Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#121 Trendsport Salzball

18. November 2017


Freitag, 17. November 2017

Wer zum Geier sind die Salty Ballz? Dieser Abend soll Uneingeweihten Antwort geben. Die Frage indes stellt sich nur denjenigen, die den dritten Teil des Metal-Malbuchs aus dem Verlag Andreas Reiffer mindestens durchgeblättert haben, denn in dessen Mitte findet sich das Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“ dieser Band, zu der es keinerlei Informationen im Internet gibt. Scharfe Augen erkennen in der rechten unteren Bildecke des Covers einen deutlichen Hinweis und ich den Träger dieses Hinweises sowie den Verleger am Eingang des Café Riptide.

Es ist halb acht, bei Stefan stehe noch Bücherkisten vor Comiculture, bei Helmut in der Strohpinte ist gut etwas los, aus der Einraumgalerie dringt Garage Rock, die Rip-Lounge ist gemütlich illuminiert, im Achteck vor dem Riptide stehen Pott und Andreas, beide in Salty-Ballz-Hoodies. Sie wollen mir erklären, wie es möglich ist, sämtliche Spuren dieser Band im Internet zu löschen, doch ich lehne dankend ab. Die beiden präsentieren heute „Wer malen will, muss voll aufdrehen“, das dritte Malbuch mit Metal- und Rock-Album-Covern, das Pott alias Patrick Schmitz mit Ideengeber Renatus Töpke bei Andreas Reiffer veröffentlichte. Pott hat für die Beschallung des Ereignisses eine Playlist erstellt, die viele Undergroundbands beinhaltet, und er nennt exemplarisch die Thulsa Doom aus Norwegen, die er auch für ihre Songtitel feiert, und das Label Bad Omen Records.

Auch das Riptide selbst ist anheimelnd ausgeleuchtet: Im Cafébereich sind die weißen, von Chrisse Kunst bemalten Lampen und der Spot auf den Mirrorball die einzigen Lichtquellen, den Schallplattenbereich räumt Chris gerade für die Show frei und lässt dort auch nur eine Lampe in der Ecke mit dem DJ- und Bücherpult eingeschaltet. Schepper lehnt an den abgedeckten LP-Boxen und trinkt Tee, ich habe etwas für ihn dabei, meine alte Lederjacke nämlich. Alex, die nachher die Kasse macht, auch: eine Tüte mit Perücken, Tattooärmeln und aufblasbaren Luftgitarren. Schepper fischt sich den Tattooärmel heraus, an dem Rest sollen andere noch Freude haben.

Nachdem Chris seine Arbeit abgeschlossen hat und sich wieder der Theke widmet, schichten Andreas und Pott Buch um Buch mit dem Schwertpunkt Metal aus dem Verlagsprogramm auf das Pult, und natürlich auch die drei bisherigen Malbücher. Axel, der bereits in Andreas‘ Verlag veröffentlichte, kommt dazu, begrüßt mich und dann Schepper mit Umarmung und undefinierbaren Verbaläußerungen und dann Andreas und Pott mit dezentem Handschlag und freundlichem „Guten Abend“. Wir wundern uns über diesen Unterschied. „Bei denen bin ich förmlicher“, erklärt Axel. „Hab ‘ne Geschäftsbeziehung.“

Heute ist die Fritz-Kola das Getränk meiner Wahl. Auf der Theke erinnert ein Schild an „free fallin“ Tom Petty, der am 2. Oktober starb. Für mich wäre Chuck Mosley auch so ein Schild wert gewesen, der Sänger der ersten beiden Alben von Faith No More. Pott drückt Schepper einen Stapel soeben ausgeschnittener Salty-Ballz-Sticker in die Hand. „Soll ich die auch draußen verteilen?“, fragt Schepper. Pott winkt ab und ihn davon: „Hauptsache, du bringst sie unter die Leute.“ Schepper nickt: „Dann lege ich sie unter die Leute.“

Zwischen die Bücher stapelt Andreas kleine Pizzaboxen, die alle drei Metal-Malbücher sowie einen Satz Buntstifte enthalten. Nur 99 Stück gibt es davon. Bunte, ein Neonfarben gehaltene Becher reiht er daneben auf und bestückt sie mit Buntstiften. Pott zerschneidet weitere Sticker-Paletten. „Oh nein“, ruft er, „jetzt hab ich in einen Aufkleber geschnitten.“ Schepper blickt auf einen der intakten und sagt: „Jetzt heißt es ‚alty Ball‘.“ Mit einem Edding schreibt Pott ein Plakat für den ausgelobten Luftgitarrenwettbewerb. Er stockt und fragt: „Wie schreibt man Gitarre, mit Doppel-R oder Doppel-T?“ Doppel-A, schlage ich vor, doch Andreas sagt: „B, A, Doppel-S.“ Schade, dass Schepper das grad nicht gehört hat.

Also, gemeinsames Ausmalen der Malvorlagen aus dem Buch, Luftgitarrenwettbewerb, was ist noch geplant? Bei der Ankündigung einer Release-Veranstaltung zu einem Malbuch erinnerte ich mich an die Lemmy-und-die-Schmöker-Show im Antiquariat Buch und Kunst, bei der das Cartoonistenduo Rattelschneck geladen war, Cartoons an die Wand projizierte und die Sprechblasen vormurmelte. Ein grandioser Abend. So soll es heute nicht werden, aber der Bassist der Salty Ballz gibt noch Autogramme, sagt Pott, und erklärt, dass das konsequent sei, stünde doch im Klappentext des dritten Malbuchs, dass der gestorben sei. Alex an der Kasse nimmt immer wieder Luftgitarren in Empfang und legt sie zu den anderen auf den LP-Boxen mit der Second-Hand-Ware. „Wie, Luftgitarre?“, fragt Stef irritiert, die mit Benedikt eben den Eintritt löste. „Das wusste ich alles gar nicht.“ Sie kündigte auf Kult-Tour Der Stadtblog die Veranstaltung gestern noch ohne diese Kenntnisse an. „Ich dachte, es wäre eine Malveranstaltung mit Musik.“ Pott am DJ-Laptop nickt: „Ist es ja auch.“

Stef stellt uns Benedikt vor. „Besucht ihn im Schlosscarree“, sagt sie. Dort hat er nämlich die Ausstellung „Zinkenpark Holz bewegt“. Benedikt bestätigt: „Ich bin morgen ab 10 Uhr da, und immer samstags, bis zum 1. Dezember.“ Stef zeigt Fotos und erklärt einiges zu der Schau, über Murmelbahnen, vor Ort gebauten und verkauften Kugelschreibern, eine Wippe, die auch Erwachsene nutzen können, eine Sitzbank aus einem Türblatt, Kinderfahrzeuge aus altem Werkzeug, einem Karussell. „Das ist gegenüber der Galerie auf Zeit“, sagt Stef, „schon ganz geil.“ Benedikt ist dabei gar kein Zimmermann: „Ich bin Facharbeiter für Holzverarbeitung.“

Die nächsten Gäste am Büchertisch sind Frank, Till und Helge. „Na, ihr Pfeifen?“, begrüßt Frank Schepper und Axel. Till macht den Leisefuchs und Helge interessiert sich für die ausgelegten Bücher. Ihm fällt das „Braunschweig-Malbuch“ von Roberta Bergmann ins Auge, das aber mit den Metal-Malbüchern nur gemein hat, dass es in Andreas‘ Verlag erschien. Andreas erklärt, dass das Besondere daran ist, dass man Braunschweiger Sehenswürdigkeiten nicht einfach auszumalen hat, sondern zu ergänzen, zum Beispiel die fehlenden Bilder im Herzog-Anton-Ulrich-Museum oder den Fußball von Konrad Koch. „Weitermalen, nicht nur ausmalen“, sagt Andreas.

Frank, der mit Till und Axel das Heavy-Metal-Lesetrio „Read ‘em All“ bildet, war vor 30 Jahren Mitglied der Band Salem‘s Law, deren Cover zu „Tale Of Goblins‘ Breed“ im dritten Malbuch enthalten ist. Jetzt drängt Frank nämlich mit seinen Ex-Bandmitgliedern Stefan und Volker zum DJ-Pult vor und beschwert sich grinsend bei Pott: „Du hast mir vier Belegexemplare geschickt, aber wir sind fünf in der Band!“ Aus dem vorbereiteten Ausmalstapel vor mir reiche ich Stefan das Cover von Salem‘s Law. Das war ein Volltreffer, ein versehentlicher: „Das habe ich gemacht“, sagt der Gitarrist. Und zwar nur das. Er war ansonsten gar nicht gestalterisch aktiv, nicht vorher, nicht danach. „Wir brauchten damals ein Cover, da hab ich einfach angefangen“, erzählt Stefan. „Wir hatten Kunst in der Schule“, sagt er schulterzuckend. „Ich war gut im Plagiieren.“ Auch das Cover von „Tale Of Goblins‘ Breed“ sei teilweise plagiiert, aber die Quelle gibt er nicht offiziell preis. „Das Bild ist getuscht, mit Tusche“, erzählt er weiter. „Eigentlich wollte ich das mit Airbrush machen, aber ich hatte die Zeit nicht, mich mit Airbrush zu beschäftigen.“ Er sinniert: „Heute würde man das in Photoshop machen.“ Meine Ausmalvorlage des Covers reicht er an Andreas zurück: „Ich leg‘s wieder hin, ich hab‘s ja schon mal ausgemalt.“ Sogar in Textil: „Wir haben T-Shirts mit dem Cover gedruckt, in Schwarzweiß, davon hab ich zehn Stück ausgemalt, mit Klamottentusche, erst nur für mich, dann kamen Leute, ‚oh, ich will auch so eins‘.“

Jetzt beginnt der offizielle Teil, Andreas und Pott ergreifen das Mikrofon. Der Ideengeber Renatus sei erkrankt, berichtet Andreas, lasse aber grüßen: „Ich glaub, es ist die Männergrippe.“ Er berichtet, dass Renatus mit dieser Idee und einer Liste von einverstandenen Metalbands an ihn herangetreten sei: „Ich hab noch nie so kurz überlegt, ob ich etwas mache.“ Nicht nur Metal sei im ersten Buch enthalten, auch Rock, zum Beispiel Die Ärzte, mit dem vergleichsweise schlichten Cover zu „Die Bestie in Menschengestalt“, aber auch Komplexes wie Flotsam And Jetsam. „Doomsday For The Deceiver“, grunzt Helge neben mir und nickt anerkennend. Frank wirft ein: „Da kann man schon Metal zu sagen.“

Illustrator Pott erläutert den Produktionsprozess: „Das Spannende ist, man muss nix neu kreieren, sondern nur Metal-Cover zum Ausmalen machen, das geht flott, da hatt ich ein bisschen Bock drauf.“ So richtig flott gingen nicht alle von der Hand, Andreas hält exemplarisch die LP „Terminal Earth“ von Scanner hoch, mit einigem Nebel auf dem Cover. Da sei es schwierig gewesen, den Nebel in Outlines darzustellen, so Pott: „Da muss man seinen eigenen Stil einfließen lassen.“ Das Schönste sei für ihn „A Twist In The Myth“ von Blind Guardian gewesen: „Da denkt man, das ist einfach, aber der Drache, mit Outlines – wo hängt der Fuß?“, Pott grinst: „Da muss man aufpassen, dass es nicht wie ein Klumpen aussieht.“

Renatus habe Andreas „im Fieberwahn“ gefragt, ob ein vierter Teil auch noch drin sei, und „To Hell With The Devil“ von Stryper vorgeschlagen. Pott nimmt den Vorschlag auf: „Der vierte Band soll true bleiben, das wird ein christliches Metal-Malbuch, mit christlichem Doom-Metal.“ Andreas kehrt zu Details zum neuen dritten Buch zurück, er nennt Salem‘s Law. Das Publikum bleibt still, er wundert sich: „Ich will was hören!“ Endlich brechen die anwesenden Bandmitglieder und deren Fans in Jubel aus. Doch beinhalte das Buch eine Band, die „noch legendärer“ sei: Salty Ballz. „Der Sänger hat das Vorwort geschrieben“, verkündet Andreas.

