Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#118 Die Spur des Raaben

30. August 2017


Dienstag, 29. August 2017

Es ist dies fraglos ein seltsamer Sommer, und ebenso fraglos sahen die jüngst zurückliegenden Sommer nicht wesentlich anders aus. Vielleicht waren sie weniger kalt als dieser, aber nass, unbeständig und gewittrig sind die Monate von Mai bis September schon länger. Man vergisst das so schnell. Heute ist es ausnahmsweise einmal warm und sonnig, das ist selten in diesem Jahr. „So schlecht war der Sommer gar nicht“, widerspricht André, aus der Küche kommend. „Doch“, entgegnet Chris am Kassen-PC: Achtzig Prozent seien nass gewesen. Dazu fällt mir der Satz ein, den Juri vom Critical Mass Ride letztens beim Einkaufen zu mir sagte: „Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei, dann wird es endlich wieder warm.“ Heute zum Beispiel, und alle Gäste sitzen natürlich draußen, im Achteck, im hellen Licht, wenn auch nicht in der Sonne, weil die es zwar nicht direkt zwischen die Häuserwände des Handelswegs hindurch schafft, aber immerhin eine ungewohnte Helligkeit und Wärme verbreitet.

Im Café selbst sitzt so gut wie niemand. Wer an die Theke tritt, tut dies zum Bestellen oder Begleichen der Rechnung für bereits Bestelltes. Einen veganen Cupcake und einen Kaffee ordert Sue bei Chris, nicht nur für sich, und sie möchte gern die Verpflegungsmittel zusammen mit einer Schallplatte per Karte bezahlen, was durchaus möglich ist, wie Chris ihr gern versichert, „wenn die Platte da ist“. „Ist sie“, sagt Sue, „ich hab sie schon gesehen.“ Sie hüpft zum entsprechenden Fach, begleitet von Chris, „von Johnny Cash, ‚Live At murmelmurmel Prison‘.“ Chris ergänzt „Folsom“ und Sue nickt froh. Gemeinsam fischen sie das Vinyl aus dem Fach, und während Chris mit ihr zur Theke zurückkehrt, erzählt er Sue von den Umständen des Konzertes, vom Gefängnisleiter, der Cash bat, die Gefangenen nicht mit Gefängnisliedern an ihren Standort zu erinnern, sondern mehr Liebeslieder zu spielen. „Und was macht er?“, fragt Chris und antwortet selbst: „Er spielt nur solche Lieder – das war Punkrock!“ War das nicht auch das Konzert, bei dem das berühmte Stinkefingerfoto entstand? „San Quentin“, wirft André ein, der zufällig aus der Küche kommt. Und es scheint, als sei die LP nicht für Sue selbst, sondern ein Geschenk. Sue nickt: „Das ist Tradition bei uns in der Familie: Valentinstag ist bei uns das ganze Jahr über.“

Der erste runde Geburtstag steht für das Café Riptide an, genau am 16. September wird es zehn Jahre alt. Zufällig ist das dieses Jahr ein Samstag, das wird ein langes Wochenende. Die Pläne stehen schon, weitgehend, berichtet Chris. Zehn Jahre. Ich war am ersten Tag hier und bin es immer noch. Für mich ist das Riptide immer neu, jung, frisch. Und dann stehen einmal Leute neben einem, die erzählen, sie kennen das Riptide „noch von früher“, was ich von ganz anderen Einrichtungen sagen würde, zum Beispiel dem Farmer‘s Inn in Uetze. Aber jetzt gehört das Riptide zum Alteingesessenen, es ziehen Erwachsene nach Braunschweig zurück, die ihre Jugend im Riptide verbrachten. „Man fühlt sich so alt“, sagt Chris, das Küken.

Und dann listet Chris das Festprogramm auf: „Am Freitag gibt es ein Konzert mit einer Band, die es seit vier Jahren nicht mehr gibt: Killing Joke.“ Na, den Witz erkenne ich, denn die gibt es ja noch, aber er spielt damit auf eine gemeinsame Leidenschaft an. In Wahrheit kommen The Driftwood Fairytales aus Berlin, deren Mitlieder dort längst allesamt in anderen Konstellationen Musik machen. „Das ist eine Folk-Punk-Band, die ist für einen Abend bei uns und der Eintritt ist frei“, freut sich Chris. „Der Samstag ist der Haupttag, der wirkliche Geburtstag“, fährt er fort. Dann gibt es Freibier, Gratis-Prosecco, Tombola, Verlosung, „und das Ganze endet in einer Riesenschlammschlacht, äh: -party!“ Es legt ein gewisser Butch Cassidy auf, der mir dies in Persona mitteilt, zusammen mit T.Mo von Indie.Disko.Gehn, den ich von diversen Runden mit dem Silver Club kenne und der seit einiger Zeit in Berlin lebt. „Das wird Halligalli“, verspricht Chris. „Und am Sonntag lassen wir es ausklingen.“ Seit Mai bietet das Riptide wieder ein Frühstücksbuffet am Sonntag an, und in diesem Zuge gibt es Perlwein: „Jeder, der frühstücken will, kriegt Sekt gratis, so lange der Vorrat reicht.“ Und das sind nur die Eckdaten, Details arbeiten Chris und André noch aus. Sicher ist, dass sie neues Merch anbieten; Chris zählt auf: „Riptide-T-Shirts, Riptide-Jutebeutel, Riptide-Buttons, Riptide-Aufkleber, Riptide-Flammenwerfer.“ Den will ich haben. „An dem arbeiten wird noch“, sagt Chris. „Alles in Bio-Fairtrade-Qualität!“ Auch der Flammenwerfer? Chris nickt: „Limitiert auf 5.000.“

Und dabei gab‘s doch erst vor ein paar Tagen ein Fest, an dem auch das Riptide beteiligt war, den Sedan-Bazar nämlich, das Straßenfest im Handelsweg mit allen Beteiligten. Schepper spielte auf, einer eigenen Tradition folgend, und das musste ich natürlich miterleben. Als er gerade mit seinem elektrischen Bass akrobatisch hinter dem Rücken solierte, wehte ihm der Wind seinen Banner ins Kreuz. „Gut, dass ich meine Stoßstange dabei habe“, parierte er. Nach ihm spielte das Duo Silent Radio akustisch alternative Mitsinghits, mittendrin wie spontan ergänzt von Wolf Kadaver, der aus dem Publikum heraus per Megaphon eine Textzeile ergänzte und sich dann für einige Lieder mit auf die Bühne setzte. Passend zur aktuellen politischen Bewegung spielten sie auch einen Song der Tanzenden Kadaver, der deutlich gegen Rassismus Stellung bezieht.

Heute ist die Vitrine auf der Theke ein begehrtes Ziel für viele Gäste. Sonja drückt sich beinahe ihre Nase platt und deutet auf Schälchen mit für mich seltsamem Inhalt: „Was‘n das, Chia-Pudding?“, fragt sie Chris. Sie liegt richtig: „Ja, Vanille-Chia-Pudding, hausgemacht.“ Chia sei seit einem Jahr das neue Superfood, erklärt mir Chris, und Sonja findet den Preis zwar angemessen, kann ihn mit ihrem schmalen Budget jedoch nicht begleichen, denn sie bestellt sich noch einen Kaffee und zwei Zigaretten. „Auch Feuer?“, fragt Chris. „Das ist noch drin“, murmelt Sonja, in ihrer Handtasche wühlend, und setzt sich natürlich auch nach draußen.

Dabei stößt sie beinahe mit Gideon zusammen. Einst war er hier Angestellter, heute kommt er als Gast, und zwar als schneller: „Ich bin auf dem Weg nach Japan“, erzählt er strahlend. Nicht mit GR:MM, seiner Band, sondern als Reisender, also anders als vor einem Jahr das Duo Kackschlacht, das tatsächlich eine Tour durch Japan machte. Für mich ist das immer noch eine Herzensinformation; ich mag die imaginäre Überschrift: „Kackschlacht in Japan“. Gideon bestellt und geht ebenfalls hinaus.

Nach Electro-Plattenläden erkundet sich Marniesch bei Chris. Da es in Braunschweig überhaupt nur zwei Plattenläden gibt, verweist der den Gast auf die mittlerweile leider ausgedünnte Electro-Abteilung im Riptide, und berichtet, dass es in Braunschweig zwar eine bundesweit bekannte große Drum-And-Bass-Szene gebe, doch dass der Boom an Plattenkäufen inzwischen weit zurückgegangen sei. Es gebe viele inoffizielle Partys und Veranstaltungen, sagt Chris, sowie famose DJ-Crews, wie BoomZound, die Stef mit Kult-Tour schon für den Lichtparcours 2016 am Hafen sowie für die Groovedeck-Party bei der Kulturnacht buchte. Marniesch saugt alle Informationen auf. Er ist erst den zweiten Tag in Braunschweig, kommt aus Weimar, spielt Schlagzeug im Staatsorchester, nicht in Bands, also eher bei Opern und so, und erzählt von der Kulturszene in seiner Heimatstadt, die durch den Austausch der akademischen Fachrichtungen begünstigt werde. Ein Traum. 1999 war ich in Weimar, als es Kulturhauptstadt von Europa war, und entdeckte den linksorientierten Schriftsteller Gerhard Branstner für mich, der live im Goethehaus las. Unser Goethe ist Wilhelm Raabe, sage ich, und Marniesch lacht: „Gibt es auch eine Statue von ihm?“ Ehrlich gesagt: keine Ahnung. „In Weimar ist die Statue von Goethe und Schiller das meistfotografierte Objekt“, erzählt er. Jetzt blättert er sich durch die vermeintlich schmale Electro-Auswahl im Riptide und konsterniert schon nach wenigen Momenten: „Ah, schon was gefunden.“ Mit der „Subtemple“-10“ von Burial in der Hand fragt er Chris nach einer Möglichkeit, sich Schallplatten anhören zu können. Chris händigt ihm „das System“ aus, das Marniesch am Tonarm befestigen muss. Dies tut er und stellt dann mit Bedauern fest: „Das ist nicht die, die ich dachte“, steckt die Platte wieder zurück ins Fach und händigt Chris „das System“ aus. Den Tipp mit BoomZound speichert er sich und geht dann, mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Dies tut auch Gideon, der es jetzt erheblich eilig hat: „Ich muss zum Bahnhof.“ Mit dem Zug nach Japan, soso. „Schreib eine Karte“, sagt Chris und weiß: „Das sagt jeder.“ Doch Gideon sagt zu: „Wenn ich eine finde, gern.“ Chris deutet auf die kleine Postkartensammlung hinter sich: „Japan fehlt uns noch.“ Mit dem Zug geht es zunächst nach Berlin, einen Freund treffen, berichtet Gideon, und dann erst fliegt er nach Japan. „Wie lange?“, fragt Chris. Knapp zwei Wochen, entgegnet Gideon, und ich finde das sehr lang für einen Flug. „Nee“, sagt Gideon“, „der dauert nur 26 Stunden, mit acht Stunden Aufenthalt in China.“ Und weg ist er. Saynonara!

Zum Bezahlen stellt sich Melissa neben Chris, hinter die Theke. So macht man das jetzt also. „Nein“, korrigiert sie meinen Eindruck, „ich arbeite seit drei Minuten.“ Also vom Gast direkt zum Dienst. Sie übernimmt es dann, meine Käufe zu kassieren, also meine Fritz-Kola und die handnummerierte 100 von 500 Exemplaren der LP „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“ von F.S.K., der Bandinstitution mit Wolfsburgs Kunstvereins-Vorsitzendem Justin Hoffmann an der Gitarre. Die Platte und das neue Intro nehme ich mit auf meinen Weg irgendwo in die Sonne. Und in die Mücken. Irgendwas ist ja immer.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#116 Ist dies das Leben, das wir wirklich wollen?

3. Juni 2017


Freitag, 2. Juni 2017

Wenn Uwe mich fragt, kann ich einfach nicht nein sagen. Uwe ist das Fanclub Soundsystem, das eigentlich aus zwei Leuten besteht, ihm und Markus, der sich aber wohl aus dem DJ-Dasein verabschiedet hat. Als Fanclub Soundsystem legten die beiden schon einmal im Riptide auf, und als André Uwe fragte, wann es zu einem zweiten Mal kommt, sagte der, dass er mich dabeihaben wolle. Eine Ehre für mich! In jeder Hinsicht: Es ist das erste Mal in fast zehn Jahren Existenz, dass ich überhaupt im Café Riptide auflege.

Und das auch noch parallel zum Bassstammtisch, den Schepper an jedem ersten Freitag im Monat im Riptide zusammentrommelt. Üblicherweise sitzt die Runde neuerdings in der nun rauchfreien Rip-Lounge, doch nicht bei einem so schönen Wetter wie heute, da lagern die Bassisten davor, unterhalb des Fensters zur Lounge, also im Achteck genau gegenüber des Haupteingangs zum Café. „Hab ich mir heute gekauft“, sagt Schepper zur Begrüßung und zeigt mir die neue LP von Roger Waters, „Is This The Life We Really Want?“. Auf dem Cover sind lauter geschwärzte Textzeilen zu sehen, die wenigen Lücken ergeben den Albumtitel. Wer war das, die NSA? Schepper: „David Gilmour.“

Der ganze Handelsweg ist voller Menschen. Bei Stefans Comiculture zocken die Leute Kartenspiele, vor Helmuts Strohpinte trinken sie Gezapftes und das Achteck am Riptide ist proppevoll. Wie es dahinter aussieht, bei Serge und Achim und so, weiß ich nicht, ich biege ins Café ab, wo André und Uwe schon links vor den LP-Regalen unser DJ-Pult aufgebaut haben. „Unsere kleine Show“ nennen Uwe und ich unsere kleine Show, die keinerlei großes Konzept hat, sondern aus der Hüfte heraus geschehen soll. Wir haben unser Repertoire dabei, beide erstmals auf Laptops, und wollen uns damit den Gegebenheiten anpassen. Außer den beiden und den Thekenmenschen ist das Covfefe leer. Nicht ganz: Carsten blättert mit einem Getränk in der Hand in den Second-Hand-LPs am Eingang. André sagt, dass wir zur Illuminierung auch Kerzen angezündet bekommen könnten, doch dann wegen des Ventilators am Eingang vorsichtig zu sein hätten: Er und Chris wunderten sich, woher das fiele herumliegende Wachs auf der Theke gekommen sei, und begriffen dann, dass es der Ventilator von den Kerzen gepustet hatte. Und ich bekomme jetzt den Hinweis, dass der Handelsweg auch jenseits des Achtecks mit Menschen gefüllt ist: Stef sitzt mit vielen anderen bei Serge, sagt sie, und kommt kurz zum Gruße herüber.

