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#101 Der Epilog, der durch ein Wurmloch stieg und zum Prolog wurde

28. März 2016


Montag, 28. März 2016

Frohe Ostern, Ihr Hasen!

Dem aufmerksamen Leser mag zweierlei aufgefallen sein: Es gibt eine zeitliche Lücke zum vorherigen Blogeintrag – und eine mathematische ebenfalls. Der Februar 2016 fehlt. Und die Nummer 100 fehlt. Dazu kann ich beschwichtigend sagen: noch. Sie ist in Arbeit, und weil es sich um eine besonders runde Nummer handelt, bekommt sie eine besonders runde Form. „Ein Z mit zwei Nullen“ wird es nicht, es bleibt schon bei der Eins vorn, aber das Medium stimmt immerhin.

Wer bei der jüngsten Vorstellung von Sound On Screen im Universum-Kino war und sich den Film „Jaco“ ansah, wird eine Ahnung davon haben, wie die Nummer 100 aussehen soll; allen anderen sei empfohlen, sich die nächsten beiden Filme der Reihe anzusehen, weil im Vorprogramm dieser Staffel ein Teaser für die Nummer 100 läuft. Da steckt dann nun endlich das Besondere am ausgelassenen Jubiläumseintrag: Er wird sich bewegen. Das war meine spontane Übernachtidee: Etwas Besonderes im Internet im Rahmen eines schriftlichen Blogs kann ja auch in anderen Medien umgesetzt sein, anders als etwa im Print. Eine kurze Frage bei Stef erwirkte eine Ideenexplosion bei ihrem Filmmitstreiter Micha A., der sich ein Konzept ausdachte, dessen Komplexität nun für die Verzögerung sorgte. Dabei soll das Ergebnis gar nicht lang sein, und trotzdem nimmt die Umsetzung viel Zeit in Anspruch.

Und was für einen Aufwand! Wir scripteten grob den Ablauf, vereinbarten einen Drehtermin im Café Riptide mit unseren Wunschdarstellern und einen weiteren, weil einer von ihnen an dem Tag nicht konnte. Wir schleppten haufenweise Ausrüstung in den Handelsweg und illuminierten das Café. Es muss für die anderen Gäste befremdlich gewesen sein, manche Leute immerzu das Gleiche tun zu sehen. So geht es eben zu im Film, fragt nicht! „Einmal noch“ war der Satz, den ich am häufigsten hörte.

Am ersten Drehtag, noch im Februar, beanspruchten wir schauspielerisch die Zeit von Chris (André war im Urlaub – gegenwärtig ist es andersherum), Micha Z. und Nina, die eine Pause in ihrem Studium dazu nutzte, einmal wie früher das Riptide positiv aufzumischen. Auch Stef übernahm eine Rolle, Micha A. die Technik und das Drehen. Den zweiten Drehtag gestaltete Herr A. sogar noch aufwändiger: Er installierte einen Kamerakran im Achteck, mitten während einer Hochzeitsfeier in der benachbarten Einraumgalerie. Es ging nämlich darum, Schepper in den Film zu integrieren, der auch den Soundtrack dazu liefert. Eigens für meine Lesung aus dem Buch „Die Stadt ist eine Erbse“, das Toddn mit Auszügen aus diesem Blog füllte, hatte Schepper im Sommer einen Song namens „Peas“ komponiert; den wollte ich gern in dem Film haben, weil er die Stimmung des Blogs so treffend einfängt, doch passt er leider nicht zur Stimmung des Films, weshalb sich Micha A., zumindest schon mal für den Trailer, für „The Basstronaut“ von Scheppers Album „Bass Trip“ entschied. Passend, wie Schepper fand, als er den Trailer am vergangenen Donnerstag vor „Jaco“ sah. Direkt nach der Filmaktion im Handelsweg drehten wir mit Schepper bei mir zu Hause, und dort stehen noch weitere Drehtermine aus, die allerdings aufgrund des komplexen Konzeptes noch auf sich warten lassen müssen. Tun.

Es ist ein seltsames Gefühl, sieben, acht Stunden lang zu arbeiten und dann ohne ein für mich greifbares Ergebnis Feierabend zu machen. Die Ergebnisse liegen in Form von Dateien auf den Speicherkarten in Michas Kamera und auf Stefs Festplatte, also gibt es sehr wohl ein Output, aber ich ging mit leeren Händen nach Hause und war trotzdem platt. Aufbauen, machen, abbauen – das Café sah aus wie vorher, ich nicht (Augenringe und so). Außerdem liegt das Gelingen des Blogeintrags jetzt nicht mehr bei mir, oder bei mir allein; jetzt arbeiten andere daran und machen etwas daraus. Das Zwischenergebnis ist zu sehen, wie erwähnt, im Kino. Und auf Youtube. Und hier:



Der Kürze des Objektes geschuldet ist, dass sich nicht alles, was am Drehtag tatsächlich im Riptide geschah, auch im Film niederschlägt. Wir hatten tolle Begegnungen und lustige Gespräche mit anderen Gästen, beobachteten sie beim Gesellschaftsspielespielen, hatten Kinder um unsere Beine herumscharwenzeln und eine Menge kurioser Dialoge untereinander. Micha Z. etwa wunderte sich, dass ich mir die LP von den Nevermen kaufte, ohne sie zu kennen. Wie sollte ich sie sonst kennenlernen? „Na, vorher reinhören“, sagte er. Bei Mike Patton sei das nicht nötig, meinte ich. „Die kaufst du blind?“ Eher taub, ja. Micha überlegte kurz: „Gibt’s hier auch mp3s im Riptide?“ Keine Ahnung, ich verwies ihn auf eine der Kisten neben der Tür, da könne er mal nachgucken. Er blickte auf sein multimediales Mobiltelefon und erzählte von einem Album, das er als mp3 erworben hatte und nachträglich überlegte, das Geld dafür lieber doch nicht ausgegeben haben zu wollen. Ich riet ihm, sie wieder zu verkaufen, und deutete auf die Second-Hand-Kisten. Leider findet sich im Film kein Platz für diesen Dialog. Schade, so wird er für alle Zeiten verloren sein!

Auch ohne Dreh war mir das Riptide natürlich oftmals eine Heimstatt. Etwa an dem Abend, als nebenan in der Einraumgalerie die Ausstellung von Denis Stuart Rose stattfand, den ich noch vom Silver Club kannte. Da spielten parallel im Riptide Lorbass. Wir standen – da deutete sich der Frühling schon zaghaft an – plaudernd draußen im Handelsweg, und immer, wenn jemand die Tür zum Riptide öffnete, versetzte uns der Lorbass-Sound in noch mehr Partystimmung.

Die Nummer 100 ist für uns auch ein Anlass zur Party, ganz gewiss. Wobei 101 auch keine schlechte Zahl ist, schließlich heißt so das Live-Album von Depeche Mode. Hm. Weil grad Zeit ist, suche ich mal zu allen Zahlen von 101 bis Eins etwas aus meiner Sammlung, das mit Musik zu tun hat. Zugegeben, manche Ergebnisse sind reichlich gequält, einige sind im Internet recherchiert, einige wenige kenne ich selbst daher gar nicht, und oft gibt es mehr als nur eine Möglichkeit (da entschied dann mein Geschmack, wenngleich nicht komplett alle Ergebnisse auch wirklich meinem Geschmack entsprechen, da sollte der Platz dann nicht leer bleiben). Zu #99 ließ ich mich ja schon im vorherigen Blogeintrag aus. Hier nun also:

Depeche Mode – 101 (Album)
Sonic Youth – 100% (Song)
Nena – 99 Luftballons (Song)
Metallica – The $5.98 EP (Garage Days Re-Revisited) (EP)
Adolf Noise – Windows ‚97 (Song)
Phillip Boa And The Voodooclub – 1996 (Song)
Ramones – Durango 95 (Song)
Woodstock ‚94 (Sampler)
Current 93 (Band)
Deine Lakaien – Dark Star Tour ‚92 Live (Album)
Erasure – 91 Steps (Song)
Guided By Voices – Blimps Go 90 (Song)
R.E.M. – Pop Song ‚89 (Song)
Orchestral Manoeuvres In The Dark – 88 Seconds In Greensboro (Song)
Bonnie Bianco – Cinderella ‚87 (Album)
Yo La Tengo – 86-Second Blowout (Song)
Spliff – 85555 (Album)
Eurythmics – Sexcrime (Nineteen Eighty Four) (Song)
Daft Punk – Wdpk 83.7 FM (Song)
The Exploited – UK 82 (Song)
Simple Minds – New Gold Dream (81*82*83*84) (Song/Album)
Killing Joke – Eighties (Song)
Gus Gus – Cold Breath ‚79 (Song)
Schepper – Space Trip ‚78 (Song)
Talking Heads – Talking Heads: 77 (Album)
The Alarm – Spirit Of ‚76 (Song)
Die Weltenretter – 75er Jahre (Song)
AC/DC – ‚74 Jailbreak (Album)
The Incredible Bongo Band – Bongo Rock ‚73 (Song)
Neu! – Neu! ‚72 Live! in Düsseldorf (Album)
Faust – 71 Minuten (Album)
Simple Minds – Sound In 70 Cities (Song)
Ministry – Psalm 69 (Song/Album)
The Alarm – Sixty Eight Guns (Song)
Aphex Twin – Minipops 67 (Source Field Mix) (Song)
Bobby Troup – Route 66 (Song)
White Zombie – Thunder Kiss ‚65 (Song)
Input 64 (Sampler)
New Order – 1963 (Song)
Anthony Rother – 62 Minutes On Mars (Album)
à;Grumh… – Ich und meine Ananas (V.01.0.61, 7 Bis) (Song)
Beautiful People – If 60’s Was 90’s (Song/Album)
Patti Smith – 1959 (Song)
Bruce Dickinson – Born In 58 (Song)
Blok 57 (Band)
Toots & The Maytals – 54-56 That’s My Number (Song)
Charlotte Gainsbourg – 5:55 (Song/Album)
Halle 54 (Band)
Ramones – 53rd & 3rd (Song)
The B-52’s (Band)
New Model Army – 51st State (Song)
Ulla Meinecke – 50 Tips (Song)
P1/E – 49 Second Romance (Song)
Les Claypool’s Bucket Of Bernie Brains – 48 Hours To Go (Song)
Wire – Object 47 (Album)
Herbert Grönemeyer – 4630 Bochum (Album)
LCD Soundsystem – 45:33 (Album)
UB40 – UB44 (Album)
Project Pitchfork – 43rd Floor (Song)
Level 42 (Band)
Swell – 41 (Album)
U2 – „40“ (Song)
The Cure – 39 (Song)
Revolting Cocks – 38 (Song)
The Beautiful South – Straight At 37 (Song)
Violent Femmes – 36-24-36 (Song)
Bob Dylan – Rainy Day Women #12 & 35 (Song)
Nine Inch Nails – Y34RZ3R0R3M1X3D (Album)
Sun Ra – Discipline 33 (Song)
32Crash (Band)
Christian Death – Halloween Live October 31, 1981 (EP)
Alien Sex Fiend – 30 Second Coma (Song)
Die Drei Fragezeichen – 29 Die Originalmusik (Album)
A Guy Called Gerald – 28 Gun Bad Boy (Song)
Fantômas – 04/27/05 Wednesday (Song)
Einstürzende Neubauten – 26 Riesen (Song)
The Catch – 25 Years (Song)
Joy Division – 24 Hours (Song)
Welle:Erdball – 23 (C64er Version) (Song)
22 Pistepirkko (Band)
Sigue Sigue Sputnik – 21st Century Boy (Song)
Amorphous Androgynous – 20 Years Behind Bars (Song)
Paul Hardcastle – 19 (Song)
Sigur Rós – 18 Sekúndur Fyrir Sólarupprás (Song)
Heaven 17 (Band)
16 Horsepower (Band)
Depeche Mode – Little 15 (Song)
Die Trottelkacker – 13, 14 Born To Rock (Song/Album)
13&God (Band)
Warren Suicide – Twelve (Song)
U2 – 11 O‘Clock Tick Tock (Song)
Pearl Jam – Ten (Album)
Nine Inch Nails (Band)
Underworld – 8 Ball (Song)
Iron Maiden – Seventh Son Of A Seventh Son (Song/Album)
Birmingham 6 (Band)
Mainframe – 5 Minutes (Song)
Manic Street Preachers – 4 Ever Delayed (Song)
The Cure – Three Imaginary Boys (Song/Album)
2wo (Band)
John Lee Hooker – One Bourbon, One Scotch, One Beer (Song)


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#93 38118 (Ghettofaust)

29. Juli 2015


Dienstag, 28. Juli 2015

Weit komme ich nicht, als ich aus dem Westen über den Prinzenweg in die Innenstadt und also ins Café Riptide gehen will, weil ich dort – natürlich – mit Micha verabredet bin. Denn kaum bin ich am Café Himmelhoch vorbei, stürmen Claudy Soundschwester und Frauke heraus und rufen mir hinterher. In dieser Dreierkonstellation trafen wir uns schon einige Male mehr oder weniger zufällig eben im Café Himmelhoch, und als sie mich nun zielstrebig am Fenster vorbeieilen sahen, eilten sie vor die Tür und warfen mir einladende Worte nach. Natürlich setze ich mich dazu, der beiden und auch des Cafés wegen. Claudy hat sogleich eine Nachricht für Micha, die ich ihm übermitteln soll und auf die er auch schon wartet, wie er mir später mitteilen wird: Ihre aktuellen Flyer mit ihren Workshop-Angeboten verteilt sie noch selbst, ab der zweiten Auflage würde sie auf den Kulturboten zurückkommen. Frauke berichtet von Festivals, mit Blick auf mein New-Model-Army-T-Shirt, dass sie die nämlich am Samstag auf dem Burg-Herzberg-Festival sehen wird; später erfahre ich, dass die Band schon am Freitag für lau auf dem Hannoveraner Maschseefest spielt. Das muss man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen. Das wird keine Oldschoolfeier für veraltete Indiefans, denn sämtliche Alben von New Model Army sind großartig, auch die jüngsten. Frauke war zuletzt auf einem Technofestival, aber nicht mit Knicklichtern, wie ich mutmaße, „auch nicht mit Gummistiefeln“, sondern auf dem Nation Of Gondwana, von dem ich noch nie gehört habe. Vom Line-Up kenne ich gerade mal Der dritte Raum und Raz Ohara, der Rest ist mir fremd. Claudy sagt, dass sie sich von Frauke dazu hat anstecken lassen, morgens im Bad immer Minimal-Electro-Sender im Internet zu streamen.

Nun sollte ich mich aber losreißen, auch wenn es schwerfällt, denn Micha wartet, und ich muss ihn noch etwas länger warten lassen, weil ich noch bei Comiculture etwas zu besprechen habe. Wie verabredet bringe ich nämlich eine Tüte voller Lego-Minifigures mit, von den Simpsons, Serie 1 und 2, meine doppelten Exemplare. Stefan und Tilmann boten mir an, meine Tauschware im Schaufenster auszustellen. Auf einem Zettel vermerkte ich zudem, welche drei Figuren der zweiten Serie mir noch fehlen. Stefan ist gerade nicht da, Tilmann nimmt die Tüte entgegen. Ja, ich gebe es zu: Zwar bin ich dem Ü-Eier-mäßigen Sammelwahn der Lego-Minifiguren nicht ganz so verfallen, sondern lege mir pro Serie gerade mal zwei der 16 verschiedenen Objekte zu, aber die Simpsons bilden leider eine Ausnahme. Und das, obwohl ich die seit rund einer Dekade nicht einmal mehr im TV gesehen habe. Der Mix macht’s: Lego und Simpsons. Und Lego, das ist seit einiger Zeit mal wieder nach vielen Jahren der Einfallslosigkeit wieder richtig gut. Was die in ihren Sets unterbringen, man muss sich nur die Packungen mal genauer ansehen: Kaffeetassen, Würste, Bananen, Hähnchenschenkel, Möhren, alles ist irgendwo versteckt, ob bei Star Wars, im Mittelalter oder den mädchenorientierten Friends. Selbst mein Space-Shuttle-Modell hat eine Kaffeetasse im Cockpit. Und à propos Friends, da gab es – wie schon mal hier an anderer Stelle erwähnt – in der ersten Serie das Set „Traumhaus“ mit zwei so etwas wie Erwachsenen Gastfiguren am Rande des Hauptfigurennukleolus, die sich Peter und Anna nannten. Auf dem Cover sieht man Peter Grillen (Hähnchenschenkel, natürlich) und Anna Rasen mähen – und man erkennt eine markante Ähnlichkeit zu anderen ausgedachten Personen, nämlich Scully und Mulder von „Akte X“. Für alle, die sich also fragen, was diese beiden in der noch anhaltenden Pause vor der geplanten neuen Staffel so machen, deckt Lego auf: Mulder grillt Hähnchen und Scully mäht den Rasen. Überdies haben deren Schauspieler David Duchovny und Gillian Anderson erst kürzlich öffentlich betont, wie sehr sie eine Lego-Version ihrer Alter Egos wünschten. Längst erfüllt!