Jetzt schwenkt Andreas ins Programm des Abends über: „Eine Lesung ist schlecht möglich“, stellt er fest. „Obwohl heute internationaler Vorlesetag ist, aber wir haben andere Sachen mit euch vor.“ Da wäre der Malwettbewerb, für den er die Buntstifte und Malvorlagen an den Tischen verteilt. „Ihr könnte auch was dazumalen“, regt er an. Vorn steht eine Box bereit, die die mit Namen versehenen Beiträge aufnimmt. Preise gibt es auch, so Pott: „Salty Ballz haben uns Merch zur Verfügung gestellt.“ Eine Jury soll auch noch gebildet werden, zwei Freiwillige sind dafür erforderlich, es melden sich Helge und Ulrike. „Und wir haben einen Überraschungsgast“, sagt Andreas: „Ein prominenter Musiker, der signieren wird.“ Pott ergänzt den Luftgitarrenwettbewerb, für den es Preise und bei Bedarf Verkleidungen gibt, aber eine aus Zeitgründen limitierte Teilnehmerzahl. „Imitiert?“, versteht Helge neben mir. Pott nickt und ergänzt „ein kleines Wortspiel: Wer zuerst kommt, ha-ha, malt zuerst“. Das Publikum quittiert das mit einem einmündigen „Höy!“

Die Musik metalt, das Publikum malt, Karsten und Axel unterhalten sich biertrinkend an der Theke. Vielschreiber Axel hat seit einem Jahr nichts veröffentlicht, und Karsten berichtet, dass er von Axels Plänen zwar weiß, die aber geheim seien. „Die sollen erstmal die alten Bücher leerkaufen“, sagt Axel lachend. Auch Karsten hat Projekte am Start, erst heute erhielt er von einem renommierten Verlag die Anfrage, ob er zu einer Sammlung einige Cartoons beisteuern wolle. Im Frühjahr gebe er dazu Genaueres preis: „Das ist auch noch geheim.“

Jetzt ist es so weit, Der Bassist der Salty Ballz tritt an das Pult. Wilde schwarze Mähne, Lederjacke, Shirt der eigenen Band, knallenge Jeans, Cowboystiefel, Sonnenbrille: Aaron Jeffreys, der sich als AC vorstellt. „Ich spreche ein bisschen Deutsch“, radebricht er amerikanisch, „das ist einfacher für euch.“ Er blickt sich im Riptide um: „Ihr wisst gar nicht, was ihr für ein Juwel hier habt“, sagt er. „Braunschweig ist besser als LA, vor allem seit den Nineties.“ Er nimmt Bezug auf die Geschichte, er sei mit einer geleasten Corvette verunfallt: „Das stimmt nicht, die war gestohlen.“ Er setzt nach: „Von mir.“ Vince Neil sei die gefahren. „Ich saß auf der Rückbank und hatte Besseres zu tun als zu fahren.“ Außerdem lobt AC die Idee der Metal-Malbücher: „Mandala ausmalen sucks.“ Ich lasse mir natürlich sofort auf mein Salty-Ballz-Cover ein Autogramm geben. So riesig ist der Ansturm gar nicht, denn die meisten Anwesenden haben Schepper sofort erkannt, was bei der Verkleidung echt eine Leistung ist.

Das Cover des Graveyard-Albums hat Katzleen gestaltet und steckt es in die Box. „Weil‘s mir einfach gefällt“, erläutert sie ihre Motivwahl. „Ich habe vollkommen nach Optik entschieden.“ Sie arbeitet beim Stadtmagazin Subway, das diesen Monat seinen 30. Geburtstag feiert. „Ich habe ich meinen Freund mitgeschleppt, der zwar nicht malt, aber Metal mag“, erzählt sie. „Es ist total verrückt, mal nicht zu Hause zu malen, sondern hier mit vielen Leuten.“ Das Malen ist ihr also vertraut. „Zu Hause aber nicht Ausmalbücher“, bestätigt sie, „und nur zur Entspannung.“

Eben noch poste Volker mit Frank – in orangefarbener Perücke – und AC zu einschlägigen Metal-Hits aus Potts Playlist, jetzt erzählt er Schepper und mir einige Details zur Geschichte von Salem‘s Law. „Wir sind hier heute nur zu dritt, weil Kui kein Whatsapp hat“, stellt er feixend voran. Zum Schluss bestand die Band aus nur vier Leuten, ansonsten immer aus fünf: „Zur Album-Veröffentlichung waren wir fünf.“ Der Sänger war Backi: „Den haben wir irgendwann ausgetauscht gegen Harro, das hat aber auch nix gebracht.“ Als sie nur zu viert waren, übernahm Kui den Gesang: „Aber Kui hat ja kein Whatsapp.“

Die Original-Salem‘s-Law mit Backi als Sänger treffen sich auch heute noch. „Cool“, findet Schepper. „Und weißte, warum?“ fragt Volker. „Weil‘s irgendwann Emails gab.“ Einer hatte noch Kontakt zu einem zweiten und trommelte übers Internet die ganze Band zusammen. Zuerst checkten alle ab, ob man sich noch mag: „Und aus einem ‚Mann, seid ihr fett geworden‘ ist ein Stammtisch geworden.“ Schepper erzählt, dass er das von seiner ersten Band auch so kennt. Als „Die drei B“ bezeichnet er das erste Wiedersehen nach Jahren: „Bärte, Brillen, Bäuche.“ Er erzählt, dass irgendwann einer zu einem Treffen mit einer halben Kiste alkoholfreien Bieres ankam und alle sich freuten: „Früher hätten wir den verhauen.“

Das zweite Album von Salem‘s Law gibt es ausschließlich als Bonus zu „Generation Rock“, einem Buch von Frank Schäfer. „Da waren wir zu viert“, erzählt Volker weiter. Zwischen den Alben nahm die Band mit Harro ein Demo auf, nur etwa drei Songs. „Damals wart ihr auch im Fernsehapparat“, erinnert sich Schepper. Volker bestätigt, bei Tele 5, im Rahmen der Sendung „Hard And Heavy“, die ein Pendant zu „Headbanger‘s Ball“ auf MTV gewesen sei. Dort gab es Konzertausschnitte und ein Interview mit Salem‘s Law zu sehen, „das war mit Backi“.

Was ich nicht wusste, ist, dass es vor fünf Jahren auf einem polnischen Label ein Rerelase des vergriffenen und teuer gehandelten „Tale Of Goblins‘ Breed“ gab, mit fünf Livetracks als Bonus. „Die Originaltapes aus dem Studio gab‘s leider nicht mehr“, bedauert Volker. Damals habe die Band lediglich einen Demo-Mix zur Vorlage beim Label angefertigt, aber: „Das Label hat gesagt, ist geil genug“, so Volker. Und er stimmt der Aussage zu, nach entsprechendem Feedback von anderen Labelbetreibern: „Das war genau richtig, das hat das Rohe, Rauhe, ist nicht so glatt wie mit Seide überzogen.“ Für das Remaster hatte Volker „glücklicherweise“ noch ein DAT-Band von den Aufnahmen.

Die Künstler sollen jetzt gekürt werden, Ulrike, Helge, Andreas und Pott sind sich einig. „Die Kürung fiel uns schwer“, sagt Ulrike und schwärmt: „Es war uns eine Wonne, euch zuzusehen.“ Sie spricht von „harten Kämpfen“ in der Jury, „Pott sagt Streit, ich sage harte Kämpfe“. Die Auswahl sei nach Motiv erfolgt, sagt sie, und Pott quittiert dies mit einem knappen „nein“. Harte Kämpfe, in der Tat! Zwei dritte Plätze lobt die Jury aus, für Ben und für Kassiererin Alex, dafür keinen zweiten und weitere zwei erste, wiederum für jemanden namens Alex und für Katzleen. Der oder die zweite Alex lässt sich indes zur Preisübergabe nicht blicken. „Wo ist Alex?“, fragt Pott. „Hier gewinnen und dann nicht abholen, das haben wir gerne.“ Er grinst: „Es war vorher abgemacht, wer gewinnt und nicht abholt, zahlt die Zeche für uns.“

Zu den Preisen gehören Malbücher und Salty-Ballz-Jutebeutel, die Pott und Andreas auch beim abschließenden Luftgitarrenwettbewerb vergeben. „Tü-ten, Tü-ten“, skandiert das aufgebrachte Publikum unablässig, während wiederum Ulrike und Alex ihre Luftgitarren zu Wolfmother und Iron Maiden schwingen. „Zwei Leute ist ein Contest“, meinte Andreas im Vorfeld zuversichtlich, weil einige Nominierte ihre Namen von der Liste strichen. Die Stimmung kippt ins Ausgelassene. Pott startet Maiden. „Lauter“, brüllt das Publikum, und als Pott lauter dreht, „schneller!“ Pott revanchiert sich, indem er den Unmut der Gäste damit erregt, dass er despektierlich von „Iron Dings“ spricht. Tumult, Aufruhr und Empörung! Also ein Fest.

Es ist nach Mitternacht, ich begleite AC in den Backstagebereich, der sich ganz Rock‘n‘Roll-like im Eingang schräg gegenüber in der früheren Toilette des Riptide befindet. Die anderen Jungs sind neidisch auf mich. Die Mädels nicht so. Wir werden alle nicht jünger. Hauptsache, die zuckerfreie Cola knallt noch ordentlich rein. Metal!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#118 Die Spur des Raaben

30. August 2017


Dienstag, 29. August 2017

Es ist dies fraglos ein seltsamer Sommer, und ebenso fraglos sahen die jüngst zurückliegenden Sommer nicht wesentlich anders aus. Vielleicht waren sie weniger kalt als dieser, aber nass, unbeständig und gewittrig sind die Monate von Mai bis September schon länger. Man vergisst das so schnell. Heute ist es ausnahmsweise einmal warm und sonnig, das ist selten in diesem Jahr. „So schlecht war der Sommer gar nicht“, widerspricht André, aus der Küche kommend. „Doch“, entgegnet Chris am Kassen-PC: Achtzig Prozent seien nass gewesen. Dazu fällt mir der Satz ein, den Juri vom Critical Mass Ride letztens beim Einkaufen zu mir sagte: „Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei, dann wird es endlich wieder warm.“ Heute zum Beispiel, und alle Gäste sitzen natürlich draußen, im Achteck, im hellen Licht, wenn auch nicht in der Sonne, weil die es zwar nicht direkt zwischen die Häuserwände des Handelswegs hindurch schafft, aber immerhin eine ungewohnte Helligkeit und Wärme verbreitet.

Im Café selbst sitzt so gut wie niemand. Wer an die Theke tritt, tut dies zum Bestellen oder Begleichen der Rechnung für bereits Bestelltes. Einen veganen Cupcake und einen Kaffee ordert Sue bei Chris, nicht nur für sich, und sie möchte gern die Verpflegungsmittel zusammen mit einer Schallplatte per Karte bezahlen, was durchaus möglich ist, wie Chris ihr gern versichert, „wenn die Platte da ist“. „Ist sie“, sagt Sue, „ich hab sie schon gesehen.“ Sie hüpft zum entsprechenden Fach, begleitet von Chris, „von Johnny Cash, ‚Live At murmelmurmel Prison‘.“ Chris ergänzt „Folsom“ und Sue nickt froh. Gemeinsam fischen sie das Vinyl aus dem Fach, und während Chris mit ihr zur Theke zurückkehrt, erzählt er Sue von den Umständen des Konzertes, vom Gefängnisleiter, der Cash bat, die Gefangenen nicht mit Gefängnisliedern an ihren Standort zu erinnern, sondern mehr Liebeslieder zu spielen. „Und was macht er?“, fragt Chris und antwortet selbst: „Er spielt nur solche Lieder – das war Punkrock!“ War das nicht auch das Konzert, bei dem das berühmte Stinkefingerfoto entstand? „San Quentin“, wirft André ein, der zufällig aus der Küche kommt. Und es scheint, als sei die LP nicht für Sue selbst, sondern ein Geschenk. Sue nickt: „Das ist Tradition bei uns in der Familie: Valentinstag ist bei uns das ganze Jahr über.“

Der erste runde Geburtstag steht für das Café Riptide an, genau am 16. September wird es zehn Jahre alt. Zufällig ist das dieses Jahr ein Samstag, das wird ein langes Wochenende. Die Pläne stehen schon, weitgehend, berichtet Chris. Zehn Jahre. Ich war am ersten Tag hier und bin es immer noch. Für mich ist das Riptide immer neu, jung, frisch. Und dann stehen einmal Leute neben einem, die erzählen, sie kennen das Riptide „noch von früher“, was ich von ganz anderen Einrichtungen sagen würde, zum Beispiel dem Farmer‘s Inn in Uetze. Aber jetzt gehört das Riptide zum Alteingesessenen, es ziehen Erwachsene nach Braunschweig zurück, die ihre Jugend im Riptide verbrachten. „Man fühlt sich so alt“, sagt Chris, das Küken.

