#215 Kokosblütenfest

Donnerstag, 21. August 2025

So lautstark, wie die Mauersegler den Sommer ankündigten, verabschieden sie ihn indes nicht: Man muss schon bewusst darauf achten, dass das Kreischen der Luftakrobaten aufgehört hat. Das geschah vor wenigen Tagen, vielleicht zwei Wochen: Irgendwann achtete ich mal darauf, was ich so hörte, und stellte fest: nicht nichts, es sind noch genug andere Singvögel unterwegs, aber die Sounddichte ist jetzt geringer als im zurückliegenden Vierteljahr. Ist das schon Herbst, so mitten im August, im Hochsommer also? Naja: So richtig Sommer war’s ja mal wieder nicht, ein Juli knapp über dem Gefrierpunkt und in feucht, durchbrochen von wenigen schier unerträglichen Hitzeschüben, die sofort wieder vergingen, sobald man bereit war, sich an sie zu gewöhnen.

Wenigstens an ausgewählten Veranstaltungstagen erfreute uns der Sommer auch als solcher – zumindest konnten wir uns am Samstag nicht beklagen, obwohl es mit abnehmender Sonne empfindlich kühl wurde. Uwe hatte nämlich mit Markus eine Ska-Party in Harrys Bierhaus, deshalb konnte er auch nicht dabei sein, als Olli und ich als Rille Elf beim ersten Soziokulturellen Sommerfest am Kufa-Haus die Pausen zwischen den Bands musikalisch überspielten, als Ablöse von Micha vom Verein BS Oldschool; unser erstes Crossover mithin. Unser vierter Mann Günther war nicht dabei, weil er ein Festival besuchte. So wird es Olli ergehen, wenn wir am 4. Oktober im Kufa-Haus den zehnten Geburtstag von Rille Elf begehen – schade, dass das nicht zu viert möglich ist, aber wir werden ihn gebührend zu vertreten versuchen. Zehn Jahre, bloß nicht ans Vergehen der Zeit denken.

Das vergangene Wochenende ist Thema, als ich mich zu Uwe und Henning an unseren MokkaBär-Stammtisch vor dem Riptide setze. Frisch ist es, aber sonnig, und man sieht den umstehenden Platanen bereits an, dass der Herbst naht. Hauptsache, draußen sitzen; so lang es trocken ist und wir nicht bitterlich zu frieren haben, ist das gut so. Unser Tisch könnte sich als zu klein herausstellen: Stefan schlendert etwas entfernt vorbei und deckt sich noch auf dem Wochenmarkt ein, er wird sich gleich zu uns setzen. Von den Fahrradständern aus nähert sich Ulle unserer Sitzgruppe. „Nimm dir’n Tisch und setz dich dazu“, begrüßt ihn Uwe entsprechend. Ulle nickt wissend: „Nimm dir’n Stuhl und zahl den Deckel!“

Auf dem Weg hierher besuchte ich Stassi, das Perückenstudio in der Langedammstraße 10, als neuen Nachbarn des Riptide hier im Magniviertel. Merkwürdig, der Laden ist mir die zurückliegenden fünf Jahre gar nicht aufgefallen, wenn ich mich hier umgeguckt habe. Der L-förmige Raum, den man quasi an der Ecke des Buchstabens betritt, war hell erleuchtet von der Sonne, der Verkaufsraum zweigte nach links und rechts ab, in der Mitte saß Studioleitung Martina hinter ihrem Tresen und telefonierte mit Kunden. „Was kann ich für dich tun?“, begrüßte sie mich anschließend.

Und dann erklärte Martina mir, wo ich mich überhaupt aufhielt, in einem Perückenstudio nämlich. „Wir sind aber kein Einzelgeschäft“, ließ sie mich wissen, „wir sind quasi eine Kette.“ 29 Filialen gibt es von Stassi im Bundesgebiet, gegründet – so würde ich es später im Internet herausfinden – 1949 von Bernd Vieler in Bad Godesberg, benannt nach Magret Vieler, die Stassi gerufen wurde. „Wir behandeln Menschen, die unter Haarverlust leiden“, führte Martina weiter aus. Zumeist beträfe dies Menschen, die an Krebs erkrankt waren und als Folge einer Chemotherapie ihren Haarwuchs eingebüßt hatten. „Der Haarverlust kann auch psychisch oder genetisch bedingt sein, nach einem Unfall oder nach Verbrennungen“, fuhr sie fort. Und betonte: „Wer hier herkommt, bringt eine Geschichte mit – man ist ja auch Psychologe irgendwie.“ Daher sei in ihrem Beruf wichtig: „Du musst dich auf Menschen und Erkrankungen einlassen können, innerhalb von Minuten.“

Von hier aus nahm unser Gespräch eine andere Wendung, denn Martina erwähnte, dass sie in der Nähe vom alten Riptide wohnte, also irgendwo beim Handelsweg, und ich entgegnete, dass mein Wohnsitz am Frankfurter Platz zu finden sei, woraufhin wir uns über gemeinsame Bekannte an beiden Ecken austauschten, und gemeinsame Bekannte hatten wir viele, wie wir staunend und lachend feststellten. Braunschweig ist eben doch eine Erbse. Im alten Riptide jedenfalls war Martina zu Gast, im neuen hingegen noch nicht, da sie nach Feierabend sofort den Heimweg antrete – und ihre Stassi-Filiale sich ohnehin erst seit Juni im Magniviertel befindet, deshalb also kam mir der Name so fremd vor. „Ich war erst in der Münzstraße, gegenüber vom Oberlandesgericht“, erzählte sie, und ergänzte: „Wir haben noch ein Studio in der Sonnenstraße, rechts von dem Italiener“, sie meinte das Restaurant Red Pepper, „das hat die Vanessa.“

Bei Stassi werden Perücken zwar verkauft, jedoch nicht produziert. „Perücken fertigen kannst du in Deutschland nicht mehr bezahlen“, winkte Martina ab. Dennoch sind bei Stassi Maßanfertigungen möglich, „die werden extra hergestellt“. Bei Perücken handele es sich um „Sortimentsware“, erklärte sie, „es gibt tausende Perücken von verschiedenen Firmen“, und zwar „Echt-, formbares Kunsthaar und Mischhaar, Haarteile“, und darüber hinaus auch „Kopfbedeckungen“, fuhr sie mit der Sortimentsbeschreibung fort, und ergänzte, dass nicht jeder ohne Haare dieses Angebot in Anspruch nähme, denn „die nehmen auch Frauen, die nicht erkrankt sind“. Dabei stellte sich für mich heraus, dass der überwiegende Teil von Martinas Kundschaft weiblich ist. Was einen handfesten Grund hat: „Wenn Männer Krebs haben, kriegen sie keine Perücken über die Kasse finanziert.“ Vermutlich, weil man wohl davon ausgehe, dass Haarausfall bei Männern häufig ohnehin ein natürlicher Prozess sei. Anders sehe die Sache indes bei der Altesspanne ihrer Kundschaft aus – vom kleinen Kind bis zur älteren Dame, so Martina.

Anprobieren lassen sich ihre Perücken „mit einer Unterziehhaube“, sagte Martina. Ausgestellt waren in ihrem Studio nur wenige, eine Handvoll Haarersatzteile bedeckten Puppenköpfe an zwei Wänden. „Es ist unhygienisch, wenn man zu viel lagert“, erklärte sie. „Die Ware ist in Kartons, jede einzelne Perücke – und ich mag das nicht, wenn das Studio vollgerummelt ist.“ Entsprechend luftig und hell stellte sich der Raum dar, mit zwei Sesseln gegenüber ihres Tresens und einem Regal mit den genannten Kopfbedeckungen an der anderen Wand. Das für Stassi übliche Stück Kunstrasen an einer Wand gab dem Raum den Corporate-Identity-Akzent. Ein weiteres Regal führt Pflegemittel auf, „speziell für Perücken, durch die verschiedenen Haarsorten“, betonte Martina.

Zudem betonte Martina, dass es sich bei Stassi um einen medizinischen Versorger handelt, was ihr beispielsweise zur Coronazeit erlaubt habe, das Studio überhaupt zu öffnen. Und sie teilte ein ihr wichtiges Anliegen: „Viele Menschen wissen nicht, dass wir eine Krebsberatungsstelle haben, die total super ist, auf dem Hagenmarkt.“ Sie drückte mir einen Flyer in die Hand und umriss einige Aktivitäten des Vereins Krebsnachsorge, etwa Hilfe bei Antragsstellungen, Beratungsgespräche oder allgemeine Unterstützung bis hin zu eigenen Veranstaltungen. Furchtbarerweise habe ich aktuell unter meinen Freunden Verwendung für diese Broschüre, und Uwe wird mir gleich von einem weiteren Menschen aus unseren Kreisen berichten, auf den das zutrifft. Mit dem Flyer in der Hand und einen Kloß im Hals verabschiedete ich mich von Martina. Wir versicherten uns, dass wir uns wiedersehen würden, schließlich überschnitten sich ja unsere Kreise.

Jetzt stehe ich indes im Café Riptide und treffe dort auf Chris und Seija, die eigentlich gerade nach Hause wollen und sich von Dennis an der Theke verabschieden. Die beiden traf ich zuletzt ebenfalls am Kufa- und am Bierhaus. Von meinem nahenden Urlaub berichte ich und dass Andrea und ich vorhaben, ins Rentnerparadies Büsum zu reisen. Seija schwärm vom nahegelegenen Husum und von einer Festivität dort, „irgendeine Pflanze blüht“, sagt sie, und beiden fällt es ein: „Krokusblütenfest!“ Was ich nicht genau verstehe und nachhake: Kokosblütenfest…? Sie lachen und verbessern mich, und wir stellen fest, dass mein Verhörer im Zuge des Klimawandels an Wahrscheinlichkeit gewinnen könnte. Jetzt wollen sie aber das Café in Richtung Zuhause verlassen, kommen jedoch nicht so weit, denn durchs Fenster sehen wir, dass Maren und Arni eilig vorbeiströmen. Unser wildes Klopfen hält sie zwar auf, aber sie betonen, etwas in der Stadt zu erledigen zu haben, und versichern, anschließend ins Riptide zurückzukehren und sich mit an den MokkaBär-Tisch zu setzen.

An den kehre ich nun auch zurück, Annika brachte mir bereits mein Falafel-Fladenbrot, meine Schale Pommes – Henning und Uwe hatten auch schon welche – und mein Wolters. Ernährung ist auch gerade Thema, Henning erzählt, dass seine Tochter zwar lieber Leitungswasser als Apfelschorle trinkt, aber lieber „Duplo statt Salat“ isst. Wofür er abwinkend sogar Verständnis mitbringt: „Früher habe ich auch eine Packung weggeschreddert.“ Eine ganze Packung gleich? Respekt! Für Ulle kein Ding: „Das schaffe ich heute noch, aber es geht nicht mehr weg – 100 Gramm Schokolade essen, aber ein Kilo zunehmen!“ Für Stefan ist das mathematisch klar: „Das potenziert sich!“ Henning hingegen erzählt, dass er zuletzt sechs Kilo abnahm und nun wieder zunehmen müsse. Das macht uns natürlich sauer, so ein Luxusproblem. Zunehmen müssen! Dazu fällt Ulle ein, wie er mal mit Sabine im gewöhnlich als lieblich apostrophierten Taubertal an einer Fastenkur teilnahm, ausgerechnet dort, wo ringsum überall das Essen so lecker sei, und dass bei den regelmäßigen Gruppenwanderungen stets und immer leckere Rezepte das bestimmende Thema waren. Henning versteht: „War also ‘ne Sado-Maso-Tour.“

Als ich bei Annika mein nächstes Wolters bestellen möchte, weist sie mich darauf hin, dass es im Riptide jetzt das Flausch-Bräu gibt. Stimmt, hab ich bei Instagram gesehen: Marc und seine vier kunterbunten Buppets ließen sich von der National-Jürgens-Brauerei erneut ein eigens Bier brauen, mit plüschblauem Etikett. So ein Bier möchte ich natürlich probieren, und Annika bringt mir eines. Stefan ist neugierig und schließt sich meiner Bestellung an. „Die National-Jürgens-Brauerei hat letztes Jahr auch ein Filmfest-Bier herausgebracht“, sagt er. Stimmt, eines mit dem gelben Etikett bekam ich auch in die Finger. Ob es dieses Jahr auch wieder eines geben wird, weiß der Filmfest-Mitgründer nicht, aber: „Das werde ich spätestens beim Preview herausfinden.“ Das dürfte wieder Ende September stattfinden, das Filmfest im November dann.

Henning geht, dafür setzt sich jetzt die erwähnte Sabine auf seinen Platz, und auch Maren und Arni kehren von ihrer Sachenmachentour durch die Stadt zu uns zurück. „Wir haben Pommes-Hunger“, stellt Maren fest und gibt bei Dominik, der im Wechsel mit Annika die Tische umkreist, eine entsprechende Bestellung auf. Maren und Arni nahmen mich vor zwei Wochen mit nach Hamburg ins Hafenklang, denn Sleepytime Gorilla Museum traten dort auf, die ich erst durch die beiden überhaupt kennengelernt hatte und ihnen sofort verfallen war. Als Vorprogramm hatten die Gorillas ihr Nebenprojekt Faun Fables dabei, von dem ich ebenfalls Musik im Regal stehen habe, als Folge meiner Recherchen; Nebenprojekte gibt’s nämlich zahllose. Für Hamburg hatten die Kalifornier einen weiteren Support gebucht: Hydrahelia, bestehend aus Bassist Tim Dahl und Tänzerin Azumi O E. Tim Dahl – irgendwas sagte mir das, und zurück zu Hause stellte ich fest, dass ich den New Yorker bereits auf LP habe, nämlich auf einer der vielen „Collaborations“ mit Zauberschlagzeuger Jörg A. Schneider, und lustig, zufällig trage ich heute ein T-Shirt von Jörgs alter Noiserock-Band Les Hommes Qui Wear Espandrillos, die ich vor über 30 Jahren auf dem Roskilde Festival erstmals sah.

Von Sleepytime Gorilla Museum jedenfalls sind wir immer noch kräftigst überzuckert. Ich erzählte den beiden auf dem Hinweg, dass ich in Braunschweig nur noch eine Person kenne, die die Band ebenfalls kennt und mag, und natürlich, Björn alias Mandolinenterror war auch da, allerdings in Berlin, wie er am Samstag beim Kufa-Fest berichtete. Auch er strahlte noch ob des Erlebten. Und für nachher habe ich noch die Krautnick-Rezension zu „Counterclockwise“ vorbereitet, der Doppel-LP von Faun Fables, die ich in Hamburg nach dem Konzert erwarb und zu der mir Bandchefin Dawn McCarthy darob erfreut einen zusätzlichen Sticker in die Hand drückte. Was für zugängliche Leute, diese Gorillabande!

Noch bevor es ansatzweise dunkel wird, was ja auch schon wieder deutlich früher einsetzt, als es mir lieb ist, wird es kühl. Unsere Tischgemeinschaft hebt sich auf, zum Zahlen gehe ich ins Café, nicht nur das viele Plüsch begleichen, und treffe dort auf Anthea, die ich nach vergangener Woche gar nicht erwartet hätte, denn da hatte sie eigentlich ihren vorletzten Einsatz im Riptide und ich war davon ausgegangen, sie hier so schnell gar nicht mehr zu sehen zu bekommen. Also verabschieden wir uns ein zweites Mal und versichern uns, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Gute Reise dir!

Matthias Bosenick

www.krautnick.de
Fakebook
www.rille-elf.de

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