Nun also endlich zu Micha, der an einem Tisch draußen im Achteck auf mich wartet. Bei einer Fritz-Kola erzählt er, dass er die neue Single „Go“ von den Chemical Brothers sehr schätzt. Da pflichte ich ihm bei, wenngleich es das neue Album „Born In The Echoes“ zunächst schwer hatte, zu mir durchzudringen, ich es nach einigen Durchgängen aber sehr mag und bestätige, dass „Go“ einfach mal ein verdammter Ohrwurm ist. Und überhaupt gar nichts mit der gleichnamigen zweiten Single von Moby aus dem Jahr 1991 zu tun hat. „Das Album kenne ich noch nicht“, sagt Micha. „Ich werde es mir wohl kaufen.“ Er nimmt einen Schluck aus der Kolaflasche. „Hier.“

Draußen zu sitzen, ist nach der Hitzewelle vor ein paar Wochen so mitten im Hochsommer dieser Tage ganz schön mutig, denn uns wird des Windes wegen bald sehr kalt. „Es ist ungemütlich draußen“, stellt Micha fest. „Lass uns reingehen.“ Das tun wir, finden einen Platz neben der Theke, alle anderen sind besetzt, es ist angenehm voll. Neue Bilder hängen an den Wänden, eines davon ist heiß diskutiert: „Das Ende der Scham“ von Marie Dann. Es fällt direkt beim Eintreten ins Auge, weil es in Blickrichtung rechts prangt, übergroß und von einer Lampe hinterleuchtet. Es ist hellblau gehalten und offenbart bei genauem Hinsehen ein Motiv, das in dem Format und der Öffentlichkeit fast anrüchig ist: ein von zwei Fingern gespreiztes weibliches Geschlechtsteil nämlich. Abgesehen von der Farbe ist da nichts, was da irgendetwas versteckt. Anders als auf dem Cover des neuen Albums von Müller & die Platemeiercombo, „Castafiore“, das ein undurchdringliches Dickicht zeigt, in dem man mit nur wenig Vorstellungskraft ein ähnliches Motiv auszumachen in der Lage sein kann. Was natürlich offiziell nicht beabsichtigt und lediglich Ansichtssache ist, schon klar, die schmutzige Fantasie liegt ganz allein im Auge (oder sonstwo) des Betrachters. Interessant an dem Bild ist, wie viele Gäste hinter vorgehaltener Hand darüber tuscheln, obwohl das Motiv selbst nun beim besten Willen keine Hand vor auch nur irgendetwas hält. André freut sich diebisch, dass dies so ist, als er erklärt, dass das Bild im Rahmen der Sammelausstellung zur vierten Ausgabe des HBK-Buches „Kristel“ hängt und dass Marie Dann bereits hier und in der Einraumgalerie gegenüber die „Island“-Ausstellung bestückte.

Momentan ist André fast allein hier, er arbeitet nebenbei Jakob in der Küche ein. Chris hat zurzeit Urlaub, das verriet der mir kurz vor dessen Antritt schon. Urlaub wäre fein, zumindest das Wegfahren; ans Meer, die Seele betanken, war kürzlich mein Ziel, als ich mich morgens ins Auto setzte und gut vier Stunden später in Sønderborg an der Ostsee wieder anhielt. Fisch essen wollte ich gern, und ich erfüllte mir diesen Wunsch im laut Touristinfo einzigen Fischrestaurant der kleinen sympathischen Stadt am Alssund, direkt am Hafen, mit Blick aufs Schloss und auf die Klappbrücke, die alle paar Minuten ihre autoverkehrsbehindernde Arbeit verrichtete, indem sie Booten die Durchfahrt ermöglichte. Mein Menü bestand aus einer Lachspastete, die mit Krabben garniert war, und einer gigantischen Scholle mit Gemüse. Diese Scholle war einfach nur ungewürzt gegart und dann grob mit Salz und Pfeffer bestreut, ein Tropfen frischer Zitrone ergab den Rest. So zart war das Fleisch, dass ich es mühelos von den Gräten schieben und genüsslich verspeisen konnte. War das fein! Dazu ein dunkles Bier und etwas Sonne, was will man mehr am Meer. Na, vielleicht einen lustigen Dialog. Hinter mir saß eine Familie, dem Tonfall nach aus den USA. Die junge Kellnerin kam mit zwei Tellern aus dem Lokal nach draußen, ging an jenen Tisch und sagte zunächst: „The grilled salmon“, stellte den Teller ab, „and the …“, dann hörbar grübelnd, „well, what’s it called in English“, dann laut und bestimmt: „The other fish.“

Nicht Fisch noch Fleisch bestelle ich bei André, sondern wie üblich den Bonanza-Burger mit einer Kaffee-Kola. Micha durchsucht die Taschen seiner Jacke, weil er fürchtet, die Fußball-DVD verloren zu haben, die er hier für seinen Vater erwarb: „Schuld war Ulsaß“, über den Braunschweiger Verein FC Leu 06. Er findet die DVD und setzt sich wieder beruhigt hin. In elfeinhalb Minuten gibt es in dem Film Gespräche mit Zeitzeugen über einen Sachverhalt, in den der Spieler Lothar Ulsaß des Konkurrenzvereins Eintracht Braunschweig verwickelt war. Worum genau es geht, ist mir nicht so recht klar, vielleicht sollte ich mir die DVD auch mal zulegen, sechs Euro sind gerechtfertigt dafür. „Mein Vater sagt, Ulsaß war der beste Fußballspieler, der je in der Eintracht gespielt hat“, sagt Micha. Der Film ist von Dirk Masson, mit dem habe ich mal für die Presse gesprochen, wegen der Aktion „War Heinrich Büssing Eintracht-Fan?“ der Büssingianer, deren Mitglied er ist.

Die Sonne kommt herein, mit dem Effekt, dass die Gäste nun herausgehen. Bis auf uns, wir bleiben drinnen sitzen. Micha wartet auf Steffi, mit der er verabredet ist, was sie mir vorhin gar nicht erzählt hat. Sie wollen etwas essen, doch hat Micha schon jetzt Hunger und bestellt nach längerem Grübeln bei André die vegane Currywurst. Der warnt, dass man die nicht zwingend als Ersatz für eine echte Currywurst auffassen sollte, sie aber einen eigenen Geschmackscharakter habe. So ähnlich bestätigt es Micha, als er das Gericht dann probiert: „Schmeckt interessant.“ Die Stücke sehen aus wie Currywurst, das stimmt, und dazu gibt es Salat. „Ich schmeck zwar die Currywurst nicht, aber das Drumherum.“ Damit meint Micha die Soße: „Ist sehr intensiv.“ Er spießt das nächste Stück auf seine Gabel: „Das könnten auch Gurken sein.“ Später, wenn ich mit Micha und Jens vor der Videothek in der Sophienstraße sitze, wird Sidonie vorbeikommen und mir von einem veganen Mortadellaersatz aus Gurken vorschwärmen – wer weiß also, woraus die Wurst wirklich gemacht ist. Grün ist sie jedenfalls nicht. Die Mortadella aber auch nicht.

Bevor André bald in seinen verdienten Feierabend geht, möchte ich mich von ihm über den fünften Geburtstag der Filmreihe „Sound On Screen“ informieren lassen. „Das wollen wir feiern, mit Mark Reeder und dem Film ‚B-Movie‘“, sagt André. Micha dreht sich mit vollem Munde um: „Ist das nicht mit ‚ner Biene?“ André klopft ihm resigniert auf die Schulter: „Super.“ Und fährt fort, über Mark Reeder zu berichten, der Engländer ist, damals bei Factory Records involviert war, mit Joy Division und New Order und solchen Bands, und der dann aus Langeweile nach Berlin ging, um dort Ende der 70er, Anfang der 80er auf all die Ikonen zu stoßen, wie die Einstürzenden Neubauten. Über diese Zeit gibt es jetzt den Film „B-Movie“: „Den zeigen wir, Mark Reeder selber kommt auch, er legt ein bisschen auf – wir wollen euch feiern und feiern uns gleich ein bisschen mit.“ Termin ist am 11. September, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach dem ersten „SOS“-Film: „The Doors – When You‘re Strange“ lief 2010 genau eine Woche später. „Der 11. September ist einer der wenigen Tage, an die ich mich noch erinnern kann“, sinniert Micha in Erinnerung an die Ereignisse in New York im Jahr 2001. Das ist wenig, finde ich, was ist mit gestern? „Schon schwieriger“, sagt er und geht an die Theke, um bei André einen Milchkaffee und einen Kaffee zu bestellen. „Mit Milch?“, fragt André grinsend, und Micha lacht. Als er sich wieder zu mir setzt, kommt Steffi herein. Sie motiviert uns dazu, uns doch noch einen Platz draußen zu suchen.

Steffi und ich begrüßen uns mit der inzwischen üblichen Ghettofaust und dem Zusatz „38118“. Das brachte mir eine Freundin aus Hessen bei, die als Ex-Punk im Ordnungsamt arbeitet und berichtete, dass man dort zur Ghettofaust seine Postleitzahl sagt. Das ist so blöd, dass ich es liebe und mir sofort angewöhne. Interessant ist dabei, wie unterschiedlich die Leute ihre Postleitzahlen sagen. Dieselbe Freundin erzählte mir übrigens auch, dass ihre Leute dort am Lagerfeuer gerne Torfrock-Songs auf Hessisch singen. Alternierend zur Ghettofaust grüßen Steffi und ich uns auch aus der Ferne mit dem Westcoast-Zeichen der US-Rapper, wir kreuzen bei abgespreiztem Zeige- und Kleinen Finger den Ring- und Mittelfinger zum W, W wie Westliches Ringgebiet.

In diesem Moment tritt André mit einem Tablett an unseren Tisch; er hatte keine Mühe damit, unseren Umzug zu verfolgen. „Ein Kaffee mit Milch“, sagt er und stellt eine Tasse mit Kaffee ohne Milch vor Micha ab, „ein Milchkaffee“, der steht nun vor mir, und André greift ein drittes Mal aufs Tablett und wirft Steffi einen der leckeren Lotus-Karamellkekse zu. „Und ich krieg einen Keks?“, fragt sie verblüfft und gekonnt fangend. „Erstmal, vorab“, bestätigt André, und bevor Steffi die Karte durchblättern kann, rät er ihr: „Komm erstmal an“, und geht zurück. Micha sieht ihr dabei zu, wie sie den Keks aus der Folie nimmt und genussvoll abbeißt. „Guten Appetit, willst du meinen auch?“ Will sie gerne. Von der Firma hab ich einen Brotaufstrich aus diesen Keksen, „Speculoos“ heißt der in Belgien, wo ich ihn entdeckte; es gibt ihn auch in Deutschland, aber unter anderem Namen, zurzeit „Lotus Biscoff“ oder so. Schmeckt leider geil, um mal Deichkind zu bemühen. „Mit Aufstrich bin ich vorsichtig“, sagt Micha. Er habe mal Erdnussbutter probiert, weil er fand, dass sie lecker aussieht, doch: „Schmeckt gar nicht.“ Den Eindruck teile ich, obwohl ich Erdnussfan bin. Nachdem sich Steffi beide Kekse schmecken ließ, entdeckt sie auf meinem Unterteller einen weiteren, den ich nun selbst esse: „Hat er jetzt echt drei gebracht?“, fragt sie erstaunt. „Das ist ja nett.“

Im ganzen Handelsweg treibt die Sonne die Leute nach draußen. Achim sitzt vor seinem Tante Puttchen und liest Zeitung, Helmut lässt sich vor seiner Strohpinte zwar noch nicht blicken, hat aber viele Gäste dort, und Peter öffnet die Einraumgalerie. Dort sind zurzeit Gemälde von John Crisp ausgestellt, kuratiert von seiner Enkelin Fiona, die in Braunschweig wohnt. John Crisp lebte auf einer Insel bei Newcastle und verarbeitete dort künstlerisch seine Eindrücke, die er vermutlich im Zweiten Weltkrieg als Bomberflieger gesammelt hatte. Mit solchen Kenntnissen lassen sich die zeitlos wirkenden, farbenfrohen Arbeiten sehr leicht mit Inhalten füllen. Fiona erbte John Crisps Gemälde und wählte die hier gezeigten Werke aus einem großen Fundus aus, wie sie mir kürzlich erzählte. Ein Foto von der Insel hängt ebenfalls in der Galerie, St. Mary’s Island. Schon wieder die See.

Steffi blättert im Menü. „Ich glaube, ich probiere mal den Riptide-Burger“, überlegt sie, „und dazu einen Agavendicksaft?“ Sie grinst. Ist das nicht eine Reptilienart? Sie greift nach dem kleinen Aufsteller, der auf grünem Papier die saisonalen Angebote anpreist. „Nee, gibt’s noch Ingwer … ?“ Sie sucht vergeblich danach, und ich stelle fingerzeigend fest, dass sie unter „Frische“ nachgucken muss, „Frische Ingwer-Limetten-Limo“ nämlich. André verfolgt den Dialog grinsend von der Tür aus und kommt zu uns. „Ich hätt gern die Frische Ingwer-Limetten-Limo“, ruft Steffi ihm zu. „Natürlich ist die frisch“, grinst André. „Habt ihr noch die alte?“, fragt Steffi schalkhaft. André widerspricht: „Nee, die pressen wir in der Küche ganz frisch aus.“ Steffi will mehr: „Und ich probier mal den Burger, mit Tijuana und Edamer.“

Als Micha und Steffi sich gerade über Michas jüngsten Veranstaltungseintrag auf Steffis Magazin „Kult-Tour – Der Stadtblog“ unterhalten, kommt Raze an unseren Tisch. Er gibt jedem die Hand, und Micha stellt fest: „Dich habe ich ja lange nicht gesehen.“ Raze nickt, schlendert in Richtung Café weiter und sagt: „Ich hol mir mal ein Alkfreies.“ Der Schichtwechsel hat eingesetzt, jetzt sind Aline und Jasmin im Einsatz. Aline kommt mit einem Tablett an unseren Tisch: „Die Limonade?“ Steffi streckt ihr ihre Hand entgegen: „Die ist für mich, danke.“ Aline geht zurück ins Café und kommt stehenden Fußes mit dem nächsten Tablett zurück: „Der Burger?“ Steffi streckt sich ihr erneut entgegen: „Ist auch für mich, danke.“ Jetzt kommt Raze mit einem alkoholfreien Hefeweizen und setzt sich zu uns. „Wir haben uns ja ewig nicht gesehen“, sagt Micha und schüttelt ihm die Hand. Raze ist perplex: „Wir haben uns doch grad schon begrüßt … ?“

Doch Micha meint das auch in Bezug auf Social-Media-Plattformen wie Facebook. „Da hab ich mich abgemeldet“, sagt Raze. Er konzentriere sich vielmehr auf Twitter und Soundcloud, um unter dem Namen DR seine Ambientmusik publik zu machen. Das interessiert Steffi, die die ihr Magazin ebenfalls kürzlich einen Twitter-Account einrichtete und von dem Erfolg noch nicht so recht überzeugt ist. Raze bestätigt, dass man bei Twiter geduldig sein muss. Sie tauschen sich über Hashtags und andere Details aus.

Eigentlich wollte Raze nur kurz nach draußen, um Aufnahmen zu machen, Field Recordings quasi, die er dann zu Musik verarbeiten würde, „aber es ist zu windig“. Ein nichtalkoholisches Getränk hier ist ja auch fein. Und was ist mit dem Tape, das er mal ankündigte? „Das musste ich umkrempeln“, sagt Raze, weil es jetzt wohl auf einem anderen Label erscheinen soll. Er arbeitete auf dem Album unter anderem tatsächlich stilecht mit Tapeloops. Aber: „Es war zu lang, mit 80 Minuten.“ Micha versteht: „Die kriegste nicht gerollt.“ Steffi staunt: „Du bringst eine Kassette raus?“ Raze bestätigt und erläutert, dass das Tape besonders in nichtwestlichen Ländern nicht ausgestorben sei, aber auch in Japan nicht. Aus dem Internet und von Steffen von Cryptic Brood weiß ich, dass nicht nur im Ambient, sondern auch im Black Metal zurzeit Tapes wieder angesagt sind. Steffi ist verblüfft: „Das hab ich gar nicht mitgekriegt.“

Raze und Micha unterhalten sich über den Saisonstart der Zweiten Bundesliga. Schon seltsam, noch Anfang des Monats sahen Micha und ich Spiele der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, aber das ist schon wieder gefühlt sehr weit weg. Ein älterer, in Beige gekleideter Mann schiebt plötzlich sein Fahrrad an unseren Tisch und klopft auf die Platte. „Wissen Sie, wie das heißt hier?“ Während ich noch überlege, was genau er mit „hier“ gemeint haben könnte, antwortet Micha: „Handelsweg.“ Das scheint tatsächlich die gesuchte Information zu sein, der Mann erzählt: „Als Kinder haben wir hier gespielt und das ‚Selam-Bazar‘ genannt. „Sedan-Bazar“, korrigieren wir. „Selam? Sedan?“ Der Mann grübelt, sagt „danke“, schiebt sein Fahrrad weiter und blättert bei Comiculture in der Hefteauslage. „Ich habe noch nie gehört, dass jemand den alten Namen nennt“, sagt Steffi. Bei Razes Familie hingegen sei der sehr wohl noch parat.

Im Eilschritt wetzt Stefan von Comiculture durch den Handelsweg. Ich kann ihm gerade noch nachrufen, dass meine Simpsons-Figuren wie vereinbart bei ihm eingetroffen sind, da ist er schon nickend in seinem Laden verschwunden. So viele Stefans im Handelsweg, allein in der Einraumgalerie sind es drei. Kürzlich entdeckte ich im Internet ein Foto, das jene drei Stefans in Gesellschaft von Steffi zeigt, mit der brillanten Unterzeile: „Irgendwo auf diesem Foto ist ein ‚ie‘ versteckt.“ Steffi grinst: „Das hat Micha gemacht.“ Der bestätigt das: „Stimmt, ist Ewigkeiten her.“ Wir lassen das Treffen nun ausklingen, jeder hat noch etwas anderes vor. Noch ahne ich nicht, dass ich Micha gleich bei der Videothek wiedersehen werde. Es gibt noch so viel zu besprechen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#84 Schmerz!

24. Oktober 2014


Freitag, 24. Oktober

Mein Zahnarzt ist ein Guter, daran gibt es keinen Zweifel, und er kann auch nichts dafür, aber zurzeit ist er einfach Schuld an meinem unwerten Befinden. Zwar war es ihm vor einigen Jahren gelungen, meine Zahnarztphobie zu überwinden, indem er sie ernstgenommen hatte und das auch immer noch tut, aber dennoch obliegt es seinem Berufsstand nun mal, den Menschen eher unangenehme Situationen zu gestalten. So lustig und behutsam dieser Dentist auch ist, er fügt mir Schmerz zu; sicher, es ist weniger als bei seinen Kollegen, aber ohne geht es naturgemäß nicht. Gestern war nun ein Weisheitszahn dran. Ich hatte bis dato noch alle vier und war darüber – Zahnarztphobie sei Dank – auch glücklich. Doch dieser eine war kariös geworden und sein Nachbar gleich mit. Also doppelter Spaß. In Summe drei Spritzen, eine in den Gaumen. Eine Füllung ausgebohrt und neu verplombt, und dann – ich kannte das Geräusch nicht, das ein Zahn im Kiefer verursacht, an dem geruckelt wird. Ich wusste nicht, wie es im Kopf klingt, wenn Teile des maroden Zahns beim Herumruckeln abbrechen. Nun, es ging vergleichsweise und unerwartet schnell und komplikationslos und tat auch währenddessen nicht weh. Das kam erst später, als die Betäubung nachließ, im Verlauf des Nachmittags mehr, am Abend sehr. Heute ist es weniger der Schmerz, der mich plagt – ich habe Kopfschmerzen, und mein Oberkiefer fühlt sich an, als hätte er untrainiert einen Marathonlauf hinter sich gebracht. Das Allerschlimmste ist aber, dass ich drei Tage lang keinen Kaffee trinken darf. Auf Alkohol, Tee und Zigaretten soll ich auch verzichten, das ist weniger problematisch, aber Kaffee – gleich während ich mir morgens mantraartig die neue Maßgabe in den brummenden Kopf diktierte, dass ich dieses Mal auf Kaffee beim Frühstück zu verzichten habe, setzte ich routiniert das Wasser auf. Es ist nicht einfach. Und was mache ich im Riptide? Kein Kafka, kein Milchkaffee, kein Wolters – dann trinke ich eben Viva con Agua de Sankt Pauli. Hauptsache, ich bin im Riptide.

Gestern setzte ich mich nach der Behandlung zu Serge und Sidonie ans Schaufenster der Rip-Lounge. Daran merkt man, dass es Herbst wird: Zwar ist Serges Laden geöffnet, aber der Eigentümer sitzt gegenüber hinter Glas, „auf meinem Hochsitz“, wie er sagt, und raucht. Während ich im Gesicht halbseitig gelähmt froh darüber war, dass das Riptide wieder Suppen im Angebot hat, und mir die Erbsen-Dill-Suppe bestellte, die ich wenige Tage zuvor bei Claudi Soundschwester schon positiv in Nasenschein genommen hatte, legte Sidonie ihre eigene Furcht vor Dentisten dar. Ein einendes Thema, das stellte ich danach auch bei Raute fest, als Katrin von ihren Problemen berichtete und fragte, warum Zähne nicht wie Haare und Fingernägel einfach nachwachsen können. „Dann aber bitte nicht warten, bis sie schwarze Stümpfe sind“, sagt Niclas auf Serges Platz, als ich ihm heute diese Geschichte erzähle. Auch er kennt brutale Zahnarztgeschichten. Mit diesem Schmerz ist man wahrlich nicht allein.

Im Café gegenüber hängen überraschenderweise neue Bilder. Die sind Bestandteil einer Ausstellung der HBK, André reicht mir dazu einen Flyer herüber. Die Werke umrahmen die Release-Party zur dritten Ausgabe des Kristel-Magazins, von dem ich noch nie gehört habe, das HBK-Studenten erstellen. „Die Kunst hängt schon, die Party steigt am 8. November“, sagt Chris. Dann sollen die Kristel-Autoren auch aus ihrem Magazin lesen.

André und Chris sind heute mehr als beschäftigt. Abgesehen von den Wünschen der Gäste, die sie erfüllen, packen sie nebenbei Kisten voll mit Schallplatten. „Am Wochenende findest du uns zum ersten Mal auf der Funkmesse in der VW-Halle mit einem Stand“, erklärt Chris. „Wir wollen uns präsentieren, weil da vielleicht auch Publikum von außerhalb kommt.“ André ergänzt im Vorbeigehen: „Und für die nötige Software für High-End-Geräte sorgen.“ Chris sortiert LPs aus den Fächern nach Alphabet und stellt sie in die Transportkisten: „Der Laden geht auf Reisen, sozusagen.“ Er sammelt eine Art „Best Of“ zusammen, sagt er, „wenn man schon die Gelegenheit hat, zwei Tage lang auszustellen“.

Quasi als Belohnung für die Dentalpein war just gestern meine jüngste Vinyl-Bestellung im Riptide eingetroffen, die selbstbetitelte Debüt-EP von Myrkur. Dabei handelt es sich um das Black-Metal-Projekt einer Frau, Amalie Bruun aus Dänemark, die dort eigentlich modelt oder ansonsten im Pop-Duo Ex Cops aktiv ist und den Black Metal einfach mal ausprobierten wollte. Sie unterfüttert ihn mit mehrsätzigem Feengesang und hätte sich ansonsten offen gestanden einen Produzenten leisten sollen, aber insgesamt macht die Musik schon Spaß. Ein-Personen-Black-Metal-Projekte sind bei Frauen rar und bei Männern häufiger, stellt auch Chris fest. Er erinnert sich an das Projekt Professor aus Hannover, das in den 90ern eine Vinyl-Single mit fiesem Rumpeln veröffentlicht hatte. „Das war ein großer Lachkult bei uns“, grinst Chris. Tatsächlich kann man sich die Single „Academizer“ komplett auf Myspace anhören.

Das Riptide ist am 2. November im Fernsehen zu sehen, berichtet André, wie heute öfter im Vorbeigehen. „Das hat aber nichts mit dem Laden zu tun, das wurde nur hier gedreht.“ Während André wieder in der Küche arbeitet, erläutert Chris, dass es dabei um ein Sozialjugendarbeits-Projekt ging. „Ein Schüler, der gern die Schule klemmt, und eine Lehrerin haben sich hier getroffen.“ Das Fernsehen sei lange nicht hier gewesen, und Chris zählt die Sender auf, auf denen das Café bereits zu sehen war – es waren eine Menge. „Fast alle, außer Arte“, sagt Chris. André steckt den Kopf aus der Küche und grinst: „Meine Lieblingsgeschichte“, beginnt er, und erzählt, dass Pro7 im Rahmen des Kneipenquartetts im Riptide drehen wollte. Die mussten den Termin aber verschieben, und als sie den Ausweichtermin bekanntgaben, war es das Riptide, das absagte und um eine weitere Verschiebung bat: An dem Tag war das ZDF zu Gast. „Das geht, oder?“, grinst André und kehrt in die Küche zurück.

Der Oktober ist quasi-golden, sieht man von den feuchten Momenten ab, die wir auch schon zu erleiden hatten. Aber er ist golden genug, um die Gäste nach draußen ins Achteck zu treiben. Das dann aber teilweise in Schal und Mütze, wie Chris belustigt feststellt, als drei dick vermummte Besucherinnen bei ihm vergnügt zahlen. Parallel zu seiner Pack-Aktion ist er immer wieder gefragt: Die Gäste interessieren sich für die dritte Ausgabe des „12×12“-Heftchens von Katze Bullshit, also Marcel und Eileen Pollex, das sie gratis mitnehmen dürfen, oder für den Vorverkauf für den Poetry Slam im Dezember, der jedoch noch nicht angelaufen ist, „so drei bis vier Wochen vorher“, sagt Chris. Andere reservieren einen Tisch für Samstag, und zwar draußen, „das geht“, sagt Chris, „viele machen das, einfach warm anziehen, und wir haben Decken“. Ein anderer fragt nach dem Lemmy-Frühstück, das aus Whisky und Zigarette besteht: „Geht das auch ohne Whisky, nur Zigarette?“ Chris nickt, auch das geht, gegen geringen Obolus: „Kann ich sie dir gleich per pedes geben?“ Er entnimmt einer Schublade eine Schachtel, öffnet sie, schnippt an die Rückseite und lässt einige Zigaretten hervorragen. Der Gast nimmt sich eine. Chris schließt die Schachtel wieder und legt sie ins Schubfach zurück: „Ich übe noch, dass nur eine rauskommt.“ Anna fragt nach dem Magazin „Druff“, das im Riptide jedoch nicht ausliegt, Nora nach einer bestellten Single, und Chris weiß sofort, welche sie meint: Die Split-EP von Touché Amoré und Piano Becomes The Teeth. Dennoch muss er sie enttäuschen, denn die Single ist noch nicht da. Nora schwärmt besonders von letzterer Band, „das Lied ‚Hiding‘ ist ganz toll, das ist der Grund, warum so viele Leute die Single kaufen“, erklärt sie. „Ich war mit einem Kumpel hier, der hat sie mir vor der Nase weggeschnappt, da musste ich sie mir bestellen.“ Chris würde sie benachrichtigen, sobald das Stück eintrifft, und dabei fällt Nora ein, dass sie schon wieder eine neue Mobiltelefonnummer hat: „Ich habe mir in Berlin mein Handy klauen lassen.“ Zum ersten Mal sei ihr das passiert, in Lichtenberg, „angesagte Gegend“, da habe sie mit einer Freundin auf einer Bank gesessen, und gemerkt habe sie den Verlust erst zwei Stunden später, „weil ich nicht alle fünf Minuten auf mein Handy gucke“. Denen, die dies hingegen tun, sagt Chris, passiert so etwas nicht. Nora habe sofort von einem anderen Handy aus ihre Nummer angerufen, doch sei da schon alles gelöscht gewesen. Das macht sie grimmig: „Ich bin immer ehrlich gebe alles ab, was ich finde.“ Sie habe schon diverse hochpreisige Mobiltelefone gefunden, „aber ich brauche die Handys nicht“. Chris zeigt sich stolz auf diese Haltung: „Bewahr dir das.“

Einen weiteren Flyer legt mir André vor die Nase: Am 6. November läuft in der Reihe „Sound On Screen“ im Universum-Kino der Film „As The Palaces Burn“ über einen Totschlagprozess, in den die Band Lamb Of God in Prag verwickelt war. Im Riptide ermöglicht Till Burgwächter anschließend Einblicke in seine Erfahrungen mit dem Heavy Metal. Der jüngste „Sound On Screen“-Beitrag war „20,000 Days On Earth“, die Fake-Doku, in der der Musiker Nick Cave einen Musiker mit dem Namen Nick Cave spielt. Großartig. Mit einer Party im Riptide, bei der Dennis auflegte, den hab ich lange nicht gesehen, seit er in Berlin lebt. Unter seinen ausgewählten Songs war „Milez Is Dead“, der einzige Song von den Afghan Whigs, der mir etwas bedeutet, da freute ich mich doppelt. Auf dem Weg zwischen Kino und Riptide waren Micha und ich noch bei der Bank, und er bemerkte: „Das wäre praktisch, so ein Geldautomat im Wohnzimmer.“ Was für eine Idee.

Niclas bringt seine Teetasse aus der Rip-Lounge an die Theke und bestellt ein ungewöhnliches Glühgetränk: einen Apfelsaft mit Amaretto und einer Zimtstange drin. Hm. Wenn ich nicht das Alkoholverbot hätte, würde ich glatt versuchen, damit meine Kopfschmerzen zu betäuben. Ich fürchte, dass sie davon allerdings nur noch stärker würden. Ich habe auch viel mehr Hunger. Und abermals hm. Noch eine Suppe?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#82 ast.schmuck

15. August 2014


Donnerstag, 14. August

Von einem Sommerloch ist im Café Riptide nichts zu merken. Das Achteck ist schon am Nachmittag voll besetzt, auch im Café selbst füllen sich die Tische. Das leider nicht nur aus Platzgründen, sondern wohl auch, weil der Sommer zurzeit mal wieder in eine Richtung schlägt, die vorzeitig den Herbst erahnen lässt. Gelegentlich gehen Tropfen nieder, die noch gelegentlicher in einen heftigen Schauer übergehen. Man hat es bald satt, sich den meteorologischen Kapriolen zu fügen, und setzt sich auch in die Pfützen auf den Bänken, die nicht schnell genug unter die eigentlich dem Schutz vor der Sonne zugedachten Schirmen gezerrt wurden. Es ist ja egal, von welcher Seite man nass wird.

Vor lauter Sommerlochlosigkiet müssen heute Chris und André ran, sie unterstützen ihre Angestellten im Cafébetrieb, beantworten Fragen zu Musikveröffentlichungen, lassen Kaffee in Tassen fließen, nehmen Bezahlungen für Schallplatten entgegen und bereiten in der Küche Speisen zu. Und falls es doch so etwas wie ein Loch im Veranstaltungskalender geben sollte, endet das spätestens am 29. August, wenn die nächste Staffel der Reihe Sound On Screen mit „Fuck The Atlantic Ocean“ im Universum-Kino startet. Der Film begleitet das österreichische Singer-Songwriter-Duo „Sweet Sweet Moon“ auf einer Südamerikareise, die ein überraschender Erfolg auf Youtube den beiden Musikern ermöglichte.

Das Achteck ist bis zum letzten Platz gefüllt, es ist kein Stuhl mehr frei, den ich mir ausborgen könnte, um mich in die Runde vor Serges Laden einzufügen. Also muss es eine Klappbank sein, die am Rand des Achtecks steht, leider nicht unter Schirmen, was für mich bedeutet, dass neben der Unmöglichkeit, mich gemütlich in mein Sitzmöbel zu fläzen, auch noch die Unmöglichkeit kommt, dass ich mit einer nassen Sitzfläche klarkommen muss. Ich bringe Getränke mit, vorher im Riptide erworben.

Ein einzelner Satz ist dieses Mal das Thema der Runde, bei meinem Eintreffen sogar nur ein einzelnes Wort: „doch“. Anlass ist das Buch „Doch mein Herz singt vom Sinn des Lebens“, das Manu der Autorin Sidonie abnahm. Der Kreis diskutiert, ob das „doch“ dem Satz ein Vorleben gibt, und ob der Satz dadurch eine andere Bedeutung, wenn nicht sogar größere Tiefe bekommt. „Das ‚doch‘ rettet sie“, bricht Serge eine Lanze für die Sprachkunst der jungen Autorin. „Aber nur kaltherzig“, schränkt er ein, und ergänzt: „Das ‚Herz‘ geht nicht.“ Sidonie erläutert, dass sie etwas Körperliches in den Titel einbringen wollte, und löst damit die nächste Diskussion aus.

Beim Wort „doch“ fällt mir ein Satz ein, den ich kürzlich in Linden, dem Braunschweig Hannovers, mit dickem Filzer an eine Wand geschrieben stehend sah: „Hey, sollen die ihr Hollywood hinter uns doch abreißen“. Serge missfällt daran der Nihilismus, doch ich sehe da eine Vorgeschichte, vermutlich den erfolglosen Versuch, sich in einen Sachverhalt einzubringen, sowie keinen Generalnihilismus, sondern einen auf Scheinwelten bezogenen, und da ist Serge wiederum Hollywood als Symbol zu abgenutzt und sowohl für sich selbst als auch als Anti-These zu sehr mit vorgegebenen Inhalten behaftet. Besser gefällt ihm der offenbar von einem Legastheniker verfasste Satz, den eine Freundin an einer Bushaltestelle entdeckte: „ICH HASE DICH“. Serge lacht: „Das ist in seiner Unschuld die reine Pointe.“

Sidonies Buch enthält Gedichte, „ungereimt“, wie sie klarstellt, und dazu Illustrationen von einem Grafiker, nicht von ihr selbst, obgleich sie sehr wohl selbst als bildende Künstlerin aktiv ist, wenn auch in anderen Sparten. Sie veröffentlichte den Gedichtband unter dem Namen Sidonie-Felicitas von Schilling, und wem das lang vorkommt, dem sei hinzugefügt, dass sie den offiziellen Namenszusatz „Baronesse“ vor dem „von“ dort sogar noch wegließ. Sidonie bekommt überraschend einen Anruf und verabschiedet sich, herzlich, als sei sie nicht erst zum zweiten Mal in der Runde gewesen. Der Rest des Kreises hofft darauf, dass es auch nicht das letzte Mal war, und ist sich einig, dass es eine respektable Sache ist, wenn jemand schon mit Anfang 20 sein eigenes Buch in der Hand halten kann.

Zwar wird mit Sidonies Weggang ein bequemer Stuhl frei, doch noch bevor ich reagieren kann, nimmt Jasmin diesen Platz ein. Wie üblich gönnt sie sich vor ihrem Arbeitsantritt im Café Riptide bei Serge eine Zigarette. Bald bricht dann einer nach dem anderen auf. Übrig bleiben Niclas, Serge und ich, und als ich mich vor dem nächsten Schauer in den Hauseingang bei Serges Laden flüchte, nehme ich erstmals wahr, dass Piou gegenüber nun Vabel heißt und laut Schaufensteraufdruck „Schmuck-Werk“ anbietet. Genaugenommen heißt der Laden „.vabel“ und das Angebot „schmuck.werk“. Den Laden gibt es im Handelsweg schon seit einigen Wochen, wie mit Niclas und Serge belustigt mitteilen, doch die offizielle Eröffnung steht erst Ende des Monats an. Kein Leerstand im Handelsweg, das ist eine gute Nachricht.

Vor dem Tante Puttchen zelebrieren wie üblich Uwe und Katrin von Raute Records ihren Feierabend. Uwe entdeckt das Buch „Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?“ von Klaus Voormann in Serges Schaufenster. Serge ist erstaunt, dass überhaupt jemand Klaus Voormann kennt, aber hey, er hat es bei Uwe mit einem versierten Schallplattenverkäufer zu tun. „Der hat nicht nur ‚Revolver‘ gezeichnet“, untermauert Uwe gleich seinen Kennerstatus. Stimmt doch, wer sich ein bisschen für Musik interessiert und auch gewillt ist, archäologisch tätig zu werden, stößt im Beatles-Umfeld zwangsläufig auf den Namen Klaus Voormann. Nicht zuletzt zeigte Sound On Screen seinerzeit die Dokumentation „All You Need Is Klaus“, also sollte man dem Namen auch als aufmerksamer Riptide-Gast schon begegnet sein.

Inzwischen ist es dunkel, noch kälter und wenigstens weniger nass. Serge will seinen Laden schließen und Niclas und ich ziehen den jeweiligen Heimweg in Betracht. Da sieht Serge schräg gegenüber in der Einraum-Galerie noch Licht und schlägt vor, dass wir uns die Ausstellung ansehen. Drinnen sitzen Anja und Antje zwischen ganz vielen Stöcken. Auf zwei Plattformen stehen filigrane Holzgeflechte, am Schaufenster hängen grobe Äste scheinbar willkürlich von der Decke. Auf dem Boden liegen, fein säuberlich sortiert, weitere Äste von verschiedenen Baumarten. Ich fühle mich wie im Wald. „Ich hatte heute nur einen Proviantkorb dabei“, höre ich die offenbar hungrige Künstlerin Antje zu ihrer Besucherin Anja sagen. Sofort habe ich ein Bild von Rotkäppchen vor Augen, sie lachen. „Haben wir noch Wein da?“, fragt Anja in dem Zusammenhang. Haben sie nicht, daher geht Antje los, im Ritpide für Nachschub sorgen.

