nach der Partypause nun der Neustart hier? „Das Riptide hat sich angeboten, das wollten wir mal hier machen“, erklärt Uwe. Ob die beiden den monatlichen Turnus wieder aufnehmen, steht noch nicht fest. Da müssen wir uns gedulden, wie die Resonanz auf allen Seiten aussieht.

Zum Beispiel bei den Riptide-Chefs. André ist heute Abend im Einsatz. Im Vorbeigehen betätigt er die Nebelmaschine am DJ-Pult und kommt dann zur Begrüßung zu Ada und mir. Seine Resonanz zum „Fanclub Soundsystem“ im Riptide kann euphorischer kaum sein: „Na geil, Mensch, hat ein bisschen gedauert, mit Kusshand waren wir hinter ihnen her, haben sie mit ein paar Cappuccinos überzeugt“, sprudelt er mit güldenem Strahlen. André selbst war jetzt eine Weile nicht im Riptide, „was habe ich verpasst?“ Das Filmfest, mindestens. Daran war das Riptide unter anderem mit der „Sound On Screen“-Party beteiligt. Eine Veranstaltung des Filmfests besuchte André aber doch: Die Live-Untermalung des Stummfilms „The Fall Of The House Of Usher“ durch die Band In The Nursery im Rahmen der Filmfest-Reihe „Poe At Midnight“ in der Bartholomäuskirche. Zwar war ich nicht dabei, weil das parallel zu unserem Filmfest-„Tanztee“ startete, doch hörte ich davon, dass es kalt war und dass viele Leute entspannt eingeschlafen seien. André grinst: „Man musste sich entscheiden: auf den Film konzentrieren oder auf die Musik, ich habe mich für die Musik entschieden.“ Die habe er hingebungsvoll mit geschlossenen Augen verfolgt. So muss es also zu dem irreführenden Eindruck gekommen sein, das Publikum sei eingeschlafen.

Mein persönlicher alljährlicher Filmfest-Höhepunkt trat auch dieses Mal wieder ein: Auf dem Sitzplatz neben mir öffnete Elke ihre Thermoskanne und goss sich Tee ein. Das sehe ich als Symbol dafür, dass es viele Leute gibt, die sich für das Filmfest Urlaub nehmen und einen gespielt herablassend ansehen, wenn man nicht wie sie schon vier Filme gesehen hat – an nur einem Tag. Sie zelebrieren das Filmfest intensivst und gönnen sich ihre Verpflegungspausen zwangsweise mitten im Film. Inklusive Brotbox oder in Butterbrotpapier gewickelten Stullen. Oder eben mit Thermoskannen.

Gleich tauscht Uwe wieder den Platz mit Markus. Schnell erzählt er mir noch eine Geschichte von einem Konzertbesuch in Hamburg, der beinahe lediglich ein Konzertversuch geworden wäre: „Beginn 19 Uhr stand drauf“, sagt Uwe. „Na ja, man weiß ja, wie das ist.“ Also nahmen er und sein fahrender Begleiter die Angabe recht ungenau, bis Uwe kurz vor den Toren Hamburgs mal auf seinem Mobiltelefon genauer nachsah und feststellte, dass dort für 22 Uhr bereits das nächste Konzert angesetzt war: „Drück auf die Tube“, rief er dem Fahrer zu. „Um halb acht kamen wir an, da hatten die schon angefangen.“ Im Molotow war das. Dort war ich seit dem Umzug noch nicht wieder, zuletzt sah ich noch unter der alten Adresse !!!. Ich las etwas darüber, dass sich das neue Molotow auf drei Etagen erstreckt und man bei einmaligem Eintritt den Zugang zu allen Etagen habe. Das kann Uwe zwar nicht bestätigen, die Lokalitätsbeschreibung aber schon.

DJ-Tausch. Das Pult ist dort aufgebaut, wo ansonsten der T-Shirt-Ständer vor den Reinhörplattenspielern im Weg steht. Die Sofaecke auf der anderen Seite des Cafés eignet sich bei dieser Gelegenheit extravortrefflich dazu, sich mit Leuten zu treffen, sich zu unterhalten, Getränke zu sich zu nehmen und mit dem Kopf zu nicken, wo das Fußwippen nicht ausreicht und die Motivation zum Tanzen noch zu gering ist. Die Kunst über den Sofas und die illuminierte Spiegelkugel vertiefen die Gemütlichkeit des Ortes.

Über dich haben wir gestern geredet“, sagt Markus zu mir, als er hinter dem Pult hervorkommt. Das erstaunt mich, schließlich lerne ich ihn doch erst jetzt in diesem Moment überhaupt kennen. Mit wem also…? „Ich wohne im selben Haus wie Schepper“, löst er auf. Unglaublich. Braunschweig. Die Stadt ist eine Erbse und so. Markus bedauert es, Scheppers Musik noch nicht gehört zu haben, und will einen Tauschdienst mit ihm anregen und ihm im Gegenzug seine Lieblingsbands Talk Talk und The Notwist empfehlen. Darin stimme ich mit ihm überein, ich liebe das letzte Talk-Talk-Album „The Laughing Stock“. Markus rät mir, mich intensiv mit dem neuen Live-Album „Superheroes, Ghostvillains And Stuff“ von The Notwist zu befassen. Da muss er nicht viel Überredungskunst aufbringen, das habe ich ohnehin vor; die Dreifach-LP gibt es auch hier im Riptide, ich muss nur endlich mal zuschlagen. Aber die Auswahl ist so groß hier.

Damit plagt sich auch Ada herum: „Ich habe ein Riesenproblem“, sagt sie, und während ich noch Schlimmes fürchte, fügt sie hinzu: „Da hängt eine ‚Lost Highway‘, da hängt eine Björk, da hängt eine, wo ich das Cover gut finde – ich kann mich nicht entscheiden.“ Nachvollziehbares Problem! Bei der LP mit dem ansehnlichen Cover handelt es sich um „Gore“ von den Deftones, und als ich ihr erzähle, dass es sich dabei um NuMetal für herausgewachsene Teenager handelt, bleiben ihr immerhin noch zwei reizvolle Alben zur Auswahl.

Und dabei fällt mir ein, dass ich hier ja auch noch eine Bestellung offen habe. Vergangene Woche orderte ich das neue Automat-Album „Ostwest“ bei Chris und vereinbarte mit ihm, dass ich sie beim „Fanclub Soundsystem“ mitnehme. Doch weder Kamila und Max, die heute Thekendienst haben, noch André finden sie: Ist wohl doch noch nicht mitgekommen. Dann habe ich eben einen weiteren Grund, mal wieder ins Riptide zu kommen.

Markus und Uwe, das kommt beim folgenden Gespräch mit Markus heraus, haben dieselbe Intention für den Fanclub, die sich nach seiner Ausführung in ebenjenem Namen niederschlägt: „Hintergrund ist, dass wir die Fans von etwas sind.“ Und genau das wollen sie teilen: „Die Idee ist, dass wir spielen, was wir mögen.“ Damit wiederholt er nahezu wortgenau Uwes Erläuterung. Dieses Team hat sich definitiv mit einer gemeinsamen Basis gefunden. Blindes Vertrauen. Alles außer Genesis. Also „Musik für das Kaff der Guten Hoffnung“, wie es auf dem Flyer für diese Show steht. Wahre Worte!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#106 Die Gesichter des Sedan-Bazars

16. August 2016


Sonntag, 13. August 2016

Riptide-Blog in Fremdvergabe: Heute lasse ich mal jemand anders an die Tastatur. Es passt so schön: Stefanie Krause und ich waren zusammen beim Sedan-Bazar. Nicht nur, dass es zusammen Spaß macht: Sie übernahm das Schreiben, ich dafür ihren Fotojob. Das Ergebnis gibt’s auf Kult-Tour Der Stadtblog und hier:

„Ich war auf dem Sedan-Bazar im Braunschweiger Handelsweg. Zum ersten mal! Und heute ist ein perfekter Sonntag, um einen flockigen Blogeintrag darüber zu schreiben. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Keine Seetemperaturen, aber auch kein Badewannenwetter. Ich ein wenig müde, doch nicht zu müde. Eben genau richtig. Und so entspannt im Kopf, um ein paar Ideen über den Abend und dessen Begegnungen fliegen zu lassen, sich aber keinen zu großen, blockierten Kopf zu machen. Das Basilikum auf dem Balkon hält die Klappe. Beste Voraussetzungen also, um in die Tasten zu hauen: 13.08.2016, Ankunft etwa 18 Uhr in der kleinen – aber ältesten – Stadtpassage Braunschweigs. Sie ist heute dichter als sonst mit buntgestipptem Volk gefüllt.

Einmal im Jahr tun sich die kleinen Lädchen, Cafés und Kneipen im Handelsweg zusammen, um gemeinsam ein Sommerfest zu feiern. Schepper – Solobassist und charmantverschüchterter Anekdotenerzähler – zupft schon an seinem Instrument und blinzelt schräg zu uns hoch. Die Plastikblume an seiner Technik sitzt noch nicht perfekt. Zu allem Überfluss kitzelt ihn eine seiner langen Haarsträhnen ein wenig am Näschen, auf dessen Spitze die Brille gerutscht ist. Darunter kräuselt er die feinen Lippen und wirft schwungvoll und doch ein bisschen eckig die Haarpracht zurück, um uns zur Begrüßung die „Ghettofaust“ zu geben. Ich bin heute mit Bloggerkollege Matze unterwegs. Er ist hier im Handelsweg ein alter Hase. Seit nunmehr acht Jahren schreibt er bereits den Riptideblog. Es dauert auch nicht lange, bis er mir die Spiegelreflex wegschnappt und die Szenen fotografiert, die er sonst nur mit Worten umschreibt. Jaja, aber vorher erstmal meckern, als das Entladen der Speicherkarte unseren Aufbruch vom westlichen „Ghetto“ in die Braunschweiger Innenstadt unwesentlich verzögerte. Jetzt freut er sich also doch darüber, seine Menschen ablichten zu können. Mein halbbewusster Plan ist aufgegangen und ich muss mir erstmal keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich lieber an meinem Glas Weißwein nippe oder die Kamera zur Hand nehme. Gut!

Matzes Motto „Die Stadt ist eine Erbse“ – erst kürzlich erschien unter diesem Titel ein Auszug seines Blogs als Buch – wird sich heute gleich mehrfach auch für mich bewahrheiten. Nachdem ich das Teint unterstreichende rote T-Shirt von unserem Lord – dem Herrn Schadt, Autor und lebendige Legende – bewundert habe, nachdem er mein Kleid gelobt hat, begrüße ich sogleich den guten Serge. Oha, da hat ihm der Lord doch das erste Kompliment des Tages weggeschnappt! Äußerst frech: das sieht ihm ähnlich. Fatale Vorstellung, wenn Serge das wüsste! Als möchte er diesen ihm eigentlich gar nicht bekannten, aber wahrscheinlich intuitiv erspürten Rückstand sofort wieder ausgleichen, trägt er erstmal richtig dick auf: „Aaah, die Königin der Nacht!“, trommelt er begleitet von einer theatralischen Geste, und ich vervollständige: „…ist heute aber tagsüber unterwegs.“ In der Tat bin ich meistens eher später auf Kult-Tour, aber heute lohnt sich das Erlebnis ganz besonders bei Sonnenlicht. Es gibt viel zu schauen. Die Menschen trippeln wie Farbtupfer über das Pflaster und es entsteht ein schönes Bild meiner Stadt. Man schlürft genüsslich Kaffee im Riptide, holt sich bei Filmemacher Jonte Moerking eine vegane Wurst vom Grill, stöbert in der heute vor der Tür präsentierten Auslage von Schmuckmanufaktur, Comicladen, Galerie und Second-Hand-Boutique oder trinkt einfach eine zünftige Kaltschale in einer der Kneipen, während sich der ganz junge Nachwuchs schminken lässt.

Auch ich möchte mich erstmal ein bisschen zerstreuen und entfliehe der mir gerade zu heißen Herdplatte vor Serge Roons kleinem Antiquariat. Ich bin einfach noch zu flatterig für einen guten Literaturtipp, heute zu sanft für eine Kostprobe vom Präsentierteller und wahrlich zu unkonzentriert für einen Schlagabtausch mit dem Schriftsteller, Regisseur, Künstler und – ja, Serge hat kaum eine Tätigkeit im kulturellen Bereich ausgelassen. Über ihn könnte ich jetzt also noch viel mehr sagen. Denn kürzlich erst las ich sein Buch „Die Gesichter der Frauen“, muss die rezensierende Stef für mich aber erst erfinden. Meinen heutigen Ad-hoc-Versuch, mich in Luft aufzulösen, lässt er jedoch auf gar keinen Fall gelten. Gezielt legt er noch mehrfach nach. Wahrscheinlich will er nicht wieder in den Rückstand geraten. Wenn es um Komplimente geht, ist und bleibt er schließlich der Platzhirsch im Handelsweg. Da hilft es mir kaum, dass ich mich in der ersten Reihe verstecken will.

Doch dann soll es losgehen, signalisiert Schepper durch sein Headset. „Warte doch noch einmal fünf Minuten“, bremsen ihn Matze und Patrick Schmitz vom KingKing Shop. „Wir unterhalten uns doch gerade noch!“, scherzen sie. Und schon ist eine freundliche Verbindung zwischen Musiker und Publikum hergestellt. So soll es sein und so geht es auch weiter. Schepper spielt abwechselnd einen „langsamen“ und einen „schnellen“ Song und auch eben jenen, der Soundtrack für unseren Jubiläumsfilm zu Matzes hundertstem Riptideblogbeitrag geworden ist. „Das ist ja wie im Kino hier!“, lacht Matze. Ja, und hundert Geschichten erzählen sich auch am heutigen Tag. Viele bekannte Gesichter ziehen vorbei oder bleiben zu einem kurzen oder auch langen Schnack kleben. Wirklich verstecken kann ich mich eigentlich nur bei Helmut in der Strohpinte. Seine Kneipe ist die dunkelste und engste, die ich in Braunschweig kenne. Ganz hinten in der Ecke ist es richtig finster. Hierhin verirre ich mich also ganz absichtlich und provoziere den herzensguten Poltergeist zu seiner kratzenden Lache. Zum Sedan-Bazar und auch sonst recht oft gibt es hier Live-Musik. Gerade spielt Alex van den Berg gut gecoverte Songs auf der Gitarre und singt mit angenehmer Stimme, als Fehmi Baumbach von Helmut nett, aber bestimmt heran gewunken wird. Die Künstlerin hat es inzwischen nach Berlin verschlagen, aber sie käme immer wieder gerne auf einen Besuch in ihre Geburtsstadt zurück, erzählt sie mir. Wir verlieren uns in Ur-Braunschweiger Geschichten von irgendwelchen Künstlerhöfen in der Nähe des Handelswegs, die ich gar nicht kennen kann. Schließlich bin ich erst seit 2002 in Braunschweig. Doch Helmut wird tief nostalgisch, seufzt, schürzt die Lippen und nimmt einen schmatzenden Schluck aus seinem Bier, während Fehmi von alten Zeiten erzählt. Dann entdecken wir doch einen gemeinsamen alten Bekannten: Das „Blubber“ in Salzgitter. Tja, in diesen Hippieschuppen sind offensichtlich sowohl meine als auch Fehmis Eltern gegangen. Leider erkennt Fehmis Mutter Jutta meine Mutter Renate auf dem Foto zunächst nicht wieder, welches ich ihr auf meinem Handy zeige. Das wäre jetzt aber auch echt ein Ding gewesen!

Mitten in der Unterhaltung und nach mehreren kleineren Binnengesprächen erhöre ich endlich das Grummeln meines vernachlässigten Magens. Stimmt, vor ungefähr 40 Minuten habe ich im Riptide einen vegetarischen Burger geordert – den ich eigentlich schon vor 20 Minuten hätte abholen sollen. Die freundliche Bedienung mit beachtlicher Körpergröße, Bart und Zopf hat gut drauf aufgepasst! Ich kann noch schnell ein „Danke“ anbringen, bevor mich der Schlag der Erbse erneut trifft und mir die Sonnenbrille vom Kopf fällt. Zwei Gestalten aus meiner Vergangenheit sind heute auch hier. Man kennt sich in der Erbse: Marc und Anna sind bereits seit Ewigkeiten mit Schepper befreundet. So vermischen sich die Geschichten zum Ende des Abends im Herzen der Stadt, die wirklich eine Erbse ist.

Angesättigt von dem Burger und einen Barfußtanz im einRaum5-7 später befinde ich mich dann auch zufrieden auf dem Heimweg – beziehungsweise auf dem Umweg zum Haus- und Hoffest im LOT-Theater. Hier kann ich mich jedoch nur noch verabschieden, denn dieses Fest neigt sich deutlich dem Ende hin. An alle, die im LOT oder gar bei dem Straßentanz am Bültenweg waren: Wie war es denn dort? Erzählt doch mal, in den Kommentaren findet ihr genügend Platz!

Ein großes Fotoalbum mit dem Blümchen, dem lordigen T-Shirt, dem Serge-Blick und vielen weiteren Gesichtern vom Sedan Bazar findet ihr HIER und bei Facebook.“


Stefanie Krause
Kult-Tour Der Stadtblog


für
Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#105 Rudi, der Mariachi-Maharadscha

29. Juli 2016


Freitag, 29. Juli 2016

Mein erster Blick, als ich heute das Café Riptide betrete, fällt auf den Drahtkorb links vor der Theke. Ja, wir sind glücklich: Gegen Ende des Monats erst, aber die neue Intro-Doppelausgabe Juli/August ist doch noch eingetroffen. Gleich mal eingesteckt. Ach, und dann sehe ich, dass da ja noch ein paar Leute sind. Ahäm. André unterhält sich gerade mit Marcus und Jonte, besser: Er händigt ihnen ihre Bestellungen aus, zwei verschiedene koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Marcus setzt sich schon mal draußen im Achteck an einen Tisch. „Und, hast du einen Koala dabei?“, fragt André Jonte, der ihm das Geld reicht. Ich denke, ich verhöre mich, und wiederhole das Vernommene. Beide grinsen, und Jonte erklärt, dass er gerade für ein halbes Jahr in Australien war und davon eine Woche lang einen Koala-Treck begleitete. Da möchte ich mit einem neoklassischen Drei-Fragezeichen-Auswurf kontern: Bitteeee?!