Ein wenig arrangieren wir unsere Auflegelokalität neu, ziehen die Lautsprecher nach vorn und beschriften die Kreidetafel am Pult mit einem Hinweis auf unsere nächste gemeinsame Aktion mit Rille Elf, den „Ball im Bierhaus“ am 8. Juni ab 19 Uhr in Harrys Bierhaus nämlich. Und ich verteile an Uwe und André CDs, die mir Leif aus Malmö zur Bemusterung zuschickte: Sein Projekt Perma F hat ein neues Album namens „Gravity“ draußen. Leif war Mitglied der in den Achtzigern in Schweden offenbar einigermaßen bekannten Waveband Unter Den Linden und macht heute mit seiner Frau Birgitta als Perma F Musik zwischen Synthiepop und Rock. „Gravity“ ist der jüngste Zeuge davon, mit einer gestorbenen Blaumeise auf dem Cover, die den Titel zynisch untermalt. Kennen gelernt habe ich Life durch Olaf, denn für dessen Projekt Blinky Blinky Computerband fertigte Leif diverse Remixe an, unter anderem für unser gemeinsames Stück „Meine Freizeit“, und wenn ich mal in Kopenhagen bin, steige ich bisweilen in den Zug nach Malmö und treffe Leif dort.

Uwes System läuft schon, meins startet jetzt. Carsten beugt sich zu mir und erzählt von der 3. Film-Kultur-Nacht, die er mit Freunden am 29. November in der KaufBar veranstaltet. Dafür wünscht er sich als Einleitung Kurzfilme mit lokalem Bezug und regt an, den Riptide-Film zu meinem 100. Blogeintrag zu zeigen, den Stef und Micha A. mit mir und vielen anderen drehten. Feine Idee, da spreche ich die beiden schnellstmöglich drauf an.

Uwe und ich lassen die ersten Songs erklingen. Da kommt Markus herein, Uwes vorheriger Begleiter am Pult. Wir haben dann jetzt quasi die Seiten getauscht; wenn ich statt seiner auflege, frage ich mich, ob er dann für mich bloggt, doch er verneint lachend. Gerade läuft C-Tec mit der charakteristischen Stimme von Jean-Luc de Meyer von Front 242. „Wer hat das verbro- ausgesucht?“, fragt Markus, und wie schon bei unserer letzten Begegnung verlieren wir uns stehenden Fußes in Musikphilosophie. Er mag EBM nicht so sehr, ob wohl er mit seiner damaligen Band einen Plattenvertrag in der Szene hatte, The Cain Principle. Gerade will ich erstaunt nachhaken, da nimmt ihn André beiseite. Kurze Zeit später kommt Markus zurück und strahlt: „Er wollte wissen, welchen T-Rex-Song ich letztes Mal gespielt habe – schön, nicht?“ Allerdings! „Es war ‚Cosmic Dancer‘, ein toller Song.“ Ein Stück von The Cain Principle habe ich sogar dabei, „Western Europe Atmosphere“, von einem Sampler, aber Markus steigt nicht darauf ein, sondern schwenkt zu Roger Waters über, dessen neues Album Radiohead-Produzent Nigel Godrich produziert hat und das „eine reine Anti-Trump-Platte“ geworden sei. Wir springen weiter zu Pink Floyd, „die mag ich nur mit Syd Barrett“, so Markus, und Depeche Mode, die sich nach meiner Auffassung zu „Clean“ bei „One Of These Days“ von der „Meddle“ inspirieren ließen. Markus schwärmt von der „Violator“ und erzählt, dass eine Freundin seiner Freundin soeben in London Depeche Mode live sehe. Okay, und wenn ich schon die Musik dieses Anwesenden nicht auflegen soll, dann eben die eines anderen: „Rain Without Clouds“ von Schepper im Remix von Blinky Blinky Computerband – aber bis zum Künstler schafft es der Schall gar nicht, Schepper kann das gar nicht hören. Schade!

Zum Tanzen ist es den meisten Gästen zu warm, sie sitzen draußen und fassen unsere Auswahl als Soundkulisse auf. Auch schön, und einige Freunde von Uwe lassen sich trotzdem von den Temperaturen nicht abschrecken und bewegen sich ausgelassen vor unserem Pult. Michael gesellt sich kurz dazu, von dem ich angenommen habe, er wäre heute beim Sommerfest des Kulturvereins. „Salve Hospes?“, fragt er, und ich nicke. „Ich habe gerade fünf Stunden Versammlung hinter mir“, winkt er ab und holt sich ein Bier. „Rauch mal eine“, sagt er noch und geht ins Achteck.

Durchs Fenster können Uwe und ich sehen, wie die Dämmerung den Ort zwischen den beiden Caféräumen verändert. Die neuen Lampen werfen pfeilgerades, warmes Licht zu Boden und in den Himmel, Ölfackeln lodern vor den Eingängen, es sieht gemütlich und beseelt aus. Bei uns drinnen aber auch.

„Ist Stef schon da?“, fragt mich Jacqueline, wie schon bei der Indie-Ü30-Party vor einigen Wochen im Nexus. Wie damals muss ich ihr sagen, dass das noch nicht der Fall ist und sie sich wohl gedulden müsse. „Dann bin ich allein“, sagt Jacqueline. Ich verneine und deute auf die Tanzmeute hinter ihr. „Hast auch Recht“, sagt sie und schließt sich ihnen an.

Für den nächsten Fachsimpelmarathon kehrt Markus zu mir zurück. Wir landen bei Musik aus Island und schwärmen beide von „Heima“, dem Film von Sigur Rós. Besonders liebe ich die Sequenz, als mitten in „Se lest“ die Blaskapelle von hinten über die Bühne marschiert, durch das Publikum und hinaus durch den Ort. Gänsehaut. „Bei meiner anderen Band hatten wir auch Bläser, bei Emma Peel“, setzt Markus an. Wie, das war er auch? Das waren doch Riptide-Homies. Er nickt: „Wir haben oft hier gespielt.“ Braunschweig!

Etwas überhitzt gesellt sich Jonas zu uns. „Geburtstag, Geburtstag, Geburtstag“, sagt er knapp über seine bisherige Abendgestaltung und beginnt dann sofort zu tanzen. Die freie Lücke am Pult nutzt Jacqueline und philosophiert ebenfalls über Musik. Sie ist erst 20 Jahre alt und hat noch so viel zu entdecken, sowohl die unübersichtliche Gegenwart als auch die üppige Vergangenheit. „Das Riptide ist der ideale Ort für Entdeckungen“, sagt sie und verweist auf die vielen ausgestellten LP-Cover an den Wänden, die eine riesige Bandbreite zwischen Neuerscheinungen und Reissues abdecken.

Je später die Nacht, desto voller die Tanzfläche. Uwe und ich befeuern sie mit Reggae und Gruftmucke, also mit Bauhaus. Doch die Nachbarschaft verlangt bald ein Ende der Veranstaltung, und diese Rücksicht nehmen wir gern. Verschwitzt greift Jonas nach dem letzten Ton in seinen Rucksack: „Ich habe ein Sweatshirt mit“, sagt er. Ich nicht, an ein späteres Verschwitztsein dachte ich beim Losgehen gar nicht. Jonas grinst: „Ich habe gestern dazugelernt.“ Er ist mit dem Fahrrad hier, ich zu Fuß: „Da ist die Verdunstungskälte nicht so groß wie auf dem Rad“, beruhigt er mich.

Wir bauen ab, Uwe und ich klappen unsere Laptops zu, André bringt uns Getränke. „Ihr habt das hier vielleicht nicht gemerkt, aber draußen war die Stimmung gut“, erzählt er uns. Auch sein Feedback sieht vor, dass wir das wiederholen. Nicht zwingend noch im Sommer, aber überhaupt. Da sind wir doch gern und dankbar dabei!

Matze van Bauseneick
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#114 Dann schon lieber ausbrennen

25. April 2017


Dienstag, 25. April 2017

Wer nicht dabei sein kann, muss sich das Wichtigste halt erzählen lassen. Für mich waren das zuletzt der Record Store Day am vergangenen Samstag und die Neueröffnung der Rip-Lounge im März, deren größte Veränderung nicht allein daran liegt, dass sie Chris und André wie das gesamte Café Riptide einer Renovierung unterzogen, sondern dass sie ihr die verqualmte Luft entzogen: Sie ist keine Raucherlounge mehr. Zwar habe ich den neu gestalteten Raum mit der spinnenartigen Lampenkonstruktion an der Decke schon begutachtet, aber noch nichts über die Resonanz zu dieser doch einigermaßen einschneidenden Veränderung in Erfahrung gebracht. Also auf ins Riptide, vielleicht finde ich in der RSD-Box noch ein paar Restschätze.

Zunächst finde ich André, ganz problemlos, schließlich steht er hinter der Theke und hantiert mit einem Paketklebebandapparat an einem Paket herum. „Innerhalb von einer Stunde war’s gegessen“, berichtet er vom RSD und bereitet mir einen Kafka zu. Einen Muffin hätte ich gern noch dazu. „Ich geb dir einen aus“, sagt André. „Den, den wir nicht verkaufen können“, sagt Lara, hinter ihm vorbeigehend. Johanna, die neue Praktikantin, verweist auf den Himbeerkuchen, der in der Vitrine unter den Muffins steht: „Den bitte bevorzugt behandeln.“ Den hat sie nämlich gebacken. André reicht mir schließlich den Muffin: „Ich habe extra den Rand abgemacht, um Deine Zähne nicht zu überfordern.“ Das Mitvierzigerdasein hat also auch seine Vorteile.

Eigentlich, so kehrt André zum Record Store Day zurück, war es wie immer: Schon eine gute Stunde vor Ladenöfnung standen die RSD-Kunden Schlange im Handelsweg. „60 Prozent davon kannte ich nicht, die habe ich zum ersten Mal gesehen“, wundert er sich. „Sie drängen sich um den Tisch und greifen, was geht.“ Über den Tag verteilt kamen noch einige Nachzügler ins Riptide: „Das war’s.“ Offenbar hat der Plattensammlertag etwas an Reiz verloren. 700 verschiedene Releases, sagt André, haben die Plattenfirmen eigens für diesen Tag angefertigt. Davon, so kann man sich im Internet schon vorher überzeugen, sind die wenigsten wirklich exklusiv und neu, das meiste sind Wiederveröffentlichungen. Und sie sind teuer: „Man muss überlegen: Bestelle ich das mit?“, sagt André aus der Sicht des Händlers. Da er die Stücke nicht zurückgeben kann, bleibt er im Zweifel auf ihnen sitzen. Manche Preise haben es echt in sich: So kostet eine einseitige 7“ von The The schon mal elf Euro und die ebenfalls einseitige 12“ der Chemical Brothers sogar satte 24 Euro. „Die Macher des RSD sind an Feedback interessiert“, sagt André. Immerhin das, doch: „Der Ursprungsgedanke des Record Store Day ist nicht mehr herzustellen.“ Ursprünglich ging es nämlich darum, unabhängige Plattenläden an einem Tag im Jahr mit solchen Exklusivveröffentlichungen zu fördern. Daraus entwickelte sich bald ein Tag, an dem Plattenfirmen und Weiterverkäufer ihre Vorteile suchen. Doch gibt es immer wieder Leute wie mich: „Manche Sammler kaufen sowas blind, da kann sonstwas für ein Preis draufstehen.“ Das kann ich nur bestätigen, ich finde ja jedes Jahr irgendetwas und achte erst zu Hause auf das Etikett.

Dabei fällt André etwas ein, das sich im Ritpide ab Mai ändern soll: „Wir haben dann sonntags geöffnet“, kündigt er an. „Wir bieten von 10 bis 15 Uhr ein Frühstücksbuffet an – vegetarisch und vegan, und ‚vegan‘ kannst du richtig groß schreiben!“ Nur am Satzanfang! „Wir geben uns viel Mühe, auch die Veganer zu bedienen.“ Wie das gelingen wird, erfahre ich dann ab kommender Woche.

Jetzt interessiert mich noch, wie die Gäste auf die weggefallene Raucherlounge reagieren. „Wir bekommen nur verhaltene Rückmeldung“, sagt André. „Viele denken, es ist noch der Raucherbereich, aber das fällt in unser Zutun.“ Es muss den Gästen also noch wohlvertraut gemacht werden, dass sich die Luft in der Lounge verändert hat. „Der Raum hat an Charme gewonnen“, stellt André grundsätzlich fest. „Aber noch versammelt sich alles hier“, sagt er und deutet auf die Sitzplätze im Hauptcafé.

Jetzt will ich aber schon wissen, wie die Gäste selbst das finden. Stefan bietet sich für diese Frage an, denn er hat einige Wartezeit neben mir am Tresen, weil André für die Antwort auf seine Frage erst den Telefonjoker ziehen muss. Die Frage dreht sich um Karten für den nächsten Poetry Slam Ende Mai, und André hat noch gar keine. Stefan ist Raucher, versichert er mir, also frage ich ihn, ob er das mit der weggefallenen Raucherlounge schon mitbekommen hat. „Das habe ich nicht mitgekriegt“, sagt er mit einigem Entsetzen im Blick. „Das ist fast ein Totschlagargument – hier konnte man noch rauchen und trinken!“ Mit dickgedruckt gesprochenem „und“. Immerhin könne man hier kurz vor die Tür gehen, „das geht auch“, lenkt er ein. André beendet sein Telefonat mit Pott, der seit Jahrzehnten die Poetry Slams in Braunschweig und drumherum organisiert, und gibt Auskunft: „Die Karten kommen am Freitag.“ Stefan dankt für Andrés Information, ist aber von meiner noch so geschockt, dass er Lara, die zufällig aus der Küche an den Tresen tritt, fragt: „Ihr habt echt den Raucherbereich dichtgemacht?!“ Die kennt die exakte Antwort und gibt sie in aller gebotener Ausführlichkeit: „Ja.“

Mit Blick auf mein !!!-T-Shirt erinnert sich André daran, dass er mir noch deren neues Album bestellen wollte. „Bin gleich wieder da“, sagt er nach Vollendung dieser Tat und macht einen Schritt zur Seite, hinter die Wand neben der Theke und raus aus meinem Blickfeld. An der Oberkante der Wand steht seit der Renovierung verschachtelt in die Architektur geschrieben ein Satzbeginn: „It’s better to burn out…“, aus Neil Youngs „Hey Hey My My“, das Teho Teardo und Blixa Bargeld zufälligerweise auf ihrer diesjährigen exklusiven RSD-EP „Fall“ coverten. So kurz nach Ostern ist es vielleicht angebracht, das Riptide nach dem fehlenden „…than to fade away“ abzusuchen; wer weiß, wo die Gastronomen es versteckt haben. Ich höre, dass André sich hinter der Wand mit jemandem unterhält. Das kann ja nur Chris sein, und tatsächlich, er kommt nun zum Vorschein, allerdings, um sich direkt nach unserer Begrüßung in seinen Feierabend zu verabschieden. Ich schließe mich ihm an, aber nicht, ohne zu zahlen und die Mai-Intro mitzunehmen.

Im Herman’s treffe ich später unter anderem Schepper, der im Riptide den Bass-Stammtisch ausrichtet, und der ist von der rauchfreien Lounge begeistert. „Wir sitzen am großen Tisch, das ist ganz angenehm für uns ältere Tieftöner, weil wir nicht mehr auf den Sitzwürfeln rumlungern müssen.“ Ihm gefällt die neue Gestaltung der Lounge: „Ist schön geworden.“ Und eben auch das Rauchfreie: „Merkt man gleich, ist was anderes, wenn man die Tür aufmacht.“ Outburnen können die Raucher auch im Achteck zwischen den Cafésegmenten, so wird der Rauch aus der Lounge schon bald awayfaden.

Matze van Bauseneick
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#113 Zweipunktnull

10. März 2017


Freitag, 10. März 2017

Im Café Riptide wird zurzeit alles neu, und zwar zumeist auf eine Art und Weise, die man als Gast kaum wahrnimmt. Außer in der Lounge, aber was dort passiert, soll ein Geheimnis bleiben, bis Donnerstag, wenn das Riptide wieder für seine Kundschaft öffnet. Um 12 Uhr, wie gehabt. Bis dahin indes haben André und Chris noch einige Kraftakte vor sich. Und das mit lauter bereits getätigten Kraftakten in den Knochen. Die beiden luden mich dazu ein, mir ein Bild vom Renovierungsprozess zu machen, und ich freue mich, daran teilhaben zu dürfen.

Im Achteck steht Stecky vor der Cafétür, auf den Besen gestützt und mit einer Bekannten plaudernd. An der Wand zur Lounge stapelt sich Müll hinter einem Flatterband. Das Innere des Cafés ist geprägt vom Sound eines Staubsaugers, mit dem Chris die Ecke zwischen den LP-Regalen reinigt. „Ist laut“, sagt er, als Entschuldigung dafür, dass er sich mir momentan nicht verbal widmen kann. Das kann André besser, der in der Küche mit einem Bügeleisen eine Dekokante an ein Arbeitsbrett presst. „Das macht man so“, sagt er, als er mein Lachen hört.

Die Küche gehört zu den Orten, die der Kunde üblicherweise nicht zu Gesicht bekommt, also auch zu denen, deren Veränderung niemand wahrnimmt. Ich sehe, dass zwei neue Dunstabzugshauben installiert sind, beide kurioserweise mit rotweißem Flatterband versehen. Sämtliche Regale sind leer, oder besser: frei von Lebensmitteln; stattdessen lagern dort Werkzeuge, Arbeitsmaterialien und Putzmittel. Auf einem Block sind Zahlenkolonnen notiert, ein Taschenrechner liegt daneben. Ich mag André kaum erzählen, dass heute die Sonne die Stadt erhellt, doch der weiß das: „Wenn du zum Auto gehst, um die Parkuhr zu verlängern, kriegst du mit, dass die Sonne scheint.“

Noch sechs Tage sind es bis zur Neueröffnung. „Wir liegen in der Zeit“, sagt André vorsichtig. „Ein paar Kleinigkeiten noch, einige Besorgungen; mit den gröbsten baulichen Sachen sind wir durch.“ Dazu gehört: „Das neue Abluftsystem in der Küche, ein paar Tischlersachen, neue Schränke, neue LP-Displays an der Wand, wir haben den Tresen modifiziert.“ André zieht zur Demonstration eine neue Kühlschublade auf. „Wir wollen aber nicht zu viel verraten, sonst ist die Überraschung weg.“ Sehen darf ich also, sprechen aber nicht über alles. „Manches ist nicht offensichtlich, zum Beispiel die Farbe, einfach aufgefrischt“, sagt André. Damit auch kein Gast vor Donnerstag zu viel davon erkennt, sind sämtliche Fenster mit Zeitungspapier und ist die Tür mit Plakaten abgeklebt. Ein Papiercountdown am Eingang zählt die Tage rückwärts, den tauschen Chris und André entsprechend aus. Eines der Sichtschutzplakate trägt den Schriftzug „All Through The Night“, das „O“ ist herausgeschnitten: So viel Peek-a-boo gestatten die Inhaber ihren Gästen.

Die sehen dadurch aber trotzdem nicht, dass sämtliche Tische in der Ecke mit dem großen Fenster zusammengeschoben stehen. Davor stapeln sich Kisten und Farbeimer mit Malerutensilien. Ein Paar Arbeitshandschuhe thront über dem Ensemble. Auf der anderen Seite, an der Wand, zu deren Füßen Chris den Staubsaugerlärm erträgt, sind die Plattenregale abgeplant. In der Mitte bietet ein Tisch dem aberwitzigsten Werkzeug und dem obligatorischen Baustrahler einen Platz. Klappleiter und Sackkarre ergänzen das Arrangement wie Landmarken.

Das Highlight, so André, wird die Lounge: „Das wird aber nicht verraten.“ Da pflichtet ihm Chris bei, gestattet mir aber einen an Verschwiegenheit gekoppelten Blick hinein. „Da gibt es Pläne“, sagt er vage. Ich sehe, staune und schweige. Er schließt die Tür wieder ab und wir kehren zurück. Die noch nicht umgesetzten Pläne für den Außenbereich im Achteck will er mir nicht mal verraten, dafür präsentiert er mir die neuen Außenlampen: Strahler, die nach oben und unten die Fassade entlang leuchten. „Das hatten wir noch nie“, betont Chris, nicht zum einzigen Mal bei einer Nennung der baulichen Aktivitäten. „Ein warmes Licht, auch die Tafeln werden beleuchtet.“ Er schaltet es wieder aus. „Das bringt Licht und Gemütlichkeit, das ist uns wichtig“, sagt er. Auch die Fenster sind draußen abgeschliffen und neu lackiert.

Innen ist das Café neu gestrichen und tapeziert. „Wir haben den Kronleuchter tiefer gehängt“, Chris deutet auf den, der über dem zurzeit nicht am üblichen Platz stehenden Sofa angebracht ist, „und der andere war seit sieben Jahren nicht mehr an“, damit meint er den direkt im Eingangsbereich: „Wir mussten sogar den Schalter suchen.“ Inhaltlich kehrt Chris flott in die Küche zurück: „Dort ist alles neu, Herd, Kühlschränke“, er schwenkt wieder zurück, „komplett neuer Tresen, sieht auch keiner.“ Er fasst die Intention der Renovierung zusammen: „Das Café gemütlicher zu machen und so zu bleiben, wie wir sind.“ Bedenken, aus dem Riptide würde jetzt eine unpersönliche Hipsterkneipe, bestätigen sich mitnichten. „Für uns haben sich auch die Abläufe vereinfacht“, erklärt Chris.

Auch, wenn es gegenwärtig nicht danach aussieht: Der Öffnungstermin am Donnerstag bleibt, um 12 Uhr. „Nix Großes“, sagt Chris über das Comeback, „wir machen ganz normal auf und stellen eine Kiste Sekt hin, keine Bambule.“ André fasst den Rahmen weiter: „Das alles findet im Rahmen von Riptide 2.0 statt.“ Chris erläutert: „So nennen wir das.“ André fährt fort: „Wir haben im September unser Zehnjähriges – der erste Abschnitt ist die Inneneinrichtung.“ Chris ergänzt: „Dann kommen eine neue Webseite und ein neuer Webshop – der wird vom Provider nicht mehr unterstützt, deshalb ist ist der offline.“ Und eine neue Speisekarte gibt es: „Das ist uns wichtig, die wird völlig überarbeitet“, sagt André. „Konzeptionell bleibt sie gleich“, beschwichtigt Chris. „Wir werden nicht plötzlich Fleisch anbieten.“ Dennoch wird es Veränderungen im Angebot von Speisen und Getränken geben, denn darauf ist die neue Küche ausgelegt, dass die Karte diesbezüglich angepasst werden kann. André kündigt an: „Auch kulturell werden wir wieder mehr machen, das ist etwas in den Hintergrund gerückt.“ Daher soll sich in Sachen Licht und Sound ebenfalls etwas tun, doch noch nicht in dem angedachten Umfang; das soll später noch erweitert werden.

Trotz des Staubes in der Luft leuchten die Augen der beiden Gastwirte. Nach fast zehn Jahren immer noch und immer wieder. Sie kehren nun wieder zu ihren Aufgaben zurück und können doch nicht aufhören, zu erzählen: „Wir haben einen Lieferstopp gemacht“, sagt Chris mit Bezug auf neue Musik. „Am Dienstag kommen hier wer weiß wie viele Platten.“ Die müssen sie alle auspacken, auspreisen und in die LP-Fächer und neuen Displays stellen. Die sind nicht nur neu, sondern auch mehr: „Dann stellen wir die Platten nach Genres aus, Iron Maiden steht dann bei Metal“, erklärt Chris.

Stecky wuselt die ganze Zeit emsig herum, als letzte Aufgabe des Tages stapelt er die Flyer für die nächsten beiden Filme der Reihe „Sound On Screen“ in das Regal hinter der Theke. Am 23. März zeigt das Universum-Kino einen Film über Mumford & Sons und am 27. April „Gimme Danger“ von Jim Jarmusch über The Stooges. „Da muss ich wohl arbeiten“, sagt Stecky. Im Riptide natürlich. Jetzt hat er aber Feierabend. Er lässt sein Longboard auf den Boden fallen, öffnet die Cafétür und rollt ins Achteck und davon, am Flatterband vorbei, in den Sonnenuntergang.

Matze van Bauseneick
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#112 Wiesel Übernachtsensation

24. Februar 2017


Donnerstag, 23. Februar 2017

Wegen Frank Zappa ist das Universum-Kino heute ausverkauft. Man zeigt „Eat That Question“, eine Dokumentation, die den Musiker anhand von collagierten Interviewsequenzen charakterisiert. Der quasi brandneue Film läuft im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, die das Universum und das Café Riptide gemeinsam ausrichten, und weil zum Nachfilmprogramm ein Auftritt von Schepper im Schallplattenladen gehört, gehört der Film für mich geguckt. Und weil ich längst herausgefunden habe, wie Zappas Musik abseits von „Boby Brown Goes Down“ so klingt, dass sich nämlich ganz viele meiner Lieblingsmusiker bei ihm bedienen und das brutal Verschachtelte gar nicht erfunden haben. Fantômas! Zum Beispiel.

Hätte mich meine Lieblings-DJane Soundschwester nicht gefragt, ob wir zusammen ins Kino gehen, und uns Karten reserviert, wäre ich davon ausgegangen, dass es in Braunschweig kein so großes Publikum für Zappa gibt, dass man um einen Platz fürchten muss. Musste man aber, wir ergatterten die vorvorletzten Karten. Das ist doch sehr überraschend, schließlich gab es schon Filme über namhaftere und populärere Musiker als ausgerechnet den Freak Zappa, die leider nicht ausverkauft waren. Abseits von „Bobby Brown“ hatte Zappa auch keine wahrnehmbaren Hits, er experimentierte vielmehr so sehr, dass ihm selbst harte Anhänger nicht in alle Exkursionen folgen konnten. Und dann ist „Eat That Question“ auch noch vorrangig ein Laberfilm. Schön, was alles so geht.

Acht Jahre lang, so erzählt es Beate vor dem Filmstart, hat Regisseur Thorsten Schütte an diesem Film gearbeitet. Und dabei offenbar zahlreiche Kämpfe mit Zappas Nachlassverwaltern ausgefochten. Die Organisatoren der Zappanale in Bad Doberan können unschöne Geschichten darüber erzählen. Doch gewann Schütte Zappas Witwe Gail für sein Projekt und damit die bestmögliche Förderin.

Außerdem sagt Beate an, dass in der kommenden Staffel von „Sound On Screen“ der andere neue Film von Jim Jarmusch außer „Paterson“ zu sehen sein wird, nämlich „Gimme Danger“, seine Dokumentation über Iggy Pop und The Stooges. Der kam laut Journaille eigentlich schon parallel zu „Paterson“ heraus, doch ist die DVD lediglich als Import zu haben, was mich wunderte, und Beate gibt die Erklärung: Bei „Sound On Screen“ läuft er zum Bundesstart. Deshalb also noch keine DVD in diesem Lande. Die anderen beiden Filme der Staffel sind einer über Mumford & Sons in Südafrika, der mich sowas von gar nicht reizt, und ein Biopic über Miles Davis, bei dem Ewan McGregor mitspielt, den ich eben noch in „T2 Trainspotting“ wiedersah.

Zappa war schon eine coole Sau. Geile Frisur, geiler Bart, geile Figur, geile Stimme, und sowas von ordentlich was im Kopf. Um genau den Kopfinhalt geht es in dem Film. Mutig unmoderiert montiert Schütte Interviewsequenzen zusammen, die halb inhaltlich, halb chronologisch sortiert sind. Zappa spricht über Politik, religiösen Fanatismus, Wirtschaft, Drogen, Kreativität, Bildung, Sprache, Kultur und auch ein bisschen über sich und seine Musik. Biographische Stationen schreitet „Eat That Question“ nicht zwingend ab; über die Zahl seiner Kinder und seine Krebserkrankung erfährt man zwar etwas, auch kommt mal ein Song oder ein Albumtitel zur Sprache, doch stehen seine Haltungen im Mittelpunkt. Und Zappa hat Haltung. Wer Musik macht, sagt er etwa, um damit Geld zu verdienen, ist kein Künstler, sondern Unternehmer. Interessanter Diskussionsansatz.

Man sieht den aus heutiger Sicht völlig normalen Menschen Zappa mit TV-Moderatoren umgehen – für die Zeit damals muss das ein erheblicher Kulturschock gewesen sein. Manche Interviewer nähern sich ihm überheblich als dem ausgeflippten Kinderschreck, andere finden aus ihrer Position heraus einen brückenschlagenden Zugang zu Zappa; manche Leute lässt jener auflaufen, mit anderen vertieft er sich in deren Themen. Angenehm ist dabei, wie grundsympathisch Zappa in allen Fällen wirkt. Und wie felsenfest überzeugt von dem Weg, den er einschlägt. Schon als Jugendlicher mit dem Fahrradkonzert. Unfassbar schon das.

So ganz frei von Musik kann so ein Film über Zappa natürlich nicht sein. Der irrsinnige Komponist konnte ja nun echt mal viel bis alles, vom gefälligen Popsong (der dann sicherlich trotzdem kein Hit wurde) über Blues und Rock bis zur Avantgarde und zur hochkomplexen Neoklassik. „Titties And Beer“ gibt’s nur als T-Shirt-Aufdruck, ansonsten muss man sich eben die Mühe machen, sich wirklich mit mehr als nur der „Sheik Yerbouti“ auseinanderzusetzen.

Was es da alles noch gibt! Den Einblick in das Oeuvre des Meisters erhalten wir von Jogi, der wie so unzählige andere Braunschweiger Musiker und Kulturschaffende im Kinopublikum sitzt. Nach dem Film erzählt er mir, dass das Riptide nämlich mit Plattencovern aus seiner Sammlung dekoriert sei. Stimmt, hinter Schepper sieht man etwa „Joe’s Garage“, „Weasels Ripped My Flesh“, „Freak Out!“ und „Over-Nite Sensation“ auf der Ablage aufgereiht.

Wir stehen noch draußen und plaudern, mit Musikern, Veranstaltern, Weinhändlern, Autoren, Gastronomen, Filmfans, Zappafans, Schepperfans. Der hat drinnen sein neues Banner ausgerollt, das er erst kürzlich im Kingking Shop hat anfertigen lassen, und setzt soeben vor vollem Haus zum Beat und Loop mit Gesang an. Wir verfolgen seinen Gig zunächst von draußen aus, durch die Scheibe direkt neben der zur Bühne freigeräumten Verkaufsfläche. Der Solobassist passt schon gut zum freakigen Zappa: nicht minder verfrickelt und eigenwillig, bisweilen wundervoll eigensinnig. Der „King Of Time“ ist heute noch länger als sonst und wird seinem Titel gerecht. „Jaaaa, das hat was“, sagt jemand neben mir, als Schepper nach gefühlten 395720 Minuten Song zum Neil-Young-Gegniedel ansetzt. Auch im Set ist „Pea(s)“, das Schepper extra für mein Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ komponierte. Jedes Mal bin ich glücklich, dass es genau dieser Song wurde: Er passt perfekt und ist mit Leichtigkeit ein Lieblingsstück.

Der Basspsychedeliker hält lang durch, länger als viele Gäste, aber es ist ja auch mitten in der Woche. Beirren lässt Schepper sich davon nicht. Gottlob. Er zieht durch. Und uns mit. Und doch irgendwann Leine. Ich nutze die Chance, noch schnell meine eingetroffene Bestellung zu erwerben, die Doppel-LP „Para quienes aún viven“ von Exquirla nämlich, dem neuen Projekt der spanischen Postrocker Toundra und dem Flamencosänger Niño de Elche. Schön exotisch, wie die andere exotische CD, die ich vergangene Woche erwarb: „A Hermitage“ von Jambinai, einer südkoreanischen Metalband mit traditionellen Instrumenten drin. Feines Stöffchen auch das.

Es gibt einen dringlichen Grund, die LP noch heute mitzunehmen: Ab Montag ist das Riptide nämlich für über zwei Wochen geschlossen, weil Chris und André es runderneuern wollen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens, das sie im September begehen. Und gerade, als ich mich frage, wo ich denn dann die neue „Intro“-Ausgabe herkriegen soll, entdecke ich sie noch so weit vom Monatsersten entfernt auf dem Stapel an der Kasse liegen. Jetzt aber heim. Morgen wieder früh raus und so. Ausfreaken können heute meinetwegen andere.

Matze van Bauseneick
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#109 Alles außer Genesis

26. November 2016


Freitag, 25. November 2016

Als Uwe seinen nächsten Song startet, erinnert mich die Akkordfolge an „Wicked Game“. Nicht nur mich. Uwes Co-DJ Markus locken die Töne zurück von der Theke ans Plattenunterhalterpult, er beugt sich zu ihm: „Chris Isaak, schön – und das ist Rocko Schamoni?“ Uwe bestätigt. Und überrascht mit der Antwort auch mich: Das ist also Musik von Rocko Schamoni! „Wicked Game“ geschickt neu umgesetzt, und zwar zu einem Cover eines noch ganz anderen Stückes, „Was kostet die Welt“ von F.S.K. nämlich, auf Rockos noch jungem Cover-Album „Die Vergessenen“. Bei Schamoni wisse man nie, was man bekomme, findet Markus: Entweder richtig gut oder sehr schlecht. Das hier sei richtig gut. Finde ich auch. Live gesehen habe ich Schamoni solo noch nie, lediglich im Rahmen von Studio Braun, und Markus schwärmt sofort von einem kurz zurückliegenden Fraktus-Konzert: jeder Song eine Besonderheit. Das neue Album des Studio-Braun-Projektes kenne ich noch nicht, mag aber den zum Raumschiff umfunktionierten Fahrradhelm auf dem Cover mag ich schon mal.

Ein schöner Start für mich in die Neuausgabe des „Fanclub Soundsystem“ im Café Riptide. Eben noch waren Ada und ich auf dem Weihnachtsmarkt zum Glühmettrinken (mit einem T mehr verändert sich der Sinn gleich zum angenehm Unsinnhaften) und anschließend auf Zwischenstation in Serges Antiquariat neben dem Riptide, wo ihr als erstes der dicke Wälzer „Ada“ von Vladimir Nabokov ins Auge sprang. Jetzt begrüßen wir Uwe und Markus an ihrem neuen Arbeitsplatz im Riptide. „Anderthalb Jahre lang haben wir das in der Haifischbar gemacht, einmal im Monat“, erklärt mir Uwe. „Wir hatten vielleicht ein, zwei Aussetzer in den Sommermonaten.“ Das ist inzwischen auch seit einiger Zeit vorbei, ich lernte Uwe erst danach überhaupt kennen. Längst sind wir beide Mitglieder der DJ-Gruppe Rille Elf und legen zusammen beim „Tanztee“ im Tegtmeyer und beim „Ball im Bierhaus“ in Harrys Bierhaus auf. Und wo wir halt sonst noch die freundliche Aufforderung zur Beschallung bekommen, wie demnächst auf einer privaten „Verlobunxfeier“, in deren Rahmen der Gastgeber hofft, eine Freundin zu finden. Ein unterstützenswertes Vorhaben, finden wir.

Ada bringt ein Tablett mit Tee und Kaffee ans DJ-Pult, der Kaffe ist freundlicherweise für mich, der Tee für sie selbst. Uwe und Markus tauschen die Plätze, ich frage Uwe nach der Intention zum „Fanclub Soundsystem“. „Die Idee war“, hebt er an. „Was war die Idee – dass wir dachten – was dachten wir denn…“ Ich mag Uwes Humor. „Dass wir in der Kneipe die Musik hören wollten, die wir auch zu Hause hören“, bringt er seinen Satz zum Abschluss. „Es gibt keine Bindung, jeder kann auflegen, was er will“, ergänzt er. „Außer Genesis.“

Als ich von der Reihe erstmals höre, dachte ich, es handele sich um einen reinen Soul-Abend. Doch Uwe, der eigentlich tatsächlich Soul als eines von vielen Spezialgebieten hat, verneint: „Soul-Abende sind es nicht, wir spielen Funk, Soul, Electro, Punk – bunt durch die Reihe gemischt.“ Die Soul-Abende in Braunschweig seien Wopi und Heiko vorbehalten, sagt Uwe. Die kenne ich beide nicht. Und wie kam es zum Zusammenschluss mit Markus? „Wir sind seit über 30 Jahren Freunde“, sagt Uwe. Und nach der Partypause nun der Neustart hier? „Das Riptide hat sich angeboten, das wollten wir mal hier machen“, erklärt Uwe. Ob die beiden den monatlichen Turnus wieder aufnehmen, steht noch nicht fest. Da müssen wir uns gedulden, wie die Resonanz auf allen Seiten aussieht.

Zum Beispiel bei den Riptide-Chefs. André ist heute Abend im Einsatz. Im Vorbeigehen betätigt er die Nebelmaschine am DJ-Pult und kommt dann zur Begrüßung zu Ada und mir. Seine Resonanz zum „Fanclub Soundsystem“ im Riptide kann euphorischer kaum sein: „Na geil, Mensch, hat ein bisschen gedauert, mit Kusshand waren wir hinter ihnen her, haben sie mit ein paar Cappuccinos überzeugt“, sprudelt er mit güldenem Strahlen. André selbst war jetzt eine Weile nicht im Riptide, „was habe ich verpasst?“ Das Filmfest, mindestens. Daran war das Riptide unter anderem mit der „Sound On Screen“-Party beteiligt. Eine Veranstaltung des Filmfests besuchte André aber doch: Die Live-Untermalung des Stummfilms „The Fall Of The House Of Usher“ durch die Band In The Nursery im Rahmen der Filmfest-Reihe „Poe At Midnight“ in der Bartholomäuskirche. Zwar war ich nicht dabei, weil das parallel zu unserem Filmfest-„Tanztee“ startete, doch hörte ich davon, dass es kalt war und dass viele Leute entspannt eingeschlafen seien. André grinst: „Man musste sich entscheiden: auf den Film konzentrieren oder auf die Musik, ich habe mich für die Musik entschieden.“ Die habe er hingebungsvoll mit geschlossenen Augen verfolgt. So muss es also zu dem irreführenden Eindruck gekommen sein, das Publikum sei eingeschlafen.

Mein persönlicher alljährlicher Filmfest-Höhepunkt trat auch dieses Mal wieder ein: Auf dem Sitzplatz neben mir öffnete Elke ihre Thermoskanne und goss sich Tee ein. Das sehe ich als Symbol dafür, dass es viele Leute gibt, die sich für das Filmfest Urlaub nehmen und einen gespielt herablassend ansehen, wenn man nicht wie sie schon vier Filme gesehen hat – an nur einem Tag. Sie zelebrieren das Filmfest intensivst und gönnen sich ihre Verpflegungspausen zwangsweise mitten im Film. Inklusive Brotbox oder in Butterbrotpapier gewickelten Stullen. Oder eben mit Thermoskannen.

Gleich tauscht Uwe wieder den Platz mit Markus. Schnell erzählt er mir noch eine Geschichte von einem Konzertbesuch in Hamburg, der beinahe lediglich ein Konzertversuch geworden wäre: „Beginn 19 Uhr stand drauf“, sagt Uwe. „Na ja, man weiß ja, wie das ist.“ Also nahmen er und sein fahrender Begleiter die Angabe recht ungenau, bis Uwe kurz vor den Toren Hamburgs mal auf seinem Mobiltelefon genauer nachsah und feststellte, dass dort für 22 Uhr bereits das nächste Konzert angesetzt war: „Drück auf die Tube“, rief er dem Fahrer zu. „Um halb acht kamen wir an, da hatten die schon angefangen.“ Im Molotow war das. Dort war ich seit dem Umzug noch nicht wieder, zuletzt sah ich noch unter der alten Adresse !!!. Ich las etwas darüber, dass sich das neue Molotow auf drei Etagen erstreckt und man bei einmaligem Eintritt den Zugang zu allen Etagen habe. Das kann Uwe zwar nicht bestätigen, die Lokalitätsbeschreibung aber schon.

DJ-Tausch. Das Pult ist dort aufgebaut, wo ansonsten der T-Shirt-Ständer vor den Reinhörplattenspielern im Weg steht. Die Sofaecke auf der anderen Seite des Cafés eignet sich bei dieser Gelegenheit extravortrefflich dazu, sich mit Leuten zu treffen, sich zu unterhalten, Getränke zu sich zu nehmen und mit dem Kopf zu nicken, wo das Fußwippen nicht ausreicht und die Motivation zum Tanzen noch zu gering ist. Die Kunst über den Sofas und die illuminierte Spiegelkugel vertiefen die Gemütlichkeit des Ortes.

Über dich haben wir gestern geredet“, sagt Markus zu mir, als er hinter dem Pult hervorkommt. Das erstaunt mich, schließlich lerne ich ihn doch erst jetzt in diesem Moment überhaupt kennen. Mit wem also…? „Ich wohne im selben Haus wie Schepper“, löst er auf. Unglaublich. Braunschweig. Die Stadt ist eine Erbse und so. Markus bedauert es, Scheppers Musik noch nicht gehört zu haben, und will einen Tauschdienst mit ihm anregen und ihm im Gegenzug seine Lieblingsbands Talk Talk und The Notwist empfehlen. Darin stimme ich mit ihm überein, ich liebe das letzte Talk-Talk-Album „The Laughing Stock“. Markus rät mir, mich intensiv mit dem neuen Live-Album „Superheroes, Ghostvillains And Stuff“ von The Notwist zu befassen. Da muss er nicht viel Überredungskunst aufbringen, das habe ich ohnehin vor; die Dreifach-LP gibt es auch hier im Riptide, ich muss nur endlich mal zuschlagen. Aber die Auswahl ist so groß hier.

Damit plagt sich auch Ada herum: „Ich habe ein Riesenproblem“, sagt sie, und während ich noch Schlimmes fürchte, fügt sie hinzu: „Da hängt eine ‚Lost Highway‘, da hängt eine Björk, da hängt eine, wo ich das Cover gut finde – ich kann mich nicht entscheiden.“ Nachvollziehbares Problem! Bei der LP mit dem ansehnlichen Cover handelt es sich um „Gore“ von den Deftones, und als ich ihr erzähle, dass es sich dabei um NuMetal für herausgewachsene Teenager handelt, bleiben ihr immerhin noch zwei reizvolle Alben zur Auswahl.

Und dabei fällt mir ein, dass ich hier ja auch noch eine Bestellung offen habe. Vergangene Woche orderte ich das neue Automat-Album „Ostwest“ bei Chris und vereinbarte mit ihm, dass ich sie beim „Fanclub Soundsystem“ mitnehme. Doch weder Kamila und Max, die heute Thekendienst haben, noch André finden sie: Ist wohl doch noch nicht mitgekommen. Dann habe ich eben einen weiteren Grund, mal wieder ins Riptide zu kommen.

Markus und Uwe, das kommt beim folgenden Gespräch mit Markus heraus, haben dieselbe Intention für den Fanclub, die sich nach seiner Ausführung in ebenjenem Namen niederschlägt: „Hintergrund ist, dass wir die Fans von etwas sind.“ Und genau das wollen sie teilen: „Die Idee ist, dass wir spielen, was wir mögen.“ Damit wiederholt er nahezu wortgenau Uwes Erläuterung. Dieses Team hat sich definitiv mit einer gemeinsamen Basis gefunden. Blindes Vertrauen. Alles außer Genesis. Also „Musik für das Kaff der Guten Hoffnung“, wie es auf dem Flyer für diese Show steht. Wahre Worte!


Matze van Bauseneick
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#108 Weißt du, BIFF…

27. Oktober 2016

André, Beate und Clemens (v.l.)

Samstag, 19. Oktober 2016

Dieses Mal gibt es eine Besonderheit: Ein Interview mit Beate und Clemens über die Reihe Sound On Screen beim anstehenden Braunschweig International Film Festival, kurz BIFF, halbkurz Filmfest. Das führten wir für Kult-Tour Der Stadtblog natürlich im Café Riptide:

Das 30. Filmfest (7. bis 13. November) hat ein so üppiges Programm wie noch nie. Eine Besonderheit dieses traditionsreichen Festivals ist die ganzjährig laufende Reihe Sound On Screen, die das Universum-Kino mit dem Schallplattenladen und Café Riptide veranstaltet: Zum dritten Mal ist sie ins Programm integriert. Beate Siegmann und Clemens Williges vom SOS-Team berichten Kult-Tour über prominente Ehrengäste, Deutschlandpremieren, Bonus-Tracks und Partys der anstehenden SOS-im-Filmfest-Ausgabe – natürlich passend im Café Riptide.

Das Filmfest heißt eigentlich schon seit einiger Zeit BIFF, Braunschweig International Film Festival; es trägt also einen Namen, der der Internationalität im Namen Rechnung trägt. Der Gast bleibt indes dabei, vom „Filmfest“ zu sprechen, und die Organisatoren halten es selbst ebenso. Mit Sound On Screen schufen Beate Siegmann und Torsten Straube vor sechs Jahren eine eigene Reihe, in der monatlich ein Musikfilm im Universum-Kino läuft und in dessen Anschluss eine Party, ein Konzert oder eine Kulturveranstaltung im Café Riptide stattfinden. Zu dieser Geschichte später mehr – beginnen wir mit dem Programm, das Sound On Screen zum 30. Filmfest beisteuert.

Beate gibt einen Überblick: „Wie bei den anderen beiden Malen gibt es zwei Unterprogramme: Die Spotlights, in denen aktuelle Musikfilm-Highlights aller Genres zu sehen sind, und ein Special-Thema, dieses Mal ‚The Sound Of Northern England‘, über die Städte Liverpool, Manchester und Sheffield.“ Je fünf Filme pro Unterprogramm sind geplant – und ein Bonus-Track.

Unter den fünf Spotlights finden sich gleich zwei Deutschlandpremieren. „Premieren auf Festivals sorgen auch überregional für höhere Aufmerksamkeit“, freut sich Beate. Clemens ergänzt: „Das ist ein Vertrauensbeweis der Produzenten und Verleiher und macht deutlich, welches Renommee Sound On Screen und das Filmfest haben.“ Eine dieser Premieren ist „The Man From Mo‘Wax“, zu dem Regisseur Matthew Jones extra aus London anreist, eben weil es sich um die Deutschlandpremiere handelt. „Es geht um Mo‘Wax-Labelgründer James Lavelle, der mit DJ Shadow den Trip Hop etabliert hat“, erläutert Beate.

Eine grundsätzliche Anregung wirft Beate ein: „Es lohnt sich immer, auch Filme zu gucken, bei denen man die Bands nicht kennt – es ist spannend, auch von den Personen her, das ging mir so bei ‚We Are X‘.“ Dabei handelt es sich um den Film über die japanische Band X Japan, die hierzulande niemand kennt, die in ihrer Heimat aber Superstars sind. „Die gehen bis an ihre körperlichen Grenzen, sind superschrill, und Bowie und Kiss sind ihre Idole“, so Beate. Von Regisseur Stephen Kijak liefen bereits drei Filme im normalen Sound-On-Screen-Programm: „Stones In Exile“, „Scott Walker: 30 Century Man“ und „Jaco“. Beate: „Unterschiedliche Musiker, großartige Filme, und keiner hatte einen deutschen Kinostart.“

Die zweite Deutschlandpremiere unter den Spotlights ist „Los Punks: We Are All We Have“, „über die sehr lebendige junge Punkszene in Los Angeles“, so Beate. Zuletzt finden sich zwei Publikumslieblinge anderer Festivals im Programm: „Breaking A Monster“ über die Kinder-Metal-Band Unlocking The Truth aus New York sowie „Mavis!“ über die Soul- und Gospel-Sängerin Mavis Staples. „Alle fünf Filme sind etwas Besonderes, ich würde sie am liebsten auf großer Leinwand sehen“, sagt Beate. „Aber das werde ich leider nicht schaffen.“ Denn dafür hat sie im Rahmen des Festivals einfach viel zu viel zu tun.

Das zweite Standbein sind die Specials. „Dafür wechseln wir vom Universum in den Roten Saal“, so Clemens. „Dort haben wir die Möglichkeit, das Rundumprogramm eigenständiger zu gestalten.“ Dazu gehören etwa englische Süßigkeiten und Popcorn, schließlich geht es um den „Sound Of Northern England“. Ausgangspunkt dafür, so Clemens, war die Tatsache, dass die Band In The Nursery bereits dreimal am Filmfest beteiligt war, zuletzt 2001, und zur runden Ausgabe des Filmfests wollte das Team die Gruppe wieder einladen. Schließlich kommen In The Nursery aus Sheffield, einer der drei Städte dieses Specials. Doch zur Band später mehr, zunächst geht es um die fünf Special-Filme, unter denen sich gleich drei Deutschlandpremieren finden, und zwar jeweils aus Sheffield, Manchester und Liverpool einer.

Bei „Get Back“ geht es um die Musikszene Liverpools ohne die Beatles, wie Clemens süffisant bemerkt. „Es wird deutlich, wie sehr die Musiker schon vor ihrer Zeit als Beatles den Merseybeat aktiv geprägt haben.“ Die Premiere aus Sheffield heißt „The Beat Is The Law: Fanfare For The Common People“ und dreht sich um die Band Pulp. „Im Film berichten die Mitglieder über ihre Anfänge in den Achtzigern in Arbeiterclubs und das Glastonbury-Festival von 1995, auf dem sie als Headliner zu Britpop-Ikonen wurden“, so Clemens. Dort seien sie in letzter Minute als Ersatz für die Stone Roses aus Manchester gebucht worden, um die sich die dritte Premiere dreht: „The Stone Roses: Made Of Stone“. Clemens: „Das sind die tragischen Figuren des Britpop – sie haben ihn als erste umgesetzt 1989, 1990, aber die Früchte haben andere Bands geerntet.“ Der Film handelt von der zweiten Reunion der Band 2011, nach 15 Jahren Trennung. Neben diesen drei Kern-Filmen läuft als weiterer Beitrag aus Liverpool „Good Ol‘ Freda“, der das Thema Beatles aus einer anderen Perspektive einfängt, nämlich aus Sicht eines Fans, der für elf Jahre zur Sekretärin der Gruppe wird: jene Freda aus dem Titel.

Der fünfte Beitrag der Specials hängt mit mindestens einer anderen Veranstaltung zusammen: dem englischen Frühstück mit der Lesung aus dem Buch „The Sound Of The Cities“ von und mit Ole Löding und Philipp Krohn am 12. November ab 11 Uhr im Abspann, der Bar im Universum-Kino. Beide Autoren gehören nämlich zu den Kuratoren jenes fünften Specials, der Clipshow „A Sound Lecture On Three Cities“. Der dritte Kurator ist – und da schließt sich ein Kreis zu In The Nursery – Musiker Nigel Humberstone. Das ist selbst für Sound On Screen eine große Ansammlung an Premieren: Erstmals eine von Gästen zusammengestellte Clipsammlung und erstmals eine Clipsammlung bei Sound On Screen im Filmfest. Im Juni gab es bereits das David-Bowie-Special im regulären Programm der Reihe: „Das war eine Supersache“, fand Beate, und das wollten sie wieder ausprobieren. Eines haben die beiden dabei gelernt: Das Einholen der Vorführrechte für die Clipshow war aufwändiger als gedacht. „Wir werden nächstes Mal früher anfangen“, sagt Beate. „Wir sind ein Stück schlauer.“

Die beiden kuratierenden Journalisten nun lesen nach dem Frühstück aus ihrem Buch „The Sound Of The Cities“, für das sie musikhistorisch relevante Städte in aller Welt bereist haben, mit dem Wissen, damit natürlich nicht vollständig sein zu können. Fürs Filmfest legen sie ihren Schwerpunkt selbstverständlich auf die nordenglischen Städte Liverpool und Manchester und geben Audiobeispiele dazu. Eingebunden in die Veranstaltung sind das Café Riptide und der Laden Simply British, der auch für die Süßigkeiten im Roten Saal sorgt.

Jetzt nähert sich allmählich der Bonus-Track: Clipshow-Co-Kurator Nigel Humberstone nämlich ist seit 2008 der Musikdirektor des Sensoria-Festivals in Sheffield, benannt nach einer Single von Cabaret Voltaire. So kam es zur Kooperation mit dem Filmfest. Außerdem betreibt er mit seinem Zwillingsbruder Klive seit 1981 das Projekt In The Nursery, mit dem er seit 1996 klassische Stummfilme vertont – und das jetzt nach 15 Jahren auch wieder in Braunschweig. Am Sonntag ab 20.15 Uhr untermalen sie in der Bartholomäuskirche den französischen Film „The Fall Of The House Of Usher“, und um die Komplikationen noch komplizierter zu machen, ist dies nicht nur der elfte von zehn Filmen vom Sound On Screen beim Filmfest, sondern auch ein Beitrag des Programms „Poe At Midnight“, mit dem die Musikfilmreihe erstmals zusammenarbeitet. „Ein Konzert war etwas, das wir schon immer gern mal gemacht hätten“, sagt Beate. Einmal tritt Nigel noch in Erscheinung: Als Freund der Regisseurin Eve Wood und Kenner der Szene steht er nach dem Pulp-Film „The Beat Is The Law“ für eine Gesprächsrunde zur Verfügung. „Songs von In The Nursery kommen auch in der Doku vor“, sagt Clemens. „Und im Clipprogramm läuft ein Film, bei dem Klive Regie geführt hat.“

Aber es gibt ja noch einen weiteren musikalischen Programmpunkt: die Sound-On-Screen-Festival-Party im Riptide, wie in den beiden Jahren zuvor wieder am Donnerstag. Butch Cassidy legt auf, seine Musik wählt er passend zum Thema England aus.

Dieser immense Aufwand ist zu zweit nicht zu stemmen, deshalb ist die Sound-On-Screen-Gruppe beim Filmfest deutlich erweitert. Torsten Straube und Beate Siegmann bilden mit dem Riptide das Kernteam, fürs Festival sind Clemens Williges, Philipp Preuß, Daniela Heinicke und Ina Gereke noch dabei. Ein Grund dafür ist der Aufwand im Vorfeld: Es galt, rund 50 Filme zu sichten, denn für das Programm betrieb das Team nicht nur wie gewohnt selbst Recherche, sondern setzte sich zusätzlich mit eingereichten Beiträgen auseinander, was bei der regulären Reihe wegfällt. Dazu kommen noch einmal so viele Kurzfilme und Clips. Involviert ist das größere Team auch bei den Ansagen zu den zehn Filmen und bei der Gästebetreuung: „Das ist zu zweit nicht zu schaffen und macht so noch mehr Spaß, Sound On Screen ist beim Filmfest noch intensiver“, schwärmt Beate. „Das ist eine tolle Gruppe, alle haben eine enge Bindung zur Musik.“ Clemens bestätigt: „Alle Gruppenmitglieder haben ein breit gefächertes Wissen, aber jeder hat seinen Schwerpunkt.“

Der Schritt von der Reihe außerhalb des Festivals ins Festival war gar nicht so groß. Beate: „Das Filmfest hat selbst länger schon den Schwerpunkt Film und Musik, da geht es dann aber eher um Filmmusik.“ Gemeint ist die Reihe „Musik und Film“, erläutert Clemens: „Die ist 2001 gestartet mit dem Schwerpunkt ‚Ohm Sweet Ohm‘, entwickelte sich über die Jahre aber zu einer Komponisten-Retrospektive mit klassischem Scoring.“ Beate und Torsten hatten dann die Idee, zusätzlich Pop- und Rock-Musik im Filmfest zu etablieren. Doch vor sechs Jahren schien die Anzahl der Musikdokumentationen für eine eigene Reihe beim Festival nicht auszureichen, zudem bot sich das neu eröffnete Universum-Kino als Plattform für die SOS-Reihe an. Mit dem dem erheblichen Zuwachs an Musikdokumentationen der jüngeren Zeit gibt es nun genügend Material für die ganzjährige Reihe und ein zusätzliches Sonderprogramm beim Festival. Auch baut das Filmfest den Festivalschwerpunkt „Film und Musik“ kontinuierlich aus und integriert Sound On Screen daher sehr gern, und das selbstverständlich unter dem etablierten Namen. Beim Filmfest hat Sound On Screen auch mehr Möglichkeiten, Gäste einzuladen, es gibt es besseres Budget und die Chance, einen Schwerpunkt oder ein Special genauer auszuleuchten und erschöpfend auszuarbeiten“, erläutert Clemens.

Nun aber zum Ursprung von Sound On Screen an sich. Los ging es im September 2010 mit der Doku „When You‘re Strange“ über The Doors. Beate: „Wir hatten die Idee, Musikfilme zu zeigen, die man sonst in Braunschweig nicht sehen würde.“ Das Riptide organisiert das Aftershow-Programm mit Clubkonzerten, DJ-Partys und Lesungen, bei denen sich die Kinogänger treffen. Von Sound On Screen gibt es pro Jahr drei Staffeln mit jeweils drei Filmen, also einem pro Monat plus Sommerpause, und zusätzlich Sondervorstellungen, meistens in den Freien. Rund 60 Filme sind also in dieser Reihe bereits gelaufen, abseits von den Filmfest-Beiträgen, und, so betont es Clemens, ungefähr die Hälfte davon hatte keinen deutschen Kinoverleih. Nach dem Filmfest läuft noch der dritte Film der Herbststaffel, „Lo Sound Desert“ über die Wüstenrockszene in Kalifornien, am 24. November ab 19 Uhr. Im Dezember geht es dann passend zum „Sound Of Northern England“ weiter mit der neuen Oasis-Doku „Supersonic“. Clemens grinst: „Mit dem ehemaligen Roadie der Stone Roses – das war der ältere der Gallagher-Brüder.“ Im Riptide läuft danach eine Party mit einem DJ, der schon mit den Gallaghers aufgelegt hat.

Zu den Personen:

Clemens Williges ist seit 21 Jahren ehrenamtlich beim Filmfest involviert. 2001 hob er den Schwerpunkt „Musik & Film“ aus der Taufe, mit der Reihe „Ohm Sweet Ohm“. Bei Sound On Screen macht er mit, weil ihm elektronische Musik am Herzen liegt. Darüber hinaus engagiert er sich im Rahmen des Filmfestes für das Genrekino.

Beate Siegmann ist seit 2000 beim Filmfest, anfangs und immer noch beim Heinrich-Wettbewerb, ihrer Hauptreihe neben Sound On Screen. Auch beim „Neuen Internationalen Kino“ ist sie von der Partie. Beate: „Es macht mir Spaß, mit so vielen unterschiedlichen Leuten so ein Festival auf die Beine zu stellen.“


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#107 Zwillinge

23. September 2016


Freitag, 23. September 2016

So richtig oft bin ich in diesem September leider gar noch nichts ins Café Riptide gekommen. Anfang des Monats war ich da, weil meine Bestellung eingetroffen ist: „Mausoleum“, die neue EP von Myrkur, dem dänischen Ein-Frau-Black-Metal-Projekt, das nach dem Isländischen Wort für Dunkelheit benannt ist (weil es auf Dänisch mit „Mørk” deutlich weniger mystisch-eindrucksvoll klänge) und im titelgebenden Bauwerk live aufgenommen wurde, mit einem Kinderchor und ohne die üblichen Bandinstrumente. So geht Black Metal heute. Außerdem nahm ich mir die aktuelle Intro mit und bestellte mir die neue EP von Placebo, die wie ein Hit von Talk Talk heißt und die angekündigte neue Best-Of begleitet: „Life’s What You Make It“. Kein Wunder: Es ist ein Cover des nämlichen Songs. Nicht das erste, nach The Gathering und Rowland S. Howard, den Placebo auf der EP kurioserweise ebenfalls covern, mit „Autoluminescent“. Nicht bestellen konnte mir Chris leider die „Disintegration EP“ von Vanessa van Basten, einer Stoner-Doom-Band, die deren Label Taxi Driver Records kürzlich wiederveröffentlichte. Wie es der Titel suggeriert, verdrogen die Italiener darauf vier Songs von The Cures gleichnamigem Album, was die neuen Titel wie „Plainbong“ deutlich machen. Das Label ist jedoch zu klein, um international bestellbar zu sein; für den Erwerb der EP muss ich wohl wirklich mal wieder nach Italien fahren.

Okay, dieses Mal aber nicht nach Genua, Stadt von Taxi Driver Records, sondern weiter nach Westen, nach Sanremo, kurz vor der Grenze nach Frankreich. 1999 war ich schon mal in der Gegend und machte einen kurzen Ausflug in die Stadt. In meiner Erinnerung lebte Sanremo vom Glanz der Vergangenheit: In den Fünfzigern und Sechzigern war es der Inbegriff des Edelurlaubs, mit Riviera, Strandpromenade, Luxus, Jet Set, Hollywoodstars. Seitdem, so mein Eindruck von vor 17 Jahren, hat man in der Stadt den Anschluss an die Zeit und den Blick für Sanierungsfirmen verloren. Da ich aber in den zurückliegenden drei Jahren weite Bereiche Liguriens zwischen La Spezia und Savona besucht habe und ich Ligurien sehr mag, fahre ich ein Stückchen weiter und lasse ich mich eben neu auf Sanremo ein.

Meine Gastgeberin Manuela, rund 20 Jahre älter als ich, ist gleich der erste gute Eindruck, den ich von Sanremo habe. Da sie kein Englisch spricht und mein Italienisch für ausgefeilte Kommunikation zu rudimentär ist, organisiert sie einen Freund aus dem Geschäft gegenüber als Dolmetscher. Marco vermittelt den ersten Inhaltskontakt zwischen uns und gibt mir seine Telefonnummer, falls es bei uns zu Verständnisschwierigkeiten kommen sollte. Kommt es nicht: Manuela befleißigt sich einer so einfachen Sprache, dass ich ihr meistens folgen kann und wir stante pede auf ihrem Balkon in tiefe Gespräche abdriften. Anfangs habe ich noch große Schwierigkeiten, ihr zu folgen, doch alsbald gesellen sich neue Vokabeln zu meinem bescheidenen Wortschatz und wir tauschen uns intensiv aus. Gelegentlich greifen wir auf Französisch zurück, einzelne Wörter kennt sie auf Englisch und sogar auf Deutsch; bezeichnenderweise sind dies etwa „verboten“ und „Arbeit“. Eines Abends präsentiert sie mir ein eigens angeschafftes Englisch-Lernbuch, und weil sie es sich sehr zu Herzen nimmt, diese Sprache zu erlernen, nennt sie mich konsequent Mathew, obwohl ich ihr sogar Matteo angeboten habe. Besonders freue ich mich über die Restauranttips, die sie mir zukommen lässt. Ich probiere sie alle aus. Alle. Ligurische Küche! Es dauert rund eine Woche in Italien, bis ich erstmals eine Pizza oder Pasta esse. Der Rest: Fisch. Und einmal Kaninchen.

Sanremo ist klein und übersichtlich, man kann alles zu Fuß erreichen. Wie in jeder mir fremden Stadt frage ich in der Touristeninformation auch nach Plattenläden: Immerhin einen soll es noch geben. Den finde ich auch. Der Eigentümer tut sich mit mir etwas schwer. Ich frage ihn nach Vanessa van Basten. Kennt er nicht. Vom Label Taxi Driver aus Genua. Kennt er nicht. Ob er mir die Platte denn bestellen könne? Kann er nicht. Mit einigem guten Willen verkauft er mir das neue Album von Lou Dalfin, „Musica Endemica“. Die Band empfahlen mir meine Airbnb-Gastgeber in Genua vor zwei Jahren: Lou Dalfin, „Der Delfin“, singen Folklore eines abgelegenen Tals in Italien nahe Frankreichs in einem Dialekt dieser Gegend, aber mit modernen Instrumenten. Klingt ein bisschen wie deutsche verrockte Mittelaltermusik, nur ohne die doofen Texte und mit einem breiteren Stilangebot. An deren CDs heranzukommen, ist gar nicht so einfach; umso mehr freue ich mich, dass der unwillige Schallplattenmann in seinem unaufgeräumten Laden nicht nur sofort mit meiner Anfrage etwas anzufangen weiß, sondern mir sogleich die CD in die Hand drückt.

Mein Eindruck von Sanremo überdies wiederholt sich. Es kommt mir vor, als wolle es versuchen, heutige Touristen mit den Mitteln der Fünfzigerjahre zu neppen. Zu bieten hat es dabei nichts, bis auf das Casino und das Meer. Keine Museen, keine Besonderheiten, nichts. Na gut: Eine russische Kirche, die zurzeit eingerüstet ist, eine Altstadt, von deren zwei einzigen Restaurants eines zurzeit wegen Renovierung geschlossen ist und die bis auf das weithin sichtbare Sanktuarium auf dem Gipfel komplett heruntergerockt aussieht, sowie eine Festung, die zwar eine attraktive Ausstellung mit Stoffdesign der Dreißiger bis Sechziger zeigt, deren eigentliche Räume man aus mir nicht verständlichen Gründen (Italienisch) aber nicht besichtigen kann. Dennoch, nicht nur mit Manuelas Hilfe mache ich abseits der Via Giacomo Matteotti, der Einkaufsstraße, drei Straßen aus, die mit Cafés und Restaurants und einigem Flair auf mich einen einladenden Reiz ausüben: die Via Francesco Corradi, die Via Gaudio und der Corso Garibaldi. Schnell habe ich den Stadtplan verinnerlicht und bewege mich weitgehend fehlerfrei durch die Straßen und Gassen, zwischen Hafen und Altstadt.

Mir fällt auf, dass sich viele Menschen hier in Sanremo so verhalten wie zu Hause in Braunschweig: schlechter Service, grußloses Vorübergehen, kein Kontakt zu Fremden, brüsker Umgang. Also das Gegenteil von dem, weshalb ich so gern in Italien bin. Ich bin enttäuscht. Und erstaunt, dass Manuela als Bewohnerin mir meine Wahrnehmung bestätigt; es liegt also nicht an meiner Stimmung, wie auch immer die geartet sei. Worauf habe ich mich da nur eingelassen. Na, zumindest auf Manuela, die mir mit ihrer guten Laune, ihrem Humor und ihrer Fürsorglichkeit eine wundervolle Zeit in ihrem Heim bereitet.

Bereits vor der Reise hatte ich die Idee, mir von Sanremo aus einen Tagesausflug nach Nizza zu gönnen. Per Zug ist das ganz einfach. In Nizza war ich noch nie, habe es gerade mal 1999 bis Monaco geschafft, also bin ich neugierig. Und vorsichtig, angesichts der Nachrichten mit dem Anschlag, als ein Einzeltäter mit einem Lastwagen auf der weltberühmten Promenade Dutzende Menschen tötete. Zudem machte ich im benachbarten Monte Carlo die frustrierende Erfahrung, dass man mich mit meinem Schulfranzösisch nicht verstehen wollte: Wie sollte ich dann bloß in Nizza zurechtkommen?

In der Touristeninformation sagt man mir, dass es in Nizza wohl nur einen Plattenladen gäbe, einen Fnac. Das ist eine Kette, die ich schon in Antwerpen entdeckte. Der Touristeninformant beschreibt mir den Weg in ein Viertel, in dem es immerhin Musikalienhändler gibt, was die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dort auch auf Plattenläden zu stoßen. Das bewahrheitet sich zwar nicht, dafür schlendere ich aber durch eine weitgehend touristenfreie Gegend, bevor ich den Fnac aufsuche, ohne dort etwas zu finden (zum Beispiel jüngere Alben von Magma, die mir noch fehlen), und mich den Touristenecken widme. Am Hafen, gleich bei den Antiquitätenbutzen, bekomme ich Lust auf einen Kaffee. Ich wühle in meinem Französisch herum und treffe auf einen Wirt, der Lust auf Kommunikation hat. Wir scherzen und lachen, er berichtet von Fußball: „Deutschland war gestern hier.“ Ach, was war denn, WM-Qualifikation? Er deutet auf eine Zeitung: Europapokal, Schalke trat gegen OGC Nizza an. Und gewann 1:0. Was den Wirt nicht daran hindert, mit mir gemeinsam weiterzulachen. Und mir meine Nachlässigkeit vorzuwerfen, den Milchschaum nicht aufgegessen zu haben. Er schäumt extra neue Milch auf und gieß sie in meine Tasse. Schon jetzt hat Nizza Punkte gemacht.

Auf dem Weg zur Promenade komme ich an einer Treppe zur Burg vorbei. Natürlich gehe ich da hoch. Städte von oben finde ich immer reizvoll. Bei dem strahlenden Sonnenwetter ist der Ausblick von der großflächigen Ruine aus doppelt wundervoll: links das Meer, mittig die Promenade, rechts die Altstadt. Über mir spannen Pinien ihre Nadelblätterdächer. Es riecht wundervoll. Ich versuche, den Abstieg zur Altstadt zu finden, und nehme ein lauter werdendes Rauschen wahr. Zwischen dichten Blättern ergießt sich ein künstlicher Wasserfall inmitten des Burgrestes. Ich staune. Gischt kühlt die Besucher. Mir kommt ein junges Paar entgegen. Er fragt mich, ob ich weiß, wo der Wasserfall beginnt. Weiß ich nicht, aber er könne es mir ja sagen, wenn er die Quelle gefunden hat. „Komm doch mit“, sagt er, und – natürlich: Ich komme mit. Wir stellen uns vor: Sie, Nuha, kommt aus Jordanien und er, Baz, aus Kanada. Er ist beruflich in Nizza und traf hier zufällig auf sie; wie Nuha mir später erzählt, nur fünf Minuten vor mir. Also kein Paar, nicht mal alte freunde. Von Baz erfahre ich, dass das, was ich über seine Heimatstadt gelernt habe, nicht umfassend stimmt: Nach meiner Kenntnis spricht man Montreal französisch aus, er hingegen verwendet die englische Fassung. In dem Film „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ überführt die vermeintlich falsche Aussprache einen Aufschneider. Doch 30 Prozent der Bewohner sprächen Englisch, sagt Baz. Ich will weiter, in die Altstadt, und darf den Zugfahrplan nicht aus den Augen verlieren. Wir tauschen Kontaktdaten aus, denn Nuha will in ein paar Tagen nach Sanremo kommen, vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee.

Beim Abstieg verlaufe ich mich und gelange auf die Promenade. Das ist also die weltberühmte Edelmeile an der Côte d‘Azur? Ein langes Stück Teer mit Palmen dran. Kein Glitzer in Nizza. Und auch keine Pizza, jenseits der Straße säumen zwar Restaurants die Zeile, aber ich schlängle mich in die Altstadt weiter. Die ist wirklich schön, eng, dicht gedrängt mit Läden und Cafés, die den hübschen Häusern mehr als nur Optik verleihen. Sieh her, Sanremo, so geht das auch mit seinen Architekturaltlasten. Man erkennt hier das italienische Erbe und ich begreife, warum die Stadt, die eigentlich Nice heißt, bei uns den alten italienischen Namen trägt: Die Geschichte schob hier öfter mal die Grenze herum. Auf manchen Tafeln an den alten Häusern steht sogar noch eine dritte Version: Nissa. Die Leute hier tragen teilweise noch italienische Nachnamen, und auch in den Straßenbezeichnungen schlägt sich die Historie nieder. In der Rue Rossetti zum Beispiel suche ich mir ein Café. Einen regionalen Wein möchte ich probieren, aber das traue ich mir nicht zu, auf Französisch auszudrücken. Mir kommt in der Tür ein Mann entgegen, den ich auf Französisch frage, ob er Englisch spricht. Er antwortet etwas, freundlich grinsend und gutgelaunt, und diese Antwort verstehe ich nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie überhaupt auf Französisch war oder ob das der Versuch war, Englisch zu benutzen. Eine Kollegin hörte das und kommt grinsend dazu. Sie bestätigt, dass sie Englisch spricht, und fragt den Kollegen: „Do you speak English?“ Der Mann grinst und sagt: „Oui.“ Sie nickt mir zu: „That means ‚no‘.“ Meinen lokalen Wein bekomme ich und gut schmeckt er mir auch. Nizza hat also mächtig positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann die Stadt dem Wolfsburger Rapper, der sich nach ihr benannt hat, nur empfehlen.

Zurück in Sanremo. Hafenrundfahrten oder Bootsausflüge werden von hier aus nicht angeboten. Noch so ein Fehlschlag, tse! Die einzige Möglichkeit, hier am Meer auch mal aufs Meer zu kommen, ist, sich beim Whalewatching anzumelden. Klingt nach Nepp, aber sie versprechen für 34 Euro eine mehr als vierstündige Tour aufs offene Mittelmeer. Da melde ich mich doch mal an. Am Abfahrtstag werde ich jedoch vertröstet: Das Wetter sei schlecht, ich könne mich für die nächste Tour reservieren lassen. Das mache ich. Und gehe zu Fuß zu einem Strand, den mir Manuela empfahl: Valecrosia, immer die alte ligurische Bahnstrecke am Meer entlang, die man inzwischen für Radfahrer aufbereitet hat. Valecrosia liegt jedoch knapp 15 Kilometer entfernt. Ich komme am malerischen Ospedaletti vorbei, lasse das überfüllte Bordighera hinter mir und durchquere auch den Tunnel, der die Geschichte von etwas erzählt, von dem ich bis kurz vor meiner Reise noch gar nichts wusste: Milano-Sanremo, ein Radrennen. Juri erzählte mir davon, und der kennt sich mit so etwas aus, schließlich organisiert er die Critical Mass Braunschweig, die monatliche Radtour durch die Stadt, an der immer so um die 500 Radfahrer teilnehmen. So ist das, wenn man sensibilisiert wurde: Plötzlich sehe ich in Sanremo überall Radrennsporthinweise. Der Strand von Valecrosia ist wirklich schön, sehr weit, sehr kieselsteinig, und ich bin froh, dass ich mir die Lust auf ein Bad schon in Bordighera erfüllte, denn inzwischen zeigt mir das Meer, was es mit der Whalewatchingabsage auf sich hat: Es schäumt über. Die Wellen sind meterhoch und verweigern mir den unfallfreien Zutritt. Zugucken kann ich ihnen aber, wie sie ständig die Oberfläche der See umgestalten und mich mit mannigfaltigen Formen berauschen. Ein schöner Ausflug mit den Füßen. Zurück geht’s aber mit dem Bus.

Für den folgenden Tag habe ich noch keine Pläne. Als wüsste Manuela das, schlägt sie mir vor, mich mit ihrem uralten Fiat, den sie „Regina“ nennt, Königin, nach Bussana Vecchia mitzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Stadt, die 1887 von einem Erdbeben teilzerstört und in den Sechzigerjahren von Künstlern illegal neu besiedelt wurde. 1999 war ich schon mal dort, schlenderte durch die Gassen, betrachtete die eher kunsthandwerklichen Exponate und die pittoreske Kulisse des Verfalls und fand es ganz nett dort, so ohne Wasser und Strom. Ein bisschen ist es auch heute noch so, nur kommt mir die Stadt nun aufgeräumter vor, weniger ruinös, auch trotz des Kirchengerippes in der Mitte. Die Leute haben etwas aus der Kulisse gemacht. Und Manuela kennt ein offenes Geheimnis: La Barca, eine Art moderne Hippiekommune in Bussana Vecchia, die auf verwinkelten Pfaden zugänglich und für alle Gäste offen ist. Es empfiehlt sich aber trotzdem, die tuchbespannte Holztür hinter sich zu schließen, damit nämlich das Straußenbaby nicht abhauen kann. Il struzzo rennt zwischen den wild zusammengewürfelten Möbeln, Katzen und Hunden, Dekostücken aus aller Welt und vielsprachigen Menschen herum. Zur Begrüßung bekommen Manuela und ich Gläser mit selbstgemachtem Roséwein in die Hand gedrückt und die Einladung, uns etwas von der frisch zubereiteten Pasta mit der Käsesoße zu nehmen. Ich bin erstmal überfordert und setze mich mit Manuela an den Rand eines langen Tisches, an dem wir schon mal auf Deutsch begrüßt werden. Erst nach und nach erfahre ich, was hier los ist: Eine halbe Handvoll Männer aus Italien, den Niederlanden und der Schweiz fand sich hier zusammen, als Aussteiger, als Autonome, als Nationenverweigerer. Ihren Paradiespark öffnen sie für Gleichgesinnte und Neugierige, von denen manche hier für einige Zeit übernachten und andere, wie Manuela und ich, nur vorübergehend zu Gast sind. Mich erinnert das an Christiania in Kopenhagen, was mir meine Gesprächspartner bestätigen. Und davon habe ich einige.

Uns gegenüber setzen sich Kerry und Clyde, ein Paar aus Südafrika, das sich in Gesellschaft des Straußenbabys sofort heimisch fühlt. Sie sind Marineangehörige und nur temporär in Sanremo. Neben uns spielen ein paar jugendliche Deutsche Gesellschaftsspiele und debattieren mit dem Hausherrn aus den Niederlanden. An einem anderen Tisch singt jemand spanische Lieder zur Akustikgitarre, zumindest eines des Franzosen Manu Chao ist mir geläufig. Zwischendurch läuft Musik aus dem Laptop; als der Regen einsetzt und sich sogar ältere Besucher aus dem belgischen Knokke-Heist zu uns gesellen, in dem ich im vergangenen August Urlaub machte, läuft ABBA und viele tanzen gewittergeschützt unter der Pagode. Eigentlich will ich mich als Fremder zurückhalten, doch bieten sich ständig Unterhaltungen an, mit den Frauen, die mir Wein ausschenken und vom Konzept berichten, mit den Hausherren, die mir Kalbsfleisch und Gemüse überreichen sowie von ihrer Geschichte berichten, und das alles auf Englisch und Deutsch, was ausgerechnet meine einheimische Gastgeberin benachteiligt, von der ich eigentlich dachte, dass sie hier Heimvorteil hätte. Also finde ich mich kurzerhand als Italienischdolmetscher wieder. Erstaunlich, was alles geht. Beseelt verlassen wir nach Stunden Bussana Vecchia, nicht ohne die Blue Box im Baum am Eingang mit Scheinen zu befüllen. Wir bahnen uns zwischen Katzen, Hunden, Gänsen, Schweinen und dem Strauß unseren Weg hinaus, verabschieden uns dabei von unseren neuen Bekanntschaften wie von alten Freunden. Der Abschied dauert dabei länger als manche Party.

Über Nacht mache ich mir so meine Gedanken und sortiere meine Beobachtungen. Manuela muss es ebenso gegangen sein. Beim Frühstück spricht sie die Untiefen der Barca an, die mir auch auffielen, bei aller Sympathie und Hippieseligkeit. Was sie als Autonomie und Aussteigertum darstellten, ist für einige der Barca-Betreiber wohl eher eine Flucht aus der Realität, weil sie im Leben einige Schwierigkeiten haben. Beziehungsschmerz ist offenbar eine gängige Triebfeder. Manches Verhalten stimmt uns kritisch: Einer unterhielt die jungen Deutschen mit halblustigen Provokationen und war nur selten zu ernsthaften Gesprächen bereit oder in der Lage. Ein anderer fühlte sich beim Abwaschen vom Strauß belästigt und schob ihn rüde mit dem Fuß beiseite. „Es gibt bei uns keine Drogen“, sagt ein Dritter, „außer, man zählt Alkohol auch dazu.“ Und das den ganzen Tag. Jeden Tag. Jeden Tag haben die Barca-Betreiber also Gäste und Feste und sonst nichts. „Wir arbeiten nicht gern“, sagt ein anderer, und begreift doch selbst: „Hier gibt es aber auch immer etwas zu tun.“ Das temporäre Publikum indes bringt den guten Geist mit, der das Erleben hier so herzerwärmend macht, und ohne die Erstaussteiger und deren Initiative wäre die weitestgehend harmonische Zusammenkunft auch gar nicht möglich geworden. Wir sind uns daher beide einig, dass es gut ist, dass La Barca existiert und dass wir uns dort wohlfühlten.

Mein Kaffee mit Nuha steht nun an. Wir treffen uns an der Festung, die zu Nuhas Bedauern heute geschlossen hat – es ist Montag. Zuerst genehmigen wir uns daher den Kaffee am Hafen, dann bittet sie mich, ihr die Stadt zu zeigen. Wir schlendern durch die Altstadt bis zum Sanktuarium und kehren beim Ristorante Mulattiere ein, das mir Manuela empfahl und in dem ich schon einmal aß, dabei „Braunschweig schön trinken“ aus dem Verlag Andreas Reiffer lesend. Die Inhaber umsorgen uns freundlich und versorgen uns mit ligurischer Pasta, Wein und Wasser. Nach Stunden begleite ich sie noch zu ihrer Unterkunft, die Bitte erfülle ich ihr und erfüllt mich mit Freude.

Nuha ist für drei Tage bei einer Freundin in Sanremo untergekommen und muss am nächsten Tag den Zug nach Nizza nehmen, um nach Athen zu fliegen. Sie ist zurzeit in Europa unterwegs, sie verbringt so ihren Urlaub, von Ost nach Süd. Eigentlich arbeitet sie für die Vereinten Nationen bei der Flüchtlingshilfe. Als Jordanierin hat sie es viel mit Menschen aus ihrem Nachbarland Syrien zu tun. Sie erzählt mir von ihren Monaten auf Lesbos und der Schwierigkeit, sich mit dem schwergängigen System der UN abgeben zu wollen. Und sie erzählt von den Problemen, die sie damit hat, anders zu sein, als es ihre Familie, ihre Tradition und ihre Religion vorgeben. Es gab in ihrem Leben eine Initialzündung, die aus der einst konservativen Muslimin einen Freigeist gemacht hat, der sich gegen alle Widerstände selbst verwirklichen will und das nicht damit verwechselt, lediglich ausschweifend zu leben. Wir tauschen unsere Lebenseinstellungen aus und ich freue mich darüber, wie viele Übereinstimmungen es bei uns gibt: dem Mann aus christlicher Erziehung in Mitteleuropa und der Frau mit muslimischer Geschichte aus Arabien. So entpuppt sich dieses in Nizza verabredete Kaffeetrinken als mich noch beseelender als der Besuch in La Barca.

Jetzt aber aufs Boot, dieses Mal fällt das Whatewatching nicht aus. Ein mittelgroßes Kahn empfängt eine kleine Gruppe Touristen am alten Hafen von Sanremo und steuert dann Bordighera an, um vor dem Törn aufs offene Meer den letzten Schwung Teilnehmer aufzunehmen. Das Oberdeck ist bereits übervoll, im Innenraum schreit eine Kindergruppe, also setze ich mich an den Bug. In Bordighera gesellt sich eine weitere Kindergruppe dazu, die sich jedoch nicht innen halten lässt. Ein langhaariger und bärtiger Typ fällt mir auf, der mit Hund und anderen Angehörigen über den Steg an Bord schlendert. Das Boot ist zwar nicht so groß, aber man läuft sich nicht zwangsläufig über den Weg, und doch ist es genau er, mit dem ich bald ins Gespräch komme. Er ist es wie ich nicht gerade gewohnt, auf einem Schiff zu sein, stellt er beim achterbahnartigen Wellenreiten fest, denn er kommt aus einem Tal nahe der Grenze zu Frankreich, wo er mit seiner Verlobten eine landwirtschaftliche Saisonarbeit verrichtet. Eine sehr intensive: Dieses sei sein erstes freies Wochenende seit Mai. Die geographiebedingte Erdverbundenheit erklärt auch, weshalb sein Hund nicht klarkommt: Luna, so heißt sie, begreift das Schwanken nicht und fiept gelegentlich angstvoll. Sie lässt sich aber beruhigen, auch von umherfliegenden Kinderhänden. Natürlich spreche ich ihn bei der geografischen Beschreibung seiner Heimat auf Lou Dalfin an. Und natürlich kennt er die, „die kennt doch jeder“, glaubt er. In seinem Tal vielleicht, meine ich einschränken zu müssen, doch er widerspricht. Und erzählt, dass der Sänger sogar im selben Dorf wohnt wie er. Die Erbsigkeit der Welt mal wieder. Auch er spielt in einer Band, „Golden Cherry, übersetzt“, sagt er, also ungefähr Ciliege d‘Oro vermutlich. Er sei kein guter Gitarrist, glaubt er, und komme wegen seiner Arbeit auch kaum zum Üben. Musikalisch verortet er die Goldenen Kirschen im Garage Punk: „Wir haben gerade ‚Strychnine‘ von den Sonics gecovert.“ Jau, hier bin ich richtig. Im Gegenzug berichte ich ihm von „Ich will nicht tanzen“, der neuen Single von Blinky Blinky Computerband, zu der mich Olaf den Text und die Stimme beisteuern ließ. Das dazugehörige Album „For A Better World“ und die beiden CDs davor gibt es übrigens auch im Riptide zu kaufen. Und à propos gute Plattenläden, derer gebe es in Nizza haufenweise, sagt mein Mitskipper. Na, der Touristinformant kriegt was zu hören!

Es ist der 20. September. Nach diesem Tag sind überall in Italien Straßen benannt. Also frage ich meinen musikalischen Begleiter, was es damit auf sich hat. Er stutzt und gibt zu, das gar nicht zu wissen. Wir einigen uns darauf, dass es vermutlich etwas mit Garibaldi zu tun hat. Er schwankt über Deck davon und kehrt kurz darauf zurück: „Ich habe die anderen gefragt, die wissen es auch nicht.“ Wir lachen und vereinbaren, uns im Internet kundig zu machen. Das sagt: „Fest der Befreiung der Hauptstadt Rom und nationale Wiedervereinigung (1870); den Faschismus abgeschafft“. So richtig bringt mich das nun aber auch nicht weiter.

Aber es ist ja Whalewatching. Ein singulärer Delphin unterkreuzt unser Boot, was den Ansager sich wundern lässt, denn normalerweise gäbe es Delphine nicht als Einzelgänger. Ein zweites Mal wundert er sich, als er eine riesige Meeresschildkröte ausmacht, denn die kommen im Mittelmeer eigentlich gar nicht vor. Das war’s. Den Rest der Zeit vertändeln wir auf hoher See und lassen und sanft in den Schlummer schaukeln. Trotz der Kinder, die bei der ersten Delphinsichtung noch niedlich sind, bei ausbleibender weiterer Walbeobachtung indes echt mal so richtig nerven. Und erstaunlicherweise „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do zitieren, den Eurotrashhit, den selbst in Deutschland niemand mehr kennt, gottlob. Mal so richtig fair ist, dass wir wegen der Nichtsichtung der angekündigten Meeressäuger unsere Tickets behalten und noch bis zum Ablauf der nächsten Saison erneut verwenden dürfen.

Meinen letzten ganzen Tag verbringe ich in Imperia. Auch dessen Altstadt, Porto Maurizio, ist wunderschön und birgt das größte Gotteshaus Liguriens. Die eigentliche Stadt zwei Kilometer weiter ist immerhin ganz okay. Die Frau im Plattenladen (dieses Mal half man mir in einem Musikalienhandel weiter) ist extrem hilfsbereit, doch auch sie kennt Vanessa van Basten nicht. Aber sie stellt mir in Aussicht, die Platte bestellen zu können. Das hilft mir bedauerlicherweise jetzt auch nicht mehr. Die Alternative meiner Wahl, der Soundtrack zu Paolo Sorrentinos Film „Youth“ nämlich, ist bei ihr indes bereits ausverkauft. Schade! Den finde ich noch kurz vor der Abfahrt beim Querulantenplattenladen in Sanremo. Auf dem Album ist nämlich „Just (After Song Of Songs)“ drauf, vom Trio Medieval, ein Stück, das sich schon im Film in mein Gedächtnis einbrannte und das ich per Whatsapp auch Manuela ins Ohr pflanzte.

Als ich ein letztes Mal durch Sanremo schlendere, stelle ich fest, dass es mir doch ans Herz gewachsen ist. Die Kellnerin in dem Hafencafé fragt mich bei meinem zweiten Besuch fröhlich, wo denn meine Begleiterin vom Vortag geblieben sei, der Besitzer der gemütlichen Weinbar „Per Bacco“, in der vortrefflicher Jazz läuft, begrüßt mich bei meiner Wiederkehr mit Handschlag, und als ich im Supermarkt Mineralwasser für die Rückfahrt kaufe, winkt mir an der Kasse eine Frau zu: die Kellnerin aus dem Mulattiere. Manuela verabschiedet mich mit festen Umarmungen; im letzten Augenblick stellt sich heraus, dass wir beide Zwillinge sind und dass unsere Geburtstage nur drei Tage auseinander liegen. Da wundert mich nichts mehr. Und nehme als Fazit mit: Auch in Sanremo kann ich mich also zu Hause fühlen.

Trotzdem freue ich mich auf Braunschweig, natürlich! Mich erwartet Post von Krüger, der mir seine drei neuesten Singles schickte, und von Phillip Boa, der eine neue Box mit drei CDs, einem Buch und einer 10“ herausbrachte. Mich erwartet Arbeit für Rille Elf, denn den nächsten Tanztee am 13. November im Tegtmeyer veranstalten wir dankenswerterweise im Rahmen des Filmfestes, und ich muss dafür noch den Flyer gestalten; weiterer Einsatz für Blinky Blinky Computerband, denn Olaf und ich wollen die Songs nochmal durchgehen, die wir mit Arni und Henning am 1. Oktober im Tegtmeyer als Support von Psyche spielen wollen; und Initiative für die Indie-Ü30-Party, für die Henrik und ich die Flyer und Plakate quer über Braunschweig verteilen wollen. Die EP von Vanessa van Basten muss ich wohl zu Hause per Internet bestellen; das mache ich, sobald das neue Album von Mope draußen ist, das spart mir Porto. Und Stef ist da, wir setzen uns an den blauen Tisch in der Küche und tauschen unsere Erlebnisse aus. Ich habe Wein mit. Wird eine lange Nacht. Salute!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#106 Die Gesichter des Sedan-Bazars

16. August 2016


Sonntag, 13. August 2016

Riptide-Blog in Fremdvergabe: Heute lasse ich mal jemand anders an die Tastatur. Es passt so schön: Stefanie Krause und ich waren zusammen beim Sedan-Bazar. Nicht nur, dass es zusammen Spaß macht: Sie übernahm das Schreiben, ich dafür ihren Fotojob. Das Ergebnis gibt’s auf Kult-Tour Der Stadtblog und hier:

„Ich war auf dem Sedan-Bazar im Braunschweiger Handelsweg. Zum ersten mal! Und heute ist ein perfekter Sonntag, um einen flockigen Blogeintrag darüber zu schreiben. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Keine Seetemperaturen, aber auch kein Badewannenwetter. Ich ein wenig müde, doch nicht zu müde. Eben genau richtig. Und so entspannt im Kopf, um ein paar Ideen über den Abend und dessen Begegnungen fliegen zu lassen, sich aber keinen zu großen, blockierten Kopf zu machen. Das Basilikum auf dem Balkon hält die Klappe. Beste Voraussetzungen also, um in die Tasten zu hauen: 13.08.2016, Ankunft etwa 18 Uhr in der kleinen – aber ältesten – Stadtpassage Braunschweigs. Sie ist heute dichter als sonst mit buntgestipptem Volk gefüllt.

Einmal im Jahr tun sich die kleinen Lädchen, Cafés und Kneipen im Handelsweg zusammen, um gemeinsam ein Sommerfest zu feiern. Schepper – Solobassist und charmantverschüchterter Anekdotenerzähler – zupft schon an seinem Instrument und blinzelt schräg zu uns hoch. Die Plastikblume an seiner Technik sitzt noch nicht perfekt. Zu allem Überfluss kitzelt ihn eine seiner langen Haarsträhnen ein wenig am Näschen, auf dessen Spitze die Brille gerutscht ist. Darunter kräuselt er die feinen Lippen und wirft schwungvoll und doch ein bisschen eckig die Haarpracht zurück, um uns zur Begrüßung die „Ghettofaust“ zu geben. Ich bin heute mit Bloggerkollege Matze unterwegs. Er ist hier im Handelsweg ein alter Hase. Seit nunmehr acht Jahren schreibt er bereits den Riptideblog. Es dauert auch nicht lange, bis er mir die Spiegelreflex wegschnappt und die Szenen fotografiert, die er sonst nur mit Worten umschreibt. Jaja, aber vorher erstmal meckern, als das Entladen der Speicherkarte unseren Aufbruch vom westlichen „Ghetto“ in die Braunschweiger Innenstadt unwesentlich verzögerte. Jetzt freut er sich also doch darüber, seine Menschen ablichten zu können. Mein halbbewusster Plan ist aufgegangen und ich muss mir erstmal keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich lieber an meinem Glas Weißwein nippe oder die Kamera zur Hand nehme. Gut!

Matzes Motto „Die Stadt ist eine Erbse“ – erst kürzlich erschien unter diesem Titel ein Auszug seines Blogs als Buch – wird sich heute gleich mehrfach auch für mich bewahrheiten. Nachdem ich das Teint unterstreichende rote T-Shirt von unserem Lord – dem Herrn Schadt, Autor und lebendige Legende – bewundert habe, nachdem er mein Kleid gelobt hat, begrüße ich sogleich den guten Serge. Oha, da hat ihm der Lord doch das erste Kompliment des Tages weggeschnappt! Äußerst frech: das sieht ihm ähnlich. Fatale Vorstellung, wenn Serge das wüsste! Als möchte er diesen ihm eigentlich gar nicht bekannten, aber wahrscheinlich intuitiv erspürten Rückstand sofort wieder ausgleichen, trägt er erstmal richtig dick auf: „Aaah, die Königin der Nacht!“, trommelt er begleitet von einer theatralischen Geste, und ich vervollständige: „…ist heute aber tagsüber unterwegs.“ In der Tat bin ich meistens eher später auf Kult-Tour, aber heute lohnt sich das Erlebnis ganz besonders bei Sonnenlicht. Es gibt viel zu schauen. Die Menschen trippeln wie Farbtupfer über das Pflaster und es entsteht ein schönes Bild meiner Stadt. Man schlürft genüsslich Kaffee im Riptide, holt sich bei Filmemacher Jonte Moerking eine vegane Wurst vom Grill, stöbert in der heute vor der Tür präsentierten Auslage von Schmuckmanufaktur, Comicladen, Galerie und Second-Hand-Boutique oder trinkt einfach eine zünftige Kaltschale in einer der Kneipen, während sich der ganz junge Nachwuchs schminken lässt.

Auch ich möchte mich erstmal ein bisschen zerstreuen und entfliehe der mir gerade zu heißen Herdplatte vor Serge Roons kleinem Antiquariat. Ich bin einfach noch zu flatterig für einen guten Literaturtipp, heute zu sanft für eine Kostprobe vom Präsentierteller und wahrlich zu unkonzentriert für einen Schlagabtausch mit dem Schriftsteller, Regisseur, Künstler und – ja, Serge hat kaum eine Tätigkeit im kulturellen Bereich ausgelassen. Über ihn könnte ich jetzt also noch viel mehr sagen. Denn kürzlich erst las ich sein Buch „Die Gesichter der Frauen“, muss die rezensierende Stef für mich aber erst erfinden. Meinen heutigen Ad-hoc-Versuch, mich in Luft aufzulösen, lässt er jedoch auf gar keinen Fall gelten. Gezielt legt er noch mehrfach nach. Wahrscheinlich will er nicht wieder in den Rückstand geraten. Wenn es um Komplimente geht, ist und bleibt er schließlich der Platzhirsch im Handelsweg. Da hilft es mir kaum, dass ich mich in der ersten Reihe verstecken will.

Doch dann soll es losgehen, signalisiert Schepper durch sein Headset. „Warte doch noch einmal fünf Minuten“, bremsen ihn Matze und Patrick Schmitz vom KingKing Shop. „Wir unterhalten uns doch gerade noch!“, scherzen sie. Und schon ist eine freundliche Verbindung zwischen Musiker und Publikum hergestellt. So soll es sein und so geht es auch weiter. Schepper spielt abwechselnd einen „langsamen“ und einen „schnellen“ Song und auch eben jenen, der Soundtrack für unseren Jubiläumsfilm zu Matzes hundertstem Riptideblogbeitrag geworden ist. „Das ist ja wie im Kino hier!“, lacht Matze. Ja, und hundert Geschichten erzählen sich auch am heutigen Tag. Viele bekannte Gesichter ziehen vorbei oder bleiben zu einem kurzen oder auch langen Schnack kleben. Wirklich verstecken kann ich mich eigentlich nur bei Helmut in der Strohpinte. Seine Kneipe ist die dunkelste und engste, die ich in Braunschweig kenne. Ganz hinten in der Ecke ist es richtig finster. Hierhin verirre ich mich also ganz absichtlich und provoziere den herzensguten Poltergeist zu seiner kratzenden Lache. Zum Sedan-Bazar und auch sonst recht oft gibt es hier Live-Musik. Gerade spielt Alex van den Berg gut gecoverte Songs auf der Gitarre und singt mit angenehmer Stimme, als Fehmi Baumbach von Helmut nett, aber bestimmt heran gewunken wird. Die Künstlerin hat es inzwischen nach Berlin verschlagen, aber sie käme immer wieder gerne auf einen Besuch in ihre Geburtsstadt zurück, erzählt sie mir. Wir verlieren uns in Ur-Braunschweiger Geschichten von irgendwelchen Künstlerhöfen in der Nähe des Handelswegs, die ich gar nicht kennen kann. Schließlich bin ich erst seit 2002 in Braunschweig. Doch Helmut wird tief nostalgisch, seufzt, schürzt die Lippen und nimmt einen schmatzenden Schluck aus seinem Bier, während Fehmi von alten Zeiten erzählt. Dann entdecken wir doch einen gemeinsamen alten Bekannten: Das „Blubber“ in Salzgitter. Tja, in diesen Hippieschuppen sind offensichtlich sowohl meine als auch Fehmis Eltern gegangen. Leider erkennt Fehmis Mutter Jutta meine Mutter Renate auf dem Foto zunächst nicht wieder, welches ich ihr auf meinem Handy zeige. Das wäre jetzt aber auch echt ein Ding gewesen!

Mitten in der Unterhaltung und nach mehreren kleineren Binnengesprächen erhöre ich endlich das Grummeln meines vernachlässigten Magens. Stimmt, vor ungefähr 40 Minuten habe ich im Riptide einen vegetarischen Burger geordert – den ich eigentlich schon vor 20 Minuten hätte abholen sollen. Die freundliche Bedienung mit beachtlicher Körpergröße, Bart und Zopf hat gut drauf aufgepasst! Ich kann noch schnell ein „Danke“ anbringen, bevor mich der Schlag der Erbse erneut trifft und mir die Sonnenbrille vom Kopf fällt. Zwei Gestalten aus meiner Vergangenheit sind heute auch hier. Man kennt sich in der Erbse: Marc und Anna sind bereits seit Ewigkeiten mit Schepper befreundet. So vermischen sich die Geschichten zum Ende des Abends im Herzen der Stadt, die wirklich eine Erbse ist.

Angesättigt von dem Burger und einen Barfußtanz im einRaum5-7 später befinde ich mich dann auch zufrieden auf dem Heimweg – beziehungsweise auf dem Umweg zum Haus- und Hoffest im LOT-Theater. Hier kann ich mich jedoch nur noch verabschieden, denn dieses Fest neigt sich deutlich dem Ende hin. An alle, die im LOT oder gar bei dem Straßentanz am Bültenweg waren: Wie war es denn dort? Erzählt doch mal, in den Kommentaren findet ihr genügend Platz!

Ein großes Fotoalbum mit dem Blümchen, dem lordigen T-Shirt, dem Serge-Blick und vielen weiteren Gesichtern vom Sedan Bazar findet ihr HIER und bei Facebook.“


Stefanie Krause
Kult-Tour Der Stadtblog


für
Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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