Und dann listet Chris das Festprogramm auf: „Am Freitag gibt es ein Konzert mit einer Band, die es seit vier Jahren nicht mehr gibt: Killing Joke.“ Na, den Witz erkenne ich, denn die gibt es ja noch, aber er spielt damit auf eine gemeinsame Leidenschaft an. In Wahrheit kommen The Driftwood Fairytales aus Berlin, deren Mitlieder dort längst allesamt in anderen Konstellationen Musik machen. „Das ist eine Folk-Punk-Band, die ist für einen Abend bei uns und der Eintritt ist frei“, freut sich Chris. „Der Samstag ist der Haupttag, der wirkliche Geburtstag“, fährt er fort. Dann gibt es Freibier, Gratis-Prosecco, Tombola, Verlosung, „und das Ganze endet in einer Riesenschlammschlacht, äh: -party!“ Es legt ein gewisser Butch Cassidy auf, der mir dies in Persona mitteilt, zusammen mit T.Mo von Indie.Disko.Gehn, den ich von diversen Runden mit dem Silver Club kenne und der seit einiger Zeit in Berlin lebt. „Das wird Halligalli“, verspricht Chris. „Und am Sonntag lassen wir es ausklingen.“ Seit Mai bietet das Riptide wieder ein Frühstücksbuffet am Sonntag an, und in diesem Zuge gibt es Perlwein: „Jeder, der frühstücken will, kriegt Sekt gratis, so lange der Vorrat reicht.“ Und das sind nur die Eckdaten, Details arbeiten Chris und André noch aus. Sicher ist, dass sie neues Merch anbieten; Chris zählt auf: „Riptide-T-Shirts, Riptide-Jutebeutel, Riptide-Buttons, Riptide-Aufkleber, Riptide-Flammenwerfer.“ Den will ich haben. „An dem arbeiten wird noch“, sagt Chris. „Alles in Bio-Fairtrade-Qualität!“ Auch der Flammenwerfer? Chris nickt: „Limitiert auf 5.000.“

Und dabei gab‘s doch erst vor ein paar Tagen ein Fest, an dem auch das Riptide beteiligt war, den Sedan-Bazar nämlich, das Straßenfest im Handelsweg mit allen Beteiligten. Schepper spielte auf, einer eigenen Tradition folgend, und das musste ich natürlich miterleben. Als er gerade mit seinem elektrischen Bass akrobatisch hinter dem Rücken solierte, wehte ihm der Wind seinen Banner ins Kreuz. „Gut, dass ich meine Stoßstange dabei habe“, parierte er. Nach ihm spielte das Duo Silent Radio akustisch alternative Mitsinghits, mittendrin wie spontan ergänzt von Wolf Kadaver, der aus dem Publikum heraus per Megaphon eine Textzeile ergänzte und sich dann für einige Lieder mit auf die Bühne setzte. Passend zur aktuellen politischen Bewegung spielten sie auch einen Song der Tanzenden Kadaver, der deutlich gegen Rassismus Stellung bezieht.

Heute ist die Vitrine auf der Theke ein begehrtes Ziel für viele Gäste. Sonja drückt sich beinahe ihre Nase platt und deutet auf Schälchen mit für mich seltsamem Inhalt: „Was‘n das, Chia-Pudding?“, fragt sie Chris. Sie liegt richtig: „Ja, Vanille-Chia-Pudding, hausgemacht.“ Chia sei seit einem Jahr das neue Superfood, erklärt mir Chris, und Sonja findet den Preis zwar angemessen, kann ihn mit ihrem schmalen Budget jedoch nicht begleichen, denn sie bestellt sich noch einen Kaffee und zwei Zigaretten. „Auch Feuer?“, fragt Chris. „Das ist noch drin“, murmelt Sonja, in ihrer Handtasche wühlend, und setzt sich natürlich auch nach draußen.

Dabei stößt sie beinahe mit Gideon zusammen. Einst war er hier Angestellter, heute kommt er als Gast, und zwar als schneller: „Ich bin auf dem Weg nach Japan“, erzählt er strahlend. Nicht mit GR:MM, seiner Band, sondern als Reisender, also anders als vor einem Jahr das Duo Kackschlacht, das tatsächlich eine Tour durch Japan machte. Für mich ist das immer noch eine Herzensinformation; ich mag die imaginäre Überschrift: „Kackschlacht in Japan“. Gideon bestellt und geht ebenfalls hinaus.

Nach Electro-Plattenläden erkundet sich Marniesch bei Chris. Da es in Braunschweig überhaupt nur zwei Plattenläden gibt, verweist der den Gast auf die mittlerweile leider ausgedünnte Electro-Abteilung im Riptide, und berichtet, dass es in Braunschweig zwar eine bundesweit bekannte große Drum-And-Bass-Szene gebe, doch dass der Boom an Plattenkäufen inzwischen weit zurückgegangen sei. Es gebe viele inoffizielle Partys und Veranstaltungen, sagt Chris, sowie famose DJ-Crews, wie BoomZound, die Stef mit Kult-Tour schon für den Lichtparcours 2016 am Hafen sowie für die Groovedeck-Party bei der Kulturnacht buchte. Marniesch saugt alle Informationen auf. Er ist erst den zweiten Tag in Braunschweig, kommt aus Weimar, spielt Schlagzeug im Staatsorchester, nicht in Bands, also eher bei Opern und so, und erzählt von der Kulturszene in seiner Heimatstadt, die durch den Austausch der akademischen Fachrichtungen begünstigt werde. Ein Traum. 1999 war ich in Weimar, als es Kulturhauptstadt von Europa war, und entdeckte den linksorientierten Schriftsteller Gerhard Branstner für mich, der live im Goethehaus las. Unser Goethe ist Wilhelm Raabe, sage ich, und Marniesch lacht: „Gibt es auch eine Statue von ihm?“ Ehrlich gesagt: keine Ahnung. „In Weimar ist die Statue von Goethe und Schiller das meistfotografierte Objekt“, erzählt er. Jetzt blättert er sich durch die vermeintlich schmale Electro-Auswahl im Riptide und konsterniert schon nach wenigen Momenten: „Ah, schon was gefunden.“ Mit der „Subtemple“-10“ von Burial in der Hand fragt er Chris nach einer Möglichkeit, sich Schallplatten anhören zu können. Chris händigt ihm „das System“ aus, das Marniesch am Tonarm befestigen muss. Dies tut er und stellt dann mit Bedauern fest: „Das ist nicht die, die ich dachte“, steckt die Platte wieder zurück ins Fach und händigt Chris „das System“ aus. Den Tipp mit BoomZound speichert er sich und geht dann, mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Dies tut auch Gideon, der es jetzt erheblich eilig hat: „Ich muss zum Bahnhof.“ Mit dem Zug nach Japan, soso. „Schreib eine Karte“, sagt Chris und weiß: „Das sagt jeder.“ Doch Gideon sagt zu: „Wenn ich eine finde, gern.“ Chris deutet auf die kleine Postkartensammlung hinter sich: „Japan fehlt uns noch.“ Mit dem Zug geht es zunächst nach Berlin, einen Freund treffen, berichtet Gideon, und dann erst fliegt er nach Japan. „Wie lange?“, fragt Chris. Knapp zwei Wochen, entgegnet Gideon, und ich finde das sehr lang für einen Flug. „Nee“, sagt Gideon“, „der dauert nur 26 Stunden, mit acht Stunden Aufenthalt in China.“ Und weg ist er. Saynonara!

Zum Bezahlen stellt sich Melissa neben Chris, hinter die Theke. So macht man das jetzt also. „Nein“, korrigiert sie meinen Eindruck, „ich arbeite seit drei Minuten.“ Also vom Gast direkt zum Dienst. Sie übernimmt es dann, meine Käufe zu kassieren, also meine Fritz-Kola und die handnummerierte 100 von 500 Exemplaren der LP „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“ von F.S.K., der Bandinstitution mit Wolfsburgs Kunstvereins-Vorsitzendem Justin Hoffmann an der Gitarre. Die Platte und das neue Intro nehme ich mit auf meinen Weg irgendwo in die Sonne. Und in die Mücken. Irgendwas ist ja immer.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#116 Ist dies das Leben, das wir wirklich wollen?

3. Juni 2017


Freitag, 2. Juni 2017

Wenn Uwe mich fragt, kann ich einfach nicht nein sagen. Uwe ist das Fanclub Soundsystem, das eigentlich aus zwei Leuten besteht, ihm und Markus, der sich aber wohl aus dem DJ-Dasein verabschiedet hat. Als Fanclub Soundsystem legten die beiden schon einmal im Riptide auf, und als André Uwe fragte, wann es zu einem zweiten Mal kommt, sagte der, dass er mich dabeihaben wolle. Eine Ehre für mich! In jeder Hinsicht: Es ist das erste Mal in fast zehn Jahren Existenz, dass ich überhaupt im Café Riptide auflege.

Und das auch noch parallel zum Bassstammtisch, den Schepper an jedem ersten Freitag im Monat im Riptide zusammentrommelt. Üblicherweise sitzt die Runde neuerdings in der nun rauchfreien Rip-Lounge, doch nicht bei einem so schönen Wetter wie heute, da lagern die Bassisten davor, unterhalb des Fensters zur Lounge, also im Achteck genau gegenüber des Haupteingangs zum Café. „Hab ich mir heute gekauft“, sagt Schepper zur Begrüßung und zeigt mir die neue LP von Roger Waters, „Is This The Life We Really Want?“. Auf dem Cover sind lauter geschwärzte Textzeilen zu sehen, die wenigen Lücken ergeben den Albumtitel. Wer war das, die NSA? Schepper: „David Gilmour.“

Der ganze Handelsweg ist voller Menschen. Bei Stefans Comiculture zocken die Leute Kartenspiele, vor Helmuts Strohpinte trinken sie Gezapftes und das Achteck am Riptide ist proppevoll. Wie es dahinter aussieht, bei Serge und Achim und so, weiß ich nicht, ich biege ins Café ab, wo André und Uwe schon links vor den LP-Regalen unser DJ-Pult aufgebaut haben. „Unsere kleine Show“ nennen Uwe und ich unsere kleine Show, die keinerlei großes Konzept hat, sondern aus der Hüfte heraus geschehen soll. Wir haben unser Repertoire dabei, beide erstmals auf Laptops, und wollen uns damit den Gegebenheiten anpassen. Außer den beiden und den Thekenmenschen ist das Covfefe leer. Nicht ganz: Carsten blättert mit einem Getränk in der Hand in den Second-Hand-LPs am Eingang. André sagt, dass wir zur Illuminierung auch Kerzen angezündet bekommen könnten, doch dann wegen des Ventilators am Eingang vorsichtig zu sein hätten: Er und Chris wunderten sich, woher das fiele herumliegende Wachs auf der Theke gekommen sei, und begriffen dann, dass es der Ventilator von den Kerzen gepustet hatte. Und ich bekomme jetzt den Hinweis, dass der Handelsweg auch jenseits des Achtecks mit Menschen gefüllt ist: Stef sitzt mit vielen anderen bei Serge, sagt sie, und kommt kurz zum Gruße herüber.

Ein wenig arrangieren wir unsere Auflegelokalität neu, ziehen die Lautsprecher nach vorn und beschriften die Kreidetafel am Pult mit einem Hinweis auf unsere nächste gemeinsame Aktion mit Rille Elf, den „Ball im Bierhaus“ am 8. Juni ab 19 Uhr in Harrys Bierhaus nämlich. Und ich verteile an Uwe und André CDs, die mir Leif aus Malmö zur Bemusterung zuschickte: Sein Projekt Perma F hat ein neues Album namens „Gravity“ draußen. Leif war Mitglied der in den Achtzigern in Schweden offenbar einigermaßen bekannten Waveband Unter Den Linden und macht heute mit seiner Frau Birgitta als Perma F Musik zwischen Synthiepop und Rock. „Gravity“ ist der jüngste Zeuge davon, mit einer gestorbenen Blaumeise auf dem Cover, die den Titel zynisch untermalt. Kennen gelernt habe ich Life durch Olaf, denn für dessen Projekt Blinky Blinky Computerband fertigte Leif diverse Remixe an, unter anderem für unser gemeinsames Stück „Meine Freizeit“, und wenn ich mal in Kopenhagen bin, steige ich bisweilen in den Zug nach Malmö und treffe Leif dort.

Uwes System läuft schon, meins startet jetzt. Carsten beugt sich zu mir und erzählt von der 3. Film-Kultur-Nacht, die er mit Freunden am 29. November in der KaufBar veranstaltet. Dafür wünscht er sich als Einleitung Kurzfilme mit lokalem Bezug und regt an, den Riptide-Film zu meinem 100. Blogeintrag zu zeigen, den Stef und Micha A. mit mir und vielen anderen drehten. Feine Idee, da spreche ich die beiden schnellstmöglich drauf an.

Uwe und ich lassen die ersten Songs erklingen. Da kommt Markus herein, Uwes vorheriger Begleiter am Pult. Wir haben dann jetzt quasi die Seiten getauscht; wenn ich statt seiner auflege, frage ich mich, ob er dann für mich bloggt, doch er verneint lachend. Gerade läuft C-Tec mit der charakteristischen Stimme von Jean-Luc de Meyer von Front 242. „Wer hat das verbro- ausgesucht?“, fragt Markus, und wie schon bei unserer letzten Begegnung verlieren wir uns stehenden Fußes in Musikphilosophie. Er mag EBM nicht so sehr, ob wohl er mit seiner damaligen Band einen Plattenvertrag in der Szene hatte, The Cain Principle. Gerade will ich erstaunt nachhaken, da nimmt ihn André beiseite. Kurze Zeit später kommt Markus zurück und strahlt: „Er wollte wissen, welchen T-Rex-Song ich letztes Mal gespielt habe – schön, nicht?“ Allerdings! „Es war ‚Cosmic Dancer‘, ein toller Song.“ Ein Stück von The Cain Principle habe ich sogar dabei, „Western Europe Atmosphere“, von einem Sampler, aber Markus steigt nicht darauf ein, sondern schwenkt zu Roger Waters über, dessen neues Album Radiohead-Produzent Nigel Godrich produziert hat und das „eine reine Anti-Trump-Platte“ geworden sei. Wir springen weiter zu Pink Floyd, „die mag ich nur mit Syd Barrett“, so Markus, und Depeche Mode, die sich nach meiner Auffassung zu „Clean“ bei „One Of These Days“ von der „Meddle“ inspirieren ließen. Markus schwärmt von der „Violator“ und erzählt, dass eine Freundin seiner Freundin soeben in London Depeche Mode live sehe. Okay, und wenn ich schon die Musik dieses Anwesenden nicht auflegen soll, dann eben die eines anderen: „Rain Without Clouds“ von Schepper im Remix von Blinky Blinky Computerband – aber bis zum Künstler schafft es der Schall gar nicht, Schepper kann das gar nicht hören. Schade!

Zum Tanzen ist es den meisten Gästen zu warm, sie sitzen draußen und fassen unsere Auswahl als Soundkulisse auf. Auch schön, und einige Freunde von Uwe lassen sich trotzdem von den Temperaturen nicht abschrecken und bewegen sich ausgelassen vor unserem Pult. Michael gesellt sich kurz dazu, von dem ich angenommen habe, er wäre heute beim Sommerfest des Kulturvereins. „Salve Hospes?“, fragt er, und ich nicke. „Ich habe gerade fünf Stunden Versammlung hinter mir“, winkt er ab und holt sich ein Bier. „Rauch mal eine“, sagt er noch und geht ins Achteck.

Durchs Fenster können Uwe und ich sehen, wie die Dämmerung den Ort zwischen den beiden Caféräumen verändert. Die neuen Lampen werfen pfeilgerades, warmes Licht zu Boden und in den Himmel, Ölfackeln lodern vor den Eingängen, es sieht gemütlich und beseelt aus. Bei uns drinnen aber auch.

„Ist Stef schon da?“, fragt mich Jacqueline, wie schon bei der Indie-Ü30-Party vor einigen Wochen im Nexus. Wie damals muss ich ihr sagen, dass das noch nicht der Fall ist und sie sich wohl gedulden müsse. „Dann bin ich allein“, sagt Jacqueline. Ich verneine und deute auf die Tanzmeute hinter ihr. „Hast auch Recht“, sagt sie und schließt sich ihnen an.

Für den nächsten Fachsimpelmarathon kehrt Markus zu mir zurück. Wir landen bei Musik aus Island und schwärmen beide von „Heima“, dem Film von Sigur Rós. Besonders liebe ich die Sequenz, als mitten in „Se lest“ die Blaskapelle von hinten über die Bühne marschiert, durch das Publikum und hinaus durch den Ort. Gänsehaut. „Bei meiner anderen Band hatten wir auch Bläser, bei Emma Peel“, setzt Markus an. Wie, das war er auch? Das waren doch Riptide-Homies. Er nickt: „Wir haben oft hier gespielt.“ Braunschweig!

Etwas überhitzt gesellt sich Jonas zu uns. „Geburtstag, Geburtstag, Geburtstag“, sagt er knapp über seine bisherige Abendgestaltung und beginnt dann sofort zu tanzen. Die freie Lücke am Pult nutzt Jacqueline und philosophiert ebenfalls über Musik. Sie ist erst 20 Jahre alt und hat noch so viel zu entdecken, sowohl die unübersichtliche Gegenwart als auch die üppige Vergangenheit. „Das Riptide ist der ideale Ort für Entdeckungen“, sagt sie und verweist auf die vielen ausgestellten LP-Cover an den Wänden, die eine riesige Bandbreite zwischen Neuerscheinungen und Reissues abdecken.

Je später die Nacht, desto voller die Tanzfläche. Uwe und ich befeuern sie mit Reggae und Gruftmucke, also mit Bauhaus. Doch die Nachbarschaft verlangt bald ein Ende der Veranstaltung, und diese Rücksicht nehmen wir gern. Verschwitzt greift Jonas nach dem letzten Ton in seinen Rucksack: „Ich habe ein Sweatshirt mit“, sagt er. Ich nicht, an ein späteres Verschwitztsein dachte ich beim Losgehen gar nicht. Jonas grinst: „Ich habe gestern dazugelernt.“ Er ist mit dem Fahrrad hier, ich zu Fuß: „Da ist die Verdunstungskälte nicht so groß wie auf dem Rad“, beruhigt er mich.

Wir bauen ab, Uwe und ich klappen unsere Laptops zu, André bringt uns Getränke. „Ihr habt das hier vielleicht nicht gemerkt, aber draußen war die Stimmung gut“, erzählt er uns. Auch sein Feedback sieht vor, dass wir das wiederholen. Nicht zwingend noch im Sommer, aber überhaupt. Da sind wir doch gern und dankbar dabei!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#114 Dann schon lieber ausbrennen

25. April 2017


Dienstag, 25. April 2017

Wer nicht dabei sein kann, muss sich das Wichtigste halt erzählen lassen. Für mich waren das zuletzt der Record Store Day am vergangenen Samstag und die Neueröffnung der Rip-Lounge im März, deren größte Veränderung nicht allein daran liegt, dass sie Chris und André wie das gesamte Café Riptide einer Renovierung unterzogen, sondern dass sie ihr die verqualmte Luft entzogen: Sie ist keine Raucherlounge mehr. Zwar habe ich den neu gestalteten Raum mit der spinnenartigen Lampenkonstruktion an der Decke schon begutachtet, aber noch nichts über die Resonanz zu dieser doch einigermaßen einschneidenden Veränderung in Erfahrung gebracht. Also auf ins Riptide, vielleicht finde ich in der RSD-Box noch ein paar Restschätze.

Zunächst finde ich André, ganz problemlos, schließlich steht er hinter der Theke und hantiert mit einem Paketklebebandapparat an einem Paket herum. „Innerhalb von einer Stunde war’s gegessen“, berichtet er vom RSD und bereitet mir einen Kafka zu. Einen Muffin hätte ich gern noch dazu. „Ich geb dir einen aus“, sagt André. „Den, den wir nicht verkaufen können“, sagt Lara, hinter ihm vorbeigehend. Johanna, die neue Praktikantin, verweist auf den Himbeerkuchen, der in der Vitrine unter den Muffins steht: „Den bitte bevorzugt behandeln.“ Den hat sie nämlich gebacken. André reicht mir schließlich den Muffin: „Ich habe extra den Rand abgemacht, um Deine Zähne nicht zu überfordern.“ Das Mitvierzigerdasein hat also auch seine Vorteile.

Eigentlich, so kehrt André zum Record Store Day zurück, war es wie immer: Schon eine gute Stunde vor Ladenöfnung standen die RSD-Kunden Schlange im Handelsweg. „60 Prozent davon kannte ich nicht, die habe ich zum ersten Mal gesehen“, wundert er sich. „Sie drängen sich um den Tisch und greifen, was geht.“ Über den Tag verteilt kamen noch einige Nachzügler ins Riptide: „Das war’s.“ Offenbar hat der Plattensammlertag etwas an Reiz verloren. 700 verschiedene Releases, sagt André, haben die Plattenfirmen eigens für diesen Tag angefertigt. Davon, so kann man sich im Internet schon vorher überzeugen, sind die wenigsten wirklich exklusiv und neu, das meiste sind Wiederveröffentlichungen. Und sie sind teuer: „Man muss überlegen: Bestelle ich das mit?“, sagt André aus der Sicht des Händlers. Da er die Stücke nicht zurückgeben kann, bleibt er im Zweifel auf ihnen sitzen. Manche Preise haben es echt in sich: So kostet eine einseitige 7“ von The The schon mal elf Euro und die ebenfalls einseitige 12“ der Chemical Brothers sogar satte 24 Euro. „Die Macher des RSD sind an Feedback interessiert“, sagt André. Immerhin das, doch: „Der Ursprungsgedanke des Record Store Day ist nicht mehr herzustellen.“ Ursprünglich ging es nämlich darum, unabhängige Plattenläden an einem Tag im Jahr mit solchen Exklusivveröffentlichungen zu fördern. Daraus entwickelte sich bald ein Tag, an dem Plattenfirmen und Weiterverkäufer ihre Vorteile suchen. Doch gibt es immer wieder Leute wie mich: „Manche Sammler kaufen sowas blind, da kann sonstwas für ein Preis draufstehen.“ Das kann ich nur bestätigen, ich finde ja jedes Jahr irgendetwas und achte erst zu Hause auf das Etikett.

Dabei fällt André etwas ein, das sich im Ritpide ab Mai ändern soll: „Wir haben dann sonntags geöffnet“, kündigt er an. „Wir bieten von 10 bis 15 Uhr ein Frühstücksbuffet an – vegetarisch und vegan, und ‚vegan‘ kannst du richtig groß schreiben!“ Nur am Satzanfang! „Wir geben uns viel Mühe, auch die Veganer zu bedienen.“ Wie das gelingen wird, erfahre ich dann ab kommender Woche.

Jetzt interessiert mich noch, wie die Gäste auf die weggefallene Raucherlounge reagieren. „Wir bekommen nur verhaltene Rückmeldung“, sagt André. „Viele denken, es ist noch der Raucherbereich, aber das fällt in unser Zutun.“ Es muss den Gästen also noch wohlvertraut gemacht werden, dass sich die Luft in der Lounge verändert hat. „Der Raum hat an Charme gewonnen“, stellt André grundsätzlich fest. „Aber noch versammelt sich alles hier“, sagt er und deutet auf die Sitzplätze im Hauptcafé.

Jetzt will ich aber schon wissen, wie die Gäste selbst das finden. Stefan bietet sich für diese Frage an, denn er hat einige Wartezeit neben mir am Tresen, weil André für die Antwort auf seine Frage erst den Telefonjoker ziehen muss. Die Frage dreht sich um Karten für den nächsten Poetry Slam Ende Mai, und André hat noch gar keine. Stefan ist Raucher, versichert er mir, also frage ich ihn, ob er das mit der weggefallenen Raucherlounge schon mitbekommen hat. „Das habe ich nicht mitgekriegt“, sagt er mit einigem Entsetzen im Blick. „Das ist fast ein Totschlagargument – hier konnte man noch rauchen und trinken!“ Mit dickgedruckt gesprochenem „und“. Immerhin könne man hier kurz vor die Tür gehen, „das geht auch“, lenkt er ein. André beendet sein Telefonat mit Pott, der seit Jahrzehnten die Poetry Slams in Braunschweig und drumherum organisiert, und gibt Auskunft: „Die Karten kommen am Freitag.“ Stefan dankt für Andrés Information, ist aber von meiner noch so geschockt, dass er Lara, die zufällig aus der Küche an den Tresen tritt, fragt: „Ihr habt echt den Raucherbereich dichtgemacht?!“ Die kennt die exakte Antwort und gibt sie in aller gebotener Ausführlichkeit: „Ja.“

Mit Blick auf mein !!!-T-Shirt erinnert sich André daran, dass er mir noch deren neues Album bestellen wollte. „Bin gleich wieder da“, sagt er nach Vollendung dieser Tat und macht einen Schritt zur Seite, hinter die Wand neben der Theke und raus aus meinem Blickfeld. An der Oberkante der Wand steht seit der Renovierung verschachtelt in die Architektur geschrieben ein Satzbeginn: „It’s better to burn out…“, aus Neil Youngs „Hey Hey My My“, das Teho Teardo und Blixa Bargeld zufälligerweise auf ihrer diesjährigen exklusiven RSD-EP „Fall“ coverten. So kurz nach Ostern ist es vielleicht angebracht, das Riptide nach dem fehlenden „…than to fade away“ abzusuchen; wer weiß, wo die Gastronomen es versteckt haben. Ich höre, dass André sich hinter der Wand mit jemandem unterhält. Das kann ja nur Chris sein, und tatsächlich, er kommt nun zum Vorschein, allerdings, um sich direkt nach unserer Begrüßung in seinen Feierabend zu verabschieden. Ich schließe mich ihm an, aber nicht, ohne zu zahlen und die Mai-Intro mitzunehmen.

Im Herman’s treffe ich später unter anderem Schepper, der im Riptide den Bass-Stammtisch ausrichtet, und der ist von der rauchfreien Lounge begeistert. „Wir sitzen am großen Tisch, das ist ganz angenehm für uns ältere Tieftöner, weil wir nicht mehr auf den Sitzwürfeln rumlungern müssen.“ Ihm gefällt die neue Gestaltung der Lounge: „Ist schön geworden.“ Und eben auch das Rauchfreie: „Merkt man gleich, ist was anderes, wenn man die Tür aufmacht.“ Outburnen können die Raucher auch im Achteck zwischen den Cafésegmenten, so wird der Rauch aus der Lounge schon bald awayfaden.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#113 Zweipunktnull

10. März 2017


Freitag, 10. März 2017

Im Café Riptide wird zurzeit alles neu, und zwar zumeist auf eine Art und Weise, die man als Gast kaum wahrnimmt. Außer in der Lounge, aber was dort passiert, soll ein Geheimnis bleiben, bis Donnerstag, wenn das Riptide wieder für seine Kundschaft öffnet. Um 12 Uhr, wie gehabt. Bis dahin indes haben André und Chris noch einige Kraftakte vor sich. Und das mit lauter bereits getätigten Kraftakten in den Knochen. Die beiden luden mich dazu ein, mir ein Bild vom Renovierungsprozess zu machen, und ich freue mich, daran teilhaben zu dürfen.

Im Achteck steht Stecky vor der Cafétür, auf den Besen gestützt und mit einer Bekannten plaudernd. An der Wand zur Lounge stapelt sich Müll hinter einem Flatterband. Das Innere des Cafés ist geprägt vom Sound eines Staubsaugers, mit dem Chris die Ecke zwischen den LP-Regalen reinigt. „Ist laut“, sagt er, als Entschuldigung dafür, dass er sich mir momentan nicht verbal widmen kann. Das kann André besser, der in der Küche mit einem Bügeleisen eine Dekokante an ein Arbeitsbrett presst. „Das macht man so“, sagt er, als er mein Lachen hört.

Die Küche gehört zu den Orten, die der Kunde üblicherweise nicht zu Gesicht bekommt, also auch zu denen, deren Veränderung niemand wahrnimmt. Ich sehe, dass zwei neue Dunstabzugshauben installiert sind, beide kurioserweise mit rotweißem Flatterband versehen. Sämtliche Regale sind leer, oder besser: frei von Lebensmitteln; stattdessen lagern dort Werkzeuge, Arbeitsmaterialien und Putzmittel. Auf einem Block sind Zahlenkolonnen notiert, ein Taschenrechner liegt daneben. Ich mag André kaum erzählen, dass heute die Sonne die Stadt erhellt, doch der weiß das: „Wenn du zum Auto gehst, um die Parkuhr zu verlängern, kriegst du mit, dass die Sonne scheint.“

Noch sechs Tage sind es bis zur Neueröffnung. „Wir liegen in der Zeit“, sagt André vorsichtig. „Ein paar Kleinigkeiten noch, einige Besorgungen; mit den gröbsten baulichen Sachen sind wir durch.“ Dazu gehört: „Das neue Abluftsystem in der Küche, ein paar Tischlersachen, neue Schränke, neue LP-Displays an der Wand, wir haben den Tresen modifiziert.“ André zieht zur Demonstration eine neue Kühlschublade auf. „Wir wollen aber nicht zu viel verraten, sonst ist die Überraschung weg.“ Sehen darf ich also, sprechen aber nicht über alles. „Manches ist nicht offensichtlich, zum Beispiel die Farbe, einfach aufgefrischt“, sagt André. Damit auch kein Gast vor Donnerstag zu viel davon erkennt, sind sämtliche Fenster mit Zeitungspapier und ist die Tür mit Plakaten abgeklebt. Ein Papiercountdown am Eingang zählt die Tage rückwärts, den tauschen Chris und André entsprechend aus. Eines der Sichtschutzplakate trägt den Schriftzug „All Through The Night“, das „O“ ist herausgeschnitten: So viel Peek-a-boo gestatten die Inhaber ihren Gästen.

Die sehen dadurch aber trotzdem nicht, dass sämtliche Tische in der Ecke mit dem großen Fenster zusammengeschoben stehen. Davor stapeln sich Kisten und Farbeimer mit Malerutensilien. Ein Paar Arbeitshandschuhe thront über dem Ensemble. Auf der anderen Seite, an der Wand, zu deren Füßen Chris den Staubsaugerlärm erträgt, sind die Plattenregale abgeplant. In der Mitte bietet ein Tisch dem aberwitzigsten Werkzeug und dem obligatorischen Baustrahler einen Platz. Klappleiter und Sackkarre ergänzen das Arrangement wie Landmarken.

Das Highlight, so André, wird die Lounge: „Das wird aber nicht verraten.“ Da pflichtet ihm Chris bei, gestattet mir aber einen an Verschwiegenheit gekoppelten Blick hinein. „Da gibt es Pläne“, sagt er vage. Ich sehe, staune und schweige. Er schließt die Tür wieder ab und wir kehren zurück. Die noch nicht umgesetzten Pläne für den Außenbereich im Achteck will er mir nicht mal verraten, dafür präsentiert er mir die neuen Außenlampen: Strahler, die nach oben und unten die Fassade entlang leuchten. „Das hatten wir noch nie“, betont Chris, nicht zum einzigen Mal bei einer Nennung der baulichen Aktivitäten. „Ein warmes Licht, auch die Tafeln werden beleuchtet.“ Er schaltet es wieder aus. „Das bringt Licht und Gemütlichkeit, das ist uns wichtig“, sagt er. Auch die Fenster sind draußen abgeschliffen und neu lackiert.

Innen ist das Café neu gestrichen und tapeziert. „Wir haben den Kronleuchter tiefer gehängt“, Chris deutet auf den, der über dem zurzeit nicht am üblichen Platz stehenden Sofa angebracht ist, „und der andere war seit sieben Jahren nicht mehr an“, damit meint er den direkt im Eingangsbereich: „Wir mussten sogar den Schalter suchen.“ Inhaltlich kehrt Chris flott in die Küche zurück: „Dort ist alles neu, Herd, Kühlschränke“, er schwenkt wieder zurück, „komplett neuer Tresen, sieht auch keiner.“ Er fasst die Intention der Renovierung zusammen: „Das Café gemütlicher zu machen und so zu bleiben, wie wir sind.“ Bedenken, aus dem Riptide würde jetzt eine unpersönliche Hipsterkneipe, bestätigen sich mitnichten. „Für uns haben sich auch die Abläufe vereinfacht“, erklärt Chris.

Auch, wenn es gegenwärtig nicht danach aussieht: Der Öffnungstermin am Donnerstag bleibt, um 12 Uhr. „Nix Großes“, sagt Chris über das Comeback, „wir machen ganz normal auf und stellen eine Kiste Sekt hin, keine Bambule.“ André fasst den Rahmen weiter: „Das alles findet im Rahmen von Riptide 2.0 statt.“ Chris erläutert: „So nennen wir das.“ André fährt fort: „Wir haben im September unser Zehnjähriges – der erste Abschnitt ist die Inneneinrichtung.“ Chris ergänzt: „Dann kommen eine neue Webseite und ein neuer Webshop – der wird vom Provider nicht mehr unterstützt, deshalb ist ist der offline.“ Und eine neue Speisekarte gibt es: „Das ist uns wichtig, die wird völlig überarbeitet“, sagt André. „Konzeptionell bleibt sie gleich“, beschwichtigt Chris. „Wir werden nicht plötzlich Fleisch anbieten.“ Dennoch wird es Veränderungen im Angebot von Speisen und Getränken geben, denn darauf ist die neue Küche ausgelegt, dass die Karte diesbezüglich angepasst werden kann. André kündigt an: „Auch kulturell werden wir wieder mehr machen, das ist etwas in den Hintergrund gerückt.“ Daher soll sich in Sachen Licht und Sound ebenfalls etwas tun, doch noch nicht in dem angedachten Umfang; das soll später noch erweitert werden.

Trotz des Staubes in der Luft leuchten die Augen der beiden Gastwirte. Nach fast zehn Jahren immer noch und immer wieder. Sie kehren nun wieder zu ihren Aufgaben zurück und können doch nicht aufhören, zu erzählen: „Wir haben einen Lieferstopp gemacht“, sagt Chris mit Bezug auf neue Musik. „Am Dienstag kommen hier wer weiß wie viele Platten.“ Die müssen sie alle auspacken, auspreisen und in die LP-Fächer und neuen Displays stellen. Die sind nicht nur neu, sondern auch mehr: „Dann stellen wir die Platten nach Genres aus, Iron Maiden steht dann bei Metal“, erklärt Chris.

Stecky wuselt die ganze Zeit emsig herum, als letzte Aufgabe des Tages stapelt er die Flyer für die nächsten beiden Filme der Reihe „Sound On Screen“ in das Regal hinter der Theke. Am 23. März zeigt das Universum-Kino einen Film über Mumford & Sons und am 27. April „Gimme Danger“ von Jim Jarmusch über The Stooges. „Da muss ich wohl arbeiten“, sagt Stecky. Im Riptide natürlich. Jetzt hat er aber Feierabend. Er lässt sein Longboard auf den Boden fallen, öffnet die Cafétür und rollt ins Achteck und davon, am Flatterband vorbei, in den Sonnenuntergang.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#112 Wiesel Übernachtsensation

24. Februar 2017


Donnerstag, 23. Februar 2017

Wegen Frank Zappa ist das Universum-Kino heute ausverkauft. Man zeigt „Eat That Question“, eine Dokumentation, die den Musiker anhand von collagierten Interviewsequenzen charakterisiert. Der quasi brandneue Film läuft im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, die das Universum und das Café Riptide gemeinsam ausrichten, und weil zum Nachfilmprogramm ein Auftritt von Schepper im Schallplattenladen gehört, gehört der Film für mich geguckt. Und weil ich längst herausgefunden habe, wie Zappas Musik abseits von „Boby Brown Goes Down“ so klingt, dass sich nämlich ganz viele meiner Lieblingsmusiker bei ihm bedienen und das brutal Verschachtelte gar nicht erfunden haben. Fantômas! Zum Beispiel.

Hätte mich meine Lieblings-DJane Soundschwester nicht gefragt, ob wir zusammen ins Kino gehen, und uns Karten reserviert, wäre ich davon ausgegangen, dass es in Braunschweig kein so großes Publikum für Zappa gibt, dass man um einen Platz fürchten muss. Musste man aber, wir ergatterten die vorvorletzten Karten. Das ist doch sehr überraschend, schließlich gab es schon Filme über namhaftere und populärere Musiker als ausgerechnet den Freak Zappa, die leider nicht ausverkauft waren. Abseits von „Bobby Brown“ hatte Zappa auch keine wahrnehmbaren Hits, er experimentierte vielmehr so sehr, dass ihm selbst harte Anhänger nicht in alle Exkursionen folgen konnten. Und dann ist „Eat That Question“ auch noch vorrangig ein Laberfilm. Schön, was alles so geht.

Acht Jahre lang, so erzählt es Beate vor dem Filmstart, hat Regisseur Thorsten Schütte an diesem Film gearbeitet. Und dabei offenbar zahlreiche Kämpfe mit Zappas Nachlassverwaltern ausgefochten. Die Organisatoren der Zappanale in Bad Doberan können unschöne Geschichten darüber erzählen. Doch gewann Schütte Zappas Witwe Gail für sein Projekt und damit die bestmögliche Förderin.

Außerdem sagt Beate an, dass in der kommenden Staffel von „Sound On Screen“ der andere neue Film von Jim Jarmusch außer „Paterson“ zu sehen sein wird, nämlich „Gimme Danger“, seine Dokumentation über Iggy Pop und The Stooges. Der kam laut Journaille eigentlich schon parallel zu „Paterson“ heraus, doch ist die DVD lediglich als Import zu haben, was mich wunderte, und Beate gibt die Erklärung: Bei „Sound On Screen“ läuft er zum Bundesstart. Deshalb also noch keine DVD in diesem Lande. Die anderen beiden Filme der Staffel sind einer über Mumford & Sons in Südafrika, der mich sowas von gar nicht reizt, und ein Biopic über Miles Davis, bei dem Ewan McGregor mitspielt, den ich eben noch in „T2 Trainspotting“ wiedersah.

Zappa war schon eine coole Sau. Geile Frisur, geiler Bart, geile Figur, geile Stimme, und sowas von ordentlich was im Kopf. Um genau den Kopfinhalt geht es in dem Film. Mutig unmoderiert montiert Schütte Interviewsequenzen zusammen, die halb inhaltlich, halb chronologisch sortiert sind. Zappa spricht über Politik, religiösen Fanatismus, Wirtschaft, Drogen, Kreativität, Bildung, Sprache, Kultur und auch ein bisschen über sich und seine Musik. Biographische Stationen schreitet „Eat That Question“ nicht zwingend ab; über die Zahl seiner Kinder und seine Krebserkrankung erfährt man zwar etwas, auch kommt mal ein Song oder ein Albumtitel zur Sprache, doch stehen seine Haltungen im Mittelpunkt. Und Zappa hat Haltung. Wer Musik macht, sagt er etwa, um damit Geld zu verdienen, ist kein Künstler, sondern Unternehmer. Interessanter Diskussionsansatz.

Man sieht den aus heutiger Sicht völlig normalen Menschen Zappa mit TV-Moderatoren umgehen – für die Zeit damals muss das ein erheblicher Kulturschock gewesen sein. Manche Interviewer nähern sich ihm überheblich als dem ausgeflippten Kinderschreck, andere finden aus ihrer Position heraus einen brückenschlagenden Zugang zu Zappa; manche Leute lässt jener auflaufen, mit anderen vertieft er sich in deren Themen. Angenehm ist dabei, wie grundsympathisch Zappa in allen Fällen wirkt. Und wie felsenfest überzeugt von dem Weg, den er einschlägt. Schon als Jugendlicher mit dem Fahrradkonzert. Unfassbar schon das.

So ganz frei von Musik kann so ein Film über Zappa natürlich nicht sein. Der irrsinnige Komponist konnte ja nun echt mal viel bis alles, vom gefälligen Popsong (der dann sicherlich trotzdem kein Hit wurde) über Blues und Rock bis zur Avantgarde und zur hochkomplexen Neoklassik. „Titties And Beer“ gibt’s nur als T-Shirt-Aufdruck, ansonsten muss man sich eben die Mühe machen, sich wirklich mit mehr als nur der „Sheik Yerbouti“ auseinanderzusetzen.

Was es da alles noch gibt! Den Einblick in das Oeuvre des Meisters erhalten wir von Jogi, der wie so unzählige andere Braunschweiger Musiker und Kulturschaffende im Kinopublikum sitzt. Nach dem Film erzählt er mir, dass das Riptide nämlich mit Plattencovern aus seiner Sammlung dekoriert sei. Stimmt, hinter Schepper sieht man etwa „Joe’s Garage“, „Weasels Ripped My Flesh“, „Freak Out!“ und „Over-Nite Sensation“ auf der Ablage aufgereiht.

Wir stehen noch draußen und plaudern, mit Musikern, Veranstaltern, Weinhändlern, Autoren, Gastronomen, Filmfans, Zappafans, Schepperfans. Der hat drinnen sein neues Banner ausgerollt, das er erst kürzlich im Kingking Shop hat anfertigen lassen, und setzt soeben vor vollem Haus zum Beat und Loop mit Gesang an. Wir verfolgen seinen Gig zunächst von draußen aus, durch die Scheibe direkt neben der zur Bühne freigeräumten Verkaufsfläche. Der Solobassist passt schon gut zum freakigen Zappa: nicht minder verfrickelt und eigenwillig, bisweilen wundervoll eigensinnig. Der „King Of Time“ ist heute noch länger als sonst und wird seinem Titel gerecht. „Jaaaa, das hat was“, sagt jemand neben mir, als Schepper nach gefühlten 395720 Minuten Song zum Neil-Young-Gegniedel ansetzt. Auch im Set ist „Pea(s)“, das Schepper extra für mein Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ komponierte. Jedes Mal bin ich glücklich, dass es genau dieser Song wurde: Er passt perfekt und ist mit Leichtigkeit ein Lieblingsstück.

Der Basspsychedeliker hält lang durch, länger als viele Gäste, aber es ist ja auch mitten in der Woche. Beirren lässt Schepper sich davon nicht. Gottlob. Er zieht durch. Und uns mit. Und doch irgendwann Leine. Ich nutze die Chance, noch schnell meine eingetroffene Bestellung zu erwerben, die Doppel-LP „Para quienes aún viven“ von Exquirla nämlich, dem neuen Projekt der spanischen Postrocker Toundra und dem Flamencosänger Niño de Elche. Schön exotisch, wie die andere exotische CD, die ich vergangene Woche erwarb: „A Hermitage“ von Jambinai, einer südkoreanischen Metalband mit traditionellen Instrumenten drin. Feines Stöffchen auch das.

Es gibt einen dringlichen Grund, die LP noch heute mitzunehmen: Ab Montag ist das Riptide nämlich für über zwei Wochen geschlossen, weil Chris und André es runderneuern wollen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens, das sie im September begehen. Und gerade, als ich mich frage, wo ich denn dann die neue „Intro“-Ausgabe herkriegen soll, entdecke ich sie noch so weit vom Monatsersten entfernt auf dem Stapel an der Kasse liegen. Jetzt aber heim. Morgen wieder früh raus und so. Ausfreaken können heute meinetwegen andere.

Matze van Bauseneick
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#109 Alles außer Genesis

26. November 2016


Freitag, 25. November 2016

Als Uwe seinen nächsten Song startet, erinnert mich die Akkordfolge an „Wicked Game“. Nicht nur mich. Uwes Co-DJ Markus locken die Töne zurück von der Theke ans Plattenunterhalterpult, er beugt sich zu ihm: „Chris Isaak, schön – und das ist Rocko Schamoni?“ Uwe bestätigt. Und überrascht mit der Antwort auch mich: Das ist also Musik von Rocko Schamoni! „Wicked Game“ geschickt neu umgesetzt, und zwar zu einem Cover eines noch ganz anderen Stückes, „Was kostet die Welt“ von F.S.K. nämlich, auf Rockos noch jungem Cover-Album „Die Vergessenen“. Bei Schamoni wisse man nie, was man bekomme, findet Markus: Entweder richtig gut oder sehr schlecht. Das hier sei richtig gut. Finde ich auch. Live gesehen habe ich Schamoni solo noch nie, lediglich im Rahmen von Studio Braun, und Markus schwärmt sofort von einem kurz zurückliegenden Fraktus-Konzert: jeder Song eine Besonderheit. Das neue Album des Studio-Braun-Projektes kenne ich noch nicht, mag aber den zum Raumschiff umfunktionierten Fahrradhelm auf dem Cover mag ich schon mal.

Ein schöner Start für mich in die Neuausgabe des „Fanclub Soundsystem“ im Café Riptide. Eben noch waren Ada und ich auf dem Weihnachtsmarkt zum Glühmettrinken (mit einem T mehr verändert sich der Sinn gleich zum angenehm Unsinnhaften) und anschließend auf Zwischenstation in Serges Antiquariat neben dem Riptide, wo ihr als erstes der dicke Wälzer „Ada“ von Vladimir Nabokov ins Auge sprang. Jetzt begrüßen wir Uwe und Markus an ihrem neuen Arbeitsplatz im Riptide. „Anderthalb Jahre lang haben wir das in der Haifischbar gemacht, einmal im Monat“, erklärt mir Uwe. „Wir hatten vielleicht ein, zwei Aussetzer in den Sommermonaten.“ Das ist inzwischen auch seit einiger Zeit vorbei, ich lernte Uwe erst danach überhaupt kennen. Längst sind wir beide Mitglieder der DJ-Gruppe Rille Elf und legen zusammen beim „Tanztee“ im Tegtmeyer und beim „Ball im Bierhaus“ in Harrys Bierhaus auf. Und wo wir halt sonst noch die freundliche Aufforderung zur Beschallung bekommen, wie demnächst auf einer privaten „Verlobunxfeier“, in deren Rahmen der Gastgeber hofft, eine Freundin zu finden. Ein unterstützenswertes Vorhaben, finden wir.

Ada bringt ein Tablett mit Tee und Kaffee ans DJ-Pult, der Kaffe ist freundlicherweise für mich, der Tee für sie selbst. Uwe und Markus tauschen die Plätze, ich frage Uwe nach der Intention zum „Fanclub Soundsystem“. „Die Idee war“, hebt er an. „Was war die Idee – dass wir dachten – was dachten wir denn…“ Ich mag Uwes Humor. „Dass wir in der Kneipe die Musik hören wollten, die wir auch zu Hause hören“, bringt er seinen Satz zum Abschluss. „Es gibt keine Bindung, jeder kann auflegen, was er will“, ergänzt er. „Außer Genesis.“

Als ich von der Reihe erstmals höre, dachte ich, es handele sich um einen reinen Soul-Abend. Doch Uwe, der eigentlich tatsächlich Soul als eines von vielen Spezialgebieten hat, verneint: „Soul-Abende sind es nicht, wir spielen Funk, Soul, Electro, Punk – bunt durch die Reihe gemischt.“ Die Soul-Abende in Braunschweig seien Wopi und Heiko vorbehalten, sagt Uwe. Die kenne ich beide nicht. Und wie kam es zum Zusammenschluss mit Markus? „Wir sind seit über 30 Jahren Freunde“, sagt Uwe. Und nach der Partypause nun der Neustart hier? „Das Riptide hat sich angeboten, das wollten wir mal hier machen“, erklärt Uwe. Ob die beiden den monatlichen Turnus wieder aufnehmen, steht noch nicht fest. Da müssen wir uns gedulden, wie die Resonanz auf allen Seiten aussieht.

Zum Beispiel bei den Riptide-Chefs. André ist heute Abend im Einsatz. Im Vorbeigehen betätigt er die Nebelmaschine am DJ-Pult und kommt dann zur Begrüßung zu Ada und mir. Seine Resonanz zum „Fanclub Soundsystem“ im Riptide kann euphorischer kaum sein: „Na geil, Mensch, hat ein bisschen gedauert, mit Kusshand waren wir hinter ihnen her, haben sie mit ein paar Cappuccinos überzeugt“, sprudelt er mit güldenem Strahlen. André selbst war jetzt eine Weile nicht im Riptide, „was habe ich verpasst?“ Das Filmfest, mindestens. Daran war das Riptide unter anderem mit der „Sound On Screen“-Party beteiligt. Eine Veranstaltung des Filmfests besuchte André aber doch: Die Live-Untermalung des Stummfilms „The Fall Of The House Of Usher“ durch die Band In The Nursery im Rahmen der Filmfest-Reihe „Poe At Midnight“ in der Bartholomäuskirche. Zwar war ich nicht dabei, weil das parallel zu unserem Filmfest-„Tanztee“ startete, doch hörte ich davon, dass es kalt war und dass viele Leute entspannt eingeschlafen seien. André grinst: „Man musste sich entscheiden: auf den Film konzentrieren oder auf die Musik, ich habe mich für die Musik entschieden.“ Die habe er hingebungsvoll mit geschlossenen Augen verfolgt. So muss es also zu dem irreführenden Eindruck gekommen sein, das Publikum sei eingeschlafen.

Mein persönlicher alljährlicher Filmfest-Höhepunkt trat auch dieses Mal wieder ein: Auf dem Sitzplatz neben mir öffnete Elke ihre Thermoskanne und goss sich Tee ein. Das sehe ich als Symbol dafür, dass es viele Leute gibt, die sich für das Filmfest Urlaub nehmen und einen gespielt herablassend ansehen, wenn man nicht wie sie schon vier Filme gesehen hat – an nur einem Tag. Sie zelebrieren das Filmfest intensivst und gönnen sich ihre Verpflegungspausen zwangsweise mitten im Film. Inklusive Brotbox oder in Butterbrotpapier gewickelten Stullen. Oder eben mit Thermoskannen.

Gleich tauscht Uwe wieder den Platz mit Markus. Schnell erzählt er mir noch eine Geschichte von einem Konzertbesuch in Hamburg, der beinahe lediglich ein Konzertversuch geworden wäre: „Beginn 19 Uhr stand drauf“, sagt Uwe. „Na ja, man weiß ja, wie das ist.“ Also nahmen er und sein fahrender Begleiter die Angabe recht ungenau, bis Uwe kurz vor den Toren Hamburgs mal auf seinem Mobiltelefon genauer nachsah und feststellte, dass dort für 22 Uhr bereits das nächste Konzert angesetzt war: „Drück auf die Tube“, rief er dem Fahrer zu. „Um halb acht kamen wir an, da hatten die schon angefangen.“ Im Molotow war das. Dort war ich seit dem Umzug noch nicht wieder, zuletzt sah ich noch unter der alten Adresse !!!. Ich las etwas darüber, dass sich das neue Molotow auf drei Etagen erstreckt und man bei einmaligem Eintritt den Zugang zu allen Etagen habe. Das kann Uwe zwar nicht bestätigen, die Lokalitätsbeschreibung aber schon.

DJ-Tausch. Das Pult ist dort aufgebaut, wo ansonsten der T-Shirt-Ständer vor den Reinhörplattenspielern im Weg steht. Die Sofaecke auf der anderen Seite des Cafés eignet sich bei dieser Gelegenheit extravortrefflich dazu, sich mit Leuten zu treffen, sich zu unterhalten, Getränke zu sich zu nehmen und mit dem Kopf zu nicken, wo das Fußwippen nicht ausreicht und die Motivation zum Tanzen noch zu gering ist. Die Kunst über den Sofas und die illuminierte Spiegelkugel vertiefen die Gemütlichkeit des Ortes.

Über dich haben wir gestern geredet“, sagt Markus zu mir, als er hinter dem Pult hervorkommt. Das erstaunt mich, schließlich lerne ich ihn doch erst jetzt in diesem Moment überhaupt kennen. Mit wem also…? „Ich wohne im selben Haus wie Schepper“, löst er auf. Unglaublich. Braunschweig. Die Stadt ist eine Erbse und so. Markus bedauert es, Scheppers Musik noch nicht gehört zu haben, und will einen Tauschdienst mit ihm anregen und ihm im Gegenzug seine Lieblingsbands Talk Talk und The Notwist empfehlen. Darin stimme ich mit ihm überein, ich liebe das letzte Talk-Talk-Album „The Laughing Stock“. Markus rät mir, mich intensiv mit dem neuen Live-Album „Superheroes, Ghostvillains And Stuff“ von The Notwist zu befassen. Da muss er nicht viel Überredungskunst aufbringen, das habe ich ohnehin vor; die Dreifach-LP gibt es auch hier im Riptide, ich muss nur endlich mal zuschlagen. Aber die Auswahl ist so groß hier.

Damit plagt sich auch Ada herum: „Ich habe ein Riesenproblem“, sagt sie, und während ich noch Schlimmes fürchte, fügt sie hinzu: „Da hängt eine ‚Lost Highway‘, da hängt eine Björk, da hängt eine, wo ich das Cover gut finde – ich kann mich nicht entscheiden.“ Nachvollziehbares Problem! Bei der LP mit dem ansehnlichen Cover handelt es sich um „Gore“ von den Deftones, und als ich ihr erzähle, dass es sich dabei um NuMetal für herausgewachsene Teenager handelt, bleiben ihr immerhin noch zwei reizvolle Alben zur Auswahl.

Und dabei fällt mir ein, dass ich hier ja auch noch eine Bestellung offen habe. Vergangene Woche orderte ich das neue Automat-Album „Ostwest“ bei Chris und vereinbarte mit ihm, dass ich sie beim „Fanclub Soundsystem“ mitnehme. Doch weder Kamila und Max, die heute Thekendienst haben, noch André finden sie: Ist wohl doch noch nicht mitgekommen. Dann habe ich eben einen weiteren Grund, mal wieder ins Riptide zu kommen.

Markus und Uwe, das kommt beim folgenden Gespräch mit Markus heraus, haben dieselbe Intention für den Fanclub, die sich nach seiner Ausführung in ebenjenem Namen niederschlägt: „Hintergrund ist, dass wir die Fans von etwas sind.“ Und genau das wollen sie teilen: „Die Idee ist, dass wir spielen, was wir mögen.“ Damit wiederholt er nahezu wortgenau Uwes Erläuterung. Dieses Team hat sich definitiv mit einer gemeinsamen Basis gefunden. Blindes Vertrauen. Alles außer Genesis. Also „Musik für das Kaff der Guten Hoffnung“, wie es auf dem Flyer für diese Show steht. Wahre Worte!


Matze van Bauseneick
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#108 Weißt du, BIFF…

27. Oktober 2016

André, Beate und Clemens (v.l.)

Samstag, 19. Oktober 2016

Dieses Mal gibt es eine Besonderheit: Ein Interview mit Beate und Clemens über die Reihe Sound On Screen beim anstehenden Braunschweig International Film Festival, kurz BIFF, halbkurz Filmfest. Das führten wir für Kult-Tour Der Stadtblog natürlich im Café Riptide:

Das 30. Filmfest (7. bis 13. November) hat ein so üppiges Programm wie noch nie. Eine Besonderheit dieses traditionsreichen Festivals ist die ganzjährig laufende Reihe Sound On Screen, die das Universum-Kino mit dem Schallplattenladen und Café Riptide veranstaltet: Zum dritten Mal ist sie ins Programm integriert. Beate Siegmann und Clemens Williges vom SOS-Team berichten Kult-Tour über prominente Ehrengäste, Deutschlandpremieren, Bonus-Tracks und Partys der anstehenden SOS-im-Filmfest-Ausgabe – natürlich passend im Café Riptide.

Das Filmfest heißt eigentlich schon seit einiger Zeit BIFF, Braunschweig International Film Festival; es trägt also einen Namen, der der Internationalität im Namen Rechnung trägt. Der Gast bleibt indes dabei, vom „Filmfest“ zu sprechen, und die Organisatoren halten es selbst ebenso. Mit Sound On Screen schufen Beate Siegmann und Torsten Straube vor sechs Jahren eine eigene Reihe, in der monatlich ein Musikfilm im Universum-Kino läuft und in dessen Anschluss eine Party, ein Konzert oder eine Kulturveranstaltung im Café Riptide stattfinden. Zu dieser Geschichte später mehr – beginnen wir mit dem Programm, das Sound On Screen zum 30. Filmfest beisteuert.

Beate gibt einen Überblick: „Wie bei den anderen beiden Malen gibt es zwei Unterprogramme: Die Spotlights, in denen aktuelle Musikfilm-Highlights aller Genres zu sehen sind, und ein Special-Thema, dieses Mal ‚The Sound Of Northern England‘, über die Städte Liverpool, Manchester und Sheffield.“ Je fünf Filme pro Unterprogramm sind geplant – und ein Bonus-Track.

Unter den fünf Spotlights finden sich gleich zwei Deutschlandpremieren. „Premieren auf Festivals sorgen auch überregional für höhere Aufmerksamkeit“, freut sich Beate. Clemens ergänzt: „Das ist ein Vertrauensbeweis der Produzenten und Verleiher und macht deutlich, welches Renommee Sound On Screen und das Filmfest haben.“ Eine dieser Premieren ist „The Man From Mo‘Wax“, zu dem Regisseur Matthew Jones extra aus London anreist, eben weil es sich um die Deutschlandpremiere handelt. „Es geht um Mo‘Wax-Labelgründer James Lavelle, der mit DJ Shadow den Trip Hop etabliert hat“, erläutert Beate.

Eine grundsätzliche Anregung wirft Beate ein: „Es lohnt sich immer, auch Filme zu gucken, bei denen man die Bands nicht kennt – es ist spannend, auch von den Personen her, das ging mir so bei ‚We Are X‘.“ Dabei handelt es sich um den Film über die japanische Band X Japan, die hierzulande niemand kennt, die in ihrer Heimat aber Superstars sind. „Die gehen bis an ihre körperlichen Grenzen, sind superschrill, und Bowie und Kiss sind ihre Idole“, so Beate. Von Regisseur Stephen Kijak liefen bereits drei Filme im normalen Sound-On-Screen-Programm: „Stones In Exile“, „Scott Walker: 30 Century Man“ und „Jaco“. Beate: „Unterschiedliche Musiker, großartige Filme, und keiner hatte einen deutschen Kinostart.“

Die zweite Deutschlandpremiere unter den Spotlights ist „Los Punks: We Are All We Have“, „über die sehr lebendige junge Punkszene in Los Angeles“, so Beate. Zuletzt finden sich zwei Publikumslieblinge anderer Festivals im Programm: „Breaking A Monster“ über die Kinder-Metal-Band Unlocking The Truth aus New York sowie „Mavis!“ über die Soul- und Gospel-Sängerin Mavis Staples. „Alle fünf Filme sind etwas Besonderes, ich würde sie am liebsten auf großer Leinwand sehen“, sagt Beate. „Aber das werde ich leider nicht schaffen.“ Denn dafür hat sie im Rahmen des Festivals einfach viel zu viel zu tun.

Das zweite Standbein sind die Specials. „Dafür wechseln wir vom Universum in den Roten Saal“, so Clemens. „Dort haben wir die Möglichkeit, das Rundumprogramm eigenständiger zu gestalten.“ Dazu gehören etwa englische Süßigkeiten und Popcorn, schließlich geht es um den „Sound Of Northern England“. Ausgangspunkt dafür, so Clemens, war die Tatsache, dass die Band In The Nursery bereits dreimal am Filmfest beteiligt war, zuletzt 2001, und zur runden Ausgabe des Filmfests wollte das Team die Gruppe wieder einladen. Schließlich kommen In The Nursery aus Sheffield, einer der drei Städte dieses Specials. Doch zur Band später mehr, zunächst geht es um die fünf Special-Filme, unter denen sich gleich drei Deutschlandpremieren finden, und zwar jeweils aus Sheffield, Manchester und Liverpool einer.

Bei „Get Back“ geht es um die Musikszene Liverpools ohne die Beatles, wie Clemens süffisant bemerkt. „Es wird deutlich, wie sehr die Musiker schon vor ihrer Zeit als Beatles den Merseybeat aktiv geprägt haben.“ Die Premiere aus Sheffield heißt „The Beat Is The Law: Fanfare For The Common People“ und dreht sich um die Band Pulp. „Im Film berichten die Mitglieder über ihre Anfänge in den Achtzigern in Arbeiterclubs und das Glastonbury-Festival von 1995, auf dem sie als Headliner zu Britpop-Ikonen wurden“, so Clemens. Dort seien sie in letzter Minute als Ersatz für die Stone Roses aus Manchester gebucht worden, um die sich die dritte Premiere dreht: „The Stone Roses: Made Of Stone“. Clemens: „Das sind die tragischen Figuren des Britpop – sie haben ihn als erste umgesetzt 1989, 1990, aber die Früchte haben andere Bands geerntet.“ Der Film handelt von der zweiten Reunion der Band 2011, nach 15 Jahren Trennung. Neben diesen drei Kern-Filmen läuft als weiterer Beitrag aus Liverpool „Good Ol‘ Freda“, der das Thema Beatles aus einer anderen Perspektive einfängt, nämlich aus Sicht eines Fans, der für elf Jahre zur Sekretärin der Gruppe wird: jene Freda aus dem Titel.

Der fünfte Beitrag der Specials hängt mit mindestens einer anderen Veranstaltung zusammen: dem englischen Frühstück mit der Lesung aus dem Buch „The Sound Of The Cities“ von und mit Ole Löding und Philipp Krohn am 12. November ab 11 Uhr im Abspann, der Bar im Universum-Kino. Beide Autoren gehören nämlich zu den Kuratoren jenes fünften Specials, der Clipshow „A Sound Lecture On Three Cities“. Der dritte Kurator ist – und da schließt sich ein Kreis zu In The Nursery – Musiker Nigel Humberstone. Das ist selbst für Sound On Screen eine große Ansammlung an Premieren: Erstmals eine von Gästen zusammengestellte Clipsammlung und erstmals eine Clipsammlung bei Sound On Screen im Filmfest. Im Juni gab es bereits das David-Bowie-Special im regulären Programm der Reihe: „Das war eine Supersache“, fand Beate, und das wollten sie wieder ausprobieren. Eines haben die beiden dabei gelernt: Das Einholen der Vorführrechte für die Clipshow war aufwändiger als gedacht. „Wir werden nächstes Mal früher anfangen“, sagt Beate. „Wir sind ein Stück schlauer.“

Die beiden kuratierenden Journalisten nun lesen nach dem Frühstück aus ihrem Buch „The Sound Of The Cities“, für das sie musikhistorisch relevante Städte in aller Welt bereist haben, mit dem Wissen, damit natürlich nicht vollständig sein zu können. Fürs Filmfest legen sie ihren Schwerpunkt selbstverständlich auf die nordenglischen Städte Liverpool und Manchester und geben Audiobeispiele dazu. Eingebunden in die Veranstaltung sind das Café Riptide und der Laden Simply British, der auch für die Süßigkeiten im Roten Saal sorgt.

Jetzt nähert sich allmählich der Bonus-Track: Clipshow-Co-Kurator Nigel Humberstone nämlich ist seit 2008 der Musikdirektor des Sensoria-Festivals in Sheffield, benannt nach einer Single von Cabaret Voltaire. So kam es zur Kooperation mit dem Filmfest. Außerdem betreibt er mit seinem Zwillingsbruder Klive seit 1981 das Projekt In The Nursery, mit dem er seit 1996 klassische Stummfilme vertont – und das jetzt nach 15 Jahren auch wieder in Braunschweig. Am Sonntag ab 20.15 Uhr untermalen sie in der Bartholomäuskirche den französischen Film „The Fall Of The House Of Usher“, und um die Komplikationen noch komplizierter zu machen, ist dies nicht nur der elfte von zehn Filmen vom Sound On Screen beim Filmfest, sondern auch ein Beitrag des Programms „Poe At Midnight“, mit dem die Musikfilmreihe erstmals zusammenarbeitet. „Ein Konzert war etwas, das wir schon immer gern mal gemacht hätten“, sagt Beate. Einmal tritt Nigel noch in Erscheinung: Als Freund der Regisseurin Eve Wood und Kenner der Szene steht er nach dem Pulp-Film „The Beat Is The Law“ für eine Gesprächsrunde zur Verfügung. „Songs von In The Nursery kommen auch in der Doku vor“, sagt Clemens. „Und im Clipprogramm läuft ein Film, bei dem Klive Regie geführt hat.“

Aber es gibt ja noch einen weiteren musikalischen Programmpunkt: die Sound-On-Screen-Festival-Party im Riptide, wie in den beiden Jahren zuvor wieder am Donnerstag. Butch Cassidy legt auf, seine Musik wählt er passend zum Thema England aus.

Dieser immense Aufwand ist zu zweit nicht zu stemmen, deshalb ist die Sound-On-Screen-Gruppe beim Filmfest deutlich erweitert. Torsten Straube und Beate Siegmann bilden mit dem Riptide das Kernteam, fürs Festival sind Clemens Williges, Philipp Preuß, Daniela Heinicke und Ina Gereke noch dabei. Ein Grund dafür ist der Aufwand im Vorfeld: Es galt, rund 50 Filme zu sichten, denn für das Programm betrieb das Team nicht nur wie gewohnt selbst Recherche, sondern setzte sich zusätzlich mit eingereichten Beiträgen auseinander, was bei der regulären Reihe wegfällt. Dazu kommen noch einmal so viele Kurzfilme und Clips. Involviert ist das größere Team auch bei den Ansagen zu den zehn Filmen und bei der Gästebetreuung: „Das ist zu zweit nicht zu schaffen und macht so noch mehr Spaß, Sound On Screen ist beim Filmfest noch intensiver“, schwärmt Beate. „Das ist eine tolle Gruppe, alle haben eine enge Bindung zur Musik.“ Clemens bestätigt: „Alle Gruppenmitglieder haben ein breit gefächertes Wissen, aber jeder hat seinen Schwerpunkt.“

Der Schritt von der Reihe außerhalb des Festivals ins Festival war gar nicht so groß. Beate: „Das Filmfest hat selbst länger schon den Schwerpunkt Film und Musik, da geht es dann aber eher um Filmmusik.“ Gemeint ist die Reihe „Musik und Film“, erläutert Clemens: „Die ist 2001 gestartet mit dem Schwerpunkt ‚Ohm Sweet Ohm‘, entwickelte sich über die Jahre aber zu einer Komponisten-Retrospektive mit klassischem Scoring.“ Beate und Torsten hatten dann die Idee, zusätzlich Pop- und Rock-Musik im Filmfest zu etablieren. Doch vor sechs Jahren schien die Anzahl der Musikdokumentationen für eine eigene Reihe beim Festival nicht auszureichen, zudem bot sich das neu eröffnete Universum-Kino als Plattform für die SOS-Reihe an. Mit dem dem erheblichen Zuwachs an Musikdokumentationen der jüngeren Zeit gibt es nun genügend Material für die ganzjährige Reihe und ein zusätzliches Sonderprogramm beim Festival. Auch baut das Filmfest den Festivalschwerpunkt „Film und Musik“ kontinuierlich aus und integriert Sound On Screen daher sehr gern, und das selbstverständlich unter dem etablierten Namen. Beim Filmfest hat Sound On Screen auch mehr Möglichkeiten, Gäste einzuladen, es gibt es besseres Budget und die Chance, einen Schwerpunkt oder ein Special genauer auszuleuchten und erschöpfend auszuarbeiten“, erläutert Clemens.

Nun aber zum Ursprung von Sound On Screen an sich. Los ging es im September 2010 mit der Doku „When You‘re Strange“ über The Doors. Beate: „Wir hatten die Idee, Musikfilme zu zeigen, die man sonst in Braunschweig nicht sehen würde.“ Das Riptide organisiert das Aftershow-Programm mit Clubkonzerten, DJ-Partys und Lesungen, bei denen sich die Kinogänger treffen. Von Sound On Screen gibt es pro Jahr drei Staffeln mit jeweils drei Filmen, also einem pro Monat plus Sommerpause, und zusätzlich Sondervorstellungen, meistens in den Freien. Rund 60 Filme sind also in dieser Reihe bereits gelaufen, abseits von den Filmfest-Beiträgen, und, so betont es Clemens, ungefähr die Hälfte davon hatte keinen deutschen Kinoverleih. Nach dem Filmfest läuft noch der dritte Film der Herbststaffel, „Lo Sound Desert“ über die Wüstenrockszene in Kalifornien, am 24. November ab 19 Uhr. Im Dezember geht es dann passend zum „Sound Of Northern England“ weiter mit der neuen Oasis-Doku „Supersonic“. Clemens grinst: „Mit dem ehemaligen Roadie der Stone Roses – das war der ältere der Gallagher-Brüder.“ Im Riptide läuft danach eine Party mit einem DJ, der schon mit den Gallaghers aufgelegt hat.

Zu den Personen:

Clemens Williges ist seit 21 Jahren ehrenamtlich beim Filmfest involviert. 2001 hob er den Schwerpunkt „Musik & Film“ aus der Taufe, mit der Reihe „Ohm Sweet Ohm“. Bei Sound On Screen macht er mit, weil ihm elektronische Musik am Herzen liegt. Darüber hinaus engagiert er sich im Rahmen des Filmfestes für das Genrekino.

Beate Siegmann ist seit 2000 beim Filmfest, anfangs und immer noch beim Heinrich-Wettbewerb, ihrer Hauptreihe neben Sound On Screen. Auch beim „Neuen Internationalen Kino“ ist sie von der Partie. Beate: „Es macht mir Spaß, mit so vielen unterschiedlichen Leuten so ein Festival auf die Beine zu stellen.“


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr