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#107 Zwillinge

23. September 2016


Freitag, 23. September 2016

So richtig oft bin ich in diesem September leider gar noch nichts ins Café Riptide gekommen. Anfang des Monats war ich da, weil meine Bestellung eingetroffen ist: „Mausoleum“, die neue EP von Myrkur, dem dänischen Ein-Frau-Black-Metal-Projekt, das nach dem Isländischen Wort für Dunkelheit benannt ist (weil es auf Dänisch mit „Mørk” deutlich weniger mystisch-eindrucksvoll klänge) und im titelgebenden Bauwerk live aufgenommen wurde, mit einem Kinderchor und ohne die üblichen Bandinstrumente. So geht Black Metal heute. Außerdem nahm ich mir die aktuelle Intro mit und bestellte mir die neue EP von Placebo, die wie ein Hit von Talk Talk heißt und die angekündigte neue Best-Of begleitet: „Life’s What You Make It“. Kein Wunder: Es ist ein Cover des nämlichen Songs. Nicht das erste, nach The Gathering und Rowland S. Howard, den Placebo auf der EP kurioserweise ebenfalls covern, mit „Autoluminescent“. Nicht bestellen konnte mir Chris leider die „Disintegration EP“ von Vanessa van Basten, einer Stoner-Doom-Band, die deren Label Taxi Driver Records kürzlich wiederveröffentlichte. Wie es der Titel suggeriert, verdrogen die Italiener darauf vier Songs von The Cures gleichnamigem Album, was die neuen Titel wie „Plainbong“ deutlich machen. Das Label ist jedoch zu klein, um international bestellbar zu sein; für den Erwerb der EP muss ich wohl wirklich mal wieder nach Italien fahren.

Okay, dieses Mal aber nicht nach Genua, Stadt von Taxi Driver Records, sondern weiter nach Westen, nach Sanremo, kurz vor der Grenze nach Frankreich. 1999 war ich schon mal in der Gegend und machte einen kurzen Ausflug in die Stadt. In meiner Erinnerung lebte Sanremo vom Glanz der Vergangenheit: In den Fünfzigern und Sechzigern war es der Inbegriff des Edelurlaubs, mit Riviera, Strandpromenade, Luxus, Jet Set, Hollywoodstars. Seitdem, so mein Eindruck von vor 17 Jahren, hat man in der Stadt den Anschluss an die Zeit und den Blick für Sanierungsfirmen verloren. Da ich aber in den zurückliegenden drei Jahren weite Bereiche Liguriens zwischen La Spezia und Savona besucht habe und ich Ligurien sehr mag, fahre ich ein Stückchen weiter und lasse ich mich eben neu auf Sanremo ein.

Meine Gastgeberin Manuela, rund 20 Jahre älter als ich, ist gleich der erste gute Eindruck, den ich von Sanremo habe. Da sie kein Englisch spricht und mein Italienisch für ausgefeilte Kommunikation zu rudimentär ist, organisiert sie einen Freund aus dem Geschäft gegenüber als Dolmetscher. Marco vermittelt den ersten Inhaltskontakt zwischen uns und gibt mir seine Telefonnummer, falls es bei uns zu Verständnisschwierigkeiten kommen sollte. Kommt es nicht: Manuela befleißigt sich einer so einfachen Sprache, dass ich ihr meistens folgen kann und wir stante pede auf ihrem Balkon in tiefe Gespräche abdriften. Anfangs habe ich noch große Schwierigkeiten, ihr zu folgen, doch alsbald gesellen sich neue Vokabeln zu meinem bescheidenen Wortschatz und wir tauschen uns intensiv aus. Gelegentlich greifen wir auf Französisch zurück, einzelne Wörter kennt sie auf Englisch und sogar auf Deutsch; bezeichnenderweise sind dies etwa „verboten“ und „Arbeit“. Eines Abends präsentiert sie mir ein eigens angeschafftes Englisch-Lernbuch, und weil sie es sich sehr zu Herzen nimmt, diese Sprache zu erlernen, nennt sie mich konsequent Mathew, obwohl ich ihr sogar Matteo angeboten habe. Besonders freue ich mich über die Restauranttips, die sie mir zukommen lässt. Ich probiere sie alle aus. Alle. Ligurische Küche! Es dauert rund eine Woche in Italien, bis ich erstmals eine Pizza oder Pasta esse. Der Rest: Fisch. Und einmal Kaninchen.

Sanremo ist klein und übersichtlich, man kann alles zu Fuß erreichen. Wie in jeder mir fremden Stadt frage ich in der Touristeninformation auch nach Plattenläden: Immerhin einen soll es noch geben. Den finde ich auch. Der Eigentümer tut sich mit mir etwas schwer. Ich frage ihn nach Vanessa van Basten. Kennt er nicht. Vom Label Taxi Driver aus Genua. Kennt er nicht. Ob er mir die Platte denn bestellen könne? Kann er nicht. Mit einigem guten Willen verkauft er mir das neue Album von Lou Dalfin, „Musica Endemica“. Die Band empfahlen mir meine Airbnb-Gastgeber in Genua vor zwei Jahren: Lou Dalfin, „Der Delfin“, singen Folklore eines abgelegenen Tals in Italien nahe Frankreichs in einem Dialekt dieser Gegend, aber mit modernen Instrumenten. Klingt ein bisschen wie deutsche verrockte Mittelaltermusik, nur ohne die doofen Texte und mit einem breiteren Stilangebot. An deren CDs heranzukommen, ist gar nicht so einfach; umso mehr freue ich mich, dass der unwillige Schallplattenmann in seinem unaufgeräumten Laden nicht nur sofort mit meiner Anfrage etwas anzufangen weiß, sondern mir sogleich die CD in die Hand drückt.

Mein Eindruck von Sanremo überdies wiederholt sich. Es kommt mir vor, als wolle es versuchen, heutige Touristen mit den Mitteln der Fünfzigerjahre zu neppen. Zu bieten hat es dabei nichts, bis auf das Casino und das Meer. Keine Museen, keine Besonderheiten, nichts. Na gut: Eine russische Kirche, die zurzeit eingerüstet ist, eine Altstadt, von deren zwei einzigen Restaurants eines zurzeit wegen Renovierung geschlossen ist und die bis auf das weithin sichtbare Sanktuarium auf dem Gipfel komplett heruntergerockt aussieht, sowie eine Festung, die zwar eine attraktive Ausstellung mit Stoffdesign der Dreißiger bis Sechziger zeigt, deren eigentliche Räume man aus mir nicht verständlichen Gründen (Italienisch) aber nicht besichtigen kann. Dennoch, nicht nur mit Manuelas Hilfe mache ich abseits der Via Giacomo Matteotti, der Einkaufsstraße, drei Straßen aus, die mit Cafés und Restaurants und einigem Flair auf mich einen einladenden Reiz ausüben: die Via Francesco Corradi, die Via Gaudio und der Corso Garibaldi. Schnell habe ich den Stadtplan verinnerlicht und bewege mich weitgehend fehlerfrei durch die Straßen und Gassen, zwischen Hafen und Altstadt.

Mir fällt auf, dass sich viele Menschen hier in Sanremo so verhalten wie zu Hause in Braunschweig: schlechter Service, grußloses Vorübergehen, kein Kontakt zu Fremden, brüsker Umgang. Also das Gegenteil von dem, weshalb ich so gern in Italien bin. Ich bin enttäuscht. Und erstaunt, dass Manuela als Bewohnerin mir meine Wahrnehmung bestätigt; es liegt also nicht an meiner Stimmung, wie auch immer die geartet sei. Worauf habe ich mich da nur eingelassen. Na, zumindest auf Manuela, die mir mit ihrer guten Laune, ihrem Humor und ihrer Fürsorglichkeit eine wundervolle Zeit in ihrem Heim bereitet.

Bereits vor der Reise hatte ich die Idee, mir von Sanremo aus einen Tagesausflug nach Nizza zu gönnen. Per Zug ist das ganz einfach. In Nizza war ich noch nie, habe es gerade mal 1999 bis Monaco geschafft, also bin ich neugierig. Und vorsichtig, angesichts der Nachrichten mit dem Anschlag, als ein Einzeltäter mit einem Lastwagen auf der weltberühmten Promenade Dutzende Menschen tötete. Zudem machte ich im benachbarten Monte Carlo die frustrierende Erfahrung, dass man mich mit meinem Schulfranzösisch nicht verstehen wollte: Wie sollte ich dann bloß in Nizza zurechtkommen?

In der Touristeninformation sagt man mir, dass es in Nizza wohl nur einen Plattenladen gäbe, einen Fnac. Das ist eine Kette, die ich schon in Antwerpen entdeckte. Der Touristeninformant beschreibt mir den Weg in ein Viertel, in dem es immerhin Musikalienhändler gibt, was die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dort auch auf Plattenläden zu stoßen. Das bewahrheitet sich zwar nicht, dafür schlendere ich aber durch eine weitgehend touristenfreie Gegend, bevor ich den Fnac aufsuche, ohne dort etwas zu finden (zum Beispiel jüngere Alben von Magma, die mir noch fehlen), und mich den Touristenecken widme. Am Hafen, gleich bei den Antiquitätenbutzen, bekomme ich Lust auf einen Kaffee. Ich wühle in meinem Französisch herum und treffe auf einen Wirt, der Lust auf Kommunikation hat. Wir scherzen und lachen, er berichtet von Fußball: „Deutschland war gestern hier.“ Ach, was war denn, WM-Qualifikation? Er deutet auf eine Zeitung: Europapokal, Schalke trat gegen OGC Nizza an. Und gewann 1:0. Was den Wirt nicht daran hindert, mit mir gemeinsam weiterzulachen. Und mir meine Nachlässigkeit vorzuwerfen, den Milchschaum nicht aufgegessen zu haben. Er schäumt extra neue Milch auf und gieß sie in meine Tasse. Schon jetzt hat Nizza Punkte gemacht.

Auf dem Weg zur Promenade komme ich an einer Treppe zur Burg vorbei. Natürlich gehe ich da hoch. Städte von oben finde ich immer reizvoll. Bei dem strahlenden Sonnenwetter ist der Ausblick von der großflächigen Ruine aus doppelt wundervoll: links das Meer, mittig die Promenade, rechts die Altstadt. Über mir spannen Pinien ihre Nadelblätterdächer. Es riecht wundervoll. Ich versuche, den Abstieg zur Altstadt zu finden, und nehme ein lauter werdendes Rauschen wahr. Zwischen dichten Blättern ergießt sich ein künstlicher Wasserfall inmitten des Burgrestes. Ich staune. Gischt kühlt die Besucher. Mir kommt ein junges Paar entgegen. Er fragt mich, ob ich weiß, wo der Wasserfall beginnt. Weiß ich nicht, aber er könne es mir ja sagen, wenn er die Quelle gefunden hat. „Komm doch mit“, sagt er, und – natürlich: Ich komme mit. Wir stellen uns vor: Sie, Nuha, kommt aus Jordanien und er, Baz, aus Kanada. Er ist beruflich in Nizza und traf hier zufällig auf sie; wie Nuha mir später erzählt, nur fünf Minuten vor mir. Also kein Paar, nicht mal alte freunde. Von Baz erfahre ich, dass das, was ich über seine Heimatstadt gelernt habe, nicht umfassend stimmt: Nach meiner Kenntnis spricht man Montreal französisch aus, er hingegen verwendet die englische Fassung. In dem Film „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ überführt die vermeintlich falsche Aussprache einen Aufschneider. Doch 30 Prozent der Bewohner sprächen Englisch, sagt Baz. Ich will weiter, in die Altstadt, und darf den Zugfahrplan nicht aus den Augen verlieren. Wir tauschen Kontaktdaten aus, denn Nuha will in ein paar Tagen nach Sanremo kommen, vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee.

Beim Abstieg verlaufe ich mich und gelange auf die Promenade. Das ist also die weltberühmte Edelmeile an der Côte d‘Azur? Ein langes Stück Teer mit Palmen dran. Kein Glitzer in Nizza. Und auch keine Pizza, jenseits der Straße säumen zwar Restaurants die Zeile, aber ich schlängle mich in die Altstadt weiter. Die ist wirklich schön, eng, dicht gedrängt mit Läden und Cafés, die den hübschen Häusern mehr als nur Optik verleihen. Sieh her, Sanremo, so geht das auch mit seinen Architekturaltlasten. Man erkennt hier das italienische Erbe und ich begreife, warum die Stadt, die eigentlich Nice heißt, bei uns den alten italienischen Namen trägt: Die Geschichte schob hier öfter mal die Grenze herum. Auf manchen Tafeln an den alten Häusern steht sogar noch eine dritte Version: Nissa. Die Leute hier tragen teilweise noch italienische Nachnamen, und auch in den Straßenbezeichnungen schlägt sich die Historie nieder. In der Rue Rossetti zum Beispiel suche ich mir ein Café. Einen regionalen Wein möchte ich probieren, aber das traue ich mir nicht zu, auf Französisch auszudrücken. Mir kommt in der Tür ein Mann entgegen, den ich auf Französisch frage, ob er Englisch spricht. Er antwortet etwas, freundlich grinsend und gutgelaunt, und diese Antwort verstehe ich nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie überhaupt auf Französisch war oder ob das der Versuch war, Englisch zu benutzen. Eine Kollegin hörte das und kommt grinsend dazu. Sie bestätigt, dass sie Englisch spricht, und fragt den Kollegen: „Do you speak English?“ Der Mann grinst und sagt: „Oui.“ Sie nickt mir zu: „That means ‚no‘.“ Meinen lokalen Wein bekomme ich und gut schmeckt er mir auch. Nizza hat also mächtig positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann die Stadt dem Wolfsburger Rapper, der sich nach ihr benannt hat, nur empfehlen.

Zurück in Sanremo. Hafenrundfahrten oder Bootsausflüge werden von hier aus nicht angeboten. Noch so ein Fehlschlag, tse! Die einzige Möglichkeit, hier am Meer auch mal aufs Meer zu kommen, ist, sich beim Whalewatching anzumelden. Klingt nach Nepp, aber sie versprechen für 34 Euro eine mehr als vierstündige Tour aufs offene Mittelmeer. Da melde ich mich doch mal an. Am Abfahrtstag werde ich jedoch vertröstet: Das Wetter sei schlecht, ich könne mich für die nächste Tour reservieren lassen. Das mache ich. Und gehe zu Fuß zu einem Strand, den mir Manuela empfahl: Valecrosia, immer die alte ligurische Bahnstrecke am Meer entlang, die man inzwischen für Radfahrer aufbereitet hat. Valecrosia liegt jedoch knapp 15 Kilometer entfernt. Ich komme am malerischen Ospedaletti vorbei, lasse das überfüllte Bordighera hinter mir und durchquere auch den Tunnel, der die Geschichte von etwas erzählt, von dem ich bis kurz vor meiner Reise noch gar nichts wusste: Milano-Sanremo, ein Radrennen. Juri erzählte mir davon, und der kennt sich mit so etwas aus, schließlich organisiert er die Critical Mass Braunschweig, die monatliche Radtour durch die Stadt, an der immer so um die 500 Radfahrer teilnehmen. So ist das, wenn man sensibilisiert wurde: Plötzlich sehe ich in Sanremo überall Radrennsporthinweise. Der Strand von Valecrosia ist wirklich schön, sehr weit, sehr kieselsteinig, und ich bin froh, dass ich mir die Lust auf ein Bad schon in Bordighera erfüllte, denn inzwischen zeigt mir das Meer, was es mit der Whalewatchingabsage auf sich hat: Es schäumt über. Die Wellen sind meterhoch und verweigern mir den unfallfreien Zutritt. Zugucken kann ich ihnen aber, wie sie ständig die Oberfläche der See umgestalten und mich mit mannigfaltigen Formen berauschen. Ein schöner Ausflug mit den Füßen. Zurück geht’s aber mit dem Bus.

Für den folgenden Tag habe ich noch keine Pläne. Als wüsste Manuela das, schlägt sie mir vor, mich mit ihrem uralten Fiat, den sie „Regina“ nennt, Königin, nach Bussana Vecchia mitzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Stadt, die 1887 von einem Erdbeben teilzerstört und in den Sechzigerjahren von Künstlern illegal neu besiedelt wurde. 1999 war ich schon mal dort, schlenderte durch die Gassen, betrachtete die eher kunsthandwerklichen Exponate und die pittoreske Kulisse des Verfalls und fand es ganz nett dort, so ohne Wasser und Strom. Ein bisschen ist es auch heute noch so, nur kommt mir die Stadt nun aufgeräumter vor, weniger ruinös, auch trotz des Kirchengerippes in der Mitte. Die Leute haben etwas aus der Kulisse gemacht. Und Manuela kennt ein offenes Geheimnis: La Barca, eine Art moderne Hippiekommune in Bussana Vecchia, die auf verwinkelten Pfaden zugänglich und für alle Gäste offen ist. Es empfiehlt sich aber trotzdem, die tuchbespannte Holztür hinter sich zu schließen, damit nämlich das Straußenbaby nicht abhauen kann. Il struzzo rennt zwischen den wild zusammengewürfelten Möbeln, Katzen und Hunden, Dekostücken aus aller Welt und vielsprachigen Menschen herum. Zur Begrüßung bekommen Manuela und ich Gläser mit selbstgemachtem Roséwein in die Hand gedrückt und die Einladung, uns etwas von der frisch zubereiteten Pasta mit der Käsesoße zu nehmen. Ich bin erstmal überfordert und setze mich mit Manuela an den Rand eines langen Tisches, an dem wir schon mal auf Deutsch begrüßt werden. Erst nach und nach erfahre ich, was hier los ist: Eine halbe Handvoll Männer aus Italien, den Niederlanden und der Schweiz fand sich hier zusammen, als Aussteiger, als Autonome, als Nationenverweigerer. Ihren Paradiespark öffnen sie für Gleichgesinnte und Neugierige, von denen manche hier für einige Zeit übernachten und andere, wie Manuela und ich, nur vorübergehend zu Gast sind. Mich erinnert das an Christiania in Kopenhagen, was mir meine Gesprächspartner bestätigen. Und davon habe ich einige.

Uns gegenüber setzen sich Kerry und Clyde, ein Paar aus Südafrika, das sich in Gesellschaft des Straußenbabys sofort heimisch fühlt. Sie sind Marineangehörige und nur temporär in Sanremo. Neben uns spielen ein paar jugendliche Deutsche Gesellschaftsspiele und debattieren mit dem Hausherrn aus den Niederlanden. An einem anderen Tisch singt jemand spanische Lieder zur Akustikgitarre, zumindest eines des Franzosen Manu Chao ist mir geläufig. Zwischendurch läuft Musik aus dem Laptop; als der Regen einsetzt und sich sogar ältere Besucher aus dem belgischen Knokke-Heist zu uns gesellen, in dem ich im vergangenen August Urlaub machte, läuft ABBA und viele tanzen gewittergeschützt unter der Pagode. Eigentlich will ich mich als Fremder zurückhalten, doch bieten sich ständig Unterhaltungen an, mit den Frauen, die mir Wein ausschenken und vom Konzept berichten, mit den Hausherren, die mir Kalbsfleisch und Gemüse überreichen sowie von ihrer Geschichte berichten, und das alles auf Englisch und Deutsch, was ausgerechnet meine einheimische Gastgeberin benachteiligt, von der ich eigentlich dachte, dass sie hier Heimvorteil hätte. Also finde ich mich kurzerhand als Italienischdolmetscher wieder. Erstaunlich, was alles geht. Beseelt verlassen wir nach Stunden Bussana Vecchia, nicht ohne die Blue Box im Baum am Eingang mit Scheinen zu befüllen. Wir bahnen uns zwischen Katzen, Hunden, Gänsen, Schweinen und dem Strauß unseren Weg hinaus, verabschieden uns dabei von unseren neuen Bekanntschaften wie von alten Freunden. Der Abschied dauert dabei länger als manche Party.

Über Nacht mache ich mir so meine Gedanken und sortiere meine Beobachtungen. Manuela muss es ebenso gegangen sein. Beim Frühstück spricht sie die Untiefen der Barca an, die mir auch auffielen, bei aller Sympathie und Hippieseligkeit. Was sie als Autonomie und Aussteigertum darstellten, ist für einige der Barca-Betreiber wohl eher eine Flucht aus der Realität, weil sie im Leben einige Schwierigkeiten haben. Beziehungsschmerz ist offenbar eine gängige Triebfeder. Manches Verhalten stimmt uns kritisch: Einer unterhielt die jungen Deutschen mit halblustigen Provokationen und war nur selten zu ernsthaften Gesprächen bereit oder in der Lage. Ein anderer fühlte sich beim Abwaschen vom Strauß belästigt und schob ihn rüde mit dem Fuß beiseite. „Es gibt bei uns keine Drogen“, sagt ein Dritter, „außer, man zählt Alkohol auch dazu.“ Und das den ganzen Tag. Jeden Tag. Jeden Tag haben die Barca-Betreiber also Gäste und Feste und sonst nichts. „Wir arbeiten nicht gern“, sagt ein anderer, und begreift doch selbst: „Hier gibt es aber auch immer etwas zu tun.“ Das temporäre Publikum indes bringt den guten Geist mit, der das Erleben hier so herzerwärmend macht, und ohne die Erstaussteiger und deren Initiative wäre die weitestgehend harmonische Zusammenkunft auch gar nicht möglich geworden. Wir sind uns daher beide einig, dass es gut ist, dass La Barca existiert und dass wir uns dort wohlfühlten.

Mein Kaffee mit Nuha steht nun an. Wir treffen uns an der Festung, die zu Nuhas Bedauern heute geschlossen hat – es ist Montag. Zuerst genehmigen wir uns daher den Kaffee am Hafen, dann bittet sie mich, ihr die Stadt zu zeigen. Wir schlendern durch die Altstadt bis zum Sanktuarium und kehren beim Ristorante Mulattiere ein, das mir Manuela empfahl und in dem ich schon einmal aß, dabei „Braunschweig schön trinken“ aus dem Verlag Andreas Reiffer lesend. Die Inhaber umsorgen uns freundlich und versorgen uns mit ligurischer Pasta, Wein und Wasser. Nach Stunden begleite ich sie noch zu ihrer Unterkunft, die Bitte erfülle ich ihr und erfüllt mich mit Freude.

Nuha ist für drei Tage bei einer Freundin in Sanremo untergekommen und muss am nächsten Tag den Zug nach Nizza nehmen, um nach Athen zu fliegen. Sie ist zurzeit in Europa unterwegs, sie verbringt so ihren Urlaub, von Ost nach Süd. Eigentlich arbeitet sie für die Vereinten Nationen bei der Flüchtlingshilfe. Als Jordanierin hat sie es viel mit Menschen aus ihrem Nachbarland Syrien zu tun. Sie erzählt mir von ihren Monaten auf Lesbos und der Schwierigkeit, sich mit dem schwergängigen System der UN abgeben zu wollen. Und sie erzählt von den Problemen, die sie damit hat, anders zu sein, als es ihre Familie, ihre Tradition und ihre Religion vorgeben. Es gab in ihrem Leben eine Initialzündung, die aus der einst konservativen Muslimin einen Freigeist gemacht hat, der sich gegen alle Widerstände selbst verwirklichen will und das nicht damit verwechselt, lediglich ausschweifend zu leben. Wir tauschen unsere Lebenseinstellungen aus und ich freue mich darüber, wie viele Übereinstimmungen es bei uns gibt: dem Mann aus christlicher Erziehung in Mitteleuropa und der Frau mit muslimischer Geschichte aus Arabien. So entpuppt sich dieses in Nizza verabredete Kaffeetrinken als mich noch beseelender als der Besuch in La Barca.

Jetzt aber aufs Boot, dieses Mal fällt das Whatewatching nicht aus. Ein mittelgroßes Kahn empfängt eine kleine Gruppe Touristen am alten Hafen von Sanremo und steuert dann Bordighera an, um vor dem Törn aufs offene Meer den letzten Schwung Teilnehmer aufzunehmen. Das Oberdeck ist bereits übervoll, im Innenraum schreit eine Kindergruppe, also setze ich mich an den Bug. In Bordighera gesellt sich eine weitere Kindergruppe dazu, die sich jedoch nicht innen halten lässt. Ein langhaariger und bärtiger Typ fällt mir auf, der mit Hund und anderen Angehörigen über den Steg an Bord schlendert. Das Boot ist zwar nicht so groß, aber man läuft sich nicht zwangsläufig über den Weg, und doch ist es genau er, mit dem ich bald ins Gespräch komme. Er ist es wie ich nicht gerade gewohnt, auf einem Schiff zu sein, stellt er beim achterbahnartigen Wellenreiten fest, denn er kommt aus einem Tal nahe der Grenze zu Frankreich, wo er mit seiner Verlobten eine landwirtschaftliche Saisonarbeit verrichtet. Eine sehr intensive: Dieses sei sein erstes freies Wochenende seit Mai. Die geographiebedingte Erdverbundenheit erklärt auch, weshalb sein Hund nicht klarkommt: Luna, so heißt sie, begreift das Schwanken nicht und fiept gelegentlich angstvoll. Sie lässt sich aber beruhigen, auch von umherfliegenden Kinderhänden. Natürlich spreche ich ihn bei der geografischen Beschreibung seiner Heimat auf Lou Dalfin an. Und natürlich kennt er die, „die kennt doch jeder“, glaubt er. In seinem Tal vielleicht, meine ich einschränken zu müssen, doch er widerspricht. Und erzählt, dass der Sänger sogar im selben Dorf wohnt wie er. Die Erbsigkeit der Welt mal wieder. Auch er spielt in einer Band, „Golden Cherry, übersetzt“, sagt er, also ungefähr Ciliege d‘Oro vermutlich. Er sei kein guter Gitarrist, glaubt er, und komme wegen seiner Arbeit auch kaum zum Üben. Musikalisch verortet er die Goldenen Kirschen im Garage Punk: „Wir haben gerade ‚Strychnine‘ von den Sonics gecovert.“ Jau, hier bin ich richtig. Im Gegenzug berichte ich ihm von „Ich will nicht tanzen“, der neuen Single von Blinky Blinky Computerband, zu der mich Olaf den Text und die Stimme beisteuern ließ. Das dazugehörige Album „For A Better World“ und die beiden CDs davor gibt es übrigens auch im Riptide zu kaufen. Und à propos gute Plattenläden, derer gebe es in Nizza haufenweise, sagt mein Mitskipper. Na, der Touristinformant kriegt was zu hören!

Es ist der 20. September. Nach diesem Tag sind überall in Italien Straßen benannt. Also frage ich meinen musikalischen Begleiter, was es damit auf sich hat. Er stutzt und gibt zu, das gar nicht zu wissen. Wir einigen uns darauf, dass es vermutlich etwas mit Garibaldi zu tun hat. Er schwankt über Deck davon und kehrt kurz darauf zurück: „Ich habe die anderen gefragt, die wissen es auch nicht.“ Wir lachen und vereinbaren, uns im Internet kundig zu machen. Das sagt: „Fest der Befreiung der Hauptstadt Rom und nationale Wiedervereinigung (1870); den Faschismus abgeschafft“. So richtig bringt mich das nun aber auch nicht weiter.

Aber es ist ja Whalewatching. Ein singulärer Delphin unterkreuzt unser Boot, was den Ansager sich wundern lässt, denn normalerweise gäbe es Delphine nicht als Einzelgänger. Ein zweites Mal wundert er sich, als er eine riesige Meeresschildkröte ausmacht, denn die kommen im Mittelmeer eigentlich gar nicht vor. Das war’s. Den Rest der Zeit vertändeln wir auf hoher See und lassen und sanft in den Schlummer schaukeln. Trotz der Kinder, die bei der ersten Delphinsichtung noch niedlich sind, bei ausbleibender weiterer Walbeobachtung indes echt mal so richtig nerven. Und erstaunlicherweise „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do zitieren, den Eurotrashhit, den selbst in Deutschland niemand mehr kennt, gottlob. Mal so richtig fair ist, dass wir wegen der Nichtsichtung der angekündigten Meeressäuger unsere Tickets behalten und noch bis zum Ablauf der nächsten Saison erneut verwenden dürfen.

Meinen letzten ganzen Tag verbringe ich in Imperia. Auch dessen Altstadt, Porto Maurizio, ist wunderschön und birgt das größte Gotteshaus Liguriens. Die eigentliche Stadt zwei Kilometer weiter ist immerhin ganz okay. Die Frau im Plattenladen (dieses Mal half man mir in einem Musikalienhandel weiter) ist extrem hilfsbereit, doch auch sie kennt Vanessa van Basten nicht. Aber sie stellt mir in Aussicht, die Platte bestellen zu können. Das hilft mir bedauerlicherweise jetzt auch nicht mehr. Die Alternative meiner Wahl, der Soundtrack zu Paolo Sorrentinos Film „Youth“ nämlich, ist bei ihr indes bereits ausverkauft. Schade! Den finde ich noch kurz vor der Abfahrt beim Querulantenplattenladen in Sanremo. Auf dem Album ist nämlich „Just (After Song Of Songs)“ drauf, vom Trio Medieval, ein Stück, das sich schon im Film in mein Gedächtnis einbrannte und das ich per Whatsapp auch Manuela ins Ohr pflanzte.

Als ich ein letztes Mal durch Sanremo schlendere, stelle ich fest, dass es mir doch ans Herz gewachsen ist. Die Kellnerin in dem Hafencafé fragt mich bei meinem zweiten Besuch fröhlich, wo denn meine Begleiterin vom Vortag geblieben sei, der Besitzer der gemütlichen Weinbar „Per Bacco“, in der vortrefflicher Jazz läuft, begrüßt mich bei meiner Wiederkehr mit Handschlag, und als ich im Supermarkt Mineralwasser für die Rückfahrt kaufe, winkt mir an der Kasse eine Frau zu: die Kellnerin aus dem Mulattiere. Manuela verabschiedet mich mit festen Umarmungen; im letzten Augenblick stellt sich heraus, dass wir beide Zwillinge sind und dass unsere Geburtstage nur drei Tage auseinander liegen. Da wundert mich nichts mehr. Und nehme als Fazit mit: Auch in Sanremo kann ich mich also zu Hause fühlen.

Trotzdem freue ich mich auf Braunschweig, natürlich! Mich erwartet Post von Krüger, der mir seine drei neuesten Singles schickte, und von Phillip Boa, der eine neue Box mit drei CDs, einem Buch und einer 10“ herausbrachte. Mich erwartet Arbeit für Rille Elf, denn den nächsten Tanztee am 13. November im Tegtmeyer veranstalten wir dankenswerterweise im Rahmen des Filmfestes, und ich muss dafür noch den Flyer gestalten; weiterer Einsatz für Blinky Blinky Computerband, denn Olaf und ich wollen die Songs nochmal durchgehen, die wir mit Arni und Henning am 1. Oktober im Tegtmeyer als Support von Psyche spielen wollen; und Initiative für die Indie-Ü30-Party, für die Henrik und ich die Flyer und Plakate quer über Braunschweig verteilen wollen. Die EP von Vanessa van Basten muss ich wohl zu Hause per Internet bestellen; das mache ich, sobald das neue Album von Mope draußen ist, das spart mir Porto. Und Stef ist da, wir setzen uns an den blauen Tisch in der Küche und tauschen unsere Erlebnisse aus. Ich habe Wein mit. Wird eine lange Nacht. Salute!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#106 Die Gesichter des Sedan-Bazars

16. August 2016


Sonntag, 13. August 2016

Riptide-Blog in Fremdvergabe: Heute lasse ich mal jemand anders an die Tastatur. Es passt so schön: Stefanie Krause und ich waren zusammen beim Sedan-Bazar. Nicht nur, dass es zusammen Spaß macht: Sie übernahm das Schreiben, ich dafür ihren Fotojob. Das Ergebnis gibt’s auf Kult-Tour Der Stadtblog und hier:

„Ich war auf dem Sedan-Bazar im Braunschweiger Handelsweg. Zum ersten mal! Und heute ist ein perfekter Sonntag, um einen flockigen Blogeintrag darüber zu schreiben. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Keine Seetemperaturen, aber auch kein Badewannenwetter. Ich ein wenig müde, doch nicht zu müde. Eben genau richtig. Und so entspannt im Kopf, um ein paar Ideen über den Abend und dessen Begegnungen fliegen zu lassen, sich aber keinen zu großen, blockierten Kopf zu machen. Das Basilikum auf dem Balkon hält die Klappe. Beste Voraussetzungen also, um in die Tasten zu hauen: 13.08.2016, Ankunft etwa 18 Uhr in der kleinen – aber ältesten – Stadtpassage Braunschweigs. Sie ist heute dichter als sonst mit buntgestipptem Volk gefüllt.

Einmal im Jahr tun sich die kleinen Lädchen, Cafés und Kneipen im Handelsweg zusammen, um gemeinsam ein Sommerfest zu feiern. Schepper – Solobassist und charmantverschüchterter Anekdotenerzähler – zupft schon an seinem Instrument und blinzelt schräg zu uns hoch. Die Plastikblume an seiner Technik sitzt noch nicht perfekt. Zu allem Überfluss kitzelt ihn eine seiner langen Haarsträhnen ein wenig am Näschen, auf dessen Spitze die Brille gerutscht ist. Darunter kräuselt er die feinen Lippen und wirft schwungvoll und doch ein bisschen eckig die Haarpracht zurück, um uns zur Begrüßung die „Ghettofaust“ zu geben. Ich bin heute mit Bloggerkollege Matze unterwegs. Er ist hier im Handelsweg ein alter Hase. Seit nunmehr acht Jahren schreibt er bereits den Riptideblog. Es dauert auch nicht lange, bis er mir die Spiegelreflex wegschnappt und die Szenen fotografiert, die er sonst nur mit Worten umschreibt. Jaja, aber vorher erstmal meckern, als das Entladen der Speicherkarte unseren Aufbruch vom westlichen „Ghetto“ in die Braunschweiger Innenstadt unwesentlich verzögerte. Jetzt freut er sich also doch darüber, seine Menschen ablichten zu können. Mein halbbewusster Plan ist aufgegangen und ich muss mir erstmal keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich lieber an meinem Glas Weißwein nippe oder die Kamera zur Hand nehme. Gut!

Matzes Motto „Die Stadt ist eine Erbse“ – erst kürzlich erschien unter diesem Titel ein Auszug seines Blogs als Buch – wird sich heute gleich mehrfach auch für mich bewahrheiten. Nachdem ich das Teint unterstreichende rote T-Shirt von unserem Lord – dem Herrn Schadt, Autor und lebendige Legende – bewundert habe, nachdem er mein Kleid gelobt hat, begrüße ich sogleich den guten Serge. Oha, da hat ihm der Lord doch das erste Kompliment des Tages weggeschnappt! Äußerst frech: das sieht ihm ähnlich. Fatale Vorstellung, wenn Serge das wüsste! Als möchte er diesen ihm eigentlich gar nicht bekannten, aber wahrscheinlich intuitiv erspürten Rückstand sofort wieder ausgleichen, trägt er erstmal richtig dick auf: „Aaah, die Königin der Nacht!“, trommelt er begleitet von einer theatralischen Geste, und ich vervollständige: „…ist heute aber tagsüber unterwegs.“ In der Tat bin ich meistens eher später auf Kult-Tour, aber heute lohnt sich das Erlebnis ganz besonders bei Sonnenlicht. Es gibt viel zu schauen. Die Menschen trippeln wie Farbtupfer über das Pflaster und es entsteht ein schönes Bild meiner Stadt. Man schlürft genüsslich Kaffee im Riptide, holt sich bei Filmemacher Jonte Moerking eine vegane Wurst vom Grill, stöbert in der heute vor der Tür präsentierten Auslage von Schmuckmanufaktur, Comicladen, Galerie und Second-Hand-Boutique oder trinkt einfach eine zünftige Kaltschale in einer der Kneipen, während sich der ganz junge Nachwuchs schminken lässt.

Auch ich möchte mich erstmal ein bisschen zerstreuen und entfliehe der mir gerade zu heißen Herdplatte vor Serge Roons kleinem Antiquariat. Ich bin einfach noch zu flatterig für einen guten Literaturtipp, heute zu sanft für eine Kostprobe vom Präsentierteller und wahrlich zu unkonzentriert für einen Schlagabtausch mit dem Schriftsteller, Regisseur, Künstler und – ja, Serge hat kaum eine Tätigkeit im kulturellen Bereich ausgelassen. Über ihn könnte ich jetzt also noch viel mehr sagen. Denn kürzlich erst las ich sein Buch „Die Gesichter der Frauen“, muss die rezensierende Stef für mich aber erst erfinden. Meinen heutigen Ad-hoc-Versuch, mich in Luft aufzulösen, lässt er jedoch auf gar keinen Fall gelten. Gezielt legt er noch mehrfach nach. Wahrscheinlich will er nicht wieder in den Rückstand geraten. Wenn es um Komplimente geht, ist und bleibt er schließlich der Platzhirsch im Handelsweg. Da hilft es mir kaum, dass ich mich in der ersten Reihe verstecken will.

Doch dann soll es losgehen, signalisiert Schepper durch sein Headset. „Warte doch noch einmal fünf Minuten“, bremsen ihn Matze und Patrick Schmitz vom KingKing Shop. „Wir unterhalten uns doch gerade noch!“, scherzen sie. Und schon ist eine freundliche Verbindung zwischen Musiker und Publikum hergestellt. So soll es sein und so geht es auch weiter. Schepper spielt abwechselnd einen „langsamen“ und einen „schnellen“ Song und auch eben jenen, der Soundtrack für unseren Jubiläumsfilm zu Matzes hundertstem Riptideblogbeitrag geworden ist. „Das ist ja wie im Kino hier!“, lacht Matze. Ja, und hundert Geschichten erzählen sich auch am heutigen Tag. Viele bekannte Gesichter ziehen vorbei oder bleiben zu einem kurzen oder auch langen Schnack kleben. Wirklich verstecken kann ich mich eigentlich nur bei Helmut in der Strohpinte. Seine Kneipe ist die dunkelste und engste, die ich in Braunschweig kenne. Ganz hinten in der Ecke ist es richtig finster. Hierhin verirre ich mich also ganz absichtlich und provoziere den herzensguten Poltergeist zu seiner kratzenden Lache. Zum Sedan-Bazar und auch sonst recht oft gibt es hier Live-Musik. Gerade spielt Alex van den Berg gut gecoverte Songs auf der Gitarre und singt mit angenehmer Stimme, als Fehmi Baumbach von Helmut nett, aber bestimmt heran gewunken wird. Die Künstlerin hat es inzwischen nach Berlin verschlagen, aber sie käme immer wieder gerne auf einen Besuch in ihre Geburtsstadt zurück, erzählt sie mir. Wir verlieren uns in Ur-Braunschweiger Geschichten von irgendwelchen Künstlerhöfen in der Nähe des Handelswegs, die ich gar nicht kennen kann. Schließlich bin ich erst seit 2002 in Braunschweig. Doch Helmut wird tief nostalgisch, seufzt, schürzt die Lippen und nimmt einen schmatzenden Schluck aus seinem Bier, während Fehmi von alten Zeiten erzählt. Dann entdecken wir doch einen gemeinsamen alten Bekannten: Das „Blubber“ in Salzgitter. Tja, in diesen Hippieschuppen sind offensichtlich sowohl meine als auch Fehmis Eltern gegangen. Leider erkennt Fehmis Mutter Jutta meine Mutter Renate auf dem Foto zunächst nicht wieder, welches ich ihr auf meinem Handy zeige. Das wäre jetzt aber auch echt ein Ding gewesen!

Mitten in der Unterhaltung und nach mehreren kleineren Binnengesprächen erhöre ich endlich das Grummeln meines vernachlässigten Magens. Stimmt, vor ungefähr 40 Minuten habe ich im Riptide einen vegetarischen Burger geordert – den ich eigentlich schon vor 20 Minuten hätte abholen sollen. Die freundliche Bedienung mit beachtlicher Körpergröße, Bart und Zopf hat gut drauf aufgepasst! Ich kann noch schnell ein „Danke“ anbringen, bevor mich der Schlag der Erbse erneut trifft und mir die Sonnenbrille vom Kopf fällt. Zwei Gestalten aus meiner Vergangenheit sind heute auch hier. Man kennt sich in der Erbse: Marc und Anna sind bereits seit Ewigkeiten mit Schepper befreundet. So vermischen sich die Geschichten zum Ende des Abends im Herzen der Stadt, die wirklich eine Erbse ist.

Angesättigt von dem Burger und einen Barfußtanz im einRaum5-7 später befinde ich mich dann auch zufrieden auf dem Heimweg – beziehungsweise auf dem Umweg zum Haus- und Hoffest im LOT-Theater. Hier kann ich mich jedoch nur noch verabschieden, denn dieses Fest neigt sich deutlich dem Ende hin. An alle, die im LOT oder gar bei dem Straßentanz am Bültenweg waren: Wie war es denn dort? Erzählt doch mal, in den Kommentaren findet ihr genügend Platz!

Ein großes Fotoalbum mit dem Blümchen, dem lordigen T-Shirt, dem Serge-Blick und vielen weiteren Gesichtern vom Sedan Bazar findet ihr HIER und bei Facebook.“


Stefanie Krause
Kult-Tour Der Stadtblog


für
Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#105 Rudi, der Mariachi-Maharadscha

29. Juli 2016


Freitag, 29. Juli 2016

Mein erster Blick, als ich heute das Café Riptide betrete, fällt auf den Drahtkorb links vor der Theke. Ja, wir sind glücklich: Gegen Ende des Monats erst, aber die neue Intro-Doppelausgabe Juli/August ist doch noch eingetroffen. Gleich mal eingesteckt. Ach, und dann sehe ich, dass da ja noch ein paar Leute sind. Ahäm. André unterhält sich gerade mit Marcus und Jonte, besser: Er händigt ihnen ihre Bestellungen aus, zwei verschiedene koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Marcus setzt sich schon mal draußen im Achteck an einen Tisch. „Und, hast du einen Koala dabei?“, fragt André Jonte, der ihm das Geld reicht. Ich denke, ich verhöre mich, und wiederhole das Vernommene. Beide grinsen, und Jonte erklärt, dass er gerade für ein halbes Jahr in Australien war und davon eine Woche lang einen Koala-Treck begleitete. Da möchte ich mit einem neoklassischen Drei-Fragezeichen-Auswurf kontern: Bitteeee?!

Eine Freundin von Jonte studiert in Sydney an der Uni, erklärt er mir den Auslöser für seine Koala-Aktivitäten. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt er. „Ich hatte nichts zu tun.“ So eine Woche mit Koalas sei ihm da gerade recht gekommen. „Wir saßen in den Blue Mountains“, dort beobachteten sie, also einige Freiwillige rund um eine Forscherin, was die Koalas fraßen, wie weit sie herumliefen, wie sie die Bäume wechselten. Zu sehen bekam er die niedlichen Beuteltiere nur selten: „Die sitzen fünfzig Meter hoch im Baum.“ Die Trecker hatten Antennen, mit denen sie die Sender in den Halsbändern der Koalas aufspürten; bei Erfolg ertönte ein Geräusch. „Das hört sich an wie ein Alien“, sagt Jonte und imitiert ein „Bock… Bock…“ Der Ton habe die Frequenz verändert, je nach Entfernung zum Tier. Den entsprechenden Baum, auf dem der Koala saß, markierten die Teilnehmer per GPS digital. „Das war spannend“, so Jonte, gerade weil man die Koalas manchmal gar nicht sah. Und wie ist es mit dem Hören? Nur die Männlichen, erklärt Jonte, und gehört hat er den Ruf einmal unter einem ausgewählten Baum: „Die Biologin hat den Ruf abgespielt, der hört sich an wie Rülpsen, kann man gar nicht nachmachen, und weil er der Boss in der Region war, hat er gleich zurückgeschrien.“ Auch erfasste die Gruppe solche Koalas, die nicht mit einem Sender ausgestattet waren, der Vollständigkeit halber. „Das Halsband haben sie ein halbes Jahr, dann nimmt man es ab und gibt es einem anderen“, erklärt Jonte. Dann greift er sich die beiden Brauseflaschen und macht sich auf, sich zu Marcus zu setzen: „Bevor sie kalt werden.“

Nachdem André die Getränke ausgehändigt hatte, verschwand er in der Küche und begann danach, andere Gäste zu bedienen. Chris kommt nun mit einer bepackten Kiste aus dem Büro im ersten Stockwerk gegenüber, direkt neben dem neu gestalteten Bierteufel. Die Kneipe heißt noch so, die Fassade ist auch noch dunkelrot, aber die Fensterfront sieht heller, offener aus. Kurz nach der Neueröffnung ging ich kurz hinein und sah mich um, der Raum ist viel luftiger als vorher. Eine Thekenfrau griff dieses Gefühl auf, indem sie ihre Arme ausbreitete und ausladend einladend vom neuen Bierteufel schwärmte. Hier im Riptide rotieren Chris und André heute mächtig. Zwar ist das Café selbst häufig beinahe leer, sofern niemand in den Schallplatten stöbert, aber die Gäste bevölkern das Achteck unter dem Segeltuch. Helmut von der Strohpinte auf der anderen Seite im Handelsweg winkt plötzlich in den Raum hinein: „Ich geh grad zu Karstadt, wollt ihr auch…?“ Was sie wollen könnten, lässt er offen, und auch Andrés Antwort erhellt da nichts: „Nee, danke.“ Ein Rätsel!

Außer den üblichen CD- und DVD-Besonderheiten, Hörspielen und Quartetten säumen auch selbstgebackene Muffins und Cupcakes die Theke. Neben dem Durchgang zur Küche rotiert der Ventilator gegen die warme Luft an. Eine Kiste mit Gratis-LPs ist für mich neu; darin enthalten sind solche Flohmarktschätze wie Schlager-Sampler und Operetten. Schon etwas länger wartet ein Kaugummiautomat neben den Second-Hand-Wave-LPs auf Kleingeld: Heraus kullern kleine Plastikbälle mit Freigetränken, Riptide-Buttons oder Nieten. Das Plakat von unserem ersten „Ball im Bierhaus“, den wir mit Rille Elf vor einer Woche in Harrys Bierhaus bei Werner und Annette veranstalteten, klebt noch unter der Theke. Das war unsere Premiere dort, die wir allesamt für gelungen halten und mit einer Fortsetzung versehen wollen. Unsere nächsten Shows mit Rille Elf indes haben wir wieder im Tegtmeyer: das Sommerferien-Ende-Grillen am 6. August und den Tanztee am 11. September, dem Wahltag, an dem ohnehin alle Welt unterwegs ist, wie wir hoffen. Das Tegtmeyer war jetzt auch zweimal Heimat für den Strange-Electro-Pop-Stammtisch, von Olaf ins Leben gerufen, mit Petra, Clemens, Arni, Maren und mir. Einerseits promotet Olaf damit sein Konzert am 1. Oktober im Tegtmeyer, mit seiner Blinky Blinky Computerband und als Headlinern den ex-kanadischen Achtziger-Synthie-EBM-Helden Psyche, jetzt aus Timmendorf, sowie Synergy und Infernosounds, außerdem sein nächstes Album „For A Beter World“, das Ende August herauskommt; andererseits war der Stammtisch natürlich ein fröhlicher Austausch von Ideen und Meinungen. Weiß der Geier, wie wir darauf kamen, es standen bald zungenbrecherische Songtitelideen wie „Mariachi-Maharadscha“ und „Muted Mutant“ im Raum. Den heißen Versuch, diese Wortkombinationen schnell hintereinander auszusprechen, löschten wir mit ansprechenden Kaltgetränken. Vielleicht bedingte das auch einander, wer kann da schon die Kausalität beisammenhalten.

Heute geht Chris noch ins Eintracht-Stadion, zur Saisoneröffnung. „Da spielen sie immer gegen ein internationales Team“, erklärt er. Für dieses Mal ist es der S.C. Bastia, „ein französischer Erstligist“, aus Korsika. Chris beginnt sich selbst unterbrechend zu strahlen: „Für mich ist die Stimmung – das erste Mal – ich hasse die spielfreie Zeit im Sommer, auch trotz der EM – für mich gibt es nur die Eintracht.“ Ja, ich verstehe. Er schwärmt von der Atmosphäre im Stadion, der kollektiven Neugier, vom ersten Mal, von Antworten auf Fragen wie: „Wie sind die neuen Spieler?“ Chris lächelt, er findet das: „Schön!“

Und à propos Saisonauftakt, ich hab mir gerade bei Graff die neue 11Freunde geholt, mit dem Titelbild nach Art der alten Drei-Fragezeichen-Cover. Chris hat das Bild im Internet gesehen, ich zeige es ihm im Original und er findet es genau so gut wie ich. Ein schöner Crossover, gelungen die Zeichnungen von Aiga Rasch adaptiert. So thematisch wird das Magazin zum Saisonauftakt immer, einmal etwa gestalteten sie alles im Stile von Filmplakaten.

Und jetzt erfüllt Chris eine besondere Kundenbestellung: „Wir waren der erste Laden in Braunschweig, der einen Rudi hat.“ Irgendwas muss heute mit meinen Ohren sein. Koalas? Rudi? „Es gibt den noch in der Haifischbar, wir sind die einzigen in Braunschweig“, setzt Chris fort und holt einen Sahnesiphon aus dem Kühlschrank. „Das passt, wegen Rudi Riptide“, fährt er fort und lässt mich mit drei Fragezeichen überm Kopf an der Theke stehen. Das Wort „Jägermeister“ ertönt noch von über dem Tablett aus, an dem Chris mit dem Siphon hantiert. „Ausgedacht hat sich Rudi ein Berliner Gastronom, und zwar einer von zweien, die in Berlin Wolters ausschenken“, höre ich. „Von der regionalen Verbindung wusste der nichts, dass Jägermeister aus Wolfenbüttel und Wolters aus Braunschweig Nachbarn sind.“ Also, was ist denn Rudi jetzt? Jägermeister mit Wolters? „Beinahe“, grinst Chris: „Jägermeister-Schaum, deshalb schäumen wir den extra auf, deshalb haben wir einen Aufschäumer, einen Sahnesiphon, zweckentfremdet, dasste nur den Schaum hast, dann hat er ne Schaumkrone obendrauf.“ Also: Der Rudi ist ein Jägermeister mit einer Wolters-Schaumkrone? Chris nickt. „Der hat das in seiner Kneipe ausprobiert und das Rudi genannt.“ Den Weg ins Riptide fand das Getränk über die Wolfenbütteler: „Mich hat Jägermeister gefragt: ‚Du bist doch Rudi?, und jetzt haben wir das auch.“ Behutsam sprüht er Woltersschaum auf drei Jägermeisterschnapsgläser. Und, hat er das denn auch schon selbst getrunken? „Nee“, wehrt er ab, „aber ausführlich testen lassen.“ Chris versichert: „Auch Leute, die keinen Jägermeister mögen, mögen das – ist ein bisschen malzig, wegen des Schaums.“ Chris bringt das Tablett mit den drei Rudis nach draußen und macht mich neugierig. Bleibt die Frage, wann es Renate gibt.

Grinsend kommt Niclas von der Runde rings um Serge nebenan ins Café, stellt eine leere Tasse und ein leeres Glas auf die Theke, sagt „so“ und wartet mit einem noch breiteren Grinsen, bis André ebenso breit grinsend und mit einem „danke“ das Leergut annimmt. Noch im Gehen bleibt Niclas‘ Grinsen erhalten. Routine, angenehmer Art.

Mit Sound On Screen, der gemeinsamen Musikfilm-Party-Reihe von Riptide und Universum-Kino, geht es erst im September weiter, bestätigt mir Chris, zurück bei der Arbeit an der Theke. „Wir sind am sichten und am festlegen“, sagt er. „Wir haben viele schöne Sachen, Beate war wieder auf Filmfestivals.“ Mist, ich hoffte, ein paar mehr aufregende Details in Erfahrung zu bringen. Na, das kommt noch. Zunächst findet im Handelsweg ohnehin eine ganz andere Fast-Traditionsveranstaltung statt: der Sedan-Bazar am 13. August, an dem sich alle Anrainer beteiligen und bei dem viele Musiker auftreten, unter anderem auch wieder Schepper.

Eine schüchterne Kundin fragt André, ob er noch einen weiteren Tisch aufschließen könne. Der Angesprochene lächelt ausgesprochen freundlich und sucht aus der Kiste mit den Vorhängeschlössern den Schlüssel heraus. „Können wir“, sagt er und erklärt, dass Regen angekündigt gewesen sei und sie deshalb einige Tische und Stühle noch mit den Drahtseilen zusammengebunden ließen. Chris guckt kurz im Internet nach und bestätigt: „Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt immer noch sechzig Prozent.“ André begleitet die Kundin nach draußen und lächelt weiter: „Wenn’s regnet, musst du dir einen neuen Platz suchen.“ Nur wenige Momente später setzt der Regen tatsächlich ein. Kurz nur und somit kein Grund, sich davonzumachen.

Auch nicht für Dennis, der indes aus anderen Gründen seine Rechnung begleichen will: „Ich muss langsam los, ich bin schließlich am längsten hier.“ Seit drei Wochen? „Nein, seit halb eins“, lacht er, und er habe hier gearbeitet. „Länger als ich“, behauptet Chris, doch Denis weiß, dass das nicht stimmt: „Nein – aber ich habe wenig konsumiert, ich bin ein schlechter Gast.“ Chris rechnet zusammen und unterstellt ihm: „Und dann verdienst du wahrscheinlich Millionen hier am Computer.“ Sie lachen und verfallen wieder in die Begrüßungsformel ihrer gemeinsamen Moderatorenzeit bei Radio Okerwelle: „Nabend Herr Frank“, „Nabend Herr Rank“. Sie kichern, und Chris erzählt, wie er einmal Tom Waits spielte und jemand anrief und in den Hörer rief, dass er gerade von der Arbeit käme und sich freue, zum ersten Mal Tom Waits im Radio zu hören. „Da wussten wir: Wir haben einen Hörer.“ Sie lachen wieder.

So ähnlich ging mir das mal, als ich „Waiting Room“ von Fugazi auflegte und jemand sagte, das habe er seit zwanzig Jahren nicht gehört. Fugazis Label Dischord, so las ich heute, hat den gesamten Backcatalogue auf Bandcamp veröffentlicht. Dennis hat das auch gelesen: „Rund 300 Veröffentlichungen, auch Demos – aber ich hab sie noch nicht durchgeguckt.“ Auf Spotify gebe es auch einige Alben, dann aber nicht zum bezahlten Download. Während Chris LPs sortiert, sagt er: „Es gibt nur wenige Labels, wo man sagt: Das hat mein Leben verändert – bei mir war es so mit Dischord.“ Dennis und ich thematisieren kurz Minor Threat, die frühere Band von Labelchef und Fugazi-Sänger Ian KacKaye. Ich habe deren „Complete Discography“, die ein ein gut dreiviertelstündiges Album passt, auf CD. „Ist das das, wo der Typ auf der Treppe sitzt?“, fragt Dennis. Ist es, längst ikonisch geworden, das Cover, und Chris meint: „Das ist in Washington, und wenn ich da mal hinkomme, setze ich mich auch auf die Treppe.“ Jede Punk- und Hardcore-Band habe das dort gemacht, „das Haus gibt’s noch, Dischord sitzt da immer noch drin“, weiß Chris. Ach ja, Dennis wollte ja los, und er macht sich jetzt auch auf den Weg.

Derweil packt Chris das Paket aus, das ein Bote eben brachte. Mir fällt darin sofort die „Houdini“-LP von den Melvins auf. „Sie haben die drei Klassiker von Geffen neu aufgelegt“, erläutert Chris. Ebenfalls in dem Karton steckt die „Stoner Witch“, die „Stag“ steht noch im Laden. Chris schwärmt von dem „Houdini“-Cover, ich auch: die süßen Kinder mit dem zweiköpfigen Hundewelpen, herzallerliebst. Als drittes in dem Karton steckt die neue „Kachelbad“-EP von Messer, deren Cover mir auch gefällt, mit einer alten heruntergelassenen Jalousie darauf. 2016 und es gibt noch Covermotive, die es bislang nicht gab, zumindest nach meinem Kenntnisstand. Und da fängt Chris mit weit aufgerissenen Augen an zu schwärmen, von der Doppel-LP mit dem Soundtrack zu „Star Wars: The Force Awakens“: „Wenn du da eine Lichtquelle über die LP hältst, während du sie abspielst, entsteht ein Hologramm und ein Tie Fighter dreht sich über der Platte.“ Ich muss ungläubig gucken: „Ich hab’s gesehen“, bekräftigt Chris. Und über der zweiten LP schwebt der Millennium Falcon. „Jack White hatte schon eine kleine Ballerina, die sich dreht – aber so ein Raumschiff“, Chris deutet eine Größe deutlich über zwölf Zoll an. Da seien reflektierende Schichten in die Rillen eingelassen, die bei Direktlicht das Hologramm ergäben. Das klingt natürlich extrem verlockend, aber den Soundtrack brauche ich nun wirklich nicht. Chris hat ihn sich trotzdem zugelegt: „Das schreibt Geschichte.“ Da hat er wohl eindeutig Recht.

Hinter mir klickt es, dann rattert es. Einer von zwei Anfangzwanzigern holt eine Kunststoffkugel aus dem Kaugummiautomaten und fragt Chris: „Wohin damit, einfach hinlegen?“ Er greift über die Theke. „Was habt ihr denn?“, informiert sich Chris. „Leider nichts.“ Sein Freund doch: „Ich habe mir mal zwei Platten aus der Gratis-Kiste genommen“, ruft er. Chris nickt: „Gern.“ Er hat bald Feierabend, dann geht er mit Marcus und Jonte ins Stadion. Mal sehen, ob sie Hublot einwechseln.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#100 Riptide 100

25. Juni 2016


Februar 2016

Da haben wir uns etwas Aufwändigeres ausgedacht, als uns bei der ersten Idee klar war: Der 100. Eintrag meines Riptide-Blogs sollte von den anderen 99 abweichen, und was liegt da näher, als am Küchentisch eine Videojournalistin zu fragen? Stef und ihr Kompagnon Micha waren sofort Feuer und Flamme. Sie erarbeiteten – auch für die Plattform Kult-Tour Der Stadtblog – ein Konzept, das nur mit Untertreibung als ambitioniert zu bezeichnen ist. Die Verschmelzung zweier zeitlicher Ebenen sowie des gesprochenen Textes mit den Bildern erwiesen sich als äußerst kompliziert. Nur kurz sollte der Film ursprünglich werden, jetzt ist er mit fast sieben Minuten inklusive Outtakes doppelt so lang. Und verspätet: Eigentlich stand der 100. Eintrag im Februar an, jetzt ist Juni – die Zeit hat’s aber gebraucht.

Als wäre es für mich nicht wahnwitzig genug, dass dieser Film existiert, zeigte ihn Beate zu seiner Premiere beim David-Bowie-Special von Sound On Screen im Universum-Kino. Wir auf großer Leinwand. Leiwand! Und alles passte: Im Film ist eine Gedenktafel für Bowie auf der Riptide-Theke zu sehen, Sound On Screen ist die gemeinsame Musikfilmreihe von Universum-Kino und Café Riptide – und Schepper erhielt als Spezialgast, der er als Filmmusiker war, zufällig den Kinositz, den das Riptide gesponsert hatte.

Ich bin glücklich und jenen dankbar: Michael Adams, André Giesler, Stefanie Krause, Nina Meißner, Chris Rank, Michael „Schepper“ Schaefer, Beate Siegmann, Michael Zemke. Und den Sponsoren!

Und hier der Film:


Matze van Bauseneick
Kult-Tour Der Stadtblog

Krautnick

#102 Ich hör dich rufen, Marian!

27. April 2016


Mittwoch, 27. April 2016

Es ist ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, wenn man sich selbst auf einer Kinoleinwand sieht. Und mir ist dieses höchst besondere Ereignis tatsächlich zuteil geworden: Dank Stef und Micha A., und dank Beate. Sie brachten den Trailer zum Riptide-Film, an dem Stef und Micha immer noch arbeiten (deshalb jetzt schon Eintrag Nummer 102 und die Nummer 100 weiterhin offen – ihr Konzept für den Film zum 100. Blogeintrag stellt sich als weitaus komplexer heraus, als sie selbst dachten), ins Vorprogramm der gegenwärtigen Sound-On-Screen-Staffel im Universum-Kino. Beim ersten Mal, dem Film „Jaco“, war ich nicht dabei, aber Schepper, der auch in dem Trailer zu sehen ist. Dafür schnappte ich mir diesen meinen Lieblingsbassisten und sah mir mit und neben ihm dann „Dont Look Back“ an, den Film über Bob Dylan, der nur echt ist ohne Apostroph im Titel, und da fand dieses obskure Ereignis statt: Mich selbst sehen, in groß, auf der Leinwand, die ich schon bestimmt 800 Mal anstarrte, seit 1990, grob geschätzt, nur dieses Mal eben nicht nur als Betrachter, sondern auch als Betrachteter. Sehr seltsam. Am 19. Mai zu „All Tomorrow’s Parties“ gibt’s die dritte Gelegenheit dazu, Beate sei Dank. Großen Dank!

Wie immer gab es ein Anschlussprogramm im Café Riptide, und passend zum Thema trat Marian Meyer auf, Braunschweiger Singer-Songwriter. Ihn mag ich, ebenso wie seinen Berufskollegen Till Seifert. Und immer, wenn ich Marian treffe, sagt er dasselbe: „Hey, dich kenne ich!“, mit einem strahlenden Gesicht, gottlob. Das freut mich sehr, dass er mich nicht vergisst; und jedes Mal erzähle ich ihm dann, dass er mich daher kennt, dass ich ihn mal nach einem Auftritt aus Wolfsburg im Auto mitnahm. Und auf dem Beifahrersitz saß Schepper, den Marian wiederum sofort erkennt.

Und à propos „Marian“. Diesen Song, ursprünglich von den Sisters Of Mercy, coverte deren Ex-Gitarrist Wayne Hussey kürzlich solo, ohne seine Band The Mission, und veröffentlichte ihn als 7“. Will ich natürlich haben und frage Chris danach, doch Manni neben mir am Tresen winkt ab: „Die ist zum englischen Record Store Day rausgekommen, die kannst du hier nicht bestellen.“ Chris lässt sogleich die Finger von der Tastatur und bestätigt, dass etwa US-Veröffentlichungen hier nicht verkauft werden dürfen und europäische dort nicht und so. Wie schade.

Über die Zeit wird mir der Record Store Day immer unsympathischer. Dieses Mal gab es für mein Interesse keine einzige exklusive Schallplatte, nur Wiederveröffentlichungen und Livesachen. a-ha live in Südamerika, aber mit nur fünf Songs und von 1991. Mal wieder ein Livealbum von den Simple Minds, als rotes Doppel-Vinyl, allerdings mit nur zwei Fünfteln des gesamten Konzertes, das andernorts komplett erhältlich ist. Ist ja musikalisch ganz geil und auch angemessen hörbar aufgenommen, aber. Es hat einen unappetitlichen Beigeschmack.

Sowas wie „Marian“ hätte ich mir lieber gewünscht. „Auf Discogs findest du sie“, rät mir Manni. Guter Tipp, auf Amazon hab ich sie auch schon gesehen. Chris ist erschrocken: „Das dürfen die doch gar nicht…?“ Nee, Privatverkauf. Und tatsächlich, als Chris nochmal guckt, findet er die Single nicht in seinem System. „Glaubt man gar nicht, aber ich bin großer Sisters-Of-Mercy-Fan“, sagt Chris und deutet auf das Rerelease von „Floodland“ hinter sich, mit den 12“es der Zeit als Bonus drin. „Wenn ich sie höre, dann aber nicht die Alben“, sagt Chris. Sondern „Some Girls Wander By Mistake“, die Compilation mit den frühen EPs, als sie musikalisch noch minimaler waren, mit „Body Electric“ und dem tollen Rolling-Stones-Cover „Gimme Shelter“. „Auch die Originalversion von ‚Temple Of Love‘ ist besser als die mit Ofra Haza, die ist superkalt“, findet Chris, und ich stimme zu. Den Song kann man auch immer noch spielen und die Tanzfläche ist sofort voll.

Mein zweites wichtiges Ereignis nach dem Kinoding war das Gespräch mit Oliver Kalkofe am Montag. Seine Aktivitäten verfolge ich seit ungefähr 25 Jahren, habe alle DVDs der Mattscheibe (darüber hinaus sehe ich kein fern) und bewundere seine klare Zusammenfassung der Böhmermann-Staatsaffäre. Für mich ist er der wichtigste Medienkritiker in Deutschland, noch vor Bernd, das Brot. Zurzeit ist er wieder mit seinem alten Kumpel Dietmar Wischmeyer als „Die Arschkrampen“ unterwegs, was einen sehr starken Kontrast zu seiner ernsthaften Politkritik darstellt. Die Tour eröffneten die beiden ausgerechnet in: Wesendorf. Lüneburger Südheide, Nordkreis Gifhorn. Das Wesendorf, das sich lange über seine Kaserne definierte. Ausgerechnet das Wesendorf, in dem ich die ersten 26 Jahre meines Lebens verbrachte. Zu dem ich fast gar keinen Bezug habe, und damit heute nicht wesentlich weniger als damals, als ich dort noch wohnte. Dort haben die Arschkrampen also ihren Tourauftakt. Und zwar, weil sie mit dem Groß Oesinger Hoax-Sänger Vincent befreundet sind, der das Duo schon 1994 in die Schützenhalle brachte, Pardon: in das Kulturzentrum. Die Hütte war gerammelt voll und die Leute feierten die Gags, die Kalkofe und Wischmeyer ihnen drei Stunden lang um die Ohren schlugen. Und danach, also kurz vor Mitternacht, als Fanfotos gemacht, Autogramme gegeben und Smalltalks geführt waren, hatte ich die Chance für ein winziges Interview mit Kalkofe, für Stefs Blog Kult-Tour Der Stadtblog und mein Krautnick-Magazin. Ein Traum wurde wahr, den ich nicht mal zu träumen wagte. Und dann ist der Mann auch noch bodenständig, sympathisch, zugänglich. Was will man mehr. Okay, mehr Zeit für mehr Fragen; Tiefgang im Gespräch ist bei Leuten wie Kalkofe und Wischmeyer (der währenddessen damit fortfuhr, den Fans zur Verfügung zu stehen) definitiv gegeben, da wäre ich gern tiefer abgetaucht. Den Tiefgang nimmt man auch in ihrem Programm wahr, das eben weit weniger oberflächlich ist, als es die Fäkalvokabeln erscheinen lassen. Ja, eindeutig: Das hier ist grad Fandom par excellence, aber hey, das erlebt man nun mal nicht alle Tage. Und dann ausgerechnet in Wesendorf. Dem Anagramm von Dosenwerf, wie ein Mitschüler seinerzeit feststellte.

Nun hat das Dorf also einmal gepunktet. Trotzdem bin und bleibe ich mit Leib und Seele Braunschweiger. Zugezogen, aber überzeugt. Trotz allem. Und von „allem“ gibt es einiges, aber das ist grad mal egal. In Braunschweig bin ich gern unterwegs, nicht nur im Handelsweg. In Braunschweig gibt es eigentlich recht wenig, aber dafür viele Möglichkeiten. Den Tanztee im Tegtmeyer mit Rille Elf, für die ich extra vor einem Monat erst bei Facebook eingetreten bin, trotz meines gewaltigen Sträubens, oder die Indie-Ü30-Party im Nexus, die wir jetzt seit neun Jahren dort machen und für die wir vorher immer in einer Mammutaktion an 50 Stationen in der Stadt Flyer und Plakate verteilen. Auf diese Weise gerieten wir zufällig erstmals in die Vita-Mine, die Galerie mit Veranstaltungsmöglichkeiten von Thorsten Stelzner in der Karl-Marx-Straße. Wir hatten keine Ahnung, mit wem wir es da zu tun hatten, und blieben prompt anderthalb Stunden auf ’nen Kaffee und viele Gespräche bei ihm. Wie wir auch sonst oft bei freundlichen Leuten hängenbleiben, denen wir eigentlich nur unser Papier aufdrücken wollen: darunter Kingking Shop, Troja, Apo, Erna & Käthe, Leseratte, Brunsviga und natürlich Riptide. Eine Tour, die zwar anstrengend ist, aber mächtig Spaß macht. Ohne die die Party unvollständig wäre.

Auf Rundtour durch Braunschweig war auch Barnim gestern, mit dem Fahrrad. Das ist mal eine respektable Sache: Über ein Crowdfunding-Portal finanzierte er das neue Album seines Akasha Project, „Spheres“. Natürlich gehörte ich zu den Supportern. Dank Facebook wusste ich, dass das fertige Album bei ihm eingetroffen war, und fragte mich schon, wie es in meine Hände gelangen mochte, als es an der Tür klingelte und Barnim die Treppe hochwetzte, mit der CD im Rucksack. Er brachte sie persönlich bei allen Braunschweiger Supportern vorbei. Respekt! Deshalb hatte er aber leider auch keine Zeit für einen Kaffee am Blauen Tisch bei uns.

Den bekam Micha dafür an einem anderen Tag. Grad kam ich vom Wochenmarkt, auf dem übrigens auch Barnim arbeitet, wie so manche andere Kulturgröße ebenfalls, als Micha vor der Tür stand. Natürlich kredenzte ich ihm einen Kaffee. Wir unterhielten uns, und ich hatte eine Anwenderfrage zu Facebook, die er mir aber auch nicht beantworten konnte, obwohl er dort länger unterwegs ist als ich. Wie so ziemlich jeder Mensch auf der Welt. „Wahrscheinlich weiß das nicht mal Herr Zuckerberg“, mutmaßte Micha. Vermutlich hat der nicht mal einen Account bei Facebook, mutmaßte ich, sondern bei Google Plus. Micha behauptete, dass Zuckerberg sich ohnehin mehr um seine Tochter zu kümmern habe, und dass die vielleicht „Google“ heiße. Denn: „Immer muss er sie suchen.“

Micha kommt jetzt auch ins Riptide und lacht. Weil wir uns vor wenigen Minuten erst kurz vor dem Universum voneinander verabschiedeten. Grad war ich von Graff gekommen, wo ich eine seltsame prophetische Koinszidenz erlebte. Denn kürzlich erst sortierte ich meine Comics neu ins Regal ein und stieß dabei auch auf meine Percy-Pickwick-Sammlung. Kennt kaum einer, ich lernte den Detektiv damals übers Yps-Heft lieben. Jedenfalls dachte ich gerade noch, dass es bei der Figur zuletzt keine zuverlässige Kontinuität im Albenerscheinen gab; das letzte, „Irische Ballade“, ist bereits acht Jahre alt, zwischen 1995 und 2003 gab es auch schon eine Pause, und naja, zwischen seiner Erfindung durch Macherot 1959 bis 1961 und der Wiederaufnahme durch Jo-El Azara und Greg vergingen auch schon acht Jahre, aber das war vor meiner Zeit. Und prompt steht genau heute bei Graff der neue Band von Percy Pickwick, „und die Geisterfahrer“. Nicht mehr bei Carlsen erschienen, sondern bei Toonfish; egal: neues Futter.

Ja, wenn schon Comics, dann sind es nach meiner Vorliebe keine Superheldensachen, sondern frankobelgische Funnies. Allen voran Spirou und Fantasio. Gerade erst hab ich die Gesamtausgabe der Gaston-Neuauflage durch. Franquin war aber auch ein großartiger Zeichner! Mir kribbelt’s in den Fingern. Deswegen jetzt: Akasha Project hören und dabei Percy Pickwick lesen. Ihr wisst ja, was jetzt zu tun ist: Abschalten!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#99 Eine gemütliche Ordnung

26. Januar 2016


Dienstag, 26. Januar 2016

Huh: 99 Einträge im Riptide-Blog sind bei einem Eintrag pro Monat heute genau 100 Monate Café Riptide, denn gleich beim zweiten Eintrag im November 2007 gab es nämlich die bis dato einzige Unterbrechung dieses Rhythmus‘. Neunundneunzig also. Die letzte zweistellige Zahl. Die auch im Pop ständig auftaucht: Von „99 Luftballons“ sang Nena etwa, Jay-Z hatte „99 Problems“. Megadeth kannten „99 Ways To Die“, Ministry bebrüllten die „99 Percenters“, The KLF baten „Make Mine A ‚99′“, Soul Asylum hatten von irgendetwas „99%“. „99%“ lautete auch der Titel des zweiten Albums von Meat Beat Manifesto. Suzanne Vega erhitzte sich auf „99.9F°“, was natürlich eine Neun zu viel ist; dann könnte ich auch die Band 999, das Album „4:99“ der Fantastischen Vier oder die Single „1999“ von Prince hier auflisten. Aber es gibt haufenweise CDs mit 99 Tracks, von denen natürlich die wenigsten auch wirklich 99 Songs haben. Eine davon ist der Sampler „Short Music For Short People“, der sogar 101 Songs hat, davon aber die letzten drei auf dem Neunundneunzigsten Track vereint. Die meisten Bands verbergen auf diese Weise irgendwelche Hidden-Tracks im Anschluss an das normale Album, wie Eläkeläiset auf „Werbung, Baby“, wobei die anderen Tracks nicht einfach nur leer sind, sondern einen Livekommentar von einem Rennen mit Mika Häkkinen beinhalten. Die letzten beiden Tracks der „Broken“-EP von Nine Inch Nails sind mit den Stücken einer ursprünglichen Bonus-3“ (sowie 7“ in der Vinyl-Version) belegt. Und à propos Pop, früher, als der Papst noch auf dem Baum boxte, ist man noch für 99 Pfennig ins Jolly Joker gekommen… Aber ab davon.

Heute geht’s nämlich ins Riptide. Ins warme und wohlige. Leider sind es keine minus sechzehn Grad mehr, wie noch letzte Woche, und auch der ganze schöne weiße herrliche Schnee ist weg. Wie schade. Dieses graue Nasse ist nämlich trotz erhöhter Temperatur viel ungemütlicher. Also rein ins Café, wo André mich begrüßt und mir gleich einen Kafka kredenzt. Mir fällt auf, dass das Lemmy-Schild gegen ein David-Bowie-Schild ausgetauscht ist. „Jetzt noch der Großmeister…“, steht über einem Foto aus dem Film „Labyrinth“, in dem Bowie eine fiese Vokuhila-Frisur trug. Unter dem Foto steht „R.I.P. 08.01.1947 – 10.01.2016“. Bowies letztes unfassbar gutes Album „★“ (alias „Blackstar“) war an seinem Todestag als LP im Internet fast nur noch zu dreistelligen Preisen zu haben, im Riptide leider schon gar nicht mehr. Aber bald wieder, wie ein Zettel neben der Kasse verrät.

Außerdem verrät mit André, dass mit David zurzeit ein Schülerpraktikant im Riptide im Einsatz ist, aber morgen seinen letzten Tag hat. Ich weiß nicht, wie oft mir das jetzt passiert ist: Ich lerne Schülerpraktikanten im Riptide immer an ihrem vorletzten Tag kennen. David dürfte der dritte oder vierte sein. „Eigentlich ist Freitag der letzte Tag, aber er geht eher wegen der Zeugnisferien“, erklärt mir André und bringt kurz Bernd seinen bestellten Kaffee in die Rip-Lounge.

Mir gefällt der leuchtendgelbe Sternsticker an der LP-Kiste mit der Aufschrift „Sonderangebote“, auf dem steht: „kauf ZWEI zahl DREI“. Der Witz ist zwar alt, aber wenn er mir so unkommentiert und unerwartet als scheinbare Tatsache unterkommt, muss ich lachen. André grinst und zuckt mit den Schultern. „Ich muss kurz in die Küche, Crêpes machen“, sagt er und geht kurz in die Küche, vermutlich, um Crêpes zu machen.

Dafür nimmt David Andrés Platz hinter der Theke ein. Er ist 16 und Schüler am MK, dem Gymnasium Martino-Katharineum hier um die Ecke. „Zwei Freunde haben hier vor zwei, drei Jahren Praktikum gemacht“, erzählt er. „Alex und Niklas.“ Stimmt, Alex hab ich kennen gelernt, im Januar 2013. „Und André wohnt zwei Stockwerke über mir.“ So klein ist Braunschweig, aber das wissen wir ja. „Ich bin oft hier als Kunde“, sagt David. „Der Laden gefällt mir.“ Er schwärmt von der Stadtnähe und der kulturellen Vielfalt des Handelswegs. „Die zwei Wochen, die ich hier war, waren echt gut.“ Jetzt hat er eben mal die Seite des Tresens gewechselt. „Genau das hat mich interessiert“, nickt David. Da er noch nie in einem Café oder Restaurant gearbeitet habe, sie für ihn interessant, wie es hinter den Kulissen abläuft: „Dass trotz des wenigen Platzes alles so gut läuft, das hat mich überrascht – dass alles so eine gemütliche Ordnung hat.“

Jetzt stehen ja erstmal die Zeugnisferien an. „Ich werd wahrscheinlich auch mal hier vorbeikommen“, sagt David mit einem Grinsen. Und den Praktikumsbericht muss er noch schreiben: „Morgen mache ich Fotos und ein kleines Interview mit André.“ Und dann sagt David das, was mir alle Schülerpraktikanten vor ihm auch schon gesagt haben: „Generell war es sehr entspannt, weil ich erst um 11 Uhr aufstehen musste.“ Auch könne er deshalb die Abende besser nutzen. Das Spannendste, das er im Riptide als Praktikant erlebte, war die jüngste Veranstaltung im Rahmen der Musikfilmreihe Sound On Screen: „Da durfte ich das einzige Mal auch abends arbeiten, bis 22 Uhr.“ Das war zum Film „Sumé: The Sound Of A Revolution“ über die grönländische Band Sumé, als im Anschluss an das Programm im Universum-Kino die Band Souljacker im Riptide auftrat. „Es war interessant, wie wir alles wegräumen mussten und trotz des wenigen Platzes die Band ihr Equipment aufbauen konnte“, erzählt David. „Wir brachten sogar die Stühle in den Keller, alles hat hier seinen Platz – und als die Leute hier waren, war es gar nicht so stressig.“ Wenn David morgen seinen letzten Tag hat, soll es genau jener nicht sein: „Ich erhoffe mir halt, dass ich mal im Sommer oder so mal über die Ferien hier arbeiten kann“, sagt er.

Und in Sachen Musik, wie ist er da im Riptide repräsentiert? „Ich spiele Klavier“, sagt David überraschend. „Und ich bin oft bei Freunden, die in einer Band spielen, im Proberaum und höre ihnen beim Proben zu.“ Auch als Sammler kommt er auf seine Kosten: „Ich habe mir gerade was bestellt von Kyuss, ‚Welcome To Sky Valley‘, die kannte ich noch nicht.“ Uha, mit 16 habe ich definitiv noch andere Sachen gehört, deutlich leichtere. David nicht, sein Spektrum ist weit, wie er aufzählt, und er zählt schneller auf, als ich mitschreiben kann – ich erinnere mich an Hip Hop, Stoner, Metal, Jazz und Blues, und das ist nur ein kleiner Teil. „Ich habe jetzt auch einen Plattenspieler und mir öfters Platten gekauft“, sagt David. Tja, als ich 16 war, bin ich gerade auf CD umgestiegen, 1988. Und Kyuss habe ich ohnehin erst in den letzten paar Jahren mögen gelernt, früher hielt ich die für langweilig, bis ich mehr oder weniger zum genauen Zuhören, nun, überredet wurde und dann erkannte, was in der Mucke steckt. „Generell die Musik von Josh Homme“ mag David, auch Eagles Of Death Metal und Queens Of The Stone Age, jedenfalls die frühesten Alben. Mit den beiden Bands habe ich mich hingegen immer noch nicht anfreunden können. David fährt fort: „Auch Nick Oliveri, auch nur in den Anfängen.“

Jetzt kommt Chris aus seiner Pause zurück. Gerade erzählt mir David, was so seine Aufgaben im Riptide waren: „Standardmäßig die Spülmaschine putzen“, setzt er gerade an. Chris unterbricht ihn grinsend: „Die Klos mit der Zahnbürste putzen nicht vergessen.“ Das zwar nicht, aber David hatte heute eine andere Aufgabe dort: „Das Männerklo streichen, Schmierereien wegmachen.“ Außerdem Service und LP-Trennregister mit Benzin reinigen. „Oft, als ich anfing, war ich erstmal einkaufen“, sagt er. „Das fand ich ganz gut, entspannt, dabei kann man Musik hören.“ Auch der Service habe ihm Spaß gemacht: „Das waren vielfältige Aufgaben.“

Wie so oft in jüngster Zeit, wenn ich hier bin, kommt Marcus auch jetzt ins Café. „Kann ich Dir helfen?“, fragt ihn David. Marcus bejaht: „Ich hätte gern zwei Seven-Inch-Hüllen.“ David sucht sie unter dem Tresen, doch nur André weiß, wo sie sich wirklich befinden, und kommt aus der Küche heraus zu Hilfe. Als Marcus und ich uns zuletzt im Riptide trafen, war gerade Lemmy gestorben. Ich deute auf das Bowie-Schild. „Da merkt man, dass man älter wird“, sagt Marcus. André entnimmt einem Seven-Inch-Hüllen-Stapel zwei einzelne Hüllen. Ich frage ihn, ob sie auch für Achim Mentzel einen Pappaufsteller anfertigten. „Leider nein“, sagt André. Für Guru Josh auch nicht. Er reicht Marcus die beiden Hüllen. „Für meine beiden Seven-Inches“, grinst Marcus.

Auf kulinarischer Ebene nennt André mir einige Neuerungen des neuen Jahres. „Wir haben regelmäßig donnerstags wechselnde vegane Torte im Angebot“, sagt er. „Und durchlaufend vegane Cupcakes und vegane Cookies.“ Er grinst: „Riptide 2.0.“ Die sicherlich nicht nur optisch ansprechenden kleinen Kuchen sind in der Vitrine auf der Theke verlockend angerichtet. Nächstes Mal.

Es gibt weiteren Zuwachs hinter der Theke: Conny bindet sich die Schütze um. „Ich mache hier einen Nebenjob“, erzählt sie mir. Seit Oktober ist sie da, kennen gelernt habe ich sie bislang noch nicht. „Ich spare gerade ganz viel Geld, um mir einen Bus zu kaufen und damit herumzureisen“, sagt sie. Spannendes Vorhaben, einen VW-Bus? Sie lacht: „Das wäre schön, mal sehen, was sich ergibt.“ Nebenjob klingt nach Studium, aber da irre ich mich: „Ich habe noch einen anderen Minijob, also gehe nur arbeiten.“ Conny wackelt leicht mit dem Kopf und singt fast: „Sonntag ist mein freier Tag.“

Chris legt den Hörer auf. Oder wie man heute sagt bei schnurlosen Telefonen, er beendet das Gespräch. Und hat Zeit, mir von weiteren Plänen zu berichten, denn André hat bereits Feierabend: „In der Winterzeit machen wir mehr Konzerte als im Sommer, wo wir nämlich gar keine machen.“ Das nächste findet an einem Dienstag statt und ist von einem nach Chris‘ Einschätzung den meisten Leuten eher unbekannten Musiker, aber: „Es ist eine Herzensangelegenheit von André und mir – J. Robbins.“ In der Tat, auch mir sagt der Name nichts. „Der ist eine Legende“, verfällt Chris sofort ins Schwärmen. „André und ich sind groß geworden mit DIY-Hardcore-Punk“, beginnt er zu erläutern. J. Robbins spielte in Bands wie Jawbox, Burning Airlines, Government Issue – „und Scream, mit Dave Grohl“. Chris erwähnt das Label Dischord, und damit kann ich dann auch wieder etwas anfangen, als Fugazi-Hörer. „Danach ist er ein Produzentengott geworden“, fährt Chris fort und zählt unzählige Bands und Alben auf, die unter Robins‘ Regie entstanden. „Er kommt solo hierher, um seine Solo-Songs zu präsentieren“, sagt Chris und ist kaum zu stoppen. „Das ist etwas Besonderes für uns.“ Das merkt man! Am Dienstag, 16. Februar, findet dieser Auftritt statt, natürlich im Riptide. „Alles, was in der Punk-Hardcore-Szene war, hat er produziert“, kehrt Chris zurück zum Thema seiner Fassungslosigkeit. „Die erste Band, die Dave Grohl hatte!“ Robbins hat nur vier Termine in Deutschland, da sei der für Konzerte eher ungünstige Dienstag auch egal: „Es wollen Leute aus Hamburg und aus Leipzig kommen: ‚Was, J. Robbins?‘, und in Braunschweig – keiner.“

Bevor Chris zu hyperventilieren beginnen kann, kommt Bernd aus der Rip-Lounge herüber, um seinen Kaffee zu bezahlen. „Ist das ein Witz, den ich nicht verstehe?“, fragt er mit Blick auf den gelben Angebotsstern an der LP-Kiste: „kauf ZWEI zahl DREI“. Chris lacht: „Das ist auf meinem Mist gewachsen, das hat noch keiner kommentiert.“ Bernd und Chris mutmaßen, dass es wohl niemandem auffällt. Oder dass niemand etwas kauft, weil jeder glaubt, dann mehr bezahlen zu müssen, so Chris: „Dann wär’s ein Eigentor.“

Im Februar geht es auch weiter mit Sound On Screen, fährt Chris fort: „Wieder was Besonderes, weil es eine Ikone ist: Janis Joplin.“ Das Universum-Kino zeigt am Freitag, 19. Februar, den Film „Janis: Little Girl Blue“. „Im Anschluss haben wir auch was Besonderes: Hanni Morr“, so Chris. „Wir haben mit ihr zwei Platten gemacht, mit Roskinski Quartett, jetzt kommt sie solo und sing auf Deutsch.“ Er vergleicht sie mit Dota, die ich nicht kenne. „Es freut uns auch, dass wir nach dem Ende von Roskinsi Quartett mit ihr weitermachen.“ Hanni Morr, das ist also Anna Roskinski. „Eine tolle Stimme hat sie, ihre Texte sind persönlich und entwaffnend, deshalb an Dota erinnernd“, sagt Chris. „Und ganz ganz ruhig und zurückhaltend, die Musik.“ Von einem Album ist hingegen noch keine Rede: „Wir unterstützen sie erstmal.“

Und dann kommt auf die Kunden wohl bald leider etwas Ungemach zu, kündigt Chris an: „Ende des Jahres gab’s einen Wasserschaden in der Riplounge, nicht von uns verursacht, da muss renoviert werden, die letzten Spuren beseitigen.“ Es kann passieren, dass die Lounge dann für ein, zwei Tage geschlossen wird: „Den Ausfall müssen wir mit einplanen“, bedauert Chris. Doch bevor ihn diese Aussicht aus seiner Euphorie reißen kann, kommt schon der nächste Gast und berichtet von Abenteuern als Tourbegleiter in einem uralten Acht-Bett-Polizeibus. Für mich ist es leider Zeit, ins ungemütliche Chaos zurückzukehren. 100%!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#95 Blauer Beifall

28. September 2015


Jede Menge neuer Platten hab ich im Gepäck; an sich eine unsinnige Formulierung, wenn es lediglich ausdrücken soll, dass jemand neue Veröffentlichungen anzubieten hat, aber in diesem Falle stimmt es einfach: In diesem Monat findet der Riptide-Blog nämlich leider außerhalb des Café Riptide statt. Der Grund ist recht einfach: Ich legte meine Pflichttermine auf die ersten beiden Monatsdrittel, damit ich im letzten Monatsdrittel Urlaub machen konnte. Dadurch verpasste ich eine Menge, das ist mir klar; unter anderem das Konzert von Müller & die Platemeiercombo, die ihr neues Album „Castafiore“ im Riptide vorstellten, und zwar mit ihrer eigenen Akustikinkarnation Müller Meier Rosenmüller als Vorprogramm. Das Album gibt’s nämlich auch auf Vinyl dieses Mal, und wo teilt man solches als Band dem Universum besser mit als in einem Plattenladen? In dem Braunschweiger Plattenladen schlechthin? Vielleicht schaffe ich es dann wenigstens am 10. Oktober nach Wolfsburg, dann tritt das Quartett im Sauna Klub als Anheizer für Freddy Fischer And His Cosmic Rocktime Band auf. Und: Gleich zwei Auftritte von Schepper hab ich außerdem nicht erleben können. Auch verpasste ich das Konzert von den Tanzenden Kadavern im Café Flax in Gifhorn, an einer alten Wirkungsstätte mithin; auch für Wolf Kadavers neu besetze Band gab es einen PVC-Grund, wieder aufzutreten: Inzwischen gibt es zwei neue Singles mit Kadaver-Beteiligung. Die Lesung von Tilman Thiemig aus seinem neuen Buch „Spinnenwege“, das Toddn gerade in seinem Buchbauer-Verlag in auch das Auge ansprechender Form herausbrachte, versäumte ich ebenfalls. Dafür erlebte ich Tilman mit Gitarrist Jörg Melcher als von Neil Youngs „Dead Man“ inspiriertem Begleiter beim Kulturschaufenster, beziehungsweise beim Begleitprogramm in der Neunraumkunst: Tilman ist nicht einfach nur vortragender Literat, er ist ein begnadeter und jede Aufmerksamkeit einfordernder Vokalperformer. Es gab noch so viel mehr im September in Braunschweig, aber ich wollte ja ans Meer. Den Sommer verlängern. Überhaupt einen Sommer haben, der diesen Namen verdient.

Ans Mittelmeer will ich, nach Italien, wie in den vergangenen beiden Sommern auch schon. Ligurien ist nicht nur der vergleichsweise kurzen Distanz wegen attraktiv, sondern auch wegen der Küche. Und wegen der Leute, auch wenn das die Ligurer selbst weit von sich weisen: Sie bezeichnen sich als das am wenigsten zugängliche und offene Volk in Italien. Mir kommt das nicht so vor. Das mag daran liegen, dass die Ligurer damit wie die Braunschweiger sind, und an die hab ich mich inzwischen gewöhnt. Vielleicht stimmt aber auch das nicht mal und selbst die unaufgeschlossensten Italiener sind schlichtweg noch um Längen aufgeschlossener als die Braunschweiger. Egal, ich bin immer wieder gern dort, und dieses Mal wieder über Airbnb. Mein Ziel: Savona. Da war ich noch nicht. Es sieht bei Google einigermaßen groß aus, größer als Levanto vor zwei Jahren und selbstverständlich kleiner als Genua im Vorjahr. Mein binnen einer Stunde gefundener Gastgeber heißt Alex.

Rund eine Stunde brauche ich, um seine Unterkunft zu finden. Die angegebene Straße ist an einer Seite zugewachsen und die angegebene Hausnummer an einer Wand am anderen Ende der Straße zugebaut. Dazwischen ragen zerfallene Häuser aus der Macchie. Zwar komme ich auf die Idee, um den Block zu laufen, aber nicht, es am Ende einer verwinkelten Straße mit ganz anderem Namen zu versuchen, an dem das einzige unzerfallene Haus dieses Viertels am Bahnhof steht. Nur per Telefon ist es möglich, das herauszufinden – wir treffen uns am Bahnhof. Alex ist munter und sympathisch, was aus Sicht der Ligurer womöglich daran liegen mag, dass er selbst keiner ist, sondern Albaner. Er spricht fließend Italienisch und Französisch, was tatsächlich hilft, weil ich meine zusammengeworfenen Rudimente aus beiden Sprachen verwenden kann, um mich mit ihm zu verständigen. Ich soll erstmal an den Strand gehen, sagt er nach einem Begrüßungskaffee, so lange er mein Zimmer – riesengroß und geräumig in dem Haus aus dem Jahr 1933 – für mich vorbereitet.

Ah, ja. Mache ich es wie die Italiener: Die gehen nicht ans Meer, sondern an den Strand. Selten sieht man sie baden, die meiste Zeit garen sie auf Handtüchern vor sich hin, bis hin zur Knusprigkeit, wenn der Garprozess schon einige Jahre anhält. Wie überall in Italien gibt es auch in Savona nur abseits der Kommerzstrände freie Abschnitte, und die Querstraße zu meiner Behausung endet an einem solchen. Dort ist fast nichts los. Die Vorzüge der Nachsaison.

Irgendwann, nach einem Bad im Mittelmeer, schleppe ich mich dann doch in die Stadt. Ich fragte Alex zuvor noch nach einem Plattenladen; in dem neuen riesengroßen Supermarkt gebe es CDs, sagte er, alles, was man will. Das bezweifle ich und freue mich daher, dass ich beim Streifen durch die schmalen Gassen der Altstadt, die sich an das quadratische Einkaufsviertel anschließt und jenes vom Hafen trennt, auf einen winzigen Plattenladen stoße. Davide, der Eigentümer, spricht mich sofort an, auf freundlichste Weise, und kann als nahezu einziger in ganz Savona und Umgebung Englisch. Er strahlt und schwärmt und packt sofort sein Nähkästchen aus. Sein „Vincebus Eruptum“ ist nämlich nicht nur ein Plattenladen, sondern auch ein Label sowie der Name seines Print-Fachmagazins. Er ist auf psychedelische Gitarrenmusik spezialisiert, was in diesem Falle von Pink Floyd bis zu den Desert Sessions reicht und dazwischen Felder abdeckt, die man als weniger Informierter nie zu hören bekommen hat. Sein Laden hängt voller Plakate mit drogentypisch gestalteten Motiven, er hat nur wenige CDs und viele LPs. Er ist glücklich, dass ich mich für seine Sachen interessiere, und plaudert über Festivals in Deutschland, die er liebt und von denen ich ebenfalls noch nie gehört habe. Seine vor Energie und Freude sprühende Art mag so gar nicht zu der schweren Musik passen, die er bevorzugt, und das macht es noch angenehmer, mich von ihm inspirieren zu lassen. Er wirbelt umher um zieht Tonträger aus den Fächern und erzählt etwas darüber. Natürlich will ich etwas von seinem Label haben, mich spricht da das Album an, das er eben auflegte: „Essay On A Drunken Cloud“ von einer verspielten Stoner-Rock-Band aus Bari mit dem zugegebenermaßen sehr bescheuerten Namen Anuseye. Die limitierte LP ist in silbergrauem Vinyl und mit Poster zu haben. Ohne Downloadcode, aber Davide legt mit einfach die CD mit bei, „ist ja mein Label, damit kann ich machen, was ich will“. Die jüngste Ausgabe seines Magazins nehme ich auch mit, und deshalb legt er mir noch drei, vier ältere oben drauf. An der nächsten Ausgabe arbeite er zurzeit, sagt er, das Titelmotiv hängt schon als Poster neben der Kasse, neben dem Plakat zum Album „The Mighty Few“ der St. Petersburger Band The Grand Astoria, das erst nächste Woche auf seinem Label als LP erscheint und das er trotzdem schon bei sich stehen hat, wie er mir stolz kichernd zeigt. Unter den CDs springt mir eine der Band Ufomammut ins Auge, von denen ich in irgendeinem Musikmagazin las, für das ich aber jetzt kein Geld mehr übrig habe. Ich will wiederkommen, und dabei erfahre ich, welches Glück ich habe: Davide arbeitet die Woche über in Mailand und öffnet seinen Hobbyladen nur samstags. Prima, also verabreden wir uns für meinen Abreisetag, den nächsten Samstag, und tauschen Telefonnummern aus. Falls es nämlich während meines Aufenthaltes interessante Veranstaltungen in Savona geben sollte, will er mir die mitteilen.

Mit einer prall gefüllten Tüte trete ich also in die schattige Gasse. Eine Woche lang will ich Savona erkunden, „Vincebus Eruptum“ ist gelungener Start und soll krönender Abschluss sein. Also, was erwarte ich: ligurische Küche, hübsche Plätze voller Menschen, die sich unterhalten, nette Cafés, Strandabschnitte zum Flanieren, frisch bestückte Hafenrestaurants, Pinienduft, Feigen, Eis, Sonne, Gegend, Spaziergänge sowohl am Meer als auch in den Bergen. Was bekomme ich: Bars, die entweder stylo oder billo sind und kaum länger als bis 20 Uhr geöffnet haben, eine Strandpromenade so weit weg vom Zentrum, dass man sich nicht darum bemüht hat, sie attraktiv zu gestalten, verwinkelte Gassen, in denen sich kaum jemand außer zum Shoppen aufhält, diverse Einkaufsmeilen, die ebenfalls kaum Aufhaltequalitäten haben, eine von Alex‘ Bruder Elvis empfohlene Pizzeria, in der man mich nach Verzehr meiner Pizza mit dem vorgeschobenen Argument hinauskomplimentiert, der Platz sei so in einer Viertelstunde reserviert, ein Hafenrestaurant, das die Dorade zwar augenscheinlich frisch zubereitet hat, immerhin kann ich von meinem Platz aus verfolgen, wie der Fischer nach dem Anlanden mit einem Korb fangfrischen Fisches in der Küche verschwindet, sie aber außer den Oliven kaum wirklich wie angepriesen ligurische Zutaten hat. Was das Irritierendste ist: Die Zikaden schweigen. Normalerweise ist der italienische Sommer von den Laubsägegeräuschen der emsigen Insekten erfüllt, hier und jetzt höre ich keinen Ton von ihnen. Das mag an der Zeit im Jahr liegen; dafür nehme ich erstmals wahr, dass es in Italien auch Elstern und Eichelhäher gibt. Immerhin, die Eidechsen sind mittags noch unterwegs.

Irgendwie also erlebe ich Savona als fremd, nicht so Italien, wie ich Italien gewohnt bin. Paradoxerweise kommt mir dieses Italien sogar vertraut vor, was am Klima liegen mag: Die Hitze ist reduziert, die 31 Grad kommen mir nicht so vor. So war der Sommer früher bei uns auch; im Hochsommer brütet es hier ansonsten deutlicher als bei uns, nur ohne die Schwüle. Diese Woche Sommer ist also die für mich angenehmste Sommerzeit, die ich in diesem Jahr erlebe, ohne den täglichen Wechsel aus Heizungskalt und Feuchtheiß.

Auffällig ist wiederum, wie freundlich und freigiebig die Leute hier sind. Ist das Wechselgeld zu hoch und zu kompliziert zu errechnen? Behalt doch den Euro. Du willst dir für fünf Euro allerleckerstes Gebäck in der Pasticceria kaufen? Da gibt’s zwei, drei Kekse obendrauf, mit lustigen Bienen und leckerer Feigenfüllung. Du willst dir solche Kekse als Geschenk mitnehmen? Dann gibt sogar noch ein paar mehr obendrauf und das Ganze liebevoll eingepackt. Du willst dir Feigen kaufen? Die Saison ist vorbei, und damit die letzten Früchte nicht weggeworfen werden müssen, nimm noch eine Schale mit, einfach so. Das macht glücklich und liegt gewiss auch daran, dass die Einheimischen in der Nachsaison wieder Zeit für Einzelbegegnungen haben. Und es gibt viiiieeeeel Platz am Meer. Immer.

Man hat Savona schnell erfasst. Zumindest die Teile um den Hafen, die Altstadt und das Einkaufsviertel. Auch die beachtliche Festung Priamar ist schnell durchmessen, selbst wenn man sich die Zeit nimmt, unter Pinien und Olivenbäumen zu verweilen und von jeder Bastion aus einen anderen Blick wahlweise auf das Meer oder die zugebaute Stadt zu haben. Also streife ich im Ort herum, ziellos, und treffe, als ich mich in einem Viertel verlaufe, das auf dem Stadtplan nicht mehr aufgeführt ist, gleich am ersten Tag den einzigen Menschen, den ich in der Stadt kenne, nämlich Alex, der laut und fröhlich rufend mit dem Fahrrad an mir vorbeifährt. Typisch, lange irgendwo fremd sein geht bei mir gar nicht. Gottseidank.

Auf der Suche nach Alternativen zu den ungemütlichen Cafés stoße ich, einem lautem Gedröhn folgend, auf einen weiteren Plattenladen. Zwar prangt der sehr kunstvolle Eddie vom Cover des neuen Iron-Maiden-Albums „The Book Of Souls“ groß am Eingang, doch spiegelt die plärrende Musik das nicht wider, sondern stellt eher eine Hürde dar, aber ich bin ja neugierig. Der Chef neigt zum Grunzen und hilft mir immerhin, ein Album von Lou Dalfin zu finden, die mir meine Genueser Gastgeber im vergangenen Jahr ans Herz legten, weil sie mit der Band befreundet sind. Die machen eine Art alpiner und attraktiver Subway-To-Sally-Musik, aber in einem Dialekt, den nur noch 32 Menschen sprechen. Beim weiteren Stöbern fällt mir auf, dass das Fach mit italienischem Progrock recht groß ist. Der Bandname Osanna fällt mir immer wieder in die Finger. Den Namen merke ich mir, ansonsten will ich aus dem Laden eher weg.

Kaffee! In Italien ist Kaffee, also Caffè, das, was bei uns Espresso heißt. An der Theke im Stehen eingenommen, kostet er nur einen Euro, das ist sogar mit irgendeiner Verordnung so geregelt. Meine neueste Entdeckung auf dem Feld ist, als Folge einer Beobachtung bei erstbester Gelegenheit, ein „Macchiato“, also ein Caffè mit Milchschaum, der ebenfalls nur einen Euro kostet. Diesen Urlaub gibt es für mich nichts anderes zu trinken. Abgesehen von Wein, natürlich. Und Wasser.

Und Grappa, selbstgebraut von Alex‘ Vater, in Albanien, mitgebracht in einer Zwei-Liter-PET-Flasche. Alex bietet mir davon am ersten Morgen an, und man weiß ja nie, wie das so ist mit enttäuschter Gastfreundlichkeit, nehme ich vorsichtshalber ein Drittel Glasvoll an. Cin cin, wir stoßen an, und ich den Tag über immer wieder davon auf. So ein schweres Zeug. In diesem Jahr habe ich zu so mancher Gelegenheit für Schnapsglasmengen von Schnaps sehr lange gebraucht, dieser Grappa reiht sich da in vorderster Position ein. „Noch einen?“ Danke, nicht um die Uhrzeit!

Außer Alex beherbergt die Riesenwohnung noch seinen Bruder Elvis, die zwei Stockwerke darüber sind mit älteren Menschen und deren Hunden bewohnt. Sie sind sehr nett, und es ist mit ihnen wie mit allen älteren Italienern, denen ich jemals den kleinen Finger meines Minivokuabulars gereicht habe: Sie ignorieren, dass ich sie nicht ausreichend verstehe, und erzählen Geschichten. In einem Falle kommt erschwerend hinzu, dass der Mann aus Neapel stammt und erheblich nuschelt. Aber nett sind sie. Alex erzählt mir, dass zum Ende der Woche hin noch eine Frau in seinem Appartement wohnen wird und ich ansonsten für eine Weile mit Elvis alleine bin, denn er muss nach Albanien zurück, für zwei Tage. Die Wahrheit ist, dass ich ihn danach gar nicht mehr wiedersehe. Elvis treffe ich am Abend darauf im Aufenthaltsraum, in dem die Brüder gerne fernsehen oder am Laptop Emails checken und dabei Clubmusik dudeln lassen. Elvis und ich plaudern eine Weile, wobei uns Google Translate auf unseren Smartphones sehr behilflich ist, und lachen uns mindestens darüber kaputt. Beim Frühstück steckt ein Mann den Kopf durch die Tür, den ich noch nie gesehen habe, und fragt, wo der Bruder von Juli ist. Ich bin verwirrt. Abends erzählt mir Elvis, dass das sein Cousin war. Auch Elvis sehe ich danach nie wieder, dafür aber den Cousin noch ein, zwei Mal. Er kann zwar bruchstückhaft Englisch, vermeidet es aber, und sein Versuch, mit mir auf Italienisch über die Deutsche und Europäische Flüchtlingspolitik zu diskutieren, scheitert leider bald an meinem Wortschatz. Auch ihn sehe ich nie wieder, ich weiß nicht einmal seinen Namen. Am vorletzten Tag rumort es im Bad, ich hoffe, dass Alex wieder da ist, rufe ein lautes „buongiorno“ durch den Flur und finde mich unvermittelt einer gigantischen, Dunkelheit ausstrahlenden, stark schielenden Frau gegenüber, die in Deutschland sicherlich das Zeug zur Walkürendarstellerin hätte. Mehr als ein erwiderter Gruß ist bei uns nicht an Dialogen drin. Nun, auch sie sehe ich nie wieder. Immerhin, mit Alex und Elvis bin ich über Whatsapp verbunden; damit ist er der zweite Elvis in meinem Telefonbuch, nach dem Pano-Elvis. Und à propos Frühstück, ich habe mir Käse gekauft, und im Rahmen der ganzen Italienischsprecherei habe ich jedes Mal, wenn ich mir Käse aufs Brot lege, den Wortohrwurm „Käsitschi“, in Anlehnung an Martin Kesici, den Singstartypen aus dem Fernsehen; so funktioniert mein Kopf, und ich bin sicher, dass ich bei Gehacktem ständig an seinen Kumpel Mark „Mettlock“ Medlock denken würde.

Immerhin eine spannende Bar finde ich: Den Van der Graaf Pub. Der Name verrät es: Hier dreht sich alles um den Progrock. Schon wieder. Die Kneipe ist bis zu den Toiletten vollgestopft mit Postern und Plattencovern klassischer Progbands, auch hier taucht Osanna immer wieder auf. Der Chef spielt mir deren Debütalbum „L‘uomo“ von 1971 bei Youtube vor; ja, arttypisch, und interessant, danach werde ich mal Ausschau halten. Der Chef liebt auch Progverwandtes wie Led Zeppelin, Lou Reed, Iron Maiden oder David Bowie, wie er mir stolz präsentiert. Was er indes nicht hat, ist Wein – seine Bar folgt der in Italien seit längerem grassierenden Bierkultur. Seine Bedienung findet irgendwas weißes Blubberndes im Kühlschrank, das nehme ich und bekomme freundlichst Erdnüsse, Chips und Oliven dazu. Der späte Abschied fällt sehr herzlich aus.

Andere gute Bars sind leider Mangelware. In den meisten Etablissements läuft stumpf Radio; der Italo Pop ist hier immer noch ein Hit, und nach meinem Befinden auch zu Recht. „Happy Station“ von Fun Fun hört man bei uns einfach nicht mehr. Ein Versäumnis! Überhaupt, die Achtziger dauern in Italien noch an. „I Want A New Drug“, singt Huey Lewis in Begleitung seiner News, während ich auf mein Weinglas gucke und denke: nö, ich nicht. Das ist leider das Gefährliche am Weine, dass er mir ein Gefühl von Glücklichsein vermittelt, aber gottlob kann ich maßhalten, also nicht die Maß; die auch, sicher. Aus einer Bar am Hafen dringt der alte Chanson „Parole Parole“ von Mina und Alberto Lupo, das Dalida unter anderem mit Harald Juhnke als „Worte, nur Worte“ auch auf Deutsch bekannt machte. Ich habe den Song sogar als Single, dargeboten von Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich, also Peter und Bob von den Drei Fragezeichen. Mehr Emotion als bei diesem Duett geht nicht. Aus einer anderen Gassenbar dröhnt Clubmusik, in Blickweite prangt ein „Sham 69“-Graffito an der Hauswand. Punkrock! Überhaupt weisen viele Stencils Savona angenehmerweise als „Zona Antifa“ aus. Schade indes, dass ich so etwas wie Sham 69 in keiner Bar zu hören bekomme.

Irgendwann beschließe ich, mich in der Touristeninformation beraten zu lassen. Irgendwo in Savona soll es beispielsweise eine Pinakothek geben, ich will wissen, wo. Auf Dom und Sixtinische Kapelle hingegen habe ich keine Lust. Jedoch: Sage mal jemand den Offiziellen, dass man eine Adressänderung der Touristeninformation den Touristen auch mitteilt. Auf diversen Stadtplänen finde ich drei verschiedene Standorte, die allesamt völlig frei von Touristeninformationen sind. In einer Apotheke verrät man mir den neuen Standort: am Fährhafen Palacrociere. Was ich dort erfahre, ist noch schlimmer: Die ganze Stadt, inklusive der Öffnungszeiten der Touristeninformation, ist an die Fährschiffe getaktet. Ab und zu driften nämlich Kreuzfahrtschiffe von der Größe des Saarlandes in den winzigen Hafen und schmeißen mit Touristen um sich. Nur dann sind die Pinakothek, der Dom, das Museum in der Festung, die Geschäfte und die Info geöffnet. Ich habe also Glück in diesem Moment. Auch mit meiner Ansprechpartnerin, die mir beim Stichwort „Vinyl“ eine Stelle auf dem Stadtplan ankreuzt, die ich von alleine niemals aufgesucht hätte, weil ich dort ein reines Wohngebiet vermutete, irrtümlich, wie sich herausstellt; sie erinnert sich an den Plattenladen dort, weil ihr Freund dort mal gearbeitet hat.

Ein Ziel! Ideal für einen Regentag. Den es tatsächlich gibt. Ich starte, der ausschließlich vormittäglichen Öffnungszeiten wegen, in der Pinakothek. Die ist wirklich klein, auch hier bin ich fast der einzige Gast. Im ersten Stock begleitet mich eine junge Aufpasserin durch drei Räume. Schweigend trotten wir hintereinander her. Sie betont in andere Richtungen blickend, ich bald betont in ihre: Ich spreche sie an, was eine gute Idee ist, denn wir haben – auf Englisch! – sehr viel Spaß miteinander. Sie nennt mir Hintergründe zu den Exponaten und ich teile ihr meine Eindrücke mit. Ein schöner Austausch. Bei den religiös geprägten Bildern etwa fällt mir auf, dass neben dem neugeborenen Jesus oft Leute mit Büchern stehen, was ja anachronistisch lustig ist. Ein Bild treibt es auf die Spitze, denn da hat jemand neben dem Jesuskind ein Kreuz in der Hand, bringt also zu Christi Geburt das Symbol für dessen Tod mit. So sind sie, die katholischen Künstler. Na, in erster Linie ging es ihnen wohl eher darum, Maltechniken auszuprobieren; wer sich auf die Stoffwürfe, Gesichtsstrukturen und Hintergründe konzentriert, sieht, wo die tatsächlichen Qualitäten der Künstler lagen. Einer der Hirten, auf Italienisch Pastore übrigens, die auf einem anderen Bild an die Krippe pilgern, sieht aus wie Bob Dylan, teile ich meiner Begleiterin mit, und nachdem sie herzerweichend süß „Bohb Dielan“ wiederholt, versteht sie, wen ich meine, und teilt lachend meinen Eindruck. In einem der Räume hat ein italienischer Sammler russische Ikonenbilder ausgestellt. Und zwar sehr freakige: Als ich gerade bei einem Bild die Maltechniken zwischen diesen und den italienischen Gemälden vergleichen will, fällt mir auf, dass Maria drei Hände hat. Ich teile den Witz mit meinem Bodyguard, und sie grinst nur und sagt, dass das auf allen Bildern so ist. Tatsächlich. Spooky. Sie erzählt, dass einem Heiligen die Hand abgeschlagen wurde und die Maler anfingen, sie dann Maria zukommen zu lassen, damit sie nicht wegkommt. Zunächst malten die Künstler die Hand Maria wie ein Amulett um den Hals, auf späteren Bildern trägt sie wie selbstverständlich damit ihr Kind. Mich erinnert ersteres an eine Hasenpfote, und meine Begleiterin weiß, dass es in Süditalien noch heute alte Leute gibt, die wirklich noch Hasenpfoten anfertigen. Damit ist diese Madonna jedenfalls deutlich cooler als Madonna Ciccone heutzutage.

Den Moment zwischen zwei Schauern nutze ich, um den dritten Plattenladen zu finden. „Vinyl Magic 3“ heißt er; ein „Mykonos 2“ gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft nicht. „Vinyl Magic 1 und 2 gibt es nicht mehr“, erzählt mir der Besitzer – vermutlich Ilario, wie Davide später vermutet; ich behalte den Namen der Einfachheit halber bei – trotz des eher tragischen Themas lachend. Tragische Themen hat er einige, und doch wirkt er zuversichtlich. Denn mehr als tragische hat er schwärmerische Themen. Sofort fällt mir auf, dass Davides Magazine ausliegen. Natürlich, sagt Ilario, man hat eine Kooperation. „Vinyl Magic 3“ hab ebenfalls ein eigenes Label, „Beard Of Stars Records“, doch legt Ilario es zu den Akten und betreibt den Ausverkauf. Es sei zu viel für ihn, er sei zu alt, aber es gebe Gespräche mit Davide, dass er das Label übernimmt und weiterführt. Ich suche mir aus seinem Programm „Cosmic Wind“ von Paul Chain The Instrumentalist mit, von dem Musiker erzählte auch Davide kurz etwas. „Ein wichtiger Musiker in Italien“, sagt Ilario anerkennend. Früher ein experimenteller psychedelischer und metallischer Gitarrist, heute schwebe der zumeist im Wallegewand umher und sei unter die Esoteriker diffundiert. Ich frage nach Osanna, was Ilario dazu bringt, mir Reprints ganz anderer italienischer Progbands in die Hand zu drücken, deren Namen ich mir dummerweise nicht merken konnte. „Du interessierst dich für Metal?“, fragt er dann und holt einen dicken Stapel neu eingetroffener Gebraucht-LPs von hinten. Neugierig gehe ich sie durch – und kenne nichts. Okay, Motörhead und Overkill, aber der Rest ist mir völlig fremd. Und sieht zudem so aus, als hätte man in den Achtzigern einen Dreizehnjährigen gebeten, sich Heavy-Metal-Covers auszudenken. Gelegentlich deutet Ilario auf einzelne Exemplare und hebt den unerwartet hohen Sammlerwert hervor. Er lacht: „Da geht es dann oft nicht mal mehr um die Musik.“ Also, auch „Vinyl Magic 3“ ist ein Ort nach meinem Geschmack.

Damit ist Savona für mich weitgehend erlebt. Zwischendurch erreicht mich eine SMS von Davide, dass in meinem Aufenthaltszeitraum nichts Spannendes stattfindet. Was zu erwarten war. Nun denn. In direkter Nachbarschaft und für mich auch zu Fuß erreichbar liegen zwei Örtchen mit den verwirrend ähnlichen Namen Albisola und Albissola. Das eine ist Albisola Superiore, das andere und interessantere Albissola Marina. Das weiß ich von der Touristeninformationsfrau, dass es links und rechts von Savona einiges zu entdecken gibt. Also Albissola, das damit lockt, dass da ein paar Künstler den 800 Meter langen Weg an der Strandpromenade mit Mosaiksteinchen gepflastert haben. Das stimmt wohl, die beiden Albis rühmen sich ohnehin ausdrücklich ihrer Keramikkünstler und Werkstätten. Und haben sonst auch nicht viel mehr zu bieten. Seit 1963, als der Mosaikweg angelegt wurde. Das ist typisch für die Riviera, da ähnelt sie dem Westharz: Man verließ sich so sehr auf seinen Ruf, der die Touristen anlockte, dass man es unterließ, sich weiterzuentwickeln. Heute hat vieles einen maroden Charakter und wirkt überkommen. Die Leute mit Geld, die früher etwa nach Sanremo fuhren, jetten heute für das gleiche Geld an exotischere Orte. Als solche mit Mosaikfußwegen. Als Dänemarkfan freue ich mich zumindest, dass auch der Maler Asger Jorn ein Mosaikkunststück beigesteuert hat, zwischen den ganzen mir unbekannten Italienern. Außerdem hinterließ er dem Ort seine Villa, die er damals kurz bewohnte. Aha, das erklärt das hohe Aufkommen von Dänen in dieser Gegend; einer erzählt mir, dass das Legoland in Billund zurzeit ein Museum einrichtet, das in ein, zwei Jahren fertig sein soll und dann sämtliche bisherigen Lego-Modelle zeigt – ein Traum. Was die Hinweisschilder in Albissola mir leider nicht verraten, ist, dass sich Jorns Villa sehr weit oberhalb des Ortes befindet, und was sie auch unterschlagen, sind die Öffnungszeiten an Vormittagen. Ich stehe nachmittags atemlos vor verschlossener Tür, immerhin mit prachtvollem Blick auf Mittelmeer und Baukräne, und trete den Rückweg an.

Zwischen Savona und Albissola befindet sich der inzwischen aufgegebene Startpunkt der Funivie. Dabei handelt es sich um die längste Seilbahn der Welt. Das allerdings verriet mit erst Wikipedia, nachdem ich bei einer Bergwanderung mehrmals auf die verrosteten Masten und die an dem Tag stillhängenden Kohlekübel stieß. Der Clou daran ist, dass damit Kohle aus dem Hafen direkt ins Hinterland (engl. „Hinterland“, echt) transportiert wird, was Abertausende Lkw-Ladungen vermeidet. Das ist eine spannende Attraktion, für die sich aber offenbar außer mir kein Tourist interessiert, weshalb Savona selbst sie auch verschweigt.

Auf der anderen Seite von Savona entdecke ich dann Noli. Das ist mir zu weit weg für mit den Füßen, es fährt ein Bus die Via Aurelia entlang. Und kurz vor meiner Heimreise nun erlebe ich endlich ein Italien, wie ich es kenne und mag, nur ebenfalls ohne Zikaden: Die Häuser sind mittelalterlich, gut erhalten und mit pittoresken Lädchen ausstaffiert, die Einheimischen treffen sich erst auf der freundlichen Strandpromenade, dann später im Zentrum wieder, sich begrüßend, austauschend, verabschiedend. Noli lädt zum Genießen ein. Das gelingt mir bestens. Zum Weißwein reicht man nicht nur Oliven, sondern auch Käse, Salami und Teigprodukte. Ein Glas Wein bestellen und eine kleine Mahlzeit bekommen. Hier lässt es sich aushalten. Aus der Bar dringt Reggaemusik. Selbst die Senioren mögen das. Viele gehen wippend und pfeifend vorbei, wenn sie nicht an einem Tisch mit Bekannten hängenbleiben. „Chase The Devil“ von Max Romeo kennt jeder und singt jeder mit, obwohl offen ist, dass sie wirklich die Version von Max Romeo kennen und nicht „Outer Space“, das The Prodigy daraus gemacht haben. Am nächsten Tag bin ich der schönen Stimmung wegen wieder in Noli, dieses Mal spielt diese Bar Coversongs in obskuren Versionen, etwa „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones in einer von einer Frau gesungenen Discoversion. Was auch Noli indes nicht kann, ist Dinge ausschildern: Die berühmte, über allem thronende Burg ist geschlossen, die Höhle im benachbarten Ortsteil Bergeggi, die Grotta del Treno, ebenfalls, genau wie die Meeresgrotte, die Grotta Marina, die man zwar mit dem Boot erkunden kann, zu Fuß aber ausschließlich zu vier festgelegten Zeiten im Jahr, die dummerweise allesamt nicht im September liegen.

Die letzte Empfehlung der Touristeninformationsfrau ist ein winziges Restaurant in der Via Pia, das die für Savona typische Farinata macht. Die probiere ich, Teigfladen aus Mehl oder Kirchererbsen, und ich mag beide gern, aber letztere lieber. Freitagabend, mein vorerst letzter Abend in Italien, da schlendere ich erneut durch die Straßen, und höre plötzlich „Carrie“, eine Single von Europe, an die sich ja nun wirklich niemand mehr erinnern kann, von irgendjemandem live dargeboten durch Savona wehen. Da muss ich doch sehr grinsen. Noch mehr, als ich sehe, wer den Lärm ausdünstet: Eine Handvoll junger Männer steht unter einer einzelnen LED-Leiste mit nur vier Spots und vor nur sehr wenigen Zuschauern auf Bierzeltgarnituren vor einer Bierbude und macht Mucke. Da setze ich mich sofort an einen der Tische der dazugehörigen Bar und bestelle einen Wein. Der kommt, anders als zuletzt in Noli, komplett ohne Sättigungsbeilagen daher. Uha. Ein Flyer auf dem Tisch verrät mir, dass die Harley Owners Group Italy dieses „6° McBierfest“ (Originaltitel!) veranstaltet. Heute spielen die Noisy Neighbors, und sie verbeißen sich wohl gerade in Europe, denn es folgt selbstredend „The Final Countdown“. Für morgen ist hier eine Disco angesetzt, das werde ich gottlob nicht mehr erleben. Die Keyboardfanfaren verklingen, der Applaus klingt so üppig wie bei einer lähmenden Pflichtschulveranstaltung in der Turnhalle. Natürlich folgt jetzt „Jump“ von Van Halen, ebenfalls Rock mit Keyboard, aber mit mehr Würde als bei Europe. Ein mir unbekanntes Stück ertönt noch, dann spielen die Jungspunde „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin in einer Version, die so klingt, als solle es das letzte Lied des Abends sein. Tatsächlich, der Tonmann blendet danach in die Konserve über. Die Bar hinter mir hält mit Funktionsmusik Marke Lana Del Rey, Lady Gaga oder Amy Winehouse dagegen und vertreibt mich damit.

Und dann ist der Tag der Abfahrt gekommen. Zuvor kehre ich natürlich wie verabredet bei Davide ein, das Ufomammut holen. Dabei bleibt es aber nicht. Davide freut sich, dass ich Wort halte, und fragt mich nach meinen Erfahrungen hier. Ich erzähle ihm, dass ich Savona seltsam finde, und er erläutert, dass das eine Industriestadt war und dass die Leute noch nicht verstanden haben, sich auf Touristen oder Gäste einzustellen. Man müsse der Stadt Zeit geben. Strukturwandel also, wie in Wolfsburg oder dem Ruhrgebiet, da klappt das auch eher unterschiedlich gut. Den Van der Graaf Pub kennt Davide natürlich, und über den Besitzer weiß er, dass er Gründungsmitglied einer der ersten italienischen Heavy-Metal-Bands in den Achtzigern war, Vanexa. Das Debüt gilt als das erste Metal-Album Italiens, sagt Davide. Unfassbar (wenngleich mir das Internet später sagt, dass jener Fabrizio Cruciani Sänger bei einer Metal-Band namens Knife Edge war). Auch „Vinyl Magic 3“ kennt Davide natürlich, und ärgert sich jetzt, dass er vergaß, mir davon zu erzählen. Aber ich hab es ja auch ohne ihn gefunden. Der Chef Ilario sei nicht einfach nur ein Freund, sagt Davide, sondern ein Bruder. Das Magazin „Vincebus Eruptum“ hat er zusammen mit Ilario gegründet, damals noch auf Italienisch, heute schreibt er alles auf Englisch. Die Druckfahnen der nächsten Ausgabe liegen vor ihm auf dem Tresen. Vor lauter Freude schenkt er mir ein Exemplar von Ausgabe drei, das in einer TV-Dokumentation zu sehen ist und daher einige Berühmtheit erlangte. Auch bestätigt er die angedachte Labelkooperation mit Ilario. Dann erzählt er von der Band That’s All Folks!, aus der später Anuseye hervorgingen und die seinerzeit auf Beard Of Stars erschien. Sein letztes Exemplar des wegweisenden Psychedelic-Stoner-Albums „Zoma … 3rd Way To Zion“ lege ich zu der Ufomammut-CD „Eve“. Zu Ufomammut hat Davide selbstredend auch enge Verbindungen, deren Grafiker hat mit ihm schon zusammengearbeitet. Ich entdecke, auf wie vielen der Plakate im Laden tatsächlich „Ufomammut“ steht. Davide zeigt mir das erste Interview mit der Band, das natürlich in seinem Magazin erschien. Auch Osanna sagt Davide etwas, aber er findet andere Progbands relevanter, etwa Garybaldi, humorig mit Y in der Mitte, und deren LP „Nuda“, mit dem dreifach klappbaren Gatefold, auf dem eine nackte Frau zu sehen ist, gestaltet vom zumindest in Italien berühmten Comickünstler Guido Crepax und als Vinyl heute extrem schwer zu bekommen. Eine weitere Freundschaft pflegt Davide zu Taxi Driver Records, dem Laden, den ich vergangenes Jahr in Genua entdeckte und wo ich mir mein persönliches bestes Album des Jahres 2014 empfehlen ließ, das selbstbetitelte Debüt von Mope, Doom Metal mit Saxophon, großartig. „Die Besitzerin von dem Laden spielt dort das Saxophon“, verrät mit Davide. Die Empfehlende selbst verschwieg es mir. „Sie ist bescheiden“, sagt Davide. Was für ein Laden, hier läuft alles zusammen. Das sieht er auch so und strahlt: „Hier ist das Herz der psychedelischen Musik in Italien.“ Er greift geschwind in die Box mit den LPs von The Great Astoria, die jetzt offiziell zu haben sind, und steckt eine davon in meine Tüte. „Als Promo-Kopie“, sagt er. Da ist sie wieder, die Freigiebigkeit der Ligurer. Und ganz sicher bekommt er ein Review von mir.

Zuletzt fragt Davide mich, ob ich vorhabe, nach Ligurien zurückzukehren. Aber ganz bestimmt! Ehrlicherweise hätte ich ohne ihn kein Ziel in Savona gehabt, das das Wiederkommen rechtfertigte. Aber sein Laden macht den Urlaub zur Heimat und holt das auf eine andere Art Besondere an das für mich ohnehin nicht alltägliche Mittelmeer. Jetzt freue ich mich aber auf zu Hause. Ich muss dringend ins Riptide. Mal gucken, ob sie was von Osanna, Garybaldi oder Vanexa bestellen können. Und ich muss Doktor Günther mal fragen, den Stoner-Experten in Braunschweig, ob er was von meinen Mitbringseln kennt und vielleicht schon auf seiner Doom-Charts-Webseite besprochen hat. Und warm anziehen: Ist das kalt hier!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#94 Sommer 08/15

24. August 2015


Montag, 24. August 2015

Die jeweils zweistellige Kombination aus Monat und Jahr ergibt in diesem August die Chiffre für die Durchschnittlichkeit schlechthin, benannt nach einem Maschinengewehr aus dem Ersten Weltkrieg, das heuer auch noch genau 100 Jahre alt wird: 08/15. Das fiel mir tatsächlich auch erst auf, als ich die dem Musikexpress beigelegte CD aus der Plastikfolie nahm und zunächst über den aufgedruckten Titel „0815“ stutzte. Auch die „taz“ widmete sich in der Ausgabe vom vergangenen Wochenende in ihrem Schwerpunkt dem solcher Art codierten Mittelmaß. Und dieser Sommer gibt sich augenfällig alle Mühe, die zahlenimmanenten Bedingungen zu erfüllen: Er schwankt zwischen notwendiger Heizung und schwüler Hitze, mit viel zu wenigen klimatisch angenehmen Tagen dazwischen. Ein solcher war der gestrige, an dem ich quasi meine überfällige Braunschweig-Taufe erfuhr, indem ich erstmals ein Bad in der Oker nahm. Aber das nur am Rande, beim Thema Musikexpress fällt mir nämlich noch das Oxymoron ein, das sich der Rolling Stone kürzlich leistete: Vermutlich lag es daran, dass da ein US-Artikel transkribiert wurde, und die US-Autoren erkennt man an ihrem manierlichen Stil sogar in der Übersetzung. Jedenfalls schrieb da jemand über eine Schauspielerin der TV-Serie „Orange Is The New Black“, sie „nähte sich ihre Secondhandklamotten selbst“. Das finde ich fantastisch, seitdem schreinere ich mir meine eigenen Sperrmüllmöbel.

Trotz der zu erwartenden Gewitterstürme will ich heute draußen sitzen, im Achteck vom Café Riptide, unter der Segeltuchplane, denn wer glaubt schon der Wettervorhersage. Weil es noch kurz vor Mittag und also vor der offiziellen Riptideöffnung ist, kehre ich zunächst bei Comiculture ein und frage Stefan, ob mein bestelltes Hardcover von Flix‘ „Faust – Der Tragödie erster Teil“ bereits eingetroffen ist. „Der hat einen guten Strich“, lobte auch Stefan bei meiner Bestellabgabe den Zeichner, aber heute muss er mich noch vertrösten und tut dies, indem er mir freundlicherweise zwei Ausgaben vergangener Gratiscomictagecomics mit auf den Weg gibt.

Und obwohl es immer noch vor zwölf Uhr ist, lässt mich Vicky schon an einem der Tische draußen Platz nehmen. Marco fegt noch akribisch um meinen Stuhl herum, ich warte artig, bis er sagt: „Setz dich, nimm dir einen Keks.“ Ich stelle grinsend fest, dass dieser Aufforderung im Original noch ein „Du Arsch“ folgt. Marco grübelt, woher das Zitat kommt, und ich bestätige seine Mutmaßung, dass es „Life Of Brian“ ist. Marco schwärmt von dem intelligenten Unsinn, den Monty Python entwickelten, und meint, dass danach in Sachen Comedy nichts Vergleichbares mehr kam.

Vicky bringt mir meine obligatorische Kaffee-Kola, und nach einer Weile setzt sich Arni zu mir. Wir haben uns ewig nicht gesehen und entsprechend viel zu erzählen. Arni bekommt von Vicky eine Rhabarberschorle, dann radelt Fossi durch den Handelsweg, sieht uns, stoppt kurzerhand und setzt sich mit dem Fahrrad im Anschlag auf den freien Platz an unserem Tisch. Vicky fragt ihn breit grinsend: „Willst du ein Radler?“ Fossi ist so irritiert wie wir und sagt: „Äh, nein?“, und erst dann begreifen wir gleichzeitig, dass Vicky auf sein Gefährt anspielt. Sie kichert: „Das musste sein.“

Doch Fossi will nach einem kurzen Intermezzo schon weiter. Seinen Platz nimmt nur wenige Momente darauf Jogi ein. Arni und er kennen sich noch nicht, nur vom Hörensagen bislang. Als Arni erwähnt, dass er für eine Gitarre spart, will Jogi ihm eine aus seinem Fundus anbieten, doch Arni wehrt ab: „Ich habe bei Schepper im Laden eine Gitarre gefunden.“ Schepper ist Verkäufer bei More Than Music in der Wilhelmstraße. Jogi weiß das: „Da arbeite ich auch, in der Musikschule als Gitarrenlehrer.“ Kleine Welt, wie immer. Arni schwärmt von der Breedlove-Gitarre, die er für sich entdeckte, und dass die als einzige dort ausprobierte so besonders bei ihm klang wie keine andere, und dass sie auch nur bei ihm wohl so besonders klang wie bei sonst niemandem. Schepper und er seien verblüfft und überzeugt von der Kombination gewesen. Jogi versteht das: „Die Gitarre, die was macht, und der Spieler, der was macht, das muss zusammenpassen.“ Arni nickt: „Man kauft ja auch nicht so oft Gitarren, vielleicht alle zehn Jahre mal.“ Davon ist Jogi nur bedingt überzeugt: „Ja, aber!“, stottert er mit großen Augen und überrascht von der Aussage. Er gibt dann aber zu, dass er sich tatsächlich auch momentan weniger auf Gitarren konzentriert, dafür aber auf kleinere Instrumente, wie Mandolinen etwa, von denen er womöglich auch ausgewählte Exemplare verkaufen würde. „Das interessiert mich auch, da könnten wir ins Geschäft kommen“, sagt Arni. Jogi überlegt, einmal Metalsongs mit Geige oder Mandoline nachzuspielen, und da werfe ich Steve‘n'Seagulls ein, die Finnen, die so etwas ebenfalls machen, und sofort fangen Arni und Jogi an, von denen zu schwärmen, von „Thunderstruck“, „The Trooper“ und deren Metallica-Versionen.

Während sich die beiden darüber austauschen, wie Mandolinen überhaupt gestimmt werden, wie Geigen nämlich, denke ich an den jüngsten Sonntagsausflug mit einer Freundin an den Südsee, an den ich sonst selten und sie bislang sogar noch nie Ausflüge machte. Jogi holte uns auf dem Weg dorthin zufällig mit dem Fahrrad und mit Instrumententaschen bepackt ein. Er wollte eigentlich in seinen Büchern über Musiktheorie stöbern, sagte er, und schloss sich uns kurzerhand an. Am Südzipfel des Sees fanden wir eine für uns geeignete Ruhestelle, breiteten Decken aus und ließen uns nieder. Während sich die Freundin bei tiefstehender Sommersonne in den See gleiten ließ, spielte Jogi auf der Mandoline russische Volkslieder. Herrlich. Ich kam mir vor wie in einem schwedischen 70er-Jahre-Film.

Jetzt erzählt Jogi Arni von den Okerfloßtouren, die er mit seiner Band Arjomi im Sommer regelmäßig macht. Die letzte für dieses Jahr findet am 13. September statt, ab 16 Uhr von der Floßstation am Kennedyplatz aus. Im vergangenen Jahr war ich dabei, im Rahmen einer Geburtstagsfeier, ebenfalls beim Jahresabschlusstermin. Wenn Arjomi auf der Oker spielen, dann grundsätzlich mit Lord Schadt als Kapitän. Der machte unter den akustisch vorteilhaften Brücken kleine Pausen und drehte, sobald sich die Band in einem hypnotischen Loop verlor, an einer Okergabelung rotierend Kreise. Die Weltmusikfolklore mit Elementen aus Irland, von Indianern und aus sonst welchen psychedelisch behafteten Einflüssen passte perfekt zu der Tour. Wenn ich es schaffe, will ich im September auch wieder dabei sein; Arni fürchtet, dass er dann arbeiten muss.

Käpt‘n Schadt und Arni verbindet etwas, das ich Arni gerade in die Hand drücke: Er gestaltete das Titelbild für des Lords Buch „Johny & Jack @ Moe’s“. Arni malt nämlich gelegentlich mit Kreide, in diesem Fall eine Barsituation, im für ihn typischen dunklen Blau. Und der Lord war überdies einer der vier Mitschwimmer gestern Abend in der Oker. Für den Piraten vermutlich auch mal eine etwas andere Perspektive auf den Fluss, der ihm sonst sommers schippernd das Einkommen sichert.

Ein weiteres Buch liegt bei mir auf dem Tisch: „Die Wahrheit über Braunschweig“, eine Anthologie von Andreas Reiffer, druckfrisch in seinem Verlag erschienen. Darin lassen sich auf sympathische Weise 15 Literaten über diese unsere Heimatstadt aus, zwischen Lobhudelei und Lästerei, darunter auch Riptide-Weggefährten sowie sonstige Bekannte wie Axel Klingenberg, Dominik Bartels, Frank Schäfer, Gerald Fricke, Hardy Crueger, Marcel Pollex, Till Burgwächter, Wiebke Saathoff. Noch habe ich es zwar nicht ganz durch, fühle mich aber wie bei den Anthologien aus dem Reiffer-Verlag gewohnt bestens unterhalten.

Zum Lesen komme ich hier und jetzt sowieso nicht, gottlob. Jogi erzählt von der Idee, einen Vinyl-Abend zum Thema „Psychedelische Musik“ zu machen, und dann „ganze Plattenseiten“ zu spielen, wie „Die Grüne Reise“ von Achim Reichel, von der mir Schepper zufällig gerade am Samstag noch vorschwärmte. „Das ist eine Hammerscheibe“, findet auch Jogi. „Monsieur Reichel hat sich ein Digitaldelay zugelegt und damit herumexperimentiert.“ Das war 1971 und unter dem Namen „A.R. & Machines“, kurz nach Reichels Ausstieg bei den Rattles und Jahre vor dem unsäglichen „Aloha Heja He“, das bei Discogs nicht von ungefähr unter „Schlager“ gelistet wird. „Eine dicke Tüte und zurücklehnen“, sagt Jogi entspannt bei der Imagination eines solchen Vinylabends: „Theoretisch ist es das, ja.“ Von Scheppers jüngstem Solobass-Auftritt bei den Eiko-Musikschöpfungen in der KaufBar schwärmen Jogi und ich gleichermaßen. Musikalisch war es wie immer großartig, aber auch sonst. Nach dem ersten Song entstand eine Pause, bevor das Publikum reagierte, und Schepper sagte: „Es ist so still, man kann eine Steckrübe fallen hören.“

Das Achteck ist längst schon voller Gäste. Vicky ist schwer beschäftigt, auch André kommt ab und zu vollbepackt ins Café. An einem Tisch sprechen die Gäste lauthals und fröhlich natives Englisch, an einem anderen spielen zwei Strategen still versunken Schach. Helmut öffnet die Strohpinte und schwatzt mit den ersten Gästen, Achim sitzt zeitunglesend vorm Tante Puttchen, während die ersten Leute bei ihm Platz nehmen. Serges Laden ist montags geschlossen; sein neues Buch „Lucky Man“, das er als pdf herausbrachte, hab ich mir bei unserem jüngsten Treffen schon gekauft: Der USB-Stick ruht in einer edlen Metallbox, die zumindest optisch die Anmutung eines Buches hat, wenn der Inhalt schon nicht auf Papier gedruckt ist. Sina tritt jetzt ihren Dienst an und unterstützt Vicky, beide erfrischen nicht nur mit Getränken, sondern auch mit ihrer charmanten Freundlichkeit.

Und jetzt bekommt Arni Besuch, denn aus dem Café kommen Bastian Till und Lena an unseren Tisch. Bastian Till und Arni waren mal Kollegen, jetzt betreibt Bastian Till in Gifhorn ein Stadtmagazin namens „Kurt“, oder besser „KURT“, wie er es geschrieben wissen will. Er und Lena arbeiten gerade an der neuen Ausgabe, die heute eigentlich hätte fertig werden sollen, „aber das klappt nicht“, so Bastian Till, „und wir hatten Hunger“. In Gifhorn gebe es keine veganen Speisenangebote, was Bastian Till als Vegetarier nicht so sehr trifft wie Lena als Veganerin, „und deshalb mussten wir herkommen“, sagt sie. „Trotz enormen Zeitdrucks“, ergänzt Bastian Till. Diese kleine Mittagspause nutzte er nebenbei für ein kleines dienstliches Treffen. „Und dafür machen wir heute Abend länger“, weiß Lena gespielt resigniert.

Im „KURT“ standen Arni und ich auch schon mal drin, und zwar, als wir kürzlich an einer Startnext-Kampagne mit Olafs Projekt Blinky Blinky Computerband beteiligt waren. Dabei sollte eine LP herauskommen, was zwar später scheiterte, aber dort den Kern des Artikels bildete. Als das Treffen mit Bastian Till, Olaf und Arni stattfand, war ich gerade im Ruhrgebiet unterwegs; jetzt lernte ich den „KURT“-Chef also endlich persönlich kennen, wenn auch gehetzt, denn Lena und ihn pressiert es, sie müssen dringend zu einem Termin nach Gifhorn zurückfahren.

Jogi will auch nach Hause; er überlegt, ob er sich noch seine Instrumente schnappt und im Park üben geht. Da macht ihm leider der einsetzende Regen einen Strich durch die Rechnung. Der begleitet nun auch Arni und mich nach Hause. Und leider kühlt der Regen die Luft nicht ab, sondern fördert eine drückende Schwüle. Was für ein 08/15-Sommer.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#91 Hüben & Heuer

12. Mai 2015


Montag, 11. Mai

Sonne. Und eine Temperatur im zweistelligen Bereich. Draußen ist es so warm, dass man zur Abkühlung in die Rip-Lounge gehen kann. Sehr ungewohnt. Nachdem ich Jasmin begrüßt habe, die an diesem Montagmittag noch allein im Café Riptide zugange ist, setze ich mich mit einem kaffeehaltigen Erfrischungsgetränk an einen der Tische im Achteck und schmökere weiter in Toddns jüngstem Buch „Im Hohlraum der Jahre“ aus seiner Buchbauer-Reihe. Nebenan öffnet Helmut seine Strohpinte und setzt sich unter der kleinen weiß blühenden Kastanie neben dem Eingang in die Sonne. Einen Eingang weiter empfängt Stefan Kundschaft in seinem Grafikliteraturgeschäft Comiculture. Serges aufgeräumter Antiquitätenladen auf der anderen Seite des Cafés ist montags geschlossen. Wie so viele andere Einrichtungen auch: Gambit, Café Himmelhoch, Raute Records. Wie gut, dass das Riptide seine Atempause schon am Sonntag einlegt und ich am Montag hier im Achteck sitzen kann.

Und meine zwangsläufig in die Jahre gekommenen Körperteile wohlsortiert abhängen lassen kann. Die Samstagnacht verbrachte ich nämlich bis in die frühen Morgenstunden stehend, denn Henrik und ich beschallten das Nexus zur 16. Indie-Ü30-Party. So mühsam wie dieses Mal schleppte ich mich an den folgenden Tagen noch nie von der Matratze in die Senkrechte. Es ist eben auch schon mehr als eine Dekade her, dass wir die Ü30-Grenze überschritten haben. Aber wert ist es uns das immer wieder, es macht uns einen Heidenspaß, mit den Gästen zu feiern. Und mit dem Nexus-Team, bei dem wir uns seit nunmehr acht Jahren als Teil der Familie empfinden. Und wie kein Silver Club für mich ohne Schlepperei ein echter Silver Club ist, ist eine Indie-Ü30-Party keine echte ohne die Aufräumaktion am Sonntag. Mit einem erstaunlich großen Helferteam waren wir dieses Mal zwischen Zaun und Toiletten fleißig, und wie fast immer saßen wir vorher, zwischendurch und hinterher irgendwo auf dem Hof in der Sonne und ließen uns Unsinn einfallen. Letztes Mal eine schräge Punk-Adventsfeier, dieses Mal die Supermarkt-Sportart Pfand-Dart. Bullseye! Außerdem drückte mir Thomas zwei Vinyl-Tonträger in die Hand: Die neue Zehn-Song-Single seines Projektes Kackschlacht, fantastisch auf gelbem Vinyl, und die nach diversen CDrs erste LP seiner Band E-Egal, „Ich hätt gern Pommes zu der Wahrheit“. Ich fühle mich mehr als geehrt: Meine LP trägt die handnummerierte 1 von 500 Exemplaren. Diese LP stellen E-Egal ab dieser Woche auf einer kleinen Tour vor, am 21. Mai natürlich auch im heimischen Nexus.

Ebenso stolz bin ich auf die neue CD von Kaltmiete und wie sie in meine Hände geriet: Für Steffis Magazin Kult-Tour – Der Stadtblog will ich eine Geschichte über Murder At The Registry machen, deren Chef Tom mich dafür zu Bandproben in den Schimmelhof einlud. Anlass ist ein Gig an Pfingsten in Leipzig, aber nicht beim WGT, dem Wave-Gotik-Treffen, sondern beim Gothic Pogo Festival im Werk 2. Da Tom seine Band aus tragischen Gründen eine Weile lang ruhen gelassen hatte, rekrutierte er für den Neustart auch neue Mitmusiker, um das unvollendete Album „Notsorry“ doch noch auf die Bühne zu bringen. Neben Ralf von Frank The Baptist aus Berlin sind das Krusty und Martin von Kaltmiete. Die waren mir aus dem Trottelkacker-Umfeld schon immer ein Begriff, und bei ihrem Beitrag zu „100 Tage – 100 Bands“ seinerzeit im Meier hatten sie mich mit ihren Helmet-artigen Stop-and-go-Riffs mitgerissen. Im Magazin Sonic Seducer lustigerweise las ich davon, dass es mit „Auf Wiedervorlage“ nun das zweite Kaltmiete-Album nach satten 18 Jahren gibt. Und prompt drückte mir Krusty ein Exemplar in die Hand. Und ein weiteres für Interessierte; da führte ich Schepper an, was bei Krusty und Martin sofort auf Gegenliebe stieß.

Und schon schwebt Schepper ins Achteck und setzt sich zu mir an den Tisch. „Das Buch habe ich auch“, stellt er mit Blick auf Toddns Werk fest. Das gibt’s auch im Riptide zu kaufen. Er bestellt bei Jasmin einen Tee und ich einen Burger. Und er freut sich enorm über die CD. Derweil trifft André ein, schwer bepackt: Er bringt die Einkäufe mit einer Sackkarre vom Lieferfahrzeug ins Café. Peter schließt eben die Einraum-Galerie gegenüber der Strohpinte ab und vereinbart im Vorbeigehen ein Treffen mit Schepper, denn der soll bei der dritten Ausgabe des Sedanfestes im Handelsweg Ende Juni mit seinem Bass auftreten, wie schon beim ersten Mal. Schon nächste Woche Dienstag spielt Schepper in Hannover, im TAK-Theater, als Gast der Lesebühne Nachtbarden mit Ninia LaGrande, Tobias Kunze, Johannes Weigel und Kersten Flenter. Außer Schepper ist noch Sabrina Schauer zu Gast. Das wird ein Fest, ich fahre nämlich mit und freue mich wie er auf den Gig.

An kuriosen Gigs habe ich in diesem noch kurzen Jahr schon einige erlebt. Da kann man noch so alt werden, irgendwas Neues passiert immer. Zum Beispiel die Sache mit dem Vollplaybacktheater in Wuppertal und dem Punkkonzert in Essen. Eigentlich wollte das Vollplaybacktheater im Winter nach einer mittellangen Pause wieder auf Tour gehen, dieses Mal nicht mit den Drei Fragezeichen, sondern mit Pulp Fiction. Doch erlebten die Wuppertaler den Rock‘n'Roll-Albtraum schlechthin: Der Tourmanager brannte mit der Kasse durch. Also brach das Ensemble schweren Herzens, aber notwendigerweise die Tour ab, die es auch nach Wolfenbüttel geführt hätte. Zu Hause auftreten hingegen ging auch ohne Tourmanager, also beraumten die sechs Darsteller vier Auftritte in ihrer alten Schule in Wuppertal an. Erst wenige Tage vorher fiel mir siedendheiß ein, dass ich ja Zeit hatte, hinzufahren. Über Airbnb versuchte ich, in Wuppertal einen bezahlbaren Schlafplatz zu finden, jedoch gelang es mir nur in Essen, die selbstauferlegte Auflage „bezahlbar“ einzuhalten. Sind ja nur ein paar Kilometer, und wenn ich schon mal da war, dann auch gerne für eine Nacht länger, es gab schließlich einige Abraumhalden, Landmarken und sonstige Dinge, die ich noch nicht kannte. Und mich trieb der Wunsch um, irgendwie in die Subkultur des Potts abzutauchen, was als Ortsfremder schwieriger ist als etwa in Hamburg, Dresden oder Berlin, wo die Subkultur als erste grobe Anlaufstelle eigene Viertel anbietet, wenngleich diese natürlich inzwischen touristisch erschlossen sind, aber immerhin. Jedenfalls erlebte ich am ersten Abend noch außerhalb des Ruhrgebiets das Vollplaybacktheater mit dem legendären Abschlussruf, der den Namen der jeweiligen Auftrittsstadt und eine bestimmte Musikrichtung kombiniert, in der Heimat des Ensembles, womit ich im Leben nie gerechnet hätte: „Wuppertal – Rock‘n'Roll!“ Wie geil. Selig schlief ich in Essen bei meiner Gastgeberin auf dem Sofa ein, wissend, dass so ein Abend auf Ewigkeiten hin nicht zu überbieten wäre, aber nicht ahnend, dass so eine Ewigkeit auch mal keine 24 Stunden dauern könnte. Denn als ich frühstückte, brachte meine Gastgeberin eine Freundin mit, und mit der verstand mich mich sofort bestens. Als sie erfuhr, dass ich mich für Musik interessiere, erzählte sie, dass ihr Freund einer von vielen Betreibern einer Punk-Bar in Essen sei und dass da am Abend ein Konzert stattfinde: „Willst du mit?“ Was für eine Frage, na logo! Da war sie, die Chance, in die Subkultur abzutauchen. Wir tauschten Nummern aus und trafen uns abends in der Bar, dem Panic Room am Nordrand der Essener Innenstadt. Dort veranstaltete Die Partei ein Benefizkonzert mit vier Bands, um die Wahlkampagne für die eigene Oberbürgermeisterkandidatur zu finanzieren. Der Panic Room erwies sich als groß, verschachtelt und freundlich. Als meine Begleiterin mir ihren Freund vorstellte, der gerade die erste Band mischte, meinte der: „Braunschweig, da hab ich mit meiner Band auch mal gespielt, im Fire-Abend, ich hab sogar noch den Mitgliedsausweis.“ Okay. Das musste ich erstmal verdauen. Über was für Umwege ich überhaupt in Essen in dieser Bar gelandet war, und dann so eine Information. Meine Begleiterin schleppte mich weiter zur Theke, an der der eigentliche Chef des Panic Room ausschenkte. Wir verstanden uns sofort, und auch mit ihren anderen Bekannten kam ich schnell ins Gespräch. Irgendwann verließ sie mich, weil sie am nächsten Tag in den Urlaub wollte. Aber ich blieb ja nicht allein. So lernte ich unter anderem Keith kennen, den alle „Kies“ nannten, der sich nach einer Weile als zweiter Schlagzeuger von Eisenpimmel vorstellte und der mir wilde Geschichten aus dem Studio erzählte. Derweil brachte eine weitere lokale Punk-Größe von der Bühne aus den Saal zum Toben: El Fisch von den Lokalmatadoren schrammelte die Akustikklampfe vor seiner Wanne und ließ die Leute „Bottroper Bier“ von Jürgen von Manger mitgrölen, den Hit zur Melodie von „Griechischer Wein“. Höhepunkt war der Song „Ich bin voll wie die A 40“, über den selbst die Leute lachten, die regelmäßig auf der Ruhrpottautobahn im Stau stehen und auf diesen Vergleich eigentlich längst selbst gekommen sein müssten. Was für ein Spaß. Ich verließ irgendwann den Panic Room händeschüttelnd und leuteumarmend, als wäre ich Stammgast gewesen. Essen macht Laune. In jeder Hinsicht.

Der Riptide-Burger ist nämlich gut, wie immer. Bonanza-Burger mit Edamer. Und einer fantastischen Soße. Auch zu den Tortilla-Chips reicht mir Jasmin ein Schälchen mit einem gottlob nicht zu scharfen roten Dip. Ist schon schön, jetzt wieder draußen sitzen zu können, ohne zu frieren. Seit ein paar Tagen sind auch wieder die Schwalben in der Stadt, später als sonst, aber immerhin überhaupt. Das Gekreische ist überall zu hören. Es kann losgehen mit dem Sommer.

Kurz nach der Ruhrtour war ich in Leipzig, um die junge Kopenhagener Black-Metal-Band Solbrud zu sehen. Die hatte mir eine Freundin aus der Heimatstadt der Band empfohlen. Als sie sie dort gesehen hatte, mir Vorband vor 1000 Leuten, erwarb sie für mich die beiden LPs und ließ sie signieren, mit dem Hinweis, das sei für einen Freund in Deutschland. Darüber freute sich die Band so sehr, dass sie für mich ein Patch und ein Poster drauflegte. Darüber wiederum freute ich mich so sehr, dass ich der Band per Email dankte – schöne neue Welt. Die Antwort kam prompt und überraschenderweise auf Deutsch und enthielt den Hinweis auf drei Konzerte in Deutschland, in Chemnitz, Frankfurt am Main und Leipzig. Dummerweise an einem Wochenende, an dem ich bereits verplant war. Aber nicht am Leipzig-Montag. Am Morgen checkte ich daher noch schnell, wo genau die Band spielen sollte – und scheiterte. Das war nicht herauszufinden. Es gab vage Ortsangaben, aber nie mit genauer Adresse. Wie kann man eine aufstrebende Newcomer-Band aus einem Nachbarland so verstecken? Über investigative Suchmaschinenbefütterung ermittelte ich schließlich eine Handynummer, unter der man mir konspirativ die korrekte Adresse nannte. Also fuhr ich los. Zunächst verbrachte ich den Tag in der Südvorstadt, dann machte ich mich auf nach Plagwitz, um den offiziell nicht genau lokalisierten Clubraum ausfindig zu machen. Das gelang mir, mitten in einer den Graffiti nach zu urteilen angenehm linksalternativen Gegend: Es handelte sich um eine Erdgeschosswohnung in einem Altbau, ohne Logo und mit lediglich einigen flatterhaften kopierten Plakaten an der Tür. Drinnen erklärte man mir den Grund für die Geheimnistuerei: Wenn nur die Leute zum Konzert kommen, die wissen, wo der Clubraum ist, ist der übervoll. Da hatte ich also Glück. Bis die Band eintraf, unterhielt ich mich mit einem US-Amerikaner, der nach Leipzig ausgewandert war, ohne ein Wort Deutsch zu können, und der sich in Sachsen damit konfrontiert sah, dass es nicht eben die einfachste Gegend zum Erlernen der Sprache war. Dann kehrte die Band vom Essen zurück und arrangierte ihr Instrumentarium in einem kleinen Zimmer, das als Bühne diente. Die Augen der jungen Dänen weiteten sich vor Fassungslosigkeit, als ich mich zu erkennen gab: Der Typ mit dem Patch und der Email und der Freundin in Kopenhagen, der zwei Stunden Fahrt auf sich genommen hatte, um Solbrud zu sehen. Als wäre dieses Treffen nicht schon ein ausreichend besonderer Moment, baten mich die Musiker, nach dem Konzert für ein Foto zu bleiben, das sie mit dem Fan machen wollten, der so viel für sie auf sich nahm: „Wir haben vor 1000 Leuten gespielt, aber dass einer 200 Kilometer für uns fährt, ist mehr wert“, sagte einer. Als ich einige Tage später Scheppers Schwester in Roskilde besuchte und ihr davon erzählte, postete sie auf Dänisch unter das Foto auf der Facebook-Seite von Solbrud, dass ich gerade neben ihr stünde. Dieses Internet!

Das sorgte kurz darauf für eine weitere erzkrasse Geschichte: Im August veröffentlichten die Neuseeländer Shihad ihr jüngstes Album „FVEY“, gesprochen „Five Eyes“, nach einem Staatenbund. Killing-Joke-Sänger Jaz Coleman produzierte es, ebenso wie das Debüt vor über 20 Jahren, mit dem Shihad sogar im Brain gespielt hatten. Ich bekam das mit „FVEY“ zu spät mit, und als ich mich informierte, war die limitierte Fassung des Albums mit vier Liedern mehr längst vergriffen. Und zwar weltweit. Ich schrieb Band, Label, Management und Aberdutzende Plattenläden überall auf dem Globus und vornehmlich in Neuseeland an. Vergeblich. Selbst die Standard-Version war nur selten zu haben. Irgendwann bot aber jemand die limitierte Fassung bei Trade Me an, einem neuseeländischen eBay, zum Sofortkaufen für umgerechnet lachhafte zehn Euro. Mein Versuch, mich bei Trade Me zu registrieren, scheiterte an der Auswahlbox, in welchem Teil Neuseelands ich denn wohnte. Mist, die CD zum Greifgen nah, und dann das. Also schrieb ich den Trade-Me-Support an und erklärte meine Lage. Die sofortige Antwort lautete, dass man für mich keine Ausnahme machen könne, man müsse schon in Neuseeland oder Australien leben. Ich fragte, ob man nicht dem Verkäufer meine Emailadresse weiterreichen könnte. Antwort: Diesen Service bieten wir nicht an. Na, danke. Aber es gibt ja eBay, vielleicht hatte der Verkäufer dort einen Account unter dem selben Namen. Hatte er nicht. Ja, aber. Auf Trade Me konnte jeder ein Profil anlegen. So auch der Verkäufer, der dort allerdings lediglich Nicknamen, Wohnort und ein Bungeefoto hinterließ. Nickname im Wortsinne, er hieß Nicky. Da war auch mit Google nicht viel zu wollen. Außer vielleicht, wenn ich zum Namen und zur Stadt als dritten Suchbegriff „Facebook“ eingab. Und siehe da, das ergab Treffer: Ich fand – einen Immobilienmakler. Ernüchtert scrollte ich in seinem Facebook-Profil herum – und stieß dabei auf Bungeefotos. Eine Spur! Seine Webseite war verlinkt, dort war seine Emailadresse hinterlegt, denn anders konnte ich ihm als Nicht-Facbooker nicht auf die Pelle rücken. Ich schilderte ihm mein Anliegen und wartete. Nicht lang, dann kam die Antwort: „Gute detektivische Arbeit!“ Ich hatte ihn gefunden. Und damit „FVEY“ in greifbare Nähe gerückt. Er schlug mir einen Deal vor: Er wollte mir die CD nicht für Geld schicken, sondern für „Offline“, das jüngste Album der Guano Apes, das es in Neuseeland nicht gab. Je nun! Gerne, ich besorgte ihm stante pede die limitierte Fassung, Auge um Auge. Die Band kannte er, weil er mal eine Freundin aus Göttingen hatte. Unglaublich. Ich legte ihm noch eine CD von Blinky Blinky Computerband dazu, auf der auch meine Stimme zu hören war, und erfuhr im Gegenzug, dass er selbst einst Bassist der Rockband Redline war und jetzt als Vega Verona eher elektronische Musik macht. Seinen Teil dieser Geschichte notierte er zudem exklusiv für mein Krautnick-Onlinemagazin. Vielleicht treffen wir uns dieses Jahr sogar noch, er will Freunde in der Nähe von Leipzig besuchen. Ja, dieses Internet!

Eine Internetbekanntschaft mit echtem Leben füllte ich anschließend in Malmö: Dort lebt Leif, der in den 80ern in der in Schweden vergleichsweise populären New-Wave-Punkband mit dem Namen Unter den Linden spielte und jetzt mit seiner Frau Birgitta als Perma F Musik macht, unter anderem auch Remixe für Olafs Projekt Blinky Blinky Computerband. Olaf und er hatten sich per Facebook kennengelernt. Eines von Leifs Remix-Objekten war „Meine Freizeit“, ein Track mit meiner Stimme. Mit dieser Brücke nahm ich vor meiner Kopenhagenreise Kontakt zu Leif auf und fragte ihn, ob er Lust auf ein Treffen hatte. Und das hatte er. Mit dem Zug von Kopenhagen nach Malmö dauert es nur eine Dreiviertelstunde, wir trafen uns auf dem Kleinen Platz zum Kaffee – und quatschten uns nach allen Regeln der Kunst fest. Außerdem schenkte er mir seine jüngste CD „Cobra“ und spielte mir in seinem Auto seine neuesten Demos vor, als wir zum Turning Torso fuhren, einem verdrehten Hochhaus, das ich aus der großartigen Fernsehserie „Die Brücke“ kannte. Und seitdem mailen wir regelmäßig.

Ungefähr vergleichbar exklusiv beschenkt fühlte ich mich bei dem Treffen mit Murder At The Registry kürzlich nicht nur in Bezug auf die Kaltmiete-CD: Die vier ließen mich nämlich dankenswerterweise an ihren Proben teilhaben. Für sie selbst hatte das den Vorteil, dass sie sich mit einem Einmannpublikum zu einer gewissen Disziplin zwangen. Für mich war es ein exklusives Konzert der Gothicrocker. Es war fantastisch, sie spielten dynamisch, schufen Soundscapes bis Droneteppiche und erweiterten das klassische Spektrum in Richtungen, die weit vom Gothic Rock wegführten. Auf der Suche nach dem Proberaum war ich zuvor einer Herausforderung ausgesetzt gewesen: Tom schrieb etwas von „bei B4 um die Ecke“. Nun gibt es im Schimmelhof allerdings keinen Eingang B4. Zwischen B3 und B5 sind kaum fünf Meter Platz, eine weitere Tür findet sich dort nicht. Ich irrte auf dem für mich fremden Gelände herum und erspähte dabei ein Schild, das mir dafür umso vertrauter war: „Das KULT“, stand da. Als Supporter der Crowdfunding-Kampagne wollte ich jetzt aber wissen, wofür ich mein Geld gab. Die Tür stand sogar offen, und drinnen saß Direktor Thomas an der Theke und arrangierte Künstler Roland die Bühnendekoration für die Abendveranstaltung. Der neue Raum ist toll, er lässt es nicht an Atmosphäre vermissen, obwohl er wesentlich größer ist als der erste Raum am Hagenmarkt. Die Interimsspielstätte bei Gärtnerei Volk im Hasenwinkel hab ich zu meiner Schande verpasst. So lernte ich also auf der Suche nach Tom das neue KULT kennen, fand aber Tom nicht. Daher versuchte ich es in den Eingängen B3 und B5 überall dort, wo Musik hinter verschlossenen Türen zu hören war. Einmal störte ich einen mittelalten Schlagzeuger, der taktvoll vor sich hin probte, und einmal gelangte ich an eine Metal-Band, die ich nicht kannte. Dark Ambit heißen die, ich ließ mich gleich mal einen Sticker mit Internetadresse geben. Tom und Murder At The Registry fand ich schließlich tatsächlich um die Ecke, ganz woanders also. Der Umweg hatte sich aber gelohnt.

Auch der ein paar Tage zuvor zu einem Supermarkt, der normalerweise abseits meiner Wege liegt. Eigentlich war ich nur beim Hausarzt und wollte auf dem Weg in die Stadt noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Das tat ich dann im Rewe in der Nähe der HBK. Am Kühlregal standen zwei übermannshohe junge Männer und unterhielten sich auf Dänisch. Ich konnte nicht anders, ich musste sie ansprechen, mit meinen spärlichen Dänischbrocken. Was sie deutlich erfreute, war doch ihre Erfahrung, dass die Leute hier ansonsten nicht mal Englisch sprachen. Aus Kopenhagen waren sie, erfuhr ich, und im Urlaub. „Wir besuchen einen Freund“, sagte einer. Wie cool, in Braunschweig. „Er spielt hier Fußball.“ Soso. Äh. Moment. Bei der Eintracht? „Ja, er heißt Emil Berggreen.“ Es war ein Montag, und an dem Abend bestritt die Eintracht ein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue. Der erst im Januar nach Braunschweig gekommene Berggreen schoss in dieser Partie sein zweites Tor für die Eintracht, die damit sogar einen Rückstand in einen Sieg gegen Aue umkehrte. Das muss toll gewesen sein für seine beiden Freunde, die extra aus Kopenhagen zu Besuch gekommen waren.

Unseren Besuch im Riptide brechen Schepper und ich jetzt ab, auch für uns hat es sich natürlich gelohnt. Meine Bestellung ist eingetroffen, wie ich weiß, die LP „Geocidal“ von Tētēma, dem neuen Projekt von Mike Patton. Das ist ein Kerl. Nur wenige Tage vor der Comeback-LP „Sol Invictus“ seiner kommerziell erfolgreichen Band Faith No More bringt er den akustischen Gegenentwurf dazu unters Volk. Mit dem experimentellen Jazzmusiker Anthony Pateras machte Patton, nun, experimentellen Jazz. Wenn man so will. „Geocidal“ lässt sich nicht kategorisieren, birgt aber latente Ähnlichkeiten zu anderen Experimenten Pattons, wie Fantômas, Maldoror, Kaada/Patton oder seinem vertonten Kochbuch „Pranzo oltranzista“. Es stresst sehr angenehm.

Wir hingegen sind sehr angenehm entstresst. Ich freue mich schon auf Dienstag, mit Schepper nach Hannover und dort seinem Bassspiel lauschen. Und Schepper freut sich schon auf die nächste Ausgabe von Sound On Screen nur zwei Tage später, am 21. Mai, wenn im Universum der Film „Super Duper Alice Cooper“ mit Lesung des Trios Read ‚em All gezeigt wird. Ist das nicht Himmelfahrt? Auch eine schöne Art, diesen Tag zu begehen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#90 Sammlerstunde

19. April 2015


Samstag, 18. April

Frühling es ist! Dafür gibt es diverse Anzeichen: Die Sonne scheint länger als sonst, die Temperatur steigt gelegentlich in den zweistelligen Bereich, die Mandel- und Kirschbäume strotzen vor opulenter Blütenpracht, der Spargel kommt aus der Gegend und kostet pro Kilo nur noch unter zehn Euro, die Leute haben weniger dicke Kleidung an, am dritten Samstag im April ist im Café Riptide zur Ladenöffnung um 12 Uhr kein Durchkommen. Es ist Record Store Day. Der Tag, den die Schallplattenindustrie vor ein paar Jahren in den USA erfand, um kleine und unabhängige Plattenläden mit exklusiven Sonderveröffentlichungen zu bevorzugen, die es nur dort und zunächst nur an diesem Tag zu erwerben gibt. Nach kurzer Zeit schwappte die Bewegung auch nach Europa, und das Café Riptide ist einer der Läden, die die Voraussetzungen erfüllen und mit diesen Exklusivitäten bestückt werden. 500 bis 600 verschiedene Produkte in verschieden hohen Auflagen werden weltweit auf die Läden verteilt; vorher ist nie klar, wo was landet. Der RSD, wie er sich unter Sammlern abkürzt, ist also ein guter Grund, sich trotz des ansehnlichen Wetters und der mittlerweile auch aufkommenden Kritik an der Aktion in einem Plattenladen herumzudrücken. Wenn man denn reinkommt heute.

Schon auf dem Altstadtmarkt begegnet mir um kurz nach 12 Uhr der RSD: Marcus radelt mit einer grünen Cargo-Records-Riptide-Plastiktüte im vertrauten Zwölf-Zoll-Format am Lenker auf mich zu. „Ich war früh da, eine halbe Stunde vorher schon haben zehn Leute vor der Tür gewartet“, erzählt er. Sein Ziel war die 10“ von den Foo Fighters, „die habe ich sogar gekriegt“. Im Café Riptide sei es jedoch so voll gewesen, dass man sich nicht hätte bewegen können. Ich bin gespannt. Für seine frühe Uhrzeit im Riptide sei eine nun folgende Verabredung der Grund gewesen, sagt Marcus, verabschiedet sich und radelt mit der flatternden grünen Plattentüte davon.

Als ich im Café eintreffe, ist der allergrößte Ansturm offenbar schon verflogen. Ich komme leicht zwischen den Tischen im Achteck des Handelswegs hindurch und ins Café hinein. Dort aber ist die Kistenzeile mit den RSD-Objekten nach wie vor stark umlagert, da ist kein Durchkommen für mich Neuankömmling, und auch im restlichen Laden blättern die Kunden Schulter an Schulter in den LP-Fächern. An der Tür steht Torben. „Ich bin hier, um André zu helfen“, erklärt er. An sich hätte er hinter der Theke beim Kassieren unterstützen sollen, doch traue er sich das nicht zu, vor allem bei diesem Aufkommen. Deshalb achte er an der Tür darauf, dass nur Kunden hinausgehen, deren LPs in einer grünen Tüte stecken; dann sei klar, dass sie die guten Stücke nicht versehentlich unentgeltlich mitnähmen, was durchaus im Eifer des Gefechts passieren könnte: „Es ist unübersichtlich“, sagt Torben. Außer ihm sind Aline und Vicky zu Andrés Unterstützung da, die beiden kümmern sich in einer Freundlichkeit und Zuverlässigkeit um die gastronomischen Belange, als gäbe es den Orkan um sie herum gar nicht.

„Die Leute sind hier reingestürmt“, berichtet Torben mit einem latent fassungslosen und grundsätzlich begeisterten Ton. „Es standen schon 20 bis 25 Leute vor 12 vor der Tür, es wurden stetig mehr.“ Seine Miene zeigt einen Mix aus Verwirrung und Faszination. „Morgens, als wir gefegt haben, haben die ersten schon gefragt, und einige sind sogar bis zur Öffnung geblieben.“ Um Punkt 12 Uhr seien die Massen dann in den Laden gewirbelt: „Wie beim Sommerschlussverkauf oder wenn es bei Aldi einen neuen PC gibt.“

Manche Kunden seien jedoch enttäuscht, weil sie ihr gesuchtes Sammlerstück nicht fänden, berichtet Torben. Im Internet gibt es eine Seite, die sämtliche RSD-Veröffentlichungen im Vorfeld auflistet. „Chris und André wissen aber selbst nicht, was alles mitkommt“, sagt er. Er wisse von einem Kunden, der jetzt nach Hannover zu 25 Music fahren wolle, weil das von ihm begehrte Vinyl von Amon Tobin nicht mitgekommen sei. „Ursprünglich war der RSD ein Projekt, dass die Leute wieder in die Läden kommen“, sagt Torben, blickt auf die in allen Boxen Stöbernden und bemerkt: „Was auch funktioniert, die Leute gucken auch in die normalen Fächer.“

Die morgendlichen Eindrücke lassen Torben nicht los. „Es war krass, richtig voll, man hat nichts gesehen“, staunt er noch immer. Und wird auch etwas kritisch: „Es geht oft nur um Seltenheitswerte und darum, die Dinger hinterher wieder gewinnbringend zu verkaufen.“ Das ist sein Ding nicht: „Es muss gehört werden – egal, wie selten das Ding ist, es gehört auf den Plattenteller.“

Doch nicht wie angekündigt auf dem Weg nach Hannover ist Simon, der Amon Tobin nicht fand. „Ich habe einen Freund beauftragt, dass er sich drum kümmert“, sagt er und bestellt sich einen Burger. „Ich habe noch Zeit, bis meine Bahn kommt.“ Nach Goslar muss der gebürtige Peiner zurück; er ist nicht der einzige heute, der für den RSD einen längeren Weg nach Braunschweig auf sich nimmt. Eine grüne Tüte liegt dennoch an seinem Platz, den er zwecks Burgerverköstigung unter dem Jägermeistergemälde eingenommen hat: „John Hopkins hab ich mir geholt – ich hab gar nicht mitgekriegt, dass der was macht am RSD.“ Der Burger kommt. „Und ich habe nicht gewusst, dass nicht jeder Laden das gesamte Sortiment bekommt.“ Er beißt in seinen Burger und sinniert: „Gibt es einen Laden, der alle hat?“ Wenn, dann vermutlich nur in den USA, schätze ich. Simon ist Sammler: „Künstler, für die ich wirklich etwas übrig habe, kaufe ich mir auf Vinyl.“ Lieber Vinyl als CD, denn: „Das wird nicht vom CD-Schimmelpilz angefallen.“ Oha, ich hab auch einige Exemplare, die solche Flecken haben. Unschön.

Alex und Olli rauchen draußen an einem der Tische ihre Entspannungszigaretten zum Entspannungsgetränk. Eine grüne Tüte liegt zwischen ihnen auf dem Tisch. „Das ist meine, aber es ist nichts drin vom RSD“, sagt Alex beinahe entschuldigend. „Aber bei mir“, sagt Olli, der seine grüne Tüte erst aus seiner Tasche holen muss. Darin finden sich Werke von Metronomy und Noel Gallagher. „Ich habe leider nicht alles bekommen – aber das ist ja normal“, sagt Olli achselzuckend und an seiner Zigarette ziehend. Alex hingegen ist in Sachen LP-Konsum ein Novize: „Ich fange gerade erst an“, erzählt er. „Mein erster Plattenspieler, ich höre mir Sachen an, die man reinschmeißen und durchhören kann.“ In seiner Tüte stecken Mumford & Sons und Enter Shikari. „Ich bin noch nicht so weit, dass ich mir eine Platte mit nur zwei Songs kaufe“, sagt Alex. Noch sei er kein Sammler: „Ich hoffe, das wird jetzt.“ So ganz hat er deshalb den RSD noch nicht aufgegeben: „Ich werd gleich nochmal durchgucken, es ist nur zu schwierig, wenn alle die Platten gleichzeitig in der Hand halten.“ Die beiden sind auch schon seit vor Ladenöffnung da. Alex erzählt weitere Details aus dem frühen Sammlertsunami: „Sie wollten noch gar nicht aufmachen, sie wollten nur eine Mitarbeiterin reinlassen, da sind alle mit rein – um zehn vor 12.“

Mir fällt auf, dass sich an den Kisten mit den Exoten fast ausschließlich Männer tummeln. „Der Frauenanteil ist gering“, bestätigt mir André. „Und die zwei, drei, die ich heute hatte, da hab ich mitgekriegt, dass sie für andere hier waren.“ Er drückt mir eine Koffeinkola in die Hand und stellt relativierend fest: „Das ist auch so im Ladengeschäft, überwiegend Jungs.“

Eben noch war Daniel in den RSD-Kisten am Wühlen, jetzt widmet er sich der Punk-Abteilung am Fenster. „Eine soll da sein, ist aber nicht aufzufinden, die ich haben wollte“, sagt er resigniert über seine RSD-Ausbeute. „Der Rest ist schon weg.“ Er durchsucht die Punkplatten. „Das ist ein bisschen blöd, aber das kann ich nicht ändern.“ Alternativen zum Riptide sind rar: In Braunschweig sei auf der RSD-Seite im Internet ausschließlich das Riptide gelistet, „das nächste ist in Hannover 25 Music, das ist auch gut, aber zu weit weg“. Drei Sachen suchte Daniel: das erste Album von Placebo auf farbigem Vinyl, „da würde ich aber erstmal nach dem Preis gucken“, eine EP von Stone Sour, „darauf haben sie ihre Lieblingssongs gecovert“, und eine EP von den Foo Fighters, „vier Lieder, drei sind bekannt – ich sterbe nicht davon“. Anders sei es bei Placebo und Stone Sour. „Ich werde heute Abend mal im Netz suchen“, sagt er zerknirscht. „Irgendwer wird die für 50 Euro verkaufen.“ Wenn das mal reicht bei manchen Exemplaren. Manchmal werden RSD-Produkte sogar vorher schon bei eBay angeboten. Daniel nickt: „Ich habe spaßeshalber geguckt, es sind vorher schon ein paar Sachen aufgetaucht.“

Alex und Olli kehren zurück ins Café. Alex widmet sich sofort den inzwischen etwas weniger stark umlagerten RSD-Boxen. Olli bringt die leergetrunkenen Flaschen zurück an die Theke und gesellt sich dann zu Alex. Hinter ihnen an den Second-Hand-Kisten blättert Benny durch die LPs, mit einer kleinen RSD-Single-Auswahl in der anderen Hand. „Wir sind zu zweit hier und extra wegen des RSD hergekommen“, erzählt Benny. „Ich habe mir einen groben Überblick verschafft vorher, aber dabei nix gefunden.“ Auf gut Glück habe er dann den 7“-Kasten durchgeblättert und sei dabei überraschend fündig geworden. „Die anderen Kisten gucke ich auch noch durch, da werde ich auch noch was finden“, ist er zuversichtlich. Das wäre ich auch, in der Tat. Die drei Singles in seiner Hand sind von The Who, Dire Straits und Jimi Hendrix, die von The Who in blauem Vinyl mit weiß-rotem Kreis als Label. Sieht gut aus. „Das hab ich mir auch gedacht“, sagt Benny, „deswegen, schnappste dir mal schnell.“

Eigentlich nicht wegen des RSD ist Rainer da, aber trotzdem neugierig: „Vielleicht sind ein paar interessante Sachen dabei.“ Er lässt die Singles durch seine Finger flippen. „Ich hab gar nicht gewusst, dass das heute ist – ich habe sonst bei jedem RSD Platten gekauft und bin ganz überrascht heute; ich will mal gucken, was es alles gibt hier.“ Der nächste Kunde ist ebenfalls an den Singles interessiert: „Darf ich?“ Rainer ist längst mit dem Fach durch und wendet sich den LPs zu: „Ja, ja.“ Bei dem neuen Kunden vergaß ich dummerweise, nach dem Namen zu fragen. „Ich konnte noch nicht um 12 hier sein – weil ich meine Tochter zum Mittagsschlaf ins Bett bringen sollte“, erzählt er. Rainer fragt: „Bist du allein?“ Der Mann schüttelt den Kopf: „Nein, meine Frau ist auch noch da, aber wir haben einen Sohn, erst drei Wochen alt.“ Und damit allemal ein Grund, ihm zu gratulieren. Er dankt und wird dabei fündig: Eine 7“ von Mumford & Sons gesellt sich zu der 12“ von Florence & The Machine in seiner Hand.

Mit für seine Verhältnisse offenbar spärlicher Beute verlässt Robert nach dem Bezahlen den Thekenbereich. „Ich bin generell des Öfteren hier, heute auch mal wegen RSD – gefunden habe ich aber noch nichts“, sagt er enttäuscht. Er hatte nämlich einige Favoriten, derer er jedoch nicht habhaft wurde: „So richtig zufrieden bin ich heute nicht.“ Ihm ist klar: „Sie wissen selber nicht, was sie zugeschickt kriegen – das war nicht so gut dieses Mal“, findet Robert. Und verrät: „Ich habe aber gerade gehört, dass noch einiges nachkommen soll, was nicht rechtzeitig da war.“ In seiner grünen Tüte stecken trotzdem zwei RSD-Platten: Herbie Hancock und Courtney Barnett, „ganz unterschiedlich“, wie er dabei bemerkt. Von Hancock hat er die „Maiden Voyage“ in grünem Vinyl mitgenommen: „Die ist echt cool, ich hab noch keine grüne Platte bisher.“ Da müsste ich überlegen – von Skinny Puppy hab ich die „Mythmaker“, die ist in einem unangenehmen Kotzgrün. Robert lacht: „Diese hier wird freundlicher sein.“ Mit Sicherheit!

Als eine der wenigen Frauen guckt Ute in eine der RSD-Kisten, eher beiläufig. „Ich bin nur zufällig in Braunschweig“, wiegelt sie ab – Interesse am RSD hat sie eigentlich nicht, obgleich sie sich einen entsprechenden Flyer mitgenommen hat. „Ich will nur gucken, was ich hier hinbringen kann.“ Offenbar will sie sich von ihren eigenen Schallplatten trennen. In den Kisten wird sie indes nicht fündig und verabschiedet sich. Auch Olli und Alex wollen zahlen und gehen. Alex bleibt ohne RSD-Beute, Olli legt einmal mehr zu: „Ich habe die Florence & The Machine noch gefunden.“ Alex grinst: „Ich nichts.“

Es ist gerade mal eine Stunde vergangen, der große Ansturm ist abgeebbt. Für Observator Torben bedeutet dies eine Verschnaufpause an der Theke. Die Pause macht ihn einfallsreich: „Ich schlage André gleich mal vor, einen persönlichen Betreuer beim RSD anzubieten: Möchten Sie sich setzen, darf ich einen Kaffee bringen?“ Er grinst: „Wie bei Pretty Woman.“ Man könne eine gute Kundenbetreuung mit solchen Aktionen verbinden, findet er: „Das kann man ja machen, ein Special-Tag, da wird dem Kunden so richtig schön Honig um den Bart geschmiert.“ Wie er selbst es kürzlich beim Anzugkauf erlebte, nur eben in einem Plattenladen.

Noch etwas zögerlich umrundet Denise die begehrten Kisten. Sie ist speziell wegen des RSD hier: „Ich wollte eigentlich gern die Olli Schulz haben, habe sie aber noch nicht gefunden“, stellt sie leicht betrübt fest. Auch sie ist Sammlerin: „Ich hab sogar zu Hause einen Plattenspieler zu stehen.“ Also könnte ihr auch durchaus etwas anderes als Olli Schulz über den Weg laufen? „Ja, natürlich“, sagt sie nachdrücklich und widmet sich dem Angebot.

Der ganz große Ansturm auf die RSD-Spezialitäten ist mittlerweile vorbei, zwischenzeitlich sind die Kisten sogar komplett frei, dafür tummeln sich massenhaft Kunden an den Kisten mit dem ständigen Angebot. Das Konzept ging also auf. Ohne Interesse bleiben die RSD-Angebote selbstverständlich nicht, immer wieder kommen Kunden, um sich Raritäten zu sichern. „Der Tag ist gerettet“, ruft etwa Rainer, mindestens der zweite Rainer heute. Andächtig hebt er ein Album von The Heads aus der Kiste, einer Band aus Bristol, wie er erklärt, „die haben absoluten Kultstatus, die machen Stoner-Space-Rock“. Daher der Name also. Deren andere Alben seien teilweise vergriffen: „Das muss man als Geldanlage ansehen“, sagt Rainer. The Heads brächten viele limitierte CDs heraus, „die kosten 70, 80 Euro – CDs!“, ruft er aus.

Torben hat seine Aufgabe erfüllt, er kann gehen, ich schließe mich ihm an. Auf dem Heimweg stoppe ich bei Uwe und Katrin von Raute Records, die in den zurückliegenden Jahren auch immer wieder RSD-Angebote in ihrem Sortiment hatten. Dieses Mal nicht: „Das machen wir nicht mit“, sagt Uwe entspannt. „Alles Hype.“ Katrin schränkt ein: „Dieses Jahr nicht – wie’s nächstes Jahr ist, wissen wir nicht.“ Trotzdem hätten sich vor den Ladenöffnung heute die Kunden an der Tür gestapelt: „Lange Schlangen haben wir auch ohne sowas.“ Zum Beispiel am 2. Mai bei der Feier zum siebten Geburtstag.

„Sowas“, also der Record Store Day, hat inzwischen auch einige Kritiker gefunden, nicht nur wegen der Leute, die sich die Raritäten für den lukrativen eBay-Handel unter den Nagel reißen und sie so den wahren Sammlern wegnehmen. Nicht nur Kunden, auch Shopbetreiber äußern mitunter Kritik. So müssen sich beteiligte Läden offenbar an der RSD-Werbung finanziell beteiligen, werden also zunächst nicht wirklich von der Aktion begünstigt. Zudem gebe es Schwierigkeiten mit der Zurücknahme unverkaufter Exemplare, und davon gibt es einige, denn nicht immer stimmen anscheinend die vermeintlich geringen Limitierungszahlen. Zudem seien an der als solche deklarierten Indie-Aktion fast nur die drei Major-Labels beteiligt, was dem Sinn der Sache entgegenlaufe. Unter den 500 bis 600 Raritäten seien darüberhinaus überwiegend Wiederveröffentlichungen längst und reichlich erhältlicher Musik, nur dieses Mal auf farbigem Vinyl; der Anteil tatsächlicher musikalischer Exklusivitäten sei vergleichsweise gering. Nicht zuletzt seien die RSD-Exemplare ungerechtfertigt teuer.

Aber Sammler wie ich werden immer etwas finden. Ich muss mir die Kisten im Riptide auch nochmal durchblättern. Mal sehen, was am Montag noch vom Festschmaus übrig ist. Als ich ging, standen im Riptide noch die Live-LP „Psycho Candy“ von The Jesus And Mary Chain, eine dicke Singles-Box von The Beat und die EP mit der ersten neuen Musik seit 1998 von den Violent Femmes in den Kisten. Und das sind nur Beispiele.


Matze Bosenick
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