Erst beim Blick auf den Flyer fällt mir auf, dass ich Antje längst kenne, nämlich, als ich ihren Nachnamen Koos lese. So ist das manchmal, der Name bleibt haften, das Gesicht nicht, und als ich sie darauf anspreche, geht es ihr genauso. Zweimal habe ich über sie berichtet, als sie in Wolfsburger Kindertagesstätten Außenbereiche designte. Mit gigantischen Fabelwesen, denen sie mit Mosaikmustern eine farbprächtige Außenhaut verpasste und die den Einrichtungen nachhaltig Freude bereiteten. Außerdem sah ich als Besucher im Klinikum in der Salzdahlumer Straße zufällig mal eine Ausstellung von ihr, da hatte sie riesige Fantasiefische in ein Foyer gehängt. In der Einraum-Galerie begegne ich nun einer Kunst, die ich von ihr noch nicht kenne, die sie aber auch schon länger macht, wie sie berichtet, aber hier zum Teil in ihr Gegenteil verkehrt und um neue Aspekte erweitert.

Das „Astwerk“ soll bis zur Finissage am 30. August wachsen, und zwar mit Hilfe der Besucher. Die sollen sich aus den Materialien, die gebündelt auf dem Boden liegen, bedienen und daraus eigene Objekte gestalten, die Antje wiederum in den hängenden Wald integriert. Ein solches Objekt sehen ich bereits in dem Raum. „Das ist von mir“, sagt Anja. Ganz willkürlich soll die Beteiligungskation aber nicht verlaufen, Antje hat für das „Astwerk“ ein Konzept: „Ich bin gespannt auf die Leute, die da mitmachen“, sagt sie.

Mit dem „Astwerk“ verändert Antje viele eigene Konzepte und Herangehensweisen. Exemplarisch stehen die beiden dünnen Geflechte im Raum, die sie vor Jahren aus Industriestäbchen gefertigt hatte. Später wechselte sie zu organischen Stöcken, wie denen im Schaufenster. Solche Stock-Objekte errichtete Antje sonst ausschließlich draußen, jetzt erstmals in einem geschlossenen Raum. Und: Erstmals beteiligt sie Gäste daran, „vom Ich zum Wir“, so Antje. Den Veränderungsprozess des „Astwerks“ hält ein Fotograf bis zur Finissage täglich fest.

Eine weitere Arbeit ergänzt die Ausstellung: An der Wand hängen zwei weiße Leinwände mit Robinien-Schoten. „Die habe ich beim Materialsammeln mitgenommen“, berichtet sie. Die beiden Leinwände sollen absichtlich etwas Skizzenhaftes haben, keine fertigen Werke sein, damit sie besser ins Gesamtkonzept passen. Interessant: „Die Schoten wirken wie fest angebracht, haben aber nur zwei Auflagepunkte.“ Ein filigranes Ding also, das in der Tat gar nicht so wirkt.

Es ist Zeit für den Heimweg. Vielleicht komme ich ja nochmal vorbei und gestalte aus Zweigen, Ästen und Bindfäden ein Objekt, das Antje in den Hängewald einfügt. Das wäre ja auch eine Art, ein Sommerloch zu stopfen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#79 Prozessor Hastig

26. Mai 2014


Samstag, 24. Mai

Wenn man dieser Tage am Tage durch den Handelsweg geht, kreischen wieder die Schwalben zwischen den Dächern. Sie haben einen erstaunlichen Effekt: Strahlen sie selbst eigentlich eher Hektik und Nervosität aus, in ihrem lautstarken Bestreben, sich zu ernähren und damit ihr Überleben zu bewerkstelligen, flößen sie mir damit als Untensitzendem Ruhe ein. Zumindest an den Tagen, an denen ich nicht selbst für meine Nahrung sorgen muss, sondern entspannt im Riptide-Achteck Getränke und Speisen einnehmen kann.

Dieser Tage ist der Donnerstag, immer eine kurze Weile vor dem Schichtwechsel zwischen Schwalben und Fledermäusen, ideal, um durch den Handelsweg zu streifen. Es dämmert spät, ist schon angenehm warm, und es ist entsprechend viel los, zwischen Einraumgalerie und Tante Puttchen. An diesem Donnerstag zeigte das Universum den Film „Another Day Another Time“ als Begleiter zu „Inside Llewyn Davis“, dem jüngsten Werk der Coen-Brüder über einen gescheiterten Musiker der in den 60ern erst aufkeimenden neuen Folk-Szene. Kein Wunder, dass man also an einem solchen ereignisvollen Tag von den wie immer gastfreundlichen Einraum-Galeristen bis zu Filmfest-Mitgliedern überall mit Leuten ins Gespräch kommt.

Die Kulisse für viele dieser Begegnungen bildete die Ausstellung „Über Land und Mehr“ in der Einraumgalerie, in Kooperation mit blackhole-factory und dem Theater im Glaushaus, einer Schauspieler-Gruppe der Lebenshilfe Braunschweig. Am heutigen Samstag ist leider schon Finissage der Ausstellung, bei ebenso guter Wetterlage wie am Donnerstag, und dieses Mal reicht die Flanier- und Verweilmeile sogar vom Comicladen, vor dem Leute um Chef Stefan an einer Biergarnitur mit Karten handeln und spielen, bis hin zum Tante Puttchen. Überall sitzen Leute draußen und verbreiten eine der wohltuenden milden Luft angemessene Laune.

Was es mit der Ausstellung auf sich hat, erklären mir Elke und Martin von blackhole-factory. Zu sehen sind in der Galerie zwei große Projektionen, eine mit Punkten in drei Farben, von denen manche über den MS-DOS-blauen Hintergrund wandern, und eine mit Filmaufnahmen vom Hochwasser in Braunschweig im vergangenen Jahr. Die Kamera taucht bisweilen unter die Wasseroberfläche, das gibt einen gleichermaßen geheimnisvollen wie anziehend bedrohlichen Eindruck. Diverse Gegenstände und zunächst kryptische Schautafeln säumen die Schau. „Das ist eigentlich ein Performance-Projekt aus dem letzten Jahr“, erklärt Martin. Die TiG-Leute waren auf Expedition in der Stadt und im Umland zu für sie unbekannten Orten. Dort erkundeten sie, ob sie im Unbekannten etwas Vertrautes oder auch im Bekannten etwas Fremdes finden konnten. Die Künstler sammelten vor Ort Objekte und machten Aufnahmen mit Spezialmikrofonen und Unterwasserkameras. Mit Induktionsspulen spürten sie sogar brummendem Strom nach. Das mit dem Überschwemmungen sei in diesem Zusammenhang ein „Super-Zufall“ gewesen, sagt Martin, denn so erkundeten die Teilnehmer altbekannte Wege, die nun überschwemmt waren, mit den Unterwasserkameras aus einer naturgegebenen neuen Perspektive.

Rund um die Stadt herum suchten die Theaterleute nun in Teams Plätze von einem Quadratmeter Fläche, die sie mit Flatterband absperrten, erzählt Elke weiter. Das war der erste Punkt einer Liste, die sie abarbeiteten. Die nächsten Punkte: „Sie machten ein Foto von der unberührten Fläche, machten Sound mit Objekten, die sie dort fanden, drehten einen 360-Grad-Film und nahmen zwei Minuten Ton auf: Wie klingt die Umgebung?“, berichtet sie weiter. Jedes Team bestand dabei aus einem Regisseur – in der Regel Elke oder Martin – und den Schauspielern, die die Orte auswählten und die Aufgaben wahrnahmen. Zuletzt nahmen sie die gefundenen Objekte, die derzeit auch in der Galerie zu sehen sind, in Plastiktüten mit nach Hause.

Dort ging es weiter, berichtet Elke: „Sie haben den Quadratmeter rekonstruiert und geguckt, ob man an den Dingen den Ort erkennt und was der Ort sagt über Themen wie Arbeit, Freizeit, Natur.“ Auch imaginierten sie sich Geschichten zu bestimmten Orten, etwa am Hafen, wo sie ein Frühstücksbrett, eine Flasche, etwas Dönerpapier und ein abgeschnittenes Seil fanden und daraus eine Performance kreierten, die die Geschehnisse erzählte, wie sie sich mutmaßlich zugetragen haben konnten, in diesem Falle von einer Feier am Schiff.

Und es ging noch weiter. Auf Tablet-Computern hatten die Künstler Sounds und Filme von den Orten gespeichert und versuchten dann zu Hause, auch daraus den Ort zu rekonstruieren – und tauschten sogar Dateien untereinander aus, die nicht zusammengehörten, „remixten“ sie also, wie Martin es bezeichnet, „und guckten, passt es oder passt es nicht, erzählt es vielleicht auch eine Geschichte, zum Beispiel wenn man Wald sieht und hört eine Autobahn rauschen, was es ja auch in Wirklichkeit gibt“.

Die Projektion mit den Punkten in der Ausstellung ist nun eine vereinfachte Karte von Braunschweig, auf der die Quadratmeter-Orte markiert sind. Mit einem Tablet kann man sie ansteuern, so wandern dann also die Punkte über das Feld, und die gespeicherten Töne und Filme abrufen. Die sind dann auf der zweiten Projektion zu sehen und über Lautsprecher zu hören. Vor den Leinwänden reihen sich die gefundenen Objekte auf, an den Wänden dokumentieren Fotos und andere Fundstücke den Werdegang der Performance, zeigen also „die Expeditionsgruppe bei der Arbeit“, so Martin. Elke schließt: „Die Performance war ein Bericht einer Reise an die Grenzen des Bekannten.“

Als Ausstellung sei das Ganze eigentlich gar nicht geplant gewesen. Aber nun existierte das Material, und Leute, denen sie die Tablets zeigten, wollten auch mal damit spielen, und also kam es doch dazu, und zwar bewusst in der Einraumgalerie: „Weil es so kompakt ist und viele Leute auch beiläufig reinkommen und gucken“, so Martin. Das habe nicht den typischen Geschmack eines Besuches einer Kunstgalerie, sondern hier im Handelsweg einen anderen, fast beiläufigen und damit ungezwungenen Zusammenhang: „Es ist mittendrin – echt schön.“ Der Anstoß dazu kam von Steffi, die über blackhole-factory auf ihrem unverzichtbaren Blog Kult-Tour-Braunschweig berichtete, und als Elke und Martin weiterstöberten, entdeckten sie dort auch Berichte über die Einraumgalerie. Außer bei der Ausstellung von Christian Niwa waren Martin und Elke dort zuvor nie gewesen, obwohl sie gerne und regelmäßig Zeit im Café Riptide verbringen. „Wir waren bei der Eröffnung und haben mit Stefan Zeuke gequatscht, den kannten wir schon ein bisschen“, sagt Elke. Mit der Ortswahl ist sie mehr als zufrieden: „Der Handelsweg hat eine schöne Atmosphäre.“

Mit Stefan verbrachte ich jüngst auch wieder Zeit, erst am Donnerstag vor und in der Galerie, dann am Tag darauf im Kingking Shop, da war auch Schepper dabei. Bei dem konnte ich mich endlich revanchieren: Schenkte er mir bereits CDs mit seinen beiden Alben, hatte ich dieses Mal eine eigene CD mit meiner Stimme drauf dabei. Beide Fälle – also Scheppers jüngstes Album und meine CD – wären niemals ohne Olaf möglich gewesen. Olaf macht seit über 20 Jahren zumeist elektronische Musik, zunächst hauptsächlich als Inside Agitator, zu dessen Live-Besetzung ich sogar offiziell gehörte, und heute unter dem unverwechselbaren Namen Blinky Blinky Computerband. Er produzierte Scheppers Album, und ich hatte das große Glück, bisweilen den Sessions beiwohnen zu dürfen. Außerdem lässt er bei Blinky Blinky Computerband auch mal andere Leute am kreativen Prozess teilhaben, was eine vielfältige Palette an Ergebnissen hervorbringt und mir nun schon zum zweiten Mal ermöglichte, mitzumachen. Vor anderthalb Jahren produzierten wir den Song „Meine Freizeit“, jetzt – das ist nun die mitgebrachte CD – den Track „Dem Tod den Tod“ mit der B-Seite „Verschwinden“, einem viertelstündigen Hörbuch. Auch diese Aufnahmen machten einen Heidenspaß und ich bin Olaf rasend dankbar dafür, dass er mir die Möglichkeit gab, mit ihm diese Tracks zu erstellen. Mit Schepper und Stefan saß ich nun vor dem Kingking Shop in der Sonne, und weiß der Geier wie, wenn wirre Leute zusammenhocken, aber irgendwie versprachen wir uns bei irgendeinem Thema, und daraus entwickelten wir den Namen für einen neuen Supercomputer, „Prozessor Hastig“. Aber das nur am Rande.

Es ist jedes Mal erstaunlich, wie entspannt Elke und Martin sind. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, was sie alles machen und wo auf der Welt sie dies tun. Stressfreie Omnikreativität. Als nächstes stehen der „Club Instabil“ am Dienstag mit Ken Aldcroft aus Toronto und das große Sommerfest „Space Is The Place“ am 14. Juni an. Außerdem arbeiten sie mit dem Theater im Glashaus an einer neuen Produktion, von der sie bei dem Sommerfest erste Ausschnitte zeigen wollen: „Strawinski-Frühlingsopfer“, sagt Martin, und Elke ergänzt: „Aber recomposed.“ Das Projekt ist schon wieder so wahnsinnig, dass man es vermutlich sehen muss, um es zu erfassen: Die Theaterleute basteln einsaitige Instrumente mit Tonabnehmern, mit denen sie Krach machen. Auf dem Boden sind mehrere Flächen markiert, die wie ein Tenori-On-Synthesizer funktionieren: Die Schauspieler legen Styroporkugeln auf die Fläche und rufen damit je nach Anordnung von einer Kamera erfasst ihre vorher erzeugten Töne ab. Auch Drumsounds kreieren sie live, und wenn sie sich auf einer der Flächen bewegen, erzeugen sie tanzend virtuelle Schlagzeugsoli.

Nicht alle TiG-Schauspieler sind heute zur Finissage da. Francesco ist der erste, und gerade kommt Werner angeradelt. Er stellt sich mir vor und schiebt sein Rad am Comicladen vorbei. „Na, wer gewinnt?“, ruft er den Spielern fröhlich zu.

Helmut öffnet gegenüber seine Strohpinte. Er setzt sich nach draußen und liest ein Buch. Entspannung allenthalben. Nicht ganz überall: Chris und Felicia haben im Riptide alle Hände voll zu tun, Felicia hat ihren zweiten Arbeitstag und Chris erläutert ihr ihre Aufgaben, während er seine eigenen wahrnimmt. „Ich bin Bühnen- und Kostümbildnerin“, erklärt Felicia mir. „Und ich nähe Taschen, aus Planen und Lkw-Schläuchen.“ Sie bestückt ein Tablett mit Getränken, und während ich die Information rekapituliere, stellt sie fest, dass sie nicht ganz stimmt: „Aus Lkw-Planen und Fahrradschläuchen“, korrigiert sie sich. „Das Riptide ist ein schöner Arbeitsplatz“, sagt sie. „Das fand ich als Gast schon.“ Und huscht nach draußen zu den Gästen.

Dort sitzt unter anderem Simone, mit drei Stapeln Drei-Fragezeichen-CDs auf dem Tisch vor sich. Ein guter Grund, sie anzusprechen. Etwa 35 CDs müssten es sein, sagt sie ohne zu zählen. Sie möchte sie auf Kommission übers Riptide verkaufen lassen und die dafür nötigen Details mit den Chefs besprechen, „aber Chris weist gerade eine Neue ein“, erzählt Simone. „Deshalb habe ich die CDs schon mal ausgepackt.“ Sie muss ihre Wohnung aufgeben und umziehen und will sich deshalb von einigen Dingen trennen, zum Beispiel auch einem Technics-Plattenspieler, den sie für einen Milchkaffee bei Chris lässt, „und er gibt ihn in liebevolle Hände“, sagt sie. Es sei ein wertiges Gerät: „Und ich habe letztes Jahr erst die Nadel erneuert.“ Was die Drei Fragezeichen betrifft, sei sie ein Späteinsteiger gewesen, „erst 2007“. Damals hatte sie einen längeren Krankenhausaufenthalt zu überstehen und von Freundinnen einige Folgen geschenkt bekommen. „Ab da war ich drauf“, grinst sie. Jetzt ist Simone 44 und also in der Generation, die eigentlich mit den Drei Detektiven aufgewachsen ist. Das bestätigt sie: „Ich habe als Kind den Karpatenhund gelesen, das kam damals frisch raus, da hab ich mich so gegruselt, dass ich nie wieder was von denen lesen wollte.“ Der ältere Bruder einer Freundin habe ihr das zwar immer wieder angeboten: „Aber ich wollte nicht.“ Bis zu dem schicksalhaften Krankenhausaufenthalt. Von den CDs will sie sich trotzdem trennen, weil sie auf die digitale Speichermethode umgestiegen ist.

Ihr fällt ein, dass wir uns schon einmal unterhalten haben, und zwar bei einer Nachfeier vom Silver Club in der KaufBar, da saßen wir mit Helge vom Silver Club an einem Tisch. Markus und Dorith hatten sie mitgebracht, deshalb dachte Simone zunächst, das wäre bei einem Kufa-Stammtisch gewesen. Den nächsten Kufa-Stammtisch, am Mittwoch, will sie unbedingt wahrnehmen, da geht es um Foodsharing, ein wichtiges Thema für sie, wie Ernährung überhaupt. Sie geht auch deshalb ins Riptide, „ich komme immer wieder gerne, wenn ich in der Stadt bin, weil ich Vegetarierin bin, seit meinem 15. Lebensjahr“, sagt Simone. „Weil ich hier meine Speisen bekomme, ohne dass ich nachfragen muss, was drin ist.“ Und aus einem anderen für sie wichtigen Grund: „Sie nehmen Ökostrom.“

Auch Serge ist wieder da. Vor seinem Laden neben dem Riptide sitzen oder stehen Niclas, Philipp, Markus und Anita in vertrauter Runde und diskutierten in vertrautem Ernst schwere Themen. In der Mitte liegt eine angefangene Tüte Weintrauben, drumherum stehen teils leere Gefäße, die zuvor Wein, Kaffee oder Limonade enthielten. „Das einzige, wo ich weiß, dass es mir gut geht, ist, dass ich meinen heiligen Zorn habe“, höre ich Serge zur Begrüßung sagen. Ja, hier bin ich zu Hause.

Aber ich bin jetzt im Riptide verabredet. Zwischen den vollbesetzten Tischen unter dem Segeltuch im Achteck finde ich einen Platz. An einem Tisch spielen junge Frauen Karten, an einem anderen reden junge Männer auf Spanisch und Englisch miteinander. Gideon tritt seinen Dienst an, indem er wie gewohnt die Ölfackeln an den Türen zum Café und zur Rip-Lounge nachfüllt, und zu seiner dienstlichen Unterstützung kommt Nina angeradelt.

Schwalben kreischen, die Getränke schmecken, alles ist entspannend, aber das Schönste ist, dass mein Patenkind Antonia nach einigen Runden an meinen Händen zum ersten Mal drei, vier Schritte ohne Hilfe und ganz frei auf mich zu läuft. Selten habe ich einen so glücklichen Menschen gesehen wie dieses vierzehnmonatige Mädchen. Ein beglückendes Geschenk! Und ein schöner Kick für die Indie-Ü30-Party heute Abend.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#73 Rutschig geboren

18. November 2013


Montag, 18. November 2013

Unerbittlich zeigt sich der November von der Seite, von der man ihn von Geburt an kennt: grau und feucht. Das ist unschön, aber es gibt ja schöne Gegenmaßnahmen, und sei es nur, sich einmal mehr auf ein Heißgetränk ins Riptide zu setzen. Ich stelle meine Carhartt-Papiertasche am Tresen ab, und Jasmin auf der anderen Seite des getränkespendenden Möbelstücks ist sofort neugierig, was ich darin habe. Meine frischen Einkäufe von den Boardjunkies, die sich längst schon zum Ausstatter meines Vertrauens mauserten: Jacke wie Hose, beides dort erworben. Die Jacke hält mal anders warm als meine bisherigen Winterjacken und hat im Außenmaterial einen nicht geringen Baumwollanteil. Das ist mir wichtig, weil ich es nicht leiden kann, wenn Kleidung Krach macht. Und ein Reißverschluss ist mir auch lieber als nur Knöpfe wie bei einer meiner bisherigen Standardjoppen. „Da zieht es wahrscheinlich durch“, mutmaßt Jasmin, aber das kann ich weniger bestätigen als den Umstand, dass ich geknöpfte Jacken schlichtweg komplizierter zu bedienen finde. Jasmin hat andere Erfahrungen gemacht und deutet pantomimisch an, wie sich ein Reißverschluss in ihrem Halstuch verhakt: „Ich war eingeklemmt“, berichtet sie, „André musste mich befreien.“

André ist eben nicht da, er kam mir vorhin im Handelsweg entgegen. Aber Chris rumort dort, wo sich bis vor kurzem noch das Büro befand. Sie haben jetzt ein neues, aber das ist nicht das einzige Neue heute: Das Sofa im Café ist kleiner. Einige Stühle fehlen, sie sind ersetzt durch kubisches Loungemobiliar, ähnlich dem, das es bereits in der Ecke am großen Fernsehfenster gab. Dort hängt zudem ein dickes Gemälde, ein Riesenschinken, mit einem offenbar mitternächtlich illuminierten Hirsch darauf, trotz veränderter Farbgebung ganz eindeutig ein Wolfenbütteler Sujet. „Tobias Meyer hat das gemalt“, erklärt Chris. Tobias ist ein Illustrator, Grafiker und eindeutig auch Maler aus Braunschweig, und der antike Rahmen seines Werkes wiegt laut Chris zehn Kilo. Das neue Mobiliar wurde aus zwei Gründen nötig: Einige Stühle waren nicht mehr tragbar, besser: tragend, und auf den in den Raum gestreuten weißen Loungequadern lassen sich mehr Personen unterbringen als auf einzelnen Stühlen. Besonders jetzt, da kaum noch jemand draußen sitzt, der Bedarf an Sitzplätzen aber gleich groß ist wie im Sommer, sei das wichtig. Wenn etwa der Veganstammtisch oder Scheppers Bassrunde sich gruppieren wollen, finden die Teilnehmer mehr Sitzfläche. Und das Sofa sei kaputt gewesen, sagen Chris und Jasmin gleichermaßen überzeugt. Das fand ich gar nicht, als ich mich noch vorgestern dort hineinlümmelte. Doch sie insistieren. „Jetzt ist es im Nexus“, sagt Chris. „Das ist schon das sechste Sofa, das ich dort hingegeben habe.“ Na klar, das passt, und gut zu wissen, ich werde mich dort wieder hineinlümmeln können.

Dennoch schade drum. Am Samstag saß ich noch mit Micha dort, „wie ein Liebespaar“, wie Jasmin sich erinnert, und eigentlich nur auf jeweils einen Burger und eine Fritz-Kola, denn wir hatten beide jeweils noch etwas vor am Abend. Er wollte zum Beat Box Contest im Kleinen Haus, initiiert unter anderem von Patrick Dudek, dem Michael-Jackson-Tanzlehrer, den ich kurz nach der Eröffnung im Riptide mal kennen lernte. Ich wollte in Das Kult, da war ich davor noch nie. Bis dahin sollten es tiefe Gespräche und ebensolche Getränke für eine kurze Weile sein, doch als wir uns da so lümmelnd ins Sofa verankert austauschten, etwa über die beiden Filme, die wir beim Filmfest zusammen sahen, nämlich „Post Partum“, den wir nur so mittel fanden, und „Henri“, der zumindest mir sehr gut gefiel, Micha immerhin gut, gesellten sich immerzu andere Freunde und Bekannte zu uns, erweiterten unsere Horizonte und versüßten unsere Zeit, so dass wir sie bis zum jeweiligen Veranstaltungsbeginn dort verbrachten. Serge etwa brachte mir sein neues Buch vorbei, für das Ferdinand die Illustrationen gestaltete. „Die Gesichter der Frauen“ heißt es, mit dem Zusatz: „Liebesgeschichten“. Der Blick in die Seiten zeigt, wie kunstvoll die Kooperation aussieht: Satz und schwarzweiße Grafik schmiegen sich aneinander, es lädt sofort zum Schmökern ein. „Edition Jakobsleiter“ steht unten als Verlagsname. Jakob als Namensgeber? Beide bestätigten das, Jakob war nämlich gerade bei Serge. „Ich hab noch einen Musiktipp für dich“, sagt Jakob, bevor mich Serge über das Buch informiert. „Carpet, die machen Progrock mit Jazz.“ Eine recht neue Band, sagt Jakob, und sie veröffentlicht auf dem Label Elektrohasch, das auch die Alben von Colour Haze herausbringt.

Serges Buch zeigte ich sofort überall vor. Den Leuten vom Silver Club, die ab und zu hereinschneiten, denen vom Eiko-Verein und auch den anderen, die sich zu Micha und mir an den Tisch setzten. Einhellige Meinung: Das Buch sieht wertig und ansprechend aus. Zu haben ist es natürlich beim Ersteller selbst, in seinem Laden neben dem Riptide. Daran gingen wir dann Stunden später vorbei, denn irgendwann war es doch dunkel und zu spät, um noch zu Hause etwas zu erledigen, bevor es ans Abendprogramm ging. Wir trennten uns nicht ohne gepflegte Wortwitzeleien. Vermutlich bei dem Versuch, einen der nächsten Sound-On-Screen-Filme zu beschreiben, ließ Carsten die Genrebezeichnung „Drummer-Drama“ fallen. Solche Sprachspiele hörten an dem Abend nicht auf, später, nach „Der Untergang“, der höchst beeindruckenden multimedialen Lesung der neuesten Okergeschichte von Hardy Crueger im Das Kult mit Roland Kremer, Schepper und Das-Kult-Chef Thomas Hirche als Vorprogramm, rief uns Stefan die die Zunge herausfordernde „Tsunamiszene“ in Erinnerung. Und trumpfte dann noch mit dem „Buddhistischen Standesamt“ als Verdrehung des Statistischen Bundesamtes auf. In eine solche Kerbe hieb kürzlich auch Arni: Ein handgeschriebenes großes X interpretierte ich fälschlich als gekreuzte Schwerter, und er sagte: „Na, besser als geschwärzte Kräuter.“ Zumindest phonetisch hübsch war kürzlich die angekündigte Essensentscheidung eines Besuchers bei mir zu Hause: „Ich kokettiere mit Kroketten.“

Während ich meinen Milchkaffee trinke und mit Jasmin plaudere, füllt Marco das Petroleum in die Fackeln im Achteck und befasst sich Max als neuer Schulpraktikant mit seinen Aufgaben, die er in der Küche zu erledigen hat. Chris rafft einige Dinge zusammen, die er in seinem neuen Büro braucht, drückt mir Locher und Zettelhalter in die Hand und weist mir den Weg in die administrativ genutzten Räume. Die befinden sich gegenüber, ein Stockwerk über dem Riptide und mit Blick darauf. „Endlich Tageslicht“, atmet Chis auf, als er sich auf seinen neuen rückenschonenden Chefsessel wirft. „Und Lager, Lager, Lager“, fügt er mit einer Handbewegung in die entsprechende Richtung hinzu, was ich um ein „shouting“ ergänze, obwohl Underworld in „Born Slippy“ natürlich das Bier meinten. Das Büro im Riptide selbst war mit der Zeit einfach zu eng geworden, die verwaltungsbezogenen Aufgaben häuften sich an, der Papierkram ebenso. „Wir sind gewachsen“, sagt Chris, „es ist mehr geworden.“ Auch für geschäftliche Gespräche sei es in manchen Fällen besser, diese nicht mehr wie bislang mitten unter den Gästen führen zu müssen. Der Raum hat auch Bad und WC, eine Kochnische und alle erdenklichen sonstigen Annehmlichkeiten. Offen ist, was mit dem alten Büro geschieht: „Wahrscheinlich wird es Getränkelager.“ Ausschließlich oben im neuen Büro können und wollen Chris und André nicht bleiben, schließlich fehlen sie dann unten als Schallplattenberater, als Ansprechpartner für Mitarbeiter und Ähnliches. „So viel Arbeit haben wir auch nicht, dass wir acht Stunden täglich hier sein müssten“, sagt Chris. Er atmet tief durch: „Aber es tut einfach gut.“ Auch, wenn noch einiges einzurichten ist.

Ich richte mich darauf ein, allmählich den Rückweg anzutreten. Das neue Album von Sebadoh nehme ich noch mit, das gibt es in der Version mit zwei Bonus-Tracks, die dem Album als 7“ beliegen und die auch im Downloadcode enthalten sind. Ein Grund, das Album jetzt mitzunehmen, ist das Interview im Musikexpress, in dem Bandchef Lou Barlow so sympathisch wirkte. Na ja, und weil ich ohnehin von Sebadoh einen ganzen Satz Alben habe – es wäre also ohnehin fällig gewesen. Auch so lässt sich ein grauer und feuchter November ertragen: mit neuer Musik zu Hause, und dabei lesen, vielleicht gleich mal das Buch von Serge oder die neuesten Einträge Steffis Kult-Tour-Blog.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#70 Zerschmettert von den Rädern der Industrie

23. August 2013


Donnerstag, 22. August

Heiß: Das Sommerloch ist vorbei, und das äußert sich wie in jedem Jahr auch jetzt wieder darin, dass pro Wochenende mehr als nur eine attraktive Veranstaltung stattfindet. Nicht nur pro Wochenende, auch pro Tag: Allein heute gibt es ein Arjomi-Konzert in der Neunraumkunst, eine „Blau-Gelb-Fieber“-Lesung unter anderem mit Buchinitiator Axel Klingenberg bei Graff und die Finissage der Ausstellung „Long gone promises – sculptural showdown Part I“ mit dem Atelier Space Ensemble gegenüber des Café Riptide in der Einraumgalerie. Im September geht es gnadenlos mit Veranstaltungen weiter: Magnifest vom 6. bis 8., Silver Club am 21. – und am Wochenende dazwischen gleich mindestens vier tolle Aktionen: fünftes Kulturschaufenster vom 13. bis 15. im Madamenweg, zweites Friedrich-Wilhelm-Straßen-Sit-In am 14., am selben Tag das Vegan-Life-Festival am Schlossersatzplatz und, erstmals, ein Sommerfest im Handelsweg. „Wir sind jetzt seit sechs Jahren hier und haben es endlich mal geschafft, ein Passagenfest zu machen“, freut sich André über den Termin. „Es gibt einen Kunstflohmarkt, Kinderschminken, Veggie-Grill – und Musiker spielen.“ Von Schepper weiß ich bereits, dass er auftritt. Außer ihm noch Martin Kroner, Sänger und Chef der nach seinem Nachnamen benannten Band, und Riptide-Mitarbeiter Lennart, der ansonsten hinter dem Tresen rockt und das Riptide schon einmal mit einem Gig in Wallung brachte. „Er tritt mit einem Mädel auf, das eine Superstimme hat“, sagt André. Drei weitere Musik-Beiträge sind in Planung, alle sollen immer zur vollen Stunde auftreten. Das wird ein harter Tag, so viel steht jetzt schon fest. Es gilt, kilometertaugliches Schuhwerk zu tragen. Wann ist eigentlich Kulturnacht?

Überhaupt, die herrlichen Verstrickungen in dieser winzigen Stadt: Beim nächsten Silver Club am 21. September im Eiskeller im Rebenring haben wir erstmals einen veganen Imbiss dabei. Den betreiben seit kurzem Kerstin und Christian, die auch maßgeblich den Braunschweig-Vegan-Stammtisch im Riptide betreuen. Der findet an jedem ersten Donnerstag des Monats ab 18.30 Uhr statt, der nächste am 5. September. Immer einen Tag später trifft sich im Riptide der Bass-Stammtisch, am ersten Freitag des Monats ab 21 Uhr, der nächste also am 6. September, initiiert von Schepper, der wiederum beim nächsten Silver Club eine wichtige Rolle spielt, indem er zum Kopf des Vereins gehört, der im Mittelpunkt der Silver-Club-Veranstaltung steht und deren Programm gestaltet, nämlich der Eiko-Verein. Wir sind doch alle eine Familie.

Das Gefühl beschleicht mich im Handelsweg ohnehin recht häufig. Von der Brabandtstraße kommend, schaffe ich es einmal mehr nicht bis ins Riptide, sondern bleibe bei Serge und seinem Besuch hängen. Serge sortiert seine LPs nach Genres, Carsten – ebenfalls Eiko-Mitglied – macht aus den ungewöhnlichsten Perspektiven Fotos von Serges Auslegeware sowie von Sylvia, die sich eigentlich gerade im Aufbruch befindet. Sie hatte erst kürzlich bei der Firma Ameno die Ausstellung „Naturgewalten“ mit ihren abstrakten Gemälden, zumeist Gouache auf Leinwand, und will sich mit dem dazugehörigen Katalog in der Einraumgalerie bewerben. „Ich habe ihn im Riptide hinterlegt“, sagt sie. „Man hat mir gesagt, dass das der kleine Briefkasten der Galerie ist.“ Während Carsten vor ihr kniet, um ihr Gesicht im Profil und in Aktion auf Microchips festzuhalten, erklärt sie: „Ich mache Kunst und Schrott und Entrümpelungen.“ Überraschende Mischung. Sie hat Flyer ihrer Firma „Obalix & Cleopatra“ dabei und einen ihrem Betätigungsfeld entsprechend angenehm festen Händedruck, als sie sich verabschiedet.

Ihren Platz nehme ich ein. Carsten widmet sich einem metallenen Modellauto auf dem Tisch, der zum Tante Puttchen gehört, Serge zieht Langspielplatten aus ihren Covers, um uns herum bringen Lieferanten Getränke in die benachbarten Gastronomieetablissements. Stellen sie ein Bierfass auf dem Boden ab, klingt es angenehm wie die Bassdrum eines Industrialstücks. Die Tür von Piou gegenüber steht offen, man hört Jennys Nähmaschine den Beitrag dazu leisten, dass sich bald weitere Verkaufsobjekte im Schaufenster oder auf der Sitzbank vor dem Laden auftürmen. Lukas bindet sein Fahrrad neben dem Piou fest und grüßt uns im Vorbeigehen auf dem Weg ins Riptide. „Die Platters“, sagt Serge mit Blick auf das Label einer LP. „Sowas kennt doch heute keiner mehr.“ Er steckt das Vinyl zurück in die Hülle, stellt die LP in eine Reihe mit anderen und greift sich aus einem seiner vielen Stapel ein anderes Exemplar. Ein blonder Mann mit Sonnenbrille ziert das Cover. „‘Blau blüht der Enzian‘, mein Gott“, sagt Serge und stellt auch diese LP wieder weg, irgendwo hinter den Stuhl, auf dem Carsten jetzt sitzt. Serge greift sich einen neuen Stapel. „Worunter fallen die Simple Minds?“, fragt er. Zu ihrer Hochphase sicherlich irgendwo zwischen Rock und Pop, da hat Carsten Recht, doch Serge hält das Debüt „Life In A Day“ in der Hand, da hörte man noch, dass sie früher Punk machten. „Und danach New Wave“, sagt Carsten. Serge nimmt das nächste Album und mutmaßt, dass es niemand kennt. Irrtum, es ist „The Luxury Gap“ von Heaven 17, also Synthiepop. Eine von mindestens drei Bands, die nach einem Begriff aus „A Clockwork Orange“ benannt sind. In dem Film hörten die Protagonisten in einem Plattenladen eine Band namens „The Heaven Seventeens“. Mir fallen noch Tolchok und Moloko ein, die sich von „A Clockwork Orange“ zu ihrem Bandnamen inspirieren ließen. Serge stellt den Stapel so zurück, dass eine Tina-Turner-LP vorn steht. „Eine Powerfrau“, sagt Carsten anerkennend. Serge stimmt zu, dass sie insbesondere aus Sicht eines Bühnen- und Performance-Experten etwas Besonderes sei. Der nächste Stapel offenbart Jazzperlen, etwa von Markus Stockhausen, den ich nicht kenne. „Das ist der Sohn von Karlheinz Stockhausen“, weiß Carsten. Ich kenne nur den Vater. „Es ist erstaunlich“, findet Serge, dass ich mich im Jazz nicht fließend auskenne. Den Jazz habe ich erst spät im Leben für mich entdeckt, über die Standards John Coltrane und Miles Davis. Das war bei mir wie mit Oliven, die habe ich jahrelang nicht gemocht, jetzt liebe ich sie. „So ist es bei mir mit Tomaten“, sagt Carsten. Serge hingegen bekam als 15-Jähriger in Süddeutschland den Jazz im Radio anerzogen, von dem Journalisten Joachim-Ernst Berendt. Der spielte nach dem Krieg immer ab 23 Uhr Jazz aus den USA. „Das habe ich ein Jahr lang gehört, dann kante ich mich aus“, erzählt Serge. Von der nächsten LP schwärmt Carsten: „Wenn ich Platten sammeln würde, würde ich sie nie verkaufen“, sagt er über „Inside Lookin‘ Out“, unter anderem von Ed Schuller und John Betch. Die haben erst kürzlich in der Bassgeige gespielt, weiß Carsten. Serge dreht das Album in seinen Händen, er kennt es nicht: „Ich muss da unbedingt reinhören – dann weiß ich endlich, ob du was von Musik verstehst“, grinst er in Richtung Carsten.

Der verabschiedet sich, im fliegenden Wechsel setzt sich Wolf auf dessen Platz, wie gewohnt seine 14-jährige Hündin Maja im Schlepptau, besser: ohne Schlepptau, aber dabei. Sie macht es sich auf dem Pflaster gemütlich, Radfahrer umrunden sie. „Ich wollte eigentlich in die Stadt“, sagt Wolf, dem Serge aber noch eine Geschichte erzählen will. Wolf lenkt ein: „Auf eine Zigarettenlänge.“ Er holt den Tabak aus seiner Tasche und beginnt zu drehen. Dann könne er uns auch gleich zu einer Ausstellungseröffnung einladen, am Samstag, ab 18 Uhr, in seinem „Werkschauraum“ in der Ernst-Amme-Straße 5, „schräg gegenüber vom Bier- und Wurst-Kontor“, mit, so Wolf, „malerischen“ Werken von Martin Seidel, Titel: „Animals“. Serge lässt von den Schallplatten ab und nimmt den Platz auf seinem Regiestuhl ein. Lukas bindet sein Rad wieder los und düst in Richtung Innenstadt, während Serge erzählt, warum er kürzlich an Wolfs Künstlerfrühstück nicht wie vereinbart teilnehmen konnte: Er verbusselte seinen Haustürschlüssel. Nach langer Suche entdeckte er ihn einem Impuls folgend rätselhafterweise im Müll. Serge springt auf, sich abtastend, und stürmt in seinen Laden: „Schon wieder suche ich was, wo sind meine Zigaretten?“

Kaum findet er sie, zündet sich eine an und setzt sich wieder, kommt Dorothea angeradelt, mit einer Gitarrentasche auf dem Rücken, und fragt, ob Serge seinen PC dabeihat. Den holt er aus einer Jutetasche auf einem Fahrradgepäckträger neben sich, steht auf, setzt sich mit ihr auf eine Bank beim Tante Puttchen und versinkt in angeregten Gesprächen mit ihr. Sie arbeiten an einem Projekt, mehr verraten sie nicht. „Über Dorothea findest du seitenweise Einträge im Internet“, erläutert mir Serge. „Sie ist eine stadtbekannte Künstlerin.“ An der HBK studierte sie Malerei. „Ich habe gerade eine Ausstellung im ‚Fräulein Wunder‘ in der Ratsbleiche 1“, sagt sie. Das ist das frühere Café Grec, da bin ich manchmal, das muss ich mir anschauen. Die beiden Schöpfenden versinken wieder in ihrer Tätigkeit und ich in den Sitzkissen meines Stuhls.

Wolf raucht noch und schwärmt gerade von einer Polemik zum Schlossmuseum, die Lord Schadt auf Braunschweig-Spiegel veröffentlichte, da gesellt sich ebenjener zu uns, in seiner Okerflößermontur mit entsprechendem T-Shirt und Indiana-Jones-Hut. Dirk bescherte mir vor zwei Wochen den wohl schönsten Urlaubsstart, den ich mir denken kann. Ich las in der Okercabana ein Buch, als er mit dem Floß andockte. Da seine gebuchte Belegschaft entgegen anderer Pläne nicht mit zurück zur Floßstation fuhr, fragte er mich, ob ich mitwollte. Na, selbstverständlich! So schipperten wir zu zweit auf dem Kahn über die stille, grün umwachsene Oker. Herrlich. „Ich habe gerade Werbung gemacht für deine Polemik“, sagt Wolf, während sich Dirk auf die Stufe zu Serges Laden setzen will. Dirks Blick fällt auf eine leere Kaffeetasse. „Habt ihr den Kaffee im Riptide oder hier getrunken?“, fragt er. Ins Riptide, so weit bin ich heute noch gar nicht gekommen, auch nicht zum Kaffeetrinken. „Aber ich mache das“, sagt Dirk. „Ich auch“, Wolf schließt sich an. „Aber mit viel Milch.“ Dirk will auch mir nebenan einen Kaffee bestellen und geht los.

Das nächste Fahrrad hält bei uns, Jörg steigt ab und begrüßt Wolf abklatschend. Dirk ebenso, als der vom Bestellen zurückkehrt und sich auf die Stufe setzt. Jörg bleibt bei Wolf stehen und unterhält sich mit ihm, da klingelt sein Telefon und er setzt sich mit dem Anrufer auseinander. André kommt mit einem vollen Tablett zu uns und fragt: „Männer, was ist Phase? Wer ist der mit viel Milch?“ Dirk und ich zeigen auf Wolf. Auf dessen Kaffeetassenunterteller steht ein Extrakännchen mit Milch neben dem in Folie eingeschweißten Karamellkeks, den alle bekommen. Wolf packt das Gebäck aus und singt in Anlehnung an das Misheared-Lyrics-Video zu „Git hadi git“ von Ismael Yks: „Keks, alter Keks, ist der mit Ohrsand.“ Da nimmt Jörg verblüfft das Telefon vom Ohr: „Das gibt’s jetzt nicht“, sagt er zu Wolf, „wir sprechen grad über Ohrsand.“

Nach und nach leert sich der Platz vor Serges Laden. Dorothea schultert ihre Gitarre, Dirk bricht zur Flößerarbeit auf, Wolf macht sich mit Maja davon, Jörg radelt weg. Allmählich will ich ins Riptide hinübergehen. Dort sortiert André neue Schallplatten in die Fächer, außer ihm ist noch Shabnam beschäftigt. Sie macht gerade eine Kiste mit Altpapier fertig und bringt es weg. Es liegt viel an im September, sagt André, auch über das Passagenfest hinaus. Stimmt, ich sehe das Plakat für die nächste Staffel der Reihe Sound On Screen mit dem Universum-Kino. André nickt, „aber vorher haben wir noch ein Special, und zwar am Donnerstag, 29. August, ‚Power Of Soul‘, das ist hauptsächlich eine Doku über James Brown.“ Ein Braunschweiger hat den Film mitgedreht: „Marc Fehse, den werden wir zu Gast haben“, freut sich André. „Der hat früher Trash-Splatter-Filme gemacht und an dem Film mehrere Jahre gearbeitet.“ Ein weiterer Gast ist an dem Tag DJ Pari, „der hat früher im Napo aufgelegt.“ Das Napoleon kenne ich nur vom Namen. „Er ist Ur-Braunschweiger, aber jetzt amerikanischer Staatsbürger, der auch mal Opener für Curtis Mayfield macht“, sagt André. Markus Schmidt heißt DJ Pari eigentlich. Die neue Staffel von Sound On Screen startet am 12. September mit „Big Easy Express“, einer Dokumentation über eine Konzertreise, die Mumford & Sons, Edward Sharpe und Magnetic Zeroes mit dem Zug unternahmen. „Danach werden Niila spielen“, sagt André. Die waren bei der VW-Soundfoundation, sagt André, „und Claus Grabke, ein alter Rollbrettfahrer, hat die unter seine Fittiche genommen“. Grabke war Chef der Gütersloher Crossover-Band Thumb. „Niila spielen semi-akustisch“, kündigt André an. „Außerdem haben wir Ende des Monats die großartigen Woog Riots zu Gast.“ Am 26. September treten die beiden Darmstädter im Riptide auf.

Einen Kafka bestellt sich Jenny bei André, bevor sie ihre Pause beendet und ins Piou zurückkehrt. Auch sie hat Ankündigungen: „Ich bin nächste in Riddagshausen beim Dorfmarkt dabei.“ Der findet am 31. August und 1. September rund ums Kloster statt. „Zum ersten Mal unter neuer Leitung“, sagt Jenny. „Ich bin gespannt, ich bin zum ersten Mal dabei.“ Außerdem gibt es im Riptide jetzt vegane Kuchen, betont Jenny, immer freitags und samstags. „Oh, ja“, bestätigt André LPs sortierend, als hätte er diese Speisekartenerweiterung selbst vergessen. Ich habe bereits davon gehört, dass Gäste ebenjene Kuchen besonders gut fanden. Jenny freut sich darüber, nimmt ihr Getränk und geht. In Andrés Neuheiten-Stapel finden sich „I Hate Music“, das neue Album von Superchunk. „Schon das zweite neue Album“, so André. Außerdem viele Rereleases, wie „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus als 12“ oder „Wrong“, das zweite Album von NoMeansNo. „Für mich ganz wichtig“, so André, sei „Presumed Insolent“, das neue Album der Adolescents. André beschriftet die LPs mit Preisen, bevor er sich den neu eintreffenden Kunden widmet. Shabnam kommt vom Altpapierwegbringen zurück und unterstützt ihn. Ich schaue mal, was der Sommer draußen zurzeit so treibt. Lange nichts von ihm gehört.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#64 Gesunde Brutalität

15. Februar 2013


Donnerstag, 14. Februar

Wenn Serges Laden zwar offen, aber menschenleer ist, bedeutet das in der Regel, dass er in der Rip-Lounge am großen Fenster sitzt und raucht, vor seinem aufgeklappten Laptop, neben sich Jakob, Laura oder andere, die mit ihm philosophieren oder über sein Buch oder auch nur irgendetwas anderes reden. Als ich aus dem schmalen Handelsweg ins offene Achteck trete, kehre ich daher dieses Mal nicht direkt ins Café ein, um Chris oder André oder den anderen den Gruß des Tages zu entbieten, sondern wende mich der gegenüberliegenden Rip-Lounge zu, und siehe, es winken mir Serge und Jakob von hinter dem Fenster aus zu, beide rauchend, beide lächelnd. Da setze ich mich doch gerne dazu. Eine gute Gesellschaft, wie ich schon öfter erleben durfte, wofür ich dankbar bin.

Jakob und Serge sind ein bewundernswertes Gespann. Serge ist 68 Jahre alt, betreibt nebenan den kleinen Laden mit vielen gebrauchten Dingen, Büchern zumeist, war Intendant des Schlosstheaters in Celle, schreibt zurzeit an einem Buch, oder besser: hat es selbstgebunden vorliegen, „Lucky Man“, Buch eins von dreien. Und Jakob ist 15, Schüler, literaturinteressiert, aufgeschlossen, neugierig, fröhlich, intelligent und gutaussehend. Von Serge lernt er viel über Literatur, kauft bei ihm regelmäßig Bücher, heute eines von Marcel Proust, und im Gegenzug bedient er Serges Laptop, kümmert sich um Updates, bearbeitet Korrespondenz, löst Probleme. „Wir sind eine Projektgruppe“, sagt Jakob. „Zwei Typen, die hier jeden Samstag rumsitzen, rumstehen, jeden Samstag, rauchen und sprechen.“ Ganz offensichtlich manchmal auch donnerstags. „Das ist ja in gewisser Weise eine Art Germanistikseminar“, konkretisiert es Serge. „Wir versuchen, Texte zu analysieren anhand eines konkreten, im Moment noch in Erarbeitung befindlichen Textes – das ist ungewöhnlich, an einer Uni wird man selten einen Autoren bei der Arbeit vor sich haben.“ Für mich ist es der umgesetzte Generationenvertrag. „Ich muss dir noch was sagen zu Colour Haze, die neue Platte – “ Doch dazu kommt Jakob nicht mehr, er folgt einer Freundin an einen der Nachbartische. Vernünftig.

Colour Haze! Kürzlich waren Maren, Arni und ich im Riptide unterwegs und gesellten uns kurz in die Runde von Serge, Jakob und noch jemandem, und als wir erzählten, dass Arni und ich vorhatten, direkt zu Raute zu gehen, leuchteten Jakobs Augen auf, und er erzählte, dass er sich dort gerade eine Anlage gekauft hatte, mit Plattenspieler, und außerdem eine Platte von einer Band, „kennt ihr Colour Haze?“ Was für eine Frage, sie uns Progrockinteressierten zu stellen, umgekehrt wäre sie angebrachter: Du kennst Colour Haze?! Die kennen nicht mal Gleichaltrige. Jakob erzählte nun überschwänglich, dass er sich bei Raute eine LP von denen gekauft hatte, signiert, weil Raute-Zweitchef Uwe Kontakte zur Band hat. Mit demselben Strahlen in den Augen freute sich Uwe kurz darauf uns gegenüber über Jakobs Interesse an der Band, LPs an sich und dem Plattenspieler. Die Welt ist nicht verloren mit jungen Leuten wie Jakob. Wir freuten uns überdies, wie grässlich wir von Uwe willkommen geheißen wurden, und nicht nur wir, Uwe war in allerbester Laune und beleidigte seine Kunden herzerwärmend mit Begrüßungen wie „Alles muss raus – das gilt auch für dich!“ Dem leistete natürlich niemand der glücklichen Kunden Folge, und das mit erheblicher Begeisterung. Uwes Laune war kein Wunder, die Eintracht hatte gerade gewonnen.

In der Rip-Lounge nimmt Milena Bestellungen auf und kommt auch zu Serge und mir. Ich bestelle das, was man bekommt, wenn man „Hausmarke“ sagt, was, wie ich wohl weiß, nicht mehr Hausmarke ist, sondern ein Fritz-Produkt, dessen Namen ich mir allerdings noch nicht gemerkt habe. „Eine Ex-Hausmarke“, bestätigt Milena. Sie habe ich noch gar nicht im Riptide-Team gesehen, „ich bin seit Ende November hier“, sagt sie, aber vor mehr als zwei Jahren machte sie einen Okerwelle-Bericht über das Riptide, und das erzählte sie mir damals, daher kennen wir uns also schon.

Als Serge und ich uns gerade über sein Buch „Lucky Man“ unterhalten, danach über Kinder, frühkindliche Prägung, Traumatisierungen und deren Auswirkungen, Selbstverwirklichung, selbstschädigende Rücksichtnahme und als selbsterhaltende Folge darauf, wie Serge es nennt, „gesunde Brutalität“, kommt Niclas um die Ecke und setzt sich zu uns. Er hat einen Termin beim Arzt und war früher da als gefordert, doch macht die Praxis Pause und lässt ihn nicht im Wartezimmer sitzen, und für eine Stunde will er nicht nach Hause und setzt sich zu uns, um die Zeit zu überbrücken. Obwohl, wie ich finde, er im Riptide dann wohl zu Hause ist. Er muss zur Blutabnahme, „ich darf nichts essen und trinken, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und das war nur Müsli“, erzählt er mit Hungermiene. Milena, die mir mein Fritz-Getränk bringt, das „Kola-Kaffee-Limonade“ heißt, was deutlich schwieriger zu merken ist, aber mindestens genauso gut schmeckt wie die Hausmarke, fragt ihn ahnungslos: „Kann ich dir etwas zu essen oder zu trinken bringen?“, was bei Niclas ein hungerverzerrtes Gesicht zur Folge hat. „Ich würde gerne, aber darf nicht“, sagt er gequält. Milena stutzt: „Wie so nicht, bist du mit Vorgesetzten hier?“ Genau, ich verbiete ihm den Kaffeekonsum. „Genau, ist ja auch ungesund“, stimmt mir Milena zu. Niclas erklärt ihr den Grund und fragt: „Habt ihr Wasser ohne Kohlensäure?“ Haben sie, „Leitungswasser“, sie beugt sich verschwörerisch zu ihm und raunt hinter vorgehaltener Hand: „Ist auch umsonst.“ Die beiden sind sich handelseinig.

Die Gespräche zwischen Niclas, Serge und mir werden existentialistisch, ganz so, wie es in diesem Rahmen üblich und erfreulich ist. Zum Existentialismus gehört natürlich auch der Genuss, und auf Niclas‘ Hungerbemerkung hin bemerkt Serge, dass er nur wenig isst und sich selbst oft fragt, wovon er lebt, und ich mutmaße, dass es Rauch ist. Serge zieht an der Zigarette und fügt den abendlichen Wein hinzu. Niclas und Serge tauschen sich über Geschmack und Rauchdauer verschiedener Zigarettensorten aus. Serges Marke, eine Empfehlung von Jakob, sei teurer, schmecke aber besser, und außerdem verglühten sie nicht so schnell. Serge zahle also drauf für „Geschmack und“, er sucht nach dem Wort, das ihm Niclas reicht: „Ergiebigkeit.“ Serge nickt: „Rauchen ist das einzige, wovon ich wirklich überzeugt bin.“ Oha, was für eine Feststellung. Wovon bin ich denn überzeugt? Das ist eine Frage für zu Hause. „Die Entstehung der Literatur, besonders der modernen, verdankt sich dem Rauchen“, sagt Serge. Und dem Alkohol, finde ich. „Auch das Kino, besonders in Schwarzweiß“, fügt Serge noch hinzu, das setze den Rauch ästhetisch ein, „Farbe trägt den Rauch nicht, darin verschwindet er“. Im Kino verschwindet Rauch sowieso, außer bisweilen im Europäischen. Das hat Niclas auch beobachtet.

Das Kino rappelvoll bekamen Riptide und Universum jüngst bei Sound On Screen, mit dem Sigur-Rós-Film „Heima“. Das dritte Mal überhaupt, wie Beate erzählte, war Sound On Screen ausverkauft, nach dem The-Doors-Film und dem Blue-Note-Film. Das Kino war so voll, dass das Universum den Film noch an zwei weiteren Abenden zeigte. So voll, dass Janna und ich beim Gang ins Kino fürchteten, die zwei überzähligen vorbestellten Karten auch noch bezahlen zu müssen, weil unsere beiden angesagten Begleiter abgesagt und wir vier Karten vorbestellt hatten. Wir stellten uns artig in die Schlange, in die sich als nächstes Iris gesellte, fröhlich strahlend, aber ahnungslos, dass sie hätte vorbestellen müssen, und dann mit uns froh, dass sie eines der zwei überzähligen Tickets haben konnte, und die Frau am Schalter beteuerte dann auch noch, dass wir das letzte Ticket nicht zu zahlen hätten, dass es genug Nachfrage gebe uns sie es schon loswerde. Aha, dachte ich. Jetzt bin ich mal gespannt, wer sich neben mich setzt. Das Kino füllte sich, es liefen Werbefilme, unter anderem vom Kingking Shop, in dem in der Woche davor gewesen war, um Stefan mal wieder zu treffen, und bei ihm war eine junge Studentin, Vera, die sich mit ihm über ihre Kunst und eine potentielle Ausstellung in der Einraumgalerie unterhielt, und währenddessen stöberte ich in den Büchern, wie es sich in einem halben Buchladen auch gehört, und entdeckte dort „Speichelfäden in der Buttermilch“, eine Zusammenstellung diverser Veröffentlichungen von Stermann und Grisseman, zwei für meinen Geschmack ernsthaft lustigen Humorschaffenden, die allerdings außerhalb Österreichs und Süddeutschlands sowie Berlins niemand kennt, abgesehen von Studio Braun, die mit den beiden befreundet sind, nachvollziehbarerweise, und ich wunderte mich, das Buch in Braunschweig zu finden, und Stefan zitierte gleich den Youtube-Film „Cordoba 1978“, und darüber kamen wir drei über lustige Bücher zu sprechen, und Vera nannte „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ von Hans Traxler, einen satirischen Bericht über einen erdachten Forscher, der die Lage des Hexenhauses und die Identität der vermeintlichen Hexe und die Wahrheit hinter dem Märchen herausgefunden zu haben behauptet hatte, der damals, in den späten 60ern, in der Bundesrepublik noch für Aufsehen gesorgt hatte, und ich bestellte das Buch sogleich bei Stefan, und als ich ging, rief mir Vera hinterher, „sag mir, wie du es findest“, und ich sagte, na klar, mache ich, und auf dem Heimweg dachte ich noch, wie denn? Und als dann im Universum kurz vor „Heima“-Start mein Überraschungssitznachbar endlich eintraf, fragte sie: „Und, wie fandest du das Buch?“ Das war wirklich eine Überraschung. Die Antwort konnte ich ihr noch nicht geben, weil ich das Buch bis dahin noch gar nicht abgeholt hatte. Wir tauschten dieses Mal Emailadressen aus. Am nächsten Tag rief ich gleich bei Stefan an und fragte nach dem Buch und danach, ob er sich ausdenken könnte, neben wem ich „Heima“ gesehen hatte, und er sagte: „Vera“, worauf ich erheblich stutzte, und er klärte mich auf: „Ich saß zwei Reihen hinter euch.“ Braunschweig, eine Erbse.

Der Film selbst war auch Jahre später noch so anrührend wie beim ersten Mal, die mittleren Sachen von Sigur Rós lösen einfach immer etwas in mir aus, und die Bilder dazu auch. Nach dem Film waren wir noch mit Axel bei Guidos Pizzeria, bevor wir uns die Aftershow im Riptide ansahen, mit Livemusik und Islandfilmen, und Beate verriet uns dort schon, dass in der nächsten Staffel von Sound On Screen „24 Hour Party People“ und „Searching For Sugar Man“ laufen. Ersterer hatte keinen Deutschen Kinostart, den hatte ich seinerzeit in Kopenhagen gesehen, in einem Kino zwischen Hauptbahnhof und Rotlichtviertel und mit nur einem weiteren Gast, Original ohne Untertitel, was nur vermeintlich okay gewesen war, weil der Film ja auf Englisch ist, obwohl, ist er nämlich nicht, jedenfalls nicht so richtig, er spielt in Manchester, allzuviel hatte ich also nicht verstanden, aber dennoch viel Spaß an dem Ding, und Beate erläuterte den anderen Film, eine Dokumentation, die von der Suche eines Südafrikaners nach dem verschollenen Sänger Rodriguez handelt, und die eine unvorhersehbare Pointe hat, die sich Beate allerdings nicht entlocken ließ. Morgen Abend läuft aber erstmal „You Instead“ bei Sound On Screen, die beiden anderen Filme kommen im März und im April.

Zwischendurch geht Serge immer wieder mal nach gegenüber, um in seinem Laden Kunden zu bedienen. Stets kommen die lächelnd wieder heraus. Niclas muss jetzt wirklich los zum Arzt, Serge sitzt wieder bei mir, als Helen hereinkommt und ihn begrüßt und eine Verabredung mit ihm dingfest macht. „Ich muss ein Babygeschenk kaufen“, sagt sie, eine Freundin in Hannover habe ein Kind bekommen. Eine Freundin von mir auch, vorgestern. „Ich habe noch nie ein Babygeschenk gekauft“, sagt Helen. Sie ist noch jung, das wird ihr jetzt vermutlich öfter passieren.

Serge will Feierabend machen, dann gehe ich auch, erstmal nach gegenüber ins Café, zum Zahlen und um endlich meine Grüße zu entrichten, und stelle fest, dass das Café bis auf den letzten Platz und im Grunde sogar darüber hinaus besetzt ist, und freue mich darüber. Chris arbeitet in der Küche und hat wegen des vollen Cafés alle Hände voll zu tun und keine Zeit, was man seiner Freundlichkeit indes nicht anmerkt. „Morgen kommt nach langem Warten die neue Nick Cave heraus“, sagte er noch schnell und bringt Teller mit Fladenbroten an die entsprechenden Tische. Guter Tipp. Hinaus in die Sonne, die den achteckigen Innenhof fröhlich aufhellt, und die trotz der Minusgrade wärmt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#61 Spirotonal Ratiotap

13. November 2012


Dienstag, 13. November

Wie herrlich: Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt, es ist gar nicht so kalt, wie es eigentlich im November sein sollte, und das ist auch gut so. Ich mag die morgendliche Aufbruchstimmung in Städten, wenn Geschäftsleute ihre Läden öffnen, Schilder herausstellen, Wimpel ausfahren, die Kasse öffnen. Vereinzelte Kunden gesellen sich dazu, manche flitzen durch die Innenstadt, um noch schnell vor dem eigenen Arbeitsbeginn etwas zu erledigen, sich vielleicht ein Brötchen zu kaufen. Wenn in diese Geschäftigkeit die Sonne hineinstrahlt und ich selbst nichts zu tun habe, entspannt mich das, da strahle ich mit der Sonne um die Wette. Eine Stadt sieht in genau dem Moment auch besonders gut aus. Braunschweig nicht minder, der Kohlmarkt insbesondere, oder die Friedrich-Wilhelm-Straße vor der früheren Hauptpost, an der Straßenbahnhaltestelle, wenn die Sonne genau die Straße entlangscheint, auf das frühere City-Kino, das jetzt einen Supermarkt birgt, der den Namen dankenswerterweise beibehalten hat: „Görge City“.

Im Handelsweg ist André scheinbar der einzig Beschäftigte, er stellt ein Tablett mit Muffins in die Vitrine, als ich grüßend ins Café komme. Das Riptide ist bereits geöffnet, die Nachbarn nehmen wohl erst später den Betrieb auf. „Ich mach mir erstmal einen Kaffee“, sagt André. Guter Gedanke, ich nehme auch einen. Während die Maschine faucht, tauscht André bei den Teelichtgläsern die Papiermäntel aus. Er stellt mir und sich einen Kaffee vor die Nase. „Ich muss die Stühle aufschließen“, sagt er dann und geht ins Achteck. „Moin“, höre ich ihn rufen, und herein kommt Micha, direkt von gegenüber, der Einraumgalerie, wo er eben Flyer vorbeibrachte. Micha legt eine Rolle Plakate vor die Theke und André macht ihm zwischendurch einen Kaffee. Dieses Mal zerkleinert André einen Karton, bis die Maschine fertiggefaucht hat, reicht Micha den Kaffee und klimpert dann wieder draußen mit dem Schlüssel zwischen den Stühlen herum.

Erst vor einer Woche trafen Micha und ich uns beim Filmfest. Ich konnte leider nur zwei Filme sehen, wie eine Klammer um das Filmfest herum: die erste Vorstellung am Eröffnungsdienstag und die letzte Vorstellung am Schlusssonntag. „Camera Shy“ war mein erster Film, und ich wunderte mich, dass ich danach im C1-Foyer keinen Bekannten traf. Also ging ich zum Universum, irgendwo musste Micha schließlich sein. Und richtig, da stand er, wie im vergangenen Jahr nicht, um einen Film zu sehen, sondern um zu gucken, ob er Bekannte trifft. Das hatte ich geahnt, das war also im Grunde eine indirekte Verabredung. Bei „Camera Shy“ hatte ich neben einem Ensemble-Mitglied der großartigen Impro-Theater-Gruppe „Jetzt & Hier“ gesessen, das erzählte ich Micha, der in Erinnerung daran jetzt aus seiner Tasche gleich deren neuesten Flyer zückt, für die Auftritte am 17. November in der KaufBar und am 15. Dezember im LOT. Mein zweiter Filmfest-Film war dann „Inuk“.

„Ich habe auch zwei Filme gesehen“, berichtet Micha. Er sah beide am Sonntag, den ersten am Vormittag, „Marina Abramović: The Artist Is Present“ über die Aktion im Museum Of Modern Art, als sich Marina Abramović an einen Tisch setzte die Museumsbesucher ihr gegenüber Platz nehmen konnten. Der Film dokumentiert die Reaktionen, die bis hin zum spontanen Weinen reichten. „Das war für mich der Film des Filmfests schlechthin“, sagt Micha. „Es war, als würde man ihre Präsenz über den Kinosaal wahrnehmen.“ Der Film habe ihn emotional stark berührt. Einziger Wermutstropfen: „Es muss nicht jede Szene in einem Film mit Musik unterlegt sein.“ Das sehe ich auch so, das nervt, bei „Inuk“ ging es mir streckenweise auch so. Hans Zimmer, nichts ist schlimmer. Draußen spannt André gerade die Sonnenschirme auf, und man hört, wie er Bänke übers Pflaster schiebt. „Für mich war das das Highlight des Festivals“, schwärmt Micha weiter. Sein zweiter Film sei da nicht mitgekommen: „Parked“, „ein schottischer Film, der war gut, aber vorhersehbar“, findet Micha.

André kehrt mit drei Schülern im Gefolge zurück in Café. Er stellt sich hinter die Theke, die drei davor. „Ich möchte Karten abholen für den Poetry Slam“, sagt Julius. André holt die entsprechende Tasche hervor und blättert in den Tickets. „Habt ihr schon welche zurückgelegt?“, fragt er. Haben sie, für den 30. November im LOT, nicht für den 23. November in der Neustadtmühle. André wird fündig. Julius zahlt und nimmt seine Karten entgegen. Die drei gehen an die Ricarda-Huch-Schule und nutzen eine Freistunde für diesen Ausflug in die Stadt. „Poetry Slams sind gut gemischt, da ist alles drin, verschiedene Geschichten, das inspiriert“, findet Julius. Sehe ich auch so, eine bessere Abendunterhaltung als „Wetten dass..?“. „Und die Eintrittspreise sind fair“, sagt Julius. Den Vorverkauf im Riptide nutzt er seit langem, „das ist mein Standardladen, ich bin hier fast seit der Gründung“, sagt er. Er nahm zwar selbst noch an keinem Slam teil, aber Lukas, der neben ihm steht: „Ich habe beim Beat Box Contest mitgemacht.“ Bei einem Poetry Slam auch, aber nicht öffentlich. Julius meint: „Ich müsste mich ein bisschen aufraffen, dann würde ich das auch mal.“ Lukas sagt: „Wir schreiben zu Hause Texte, machen auch Musik – aber nicht konsequent.“ Deswegen heiße seine Band auch „Inkonsequent“: „Wenn wir uns konsequent hinsetzen würden…“ Dabei hatten sie in den vergangenen fast drei Jahren schon diverse Auftritte, den nächsten am 29. November in der Aula der Gauß-Schule.

Auch Julius beschäftigt sich mit Musik, aber anders, er produziert mit einem Freund Hip-Hop-Musik für einen Rapper und hat auch sein eigenes Label, und: „Wir machen House- und Party-Musik.“ Der Rapper, den sie fördern, heißt „Saze“, das Party-Projekt „BeatsBrüder“. „Ich suche Rapper, die etwas aussagen wollen“, sagt Julius. „Die aber auch Spaß verstehen, wie Cro – aber das ist nicht einfach.“ Auch Lukas war schon dabei, als Rapper: „Das macht Spaß, einfach rauslassen und die Seele baumeln lassen“, sagt er. Beide überlegen, ob sie am Freitag zu Sound On Screen gehen, wenn im Universum der Film „Beats, Rhymes & Life“ über A Tribe Called Quest läuft. Rap und Poetry Slam, das sind Brüder.

In der nächsten Staffel von Sound On Screen laufen gleich zwei Pflichtfilme für mich. Einer davon erfüllt wahrscheinlich unzähligen Braunschweigern einen Traum, Organisatorin Beate eingeschlossen: „Heima“ von Sigur Rós kommt im Januar, nach langen Verhandlungen. Und am Nikolaustag „Shut Up And Play The Hits“, der Film über das Ende von LCD Soundsystem, einer der wenigen Nullerjahrebands, die ich persönlich umfassend gut finde. Vor anderthalb Wochen war ich mal wieder in Kopenhagen, direkt zum Beginn des Dokumentarfilmfestivals CPH:DOX, und da haben sie den Film auch gezeigt, allerdings, nachdem ich leider schon wieder weg war. Anschließend hat Bandchef James Murphy aufgelegt, zumindest laut Programmplan. Nach der Braunschweiger Filmvorführung gibt es aber auch Livemusik, und zwar spielen „Atari Collage“ im Riptide. In die Sound-On-Screen-Reihe würde „Fraktus“ auch gut passen, sind uns Micha und ich einig. Die Doppel-LP zu dem Film steht im Riptide-Regal. Nachdem André die Tische und Stühle draußen mit Karten, Zuckerstreuern, Decken und Kissen ausgestattet hat und hinter die Theke zurückkehrt, teilen wir ihm unseren Vorschlag mit. „Fraktus“ hatte vergangene Woche Bundesstart und müsste längst regulär laufen, auch in Braunschweig. Micha fürchtet, dass das aber nicht passieren wird. Dabei lief auch „Dorfpunks“ im C1, den hat ebenfalls Lars Jessen gedreht, nach einer Vorlage von Rocko Schamoni, einem der drei Studio-Braun-Mitglieder, die sich jetzt eben „Fraktus“ nennen und über diese fiktive 80er-Jahre-Band eine Mockumentary herausbrachten. Die norddeutsche Version von „Spinal Tap“, quasi Spirotonal Ratiotap.

Carsten gesellt sich zu uns. André begrüßt ihn mit einer hohen Fünf und bereitet ihm ebenfalls einen Kaffee zu. Carsten ist Mitbegründer des Eiko-Vereins, „der ist in Svens und meinem Übungsraum entstanden“, berichtet er. Dann ist er bestimmt auch Mitglied bei Fossajar? Ist er. „Und ich bin Schlagzeuger bei Agapornis.“ Von denen schwärmt Schepper immer, der wiederum die Eiko-Shows in der KaufBar moderiert. „Mit Schepper haben Agapornis in Goslar im Gecko gespielt“, erzählt Carsten. Stimmt, davon berichtete Schepper auch schon. Carsten lobt das Etablissement in den höchsten Tönen: „Wer mal nach Goslar fährt und eine gute Kneipe besuchen will, sollte ins Gecko gehen.“ Auch aus anderen Gründen: „Wir machen dort jede zweite Woche am Sonntag Session, jetzt am Sonntag wieder, seit zwei Jahren schon.“ Schlagzeuger war Carsten außerdem auch bei Murder At The Registry, direkt nach Boris, der jetzt bei Maxx Reebo trommelt. Koinszidenz: Murder At The Registry feiern am 24. November im LOT Wiederauferstehung. Als Carsten dort trommelte, war Martin Krause Gitarrist, und der stammt aus demselben Heidedorf wie ich. Die beiden wohnten sogar zusammen, erzählt Carsten. Die Welt, eine Erbse. Martin kannte ich besser aus dem Exil als aus dem Dorf, und, wieder ein Zufall, am Murder-Reuinion-Abend findet gleichzeitig in der alten Heimat, im früheren Nachbardorf, eine Exil-Revival-Party statt. Zweiteilen müsste man sich können.

„Furchtbar, Westernhagen“, ruft Nora angesichts des Albums „Die Sonne so rot“, das aus dem Second-Hand-LP-Kasten lugt. „Den habe ich gerade erst im Radio gehört“, ächzt sie angewidert. Verständlich, so etwas wie „Sexy“ ist echt übel, und außerdem macht er Werbung für die Bild. „Ich mag den“, sagt Flo, der neben ihr ebenfalls in Schallplatten blättert. „Er hatte ein paar gute Lieder.“ Nora entdeckt ein Album von Foreigner: „Sind das nicht die mit ‚Africa‘?“, fragt sie und weiß dann selbst: „Ach nee, das waren Toto.“ Wie schrecklich: Die beiden sind erst 19 und 25 Jahre alt, hätten also die Chance, wenn sie schon erfreulicherweise die ältere Musik aufarbeiten, sich dann auf die guten Sachen zu konzentrieren – aber doch nicht auf Foreigner und Toto? „Ich kenn die alle noch von früher“, lacht Flo. Und Nora sagt: „Ich mag Billy Idol, nach dem gucke ich immer mal, und wenn ich jetzt eine LP von ihm finde, nehme ich die sofort mit.“ Mit dem Stöbern hören sie auf, als ihnen André die bestellten Getränke an ihren Platz auf dem Sofa bringt.

Zurück an der Theke, holt André ein Foto aus einem Umschlag und zeigt es uns. „Das ist ein Foto vom Handelsweg nach der Bombardierung“, sagt er. „Das habe ich auf einem Flohmarkt gefunden.“ Das Besondere: „Die Kuppel ist noch zu sehen.“ André und Chris schauen regelmäßig nach alten Dokumenten vom Handelsweg, aber eines mit intakter Kuppel haben sie noch nicht gefunden. Auf dem Foto sind zerstörte Gebäude in hellem Backstein zu sehen. Ein Mann mit schwarzem Mantel und Hut geht genau in der Mitte vom Betrachter weg. Er steht inmitten des Achtecks. Über seinen Kopf hinweg kann man die Turmspitzen des Doms erkennen. Und über ihm das Gerippe der Kuppel, die bis dahin das maurische Achteck überspannte. Die Gebäudereste vorn sind geschlossen und zeigen noch nichts von der offenen Schaufensterfassade, die der Handelsweg heute hat.

Und André macht uns auf eine Premiere aufmerksam: „Es gibt im Dezember einen Lebendigen Adventskalender im Handelsweg und drumherum.“ Los geht es am 1. in der Magniküche, das Riptide ist am 3. und 22. dran. „Am 3. eröffnen wir die Glühwein-Saison und am 22. spielen ‚You & Me‘ bei uns.“ Die kenne ich, die waren bei Sibylle Schreiber in Wolfsburg schon mal in zu Gast. Sie etabliert dort zurzeit je eine Literatur- und Kleinkunst-Bühne im Café Extrem und kündigte das Duo dafür an. Am 7. Dezember tritt Till Seifert bei ihr auf. Die genauen Adventskalender-Termine werde es als Plakate und Flyer geben, sagt André, und jedes Geschäft hat das entsprechende Türchen als Klappe in der Eingangstür hängen. Seltsam: Das ist schon bald. Und gerade jetzt scheint so schön die Sonne. Carsten muss weiter, Micha auch, Flyer verteilen, André bedient in der Rip-Lounge lernende Schüler, und ich gehe auch, die Sonne genießen, wenn sie schon mal da ist.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#54 Keine Früchte

26. April 2012


Donnerstag, 26. April

Die Plattenmatte mit dem orangefarbenen Jägermeisterhirsch auf den beiden Reinhörplattenspielern im Riptide gibt diesem grauen Tag etwas Farbe. Es ist Ende April, die Okercabana öffnet heute, die Schwalben sind überfällig, etwas höhere Temperaturen eigentlich auch, sieht man mal von der einen viel zu frühen warmen Woche im März ab und davon, dass es heute gerade einmal ein bisschen zu warm für einen Schal ist. Immerhin, der Flieder in unserem Hinterhof blüht zurzeit und die Fledermäuse drehen dort auch schon seit einer Weile ihre Runden. Die Sonne könnte sich also mal wieder blicken lassen, wo kommen wir denn da hin. Trotzdem: So schön grün, wie auch die Straßenbäume jetzt wieder sind, da macht es richtig Spaß, durch die Stadt zu schlendern, vom Kohlmarkt zum Kingking Shop und in den Handelsweg. Bei Serge im Eingang steht eine Leinwand mit orangefarbenen Luftballons darauf, die für ein Selbstfilmfest werben, und gegenüber bei Piou steht ein Stuhl mit einer Topfpflanze darauf vor der Tür. Zusätzlich zu den Jägermeisterplattenmatten geht es im Riptide wie gewohnt farbig zu. Chris unterhält sich mit einem Kunden über Liveerlebnisse mit einer uralten Indieband, André konzentriert sich auf seine Arbeit am PC, Sina bedient die Gäste und Jasmin ist in der Küche zugange.

Sina stellt mein bestelltes Wolters auf die Theke neben die inzwischen zehn verschiedenen Quartette, die dort ausgestellt sind, ergänzend zu den vielen anderen CDs, DVDs und weiteren Produkten, und Chris erzählt vom Record Store Day. Der war am Samstag und das Riptide einer der weltweit teilnehmenden Läden und deshalb entsprechend voll. Die Liste der nur für diesen Tag in ausgewählten Schallplattenläden wie dem Riptide erhältlichen Veröffentlichungen war gigantisch lang, die Schlange vor der Theke wohl auch. „Die meisten Nachfragen hatten wir nach ABBA“, erzählt Chris. Auf blauem Vinyl gab es den Extended Dance Mix von „Voulez-vous“, und, so Chris: „Da ist ein unveröffentlichter Song drauf“, die B-Seite „If It Wasn’t For The Night“ nämlich. Schade nur, dass ein nicht geringer Teil der Käufer die tollen Raritäten nicht wegen der wunderbaren und oft exklusiven Musik kauft, sondern wegen des vielfachen Wiederverkaufswertes. Glücklich können sich also alljene schätzen, die im Riptide einen begehrten Schatz ergatterten, und davon gab es eine Menge.

Der anstehende Mai kommt im Riptide mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen, obwohl er mit einem geschlossenen Tag startet, dem Maifeiertag. Das Plakat von der Nagel-Lesung am 18. begrüßt gleich jeden Gast am Eingang. „Nagel hat bei uns gerade seine Ausstellung, der war schon zur Eröffnung hier, persönlich“, erzählt Chris. „Er kommt wieder zur Finissage – ‚Bebilderte Lesung‘ nennt er das.“ Chris blickt in Richtung Kunst: „Für die neue Ausstellung haben wir alles einmal komplett gestrichen, wir haben richtig viel geschafft, mit zehn Leuten haben wir hier gestanden.“ Der Mai sei deshalb so voll mit Veranstaltungen, weil im Juni die Fußball-EM kommt, sagt Chris. Stimmt ja. Olympiade ist auch, aber irgendwie hat die in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung verloren, scheint mir. „Vier Veranstaltungen haben wir, die Nagel-Lesung, Sound On Screen mit einer Reggae-Party danach, eine Soul-Party am 5. und MC Rene liest aus seinem Buch.“ Chris schwärmt von MC Rene: „Der ist Braunschweiger und war seinerzeit der beste Freestyle-MC Deutschlands, hat auf Viva moderiert, dann alles verkauft und war zwei bis drei Jahre nur mit einem Bahnticket auf Reisen und hat darüber in dem Buch geschrieben, selbstkritisch und ironisch.“ Das Buch sei zwar kein Hip-Hop-, sondern ein Reise-Buch, so Chris, „aber mit einem Musik-Einschlag“. Es heißt „Wir sehen uns im Zug“, erscheint im Rowohlt-Verlag und ist noch gar nicht veröffentlicht. „Wir haben die Release-Lesung“, sagt Chris, „vorher ist er nur bei Stefan Raab.“

Für André ist Feierabend, er verlässt seinen Platz am PC und nach einigen Abschiedsworten auch das Café. Chris übernimmt seinen Posten. Jasmin arbeitet weiter in der Küche und Sina läuft zwischen den Caféräumen umher und nimmt Bestellungen auf. Möchte ein Kunde bezahlen, kommt Chris wieder an die Theke zurück. „Ich zahle die Sofa-Rechnung“, sagt Barbara und deutet auf das Möbelstück und ihre sich davon erhebende Begleiterin. Das dürfte etwa 400 Euro machen, oder? Sie wehrt ab: „Nee, so schön ist es auch wieder nicht.“ Chris blickt auf: „Was?“ Barbara reicht ihm grinsend den genannten Betrag und wird genauer: „Es ist gemütlich – aber meins ist gemütlicher.“

Auf dem Zeitschriftenstapel liegt bereits das Mai-Intro. Die April-Ausgabe gab es an meinem Arbeitsplatz dieses Mal nicht, gab’s denn im Riptide eine? Bei meinen letzten Besuchen hier dachte ich nicht daran, danach zu suchen. „April? War das das mit Frittenbude?“, fragt Chris. Das weiß ich eben leider nicht. Ah, wer sich nach etwas weiter unten durchwühlt, wird unter den ganzen neuen Magazinen fündig und sieht Chris bestätigt: Ja, das mit Frittenbude. „Unsere Jungs“, wie Chris grinsend feststellt und bemerkt: „Nicht mehr, aber ich hab die entdeckt, da ist das schon Wahnsinn.“ Und demnächst spielen sie in Wolfsburg im Kulturzentrum Hallenbad. „Da gehe ich hin, wenn ich Zeit habe“, sagt Chris. „Wenn Bohren spielen, habe ich wahrscheinlich keine – da ist hier Bohlwegzeiten-Party im Riptide.“ Bohren & der Club Of Gore kommen im Rahmen des „Festival Theaterformen“ nach Braunschweig. Das wechselt jährlich zwischen Hannover und Braunschweig, dieses Mal sind wir wieder dran. Letztes Mal, vor zwei Jahren also, war es schon so, dass über die Dauer des Theaterfestivals parallel im Theaterpark abends Open-Air-Konzerte wirklich namhafter Musiker und Bands stattfanden. So ist es dieses Mal wieder: Am 2. Juni spielen Bohren, am 3. Nils Koppruch. Da habe ich mal Glück, denn an dem Wochenende muss ich nicht arbeiten und habe auch sonst noch nichts vor, außer mir am Samstag bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt den Bauch mit weltweiten Leckereien vollzuschlagen. Dann geht’s abends gemütlich in den Park, Doomjazz hören. Chris zitiert zwei exemplarische Songtitel vom 1995er Debüt „Gore Motel“, „Dangerflirt mit der Schlägerbitch“ und „Dandys lungern durch die Nacht“, und lacht. „Das war vor mehr als 15 Jahren, kurz nach 7 Inch Booots, das war die Vorgängerband, die habe ich noch live gesehen, da waren die noch Neurosis-dreckig.“ Mike Patton, der auf dem letzten Bohren-Album „Beileid“ die ersten Vocals der Bandgeschichte beisteuerte, wird wohl nicht in Braunschweig zu erwarten sein – nicht wie letztes Mal mit Tamikrest, als Hugo Race als unangekündigter Gast inkognito auf der Bühne stand, ausschließlich in Braunschweig. Aber wir haben schon Glück genug damit, dass Bohren überhaupt zu uns kommen.

Vorhin im Kingking Shop blätterten wir auch schon staunend durch das Festival-Programm. Und durch das Gratis-Magazin „Zettelwirtschaft“, in dem Off-Literaten und Poetry-Slammer ihre Texte beisteuern. Ein neues Heft stellten Stefan und Pott auch vor: „Päng, das Magazin für Leute mit einem Knall“. Demnächst macht Marc Domin im Kingking Shop Halt auf seiner Promotour für sein neues Buch „Viertel nach Untergang“. Marc war auch bei der „Mühe & Muße“-Show von Müller & die Platemeiercombo und vielen weiteren Beteiligten in der Brunsviga auf der Bühne und wird es wohl bei der Aufführung morgen in der Wolfenbütteler Kuba-Halle auch wieder sein. „Mühe & Muße“ wird seiner Selbstbeschreibung „Live-Psychotest-Revue“ nicht gerecht, weil es viel mehr bietet als nur das. Letztes Mal war Marcs Beitrag ein Slam darüber, wie wichtig es ist, bei der Arbeit betrunken zu sein. „Die Polen sind schlauer als die Deutschen“, sagte er in der Pause, und wenn er solches sagt, glaube ich ihm das, ist er doch mit einer Polin verheiratet. Er setzte fort: „In Polen geht das ganze Land den Bach runter und die Leute saufen, in Deutschland geht das ganze Land den Bach runter und die Leute bleiben nüchtern.“ Marc bewirbt seine Show damit, dass sie ab 18 sei, und hat damit vermutlich Recht.

Aus der Küche dringen seltsame Geräusche. Es klingt wie eine Mischung aus Kratzen, Schaben und Hacken. Welche Speise erfordert solche Geräusche? Keine, oder besser: alle, denn Jasmin reinigt einige Küchengeräte. Und ich fragte mich schon: Was bereitet sie da nur zu? „Noch gar nichts“, sagt Jasmin, „aber gleich wieder mit großer Freude alles.“

Auch Chris reinigt, als er einen Karton auspackt, und zwar die Hülle einer CD von Kleberesten. Den Kragen auf dem Cover erkenne ich aus diversen Musikmagazinen: James Blake, das selbstbetitelte Album mit dem verwischten Gesicht. Chris hält es hoch: „Auch die Singles sehen so aus, man muss genau hinsehen.“ Und „Meds“ von Placebo auch, das ist aber fünf Jahre älter. Gleichalt hingegen sind die neuen Alben von Mia („Tacheles“) und dem einen Kalkbrenner („Suol Mates“ von Fritz, nur echt mit dem Buchstabendreher) – und die haben beide den identischen optischen Effekt auf dem Cover: Eine Mischung aus Profil und Frontansicht des jeweiligen Musikers. Ein Berlin-Zufall?

Ein leises zweifaches elektronisches Klingeln lässt Sina wissen, dass ein Gast in der Riplounge gegenüber einen Wunsch hat. Sie geht herüber. Jasmin befasst sich derweil mit dem Dienstplan für Mai und die Pläne für das anstehende Wochenende. Meines verbringe ich mit früheren Mitschülern, wir haben Abi-Treffen, hoch droben und tief drunten in der Heide. Abi-Treffen sind nichts für Jasmin: „Ich habe schon nach kurzer Zeit viele Leute vergessen.“ Das war bei uns am Anfang nicht so, und der Anfang hat einige Jahre gedauert. Aber mit der Zeit gingen die Lebensentwürfe dann doch auseinander, zum Beispiel in Sachen Kinderplanung, da stecke ich als einer, der keine Kinder haben will, in einer anderen Alltagsstruktur als die, die welche haben. Sina kommt nach der aufgenommenen und erfüllten Bestellung dazu. „Magst du die Lions?“, fragt er mich. Da habe ich gar kein Interesse dran, es ist also weder so, dass ich sie mag, noch dass ich sie nicht mag. Samstag spielen sie, sagt Chris. Da muss ich ihn enttäuschen, da würde ich aber schon wegen des Abi-Treffens nicht mitkommen, und wenn ich dort nicht hinginge, dann nach Dortmund, das ist der Ärgerliche Teil an dem Treffen: Am selben Tag findet das Festival „Rock in den Ruinen“ statt, mit zehn Bands – darunter Killing Joke, Phillip Boa – zu Hause! – und Saxon. Als wär das nicht geil genug, kostet das Ticket schlappe zwölf Euro. Für so ein günstiges Paket ist Dortmund mal ganz schön um die Ecke. Und mit der Meisterschaft ist da wahrscheinlich dann doppelte Party angesagt. Auch Jasmin und Sina sind nicht an den Lions interessiert: „Was euch an Kinderwunsch fehlt, fehlt mir an Sportbegeisterung“, sagt Sina. Jasmin stellt fest: „Das ist doch American Football, da verstehe ich die Regeln nicht.“ Chris erklärt sie: „Es gibt keine – einfach auf die Fresse.“ Nach einem schnell nachgeschobenen „nee“ grinst er. „Auf die Fresse?“, grübelt Jasmin. „Ist das nicht Rugby?“

Robin kommt ins Café. Er stutzt und zögert, die Tür wieder zu schließen. Wir gucken ihn erwartungsvoll an. „Soll ich die Tür auflassen?“, fragt er unschlüssig. Sina fragt: „Ist es denn notwendig?“ Robin hat die Türklinke noch immer in der Hand und bemerkt: „Draußen ist die Luft frisch.“ Dabei sieht es gar nicht danach aus, so dräuend-grau. „Nee, die Luft ist gut, bisschen warm, aber gut“, insistiert Robin. Er lässt die Tür halboffen stehen und nähert sich der Theke. „Eine Mate“, bestellt er, und sein durch die halboffene Tür tretender Begleiter auch, deshalb korrigiert sich Robin auf „zwei Mate“. Sina reicht sie rüber und fragt: „Wo sitzt ihr? Drüben?“ Robin zeigt ins Achteck und sagt: „Ja, drüben, aber nicht im Raucherbereich, sondern draußen.“ Sie schließen die Tür von außen und setzen sich an den Tisch vor dem Fenster mit den Reinhörplattenspielern.

„Hast du die Ausstellung schon gesehen?“, fragt Jasmin. Habe ich noch nicht. „Komm, wir gucken mal“, sagt sie und wir gehen und gucken mal. Durch die Glastür sehen wir gegenüber am Fenster in der Riplounge Sina sitzen. Sie raucht und winkt uns zurück. Ums Rauchen geht es auch bei Nagels Linoleumdrucken. Das Bild mit dem Zitat aus „Waiting Room“ von Fugazi kenne ich von der Werbung zur Ausstellung. Nach einer Runde durch die Schau kehren wir zeitgleich mit Sina an die Theke zurück. Sina entdeckt, dass die Hotelglocke auf dem Tresen etwas schräg geworden ist, und versucht, sie zu reparieren. „Die ist schief“, stellt sie fest. Und Chris, der frisch ausgepackte Tonträger etikettiert, weiß, warum: „Weil manche Leute zu doll draufhauen.“ Vielleicht hilft’s ja, wenn er einen der „Platte bitte nicht öffnen“-Sticker auf die Klingel klebt. Ähnlich passend: Zurzeit läuft jemand durch Braunschweig und hinterlässt überall Aufkleber mit dem Wort „Nicht.“ Das ergibt oft witzige Konstellationen, etwa an einer Supermarkttür: „Drücken“ – „Nicht.“ Kürzlich sah ich an einem Mehrfachbriefkasten eines Wohnblocks unter all den „Bitte keine Werbung“-Stickern einen Briefkasten mit der Aufschrift „Keine Früchte“.

Es wird Zeit für mehr Sonne. Vielleicht hilft ja die Nyan Cat gegen die graue, schwere Wolkendecke. Irgendjemand hat eine 100-Stunden-Version bei Youtube hochgeladen. Wer davon keine gute Laune bekommt, ist zweifelsfrei normal.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr