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#111 Familientreffen in Kaiserslautern

26. Januar 2017


Donnerstag, 26. Januar 2017

„Familientreffen“, ruft jemand, als ich das Café Riptide betrete. Denn mit mir kommt Micha herein, an der Theke steht Marcus, der sich mit Chris unterhält, der am PC steht, vor den Schallplatten sitzt André auf einem Stuhl und geht die Eigenveröffentlichungen durch, und am großen Fenster hocken Stef und Sascha. Mit „Frohes Neues“ begrüße ich Marcus, Micha schließt sich mit dem Gruß an Chris gerichtet an, und der erwidert: „Wir haben uns doch schon gesehen dieses Jahr!“ Als Stef und ich uns vorhin noch in der Küche über den Weg liefen, wussten wir nichts von unserem gemeinsamen Ziel, aber ich traf Vitas in der Stadt, der mir ihre Anwesenheit im Riptide verriet. Erbse!

Eigentlich wollten Micha und ich uns mal dienstlich treffen, für einige Absprachen. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Eingang und durchforsten unsere Unterlagen. André erhebt sich von seinem Stuhl, steuert den Thekenbereich an und fragt mich im Vorbeigehen: „Kafka?“ An sich eine gute Idee, aber heute ist mir mehr nach einem Milchkaffee. Micha gibt einen Cappuccino in Auftrag. Kurze Zeit darauf bringt uns André das Bestellte: „Falls ihr’s nicht erkennen könnt, das soll ein Herz sein“, sagt er und deutet auf die Schokopulverform auf dem Milchschaum. Ganz eindeutig ein Herz! Das wärmt mindestens so gut wie der Kaffee selbst.

Viel Zeit hat Micha nicht, er ist noch mit einem Freund zum Filmabend verabredet. Er flippt durch die App vom C1-Kino und grantelt, dass zwar gestern „Hacksaw Ridge“ vom Mel Gibson in der Vorpremiere lief, aber nicht ins normale Programm übernommen wurde. „Das ist schon der dritte Film dieses Jahr, der nicht in Braunschweig läuft“, schimpft er. Dieses Jahr war ich noch gar nicht im Kino, mein letzter Film war „Arrival“ am 5. Dezember. „Das ist schon ein bisschen her“, findet auch Micha. Er überlegt, sich „La La Land“ anzusehen, angefixt durch die vielen Oscarnominierungen und Golden Globes, „da lasse ich mich verleiten“. Mich interessiert der genau so wenig wie „Hacksaw Ridge“. „Ein Bekannter findet ‚La La Land‘ gut“, sagt Micha. Jeder findet den gut. „Das muss nichts Schlechtes sein“, sagt Micha und schlägt mir vor: „Du kannst dich mit allen abgleichen und sehen, ob du normal bist, oder krank.“ Oder genau das nicht, wer weiß.

Bei „Hacksaw Ridge“, erklärt mir Micha, geht es um einen Soldaten, der ohne Waffe in den Krieg zieht: „Das würde ich nicht machen.“ Ich nehme nur die Waffe, ohne den Krieg. „Auch ’ne Möglichkeit“, sagt Micha. Ich nehme denen die Waffe weg. Micha: „Denen den Krieg wegnehmen!“

André gönnt sich den Moment und setzt sich zu uns. Er sieht auf Michas Display und stellt die naheliegende Frage: „Wollt ihr ins Kino?“ So halb: Micha ja, ich grad nicht. Micha wiederholt seinen Unmut bezüglich der Filmauswahl in den Braunschweiger Kinos und dass er Interesse an dem Musicalfilm „La La Land“ habe. „Da wird nur gesungen“, sagt André. Micha lacht: „Sagst du in diesem Laden!“ André grinst verlegen und murmelt, dass er das auf Filme bezogen kritischer sieht. Regisseur Damien Chazelle, sagt Micha, hat ein Faible für Jazz, was Micha verlocke, denn auch der erste Film „Whiplash“ handelte von jener Musikrichtung. Ach ja: Rocky am Schlagzeug.

André erzählt etwas davon, dass jemand nach einem Film „draußen“ etwas unappetitliches erlebte, und Micha versteht miss, André sei „rauchen“ gewesen. Dabei fällt ihm die Geschichte ein, wie er mit einem „Kumpel“, der starker Raucher ist und es kaum ohne Zigarette aushält, im überlangen Remake von „Verblendung“ gewesen sei. „Daniel Craig hat gefühlt neunzig Prozent des Films geraucht“, lacht Micha. „Zum Schluss bietet ihm ’ne Frau ’ne Zigarette an und er sagt: ‚Ich will aufhören.‘“ Er grinst: „Ich gucke zu dem Kumpel rüber und der sagt: ‚Mit dir gehe ich nie wieder ins Kino.‘“ Das erinnert André ein das eine von zwei gemeinsamen Malen mit Micha im Kino: Da wies Micha André auf einen kleinen Schatten in der Ecke der Leinwand hin, der daher rührte, dass der Projektor nicht vollständig an der Empore vorbei projizierte. „Das sagt er mir vor dem Film“, echauffiert sich André. „Das wäre mir nie aufgefallen – ich habe den ganzen Film über nur die Kante gesehen.“ Micha grinst: „Gern geschehen.“

Jetzt muss André wieder arbeiten, dafür gesellt sich Stef kurz zu uns. „Unser letzter Ticker war sehr erfolgreich“, berichtet sie Micha. Gemeinsam erstellen sie nämlich für Stefs „Kult-Tour Der Stadtblog“ einen wöchentlichen Veranstaltungskalender. „Der wurde sechsmal geteilt!“ Das freut den Miturheber: „Das haben wir gut gemacht.“ Er ist in plötzlicher Eile und bricht auf, um seine Folgeverabredung einzuhalten. Stef lotst mich zu sich und Sascha an den Tisch am Fenster. Ich hocke mich zu ihnen, und wir stellen fest, dass einer der beiden weißen Lampenschirme über unseren Köpfen zerbrochen ist: „Ist das kaputt oder Design?“, fragt Stef. Ich bin für Design und Sascha hat sofort die selbe Assoziation wie ich: „Calimero.“ Mit Sombrero. „Das kenne ich wieder nicht“, sagt Stef, die etwas jünger ist als wir. Sascha erklärt ihr das mit der Zeichentrickfigur, einem schwarzen Küken mit Eierschalenhut. Seltsam genug: Ein Küken mit italienisch klingendem Namen, der auf dem griechischen Wort für „Guten Morgen“ basiert, das laut Titellied eine mexikanische Kopfbedeckung tragen soll. Multikulti.

Sascha kannte ich bislang nicht direkt, wir haben Lür als gemeinsame Brücke: Lür ist Mitinitiator des DJ-Teams „Rille Elf“ und Erfinder des Tanztees im Tegtmeyer, aus Zeitgründen aber leider nicht mehr so richtig dabei. Lür und Sascha gehen oft zusammen ins Eintrachtstadion, und einmal taumelte Lür mit Anhang nach einem Sonntagsspiel ins Tegtmeyer zum Tanztee, und da war Sascha auch dabei. Also: Gesehen haben wir uns schon mal. Auch diese neue Runde bricht auf: Sascha muss noch zum Fußballtraining und Stef will nach Hause. Ich schließe mich an.

An der Kasse steht ein großes Schild mit der Aufschrift „FCK TRMP“. Chris erläutert: „‘Der FC Kaiserslautern triumphiert‘, heißt das.“ Politische Statements verkneife man sich hier schließlich. Ich spreche ihn auf die Renovierung des Riptide an, von der in der Stadt bereits zu hören ist. „Wir haben dann zwei Wochen geschlossen“, bestätigt Chris. Vom 28. Februar bis 15. März, „das ist zumindest geplant, da müssen nur noch die Handwerker mitspielen“, sagt Chris. Am 16. März macht das Riptide dann wieder auf. „Was wir genau machen, steht noch nicht fest – wahrscheinlich normal auf und mit Sekt.“ Und wie das Riptide dann aussehen soll, verrät Chris natürlich auch nicht. Im Mai schließlich soll auch noch die Homepage überarbeitet werden. Alles neu – fürs Zehnjährige, das im September ansteht. Zehn Jahre Café Riptide. Nicht drüber nachdenken!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#60 Ferrari Testarossa

13. Oktober 2012


Samstag, 13. Oktober

Meine Erkältung klingt allmählich ab, Zeit, mal wieder unter Leute zu kommen, also ins Riptide zu gehen. Wohin auch sonst, zur Genesung. Es ist ja mal ganz nett, seine Zeit ausschließlich in Betten und auf Sofas zu verbringen und Hörspiele und Musik zu hören, aber es wächst bei mir doch bald der Bedarf nach echten Menschen. Deshalb komme ich an diesem sonnenhellen Oktobertag auch nicht in den üblichen fünf Minuten bis in mein zweites Wohnzimmer im Handelsweg, sondern brauche eine Stunde; der BIBS-Stand auf dem Kohlmarkt ist ein schöner Treffpunkt und die Zahl der zu diskutierenden Themen groß. Ein neues soziokulturelles Zentrum in Braunschweig ist nur eines von vielen, aber eines für viele. Die Sonne lacht, wir auch, trotz allem, wegen allem, und die Zahl der Lachenden wächst außerdem. Nun aber mal los.

Hinter dem Tunnel, der durch Möbel Sander in den Handelsweg führt, sitzt Serge mit drei Gästen vor seinem Laden. Das sieht wieder nach den lehrreichen und konstruktiv-streitbaren Gesprächen aus, die sich vor Serges Tür immerzu von allein einzustellen scheinen. Man kann nicht anders als mit ihm philosophieren, und er kann nicht anders als Haltung zeigen, inzwischen ja auch für jeden greifbar: Vor wenigen Wochen veröffentlichte Serge seinen Hörbuch-Buch-Hybriden „Leseprobe 1“, selbstverfasst und selbstgesprochen, überraschend offen und autobiografisch, wie er es als Person inzwischen ja auch ist. Vom Riptide-Nachbarn, über den nur wenig und doch mehr bekannt war als von ihm selbst, zum Mitgestalter in allen Gassen. „Irgendwas mit Theater“ habe er früher gemacht, das wusste man über ihn, inzwischen übernimmt er wieder mal Regie, etwa fürs Theater Fanferlüsch, hält im Rahmen der Kulturnacht in der Galerie auf Zeit eine Lesung ab und präsentiert eben seine „Leseprobe“ in CD- und Buchform. Und es soll mehr werden, ein ganzes Buch, mindestens, und Serge fragt mich im Vorbeiflug nach Verlagskontakten. Netzwerke schaffen, das ist auch eine neue Aufgabe, die er sich selbst stellte und mit der er den zurzeit in der Stadt umtriebigen Zeitgeist trifft, also auf offene Ohren und Türen stößt, insbesondere im kulturellen Bereich. Das Riptide als Nachbar ist da kein schlechter Ort, um Netzwerke aufzutun. Ebenso der übernächste Nachbar: Als erster Verlagskontakt-Hersteller fällt mir Stefan vom Kingking Shop ein, der außerdem einer der Betreiber der Einraumgalerie im Handelsweg ist.

Draußensitzen ist nicht nur für Serge attraktiv, auch die Riptide-Gäste drängen sich im Achteck und betreiben fröhliche Gesprächsrunden. Mit einer abklingenden Erkältung mag ich aber noch nicht draußen sitzen, ich gehe ins Café. Auch dort ist viel los, Franzi und Jasmin haben im besten Sinne alle Hände voll zu tun. André auch, er gehört eigentlich vor lauter lauernder Aufgaben ins Büro an den PC, denn heute Abend ist noch was los im Café: „Das DJ-Team von Indie.Disko.Gehn legt auf.“ Die kenne ich, zumindest als Logo aus Wolfsburg, dort etablierten sie die Party im Sauna-Klub. Fürs Riptide machen sich die Jungs wohl ordentlich Arbeit: „Sie bringen ihre Lightshow an, die Lounge wird zum Kino umgebaut“, kündigt André respektvoll an, während er mir einen meine Erkältung hoffentlich weiter lindernden Kafka zubereitet. Und: „Wir wollen das Rondell beleuchten, je nach Wetterlage.“

Diese ist dann auch erstmal die letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die im Riptide jetzt anstanden, ausgehend von den Festivitäten zum fünfjährigen Bestehen des Etablissements. Was da nicht alles los war. Und wie oft ich es glücklich schaffte, dabei zu sein. Täglich hatten Chris und André eine andere Aktion im Angebot, mit der sie uns köderten, was gar nicht nötig war, wir wären ja auch so gekommen. Bei der Losaktion gewann ich eine Tasse Kaffee, die habe ganz vergessen einzulösen. An dem Tag war ich eigentlich nur kurz da, um Grüße und Gratulationen zu entrichten, aber Jasmin verführte mich zum Loskauf und gewann selbst einen der silbrigglänzenden Riptide-Buttons, wie ich ihn ohnehin seit Jahren an der Jacke trage, in Eintracht mit Buttons von Silver Club und Kingking Shop. Veganes Grillen im Achteck stand einmal auf dem Programm, und davon kostete ich, als ich mich mit Claudi Soundschwester zu einem unserer unregelmäßigen Feierabendbiere traf. Bei uns am Tisch saß Bernd, seinerzeit einer der vier Initiatoren des Schlucklum in Lucklum, und der wusste Geschichten zu erzählen, etwa die, dass es Gäste gab, die Freitagnachmittag vor dem Schlucklum ihr Zelt auf- und es Sonntagmittag wieder abbauten. Und im Zuge des Geburtstags ließen Chris und André T-Shirts anfertigen, mit dem Logo einer weltbekannten Punkrockgruppe, deren Name dieselbe Anzahl Buchstaben trägt wie „Riptide“ und deren kreisrundes Logo die Cafébetrieber für ihre Zwecke dahingehend umgestalteten, dass sie die Namen der Musiker austauschten gegen Synonyme, die sie sich selbst in ihren Rundmails immer geben: Rabea, Rudi, Renate und Rolf.

Die Fünfjahresfeiern waren aber nicht alles, wie André berichtet. Vor einer Woche spielten die Driftwood Fairytales aus Berlin im Riptide. Denen, die die Band nicht kennen, erklärt es André immer so: „Bruce Springsteen ein bisschen schneller gespielt.“ In Erinnerung an das Konzert leuchten Andrés Augen: „Das war ein schöner Abend, 80 Leute, das Publikum hatte Spaß, die Band hatte Spaß.“ Das nächste Konzert gab es vorgestern, als Nachprogramm zum Film über Michel Petrucciani im Universum, in der gemeinsamen Reihe Sound On Screen, als das Tiqui Taca Trio im Café spielte, eine Jazz-Band. „Da war ein anderes Publikum hier“, sagt André, und auch das hatte Spaß im Café. Nach „Blue Note: The Story Of Modern Jazz“ vor genau einem Jahr war das schon das zweite Jazz-Thema im Riptide. Dieses Mal begleitet aber keine extrem stylishe Jazzschallplattencoverausstellung den Film, da im Zuge der Geburtstagsfeier zurzeit stimmungsvolle Schwarzweißfotos von Timo Hoheisel aus dem Caféalltag erzählen. Eine Meta-Ausstellung also.

Zu den Sound-On-Screen-Filmen habe ich es noch nie geschafft, höchstens mal zu den dazugehörigen Partys, und das finde ich mindestens bedauerlich. Immerhin, Beate vom Filmfest verriet mir, dass es womöglich im Januar einen guten Grund für mich gibt, beim Chef mal einen frühen Feierabend einzufordern. Noch ist nichts spruchreif, bestätigt auch André, aber die Hoffnung ist groß, dass Sound On Screen dann einen meiner Filmwünsche erfüllt. Das Filmfest selbst beginnt auch in wenigen Wochen, große Freude, jedoch fällt es nahezu komplett in meine Arbeitszeit, was wahrscheinlich bedeutet, dass ich so gut wie keinen Film zu sehen bekomme, große Missstimmung. Noch gibt es kein Programm, aber ich hoffe zum Beispiel auf „The Angel’s Share“, den neuen Film vom Ken Loach, und dass ich dafür dann auch Zeit finde.

Immerhin, ins Kino schaffte ich es tatsächlich mal wieder zweimal, beide Male in Begleitung von Micha, den ich vor fünf Jahren und einem Monat am Eröffnungstag des Café Riptide am Tresen kennenlernte. Kürzlich gehörte ich einmal dem Philosophenkreis bei Serge an, als Micha im Vorbeigehen auf meine Schulter hieb und rief: „Dich brauche ich.“ Er habe sich außer mir niemanden vorstellen können, der Spaß an „Holy Motors“ von Leos Carax haben könnte. Wie Recht er hatte: Den Film wollte ich sehen. Wir verabredeten uns gleich für den folgenden Abend am Universum. Und trafen uns vorher schon am Nachmittag wieder zufällig im Riptide, wo ich eigentlich mit Steffen verabredet war, der mit seiner Band Dissouled in Wolfsburg regelmäßig Grindcore-Festivals veranstaltet, und zwar mit Bands, die in der Szene international zu den Helden gehören und die dafür sorgen, dass Wolfsburg seitdem auf der Grindcore-Europakarte fettgedruckt eingetragen ist. Dissouled selbst grooven wie Sau und arbeiten zurzeit an ihrem neuen Album. Fossi machte unsere Tischrunde kurzfristig zum Quartett, wir sprachen natürlich auch über Filme. Als ich dann später meine Getränkerechnung begleichen wollte, überraschten mich Chris und André mit der Frage, ob ich „die hier“ schon hätte, und zeigten mir die an dem Tag niegelnagelneue Dreifach-LP von den Drei Fragezeichen, „…und die Geisterlampe“, mit zwölf Kurzgeschichten. Hatte ich noch nicht und schlug sofort dankbar zu. Die Geschichten sind lediglich okay und damit immerhin besser als die meisten neuen Langhörspiele, aber es ist einfach toll, die Drei Fragezeichen von Vinyl zu hören. An „Holy Motors“ jedenfalls hatten Micha und ich gleichermaßen mehr Spaß im Nachhinein als währenddessen: Er ist bedrückend finster, aber einfallsreich und bemerkenswert wie kaum ein anderer Film. Auch über den anderen gemeinsam gesehenen Film sind wir einer Meinung: „Prometheus“ hat eindrucksvolle Bilder, aber eine mies unlogische Handlung, über die wir uns mächtig echauffieren können, so viel Geld, wie in dem Machwerk schließlich steckt.

Und à propos Jazz, vergangene Woche holte ich mit die neue LP von Neneh Cherry im Riptide ab. Kein „Buffalo Stance“, obwohl das zu den guten Rapstücken der späten 80er gehörte und Neneh Cherry auch mit „Manchild“ und später „Woman“ ihre Stimme bestens zur Geltung brachte. Man stelle sich diese nun im Kontext mit der Musik des Free-Jazz-Trios The Thing vor, Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon als Basis für Coverversionen von Trip- und Hip-Hop-Stücken sowie „Dream Baby Dream“ von Suicide und „Dirt“ von The Stooges. Funktioniert tadellos, The Cherry Thing, die Stimme gibt Struktur, und nächsten Monat gibt es die Remix-LP dazu. Tja: Eines der spannendsten Alben des Jahres kommt von Neneh Cherry, man glaubt es kaum.

Jedenfalls ist die große Anzahl an Aktivitäten der jüngeren Zeit der Grund, weshalb sich das Riptide in der am Montag beginnenden Plattenladenwoche zurückhält. Nicht jedoch mit den Specials, die es in den teilnehmenden Plattenläden gibt, davon finden sicherlich auch einige ihren Weg nach Braunschweig. Auf der Internetseite des Rolling-Stone-Magazins wurde das Riptide in diesem Zusammenhang erneut präsentiert, berichtet André und kündigt außerdem an: „Wir sind demnächst auf NDR Kultur, dort werden wir vorgestellt.“

Meine leere Kafka-Tasse stelle ich neben das neue Braunschweiger Kneipen-Quartett, in dem auch das Riptide aufgeführt ist. Im Kingking Shop ließen mich Stefan und Pott einen Blick hineinwerfen, André warf noch keinen, sagt er. Gleich die erste Karte ist die mit dem Riptide, Karte A1. „Bei den Autoquartetts war das immer der Ferrari Testarossa“, sagt André. „Wer weiß, was das zu bedeuten hat.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#53 Abschied ist ein schweres Schaf

25. März 2012


Samstag, 24. März

Sonne, blauer Himmel, über 20 Grad Celsius – fristgerecht verwöhnt der Frühling an diesem ersten Osterferientag uns Ostfalen, wir holen uns unseren knappen jährlichen Anteil an Sonnentagen ab. Was das bedeutet, vermittelt ein Gang durch Braunschweig: Die Leute sitzen, wo sie nur können, vornehmlich auf dem Kohlmarkt oder in den Parks. Wer noch wie ich aus alter Gewohnheit Winterjacken trägt, macht sich im Geiste einen Vermerk, den Mantel künftig gegen die nächstdünnere Jacke zu tauschen. Kinder quirlen umher, tapsige junge Hunde verlieren zwischen den Beinen die Orientierung, gehende Menschen tragen Einkaufstaschen, sitzende nippen an Getränken. Ein Straßenmusiker spielt auf der akustischen Gitarre stimmungsaufhellende russische Begräbnismusik. Die Marketender auf dem Altstadtmarkt bestätigen, dass die Sonne die Laune aufhellt, sowohl deren eigene als auch die der Gäste. Die Eile wich der Weile. Über dem Wochenmarkt wehen wieder Düfte von Obst, Gemüse und per Heizdraht gereiftem Spargel, gemischt mit dem von Kaffee und Bratwurst. Brötchen und Käse sind heute besonders gut. Aus dem Bierteufel dröhnt der Jubel vom 1:0 der Eintracht gegen Fortuna Düsseldorf, vor Piou lässt Tanja ihren kleinen Dackel am Boden schnuppern, Serge sitzt mit einem Gast vor seinem Laden, die Riptides haben eine Biergarnitur im Achteck aufgestellt. Plätze sind dort rar, also gehen Maren, Arni, Janna und ich eben ins Café.

Zu viert am Dreiertisch, das wird eng, vor allem, weil wir alle Hunger haben. Also schiebe ich einen Stuhl vom Nachbartisch dazu, mit allem Schwung, der mir möglich ist, so entspannt, wie ich bin. Das Kissen folgt gleichzeitig der Zentrifugal- und der Schwerkraft. Ich hebe es auf und lege es zurück auf den Stuhl, den ich zwischen die anderen drei Stühle dränge. Zu eng, wie die finden, die darauf sitzen sollen. Also stelle ich entspannt den Stuhl zwischen unserem und dem Nachbartisch beiseite und übersehe, dass die Wand, an der er steht, auch den Rucksack, der auf ihm liegt, hält. Es knallt einmal kurz, als Arnis Gepäckstück den Boden erreicht. Janna hebt den Rucksack auf, ganz entspannt. Arni und ich schieben den zweiten Tisch an unseren, tatsächlich ohne, dass etwas herunterfällt. Ein weiterer Stuhl vom zweiten Tisch ist jetzt übrig, Arni stellt ihn an den Tisch gegenüber, dorthin, woher ich den anderen Stuhl geholt hatte. Bis wir alle sitzen, ist bestimmt eine Viertelstunde vergangen. Entspannung kann ganz schön stressen.

Nicht Roberto und Gregor, die gleichzeitig aus der Küche um die Ecke strömen und bei uns die Bestellung aufnehmen wollen, ganz plattenladengemäß in Stereo. Gregor bleibt mit gezücktem Block bei Arni und mir stehen. „Dann gehe ich zu den Frauen“, sagt Roberto und umrundet uns. Wir alle wollen Riptide-Burger essen, aber jeder einen anderen und anders konfiguriert, mal vegan, mal mit Käse. Maren bestellt Grünen Tee, Janna Wasser, Arni Fritz-Kola und ich ein alkoholfreies Hefeweizen. Noch während Gregor und Roberto ihre Stifte wieder – niemand weiß, wie das richtige Verb dafür heißt – ausschalten und ihre Blöcke zuklappen, kommt Chris zu uns an den Tisch und begrüßt uns. Er war eine Woche lang im Urlaub, erzählt er, auch ganz entspannt, so wie wir es jetzt sind. Da fällt mir der anstehende Record Store Day ein, da habe ich im Internet gelesen, dass das Riptide zu den teilnehmenden Plattenläden gehört. Chris bestätitgt das und sichert zu, meine Bestellliste zu berücksichtigen. Ziemlich viele Sonderveröffentlichungen gibt es dieses Mal. „Es werden jedes Mal mehr“, bestätigt Chris. An sich finde ich die Einrichtung ja gut, dass Bands und Labels Tonträger veröffentlichen, die es dann nur im Rahmen des Record Store Day in unabhängigen Schallplattenläden gibt. Doch sind da inzwischen häufig nicht mehr die Fans die Käufer, sondern geschäftstüchtige Weiterverläufer, die sich bereichern wollen. Für bestimmte Veröffentlichungen müsste man heute ein Schweinegeld hinlegen, wollte man sie wirklich haben. „Wir versuchen, alles zu kriegen“, beruhigt mich Chris. Dennoch kann er von Ausnahmen berichten: „Es gibt einige Raritäten, die haben wir nie gesehen.“ Darunter eine Smiths-10“-Box oder eine Nirvana-7“. „Wenn ich rechtzeitig feststelle, dass ich eine Platte nicht bekommen kann, sage ich dir bescheid“, beruhigt mich Chris. Das ist nett.

Und entspannt mich wieder. Andere Gäste, die ins Café kommen, strahlen ebenfalls, und keiner ist hektisch. Mir gefällt, dass mal alle Leute gutgelaunt sind. „Lass mich in Ruhe“, bölkt Arni und blättert grinsend in dem Lego-Katalog, den er vorhin aus der Spielwarenabteilung bei Kartstadt mitnahm. Lego-Regale in Spielwarenabteilungen sind regelmäßig unser Ziel, wenn es mal nicht Platten- oder Buchläden sind. Die Dänen haben inzwischen wieder an Spaß und Qualität zugelegt, nach den eher playmobilartigen Zeiten mit unveränderbaren Großbausteinen. Zurzeit haben sie eine Polizei-Serie, bei der fast jedes Modell irgendwo eine Kaffeetasse oder Kaffeemaschine hat. Bei anderen Gelegenheiten bringen sie Fische, Würste oder Hähnchenkeulen unter, selbst bei der an „Jurassic Park“ angelehnten Dino-Reihe. Ganz neu ist „Friends“, eine Reihe, die sich an Mädchen richten soll und ebenfalls den aktuell typischen Humor durchblitzen lässt. Es geht um fünf Mädels, die alle irgendwelche weitgehend mädchentypischen Sachen machen und damit ganz neoökonomisch erfolgreich sind und trotzdem Spaß haben. Die Figuren sind etwas größer als die Lego-Minifigures und heißen Andrea, Emma, Mia, Stephanie und Olivia. Letztere hat ein eigenes „Traumhaus“, und wenn man sich die Packung genau anguckt, sieht man zwei weitere Figuren: Peter und Anna, die aussehen wie Mulder und Scully. Als wär das nicht genug: Mulder grillt und Scully mäht den Rasen. Die Vorbereitungen für „Akte X“, Staffel zehn?

„Das wird der erste Sound-On-Screen-Film, zu dem ich gehe“, sagt Maren und fischt einen Flyer für die nächste Veranstaltung aus dem Ständer mit den Speisekarten neben dem Aufsteller, der für die „crunchig-fruchtige Erdnuss-Curry-Suppe“ wirbt. Das Universum zeigt am 19. April „Sex & Drugs & Rock & Roll“ über Pubrocker Ian Dury mit Gollum-Schatz Andy Serkis in der Hauptrolle und anschließendem Ronny-Mono-Konzert im Riptide. À propos Gollum: Auf Deutsch hat Andreas Fröhlich den gesprochen. Bob Andrews, zuständig für Recherchen und Archiv! Das hat er gut gemacht, schließlich erkennt man ihn nicht. Auf Englisch macht „Herr der Ringe“ aber auch Laune. Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, alle drei Extended-Versionen am Stück zu gucken, Original mit englischen Untertiteln. Die Stimmen sind toll, und auch, dass die Figuren unterschiedliche Dialekte haben. Gimli spricht einen walisischen Akzent, klärt denjenigen das Internet auf, der wie ich glaubt, es sei Schottisch, und der passt wunderbar zu dem Zwerg. Dessen Schauspieler John Rhys-Davies spricht im Original übrigens auch den Ent Treebeard. Wenn man die deutsche Fassung gewohnt ist, wundert man sich, wenn man den richtigen Namen für Helms Klamm hört, „Helm’s Deep“; hat doch schon durch die Geschichte der Name „Helms Klamm“ einen bedohlichen, einengenden, ausweglosen Klang. „Klamm“ ist ein schönes Wort für „Deep“, aber wohl weil „klamm“ auch „feucht“ und „verschimmelt“ assoziiert, geht von „Deep“ für mich weniger Bedrohung als vielmehr Schutz aus.

Mit einem vollen Tablett kurvt Gregor um die Ecke. „Sieht aus wie ein Schlumpf“, stellt er mit Blick auf die zur Seite geneigte Blume meines Hefeweizens fest. Das passt, das sieht mir ähnlich. Gregor verteilt die Getränke entsprechend ihren Bestellungen, klappt das Tablett an sich und sagt: „Lasst es euch schmecken.“ Maren setzt ihre Brille ab und nimmt das dazugehörige Etui aus ihrer Tasche. Janna lacht: Das Etui sieht aus wie eine Mini-Handtasche und ist gemustert wie ein Leopard. „Das habe ich geschenkt bekommen“, erzählt Maren stolz. Ein tolles Gescenk sei einmal auch ein Schoko-Badezusatz gewesen. Janna ist skeptisch: „Da möchte ich lieber nicht drin baden, Schoko esse ich lieber.“

Arni und ich streifen ein wenig im Raum umher. In dem Aufsteller, aus dem wir sonst das Intro fischen, liegen Umsonst-Visions. Früher habe ich die auch noch gelesen, aber mir ging deren Haltung irgendwann auf den Keks: „Das ist nicht Visions-kompatibel.“ Abgesehen von so einem beschränkten Horizont war beizeiten auch das Visions-Kompatible nicht mehr mit mir kompatibel und ich bestellte das Abo ab. Aber so mal zum Schmökern nehme ich gerne mal wieder ein Heft mit. Bei den LPs steht auch das neue Album von Oliver Koletzki, der mich bislang musikalisch über den „Drei Tage wach“-Remix von Lützenkirchen hinaus noch gar nicht erreicht hat, aber das Cover von „Großstadtmärchen 2“, dem neuen Album des gebürtigen Braunschweigers, stammt vom weißen Kaninchen aus dem Lützenkirchen-Video: Chrisse Kunst, seinerzeit Ausstellender im Riptide. Was Koletzki abseits der Musik sympathisch macht, ist, dass er sich, wenn er House macht, „Parker Frisby“ nennt, nach einer Figur aus „Die Drei Fragezeichen und die Perlenvögel“. Arni und ich entdecken zudem erfreut, dass die Riptides ein Extra-Fach für Die drei ??? zwischen Dinosaur Jr und anderen D-Musikern eingerichtet haben.

In der Rip-Lounge liegt die noch neueste Ausgabe der alternativen Zeitung „Unser-Braunschweig“ aus, mit der Ankündigung der Lichterkette vor zwei Wochen auf der Titelseite. Wir waren wieder dabei, zwei von 24.000 Teilnehmern auf einer 80-Kilometer-Strecke entlang der schönsten Ausflugsziele Ostfalens: Asse, Schacht Konrad und Eckert & Ziegler. Genau ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima zeigten die Leute Flagge, besser: Fackel. Protest für die ganze Familie, und das im doppelten Sinne: Einmal waren von der Oma bis zum Baby alle dabei, weil vom Steineschmeißen nicht auszugehen war, und dann stellt Oma nun mal Weichen fürs Baby, wenn sie gegen das Verbuddeln oder Aufbereiten todbringenden Mülls in der Gegend protestiert. Als Gesellschaftspessimist freut man sich, dass es überhaupt noch oder wieder Menschen gibt, die für irgendetwas einstehen, andererseits sieht man ja ganz besonders deutlich in Braunschweig, wie weit Bürger- und Politikerwille auseinandergehen können, ohne dass mit demokratischen Mitteln gegen fragwürdige Machthaber vorzugehen wäre. Eine Demonstration macht den Protest zwar wahrnehmbar, wendet den Grund für den Protest aber nicht direkt ab. Immerhin sah es schön aus, wie reihenweise Fackeln die Braunschweiger Innenstadt illuminierten. Überall hatten Institutionen, Parteien, Kirchen, Initiativen ihre Stände aufgebaut, verkauften Fackeln, gaben Infos aus und betreuten Teilnehmer. In feuerfesten Schalen sammelten sie nach dem Abbrennen die verglühten Fackeln. Auf dem Kohlmarkt klang der Protest mit Sambattac-Trommeln aus. Atomkraft ist wenigstens protestierbar, einen Castorbehälter kann man anfassen, eine Bildungsreform beispielsweise nicht. Ein Lokalpolitiker erzählte mir kürzlich, er habe gelesen, dass, wenn alles Geld, das die Regierung in den vergangenen Jahren von den Bürgern für die Bildung abgezwackt hat, auch wirklich in die Bildung geflossen wäre, heute jedes Kind einen eigenen Lehrer hätte. Aber das kann eine Regierung ja nicht wollen, dass die Bürger so gebildet sind, dass sie begreifen, dass eine Regierung, die genau das unterbindet, versagt hat und abgewählt gehört. Die Katze und ihr Schwanz.

„Eins, zwei, drei – Burger!“, schallt es von unserem Tisch. Arni und ich bestaunen LPs von Boris und Neurosis, als Janna und Maren uns dezent darauf aufmerksam machen, dass die erste Hälfte unserer Bestellung bereits auf dem Tisch dampft. Die Nachricht mit der Visions reißt Maren nicht weiter um: „Ich habe hier gestern schon alles in dem Heft gelesen, was mich interessiert – desegen habe ich sie mir auch nicht genommen.“ Wir untersuchen zu viert die beiden gelieferten Burger und können nicht herausfinden, um welche beiden der vier bestellten es sich handelt. Aus einem fließt ganz eindeutig Käse, doch ist der andere auch wirklich vegan? Ich biete mich an, einfach alle zu essen. „Und wir gucken zu?“, empört sich Janna. „Nee!“ Arni rauft sich die Haare: „Du isst alles und wirst nicht sooo dick?“ Mit den Händen holt er weit aus. Viel fehlt dazu ja nun nicht mehr. Janna glaubt: „Das warme Herz verbrennt alles.“ Uff. Gregor hilft uns rätselnden mit dem Zeigefinger: „Das ist vegan, und das ist der Robinson mit Käse.“ Beim ersten greift Maren zu, beim zweiten Arni. Maren bleibt mit Blick auf das Schälchen mit rotem Inhalt bei ihren Nachos jedoch skeptisch: „Und die Soße?“ Gregor beruhigt sie: „Das ist neu, die gibt es jetzt immer zu den Chips dazu.“ Das aanzichste, stelle ich leise an Gregor gewandt fest, was noch fehlt, ist Besteck. „Das aanzichste?“, wiederholt Gregor. „Kommt sofocht.“ Und die beiden offenen Burger gleich mit. Das ist ein Fest! Die Burger im Riptide sind großartig, da vermisse ich als Karnovore das Fleisch kein bisschen.

Während wir die Burger wahlweise von vorne nach hinten oder von oben nach unten dezimieren, dringt von außen Torjubel ins Café. Maren stellt zwischen zwei Bissen den Unterschied zwischen „Hochbezahlt“ und „Gut“ in Kunst und Design fest. Zu „Gut“ fällt mir ein, dass sie in der Braunschweiger Zeitung heute eine Doppelseite über die neue Ausstellung von Gerhard Richter in Berlin haben. Da ist an prominenter erster Stelle die Kerze zu sehen, die Sonic Youth für ihr Album „Daydream Nation“ als Cover genommen haben, was die BZ allerdings nicht erwähnt. Jedoch sieht Maren auch zwischen Richter und Gut nicht unbedingt den Zusammenhang, dafür aber am Kopf eines eintretenden Gastes ein Stirnband. „Ich habe mein Nena-Schweißband wiedergefunden“, erzählt sie. In Rosa-Weiß-Rosa gestreift mit der Aufschrift „Nena“. Es gehörte einst zu einem Set mit Stirnband. Ich hatte als Kind ein Schweißband vom HSV, etwa 1984, also kurz nach den beiden Meisterschaften. Maren erzählt, wie sie in den 80ern mit einem Mitschüler ein Nena-Magazin erstellte, mit aus der Bravo abgeänderten Texten in krakeliger Schreibschrift und selbstgemaltem Starschnitt. „Mein kleiner Bruder hat immer Hörspiele selbst gemacht“, erzählt Janna. „Mit klapprigem Kassettenrekorder und Mikrofon.“ Maren auch, bei einem Freund, der eine He-Man-Burg hatte und der He-Man-Geschichten vertonte. Maren machte dann die Geräusche, mit Plastiktüten über den Füßen Schritte auf fremden Planeten oder mit einer Tupperschüssel vorm Gesicht eine Stimme wie im Helm. „Das müssten wir auch mal machen“, schlägt Arni angesteckt vor. Gute Idee, wir könnten dann die Geschichte vertonen, die Janna und ich kürzlich für die Hochzeit eines befreundeten Paares schrieben: „Die Drei Fragezeichen fahren nach Kopenhagen.“ Jeder Gast hatte im Vorfeld eine Seite für die Hochzeitszeitung gestalten sollen. Da ich die Braut seinerzeit über die drei Detektive kennen gelernt hatte, war beim ersten Herumbasteln schon die Idee da: Ich fügte die Olsenbanden-Silhouette in ein Drei-Fragezeichen-Cover ein und schrieb den Titel dazu. Janna meinte, wir müssten ihnen eine Würfel-Geschichte anbieten mit sechs Auswahlmöglichkeiten zu verschiedenen Parametern, wie Auftraggeber, Bösewicht, Gegenstand, Ort und so weiter. Das Paar hatte dann zu würfeln und uns die Ergebnisse mitzuteilen, aus denen wir eine Geschichten schreiben und sie ihnen bei einem Essen vorlesen wollten. Das war gar nicht so einfach, weil wir die erwürfelten Parameter sinnvoll kombinieren mussten. Am Ende reisten Justus, Bob und Peter als Austauschschüler nach Kopenhagen, wo sie auf die Olsenbande trafen und in einen internationalen Waffenschieberfall verwickelt wurden, der bis nach Schweden reichte und in dem Egon, Benny und Kjeld als Kleinganoven doch eher auf der Seite der Guten standen. Aber eigentlich müsste die Geschichte mit den Original-(DEFA-)Sprechern vertont werden, nicht mit uns.

Die Burger haben einige von uns gesättigt. Maren blättert in der Speisekarte und macht erfreut Entdeckungen: „Es gibt jetzt ein veganes Frühstück.“ Damit nicht genug: „Es gibt jetzt vegane Muffins? Gleich mal fragen, vegane Süßigkeiten hatten sie bislang nicht, das wäre fein.“ Arni und ich krümeln die letzten Nachos von den Tellern in uns hinein. „Im Bioladen habe ich letztens gesalzene gefunden“, berichtet Arni. „Die waren superlecker.“ Roberto räumt ab und wir schwärmen alle von den Burgern. „Habt ihr die Rezeptur geändert?“, fragt Arni. „Nee“, sagt Roberto grinsend, „aber ich habe die gebraten.“ Dann ist er ja der Bratling. „Genau, ich bin der vegane Bratling.“ Arni fragt: „Wo habt ihr die eigentlich her?“ Roberto bleibt ernst: „Wir haben da in Braunschweig einen schönen speziellen Schlachter.“

Nachdem wir alle in der Karte geblättert haben, nimmt Gregor die neue Bestellung auf. Arni wünscht sich einen Milchkaffee, ich eine Fritz-Kola ohne Zucker, Maren einen weiteren grünen Tee und Janna ein weiteres Wasser. Dabei fällt mir Gregors Kettenanhänger auf. „Das ist ein Plektrum, ich spiele Bluesgitarre, das hat mir ein Freund zum Abschied geschenkt, weil ich am Samstag wegziehe“, erklärt er. Aus heiterem Himmel. „Das ist meine letzte Schicht, ich ziehe nach Hamburg.“ Immerhin verschlechtert er sich damit nicht, stellt Arni fest. Auf Läden wie das Riptide oder den Kingking Shop muss er dort aber verzichten. Abschied, um es mit dem britischen Schlagersänger aus Kenia zu sagen, ist ein scharfes Schwert. Aber wenn er mal wieder nach Braunschweig kommt, weiß er ja, wo er hinkann.

Maren hat ihren veganen Muffin bekommen und probiert. „Der ist der Oberknaller“, stellt sie fest. Wir anderen sind von unseren Burgern noch satt und stillen lediglich unseren Durst. Kunden kommen und gehen, ein kleiner weißer Hund beißt die Hand nicht, die ihn tränkt, und ein zweijähriges Mädchen schüttelt, die, die ich ihm hinhalte. Alles ganz entspannt. So wie wir. Die Sonne lockt. Draußen sind alle Plätze belegt, schon seit Stunden. Kein Wunder. Wir wollen auch nach draußen. Tschüß Gregor, lass es dir gutgehen in Hamburg!

Den kleinen Dackel hat Tanja jetzt auf dem Schoß. Serge ist in seinem Laden verschwunden. Im Bierteufel erfahren wir, dass der Torjubel wohl doch keiner war: Düsseldorf hat ein Ausgleichstor geschossen. Was soll’s, ein Punkt gegen einen Aufstiegskandidaten ist auch eine Leistung für einen Liganeuling. Am Wild Geese hängt ein Transparent, dass nächste Woche der 15. Geburtstag des Pubs ansteht. Letzten Samstag feierten wir dort noch wild St. Patrick’s Day, wie jedes Jahr, seit es das Wild Geese gibt, außer einmal, als ich krank war. Macht nicht auch bald die Okercabana wieder auf? Winter, wo ist dein Stachel?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#43 Philosophophil

23. Mai 2011


Montag, 23. Mai

So kann Frühling sein: hell, warm und trocken. Die Schwalben sind mittlerweile in Braunschweig angekommen, sie kreisen auch wieder über dem Achteck im Handelsweg. Der Platz zwischen den beiden Riptide-Räumen ist gut belegt mit Gästen, im Riptide selbst sitzt bei dem wundervollen Wetter niemand, der dort nicht auch arbeitet. Jasmin balanciert abenteuerlich auf einem Barhocker und wischt die Scheiben hinter den Plattenspielern, Franzi geht ans Telefon. Es ist Chris, der André sprechen will, sagt Franzi Jasmin über den Tresen hinweg. Jasmin ist ebenso ratlos wir Franzi mit der abgedeckten Sprechmuschel: André hätte eigentlich da sein sollen. Aber da am Samstag die BS-Visite war und das Riptide dort caterte, wähnt Jamsin André bei irgendwelchen Aufräumarbeiten. „Gestern haben wir nur ein bisschen sauber gemacht“, sagt Jasmin. Für den Abbau fehlte die Kraft. Franzi dreht sich weg und spricht mit Chris, während Jasmin von der BS-Visite erzählt: „Das war gut, ich habe selber nur die Hälfte der Ausstellung gesehen.“

Serge unterbricht Jasmin. Er kommt ins Riptide gestürmt und spricht sie an, sei kenne sich doch mit medizinischer Versorgung aus. Serge hat etwas ins Auge bekommen und macht sich Sorgen, die Jasmin zwar zu zerstreuen in der Lage ist, es aber nicht kann: Serge ist mit ihrer eigentlich beruhigenden Diagnose nicht so recht beruhigt. Er kommt gleich wieder ins Café, stellt sich dieses Mal an die Theke, bestellt einen Kaffee und wischt sich im Auge herum. Ich spreche ihn auf seinen Regie-Job beim Theater Fanferlüsch an. Micha gesellt sich zu uns, wie verabredet: Gestern noch wehte ich an ihm vorbei und sagte mehr im Scherz „bis morgen“, heute macht er den Scherz wahr. Er bestellt sich eine Hausmarke und legt zwei Plakate auf die Theke. So geht das hier: Wer hinter der Theke steht, nimmt die Plakate entgegen und klebt sie bei nächstbester Gelegenheit unter die Theke. Von vorn sichtbar, versteht sich. Kathi, Jasmin und Serge lassen sich über die schlechte Gestaltung der Plakate aus. Man könne gar nicht ausmachen, um was für eine Art Veranstaltung es sich handele, geschweige denn, wer überhaupt der Veranstalter sei. „Das Datum ist viel zu klein“, befindet Kathi. „Muss nicht der Urheber am Rand vermerkt sein?“, fragt Serge. Damit etwa bei verbotenen Inhalten nachverfolgbar sei, wer zu belangen ist. Micha nimmt einen Schluck von meiner Hermann-Brause Melone-Limette und verzieht das Gesicht. Immerhin: Er lacht. „Ich hab aus Versehen deine Flasche erwischt“, stellt er korrekt fest. Und teilt meine Meinung, dass die Brause enorm künstlich schmeckt. Wie nichts, was es in der Natur gibt, finde ich, mag den Geschmack aber gern. Micha spült mit Hausmarke nach. Eines der Plakate ziert ein Gehirn mit lauter Zahlen darauf. Serge ist davon überzeugt, dass das Gehirn wirklich so funktioniert: in Reihe verknüpft. Ich merke an, dass ich es mir nicht so schön vorstellen kann, wenn alles wieder auf Null ist. „Dann ist dunkel“, sagt Serge, und Micha widerspricht: „Vielleicht auch ganz hell und Tanz.“ Serge fragt: „Das willst du lieber? Eine Belohnung für ein dunkles Leben?“ Ich werfe ein, dass das die protestantische Sichtweise ist, und entfache damit eine Diskussion über Religionen und Spiritualität.

Derweil kommt André ins Café. Er trägt eine Kunststoffkiste, stellt sie vor der Theke ab und sagt zu Jasmin und Kathi, als müsse er sie um Erlaubnis bitten: „Ich bring hier mal ne Kiste rein.“ Jasmin versteht die Anmerkung anders: „Und was sollen wir damit machen?“ André bleibt die offensichtliche Antwort schuldig. Kathi kommt aus dem Achteck und triumphiert: „Zwei Crêpes!“ Sie verschwindet grinsend in der Küche und überlässt Jasmin die Entscheidung, was sie mit der Kiste machen soll. Die Kiste indes bleibt nicht alleine: André bringt weitere ins Café. Und sieht dabei deutlich erschöpft aus. „Geh schlafen“, schlägt Micha vor. Ich weise André auf das Café-Sofa als Möglichkeit dafür hin. „Heute nicht“, wehrt André ab. „Ich wusste ja, dass der Mai heftig wird.“ André öffnet den kleinen Schrank neben dem Eingang, holt einen Blechbehälter und den Hundenapf heraus und legt eine Decke hinein. Alles in einem Tempo, das in etwa seinem Erscheinungsbild entspricht.

Serge hat seinen Kaffee ausgetrunken und steht rauchend am Eingang, Raze alias Dominic geht an ihm vorbei ins Café. Raze bestellt sich ein alkoholfreies Bier: „Ich habe mir eine alkoholfreie Woche verordnet, aber am Wochenende muss ich spielen, das wird nix.“ Jasmin reicht ihm das Bier und grinst: „Das wird dann doch eine Herausforderung.“ Micha spricht Raze auf die buchgroße „ISAM“-CD von Amon Tobin mit dem Fotos von Tessa Farmer, die auf der Theke steht, an. „Ich hab die Rezension gelesen und gleich gewusst, dass das was für dich ist“, sagt Micha. Raze gibt ihm Recht. Da verdunkelt sich die Sonne: Lukas ist von seinem Platz im Achteck aufgestanden und steht mit angewinkelten Armen bei Serge in der Tür. „Hier ist was los“, ruft er tadelnd. „So schönes Wetter und alle sind drinnen.“ Er auch, merke ich an, als er vor mir hinter der Theke steht. „Ich will nur kurz Mails checken“, sagt Lukas und checkt kurz Mails.

Jasmin hat sich der inzwischen beachtlich aufgestapelten Aufgabe angenommen und entdeckt in den Kisten leere Flaschen, Flaschenöffner, ein auf rätselhafte Weise untrennbar in ein Bierglas gestecktes Weinglas und mit einem erfreuten Aufschrei quittierend eine angefangene Packung Tabak. Raze lacht: „Ein Kumpel hat in seinem Auto unterm Sitz letztens einen Raider gefunden.“ Es dauert bei uns allen eine Weile, bis wir den Ekelanteil dieser Nachricht erfassen. „Der muss sogar vom Vorbesitzer sein“, fährt Raze fort, „denn er hat den Wagen erst drei, vier Jahre.“

Über den Film „The Tree Of Life“ erreichen Micha und Raze erneut das Thema Spiritualität, Serge ist inzwischen nicht mehr dabei. Die Frage ist, was kommt, wenn das Licht ausgeht. „Neues Licht“, schlägt Micha vor. Raze meint: „Dann ist Feierabend.“ Micha kennt Raze besser: „Dann gibt’s noch ein Feierabendbier.“ Das Bier, das niemals leer wird, mutmaße ich. Raze grinst: „Dazu kann ich noch ein paar Sachen sagen, wenn ich mehr Bier intus hab.“ Sein „spielen“ am Wochenende ist überdies ein Auflegen, wie Raze erläutert. Er meint, dass es zurzeit sehr schwer sei, Sachen aufzulegen, die nicht sowieso schon jeder kennt, egal, in welchem Genre.

Vom Auflegen erzählt auch Svante, der eigentlich ins Riptide kam, um Flyer zu verteilen, nun aber Platten entdeckt. „Wildstyle“ steht groß auf seinen Flyern, und ich entdecke neben dem Datum 3. Juni das vertraute Logo vom Sauna-Klub im Hallenbad Wolfsburg. Doch zum Sauna-Klub gehört er nicht: „Wir machen dort nur die Partys.“ Hip-Hop-Partys nämlich, „es gibt ja keine mehr“, meint Svante, „und da dachten wir, es besteht überregional Bedarf“, deshalb lege er die Flyer in Braunschweig aus. Svante ist Wolfsburger, der in Braunschweig studiert und ohnehin fast täglich hier ist. Er ist Mitglied im Wordclass Soundsystem, zusammen mit Der DJ und Der fette MC. Das Soundsystem ist wiederum Bestandteil der größeren Crew Wordclass. Bislang kannte ich in Wolfsburg nur die Arabia Mafia und die Crew um Nizza, die Wordclass-Crew ist mir noch nicht untergekommen. „Wir sind nicht so aktiv“, ist Svantes Erklärung. „Die Leute wohnen in Bayreuth, in Hamburg – wir versuchen, das nach unseren Möglichkeiten zu machen.“ Zum Beispiel ein Hip-Hop-Festival im Kulturzentrum Hallenbad im Herbst und die Wildsytle-Party einmal im Quartal. „Wir versuchen, das überregional zu etablieren, dass es eine Marke wird, wie es sie im Moment in dem Bereich nicht gibt“, sagt Svante. Die Arabia Mafia und Nizza kennt Svante natürlich auch, nicht nur das: „Nizza hat sein Album draußen, ‚Der Club der dopen Dichter’ – das ist das Professionellste, was es aus Wolfsburg gibt im Hip Hop“, schwärmt er. „Ich bin auf dem Hiddentrack mit drauf, mit einem Rap.“ Svante erzählt von dem Video zu dem Album, bei dem alle möglichen Hip-Hop-Künstler aus Wolfsburg mitmachen und bei dem jeder seine Passage selbst gestaltet hat. „Da sind alle einschlägigen Locations aus Wolfsburg drin“, berichtet er. Das Wordclass Soundsystem arbeite überdies selber an einer CD. Und er erzählt überraschenderweise von der Lokalpolitik in Wolfsburg, an der er selber Teil hat, als Mitglied der Piratenpartei. Wir unterhalten uns noch eine Weile über Politik in Wolfsburg, auch über den falschen Oberbürgermeister Rolf Schnellecke bei Facebook, auf den sowohl die Politik als auch die Medien seiner Meinung nach mit zu wenig Humor reagiert haben. Dann müssen wir beide los.

Inzwischen hat sich das Riptide einigermaßen geleert, Micha verteilt irgendwo in Braunschweig weiter Flyer und Plakate, Razes Bier ist längst alle, Serge bei sich nebenan, André weg. Jasmin und Kathi haben ihre raumgreifende Aktion beendet, bei der sie ellenlange schwarze Tücher zusammenlegten. Ohne Vinyl gehe ich nicht: Als ich in den Musikmagazinen über „Beileid“, das neue Mini-Album von Bohren & Der Club Of Gore, gelesen habe, dass sie nämlich nicht nur erstmals überhaupt einen Sänger darauf haben, sondern dass das auch noch Mike Patton ist, was allerdings nicht mehr so sehr verwundert, wenn man weiß, dass Patton die Bohren-Alben in den USA vertreibt, derselbe Grund also, weshalb Patton plötzlich bei den Young Gods singt, und dass Bohren außerdem im Vorfeld eine 12“ herausgebracht haben, an den von Dieter Bohlen produzierten Smokie-Sänger Chris Norman gemahnend „Mitleid Lady“ betitelt, und dass es diese auf 1000 Stück limitierte 12“ ausschließlich bei Konzerten zu kaufen gab, da habe ich sofort im Internet geguckt, ob die noch irgendwo zu bekommen war, und dann im Riptide angerufen. „Könnt ihr die bestellen?“, habe ich André gefragt. Sein „Nein“ war eines der schönsten Neins überhaupt: „Die haben wir hier stehen.“ Was mache ich mir überhaupt für Sorgen. Und dann scheint auch noch die Sonne so schön. Und die Schwalben kreischen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#38 Zurückblick in die Zukunft

10. Dezember 2010


Freitag, 10. Dezember

Seit Wochen haben wir herrlichstes Winterwetter, und das im Herbst. Heute ist es ungrau, wenn auch nicht so richtig klar, aber prima, um ein bisschen in der Stadt umherzulaufen. Wie zufällig führt mich mein Weg zu Raute. Uwe hat dort vielleicht noch die „Meddle“ von Pink Floyd für mich stehen. Mein Pech: Die letzte ist gerade rausgegangen. Macht nix, sowohl die LP als auch ich kommen immer wieder. Uwe und Chefin Katrin kündigen einen guten Termin dafür an: die Weihnachtsfeier, die sie am 17. und 18. Dezember im Laden veranstalten, mit selbstgemachtem Punsch nach Kathrins Geheimrezept, Sonderangeboten und kleinen Präsenten für Freunde und Stammkunden. Es klingt so, als würde Weihnachten gut in diesem Jahr.

À propos, ich möchte die Jahresabschlusszeit nutzen, mir von den Leuten ihre aufregendsten, erinnernswertesten, beeindruckendsten oder nachhaltigsten Geschichten aus den letzten zwölf Monaten erzählen zu lassen. Meine eigene ist folgende:

Matze

Im Sommer, als er kurz einer war, waren Schepper und ich eines Nachts auf Fototour in der Stadt unterwegs. Schepper mit seinem Bass, ich mit meiner Fotokamera. Wir hielten hier und fotografierten dort, etwa bei den Dinosauriern am Naturhistorischen Museum, auf dem Gaußberg oder vor den Schlossattrappen, wo wir Straßenbahnen an Schepper und seinem Bass vorbeirauschen ließen. Vorletzte Station – letzte sollte der Farbring sein, der im Rahmen des Lichtparcours’ an der Oker stand – war die Okercabana, genauer: die wunderbare Pornopalme. Mit Blitz und Langzeitbelichtung bannten wir Scheppers mit Bass in der Hand Umhergehen auf Film. Hernach überfiel uns Durst, also stellten wir uns an die Schlange der Okercabanagetränkeausgabe. Schepper traf dort im Halbdunkel eine Freundin, die erzählte, dass sie mit einer weiteren Freundin tiefer im Ganzdunkel säße. Wir schlossen uns ihr an, jeder ein alkoholfreies Hefeweizen in der Hand, ich den Apparat mit Stativ in der anderen und Schepper seine verpackten Instrumente auf dem Rücken. Die Freundin der Freundin rief uns aus dem Dunkeln entgegen: „Ach, Schepper, ich hab dich schon von weitem an deiner Silhouette erkannt!“ Der war überrascht: „Aber die hab ich doch heute gar nicht dabei?“

Uwe & Katrin

Uwe: „Wir haben einen Kunden, der ist Single-Sammler, der stand heulend bei uns im Laden. Am 2. Januar kurz nach 11 Uhr stand der tränenüberströmt im Laden, umarmte mich und sagte ‚ich liebe dich, ich liebe dich’. Katrin: „Du musst auch sagen, warum.“ Uwe: „Der hat eine Single von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich gesucht. 25 Jahre hat er versucht, die aufzuspüren. Da haben wir ihm kurz vor Silvester gesagt, dass wir sie ihm besorgen.“ Katrin: „Der ist jetzt 55. Das war am Samstag, 2. Januar, zur Wiedereröffnung.“ Uwe: „Das war die Single von ‚Zabadak’. Monatelang ging das so: ‚Haste ‚Zabadak’?’, ‚Haste ‚Zabadak’?’.“ Katrin: „Die haben wir ihm dann auf einer Börse gekauft.“ Uwe: „Dann kam er wieder: ‚Haste ‚Zabadak’?’, und ich sage: ‚Moment’. So fing das Jahr an. Die Single ist nicht so rar, aber der Mensch hat kein Internet. Er hat am 31. Dezember Geburtstag und hat schon angekündigt, er kommt wieder, und ich werde ihm wieder eine Single besorgen. Von Bloodwyn Pig, das Album mit dem Schweinekopf, dazu sucht er die Single.“

Die zweitbeste Geschichte war für sie die von dem älteren Paar, dem die beiden die Single vom „Lachenden Vagabund“ organisierten – auf Finnisch. Bei „Zabadak“ erstaunt es mich am meisten, dass es von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich ist. Die sind an sich schlimm, so etwas wie „Bend It“ kann man sich gar nicht anhören. Sirtaki von Engländern, die einen auf Karibik machen. Aber „Zabadak“ hat, wenn man mal die ganze Party-Stimmungs-Zuordnung und das Cover von der Saragossa Band wegdenkt, einen wehmütig-melancholischen Touch. Die Single würde ich mir auch noch kaufen. Vielleicht bei der Raute-Weihnachtsfeier?

Wenige Minuten später, in der Rip-Lounge treffe ich Micha. So muss das sein. Doch wie üblich ist Micha auf dem Sprung, dieses Mal aber wirklich. Deshalb fällt seine Geschichte auch nur kurz aus:

Micha

„Das Konzert von – ich weiß den Namen nicht, das war der Komponist, der beim Filmfest als Gast war – in der Wichman-Halle. Für mich gab’s da eine Geschichte, aber da müsste ich mehr Zeit haben. Das war ein bedeutsames, schönes, gutes Ereignis in diesem Jahr.“

Und weg ist er. Käme André nicht gerade mit einem Kaffee in die Rip-Lounge, säße Jasmin jetzt allein dort. Es ist zehn Minuten vor ihrem Arbeitsbeginn, deshalb will sie sich jetzt nicht die Zeit nehmen, über eine Geschichte nachzudenken, sondern weiterlesen – es ist gerade spannend. Also gehe ich mit André ins Café und höre mir dort seine Geschichte an, die keine richtige Geschichte ist.

André

„Allgemein, die ganze positive Resonanz. Das ist vielleicht kein Highlight, aber was ich nett finde, im neuen Intro, Linus Volkmann, der Chefredakteur, geht in Plattenläden und macht da ein Praktikum und macht eine Rubrik daraus, dass Platenläden es schwer haben, da hat er drei Beispiele genannt, wie es gehen kann, ein Plattenladen in Köln, einer in Hamburg – und das Riptide. Die Fußball-WM war sympathisch, das Wetter passte. Es ist schön, dass es allgemein so gut läuft, dass auch Sound On Screen so gut angenommen wird.“

Jasmin bindet sich neben André die Schürze um. Die spannende Stelle in ihrem Buch hat sie nicht zuende lesen können, da kam ihr der Dienstantritt dazwischen. Eine Geschichte will ihr nicht ad hoc einfallen. „Mein Jahr war langweilig“, behauptet sie, und ich glaube es ihr nicht, schließlich steht sie im Riptide hinter der Theke, das kann doch gar nicht langweilig sein. „Stimmt“, sagt sie, „ich hab hier angefangen, das war auf jeden Fall super.“ Echt, erst dieses Jahr? Kommt mir so vor, als sei Jasmin schon ewig dabei. „Im März, April so“, widerspricht sie aber. So richtig als gültige Geschichte wertet sie das jetzt aber nicht.

Mit beschlagener Brille blättert Stefan im Vinyl herum.

Stefan

„Ich habe eine krasse Geschichte erlebt. Wo ich angefangen habe im Betrieb – der Kollege, unter dem ich angefangen habe, hat den Job ein Jahr lang alleine gemacht, ich habe da ein Praktikum gemacht – da hat sich herausgestellt, dass der Geld unterschlagen hat. Der ist jetzt auf der Flucht, hat sich ins Ausland abgesetzt. Ich bin jetzt Auszubildender in dem Laden. Ich bin noch da, aber der Kollege ist weg. Das war krass.“

In der Tat, krass. Doch Stefan blickt nicht so weit zurück, wie er vorausschaut. „Fürs nächste Jahr plane ich eine Partyreihe in der Skateboardhalle“, verrät er. „Ich will Dubstep, Electronics, Drum & Bass und vielleicht eine Band an einem Abend präsentieren.“ Als Reihe? „Ja, das ist zwar noch in der Mache, aber ein festes Vorhaben.“ In der Walhalla ist er seit Anfang an engagiert. „Gleich das erste Konzert war das Beste, Obrint Pas aus Spanien, da hat die Kassenschlange bis in die andere Disco gereicht.“ Das muss dann ja das Cube gewesen sein? „Nein, noch davor, Toxic oder so.“ Er kichert bei der Erinnerung an die ganzen Punks, die in dem Laden gestanden haben. Und von den Rockern erzählt er, die die Security stellten. Ein Betrunkener schnappte sich das Mikro und sang. „Die Rocker haben sich das zwei, drei Minuten angeguckt und ihn dann freundlich von der Bühne geholt“, erzählt Stefan. Wahrscheinlich haben sie gewartet, ob vielleicht wie bei Black Flag ein zweiter Henry Rollins dabei herauskommt. „Nee, bei dem nicht“, lacht Stefan und wendet sich wieder den Schallplatten zu.

An einem der Tische sitzt Lars. Er ist mit einigem technischen Gerät beschäftigt.

Lars

„Viele Leute aus der Rockmusik sind gestorben dieses Jahr. Dio, Peter Steele, der Sänger von Gotthard, ich habe seinen Namen vergessen. Dio ist gestorben, eine Woche später haben Gotthard ein Dio-Tribute-Album herausgebracht. Das war schon länger geplant. Einen Monat später ist der Sänger auch gestorben, bei einem Motorradunfall in den USA. Er wollte sich einen Lebenstraum erfüllen und ist unter einer Brücke überfahren worden. Das fällt mir leider als erstes ein.“

Doch aus Lars blickt positiv in die Zukunft: „System Of A Down sind wieder zusammen, und ich sehe sie bei Rock im Park.“ Auch der Gitarrist sei wieder dabei, obwohl der jetzt bei Scars On Broadway Gitarre spielt. „Der hatte früher eine Glatze, jetzt hat er lange Haare und kifft die ganze Zeit“, grinst Lars und legt sein technisches Gerät zurück in die Pappverpackung. Die Musik von Scars On Broadway gefalle ihm, sagt er.

Am Nachbartisch sitzen Milena und Kathlen, unterhalten sich und warten auf die Crêpes, die sie bei Jasmin bestellt haben.

Milena

„Ich habe dieses Jahr von der Uni, der HBK, aus bei ‚Campus On Air’ mitgemacht, bei Radio Okerwelle. Da hat man eine Stunde zur Verfügung. Ich habe einen Beitrag übers Riptide gemacht – mein erster Radiobericht. Der wird am 15. Dezember ab 20 Uhr gesendet, da sind wir dann im Studio. Der ist nur vier Minuten lang, aber das war wirklich etwas Besonderes, entwicklungsmäßig ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe viele Leute interviewt, mit Chris geredet. Ich bin gerade erst nach Braunschweig gezogen, habe angefangen zu studieren. Für den Radiobeitrag sollten wir etwas Besonderes nehmen, das nicht unbedingt mit Braunschweig zu tun haben musste. Leute, die uns begeistern. Ich habe überlegt: Was hat Braunschweig für Besonderheiten? Da ist mir spontan das Riptide eingefallen. Das wünsche ich mir, dass sich in der Kulturlandschaft in Braunschweig etwas tut – das war meine Intention. Es war toll, wie das im Riptide aufgenommen wurde, die Leute waren offen und kooperativ. Ich habe die Atmosphäre beschrieben, die finde ich einzigartig. Chris hat erzählt, wie er dazu gekommen ist. Gerade das Vegetarische fand ich hier super von Anfang an.“

Jasmin bringt die Crêpes, Milena und Kathlen sortieren sich die Bestellung zu und probieren beieinander. Milena kommt aus Gießen, Kathlen ist gerade aus Hanau nach Hildesheim gezogen. Sie ist bei Milena zu Besuch und zum ersten Mal in Braunschweig. „Ich liebe so Wohnzimmerkneipen“, sagt sie. Die beiden Hessinnen lassen sich darüber aus, dass sie immer als Süddeutsche wegsortiert werden. „Hanau liegt genau in der Mitte“, mein Kathlen. Und sie stellt fest, dass sie für Hildesheimer Ansprüche viel falsch sagt: „Wir sagen ‚wem ist das’ statt ‚wem gehört das’ oder ‚wessen ist das’“, sagt sie.

Kathlen

„Ich war auf dem Berlin-Festival im September. Der Hauptact wurde kurz vor dem Auftritt abgesagt. Ich war sehr enttäuscht, ich hatte mich so darauf gefreut. Fatboy Slim sollte es sein. Nachts um halb vier haben sie es abgesagt und gesagt, wir sollen nach Hause gehen. Wir konnten das nicht glauben, wir haben das zuerst für einen Scherz gehalten und gewartet. Wir sind dann über einen Sicherheitszaun gestiegen. Die hatten viel zu viele Karten verkauft, die Anlage war viel zu klein. Wir waren bis halb sechs da, weil’s einfach nicht wahr sein konnte. Das war nicht mal der letzte Tag, wir haben nur drei Konzerte gesehen – viel Geld rausgeworfen für nichts. Es gab ein Nachholkonzert mit Fatboy Slim und noch zwei Bands, aber da hatte ich keine Zeit.“

Meine Mutmaßung, dass sich die beiden Studentinnen aus ihrer Heimat kennen, widerlegen sie mit einer völlig unerwarteten Geschichte: „Wir haben beide letztes Jahr ein Praktikum in einer Jugendherberge in Kanada gemacht“, erzählt Milena. Das Grinsen der beiden könnte kaum breiter sein. Gießen und Hanau liegen nur etwa eine Stunde auseinander, aber von dort kennen sie sich nicht. „Wir sehen uns heute nach Kanada zum zweiten Mal“, setzt Kathlen auch noch drauf.

Zwei Tische weiter unterhalten sich Jana und Mieke. Auch sie sind Studentinnen, doch nur Jana wohnt auch in Braunschweig. Mieke ist bei ihr zu Besuch.

Jana

„Ich war im Ausland ein halbes Jahr, von Mai bis September, in Schweden, in Lund. Ich habe dort meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich spreche kein Schwedisch, das braucht man dort auch nicht, man kommt mit Englisch ganz gut zurecht. Es ist schwer, ohne Vorkenntnisse die Sprache durch Hören aufzunehmen. Schweden war Zufall – ich wollte ins Ausland, wo es passt und ich einen Platz kriege.“

Mieke

„Ich hatte einen Superscheißsommer. Es war heiß, ich habe meine Zeit damit verbracht, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Ich habe in überhitzten Räumen gesessen und leichte Sommerkleidung getragen. Wir waren 50 Leute im Raum, es lief nur so, es war richtig heiß. Ich musste das so machen, weil mein Computer gerade kaputt war. Ich musste mich in volle Räume quälen. Es war eine Katastrophe – aber auch schön. Die Bücherei hatte 24 Stunden auf. Das war super. Wenn wir nachts um zwei fertig waren, sind wir noch etwas trinken gegangen. Das war eine nette Zeit.“

Ihr Besuch bei Jana ist Miekes zweiter Aufenthalt in Braunschweig. Beide kommen aus Bremen. Jana will auch wieder in eine große Stadt ziehen, wenn sie mit dem Studium fertig ist. „Braunschweig ist mir zu klein – mir ist sogar Bremen zu klein, obwohl es doppelt so groß ist.“ Das kann ich verstehen. Wenn ich mal aus Hamburg zurück nach Braunschweig fahre, denke ich auch manchmal: Mann, ist das alles klein hier. Aber dafür weiß ich, welche Möglichkeiten ich hier in der Stadt habe. „Zum Studieren ist Braunschweig auch gut, aber danach möchte ich weg“, sagt Jana.

Julius und Yngwie spielen am Nachbartisch Schach. Yngwie nennt Julius Jules, englisch gesprochen, wie in „Pulp Fiction“.

Julius

„Ich war auf Interrail-Tour quer durch Europa, mit dem Zug und mit zwei Kumpels, drei Wochen lang – das war das beste Erlebnis, das ich dieses Jahr hatte. Wir waren in Spanien, in England. Wir haben relativ lustige Sachen erlebt – unterm Eifelturm geschlafen, weil wir keine Unterkunft gefunden hatten. Wir haben viele Kulturen kennen gelernt unterm Eiffelturm. Und einen besoffenen Eiffelturmverkäufer.“

„Du bist dran“, sagt Yngwie zu Julius. Ich frage Yngwie, ob es sein kann, dass ich den Musikgeschmack seines Vaters kenne. „Da liegst du richtig“, lacht Yngwie. Julius erzählt, dass die beiden oft im Riptide sind. „Im Winter waren wir eine Woche lang jeden Tag hier, weil es so kalt war.“

Yngwie

„Für mich war das wichtigste Ereignis dieses Jahr das Hurricane – nicht wegen der Bands, sondern wegen des Konsums. Bandtechnisch hat es sich nicht so gelohnt, war aber lustig.“

„Ich stimme zu“, sagt Julius und bewegt eine Schachfigur. So recht erklären mag Yngwie seine Ausführungen nicht, ergänzt aber: „Mein persönliches Highlight war, dass ich weitermachen darf in der Schule.“ Auch das lässt er für sich stehen, grinst nur und wendet sich wieder dem Schachspiel zu. „Du bist“, sagt Julius.

Und dann sehe ich Bend in den CDs blättern. Ein Kreis schließt sich. Ich habe Bends Gesicht ungefähr zehn Jahre lang nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Er kennt mich nicht, ich war nur Kunde – und er Verkäufer bei Ran7. Das war für mich der Plattenladen schlechthin, in Braunschweig sowieso und auch allgemein. Was hab ich da nicht alles gefunden: „Cop Killer“ von Body Count auf Vinyl in der Erstauflage, „Dirty“ von Sonic Youth in der Erstauflage mit dem später nicht mehr verwendeten Foto unter der CD. Und Aberdutzende CDs und LPs mehr. Für mich als Jugendlichem war es auch immer lehrreich, bei Ran7 einkaufen und stöbern zu gehen – die Leute hinterm Tresen hatten, wie es sich für einen Plattenladen gehört, Ahnung und waren auskunftsfreudig. Zwischen dem Ende von Ran7 und dem Anfang von Riptide und Raute herrschte in Braunschweig die pure Schallplattenladenödnis. Gleichzeitig schloss damals auch das FBZ und läutete die inzwischen gottlob weitgehend vergangene allgemeine kulturelle Ödnis ein. Mit Riptide und Ran7 sowie Nexus, Zum Schweinebärmann Bar, KaufBar, Silberquelle und Silver Club kehrte vor einiger Zeit gottlob endlich die Kultur wieder in die Stadt zurück. Und jetzt steht Bend im Riptide. „Wo auch sonst“, sagt er. Erschütternderweise hat Bend von sich selbst nicht so viele positive Geschichten zu erzählen. Aber dafür – zum großen Teil auch daraus resultierend – jede Menge zu diskutieren. Wir verlaufen uns in aktueller Politik, Kultur und Gesellschaft. Bend ist ausgesprochen kritisch. Und doch nicht ohne realistische Hoffnungen. „Wenn ich im Lotto gewinne“, sagt er, „dann mache ich wieder einen Laden auf – natürlich klappt das nicht.“ Mit so einem Gewinn wäre er nicht vom Gewinn abhängig und damit freier in der Gestaltung. Als Mitarbeiter bei Ran7 war er seinerzeit als Kunde gelandet, erzählt Bend. „Der Chef hat mich gefragt, ob ich das machen will.“ Also hat er das gemacht. In seinem damaligen Job war er nicht so zufrieden, er jobbte in einem Architekturbüro und als Inline-Trainer. „Ich habe mein Geld mit Eishockey verdient“, grinst Bend. „Das waren die besten Zeiten.“ Nach dem Ende von Ran7 war er kurz bei Schaulandt und danach einige Zeit in Hannover bei 25 Music im Lager. Auch als Testfahrer hat er schon gearbeitet. „Man hangelt sich so durch“, sagt Bend schulterzuckend. Und anstatt auf 2010 zurückzublicken, richtet er seinen Blick nach vorne.

Bend

„2010 ist der Zeitpunkt, wo ich mir Gedanken mache, Initiative zu ergreifen. Leute zusammentrommeln, die sich Gedanken machen – soll das so weitergehen, kann man etwas unternehmen, was für Möglichkeiten hat man?“

Ich habe Bend getroffen. Ran7 im Riptide, ein Kreis schließt sich. Ich hätte nie damit gerechnet, auch nur irgendwen aus dem Laden jemals wiederzusehen, und bin gleichzeitig erschüttert, dass nicht alle so auf die Füße gefallen sind, wie ich es ihnen wünsche. Was aus seinen Ex-Kollegen geworden ist, weiß auch Bend nicht. „Eine Kollegin muss bei mir in der Nähe wohnen, die habe ich mal gesehen, als ich Wahlhelfer war“, sagt er. Und verabschiedet sich, er wollte nur kurz gucken und längst wieder weg sein. Ich habe Bend von Ran7 getroffen. Im Riptide. Da hat sich das Jahr 2010 einen Höhepunkt bis kurz vor Schluss aufgespart. Mit Wermutstropfen.

Chris kommt, schwer bepackt und bewollmützt. Eigentlich will ich gehen und Chris hat auch keine Zeit, weil er noch etwas holen muss. Eine Geschichte fällt ihm spontan nicht ein, sein Jahr sei langweilig gewesen, behauptet er. Das haben alle behauptet, bevor sie mir dann doch eine Geschichte erzählt haben. Außer Jasmin, wo steckt sie überhaupt? Vielleicht wird ja der Auftritt von Dirk Berneman heute Abend Chris’ beste Geschichte des Jahres. Ich nehme meine Mütze aus der Tasche und Abschied. Draußen begegne ich der besenschwingenden Jasmin, die sogleich strahlend ihre eigene Behauptung widerlegt, nichts Tolles erlebt zu haben.

Jasmin

„Meine Geschichte – worauf ich am stolzesten bin: Eine vierstöckige Hochzeitstorte, die ich zum ersten Mal im Leben gebacken habe. Ich habe Wochen nicht geschlafen, Tage damit verbracht, war mehlübersudelt. Die Torte war rosa mit ganz vielen Blumen drauf. Und das war die schönste Hochzeit, auf der ich je war.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#36 Zuhause

24. Oktober 2010


Samstag, 23. Oktober

Vor dem Gang ins Riptide steht dieses Mal leider nicht der Gang zu Raute, sondern der zur Bank. Weit komme ich nicht: Auf dem Kohlmarkt steht wie so oft der BIBS-Stand. Neben neuesten Infos aus Rathaus, Gerichtssaal und Querumer Forst nehme ich Ale und Matthias mit, die sich dort wie ich für diese Neuigkeiten interessieren. Zwischen der Bank und dem Riptide schließt sich uns Arni an, er teilt unser Ziel. Wir schlendern durch den Handelsweg. Serge hat seinen Laden geöffnet, bei ihm sitzen Gäste, im Achteck sitzen Gäste, die Grenzen verschwimmen angenehm. Wir gehen ins Café und drapieren uns auf dem Sofa, dem um die Mittagszeit einzigen freien Platz. Das ist gut, ich beobachte das schon eine ganze Weile: Das Riptide ist immer gut gefüllt, egal, wann ich da bin. Am Wochenende sowieso, aber auch in der Woche abends ist immer etwas los. So soll es sein. Auch an der Zahl der Mitarbeiter ist zu erkennen, dass der Laden brummt – hinter der Theke mache ich regelmäßig mir fremde Gesichter aus. Chris und André haben ein sicheres Gespür für freundliche und daher in den Laden passende Leute. Heute bekommt Chris Unterstützung von Bekannten: Lara und Lukas kümmern sich um die Belange der vielen Gäste, so auch um unsere. In beinahe formvollendeter Galanterie schwingt Lukas das runde Tablett, als er sich zwischen den Stühlen zu unserem Tisch durchschlängelt. Seine Stimme klingt etwas angeschlagen, als er fragt: „Habt ihr mir eine Stimme mitgebracht?“ Als Wähler hätten wir immer eine Stimme dabei, führe ich an. „Wie viele Kreuze sollen wir denn machen?“, fragt Arni. „Jeder nur ein Kreuz“, erinnere ich ihn. Lukas nickt: „Das ist mir auch immer zu viel, bei der Bundestagswahl 24 Kreuze machen zu müssen.“ Matthias merkt an: „Du sollst da ja auch nicht jeden Kreis ankreuzen.“ Nach meinem „nach der Wahl mache ich immer drei Kreuze“ beendet Lukas die Assoziationsrunde und fragt nach unserer Bestellung. Wir sind uns überraschend einig darin, auf Milchkaffee Appetit zu haben. Dafür ist und Lukas dankbar: „Das macht es einfacher.“ Er müsse sich nur die Zahl merken, nicke ich. „Nicht mal, ich muss mich nur umsehen und zählen, wie viele Leute am Tisch sitzen“, sagt Lukas. Ale schlägt vor: „Wir könnten auch Bewertungskärtchen mit der richtigen Zahl hochhalten.“ Wir lachen, Lukas geht zur Theke.

Eigentlich hat Matthias gar keine Zeit. „Ich müsste zu Hause etwas tun“, sagt er. Ich schlage ihm vor, einfach das Riptide als Zuhause aufzufassen, und Arni unterstützt mein Ansinnen. Mein Mobiltelefon macht mich mit piepsend darauf aufmerksam, dass ich eine Kurznachricht erhalten habe. Darin lässt mich Katharina wissen, dass sie nicht wie von mir vorgeschlagen ins Riptide komme, sie sei schon mit einer „süßen Frau“ verabredet. Derweil berichtet Arni, dass er mich zu Hause anzutreffen versucht habe, dort aber von Janna unterrichtet worden sei, dass ich im Riptide wäre und sie selbst sich im Giallo-Rosso mit Katharina träfe. Ah! Lukas bringt den Kaffee und überreicht die erste Tasse Ale. „Die Dame zuerst, hat mir meine Mama so beigebracht“, kommentiert er mit dem allerfreundlichsten Lächeln. Dafür loben wir ihn überschwänglich und knabbern hernach an unseren obschon vorweihnachtlichen, so doch ganzjährig gereichten Spekulatii. Ale entdeckt das „Lemmy-Frühstück“ auf der Frühstückskarte. Wir stellen fest, dass der Mann deshalb eine lebende Legende ist, weil er sich mit Whisky konserviert und eigentlich schon längst tot ist. „Ah, deswegen ‚lebende Legende’“, sagt Ale, „die meisten Legenden sind nämlich schon tot.“

Die eben erworbenen neuen Erkenntnisse über Braunschweigs eigenwillige Politik tauschen Matthias und Ale aus, Arni weiß etwas über die aktuellen Wolfsburger Skandale. Micha winkt von der Theke herüber, er ist wieder mit Flyern unterwegs. Mein Mobiltelefon klingelt. Maren fragt, ob Arni sich bei mir gemeldet hat. Ich gucke ihn an und frage, ob er sich bei mir gemeldet hat. Er verneint und wirft einen Blick auf sein nur selten eingeschaltetes Mobiltelefon. „Ha“, stellt er fest, „nur vier Anrufe verpasst!“ Maren weiß jetzt also, wo Arni steckt, und kündigt an, vorbeizukommen. Arni lässt sich darüber aus, wie unsinnig sein Mobiltelefon sei, wenn er es weder höre noch die Vibration wahrnehme, und Ale sagt, dass sie nicht mal eines besitzt. Matthias berichtet davon, dass er sich nur deshalb ein Mobiltelefon zugelegt hat, weil zwei konkurrierende Festnetzanbieter nicht in der Lage waren, bei ihm ein Festnetz einzurichten, und dass er jetzt einen Vertrag mit Homezone habe. „Ich bin jetzt hier zu Hause“, erklärt er. Arni nickt: „Haben wir dir doch gesagt.“

Zu uns setzt sich Maren, Lara nimmt ihre Bestellung entgegen: „Einen Milchkaffee und ein Fladenbrot.“ Maren berichtet von einer Geburtstagsfeier, zu der sie und Arni eingeladen seien, die jährlich vor Halloween stattfinde und die in der Regel unter einem Motto stünde. „Anti-Halloween“, gibt Maren einen Tipp, doch es ist weder Karneval noch St. Patrick’s Day oder Goodbyebern. „Prinzessinnen“, löst Maren auf. „Mit der ausdrücklichen Erlaubnis, dass Jungs auch als Prinzen gehen dürfen.“ Obwohl sich wohl einige männliche Gäste auch im Prinzessinnenkostüm angekündigt hätten, einer gar in einem aufblasbaren. Arni lässt sich nicht dazu überreden, es ihnen gleichzutun. Ihm schwebt eher das Kostüm als „Prince Of Darkness“ vor.

Am frühen Nachmittag sind viele Kinder im Café, die Gäste um uns herum unterhalten sich angeregt. Ein Gast eilt mit strahlenden Augen und einer hoch erhobenen LP aus dem Plattenladen-Bereich des Cafés zurück an seinen Platz, um seiner Begleiterin glücklich seinen Fund zu zeigen. Gegenüber in der Rip-Lounge hört man das Würfelklappern zweier Backgammonspieler im Pfeifenrauch, wenn man die Lounge zu bestimmten Zwecken durchschreitet. An unserem Tisch drehen sich die Themen um wissenschaftliche Studien und Schönheit. Matthias kennt einige ältere Studien aus England und nimmt sie mit ansteckender Freude auseinander. „Abweichung ist Schönheit“, fasst er die revidierte Fassung einer Studie mit zuvor genau gegenteiligem Ergebnis zusammen. „Alles Leben endet“, versuche ich eine Umformulierung, doch Ale widerspricht: „Lemmys nicht.“

Zwischendurch kommt André ins Café, obwohl er heute eigentlich frei hat. Er bringt einige Einkäufe und ist auch bald wieder verschwunden. Auch Matthias bricht jetzt auf, Ale schließt sich ihm an. Arni richtet seine Aufmerksamkeit auf die Kisten mit Second-Hand-Vinyl, Maren genießt ihr Fladenbrot. Mit der „Moments In Love“-12“ von The Art Of Noise kehrt Arni zurück. „Komisch, der einzige Hit, den sie hatten, und der fehlt mir noch“, stellt er fest. Auch Maren und er wollen aufbrechen, Maren fischt ihre Riptide-Kaffee-Stempelkarte aus der Tasche. „Oh, heute ist die Karte voll, wir bekommen einen Kaffee umsonst“, bemerkt sie. „Dann haben wir die Platte fast raus“, sagt Arni, „zumindest die A-Seite.“

Ihren Platz auf dem Sofa nimmt Micha ein. „Ich muss eigentlich weiter“, sagt er und kramt die Flyer vom Universum und von der „Sound On Screen“-Reihe hervor, die das Universum gemeinsam mit dem Riptide veranstaltet. Micha beklagt, dass „The Road“ noch nicht in Braunschweig läuft. „Ich mag postapokalyptische Filme“, sagt er. Viggo Mortensen spielt mit, Regie führte John Hillcoat. Von dessen Kumpel Nick Cave stammt der Soundtrack, das macht den Film für mich reizvoll. Ich beklage, dass „Exit Through The Giftshop“, der Film von, mit oder über Banksy – niemand weiß es so genau –, nicht in Braunschweig läuft. Beide freuen wir uns schon auf das Filmfest im November. Die Wichmannhalle ist erstmals einer der Austragungsorte, entnehme ich Michas Flyer. „Der Komponist vom Wong Kar-wai kommt“, weiß Micha. Er liebt dessen „In The Mood For Love“. „Und Stellan Skarsgård bekommt den Heinrich.“ Die Abschlussparty des Filmfests soll im Riptide steigen, berichtet Micha. Uns gefällt die Kooperation vom Universum mit dem Riptide, so etwas Mutiges wie die „Sound On Screen“-Reihe war längst überfällig in Braunschweig. Der dritte Teil der Reihe steht an: Im Anschluss an den Black-Metal-Film „Until The Light Takes Us“ am 3. November im Universum zeigen die Ex-Salem’s-Law-Musiker Frank Schäfer und Volker Wartusch im Riptide Metal-Musikvideos. Klingt lustig.

Überhaupt ist es toll, wie in Braunschweig zurzeit Kulturkooperationen möglich sind. In die Räume des ehemaligen Online-Sportportals „Gandula“ gegenüber ist mittlerweile eine Galerie eingezogen, „einRaum 5-7“ heißt die und bündelt die Werke vierer Künstler. Am 1. Oktober eröffnete der „einRaum“, gleichzeitig nutzte das Riptide die Gelegenheit dazu, seine eigene Ausstellungsfläche frisch renoviert zu präsentieren – und eine Kooperation mit der Galerie einzugehen. Die Ausstellung „Kein Plan?“ ist nämlich auch im Riptide zu sehen. Die Mischung funktioniert, das zeigt auch der Eröffnungsabend, an dem es im Handelsweg rappelvoll war. Beim Thema Kunst schwärmt Micha vom Museum für Fotografie, das in der Hamburger Straße 267 eine neue Zweigstelle hat, das „Raumlabor“. „Versteckt hinter McDonald’s“, sagt Micha. Für die dort laufende HBK-Ausstellung „Shoot!“ hat Micha Plakate verteilt und sich die Ausstellung auch gleich angesehen. Die Fotos dort sind auf Jahrmärkten entstanden, beim Schießen, so Micha: „Haben die Schützen gut geschossen, wurden sie fotografiert.“ „Shoot!“ zeige einige Jahrzehnte dieser Kunstform, „das ist eine tolle Ausstellung.“ Beim Betreten komme man in einen „Darkroom“ mit „aus Hollywoodfilmen zusammengeschnittenen Schusswechseln“, sagt Micha. „Das ist sehr laut.“ Am Ende hätte jeder Besucher die Chance, für zwei Euro drei Schuss abzugeben und seinerseits bei gutem Gelingen fotografiert zu werden. „Die Fotos sollen auf der Homepage gezeigt werden“, sagt Micha. „André hat auch mitgemacht, der müsste da zu sehen sein.“ Der Besonderheiten nicht genug: „Eine Lady ist dabei, die schießt seit 1936, das neueste Foto ist von 2008, darunter steht ‚sie schießt heute noch’, die ist über 90 und war bei der Vernissage dabei.“ Auf den Fotos sähe man ihren Alterungsprozess, sagt Micha. „Eine coole Ausstellung.“

Der Nachmittag schreitet voran. Viele Mittagsgäste haben den Platz für die Kaffeegäste freigemacht. Zu denen gehören Nina und Andreas, die sich zu uns an den Tisch setzen. Sie sind freudig überrascht, weil sich nicht damit gerechnet haben, auf Bekannte zu treffen. Im Riptide! Nina bestellt einen Bagel, Andreas probiert die vegetarische Currywurst. Micha will jetzt doch weiter, da trifft er in der Tür auf Janna, die sich nach der gleichzeitigen Begrüßung und Verabschiedung von Micha zu uns gesellt. Bei Lukas bestellt sie einen Chai. „Chai Latte oder Chai Tee?“, hakt er nach. „Einen normalen Chai Tee“, sagt Janna. „Ich war grad im Giallo-Rosso“, erzählt sie. „Die haben da jetzt eine große Schokoladenkarte liegen.“ Sie zählt einige Sorten auf und bringt Nina damit in Verzückung. Janna habe sich nicht vorstellen können, was sie erwartete, wenn sie davon etwas bestellte, und das Ergebnis habe sie überrascht: „Wie ein Schokoladenpudding, richtig mit Haut drauf und dickflüssig.“ Nina kennt sowas: „Sowas kenne ich.“ Sie erzählt von der Freundin einer Freundin, die nach Braunschweig ziehen wolle und eine Waschmaschine brauche. Nina habe ihr ihre Telefonnummer gegeben. Der Anruf sei beim Essen gekommen: „‚Ich bin grad in der Vielharmonie’, sagte ich ihr, und sie fragte: ‚Ach, hast du grad Pause?’“, erzählt Nina. „Ich hab nicht geschaltet, dass sie gar nicht wissen konnte, wovon ich sprach.“ Nina beißt in ihren Mozzarella-Bagel, Janna nimmt den Beutel aus ihrer Teetasse und Andreas genießt die Currywurst. „Ich kann mich jetzt bei Wurstscout registrieren“, sagt er zufrieden. Der Wurstscout sei eine Internetseite, auf der man Currywürste bewerten könne. „Meine Kollegen testen Currywürste, ich bin der Vegetarier – jetzt kann ich endlich Flagge zeigen.“ Auf einer Deutschlandkarte könne man sehen, wo die Kollegen überall Currywürste testeten, entlang Autobahnen an Raststätten etwa. Janna berichtet vom letzten Ausflug in Ruhrgebiet, nach Essen, vom Besuch im dortigen Unperfekthaus und der eindrucksvollen Begegnung mit einem Neunzehnjährigen, der ungewöhnlich reife Ansichten hatte. Nina versteht: „Unser aktueller Zivi ist immer mein Kontakt zur Jugend.“

Der Nachmittag wird zum Vorabend, wir beschließen zu gehen und wenden uns an Lara und Lukas hinter der Theke, unsere Rechnung zu begleichen. Chris ist in der Küche zugange. Für uns ist es seltsam, unser Zuhause zu verlassen, um nach Hause zu gehen. Ein Dilemma. Wir werden es nicht lösen. Aber vielleicht mal eine englische Studie darüber anfertigen lassen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#33 Kein Freispiel drin

22. Juli 2010


Gregor will eigentlich nur kurz im Riptide fragen, ob seine LPs da sind. Eigentlich. Wie ich bleibt er jedoch einige Stunden da, was uns beiden wiederum sehr leicht fällt, und geht’s nun mal prima dort, um die Mittagszeit herum an der Theke. Chris ist da, zurzeit noch allein. Er pendelt zwischen Küche, Tonträgerfächern, Theke und Achteck hin und her, während er im Vorbeiflug an Gregors und meiner Unterhaltung teilhat. Ja, uns geht’s prima, da macht es auch nichts, dass es trotz weniger als 30 Grad Celsius unerträglich warm, weil schwül ist. Ein schwenkender Ventilator neben dem Eingang weht uns immerhin gelegentlich etwas Erfrischung zu. Denn weniger als 30 Grad Celsius hat es nur draußen.

Wie üblich komme ich gerade von Raute Records. Das entwickelt sich zu einer schönen Gewohnheit, wie früher, als man freitags zuerst in den Moorkater und dann ab drei Uhr ins Farmer’s Inn gefahren ist. Heute ist es eben statt Katerfarmer’s Rauteriptide. Bei Raute kann man wie im Riptide einfach nur mal so sein, ich hatte aber noch einen anderen Grund. Eine lange Geschichte: Riptide-Literat und -Gast Frank Schäfer spielte einst bei einer Heavy-Metal-Band Gitarre, das war nach seiner Zeit bei Operation Daisyland. Diese andere Band nun hieß Salem’s Law. Auf dem ZYX-Sublabel ZYX Metallic kam vor 21 Jahren das beinahe einzige Album „Tale Of Goblin’s Breed“ heraus, auf Vinyl und CD. Das Sublabel stellte jedoch kurz darauf den Betrieb ein und das Album wurde nicht nachgepresst. Jetzt ist es eine solche Rarität, dass es weltweit für um die 100 Dollar gehandelt wird, wenn man es denn überhaupt jemals irgendwo findet, egal, in welchem Format. Deshalb habe ich es bei eBay in meine Suchanfragen aufgenommen. Jetzt war es einmal wieder drin, sogar als LP, und für einen erschreckend geringen und für eine einzelne LP dennoch recht hohen Preis. Ich war überrascht. In welchem entlegenen Winkel der Erde mochte die LP jetzt wohl angeboten werden! Ob der Verkäufer seriös war? Ich schaute auf das Profil – und war gleichzeitig erstaunt und sah mich bestätigt: Raute Records, Braunschweig. Wo sonst! Uwe und Katrin sei Dank: Die Power-Metal-LP von der Band aus Gifhorn ist jetzt mein. Ein zweites Album von Salem’s Law hat es übrigens doch noch gegeben: Aufgenommen 1990 bis 1992, veröffentlich jedoch erst vor zwei Jahren, und zwar als Bonus-CD zu Franks Buch „Generation Rock“.

Doch auch im Riptide wartete Vinyl auf mich: Chris und André wissen, dass ich Veröffentlichungen von !!! stets in meine Sammlung integrieren möchte. Überraschend mailte mit Chris also kürzlich von einer neuen !!!-12“. Von einem kommenden Album hatte ich gelesen, von der 12“ namens „AM/FM“ jedoch erst nach Chris’ Mail. Vom einen Glück ins nächste: Von der 12“ gibt’s nur 800 Stück weltweit. Sie ist durchsichtig und greift damit die Eis-Gestaltung des im August kommenden Albums „Strange Weather, Isn’t It?“ auf. Sehr schön, die Gestaltung, und sehr schön auch, dass eine der 800 Kopien im Riptide und nun bei mir landet.

Chris stellt die 12“ an die Seite neben der Kasse, wo ausgewählte Schallplatten immer stehen, bis der Kunde seinen Aufenthalt im Café beendet. Dazu stellt Chris gleich noch eine Platte, nämlich die, die Gregor sich ausgesucht hat: „John Cale Live At Rockpalast“. Gregor wählt außerdem ein alkoholfreies Hefeweizen und stellt dies auf die Theke neben meine Fritz-Cola. „Hattest du noch etwas bestellt, war die Current 93 für dich?“, fragt Chris Gregor in einer Weise, die am treffendsten mit verschmitzt zu bezeichnen ist. Chris weiß, dass er damit Gregor locken kann: „Like Swallowing Eclipses“, eine schwarze Box mit bunten Kindern drauf, enthält sechs LPs. „Das sind die ersten fünf Alben, geremixt und mit einer Bonus-LP“, erklärt Chris und reicht Gregor die Box. „Ui, das ist aber schön“, sagt der. „Und dann noch mit Andrew Liles!“ Chris nickt: „Der hat die geremixt.“ Gregor reicht Chris die Box zurück und fragt: „Und Lilium, ist meine Lilium-LP da?“ Chris wendet sich den Regalmetern mit den Bestellungen zu und fragt, nicht minder verschmitzt: „Auf CD?“ Gregor ist fast entsetzt: „Nein, auf Vinyl natürlich, doch nicht das Auslaufmodell!“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Kein Schrott, ich kaufe nur Vinyl, außer, es gibt etwas nur auf CD.“ In den 90ern hätte er beinahe den Fehler gemacht, Vinyl komplett abzustoßen, sagt er. „Aber ich hab’s nicht gemacht“, sagt Gregor erleichtert. Er wendet sich dem LP-Kasten mit den Neuheiten zu und blättert darin herum.

In der Ecke zwischen den Vinyl-Neuheiten und der Theke steht ein schwarzer Tisch mit Aufstellern, in denen aktuelle und ältere Ausgaben von Musikexpress und Rolling Stone klemmen. So auch die neueste Ausgabe des Rolling Stone, die bei mir erst heute im Briefkasten klemmte, mit dem neuen Prince-Album darin. Der Intro-Aufsteller drückt sich neben dem Tisch an die Theke, auf der anderen Seite das lila Evil-Puppets-Plakat, das ich eben schon bei Raute an der Tür kleben sah. Auf der Theke liegt das Klemmbrett mit der Email-Verteiler-Liste, die jemand mit Riptide-Schriftzeichen und einer Zeichentrickkatze verschönert hat. Mich erinnert das an die silberne Auberginen-Kettensäge, die seit einiger Zeit Brücken und Schilder auf und an Autobahnen rund um Braunschweig verschönert. Das Album von The Roskinski Quartett inklusive Button und die drei Quartetts zu den Themen Seuchen, Tyrannen und Rauschgift verzieren die andere Seite der Theke. Die Quartetts sorgen bei Gästen immer wieder für Erheiterung.

Die Wände im Café-Bereich sind leer, ohne eine Ausstellung, das waren sie beim Fußballweltmeisterschaftshalbfinale vor einigen Wochen auch schon. Das war ein lustiger Tag, abgesehen vom Ergebnis. Spanien schlug Deutschland mit 1:0, aber das war gar nicht so wichtig. Wichtiger war, dass ich es schaffte, wenigstens ein Spiel dieser WM im Riptide zu sehen. Im Riptide, wahrhaftig, denn draußen im Achteck war kein Platz mehr. Dabei war ich schon früh da, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, und doch waren sämtliche Plätze auf allen Stühlen und Bänken besetzt. Keine Lücke. Erfreulich einerseits, andererseits schade, weil der einzige freie Platz für meine Begleitung und mich im Café war. Meine Begleitung sicherte uns die Barhocker am Fernseher, also dem großen Fenster, das wir folglich im doppelten Sinne als Fernseher nutzten, mit Längsbalken im Bild und verschwommenem Blick, weil das Glas altersbedingt uneben war. Im Café war es an dem Tag klebrig heiß, so wie es heute draußen ist. Das Sitzen allein ließ den Schweiß fließen. Eigenmächtig drehte ich den Schwenkventilator in unsere Richtung, das half. Die kühlen Getränke halfen außerdem. Beste Voraussetzungen für einen tollen Fußballfernsehabend. Und so war es auch. Auf dem Sofa warteten einige Leute wie wir auf den Spielbeginn und redeten lustige Sachen. „Ich nenne ihn immer Ötzel“, sagte etwa einer von ihnen, als Spieler Mezut Özil in Großaufnahme gezeigt wurde, und fügte die überzeugende Erklärung hinzu: „Das gefällt mir besser.“ Mehr als die Kommentare der Gäste im Café hörten wir auch nicht, denn schlechter noch als das Bild gelangte der Ton an unseren ansonsten vorzüglichen Sitzplatz. Den teilten wir mit einem pfeiferauchenden Guckkollegen, der alsbald auf dem hernach frei gewordenen Sofa einnickte. Recht hatte er einigermaßen, das Spiel war langweilig. Interessant war umso mehr das Publikum vor uns. Zur Hälfte saßen Frauen vor der ausgerollten Leinwand, das war schon mal sympathisch. Am Verhalten der heterogenen Gruppe merkten wir auch, dass wir in guter Gesellschaft waren. André reichte etwa Teller mit Nachos und Dips an einen zu weit entfernt sitzenden Gast, und anstatt, dass die anderen Gäste André hämisch grinsend beim die ausweglose Situation meistern beobachteten, griffen sie nach dem Teller und reichten ihn an die ausgestreckten Arme weiter hinten weiter. Oder als einer Zuschauerin in einer spannenden Spielszene ein Quieker entwich, da drehten sich die anderen Zuschauer zu ihr um und freuten sich mit ihr, lachten aber nicht über sie. Oder als eine andere Zuschauerin vor unserem Fenster für einen Sekundenbruchteil ihre Rassel betätigte, konterte ein anderer Gast mit einem ebenso kurzen Trillerpfeifentrillern. Und als dann letztlich das Halbfinalspiel für die Deutsche Mannschaft verloren ging, gab es kein Geschrei, sondern eher Schulterzucken und weitere Getränkebestellungen. Fußballgucken mit Niveau, ganz genau. Wir hatten Spaß dort, an unserem Fernseher und vor den leeren Wänden.

„Es ist Sommerloch“, begründet die Chris. „Wir werden die Wände streichen und renovieren, nach zehn Ausstellungen sehen die entsprechend aus.“ Stimmt, ich erinnere mich an den vergeblichen Versuch, Poster-Klebestreifen von den Wänden zu entfernen, ohne dabei die Farbe herunterzubröseln. „Bei dem Wetter hat fünf Wochen keiner drinnen gesessen, da nutzen wir die Gelegenheit“, sagt Chris. „Und im Winter streicht ihr draußen?“, frage ich.

„Gefunden“, ruft Gregor und zieht das Album „Felt“ von Lilium aus der Neuheiten-Box. „Da isse doch.“ Er reicht die Platte Chris, der sie zur John-Cale-LP stellt. „Den habe ich schon zweimal live gesehen“, sagt Gregor, „91 und 92, im Capitol.“ Chris wendet die Platte in seiner Hand und erklärt: „Die hat Ecki Stieg herausgebracht – den kennen wir ja noch alle aus der Zeit, als Radio noch ‚ooooh’ (imitiert ein glückliches Staunen) war.“ Und ob. Ich erinnere mich außerdem an eine Begebenheit aus den 90ern, als Ecki Stieg einmal im Exil in Bodenteich aufgelegt hat. Zu den Stammgästen dort zählte damals einer, der aussah wie ein Ober-Grufti: schwarze Flokati-Jacke, schwarze Pumphose und wallende, schwarze Löwenmähne. Er wirkte dank seiner Erscheinung stets größer, als er tatsächlich war, und war außerdem weitaus liebenswürdiger, als viele dem Äußeren nach annahmen. Jedenfalls erzählte man sich, dass er während Stiegs Gastspiel als DJ in der sanitären Einrichtung sein Geschäft verrichtete und dass Steig neben ihm stand. Stieg sah ihn und fragte: „Hey, willste’n Autogramm?“ Der Angesprochene drehte sich zum Star-DJ um und antwortete mit den Worten: „Nö.“ Für die musikalische Sozialisation vieler Niedersachsen waren Stiegs „Grenzwellen“ auf Radio ffn jedenfalls definitiv weg- und richtungweisend. „Er hat sein Label ‚MIG’ genannt, ‚Made In Germany’“, fährt Chris fort. „Darauf veröffentlicht er lauter schwer zugängliche Alben, die ihm wichtig sind.“ Wie etwa das „Live At Rockpalast“-Konzert von John Cale. „Ich kenne das Konzert, das habe ich schon auf CD, aber ich bin froh, dass es das jetzt auf Vinyl gibt“, sagt Gregor. Auf DVD auch, fällt mir ein, im neuen Eclipsed ist ein Ausschnitt daraus auf der beigelegten DVD-Compilation „Live At Rockpalast Vol. 2“ enthalten. Gregor wehrt ab: „DVDs brauche ich nicht, die habe ich von John Cale genug.“ Gregor lässt sich darüber aus, dass es keine guten Konzerte mehr in Braunschweig gibt, vor allem, seit das FBZ dicht ist. Ich stimme zu und halte dennoch das Festival Theaterformen entgegen, das kürzlich in Braunschweig stattfand. Gregor ist betrübt: „Da war ich nach der Arbeit zu kaputt – und ich kannte keinen, außer Knarf Rellöm.“ Gregor arbeitet als Kinderpfleger und Gärtner, nacheinander, also nicht als Kindergärtner. „Aber von Knarf Rellöm waren auch nur die ersten zwei Alben gut – ‚Bitte vor R.E.M. einordnen’.“ Er lacht laut los.

Gregor hat ja Recht. Alle, und wenn ich das sage, übertreibe ich nur unwesentlich, vermissen das FBZ. Autor und Da-Capo-Kolumnist Luc Degla lässt es beim Vermissen nicht bleiben: Er übernahm von Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf und machte daraus das Sowjethaus. Dabei steht „Sowjet“ für „Rat“ und „Beratung“, nicht für die kommunistische Idee, damit heißt das „Sowjethaus“ im Grunde so viel wie „Rathaus“. Und wegen Konzerte namhafter Indie-Musiker: Am 2. September kommt Reinhard-Mey-Adept Gisbert zu Knyphausen ins Nexus. Es ist zwar insgesamt weniger als früher, nach wie vor, das stimmt wohl, aber gottlob nicht nichts.

Chris stellt eine Tasse in den Kaffeeautomaten und drückt einen Knopf. Während heißer Dampf und lautes Fauchen dieser Handlung folgen, sagt Chris zu Gregor: „Du machst doch auch Musik.“ Das bestätigt Gregor, auch wenn es ihm gerade etwas unangenehm ist. Krapp heißt Gregors Band, „wie die Färbewurzel“, erklärt er. „Wir machen Folk.“ Für heute Abend steht eine Bandprobe an. Seit 22 Jahren spielt er bei Krapp. „Deine alte Band, sag’s schon“, ermuntert ihn Chris am Kaffeeautomaten. „Ich hab euch als kleiner Junge am FBZ gesehen, beim Umsonst und Draußen“, sagt Chris. „Rummelfuchs hießen wir“, sagt Gregor. „Ihr habt so eine Art Hippie-Punk gemacht“, meint Chris. Gregor lacht verächtlich: „Hippie-Punk? Iiihh.“ Chris grinst und erklärt: „Als kleiner Junge habe ich das als Hippe-Punk empfunden, Punk war für mich Black Flag.“ Gregor wehrt ab. Ganz früher, also noch davor, war er bei den Incredible Fish Hunters. „Ich werde auch immer Musik machen“, sagt er. Er spielt Schlagzeug: „Und das schon seit 25 Jahren.“ Als nächstes live sehen kann man Krapp bei der Braunschweiger Kulturnacht am 28. August, und zwar im Kleinen Haus. „Da haben wir vor zwei Jahren schon einmal gespielt und vor vier Jahren im Figurentheater Fadenschein, das war auch gut, guter Sound.“

Gegor und ich sind mitnichten die einzigen Gäste und Kunden im Riptide. Zwei niederländische Metal-Fans kaufen sich einige Metal-Alben als Picture-Vinyl, ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen und Papa im Schlepptau bittet Chris um eine Serviette. Die Tische im Achteck sind gut belegt. Zwischendurch kommen auch ein Post-Zusteller und Rainer vom Hermes-Versand. „Ich bringe immer Platten“, sagt Rainer. Am Format seines Paketes ist deutlich erkennbar, dass es auch dieses Mal so ist, und an der Dicke des Paketes erkennt er, dass es mehr sind als sonst: „Manchmal ist nur eine drin.“ Auch André ist inzwischen eingetroffen. Er und Chris tauschen heute die Rollen, denn André ist es, der sich an den Computer klemmt und dort arbeitet, während Chris etwa das Paket von Rainer entgegennimmt.

„Es hat so schöne Plattenläden gegeben in Braunschweig“, sinniert Gregor, während ich mich von seiner Getränkewahl dazu anregen lasse, mir ebenfalls ein alkoholfreies Hefeweizen zu bestellen. „Crown Records, das war gegenüber vom Atlantis und hat 91 dicht gemacht, Clash Records, Fallersleber Straße, hat 91 dicht gemacht, der Laden war fantastisch.“ Ran 7 und die Garage führe ich ins Feld, kann ihn damit aber nicht überzeugen. Erst bei Raute und Riptide ist er wieder dabei: „Ich musste fast 20 Jahre warten, bis es wieder einen vernünftigen Plattenladen gab, eine Durststrecke, es hat fast 20 Jahre keine guten Läden gegeben.“ Sein schwelgerischer Blick fällt plötzlich auf die Flasche Record Cleaner in der Ecke des Tresens. „Lohnt sich das?“, fragt er Chris. „Das ist ein erstaunlicher Effekt, den du damit erzielst“, sagt Chris und meint damit „ja“. Die Klangqualität verbessere sich deutlich. „Du sprühst etwas davon auf das Tuch, das mit dabei ist, und reibst damit die Platte vorsichtig ab.“ Gregor sagt: „Ich nehme immer Alkohol.“ Chris nickt: „Oder Wasser mit Spülmittel.“ Gregor fallen dabei lauter Bands ein, nach denen er Chris im Computer suchen lässt, wie Pere Ubu oder Mission Of Burma. Doch das, was er sucht, findet auch Chris nicht. Gregor hält kurz inne und sagt dann: „Die ‚Like Swallowing Eclipses’, was ist da drauf?“ Chris nennt Gregor die Alben-Titel und erklärt, dass Current 93 die neu eingespielt und Andrew Liles die geremixt hat und dass da noch eine sechste LP mit unveröffentlichten Sachen bei ist. Chris spricht David Tibet französisch aus, so haben Gregor und ich den Namen noch nie gehört. Wir finden beide die Aussprache sehr klangvoll. Gregor überlegt nun nicht mehr, sondern sagt: „Stell mir die Box beiseite, ich nehme sie nächstes Mal mit.“ Das macht Chris gerne. Gregor und ich begleichen unsere Rechnungen, grüßen André an seinem versteckten Arbeitsplatz und gehen mir Chris ins Achteck, wo jener einen Tisch abwischt. „Schönes Leben noch“, ruft Chris uns grinsend nach. Gregor lacht. Ich sage: „Wir hatten eigentlich vor, das hier zu verbringen.“ Chris nickt freundlich: „Ich auch.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#32 Hublot in Vancouver

17. Juni 2010


Mittwoch, 16. Juni 2010

Heute soll es sein: mein erstes ganzes Fußballspiel der laufenden WM im Fernsehen. Bislang hatte ich keine Zeit dazu, da will ich mich heute ins mein erweitertes Zuhause setzen, besser: ins Achteck dazwischen. Das Riptide wirbt mit „Fußballgucken mit Niveau“, und genau das will ich haben. Denn ich erinnere mich gerne an die Fußball-WM vor vier Jahren. An sich hatte ich seit 1990 keine Lust mehr auf Fußball, vor allem nicht auf den der deutschen Fußballnational-Band. Die hatte sich in Folge ihres Weltmeistertitels dergestalt arrogant aufgeführt, dass sie vergaß, weiterhin ordentlich Fußball zu spielen. Die Europameisterschaft 1992 habe ich natürlich wahrgenommen und schon damals, ein Jahr vor meiner ersten Reise dorthin, zu Dänemark gehalten, aber das eher zufällig, eben gegen die Arroganz und für den Unterhund. Dänemark war damals ein schönes Beispiel für eine korrekt verkehrte Welt, mit Frittenbudenernährung und Europameistertitel. Folgende Weltmeisterschaften habe ich kaum noch wahrgenommen. 1998, da klingelt etwas, 2002 hab ich nicht mal den Meistertitelträger erfahren. Als dann also die WM vor der Haustür stattfinden sollte, dachte ich nur: mir doch egal. Was ist schon Fußball, wenn er nicht einmal mehr vernünftig aussieht (als Sport, nicht als Sportgerät)!

Meine Fußballsozialisation habe ich als Kind von meinem Vater erfahren, wie es sich wohl gehört. Er war gebürtiger Hamburger und naturgemäß HSV-Fan. Das hatte sich damals auch noch gelohnt, mit Uli, Manni, Felix und Horst. Und Uwe Seeler ist heute ja auch wieder in aller Munde, phonetisch jedenfalls, und dann im doppelten Sinne. Mit meinem Vater ging damals jedoch auch mein Fußballinteresse. Das weckten erst in den 90ern Kollegen wieder, als ich in Wolfsburg arbeitete und der dortige Verein in die erste Liga aufstieg. Ich kam nicht umhin, mich mit Bundesligafußball auszukennen, und wehrte mich auch nicht dagegen. Es macht mir seitdem Spaß, Woche für Woche die Ergebnisse aus mittlerweile drei Ligen zu studieren und mit den Vereinen meiner Zuneigung zu fiebern. Für internationalen Fußball hingegen hatte es bis 2006 dennoch nicht gereicht.

In allerletzter Sekunde ließ ich mich dazu hinreißen, das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica zu gucken, und zwar in einem traditionell nicht unbedingt fußballaffinen Umfeld: im Merz und mit Frauen. Zwar verachte ich Menschen, die in typischen Rollenklischees denken, handeln und reden, aber in dem Moment hatte ich genau darauf Lust, mich selbst in die postulierte Frauenrolle zu drängen, nämlich als vermeintlich Unwissender eine Freizeitaktivität wahrzunehmen, die dem Rest um mich herum im Gegensatz zu mir etwas bedeutete. Protest, ja. Und dann kam alles ganz anders: Das Merz-Publikum bewies, dass Fußballgucken mit Massen auch richtig viel Spaß machen kann. Und die Deutsche Mannschaft zeigte, dass sie es wieder wert war, ihrem Spiel zuzusehen. 4:2, sechsmal Applaus, Costa-Rica-Fahnen wehten im Merz, alle feierten jedes Tor. Was für eine herrliche Harmonie. Und ebendiese Harmonie erlebte ich bei der WM nahezu durchgehend. Das Merz und auch die frisch eröffnete Okercabana waren Hauptanlaufpunkte für mich. 2006 hatte ich in den kuriosesten Konstellationen Fußball geguckt, aber am schönsten war es immer im Merz und in der Okercabana. Dort, am Strand, hatten sie Flachbildschirme aufgebaut und Hefeweizen zu umgerechneten 1990-Preisen ausgeschenkt. Wir saßen neben Argentiniern, die mit uns Mexico-Spiele guckten, und kuschelten uns zum Sonnenuntergang bieretrinkend in den Sand, während über uns eine verirrte Möwe kreiste und Brasilien und Frankreich eine spannende Partie austrugen.

So will ich es heute auch wieder haben, eben „Fußballgucken mit Niveau“. Also ab ins Riptide. Noch schnell vorher im Curry House eine gute Mahlzeit verdrücken, dann rüber ins Achteck. Die Bedingungen könnten besser kaum sein: blauer Himmel, vereinzelte Wolken, es ist warm, ein leichter Wind weht. Nichts ist mehr zu spüren von drückender Schwüle und anschließendem Kälteeinbruch. Doch im Achteck ist von der Leinwand gar nichts zu sehen. Ich gehe ins Café und begrüße André und Chris. André steht in der Küche, Chris sitzt im Büroteil. „Wo habt Ihr denn die Leinwand?“, frage ich. „Die rollen wir gegenüber aus“, antwortet André. Ein Blick aus der Tür zeigt mir eine weiße Querstange über dem großen Fenster der Rip-Lounge. „Ich suche mir mal einen Platz“, sage ich. Chris nickt: „Plätze sind rar heute.“ Kann ich verstehen, Fußball läuft ja gleich. Ich bewundere das Vertrauen in Technik, das Chris und André zeigen, denn schließlich steckt die Leinwand immer noch unausgerollt in der weißen Rolle. Lara kommt zum Dienst, ich bestelle mir ein Wolters bei ihr und setze mich draußen an einen frei gewordenen Tisch. Mit zwei Freunden bis ich verabredet, zum Quatschen und Fußballgucken. Ich warte.

Im Achteck ist es wie immer wunderschön. Das Gildenschild am Caféeingang trägt eine Blumenampel, links und rechts von der Tür sind zurzeit nicht brennende Ölfackeln aufgestellt. Zwischen dem Balkon und der zurzeit noch optionalen Leinwand sorgt ein grünes Sonnensegel für Schatten auf dem hoffentlich bald flackernden Fernsehbild. Auf dem Balkon macht es sich ein Mensch mit Laptop bequem. Ein Deutschlandfähnchen steckt in einem Blumenkasten, bunte Wimpel umkreisen die Reling des Balkons. Die Sonne beleuchtet den oberen Rand der maurischen Mauern. Der Clown, der einige Wochen lang den Elektroschaltkasten neben dem Riptide geziert hat, ist weg. Schade! Schwalben kreischen über den Dächern. Die Tische sind voll besetzt, überall sitzen Menschen, die essen, trinken, sich unterhalten und lachen. Eine angenehme Geräuschkulisse. Aber eigenartig entspannt: Sollte sich nicht langsam das Fußballfieber einstellen? Die beiden Frauen direkt unter der immer noch eingerollten Leinwand gehen. Klar, würde ich so kurz vor Anpfiff auch machen. Zwei andere Frauen setzen sich. Ich überlege, sie zu warnen, denke aber, dass André oder Lara das auch machen werden, wenn sie die Leinwand ausrollen. Chris nicht: Der hat bereits Feierabend und sich schon verabschiedet. Diese Gelassenheit ist aber wirklich rätselhaft. Ich suche den Beamer und kann ihn nicht finden. Was ist das für Technik, die sie hier haben? Eine Plasmaleinwand, ein einrollbarer Fernseher? Das kann doch nicht sein. Gleich ist es halb. Auch meine angekündigten Begleiter sind noch nicht da.

Aus einer der Nachbarkneipen im Handelsweg dringt Vuvuzelageräusch herüber. Kein Anlass für meine Kneipiers, die Leinwand auszurollen. Viel nerviger als die Vuvuzelas finde ich überdies das Gemecker über sie. Ist es denn so, dass die Spieler sich nicht mehr verständigen können? Dass sie den Schiedsrichter nicht mehr pfeifen hören? Dass sie Traineranweisungen nicht mehr wahrnehmen? Umso besser, dann sind die Chancen endlich mal gleich. Die bisherigen Ergebnisse geben mir recht: So gleich schlecht haben bei Weltmeisterschaften selten alle Mannschaften gespielt. Was für trübe Tassen! Überraschend ist es in der Vorrunde bislang lediglich die deutsche Mannschaft, die grandiosen Spielspaß zeigt und so spielt, wie man es von Brasilianern kennt. Im ersten Durchgang der Vorrunde haben nur zwei Mannschaften aus eigener Kraft mehr als ein Tor geschossen. So betrachtet, ist es nicht schlimm, das ich bislang nicht zum Fußballgucken gekommen bin. Na ja, gestern Abend habe ich mir die zweite Halbzeit von Brasilien und Nordkorea angeguckt. Ohne Originalton zunächst; ich dachte, wenn ich eh schon den Anfang verpasst habe, dann kann ich auch die neue CD der Chemical Brothers noch fußballbebildert zuende hören. „Further“ wird ja überall eher mäßig beurteilt. Zu wenig Hits, zu wenig geile Gäste, zu sehr auf Disco gemacht soll sie sein. Klingt für mich nach: Sie besinnen sich aufs Wesentliche, oder im VW-Sprech: aufs Kerngeschäft. Und so ist es auch. Man hört typische Chemical-Brothers-Sounds, nur eben nicht so brachial wie etwa auf den beiden sehr guten Alben davor. Die Brüder klingen gereifter, die Sirenen heulen nicht mehr so im Mittelpunkt. Dafür ertönt ein Pferdewiehern. Während ich also den chemischen Brüdern lauschte, sah ich die Einblendung, dass Béla Réthy das laufende Spiel kommentiert. Nein! Und ich höre die Chemical Brothers! Béla Réthy, der Gott unter den Fußballkommentatoren. Der Grund, Gurkenspiele zu gucken. Der Mann der redundanten Floskeln und des galoppierenden Unsinns. Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren sind wir im Freundeskreis regelmäßig lachend vor dem Fernsehgerät zusammengebrochen. „Für Italien steht es genauso 0:0 wie für Spanien“ ist zum Klassiker geworden. Oder der Moment in der Nachspielzeit, als Réthy mal minutenlang gar nichts sagte und man lediglich die Stadiongeräusche aus dem Fernseher hörte. Man versank allmählich in schöner Entspannung, als Réthy unvermittelt hektisch rief: „112. Minute!“ Ah! Danke, Herr Réthy, und gut beobachtet! Musste der uns deshalb wecken? Sehr schön auch Réthys Off-Kommentar, als beim Spiel Deutschland gegen Türkei das Bild kurz weg war: „Und da Sie einen Mann mit Vollbart sehen, können Sie auch erkennen, dass das Bild wieder da ist.“ Bei unseren Fußballguckrunden im Freundeskreis ist übrigens noch ein geflügeltes Wort entstanden. Maren, die selbsternannte Madame Réthy, fragte – bescheidwissend! – beim Gruppenspiel der Niederlande gegen Frankreich mit Blick auf die Tafel mit den roten und grünen Digital-Nummern, die ein Spielfeldrandmann immerzu in die Kamera hielt: „Wer ist eigentlich dieser Hublot, den die Franzosen ständig einwechseln?“

Das Brasiliennordkoreaspiel nun war langweilig und kann fehlerfrei als nicht geguckt verbucht werden. Die CD war schneller aus als das Spiel. Ich schaltete den Réthy dazu, aber der war leider nicht witzig. Anders offenbar beim bislang einzig guckbaren Spiel der WM, Deutschland gegen Australien, da berichtete Maren, Réthy habe angesichts einer nicht vollzogenen Rachemöglichkeit eines Spielers kommentiert: „Klug genug.“

Die Zeit schreitet voran, noch immer hat es niemand eilig, die Leinwand auszurollen und den Beamer aufzustellen. Das nenne ich mal Gelassenheit. Die Vuvuzuelas aus der Nachbarschaft werden immer lauter. Ich kann die Aufregung um die Tröten nicht verstehen. Ich bin mir sicher, dass alle Fußballgucker das Geräusch ab dem 12. Juli vermissen werden. Man kann vielmehr die Durchhaltekraft der Trötenden bewundern: Beim gestrigen Spiel ebbte der Geräuschteppich zu keiner Zeit ab. Das sind mal Lungen! Und der Geräuschteppich erinnerte mich an etwas. An die Horns Of Dilemma nämlich, das Begleitensemble der Violent Femmes. Auf deren Best-Of „Add It Up“ gibt es den Live-Track „Vancouver“, der klingt wie das Vuvuzelagedröhn aus dem Fernseher. Ich höre also ein anderthalbstündiges Horns-Of-Dilemma-Konzert, im Idealfalle mit Béla-Réthy-Kommentar. Wie schön!

Und à propos Live-Konzert: War das Festival Theaterformen nicht schön? Zwar hatten die Veranstalter es nicht drauf, dafür vernünftig Werbung zu machen, und trotzdem jede Menge Leute mobilisiert, aber das Programm war endlich mal wieder wie weiland zu seligen FBZ-Zeiten. Los ging’s schon mit einem Knaller: Tamikrest sollten spielen, kurz vor WM-Anpfiff. Doch vor das Konzert hatten die Veranstalter Hürden gestellt: Im Theaterplan stand es unter „Haus III“ aufgelistet, also im Magniviertel. Das überhaupt herauszufinden war schon eine Meisterleistung. Zwar lagen überall die Programmbüchlein aus, auch im Riptide, aber wer sich für Theater nicht grundsätzlich interessiert, nimmt das alternative Konzertprogramm dahinter gar nicht wahr. Davon habe ich im Musikexpress erfahren, als ich scherzeshalber die Tourdaten von Dirtmusic/Tamikrest las – und überrascht feststellte, dass da Braunschweig aufgelistet war. Bei Die Zukunft ebenso. Warum, so fragte ich mich, wusste ich davon nichts? Sofort wollte ich Tickets haben. Im Ticketcenter war das Konzert in keinem System aufgelistet. Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis wir auf die Idee kamen, mal im Theaterplan nachzusehen, in dem dann unter „Haus III“ bei jedem Konzert stand: „Eintritt frei“. Wie bitte? Erneut: Warum weiß davon niemand? So also pilgerten wir an jenem Mittwoch zu Haus III und wunderten uns, warum wir die einzigen waren. Wir führten dies auf die eben sehr schlechte Werbung zurück. Na ja, und auch auf die Abwesenheit einer Bühne. An Haus III gab es keinerlei Hinweis auf das Konzert. Dort hing auch der Theaterplan aus, ja, vergewisserten wir uns, es stand unter „Haus III“, und klein darunter stand „Gartenhaus Haeckel“, offenbar der Sponsor. Das Haus III war verschlossen, also machten wir uns auf den Weg zu den Häusern Klein und Groß. Klein war ebenfalls verschlossen. Dann entdeckten wir ein riesiges Zelt mit Wimpeln daran im Museumspark. Dort sprach uns eine Frau an, ob wir uns in Braunschweig auskannten. Die Nachtigall hörte ich ganz laut trapsen: Auch sie suchte Tamikrest und konnte uns versichern, dass die Band im Zelt vor unserer Nase nicht spielen würde. Am Mobiltelefon hatte sie Leute, die bereits dort waren, wo wir hinwollten, und die uns lotsten. Und noch weitere Menschen, die so orientierungslos waren wie wir. Irgendwo am Ende des Theaterparks nun entdeckten wir weitere Menschen, die Bühne und den Grund dafür, warum auf dem Spielplan „Gartenhaus Haeckel“ stand: Das war der Name des Veranstaltungsortes. Den kein Braunschweiger kannte. Aber wir waren in der Zeit: Die Band hatte noch nicht begonnen. Am Merchandisingstand saß eine junge Frau, der ich erzählte, dass ich mir Tamikrest nur deshalb ansehen wollte, weil die auf der Dirtmusic-Platte „BKO“ unter anderem mit Hugo Race musizierten, den ich sehr schätze und vor Jahren schon einmal im Brain bewundert hatte. „Der ist heute auch hier, wenn du willst, kannst du nachher mit ihm sprechen“, sagte sie wie beiläufig. Okay. Alles war gut. Tamikrest auch: Mitnichten war es eine Rockband aus der Wüste, die Rockmusik spielte, sondern eine traditionelle Band aus der Wüste, die lediglich Rockinstrumente benutzte. Es war sehr chillig und entspannend. Nach und nach kamen die Darsteller von benachbarten Theaterveranstaltungen herüber und begannen, exstatisch zu tanzen. Exstatisch und ansteckend, der Raum zwischen Klappstühlen und Bühne füllte sich mehr und mehr mit ausgelassen zuckenden Menschen. Ein weiterer in Tuaregkleidung gewandeter Musiker enterte die Bühne und stöpselte sein Instrument ein. Völliges Understatement: Niemand nannte den Namen Hugo Race, nur wenige im Publikum wussten, um wen es sich da handelte. Race gab dem Quintett weiteren Schub, die Musik wurde zusehends mitreißender, die Menschen ließen sich mehr und mehr mitreißen. Furios! Noch furioser: Nach dem Auftritt hatte ich auch ohne Merchandisingstanddamenvermittlung die Gelegenheit, mit Hugo Race zu sprechen. Zweimal in zehn Jahren habe ich ihn gesehen, sagte ich ihm. „Wo war denn das andere Mal, im Brain?“, fragte er. Das war ja ein Ding: Er erinnerte sich! Und erzählte viel, davon, dass am Vorabend in Paris das vorerst letzte gemeinsame Konzert von Tamikrest und Dirtmusic stattgefunden hatte und dass er auf dem Weg nach Berlin in Braunschweig Halt machte, weil er sich an die Stadt erinnerte. Und dass er die Band gewarnt hatte, das Publikum in Braunschweig bei ihrem ersten Gig als Headliner in Europa nicht misszuverstehen, dass nämlich verhaltener Applaus keine Aussage über die Qualität des Auftritts mache, und dass er sich enorm wunderte, wie ausgelassen ebenjenes Braunschweiger Publikum dann tatsächlich war. Und er erzählte davon, dass viele Wüstenbewohner mit E-Gitarren und akkubetriebenen Verstärkern eigene Musik machten, sie auf USB-Sticks oder Mobiltelefonen speicherten und über Tausende von Kilometern hinweg via Bluetooth irgendwo in der Wüste mit anderen ebenfalls musizierenden Nomaden austauschten. Ich fühlte mich wieder wie ein Teenie, der seinen Lieblingsstar trifft, und ließ alle sechs Musiker die gemeinsam aufgenommene Doppel-LP „BKO“ bekritzeln. So einfach kann Glück sein.

Nicht so viel Glück hatte ich damit, die anderen Konzerte der Reihe wahrzunehmen. Lediglich bei Kristof Schreuf war ich noch. Das war ein gigantisches Familientreffen: Freunde an der Zahl, Leute vom Silver Club, von Radio Okerwelle, von überall. Und Schreuf auf der Bühne, der zwischen neuen eigenen, in Bastard-Pop-Art gecoverten und alten Brüllen- und Kolossale-Jugend-Liedern lustige ernstgemeinte Sachen sagte wie: „Glaubt nicht an die Wahrheit dahinter!“ Wir nahmen ihn beim Wort. Gern gesehen hätte ich auch Die Zukunft mit Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Olifr Guz, oder Hans Unstern, von dem im Nachhinein erfuhr, dass ihn Nackt produzierte, Bandmitglied von Warren Suicide, einer der wenigen Nullerjahrebands, die mich nachhaltig und dauerhaft überzeugen. Und To Rococo Rot, die hab ich auch verpasst, aber an dem Tag war ohnehin viel los in der Stadt. Bei Graff war Verleihung des Daniil-Pashkoff-Preises, im Riptide spielte Maximilian Hecker. Das war einer der vielen späten Abende, an denen ich meine Zeit im Riptide verbrachte und mich freute, dass der Laden so brummte. Wenn sogar Literaten und Angestellte ihre Freizeit an ihrem gelegentlichen Arbeitsplatz verbrachten!

Ich blicke auf die Uhr. Das Wolters geht zur Neige, meine Begleiter sind noch nicht da, der Anpfiff ist längst erfolgt, die Leinwand jedoch noch immer nicht ausgerollt. Und es scheint auch niemanden zu beunruhigen. Ja, bin ich denn der einzige…? Ich gehe ins Café. „Äh. Nur mal so zu meiner Information: Zeigt Ihr das Spiel heute gar nicht?“, frage ich. „Ich dachte, Ihr zeigt jedes Spiel.“ – „Erst ab K.O.-Runde“, sagt André. „Vorher nur die Deutschland-Spiele.“ Er berichtet begeistert davon, wie voll es im Riptide beim Spiel gegen Australien war. Ich bin neidisch und nervös. Hey, ich habe mal einen Abend frei, da möchte ich endlich ein Fußballspiel sehen. Ganz. Das ist jetzt schon nicht mehr möglich. So gesehen erstaunt es dann doch, dass das Achteck so rappelvoll ist mit Leuten, die während der WM keinen Gedanken an sie verschwenden. Also zahle ich, verabschiede mich von Lara und André und beordere meine immer noch nicht anwesenden Begleiter per Kurznachricht zur Piazza Lino. Am Kohlmarkt hat Lino nämlich vor seinem Restaurant einen Flachbildschirm aufgestellt. Die Vuvuzela leitet mich dorthin. Das Spiel hingegen interessiert dort fast niemanden. Meine Begleiter treffen jetzt ein, wir ordern Wolters-Biere. Auf dem Schirm gurken auch Uruguay und Gastgeber Südafrika nur vor sich hin. Wir scherzen flach über Urumilitärs, Uruglider und Urupluies. Was ist denn bloß los bei dieser WM? Zwar gewinnt mit Uruguay mal eine Mannschaft 3:0, aber wie denn bitte! Das 2:0 war schon dubios. Torwart-Rot und Elfmeter, dem sich ein Feldspieler im Kasten ausgesetzt sieht. Der richtige Torwart versäumt das nächste Spiel, heißt es. Schön ist die dazugehörige Einblendung: „Misses Next Match“. Das ist eine Band! Deren Album hat das Label vom Riptide herausgebracht, die Plakate hängen dort im Achteck. Das ist dann ja doch noch fast wie Fußballgucken in Riptide.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#30 Ich

22. April 2010


21. April

Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich freue mich, dass es in Braunschweig inzwischen wieder viele Orte und Veranstaltungen gibt, die mir ein Gefühl von Zuhause und Zugehörigkeit vermitteln. Das Riptide gehört dazu, ganz klar. Dann noch die vielen unterschiedlichen Aktionen in der KaufBar, das Nexus, das Tegtmeyer, die Silberquelle, ganz bestimmt – so ich sie denn endlich mal besuche – die Schweinebärmann Bar und nicht zuletzt der Silver Club. Der hat mir mächtig viel Energie gegeben, vor anderthalb Wochen. Mit dem Silver Club hat Skapino etwas richtig Tolles auf die Beine gestellt, davon zehre ich noch lange. Und werde auch beim siebten wieder dabei sein.

Doch jetzt steht das Verzehren an erster Stelle. Janna und ich haben heute für uns die Spargel-Saison eröffnet. Seit einigen Jahren schon essen wir einmal pro Woche Spargel, den wir uns – so hat es sich inzwischen eingependelt – samstags auf dem Markt vor dem Altstadtrathaus kaufen. Einen Samstag ohne Markt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Das ist wie ein kleiner Urlaub, egal, zu welcher Jahreszeit. Und wie ein Ausflug aufs Dorf. Alle kennen sich, als Stammkunde kennt man auch bald alle. Die Brötchen bei „Grete“, die Kartoffeln bei Saucke, das Obst bei Meyer. Auch für Eier, Feigen und Fleischsalat haben wir unsere Stammstände. Der Italiener hat manchmal Artischocken und Olivenöl, es duftet nach Bratwurst, Kaffe und immer nach dem Produkten, die saisonal gerade an der Reihe sind. Champignons und Kohl kaufen wir dort, wo wir sie gerade am besten finden. Erdbeeren sind auch bald dran, dann kommen schon fast Kirschen und Pfirsiche. Aber ab jetzt und bis zum 24. Juni eben Spargel. Und weil der nicht so richtig lange satt macht, verlockt mich die Idee von einem Eiskaffee im Riptide.

Bei dem seltsamen Wetter ist es ohnehin rätselhaft, dass es überhaupt Spargel gibt. Die gefühlten Minusgrade verscheuchen die Erinnerung vom letzten Wochenende, an dem ich noch fast im T-Shirt herumgelaufen bin. Immerhin scheint gerade die Sonne, nachdem der Regen eben noch isländische Vulkanasche auf die Straßen gespült hat. Der Vulkan hat überdies auch sein Gutes: Wenn der Himmel einmal blau ist, trägt er zurzeit nicht einmal mehr Kondensstreifen.

Maren kennt die Rip-Lounge noch nicht, will aber erst mal Chris und André begrüßen. Das tun wir alle. Chris kommt mit dem Telefon am Ohr aus seiner Ecke, André mit freien Ohren aus der Küche. Sie empfangen uns lächelnd. Zuhause. „Was führt euch ins Riptde?“, fragt André. „Das Riptide führt uns ins Riptde“, sage ich und schaue mich auf der Theke um. Die Quartette liegen da, zwei aktuelle „Die drei Fragezeichen“-Kassetten, der Ausriss aus dem Subway mit dem Jahrespoll und dem Wort „Danke!!!!!“ darunter. Eine kleine Staffelei mit der Doppel-CD-Ausgabe von Paul Wellers neuem Album „Wake Up The Nation“ als Buch treiben mir als fast alles kaufender Weller-Fan die Tränen in die Augen. Nicht hingegen entdecke ich die CD „Tillicus Glossicus Metallicus“, die Till Burgwächter hier letzte Woche vorgestellt hat. Leider konnte ich an dem Abend nicht und hoffe nun, mir die CD wenigstens jetzt kaufen zu können. „Die ist noch nicht draußen“, sagt André leider. „Hat sich da was verschoben?“, frage ich. André nickt: „Till hat bei der Lesung so was gesagt.“ Schade! Ich zwinge mich, nicht mit den Fingern in den nur eine Armlänge entfernten neuen LPs zu blättern, und folge Janna und Maren aufs Sofa.

Auf dem Sofa sitzen hinter uns nun nicht mehr nur Augen-Kissen. Eines ist noch da, im verdrehten MSV-Duisburg-Muster. Auf einem weiteren Kissen ist ein altes Röhrenradio abgedruckt, das nächste zieren eine Audiokassette und der Satz „I Love Mixtapes“. Passt zu meinem T-Shirt: Darauf ist das Cover der letzten Yo-La-Tengo-LP „Popular Songs“ zu sehen, eine kaputte Kassette mit herausgezogenem Band nämlich. Eine tolle Platte überdies, eine der besten des vergangenen Jahres. Auf dem Tisch vor uns steht außer den Speise- und Getränkekarten eine Vase mit gelben Rosen und ein größeres mattes Glas mit einer brennenden Kerze darin. Um uns herum schmücken kleinere Fotos von Cylixe die Wände. An dem Tisch links neben uns stand kürzlich noch eine alte Holzbank. Die ist jetzt verschwunden, stattdessen steht dort ein mit weißem Kunstleder überzogener Sitzquader. Der Zeitungsständer immerhin ist noch da. Was mag mit der Bank passiert sein?

Am Fernseher knapp neben uns sitzt Joel und knarrt bei jeder Bewegung auf seinem Barhocker. Er bewegt sich viel, denn er beklebt gerade Plakate von The Roskinski Quartett, die ihr Debütalbum auf Riptide Recordings herausbringen. Joel reißt Din-A4-Seiten längs auseinander, auf denen zweimal die Daten für das Release-Konzert abgedruckt sind, und klebt diese Streifen auf die Plakate. Neben sich hat er ein Glas Wasser und einen Teller mit einem Cookie darauf stehen. Joel stellt fest, dass diese Aufgabe aus sich sehr wiederholenden Handgriffen besteht, und erzählt, dass er einmal – noch stupider – Nummern auf ganz viele Eintrittskarten hat stempeln müssen. Ich erzähle ihm von meinen sechs Jahren Bandarbeit bei VW. Das erinnert ihn an einen Angehörigen eines Freundes, der bei VW einen höheren Posten bekleidet und ihn, Joel, seines Aussehens wegen nicht begrüßen wollte – Joel hatte Piercings und trug nicht Hemd und Krawatte. Solche Leute habe ich bei VW ebenfalls kennen gelernt. Dabei sieht Joel doch völlig normal aus, ganz in schwarz, hautenge Jeans, ein Schlüsselbund glitzert an einer Hosentasche. Ungewöhnlich ist höchstens, dass ein Mann in seinen jungen Jahren ein Misfits-Shirt trägt. Joel wendet sich wieder seinem Werk zu, der Stuhl knarrt unter ihm. Er sitzt in der Sonne, eine rosa Plüsch-Schlange bäumt sich neben ihm auf.

André kommt an unseren Tisch und nimmt unsere Bestellungen auf. Maren ordert eine Bios, „es gibt doch da irgendwas mit Traube“, und ein Fladenbrot. „Chai-Latte“ bestellt Janna, ich kann endlich meinen Wunsch nach einem Eiskaffee äußern. Maren erzählt von einem Junggesellenabschied, den sie zu planen hat. Für die Braut habe sie genug Ideen, für die Hochzeit ebenfalls, aber für einen Man so etwas zu planen, fiele ihr schwer. Kein typischer Junggesellenabschied solle es werden, darin sind sich alle einig, der Bräutigam wohl, Maren, Janna und auch ich. Besonders Ideen für Hochzeitsfeiern, die nichts mit Baumstammzersägen und Herzenausbettlakenschneiden zu tun haben, fallen von uns dreien an der Zahl. Wir können es alle nicht verstehen, wie man mit den traditionellen Hochzeitsspielchen die Feier so langweilig zerdehnen kann. Hochzeiten habe ich auch schon alle möglichen erlebt, von unglaublich schrecklich bis sehr einfallsreich. Wobei die einfallsreichen in der Unterzahl sind. Schön fand ich einmal die Idee mit den Polaroids, die von jedem Gast gemacht und dann in ein Buch eingeklebt wurden, in das man dann als entsprechender Gast neben dem Polaroid etwas einzutragen hatte. Maren hat die Idee vor Augen, einen unerschöpflichen Fundus an Material bereitzustellen, aus dem die Gäste etwas kreativ auf einer Leinwand zu gestalten haben. Janna assoziiert und erzählt von einer Tour auf einem Fluss, den sie einmal mit einigen Leuten machte. Schnell sei man im Grünen gewesen und doch mitten in der Stadt. „Auf dem Rückweg hat einer angefangen zu singen und alle haben eingestimmt“, schwärmt Janna. Dabei fällt Maren eine Begebenheit ein, die sie mit und bei der Autorengruppe Writers Ink machte. Da war ich sogar dabei: Daniil Pashkoff zu Ehren setzten alle Schiffchen mit Teelichtern darauf in die Oker. Ein Lichtfluss glitt in der jungen Sommernacht nach Norden. Aber das hat ja beides nichts mit Hochzeit zu tun.

Mir fällt ein, dass Maren ja im Norden einen Kabarettisten kennt, der könnte ja ein Programm geben, schlage ich vor. Da überrascht Maren mich mit einer Information: „Der kommt aus Lelm im Elm.“ So aus der Nähe! Das hätte ich nicht gedacht. „Da haben sie ‚Neues aus Uhlenbusch’ gedreht“, setzt Maren die nächste überraschende Information ab. Sie beschreibt, wie eigenartig es ist, in Lelm über den Marktplatz zu gehen und sofort den des Dörfchens Uhlenbusch vor Augen zu haben. „Fährt Heini da noch rum?“, frage ich. „Den hab ich da noch nicht gesehen“, sagt Maren, „aber ich bin da manchmal schreiend über den Marktplatz gerannt: Konstantiiiiin…“

Es wird schlagartig dunkel um unser Sofa herum, die Sonne verschwindet hinter Wolken. Wind kommt auf und zerrt an den Bäumen und Schirmen im Achteck. Maren beißt in ihr Fladenbrot, Janna genießt ihren Chai-Latte, ich löffle mein Eis aus dem Kaffee. Das war die richtige Wahl. „Was hat es eigentlich mit Chai-Latte auf sich?“, fragt Maren Janna. Die gibt ihr ihr Getränk zum Probieren. „Schmeckt adventlich“, stellt Maren genüsslich fest. Beide sind sich einig, dass das Getränk dennoch ganzjahrestauglich ist. Beim Blick auf den Wind kann ich, an Joels Kopf vorbei, entdecken, dass über dem Eingang zur Rip-Lounge „RIP Lounge“ an der Wand steht. „Das steht da aber auch noch nicht lange“, stelle ich an Joel gewand fest. „Seit einem Monat“, bestätigt Joel. „Ich war jetzt aber auch eine Weile nicht hier, ich hatte ja Ferien.“ Der Glückliche. So ganz ferienfrei war ich ja auch nicht, immerhin zwei Wochen am Stück hatte ich. Und die auch bestens genutzt, wenngleich ich es an keinem Tag ins Riptide geschafft habe. Dafür nach Marburg und Göttingen, über Ostern ins Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt, nach Hamburg, dann in ganz Braunschweig Flyer und Poster verteilen für die sechste Indie-Ü30-Party sowie aufbauen, durchführen und abbauen helfen beim Silver Club in der Wichmannhalle. Eine herrliche freie Zeit. Da machte es auch nichts, dass ich nicht dazu gekommen war, meine Pflanzen endlich umzutopfen, mein Auto zur Werkstatt zu bringen und meine Lohnsteuerunterlagen vorzubereiten. Die Pflanzen waren immerhin heute früh endlich an der Reihe. Dabei habe ich Gabriel Burns gehört. An sich wollte ich dem Vorbild eines Kollegen folgen und bis zum Erscheinen der nächsten Folge alle bisherigen erneut am Stück hören. Doch war das heute früh erst die Nummer 14 – und die Folge 34 erscheint bereits am Freitag. Zwanzig Folgen schaffe ich in zwei Tagen einfach nicht, davon bin ich jetzt einfach mal überzeugt. Seltsam ist nur, wenn ich jetzt meinen Weihnachtskaktus sehe, erinnert er mich daran, wie Larry Blumberg von einem Grauen Engel zerrissen wurde, während ich die Erde um die Wurzeln des Kaktus’ festdrückte. Dem Kaktus geht’s aber ganz gut, denke ich. Meinem Magen auch. Wer zu Akte X essen kann, kann auch zu Gabriel Burns Kakteen, Geranien, Efeu und Bananen umtopfen.

Mit Marco, der ein paar Kartons schleppt, kehrt auch die Sonne zurück. Ein DPD-Mann bringt ein Päckchen. André und Chris nutzen die Zeit, bevor das Café voller wird, und kümmern sich um administrative Angelegenheiten. Joel überreicht die fertig beklebten Poster an André und verlässt das Café, mit ihm verschwindet die Sonne wieder. Nachdem Marco seine Kartons abgestellt hat, setzt er sich mit einem Milchkaffee an den Tisch neben der Theke. Joel kehrt wieder zurück, bekleidet mit einer blauen Mülltüte und damit laut raschelnd. Ein eigenwilliges Bild. Ich beschließe, vorsichtshalber keine Fragen zu stellen. Maren nimmt mir das ab. „Warum hat der Mann eine Mülltüte an?“, fragt sie André, weil Joel zu schnell wieder aus dem Riptide herausgestürmt ist. „Vorsorge“, sagt André. „Er kümmert sich um die Tische, abbeizen, streichen.“ Joel ist wieder zurück. Hinter der Theke höre ich ihn „morgen komme ich im Blaumann“ sagen. Mit einem Pinsel geht er wieder nach draußen, wohin auch immer – vom Sofa aus sind weder die Tische noch Joel bei der Arbeit zu sehen. Aber André, der mit einem Roskinski-Plakat in unsere Richtung wedelt, nachdem er ein anderes an die Theke geklebt hat. „Weiß ich schon, hab Joel die Plakate bekleben sehen“, sage ich. André nickt und bringt das Plakat in die Rip-Lounge. Auf den Nebentischen flackern die Kerzen in den Gläsern.

Das Riptide füllt sich jetzt, die Rip-Lounge gegenüber ebenfalls. Neben uns am Fernseher knarren zwei junge Frauen mit den Barhockern. Chris winkt von ferne und geht, dafür kommt Jasmin ins Café. Sie ist die neue Aushilfe, seit kurzem. „Sonst bin ich im Merz“, sagt sie. Unter die Café-Geräusche mischt sich plötzlich das Intro vom „Mundian to bach ke“ von Panjabi MC. Eines der Mädchen neben uns greift in seine Tasche und geht ans Telefon, der Song hört leider im selben Augenblick auf. Die Sonne beleuchtet die beiden. Da springt die Tür auf und Micha ins Riptide. „Das war zu erwarten“, sage ich. War es wirklich: Es ist unwahrscheinlich, dass ich meine Zeit im Riptide verbringe und nicht auf Micha treffe. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt, am Eröffnungstag, dem 16. September 2007. Seitdem laufen wir uns immerzu und überall über den Weg, oft der Einfachheit halber gleich direkt in die Arme: auf Plattenbörsen, im Kino, mitten auf der Straße. Und eben im Riptide. Kino ist auch der Grund, weshalb er da ist: Micha verteilt das Wochenprogramm vom Universum. Ich schlage es auf und entdecke, dass der Anvil-Film angekündigt ist. Noch besser: Unter dem abgedruckten Plakat steht „Read ’em all“ für Samstag, 8. Mai, 20 Uhr. Mist, da habe ich Dienst. Denn das ist herrlich: Sie zeigen den Film und lassen Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Frank Schäfer dazu lesen. Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket. Heavy Metal pur. „Ich muss wieder los
, sagt Micha und stolpert winkend durch die Tür. Wenn er Flyer verteilt, ist er in Eile. Kaum habe ich das gedacht, öffnet sich die Tür wieder und Micha sprintet in Richtung Theke. In unsere Richtung sagt er entschuldigend „schnell noch’n Getränk“, stellt sich an den Tresen und wiederholt dort an Jasmin gerichtet „schnell noch’n Getränk.“ Mit einer Fritz-Kola – „leider“, wie er findet – stellt Micha sich an unseren Tisch. Er trinkt hastig und hat trotzdem Zeit, währenddessen zu sprechen. „Sie haben keine Hausmarke mehr“, sagt er. „Gar nicht mehr im Programm?“, frage ich. Entsetzt weicht er zurück. „Nee“, sagt Micha, „dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er lässt den Gedanken kreisen und wiederholt abweisend, beinahe angewidert: „Dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er grinst und weiß, dass ich ihm das nicht glaube, und ich grinse und weiß, dass ich damit richtig liege. Micha kehrt zurück zum Anvil-Film und kündigt an, dass der Universum-Chef persönlich noch ein Plakat dazu vorbeibringen will. „Ich habe jetzt ‚Schwerkraft’ gesehen, mit Jürgen Vogel“, erzählt Micha. „Der war gut, hatte zwar zwischendurch Längen, war aber gut.“ Ich erzähle, dass ich schon seit bestimmt einem Monat nicht mehr im Kino war. Leider, aber es fehlt mir an Zeit. Und auch am Willen, muss ich gestehen. An sich bin ich ein Verfechter des europäischen Kinos, habe aber zuletzt viel europäischen Müll unter dem Deckmantel der alternativen Kinokunst zu sehen bekommen. Und wenn nicht Müll, dann Mittelmaß, aber dafür ist mir meine Zeit zu knapp, als dass ich mir Halbgares ansehe, nur weil es independent ist. So waren meine letzten Kino-Filme tatsächlich fast alle aus Hollywood. „Mein letzter Film war ‚Alice’“, erzähle ich Micha. „In 3D?“, hakt er nach. „Ja“, sage ich, „leider.“ Ich finde es blöd, für einen Film 11,50 Euro zahlen zu müssen, nur wegen der Effekte. „Wegen der Technik“, schränkt Micha berechtigt ein. Ja, wegen der Technik, dabei ändert die nichts am Inhalt. Wir sind uns aber beide einig, dass Disney an „Alice“ nichts kaputt gemacht hat. „Ich habe mich gut unterhalten“, teilt er meine Meinung. Er spricht „Avatar“ an, den ich nicht sehen wollte. „Pocahontas in blau“, sage ich. „Auf Blue Ray soll er gut sein, sehr farbgewaltig“, sagt Micha. Ich habe nicht mal einen Blue-Ray-Player. Micha hat seine Kola leergestürzt, zuckt entschuldigend mit den Schultern, sagt „Pocahontas ist doch gut“, bringt damit Maren und Janna zum Lachen und die Flasche an die Theke und geht. „Wir treffen uns“, sagt er im Gehen und wird damit ganz sicher Recht behalten.

Janna steht auf und sagt: „Ich gehe mal in die Rip-Lounge.“ Sie raucht gar nicht und setzt sinnierend nach: „Es ist schön, dass man jetzt mal ein anderes Synonym dafür hat.“ Als sie zurückkehrt, nimmt Jasmin bei uns Bestellungen auf. Maren wünscht einen Milchkaffe. Janna hat Hunger, will eigentlich gehen und bestellt daher nichts. Ich nehme das Signal nicht wahr und bestelle mir ebenfalls einen Milchkaffee. Bevor Janna reagieren kann, ist Jasmin schon zur Theke geeilt. Dabei wollte Janna doch so gerne einen Muffin bestellen. „Ich gucke mal, was sie da haben“, sagt sie und geht. Nicht lange, und sie kommt zurück. „So schnell?“, staunt Maren. „Ein Mandel-Marzipan-Muffin wird gleich seinen Weg zu mir finden“, kündigt Janna an. Und richtig: Jasmin hat einen Teller mit einem Muffin darauf in der Hand, den sie Janna überreicht und zur Küche zurückkehrt. „Der ist aber klein“, stellt Maren fest. „Aber schwer“, sagt Janna und reicht ihn ihr. „Das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Maren und wiegt den Muffin in ihrer Hand. Ich möchte den auch mal wiegen und nehme ihn ihr ab. „Danke“, sage ich, gebe vor, ihn essen zu wollen und drücke ihn schnell Janna in die Hand. Gespielt empört sagt sie: „Pöh! Du kannst höchstens was von dem Schoko-Muffin abhaben, wenn ich den noch bestelle, das ist der letzte in der Vitrine.“ Maren ist entsetzt: „Keine Muffins mehr?“ – „Nee, das war der Vorletzte.“ – „Du erzählst schlechte Geschichten, keine Muffins mehr!“ – „Der schmeckt auch gar nicht“, lügt Janna, „den würde ich keinem anbieten wollen.“ Beherzt beißt sie in den Muffin. „Mein Kaffee schmeckt auch gar nicht“, sagt Maren. „Nee“, sagt Janna. Maren schlägt vor: „Vielleicht sollten wir die Sachen, die nicht schmecken, zusammentun und nur einen von uns essen lassen.“ Sie kichert.

Ohne Mülltüte, aber mit großen Augen steht Joel vor uns, mitten im Raum. „Es ist stressig, weil Chris und André weg sind“, sagt er. „André ist auch weg?“ Hatte ich gar nicht bemerkt. Mitleiderregend klagt Joel: „Ja – nur noch die Hilfskraft und der Praktikant.“ Wir kichern. „Klappt doch ganz gut“, sagt Maren, überzeugt ihn aber nicht. Die Tische machen ihm zu schaffen. „Das klappt nicht so“, sagt er. „Die sind jetzt zwei Tage am einweichen, das muss das falsche Beizmittel sein, ich krieg die Farbe nicht ab.“ Andere Arbeit ruft ihn, mich ruft etwas anderes. Ich gehe in die Rip-Lounge, komme aber nicht weit. Dort sitzt Armagan, ihr gegenüber Tatjana. „Ich hab deine Freundin auch schon gesehen“, sagt sie. Sie kellnert in einem unserer vielen erweiterten Wohnzimmern: im Havanna. Leider sind wir dort inzwischen seltener als früher, als wir noch in der Nähe gewohnt haben. Wenn wir jetzt einmal Hunger und keine Lust zum Kochen haben, liegt Guidos Pizzeria, ebenfalls ein erweitertes Wohnzimmer, einfach näher. Das Wild Geese gehört leider auch zu dem erweiterten Wohnzimmern, die wir nicht mehr so häufig aufsuchen, aber das hat einen anderen Grund: Unser eigenes Wohnzimmer ist jetzt einfach groß genug. Früher, als wir uns noch 48 Quadratmeter geteilt haben, sind wir oft ins Wild Geese gegangen, haben uns Getränke und Chips bestellt und unsere Kniffelsachen ausgepackt. Jetzt ist unsere Wohnfläche deutlich größer und das Bedürfnis, mehr Platz zu haben, entsprechend geringer. „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter sehe“, sagt Armagan. Sie gehört für uns zu den Menschen, die uns in unseren erweiterten Wohnzimmern das Zuhausegefühl geben. So wie es uns eben auch im Riptide geht. Erstmals gesehen habe ich Armagan im Sommer 2007 im Tegtmeyer, als ich dort zum ersten Mal auflegte. „Das war, als sie im Brain umgebaut haben, oder?“, fragt Armagan. „Da war im Tegtmeyer so eine kleine Tanzfläche freigeräumt – das war toll.“ Und Anke, die mir den DJ-Posten erst möglich machte, weil sie im Tegtmeyer arbeitet und Timo überredete, stand an der Theke neben mir und sagte immer: „Guck mal, die sieht süß aus.“ Ankes Begeisterung ist immer ungemein ansteckend. Jedenfalls habe ich Anke daraufhin als Dank für den DJ-Posten ins Havanna eingeladen, Janna war auch mit dabei. Und wer bediente uns? Armagan, die uns sofort erkannte und sich zu uns setzte. So fing das an. Im Havanna ist sie leider die letzte, zu der wir solchen Kontakt haben. Die Jungs sind gottlob immer noch im Apo erreichbar, die ganzen Mädels offenbar mit ihrem Studium fertig und aus der Welt. Und für neue regelmäßige Kontakte sind wir nicht oft genug im Havanna. Auch Armagan wird irgendwann mit ihrem Studium fertig sein. Da kommt Maren in die Rip-Lounge. „Janna und ich wollen gehen“, sagt sie. Ich verabschiede mich von Armagan und Tatjana und folge Maren zurück ins Haupt-Café.

Will es zumindest. Chris schwingt sich eben auf sein Fahrrad. So ganz weg war er offenbar noch nicht, hat dies aber jetzt vor zu sein. „Ich bin schon zu spät“, sagt er. „Yo La Tengo?“, tippt er mit Blick auf mein T-Shirt richtig. Ich bestätige und verrate ihm, warum ich auf das Shirt so stolz bin: „Das habe ich mir im November in Kopenhagen beim Konzert gekauft.“ Mein drittes Konzert von denen in 15 Jahren: Roskilde, FBZ, Kopenhagen. „Ich hab die noch nie live gesehen“, sagt Chris. „Eine meiner vielen Lieblingsbands“, sagte ich. „Gut, dass es die sind“, sagt Chris, „und nicht die Böhsen Onkelz – die kommen erst auf Platz zwei.“ Er grinst, tritt in die Pedale und verabschiedet sich erst von mir, dann auch von André, der gerade zwei große Grasgewächse aus der Abstellkammer zerrt. Auch er ist also nicht ganz weg. Im Gegenteil zu uns. Wir ziehen uns an, zahlen bei Jasmin und verabschieden uns. Aus dem großen matten Glas auf unserem Tisch steigt Qualm empor. Die Kerze ist aus gegangen.


Matthias Bosenick
www.krautnick.de

#08 Eis-Kaffee Riptide

17. Juni 2008


Schon zur Mittagszeit wärmt die Sonne nach einigen eher kühlen Tagen den achteckigen Innenhof im Handelsweg. Chris kümmert sich um Buchhaltung, Papierkram und Formulare, André ist noch auf Shopping-Tour fürs Café. Einen Burger und ein Fladenbrot liefert Chris nach draußen, wo sich die Gäste entspannt unterhalten. Ein paar Poster zu neuen Alben hängen an der Außenwand, von Mudhoney und Gustav. Die Musik dringt leise und dezent aus dem Café nach draußen. So kann der Sommer bleiben.

Auf der Karte stehen seit Anfang Juni auch alkoholische Getränke, außerdem hat das Café donnerstags bis samstags bis 23 Uhr geöffnet. „Das wird trotz der Fußball-EM gut genutzt“, freut sich Chris. „Rotwein und Bier wird getrunken, hier herrscht am Abend auch eine andere Gemütlichkeit als tagsüber.“ In der Passage staut sich dann die Wärme lang genug, dass niemand frieren muss. „Die Leute nutzen das als Starter ins Wochenende.“

Und gucken sogar Fußball. „Tante Puttchen und der Bierteufel haben gemeinsam eine Leinwand aufgespannt“, erzählt Chris. „Unsere Gäste rücken mit ihren Stühlen ein Stück in den Weg und können von hier aus gut gucken.“ Das Spiel der Deutschen gegen Österreich fanden aber alle langweilig. Und à propos Kneipen: Die Lokale im Handelsweg haben jetzt einen gemeinsamen Flyer. „Das haben wir ein bisschen angeschoben“, sagt Chris.

André kommt mit einem Arm voll Speiseeis vom Einkaufen zurück. Seit neuestem haben die beiden auch Eiskaffee im Programm. Die Idee hatte Arni einige Tage zuvor. Er war zum Kniffeln gekommen, ganz abgesehen vom Schallplattenkauf. Praktikantin Lara, die an dem Tag bediente, bekam mit, dass Arni von Eiskaffee sprach, und gab die Idee an André weiter. Kurze Zeit später hatte Arni nicht nur seinen zweiten Kniffel, sondern auch den Prototypen für den Riptide-Eiskaffee vor sich stehen. Einen glücklicheren Menschen konnte man sich kaum vorstellen. Seine einzige Kritik: „Der Eiskaffee ist ein bisschen zu süß.“ André beherzigte den Einwand, wie er sagt. „Wir haben den Eiskaffee ohne Zucker im Programm, und auch in der Veganer-Variante.“

Währenddessen baut Chris die Myspace-Seite des Café Riptide in die Homepage ein. „Ein Fan hat die gestaltet“, sagt Chris. „Deswegen ist es auch okay, dass die Seite ‚Riptide Rules’ heißt – ich selbst hätte es nicht so genannt.“ Jetzt sucht das Riptide auf Myspace ganz viele neue Freunde.

Von der neuen Sigur-Rós-CD erzählt Chris auch. „Die heißt ‚Með suð í eyrum við spilum endalaust’ und soll musikalisch gut sein.“ Übersetzt heißt das ungefähr ‚Mit eurer Begeisterung in unseren Ohren spielen wir endlos’. Am Freitag kommt das Album heraus, die angekündigte Deluxe-Version mit Bonus-DVD und Buch soll im September folgen. „Die hat ein außergewöhnliches Cover, mit vier Jungs, die nackt über die Autobahn springen.“

In der Sonne sitzt Sven, barfuß, Selbstgedrehte rauchend, mit allerlei Papierkram und auf einem Block mit schwarzem Stift geometrische Formen und Figuren zeichnend. „Das mache ich zum Abschalten“, sagt er. Eigentlich sei er Sozialpädagoge und betreue Wohngruppen mit Jugendlichen. „Heute hatte ich eine Sitzung, die war früher fertig, da kann ich ein bisschen in der Sonne sitzen.“ Und entspannen. „Das hat ja auch was Spanisches hier, das erinnert an Urlaub“, findet er. Das mit dem Zeichnen habe er von seinem Großvater. „Der war Kunstmaler, hat aber nie ausgestellt.“ Er selbst sei durch einen Zufall von seinem Chef aufgefordert worden, Berichte über das Leben in Wohngruppen zu verfassen und zu sammeln. „Sonst habe ich meine Texte auch immer in der Schublade verschwinden lassen“, wie sein Großvater es übertragen mit den Gemälden tat. Schreiben und Zeichnen entspannten ihn immer, sagt er. Seine Arbeit mache ihm Spaß. „Ich helfe, Jugendlichen eine Normalität zu geben.“ Jedoch nicht aus einer Chefposition heraus: „Es ist mehr ein Begleiten als ein Führen.“ Für manche sei ihr Problem, das sie haben, ein so großer Lebensinhalt geworden, dass sie es nur unter großer Kraftanstrengung beheben können. „Man kann ihnen das Problem auch nicht einfach wegnehmen, man muss ihnen etwas anderes dafür anbieten, das sie statt dessen ausfüllt.“ Ein guter Tipp, den man auch auf sich selbst übertragen kann. In naher Zukunft steht eine für ihn wichtige Entscheidung an: „Vielleicht bekomme ich einen Festvertrag.“ Das steht zu hoffen.

van Bauseneick
www.krautnick.de

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 15.00 Uhr (Frühstücksbuffet)