Eine Freundin von Jonte studiert in Sydney an der Uni, erklärt er mir den Auslöser für seine Koala-Aktivitäten. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt er. „Ich hatte nichts zu tun.“ So eine Woche mit Koalas sei ihm da gerade recht gekommen. „Wir saßen in den Blue Mountains“, dort beobachteten sie, also einige Freiwillige rund um eine Forscherin, was die Koalas fraßen, wie weit sie herumliefen, wie sie die Bäume wechselten. Zu sehen bekam er die niedlichen Beuteltiere nur selten: „Die sitzen fünfzig Meter hoch im Baum.“ Die Trecker hatten Antennen, mit denen sie die Sender in den Halsbändern der Koalas aufspürten; bei Erfolg ertönte ein Geräusch. „Das hört sich an wie ein Alien“, sagt Jonte und imitiert ein „Bock… Bock…“ Der Ton habe die Frequenz verändert, je nach Entfernung zum Tier. Den entsprechenden Baum, auf dem der Koala saß, markierten die Teilnehmer per GPS digital. „Das war spannend“, so Jonte, gerade weil man die Koalas manchmal gar nicht sah. Und wie ist es mit dem Hören? Nur die Männlichen, erklärt Jonte, und gehört hat er den Ruf einmal unter einem ausgewählten Baum: „Die Biologin hat den Ruf abgespielt, der hört sich an wie Rülpsen, kann man gar nicht nachmachen, und weil er der Boss in der Region war, hat er gleich zurückgeschrien.“ Auch erfasste die Gruppe solche Koalas, die nicht mit einem Sender ausgestattet waren, der Vollständigkeit halber. „Das Halsband haben sie ein halbes Jahr, dann nimmt man es ab und gibt es einem anderen“, erklärt Jonte. Dann greift er sich die beiden Brauseflaschen und macht sich auf, sich zu Marcus zu setzen: „Bevor sie kalt werden.“

Nachdem André die Getränke ausgehändigt hatte, verschwand er in der Küche und begann danach, andere Gäste zu bedienen. Chris kommt nun mit einer bepackten Kiste aus dem Büro im ersten Stockwerk gegenüber, direkt neben dem neu gestalteten Bierteufel. Die Kneipe heißt noch so, die Fassade ist auch noch dunkelrot, aber die Fensterfront sieht heller, offener aus. Kurz nach der Neueröffnung ging ich kurz hinein und sah mich um, der Raum ist viel luftiger als vorher. Eine Thekenfrau griff dieses Gefühl auf, indem sie ihre Arme ausbreitete und ausladend einladend vom neuen Bierteufel schwärmte. Hier im Riptide rotieren Chris und André heute mächtig. Zwar ist das Café selbst häufig beinahe leer, sofern niemand in den Schallplatten stöbert, aber die Gäste bevölkern das Achteck unter dem Segeltuch. Helmut von der Strohpinte auf der anderen Seite im Handelsweg winkt plötzlich in den Raum hinein: „Ich geh grad zu Karstadt, wollt ihr auch…?“ Was sie wollen könnten, lässt er offen, und auch Andrés Antwort erhellt da nichts: „Nee, danke.“ Ein Rätsel!

Außer den üblichen CD- und DVD-Besonderheiten, Hörspielen und Quartetten säumen auch selbstgebackene Muffins und Cupcakes die Theke. Neben dem Durchgang zur Küche rotiert der Ventilator gegen die warme Luft an. Eine Kiste mit Gratis-LPs ist für mich neu; darin enthalten sind solche Flohmarktschätze wie Schlager-Sampler und Operetten. Schon etwas länger wartet ein Kaugummiautomat neben den Second-Hand-Wave-LPs auf Kleingeld: Heraus kullern kleine Plastikbälle mit Freigetränken, Riptide-Buttons oder Nieten. Das Plakat von unserem ersten „Ball im Bierhaus“, den wir mit Rille Elf vor einer Woche in Harrys Bierhaus bei Werner und Annette veranstalteten, klebt noch unter der Theke. Das war unsere Premiere dort, die wir allesamt für gelungen halten und mit einer Fortsetzung versehen wollen. Unsere nächsten Shows mit Rille Elf indes haben wir wieder im Tegtmeyer: das Sommerferien-Ende-Grillen am 6. August und den Tanztee am 11. September, dem Wahltag, an dem ohnehin alle Welt unterwegs ist, wie wir hoffen. Das Tegtmeyer war jetzt auch zweimal Heimat für den Strange-Electro-Pop-Stammtisch, von Olaf ins Leben gerufen, mit Petra, Clemens, Arni, Maren und mir. Einerseits promotet Olaf damit sein Konzert am 1. Oktober im Tegtmeyer, mit seiner Blinky Blinky Computerband und als Headlinern den ex-kanadischen Achtziger-Synthie-EBM-Helden Psyche, jetzt aus Timmendorf, sowie Synergy und Infernosounds, außerdem sein nächstes Album „For A Beter World“, das Ende August herauskommt; andererseits war der Stammtisch natürlich ein fröhlicher Austausch von Ideen und Meinungen. Weiß der Geier, wie wir darauf kamen, es standen bald zungenbrecherische Songtitelideen wie „Mariachi-Maharadscha“ und „Muted Mutant“ im Raum. Den heißen Versuch, diese Wortkombinationen schnell hintereinander auszusprechen, löschten wir mit ansprechenden Kaltgetränken. Vielleicht bedingte das auch einander, wer kann da schon die Kausalität beisammenhalten.

Heute geht Chris noch ins Eintracht-Stadion, zur Saisoneröffnung. „Da spielen sie immer gegen ein internationales Team“, erklärt er. Für dieses Mal ist es der S.C. Bastia, „ein französischer Erstligist“, aus Korsika. Chris beginnt sich selbst unterbrechend zu strahlen: „Für mich ist die Stimmung – das erste Mal – ich hasse die spielfreie Zeit im Sommer, auch trotz der EM – für mich gibt es nur die Eintracht.“ Ja, ich verstehe. Er schwärmt von der Atmosphäre im Stadion, der kollektiven Neugier, vom ersten Mal, von Antworten auf Fragen wie: „Wie sind die neuen Spieler?“ Chris lächelt, er findet das: „Schön!“

Und à propos Saisonauftakt, ich hab mir gerade bei Graff die neue 11Freunde geholt, mit dem Titelbild nach Art der alten Drei-Fragezeichen-Cover. Chris hat das Bild im Internet gesehen, ich zeige es ihm im Original und er findet es genau so gut wie ich. Ein schöner Crossover, gelungen die Zeichnungen von Aiga Rasch adaptiert. So thematisch wird das Magazin zum Saisonauftakt immer, einmal etwa gestalteten sie alles im Stile von Filmplakaten.

Und jetzt erfüllt Chris eine besondere Kundenbestellung: „Wir waren der erste Laden in Braunschweig, der einen Rudi hat.“ Irgendwas muss heute mit meinen Ohren sein. Koalas? Rudi? „Es gibt den noch in der Haifischbar, wir sind die einzigen in Braunschweig“, setzt Chris fort und holt einen Sahnesiphon aus dem Kühlschrank. „Das passt, wegen Rudi Riptide“, fährt er fort und lässt mich mit drei Fragezeichen überm Kopf an der Theke stehen. Das Wort „Jägermeister“ ertönt noch von über dem Tablett aus, an dem Chris mit dem Siphon hantiert. „Ausgedacht hat sich Rudi ein Berliner Gastronom, und zwar einer von zweien, die in Berlin Wolters ausschenken“, höre ich. „Von der regionalen Verbindung wusste der nichts, dass Jägermeister aus Wolfenbüttel und Wolters aus Braunschweig Nachbarn sind.“ Also, was ist denn Rudi jetzt? Jägermeister mit Wolters? „Beinahe“, grinst Chris: „Jägermeister-Schaum, deshalb schäumen wir den extra auf, deshalb haben wir einen Aufschäumer, einen Sahnesiphon, zweckentfremdet, dasste nur den Schaum hast, dann hat er ne Schaumkrone obendrauf.“ Also: Der Rudi ist ein Jägermeister mit einer Wolters-Schaumkrone? Chris nickt. „Der hat das in seiner Kneipe ausprobiert und das Rudi genannt.“ Den Weg ins Riptide fand das Getränk über die Wolfenbütteler: „Mich hat Jägermeister gefragt: ‚Du bist doch Rudi?, und jetzt haben wir das auch.“ Behutsam sprüht er Woltersschaum auf drei Jägermeisterschnapsgläser. Und, hat er das denn auch schon selbst getrunken? „Nee“, wehrt er ab, „aber ausführlich testen lassen.“ Chris versichert: „Auch Leute, die keinen Jägermeister mögen, mögen das – ist ein bisschen malzig, wegen des Schaums.“ Chris bringt das Tablett mit den drei Rudis nach draußen und macht mich neugierig. Bleibt die Frage, wann es Renate gibt.

Grinsend kommt Niclas von der Runde rings um Serge nebenan ins Café, stellt eine leere Tasse und ein leeres Glas auf die Theke, sagt „so“ und wartet mit einem noch breiteren Grinsen, bis André ebenso breit grinsend und mit einem „danke“ das Leergut annimmt. Noch im Gehen bleibt Niclas‘ Grinsen erhalten. Routine, angenehmer Art.

Mit Sound On Screen, der gemeinsamen Musikfilm-Party-Reihe von Riptide und Universum-Kino, geht es erst im September weiter, bestätigt mir Chris, zurück bei der Arbeit an der Theke. „Wir sind am sichten und am festlegen“, sagt er. „Wir haben viele schöne Sachen, Beate war wieder auf Filmfestivals.“ Mist, ich hoffte, ein paar mehr aufregende Details in Erfahrung zu bringen. Na, das kommt noch. Zunächst findet im Handelsweg ohnehin eine ganz andere Fast-Traditionsveranstaltung statt: der Sedan-Bazar am 13. August, an dem sich alle Anrainer beteiligen und bei dem viele Musiker auftreten, unter anderem auch wieder Schepper.

Eine schüchterne Kundin fragt André, ob er noch einen weiteren Tisch aufschließen könne. Der Angesprochene lächelt ausgesprochen freundlich und sucht aus der Kiste mit den Vorhängeschlössern den Schlüssel heraus. „Können wir“, sagt er und erklärt, dass Regen angekündigt gewesen sei und sie deshalb einige Tische und Stühle noch mit den Drahtseilen zusammengebunden ließen. Chris guckt kurz im Internet nach und bestätigt: „Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt immer noch sechzig Prozent.“ André begleitet die Kundin nach draußen und lächelt weiter: „Wenn’s regnet, musst du dir einen neuen Platz suchen.“ Nur wenige Momente später setzt der Regen tatsächlich ein. Kurz nur und somit kein Grund, sich davonzumachen.

Auch nicht für Dennis, der indes aus anderen Gründen seine Rechnung begleichen will: „Ich muss langsam los, ich bin schließlich am längsten hier.“ Seit drei Wochen? „Nein, seit halb eins“, lacht er, und er habe hier gearbeitet. „Länger als ich“, behauptet Chris, doch Denis weiß, dass das nicht stimmt: „Nein – aber ich habe wenig konsumiert, ich bin ein schlechter Gast.“ Chris rechnet zusammen und unterstellt ihm: „Und dann verdienst du wahrscheinlich Millionen hier am Computer.“ Sie lachen und verfallen wieder in die Begrüßungsformel ihrer gemeinsamen Moderatorenzeit bei Radio Okerwelle: „Nabend Herr Frank“, „Nabend Herr Rank“. Sie kichern, und Chris erzählt, wie er einmal Tom Waits spielte und jemand anrief und in den Hörer rief, dass er gerade von der Arbeit käme und sich freue, zum ersten Mal Tom Waits im Radio zu hören. „Da wussten wir: Wir haben einen Hörer.“ Sie lachen wieder.

So ähnlich ging mir das mal, als ich „Waiting Room“ von Fugazi auflegte und jemand sagte, das habe er seit zwanzig Jahren nicht gehört. Fugazis Label Dischord, so las ich heute, hat den gesamten Backcatalogue auf Bandcamp veröffentlicht. Dennis hat das auch gelesen: „Rund 300 Veröffentlichungen, auch Demos – aber ich hab sie noch nicht durchgeguckt.“ Auf Spotify gebe es auch einige Alben, dann aber nicht zum bezahlten Download. Während Chris LPs sortiert, sagt er: „Es gibt nur wenige Labels, wo man sagt: Das hat mein Leben verändert – bei mir war es so mit Dischord.“ Dennis und ich thematisieren kurz Minor Threat, die frühere Band von Labelchef und Fugazi-Sänger Ian KacKaye. Ich habe deren „Complete Discography“, die ein ein gut dreiviertelstündiges Album passt, auf CD. „Ist das das, wo der Typ auf der Treppe sitzt?“, fragt Dennis. Ist es, längst ikonisch geworden, das Cover, und Chris meint: „Das ist in Washington, und wenn ich da mal hinkomme, setze ich mich auch auf die Treppe.“ Jede Punk- und Hardcore-Band habe das dort gemacht, „das Haus gibt’s noch, Dischord sitzt da immer noch drin“, weiß Chris. Ach ja, Dennis wollte ja los, und er macht sich jetzt auch auf den Weg.

Derweil packt Chris das Paket aus, das ein Bote eben brachte. Mir fällt darin sofort die „Houdini“-LP von den Melvins auf. „Sie haben die drei Klassiker von Geffen neu aufgelegt“, erläutert Chris. Ebenfalls in dem Karton steckt die „Stoner Witch“, die „Stag“ steht noch im Laden. Chris schwärmt von dem „Houdini“-Cover, ich auch: die süßen Kinder mit dem zweiköpfigen Hundewelpen, herzallerliebst. Als drittes in dem Karton steckt die neue „Kachelbad“-EP von Messer, deren Cover mir auch gefällt, mit einer alten heruntergelassenen Jalousie darauf. 2016 und es gibt noch Covermotive, die es bislang nicht gab, zumindest nach meinem Kenntnisstand. Und da fängt Chris mit weit aufgerissenen Augen an zu schwärmen, von der Doppel-LP mit dem Soundtrack zu „Star Wars: The Force Awakens“: „Wenn du da eine Lichtquelle über die LP hältst, während du sie abspielst, entsteht ein Hologramm und ein Tie Fighter dreht sich über der Platte.“ Ich muss ungläubig gucken: „Ich hab’s gesehen“, bekräftigt Chris. Und über der zweiten LP schwebt der Millennium Falcon. „Jack White hatte schon eine kleine Ballerina, die sich dreht – aber so ein Raumschiff“, Chris deutet eine Größe deutlich über zwölf Zoll an. Da seien reflektierende Schichten in die Rillen eingelassen, die bei Direktlicht das Hologramm ergäben. Das klingt natürlich extrem verlockend, aber den Soundtrack brauche ich nun wirklich nicht. Chris hat ihn sich trotzdem zugelegt: „Das schreibt Geschichte.“ Da hat er wohl eindeutig Recht.

Hinter mir klickt es, dann rattert es. Einer von zwei Anfangzwanzigern holt eine Kunststoffkugel aus dem Kaugummiautomaten und fragt Chris: „Wohin damit, einfach hinlegen?“ Er greift über die Theke. „Was habt ihr denn?“, informiert sich Chris. „Leider nichts.“ Sein Freund doch: „Ich habe mir mal zwei Platten aus der Gratis-Kiste genommen“, ruft er. Chris nickt: „Gern.“ Er hat bald Feierabend, dann geht er mit Marcus und Jonte ins Stadion. Mal sehen, ob sie Hublot einwechseln.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#100 Riptide 100

25. Juni 2016


Februar 2016

Da haben wir uns etwas Aufwändigeres ausgedacht, als uns bei der ersten Idee klar war: Der 100. Eintrag meines Riptide-Blogs sollte von den anderen 99 abweichen, und was liegt da näher, als am Küchentisch eine Videojournalistin zu fragen? Stef und ihr Kompagnon Micha waren sofort Feuer und Flamme. Sie erarbeiteten – auch für die Plattform Kult-Tour Der Stadtblog – ein Konzept, das nur mit Untertreibung als ambitioniert zu bezeichnen ist. Die Verschmelzung zweier zeitlicher Ebenen sowie des gesprochenen Textes mit den Bildern erwiesen sich als äußerst kompliziert. Nur kurz sollte der Film ursprünglich werden, jetzt ist er mit fast sieben Minuten inklusive Outtakes doppelt so lang. Und verspätet: Eigentlich stand der 100. Eintrag im Februar an, jetzt ist Juni – die Zeit hat’s aber gebraucht.

Als wäre es für mich nicht wahnwitzig genug, dass dieser Film existiert, zeigte ihn Beate zu seiner Premiere beim David-Bowie-Special von Sound On Screen im Universum-Kino. Wir auf großer Leinwand. Leiwand! Und alles passte: Im Film ist eine Gedenktafel für Bowie auf der Riptide-Theke zu sehen, Sound On Screen ist die gemeinsame Musikfilmreihe von Universum-Kino und Café Riptide – und Schepper erhielt als Spezialgast, der er als Filmmusiker war, zufällig den Kinositz, den das Riptide gesponsert hatte.

Ich bin glücklich und jenen dankbar: Michael Adams, André Giesler, Stefanie Krause, Nina Meißner, Chris Rank, Michael „Schepper“ Schaefer, Beate Siegmann, Michael Zemke. Und den Sponsoren!

Und hier der Film:


Matze van Bauseneick
Kult-Tour Der Stadtblog

Krautnick

#104 Maximalzersplittert

13. Juni 2016


Sonntag, 12. Juni 2016

Fußball gucke ich immer noch am liebsten mit Frauen. Heute: mit Stef. Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren tritt um 21 Uhr gegen die Mannschaft aus der Ukraine an. Das könnten wir zwar auch bequem zu Hause verfolgen, aber wir wollen natürlich ins Riptide gehen, weil dort im Handelsweg Fußballgucken eine eigene Qualität und weil das Riptide normalerweise am Sonntag geschlossen hat und wir die Sonderöffnung nicht ungenutzt lassen wollen. Trotz des Regens kündigte Chris rechtzeitig an, die Aktion nicht abzusagen, sondern verwies auf das Segeltuchdach im Achteck und die Decken, die es auszuteilen gäbe.

Der Weg vom Frankfurter Platz zum Riptide ist heute allerdings nicht auf der Strecke frei, die wir zu gehen gewohnt sind: Der Eiermarkt ist wegen des so genannten Public Viewing gesperrt. Wir finden uns an einem Fangzaun wieder, der von niemandem außer uns gequert werden will und hinter dem uns drei südländisch aussehende Securitymänner den freundlichen Hinweis geben: „Ihr kommt hier nicht durch.“ Hinter ihnen herrscht freie Sicht bis zum Altstadtmarkt, wir können unseren geplanten Weg ungebremst entlang blicken und sehen keinerlei Grund, weshalb wir ihn nicht auch gehen sollten. Die drei jungen Männer sind freundlich und sympathisch, daher lassen wir uns gern auf ihre Argumente ein, die da lauten, dass sie nun mal ihre Bestimmungen haben. Stef grinst: „Ihr seid so deutsch!“, und die drei Südländer grinsen mit. „Das haben wir extra für euch so gemacht“, versichern sie uns und ermuntern uns dazu, den Umweg über die Brabandtstraße zu nehmen. So kommen wir an der Garküche vorbei, der Straße zum Public Viewing, durch die nur wenige Schwarzrotgoldgeschmückte wanken. Die hätten wir auch quer gekreuzt haben können. Egal, die unterhaltsame Begegnung war uns dies wert. Und es regnet ja gerade nicht mehr.

Unter dem Segeltuchdach im Achteck ist trotzdem etwas los. Hinter dem Beamer sitzt Chris, neben ihm Marcus. Wir begrüßen beide und gehen trotz längst erfolgten Anpfiffs erstmal ins Café, um uns bei Jakob jeweils ein Wolters zu bestellen. Auch das Sofa drinnen ist belegt, ein Paar guckt sich das Spiel von dort aus durch das Fenster an. Die Leinwand auf der gegenüberliegenden Seite ist gut zu sehen, der Ton dafür umso weniger gut zu hören, aber das ist nicht so schlimm, wenn man nicht auf Statistikgestammel steht.

Direkt rechts vor der Leinwand ist überraschenderweise ein Tisch mit zwei Stühlen frei. Zwar haben wir jeden, der in die Rip-Lounge will, dann kurz vor unserer Nase, aber das ficht uns nicht an. Hinter uns sitzen Leute mit schwarzrotgoldenen Blumenkränzen, Gesichtsbemalungen und Hüten unter Decken gehüllt. Auch nebenan im Tante Puttchen läuft Fußball, wir können die Leinwand sehen und den Ton hören, der dort eine Sekunde früher ankommt als bei uns. Seltsam, das Echo zuerst wahrzunehmen.

Jakob bringt uns die Biere, Stef bestellt gleich noch die Tortillachips mit Käse und Oliven von der EM-Karte. Wir stoßen an: „Voll auf die Elf!“ Vielleicht hilft’s ihr ja. Knapp zehn Minuten gespielt, und der Moderator wird erstmals redundant: „Knapp zehn Minuten gespielt“, teilt er uns mit, „und noch immer kein Tor.“ Stef ist mit ihm empört: „Jetzt habt ihr nur noch 80 Minuten!“ Einer von vielen typischen Wortbeiträgen zeitgenössischer Sportkommentatoren. In der Folge berichtet der Mann unter anderem, dass der Rasen im Stadion erst seit zwei Wochen liegt. Aha.

So richtig konzentriert gucken scheinbar die wenigsten hier im Achteck, man hört sie angeregt miteinander plaudern. Gelegentlich stimmen sie trotzdem in ein kollektives „Ouh!“ ein, wenn es knapp wird. Auch Mustafis Tor bekommen sie mit und jubeln in angemessener Stärke. „Jogi guckt immer, als wäre ein Tor für die anderen gefallen“, findet Stef. Recht hat sie. Unser Bundestrainer hat, wie sie ebenfalls feststellt, seine Signaturkleidung abgelegt: Anstatt des weißen Hemdes mit hochgekrämpelten Armen trägt er ein dunkelfarbloses T-Shirt. „Ich hab grad Jogis Bauch gesehen“, feixt Stef. Da hab ich wohl grad nicht geguckt.

Aber dabei fällt mir eine Fotostrecke im aktuellen Musikexpress ein, die LCD Soundsystem dabei zeigt, wie das Trio im Zuge eines Videodrehs auf dem Boden herumkullert. Dabei kann man auch die Bäuche der beiden Männer sehen (den der Frau nicht). Ja, sie haben Bäuche, sie entsprechen keinen gängigen Idealen. Das finde ich sehr sympathisch. Überhaupt, dass der ungefähr mit mir gleich alte James Murphy seine musikalische Karriere im gesetzten Alter von 30 Jahren erst startete. Er macht erwachsene Musik, die trotzdem neugierig und fordernd ist. Und bei der es eben nicht auf Äußerlichkeiten ankommt. Das Comeback nach fünf Jahren Pause (der Abschiedsfilm „Shut Up And Play The Hits“ lief übrigens seinerzeit bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Riptide und Universum-Kino) fand ich nicht so überraschend. Eher im überstürzten Abschied impliziert. Anders bei ABBA und den Stone Roses; wer gibt übrigens Wetten ab: Wann treten The Smiths wieder zusammen auf, noch vor 2020 oder erst danach?

Wie schon vor zwei Jahren bei der WM hakt auch dieses Mal gelegentlich das Bild. Es gibt immer noch Stockungen beim Receiver. Ebenso stockt Chris jedes Mal der Atem: „90 Minuten geht das so“, flüstert er uns im Halbdunkel zu. Och, so lang das nicht genau beim Tor ist. Stef imaginiert sich, wie nach dem Einfrieren des Bildes oben plötzlich „0:1“ steht und das Spiel kommentarlos weitergeht.

Uns gefällt das Spiel, und wir mögen unseren Torhüter Neuer, der mit seinem Milchbubigesicht so herrlich nett wirkt. Wir mögen, dass das bisher einzige Tor aus dem Spiel heraus fiel, nicht hineingeschummelt oder aus einer Strafstoßsituation oder so. Es war ein gespieltes Tor, ein Schach-Tor, wenn man so will, was fast wie der ukrainische Verein aus Donezk klingt, was wiederum genau zum Gegner passt. Das nächste Tor wird dann wohl ein Hec-Tor. Stef nickt: „Voll aufs Heck.“

Aber jetzt ist die Ukraine am Drücker. In einer waghalsigen Aktion fuchtelt Boateng rückwärts ins Netz fallend mit dem gestreckten Bein den Ball von der Torlinie. „Das war so‘n Millimeter vorm Tor“, staunt Stef aufgebracht und zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen halben Dezimeter an. Wir können kaum mit dem Staunen aufhören, da fällt prompt ein Abseitstor der Ukrainer. „Was‘n das für‘n Krimi!“, echauffiert sich Stef.

Und dann ist Halbzeit. Die Tagesthemen zeigen blutige Nachrichten, die uns mit Entsetzen füllen und einen extremen Kontrast zum Fußballhedonismus bilden. Jakob verteilt Kerzen auf den Tischen und holt uns damit ins Hier und Jetzt zurück. Wir stellen fest, dass an einem der Tische hinter uns die Leute Englisch sprechen. „Das sieht man jetzt öfter“, meint Stef.

Inzwischen ist die zweite Hälfte angepfiffen. Die Bande verrät, dass das Spiel in Lille stattfindet, und hinter dem Ortsnamen steht das Wort „Métropole“. Seltsam, das stand bei den anderen Spielstättenbezeichnungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass „lille“ auf Dänisch „klein“ heißt und die Franzosen da falsche Eindrücke vermeiden wollen.

Jetzt schießt sich Stef auf den ukrainischen Torwart Pjatow ein. „Der kann ja doch was“, grummelt sie bei einer seiner Paraden. Und ergänzt nach der Zeitlupenwiederholung: „Na ja, war ja auch leicht.“ Die Trikots der ukrainischen Spieler geraten ordentlich in Mitleidenschaft. „Auf dem Gelb sieht der Schmutz irgendwie kacke aus“, findet die Modeexpertin neben mir. Nun wird ihr auch mit Jacke zu kalt und sie versucht, im Café eine der Decken zu ergattern. Erfolglos kehrt sie zurück und sieht gerade noch, wie auch Pjatows Spielanzug verunstaltet ist: „Und das Grün sieht auch scheiße aus.“

Ein seltenes Mal sieht man die Ukrainer jetzt im Dauerballbesitz auf das Tor ihrer Gegner zulaufen. „Haben die immer noch den Ball?“, fragt Stef und beginnt, sich darüber aufzuregen. „Nehmt den doch mal weg da!“, schimpft sie und lässt noch ein paar weitere gute Ratschläge vom Stapel. Als sie diese umgehend befolgt sieht, grinst sie: „Das Schönste am Fußballgucken ist das Klugscheißen.“

Überraschender Besuch tippt mich rückwärtig an: Jasmin guckt mir über die Schulter. Wir haben uns ewig nicht gesehen. „Seit ich hier weg bin“, bestätigt die ehemalige Riptide-Mitarbeiterin. „Dabei bin ich oft hier.“ Hm, ich auch, aber gesehen haben wir uns bislang noch nicht. Na, der Fußball bringt uns zusammen. Jasmin nickt: „Es ist gemütlich hier – wenn’s von unten nicht so kalt wär.“ Es solle wärmer werden, wenn auch nicht gleich morgen, weiß sie. In ein paar Monaten könne es hier gern regnen, sagt sie: „Dann bin ich in Italien.“ Da bin ich auch immer gern. Ihr Wunschziel für dieses Mal ist Sizilien oder Sardinien, besonders letztere Insel gefiele ihr: „Ist ruhiger.“ Da ich immer mit dem Auto nach Süden fahre, bleibe ich in Ligurien hängen – auf den Inseln war ich noch nicht.

Der Receiver setzt aus. Den Kehlen um uns herum entfährt ein Geräusch, das ungefähr dem skandinavischen Buchstaben „å“ entspricht. Doch nachdem das Bild wieder läuft, ist Stef ungehalten: „Das ist alles viel zu langsam hier.“ Sie meint das Spiel und überträgt ihren Unmut auf die Gesamtsituation: „Selbst die Chips werden schlabberig wegen der Feuchtigkeit.“ Was das Spiel betrifft, hat sie aber doch Recht. Der Ball rollt ins Aus, der Ansager spricht von der „Möglichkeit zum Wechsel“. Jetzt wird wohl das Land gewechselt. Stef nickt: „Ich bin jetzt für die Ukraine.“ Ein weiteres Indiz dafür, dass das Spieltempo gedrosselt ist, steuert der Sprecher bei: Er faselt vor sich hin. Gerade ist irgendetwas zu hören von „… wir den einen Freistoß von …“, da versteht Stef: „Den alten Fleischkloß???“ Ich bekomme Schnappatmung. Nein, Schweden spielt nicht, auch wenn die Trikots der Ukrainer so aussehen. „Wenn Schweden gegen Deutschland spielt, spielt dann Köttbullar gegen Bulette?“, fragt Stef. Klops, wende ich ein und versuche, meine Atmung zu kontrollieren.

Einmal mehr sind die besudelten gelben Trikots zu sehen. „Wie die aussehen!“, moniert Stef. „Als hätten die sich im Schlamm gesuhlt.“ Die Trikots der Unsrigen sind obenrum weiß und untenrum schwarz: „Bei den Deutschen sieht man das nicht so.“ Klar, weil der Hosenboden von sich aus schon schwarz ist. Und dabei ist der Rasen erst zwei Wochen alt. „Der kann doch noch gar nicht dreckig sein“, meint Stef.

Pjatow ist wieder Stefs Unmutsrezeuger. „Der Torwart nervt“, sagt sie, weil die deutschen Spieler immer wieder vergebens versuchen, den Ball an ihm vorbei ins Netz zu friemeln. „Kann der nicht mal Pause machen?“ Macht er natürlich nicht, aber die Spieler ebenso wenig: Unablässig halten sie aufs Tor zu und wirbeln dabei ganz viel Gras auf. „Guck mal, was die da machen mit dem Rasen“, ruft Stef. „Der ist gerade neu! Da können sie mal ein bisschen vorsichtiger mit umgehen.“

Kurz vor Ablauf des Spiels wechselt Jogi Löw Schweinsteiger ein. In einem Konter läuft der los, bekommt den Ball auf den Fuß und manövriert ihn ins Tor. Abpfiff, 2:0 gewonnen. Wie der strahlt! Verglichen mit vor zehn Jahren ist aus dem pickligen Schweinsteiger ein richtig sympathischer Mensch geworden, den man schon allein vom Hingucken doll mögen kann. Wer sich so freut, der hat sein Tor auch verdient. Jetzt zerren sie Mustafi vors Mikrofon und fragen ihn irgendwas. Während der Antwort zupft er sich am Ohrläppchen. „Die fassen sich auch immer zuerst ans Ohr“, sagt Stef. „Typische Fußballergeste.“ Da hat sie Recht, das ist mir noch nie so aufgefallen. Dann zeigen sie Boatengs Parade noch einmal, dazu ein paar lustige Parodien, die sofort im Internet herumgeistern. Die beiden Studiosprecher erinnern sich, dass Ditmar Jakobs sich bei einer solchen Aktion einst den Rücken aufritzte, als die Netze noch mit Haken am Gestänge befestigt waren. Und war da nicht auch mal ein aufgeschlitzter Oberschenkel die Folge von so etwas? Ich frage Chris, der gerade den Beamer abmontiert, wer das mit dem Oberschenkel war. „Der Trainer von Duisburg, Ewald Lienen“, kommt es sofort. Das war aber durch eine Stolle, unter dem Schuh eines gegnerischen Spielers, setzt Chris fort. „Das mit dem Rücken war wer vom HSV“, weiß er, und als guter Zuhörer bei Fußballübertragungen kann ich sofort Ditmar Jakobs anführen. „Der musste danach seine Karriere beenden“, ergänzt wiederum Chris.

Im allgemeinen Aufräumen geschieht Aline am Nachbartisch das Missgeschick, dass ihr eine Teetasse zu Boden fällt und in Millionen Scherben zerschellt. Jakob steigt mit einer leeren Getränkekiste in den Händen darüber hinweg und bemerkt lapidar: „Na, die ist ja maximalzersplittert.“ Wir noch nicht, deshalb bestellen wir noch je ein Bier und lassen den Fußball Fußball sein. Auch bei Regen und Nichtsowärme ist es doch schön hier. Bald wieder!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#103 Ja, Mai!

31. Mai 2016


Dienstag, 31. Mai 2016

Argh, ich muss unbedingt ins Café Riptide! Ist schon der letzte Tag im Monat, und ich hatte noch gar keine Zeit, mich mal wieder ausführlich mit den Aktivitäten dort zu befassen. Immer war was, und so verstrich der Mai wie nix. Wenn wenigstens die unangenehmen Monate so flott vorbei wären wie dieser. Obwohl, so richtig durchgehend angenehm war er ja nun auch wieder nicht. Pfingsten war dank der Eisheiligen ein Schlag ins Wasser und seitdem ist der Mai ein Mix aus Frost und Schwüle, teilweise gefühlt gleichzeitig. War nix diesmal mit gechilltem Rumlungern auf der Teppichoase des Mokkamakers beim Mittelaltermarkt, was aber auch daran lag, dass der Mokkamaker nicht mehr dabei war und der Ersatz aus der Oase einen bestuhlten Unterstand machte. Weniger gemütlich, bei Regen aber zweckdienlicher, also versehentlich richtig.

Der Mai, der Monat der Feiertage; außer Ostern und Weihnachten hat’s fast alles in den Wonnemonat verlegt. Sogar den 1. Mai. Ha, ha. Dabei war der dieses Mal gar nicht so besonders, als arbeitgeberfreundlicher Sonntag. Und weil die Kirche im Rheinland so unklassenkämpferisch war, fand an dem Tag die Konfirmation meiner jüngsten Nichte statt, in Bonn, und ich konnte nicht zum DGB-Fest am FBZ, dem früheren. Na, was mir da an multikulturellem Flair entging, kann ich am 4. Juni bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt nachholen. Aber trotzdem! Immerhin brach an Himmelfahrt der Namensgeber auf und erfreute die Bierseligen mit allerbestem Sommersonnenwetter. So gut, wie es nach jenem Wochenende nicht mehr werden sollte.

Was nun nicht Feiertag war, nahm mich ansonsten trotzdem zu sehr in Beschlag, um ins Riptide zu gehen. Abgesehen von einem Treffen mit einer Cousine, die ich seit 25 Jahren nicht sah und die mich auf Facebook entdeckte. Ja ja ja, nicht alles ist schlecht an Facebook. À propos, noch gar nicht gecheckt heute. Egal. Nicht mal zu Sound On Screen schaffte ich es, aber dafür zum nächsten Mal ganz gewiss, wenn am 23. Juni eine Auswahl großartiger David-Bowie-Videos im Universum-Kino zu sehen ist. Ich hoffe sehr, dass auch mein Favorit dabei ist: „I‘m Afraid Of Americans“ mit Trent Reznor, der das Stück dafür auch remixte. Und natürlich „Blackstar“, das zehnminütige Titelstück zum letzten Album. Beim letzten Sound On Screen war „All Tomorrow’s Parties“ zu sehen, eine Dokumentation über die Festivalreihe, die jedes Mal von einem anderen Musiker kuratiert wird. Im Vorprogramm lief zum dritten und letzten Mal der Trailer zu dem Riptide-100-Film, den Micha A. und Stef zurzeit mit mir erstellen. Das Komplizierte daran ist, Text und Bild übereinzubringen; Micha zeigte mir den Rohschnitt. Und wir füllten die erforderlichen Lücken erst kürzlich mit Über-die-Schulter-Schüssen mit Blick auf den Laptop, an dem ich den Text erstellte, der im Film zu hören sein wird. Kompliziert? Ist es. Wir hoffen nun darauf, dass der fertige Film dann nicht nur online zu sehen sein wird – es gibt da deutliche Signale, über die wir uns freuen wie Schneekönige im Mai.

Das nächste Projekt läuft zur Zeit in Olafs Arbeitszimmer: Er erarbeitet das nächste Album seiner Blinky Blinky Computerband, mit mehr Gästen als sonst, darunter mit Überraschungen (Olaf mischte zum Beispiel Arnis Gitarrenarbeit auf unkonventionelle Weise in seinen Elektrosound – digital trifft organisch) sowie auch wieder meiner Stimme. Unter anderem! Aber dazu später mehr. Unsere Aufnahmen verliefen wie immer, wenn wir zusammen etwas machen: Olaf spielt mir Demos vor, die lasse ich auf mich wirken. Nach einer Weile bitte ich um Zettel und Stift und Olaf stellt mir das Mikrofon hin. Wie beim Film ist die Nacharbeit das Umfangreichste. Ich bin so gespannt auf das Album. Das präsentiert Olaf am 1. Oktober im Tegtmeyer beim „Strange Electro Pop Festival“, mit den weiteren Gästen Synergy, Infernosounds und – man höre und jubele – Psyche, die seit 1985 aktiv sind und deren Songs „Eternal“, „Brain Collapses“, „Disorder“, „Unveiling The Secret“ sowie das Q-Lazzarus-Cover „Goodbye Horses“ bis heute in den Gruftclubs rotieren.

Auch im Mai fand der jüngste Tanztee von Rille Elf statt, leider an Muttertag und dem eben sehr warmen Wochenende, weshalb der Keller im Tegtmeyer recht leer blieb. Doch wir waren ganz Rock‘n'Roll und bildeten bis zum „Tatort“ mit sechs DJs die Mehrheit über die maximal vier Tänzer. Da kennen wir nix und ziehen durch! Ob wir das mit unserem ersten „Ball im Bierhaus“ auch machen, wissen wir indes noch nicht: Der Termin ist für den 16. Juni angesetzt, an dem leider auch die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes Spiel im Zuge der EM bestreitet. Wir könnten uns ein Beispiel an der Zappen.Duster.Band aus Wendschott nehmen, die auch vor einer Handvoll Leuten von halb neun bis Mitternacht den Hof von Harrys Bierhaus rockte. Wir könnten aber auch klein beigeben und von uns aus sagen, dass wir auf einen Tag mit weniger Begleitprogramm vertrauen. Steht noch aus!

Mit Rille Elf waren wir auch im Mai bei Radio Okerwelle zu Gast. Florian lud uns in seine Sendung „Whats Up“ ein. Was für ein Spaß! Florian ist ein großartiger Gastgeber, der sich mit dem Metier auskennt und nur bei einem Song unserer gewohnt wilden Auswahl sagte, dass er ihn nicht kannte. Respekt! Die Show gibt’s auf Mixcloud nachzuhören.

Und dann war Alfred Hilsberg in Wolfsburg, auch das im Mai, und zwar als Talk-Gast im Kunstverein. Im Gespräch mit dessen Vorsitzenden Justin Hoffmann, seinerseits Musiker bei F.S.K., sprach er über seine Labels Zickzack und What’s So Funny About, die Neue Deutsche Welle und seine Wurzeln in Wolfsburg. Die erste Single von F.S.K. trägt übrigens die Katalognummer ZZ6: Hilsberg veröffentlichte sie seinerzeit auf seinem noch jungen Label. Das Gespräch war unterhaltsam und erhellend, da trafen zwei beseelte Experten aufeinander, ergänzt durch Anita Placenti-Grau vom Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation und Hilsbergs Biografen Christof Meueler.

Und außerdem war ich auch im Mai eine Woche im Urlaub, in Dänemark, auf der Insel Mors, deren Name Programm ist: Der Mors der Welt hat da bestimmt eine Exklave. Ringsum, auch in Thy, schlossen die Restaurants schon um 21 Uhr, sofern sie denn überhaupt geöffnet hatten. Also genau das Richtige, um mal runterzukommen. Dafür ist die Gegend dort so abwechslungsreich, wie selbst viele Dänen nicht ahnen: Ans Hobbitsche Auenland erinnernde liebliche Hügel enden abrupt direkt am Limfjord und bilden dort Steilküsten. Steht man am Wasser, kreischen keine Möwen, sondern es ruft der Kuckuck. Und in der Dünenlandschaft von Thy sieht es auf unüberblickbarer Fläche aus wie in einer Wüstenei. Und dann dieser Fisch! Und der Sturm, der die Nordsee mit einer gigantischen Wucht an die Kaimauern von Hanstholm preschte!

Nur Plattenläden haben sie dort nicht. Nicht mal Ketten, Fona zum Beispiel hat jüngst seine Filialen in Kleinstädten geschlossen. Strukturschwach wie Brandenburg. Sogar eine einst für viele Bewohner von Mors relevante Fähre verbindet die Insel seit diesem Jahr nicht mehr mit Südthy, dafür müssen sie jetzt einen erheblichen Umweg über die Brücke weiter nördlich nehmen. Als ich vor 20 Jahren schon mal dort unterwegs war, gab es noch drei Fähren zur Insel – jetzt nur noch eine, aber zwei Brücken. Und keinen Plattenladen.

Ja, ich muss dringend ins Riptide. Das neue „intro“ sollte da sein, außerdem will ich mal fragen, ob sie mir „Black Yo)))ga“ besorgen können. Gut. Dann also los! Bis gleich!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#102 Ich hör dich rufen, Marian!

27. April 2016


Mittwoch, 27. April 2016

Es ist ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, wenn man sich selbst auf einer Kinoleinwand sieht. Und mir ist dieses höchst besondere Ereignis tatsächlich zuteil geworden: Dank Stef und Micha A., und dank Beate. Sie brachten den Trailer zum Riptide-Film, an dem Stef und Micha immer noch arbeiten (deshalb jetzt schon Eintrag Nummer 102 und die Nummer 100 weiterhin offen – ihr Konzept für den Film zum 100. Blogeintrag stellt sich als weitaus komplexer heraus, als sie selbst dachten), ins Vorprogramm der gegenwärtigen Sound-On-Screen-Staffel im Universum-Kino. Beim ersten Mal, dem Film „Jaco“, war ich nicht dabei, aber Schepper, der auch in dem Trailer zu sehen ist. Dafür schnappte ich mir diesen meinen Lieblingsbassisten und sah mir mit und neben ihm dann „Dont Look Back“ an, den Film über Bob Dylan, der nur echt ist ohne Apostroph im Titel, und da fand dieses obskure Ereignis statt: Mich selbst sehen, in groß, auf der Leinwand, die ich schon bestimmt 800 Mal anstarrte, seit 1990, grob geschätzt, nur dieses Mal eben nicht nur als Betrachter, sondern auch als Betrachteter. Sehr seltsam. Am 19. Mai zu „All Tomorrow’s Parties“ gibt’s die dritte Gelegenheit dazu, Beate sei Dank. Großen Dank!

Wie immer gab es ein Anschlussprogramm im Café Riptide, und passend zum Thema trat Marian Meyer auf, Braunschweiger Singer-Songwriter. Ihn mag ich, ebenso wie seinen Berufskollegen Till Seifert. Und immer, wenn ich Marian treffe, sagt er dasselbe: „Hey, dich kenne ich!“, mit einem strahlenden Gesicht, gottlob. Das freut mich sehr, dass er mich nicht vergisst; und jedes Mal erzähle ich ihm dann, dass er mich daher kennt, dass ich ihn mal nach einem Auftritt aus Wolfsburg im Auto mitnahm. Und auf dem Beifahrersitz saß Schepper, den Marian wiederum sofort erkennt.

Und à propos „Marian“. Diesen Song, ursprünglich von den Sisters Of Mercy, coverte deren Ex-Gitarrist Wayne Hussey kürzlich solo, ohne seine Band The Mission, und veröffentlichte ihn als 7“. Will ich natürlich haben und frage Chris danach, doch Manni neben mir am Tresen winkt ab: „Die ist zum englischen Record Store Day rausgekommen, die kannst du hier nicht bestellen.“ Chris lässt sogleich die Finger von der Tastatur und bestätigt, dass etwa US-Veröffentlichungen hier nicht verkauft werden dürfen und europäische dort nicht und so. Wie schade.

Über die Zeit wird mir der Record Store Day immer unsympathischer. Dieses Mal gab es für mein Interesse keine einzige exklusive Schallplatte, nur Wiederveröffentlichungen und Livesachen. a-ha live in Südamerika, aber mit nur fünf Songs und von 1991. Mal wieder ein Livealbum von den Simple Minds, als rotes Doppel-Vinyl, allerdings mit nur zwei Fünfteln des gesamten Konzertes, das andernorts komplett erhältlich ist. Ist ja musikalisch ganz geil und auch angemessen hörbar aufgenommen, aber. Es hat einen unappetitlichen Beigeschmack.

Sowas wie „Marian“ hätte ich mir lieber gewünscht. „Auf Discogs findest du sie“, rät mir Manni. Guter Tipp, auf Amazon hab ich sie auch schon gesehen. Chris ist erschrocken: „Das dürfen die doch gar nicht…?“ Nee, Privatverkauf. Und tatsächlich, als Chris nochmal guckt, findet er die Single nicht in seinem System. „Glaubt man gar nicht, aber ich bin großer Sisters-Of-Mercy-Fan“, sagt Chris und deutet auf das Rerelease von „Floodland“ hinter sich, mit den 12“es der Zeit als Bonus drin. „Wenn ich sie höre, dann aber nicht die Alben“, sagt Chris. Sondern „Some Girls Wander By Mistake“, die Compilation mit den frühen EPs, als sie musikalisch noch minimaler waren, mit „Body Electric“ und dem tollen Rolling-Stones-Cover „Gimme Shelter“. „Auch die Originalversion von ‚Temple Of Love‘ ist besser als die mit Ofra Haza, die ist superkalt“, findet Chris, und ich stimme zu. Den Song kann man auch immer noch spielen und die Tanzfläche ist sofort voll.

Mein zweites wichtiges Ereignis nach dem Kinoding war das Gespräch mit Oliver Kalkofe am Montag. Seine Aktivitäten verfolge ich seit ungefähr 25 Jahren, habe alle DVDs der Mattscheibe (darüber hinaus sehe ich kein fern) und bewundere seine klare Zusammenfassung der Böhmermann-Staatsaffäre. Für mich ist er der wichtigste Medienkritiker in Deutschland, noch vor Bernd, das Brot. Zurzeit ist er wieder mit seinem alten Kumpel Dietmar Wischmeyer als „Die Arschkrampen“ unterwegs, was einen sehr starken Kontrast zu seiner ernsthaften Politkritik darstellt. Die Tour eröffneten die beiden ausgerechnet in: Wesendorf. Lüneburger Südheide, Nordkreis Gifhorn. Das Wesendorf, das sich lange über seine Kaserne definierte. Ausgerechnet das Wesendorf, in dem ich die ersten 26 Jahre meines Lebens verbrachte. Zu dem ich fast gar keinen Bezug habe, und damit heute nicht wesentlich weniger als damals, als ich dort noch wohnte. Dort haben die Arschkrampen also ihren Tourauftakt. Und zwar, weil sie mit dem Groß Oesinger Hoax-Sänger Vincent befreundet sind, der das Duo schon 1994 in die Schützenhalle brachte, Pardon: in das Kulturzentrum. Die Hütte war gerammelt voll und die Leute feierten die Gags, die Kalkofe und Wischmeyer ihnen drei Stunden lang um die Ohren schlugen. Und danach, also kurz vor Mitternacht, als Fanfotos gemacht, Autogramme gegeben und Smalltalks geführt waren, hatte ich die Chance für ein winziges Interview mit Kalkofe, für Stefs Blog Kult-Tour Der Stadtblog und mein Krautnick-Magazin. Ein Traum wurde wahr, den ich nicht mal zu träumen wagte. Und dann ist der Mann auch noch bodenständig, sympathisch, zugänglich. Was will man mehr. Okay, mehr Zeit für mehr Fragen; Tiefgang im Gespräch ist bei Leuten wie Kalkofe und Wischmeyer (der währenddessen damit fortfuhr, den Fans zur Verfügung zu stehen) definitiv gegeben, da wäre ich gern tiefer abgetaucht. Den Tiefgang nimmt man auch in ihrem Programm wahr, das eben weit weniger oberflächlich ist, als es die Fäkalvokabeln erscheinen lassen. Ja, eindeutig: Das hier ist grad Fandom par excellence, aber hey, das erlebt man nun mal nicht alle Tage. Und dann ausgerechnet in Wesendorf. Dem Anagramm von Dosenwerf, wie ein Mitschüler seinerzeit feststellte.

Nun hat das Dorf also einmal gepunktet. Trotzdem bin und bleibe ich mit Leib und Seele Braunschweiger. Zugezogen, aber überzeugt. Trotz allem. Und von „allem“ gibt es einiges, aber das ist grad mal egal. In Braunschweig bin ich gern unterwegs, nicht nur im Handelsweg. In Braunschweig gibt es eigentlich recht wenig, aber dafür viele Möglichkeiten. Den Tanztee im Tegtmeyer mit Rille Elf, für die ich extra vor einem Monat erst bei Facebook eingetreten bin, trotz meines gewaltigen Sträubens, oder die Indie-Ü30-Party im Nexus, die wir jetzt seit neun Jahren dort machen und für die wir vorher immer in einer Mammutaktion an 50 Stationen in der Stadt Flyer und Plakate verteilen. Auf diese Weise gerieten wir zufällig erstmals in die Vita-Mine, die Galerie mit Veranstaltungsmöglichkeiten von Thorsten Stelzner in der Karl-Marx-Straße. Wir hatten keine Ahnung, mit wem wir es da zu tun hatten, und blieben prompt anderthalb Stunden auf ’nen Kaffee und viele Gespräche bei ihm. Wie wir auch sonst oft bei freundlichen Leuten hängenbleiben, denen wir eigentlich nur unser Papier aufdrücken wollen: darunter Kingking Shop, Troja, Apo, Erna & Käthe, Leseratte, Brunsviga und natürlich Riptide. Eine Tour, die zwar anstrengend ist, aber mächtig Spaß macht. Ohne die die Party unvollständig wäre.

Auf Rundtour durch Braunschweig war auch Barnim gestern, mit dem Fahrrad. Das ist mal eine respektable Sache: Über ein Crowdfunding-Portal finanzierte er das neue Album seines Akasha Project, „Spheres“. Natürlich gehörte ich zu den Supportern. Dank Facebook wusste ich, dass das fertige Album bei ihm eingetroffen war, und fragte mich schon, wie es in meine Hände gelangen mochte, als es an der Tür klingelte und Barnim die Treppe hochwetzte, mit der CD im Rucksack. Er brachte sie persönlich bei allen Braunschweiger Supportern vorbei. Respekt! Deshalb hatte er aber leider auch keine Zeit für einen Kaffee am Blauen Tisch bei uns.

Den bekam Micha dafür an einem anderen Tag. Grad kam ich vom Wochenmarkt, auf dem übrigens auch Barnim arbeitet, wie so manche andere Kulturgröße ebenfalls, als Micha vor der Tür stand. Natürlich kredenzte ich ihm einen Kaffee. Wir unterhielten uns, und ich hatte eine Anwenderfrage zu Facebook, die er mir aber auch nicht beantworten konnte, obwohl er dort länger unterwegs ist als ich. Wie so ziemlich jeder Mensch auf der Welt. „Wahrscheinlich weiß das nicht mal Herr Zuckerberg“, mutmaßte Micha. Vermutlich hat der nicht mal einen Account bei Facebook, mutmaßte ich, sondern bei Google Plus. Micha behauptete, dass Zuckerberg sich ohnehin mehr um seine Tochter zu kümmern habe, und dass die vielleicht „Google“ heiße. Denn: „Immer muss er sie suchen.“

Micha kommt jetzt auch ins Riptide und lacht. Weil wir uns vor wenigen Minuten erst kurz vor dem Universum voneinander verabschiedeten. Grad war ich von Graff gekommen, wo ich eine seltsame prophetische Koinszidenz erlebte. Denn kürzlich erst sortierte ich meine Comics neu ins Regal ein und stieß dabei auch auf meine Percy-Pickwick-Sammlung. Kennt kaum einer, ich lernte den Detektiv damals übers Yps-Heft lieben. Jedenfalls dachte ich gerade noch, dass es bei der Figur zuletzt keine zuverlässige Kontinuität im Albenerscheinen gab; das letzte, „Irische Ballade“, ist bereits acht Jahre alt, zwischen 1995 und 2003 gab es auch schon eine Pause, und naja, zwischen seiner Erfindung durch Macherot 1959 bis 1961 und der Wiederaufnahme durch Jo-El Azara und Greg vergingen auch schon acht Jahre, aber das war vor meiner Zeit. Und prompt steht genau heute bei Graff der neue Band von Percy Pickwick, „und die Geisterfahrer“. Nicht mehr bei Carlsen erschienen, sondern bei Toonfish; egal: neues Futter.

Ja, wenn schon Comics, dann sind es nach meiner Vorliebe keine Superheldensachen, sondern frankobelgische Funnies. Allen voran Spirou und Fantasio. Gerade erst hab ich die Gesamtausgabe der Gaston-Neuauflage durch. Franquin war aber auch ein großartiger Zeichner! Mir kribbelt’s in den Fingern. Deswegen jetzt: Akasha Project hören und dabei Percy Pickwick lesen. Ihr wisst ja, was jetzt zu tun ist: Abschalten!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr