Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#115 Drei schwarze Punkte in Klammern

20. Mai 2017


Samstag, 20. Mai 2017

„Hier hab ich noch nie gesessen, seit dem Umbau“, sagt Micha, als wir uns auf die neuen Bänke an der Wand im Café Riptide niederlassen, um unsere Kaffeekola zu trinken. Stimmt, seitdem verbrachten wir unsere Zeit entweder draußen im Achteck unter der Segeltuchplane oder gleich stehend am Tresen. Heute nicht, wir waren schon ein Eckchen zu Fuß unterwegs und lassen uns nun von unserer verringerten Kondition in die Knie zwingen. Ist ja auch schön. Neu sind hier außerdem die weißen Kunststofflampen, die die Tische zieren und zu dieser Tageszeit noch ausgeschaltet sind. Sie sind unverkabelt und erwecken den Eindruck, schwimmfähig zu sein. Am hellichten Tag endet da unsere Neugier; nicht die der Gäste am Nachbartisch, die den Mechanismus zum zweistufigen Illuminieren herausgefunden haben und damit herumspielen. Süß.

Vorhin trafen Micha und ich uns auf dem Kohlmarkt. Überraschenderweise findet heute „Braunschweig international“ statt, ein, zwei Wochen früher im Jahr als üblich, daher habe ich damit noch gar nicht gerechnet. Ohne Micha hätte ich das glatt versäumt, was ich dann doch sehr bereut hätte. Schon wieder eine regelmäßige Veranstaltung, die dieses Mal früher stattfindet als gewohnt; Rekordhalter ist die Kulturnacht, die vom August in den Juni vorverlegt wurde. Beziehungsweise strenggenommen vom August des vergangenen Jahres auf den kommenden Juni verschoben, denn das zweijährige Fest fiel 2016 aus.

Auch das Café Riptide nimmt als Austragungsort an der Kulturnacht am 10. Juni teil, die Pins zu fünf Euro, die den Eintritt zu allen Veranstaltungen ermöglichen, preist ein Schild auf der Theke zum Verkauf an. Das wird wieder eine Rennerei: Schepper spielt gegenüber in der Einraumgalerie, Die Müller Verschwörung, nur echt ohne Bindestrich und vormals noch Müller und die Platemeiercombo, spielt in der Sparkasse Dankwardstraße und Stef und Micha A., die unter anderem rund um Kult-Tour Der Stadtblog multimedial aktiv sind, veranstalten eine Party auf dem Karstadt-Parkhausdeck. Im Riptide stellt Roberta Bergmann „Vom Suchen und Finden“ aus, ab 22 Uhr lesen Axel Klingenberg, Frank Schäfer und Till Burgwächter als „Read ‚em All“ Texte rund um Heavy Metal und Artverwandtes. Die Alphorngruppe des Posaunenchors im tatsächlich idyllischen Kreuzgang der Brüderkirche klingt auch noch sehr reizvoll.

Aber zurück auf den Kohlmarkt: Bevor wir uns an die internationalen Stände wandten, zerrte mich Micha in die Stadtbibliothek zum Flohmarkt. Er hatte schon fette Beute gemacht und wusste, dass die Mitarbeiter dort unablässig die Kisten neu auffüllten. Unersättlich, der Mann! Darin, nicht nur, ähneln wir uns. Doch im Gegensatz zu ihm ging ich mit leeren Händen wieder aus dem schlossähnlichen Gebäude heraus. Das Angebot war mir zu groß und ich wusste ja, dass im Riptide noch zwei bestellte Platten auf mich warteten.

Dafür deckten wir uns danach auf dem Kohlmarkt mit Leckereien ein. Die thailändischen Zucchinipuffer und die haitianischen gebackenen Bananen waren meine Speisen der Wahl; wie üblich, aber die sind nun mal auch gut, und der Menschenmix macht immer wieder Laune. Die ganze Welt in Braunschweig.

Erwartbar wäre die ganze Welt für mich auch in Århus gewesen, das ich vor zwei Wochen besuchte, weil es Europäische Kulturhauptstadt ist, eine von zweien in diesem Jahr, aber man hat es dort aus unerfindlichen Gründen versäumt, im Jahr der Kulturhauptstadt die Kulturhauptstadt überhaupt in Erscheinung treten zu lassen. Die Museen Aros und Moesgaard sind auch den Rest des Lebens über offen und besuchenswert, aber gut, dann habe ich die eben auch endlich mal gesehen. Besonders das Aros mit dem begehbaren Regenbogen von Óláfur Elíasson auf dem Dach ist jede noch so kurze Reise wert.

Und die Plattenläden: Århus ist etwa so klein wie Braunschweig und damit trotzdem die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die größte auf dem jütischen Festland, und das werden wohl die Gründe sein, weshalb es dort mindestens acht freie Plattenläden gibt. Die sich auch noch alle gegenseitig empfehlen, wenn man in dem einen etwas sucht und es das dort nicht gibt. Zu meiner Freude fand ich dort die ein, zwei Sammlerstücke des verwunschenen Record Store Days, die es selbst im bestsortierten Riptide nicht für mich gab, sowie eine 7“ des Dänischen RSD, „Alle fangerne“ von The Sandmen nämlich, die ich direkt an meiner ersten Station neben der Kasse entdeckte und von der man mir in allen folgenden Läden, als ich nach deren ebenfalls rarer LP „Den bedste dag“ suchte, versicherte, dass sie nicht mehr zu haben sei, und dann doch recht verwundert guckte, als ich sie zwinkernd aus der Tüte zippte. Trotz der enttäuschenden Kulturhauptstadtssache hat mir Århus Spaß bereitet; aber in Dänemark keinen Spaß zu haben, das ist mir ohnehin nicht möglich.

In wenigen Momenten startet der letzte Bundesligaspieltag dieser Saison. Der Hamburger Sportverein und der Verein für Leibesübungen Wolfsburg treten unter anderem gegeneinander an; das Brisante an dieser Begegnung ist, dass das Ergebnis entscheidet, wer von beiden auf dem Relegationsplatz zur zweiten Liga landet. Und vermutlich gegen die Braunschweiger Eintracht um die Ligazugehörigkeit spielen muss. Die Eintracht ist morgen an der Reihe. Sie hat zwar den Relegationsplatz nach oben sicher, könnte aber rechnerisch noch direkt aufsteigen – wenn der Konkurrent aus Hannover verliert und Braunschweig mit ungefähr sechs Toren Differenz gewinnt. Möglich, aber unwahrscheinlich.

Noch lässt sich der Spielstand nicht abfragen, aber Micha scrollt durch Facebook und entdeckt, dass Stef eben auf Kult-Tour den Musik-Tanz-Ticker veröffentlichte, ihr wöchentliches Ankündigungsformat. Dabei kommen wir auf Jacqueline zu sprechen, und das wird jetzt meta, denn Jacqueline stolperte bei der Lektüre dieser Seiten über Stefs Blog und fragte diese, ob sie für Kult-Tour einen Gastbeitrag leisten dürfe, was Stef grundsätzlich begrüßt, und Jacqueline schrieb über ihre Ertbegegnung mit der „Sound On Screen“-Filmreihe von Universum-Kino und Riptide. Lustigerweise trafen wir uns an dem Abend nicht, obwohl wir beide da waren, aber Jacqueline sprach mich später bei der Indie-Ü30-Party im Nexus an. Ihren Text las auch Micha: „Es interessiert mich, wie jemand das sieht, der bisher keine Berührungspunkte hatte – wir kennen das alles.“

Sehr beeindruckt war Micha kürzlich von einem Frauenfußball-Spiel der U17-Europameisterschaft, da gerät er jetzt noch mächtig ins Schwärmen. Deutschland spielte gegen Spanien und gewann im Elfmeterschießen, obwohl sie die ersten beiden Elfer verschossen, erzählt er. Micha sieht sich auch gern die Spiele der Frauen des VfL Wolfsburg an. Die Frauenfußball-Europameisterschaft findet dieses Jahr in den Niederlanden statt; wir überlegen, ob die Spiele wohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden. Erst heute Morgen las ich, und zwar mit großer Freude, dass Bibiana Steinhaus als erste Schiedsrichterin für die Bundesliga der Männer zugelassen ist. „Das hab ich gelobt“, sagt auch Micha, und ärgert sich über die „fiesen Kommentare“, die diese Entscheidung hervorruft. „Das hat sie verdient, und es ist traurig, dass man das noch betonen muss“, sagt er. Finde ich auch. Männliche Schiedsrichter und Trainer sind im Frauenfußball normal, aber umgekehrt nicht. Auch das mit den weiblichen Kommentatoren finde ich viel zu selten. Micha entdeckt ein Zitat im Internet, das Ilkay Gündogan zugeschrieben wird: „Es haben also alle Angst, dass eine Frau ihre Sache nicht so gut macht, wie die Männer, über die sie sich jede Woche aufregen?“

Eine mittelgroße Gästegruppe mit einem sechs Wochen alten Baby schiebt sich Zug um Zug an unserem Tisch vorbei. Wir kennen uns aus der Hood, und fast alle bleiben sie nacheinander für Gespräche stehen. Kai teilt Michas Schwärmereien von dem U17-Spiel, mit Nils parlieren wir über Musik. Die beiden Vinyls, die ich gleich mitnehmen will, sind von David Bowie und !!!, die schwer zu googeln sind, wenn man nicht weiß, dass sie auch unter „Chk Chk Chk“ firmieren. Nils berichtet von einer Band namens …, die ihren Namen gar nicht ausgesprochen wissen will: „Hast du die neue LP von (Schweigen)?“ Nach drei Punkten kann man nicht googeln, der Zusatz „Band“ hilft da leider auch nicht weiter. Die Encyclopaedia Metallum listet eine indonesische Doomband namens „(((…)))“ auf, aber die können das nicht sein, weil die nicht nicht ausgesprochen werden wollen, sondern „Three black dots in the brackets“. Liest sich aber auch spannend.

Während Lara in der Küche hantiert, händigt mir Jakob meine beiden Schallplatten aus. Nicht nur die Werbung für den Kulturnacht-Pin steht auf der Theke, auch ein betrüblicher Anlass findet als Schild Widerhall: „Chris Cornell 20.7.1964 – 17.5.2017“ steht unter einem Foto des früheren Sängers von Soundgarden, Audioslave und Temple Of The Dog. Dazwischen macht eine Preisliste auf die gegenwärtige Ausstellung aufmerksam: Künstler Heinrich Römisch setzte sich großformatig mit Jazzgrößen auseinander, passend zum jüngsten „Sound On Screen“-Film „Miles And More“ über Miles Davis. Am nächsten Jüngsten im Riptide bin ich sogar selbst beteiligt: Mein „Rille Elf“-Freund Uwe, unter anderem bekannt durch das „Fanclub Soundsystem“, lud mich ein, am 2. Juni ab 21 Uhr mit ihm im Riptide aufzulegen, Motto: „Unsere kleine Show“. Gleichzeitig veranstaltet Schepper in den nun rauchfreien Lounge den Bassstamtisch, das passt perfekt.

Für Micha und mich ist nun Feierabend. Die Relegation bleibt in der Region: Wolfsburg verlor gegen den HSV und darf, so das Unwahrscheinliche nicht doch noch eintritt, gegen Braunschweig und gegen den Abstieg spielen. Das erfahren wir per Smartphone auf unserem Heimweg, den wir bis zum Video-Buster gemeinsam antreten, denn dort kehren wir ein, weil der Buster schließt und Ausverkauf hat, wo Micha nochmal zuschlagen will. Schade um den Laden, denn wenn Micha und ich dort Martin besuchten, war das immer fast wie in „Clerks“, ein anachronistisches Abenteuer mit aus der Welt gefallenen Geschichten. Zwar habe ich mir nie eine DVD geliehen, aber die Zeit dort war immer charmant. Irgendein überlebensgroßer Dämon posierte vor den Verkaufs-DVDs, veraltete Pappaufsteller lungerten in Ecken und struppige Grünpflanzen auf dem Tresen herum, es gab Knabberzeug und Getränke, irgendein Action-Film lief immer auf einem kleinen Fernseher, während das Radio eingeschaltet war. Es kamen Leute in Jogginghosen hereingestürmt, oft junge Paare, die sich gemeinsam Filme aussuchten, oder einzelne, die die geliehenen DVDs zurückbrachten. Wir unterhielten uns natürlich über Filme, logo, und es war immer ein Genuss, Micha und Martin beim nerdnahen Fachsimpeln zuzuhören. Vorbei. Bedauerlich. Bin gespannt, wo Martin nächsten Monat unterkommt. Ich habe mit meinen beiden Schallplatten für heute genug eingekauft und verlasse die beiden. Fröhlich lachend, wie immer. Das geht an einem solchen Ort auch gar nicht anders. Gottlob.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#110 Scheiß 2016

22. Dezember 2016


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weltweit ist man sich einig: 2016 ist ein Scheißjahr. Es startete mit dem Tod von David Bowie und schickt sich dazu an, sich mit dem mehrfach tödlichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zu verabschieden. Dazwischen: Rechtsruck, Terror, Krieg, Trump, AfD sowie weitere zu beklagende Künstlertode. Dem jüngsten mit Bezug auf den Geschmack des Riptide-Publikums huldigt auf der Theke ein Pappaufsteller, ähnlich dem für Bowie im Januar: „R.I.P. Leonard Cohen 21.9.1934 – 7.11.2016 – We are ugly but we have the music“ steht unter einem Foto des Kanadiers.

Aber das kann ja nicht alles sein. Ich zumindest will nicht ein ganzes Jahr als nur scheiße verbuchen müssen. Mein persönliches hatte einiges zu bieten, das über das Gewöhnliche weit hinausging: den Kinofilm von Stef und Micha zum 100. Riptide-Blog-Eintrag, das Konzert im Tegtmeyer mit Blinky Blinky Computerband, vergnügliche Veranstaltungen mit Rille Elf an wechselnden Orten sowie der Indie-Ü30-Party im Nexus, meine Reisebegegnungen in Thy, Sanremo, Nizza und Kopenhagen, der 50. Geburtstag eines Dänischen Freundes in Roskilde, recht persönliche After-Show-Gespräche mit Oliver Kalkofe und Friedrich Liechtenstein, Konzertausrichtungen im Nexus mit Kult-Tour Der Stadtblog und zum Jahresabschluss auch noch die Entfristung meines neuen Arbeitsvertrages: geht doch!

Im Riptide will ich herausfinden, was für andere Menschen gar nicht so scheiße war an diesem 2016. Die beiden Chefs André und Chris habe ich um nur fünf Minuten verpasst, sagt mir Max hinter der Theke. Also gibt er mir die erste Antwort.

Max:

„Privat war gar nicht so scheiße, dass ich hier angefangen habe zu arbeiten. Global: Das neue Stones-Album war gar nicht so scheiße. Ich habe reingehört und bin wirklich sehr sehr positiv überrascht. Sie haben ganz viele alte Bluesstücke genommen, die sie geil fanden, und auf ihre Weise vertont. Und Terence Hill ist noch nicht gestorben. Und politisch war wirklich nichts gut.“

Vielleicht, dass die AfD in Braunschweig nicht ganz so große Anteile im Stadtrat bekommen hat wie anderswo? Max nickt: „Das ist ein verhältnismäßig kleines Bekenntnis zur eigenen Dummheit.“ Im Riptide arbeitet er noch nicht mal seit einem Vierteljahr, seit 1. Oktober nämlich: „Richtig frisch und der allererste Gastrojob sowieso.“ Damit finanziert er sich sein Studium. Für meine Reise durch da Jahr der Gäste bestelle bei ihm ich als Proviant ein Glas Glühwein.

In der Ecke am großen Fenster sitzt ein gutgelauntes Paar am Tisch und hält mit der jeweils freien Hand, die nicht ein Getränk umklammert, die Hand es jeweils anderen fest. Marc, der heute in der Küche herumwirbelt, bringt mir meinen Glühwein und einen Karamellkeks an den Tisch.

Nelipot & Gordon:

Gordon: „Das ist schwer.“
Nelipot: „Dass ich ihn getroffen habe – das war nicht scheiße.“
Gordon sieht sie lächelnd an.
Nelipot, grinsend: „Jetzt bist du unter Druck!“
Gordon: „Muss ich was sagen?“
Nelipot: „Du hast dich selbst getroffen.“
Gordon: „Ich hatte heute eine Blasenspiegelung.“
Das zählt zu den Sachen aus diesem Jahr, die nicht scheiße waren?
Gordon: „Das ist eine Frage des Blickwinkels. Der Arzt sah nicht unglücklich aus.“
Nelipot: „Im chinesischen Horoskop bin ich Affe, und es heißt, das eigene Jahr wird scheiße, alle zwölf Jahre wird also ein Scheißjahr.“
War dieses Jahr denn dann scheiße?
Nelipot: „Es war richtig scheiße. Ich war dreimal im Krankenhaus. Ich war mehr im Krankenhaus als irgendwo anders.“

Nelipots Akzent macht mich neugierig, sie sagt „kinesisch“. Und richtig, sie ist nicht aus Braunschweig: „Ich bin Schottin.“ Okay, das hätte ich jetzt aber auch nicht erwartet, sondern eher irgendwo aus Süddeutschland. Das stimmt zumindest ansatzweise, denn sie pendelte immer zwischen diesen zwei Regionen und kam vor zwei Jahren erst wieder nach Deutschland zurück. Kennen gelernt haben sich Gordon und Nelipot nicht in Braunschweig, sondern in Königslutter. In der Psychiatrie. Und zwar als Patienten. „Ich wurde gestern entlassen“, erzählt Gordon und zeigt auf sein Astra: „Das ist mein erstes Bier in Freiheit.“ Die beiden strahlen so vergnügt, dass es ansteckt. „Ich habe gute Zeiten gehabt in der Psychiatrie“, sagt Nelipot. Das findet Gordon auch: „Ich habe tolle Leute kennen gelernt.“ Da ich selbst auch so meine psychiatrischen Erfahrungen habe, fühlen wir uns verbunden. Das Internet verrät mir später übrigens, dass ein Nelipot jemand ist, der weitestgehend barfuß durch die Welt läuft.

In der anderen Ecke sitzt Tolga am Tisch, seine Ohren unter großen Kopfhörern verborgen, die er mit Musik aus seinem aufgeklappten Laptop versorgt. Für mich nimmt er die pinken Kopfhörer ab.

Tolga:

„Für mich persönlich war der Sommer nicht scheiße – aber ob er das auch gemessen an alten Sommern war, kann ich nicht behaupten. Gesamtgesellschaftlich: Hmmm. Dieses Jahr war vieles gut, schon am Anfang: Im Mai war ich in Portugal, das war geil, das war ein Reiseziel, das ich schon immer sehen wollte, Lissabon ist eine tolle Stadt, sehr gediegen. Von dort aus ging’s nach Porto hoch.“

Er schwelgt in Reiseerinnerungen. Ich habe Portugal noch nicht bereist, das steht noch aus. Tolga lebt in Hamburg und wartet hier auf seinen Bruder. „Einmal war ich schon im Riptide, da drüben“, sagt er und deutet auf die Rip-Lounge. Ursprünglich kommen beide aus einem Dorf im Landkreis Peine. Der Bruder arbeitet momentan noch: „Ich habe anderthalb Stunden Wartezeit“, sagt Tolga und stülpt sich seine Kopfhörer wieder über.

Einen Tisch weiter nehmen André und Matthias Platz, nacheinander, weil Matthias noch seinen Nachwuchs mit Spielsachen aus der Kiste am Fenster ausstattet. André ist als Journalist in Braunschweig unterwegs. Ich lagere meine inzwischen leere Glühweintasse und meinen Keks auf dem Tisch vor ihnen zwischen und frage: Was war für die beiden nicht so scheiße an 2016?

André & Matthias:

André: „Das Jahr ging gleich gut los mit dem neuen Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.“
Matthias: „Bei mir ging’s mit ‚ner Steuernachzahlung los.“
André: „Gut war, dass ich mal ’ne Woche rausgekommen bin, das ist auch nicht so selbstverständlich. Las Palmas, da war ich 2014 schon, das habe ich wieder aufgenommen.“
Matthias: „Ich lebe noch.“
André: „Bei dir war ja das mit dem Bild.“
Matthias: „Es fing scheiße an, ich hatte ein Bild auf meiner Homepage, an dem ich nicht die Urheberrechte hatte. Fast zehn Jahre – wären es über zehn Jahre gewesen, wäre es verjährt.“
André: „Das HAUM war auch ein kleines Fest. Die Drei-Stunden-Pressekonferenz, zu der ich drei, vier Geschichten abgesetzt habe. Das war ein Fest, dass nach sieben Jahren alles wieder begehbar ist – für mich ein Highlight, städtisch auch. Alle haben dem entgegengefiebert, jeder dachte, das macht nie wieder auf. Die Klassiker im neuen Gewand.“

Mit dem HAUM meint André das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, das sich selbst jedoch grammatisch inkorrekt nicht durchkoppelt, sondern als einen Herzog darstellt, dessen Vorname Anton und der Nachname Ulrich-Museum lautet. Max kommt an den Tisch und nimmt die Bestellungen auf, beide hätten gern einen Bonanza-Burger mit Käse und einen Cappuccino. Jeweils.

André: „Dieses Jahr habe ich nur wenige Konzerte gesehen.“
Matthias: „Ich auch.“
André: „King Crimson habe ich in Hamburg gesehen, mit Katrin und Uwe von Raute. Und The Wedding Present – wie konnte ich das vergessen! Im Hafenklang, das war grandios.“

Das einzige Konzert, das Matthias dieses Jahr sah, war eine klassikähnliche Veranstaltung, die er „furchtbar“ fand und André zu verdanken hatte. Sie waren beide reichlich abgeneigt davon. „Ich habe mir alles hinterher zurückgeholt bei der After-Show-Party“, winkt Matthias ab. Im Riptide braucht er das nicht, da kommt Max mit dem Tablett vorbei und stellt das Bestellte auf den Beistelltisch.

An der Theke sammeln sich soeben zufällig lauter Kulturtreibende: Volker, der noch auf Beate wartet, Thomas vom KULT-Theater und Roland, dessen Seemannslieder ich kürzlich bei Ollys Verlobunxfeier lachend lauschen durfte. Meinen Karamellkeks trage ich immer noch bei mir. Er bekommt einen Interimsplatz auf der Theke und die Leute um mich herum meine Frage gestellt.

Thomas, Roland, Volker & Beate:

Thomas: „Mein 2016 war gut.“
Roland: „Mein Monat Papaurlaub war gut. Mein Sohn ist geil. Mit ihm ist jedes Jahr ein geiles Jahr.“

Roland grinst breit übers ganze Antlitz und steuert das Sofa an, auf dem der juvenile Erwähnte seiner Mutter gegenüber sitzt.

Thomas: „Zu mir kommen immer mehr Leute ins KULT, dadurch kennen das immer mehr und lernen das noch mehr Leute kennen. Ich hatte keinen Überfall, keine Bomben, keine herrenlosen Taschen – super, alles gut! Ich hatte großartige Veranstaltungen und stehe immer noch jeden Morgen mit einem Grinsen auf, seit sechs Jahren.“

Das KULT, das kleinste Theater der Stadt, zog vor einiger Zeit vom Hagenmarkt in den Schimmelhof um, Anfang des Jahres sah ich dort zumindest eine Veranstaltung. Vier Jahre lang gibt es das KULT insgesamt, seit sechs Jahren ist Thomas selbständiger Theaterspieler.

Thomas: „Im Figurentheater zeige ich noch ganz viel. Und ich habe mir zu Weihnachten eine singende Säge geschenkt. Die kann man im Musikalienhandel kaufen. Ich habe sie gestern ausprobiert und ein paar Töne rausgelockt. Das ist anstrengend. Man muss sie zweimal gebogen halten, ein S machen. Wenn ich da mehr Töne rauskriege und die auch in Folge, werde ich sie einsetzen. Im Moment quietscht es nur und ich werde wohl meine Wohnung verlieren.“

Thomas legt KULT-Programme und Poster auf die Theke und verabschiedet sich, um seinen Werbezug durch Braunschweig fortzusetzen.

Beate: „Toll war, im Garten rumzubuddeln.“
Volker und Beate sprechen kurz über weitere Höhepunkte.
Beate: „Das Riptide natürlich. Der schöne Duft, wenn du reinkommst, duftet es immer so toll. Das Riptide ist toll. Auch, wenn es mal keinen Platz gibt, wie jetzt – deshalb gehen wir weiter.“
Volker: „Ich hab Urlaub. Seit jetzt.“

Und auch die beiden treten in die Dunkelheit hinaus. Betta und Leona unterhalten sich an dem Tisch direkt neben der Eingangstür. Ich lege meinen Karamellkeks ab, um alle Hände frei fürs Schreiben zu haben, und biete ihn Leona an, die ihn dankbar mit Betta teilt. Wortlose verlässliche Freundschaft.

Betta & Leona:

Betta: „Bei mir war nicht scheiße, dass die Zeit nicht so schnell vergangen ist – das war mein längstes Jahr. Sonst geht es immer so schnell weiter“
Leona: „Ist das nicht immer dann so, wen es doof ist?“
Betta: „Nein. Wenn du von Januar erzählst, denke ich, das war vor zwei Jahren.“
Leona: „Die Schule hat geklappt, das Abitur, aber ich hab jetzt nicht damit gerechnet, dass es nicht klappt.“

An der IGS Querum machte Leona ihr Abitur. Die beiden wirken infektiös glücklich. Und auch so glücklich, wie Roland seinen Sohn am Strohhalm nuckeln lässt, fordert er mich glatt dazu auf, mich noch einmal zu ihm zu gesellen und meine Frage auch an die Kindsmutter Eva zu richten.

Eva & Roland:

Eva: „Unser Kind.“
Roland: „Das habe ich auch gesagt.“

Roland erwähnt eine Metal-Band aus Wolfsburg, von der ihm jemand vorschwärmte. Es gibt einen indirekten Link zu ihm: Der Verwandte eines der Bandmitglieder spielt bei Kinnara, den Proberaumnachbarn von Rolands Band Lump.

Jetzt bin ich einmal im Riptide herumgekommen, abgesehen von der Rip-Lounge. In der Küche ringe ich nun Marc, den viele Stecky nennen, „selbst meine Mutter“, eine Antwort auf meine Frage ab, was 2016 nicht so scheiße war.

Marc:

„Unsere Kanzlerin. Mit ihrem Statement zur Flüchtlingspolitik. Ich bin beileibe kein CDU- oder CSU-Wähler! Und Martin Sonneborn im EU-Parlament mit seinen Statements. Sick Of It All, deren dreißigjähriges Jubiläum!“

Die entsprechende Box zu diesem Geburtstag der New-York-Hardcore-Band steht im Riptide bei den Punk-Platten. Marc kehrt in die Küche zurück und Niclas betritt zum Zechezahlen das Café.

Niclas:

„Ich bin aufm Sprung, ich muss überlegen.“
Also zahl er zunächst zwei Kaffee und zwei Rotwein bei Max. Er wählt seine Worte behutsam aus:
„Nicht so scheiße war, dass ich Momente hatte, die mit leichten Irritationen einhergehen und bei denen man sich fragt: Hab ich Fehler gemacht, kann ich mir was vorwerfen, war ich ungerecht? Das kann ich mich Sicherheit mit Ja beantworten. Mein Fazit ist, dass die Grundintention eine richtige ist und dass sich das Gefühl entwickelt, dass einen veranlasst, sich nicht grämen zu müssen, sondern die Kraft erhält, so weiterzumachen wie in der Vergangenheit, dann ist das eine Quelle, aus der man Kraft schöpfen kann. Gut war, dass ich das 30. Lebensjahr vollendet habe und um ein Vielfaches jünger aussehe – das gilt es zu bewahren. Und gut wird die Weihnachtsgans – davon gehe ich aus.“

Ein besinnlicher und reflektierter Abschluss. Doch die letzten Worte haben Max und Marc.

Max & Marc:

Marc: „Ich bin froh, hier zu arbeiten.“
Max: „Wir haben wunderbare Chefs.“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#107 Zwillinge

23. September 2016


Freitag, 23. September 2016

So richtig oft bin ich in diesem September leider gar noch nichts ins Café Riptide gekommen. Anfang des Monats war ich da, weil meine Bestellung eingetroffen ist: „Mausoleum“, die neue EP von Myrkur, dem dänischen Ein-Frau-Black-Metal-Projekt, das nach dem Isländischen Wort für Dunkelheit benannt ist (weil es auf Dänisch mit „Mørk” deutlich weniger mystisch-eindrucksvoll klänge) und im titelgebenden Bauwerk live aufgenommen wurde, mit einem Kinderchor und ohne die üblichen Bandinstrumente. So geht Black Metal heute. Außerdem nahm ich mir die aktuelle Intro mit und bestellte mir die neue EP von Placebo, die wie ein Hit von Talk Talk heißt und die angekündigte neue Best-Of begleitet: „Life’s What You Make It“. Kein Wunder: Es ist ein Cover des nämlichen Songs. Nicht das erste, nach The Gathering und Rowland S. Howard, den Placebo auf der EP kurioserweise ebenfalls covern, mit „Autoluminescent“. Nicht bestellen konnte mir Chris leider die „Disintegration EP“ von Vanessa van Basten, einer Stoner-Doom-Band, die deren Label Taxi Driver Records kürzlich wiederveröffentlichte. Wie es der Titel suggeriert, verdrogen die Italiener darauf vier Songs von The Cures gleichnamigem Album, was die neuen Titel wie „Plainbong“ deutlich machen. Das Label ist jedoch zu klein, um international bestellbar zu sein; für den Erwerb der EP muss ich wohl wirklich mal wieder nach Italien fahren.

Okay, dieses Mal aber nicht nach Genua, Stadt von Taxi Driver Records, sondern weiter nach Westen, nach Sanremo, kurz vor der Grenze nach Frankreich. 1999 war ich schon mal in der Gegend und machte einen kurzen Ausflug in die Stadt. In meiner Erinnerung lebte Sanremo vom Glanz der Vergangenheit: In den Fünfzigern und Sechzigern war es der Inbegriff des Edelurlaubs, mit Riviera, Strandpromenade, Luxus, Jet Set, Hollywoodstars. Seitdem, so mein Eindruck von vor 17 Jahren, hat man in der Stadt den Anschluss an die Zeit und den Blick für Sanierungsfirmen verloren. Da ich aber in den zurückliegenden drei Jahren weite Bereiche Liguriens zwischen La Spezia und Savona besucht habe und ich Ligurien sehr mag, fahre ich ein Stückchen weiter und lasse ich mich eben neu auf Sanremo ein.

Meine Gastgeberin Manuela, rund 20 Jahre älter als ich, ist gleich der erste gute Eindruck, den ich von Sanremo habe. Da sie kein Englisch spricht und mein Italienisch für ausgefeilte Kommunikation zu rudimentär ist, organisiert sie einen Freund aus dem Geschäft gegenüber als Dolmetscher. Marco vermittelt den ersten Inhaltskontakt zwischen uns und gibt mir seine Telefonnummer, falls es bei uns zu Verständnisschwierigkeiten kommen sollte. Kommt es nicht: Manuela befleißigt sich einer so einfachen Sprache, dass ich ihr meistens folgen kann und wir stante pede auf ihrem Balkon in tiefe Gespräche abdriften. Anfangs habe ich noch große Schwierigkeiten, ihr zu folgen, doch alsbald gesellen sich neue Vokabeln zu meinem bescheidenen Wortschatz und wir tauschen uns intensiv aus. Gelegentlich greifen wir auf Französisch zurück, einzelne Wörter kennt sie auf Englisch und sogar auf Deutsch; bezeichnenderweise sind dies etwa „verboten“ und „Arbeit“. Eines Abends präsentiert sie mir ein eigens angeschafftes Englisch-Lernbuch, und weil sie es sich sehr zu Herzen nimmt, diese Sprache zu erlernen, nennt sie mich konsequent Mathew, obwohl ich ihr sogar Matteo angeboten habe. Besonders freue ich mich über die Restauranttips, die sie mir zukommen lässt. Ich probiere sie alle aus. Alle. Ligurische Küche! Es dauert rund eine Woche in Italien, bis ich erstmals eine Pizza oder Pasta esse. Der Rest: Fisch. Und einmal Kaninchen.

Sanremo ist klein und übersichtlich, man kann alles zu Fuß erreichen. Wie in jeder mir fremden Stadt frage ich in der Touristeninformation auch nach Plattenläden: Immerhin einen soll es noch geben. Den finde ich auch. Der Eigentümer tut sich mit mir etwas schwer. Ich frage ihn nach Vanessa van Basten. Kennt er nicht. Vom Label Taxi Driver aus Genua. Kennt er nicht. Ob er mir die Platte denn bestellen könne? Kann er nicht. Mit einigem guten Willen verkauft er mir das neue Album von Lou Dalfin, „Musica Endemica“. Die Band empfahlen mir meine Airbnb-Gastgeber in Genua vor zwei Jahren: Lou Dalfin, „Der Delfin“, singen Folklore eines abgelegenen Tals in Italien nahe Frankreichs in einem Dialekt dieser Gegend, aber mit modernen Instrumenten. Klingt ein bisschen wie deutsche verrockte Mittelaltermusik, nur ohne die doofen Texte und mit einem breiteren Stilangebot. An deren CDs heranzukommen, ist gar nicht so einfach; umso mehr freue ich mich, dass der unwillige Schallplattenmann in seinem unaufgeräumten Laden nicht nur sofort mit meiner Anfrage etwas anzufangen weiß, sondern mir sogleich die CD in die Hand drückt.

Mein Eindruck von Sanremo überdies wiederholt sich. Es kommt mir vor, als wolle es versuchen, heutige Touristen mit den Mitteln der Fünfzigerjahre zu neppen. Zu bieten hat es dabei nichts, bis auf das Casino und das Meer. Keine Museen, keine Besonderheiten, nichts. Na gut: Eine russische Kirche, die zurzeit eingerüstet ist, eine Altstadt, von deren zwei einzigen Restaurants eines zurzeit wegen Renovierung geschlossen ist und die bis auf das weithin sichtbare Sanktuarium auf dem Gipfel komplett heruntergerockt aussieht, sowie eine Festung, die zwar eine attraktive Ausstellung mit Stoffdesign der Dreißiger bis Sechziger zeigt, deren eigentliche Räume man aus mir nicht verständlichen Gründen (Italienisch) aber nicht besichtigen kann. Dennoch, nicht nur mit Manuelas Hilfe mache ich abseits der Via Giacomo Matteotti, der Einkaufsstraße, drei Straßen aus, die mit Cafés und Restaurants und einigem Flair auf mich einen einladenden Reiz ausüben: die Via Francesco Corradi, die Via Gaudio und der Corso Garibaldi. Schnell habe ich den Stadtplan verinnerlicht und bewege mich weitgehend fehlerfrei durch die Straßen und Gassen, zwischen Hafen und Altstadt.

Mir fällt auf, dass sich viele Menschen hier in Sanremo so verhalten wie zu Hause in Braunschweig: schlechter Service, grußloses Vorübergehen, kein Kontakt zu Fremden, brüsker Umgang. Also das Gegenteil von dem, weshalb ich so gern in Italien bin. Ich bin enttäuscht. Und erstaunt, dass Manuela als Bewohnerin mir meine Wahrnehmung bestätigt; es liegt also nicht an meiner Stimmung, wie auch immer die geartet sei. Worauf habe ich mich da nur eingelassen. Na, zumindest auf Manuela, die mir mit ihrer guten Laune, ihrem Humor und ihrer Fürsorglichkeit eine wundervolle Zeit in ihrem Heim bereitet.

Bereits vor der Reise hatte ich die Idee, mir von Sanremo aus einen Tagesausflug nach Nizza zu gönnen. Per Zug ist das ganz einfach. In Nizza war ich noch nie, habe es gerade mal 1999 bis Monaco geschafft, also bin ich neugierig. Und vorsichtig, angesichts der Nachrichten mit dem Anschlag, als ein Einzeltäter mit einem Lastwagen auf der weltberühmten Promenade Dutzende Menschen tötete. Zudem machte ich im benachbarten Monte Carlo die frustrierende Erfahrung, dass man mich mit meinem Schulfranzösisch nicht verstehen wollte: Wie sollte ich dann bloß in Nizza zurechtkommen?

In der Touristeninformation sagt man mir, dass es in Nizza wohl nur einen Plattenladen gäbe, einen Fnac. Das ist eine Kette, die ich schon in Antwerpen entdeckte. Der Touristeninformant beschreibt mir den Weg in ein Viertel, in dem es immerhin Musikalienhändler gibt, was die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dort auch auf Plattenläden zu stoßen. Das bewahrheitet sich zwar nicht, dafür schlendere ich aber durch eine weitgehend touristenfreie Gegend, bevor ich den Fnac aufsuche, ohne dort etwas zu finden (zum Beispiel jüngere Alben von Magma, die mir noch fehlen), und mich den Touristenecken widme. Am Hafen, gleich bei den Antiquitätenbutzen, bekomme ich Lust auf einen Kaffee. Ich wühle in meinem Französisch herum und treffe auf einen Wirt, der Lust auf Kommunikation hat. Wir scherzen und lachen, er berichtet von Fußball: „Deutschland war gestern hier.“ Ach, was war denn, WM-Qualifikation? Er deutet auf eine Zeitung: Europapokal, Schalke trat gegen OGC Nizza an. Und gewann 1:0. Was den Wirt nicht daran hindert, mit mir gemeinsam weiterzulachen. Und mir meine Nachlässigkeit vorzuwerfen, den Milchschaum nicht aufgegessen zu haben. Er schäumt extra neue Milch auf und gieß sie in meine Tasse. Schon jetzt hat Nizza Punkte gemacht.

Auf dem Weg zur Promenade komme ich an einer Treppe zur Burg vorbei. Natürlich gehe ich da hoch. Städte von oben finde ich immer reizvoll. Bei dem strahlenden Sonnenwetter ist der Ausblick von der großflächigen Ruine aus doppelt wundervoll: links das Meer, mittig die Promenade, rechts die Altstadt. Über mir spannen Pinien ihre Nadelblätterdächer. Es riecht wundervoll. Ich versuche, den Abstieg zur Altstadt zu finden, und nehme ein lauter werdendes Rauschen wahr. Zwischen dichten Blättern ergießt sich ein künstlicher Wasserfall inmitten des Burgrestes. Ich staune. Gischt kühlt die Besucher. Mir kommt ein junges Paar entgegen. Er fragt mich, ob ich weiß, wo der Wasserfall beginnt. Weiß ich nicht, aber er könne es mir ja sagen, wenn er die Quelle gefunden hat. „Komm doch mit“, sagt er, und – natürlich: Ich komme mit. Wir stellen uns vor: Sie, Nuha, kommt aus Jordanien und er, Baz, aus Kanada. Er ist beruflich in Nizza und traf hier zufällig auf sie; wie Nuha mir später erzählt, nur fünf Minuten vor mir. Also kein Paar, nicht mal alte freunde. Von Baz erfahre ich, dass das, was ich über seine Heimatstadt gelernt habe, nicht umfassend stimmt: Nach meiner Kenntnis spricht man Montreal französisch aus, er hingegen verwendet die englische Fassung. In dem Film „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ überführt die vermeintlich falsche Aussprache einen Aufschneider. Doch 30 Prozent der Bewohner sprächen Englisch, sagt Baz. Ich will weiter, in die Altstadt, und darf den Zugfahrplan nicht aus den Augen verlieren. Wir tauschen Kontaktdaten aus, denn Nuha will in ein paar Tagen nach Sanremo kommen, vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee.

Beim Abstieg verlaufe ich mich und gelange auf die Promenade. Das ist also die weltberühmte Edelmeile an der Côte d‘Azur? Ein langes Stück Teer mit Palmen dran. Kein Glitzer in Nizza. Und auch keine Pizza, jenseits der Straße säumen zwar Restaurants die Zeile, aber ich schlängle mich in die Altstadt weiter. Die ist wirklich schön, eng, dicht gedrängt mit Läden und Cafés, die den hübschen Häusern mehr als nur Optik verleihen. Sieh her, Sanremo, so geht das auch mit seinen Architekturaltlasten. Man erkennt hier das italienische Erbe und ich begreife, warum die Stadt, die eigentlich Nice heißt, bei uns den alten italienischen Namen trägt: Die Geschichte schob hier öfter mal die Grenze herum. Auf manchen Tafeln an den alten Häusern steht sogar noch eine dritte Version: Nissa. Die Leute hier tragen teilweise noch italienische Nachnamen, und auch in den Straßenbezeichnungen schlägt sich die Historie nieder. In der Rue Rossetti zum Beispiel suche ich mir ein Café. Einen regionalen Wein möchte ich probieren, aber das traue ich mir nicht zu, auf Französisch auszudrücken. Mir kommt in der Tür ein Mann entgegen, den ich auf Französisch frage, ob er Englisch spricht. Er antwortet etwas, freundlich grinsend und gutgelaunt, und diese Antwort verstehe ich nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie überhaupt auf Französisch war oder ob das der Versuch war, Englisch zu benutzen. Eine Kollegin hörte das und kommt grinsend dazu. Sie bestätigt, dass sie Englisch spricht, und fragt den Kollegen: „Do you speak English?“ Der Mann grinst und sagt: „Oui.“ Sie nickt mir zu: „That means ‚no‘.“ Meinen lokalen Wein bekomme ich und gut schmeckt er mir auch. Nizza hat also mächtig positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann die Stadt dem Wolfsburger Rapper, der sich nach ihr benannt hat, nur empfehlen.

Zurück in Sanremo. Hafenrundfahrten oder Bootsausflüge werden von hier aus nicht angeboten. Noch so ein Fehlschlag, tse! Die einzige Möglichkeit, hier am Meer auch mal aufs Meer zu kommen, ist, sich beim Whalewatching anzumelden. Klingt nach Nepp, aber sie versprechen für 34 Euro eine mehr als vierstündige Tour aufs offene Mittelmeer. Da melde ich mich doch mal an. Am Abfahrtstag werde ich jedoch vertröstet: Das Wetter sei schlecht, ich könne mich für die nächste Tour reservieren lassen. Das mache ich. Und gehe zu Fuß zu einem Strand, den mir Manuela empfahl: Valecrosia, immer die alte ligurische Bahnstrecke am Meer entlang, die man inzwischen für Radfahrer aufbereitet hat. Valecrosia liegt jedoch knapp 15 Kilometer entfernt. Ich komme am malerischen Ospedaletti vorbei, lasse das überfüllte Bordighera hinter mir und durchquere auch den Tunnel, der die Geschichte von etwas erzählt, von dem ich bis kurz vor meiner Reise noch gar nichts wusste: Milano-Sanremo, ein Radrennen. Juri erzählte mir davon, und der kennt sich mit so etwas aus, schließlich organisiert er die Critical Mass Braunschweig, die monatliche Radtour durch die Stadt, an der immer so um die 500 Radfahrer teilnehmen. So ist das, wenn man sensibilisiert wurde: Plötzlich sehe ich in Sanremo überall Radrennsporthinweise. Der Strand von Valecrosia ist wirklich schön, sehr weit, sehr kieselsteinig, und ich bin froh, dass ich mir die Lust auf ein Bad schon in Bordighera erfüllte, denn inzwischen zeigt mir das Meer, was es mit der Whalewatchingabsage auf sich hat: Es schäumt über. Die Wellen sind meterhoch und verweigern mir den unfallfreien Zutritt. Zugucken kann ich ihnen aber, wie sie ständig die Oberfläche der See umgestalten und mich mit mannigfaltigen Formen berauschen. Ein schöner Ausflug mit den Füßen. Zurück geht’s aber mit dem Bus.

Für den folgenden Tag habe ich noch keine Pläne. Als wüsste Manuela das, schlägt sie mir vor, mich mit ihrem uralten Fiat, den sie „Regina“ nennt, Königin, nach Bussana Vecchia mitzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Stadt, die 1887 von einem Erdbeben teilzerstört und in den Sechzigerjahren von Künstlern illegal neu besiedelt wurde. 1999 war ich schon mal dort, schlenderte durch die Gassen, betrachtete die eher kunsthandwerklichen Exponate und die pittoreske Kulisse des Verfalls und fand es ganz nett dort, so ohne Wasser und Strom. Ein bisschen ist es auch heute noch so, nur kommt mir die Stadt nun aufgeräumter vor, weniger ruinös, auch trotz des Kirchengerippes in der Mitte. Die Leute haben etwas aus der Kulisse gemacht. Und Manuela kennt ein offenes Geheimnis: La Barca, eine Art moderne Hippiekommune in Bussana Vecchia, die auf verwinkelten Pfaden zugänglich und für alle Gäste offen ist. Es empfiehlt sich aber trotzdem, die tuchbespannte Holztür hinter sich zu schließen, damit nämlich das Straußenbaby nicht abhauen kann. Il struzzo rennt zwischen den wild zusammengewürfelten Möbeln, Katzen und Hunden, Dekostücken aus aller Welt und vielsprachigen Menschen herum. Zur Begrüßung bekommen Manuela und ich Gläser mit selbstgemachtem Roséwein in die Hand gedrückt und die Einladung, uns etwas von der frisch zubereiteten Pasta mit der Käsesoße zu nehmen. Ich bin erstmal überfordert und setze mich mit Manuela an den Rand eines langen Tisches, an dem wir schon mal auf Deutsch begrüßt werden. Erst nach und nach erfahre ich, was hier los ist: Eine halbe Handvoll Männer aus Italien, den Niederlanden und der Schweiz fand sich hier zusammen, als Aussteiger, als Autonome, als Nationenverweigerer. Ihren Paradiespark öffnen sie für Gleichgesinnte und Neugierige, von denen manche hier für einige Zeit übernachten und andere, wie Manuela und ich, nur vorübergehend zu Gast sind. Mich erinnert das an Christiania in Kopenhagen, was mir meine Gesprächspartner bestätigen. Und davon habe ich einige.

Uns gegenüber setzen sich Kerry und Clyde, ein Paar aus Südafrika, das sich in Gesellschaft des Straußenbabys sofort heimisch fühlt. Sie sind Marineangehörige und nur temporär in Sanremo. Neben uns spielen ein paar jugendliche Deutsche Gesellschaftsspiele und debattieren mit dem Hausherrn aus den Niederlanden. An einem anderen Tisch singt jemand spanische Lieder zur Akustikgitarre, zumindest eines des Franzosen Manu Chao ist mir geläufig. Zwischendurch läuft Musik aus dem Laptop; als der Regen einsetzt und sich sogar ältere Besucher aus dem belgischen Knokke-Heist zu uns gesellen, in dem ich im vergangenen August Urlaub machte, läuft ABBA und viele tanzen gewittergeschützt unter der Pagode. Eigentlich will ich mich als Fremder zurückhalten, doch bieten sich ständig Unterhaltungen an, mit den Frauen, die mir Wein ausschenken und vom Konzept berichten, mit den Hausherren, die mir Kalbsfleisch und Gemüse überreichen sowie von ihrer Geschichte berichten, und das alles auf Englisch und Deutsch, was ausgerechnet meine einheimische Gastgeberin benachteiligt, von der ich eigentlich dachte, dass sie hier Heimvorteil hätte. Also finde ich mich kurzerhand als Italienischdolmetscher wieder. Erstaunlich, was alles geht. Beseelt verlassen wir nach Stunden Bussana Vecchia, nicht ohne die Blue Box im Baum am Eingang mit Scheinen zu befüllen. Wir bahnen uns zwischen Katzen, Hunden, Gänsen, Schweinen und dem Strauß unseren Weg hinaus, verabschieden uns dabei von unseren neuen Bekanntschaften wie von alten Freunden. Der Abschied dauert dabei länger als manche Party.

Über Nacht mache ich mir so meine Gedanken und sortiere meine Beobachtungen. Manuela muss es ebenso gegangen sein. Beim Frühstück spricht sie die Untiefen der Barca an, die mir auch auffielen, bei aller Sympathie und Hippieseligkeit. Was sie als Autonomie und Aussteigertum darstellten, ist für einige der Barca-Betreiber wohl eher eine Flucht aus der Realität, weil sie im Leben einige Schwierigkeiten haben. Beziehungsschmerz ist offenbar eine gängige Triebfeder. Manches Verhalten stimmt uns kritisch: Einer unterhielt die jungen Deutschen mit halblustigen Provokationen und war nur selten zu ernsthaften Gesprächen bereit oder in der Lage. Ein anderer fühlte sich beim Abwaschen vom Strauß belästigt und schob ihn rüde mit dem Fuß beiseite. „Es gibt bei uns keine Drogen“, sagt ein Dritter, „außer, man zählt Alkohol auch dazu.“ Und das den ganzen Tag. Jeden Tag. Jeden Tag haben die Barca-Betreiber also Gäste und Feste und sonst nichts. „Wir arbeiten nicht gern“, sagt ein anderer, und begreift doch selbst: „Hier gibt es aber auch immer etwas zu tun.“ Das temporäre Publikum indes bringt den guten Geist mit, der das Erleben hier so herzerwärmend macht, und ohne die Erstaussteiger und deren Initiative wäre die weitestgehend harmonische Zusammenkunft auch gar nicht möglich geworden. Wir sind uns daher beide einig, dass es gut ist, dass La Barca existiert und dass wir uns dort wohlfühlten.

Mein Kaffee mit Nuha steht nun an. Wir treffen uns an der Festung, die zu Nuhas Bedauern heute geschlossen hat – es ist Montag. Zuerst genehmigen wir uns daher den Kaffee am Hafen, dann bittet sie mich, ihr die Stadt zu zeigen. Wir schlendern durch die Altstadt bis zum Sanktuarium und kehren beim Ristorante Mulattiere ein, das mir Manuela empfahl und in dem ich schon einmal aß, dabei „Braunschweig schön trinken“ aus dem Verlag Andreas Reiffer lesend. Die Inhaber umsorgen uns freundlich und versorgen uns mit ligurischer Pasta, Wein und Wasser. Nach Stunden begleite ich sie noch zu ihrer Unterkunft, die Bitte erfülle ich ihr und erfüllt mich mit Freude.

Nuha ist für drei Tage bei einer Freundin in Sanremo untergekommen und muss am nächsten Tag den Zug nach Nizza nehmen, um nach Athen zu fliegen. Sie ist zurzeit in Europa unterwegs, sie verbringt so ihren Urlaub, von Ost nach Süd. Eigentlich arbeitet sie für die Vereinten Nationen bei der Flüchtlingshilfe. Als Jordanierin hat sie es viel mit Menschen aus ihrem Nachbarland Syrien zu tun. Sie erzählt mir von ihren Monaten auf Lesbos und der Schwierigkeit, sich mit dem schwergängigen System der UN abgeben zu wollen. Und sie erzählt von den Problemen, die sie damit hat, anders zu sein, als es ihre Familie, ihre Tradition und ihre Religion vorgeben. Es gab in ihrem Leben eine Initialzündung, die aus der einst konservativen Muslimin einen Freigeist gemacht hat, der sich gegen alle Widerstände selbst verwirklichen will und das nicht damit verwechselt, lediglich ausschweifend zu leben. Wir tauschen unsere Lebenseinstellungen aus und ich freue mich darüber, wie viele Übereinstimmungen es bei uns gibt: dem Mann aus christlicher Erziehung in Mitteleuropa und der Frau mit muslimischer Geschichte aus Arabien. So entpuppt sich dieses in Nizza verabredete Kaffeetrinken als mich noch beseelender als der Besuch in La Barca.

Jetzt aber aufs Boot, dieses Mal fällt das Whatewatching nicht aus. Ein mittelgroßes Kahn empfängt eine kleine Gruppe Touristen am alten Hafen von Sanremo und steuert dann Bordighera an, um vor dem Törn aufs offene Meer den letzten Schwung Teilnehmer aufzunehmen. Das Oberdeck ist bereits übervoll, im Innenraum schreit eine Kindergruppe, also setze ich mich an den Bug. In Bordighera gesellt sich eine weitere Kindergruppe dazu, die sich jedoch nicht innen halten lässt. Ein langhaariger und bärtiger Typ fällt mir auf, der mit Hund und anderen Angehörigen über den Steg an Bord schlendert. Das Boot ist zwar nicht so groß, aber man läuft sich nicht zwangsläufig über den Weg, und doch ist es genau er, mit dem ich bald ins Gespräch komme. Er ist es wie ich nicht gerade gewohnt, auf einem Schiff zu sein, stellt er beim achterbahnartigen Wellenreiten fest, denn er kommt aus einem Tal nahe der Grenze zu Frankreich, wo er mit seiner Verlobten eine landwirtschaftliche Saisonarbeit verrichtet. Eine sehr intensive: Dieses sei sein erstes freies Wochenende seit Mai. Die geographiebedingte Erdverbundenheit erklärt auch, weshalb sein Hund nicht klarkommt: Luna, so heißt sie, begreift das Schwanken nicht und fiept gelegentlich angstvoll. Sie lässt sich aber beruhigen, auch von umherfliegenden Kinderhänden. Natürlich spreche ich ihn bei der geografischen Beschreibung seiner Heimat auf Lou Dalfin an. Und natürlich kennt er die, „die kennt doch jeder“, glaubt er. In seinem Tal vielleicht, meine ich einschränken zu müssen, doch er widerspricht. Und erzählt, dass der Sänger sogar im selben Dorf wohnt wie er. Die Erbsigkeit der Welt mal wieder. Auch er spielt in einer Band, „Golden Cherry, übersetzt“, sagt er, also ungefähr Ciliege d‘Oro vermutlich. Er sei kein guter Gitarrist, glaubt er, und komme wegen seiner Arbeit auch kaum zum Üben. Musikalisch verortet er die Goldenen Kirschen im Garage Punk: „Wir haben gerade ‚Strychnine‘ von den Sonics gecovert.“ Jau, hier bin ich richtig. Im Gegenzug berichte ich ihm von „Ich will nicht tanzen“, der neuen Single von Blinky Blinky Computerband, zu der mich Olaf den Text und die Stimme beisteuern ließ. Das dazugehörige Album „For A Better World“ und die beiden CDs davor gibt es übrigens auch im Riptide zu kaufen. Und à propos gute Plattenläden, derer gebe es in Nizza haufenweise, sagt mein Mitskipper. Na, der Touristinformant kriegt was zu hören!

Es ist der 20. September. Nach diesem Tag sind überall in Italien Straßen benannt. Also frage ich meinen musikalischen Begleiter, was es damit auf sich hat. Er stutzt und gibt zu, das gar nicht zu wissen. Wir einigen uns darauf, dass es vermutlich etwas mit Garibaldi zu tun hat. Er schwankt über Deck davon und kehrt kurz darauf zurück: „Ich habe die anderen gefragt, die wissen es auch nicht.“ Wir lachen und vereinbaren, uns im Internet kundig zu machen. Das sagt: „Fest der Befreiung der Hauptstadt Rom und nationale Wiedervereinigung (1870); den Faschismus abgeschafft“. So richtig bringt mich das nun aber auch nicht weiter.

Aber es ist ja Whalewatching. Ein singulärer Delphin unterkreuzt unser Boot, was den Ansager sich wundern lässt, denn normalerweise gäbe es Delphine nicht als Einzelgänger. Ein zweites Mal wundert er sich, als er eine riesige Meeresschildkröte ausmacht, denn die kommen im Mittelmeer eigentlich gar nicht vor. Das war’s. Den Rest der Zeit vertändeln wir auf hoher See und lassen und sanft in den Schlummer schaukeln. Trotz der Kinder, die bei der ersten Delphinsichtung noch niedlich sind, bei ausbleibender weiterer Walbeobachtung indes echt mal so richtig nerven. Und erstaunlicherweise „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do zitieren, den Eurotrashhit, den selbst in Deutschland niemand mehr kennt, gottlob. Mal so richtig fair ist, dass wir wegen der Nichtsichtung der angekündigten Meeressäuger unsere Tickets behalten und noch bis zum Ablauf der nächsten Saison erneut verwenden dürfen.

Meinen letzten ganzen Tag verbringe ich in Imperia. Auch dessen Altstadt, Porto Maurizio, ist wunderschön und birgt das größte Gotteshaus Liguriens. Die eigentliche Stadt zwei Kilometer weiter ist immerhin ganz okay. Die Frau im Plattenladen (dieses Mal half man mir in einem Musikalienhandel weiter) ist extrem hilfsbereit, doch auch sie kennt Vanessa van Basten nicht. Aber sie stellt mir in Aussicht, die Platte bestellen zu können. Das hilft mir bedauerlicherweise jetzt auch nicht mehr. Die Alternative meiner Wahl, der Soundtrack zu Paolo Sorrentinos Film „Youth“ nämlich, ist bei ihr indes bereits ausverkauft. Schade! Den finde ich noch kurz vor der Abfahrt beim Querulantenplattenladen in Sanremo. Auf dem Album ist nämlich „Just (After Song Of Songs)“ drauf, vom Trio Medieval, ein Stück, das sich schon im Film in mein Gedächtnis einbrannte und das ich per Whatsapp auch Manuela ins Ohr pflanzte.

Als ich ein letztes Mal durch Sanremo schlendere, stelle ich fest, dass es mir doch ans Herz gewachsen ist. Die Kellnerin in dem Hafencafé fragt mich bei meinem zweiten Besuch fröhlich, wo denn meine Begleiterin vom Vortag geblieben sei, der Besitzer der gemütlichen Weinbar „Per Bacco“, in der vortrefflicher Jazz läuft, begrüßt mich bei meiner Wiederkehr mit Handschlag, und als ich im Supermarkt Mineralwasser für die Rückfahrt kaufe, winkt mir an der Kasse eine Frau zu: die Kellnerin aus dem Mulattiere. Manuela verabschiedet mich mit festen Umarmungen; im letzten Augenblick stellt sich heraus, dass wir beide Zwillinge sind und dass unsere Geburtstage nur drei Tage auseinander liegen. Da wundert mich nichts mehr. Und nehme als Fazit mit: Auch in Sanremo kann ich mich also zu Hause fühlen.

Trotzdem freue ich mich auf Braunschweig, natürlich! Mich erwartet Post von Krüger, der mir seine drei neuesten Singles schickte, und von Phillip Boa, der eine neue Box mit drei CDs, einem Buch und einer 10“ herausbrachte. Mich erwartet Arbeit für Rille Elf, denn den nächsten Tanztee am 13. November im Tegtmeyer veranstalten wir dankenswerterweise im Rahmen des Filmfestes, und ich muss dafür noch den Flyer gestalten; weiterer Einsatz für Blinky Blinky Computerband, denn Olaf und ich wollen die Songs nochmal durchgehen, die wir mit Arni und Henning am 1. Oktober im Tegtmeyer als Support von Psyche spielen wollen; und Initiative für die Indie-Ü30-Party, für die Henrik und ich die Flyer und Plakate quer über Braunschweig verteilen wollen. Die EP von Vanessa van Basten muss ich wohl zu Hause per Internet bestellen; das mache ich, sobald das neue Album von Mope draußen ist, das spart mir Porto. Und Stef ist da, wir setzen uns an den blauen Tisch in der Küche und tauschen unsere Erlebnisse aus. Ich habe Wein mit. Wird eine lange Nacht. Salute!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#104 Maximalzersplittert

13. Juni 2016


Sonntag, 12. Juni 2016

Fußball gucke ich immer noch am liebsten mit Frauen. Heute: mit Stef. Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren tritt um 21 Uhr gegen die Mannschaft aus der Ukraine an. Das könnten wir zwar auch bequem zu Hause verfolgen, aber wir wollen natürlich ins Riptide gehen, weil dort im Handelsweg Fußballgucken eine eigene Qualität und weil das Riptide normalerweise am Sonntag geschlossen hat und wir die Sonderöffnung nicht ungenutzt lassen wollen. Trotz des Regens kündigte Chris rechtzeitig an, die Aktion nicht abzusagen, sondern verwies auf das Segeltuchdach im Achteck und die Decken, die es auszuteilen gäbe.

Der Weg vom Frankfurter Platz zum Riptide ist heute allerdings nicht auf der Strecke frei, die wir zu gehen gewohnt sind: Der Eiermarkt ist wegen des so genannten Public Viewing gesperrt. Wir finden uns an einem Fangzaun wieder, der von niemandem außer uns gequert werden will und hinter dem uns drei südländisch aussehende Securitymänner den freundlichen Hinweis geben: „Ihr kommt hier nicht durch.“ Hinter ihnen herrscht freie Sicht bis zum Altstadtmarkt, wir können unseren geplanten Weg ungebremst entlang blicken und sehen keinerlei Grund, weshalb wir ihn nicht auch gehen sollten. Die drei jungen Männer sind freundlich und sympathisch, daher lassen wir uns gern auf ihre Argumente ein, die da lauten, dass sie nun mal ihre Bestimmungen haben. Stef grinst: „Ihr seid so deutsch!“, und die drei Südländer grinsen mit. „Das haben wir extra für euch so gemacht“, versichern sie uns und ermuntern uns dazu, den Umweg über die Brabandtstraße zu nehmen. So kommen wir an der Garküche vorbei, der Straße zum Public Viewing, durch die nur wenige Schwarzrotgoldgeschmückte wanken. Die hätten wir auch quer gekreuzt haben können. Egal, die unterhaltsame Begegnung war uns dies wert. Und es regnet ja gerade nicht mehr.

Unter dem Segeltuchdach im Achteck ist trotzdem etwas los. Hinter dem Beamer sitzt Chris, neben ihm Marcus. Wir begrüßen beide und gehen trotz längst erfolgten Anpfiffs erstmal ins Café, um uns bei Jakob jeweils ein Wolters zu bestellen. Auch das Sofa drinnen ist belegt, ein Paar guckt sich das Spiel von dort aus durch das Fenster an. Die Leinwand auf der gegenüberliegenden Seite ist gut zu sehen, der Ton dafür umso weniger gut zu hören, aber das ist nicht so schlimm, wenn man nicht auf Statistikgestammel steht.

Direkt rechts vor der Leinwand ist überraschenderweise ein Tisch mit zwei Stühlen frei. Zwar haben wir jeden, der in die Rip-Lounge will, dann kurz vor unserer Nase, aber das ficht uns nicht an. Hinter uns sitzen Leute mit schwarzrotgoldenen Blumenkränzen, Gesichtsbemalungen und Hüten unter Decken gehüllt. Auch nebenan im Tante Puttchen läuft Fußball, wir können die Leinwand sehen und den Ton hören, der dort eine Sekunde früher ankommt als bei uns. Seltsam, das Echo zuerst wahrzunehmen.

Jakob bringt uns die Biere, Stef bestellt gleich noch die Tortillachips mit Käse und Oliven von der EM-Karte. Wir stoßen an: „Voll auf die Elf!“ Vielleicht hilft’s ihr ja. Knapp zehn Minuten gespielt, und der Moderator wird erstmals redundant: „Knapp zehn Minuten gespielt“, teilt er uns mit, „und noch immer kein Tor.“ Stef ist mit ihm empört: „Jetzt habt ihr nur noch 80 Minuten!“ Einer von vielen typischen Wortbeiträgen zeitgenössischer Sportkommentatoren. In der Folge berichtet der Mann unter anderem, dass der Rasen im Stadion erst seit zwei Wochen liegt. Aha.

So richtig konzentriert gucken scheinbar die wenigsten hier im Achteck, man hört sie angeregt miteinander plaudern. Gelegentlich stimmen sie trotzdem in ein kollektives „Ouh!“ ein, wenn es knapp wird. Auch Mustafis Tor bekommen sie mit und jubeln in angemessener Stärke. „Jogi guckt immer, als wäre ein Tor für die anderen gefallen“, findet Stef. Recht hat sie. Unser Bundestrainer hat, wie sie ebenfalls feststellt, seine Signaturkleidung abgelegt: Anstatt des weißen Hemdes mit hochgekrämpelten Armen trägt er ein dunkelfarbloses T-Shirt. „Ich hab grad Jogis Bauch gesehen“, feixt Stef. Da hab ich wohl grad nicht geguckt.

Aber dabei fällt mir eine Fotostrecke im aktuellen Musikexpress ein, die LCD Soundsystem dabei zeigt, wie das Trio im Zuge eines Videodrehs auf dem Boden herumkullert. Dabei kann man auch die Bäuche der beiden Männer sehen (den der Frau nicht). Ja, sie haben Bäuche, sie entsprechen keinen gängigen Idealen. Das finde ich sehr sympathisch. Überhaupt, dass der ungefähr mit mir gleich alte James Murphy seine musikalische Karriere im gesetzten Alter von 30 Jahren erst startete. Er macht erwachsene Musik, die trotzdem neugierig und fordernd ist. Und bei der es eben nicht auf Äußerlichkeiten ankommt. Das Comeback nach fünf Jahren Pause (der Abschiedsfilm „Shut Up And Play The Hits“ lief übrigens seinerzeit bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Riptide und Universum-Kino) fand ich nicht so überraschend. Eher im überstürzten Abschied impliziert. Anders bei ABBA und den Stone Roses; wer gibt übrigens Wetten ab: Wann treten The Smiths wieder zusammen auf, noch vor 2020 oder erst danach?

Wie schon vor zwei Jahren bei der WM hakt auch dieses Mal gelegentlich das Bild. Es gibt immer noch Stockungen beim Receiver. Ebenso stockt Chris jedes Mal der Atem: „90 Minuten geht das so“, flüstert er uns im Halbdunkel zu. Och, so lang das nicht genau beim Tor ist. Stef imaginiert sich, wie nach dem Einfrieren des Bildes oben plötzlich „0:1“ steht und das Spiel kommentarlos weitergeht.

Uns gefällt das Spiel, und wir mögen unseren Torhüter Neuer, der mit seinem Milchbubigesicht so herrlich nett wirkt. Wir mögen, dass das bisher einzige Tor aus dem Spiel heraus fiel, nicht hineingeschummelt oder aus einer Strafstoßsituation oder so. Es war ein gespieltes Tor, ein Schach-Tor, wenn man so will, was fast wie der ukrainische Verein aus Donezk klingt, was wiederum genau zum Gegner passt. Das nächste Tor wird dann wohl ein Hec-Tor. Stef nickt: „Voll aufs Heck.“

Aber jetzt ist die Ukraine am Drücker. In einer waghalsigen Aktion fuchtelt Boateng rückwärts ins Netz fallend mit dem gestreckten Bein den Ball von der Torlinie. „Das war so‘n Millimeter vorm Tor“, staunt Stef aufgebracht und zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen halben Dezimeter an. Wir können kaum mit dem Staunen aufhören, da fällt prompt ein Abseitstor der Ukrainer. „Was‘n das für‘n Krimi!“, echauffiert sich Stef.

Und dann ist Halbzeit. Die Tagesthemen zeigen blutige Nachrichten, die uns mit Entsetzen füllen und einen extremen Kontrast zum Fußballhedonismus bilden. Jakob verteilt Kerzen auf den Tischen und holt uns damit ins Hier und Jetzt zurück. Wir stellen fest, dass an einem der Tische hinter uns die Leute Englisch sprechen. „Das sieht man jetzt öfter“, meint Stef.

Inzwischen ist die zweite Hälfte angepfiffen. Die Bande verrät, dass das Spiel in Lille stattfindet, und hinter dem Ortsnamen steht das Wort „Métropole“. Seltsam, das stand bei den anderen Spielstättenbezeichnungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass „lille“ auf Dänisch „klein“ heißt und die Franzosen da falsche Eindrücke vermeiden wollen.

Jetzt schießt sich Stef auf den ukrainischen Torwart Pjatow ein. „Der kann ja doch was“, grummelt sie bei einer seiner Paraden. Und ergänzt nach der Zeitlupenwiederholung: „Na ja, war ja auch leicht.“ Die Trikots der ukrainischen Spieler geraten ordentlich in Mitleidenschaft. „Auf dem Gelb sieht der Schmutz irgendwie kacke aus“, findet die Modeexpertin neben mir. Nun wird ihr auch mit Jacke zu kalt und sie versucht, im Café eine der Decken zu ergattern. Erfolglos kehrt sie zurück und sieht gerade noch, wie auch Pjatows Spielanzug verunstaltet ist: „Und das Grün sieht auch scheiße aus.“

Ein seltenes Mal sieht man die Ukrainer jetzt im Dauerballbesitz auf das Tor ihrer Gegner zulaufen. „Haben die immer noch den Ball?“, fragt Stef und beginnt, sich darüber aufzuregen. „Nehmt den doch mal weg da!“, schimpft sie und lässt noch ein paar weitere gute Ratschläge vom Stapel. Als sie diese umgehend befolgt sieht, grinst sie: „Das Schönste am Fußballgucken ist das Klugscheißen.“

Überraschender Besuch tippt mich rückwärtig an: Jasmin guckt mir über die Schulter. Wir haben uns ewig nicht gesehen. „Seit ich hier weg bin“, bestätigt die ehemalige Riptide-Mitarbeiterin. „Dabei bin ich oft hier.“ Hm, ich auch, aber gesehen haben wir uns bislang noch nicht. Na, der Fußball bringt uns zusammen. Jasmin nickt: „Es ist gemütlich hier – wenn’s von unten nicht so kalt wär.“ Es solle wärmer werden, wenn auch nicht gleich morgen, weiß sie. In ein paar Monaten könne es hier gern regnen, sagt sie: „Dann bin ich in Italien.“ Da bin ich auch immer gern. Ihr Wunschziel für dieses Mal ist Sizilien oder Sardinien, besonders letztere Insel gefiele ihr: „Ist ruhiger.“ Da ich immer mit dem Auto nach Süden fahre, bleibe ich in Ligurien hängen – auf den Inseln war ich noch nicht.

Der Receiver setzt aus. Den Kehlen um uns herum entfährt ein Geräusch, das ungefähr dem skandinavischen Buchstaben „å“ entspricht. Doch nachdem das Bild wieder läuft, ist Stef ungehalten: „Das ist alles viel zu langsam hier.“ Sie meint das Spiel und überträgt ihren Unmut auf die Gesamtsituation: „Selbst die Chips werden schlabberig wegen der Feuchtigkeit.“ Was das Spiel betrifft, hat sie aber doch Recht. Der Ball rollt ins Aus, der Ansager spricht von der „Möglichkeit zum Wechsel“. Jetzt wird wohl das Land gewechselt. Stef nickt: „Ich bin jetzt für die Ukraine.“ Ein weiteres Indiz dafür, dass das Spieltempo gedrosselt ist, steuert der Sprecher bei: Er faselt vor sich hin. Gerade ist irgendetwas zu hören von „… wir den einen Freistoß von …“, da versteht Stef: „Den alten Fleischkloß???“ Ich bekomme Schnappatmung. Nein, Schweden spielt nicht, auch wenn die Trikots der Ukrainer so aussehen. „Wenn Schweden gegen Deutschland spielt, spielt dann Köttbullar gegen Bulette?“, fragt Stef. Klops, wende ich ein und versuche, meine Atmung zu kontrollieren.

Einmal mehr sind die besudelten gelben Trikots zu sehen. „Wie die aussehen!“, moniert Stef. „Als hätten die sich im Schlamm gesuhlt.“ Die Trikots der Unsrigen sind obenrum weiß und untenrum schwarz: „Bei den Deutschen sieht man das nicht so.“ Klar, weil der Hosenboden von sich aus schon schwarz ist. Und dabei ist der Rasen erst zwei Wochen alt. „Der kann doch noch gar nicht dreckig sein“, meint Stef.

Pjatow ist wieder Stefs Unmutsrezeuger. „Der Torwart nervt“, sagt sie, weil die deutschen Spieler immer wieder vergebens versuchen, den Ball an ihm vorbei ins Netz zu friemeln. „Kann der nicht mal Pause machen?“ Macht er natürlich nicht, aber die Spieler ebenso wenig: Unablässig halten sie aufs Tor zu und wirbeln dabei ganz viel Gras auf. „Guck mal, was die da machen mit dem Rasen“, ruft Stef. „Der ist gerade neu! Da können sie mal ein bisschen vorsichtiger mit umgehen.“

Kurz vor Ablauf des Spiels wechselt Jogi Löw Schweinsteiger ein. In einem Konter läuft der los, bekommt den Ball auf den Fuß und manövriert ihn ins Tor. Abpfiff, 2:0 gewonnen. Wie der strahlt! Verglichen mit vor zehn Jahren ist aus dem pickligen Schweinsteiger ein richtig sympathischer Mensch geworden, den man schon allein vom Hingucken doll mögen kann. Wer sich so freut, der hat sein Tor auch verdient. Jetzt zerren sie Mustafi vors Mikrofon und fragen ihn irgendwas. Während der Antwort zupft er sich am Ohrläppchen. „Die fassen sich auch immer zuerst ans Ohr“, sagt Stef. „Typische Fußballergeste.“ Da hat sie Recht, das ist mir noch nie so aufgefallen. Dann zeigen sie Boatengs Parade noch einmal, dazu ein paar lustige Parodien, die sofort im Internet herumgeistern. Die beiden Studiosprecher erinnern sich, dass Ditmar Jakobs sich bei einer solchen Aktion einst den Rücken aufritzte, als die Netze noch mit Haken am Gestänge befestigt waren. Und war da nicht auch mal ein aufgeschlitzter Oberschenkel die Folge von so etwas? Ich frage Chris, der gerade den Beamer abmontiert, wer das mit dem Oberschenkel war. „Der Trainer von Duisburg, Ewald Lienen“, kommt es sofort. Das war aber durch eine Stolle, unter dem Schuh eines gegnerischen Spielers, setzt Chris fort. „Das mit dem Rücken war wer vom HSV“, weiß er, und als guter Zuhörer bei Fußballübertragungen kann ich sofort Ditmar Jakobs anführen. „Der musste danach seine Karriere beenden“, ergänzt wiederum Chris.

Im allgemeinen Aufräumen geschieht Aline am Nachbartisch das Missgeschick, dass ihr eine Teetasse zu Boden fällt und in Millionen Scherben zerschellt. Jakob steigt mit einer leeren Getränkekiste in den Händen darüber hinweg und bemerkt lapidar: „Na, die ist ja maximalzersplittert.“ Wir noch nicht, deshalb bestellen wir noch je ein Bier und lassen den Fußball Fußball sein. Auch bei Regen und Nichtsowärme ist es doch schön hier. Bald wieder!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#103 Ja, Mai!

31. Mai 2016


Dienstag, 31. Mai 2016

Argh, ich muss unbedingt ins Café Riptide! Ist schon der letzte Tag im Monat, und ich hatte noch gar keine Zeit, mich mal wieder ausführlich mit den Aktivitäten dort zu befassen. Immer war was, und so verstrich der Mai wie nix. Wenn wenigstens die unangenehmen Monate so flott vorbei wären wie dieser. Obwohl, so richtig durchgehend angenehm war er ja nun auch wieder nicht. Pfingsten war dank der Eisheiligen ein Schlag ins Wasser und seitdem ist der Mai ein Mix aus Frost und Schwüle, teilweise gefühlt gleichzeitig. War nix diesmal mit gechilltem Rumlungern auf der Teppichoase des Mokkamakers beim Mittelaltermarkt, was aber auch daran lag, dass der Mokkamaker nicht mehr dabei war und der Ersatz aus der Oase einen bestuhlten Unterstand machte. Weniger gemütlich, bei Regen aber zweckdienlicher, also versehentlich richtig.

Der Mai, der Monat der Feiertage; außer Ostern und Weihnachten hat’s fast alles in den Wonnemonat verlegt. Sogar den 1. Mai. Ha, ha. Dabei war der dieses Mal gar nicht so besonders, als arbeitgeberfreundlicher Sonntag. Und weil die Kirche im Rheinland so unklassenkämpferisch war, fand an dem Tag die Konfirmation meiner jüngsten Nichte statt, in Bonn, und ich konnte nicht zum DGB-Fest am FBZ, dem früheren. Na, was mir da an multikulturellem Flair entging, kann ich am 4. Juni bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt nachholen. Aber trotzdem! Immerhin brach an Himmelfahrt der Namensgeber auf und erfreute die Bierseligen mit allerbestem Sommersonnenwetter. So gut, wie es nach jenem Wochenende nicht mehr werden sollte.

Was nun nicht Feiertag war, nahm mich ansonsten trotzdem zu sehr in Beschlag, um ins Riptide zu gehen. Abgesehen von einem Treffen mit einer Cousine, die ich seit 25 Jahren nicht sah und die mich auf Facebook entdeckte. Ja ja ja, nicht alles ist schlecht an Facebook. À propos, noch gar nicht gecheckt heute. Egal. Nicht mal zu Sound On Screen schaffte ich es, aber dafür zum nächsten Mal ganz gewiss, wenn am 23. Juni eine Auswahl großartiger David-Bowie-Videos im Universum-Kino zu sehen ist. Ich hoffe sehr, dass auch mein Favorit dabei ist: „I‘m Afraid Of Americans“ mit Trent Reznor, der das Stück dafür auch remixte. Und natürlich „Blackstar“, das zehnminütige Titelstück zum letzten Album. Beim letzten Sound On Screen war „All Tomorrow’s Parties“ zu sehen, eine Dokumentation über die Festivalreihe, die jedes Mal von einem anderen Musiker kuratiert wird. Im Vorprogramm lief zum dritten und letzten Mal der Trailer zu dem Riptide-100-Film, den Micha A. und Stef zurzeit mit mir erstellen. Das Komplizierte daran ist, Text und Bild übereinzubringen; Micha zeigte mir den Rohschnitt. Und wir füllten die erforderlichen Lücken erst kürzlich mit Über-die-Schulter-Schüssen mit Blick auf den Laptop, an dem ich den Text erstellte, der im Film zu hören sein wird. Kompliziert? Ist es. Wir hoffen nun darauf, dass der fertige Film dann nicht nur online zu sehen sein wird – es gibt da deutliche Signale, über die wir uns freuen wie Schneekönige im Mai.

Das nächste Projekt läuft zur Zeit in Olafs Arbeitszimmer: Er erarbeitet das nächste Album seiner Blinky Blinky Computerband, mit mehr Gästen als sonst, darunter mit Überraschungen (Olaf mischte zum Beispiel Arnis Gitarrenarbeit auf unkonventionelle Weise in seinen Elektrosound – digital trifft organisch) sowie auch wieder meiner Stimme. Unter anderem! Aber dazu später mehr. Unsere Aufnahmen verliefen wie immer, wenn wir zusammen etwas machen: Olaf spielt mir Demos vor, die lasse ich auf mich wirken. Nach einer Weile bitte ich um Zettel und Stift und Olaf stellt mir das Mikrofon hin. Wie beim Film ist die Nacharbeit das Umfangreichste. Ich bin so gespannt auf das Album. Das präsentiert Olaf am 1. Oktober im Tegtmeyer beim „Strange Electro Pop Festival“, mit den weiteren Gästen Synergy, Infernosounds und – man höre und jubele – Psyche, die seit 1985 aktiv sind und deren Songs „Eternal“, „Brain Collapses“, „Disorder“, „Unveiling The Secret“ sowie das Q-Lazzarus-Cover „Goodbye Horses“ bis heute in den Gruftclubs rotieren.

Auch im Mai fand der jüngste Tanztee von Rille Elf statt, leider an Muttertag und dem eben sehr warmen Wochenende, weshalb der Keller im Tegtmeyer recht leer blieb. Doch wir waren ganz Rock‘n'Roll und bildeten bis zum „Tatort“ mit sechs DJs die Mehrheit über die maximal vier Tänzer. Da kennen wir nix und ziehen durch! Ob wir das mit unserem ersten „Ball im Bierhaus“ auch machen, wissen wir indes noch nicht: Der Termin ist für den 16. Juni angesetzt, an dem leider auch die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes Spiel im Zuge der EM bestreitet. Wir könnten uns ein Beispiel an der Zappen.Duster.Band aus Wendschott nehmen, die auch vor einer Handvoll Leuten von halb neun bis Mitternacht den Hof von Harrys Bierhaus rockte. Wir könnten aber auch klein beigeben und von uns aus sagen, dass wir auf einen Tag mit weniger Begleitprogramm vertrauen. Steht noch aus!

Mit Rille Elf waren wir auch im Mai bei Radio Okerwelle zu Gast. Florian lud uns in seine Sendung „Whats Up“ ein. Was für ein Spaß! Florian ist ein großartiger Gastgeber, der sich mit dem Metier auskennt und nur bei einem Song unserer gewohnt wilden Auswahl sagte, dass er ihn nicht kannte. Respekt! Die Show gibt’s auf Mixcloud nachzuhören.

Und dann war Alfred Hilsberg in Wolfsburg, auch das im Mai, und zwar als Talk-Gast im Kunstverein. Im Gespräch mit dessen Vorsitzenden Justin Hoffmann, seinerseits Musiker bei F.S.K., sprach er über seine Labels Zickzack und What’s So Funny About, die Neue Deutsche Welle und seine Wurzeln in Wolfsburg. Die erste Single von F.S.K. trägt übrigens die Katalognummer ZZ6: Hilsberg veröffentlichte sie seinerzeit auf seinem noch jungen Label. Das Gespräch war unterhaltsam und erhellend, da trafen zwei beseelte Experten aufeinander, ergänzt durch Anita Placenti-Grau vom Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation und Hilsbergs Biografen Christof Meueler.

Und außerdem war ich auch im Mai eine Woche im Urlaub, in Dänemark, auf der Insel Mors, deren Name Programm ist: Der Mors der Welt hat da bestimmt eine Exklave. Ringsum, auch in Thy, schlossen die Restaurants schon um 21 Uhr, sofern sie denn überhaupt geöffnet hatten. Also genau das Richtige, um mal runterzukommen. Dafür ist die Gegend dort so abwechslungsreich, wie selbst viele Dänen nicht ahnen: Ans Hobbitsche Auenland erinnernde liebliche Hügel enden abrupt direkt am Limfjord und bilden dort Steilküsten. Steht man am Wasser, kreischen keine Möwen, sondern es ruft der Kuckuck. Und in der Dünenlandschaft von Thy sieht es auf unüberblickbarer Fläche aus wie in einer Wüstenei. Und dann dieser Fisch! Und der Sturm, der die Nordsee mit einer gigantischen Wucht an die Kaimauern von Hanstholm preschte!

Nur Plattenläden haben sie dort nicht. Nicht mal Ketten, Fona zum Beispiel hat jüngst seine Filialen in Kleinstädten geschlossen. Strukturschwach wie Brandenburg. Sogar eine einst für viele Bewohner von Mors relevante Fähre verbindet die Insel seit diesem Jahr nicht mehr mit Südthy, dafür müssen sie jetzt einen erheblichen Umweg über die Brücke weiter nördlich nehmen. Als ich vor 20 Jahren schon mal dort unterwegs war, gab es noch drei Fähren zur Insel – jetzt nur noch eine, aber zwei Brücken. Und keinen Plattenladen.

Ja, ich muss dringend ins Riptide. Das neue „intro“ sollte da sein, außerdem will ich mal fragen, ob sie mir „Black Yo)))ga“ besorgen können. Gut. Dann also los! Bis gleich!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#98 Prima Premieren

29. Dezember 2015


Dienstag, 29. Dezember 2015

„But that’s the way I like it, Baby, I don’t wanna live forever“ – Lemmy starb heute, fünf Tage nach seinem 70. Geburtstag (Heiligabend) und offenbar nur zwei Tage, nachdem er erfuhr, dass er überhaupt an Krebs erkrankt war. Der Dauerhafte, der sich selbst mit dem selbstzerstörerischsten Lebenswandel nicht selbst zerstören konnte und der daher längst als unsterblich galt. Im übertragenen Sinne ist er das natürlich trotzdem. Die obige Zeile sang Lemmy 1980, in Motörheads Signatursong „Ace Of Spades“. Sein „nicht für immer“ dauerte danach noch satte 35 Jahre. Länger, als andere Ikonen überhaupt lebten. Im Café Riptide, auf der Theke, erinnert ein großes Pappschild mit Lemmys Konterfei und der Aufschrift „R.I.P. 24.12.1945 – 29.12.2015“ an den Unverwüstlichen.

Natürlich ist dies das bestimmende Thema des Tages, besonders in einem Plattenladen. Doch habe ich heute eigentlich vor, etwas ganz anderes zu thematisieren. Schon im Verlauf des Jahres fiel mir auf, dass ich viele Dinge 2015 zum ersten Mal tat. Ganz unterschiedlicher Art: Ich machte erstmals ein Praktikum bei einem Tischler als Bauhelfer. Weil ich arbeitslos war und Bock darauf hatte. Mitten im Sommer übte ich zahllose Tätigkeiten zum ersten Mal aus: Holzbalken schleifen, Treppenstufen und Arbeitsplatten leimen, Estrich legen (sogar Fachfremdes, ja), Bretter zurechtschneiden (nicht sägen, die Handwerker haben da ein eigenes Vokabular, wie die Jäger, die zum Beispiel nicht schießen, sondern leuchten, und aus deren getöteten Tieren, Entschuldigung: dem erlegten Stück Wild fließt nicht etwa Blut, sondern Schweiß) und weiß der Geier, was noch alles so anfiel. Auch zum ersten Mal lernte ich, Grenzen im Privaten zu ziehen; ich trat aus dem Silver Club aus, weil ich mit gewissen Umständen nicht mehr länger einverstanden war. Dafür bin ich Mitgründer von Rille Elf, einem DJ-Team, das Braunschweigs ersten Sonntagnachmittag-Tanztee mit alternativer Musik im neuen Tegtmeyer veranstaltet (den nächsten am 10. Januar ab 16 Uhr). In diesem Jahr nahm ich mein erstes Bad in der Oker. Und ich veröffentlichte mein erstes Buch („Die Stadt ist eine Erbse“) und hielt meine erste Lesung mit eigenen Texten – dank Toddn, der Auszüge aus diesem Blog in Druckform veröffentlicht haben wollte und daran die Verpflichtung knüpfte, dass ich daraus dann vorzulesen hatte. Das sind nur einige Beispiele. Da werde ich 43 und erlebe ständig Neues. Dabei ist es eher die Regel, umso weniger Neues zu machen, je älter man wird, weil man seine Eckdaten längst abgesteckt hat und seine Bahnen festgetreten, in denen man sich bewegt. Man hat sich längst ausgiebig ausprobiert und ist ruhiger geworden. Das brachte mich auf die Idee, mal die Gäste im Café Riptide danach zu fragen, was sie denn 2015 so zum ersten Mal taten.

Wie so oft lenken mich meine Schritte im Handelsweg zunächst in Serges Antiquariat direkt neben dem Riptide. Das Licht ist gedimmt, die Luft zum Schneiden verqualmt und die Stimmung gelockert; die vierköpfige Runde spricht gerade über den Drogenbaron (vermutlich hat er sogar die Rechte auf diese Bezeichnung) Pablo Escobar und die Qualität der gebrannten Mandeln von Mandel-Meier, für die Gernot auf dem Weihnachtsmarkt nur eine Dreiviertelstunde lang anstand und die er allen anbietet, weil nicht alle sie bisher probiert haben. Serge fragt nach meinem Anliegen, und daher probiere ich meine Frage gleich mal hier aus. Serge stutzt: „Da fiele mir nichts ein.“ Laura hingegen sofort etwas: „Ich habe zum ersten Mal gefochten.“ Sie stellt ihre Flasche mit grünem Inhalt und „Wostok“-Etikett neben die von Gernot, der selbst zwar keine Antwort weiß, aber eine passende Geschichte: „Ich habe mal einen Siebzigjährigen bedient, der hat zum ersten Mal Hummer gegessen und es bereut, dass er es erst das erste Mal gemacht hat.“ Laura hat „ganz viele Sachen“ zum ersten Mal gemacht, sagt sie, was Serge auf ihr jugendliches Alter zurückführt. „Ich habe zum ersten Mal eine Sechs-Stunden-Carstorf-Inszenierung gesehen“, erzählt sie. „Ich habe gehofft, nicht einzuschlafen, bin aber bei Stunde viereinhalb eingeschlafen.“ Serge bringt das ernsthaft ins Grübeln. „Macht man mit 70 nichts zum ersten Mal?“, fragt er sich selbst. Einen Hummer hat er sicherlich schon gegessen, mutmaße ich korrekt. „Du hast noch Zeit, dich bei Mandel-Meier anzustellen“, schlägt Niclas süffisant vor. Laura hat noch eine Premiere in petto: „Ich habe zum ersten Mal zwei Wochen lang nicht gesprochen – die Leute haben gedacht, ich sei behindert.“ Bevor ich da nach den Gründen forschen kann, sagt Serge: „Ich bin vom Fahrrad gefallen“, doch Niclas und Gernot insistieren: „Das war letztes Jahr.“ Serge bestätigt und führt an: „Da bin ich zum ersten Mal betrunken vom Fahrrad gefallen.“ Mit fast 70 also. Bei Laura geht es nun Schlag auf Schlag: „Ich war zum ersten Mal in Berlin, aber das liegt daran, dass ich jung bin.“ Serge bestätigt das und springt dann fast aus seinem Sitz empor: „Jetzt fällt mir doch was ein“, ruft er mit erhobenem Zeigefinger. „Ich habe mir eine teure Jacke gekauft und sie in einem Lokal vergessen, und sie war weg.“ Niclas schränkt ein, dass dies ja keine bewusste, aktive Tat gewesen sei. Aber doch ein erstes Mal, beharrt Serge, und: „Mir fällt noch etwas ein: Mir ist zum ersten Mal die Gallenblase geplatzt – da liegt man dann auf der Schippe.“ Dabei hat er sich noch nicht mal über jemanden geärgert.

Gernot gibt mir noch eine güldene Meier-Mandel mit auf den Weg nach nebenan, ins Riptide, wo ich mich an das Lemmy-Bild stelle und Chris begrüße, der immens in Action ist, da das Café vor Gästen überquillt. Herrlich. Nicolai pendelt zwischen den Tischen und der Küche hin und her, in der André aktiv ist. An der guten Laune der Wirtsleute ändert das hohe Aufkommen angenehmerweise nichts. Von den Schallplatten kommt Marcus herüber, er ist damit der erste, der meine Frage gestellt bekommt. „Hab ich Bedenkzeit?“, stutzt er und befindet, dass dies eine schwierige Frage sei. Sehr gut. Doch das Lemmy-Foto lenkt ihn zunächst ab. So erzählt Marcus, dass er das allerletzte Motörhead-Konzert gesehen hat, vor drei Wochen in Berlin. Und die Geschichte, wie er vor einigen Jahren Lemmy in Braunschweig traf. Für eine Viva-Sendung holte der Musiksender Motörhead ins Jolly Joker, es gab nur wenige Karten und Marcus und ein Freund hatten kein Geld für die Tickets. „Wir sind trotzdem hin und haben Lemmy Kilmister getroffen“, strahlt er bei der Erinnerung. „Wir haben ihn gefragt, ob wir auf die Gästeliste kommen, da hat er gefragt, warum, da haben wir gesagt, dass wir keine Kohle haben, was auch stimmte, und er sagte, ‚buy yourselves a ticket, guys‘, da haben wir gesagt, was Lemmy sagt, ist Gesetz.“ Also kamen sie tatsächlich nicht in den Genuss des Konzertes. Aber Marcus ließ sich ein Autogramm geben, auf einer Dollarnote vom letzten USA-Urlaub. Marcus ist ganz hingerissen: „Ich hab ihn in Braunschweig getroffen und sein letztes Konzert gesehen.“ Lichtblicke angesichts der überraschenden Todesnachricht.

Einige Gäste möchten bei Chris ihre Rechnungen begleichen, Alissa und Lea gehören dazu. „Achterbahnfahren so richtig mit Loopings und so“, antwortet Alissa spontan auf meine Frage. Sie war im Europapark, erzählt sie. Erstaunlich, finde ich, dass sie vorher noch nie Achterbahn gefahren war. „Man kommt nicht wirklich in so Parks“, sagt sie schulterzuckend. „Und mir wird schnell schlecht.“ Das würde ich dann auch zu umgehen versuchen. „Ich bin trotzdem mitgefahren“, sagt Alissa. „Das macht Spaß, gleich dreimal.“ Während Lea noch über die Frage nachgrübelt, fällt Alissa noch etwas ein: „So richtig ’ne Lieblingsband, das erste Mal, dass ich sagen konnte: Die finde ich gut, die Band, die trifft meinen Geschmack, die Band, die macht gute Lieder.“ Jetzt bin ich natürlich neugierig, um welche Band es sich handelt, denn den Namen verschweigt mir Alissa. „Five Finger Death Punch“ ist dann die für mich überraschende Offenbarung. Bevor die beiden gehen, hat auch Lea eine Antwort: „Ich bin das erste Mal vom Zehner gesprungen, aber sonst…“ Vom Zehner, da wüsste ich nicht, dass ich das überhaupt jemals gewagt hätte. „Ich hatte vorher zu viel Respekt davor“, sagt sie. Im Gehen und Nachwinken ruft Alissa noch: „Und wir waren das erste Mal im Riptide!“

Auch Marcus hat jetzt eine Information für mich: „Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht zu Hause gefeiert und war auch nicht zu Hause – was komisch war, definitiv komisch.“ Oh ja, seine Gewohnheiten ändern, das ist etwas für erste Male später im Leben. Aber Marcus hält an dem Gedanken fest, warum man mit einem gewissen Alter nicht mehr so viele Dinge zum ersten Mal macht. „Vielleicht nimmt man es nicht wahr“, mutmaßt er. „Was schade ist.“ Zum ersten Mal seit zehn Jahren sichtete er kürzlich seine sämtlichen gesammelten Konzerttickets: „Eigentlich bekloppt, aber an jedem hängt eine Geschichte.“

Mit der CD „Wird schon irgendwie gehen“ der Band Annen May Kantereit (oder auch AnnenMayKantereit) stellt sich Merle an die Theke. Sie hat sofort eine Antwort parat: „Ich habe zum ersten Mal einen Star-Wars-Film im Kino gesehen – und es war ganz großartig.“ Ich war noch nicht drin und weiß auch gar nicht, ob ich das überhaupt will. „Ich kann ihn dir sehr empfehlen“, sagt Merle. „Die anderen Filme kannte ich natürlich, aber nicht im Kino“, fügt sie hinzu. „Als die im Kino liefen, war ich zu klein.“ Im Kino gesehen habe ich nur „Episode I“, und der hat mir den Spaß an der Reihe verdorben. „Ich war in der Tat nachts in der Premiere, das war abgefahren, ein ganzes Kino voller Leute, die den Film sehen wollten.“ Chris, der gerade Merles CD-Kauf auf dem entsprechenden Blatt notiert, wirft ein: „Ich war auch da.“ Aber gesehen haben sie sich nicht, lachen sie. „Das Gefühl war gut“, sagt Merle. Sie und Chris stellen fest, dass die Zahl der Verkleideten überraschend gering war. „Das war bei den anderen Filmen mehr“, sagt Chris. Merle richtet ihren Blick nun auf das Lemmy-Foto. „Ihr müsst daneben ein Glas Whisky stellen“, schlägt sie vor. „Wir haben seinen Wein hier“, sagt Chris und deutet auf die Flasche oben im Regal. Die wolle er später dem Foto beifügen, wenn er mehr Zeit hat, und Merle legt schon mal vor: Sie holt eine Zigarette aus ihrer Schachtel und legt sie neben das Foto.

„Ich war das erste Mal auf einem Marilyn-Manson-Konzert“, gibt mir Rolf zur Antwort, während er von Chris das Wechselgeld in Empfang nimmt, und setzt leiser, aber hörbar nach: „Das erste und letzte Mal.“ Da hake ich natürlich nach. Er rafft seine Tüten zusammen. „Meine Tochter hat mich mitgeschleppt“, grinst Rolf. „Ich glaube nicht, dass das nochmal sein muss – ich habe Anderes vor der Nase.“

So eilig wie Rolf hat es auch Soeren, doch er erwidert nach kurzem Nachdenken: „Ich habe zum ersten Mal alleine Urlaub gemacht.“ In Norwegen war er, nicht als Backpacker, sondern mit dem Auto, ansonsten aber „dasselbe, mit dem Zelt auf Campingplätzen, drei Wochen“. Klingt nach Mückenplage. „Witzigerweise nicht, es gab keine Mücken“, berichtet Soeren. Der Trip war relativ spontan: „Ich habe nach dem Abi nichts gemacht, ein Jahr Pause, Auszeit, ich wollte ein bisschen was erleben.“

Nach ihm bezahlt Niclas seine Rechnung. Vorhin bei Serge kündigte er mir an, dass er mir später eine Ersttat nennen wolle. „Ich hab nichts anzubieten“, sagt er jedoch schulterzuckend. „Tut mir leid.“ Für intensives Nachdenken bleibt ihm auch keine Zeit, weil man nebenan auf ihn wartet.

Nach ihm sind Kathrin und Amy an der Reihe, bei Chris die offenen Posten zu begleichen. „Zum ersten mal bin ich schwanger geworden“, ist Kathrins Jahrespremiere. Und sie ist es auch geblieben, wie ich hoffe, denn zu sehen ist für mich zumindest nichts. Doch sie beruhigt mich, sie erwartet das Kind im Mai. Guter Monat, finde ich, und Amy stimmt mir zu, auch sie ist in dem Monat geboren. „Ich bin zum ersten Mal nach Berlin gezogen“, lautet Amys Antwort. Ihre erste zumindest, denn als ich frage, ob es wegen des Studiums ist, setzt sie nach: „Ich studiere zum ersten Mal.“ Sie lacht. „Ha! So viel.“

Die Reihe an der Theke rückt nach, Marvin und Oliver sind die nächsten bei Chris. „Ich war das erste Mal auf einer Auswärtsfahrt“, sagt Marvin. Da muss ich nachhaken: Es geht um die Eintracht, und Marvin begleitete sie nach Bielefeld. Braunschweig gewann, „natürlich“, so Marvin, und zwar mir 2:0. Den Eintracht-Schal wiederum trägt Oliver, hat aber eine ganz andere Auskunft zu erteilen: „Ich war außerhalb von Europa.“ Das war ich auch erst einmal. „In Marokko, im Sommer irgendwann mal“, ergänzt Oliver. „Das ist cool, ungewohnt“, sagt er: „Ich habe bis jetzt immer Urlaub in Europa gemacht, da ist vieles ähnlich von der Kultur.“ Das würde ich so zwar nicht sagen, aber den Sprung nach Afrika habe ich ja auch noch nicht geschafft, da sind die Unterschiede unbestritten noch größer. Jüngstens war ich mal wieder in Kopenhagen. Meine Gastgeberin war eine in Schweden geborene und auf Fyn aufgewachsene Südkoreanerin, bei ihr lebte schon seit einem halben Jahr eine Italienerin – den beiden zuzuhören bedeutete, Freude an den kulturellen Unterschieden in Europa zu finden.

Als nächstes stelle ich Janice meine Frage. Sie beugt sich zu dem kleinen Mädchen neben sich und sagt: „Linnie, hilf mir mal – was hab ich zum ersten Mal gemacht?“ Die Zweijährige guckt scheu und lächelt. Doch Janice kommt selbst auf eine Premiere: „Ich hab mir ’ne Schallplatte gekauft.“ Spannend, jetzt erst. „Aber auch nicht hier, wir kommen nicht von hier“, sagt Janice und schränkt dann ein, dass sie zwar aus Braunschweig stammt und das Riptide noch von früher kennt, jetzt aber in Osnabrück lebt, wo es auch einen „coolen Plattenladen“ gibt, wie sie sagt. Die Frage, um welche Platte es sich handelte, muss ich ihr gar nicht stellen: „Hot Water Music, ‚Caution‘ in Grün.“ Martin kommt mit zwei LPs in der Hand dazu, von Feine Sahne Fischfilet und Kendrick Lamar. „Ich habe zum ersten Mal mit Linnie gebadet“, sagt er, meint dann aber, dass das ja eher für sie gilt als für ihn, aber Janice und ich finden sehr wohl, dass das ein erstes Mal für ihn ist. Janice schwärmt weiter: „Wenn du mal nach Osnabrück kommst, geh in Shock Records in der Haasestraße.“ Darin enthalten ist der kleinste Plattenladen Deutschlands, ergänzt Martin, ein „Laden im Laden“, mit Second-Hand-Platten. Ein Café ist Shock Records ebenfalls, berichtet Janice: „Das einzige Café in Osnabrück, wo man auf Sojamilch keinen Aufschlag bezahlt.“ Im Riptide auch nicht, oder? In Ihrer Stimme liegt ein Zwinkern: „Deshalb komme ich auch hier her, wenn ich in Braunschweig bin.“

Zuletzt will ich meine Frage auch von den zwar gutgelaunten, aber emsig in Beschlag befindlichen Chefs beantwortet bekommen. André steckt für einen kurzen Moment seinen Kopf aus der Küche und hört mit mir Chris‘ Antwort, der eng an mir vorbeigeht: „Ich hab dieses Jahr zum ersten Mal Matze auf den Po gehauen.“ Tut’s und eilt hinter den Tresen. Na, ob das mal stimmt! Chris nimmt jetzt den Lemmy-Wein vom Regal und gefestigt Merles Zigarette an der Flasche. „Ich habe den neuen Star Wars gesehen“, will Chris als Antwort stehen lassen. André überlegt noch. „Es muss irgendwas mit dem Kind sein“, mutmaßt er. „Ich war ja ansonsten nur hier.“ Nur! Auch hier kann man doch so viele Dinge zum ersten Mal im Leben machen. Ist mir schließlich schon 98 mal passiert. Mindestens.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#97 Helmut und die Strohpinte

18. November 2015


Mittwoch, 18. November 2015

„Die Strohpinte ist nicht in der Nähe vom Riptide – das Riptide ist in der Nähe von mir!“ Helmut rückt zur Begrüßung die Umstände gerade. Er muss gar nicht grinsen, während er das sagt, um mir zu signalisieren, dass er damit zwar einen Witz gemacht hat, es aber trotzdem ernst meint. Mein Plan ist, den am längsten Aktivem im Handelsweg für dieses Mal ins Scheinwerferlicht zu setzen. Die Strohpinte, die Kneipe, die Helmut betreibt, ist der direkte Nachbar des Café Riptide im Braunschweiger Handelsweg. Alle möglichen Quellen verraten, dass Helmut in dieser Passage der Dienstälteste ist. Und es stimmt: Seit 1974 betreibt er die Strohpinte, „jetzt sind’s 41 Jahre“, stellt er fest. Und sinniert: „Ich weiß gar nicht, wo die 41 Jahre hin sind.“

Es ist Nachmittag. Wir sitzen am Fenstertisch, in der Nähe der Loriot-Plastik, die den Besucher durchs Glas begrüßt. Helmut trinkt Mineralwasser, mir hat er ein Jever gezapft. Die Gäste sind an der Theke beschäftigt, Helmut kredenzte einem noch kurz vor unserem Gespräch ein Bier. „Ich war dreimal verheiratet, habe vier Kinder von verschiedenen Frauen, bin 74 Jahre alt und komme aus der Steiermark – was willst du wissen?“, fragt er. „Ich hab doch gar nichts zu erzählen.“ Und erzählt dann ganz viel.

In Braunschweig ist Helmut seit 1971, da hatte er schon diverse Stationen hinter sich. Geboren in der Steiermark, ging er mit 17 nach Bournemouth und London, „zehn Jahre“, zum Arbeiten. Dann nach Frankfurt, Grömitz, Berlin, Braunschweig, „zwischendurch war ich auf Sylt arbeiten und in Travemünde“, dann wieder nach Berlin, „habe geheiratet in Österreich – und bin in Braunschweig geblieben“, stellt er fest. So sollte es eigentlich gar nicht kommen: „Ich hab ein Mädel kennen gelernt in Grömitz, die kam eigentlich aus Braunschweig, aber lebte in Berlin.“ Zusammen gingen sie zunächst von Grömitz aus nach Berlin, „und haben gesagt, fahren wir nach Braunschweig“. An sich sollte dies nicht die Endstation werden, Helmut wollte weiter, nach München. „Ich war auf dem Sprung“, erzählt er, „die Koffer waren gepackt.“ Aber: „Ich bin hängen geblieben, weil’s gut lief.“ Und zwar mit der Strohpinte.

Ab 1971 arbeitete Helmut in der Stadthalle. „Ich bin immer durch den Handelsweg gegangen“, berichtet er. Und bei dem Tempo, dass seine Erinnerungen an den Tag legen, ist es schwierig, dran zu bleiben. „Das ist ein bisschen kompliziert“, schickt er mancher Anekdote voraus, und gibt sich beim Erzählen sofort Recht. Der Kontakthof in Richtung Breite Straße war sein Ziel, im Knuff spielte der Besitzer Noack immer „The Good Book“ von Louis Armstrong und Helmut aß dort genüsslich die Schmalzbrote. „Ich hab den Laden übernommen, da verging mir der Appetit, als ich gesehen habe, was er reingetan hat“, sagt Helmut und zählt einige Insektennamen auf. „Er hat mich gefragt: Willst du die Kneipe machen?“ Und Helmut hat wollen: „Versuchen kann ich’s, wenn’s nicht klappt, kann ich gehen – das wollte ich eh.“ Sein Stammlokal war seinerzeit das Fährhaus in der Kurt-Schumacher-Straße, wo er auch wohnte: „Ich kannte viele Leute“, auch durch die Schunterfeten, die dort stattfanden. „Das Fährhaus hat Falko gehört.“ Seine Gefolgschaft nahm er mit in die Strohpinte, mit positivem Effekt: „Die lief gut, vorher war da gar nix.“

Sofort fällt Helmut die Geschichte mit dem Klavier ein, das es damals noch in der Strohpinte gab. „Da wurde geklimpert“, erzählt er. Sepp war dabei, „das war der Vater von einer Künstlerin, die da gegenüber ausgestellt hat“, er deutet auf die Einraumgalerie, „und Heinrich, den alle Heini nannten, das waren HBK-Studenten.“ Sepp spielte Waschbrett, Heini das Klavier, und dann war da noch Klaus, der war berufstätig und Mundharmonikaspieler. „Die Bude war voll, es war laut – da kam die Polizei“, fährt er fort und sein Grinsen verbreitert sich. „Sepp nimmt das Waschbrett“, berichtet Helmut, hielt es sich über den Kopf mit gespielter Drohgebärde und rief: „Wollt ihr meinen Auftritt versauen?“ Darüber lachten auch die Polizisten.

Dabei stellt Helmut fest, dass gewisse Regeln für die Gastronomie früher härter waren: „Ich verstehe gar nicht, wie es heute so locker sein kann.“ Das ist ja mal eine unglaubliche Information. „Ich war überrascht, als die das Riptide aufmachten, dass das Klo da oben gegenüber war.“ Zu seiner Anfangszeit mit der Strohpinte musste vor dem Herrenklo noch ein Plastikvorhang die Sicht auf potentielle Rinnenbenutzer versperren. Auch in Sachen Lärm war es deutlich strenger, mit Draußensitzen nur bis 22 Uhr und schallgeschützten Lüftungsventilatoren. Und erst der Brandschutz: „Strohpinte heißt es, weil ein Strohdach da war“, so Helmut. „Dann kam die Feuerwehr: Das muss weg!“ Dabei hatte die Feuerwehr das Dach dem Vorgänger noch abgenommen. Aber es gab eine Lösung, „eine Tunke für 80 Mark, was mich das gekostet hat, dabei war das Dach so nikotinverseucht, das konnte gar nicht brennen“. Also kaufte er sich ein „Töpfchen“ für 80 Mark und kleisterte das Dach ein: „Sah scheiße aus, aber haben sie abgenommen.“

Ein selbstgemachtes Problem gab es mit den beiden Ziegeldächern über der Theke und dem Tisch rechtwinklig dazu: Die Ziegel brachte Dave aus dem Magniviertel mit, die sind uralt, und Tommy aus Gifhorn, „der war Engländer, der hat sich um das Gerüst gekümmert“, also die Aufbauten unter dem Dach. Für die Lackierung „hat er sie in eine Wanne geschmissen“, um sie mit einem Mittel zu behandeln, „in das man sonst Jägerzäune tut“. Das „Zeug“ sei „giftig“ gewesen, was man sofort merkte: „Die Gäste sind wieder raus, mir haben die Augen gebrannt.“ Heute lacht er darüber.

„Wir waren die ersten, die Rosenmontag gefeiert haben“, stellt Helmut als nächstes klar. Und zwar am Montag, nicht wie heute am Sonntag, und die Gäste mussten kostümiert sein: „1974, da haben uns alle blöd angeguckt.“ In der Breiten Straße ging damals der Umzug los, nur „mit drei, vier Wagen“. Schließlich sei das hier damals noch das Braunschweiger Zentrum gewesen: „Aber das ist mit dem Kontakthof knattern gegangen.“

Jetzt kommt Helmut ins Aufzählen. Die Krabbenkuppel zum Beispiel, das heutige Sultana, hieß früher Balkan Grill und dann Scotland Yard, oben war noch das Tante Sally, ein kleiner Laden. Helmut erwähnt die Discothek Darkness und die Pfeife: „Der jetzt die Bassgeige hat, hat dort gearbeitet, der Besitzer ist jetzt in Portugal“, weiß Helmut, wie er sowieso so vieles weiß, dass man sich mit ihm wundert, wenn ihm mal ein Name nicht einfällt. Im Kontakthof, oder auch nur „Hof“ genannt, gab es das Farmer’s Inn, nicht zu verwechseln mit dem in Uetze. Das war zunächst eine Teestube, dann ein türkisches Restaurant, „Namen vergessen, das hat Ünal gehört, ein bekannter Typ, der hat viele Kneipen hergerichtet, als Architekt“, so Helmut. „Obladix hieß es, danach Farmer’s Inn.“ Das Knuff sei „eh da“ gewesen.

„Noch vor der ganzen Zeit hat das Ganze einem Lothar gehört“, sagt Helmut. „Der Lothar hatte einen Hund mit Glasauge.“ Dann schwenkt er zurück zu den Läden im Kontakthof: „Ein Schnapsladen war drin, eine Etage überm Knuff, eine Schnapsboutique.“ Zu der Zeit war das Knuff noch „ganz klein“ und erweiterte sich erst später, „da kam der obere Raum dazu“. „Vorne war das Bajazzo am Eingang vom Hof, auf der anderen Seite eine Klamottenboutique, danach kam’s Zett rein.“

Dann kam Helmut Martens und löste Lothar ab, „der hat dann das Picture aufgemacht, in einem Hinterhof im Madamenweg“, berichtet Helmut weiter. „Der konnte den Hof nicht halten, er war ein gutmütiger Mensch – dann war Schluss und es war nur noch das Knuff da, das hat meine Tochter mal gehabt.“ Ach. „Der Helmut Martens, der war gut gut drauf, der hat das unheimlich doll eingerichtet, mit Antiquitäten, Farmer’s Inn, Bajazzo.“ Das war vorher auch ein Antiquitätenladen, mit einer Apothekeneinrichtung aus Dresden. „Er hat gesehen, er muss was Neues machen“, lobt Helmut, doch: „Inzwischen wurde der Hof versteigert, an R., das war ein reicher Typ, und der war rechts.“ Angewidert berichtet Helmut von dessen Gepflogenheiten. Der wohnte dort, wo jetzt Guidos Pizzeria ist, und jener Guido kam auch mit R. in den Hof. „Da war Martens weg vom Fenster“, bedauert Helmut. „Der hatte gute Ideen, hat auch das ehemalige Pupasch eingerichtet, als es noch unten war, und mit dem Sohn vom Schimmel den Schimmelhof gemacht, mit Atlantis.“ Aber auch das hatte Nachteile: „Das war zu weit draußen – und die Polizeistation vor der Tür.“

Jedenfalls ging R. „auch pleite“, so Helmut. „Das Darkness und das Scotland Yard, das hat ein Essener übernommen, den Magniwächter auch.“ Doch das Darkness wurde „immer schlimmer“, sagt Helmut und verschweigt Details. „Da kam eine Tanzschule rein, von oben runter, und jetzt ist da ein Jobcenter drin.“ Helmut kehrt zurück zum Hof: „Guido ist rechtzeitig abgesprungen, er hat gesehen, dass es nix wird mit R.“ Er schweift kurz ab und erzählt, wo und mit wem R. Noch so aktiv war. „Der Hof wurde immer pleiter pleiter pleiter und wurde versteigert“, fährt Helmut fort und weiß um Gerüchte über die Mitbieter. Gesichert ist indes der Höchstbietende: „Fritze Knapp hat gewonnen.“ Das Knuff baute der um: „Das war der erste Fehler“, meint Helmut: „Der Tresen war am Fenster, da konnte man das Bier durchreichen.“ Und diesen Tresen bauten sie nach hinten.

Helmut macht einen Sprung zur Seite. Das Tante Puttchen ist definitiv jünger als die Strohpinte, betont er: „Achim hat bei mir gearbeitet, er war Sportstudent, sein Bruder hat gefragt, ob er hier anfangen kann.“ African Club hieß es vorher, danach Hupe, „der hat auch das Moppel gehabt, wo jetzt das Wild Geese drin ist, und das Gustav im Hof.“ Wahrlich, die ganzen Namen und zeitlichen Abläufe sind kompliziert. Bevor ich nach dem Gustav fragen kann, das Helmut bislang noch gar nicht erwähnt hat, ist er schon nicht mehr in Braunschweig: „Der ist mit Gerd nach Amsterdam gefahren, da gab’s Singles, Oldies, und nur da.“ Der Name von dem Hupe-Besitzer indes, der will Helmut nicht mehr einfallen. „Der hat dann alles verkauft und in der Holsteinischen Schweiz ein Hotel aufgemacht.“ Doch das ging nicht gut: „Da hat ihn eine Sekte abgezockt.“ Ausgerechnet ihn: „So ein harter Hund, und wird von einer Sekte abgezockt.“ Die erste Markise vom Tante Puttchen, nicht die jetzige, hat der auch angebracht. Wenn Helmut nur der Name wieder einfallen würde. Stattdessen hält er fest: „Achim ist auch schon lange drin.“

Nebenan, im jetzigen Comiculture, war Fahrrad Fricke. „Das ist ein Bombengeschäft gewesen“, sagt Helmut. Doch die Nachfolger fällten einige unpopuläre Entscheidungen: „Sie haben Mittagspause gemacht und die Werkstatt woandershin – das war ein Fehler.“ Denn in der Mittagspause kamen viele Kunden vorbei, damals hatten Geschäfte noch nicht bis abends um acht geöffnet. Und Leute zur Werkstatt wegschicken, das sei auch unglücklich. „Fahrrad Fricke, das war ein Name!“

Drei Antiquitätenläden gab es im Handelsweg. „Einen hat ein Franzose gehabt, wo jetzt das Riptide drin ist“, erzählt Helmut. Angelika, die den Laden danach hatte und dann an die Ecke zur Breiten Straße gegangen ist, war zuvor in dem Antiquitätengeschäft Verkäuferin gewesen, in dem sich jetzt die Einraumgalerie befindet. Und das Fifty Fifty war ein Schuhladen.

An der anderen Ecke gegenüber von Angelikas jetzigem Laden betrieb Peetie das Hound Dog. „Da war zuerst ein Jeansladen drin, danach ein Blumengeschäft, danach Berliner Höfe oder so ähnlich, einer aus Garmisch-Partenkirchen.“ Peetie hatte noch das Peeties im Gewölbekeller unter dem Handelsweg. „Das war der Weiße Mohr, das hatte der Willi, der war ein Lehrer, mit einer Apothekertochter aufgemacht, nur vom Feinsten.“ Ein Künstler, an dessen Namen sich Helmut nicht mehr erinnern kann, „hat die Barhocker gemacht, 700 Mark das Stück, aber man konnte nicht darauf sitzen“. Der Laden „hat gekracht“, so Helmut. Aber auch einen Fehler: „Die Feuchtigkeit geht überall durch, das Wasser findet immer einen Weg.“ Der Werdegang des Kellers „ist kompliziert, nachdem Willi raus ist“, sagt Helmut. Er zählt Yellow Submarine und Krokodilo auf, und „Moppel 1, das war der Koch, der damals im Moppel gearbeitet hat“. Dann kam Peetie rein, „seine Currywurst war gut“. Doch der, das hat jener mir selbst erzählt, denn das Peeties habe ich noch erlebt, immerhin das, musste aus gesundheitlichen Gründen seine beiden Läden aufgeben.

Jetzt schwenkt Helmut im Handelsweg umher: „Wo jetzt die Goldschmiede ist, war eine Änderungsschneiderei drin, dann ein Jugoslawe.“ Es geht weiter in Richtung Gördelingerstraße: „Der Bierteufel war eine Damenboutique und dann eine Spielhalle.“ Das wiederum prangerten Lehrer vom Martino-Katharineum an. „Dann kam Ünal mit dem Merhaba.“ Und dabei fällt Helmut wieder ein, wie Ünals Restaurant im Kontakthof hieß: Balkan. „Der hat beides verkauft, weil er Wehrdienst machen wollte in der Türkei“, sagt Helmut. Das Merhaba verkaufte Ünal an Gerd, aber dann klafft eine kleine Lücke, denn das hieß dann Einbecker und wurde von Bömmel betrieben. „Der hatte das Golem in der Wendenstraße gehabt“, so Helmut. Berühmt war Bömmel aber fürs Panopticum. Inzwischen ist er jedoch tot, gestorben in Südafrika. „Dann kam Lutz“, über den Helmut weiß: „Der war Wellensittichzüchter, der hat ein Hotel gehabt in der Celler Straße, Simone, mit seiner Frau.“ Lutz baute das Einbecker mit einem Freund um und nannte es Red Pub, „wie ein Irish Pub war das“. Und: „Gerd hat auch das Knuff gehabt und für den Vorgänger von Achim gearbeitet.“ Bevor ich nachhaken kann, wer nun dieser ominöse Gerd sei, ist Helmut schon weiter: „Dann kam so’ne Dings da rein und hat es umbenannt in Bierteufel, die ist jetzt in Berlin.“ Deren Söhne waren als Koch und Kellner irgendwo in Braunschweig beschäftigt, das habe ich nicht so ganz mitbekommen, denn Helmut blickt schon nach gegenüber.

„Wo jetzt Serge drin ist, war so ein Alter, der hat neben mir gewohnt da oben, der hat Hefte und Bücher verkauft.“ Da oben, das ist nicht mehr in der Kurt-Schumacher-Straße, sondern im Handelsweg. „Da kam immer so eine Rothaarige“, setzt Helmut an, beginnt zu grinsen und lässt mehr Lücken, als er Infos preisgibt: „Das war eine Drogenabhängige, die hat er“, er macht kurze eindeutige Bewegungen und lässt zwischen seinen Lachern Satzfragmente wie „für ein paar Mark“, „Tür offen“ und „die Schüler“ frei. Ich stutze und staune. „Ja, echt!“, ruft Helmut und lacht.

Ein Gast geht und rückt Helmut einen Schein fürs Bier in die Hand, einem neuen Gast zapft der Wirt kurz das Pils, bevor er sich wieder zu mir setzt und weitererzählt. „Daneben war der Franzose, der war ganz nett, der war ‚74 schon drin, die sind nach Frankreich zurück, Angelika hat das übernommen.“ Da, wo Angelika jetzt residiert, „vorne, da war mein Freund Helge Papendieck drin, und vor Helge war da ein Souvenirladen drin, da drüben auch“, er nickt vage in eine Richtung, „dann noch ein Antiquitätenladen“. Und dann Piou und eben jetzt der Goldschmied. Helmut blickt durchs Fenster auf die Einraumgalerie. „Da war vorher Stefan mit einem Kumpel drin“, sagt Helmut. Gandula hieß das. „Davor ein Mädel, das handwerkliche Spiegel gemacht hat.“

Der Rundflug durch Raum und Zeit endet am Startpunkt, in der Strohpinte. Sie ist gemütlich eingerichtet, das Mobiliar in dunklem Holz, das Licht schummrig und warm, mit Bildern in schweren Rahmen an den Wänden sowie Spielen und Zeitschriften auf den Treppenstufen, die ins Obergeschoss führen. Auf den Tischen stehen Teelichte und Aschenbecher. In Braunschweig geblieben ist Helmut damals, weil’s gut lief. „Aber jetzt ist es ein Krampf“, bedauert er. „Es war nicht viel in Braunschweig, heute gibt’s überall was.“ Auch „Freisitzflächen“ waren rar; vor dem Pano war das Wikinger-Restaurant in dem Gebäude, „das hatte eine schöne Freisitzfläche“. Und im Handelsweg: „Das war so, dass du im Sommer nicht durchgekommen bist – das war eine Völkerwanderung.“ Helmut sinniert: „Damals sind wir wandern gegangen, das ist heute nicht mehr so.“ Man ging mal kurz in die Nachbarkneipen, auch als Wirt. „Heute ist das eine andere Art, die sitzen beim Kaffee, mit Handy und sowas.“ Er glaubt: „Die Menschen haben sich früher mehr unterhalten, das ist nicht mehr so, gerade noch kommen sie zum Bestellen“, sagt er. „Sie sind voll beschäftigt mit ihrer Maschinerie“, dabei imitiert er den Blick aufs Smartphone.

Doch im Handelsweg hat sich wieder etwas getan. Helmut deutet mit seiner Wasserflasche nach gegenüber, dass es schwappt: „Das ist auch ganz gut geworden da“, lobt er die Einraumgalerie. „Das ist was ganz Gutes.“ Kundschaft ruft, Helmut springt auf: „Hast du dir dein Bier genommen?“, ruft er dem Gast zu, und der murmelt zustimmend.

Ich bin mir sicher: Mit mehr Zeit hätte Helmut noch mehr erzählen können. Und ich mehr Gelegenheit zum Nachhaken gehabt. Aber wir hatten gerade mal eine Stunde zusammen. Es ist auch so ein opulentes Gemälde, das Helmut vom Handelsweg zeichnete. So unsortiert vielleicht etwas abstrakt, aber durchmengt mit Naturalismus, Expressionismus, Impressionismus und Dadaismus – ein Wunderwerk also. Und wir zeichnen es weiter, wir alle, die im Handelsweg unterwegs sind. Es ist wieder Leben hier. Danke für deine knappe Zeit, Helmut, und auf bald!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#95 + 1 = Peine-Ost

25. Oktober 2015


Samstag, 24. Oktober 2015

Die Feindschaft zwischen Braunschweig und Hannover, der zweitgrößten und größten Stadt in Niedersachsen, ist älter als der Fußball, das wissen nur viele selbsternannte Anhänger dieser Sportart nicht, die sich bis aufs Blut und mit der Rechtfertigung, das sei ein Ausdruck ihrer Leidenschaft, bekriegen. Als die Welfen im Siebzehnten Jahrhundert eine Machtverlagerung von der Oker an die Leine einleiteten, legten sie damit den Grundstein für diese Animositäten, die spätestens dann in handfeste Rivalitäten mündeten, als nach dem Zweiten Weltkrieg das neu gegründete Land Niedersachsen den jüngeren Nachbarn Braunschweigs, der von seinen abgewanderten Fürsten sogar den typischen Dialekt übernahm, zum Regierungssitz machte. Lokale Kabbeleien mit dem Herz auf der Zunge haben an sich ihren Reiz, bisweilen sogar über die Grenzen ihrer Region hinaus: „Lieber Fünfter als Fürther“, sagt etwa der Nürnberger; „Lieber verlieren als Siegen im Sauerland“, sagt man in Olpe; der Münsteraner spricht den Namen seines Rivalen Coesfeld gerne „Zöhsfeld“ statt „Kohsfeld“ aus; „Das Beste an Bremen ist die Autobahn nach Hamburg“, heißt es ebendort; „Was kriegt ein Offenbacher, der zwei Jahre unfallfrei gefahren ist?“, fragt der Frankfurter, und reicht die Antwort nach: „Die Null vor dem Frankfurter Kennzeichen gestrichen.“ Vor ein paar Jahren erklomm ich die St.-Andreas-Kirche, die höchste in Braunschweig, und erreichte die oberste Plattform mit der großen „In dieser Richtung liegt“-Rosette, über die sich ein Paar beugte, und ich hörte gerade den Dialog, als sie sagte, „Düsseldorf ist aber drauf“, und er mutmaßte, „Wahrscheinlich, weil es Landeshauptstadt ist.“ Ich folgerte laut, dass sie aus Köln sein müssten, und sie blickten mich erstaunt an: „Hört man das?“ Ja, aber nicht am Dialekt, sondern am Inhalt.

Solches ist charmant und rührig. Zerstörte Straßenbahnen in Braunschweig und Schweine mit der Rückennummer des am Suizid verstorbenen 96-Torwarts Robert Enke in Hannover hingegen sind in keiner Weise tolerierbar. Dabei geht es auch sympathisch. Mit Blick auf den nahenden Reformationstag etwa, der in diesem Jahr erstaunlicherweise wieder auf Halloween fällt, die Feststellung, dass die Braunschweiger Protestanten froh sind, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 in Wittenberg nur 95 Thesen an die Schlosskirche tackerte.

Mir selbst ist Hannover eher egal. In den Neunzigern fand ich, dass der Stadtteil Linden das Braunschweig Hannovers sei. Damals hatten wir noch das FBZ und andere mittelgroße alternative Veranstaltungsorte, heute muss ich für manche attraktiven Konzerte tatsächlich an die Ihme oder die Leine fahren. Was ich seinerzeit auch noch regelmäßig für Kinofilme tat, die im Apollo oder in einem der vier Kinos am Raschplatz liefen. In der Faust feiere ich regelmäßig die schweiß- und lachtränentreibenden Gigs von Eläkeläiset, beim städteverbindenen Festival Theaterformen sah ich diesen Sommer endlich F.S.K., mit dem Chef des Wolfsburger Kunstvereins, Justin Hoffmann, an Gitarre und Mikrofon. Als New Model Army kürzlich beim Maschseefest für lau auftraten, wäre ich normalerweise natürlich dabei gewesen; ich gab selbstredend Schepper den Vortritt, der zeitgleich in der KaufBar furios seinen Bass begniedelte. Hannovers Verkehrsführung finde ich sogar noch unübersichtlicher als die in Braunschweig, und außerhalb Lindens – daher mein Statement – ist mir die Stadt einfach zu gesichtslos. Natürlich, wenn ich dort Freunde besuche, habe ich mit ihnen selbstverständlich Spaß; das ist die Kunst des kundigen Gastgebers, jeden Ort zum Wohlfühlnest zu machen, etwa, indem man gemeinsam den für Touristen erstellten „Roten Faden“ durch die Stadt verfolgt und dabei im schrägen Aufzug oder der Minialtstadt landet. Doch nicht mal mehr der Plattenladen 25 Music lockt noch ausreichend genug, nachdem dessen Braunschweiger Ableger Ran7 schloss, schließlich haben wir in Braunschweig seit acht Jahren eine adäquate Alternative: das Café Riptide.

Dort will ich, weil dieses der 96. Blogeintrag ist und Chris als einer von zwei Caféchefs mich explizit darauf hinwies, die Gäste auf ihre Hannovertoleranz testen. Damit beginne ich in der Riptidenachbarschaft, und zwar bei Serge, der zusammen mit Niclas gemütlich rauchend und sinnierend in seinem kleinen, nicht nur dekorativ mit Büchern bestapelten Laden sitzt. „Da kann ich gar nichts Positives zu beisteuern“, wehrt Niclas zunächst ab, nachdem er die randvollen Kaffeetassen, die er sich und Serge aus dem Riptide mitbrachte, zielsicher und schwappfrei abstellte. „Unabhängig zur Rivalität der beiden Fußballvereine, die ich beide nicht leiden kann“, setzt er nach. „Ich denke immer an diese gigantische Form eines Volksfestes namens Maschseefest, da läuft’s mit kalt den Rücken runter.“ Serge grinst. „Und ich hab mir da den Rücken zerstört, als ich mit Fiene einen Monsterteppich quer durch die Stadt geschleppt habe.“ Vor seinem inneren Auge rollt sich die Erinnerung daran wieder aus: Aus dem fünften Stock schleppten die beiden das Exemplar in die Straßenbahn, von dort in den Bahnhof und durch ihn hindurch bis zum Zug. „Wir haben sehr viele sehr amüsierte Blicke geerntet, aber mein Rücken fand es nicht so lustig.“ Die Ausmaße jenes Bodenbelags kennt er nicht mehr, er gibt sie grob mit „drei mal fünf Meter“ an, „eine Riesenrolle“.

Serge stellt mit Zugeständnis des Erzählenden fest, dass das nicht zwingend mit der Stadt zu tun habe, und führt dann selbst aus: „Mir ist Hannover erinnerlich, weil ein langjähriger Freund in Hannover wohnte und ich ihn regelmäßig besuchen war und ich die Stadt zwangsläufig kennen gelernt habe, obwohl mich Hannover als Stadt nie interessiert hat.“ Mit einer Ausnahme: „Der Flohmarkt am Leineufer war immer deutlich interessanter als die in den Braunschweiger Gebieten, von daher ist mir Hannover in angenehmer Erinnerung.“ Dort stehen auch die Nanas von Niki de Saint Phalle. Serge nickt: „Wunderbar.“

Jetzt fällt Niclas doch noch etwas ein: „Meine allererste Jugendliebe, mit achtzehn, verbinde ich damit – damals bin ich von Hannover geflogen, nach München.“ Er sinniert: „Das ist jetzt fast zehn Jahre her.“ Damit könne er nun doch etwas Positives mit Hannover konnotieren: „Ausnahmsweise.“ Serge kommt nun doch auf den gegenwärtigen Zankapfel zu sprechen: „Hannover 96 schien mir immer eine Bundesligamannschaft zu sein, und zwar immer schon, die keine Berechtigung hat, in der Bundesliga zu sein.“ Sie tauge schlichtweg nicht zur Identifikation und habe es nach seinem Kenntnisstand nie geschafft, nennenswerte Erfolge zu erspielen. Wikipedia spricht da etwas latent anderes: Deutscher Meister 1938 und 1954, DFB-Pokalsieger 1992, zwei Teilnahmen an der UEFA-Europaliga 2011 und 2012 sowie eine zwangsläufig beim Europapokal der Pokalsieger 1992. Die Braunschweiger Eintracht war nur einmal Meister, 1967, niemals DFB-Pokalsieger und dreimal UEFA-Cup-Teilnehmer, jeweils in den Siebzigern. Aber so ist das mit dem Image. „Hannover ist einfach langweilig“, fasst Niclas zusammen. Serge ergänzt: „Hannover ist wie Kassel.“ Da muss er selbst lachen.

Es wird Zeit, ins Riptide zu gehen. Micha kündigte an, noch vorbeikommen zu wollen, und Schepper will nach seiner Bassprobe ebenfalls in den Handelsweg radeln. Sina und Nicolai lassen es den am Samstagnachmittag angenehm vielen Gästen an nichts mangeln. Viele sitzen draußen im Achteck; der Goldene Oktober macht seinem Namen alle Ehre. Drinnen wirbt ein großes Plakat für die Plattenladenwoche, die heute endet. Auf der Zeile mit LP-Boxen zwischen Eingang und Theke steht auch eine kleine Kiste mit 7“es, die die Band Loudog und das Riptide-Label zugunsten von Flüchtlingen verkaufen. Sandra und Alex tragen einen erheblichen Stapel LPs an die Kasse. Ich frage sie nach ihrem Bezug zu Hannover. „Braunschweig hat mehr Charme“, findet Sandra. Alex nickt: „Ein bisschen gemütlicher, Hannover ist ein bisschen…“ Sandra ergänzt: „Überbewertet.“ Alex fährt fort: „Vor allem Linden – man kann zwar gut weggehen, aber das Steintor ist familiärer, Linden ist so möchtegern, wie Kreuzberg in Berlin, auf die Schnelle cool gemacht, aus dem Nichts.“ Das Paar wohnt in keiner von beiden Städten, sondern in einem Dorf zwischen Peine und Vechelde, in Schmedenstedt. Alex wuchs in Stuttgart auf, vielmehr in Esslingen, und später in Spanien. Da der Vater aus Ilsede kam, kehrten sie in die Gegend zurück und landeten eben in Schmedenstedt. „Auf jeden Fall finde ich Braunschweig bodenständiger“, sagt Sandra. „Gemütlicher, nicht so aufgesetzt“, fügt Alex an. „Echte Leute“, findet Sandra. „Obwohl wir in Hannover auch feiern gehen“, wendet Alex ein. „Ein Kumpel macht Techno und legt im Chez Heinz auf, das ist auch nicht schlecht, für einen Abend.“ Das bringt Sandra zu einer Einschränkung: „Das einzige, was ich ein bisschen schlecht an Braunschweig finde: In der Feierszene sind die Clubs ein bisschen sehr klein.“ Und fast alle in einer Hand, werfe ich ein, doch Alex sagt: „Das ist in Hannover aber auch so.“ Dabei fällt sein Blick auf die Zeile mit den ausgestellten LPs neben der Kasse: „Kendrick Lamar, da ist sie ja!“ Er greift nach der Platte und legt sie auf den Stapel in Sandras Hand. Nicolai nimmt sie an der Kasse entgegen und notiert sie auf dem Verkaufszettel, darunter Alben von den Fugees, Mellowmen und Ellen Alien. „A Tribe Called Quest habt ihr nicht da?“, fragt Sandra. Nicolai kann sie im Computer nicht finden, sagt: „Da muss ich im Lager gucken“ und dreht sich kurz nach rechts um.

In den LPs zwischen Theke und Tür stöbern auch Anna und Ben. Jener trägt den jüngsten gemeinsamen Nachwuchs in einem Tuch vor dem Bauch und schiebt den zweitjüngsten in einer Karre vor sich her: Theo ist genau einen Monat alt und Lina fast zwei Jahre. „Gar nicht so richtig“ kennt Ben Hannover, sagt er, während er durch das Hip-Hop-Fach blättert. „Ich glaube, ich war einmal da, ganz kurz nur.“ Anna erläutert: „Wir sind seit zwei Jahren erst in Braunschweig.“ Ben ergänzt: „Und busy.“ Theo und Lina lassen dies erahnen. „Eigentlich mochten wir es da“, überlegt Anna. „Wir fanden es städtischer.“ Ben spezifiziert: „Als Braunschweig.“ Die beiden kommen aus Berlin, allerdings nicht als gebürtige Berliner, sondern als Studenten, als die sie sich dort kennen lernten. „Dann sind wir nach Braunschweig gegangen zum Studieren“, sagt Ben. Er kommt aus dem Rheinland, sie aus Stuttgart. Jan betritt das Café, Ben und er umarmen sich, vorsichtig, um Theo nicht zu wecken. Sie sind Brüder, „und unabgesprochen beide aus Berlin hier“, sagt Jan. „Das Schicksal hat uns in Braunschweig wiedervereint“, deklamiert er theatralisch. Ich frage ihn natürlich auch nach Hannover. „Ich war schon mal da“, sagt er. „Ich hab in der Elf eine Klassenfahrt zur Expo gemacht und war vor zwei Wochen auf einem Konzert – und wenn ich mal einen Flughafen brauche.“ Das Konzert war das von Sales im Café Glocksee, „eine Ami-Newcomer-Band“, erklärt Jan. „Es war ein gutes Konzert in einer schönen Location.“ Ben findet eine LP von Delinquent Habits im Fach und fragt Nicolai nach dem Preis, der ausnahmsweise nicht auf der Hülle steht. „Öhm, stimmt“, bestätigt Nicolai. „Die haben wir aber nochmal.“ Das weiß Ben: „Ja, neu, diese ist aber gebraucht.“ Nicolai mutmaßt: „Diese ist aber wahrscheinlich teurer als die Neue, wegen der älteren Pressung.“ Er stellt die LP beiseite, um Chris und André auf den fehlenden Preis hinzuweisen. Delinquent Habits sind eine Latino-Hip-Hop-Band aus Los Angeles, erklärt mir Ben. Und stutzt: „Darf man noch ‚Latino‘ sagen?“

„Condition Hüman“, die neue LP von Queensrÿche, fischt Michael aus dem Metal-Fach und studiert die Rückseite. „Meine Meinung zu Hannover ist Braunschweig-untypisch“, warnt er mich. „Ich habe eine Eintracht-Braunschweig-Dauerkarte – was untypisch ist, ist, dass ich die ganzen Anti-Hannover-Sachen nicht mehr hören mag, da ich da auch arbeite und auch viele Freunde habe, auch Hannover-96-Fans, die ich sehr schätze.“ Die Sache ärgert ihn: „Das ist vorbei!“ Es sei unmodern, sich gegenseitig so anzuhassen. Und doch: „Nichts desto Trotz, wenn’s um den Fußball geht, ist mir die Eintracht Braunschweig lieber als Hannover 96.“ Michael widmet sich wieder der Queensrÿche-LP und sinniert: „Eigentlich wäre mir was anderes lieber, aber das scheint nicht da zu sein.“ Er sucht nämlich die neue LP von Avatarium, „da spielt der Bassist von Candlemass, das ist seine neue Band, mit einer Frau als Sängerin“. Sina bringt ihm nun sein bestelltes Getränk, er nimmt dies und die LP mit an einen der raren freien Tische.

Am Nachbartisch lassen sich Lilah, Nikina und Anja nieder. „Ich mag Hannover nicht so“, sagt Nikina gleich. „Weil ich in Hannover ein paarmal feiern war mit einer Freundin.“ Früher habe sie Hannover „sehr gut“ gefunden und sei öfter „zum Shoppen“ hingefahren und dann aus einem kleinen Dorf bei Alfeld nach Braunschweig gezogen. „Ich war ein paarmal in Hannover feiern“, schließt sie den Kreis. „Einmal standen wir vor ‚nem Club und haben uns mit dem Türsteher unterhalten, wo man gut feiern kann, und der hat einen Club gesagt, und ich, ‚kenn ich nicht, ich bin nicht von hier‘, dann hat er gesagt, ‚woher‘, und ich, ‚aus Braunschweig‘ – und er macht ‚ih‘ und sagt einen blöden Spruch, ‚kannste gleich wieder nach Hause gehen‘.“ Sie regt sich bei der Erinnerung daran immer noch auf. „Es gab viele Situationen, wo ich gesagt habe: keine Lust mehr“, sagt sie genervt. „Einmal hat sich ein Mädchen übergeben, ihr war schlecht, wir haben ihr was zu trinken gegeben, sind ins Gespräch gekommen, haben ihr ein Kaugummi gegeben, und sie fragt, ‚wo kommst du her‘, ‚aus Braunschweig‘, ‚ih‘ – und ich dachte: Gib mir mein Kaugummi wieder.“ Sie weiß, dass der Streit zwischen Hannover und Braunschweig auf „ganz alten Geschichten“ basiert; und das wissen nicht viele. In Braunschweig habe sie solches Verhalten überdies noch nicht erlebt.

„Bomberjacke“, nennt Anja ihren ersten Gedanken an Hannover. „Ich hab mir damals ’ne Bomberjacke gekauft bei Cash & Carry, die haben so Gothic-Sachen und Creepers und sowas.“ Sie grinst: „Man war zu Hause nicht begeistert davon.“ Die Bomberjacke war eine Besonderheit: „Das war so eine mit Pelzkragen, so blau-schwarz.“ Da fällt ihr ein: „Ich hab ein Jahr da gelebt und gearbeitet, ich hab ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Altenheim gemacht, in Linden, und ich war ganz viel im Rotkäppchen und in der Volksküche.“ Das Rotkäppchen kenne ich auch noch, das gibt es nicht mehr, der Nachfolger heißt „Und der böse Wolf“. Gegenüber war das Apollo-Kino, „da bin ich immer hingegangen und hab Filme geguckt, Achtundachtzig, Neunundachtzig war das“, sagt Anja. „Und als ich dann hier herkam, war ich enttäuscht: In Hannover kommst du aus dem Bahnhof raus und bist in der Stadt, in Braunschweig kommst du aus dem Bahnhof raus und da ist gar nix.“ Immerhin haben sie dort moderne Anzeigetafeln, wirft Nikina ein: „‘Willkommen in der Löwenstadt‘, da denkt man: Remmidemmi.“

Lilah, die sich für mich überraschend als Nikinas Mutter herausstellt, kennt Hannover „gar nicht“, wie sie sagt. „Ich kenne in Hannover nur den Flughafen – das ist das einzige, das mich an Hannover erinnert: hin und her zu düsen.“ Für ihr Desinteresse hat sie eine Erklärung: „Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich lieber das Landleben mag, die Natur, und freu mich darauf, ins nächste Land zu fliegen, wo nix los ist.“ Sie wohnt noch in dem Dorf bei Alfeld, aus dem Nikina weggezogen ist. „Da habe ich ein Häuschen, um mich herum nette Menschen, und ich kann mir vorstellen, alles zu leben, was ich leben will.“ Sie lächelt, während sie das sagt. Gestern etwa, berichtet sie, hatte sie einen Afrikaner bei sich zu Gast, dem brachte sie bei, auf der Panflöte zu spielen. Man merkt ihr an, dass sie glücklich ist. „Wenn ich könnte, würde ich am Strand leben, in einer Höhle, mit Feuer.“ Auf den Strand immerhin könnte ich mich einigen. „Ich mache das zweimal im Jahr“, erklärt Lilah: Wenn sie kann, dann fliegt sie nach Kreta in eine Kommune und lebt dieses Traumleben.

Der Tisch der drei füllt sich, Nicolai bringt Anjas Burger. Ich frage sie, woher sie sich kennen. Lilah beugt sich zu Anja und nimmt sie in den Arm: „Sie ist meine allerbeste Freundin auf der Welt“, strahlt sie. Beide erzählen abwechselnd, dass sie sich in einer spirituellen Partnerbörse im Internet kennen lernten. Sechs Jahre lang haben sie nur telefoniert, bis sie sich erstmals trafen. Heute wollen sie in den Rebenpark gehen, wo einige Mitglieder des Silver Clubs eine Kneipe mit Kulturprogramm ins Leben riefen und diese im Wechsel mit dem Kufa-Verein bespielen. Heute tritt dort Akustikpunk Marc D auf: „Den will ich mir angucken“, sagt Anja. Lilah kennt ihn nicht nur ebenfalls: „Er hat bei mir gelesen“, berichtet sie. Kleine Welt mal wieder. „Das war ein schöner Abend, Feuer draußen, Gitarre spielen.“ Jetzt bringt Sina Lilah einen Bagel und ich räume meinen Platz.

Denn Arni trifft ein. „Ich wollte dich grad anrufen, dachte dann aber, nee, gehste einfach hin“, sagt er. Das klappt bei uns. Vergangene Woche sprach ich bei ihm auf den Anrufbeantworter, dass ich um einen Rückruf wegen einer potentiellen gemeinsamen Abendverbringung bäte, und machte mich ohne Ziel auf in die Innenstadt, beständig auf die Vibration meines Telefonapparates lauernd. Bei Saturn im Keller klopfte mir Arni auf den Rücken und sagte, dass ich die CD, die ich gerade betrachtete, nicht kaufen sollte. Ich dankte ihm für den ungewöhnlichen Rückruf. Seinen Anrufbeantworter hatte er noch gar nicht abgehört. Das wurde dann noch ein lustiger Abend.

Und jetzt kommt auch Schepper dazu, mit einem verpackten Bass auf dem Rücken. Wir bestellen uns Kaffee und Tee und sammeln uns am Fenster mit den Reinhörgeräten. Arni erzählte ich gerade von meinen Hannover-Fragen, daher will ich bei Schepper neu starten: „Um dich auch noch mal abzuholen“, setze ich an und er unterbricht: „Ich bin hier.“ Arni lacht verdutzt: „Ach, jetzt, wo du’s sagst!“

Also, Hannover, die Herren. „Ich hab da mal gewohnt“, beginnt Schepper. „Ich hab da mal studiert, das heißt, ich hab’s versucht.“ Arni grinst: „Das ist fast die gleiche Antwort wie bei mir: Ich hab da mal gewohnt.“ Schepper fährt fort: „Ich hab da mal Maschinenbau studiert und es erfolgreich abgebrochen.“ An den Wochenenden sei Schepper immer nach Hause gefahren, „ich hab da meine Band gehabt“. In Hannover habe er nur gelernt: „Nix After Life, After … Wie sagt man? Rock‘n'Roll.“ Dann sei er nach Braunschweig gekommen: „Hier ist schöner.“

Plötzlich springt Arni auf: „Da steht ja die neue Motorpsycho.“ Da, wo bis vor einiger Zeit noch Kendrick Lamars LP stand, auf der Zeile neben der Kasse nämlich. „Ich hab mir grad die neue Rush-DVD bestellt“, erzählt Schepper. „Die bestell ich gefälligst hier, support your local heroes.“

Arni muss nach Hause, Schepper und ich in die Martinikirche, dort tritt gleich Barnim auf mit seinem Akasha Project, das wollen wir erleben. Daher frage ich noch schnell Sina und Nicolai nach ihren Hannoverbezügen. „Ich hab in Bremerhaven gewohnt“, erzählt Sina. „Da sind wir ab und zu nach Hannover gefahren, in den Sommerferien, wir sind Einkaufen gewesen – aber sonst nichts.“ Sie zuckt mit den Schultern und bringt benutzte Kaffeetassen in die Küche. „Da ich lange in Hamburg gewohnt habe, ist Hannover für mich die Stadt ohne Charakter“, stellt Nicolai klar. „Scorpions und sowas fällt mir da ein, keine guten Dinge.“ Sina lacht. Nicolai fährt verächtlich fort: „Messestadt und sowas – eine Stadt, in der ich leben muss, soll für mehr als ihre Messehallen bekannt sein.“

Genug mit Hannover. Nach dem überwältigenden Akasha-Gig in der großartig illuminierten Kirche werfen Schepper und ich einen Blick auf die Dreharbeiten zu Marc Fehses neuem Film „Sky Sharks“ und nehmen dann noch einen Absacker im Riptide ein. Inzwischen sind Chris und André da, denn heute ist Party angesetzt, mit Helge alias Monsieur le Supersexuel. Ihn habe ich lange nicht gesehen. Wir drücken uns, aber Schepper und ich wollen beide nach Hause, deshalb werde ich sein Set leider nicht verfolgen können. Seltsam, Micha war heute doch gar nicht da. Na, bald ist Filmfest, da werde ich wieder diverse Stunden neben ihm verbringen.

PS: Alles Gute, Chris!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#92 Die Stadt ist eine Erbse

25. Juni 2015


Mittwoch, 24. Juni 2015

Es wird jetzt meta, und zwar so meta, dass es eigentlich schon fast kubikmeta ist: Heute treffe ich mich im Café Riptide mit Toddn, weil der in seinem neuen Buchbauer-Verlag ein Buch mit Auszügen aus diesem von mir befüllten Café-Riptide-Blog herausbringen will, und er selbst kommt in diesem Buch auch vor, als zitierter Gast des Cafés. Möbius hätte seine wahre Freude daran gehabt. Gründen wir eine Möbius-Band. Als Toddn sich zu mir an die Theke gesellt, habe ich gerade die letzten Krümel der Tortilla-Chips im Mund, die Jasmin als Beilage zum wie immer sauleckeren Bonanzaburger an den Tellerrand gestapelt hatte. Toddn ist reichlich unentschieden, mit welchem Getränk aus der nicht unüppigen Getränkekarte er sich selbst jetzt einen großen Gefallen tun könnte, was André, der am PC steht und Schallplatten katalogisiert, während er auf Toddns Entscheidung lauert, sehr breit grinsen lässt. Umherschwankend entscheidet sich Toddn: „Ich nehme ein Mineralwasser.“ André spottet mit noch breiterem Grinsen: „Mehr nicht? Dafür nehme ich doch meine Hände nicht aus der Tasche!“ Dort hat er sie eh nicht, schließlich hat er alle Hände voll zu tun, und so ist es ihm ein Leichtes, Toddn ein Viva con Agua aus dem Kühlschrank zu holen.

Andrés Vorbereitungen beziehen sich auf den Sedan-Bazar, das Handelsweg-Straßenfest, das am Samstag wieder stattfindet. „Bei uns gibt es einen Diät-Diavortrag: ‚Ihr habt Rücken – wir haben Bauch‘“, sagt André. „Danach wird gegrillt, es gibt ein großes Veggie-Barbecue bei uns, außerdem Live-Musik und einen Plattenflohmarkt.“ Davon hat mir Jogi erzählt, als ich ihm kürzlich einige Platten abkaufte, nachdem wir uns bei Serge nebenan getroffen hatten. „Jogi ist mit am Start“, bestätigt André. Und schränkt die Information über den Diavortrag etwas ein, ebenso wie die restlichen Programmpunkte, die ein neueres Braunschweiger Stadtmagazin in seiner aktuellen Ausgabe abdruckte: „Sie haben alles übernommen – außer dem Hinweis, dass das Programm sich ändern könnte.“ Aber die aufgelisteten Live-Musiker stimmen: „Schepper endlich mal wieder nach einem Jahr Pausieren“, freut sich André mit mir. Außerdem DeCheffen, Collaters und Silver-Club-Resident-Gitarrero Tom Hinze. „Auch bei Helmut in der Strohpinte gibt es Live-Musik, ab 20 Uhr Wild At Heart“, ergänzt André. Die Handelsweg-Anrainer beteiligen sich zudem mit Kunstflohmarkt, Kinderschminken und: „Ich weiß nicht, ob das einen Namen hat, wenn du aus Luftballons Pudel knotest?“ Hat es bestimmt; ich weiß auch nur, dass man bei dieser Aktivität immer sofort Pudel im Sinn hat. Und Serge wird mir später erzählen, dass bei ihm am Samstagmittag Tilmann Thiemig eine Lesung hält, als Ersatz zu der ursprünglich in dem zuvor erwähnten Magazin angekündigten Legastheniker-Lesung.

Seinen echten ersten Auftritt nach der Pause hatte Schepper kürzlich in Hannover im TAK, dem Theater am Küchengarten, bei der ausgesprochen sympathischen Lesebühne „Nachtbarden“. Mit seinem Musikerfreund Andreas begleitete ich Schepper auf seiner Exkursion dorthin. Kurz danach bestritt Schepper das Vorprogramm bei Andreas‘ eigener Band, der Ronnie Gaines Band, die zum Abschied ihres Schlagzeugers ein kleines Konzert im Magniviertel gab. Und nach dem Sedan-Bazar wiederum spielt Schepper als nächstes bei Woodys vierter Wasserschuh-Weltmeisterschaft am Heidbergsee, am 5. Juli. Auch daran ist mein künftiger Verleger Toddn beteiligt, als Moderator, zusammen mit Marc D. Die Stadt ist eine Erbse, werter Möbius.

Jetzt müsste Schepper es nur noch schaffen, auch mal in Roskilde zu spielen. Das ist gar nicht so abwegig, schließlich lebt seine Schwester dort, und in Roskilde gibt es ja mehr Auftrittsmöglichkeiten als nur das Festival. Nächste Woche beginnt dieses wieder, und Scheppers Schwester ist natürlich dabei: Sie wohnt nur „1 fahrbierlänge mit dem radl“ davon entfernt, wie sie mir textete. Seit 2001 war ich selbst nicht mehr bei dem Festival, damals hatte ich eine Pressekarte und zeltete mit anderen Pressevertretern auf einem Sportplatz. Ich war allein da, aber auf dem Roskilde Festival ist man nie lange allein. Das war ein nachhaltiges Erlebnis. Natürlich waren die Besuche im Rudel 1994, 1995 und 1997 auch geil, aber dieses Losgelöste, Freie, Ungebundene und trotzdem Gemeinschaftliche beim Alleinereisen hat eine ganz eigene, wichtige Qualität, die ich gerne erfahren habe. Bei allen vier Festivalteilnahmen erlebte ich eine unüberblickbare Menge eindrucksvoller Geschichten. Auch abseits des Festivalplatzes: 2001 hatte ich am Montag und Dienstag nach dem Festival noch frei und verbrachte die Zeit in Dänemark. So erlebte ich den berühmten kotzenden Drachen im Dom zu Roskilde, schwamm mit einem Wikingerboot als Kulisse im Roskilde Fjord, lernte dabei einen Typen kennen, der Hausmeister eines Wikinger-Reenactment-Theatergeländes in Frederikssund war, ließ mir jenes von ihm zeigen und cruiste zum Abschluss bei geilstem Sonnenwetter mit heruntergelassenen Autofenstern zum Donauwalzer durchs lebendige und lebensfrohe und strahlende Kopenhagen. Auch 14 Jahre später wirkt diese Etappe nach. Allein, mein Dänisch will sich nicht wie mein Kleines Italianum wie nebenbei vergrößern. Da bewundere ich Scheppers Schwester, der das offensichtlich gelingen muss. „Ich verstehe auch nicht alles“, wiegelte sie jedoch ab, als ich sie letztens besuchte. Das wundert mich nicht wirklich, vielmehr bin ich erstaunt, dass die Dänen sich mit ihrer seltsamen Sprache überhaupt verstehen. Doch da widersprach sie mir: „Die Dänen verstehen sich nicht“, sagte sie zu meiner großen Verwunderung. „Deshalb sind sie auch das glücklichste Volk der Welt“, setzte sie nach. „Meine Theorie.“ Klingt einleuchtend.

Mein Kleines Italianum erwarb ich seinerzeit bei VW in Wolfsburg am Band, schließlich ist Bandarbeit nicht so Konzentrationsfordernd und Wolfsburg nach Eigenaussage die größte Italienerkolonie nördlich der Alpen. So ließ ich mir von meinen italienischen Kollegen Grundzüge ihrer Sprache beibringen. Die ist vergleichsweise einfach, im Vokabular und in der Aussprache, und so macht es mir einen Heidenspaß, sie auch in ihren Rudimenten nur anzuwenden. Dabei erfuhr ich übrigens von zwei Kollegen, von denen einer aus dem Norden und der andere aus dem Süden des Landes stammte, dass deren Dialekte so gravierend unterschiedlich waren, dass sie sich, um sich überhaupt zu verstehen, auf Deutsch unterhielten. So geht’s mir in Bayern. À propos Nord und Süd: Als wir kürzlich bedauerlicherweise wegen sehr harter Lärmschutzauflagen das nicht zu verwirklichende soziokulturelle Zentrum K67 ausräumten, besorgte ich das Mittagessen in einer nahegelegenen Pizzeria. Deren Inhaber freute sich über meine Italienischrudimente und erzählte freimütig aus seinem Land. Er schimpfte auf Berlusconi und wartete mit abenteuerlichen Theorien auf. Er selbst stamme aus Süditalien, und die Norditaliener seien auf die Süditaliener sauer, weil die denen die Frauen wegnähmen, was wiederum kein Wunder sei, schließlich seien 90 Prozent der norditalienischen Männer schwul: „Im Süden sind es nur 40 Prozent.“ Er zuckte mit den Schultern: „Questa la vita, das ist das Leben.“ Verwegen! Aber unterhaltsam. Und die Pizza war gut.

Gut ist auch das Essen im „Sultana“, dem neuen syrischen Restaurant in der früheren Krabbenkuppel, in der seinerzeit der vierte Silver Club stattfand. Kurz nach der Eröffnung war ich mit einer Freundin dort, zum Antesten, und der ausgesprochen freundliche arabische Inhaber zeigte uns großherzig den neu gestalteten Gewölbekeller. Außerdem bereitete er uns äußerst schmackhafte arabische Speisen zu, mit dem Hinweis, dass er Veganern auf der Speisekarte viel Raum gebe. Er erzählte uns so einiges aus dem arabischen Alltag, über Kaffeekultur und Gastfreundschaft. Die Freundin bestellte einen vegetarischen Teller, und er kommentierte: „Wenn es Ihnen nicht reicht, sagen Sie bitte Bescheid – auf Arabisch sagt man: Wir reparieren Ihnen dann den Teller.“ Bei meinem zweiten Besuch saß am Nachbartisch eine Familie vom Bodensee. „Vom Bodensee?“, hakte der arabische Restaurantchef erfreut nach. „Da ist mein Sohn geboren.“ Und fortan unterhielten sie sich allesamt in einer Mischung aus Schwäbisch und Badisch.

Komplett vegetarisch ist das neue „Herr Tegtmeyer“, das Nachtleben-Instanz Timo vor wenigen Wochen in der Kreuzstraße eröffnete, mit Restaurant und Partykeller, bestehend aus Kickerraum, geplanter Bühne, kleiner Tanzfläche und obskurerweise Kegelbahn. Zu meiner großen Ehre bat mich Timo, den Keller musikalisch mit meinen Konserven zu beschallen, und dabei offenbarte sich einmal mehr die Erbsenhaftigkeit nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Welt. Nur sechs Tage zuvor traf ich nämlich auf dem Mittelaltermarkt eine Freundin, die vier Jahre zuvor nach Frankfurt zurückgezogen war und die ich seitdem nicht gesprochen hatte. Wir holten diverse Informationen nach, und so fragte sie mich irgendwann auch nach Dina, die sie einst in einem Frauenfitnessstudio kennen gelernt hatte und die später im originalen „Herr Tegtmeyer“ die Sandwiches zubereitet hatte. Die lebt jetzt in Neuseeland, wusste ich, nur einen Gruß würde ich ihr wohl nicht ausrichten können, da ich nur indirekten Kontakt zu ihr habe, über Anke nämlich, die mal Barfrau im „Herr Tegtmeyer“ war. Sechs Tage nur dauerte das vermeintliche Nichts. Ebenjene Anke stand nun bei der Neueröffnung des „Herr Tegtmeyer“ plötzlich vor mir und sagte: „Schau mal, wen ich mitgebracht habe.“ Keine Woche später richtete ich also Dina doch noch den Gruß aus. Ein fröhliches Wiedersehen. Der Absurditäten Krönchen: Ich traf Dina in genau dem Moment, als ich gerade „Invocation“ von Killing Joke auflegte, deren durchgeschossener Sänger Jaz Coleman mehrmals mit Neuseeländischen Orchestern zusammenarbeitete, womöglich auch bei dem Stück. Und als übernächsten Track hatte ich „Alive“ von der neuseeländischen Band Shihad vorbereitet. Definitiv, da liegt etwas Erbsenhaftes im Weltengeist.

„Die Stadt ist eine Erbse“ ist auch zunächst der Arbeitstitel für das Buch, das Toddn herausbringen will. Vermutlich wird es dabei bleiben, nichts ist schließlich so dauerhaft wie ein Provisorium. Am Sedan-Bazar will sich Toddn übrigens ebenfalls beteiligen, mit einer Aktion, die er als Kritik am Kunstmarkt verstanden wissen will: Er verkauft 40 „Schnitzelwerke“, wie er sie nennt, im Gesamtwert von einer Million Euro. „Nur an diesem Tage“, wie er betont, veräußert er jedes Werk für 25 Euro pro Stück, inklusive einem Zertifikat, das belegt, dass das Objekt im Moment der Übergabe sofort 25.000 Euro wert ist. Dafür müssen die Kunden nur ihrerseits wieder einen Käufer finden, dann schlagen sie Kapital aus dem Kunsterwerb. Toddn und ich vereinbaren noch die nächsten Schritte in Bezug auf unser Buch, dann verschwindet er, um sein Auto aus dem Strafzetteleinzugsgebiet zu entfernen.

Zurück an der Theke, lasse ich mir eine Kaffee-Kola kredenzen. Chris sortiert CDs für den Sedan-Bazar, mit einem besonderen Grund: „Es gibt unsere allseits beliebte Aktion ‚Fünf CDs für fünf Euro‘.“ Er verpackt dafür Neuheiten, Promos und andere Tonträger. „Die Aktion ist so beliebt, die haben wir zu einem Jubiläum mal gemacht“, staunt Chris selbst. Die Maßnahme hat viele Vorteile: „Wir wollen Platz schaffen und den Leuten etwas Gutes geben.“ Wichtig sei, dass dabei auch musikalische Perlen in die Pakete wandern, kein Ausschuss. Und erstmals gibt es die Aktion auch mit Vinyl: „Drei für zehn Euro aus dem aktuellen Ladenbestand.“ Einen Blick auf die Auswahl erhasche ich und kann bestätigen: Wer die Überraschungspakete erwirbt, findet darin einige Schätze. „Das hat so eingeschlagen“, freut sich Chris, und das wird es sicherlich wieder.

Eingeschlagen hat nicht nur bundesweit der Kinofilm „Victoria“ von Sebastian Schipper, sondern auch bei Chris und mir. „Das war kein Film über einen Bankraub – das war ein Bankraub“, sagt Chris energisch. In der Tat, der Film ist ein wahres Kunststück, wie man es heutzutage selten noch findet. Über zwei Stunden an einem Stück gedreht, und man vergisst genau diesen Umstand irgendwann, weil die Geschichte dahinter einfach stimmt. Ein Film, der nachhaltig im Bewusstsein bleibt.

Chris ist heute etwas in Eile bei seinen Aktivitäten, er will nämlich noch mit Marcus nach Berlin fahren. Nachher geben Faith No More ein exklusives kostenloses Clubkonzert für den TV-Sender Arte, für das man sich allerdings online registrieren muss, und Chris hat die Bestätigung für seine Registrierung erhalten. „Ich bin kein Faith-No-More-Fan“, stellt Chris klar, „aber von Mike Patton!“ Wir bestellten uns kürzlich beide die LP von dessen Parallelprojekt Tētēma. „Die steht noch ungehört bei mir“, gibt Chris zu. Bei mir nicht: Sie ist der akustische Gegenentwurf zum kommerziellen Comeback-Album „Sol Invictus“ von Faith No More, so viel ist mal sicher. Als Referenz an Chris‘ Ausflug nehme ich mir die „Sol Invictus“-LP gleich mal mit. Chris schreibt mir nachts, das Konzert sei „kurios und famos“ gewesen. Auf seinen Bericht bin ich gespannt. Gegensätzlicher könnte es kaum sein: Parallel schickt mir eine Freundin Fotos vom Roxette-Konzert in Köln, und sie ist nicht minder beeindruckt.

Den Rest des Tages verbringe ich ungeplant, aber wie immer gerne bei Serge und seinem Kreis bei tiefstphilosophischen und höchstaufschlussreichen Gesprächen. Wir sitzen so lange vor seinem Laden, dass selbst Uwe und Katrin von Raute Records längst Feierabend haben und wie üblich auf dem Weg zum Tante Puttchen bei Serge vorbeikommen. Uwe hat eine Tüte mit einer LP in der Hand, er nimmt offenbar etwas Arbeit mit nach Hause. Doch weit gefehlt: „Immer, wenn Lukas arbeitet, bringe ich ihm eine Platte aus der Ein-Euro-Kiste mit“, erklärt Uwe. „Er muss erst bezahlen und darf dann gucken.“ Serge und ich dürfen schon vorher einen Blick werfen: Es ist eine Greatest-Hits-Zusammenstellung von Dionne Warwick. „Gute Platte“, findet Serge. Wir setzen uns flugs zu Uwe und Katrin, denn die beiden haben wie immer Geschichten zu erzählen. Etwa von ihrem ersten Date, damals in Celle. Dabei fällt trotz aller sommerlicher Kälte endlich etwas Sonnenlicht durch den Handelsweg auf uns. Ein schöner Abschluss für diesen Tag. Hoffen wir, dass es am Samstag zum Sedan-Bazar endlich warm und trocken wird.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#86 Geschenke!

15. Dezember 2014


Montag, 15. Dezember

Weihnachtstrubel ühüberall. Gestern noch war schönstes Spätherbstsonnenwetter, heute sieht es wieder nach November aus. Nicht mal die bunt blinkende Weihnachtsdeko macht einen Unterschied zum Vormonat, denn die hing zu dem Zeitpunkt auch schon. Früher, als noch alles aus Holz war, und den Rest spare ich mir. Erstaunlicherweise findet sich im Café Riptide keinerlei weihnachtliches Interieur. Stattdessen fällt mein Blick erstmals auf die Autogrammkarte von Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht, die neben der Kasse angebracht ist. Weihnachtsgeschenke wiederum sind auch im Riptide Thema, denn viele Gäste erwerben hier welche, Schallplatten zumeist, natürlich. Jasmin nimmt Bestellwünsche am Telefon entgegen und legt Chris und André Zettel parat, damit die, sobald wieder zurück im Café, dann die Tonträger beim Händler anfordern. „Jetzt gehen die Weihnachtsgeschenkebestellungen ein“, stellt Jasmin fest. Und bis zum Fest könnte es damit jetzt doch noch arg knapp werden.

Eigentlich will ja niemand den Geschenkewahnsinn mitmachen, aber wenn man sich die Stadt so ansieht, bekommt man doch andere Eindrücke. Da stellt sich mir die Frage, was denn ein gelungenes und nachhaltiges Geschenk überhaupt ausmacht. Die Frage nach dem größten Geschenk des Jahres reiche ich der Einfachheit halber an die Gäste weiter und lasse dabei offen, ob die Befragten das Geschenk gegeben oder erhalten haben sowie ob es materiell war – oder nicht.

Nicole:

Das größte Geschenk war für mich, dass meine zwei Töchter beide im Sommer eine Arbeit oder einen neuen Start geschafft haben. Die eine hat Abitur gemacht, die andere ihre Ausbildung abgeschlossen. Das war ein schönes Geschenk.

Die Töchter sind 18 und 21 Jahre alt, sagt Nicole. Sie ist eigentlich im Riptide, um nach Schallplatten zu suchen, doch ist keiner ihrer Wünsche vorrätig, also macht Jasmin entsprechende Notizen. Auf diesem Zettel stehen nun neben Nicoles Kontaktdaten die Namen The Divine Comedy, Ben Watt und Pure Moon. Letztere kenne ich nicht. Das sei ein Ableger von Leuten, die in einer anderen bekannten Band mitmachen, sagt Nicole: „Ich weiß es nicht genau, ich habe es gestern im Radio gehört, auf Radio Okerwelle, sonntags morgens von 9 bis 12 Uhr, eine schöne Sendung.“ Sie hofft, dass Chris und André mit der Bestellung weiterhelfen können, und will später in der Woche wiederkommen.

Mehr Zeit hat Miriam, die mit ihrem Begleiter Kaffee trinkt und dabei die Klingeltöne ihres neuen Telefons ausprobiert.

Miriam:

Das größte Geschenk ist Gesundheit.

Was wie eine hingeworfene Floskel klingen mag, hat für Miriam sicherlich eine tiefe Bedeutung. Ihr Lächeln, während die die Antwort gibt und Details vermeidet, spricht Bände, die diese Schlussfolgerung begünstigen. Ihr nächstes Lächeln richtet sich an Jasmin, die den bestellten Bagel an Miriams Tisch bringt.

Noch ist Jasmin allein im Café, Chris kommt später aus dem Büro herüber. Demnächst setzt sie die Suppe der Woche an, „Süßkartoffel-Kokos mit Pfiff“, wie es die Tafel neben der Küche verrät. Zuvor erfüllt sie die Bestellung von Holger, „eine Spezi zum Mitnehmen“, die sie ihm sogar verschlossen in die Hand drücken könne. Und das tut sie.

Holger:

Das größte Geschenk war der Besuch bei meiner amerikanischen Gastfamilie, ich war dieses Jahr mal wieder drüben. Es war ein großes Geschenk, sie nach einem Jahr Pause dieses Jahr für sechs Wochen wiederzusehen. Wenn man Menschen nach langer Zeit wiedersieht, freut man sich sehr.

Im Osten der USA wohnt Holgers Gastfamilie, in Pittsburgh, Pennsylvania. Er schnappt sich die verschlossene Speziflasche und stürmt in den Herbststurm hinaus.

Nur unwesentlich mehr Zeit haben Antje und Marco, die sich in der Sitzecke des Cafés auf einen Termin vorbereiten. Ihre Antworten lassen Dramen erahnen.

Marco:

Dass ich lebe.

Antje:

Auf jeden Fall Gesundheit, und da würde ich fast mit dir mitgehen (blickt zu Marco): dass ich dieses Jahr überlebt habe.

Abgesehen davon, dass sie keine Zeit haben, lässt es Antje und Marco die Tiefe ihrer Antworten nicht zu, sie zu spezifizieren. Antje lässt lediglich das Wort „Selbstverwirklichung“ fallen, dann widmen sie sich wieder eifrig dem anstehenden Termin.

Gegenüber, in der anderen Ecke, sitzt Kyra und tippt noch eben eine Grußformel in das Dokument auf dem Bildschirm ihres Laptops, den sie dann zuklappt.

Kyra:

Das größte Geschenk sind für mich die Menschen, die mir begegnet sind.

Auch Kyra fällt es schwer, da genauer zu sein. „Ich bin für eine kurze Zeit woanders hingegangen“, sagt sie. „Das war schön, eine coole Erfahrung.“ Es sei darum gegangen, etwas zu tun, vor dem man Angst hat, und dann zu erleben, dass es funktioniert. „Das sollte man machen, ist ein guter Tipp“, sagt sie. Sie überlegt kurz: „Vielleicht nicht einen Hai streicheln.“ Sie überlegt wieder: „Oder vielleicht doch.“ Kyra sitzt öfter im Ritpide, sagt sie, denn sie ist nur zweimal um die Ecke, im LOT, Theaterpädagogin. Und Mitglied im „Drecksclub“, von dem mir schon so viele Leute vorgeschwärmt haben. Der findet am Donnerstag und Freitag jeweils ab 20 Uhr wieder im LOT statt, und vielleicht schaffe ich es ja am Donnerstag endlich mal dorthin, denn der Freitag ist bereits ausverkauft.

Ans große Fenster setzt sich Lukas und berichtet breit grinsend, wie stressig es selbst für ihn als Radfahrer eben war, sich im Weihnachtsverkehr zwischen den offenbar von Orientierungslosen gesteuerten Autos hindurch zu bewegen. Während er auf zwei Freunde wartet, öffnet er die Folie des Karamellkekses, der seinem Kaffee beiliegt.

Lukas:

Das größte Geschenk ist, dass mein Bruder ganze sechs Tage zu Besuch kommt statt nur zwei. Das ist cool.

Über Weihnachten wird das sein. Lukas‘ Bruder lebt seit anderthalb Jahren in Kalifornien, „er hat noch dreieinhalb Jahre vor sich“, so Lukas. „Sein Doktorprogramm.“ Jetzt treffen auch Lukas‘ Freunde ein, ich räume den Platz und kehre an die Theke zurück.

Dort trifft jetzt auch Chris ein, schwer bepackt mit einer schwarzen Kiste kommt er aus dem Büro herüber und stürzt sich sofort in die anliegende Arbeit. Dazu gehört, bestellte CDs auszugeben, darunter an eine regennasse Kundin, deren Antwort auf meine Frage nach dem größten Geschenk sie emotional so mitnimmt, dass sie ihren Namen nicht preisgeben mag.

Kundin:

Ich hab’s gerade bekommen, und zwar eine CD, selbst zusammengestellt. Es ist kein materielles Geschenk, weil’s ganz persönliche Musik ist. Der haut gerade ab, der Typ, der sie zusammengestellt hat.

Mehr möchte sie dazu nicht verraten, aber von Chris mehr erfahren zu CDs, die sie bestellen möchte, in der Hoffnung, dass sie noch bis Weihnachten im Riptide eintreffen werden. Dann geht sie und bedankt sich lächelnd, als ich ihr alles Gute wünsche.

Deutlich deutlicher ist das größte Geschenk für Insa, die neben Felicia auf dem Sofa sitzt: Ihre Tochter Alva, die sie auf dem Arm hat. Während Alva noch den Schlaf aus dem Gesicht bekommen muss, strahlt Insa übers ganze Gesicht.

Insa:

Meistens bist du das größte Geschenk, nicht wahr, Alva?

Dreieinhalb Monate alt ist Alva, Insas erstes Kind. Der Name Alva ist skandinavisch: „Kennst du Astrid Lindgren?“ Selbstverständlich! „Ich hatte nicht den Bezug, aber in ‚Madita‘ kommt das vor.“ Das wusste auch Felicia nicht. „Das Kindermädchen hieß Alva“, erklärt ihr Insa. Sie hat sich jetzt deshalb auch das Buch angeschafft, sagt sie.

Felicia:

Mein Geschenk kommt ein bisschen verspätet an.

Denn erst im Januar ist es bei ihr so weit. Ihre Stimmung pendelt deshalb zurzeit zwischen aufgeregt und nervös, aber im Moment ist Felicia sehr entspannt. Auch sie hat im Riptide gearbeitet, seit Mai: „Bis es unpraktisch wurde mit dem Bauch.“

In der Küche ist Chris beschäftigt, Jasmin an der Theke. Über Weihnachten ist das Café zwei Tage lang geschlossen, am 26. geht es hier weiter. Die Pause sei ihnen sowas von gegönnt. Das ist ja auch ein Geschenk.

Mein eigenes größtes Geschenk des Jahres? Das muss sich erst noch herausstellen. Ich bin seit einigen Monaten an einem Wendepunkt im Leben angekommen und habe Dinge verändert und Weichen gestellt. Einiges bewerkstellige ich selbst, anderes ist mir widerfahren. Nicht alles davon ist auf den ersten Blick als positiv oder negativ einzuordnen, das wird die Zeit zeigen; dann könnten einige der Punkte hier auftauchen. Geschenke waren für mich definitiv, dass sich meine im anonymen Internet gefundenen Gastgeber in Antwerpen und Genua als in übermäßig vielen Punkten mit mir kompatibel herausstellten, und zwar so sehr, dass ich auch nach der Reise noch Kontakt mit ihnen habe, und das ist mir in all den Jahren, in denen ich nun reise und privat unterkomme, noch nicht passiert. Sowohl Sonja in Antwerpen als auch Silvia und Stefano in Genua fand ich über Airbnb, und das sind dann die Vorteile an der Globalisierung. Und so etwas wie das Riptide, das ist sowieso immer ein Geschenk.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr