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#160 Pure Vernunft darf auch mal siegen

18. Januar 2021


Samstag, 16. Januar 2021

Dies ist der erste Arbeitstag für Chris in diesem neuen Jahr, oder besser gesagt: der erste Öffnungstag für das Café Riptide, denn untätig war Chris seit den Feiertagen nicht, seit er und Koch Nico das Café in die virusbedingte Pause schickten. Ab heute öffnen sie es bis zum Ende des gegenwärtigen Lockdowns jeweils samstags von 16 bis 19 Uhr, damit Kunden vorbestellte Burger oder Schallplatten abholen können. Alles unter „strikter“, wie Chris betont, Einhaltung der offiziellen Auflagen, nicht allein, um Bußgeldern vorzubeugen, sondern aus Überzeugung, das Virus nicht verbreiten zu wollen. „Ich unterstütze mit dem Riptide die Zero-Covid-Kampagne“, sagt Chris. Denn: „Wir hatten gerade fünf Monate geöffnet, dann wieder zu“; das sei zu vermeiden gewesen, mit konsequenten Maßnahmen. Plattenbestellungen indes sind derzeit ausschließlich telefonisch oder per Email möglich, denn der Webshop ging kürzlich offline, weil er veraltet war und derzeit, wie die gesamte Webseite des Café Riptide, überarbeitet wird. Doch werde der Webshop wohl erst nach der Webseite fertig, und „nicht mehr im Rahmen des Lockdowns, leider“, bedauert Chris.

Wir treffen uns bereits eine Stunde vor der offiziellen Öffnung, sitzen maskiert an entlegenen Tischen im Erdgeschoss und tauschen Neuigkeiten aus. Das Telefon unterbricht uns, Chris nimmt den Hörer ab und eine Bestellung entgegen. „Ja, ist alles vegan“, sagt er. Die Tische sind mittels Plexiglasspuckschutz abgetrennt, einige stehen kopfüber übereinander, auf ihnen tummeln sich Schraubendreher verschiedenster Größe und Schlitzart und die von Chrisse Kunst gestalteten Tischlampen. „In einer wertigen Pappbox, da ist der Burger drin und die Pommes“, antwortet Chris dem Anrufer. „Die Chips waren nur eine Notlösung, weil wir noch keine Fritteuse hatten.“ In die investierte Chris nämlich im Zuge des Umzuges vom Handelsweg ins Magniviertel. „Bar und mit Karte“, bestätigt er dem Kunden. „Bis später!“

Mit dem schnurlosen Telefon in der Hand kehrt Chris an seinen Platz zurück. „Wir sind hier, arbeiten“, erzählt er, „aber seit Dezember nicht mehr mit Gästen.“ Aber „hinter den Kulissen“ gab es hinreichend zu tun, „ich war wochenlang allein hier“. Er holt aus: Bis das Riptide am Pfingstwochenende Anfang Juni im Magniviertel an den Start ging, hatte das Team vorrangig all das erledigt, das für den reibungslosen Ablauf erforderlich war; „alles nicht Lebensnotwendige“ beförderte man „erstmal in die Ecke“, sagt Chris. Und all das Liegengelassene holte er in den zurückliegenden Wochen nach. Außerdem versah er die Platten in den Boxen mit neuen Hüllen, „alle, ich habe 1000 neue Hüllen bestellt, alles komplett sauber, schön gemacht“, und dabei gleich die Fächer ausgewischt, neue Genre-Fächer eingerichtet, neue Bandfächer ebenfalls, „oh, ich habe drei Refused-Platten, die bekommen ein eigenes Fach“, sowie einige Second-Hand-Platten aus dem Lager neu einsortiert und damit die Fächer aufgefüllt. Für keine Kunden derzeit zwar, aber für die nächsten, die wieder stöbern dürfen. Die entdecken dann auch die neue Doppel-10“ der Müller-Verschwörung, „Artfremd an verschiedenen Orten“; das erste Album unter dem neuen Namen und mit Roland Kremer als Sänger, und überhaupt wie schon zu Platemeiercombo-Zeiten wieder mit einem gerüttelt Maß tiefsinniger Ohrwürmer.

Einen kleinen Dachboden richtete Chris zudem ein, „da habe ich Sachen hochgeräumt, um Platz zu schaffen“. Einige „bauliche, optische Sachen“ erledigte er außerdem, übermalte die ersten Tags in den Toilettenräumen, gab dem Treppengeländer neuen Lack und montierte im Rollstuhl-WC einen eigenen Handtuchhalter sowie im Café neue Regale. „Klitzekleinigkeiten“, befindet Chris. Und grinst, ich möge doch im ersten Stock mal an dem Wandvorsprung mit dem aus dem alten Riptide vertrauten Tapetenrest gucken, gleich neben den Spielen. Dort erblicke ich eine Kuckucksuhr, und Chris grinst nach meiner Rückkehr an den Tisch noch mehr. „Die ist original aus den Neunzehnhundertsechzigern, von meinen Großeltern“, erklärt er. „Der Kuckuck geht nicht mehr, es macht nur ‚klack‘, ich muss sie noch zu Reparatur bringen.“ Einige Jahrzehnte lang war sie unbenutzt, jetzt hat sie einen besonderen Platz, der zudem einen Link zu einer anderen Kultureinrichtung legt: Im Nexus schmücken ähnlich gemusterte Tapeten die Wände und eine Kuckucksuhr dekoriert die Bühne. Das passt umso mehr, als Chris an der Gestaltung des Nexus‘ damals beteiligt war. Dabei fällt mir die Geschichte ein, die die Nexus-Leute Henrik und mir nach einer Indie-Ü30-Party erzählten, dass nämlich bei einem sehr lauten und heftigen Konzert mitten zwischen zwei Stücken der Kuckuck in die für alle unerwartete Stille hinein laut rief. Eine Denkwürdigkeit für alle Beteiligten.

Außerdem erhielt ein ganz besonderer Mensch eine besondere Aufmerksamkeit: „Unser Dirk hängt im Treppenaufgang im Rahmen“, fährt Chris fort. Jener Dirk starb vor ziemlich genau einem Jahr und hinterließ nicht nur bei Chris eine riesige Lücke im Leben; mir war er aus dem Nexus vertraut. Bislang hatte Chris Dirks Foto auf dem Tresen stehen gehabt, jetzt hat es den vorgesehenen Ehrenplatz.

Den Rechner räumte Chris außerdem auf, strukturierte die Ordner und Ablagesystematik neu, und ihm fällt ein, dass er im Küchenbereich die Regale austauschen musste, die ursprünglichen neuen Gastroregale wurden den Anforderungen nicht gerecht, jetzt stehen Nico und dem Team Lastenregale zur Verfügung. „Solche Sachen“, sagt Chris, und ergänzt „Bestellungen, Emails, Kurzarbeit, Personalverwaltung und Pläne für die Zukunft“. Auch verweist er auf das Logo, das endlich an den Fenstern prangt, was heute, sobald er die Jalousien hochzieht, von den ersten Kunden des Jahres erstmals gesehen wird. Das bestellte Logo über der Tür indes ist noch nicht fertig, weil es gesundheitliche Verzögerungen bei der Firma gab, die sich zudem mit dem erforderlichen Material verschätzte. „Jetzt habe ich eine Malerfirma beauftragt“, sagt Chris, und die wird tätig, sobald es das Wetter zulässt. Dann steht der Name des Cafés wieder über der Tür, ganz wie es im Handelsweg war.

Nur noch wenige Momente, und Chris öffnet diese Tür wieder. „Ich bin richtig aufgeregt heute“, sagt Chris. Und betont: „Hygieneregeln einhalten bleibt.“ Und noch etwas fällt ihm ein, denn auf Facebook und Instagram hat das Riptide einen neuen Anstrich bekommen, visuell gestaltete Texte sind mit einem weißen Rahmen und mit einer Tapete als Hintergrund versehen, „alles gestaltet von einer hausinternen Mitarbeiterin“, Madeline nämlich, „die das studiert hat“, so Chris. Der neue Vermieter teilte ausgewählte Beiträge vom Riptide sogar auf seinen eigenen Kanälen, berichtet Chris, und befindet erleichtert und grundsätzlich: „Das ist eine schöne, angenehme Zusammenarbeit mit dem Vermieter.“

Mit dem Team ist es dies aber auch, deutlich spürbar: Mike kommt ins Riptide, um sich einige Personalunterlagen abzuholen. Er ist gelernter Koch und Teil des Küchenteams, nur zurzeit in Kurzarbeit, und Chris sichert ihm sämtliche mögliche Unterstützung zu. Mike dankt und betont, dass es ihm gutgehe, und das ist Chris wichtig. Für den Chef ist die Situation nicht einfach, er weiß auch, wie es seinem Team geht, doch er blickt nach vorn. „Es ist wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt er, „und gucken, was man machen kann.“ Auch, wenn keine Gäste zugelassen sind. „Ich will nicht nach drei Monaten aufmachen und sagen: Ach, hätte ich mal die Wand gestrichen.“ Und auch nicht „zu Hause sitzen und depressiv werden“, sondern „für einen Rhythmus sorgen“. Über die Feiertage sei ihm bisweilen entfallen, welcher Wochentag war: „Alles verschwimmt.“

Beim Bezahlen meiner Bestellungen, als erster Kunde des neuen Jahres also, fällt mir ein, dass ich las, dass das Subway Chris interviewte. „Das Subway hat mich gefragt zur Situation“, bestätigt Chris. „Und in der Braunschweiger Zeitung hatten wir sogar eine ganze Seite“, setzt er nach. „Weil wir jetzt ein Restaurant sind, wollten sie von uns ein Winterrezept haben – ich habe Nico gefragt, er hat für sie gekocht und sie haben drüber berichtet.“ Und zwar gab es: „Haferbratlinge mit Wurzelgemüse, Rote Bete, Kartoffelstampf und Portwein-Maronen-Soße.“ Mir läuft das Wasser im Munde zusammen und ich nehme wenigstens zwei Muffins für zu Hause mit. Da ich in diesem Moment nämlich offiziell Kunde bin, habe ich dem Hygieneregularium zufolge das Riptide nach dem Begleichen meiner Rechnung unverzüglich zu verlassen. Wir verabschieden uns herzlich, Chris entlässt mich auf den Magnikirchplatz und der zweite Kunde wartet auch bereits auf Einlass.

Da stehe ich also nun auf dem Magnikirchplatz und sehe ringsum nur geschlossene Lokale und Geschäfte. Neue Nachbarn kennenzulernen, dürfte unter diesem Umständen etwas schwierig werden. Auf gut Glück gehe ich in Richtung Osten, weil ich ahne, dass ich gut Glück haben würde, und in der Tat, das House Of Sweets verkauft im weitesten Sinne Lebensmittel und ist deshalb befugt, geöffnet zu haben. Hier war ich weit vor Weihnachten schon und deckte mich mit weißen Reese‘s und Apfelstrudel-Twix ein, und dieser Vorrat hält noch an. Dessen ungeachtet bin ich einmal mehr erschlagen von dem Angebot hier. Freudestrahlend sitzt Kimberly an der Kasse des verwinkelten Geschäfts und berichtet von jenem in einer ansteckenden Begeisterung, die sich eigentlich nur in Schokolade nachvollziehbar ausdrücken lässt. „Seit Anfang November bin ich hier, aber den Laden gibt’s schon seit 2018 im Magniviertel“, erklärt sie. Seit vergangenem Jahr gibt es außerdem eine Zweigstelle in Hannover, „da hat ein 100-Quadratmeter-Laden eröffnet“, und außerdem einen nicht minder gut besuchten Onlineshop.

Nicht nur Kimberly ist begeistert vom House Of Sweets, auch unter ihren Freunden ist der Laden heißbegehrt, erzählt sie, nicht zuletzt, weil Sido auf Youtube in seiner Show „Zuhause mit Sido“ zeigte, wie er „im ersten Lockdown“, so Kimberly, eine Süßigkeitenbox aus diesem Hause entgegennahm. „Sido allein zu Haus“, sagt Kimberly, und erläutert, dass der Rapper in der Sendung jeweils einen Gast zu sich einlud, in diesem Falle Deniz, einen der drei Gründer von House Of Sweets, der als „Mr. Sweet“ selbst einen eigenen Instagram-Account betreibt. „Sido hat eine Überraschungsbox von uns bekommen“, berichtet Kimberly. „Seitdem sind wir bekannt.“ Ein weiterer Star, der hier öffentlichkeitswirksam einkauft, ist Senna Gammour von der „Popstars“-Castinggruppe Monrose: „Mit ihr arbeiten wir zusammen, sie promotet uns“, strahl Kimberly.

Der Erfolg ist: „Die Leute stehen auch ohne Lockdown Schlange“, freut sich Kimberly. Während des Lockdowns ist es, wie auch heute, nur zwei Haushalten gestattet, sich gleichzeitig in dem Laden aufzuhalten; einen dieser Plätze nehme ich bereits weg, vor der Tür warten zwei Jugendliche geduldig, eine junge Familie stöbert bereits im kunterbunten Angebot. Kimberly weiß: „Die Laufkundschaft fehlt“, deshalb ist diese Schlange zurzeit kürzer.

Ins Riptide nun hat es Kimberly noch nicht geschafft; den einzigen bisherigen Versuch vereitelte der Umstand, dass das Café voll besetzt war. Aber: „Ich bin für einen Freund hergezogen, der war im Riptide, und ein Freund von ihm hat da gearbeitet, in der Küche.“ Hergezogen heißt, dass Kimberly „eigentlich“ aus Hamburg kommt, das zurückliegende Jahr aber in Mannheim verbrachte, „ich habe da als Promoterin gearbeitet“, und nun eben klassisch der Liebe wegen in Braunschweig lebt. Seit Anfang 2020 verbringt sie ihre Wochenenden hier und seit Mai ist sie Bürgerin. Sie grinst: „Braunschweig ist immer noch näher an Hamburg als Mannheim, das hat gut geklappt.“ Nicht nur das freut sie: „Ich hatte Braunschweig nicht auf dem Schirm, aber es ist eine schöne Stadt.“

Die Kundschaft wechselt, Kimberly bedient vergnügt, und mich interessieren nach dem Bezahlvorgang endlich die drei Gründer des House Of Sweet. Von Deniz weiß ich bereits, und Kimberly erklärt, dass alle drei Cousins sind, Tahir, Sahin und eben Deniz, und sie zeigt mir deren Porträts als Wandmalereien im Geschäft. „Sie sind viel um die Welt gereist“, sagt sie, „sie haben keine Weltreise gemacht, sind aber viel um die Welt gekommen und haben verschiedene Süßigkeiten und Geschmäcker kennengelernt und sich entschieden, den Laden zu eröffnen.“ Einen vergleichbaren Laden „mit so einer Auswahl“ kennt Kimberly in Braunschweig nicht. Das wird stimmen, überall stapeln sich Tüten, Dosen, Schachteln, mit Aufdrucken in den exotischsten Sprachen und Schriftzeichen, es gibt Banana-Twinkies, irgendetwas Japanisches mit Pokémons drauf, Cerealien sogar von Reese’s, Schokoriegel, Getränkedosen, Weingummi, und irgendwo blickt auch Harry Potter aus den Massen an Leckereien hervor. „Die Leute kommen her, haben im Ausland gelebt oder waren im Urlaub und suchen Lakritz aus Finnland, sie fragen explizit nach Süßigkeiten aus demunddem Land“, sagt Kimberly, und vermittelt, wie diese Kunden sich dann freuen, wenn sie hier fündig werden.

Nun werde ich aber dem zweiten Haushalt, der draußen bereits wartet, den Platz freiräumen und versichere, dass ich wiederkomme, sobald das heimische Schokoregal etwas geleert ist. Kimberly verabschiedet sich so strahlend, wie sie von Süßigkeiten schwärmt: „Das erste, was ich gehört hab, als ich nach Braunschweig kam: Riptide.“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#159 Sankt Riptide

10. Dezember 2020


Freitag, 4. Dezember 2020

Das Magniviertel ist festlich geschmückt, es ist Adventszeit, es geht auf Nikolaus zu, quer zwischen Häusern aufgespannte Lichterketten erhellen die Straßen, mit Kugeln, Tand und Tinnef versehenes Nadelgehölz fristet ein entwurzeltes Dasein hinter Fenstern – typische Vorweihnachtszeit also, wäre da nicht der Umstand, dass die hetzenden Kunden diesen Spätherbst maskiert sind und dass sie ihre Pausen nicht wie sonst in Gastronomieeinrichtungen verbringen können. Denn noch immer hat das Virus die Welt im Griff und dieser Tage noch viel heftiger als im Frühjahr. Nicht nur Pflegepersonal und Intensivstationen sind davon betroffen, auch der Rest der Gesellschaft ist einem Umgang mit der Pandemie unterworfen, der die Normalität aufbricht und immerhin die meisten Menschen behutsam und erfinderisch sein lässt.

Behutsam und erfinderisch richtet sich auch Chris darauf ein, den Betrieb im Café Riptide nicht zum Erlahmen zu bringen: Essen und Getränke gibt es zum Mitnehmen, Platten auf Bestellung sowie Zeit, im Laden zu stöbern, nur für höchstens zwei Kunden gleichzeitig. Für heute sind wir verabredet, nach seinem und meinem Feierabend, um das Jahr reflektiert ausklingen zu lassen. „Wir haben den ersten Glühwein ab heute“, begrüßt mich Chris. Das Café schließt sich mit seiner stimmungsvollen Beleuchtung an die vorweihnachtliche Variante im Viertel an, nur dass das Stimmungsvolle im Riptide nicht zwingend jahreszeitengemäß, sondern permanent gegeben ist: Gedimmte Lichter, warme Atmosphäre, und nun zum Außer-Haus-Verzehr also auch Glühwein, den Chris und Chefkoch Nico anbieten, „handgemacht“, wie Chris betont.

Neben den Platten liegt ein Karton mit dem Cover von „The Number Of The Beast“ von Iron Maiden, der meinen Blick ablenkt, und darin ist mitnichten die Vinyl-Version als Special Edition enthalten, sondern ein Puzzle. „Als Geschenk“ gehen die zurzeit gut, sagt Chris. Er weist darauf hin, dass diese Puzzles nicht eben leichter sind als herkömmliche, nur weil da Plattencover drauf abgebildet sind, und deutet auf die vielen Flammen auf dem Motiv, ebenso wie bei „Seasons In The Abyss“ von Slayer. Die „Seventh Son Of A Seventh Son“ von Maiden kaufte kürzlich auch jemand, und Chris weiß um die Schwierigkeit dieses Motives: „Alles blau!“

Daneben errichtete Chris einen Aufsteller mit Holzrahmen, die ein Tischler, der anonym bleiben möchte, als Spende anfertigte. Auf dem Bild in den Rahmen sieht man Mr. Spock, mit dem vertrauten Spruch „Live long and prosper“ versehen, von dem Chris findet, dass er sehr gut in diese Zeit passe. Diese Rahmen sollen nach Vorstellung des Spenders für zwischen zehn und 20 Euro in frei gewählter Höhe verkauft werden, zugunsten des Fortbestands des Café Riptide.

Wir betreten das erste Geschoss, schlendern ganz nach hinten, an die Fenster zur Straße. Chris setzt sich aufs Sofa, das Sofa, das schon im Handelsweg einen solch exponierten Platz hatte, und ich mich ihm gegenüber. Den schmerzlichen Gedanken, der sich jetzt einstellt, möchte ich gar nicht vertiefen: Ich hatte mich darauf gefreut, im Winter genau hier in der Sofaecke zu lümmeln, Kaffee zu schlürfen und auf die womöglich indigoblaue Dämmerlichtstraße zu blicken. Geht alles nicht, und wir wissen, warum; ich genieße es daher jetzt in diesem Augenblick, Chris dort vor der roten Wand und unter der matt leuchtenden Lampe sitzen zu sehen, als wäre alles normal. Für eben diesen Augenblick ist es das auch: Es ist urgemütlich im neuen Riptide, ein schöner Ausblick auf das, was kommt, sobald es dereinst möglich ist.

Üblicherweise quetsche ich Chris aus, nach Neuigkeiten rund ums Café, aber für dieses Mal dreht Chris den Spieß um und befragt mich; daraus ergibt sich ein Gespräch, bei dem Fragen und Antworten verwischen, alles fließt. Chris‘ erster Gedanke betrifft meinen Umgang als „kulturaffiner Mensch“ mit dem Umstand, dass „Kultur, Konzerte, Kino, Partys, Menschen, Massen“ in diesem Jahr wegfielen. Zunächst hoffe ich inständigst, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein wird, und gehe also davon aus, dass das von mir so gern wahrgenommene von Chris skizzierte Leben sich bald wieder einstellen kann. Dafür, dass sich eine Pandemie nicht weiter ausbreitet, nehme ich es in Kauf, darauf zu verzichten. Zudem bin ich auch ohne all das nicht komplett ohne Kultur: Ich lese Bücher, kaufe und höre Platten, gucke mir gelegentlich sogar Filme zu Hause an, und außerdem ergaben und ergeben sich neue Möglichkeiten, Kultur wahrzunehmen oder auch anzubieten. Die Indie-Ü30-Party beispielsweise verlegten wir Dank Claudy Soundschwester vom Nexus auf Radio Okerwelle, was ohne die Einschränkungen vermutlich gar nicht erfolgt wäre; dort sind wir am 9. Februar wieder zu Gast. Und mit Rille Elf hatten wir viermal die Gelegenheit, draußen aufzulegen, zweimal mit den Stadtfindern beim Lichtparcours und zweimal am Strand von Harrys Bierhaus. Dort schlug uns jeweils eine so erhebliche Dankbarkeit von den Gästen entgegen, dass man glauben kann, dass ein Ausdünnen an Programmen die Menschen offenbar sensibilisierter für kulturelle Angebote an sich macht.

Und einige Aufträge – etwa meine Interviews für das Kurt-Magazin oder für Dein Wolfsburg – ließen sich unkompliziert telefonisch erstellen, was im Falle von Kurt ohnehin die Regel ist. Ebenso unbeeinflusst sind die Fotoaktionen, wenn Andrea und ich Veranstaltungsflyer in Szene setzen; das geschieht ohnehin zu zweit. Auch meine Rezensionen für Krautnick setzte ich ungebremst fort, schließlich veröffentlichten Leute wahlweise trotz oder gerade wegen Corona unablässig neue Musik. Sehr umtriebig sind da meine virtuellen Freunde rund um Anton vom Moskauer Label addicted/noname, die mich zudem im April zu einer Online-Video-Radio-Show einluden – was ein Spaß mit solch sympathischen Leuten!

Authentizität als Rezensent ist Chris und mir wichtig, nicht schlichtes Lobhudeln um der Plattenfirmen willen oder gar einfach den Waschzettel abschreiben. Chris trägt nämlich seit Jahren Rezensionen fürs Subway bei, und dort bestätigte man ihm, dass er eine Platte auch verreißen dürfe, wenn dies seinem Empfinden entspräche. Auch als Plattenverkäufer nehme er sich dieses Recht, und ich denke, dass ich ihm dann als Kunde auch noch mehr vertraue, wenn ich weiß, dass er in seinen Empfehlungen ehrlich ist. Damit hat das Riptide als Plattenladen eine Qualität, die Chris auch bestätigt bekommt: Ein Kunde aus Berlin, aus Berlin!, etwa attestierte dem Riptide eine zwar kleine, aber ausgezeichnete und geschmackssichere Auswahl, nicht so willkürlich wie bei ihm daheim, die sicherlich dem etwas geringeren Platz geschuldet ist, aber auch Chris‘ Expertise zur Grundlage hat. „13 Jahre sieben“, sagt Chris und wirft damit zunächst ein Rätsel auf; er vergenauert, dass er den Bestand an Platten im Laden nach 13 Jahren mal aussieben will, um die Qualität seines Angebots noch weiter anzuheben.

Auch Chris profitierte von den Möglichkeiten, die das Streaming als Alternative zur Bühne anbot, etwa mit dem Benefizkonzert auf Instagram, stellt aber wie ich fest: „Es fehlt etwas.“ Ebenso bei den Autokonzerten, die im Sommer stattfanden: „Es ist das Ende der Kultur, aber besser als nix.“ Das Miteinander als Publikum vermissen wir dabei beide. Ein nicht vorhandenes Publikum kann aber auch Druck nehmen: Als Henrik und ich für die letzte Indie-Ü30-Party ausschließlich Songs spielten, die wir noch nie zuvor im Programm hatten, mussten wir keine leere Tanzfläche fürchten, weil ein Song vielleicht mal nicht zündete. „Wie war das?“, fragt Chris, und ich stellte fest, dass ich diese Party für mich wieder frisch und neu entdeckte, weil wir natürlich im Nexus ansonsten viele Hits wiederholten, weil wir wissen, dass sie gewünscht sind und erwartet werden, und weil wir uns auch als Dienstleister auffassen, die sich selbst wünschen, dass die Leute zufrieden nach Hause gehen, und uns dann mit ihnen über Songs freuen, die wir so gut wie immer im Repertoire haben. Jetzt erweiterten wir jenes Repertoire um 40 Songs, bei denen sich einige Hörer und wir selbst fragten, wie wir all die Jahre nur ohne sie ausgekommen sein konnten. Dabei war es ohnehin bei jeder der 27 Partys mein Wunsch und Vorgehen, mindestens ein halbes Dutzend für uns neue Songs einzubauen. Und so erlebten Henrik und ich also nach 13 Jahren die Party nochmal neu – und überlegen nun, nächstes Mal bei Radio Okerwelle als Steigerung nur Songs zu spielen, auf die wir selbst Bock haben, unabhängig von ihrer Partytauglichkeit.

Das Internet als Kulturersatz stellt sich Chris und mir zwar als willkommene Option dar, aber nicht als langfristig wirkungsvoller Ersatz. Und Chris kennt Beispiele dafür, wie das Leben auch ohne Internet funktioniert: Als er kürzlich einem Gast, der ein sich ein besonderes Heißgetränk zur Mitnahme wünschte, eine von Nico gemixte Lebkuchenbombe in die Hand drückte, sprach sich dies „von Mund zu Mund“ im Viertel so weit herum, dass noch an dem Tag ein halbes Dutzend Gäste danach fragte – und die Lebkuchenbombe jetzt offiziell auf der Karte steht.

Und auch, wenn der Beschränkungen wegen zurzeit weniger Kundschaft zu bedienen ist, hat Chris zu tun, nicht nur die Karte erweitern: „Sachen streichen, ein Regal bauen, das nicht zur Eröffnung fertig geworden ist, LP-Hüllen austauschen, alt gegen neu“, zählt er auf. „Da hätte ich sonst nicht die Zeit für“, sagt er, und sinniert mit Blick auf die Lage: „Was Positives draus machen.“ Seine Mitarbeiter sind bis auf Nico in Kurzarbeit, aber Chris hält regelmäßigen Kontakt zu allen, fragt wie es ihnen geht. „Das Team findet sich“, sagt er, „das sind alles tolle Leute, ich will es beisammenhalten, und ich hoffe, dass es ihnen wirtschaftlich und privat gutgeht.“ Was für ihn seit dem Umzug neu ist: Er hat erstmals Vollzeitkräfte eingestellt, und da ist die Personalplanung ganz anders. Dafür hat er aber Spezialisten im Team, an die er Aufgaben verteilen kann, wie Urlaubsplanung, Vertretungsregelungen und ähnliches.

„Die Pandemie lässt uns neue Wege finden“, bemerkt Chris gesamtgesellschaftlich. Etwa, wie Firmen mit Zoom-Konferenzen und Homeoffice Geld einsparen können, ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen. Bedenken hat er bezüglich der „mentalen Gesundheit“, die womöglich erst in einigen Jahren offenbart, „was es mit den Menschen gemacht hat“. Was bis vor einem Jahr selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr. Online-Kauf etwa, fährt Chris fort, sei eine Gefahr für Plattenläden, und er bedauert dies nicht nur als Plattenhändler, sondern auch als Kunde: „Ein Plattenladen ist ein Ort der Kommunikation.“ Beispielhaft berichtet er von zwei Kunden der jüngeren Zeit, von denen einer die Band Waving The Gun suchte und der andere Pink Floyd, und die sich beide über den Geschmack des anderen freuten und darüber ins Gespräch kamen. Natürlich ist so etwas auch online möglich; ich erinnere an die Whatsapp-Gruppe, die Ollo eigentlich für die Stammkunden seines Café MokkaBär ins Leben gerufen hatte, um Veranstaltungen zu teilen, und die wir jetzt wöchentlich nutzen, um uns an unserem Stammtag virtuell zu treffen. Immerhin dies, aber wir wissen, dass das eben nur eine temporäre Lösung sein kann, kein Ersatz, nur eine Alternative. Chris und ich sprechen über den Record Store Day, doch dann hat er ein dienstliches Treffen, und er beschließt unsere herzliche Zusammenkunft mit: „Plattenladentag ist für mich jeden Tag.“

Eigentlich würde ich jetzt das Gespräch mit anderen Gästen suchen, wie ich es im Dezember traditionell unternehme, um allen dieselbe Frage zu stellen, jährlich eine andere. Da dies bekanntlich in diesem Dezember nicht möglich ist, wir aber in Zeiten hoher Technisierung leben, greife ich auf das Internet zurück, wie so viele seit Anbeginn der Pandemie. Ich erinnere mich, wem ich in diesem Jahr im Riptide begegnete, geplant und ungeplant, und von wem ich elektronische Kontaktdaten habe, und schreibe sie alle einzeln an, mit der Erläuterung meines Vorhabens und der Bitte, etwas dazu zu verfassen und mir zukommen zu lassen. Meine Absicht ist dabei etwas zweischneidig: Mir ist bewusst, dass wir in Zeiten einer lebensbedrohlichen Pandemie leben, mir liegt es fern, das Leid Infizierter oder Angehöriger kleinzureden. Mein Anliegen ist es, Mut zu machen, zu ermuntern, den Blick auf das Gute zu richten. Deshalb stelle ich allen Angeschriebenen meine Frage:

Was war 2020 für Dich trotzdem gut, welches Positive wäre Dir ansonsten vielleicht nicht möglich gewesen?

Chris und ich thematisierten dies in unserem Gespräch schon, jetzt seid Ihr dran. Danke Euch allen, die Ihr mir antwortetet! Auch denen, deren Replik derart persönlich ausfiel, dass sie sie zwar gern an mich richteten, aber nicht für die Öffentlichkeit vorsahen – das weiß ich zu schätzen und zu schützen. Ich freue mich, die gesammelten Antworten hier wiederzugeben, und zwar wertfrei sortiert nach Posteingang in meinem Email-, Facebook-, Instagram-, Signal- oder Whatsapp-Fach:


Sascha

Hej Matze,

was war für mich positiv im Jahr 2020? Gar nicht so einfach weil, um einen herum so viele negative Vibes herrschen. Im Hintergrund betrachtet, hat mich meine Arbeit als Krankenpfleger hart angestrengt mit all den neuen Anforderungen und lässt mich heute sogar manchmal mit einem Berufswechsel gedanklich spielen (weil „Beifall klatschen“ einfach nicht reicht). Klar, alles nötig, alles nachvollziehbar, aber alles eine schier unendliche Belastung, die nicht einfach für unsere gesamte Familie ist. Vor allem mental bis an die Grenzen geht. Darum schwanke ich manchmal und lebe vom Mut machen der Familie, Freunde und natürlich meiner Partnerin und letztendlich meiner Kinder.
Was hat mit Mut gemacht?
Ich könnte eher fragen, warum war ich so mutig? Ich habe mich in dieser wilden verrückten Zeit im April/Mai diesen Jahres selbstständig gemacht, und das war nur möglich durch das Mut machen und das Unterstützen, das an mich glauben meiner Lieben um mich herum. Seien es die Freunde gewesen, die gesagt haben: Hej mach das, du schaffst das. Oder Sarah, die mich hier schier damit unterstützt hat, mich so zu nehmen, wie ich war… busy, abwesend, gedanklich woanders, eigentlich zu nichts zu gebrauchen, da ich komplett in der Planung und Aufbau meiner Geschäftsidee war. Sie hat das alles verziehen. Ich habe alles vergessen, schrieb hier gefühlte 100 Emails und dort bastelte ich Flyer, machte Fotos, Briefköpfe, Aufkleber, machte hier und dort etwas, war aber nie im Hier und Jetzt und nickte manchmal nur noch, ohne wirklich zugehört zu haben.
Das war bestimmt nicht einfach, dennoch wurde mir das nie negativ geredet. Nein, Sarah hat an mich geglaubt und immer an mich geglaubt, auch, als ich alles hinschmeißen wollte, als ich Muffe bekam. Auch die unglaubliche Hilfe von Lars, ohne den ich es grafisch nie hinbekommen hätte. Er hat alle meine Logos entworfen und selbst gezeichnet, immer und immer wieder. Er und seine Freundin Mellissa haben immer wieder drüber gesehen und verfeinert.
Meine Kids haben mich befeuert, weil sie den verrückten Papa mit seiner Erfindung ermutigt haben.
Mut hat mir gemacht, dass ich Marc kennen gelernt habe, bei Chris im Laden. Neue Freunde, neues lachen. Auch Enno mag ich super gerne und ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe. Beide sind coole Typen, die ich unter anderen Umständen nicht kennengelernt hätte.
Mein familiärer Zusammenhalt hat mit Mut gegeben, klar, der war schon vorher da… aber die Wichtigkeit wurde mir noch einmal deutlicher und eindrücklicher in dieser Zeit. Es wirkt eben nicht mehr selbstverständlich… sondern ich besinne mich darauf, dass es noch besonderer für mich ist, weil man sie hat und es sie gibt und jede Hilfe, jede Unterstützung etwas Besonderes ist.
Durch meine kleine Firma Spachtelkiste habe ich so coole Menschen kennenlernen dürfen, das fand ich 2020 einfach toll und macht mir Mut. Ich habe Geschichten zugeschickt bekommen von Leuten, die mit meiner Mobilen Campingküche kleine Reisen (Coronakonform) angetreten sind und echte tolle kleine Abenteuer erlebt haben und ein kleines Stück heile Welt hatten. Das hat mich unglaublich gefreut. Auch Steph und Martin von Hotzenplotz-Adventures.de, die mich einfach mal zu einer kleinen Messe eingeladen haben, um mir zu zeigen, wie der Hase so läuft und worauf ich achten muss. Mit ihren Tipps und Tricks bin ich nun etwas sicherer unterwegs.
Ich konnte aufgrund dessen, dass die Menschen mein Produkt toll finden und es kaufen, mittlerweile aus der kleinen Garage meines Vaters (vielen Dank nochmal für die Bereitstellung, Senior!) in meine Kreativwerkstatt umziehen. Ein kleiner ehemaliger Schweinestall in Bortfeld. Auch über die Familie organisiert. Wäre ich ohne Family auch wieder nicht weitergekommen…
Andre, den ich immer liebevoll meinen Tischler nenne, ist der Partner meiner Cousine, und nur durch seine Hilfe kann ich mein Geschäft betreiben. Ohne Holz keine Spachtelkisten… auch wieder Familie. Es ist alles ein Kreis und ich weiß nicht, wie es wäre, wenn jemand aus diesem Kreise fehlen würde.
Darum versuche ich, positiv zu denken und gesund zu bleiben… und nie vergessen, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen geht alles irgendwie etwas leichter, sag ich mir. Und wenn ich das mal vergesse, dann sagt mir das jemand von meinen Lieben.


Roberta

Es gab viel Positives in 2020.

Zu allererst, meine Familie, Freunde und ich selbst sind gesund – ich hoffe sehr, dass es so bleibt. Deshalb hier an alle die Bitte: Haltet Euch an die Vorgaben der Bundesregierung. Vermeidet es möglichst, Euch mit anderen direkt zu treffen, geht keine unnötigen Risiken ein, nicht in dieser Zeit. Meine Parole: Einfach noch ein bisschen durchhalten, bitte. Für uns alle.

Das Zweite: Ich leide keinen Hunger, habe ein Dach über dem Kopf und einen Job, mit dem ich meinen Unterhalt bestreite.

Und Drittens: Auch wenn dieses Jahr einiges anders war für mich als die Jahre davor (ich hatte z.B. keine einzige Ausstellung, in 2019 waren es dagegen ein Dutzend) und ich deshalb finanzielle Einbußen hatte, gab es doch auch viele tolle, berufliche Momente: Mein drittes Sachbuch „Die Praxis des Gestaltens“ ist im März erschienen, mein Podcast „Der kreative Flow“ ging weiter und ich hatte sehr tolle Gäste, z.B. Judith Holofernes von „Wir sind Helden“, Regina Kehn und Illute. Ich habe drei Sketchwalks im Rahmen des „Braunschweiger Lichtparcours“ angeboten und insgesamt 30 Leute haben unter meiner Leitung im Freien etwa zwölf Stunden gezeichnet, natürlich unter Einhaltung der Corona-Bestimmungen. Und ich habe mit Hilfe von Startnext und 25 Unterstützern mein erstes Hörbuch „Die Zeitkapsel“ mit eigenen Kurzgeschichten produziert und selbst veröffentlicht (> als CD, gibt es z.B. im Riptide auch als „Take away“ und als Podcast > überall, wo es Podcasts gibt). Und das war auch etwas, das ich ohne Corona-Pandemie nicht umgesetzt hätte (um auf Deine Frage zurückzukommen, lach!): die Vertonung meiner Kurzgeschichten. Denn das war irgendwie eine Art Übersprungshandlung, weil mir im April/Mai einige Jobs weggebrochen waren. Und so konnte ich auch 15 Schauspielern/Sprechern etwas unter die Arme greifen: Sie hatten was zu tun, nämlich meine Geschichten einzusprechen, und ich konnte ihnen eine kleine Aufwandsentschädigung durch das Crowdfunding bei Startnext zahlen.

Insgesamt war 2020 ein mega ereignisreiches und aufregendes Jahr – das, was ich erlebt und gefühlt habe, reicht locker für fünf Jahre (lach!).


Fehime

Ich persönlich konnte der Zeit viel viel Positives abgewinnen. Mit Basti habe ich viel mehr Zeit verbringen dürfen, habe mein/unser Zuhause, ja sogar jeden Winkel unserer Wohnung genießen und den Sommer auf dem Balkon auskosten können….auch neben der Arbeit im Home-Office. Das ist nämlich für mich die zweite positive Veränderung. Bisher war die Arbeitskultur stark von der reinen Anwesenheit geprägt, welche gleichbedeutend mit Leistung und Engagement gesetzt wurde. Dies hat sich aus meiner Sicht in eine ergebnisorientiertere Arbeitswelt gewandelt. Managern der alten Schule ist bewusst geworden, dass eine Zusammenarbeit auf Distanz möglich ist. Ihnen wurde vor Augen geführt, dass Vertrauen in die Mitarbeiter wichtiger ist als deren „Kontrolle“ und physische Anwesenheit.

Des Weiteren hat mir die Zeit mit Corona gezeigt, wie essentiell Freundschaften sind. Mit guten Freunden sind wir emotional enger zusammen gerückt.

Ich weiß nicht, ob unsere Welt nach Corona so sein wird wie vorher. Denn ich stelle fest, neben der neuen Arbeitswelt haben sich neue Produkte und Gepflogenheiten etabliert. Ein gutes Beispiel ist für mich das Thema Urlaub. Früher sind viele von uns – wenn möglich – weit weg geflogen. Das geht nicht mehr so einfach, sodass die meisten im letzten Sommer Deutschland und angrenzende Länder bereist haben. Die Vorzüge, einfach mit dem Auto in den Urlaub zu fahren und nicht stundenlang im Flugzeug sitzen zu müssen, wurden neu entdeckt. Auch wir haben diesen Sommer Freunde in Österreich besucht, die wir jahrelang nicht mehr gesehen hatten. Sonst wären wir wahrscheinlich auf einem fernen Kontinent gewesen und Corona hat uns zu diesen lieben Menschen geführt.

Für mich hat Corona Entschleunigung gebracht…und ich wünsche mir für mich, diese später noch beibehalten zu können. Ich könnte noch viel mehr positive Veränderungen aufzählen, wie beispielsweise den Support des lokalen Handels, innovativen Geschäftsmodellen oder der Hilfsbereitschaft unter den Mitbürgern. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass zahlreiche Menschen schlimmes Leid erleben mussten. So hoffe ich, dass die Zukunft für uns alle eine Kombination aus Gesundheit und den positiven Veränderungen wird!!!!


Hardy

Corona Kultur positiv?

Für mich als freiberuflicher Schriftsteller, der zum nicht unerheblichen Teil auf Honorare für Lesungen und Dozententätigkeiten angewiesen ist, sind die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus‘ fast existenzbedrohend. Hätte ich keine finanzielle Hilfe vom Land Niedersachsen und von der Stadt Braunschweig bekommen, im November auch vom Bund, hätte es für 2020 sehr düster ausgesehen. Wie es im nächsten Jahr weitergeht? Wann ich wieder anfangen kann, überhaupt etwas zu planen? Keine Ahnung.
Angst macht mir aber nicht nur das Virus – ich arbeite zum Glück nicht in einem potentiellen Hotspot –, sondern gerade auch die Leute, die selber so große Angst haben, dass sie in panikartige Dummheit verfallen und die Gefahr, die von der Seuche ausgeht, einfach wegleugnen. Auch das rasante Fortschreiten der Digitalisierung und das beschleunigte Sterben der Innenstädte durch die Pandemie sind für mich mit negativen Vorzeichen besetzt.

So bleiben jedenfalls meine positiven Erfahrungen der letzten Monate eher spärlich. Gut, ich war seit März nicht mehr krank, kein Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen, nichts. Das ist durchaus positiv. Auch, dass ich mich gezielter mit einzelnen Freunden getroffen habe als vorher, könnte man dazu zählen. Und im Sommer haben wir uns den Lichtparcours an der Oker angesehen, das war schon ein Highlight, nicht nur wegen der Kunstobjekte, sondern auch wegen der Menschen, denen wir auf dem Parcours begegnet sind – Schwätzchen mit einer Frau aus Dortmund, Wegbeschreibung für die Gäste aus den Niederlanden, Witzeln mit mir unbekannten Braunschweigern. Und alles mit einem angenehmen Abstand. Genau wie im Staatstheater Großes Haus, »Frankenstein«, vor uns neben uns hinter uns Sitzplätze, die frei bleiben mussten. Kein Tuscheln, kein Knistern, kein Hüsteln, nichts störte den Kunstgenuss. Oder ein Stück der Komödie am Altstadtmarkt, das unter freiem Himmel in der Konzertmuschel im Heinrich aufgeführt wurde; die Reihe »Mörderisches KULT«, die in Braunschweigs kleinstem Theater das Licht der Corona-Welt erblickte; das Riesenrad, das plötzlich auf dem Platz der Deutschen Einheit stand; Lesungen, hinter Spuckschutz im Café Riptide oder vor einem maskierten Publikum in der Buchhandlung Benno Goeritz; also, unsere menschliche Kreativität, die oft nur zur Gewinnmaximierung eingesetzt wird, jetzt aber auch dafür, das ein kulturelles Leben überhaupt stattfinden kann, das finde ich schon positiv. Ach, und das ich jetzt so viel Knoblauch ins Essen hauen kann wie ich will – egal, ist ja Maskenpflicht –, das ist toll!


Claudy

Was war 2020 für Dich trotzdem gut?

Wie, trotz was?
Ach so, wegen dem Wort mit C… Du weißt schon, trotz DEM!
Naja…

Gut in 2020 war für mich, dass ich einen Einschnitt in meinem Leben erleben durfte, der mich aus allem Vertrauten herausgeworfen hat und der meine ganze Routine, ja sogar mein bisheriges Selbstbild komplett in Frage gestellt hat.
Vor allem war meine Partyroutine auf Eis gelegt und damit fehlt/e mir die Möglichkeit, mich vom eigentlich Wichtigen und Wesentlichen abzulenken!
Denn als DJane für diverse Partys und Veranstaltungen hier in der Region war ich bisher an den Wochenenden sehr ausgelastet, und auch wenn das Auflegen finanziell mein zweites Standbein war, konnte ich dennoch auch gut ohne DJ-Aufträge klarkommen. Das tat mir jetzt eine Weile ganz gut, vor allem mental. Klar mache ich damit weiter, sobald es geht. Aber mit einer neuen Einstellung.
Was ist das eigentlich Wichtige und Wesentliche?
Direkte menschliche Beziehungen, freundliche Nähe, ruhiges Miteinander, konzentrierter Austausch, ein friedliches Miteinander in einer gemeinsamen Kultur.

Welches Positive wäre Dir ansonsten vielleicht nicht möglich gewesen?
Ich lernte neue technische Möglichkeiten kennen, wie ich online Menschen kontaktieren kann, wir haben z. B. online eine neue Familiengruppe und darin ganz NEU: Alle in der Familie lassen sich ausreden! Es gibt auch mehr Zeit für persönlichen Austausch zu zweit oder in kleineren Gruppen.
Ich gehe viel öfter spazieren oder tanze ein meinem großen Raum im Haus. Ich habe angefangen, mehr zu kochen, oder bastel sogar mal was. Ich habe interessante neue Kontakte gewonnen, alte Freundschaften bekommen eine neue Tiefe. Auch die seltenen Besuche in Restaurants und Cafés weiß ich nun mehr zu schätzen. Und ich wäre nie im Vorstand des Vereins gelandet, in dem ich nun bin. Also engagiere ich mich auch ganz neu.


Sylvia

2020 – ein total verrücktes Jahr – was war trotzdem gut?

Ich habe 2020 total viel vermisst, mein sonst übervoller Kalender mit kulturellen Höhepunkten ist seit dem Frühjahr gähnend leer – Konzerte, Lesungen, vor allem Kino fehlen mir schmerzlich, das gemeinsame Erleben mit Anderen.

ABER: Am wichtigsten ist meine Familie! Ich habe drei großartige Kinder, meine beiden Jungs leben mit Familie in Braunschweig, meine Tochter in Hannover. Ich habe sieben (!) Enkel, die beiden Jüngsten wurden im Sommer geboren. Alle haben ihre Kontakte gezwungenermaßen reduziert, dadurch sind wir noch mehr zusammengerückt. Das ist ein großes Glück und, wie ich von Freunden und Bekannten weiß, nicht selbstverständlich.

Und ich habe mich über jedes noch so kleine Event gefreut, das trotz Corona und dank riesiger Bemühungen stattfinden konnte. Ohne eins besonders zu erwähnen: Noch nie habe ich Besucher aller Altersstufen dermaßen glücklich und fast schon beseelt erlebt, selten so nette Begegnungen gehabt, trotz Abstand, mit völlig Fremden!

UND: Noch nie war ich so oft im Riptide, auf dem schönen Magnikirchplatz! Ganz bewusst, weil das Riptide bleiben muss!!! (xy: „Wollen wir uns mal wieder auf einen Kaffee treffen?“, ich: „Gern, aber nur im Riptide.“).

Ich kann es nicht erwarten, wenn wir uns alle wieder „richtig“ treffen können, ich möchte meine lieben Leute wieder umarmen dürfen!!! Und ich kann keine digitalen Events mehr ertragen!


Schepper

2020… was für ein irres jahr…
und trotzdem gibt es auch etwas gutes zu berichten.
da ich ja zu den sogenannten risikotypen gehöre, verbringe ich halt die zeit allein in meiner wohnung. okay, dann brainstorme ich mal:

gut ist, dass meine freunde für mich da sind und mich versorgen.
gut ist, dass ich eine so liebe schwester habe und dass sie so einen lieben freund hat.
gut ist, dass ich jeden tag mit meiner mutter telefoniere.
gut ist, dass sie alle gesund sind.
gut ist, dass ich gemerkt habe, wie wichtig mir alle sind.
gut ist, dass ich große dankbarkeit empfinde.
gut ist, dass matze die welt draußen für mich photografiert.
gut, dass es telefon und internet gibt.
gut ist, dass ich dinge viel mehr wertschätze als vorher.
gut ist, dass ich mit viel weniger auskomme.
gut ist, dass ich meine kochrezepte verbessert habe.
gut ist, dass mir niemals langweilig wird.
gut ist, dass mir bass-spielen solchen spaß macht.
gut ist, dass mir immer noch was neues einfällt.
gut ist, dass meine freunde nicht durchgedreht sind.
gut ist, dass ich coole neue und alte bands entdeckt habe.
gut ist, dass ich immer noch optimistisch bin.
gut ist, dass ich die hoffnung nicht aufgebe.
gut ist, dass ich gerne alles klein schreibe
gut ist, dass ich noch lebe…
gut ist, dass das riptide noch da ist.
gut ist, dass wir uns bestimmt bald alle wiedersehen.
gut ist, dass mir so viel gutes eingefallen ist.
gut ist, dass ihr bis hier alles durchgelesen habt :)

love + peace und bleibt munter


Maren

Im März 2020 wurde die Handbremse meines Hamsterrads gezogen. Ich habe mir erstmal – wie immer, wenn mir alles zu viel wird – noch mehr auf die Agenda gepackt, denn mir war klar (ein bisschen kenne ich mich inzwischen ja schon…): Wenn ich jetzt radikal runterschalte, dann falle ich wahrscheinlich erstmal um und stehe so schnell nicht wieder auf. Also war der Plan, den Prozess des Umfallens in die Länge zu ziehen und mich dann auch schneller wieder aufrappeln zu können. Und das hat geklappt. Meine erste positive Erkenntnis ist also: Ich kann mittlerweile besser mit Krisen umgehen.

Irgendwann im Frühsommer war zwar auch der Punkt da, an dem nichts mehr ging, aber das war in Ordnung. Ich habe mir erlaubt, auch einfach mal nicht zu funktionieren. Und dann habe ich mir die Zeit, die ich sonst so nicht gehabt hätte, genutzt, um mir mal in Ruhe anzuschauen, wie ich gerade so unterwegs bin, auf allen Ebenen: körperlich, mental und emotional. Ich habe überlegt und beobachtet und vor allem: geschrieben. Nach einer Weile hat sich das Geschriebene verändert und es haben sich langsam Erkenntnisse herauskristallisiert: Unzufriedenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und schließlich: Pläne.

Ich liebe Pläne. Und Listen…Pro und Contra…die ganze Nacht. Alles wieder verwerfen. Und nochmal von vorn. Im Sommer gab es zur Belohnung dann auch ein klein wenig Unbeschwertheit im neueröffneten Riptide, welches jetzt nur noch gut zehn Minuten zu Fuß von meinem Zuhause entfernt ist. Manchmal sind Veränderungen richtig gut.

Das Jahr geht zu Ende und ein paar der Pläne werden konkreter, gehen langsam in die Umsetzung. Ich habe 2020 viel gelernt, über mich und über andere Menschen mit teilweise sehr anderen Meinungen, mich über vieles gewundert, immer wieder gestaunt über mich und andere…also eigentlich alles wie immer, nur in diesem Jahr in der Intensität ein paar Level hochgedreht. Das Jahr war scheiße anstrengend…hat mich aber auch mächtig nach vorne gebracht.

It’s been one hell of a ride, hasn’t it?


Harald

Oh ja, das – nun – alte Jahr war aber mal ein wirklich neues… Dabei fing es so groß an, hatte ich doch kurzfristig den Eindruck, die Weltherrschaft der Künstlerseelen stünde unmittelbar bevor— damals, vor Jahren, eigentlich knapp einem: in diesem Januar, als wir fünf an dem Abend, an dem ich Arni und dich, Matze, kennenlernte, sofort einen fulminanten Sieg im Genial Großen Geistesduell errangen. (Lies ggf. deinen Blog #148, aber ich glaube, du erinnerst dich.) Tja. Ein volles Jahr. Von obigem Rausch und ernüchternder Realität zweier aufeinanderfolgender Quizabende – ein wahrhaft bipolares Erlebnis – über die kontemplative Ungewissheit menschenleerer Kleinstädte bis hin zu neuen, wichtigen Anschüben, Ansätzen, Antrieben für mehr als ein nächstes Jahrzehnt. 2020 halt. Als weitestgehend Verschonter und zwischenmenschlich Bereicherter möchte ich dieses absolute Ausnahmejahr nicht missen (es würde auch irgendwie im Kalenderfach fehlen). Ich habe tatsächlich gelernt, online mit Freunden wie auch völlig Fremden Stimmungsvolles mehrstimmig zu singen (unbestimmt latent), und habe erkannt, dass ich systemrelevant bin (wusste ich vorher schon, hatte mir aber nie jemand geglaubt, bevor es tatsächlich gefährlich wurde, systemrelevant zu sein). Ich habe eine Hochzeitsfeier liebevoll geplant und ebenso um unbestimmte Zeiträume verschoben wie den 90. Geburtstag meiner Mutter, eine weitere, sozusagen, ausgelassene Feier; und trotzdem. Trotzdem ist meine Mutter jetzt im Dinner-for-One-Alter und hat eine taufrische Schwiegertochter. Es geht ja alles. Ich komme auch schneller zur Arbeit, seit wir gelernt haben, dass Anwesenheit nicht immer nötig ist und häufig auch eher schadet – außer natürlich bei mir. Beruflich. Persönlich. Halt systemrelevant. In diesem Sinne bin ich noch gespannter auf 2021. Zweifellos ein ganz neues Jahr.


Sarah

Also, das ist eine sehr gute Frage…

Ich habe mehr Zeit für mich und meine Lieben, man freut sich sehr viel mehr darüber, gesund zu sein, und achtet doch schon etwas mehr auf sich.
Habe wieder den Sport an der frischen Luft für mich entdeckt.
Wenn man meinen Freund fragt, koche ich wieder sehr viel mehr. :-)
Natürlich wird mir auch immer wieder bewusst, dass mir das Kino fehlt oder ins Schwimmbad zu gehen, in meine Lieblingscafés oder Bars, Essen gehen oder einfach mal wieder ein Konzert zu besuchen. Vor allem das Reisen fehlt mir sehr…
Ich bin eigentlich nicht so der Typ, der gern zu Hause sitzt und nichts tut..aber auch das hab ich jetzt mal hin und wieder für mich entdeckt. Es bremst mich aus, daran ist aber nichts Schlimmes. Ich muss mich nur immer noch daran gewöhnen.
Und ich telefoniere viel öfter mit meinen Freunden und mit meinen Familienangehörigen. Wie ich finde, ein sehr positiver Effekt.

Gut ist aber, ich glaube fest daran, dass auch diese Zeit ein Ende hat.


Kristin

Dank der besonderen Umstände in diesem Jahr habe ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen können, was sehr schön war. Meistens. Alle Eltern werden verstehen, dass einem am Ende eines reinen Kindertages auch die Decke auf den Kopf fallen kann, und doch sind es wertvolle Zeiten, die man – besonders im Nachhinein – nicht missen möchte. Mein Jüngster ist in einem Alter, in dem es besonders schön ist, seine Entwicklung mitzuerleben, da die Schritte größer sind, mutiger, bedeutender. Aber auch außerhalb der Familie habe ich bewusster wahrgenommen, was ich habe. Es ist wohl eine gute Grundhaltung, mehr das zu genießen, was man hat, als das zu vermissen, worauf man vorübergehend verzichten muss. Die wenigen Konzerte etwa, die ich in diesem Jahr besuchen konnte, habe ich besonders geschätzt. So wurde das zu einem Leitmotiv: Alles einfach irgendwie bewusster wahrnehmen. Das sollte man wahrscheinlich immer tun, aber uns zeigt ja in der Regel erst das Fehlen, wie wichtig uns etwas geworden ist, was uns alltäglich und selbstverständlich erscheint. Insofern: Danke, 2020!


Marc

Schon im Rahmen des ersten Corona-Lockdowns im Frühling 2020 dünkte mir, dass das Horten von Trockenobst, Haushaltsrollen (vielseitig verwendbar) und Trinkwasservorräten nur eine Maßnahme sein kann, um der vermaledeiten Seuche die fieberlose Stirn zu bieten. Auch der Geist, das haben wir alle (na gut, die meisten von uns) in diesem Jahr gelernt, muss gefüttert werden. Und sei es mit einfachen Dingen. Die wundervolle Vorstellung, endlich mal ein bisschen Zeit „für sich“ zu haben, kann allerdings schnell zum Alptraum werden.
Mein Fazit: Bücher, die ich immer schon mal lesen wollte, habe ich bis dahin aus gutem Grund noch nicht gelesen. Und das so beliebte, neudeutsch „Binge-Watching“ genannte Wegglotzen von Serien birgt spätestens am zweiten Tag die Gefahr des an Mario Gomez gemahnende Wundliegens. Alles nicht befriedigend, also fertigte ich mir bereits im April eine To-Do-Liste an, die ich abarbeiten wollte. Anbei eine originalgetreue Kopie:

1. Ausschlafen
2. Arbeitszimmer aufräumen
3. Eine neue Sprache lernen
4. Ein besserer Mensch werden

Jetzt haben wir Dezember, verschiedene Lockdown-Varianten liegen hinter uns, und es hat sich nichts geändert. Das Virus tobt weiter durch die Straßen, aus dem Internet heraus drohen Politiker, Hundefrisöre und andere Propheten mit der dritten, vierten oder fünften Welle. Mir egal, dann ist das eben so. Denn in weiser Voraussicht habe ich erst einen (den ersten) Punkt erledigt, und den nicht mal zur Gänze. Ich habe also noch Luft für weitere Shut- und Lockdowns. Sollte irgendwann dann tatsächlich der alle(s) erlösende Impfstoff kommen und wir uns in Form von Langzeitschäden nicht in sabbernde Pilzgeflechte verwandeln, auch gut. Denn wer weiß, was in meiner restlichen Lebenszeit noch alles auf mich wartet? Vielleicht ein ganz neuer Virus, möglicherweise biegt auch ein Weltkrieg um die Ecke. Ich hab dann meine Liste und wende mich möglicherweise den Punkten zwei bis vier zu. Vielleicht. Wenn Punkt eins erledigt ist.


Bastian Till

Ich habe mich für zum Beispiel die großen Vorzüge des Alkoholkonsums im Büro entdeckt! Es gipfelte nun tatsächlich sogar darin, dass ich einen großen Kühlschrank von der heimischen Brauerei gestellt bekam – obwohl ich doch noch viel lieber doppelte Weißweinschorle oder Gin-Tonic trinke. Das finde ich insgesamt sehr positiv und bewerte es für mich als Weiterentwicklung.

Ich bedauere es sehr, dass ich in diesem Jahr so wenig im Riptide war. Erst Lockdown, dann seit Sommer mehr oder weniger freiwilliger Autoverzicht, wieder Lockdown. Das neue Riptide habe ich noch gar nicht gesehen – aber 2021 bin ich gewiss wieder am Start. Seit dem Fahrplanwechsel fährt der Zug zwischen Gifhorn und Braunschweig ja sogar stündlich und es gibt auch neue späte Rückfahrten. Das werde ich gewiss zu nutzen wissen – und dann freue ich mich auf einen tollen Quizabend mit Arni und Matze!


Außer den Jahresabschlussfragen gibt es seit dem Umzug des Café Riptide eine neue Tradition für mich: monatlich einen der neuen Nachbarn besuchen, kennenlernen und vorstellen. Für dieses Mal suchte ich mir die St.-Magni-Kirche aus, schließlich ist Dezember, Adventszeit, es naht also ein Fest, das es ohne das Christentum in dieser Form nicht gäbe. Nach meinem Besuch bei Chris entdecke ich die Tür der Magnikirche sperrangelweit geöffnet und das Innere einladend hell strahlend erleuchtet. Außer mir betrachtet nur eine Frau den Altarraum, ansonsten begegne ich jedoch niemandem, der mir von offizieller Seite zum Gespräch bereitstünde. Aber auch dafür gibt es Emails, und ich stelle eine Anfrage an das Gemeindebüro. Auf die antwortet mir Jugenddiakon Dieter telefonisch, der mir erklärt, dass die Kirche täglich für jeden geöffnet ist, ich also keine Ausnahme erlebte, und sichert mir zu, mir schriftlich etwas zukommen zu lassen. Er antwortet auf meine zwei Fragen, die ich an die Gemeinde richtete, eine exklusive, nämlich: Was bedeutet es Dir, dass das Café Riptide nun in der Nachbarschaft angesiedelt ist, gibt es Schnittpunkte, eventuell Besuche dort oder Pläne dazu? Und als zweites die obige Jahresabschlussfrage:


Dieter

zu 1)

Ich bin seit Februar in der offenen Jugendarbeit in und über St. Magni hinaus als Diakon unterwegs. Persönlich habe ich mich über den Umzug des Riptide ins Magni1/4 gefreut. Es ist ein Garant für leckeres, gesünderes Essen und gute Musik. Gern saß ich im – glücklicherweise langen – Sommer bei Euch und läutete mit Freund*innen oder Tochter das Wochenende ein. Das werde ich mit großer Sicherheit im nächsten Jahr wieder tun.

In der Magnigemeinde freuen wir uns über das lebendige Treiben auf dem und um den Kirchplatz. Gern laden wir dazu ein, die eine oder andere lebendige Aktion gemeinsam zu erspinnen…

zu 2)

Der Sommer war gut. Wir konnten im Kinder- und Jugendzentrum das Leben hauptsächlich nach draußen verlagern. Basketball und viele andere Bewegungsspiele auf dem Platz hinter der Kirche, Hausaufgaben und Bastelaktionen an Tischen unter freiem Himmel. Naja, Bewegung und frische Luft sind manchmal nicht so selbstverständlich, aber letztendlich gesünder, als bewegungsarm auf Bildschirme zu glotzen.

Praktisch nutzten wir den ersten Lockdown im Frühjahr, um unseren Dachboden zu entrümpeln. In 35 Jahren Kinder- und Jugendzentrum St. Magni hatten sich dort viele Dinge angesammelt, die heute nicht mehr zu gebrauchen waren. Somit sind sie mit zwei Containern Richtung ALBA gereist. Und Tschüss!

Der kleine praktische Erkenntnisgewinn: Uns wurde verdeutlicht, dass wir nicht in die Hände, sondern in die Armbeuge niesen und husten sollten, und dass ab und zu Händewaschen der Hygiene sehr förderlich ist;

Und im etwas größeren Zusammenhang: Uns wurde verdeutlicht, dass wir mit unserer Art zu leben nicht unangreifbar sind. Wir dürfen unsere Verantwortung sehen und unser Handeln danach ausrichten. Wie es geht, könnten wir mindestens herausfinden, wenn nicht schon an der einen oder anderen Stelle wissen.


Ich bin bewegt von diesem immensen Rücklauf. Und ich hätte auch noch so viel zu ergänzen, etwa, wie viel besser mir in diesem Jahr Äpfel und Birnen schmecken, wie viel Gewicht also das scheinbar Banale bekommt, wenn das scheinbar Glamouröse den Platz freigibt. Zu erwähnen ist noch: In der Woche bis zum 13. Dezember macht das Riptide Urlaub, danach geht der Betrieb so weiter wie zuvor, also dienstags bis samstags, jeweils eingeschränkt, aber immer gutgelaunt, erholt und mit dem Blick nach vorn. Man darf gespannt sein auf die Kreationen von Chefkoch Nico, sich freuen auf Gespräche mit Chris und dann die ein oder andere bestellte Platte mitnehmen. Es geht weiter!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#158 Großmutters Haus

16. November 2020


Samstag, 14. November 2020

Das Café Riptide ist ein Vorbild, es selbst so sehr wie seine Gäste. In diesem November ist tatsächlich das eingetreten, vor dem Experten bereits vor einem halben Jahr warnten, und die Konsequenzen daraus sind einschneidend für Kultur und Gastronomie, einmal mehr. Allerdings noch nicht ganz so extrem wie im März und April, als das Virus den Stillstand des vertrauten Lebens mit sich brachte und für viele eine – teilweise bis heute anhaltende – finanzielle Not darstellte. Davon hat sich zwar auch das Riptide noch nicht wieder erholen können, weil dafür die Zeit zu kurz und die Auflagen zu einschneidend waren, doch befand es sich seit dem Umzug ins Magniviertel im Aufwind, erfuhr Akzeptanz von den Stammgästen, zog neue Gäste an und etablierte sich schnell als Teil einer offenen und herzlichen neuen Nachbarschaft. Chris stellte mehr Personal ein – und musste es jetzt wieder in die Kurzarbeit schicken, da seit Anfang November die neuen Infektionsschutzauflagen greifen.

Denn die Gastronomie ist einmal mehr zur Schließung verdonnert. Mit einigen Ausnahmen, die für das Riptide jetzt immerhin möglich sind, anders als beim ersten Mal, als der Umzug noch nicht vollzogen und die neue Küche noch nicht installiert waren: Von Dienstag bis Samstag bietet es Gerichte zum Mitnehmen an, die Koch Nico zubereitet und die Chris den nacheinander einzeln eintretenden Gästen aushändigt, wenn er sie den draußen Wartenden nicht vor die Tür bringt; „Delivery Service“, sagt er gutgelaunt. Jeder Gast ist freundlich, ruhig, umsichtig, verständnisvoll und behutsam, alle sind glücklich, die Chance wahrnehmen zu können, Burger oder Mittagstisch vom Riptide überhaupt verspeisen zu können, und dann auch noch damit ihrem Lieblingscafé etwas Gutes zu tun. Es ist ein Fest, diese Stimmung an diesem Ort so erleben zu dürfen, und ein harmonischer Kontrast zu dem Wahnsinn, der andernorts um sich greift.

Und dann ist es im Riptide auch noch so wohlig-wohnlich, dass man das Übel draußen hier drinnen fast gar nicht mehr wahrnimmt, sieht man einmal davon ab, dass Chris für die Einhaltung der Auflagen erheblich in Spuckschutz investierte, der nun ungenutzt zwischen den Tischen auf die Aufhebung der gegenwärtigen Einschränkungen wartet, um wieder Gäste zu ihrer Sicherheit voneinander zu trennen. Die nach alten Wolframleuchtmitteln aussehenden Lampen tauchen das Café in ein honiggelbes Licht, in die Fenster stellte Chris reihenweise LPs, den Stahlträger, der quer durch den Raum verläuft, dekorieren das Buch „Trinken hilft“ von Maxi Buhl und diverse alte Autogrammkarten von Eintracht Braunschweig, im Hintergrund läuft eigens kuratierte Musik – es ist also auch jetzt so gemütlich, wie ich das Riptide eben kenne.

Zufällig, natürlich, trage ich heute eines meiner beiden Riptide-Unterstützer-T-Shirts, das in Violett; in Grün habe ich es auch noch. „Die Shirts sind ausverkauft“, freut sich Chris, „es sind nur noch drei übrig.“ Er deutet auf den runden Tisch vor der Plattenabteilung, auf der ich hinter den zwei älteren Shirts mit dem Riptide-Ramones-Logo noch drei fliederfarbene neue liegen. „Echt toll“ findet Chris, dass diese „verrückten Farben“, die er sich für diese Benefizaktion aussuchte, so gut weggingen. „Roasted Orange“ war einer seiner Favoriten, und er berichtet, dass die Kunden sich freuten, dass die Shirts nicht einfach schwarz waren. „Wenn die weg sind, mache ich vielleicht eine neue Auflage im Ramones-Logo“, überlegt er. Oder vielleicht auch doch noch einmal die neuen. Oder beide.

Eine Glocke klingelt: das Signal für Chris, dass Nico bestellte Burger fertig zubereitet hat. In opulenten Pappschachteln verstaut, transportiert Chris diese riesigen Speisen aus dem Café heraus zu den Bestellenden, die draußen in der Novembervorabenddunkelheit darauf warten. „Der Plattenladen hat geöffnet“, erläutert er mir anschließend die November-Regularien der Regierung, „das ist Einzelhandel.“ Zwei Kunden maximal dürfen gleichzeitig in den Schallplatten stöbern. Aber – „alles Essen, Getränke, was wir haben, gibt es nur außer Haus“. Selbst auf dem Magnikirchplatz ist es nicht gestattet, die Speisen und Getränke dann zu sich zu nehmen, man muss sich mindestens 50 Meter vom Café entfernen, sagt Chris. Ohnehin gilt im Magniviertel Maskenpflicht, da ist nicht einmal rauchen möglich, geschweige denn essen. Doch Chris hat Ideen, mit denen er das Riptidegefühl so gut wie möglich zur Mitnahme anrichtet: So steckt er etwa frisch gebackene Muffins in lebensmittelechte Butterbrottüten, auf die er vorher einen Stempel mit dem Logo des Cafés drückte und ein rotes Herz drumherum malte. Auch Getränke könne man sich mitnehmen, heiße wie kalte, betont Chris, und für den Mittagstisch, den er dienstags bis freitags von 12 bis 15 Uhr anbietet, verfährt er so, dass er das Tages- oder Wochengericht auf einem Teller anrichtet und es die Kunden von dort selbständig in ihre mitgebrachten Aufbewahrungsboxen umfüllen lässt, „denn wir dürfen die Dosen nicht anfassen“, so Chris. Und es funktioniert reibungslos.

In der Woche bieten Nico und Chris täglich wechselnde Speisen – diese Woche unter anderem: Auberginen-Tomaten-Pilaw mit orientalischem Pesto und Yoghurt, Pastinaken-Kartoffel-Pürree mit gebackenem Kürbis, Steckrübe und Rukola-Pesto oder schlicht Currywurst – sowie ein Wochengericht – diese Woche: Seitan-Pilz-Gulasch mit Penne – an, samstags von 15 bis 18 Uhr das Wochengericht und einen wöchentlich wechselnden Lockdown-Spezial-Burger. Alles vegan, versteht sich, und alles schon beim Lesen so grandios, dass man Chris nur zur Einstellung Nicos beglückwünschen kann. Auch Biere gehen über die Theke, was Chris freut, weil er wie viele Gastronomen vor der Problematik steht, mehr Getränke im Lager zu haben, als er zu Zeiten wie diesen servieren kann. Aus diesem Grunde kaufte ich kürzlich auch dem Nexus eine Kiste Bier und eine Kiste Cola ab; es ist dort noch Limonade zu haben, und wer den freundlichen Lieferanten des Nexus‘ zusätzlich unterstützen mag, kann über das Kulturzentrum auch Bestellungen aufgeben. Wie gern würde ich jetzt auch im Riptide mit Chris eine Cola trinken, aber das sparen wir uns für die Zeit auf, in der das wieder sinnvoll und erlaubt ist.

So schön es ist, dass das Riptide diesen Einschränkungen auf diese Weise begegnen kann, aber finanzieren lässt es sich so leider nicht langfristig. Trotzdem freut sich Chris, dass er für Nico und sich etwas Normalität generieren kann: „Wir können ein bisschen arbeiten, haben ein bisschen Alltag.“ Er katalogisiert und registriert vor und nach den Öffnungszeiten im Büro Second-Hand-Platten, malt an der Theke die Herzen auf die Butterbrottüten, erstellt fürs Team hilfreiche Übersichten über die Tischnummerierungen im Obergeschoss, organisiert die Regale an der Theke neu. Erste Ausbesserungen waren auch schon erforderlich, „ein paar bauliche Maßnahmen“, so Chris, für die er im regulär laufenden Betrieb wenig Zeit hatte. „Das ist das einzig Positive“, grinst Chris, „so, wie alle Vorgärten im ersten Lockdown tiptop waren.“

Bestellte Platten abholen sowie neue bestellen kann man bei Chris auch wie gehabt. Mache ich gleich mal: Gerade gestern las ich, dass Dischord das „First Demo“ von Fugazi erneut auf Vinyl veröffentlichen. „Ist bestellt“, sagt Chris nach einigen Klicks am PC. Dabei fällt mein Blick auf die vierte Ausgabe der Samplerreihe „Spreadmusic“, die der gleichnamige Verein eigens zur Rettung der Klause ins Leben rief, wie Chris mir erklärt: Man wirft einen Geldbetrag seiner Wahl in die Spendenbox und steckt sich die CD ein. Darauf ist übrigens neben unter anderem Elephanta, Fuzziebär und Anthony Miller, den ich erst kürzlich für das Kurt-Magazin interviewte, auch ein Stück der Band GR:MM, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon spielt.

Die neue 12“ von New Order ist zwar ebenfalls gestern erschienen, kam aber noch nicht mit, weil Rough Trade derzeit nur noch mit einem Drittel des Personals arbeitet, coronabedingt, wie Chris berichtet. So erginge es zwar vielen Vertrieben, aber „wenigstens haben Rough Trade uns informiert und ein Schreiben rausgeschickt“. „Be A Rebel“ lautet der Titel der 12“, und haben möchte ich sie nicht nur, weil sie von New Order ist, sondern weil Søren Solkær das Coverfoto beisteuerte, eines aus seiner Serie mit Starschwärmen. Das wäre dann sogar nicht mal der erste Tonträger mit einem Foto von ihm, den ich in meiner Sammlung habe, denn für Under Byen war er auch schon aktiv. Unter anderem. Wie auch für die Crème de la Crème im Biz. Kennen lernen durfte ich Søren aufgrund der Erbsenhaftigkeit der Welt: Der herzensgute Henrik ist sein Bruder, und der wiederum ist der Freund meiner nicht minder herzensguten Freundin Märry, die ich wiederum deshalb kenne, weil sie die Schwester vom ebenso herzensguten Schepper ist.

Und da im Riptide das Promomaterial des neuen Ärzte-Albums „Hell“ von der Decke baumelt, frage ich den ausgewiesenen Ärztefan Chris, was er davon hält. Ich selbst bin abgeschreckt von dem Cover und dem bemühten Wortspiel im Titel, und mir sagten die letzten paar Alben des Trios nicht so recht zu; Teenagerlieder von Fünfzigjährigen, radiotaugliche Zwangsmelodien und powerpoppiger Punkrock im Green-Day-Stil sind nicht so meins. Einzig die Economy-Edition von „Jazz ist anders“ sowie das Unplugged-Album „Rock’n’Roll Realschule“ und die „5, 6, 7, 8 Bullenstaat“-Compilation transportierten noch das vertraute wortwitzige Rebellentum der Ärzte, und nun wage ich es nicht, mich dem neuen Erguss der fast Sechzigjährigen auszusetzen. Doch Chris sprudelt über vor Begeisterung: „Das ist das beste Album seit drei Alben, richtig gut, sehr humorvoll und gleichzeitig megaernst, über aktuelle Politik und Corona, und sie nehmen sich selbst auf die Schippe.“ Die „Uh-huh-huh-Chöre“ und die „musikalische Qualität“ führt er an: „Sie wissen, was sie machen.“ Auch die Aktion in den Tagesthemen, als Die Ärzte auf die coronabedingte Not in der Kulturbranche hinwiesen, findet Chris „genial“: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, aber setzen sich ein für die Kultur.“ Schließlich, das habe ich auch mehrfach zu lesen bekommen, hat die Kreativwirtschaft den zweitgrößten Anteil an Beschäftigten, „noch vor Automobil und Stahl“, so Chris, und nennt bei gegenwärtigen Coronahilfen häufig übergangene Jobs und Betroffene wie „Tontechniker, Roadie, und die Band, die noch keinen Plattenvertrag hat“. Große Worte, die meiner Skepsis immerhin einige Risse versetzen. „Hör sie dir doch mal an“, empfiehlt Chris; damit hat er natürlich Recht, aber selbst dafür fehlt mir der Mut.

Stattdessen blättere ich in den Resten des dieses Mal dreigeteilten Record Store Days, finde aber über meine bisherigen Perlen hinaus nichts für mich Neues. „Soundtracks gingen gut weg“, erzählt Chris und imitiert Austin Powers: „Alle drei Teile, und auch die X-Files gingen gut.“ Zum ersten Mal auf Vinyl, sagt der Sticker auf der LP.

Zwischendurch versorgt Chris immer wieder Kunden mit Burgern. „Die Gastronomie unterstützen“, sagt Sabine, die ihre Pappschachtel mit dem Bestellten entgegennimmt. Auf diese Weise geht das, zum Beispiel, und im Falle des Riptide auch weiterhin noch über die Spendenseite savetheriptide.de. Oder auch so: „Kann man auch Trinkgeld geben mit der Karte?“, fragt Andre, der nach Sabine an der Reihe ist, seine Bestellung abzuholen. „Ja, das geht“, sagt Chris dankbar. Ein Stammkunde ist Andre erst im Werden, weil: „Ich wohne noch gar nicht so lang in Braunschweig.“ Anfang des Jahres zog er hierher und entdeckte das Riptide noch im Handelsweg, „weil Freunde, die mal in Braunschweig gewohnt haben, mir das empfohlen haben“. Und erst zufällig nahm er wahr, dass es im Sommer ins Magniviertel gezogen war: „Ich wohne in der Nähe.“ Seitdem kommt er regelmäßig ins Riptide und gönnt sich heute erstmals den Burger zum Mitnehmen. „Hergezogen“ macht mich natürlich neugierig. „Eigentlich komme ich aus Thüringen, habe aber vorher in Darmstadt gewohnt“, erklärt Andre. Und verkompliziert es gleich: „Eigentlich bin ich in Mecklenburg-Vorpommern geboren, aber in jungen Jahren nach Thüringen gezogen, habe ich Dresden studiert, also in Sachsen, dann Darmstadt, das ist in Hessen, jetzt hier.“ Und hier arbeitet er an der Uni. Chris überreicht ihm die Burger, die Nico wöchentlich kreiert: „Unser Koch kann sich austoben“, erläutert er. „Jedes Mal gibt es etwas anderes, letzte Woche indisches Chutney, heute Preiselbeer-Mayo.“ Zum Niederknien.

Dann ist es 18 Uhr. Zeit für den Heimweg, Chris schließt das Riptide hinter mir ab. Nicht ohne Platte, die Best-Of „Granma’s House“ von Wall Of Voodoo klemmt unter meinem Arm, die wollte ich schon lang haben, besser: die ersten LPs, aber diesen Kompromiss gehe ich liebend gern ein, weil ich nämlich mal „Mexican Radio“ bei der Indie-Ü30-Party spielen will, das hätte sich für die letzte Okerwelle-Sendung im Oktober im Braunschweigan Radio schon gern getan, als Henrik und ich uns als Konzept überlegten, ausschließlich Songs zu spielen, die wir in den zurückliegenden 13 Jahren und 27 Partys sowohl im Nexus als auch bei Radio Okerwelle noch nie aufgelegt hatten. Da kam einiges zusammen, von dem nicht nur wir uns wunderten, wie wir all die Jahre ohne es auskommen konnten, und dann kommt „Mexican Radio“ eben nächstes Mal. Chris erzählt, dass er von der Band am liebsten deren Version von Johnny Cashs „Ring Of Fire“ spielt.

Wir verabschieden uns in der Zuversicht, uns bald wiederzusehen. Um uns herum ist es dunkel, die Geschäfte sind geschlossen, auch bei Barnaby’s Blues Bar brennt kein Licht. Mein Instinkt riet mir schon Ende Oktober, als ich mir die Adventsfolge „O du finstere“ von den Drei Fragezeichen aus dem Riptide abholte, den neuen Nachbarn für meinen November-Bericht schon vorzeitig zu besuchen, weil ich ahnte, dass das Virus zu einschneidenden Maßnahmen führen würde. So kam es ja auch. Also erzählte mir Peter bereits im Oktober bei einem Glas Guinness in der Bar gegenüber aus seinem kunterbunten Leben.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Das Riptide und Barnaby’s Blues Bar teilen ohnehin schon immer viel, Kundschaft vor allem, und seit dem Umzug des Cafés an den Magnikirchplatz auch die direkte Nachbarschaft. Ein Gespräch mit Peter ist überfällig, so oft, wie ich hörte, wie einträchtig er und Chris den Platz bespielen. „Ich bin jetzt über 13 Jahre hier“, erzählt Peter an einem der Tische, die in der Bar auf der Empore stehen, die bei Konzerten als Bühne dient und von der aus man den besten Blick auf die Theke hat. Davor war in diesem Räumen ein Pub untergebracht, sagt Peter. Livemusik ist eine Triebfeder für die Blues Bar, und die gab es am alten Standort im Riptide auch, weiß Peter. Gern wäre er auch mal drüben zu Gast, ist aber „hier ein bisschen eingeklemmt, ich kann nicht weggehen“, und schafft es immerhin, „Mundpropaganda“ für die Freunde gegenüber zu machen und ab und zu Plakate von eigenen Shows dort hin- und natürlich im Gegenzug Riptide-Plakate bei sich anzubringen. Ihm gefällt natürlich, dass es im Riptide Schallplatten gibt, doch von der neuen Küche hatte er noch nichts gehört: „Das mit den Pommes wusste ich gar nicht.“ Dabei hatte er damals selbst vor der Wahl gestanden, in seiner Bar eine Küche einzurichten – oder es als Raucherlokal zu führen: „Ich habe mich für die Raucherkneipe entschieden.“ Bevor er seinerzeit die Blues Bar eröffnete, besprach Peter sich mit Bolle, dem vor fast zwei Jahren verstorbenen Betreiber der Bassgeige am Eulenspiegelbrunnen, um nicht mit ihm in Wettbewerb zu treten, aber das stand ohnehin nicht zu befürchten, da es sich bei der Bassgeige um eine Jazzkneipe handelte und sich Peter eher auf Blues und Rock konzentriert.

Das tut er seit ehedem: Zwar wurde Peter in Deutschland geboren, wuchs aber in den USA auf, wo er in den Sechzigern bereits Erfahrungen im Biz sammelte, mit dem Warehouse in New Orleans, von dem ich weiß, dass das der Ort war, an dem The Doors ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gaben. „12. Dezember 1970“, sagt Peter ohne zu zögern. Wer bei ihm nicht alles spielte: „Grateful Dead, Fleetwood Mac mit Peter Green, der hat auch hier auf der Bühne gespielt, Spencer Davis auch, die sind beide dieses Jahr gestorben“, bedauert Peter. Und fährt fort: „Die Allman Brothers waren meine Hausband, die haben 13, 14 mal pro Jahr bei mir gespielt“, und die Silvestershow mit ihnen hatte Tradition.

Diese Erfahrungen wollte Peter dann nach Braunschweig übertragen, „das war nicht einfach hier“, aber er legte sich ins Zeug, und heute – also, das heute bis vor Corona – kommen bis zu 110 Gäste zu Livemusik in die Blues Bar. Viele Orte für so etwas gibt es wirklich nicht in Braunschweig, Harrys Bierhaus nenne ich, da erzählt Peter: „Werner und Annette haben sich hier kennengelernt!“ Wie so viele andere Paare auch, zwinkert Peter. Und Konzerte sind ja auch fürs Riptide vorgesehen, sobald das Virus es zulässt. Und Lesungen: In zwei Tagen richten Hardy Crueger und Till Burgwächter im Riptide die erste Veranstaltung überhaupt aus, ihre Weihnachtslesung; vor acht zahlenden, aber aufmerksam zuhörenden Gästen, wie Hardy mir berichten wird: „War ganz lustig.“ Aber das nur am Rande. „Ich freue mich, dass das Riptide hier ist, ich finde, es passt gut zusammen“, sagt Peter. „Das hat man gemerkt im Sommer.“ Er feiert die Eintracht der „Fleischfresser“ aus seiner Bar und der sich vegan Ernährenden aus dem Riptide und dass sie alle miteinander auf dem Magnikirchplatz die Tische belegten. Mit dem Veganen verbindet Peter eine grundsätzliche Reflektiertheit: „Ich freue mich, dass jetzt wieder ein bisschen Demoatmosphäre abgeht.“ Seine Tochter lebt in New York und sein Sohn in Chicago, und auch von ihnen hört er über hüben sich ereignenden gesellschaftlichen Veränderungen. „Ich freue mich, dass sie da sind“, kehrt er zum Riptide zurück, und berichtet, dass man sich gegenseitig unterstützt, dass beispielsweise Gäste, die im Riptide keinen Platz fänden, kurzerhand zu ihm kämen. Das kann ich bestätigen, so verfuhr ich auch schon einige Male. Im Barnaby’s gibt es Fassbier, „fünf verschiedene Sorten“, zählt Peter auf: Guinness, Kilkenny, Staropramen, Wolters und Jever.

Und nach dem Sommer kommt der Herbst, der für alle dieses Mal reichlich unkalkulierbar aussieht. „Ich hoffe, dass es über den Winter besser geht als jetzt“, sagt Peter. Um den Laden in Betrieb halten zu können, würde er sich auch selbst wieder hinter die Theke stellen, „wie früher“. Und „Beer to go“ hält er für ein Konzept, über das es sich nachzudenken lohne. Peter betont, dass er die Infektionsschutzmaßnahmen unterstützt: „Ich will meine Gäste schützen, dass sie sich wohlfühlen, und nicht rücksichtslos sein.“ Sie die Anwesenheitszettel ausfüllen zu lassen „macht Sinn“, sagt er. „Seit fünf Monaten machen wir das, wir haben bis jetzt keinen Kontakt gehabt mit dem Gesundheitsamt – das heißt doch, dass wir etwas richtig machen.“

Wehmütig denkt er an den Sommer zurück, als die Gäste auch mit dem Virus im Hinterkopf und Abstand gesellig sein konnten, draußen auf dem Platz. Zu ihrem Beginn, sagt Peter, war die Blues Bar überdies die einzige Lokalität im Schatten der Magnikirche, die draußen Tische und Stühle anbot, „außer dem Stadthotel“, das mittlerweile den Szenegastronomen Strauß und Lemke gehört. Der einzige zu sein, war ihm dabei gar nicht so recht: „Je mehr im Viertel los ist, desto besser“, findet Peter. Nachbarn wie das Riptide und Das kleine Café empfindet er nicht als Konkurrenz: „Das ist eine Bereicherung.“ Und auch die „älteste Kirche in Braunschweig“ passe gut dazu: „Seit 13 Jahren predige ich das.“ Der Sommer habe das belegt, dass das alles gut zusammenpasst: „Hoffentlich bleibt das so.“

Mitch Ryder war der letzte Musiker, der in der Blues Bar auftrat, „kurz bevor Corona kam“, berichtet Peter. „Der spielt hier jedes Jahr“, bemerkt er, und findet, dass er die „besten Bands aus England und Amerika“ schon bei sich hatte. Er sinniert: „Ich sollte mal ein Archiv machen, wer hier aufgetreten ist.“ Definitiv, das wäre nicht nur für ihn interessant.

Seit 23 Jahren nun ist Peter wieder in Deutschland, „ich war immer mit Kneipen beschäftigt“. Er hatte in den USA einen Partner, der früh verstarb, was Peter sehr erschütterte, weshalb er ein halbes Jahr lang Pause machen wollte. „43 Jahre war ich nicht in Europa“, sagt er. Aus der Pause wurden drei Monate: „Mir hat’s gleich gefallen.“ In Amsterdam hatte er Familie, und als er dort eintraf, dachte er: „Scheiße, warum bin ich nicht früher gekommen.“ Eine Tante zog ihn dann nach Braunschweig; sie ist allerdings auch schon verstorben. „Ich bin hier aufgewachsen als Kind“, sagt er, „ich bin Jahrgang 1945“, und zwar in einem Haus bei Salzgitter, einem Bauernhof, den er nach seiner Rückkehr zurückkaufte: „Da wohne ich heute noch.“ Und seine Großeltern kommen aus Königsberg in Ostpreußen.

Und schon sind wir wieder im Warehouse, weil da die Liste der Leute, die bei ihm auftraten, ihren Anfang nahm: „Bob Marley, Rod Stewart, Johnny Winter, BB King, Eagles“, Peter winkt ab. Auch dort hatte er einen Partner, „mit dem habe ich letzte Woche gequatscht, ich hab immer noch Leute drüben“, erzählt Peter. Und Hillary Clinton ging an seine Nachbarschule und Donald Rumsfeld war sein „Congressman“, in dem District außerhalb von Chicago, in dem er lebte. „Manche Sachen vermisse ich an America“, sagt er, „aber ich finde Europa und Deutschland eher demokratisch.“ Allein der Umgang mit Waffen dort befremde ihn.

Peter schwelgt in Erinnerungen, erzählt von Schallplatten, die er im Warehouse aufgereiht hatte, in Regalen, die breiter waren als die Theke in seiner Blues Bar heute, von Baseball-Sammelkarten der Zwanziger und Dreißiger, die er verschenkte, „dreimal umziehen“, seufzt er, von Kassetten, die das Musikhören plötzlich mobil machten, was mit Schallplatten nicht so einfach möglich war, „ich habe noch ein Bang-und-Olufsen-Turntable zu Hause, aus America mitgebracht“, das musste er erst von US- auf europäischen Strom umwandeln. Peter erzählt im Rösselsprung, spinnt Fäden, die er liegen lässt und später wieder aufnimmt, durchmischt die Puzzleteile zu einem bunten Bild, das er doch stets sinnhaft zusammenfügt. Ich könnte ihm ewig zuhören, und er hätte sicherlich auch ewig zu erzählen.

Zum Beispiel: Bevor das Riptide den leer stehenden Outdoor-Laden übernahm, überlegte Peter selbst, ob er dort für seine Gäste Essen anbieten sollte, erzählt er, „Barnaby’s Annex“, aber ihm fehlten dort Fettabscheider und Keller. „Für den Laden haben sich viele Leute interessiert“, weiß er. „Ich freue mich, dass jetzt das Riptide drin ist.“ Der Anfang einer guten Nachbarschaft. Möge sie so unerschöpflich sein wie Peters Geschichten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#157 Unter einem bleigrauen Himmel

8. Oktober 2020


Donnerstag, 8. Oktober 2020

Die erste Veranstaltung im neuen Riptide steht an! Man würde sich nur dann noch mehr darüber freuen, wenn die allgemeine Hintergrundsituation angenehmer wäre. Aber dennoch: Hardy Crueger und Till Burgwächter läuten die Weihnachtszeit ein, indem sie am Donnerstag, 29. Oktober, ab 19 Uhr im Riptide aus ihrem gemeinsamen Buch „Braunschweig‘sche Weihnacht“ ausgewählte Geschichten vortragen. Das Buch gibt es zwar schon seit einem Jahr, Weihnachten aber schon länger und auch immer mal wieder, da wird das Buch also immer aktuell sein, und vergnüglich ist es ohnehin, noch mehr, wenn man die beiden Autoren dabei live erlebt. Erstaunlich gut passen die zwei unterschiedlichen Charaktere mit ihren ebenso unterschiedlichen Stilen jedenfalls zusammen. Und Weihnachten im Oktober, was soll‘s, das Süßzeug dazu gibt‘s eh schon was länger im Supermarkt. „Alternative X-Mas“ ist schon mal ein treffender Titel dazu.

Dabei war doch gerade erst Sommer, so etwas in der Art zumindest. Es kommt mir wie gestern vor, als ich mich mit meiner Mutter und ihrem Gatten auf dem Magnikirchplatz in der Sonne traf. Ausnahmsweise einmal um die Mittagszeit herum, an einem meiner seltenen Urlaubstage; üblicherweise arbeite ich zu solchen Uhrzeiten in der Woche, daher wusste ich nicht, dass es anderen auch so ergeht, wenn ich vor dem Riptide sitze, und zwar den Handwerkern, die im Auftrag des Eigentümers das hübsche Fachwerkhaus, in dem das Riptide untergebracht ist, noch hübscher machten. Das erfolgte mit einem zwischenzeitig die Genfer Konventionen missachtenden Lärm, den ein Arbeiter mit einer Kreissäge und sein Kollege mit einem Presslufthammer verursachten. Da das Riptide-Publikum allgemein wohlerzogen ist, nahm auch niemand zeternd daran Anstoß, wenngleich Gespräche an den Tischen vorübergehend alternierend verstummten oder in Lautstärke den Arbeitenden überlegen zu sein versuchten. Aber Arbeit ist Arbeit, das weiß man auch in seiner Freizeit. Dennoch, als die beiden aus der Einstürzende-Neubauten-Coverband einmal besonders nachhaltig dröhnten, erschallte im Anschluss der lautstarke Ruf „Ruhe! Ich hole die Polizei!“ – und zwar von einem Kollegen eines anderen Gewerkes zwei Gerüstebenen höher. Lauter war dann nur noch das Gelächter der Gäste an den Tischen.

Oder als ich kürzlich an einem lauen Abend in der Stadt unterwegs war und mich merkwürdig fühlte, weil es, wenn ich den Altstadtmarkt passiere, nicht mehr passiert, dass ich von dort aus ins Riptide einkehre, als mir Christian radfahrend entgegenkam und mich auf eine Veranstaltung in der Einraumgalerie gegenüber des alten Riptide hinwies. Die Zeiten sind schwer für die kleine Galerie, sagte er, nicht nur des Virus‘ wegen: „Es fehlt der Magnet.“ Doch Stecky mache aus Tante und Onkel Puttchen einen würdigen Nachfolger, dessen Anziehungskraft lediglich von ebenjenem weltbekannten Virus geschmälert würde. Kurz darauf gab es in der Galerie dann sogar wieder eine Lesung, aber unter ganz besonderen Bedingungen: Weil in dem winzigen Raum zusätzlich zum Autoren nur maximal zwei Gäste mit gleichzeitiger Anwesenheit die Infekstionsschutzbestimmungen einhalten können, hatten Interessierte draußen Schlange zu stehen und schickte Marcel, der Vortragende, die jeweiligen zwei Zuhörer nach einer Weile wieder vor die Tür, für die nächsten zwei, denen er sich dann temporär widmete. So machte er aus der Pandemie eine Performance, indem er die erforderlichen Einschränkungen ins Konzept einband, und generierte damit etwas Neues.

Das erzählte er mir vorhin auf dem Wochenmarkt im Östlichen, als ich für Schepper einkaufte, bei dem ich dann anschließend noch Arni traf. Eigentlich wollten wir zusammen ins Riptide schlendern, doch kam etwas dazwischen und ich spaziere nun allein durch den warmen Herbstregen. Trotz der schon fortgeschrittenen Stunde brennt bei der Busenfreundin gegenüber vom Riptide noch Licht, ich kehre ein, schließlich sind dies neue Nachbarn, die ich noch nicht kenne. Mein Anliegen trage ich Fatma und Mara vor, und sie lachen: „Wir haben da gerade Pommes gegessen“, erklärt Mara, und Fatma ergänzt: „Wir gehen öfter rüber.“

Mara hat noch etwas zu erledigen, Fatma und ich setzen uns auf die gemütlichen Sessel im Laden. „Wir sind schon seit sechs Jahren hier im Viertel“, berichtet Fatma. „Wir sind ein Mädelsteam, logischerweise, weil wir Damenunterwäsche verkaufen.“ Das könnten doch Männer ebenso? „Das wäre ungewöhnlich“, sagt Fatma nachdenklich und schüttelt den Kopf. Sie fährt fort: „Wir sind spezialisiert auf große Cup-Größen, das ist unser Konzept, und wir sind große Fans vom Magniviertel.“ Sie ist begeistert davon, dass sie „eine ganz tolle Nachbarschaft“ haben, zu der nun eben auch das Riptide gehört. Sie nickt: „Wir haben uns sehr gefreut, als es hieß, das Riptide kommt – das Viertel wird immer schöner, immer bunter.“ Die große Außensitzfläche mit dem fließenden Übergang zu Barnaby‘s Blues Bar und Das kleine Café gehöre dazu, und: „Das Riptide bringt auch ein bisschen andere Leute mit rein.“ Das sei das Besondere am Magniviertel, „eine tolle Vielfalt“.

Im alten Riptide war sie nur selten, das war „eine andere Ecke, es lag nicht auf dem Weg“, sagt sie, und Mara, die eben zurückkehrt und sich auf den dritten Sitz hockt, erzählt, dass einige aus dem Team einzeln da waren, sie selbst zum Beispiel, weil es in der Nähe der HBK gelegen war. Anders jetzt, da sie sich nach Feierabend Pommes gönnen, „und wir waren mit dem Team auch schon mal drüben“, sagt Fatma, „das ist ein schöner Anlaufpunkt“. Die Schallplatten, die es dort außerdem gibt, sind indes nur für ein Teammitglied interessant, „die hat sich mit am meisten gefreut“, sagt Mara grinsend.

Männliche Verkäufer gibt es bei der Busenfreundin also nicht, aber wie sieht es mit männlichen Kunden aus? „Wenn sie für die Frau oder die Freundin einen Gutschein kaufen“, sagt Mara, kommen auch Männer mal in den Laden. Fatma winkt ab und betont: „Jede Person, die bei uns einen BH haben möchte, soll auch einen kriegen!“ Der Bedarf an großen BHs sei groß, doch „das Angebot in Braunschweig und Umgebung eher nicht“, so Fatma. Die üblichen Geschäfte seien in ihrem Sortiment „klassisch“, und Mara erklärt, dass es eben „nicht nur Frauen mit großem Umfang und großem Cup“ gebe, sondern auch „mit kleinem Umfang und großem Cup, und das findet man in normalen Läden nicht“. Also – beispielsweise Größen wie 70H? Fatma staunt: „Damit kennen sich nicht mal alle Frauen aus.“ Da habe ich zu Hause wohl gut zugehört.

Fatma ist die Chefin der Busenfreundin, das Team besteht aus fünf Frauen, eine hat gerade erst zum 1. Oktober angefangen. „Wir sind alle Studenten“, erklärt Mara. Mitten in der Krise eine Neueinstellung, nicht schlecht. „Es ist ein Platz freigeworden“, sagt Fatma, weil eine Kollegin studienbedingt wegzuziehen droht, zwar erst später, aber weil die Ausbildung für neue Mitarbeiterinnen lang dauert, bis sie allein umfassende Beratungen vornehmen können, baut Fatma rechtzeitig vor: „Wir denken ans nächste Frühjahr – positiv denken!“ Bis jetzt ist die Busenfreundin eben positiv durch die Krise gegangen, und würde es auch weiterhin, sofern es nicht zu neuerlichen Einschränkungen kommt. Das Team unterwirft sich da von sich aus harten Auflagen, betont Fatma: „Wir tun alles, was wir können, dass es gut weitergeht.“ Denn Mara weiß: „Es ist schwierig, mit Beratung Abstand einzuhalten.“ Fatma nickt: „Das ist eine körpernahe Dienstleistung.“ Man helfe etwa bei Anpassungen oder beim Verschluss des BHs, da blieben Berührungen nicht aus. Doch soll aus der Busenfreundin keine Infektion ergehen, unterstreicht Fatma.

Chris erzählte mir im Frühjahr, dass er sich freute, dass ihn die Nachbarn schon wie angekommen fühlen ließen, obwohl das Riptide noch gar nicht eingezogen war, und machte dies unter anderem daran fest, dass die Busenfreundinnen für ihn schon mal Pakete annahmen. Fatma zuckt mit den Schultern: „Das gehört dazu“, findet sie lächelnd. „Wenn man grad nicht da ist oder erst später aufmacht – das ist gute Nachbarschaft.“ Und Mara grinst: „Ist ja für uns auch gut“, meint sie, dass das Riptide nun gegenüber residiert, „mehr Leute, die denken: Vielleicht passe ich da rein!“

Nun wollen die beiden aber ihren Feierabend antreten, wir verabschieden uns voneinander, sie schließen hinter mit die Tür ab. Auch im Riptide brennt gemütliches Licht, sogar draußen unter dem Schirm sitzen noch einige Leute im Herbstwind. In der Kiste mit den Übrigbleibseln des Record Store Days finde ich tatsächlich noch die Neuauflage der U2-Single „11 O‘Clock Tick Tock“, die es damals nur als 7“ gab und auf keinem Album, außer auf der „Under A Blood Red Sky“-Liveplatte, und jetzt als 12“ im Gatefold und auf blauem transparentem Vinyl, mit zwei bislang unveröffentlichten Livetracks aus jener Zeit als B-Seite. Teurer als ein Album, aber man ist ja Sammler.

Außerdem fischt Rosa noch meine Bestellung aus dem Lager: „Das Cabinet des Dr. Caligari“, die Interpretation des Soundtracks zu diesem Stummfilm, der nunmehr 100 Jahre alt ist, von Toundra, der Postrockband aus Spanien, als Doppel-LP mit CD drin. Die Entdeckung von Toundra war vor einigen Jahren ein magischer Moment: Wir saßen im Tegtmeyer, dem veganen Restaurant, nicht der Punkkneipe, und da lief instrumentale Rockmusik. Die uns allen gefiel, deshalb fragten wir nach einer Weile Timo: „Was ist das?“ Mit Kennerblick verriet er: „Toundra.“ Nächstes Stück. Wieder geil. Die Hälse reckten sich an den Tischen, wieder die Frage: „Und das jetzt?“ Timo grinste: „Immer noch Toundra.“ Auch der nächste Song gefiel allen, wieder die Frage, von wem das denn nun sei, wieder die Antwort: „Toundra“, seinerzeit das vierte Album mit dem Spanischen Titel „IV“. Nicht nur für mich war dieser Moment der Beginn einer Liebe, die in dem Flamenco-Projekt Exquirla gipfelte, einem nach meinem Empfinden der besten Alben des neuen Jahrtausends. Nun also Caligari, ich bin gespannt. Außerdem ist auch Scheppers Bestellung da, die ich für ihn mitnehmen will, Nick Mason‘s Saucerful Of Secrets, „Live At The Roundhouse“.

Auch mit Abstand ist das Riptide voll, von oben kommen Gäste herunter, um ihre Rechnungen zu begleichen, es ist viel los, zum Glück und mit einem kräftigen Schlucken. „Die Leute benehmen sich hier ganz gut“, wischt Rosa Bedenken beiseite. Fürs Draußensitzen dürfte es künftig vielen zu kalt sein, aber Rosa gibt zu bedenken: „Ein paar draußen brauchen wir, weil wir drinnen keinen Raucherbereich haben.“ Und außerdem gibt es ja auch immer ein paar Hartgesottene und auch gar nicht mehr so kalte Winter. Rosa bestätigt: „Ich bin auch im Winter gern draußen, wenn die Sonne scheint.“ Sie drückt mir meinen Milchkaffee „mit Kuhmilch“ in die Hand, den ich samt Keks neben der Schale mit den Klaue-Benefiz-Buttons zu mir nehme. Weil so viele Leute dem Riptide in der Not halfen, unterstützt das Riptide nun den nächsten hilfebedürftigen Laden, und das ist nun die Klaue, der Nachfolger des Punkrock-Tegtmeyers. Einige Stellflächen weiter sind in einem Karton Monkeejuice-Stickermags zu erwerben, gestaltet von Dennis Gabbana und Ly Da Buddah. Drogenbunte Aufklebermagazine von Drum-And-Bass-DJs. Harter Stoff! Den probiere ich nächstes Mal, für heute habe ich nun ebenfalls Feierabend.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#156 Auch 13, Unsichtbarer!

16. September 2020


Montag, 31. August 2020

Dies ist der letzte Tag vom alten Café Riptide. Heute geben André und Chris die Schlüsselgewalt über die Räume, die die Kulturlandschaft in Braunschweig veränderten, an ihren Eigentümer zurück. 16. September 2007 bis 31. August 2020. Eigentlich ja nur bis noch etwas früher, aber – heute läuft eben der Mietvertrag aus. Am Wochenende halfen Helfer, die letzten Reste aus den beiden Räumen im Handelsweg in Container zu schleppen. Eigentlich ist heute also nichts mehr zu tun, aber da ich gestern verplant war und heute noch Urlaub habe, bin ich um 10 Uhr im Handelsweg, um André vor Ort zu treffen.

Vorher treffe ich Helmut, der aus seiner Strohpinte blickt. Ihm geht es gut, sagt er: „Man kommt durch.“ In seine Kneipe verirren sich in diesen Zeiten nur noch Stammgäste, keine Fremden, und von den Stammgästen nicht einmal alle: „Manche haben Angst, das ist berechtigt“, sagt Helmut. Er zuckt mit den Schultern, angesichts der demnächst sinkenden Temperaturen und der dann fehlenden Möglichkeit, die Gäste weiterhin wohltemperiert draußen bewirten zu können: „Abwarten, was kommt.“

In diesem Moment ist dies André, der da um die Ecke schlendert und Helmut und mich begrüßt. Er schließt das Riptide auf und lässt mich einen Blick werfen – in den kahlen Raum, auf den grauen Putz, auf die fehlenden Zwischenwände, auf Lücken somit, auf den Kabelsalat, der sich quer durch diesen Raum zieht. Danach öffnet er die Riplounge, die sich ähnlich präsentiert, auch hier fehlen Wände und Farben und Lampen und Boden, in der Nische sind lediglich einige Werkzeuge und Arbeitsmaterialien aufgestapelt, die André noch mitnehmen wird. Einiges davon drückt er mir in die Hand, damit ich an den losen Enden des Kabelmonsters im Café Lüsterklemmen anbringen kann. Ich widme mich dem Lindwurm, André anderen Aufgaben.

Und einigen Klärungen, zu Gerüchten und Geschichten, die über ihn und Chris und das Riptide allgemein im Umlauf sind. André macht dem Umzug ins Magniviertel „aus privaten Gründen“ nicht mit, bestätigt er Chris, und betont: „Mit Chris ist alles in Ordnung!“ Kein Streit, keine Trennung der Freundschaft, kein Ehekrach, keine wie auch immer geartete Katastrophe, von der in der Stadt so zu hören war. Leute haben ja abenteuerliche Ideen, wenn ihnen etwas nicht klar ist, aber auf die naheliegende kommen sie nicht: André muss sich auf andere Elemente in seinem Leben konzentrieren und seine Energie umlenken. Glücklich ist er damit nach all der Zeit und all den Errungenschaften und all den Erinnerungen auch nicht, aber sieht sich Zwängen ausgesetzt. Das Auseinanderdividieren des bisher gemeinsamen Unternehmens Riptide steht daher in absolut keinem schlechten Licht: „Wir sind beide der Meinung, dass das freundschaftlich vonstatten geht.“ Von einigen Gerüchten hat er überdies selbst gehört, lacht er: „Ich bin nach Mauritius ausgewandert, habe sieben Millionen im Lotto gewonnen.“ Sieh an, diese Geschichten habe ich noch nicht zu hören bekommen.

Ein Termin zwingt André und also auch mich zum Aufbruch. Chris hatte Recht: Das tränende Auge bleibt aus, trotz des Abschieds nach fast 13 Jahren aus diesen Räumen, die mir so viel Welt und Leben bedeuten. Die Erklärung dürfte einfach sein: Weil es bereits weitergeht, weil ich bereits weiß, das es sogar besser geworden ist, dass es nicht nur eine potentielle Zukunft hat, sondern dass diese Zukunft längst läuft. Nun also: Danke, André, für alles, und auf bald!

Neben der Strohpinte trägt Stefan einige Kisten mit Comics vor das Schaufenster von ComiCulture. Maskiert folge ich ihm in den Laden. „Corona macht den Leuten teilweise Angst und sie bleiben zu Hause und machen nur noch das Nötigste“, erzählt er. Dafür hat er Verständnis: „Und anderes ist ihnen egal, das ist menschlich.“ Er lächelt: „Vielleicht bringt‘s ja auch was Positives.“ Veränderungen nimmt er schon jetzt wahr, auch darin, wie manche Menschen darauf reagieren, dass sie kulturelle Angebote nicht mehr wahrnehmen können und dass Onlinestreams zwar eine willkommene Alternative, aber niemals ein Ersatz sind: „Die Leute sind hart unterlebt.“ Er sinniert: „Vielleicht ist es das, was übrigbleibt, dass sie merken, dass sie andere Menschen brauchen – dann reicht das doch schon.“ Gewiss ist ihm jedoch, dass sich auch die Subkultur ändern wird, was sich auch auf ComiCulture auswirken würde: „30 Prozent der Leute haben zum ersten Mal online gekauft – warum nicht ein zweites Mal?“ Der nächste Kunde gehört nicht dazu, dem widmet sich Stefan nun und ich verabschiede mich.

Nicht ohne noch einen Blick durch die Fenster des alten Riptide. Danke für die unzählbaren und tiefgreifenden Abenteuer. Ich bin gespannt auf die nächsten.

Dienstag, 15. September 2020

Zum Beispiel bei Ohlendorf, dem sympathischen Traditionsbaumarkt im Magniviertel, in direkter Nachbarschaft zum neuen Café Riptide. Da Chris schon so viel davon schwärmte, wie ihm der Laden während des Umzugs hilfreich zur Seite stand, bin ich neugierig. An der Kasse frage ich Sabrina, ob mir jemand etwas über das Geschäft erzählen kann, und sie meint, dass da der Chef besser für geeignet sei als sie, und greift zum Telefonhörer, um diesen Chef aus seinem Büro an die Kasse zu bestellen. Und zwar mit den Worten: „Papa, kannst du mal runterkommen?“ So eine Sorte Chef also! Sabrina grinst: „Das ist halt ein Familienbetrieb.“ Sie springt nämlich während ihres Studiums gelegentlich als Aushilfe ein.

Und ein Familienbetrieb ist die Ludwig Ohlendorf KG seit über 125 Jahren, auch wenn der jetzige Geschäftsführer Jürgen Weferling einen anderen Nachnamen trägt. Weil es in der Familie einst nur zwei Mädchen gab, berichtet er, irgendwann in früheren Generationen; er erwähnt eine „Urgroßmutter“: „Die Frau musste den Namen des Mannes nehmen, das macht man heute nicht mehr so.“ So kommt es also, dass die Weferlings nun die neuen Ohlendorfs sind.

Der Laden brummt, um uns herum schwirren die Kunden, Sabrina hat an der Kasse ordentlich zu tun, und der Chef weiß: „Wir sind der kleine Baumarkt, wo sie viele Sachen lose kriegen.“ Zu solchen Kunden gehörte auch Chris, wie er weiß: „Das Riptide hat viel für den Umbau gebraucht, mal eine Dose Farbe“, erzählt er. „Davon leben wir, von den Kleinigkeiten“, weiß er, und ebenso, dass der Zulauf an Privatkunden derzeit der Coronakrise geschuldet zurückgegangen ist. Dennoch ist er zufrieden: „Wir haben 200, 300 Kunden pro Tag auf einer verhältnismäßig großen Fläche.“ Was man sich nicht vorstellen kann, dass sich hier mitten im eher klein gebauten Magniviertel ein Baumarkt mit einer Fläche von 800 Quadratmetern und fast 50 Mitarbeitern verbirgt; „da sind auch Teilzeitkräfte dabei“. Und einen Onlineshop betreibt er noch „nebenbei“. Beachtlich.

Bislang hat es Jürgen Weferling noch nicht so oft ins Riptide geschafft, aber er freut sich über die Möglichkeit, dort mittags mal auf einen Kaffee einkehren zu können. „Es ist hier besser als drüben“, weiß er, denn obgleich er in der Nähe des Handelswegs wohnt, schaffte er es nie dorthin. Im Magniviertel hingegen sei alles vorteilhafter: „Hier ist jeden Abend etwas los“, beobachtet er, und bemerkt schmunzelnd: „Montags fehlt uns immer was, weil es zu hat.“

Dienstags nicht, daher kehre ich nach meinem Abschied von den Weferlings gleich mal im Riptide ein und bestelle mir meine übliche Fritz-Karamell-Kola. Madeline drückt mir die Flasche in die Hand und berichtet, dass sie gerade mal seit zwei Wochen im Riptide arbeitet. Auch ihre Kolleginnen Lucie und Nadia sind mir noch nicht bekannt, es tut sich was am neuen Standort. „Ich hab studiert in Mainz“, erzählt Madeline. Und fühlt sich im Riptide alles andere als fremd: „Ich kenne das Team, wir haben zusammen im Hallenbad gearbeitet, in Wolfsburg.“ Jetzt bin ich baff. Brauchen sie dort zurzeit etwa niemanden mehr? „Das war vor dem Studium“, beruhigt sie mich. „Ich wollte hier studieren, Master, aber das hat nicht geklappt, jetzt arbeite ich hier.“ Sie kommt ursprünglich aus Wolfsburg, und von den heute Anwesenden kennt sie Nadia schon aus dem Hallenbad, „länger her“. „Das Team ist gut, es macht Spaß“, freut sie sich, „das ist eine gute Kombi, mit Plattenladen, im Magniviertel.“ Der nächste Gast möchte nun bei Madeline ein Getränk bestellen, ich nehme mir meins und begebe mich nach draußen, auf den von der ungewöhnlich warmen Septembersonne hell erleuchteten Magnikirchplatz.

Der ist wie immer rappelvoll. Am Rande einer Tischgruppe finde ich einen Platz auf einer Bank, als mir Marc von einem der Tische der benachbarten Barnaby‘s Blues Bar mit der Pommesgabel zuwinkt. Ich winke zurück und wanke zu ihm. Vielleicht hat er ja einen neuen Chuck-Norris-Fakt für mich parat.

Und morgen hat das Riptide ja Geburtstag. 13, bestes Teenageralter! Rock‘n‘Roll, liebes Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#155 Uv-àjéd

27. August 2020


Donnerstag, 27. August 2020

Und plötzlich ist der ohnehin gefühlt viel zu kurze Sommer auch ebenso gefühlt schon fast wieder um. Eben noch in der Ostsee schwimmen, schon nur noch in Jacke draußen unterwegs. Außer, man ist Däne und schwimmt auch bei Minusgraden in der Ostsee, weil die dann ja schließlich wärmer ist als die Luft. Wenn einem dann als Zuschauer schon kälter ist als den Schwimmenden, die gutgelaunt den grauen Wellen entsteigen, während man selbst dessen angesichtig in einen Schreiwettstreit mit den Möwen tritt.

Ja, ich gehöre zu denen, die auch in Coronazeiten nicht auf ihren Jahresurlaub verzichten wollen, das gebe ich unumwunden zu. Nur war das Ziel von Andrea und mir deshalb auch entsprechend gewählt: eine Gegend in Dänemark, weil wir in Deutschland so kurzfristig nichts bezahlbar Ansprechendes fanden. Eine Gegend, in der wir weder Nachbarn noch Gastronomie oder Supermarkt hatten. Aber eben Gegend. Und Ruhe. Und außer uns zu Hochzeiten – also einmal in dieser Woche – vielleicht fünf weitere Personen gleichzeitig am ausgewiesenen Badestrand. Luxus in Ödnis. Und als einzige Möglichkeit, Musik zu kaufen, den Føtex-Supermarkt im Nachbarort, der das neue Album „Alter Echo“ von Dizzy Mizz Lizzy wohl nur deshalb überhaupt im Sortiment hat, weil es in Dänemark in den Charts ist.

Jetzt also wieder Braunschweig und den Sommer ausklingen lassen. Mit einem Eis im Limonella zum Beispiel, um die Ecke vom neuen Riptide, im Magniviertel, in der Langedammstraße, oder, falls es Ende August doch schon zu kalt dafür ist, auch einen Espresso, den mir Inhaber Hasib kredenzt. Er betreibt das Café seit „sieben Jahren und zwei Monaten“, wie er spontan errechnet, nämlich seit dem 1. Juni 2013. Seine neuen Nachbarn im Ölschlägern hat er noch nicht besuchen können, bedauert er: „Ich habe nur sonntags frei, und sonntags haben sie Ruhetag – ich würde da gern etwas trinken.“ Von dem erzwungenen Umzug des Riptide aus dem Handelsweg hat er Kenntnis: „Hoffentlich es läuft alles gut“, sagt er, „ich höre, die Leute sind nett.“

In der Gastronomie ist Hasib schon lang in Braunschweig tätig: „Ich habe vorher eine Eisdiele gehabt in Wenden“, erzählt er, das La Perla, und das hat er verkauft, nach ungefähr acht Jahren dort. Da ergibt sich die Frage, ob das Magniviertel besser ist, und die beantwortet Hasib diplomatisch lächelnd mit „Auch!“ Und erklärt, dass das La Perla lediglich eine Eisdiele war und dass er im Limonella zusätzlich „eine Kleinigkeit zum Essen“ im Angebot hat, „wir machen alles selber“, Brot, Dips, und mittags sind bis zu vier Gerichte auf der Tafel aufgeführt, „immer Kleinigkeiten“. Das Eis wiederum ist nicht aus eigener Produktion, das kommt noch aus Wenden, von Taormina indes, „die sind bekannt in Braunschweig“, weiß Hasib, und ich habe die mobilen Eiswagen mit der Aufschrift auch schon überall gesehen. „Seit 14 Jahren“ lässt er sich von denen beliefern.

Auch wenn alles so italienisch klingt, Hasib kommt aus dem Irak: „Aber ich kann es verstehen und auch ein bisschen sprechen“, sagt er. Bis vor einer Weile war er der einzige im Magniviertel, der Eis verkaufte, erzählt er: „Jetzt Das kleine Café auch“, der erste Mitbewerber also, von dem Hasib vollmundig schwärmt, „die sind lieb“, sagt er, und „die machen auch alles selber“. Früher war dort die Crêperie ansässig. „Es gibt viele Cafés im Magniviertel, zu viele“, sagt Hasib augenzwinkernd, weil es mehr Konkurrenz bedeutet, die er aber schätzt. Zum Beispiel die Makery: „Die waren Stammkunden hier und haben dann das Café aufgemacht“, berichtet er erfreut. Dann fällt ihm ein, dass das Friedrich 2, also F2 oder Friedrich der II., seit kurzer Zeit ebenfalls Eis verkauft, und grinst: „Viel zu viel Eis!“ Von dem F2 gefällt ihm der Garten nach hinten heraus. Und vom Riptide hört er nur Gutes: „Das ist die Hauptsache!“

Bevor ich nun den Weg eben dorthin fortsetze, kehre ich einmal mehr bei Simone ein, denn lustigerweise ist Schepper bei ihr Stammkunde und bat mich, ihm seine begehrte Hanf-Haarseife mitzubringen, wenn ich wieder im Viertel sein würde. Mache ich doch selbstredend. Im Viertel bin ich ja nun öfter, dem Riptide sei Dank. Kürzlich, noch vor dem Urlaub, beispielsweise mit Arni, an einem der raren Draußentische, als es noch so richtig warm war und wir einen klassischen Riptide-Tag erlebten, mit allerlei Bekannten und Freunden, die sich zufällig an unseren Tisch verirrten. Darunter Dirk, der einmal mehr mit einer Reisegruppe im Rahmen von Eat The World im Riptide eintrudelte. Dabei fiel mir auf, dass er ja quasi das Ziel schon lang subliminal im Programm verankert hatte: Obgleich die Route, für die er in Braunschweig unterwegs gewesen war, „Magniviertel“ hieß, war das noch im relativ weit davon entfernten Handelsweg residierende Riptide darin untergebracht – visionär geradezu.

Wie es sich für einen Stadtführer gehört, hatte Dirk für Arni und mich auch an dem Nachmittag Anekdoten parat, die das nahe Umfeld des Riptide betrafen. Barnaby‘s Blues Bar genaugenommen, dessen Eigentümer Peter laut Dirks Kenntnis in den USA, in New Orleans, eine Kneipe gehabt hatte, in der The Doors am 12. Dezember 1970 ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gegeben und als einziges Mal „Riders On The Storm“ gespielt hatten. Das, so fand Dirk, war dabei gar nicht mal die spannendste Geschichte um Peters früheren Laden. Denn, der Laden hatte Warehouse geheißen, und als da ein Resident-DJ selbstgebastelte elektronisch grundierte monoton-rhythmische Musik unter die Leute gemischt hatte und diese ihn nach dem Namen dieser Musikrichtung gefragt hatten, hatte er schlichtweg mit dem Namen der Location geantwortet, Warehouse, woraus sich alsbald die Bezeichnung House ergeben gehabt haben soll. Arni und ich hegten zwar, wie der Berichterstatter selbst, gesunde Zweifel daran, wir drei waren uns aber einig, dass diese Geschichte wichtiger war als der Wahrheitsgehalt. Das Internet verrät nun, dass die Geschichte in den Grundzügen sogar stimmt – dass aber ein anderes Warehouse daran beteiligt war, nämlich das in Chicago.

Außerdem verzehrten Arni und ich einen Kuchen mit frischem Obst, von dem Chris uns verriet, dass eine Freundin es in ihrem Garten geerntet und dem Riptide zur Verfügung gestellt hatte. Sowas von lecker. Und bei einer Bestellung erhielt ich zudem eine Grundlagenerkenntnis in Sachen Sprachgebrauch: Arni wählte seinen Milchkaffee mit veganer Milch, und als ich gerade anhob, „normale“ zu sagen, erhielt ich den freundlichen Hinweis, dass man im Ritpide dieses Wort vermied, um das vermeintlich Normale nicht allem anderen gegenüber wertend festzulegen. Anerkennend stattgegeben.

Und dann hatte ich noch zwei Geschichten zu berichten, einmal von dem Ausflug, den Andrea und ich nach Leipzig unternommen hatten, selbstredend auch in einen Plattenladen, den wohlsortierten Whispers Records in der Karli nämlich, aber auch in ein Eiscafé um die Ecke davon, besser: in die Eisdiele Pfeifer, deren Inhaberin uns durch das Quasi-Museum führte und uns dessen Geschichte erzählte. Dass der Herr Pfeifer den Laden jahrzehntelang aus Mangel an Möglichkeiten zwangsläufig nach klassischer DDR-Art eingerichtet und dann zur Wende vor dem Problem gestanden hatte, im Unklaren über die Besitzverhältnisse des Hauses gewesen zu sein, in dem seine Diele untergebracht war, und dass der Herr Pfeifer deshalb vorsichtshalber gar nichts investiert hatte, was ihm dann Jahre später zugute gekommen war, weil nämlich alle anderen Eisdealer auf topmodern umgesattelt hatten und er der einzige geblieben war, dessen Einrichtung allgemein aufgekommene Ostalgiebedürfnisse befriedigt hatte. Davon profitierten nun eben die Nachfolger, die die Diele unter Pfeifers Namen fortführen. Und überdies auch noch erhebliche Leckereien anbieten. So kann‘s gehen.

Die zweite Geschichte hatten Andrea und ich eines lauen Sommerabends mit jeweils einem Bier auf der Bank auf einem nahen Spielplatz erlebt, den regelmäßig eine Gruppe Heranwachsender frequentiert. So auch an jenem Abend, als wir die sowohl abwechselnd als auch gleichzeitig auf Türkisch und Deutsch gehaltenen Gespräche nur fetzenweise verstanden hatten. Ein höchst philosophischer Kommentar allerdings blieb uns nachhaltig im Gedächtnis: „Wenn einer mit allen gut kann – der kann doch kein guter Charakter sein, oder?“

Heute hat Chris fast gar keine Zeit, er steckt in Arbeiten im Büro und ist auf dem Sprung zum alten Standort im Handelsweg, erzählt mir Sera an der Theke. Das Arbeitsaufkommen lässt auch für die Belegschaft erfreulicherweise nicht nach: „Es läuft eigentlich ganz gut, es ist immer reserviert, jeden Abend ist es ausgebucht“, berichtet Sera. Denn sie weiß, was die Gäste wissen: „Der neue Laden ist etwas Anderes, der ist gut.“ Sie bedauert es, dass sie manchen Anrufern sogar absagen müssen: „Morgens um zehn: ‚Nee, heute Abend ist voll!‘“ Wie gut für das Riptide.

Da steckt Chris seinen Kopf aus der Bürotür und erzählt davon, dass André und er tagsüber das alte Riptide auseinandernehmen, oder besser: Es „vertragsgemäß in den ursprünglichen Zustand zurück“ versetzen. Stimmt ja, Enmde ugust läuft der Vertrag aus, und damit fällt die finanzielle Doppelbelastung der Mieten endlich weg. 15 Kubikmeter Schutt verließen die alten Räume bereits; einiges davon sah ich gestern im Internet auf Fotos. „Das war nur der kleine Container“, winkt Chris ab: Den größeren zweiten schafften die beiden ebenfalls randvoll. Chris ist selbst überrascht, dass André und er dem Ur-Riptide keine Träne nachweinen: „Das tut richtig gut, wir haben beide gestrahlt und sehen das positiv.“ Denn: „Hier haben wir etwas viel Besseres, nicht nur eine Notlösung.“ Zwar vermisse er die Nachbarn „und alles“, aber: „Die Entscheidung war goldrichtig.“ Das Leerräumen des Handelswegriptides sei wie ein Déjà-vu, sagt Chris, nur rückwärts: „André und ich stehen in einem weißen Raum.“ Aus dem neuen Riptide zog André sich jedoch zurück, „vorerst“, wie Chris betont, und „aus privaten Gründen“, und nicht etwa, weil es Streit gab: „Wir sind befreundet nach wie vor“, und wer weiß, sobald sich die privaten Gründe so weit klären lassen, dass es möglich ist, kehrt André vielleicht ja auch wieder zurück. Die Tür steht ihm offen, betont Chris unablässig.

Jetzt schließt er sie aber vorerst hinter sich, er hat noch zu tun, bevor er noch mehr zu tun hat. Flink nehme ich mir einen Flyer vom Record Store Day 2020 mit, der Coronas wegen nicht im April stattfand, sondern dieses Jahr dreigeteilt ist, am 29. August, 26. September und 24. Oktober. Wie sich dieser Schallplattenladentag gestaltet, bringe ich dann in Erfahrung. Ist ja schon übermorgen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#154 Rundhaustritt

22. Juli 2020


Dienstag, 21. Juli 2020

Mal wieder auf ‘ne Brause ins Riptide, etwas Sommerfrische abholen. Obwohl die ja in diesem Sommer nicht so erforderlich ist wie beispielsweise vor zwei Jahren. Da war es ja in diesem April schon wärmer als jetzt im Juli. Hat aber was für sich, nicht so angebrannt zu sein und trotzdem draußen sitzen zu können. Durch die Stadt ins Magniviertel, auf dem Weg, vor dem Mezopotamien-Grill, treffe ich Frank und Micha. Erstaunlich genug, dass ich Micha, den ich vor 13 Jahren an der Riptide-Theke im Handelsweg kennenlernte, noch gar nicht im neuen Riptide traf, und auch heute soll es dazu nicht kommen, denn die beiden haben andere Pläne.

Das Magniviertel muss ich erst noch so richtig entdecken, da habe ich bislang noch nicht allzuviel Zeit verbracht. An Galeria-Kaufhof, vulgo: Hochten, vorbei, die Makery passierend, gegenüber in die Langedammstraße einschwenkend, die Braunschweiger Niederlassung des Wolfsburger Tätowierstudios Culture Shocks und das Eiscafé Limonella entdeckend, steuere ich zwischen Rizzi-Haus und Ohlendorf auf einen Eckladen mit einladendem Sitzmobiliar vor der Tür zu. „Simones Seifenmanufaktur“ steht in der Kirchstraße 1 über der Tür, und in dem großen, lichtdurchfluteten und filigran eingerichteten Raum duftet es angenehm unaufdringlich, aber wohlriechend nach – Seife. Das sieht alles so lecker aus, was Simone da ausliegen hat, aber den Drang nach einem herzhaften Biss unterdrücke ich dann aber doch lieber.

Die neuen Nachbarn hat Simone noch gar nicht aufsuchen können, sagt sie, aber: „Ich finde es gut, dass das Café hier ist und das Magniviertel bereichert.“ Eine Mittagspause, in der sie beispielsweise das neue Angebot des Riptide-Mittagstischs wahrnehmen könnte, hat sie nicht: „Ich arbeite durchgehend“, eine erste Angestellte hat sie erst in den kommenden Wochen. Auch im alten Riptide war sie nie: „Das war nicht meine Laufschneise.“ Das verstehe ich, das war das Magniviertel für mich bislang auch nicht unbedingt, auch wenn ich diverse Einrichtungen hier schon kenne, aber eben längst nicht alle.

Ihre Manufaktur hat Simone hier „im fünften Jahr“, berichtet sie, und freut sich: „Es ist von Anfang an gut gelaufen.“ Zudem war sie vom Corona-Lockdown nicht betroffen, da sie Hygieneartikel verkauft. „Ich hatte zwar wenig Laufkundschaft“, sagt sie, nutzte aber das Online-Geschäft als kleinen Ausgleich. Ihr Sortiment ist durchgehend selbstgemacht – und zwar von ihr: „Das sind alles Naturprodukte.“ Von ihr selbstgemacht jedenfalls, was die Seifen betrifft, denn es gibt noch viel mehr zu entdecken: So arbeitet sie mit einer Braunschweiger Keramikwerkstatt zusammen, deren Angebot hier erhältlich ist, und betont dabei, dass es im Laden „keine Chemie“ gebe. Auch ein Pfandsystem für den Gefäßeaustausch bietet sie überdies an. Ergänzend gibt es bei ihr regelmäßig Bilderausstellungen und Vernissagen, nur eben nicht während der Coronazeit – da hängen Gemälde aus ihrem eigenen Wirken an den Wänden. Vielseitig! Den angenehmen Duft erklärt Simone damit, dass sie ausschließlich ätherische Öle für die Herstellung ihrer Seifen verwendet, keine synthetischen. Und sogar Tee und Kaffee verkauft sie, „der Kaffee ist aus einer kleinen Rösterei in Hildesheim und der Tee aus Deutschland, handverlesen“. Außerdem bietet Simone auch noch Workshops an – kein Wunder also, dass sie bislang noch keine Zeit fand, die neuen Nachbarn zu entdecken. Fröhlich verabschieden wir uns.

An den Hintergebäuden von Ohlendorf und einigen privaten Fachwerkhäusern vorbei residiert das Riptide gleich rechts um die Ecke, direkt am Magnikirchplatz. Das nämliche Gotteshaus hat noch mehr Fachwerkhäuser hinter sich zu bieten, mit den wohl höchsten Stockrosen der Stadt und einem von Kids umdumpten Basketballkorb, ungefähr dort, wo das Staatstheater sein „Haus 3“ kürzlich aufgab, und vor sich hektarweise Platz für Draußensitzcafémobiliar und Bocciaspielgruppen. Einige Spieler jonglieren in den Spielpausen mit den schweren Kugeln. Beides muss man können.

Drinnen im Riptide ist weit weniger Trubel, zumindest vor er Theke, denn dahinter findet soeben die Ablösung statt: Anna geht, Sera, eigentlich Serafina, kommt, Selma und Rosa bleiben und Adi, eigentlich Adrian, tritt aus der Küche. „Meine Ma hat mich schon immer Adi genannt“, sagt Adi grinsend. Er ist wie so viele neu im Riptide-Team: „Seit zwei Wochen bin ich hier, zweimal die Woche, ein bisschen Aushilfe“, erzählt er. „Ich hab ‘nen guten Job, in der Jugendhilfe als Koch.“ Jetzt drängt ihn aber das Bedürfnis nach Nikotin: Die Pause ist kurz, und die will er vor der Tür nutzen.

Zeit ist wirklich knapp für das Team: „Hier ist immer genug los für alle“, bestätigt Rosa. „Es gibt kaum Atempause, aber das ist okay – es ist gut, dass das geklappt hat alles.“ Einig, das ist eine Riesenerleichterung, dass sich das Riptide nach all den Querelen mit unverlängertem Mietvertrag und Coronapause mitten im Umzug so auffangen konnte. Unter ihrer Maske sehe ich Rosa grinsen: „Beschäftigt sein ist besser als beschäftigt aussehen – weniger anstrengend.“ Der Zulauf ist sogar so groß, dass abends bisweilen nicht jeder Sitzplatzwunsch in Erfüllung gehen kann, auch der Coronaabstandsregeln geschuldet, deshalb empfiehlt Rosa: „Reservieren!“ Draußen sind alle Tische belegt, drinnen darf es jeder zweite sein, und während der sommerlichen Tage ist es, wie schon am alten Standort, drinnen ohnehin etwas leerer. Mit dem unbestückten Tablett in der Hand kehrt Rosa hinter die Theke zurück und bestückt es mit neuen Bestellungen.

Auf der Ablagezeile längs vor den LP-Fächern liegen orangefarbene Zettel neben einem Stiftständer. „Gegen das Vergessen“, erläutert ein Schild, und fordert dazu auf: „Malt, schreibt, klebt hier für Menschen auf der Flucht.“ Aus einigen der Zetteln wurden Papierschiffchen, die an die Ertrinkenden im Mittelmeer erinnern sollen. Das Riptide bleibt ein Ort für Botschaften, diese stammt von der Initiative Seebrücke.

Auch ein Ort für Botschaften kultureller Art: Im Fenster neben der Tür stapeln sich schon wieder Flyer für Veranstaltungen, und das trotz Coronapause. Einen Stapel habe ich dazugelegt: Jens, der frühere Keyboarder von Phase V, schickte mir sein Solo-Debüt zu, das er unter dem Alias Real veröffentlichte, und legte der CD kleine Flyer mit Werbung bei. Nun ist „Avalon“ schon mal in Papierform im Plattenladen angekommen.

Eigentlich bin ich hier heute mit Arni verabredet, aber der hat dringend eine Deadline einzuhalten und verschob unser Treffen. Am Telefon berichtete er von der Aktion am Freitag, als der Verein BS Oldschool im Lokpark eine Gruftparty mit DJ Jeanny und dem Gothic-Forensiker „Dr.“ Mark Benecke ausrichtete, an der die Gäste lediglich in ihren Autos sitzend teilhaben durften. Arni begleitete das Event als Fotodokumentator und schwärmte in den höchsten Tönen davon, wobei eigentlich angesichts der gruftigen Musikauswahl tiefste Töne angemessener wären. Im Lokpark war ich noch nie, ein angedachter Silver Club dort kam nicht zustande und auch ansonsten verschlug es mich dorthin leider nicht. Für Arni als Fotografen ist die Kulisse ein Geschenk, vielleicht darf ich ihn ja mal auf einer Exkursion dorthin begleiten.

Heute habe ich ja gar keine bestellten Platten abzuholen. Coriky und Tētēma hab ich letztens schon mal mitgenommen, die neuen Alben von Ian MacKaye und Mike Patton. Irgendwas ist aber noch offen – wenn ich das nur alles immer im Kopf hätte. Vor einer Woche wollte ich mich außerdem mit Guido im Riptide treffen, weil wir Fotos von uns machen mussten. Wir hatten nämlich Ehre und Vergnügen, auch an der zweiten Ausgabe eines Buchprojektes mit dem Titel „Ich liebe Musik“ teilzunehmen, und weil nun die Coronapause die geplante Releaseparty in Dresden ausfallen ließ, hatten die Initiatoren Jörg und René die Idee, eine Art Online-Variante davon zu generieren, und baten alle Teilnehmer um Fotos von sich. Das Buch und das Album mit dem Song, den wir dafür ausgewählt hatten, nämlich „Caucasian Psychosis“ von Therapy?, auf der „Potato Junkie“ drauf ist, obwohl die Iren es ursprünglich ja auf der „Pleasure Death EP“ veröffentlichten, die ich aber nicht habe, hatte ich mitgebracht. Da Guido sich aber familienvaterbedingt verspätete, gesellte ich mich zu Hardy und Marc, die wie ich vor dem Riptide auf einen freiwerdenden Tisch lauerten. Da uns nun aber der Durst trieb, wichen wir auf die benachbarte Barnaby’s Blues Bar aus; da gibt es gezapftes Guinness, was womöglich besser zu Guidos und meiner Irlandreisegeschichte und den Fotos passte.

Alsbald saßen wir also zu viert draußen vor der Blues Bar, wir drei Erstsitzenden schon mit ausreichend schwarzem Bier und schwarzem Kräuterlikör auf dem Deckel. Marc und Hardy wollten eigentlich nur ihre anstehenden Lesetermine für das zweite Halbjahr besprechen, doch es dauerte nicht lang, dass wir gemeinsam das Themenspektrum erheblich erweiterten. Und aus welchen Gründen auch immer bei Chuck Norris landeten. „Chuck Norris knallt eine Drehtür zu“, steuerte Guido bei, wir hatten noch „Chuck Norris hat bis unendlich gezählt. Zweimal“ im Kopf, und Hardy offenbarte zu unser aller verwunderter Erheiterung, dass er von der mittlerweile längst schon veralteten Welle der Chuck-Norris-Witze gar nichts mitbekommen habe. Er zweifelte sogar beharrlich die Existenz einer Person namens Chuck Norris an und forderte von uns Titel von Filmen mit ihm ein. Von Marcs Beispiel „Missing In Action“ hatte Hardy noch nie gehört haben wollen, lediglich Guidos Einwand „Walker, Texas Ranger“ ließ Hardy gelten. Da kamen zwei Bekannte von Marc vorbei und bekamen die Diskussion mit, und einer sagte: „Chuck Norris hat in allen ‚Star Wars‘-Filmen mitgespielt. Er war die Macht.“ Hardy schüttelte den Kopf und insistierte, an Marc gerichtet: „Sag mir doch mal einen Filmtitel, wo Chuck Norris mitgespielt hat – außer ‚Star Wars‘!“

Mit meiner Karamell-Fritzkola finde ich auch heute keinen freien Platz vor dem Riptide, aber eine freie Bank. Von hier aus habe ich den perfekten Blick auf den Platz, mit Schirmen und Bäumen über mir und den weißen Wolken auf dem blauen Himmel, die dazwischen durchschimmern. Am reservierten Tisch vor mir nimmt Yvonne Platz, ihre Verabredung kommt etwas später, wie sie ihrem Smartphone entnimmt. Im neuen Riptide ist sie erst zum zweiten Mal, erzählt sie, in den Handelsweg hatte es sie nicht häufiger verschlagen. „Ich find’s toll im Magniviertel“, sagt sie, „eine coole Umgebung, noch zentraler, belebter.“ In der Tat, hier schlendern allenthalben Passanten herum, viele bleiben vor dem Schaufenster stehen und studieren die Riptide-Speisekarte. „Es ist auch schön, dass man hier draußen sitzen kann, unter den Bäumen“, fährt Yvonne fort. Und grinst: „Zu drinnen kann ich noch nicht viel sagen“, denn ihre Cafézeit verbringt sie sommers lieber unter freiem Himmel. „Ein bisschen schade finde ich, dass nur bis 21 Uhr geöffnet ist“, sagt sie und berichtet, dass ihr eine Mitarbeiterin erklärte, dass das zum Schutze der Anwohner so geregelt sei. Sie zuckt mit den Schultern: „Da stellt man sich drauf ein, aber schade ist es schon, gerade im Sommer würde man länger hier sitzen.“ Dann muss man sich eben alternative Anschlussaktivitäten ausdenken. Yvonne bestätigt das: „Beim letzten Mal haben wir eine Parkrunde gedreht, einen verlängerten Weg nach Hause.“ Und dieser Tage kann man dabei ja sogar noch Exponate des Lichtparcours‘ abwandern. Sie nickt und lehnt sich zurück: „Ich finde, dass das Riptide von der Lage her durchaus gewonnen hat.“ Beispielsweise, wenn das Magnifest stattfindet: „Man ist mittendrin, besser geht‘s nicht.“ Einen Unterschied zu früher macht sie aber aus: „Im Handelsweg hat es noch mehr den Charakter von einem Schallplattenladen gehabt, hier ist es eher das nette Gimmick nebenher.“ Stimmt, der Caféanteil ist prozentual deutlich gewachsen – aber dafür finden sich auch mehr Interessierte, und kleiner geworden ist die Vinylabteilung trotz des Augenscheins nicht.

Meine Kola ist leer, ich bringe die Flasche zurück ins Café und schlendere anders aus dem Magniviertel heraus, als ich hereinkam, unter anderem an Badsha und Musik-Mewes vorbei. Beim Googeln lief mir anderntags übrigens noch einer über den Weg, den ich nicht kannte, der sei hier geteilt: „Chuck Norris trinkt aus einem Wasserhahn. Auf ex.“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#153 Frohes Neues!

24. Juni 2020


Dienstag, 23. Juni 2020

In Skandinavien feiern sie heute Sankt Hans, dies sind die längsten Tage des Jahres, die kürzesten Nächte mithin, somit die unpassendste Zeit eigentlich, so etwas wie gestern die bundesweite „Night Of Light“ zu veranstalten, in der rot illuminierte Veranstaltungsorte auf das Corona-bedingte Desaster in der Branche hinweisen sollen; wer morgens um 6 Uhr rausmuss, treibt sich nicht in einer ohnehin spät beginnenden Montagnacht in der Stadt herum. Auch der kürzlich gestartete fünfte Lichtparcours lässt sich im Dunkeln nur begrenzt goutieren, vorerst zumindest, ab jetzt werden die Nächte ja wieder länger. Dabei ist der Lichtparcours vermutlich die beste Möglichkeit, Kunstgenuss in die Kontaktbeschränkungen einfließen zu lassen: Verstreut über die Stadt stehen leuchtende Kunstobjekte den Betrachtern zur Verfügung, die sich dafür nicht in einem geschlossenen Raum drängeln müssen. Perfekt! Und wenn sich die Stadt dazu noch Rahmenprogramme unter Einhaltung der Infektionsschutzauflagen einfallen lässt, ist auch die verlängerte Dämmerung kein Hindernis; so war es am Samstag bei der Aktion der Stadtfinder im Park der Musikschule, als Fly Cat Fly vor der „Bar du Bois“ spielten und wir danach mit Rille Elf auflegten. Die erste Veranstaltung seit einem Vierteljahr, da war die Stimmung grandios und die Dankbarkeit auf allen Seiten riesig, auf unserer nicht minder. Und außerdem spiegelt dieser Zeitraum Weihnachten, die Tage kurz nach der Wintersonnenwende, und markiert quasi das Ende des ersten Halbjahres 2020. Und überdies ein Abklingen des Lockdowns, der in Deutschland noch vergleichsweise harmlos ausfiel und offenbar die Zahl der an Corona Verstorbenen niedrig zu halten half.

Probleme gab und gibt es dennoch reihenweise, auch anderer Art, nicht zuletzt die „Night Of Light“ deutet darauf hin. Viele Freiberufler, Künstler, Selbständige leiden unter dem Wegfall von Aufträgen, der staatliche Rettungsschirm fängt die auf der Strecke Bleibenden nicht umfassend ab. Für das Riptide war die Zeit doppelt belastend: Seit April sollte es eigentlich unter der neuen Adresse im Ölschlägern im Magniviertel wiedereröffnet haben und am alten Standort für Umzugs-Benefiz-Veranstaltungen bis zum Auslaufen des Mietvertrags fortbestehen, doch zwang der Lockdown Chris und sein Team zum Stillstand. Mit einer Spendenaktion hielt sich das Riptide über Wasser, seit einem Monat empfängt es nun auch wieder Gäste, am grandiosen neuen Ort mit üppiger Außensitzfläche auf dem Magnikirchplatz. „Wir könnten sogar doppelt so viele Tische aufstellen“, freut sich Chris, denn so gefragt sei das Riptide hier, doch die Virusschutzauflagen lassen dies derzeit noch nicht zu.

Definitiv, es ist jedes Mal schwierig, draußen unter den Linden ohne Reservierung einen Sitzplatz zu bekommen. Städtische Bänke oder ein Stehtisch an der Riptidewand ermöglichen immerhin ein geduldiges Harren, und gelegentlich lassen sich Gäste auch dort zur Getränkeaufnahme nieder. Kürzlich berichtete mir Chris von einem kuriosen Umstand: Da das Riptide zurzeit aus Virusschutzgründen keine Karten auslegt, sondern innen und außen zum Fernbetrachten aushängte, und da auch das Logo noch nicht über der Eingangstür prangt, erging es einem Gast, dass er längst sitzend erst erfuhr, wo er sich aufhielt: „Ach, ich bin im Riptide?!“ Und sich freute, selbstredend. Ja, die Sonne lockt, der Lockdownauslauf lockt, die Leute sind wieder unterwegs, und wenn ich mich hier, auf Maren und Arni wartend, so umsehe, erblicke ich erfreulicherweise lauter vertraute Gesichter, und eben auch unzählige mir fremde.

Bevor ich mich an den mir von Anna freigehaltenen Tisch setzen kann, desinfiziert ihn Astrid. „Es riecht gleich nach Chlor“, warnt sie mich vor, während sie eine entsprechende Flüssigkeit aus einer Sprühflasche aufträgt und die Möbelfläche reinigt. Das riecht dann wenigstens sauber, finde ich, und sie meint: „Das riecht nach Freibad!“ Da bekomme ich prompt Appetit auf Pommes. „Und bunte Tüte“, ergänzt Astrid. Stimmt, schön sauer! Und Pommes, die gibt es ja nun auch im Riptide, also bestelle ich meinen Burger bei ihr mit nämlicher Beilage und lege den Thriller „Stunde der Flammen“ von Hardy Crueger neben die Flasche mit der Rose auf den frisch desinfizierten Tisch.

Unter den vielen Bekannten und Unbekannten um mich herum entdecke ich Axel und seinen Sohn Josch, die sich Orangen- und Zitronenbrause bestellen. „Man sieht sich ja gar nicht mehr“, stellt Axel fest, während sich dieser Umstand soeben aufhebt, gottlob. Dabei fiel mir auf, dass ich seit Beginn des Lockdowns weit mehr Bekannte auf der Straße oder am Südsee oder sonstwo traf als vorher, was vermutlich daran lag, dass die ganzen Cafés und Einrichtungen geschlossen waren, in denen ich sie sonst getroffen hätte. So wie jetzt eben Axel und Josch im Riptide. „Ich freu mich, dass es weitergeht“, sagt Axel und lässt seinen Blick über die unzähligen Tischgruppen auf dem sonnenhellen Magnikirchplatz schweifen. Den fließenden Übergang gibt es wirklich, die Tische von Barnaby’s Blues Bar und Das kleine Café schließen sich direkt an die vom Riptide an. Josch erzählt, was sich in dem Vierteljahr Stillstand ereignete, und berichtet, dass Axel ein Flipperspiel für die Playstation gefunden hat. „Er spielt das mit nur zwei Tasten“, lacht Josch. „Ich nutze für mein Spiel die halbe Tastatur, er zwei Tasten.“ Das sind immerhin doppelt so viele wie bei „Pong“, und Josch erinnert sich lachend, was Axel sagte, als er ihn erstmals am PC spielen sah: „‘Ich hab früher ‚Pong‘ gespielt‘!“

Die Erfrischungszeit währt für die beiden nur kurz, dann nimmt Sylvia ihren Platz ein, selbstredend erst nach der Desinfektion. „Es ist schön hier“, findet auch sie. Zwar war sie bereits zur Eröffnung im Riptide, aber da seitdem das Wetter schlechter wurde, ist dies ihr erster folgender Aufenthalt hier. „Eine Freundin hat ihren Laden nebenan“, berichtet sie, als Maren und Arni sich an meinen Tisch gesellen. „Wir treffen uns nach ihrem Feierabend hier.“ Arni hebt die Hände: „Das wäre verheerend, neben dem Riptide arbeiten!“ Maren nickt: „Schlimm genug, dass sich für uns der Weg halbiert hat.“ Sylvia ist Filmfan und seit zwei Jahren Rentnerin, der Lockdown eröffnete ihr neue Betätigungsfelder: „Ich gucke Netflix und Amazon Prime leer.“ Besonders „Homeland“ und „Haus des Geldes“ fixten sie an, „ich habe mir davon sogar ein Plakat bestellt“, sagt sie. „Ich fange nachmittags an“, Zeit habe sie ja nun. Sie strahlt, und ihre Verabredung trifft ein, Luule vom Fotostudio Artmann wenige Häuser weiter. „Seit drei Jahren sind wir dort, wir haben uns gefreut, dass das Riptide kommt“, schwärmt sie. Davor residierte Foto Artmann jahrzehntelang „auf der anderen Seite, hinter Galeria Kaufhof“, berichtet Luule. Eindeutig, das Riptide kommt im Magniviertel an.

Für Maren ist dies der erste Besuch im neuen Riptide, vorherige Versuche waren durch unvorhergesehenen Ladenschluss vereitelt worden. Wir drei haben uns nun auch schon seit einem Vierteljahr nicht gesehen, da gibt es einiges nachzuholen, die ganze Situation und was sie mit uns und dem Rest der Welt macht. Dabei erblickt Arni am anderen Ende des Kirchplatzes eine leuchtend orange uniformierte Sportlergruppe: „Vorbildlich, social distancing“, lobt er angesichts des weitgefassten kreisförmigen Aufbaus der Athleten. „Die haben sich sogar begrüßt per Fern…“ Er sucht nach dem Wort. Fernbedienung vielleicht? Das wohl nicht, aber das wäre für Gastronomieeinrichtungen in Coronazeiten eine gute Lösung.

Für uns ist Astrid eine Nahbedienung, sie bringt Getränke und Burger. Beim Herüberreichen berührt Arni Maren: „Ihh, der hat mich angefasst“, kreischt sie. Er zuckt mit den Schultern: „Ja, weißte, wasde jetzt alles hast?“ Maren nörgelt: „Ist ja eklig!“ Arni fährt fort: „Gute Laune und Optimismus“, ruft er, und setzt nach: „Chronischen Optimismus!“ Maren sortiert ihr Besteckt und jammert: „Ich will das nicht, krieg ich jetzt auch Antikörper?“ Arni missversteht: „Antjekörper, was hat Antje jetzt damit zu tun?“ Maren rutscht das Smartphone aus der Tasche und fällt zu Boden, gleich von drei Seiten machen sie aufmerksame Gäste darauf aufmerksam. Großes Gelächter. Arni staunt: „Der erste Tag im Riptide und es ist schon wieder genau wie früher.“

Heute bedienen viele Riptide-Mitarbeiter die Gäste, die ich noch nie gesehen habe. Chris kündigte ja an, dass er da dringend neu einstellen musste, und hatte auch rund um die Uhr Vorstellungsgespräche. „Das ist mein erster Tag, Probearbeiten“, sagt Cedric, als er unseren Tisch abräumt und wir ihn ausfragen. „Das merkt man nicht“, beteuert Arni, und so geht es uns mit allen Neuen, dass sie uns sofort das Gefühl vermitteln, sie schon ewig zu kennen und unter ihnen zu Hause zu sein; da hat Chris ein gutes Händchen für. Aber für Cedric ist es ja lediglich im Riptide neu: „Ich habe Gastroerfahrungen“, erzählt er, „aber in Bielefeld.“

Am Nachbartisch, und davon hat unserer einige, nehmen Fehime, Basti, Franziska und Michael Platz. Seit ihrem Umzug haben ich Fehime und Basti kaum mehr zu Gesicht bekommen, dieses Jahr wohl noch gar nicht, und das nicht mal wegen Corona. Fehime winkt ab: „Basti hatte jetzt sein erstes Konzert, vor Autos.“ Um die 20 Autos standen wohl vor der Bühne, und statt Applaus gab es verbotenerweise Gehupe. Diese Einschränkungen knicken Fehime, doch andererseits finde ich, dass man ohne sie vermutlich niemals die Erfahrung gemacht hätte, als Band vor Autos aufzutreten, man also im Grunde einen Gewinn dabei hatte. So wie mit der Indie-Ü30-Party, die wir ohne Lockdown wohl niemals bei Radio Okerwelle gemacht hätten; am 11. Juli zum bereits zweiten Mal, Claudy Soundschwester sei Dank. Das überzeugt Fehime ein wenig: „Du hast Recht, eigentlich müsste man das positiv sehen.“ Basti macht ein Foto von uns und schickt es an gemeinsame Nachbarn von uns, die seit dem Lockdown in Costa Rica festsitzen. Und auch Basti und Fehime schwärmen vom Riptide: „Es ist richtig cool, das es was Neues gibt“, sagt er, „der Platz ist megacool geworden.“ Fehime bestätigt: „Eine Bereicherung!“ Denn, so Basti: „Hier standen jahrelang nur fünf Tische oder so.“ Fehime grinst: „Jetzt ist dolce vita, oder deutsche vita, wie Basti sagen würde!“

Die Dämmerung setzt langsam ein, auch an einem so langen Tag, der Feierabend drängt das Riptide zur letzten Runde. Und uns zum Aufbruch. Kartenzahlung ist inzwischen wieder möglich, versichert Anna, das ist perfekt, dann kann ich nämlich gleich zwei der wie angekündigt von Ben gestalteten Riptide-Benefiz-T-Shirts mitnehmen. Da Chris schon weg ist, bestelle ich eben nächstes Mal oder per Email Platten, zum Beispiel das Debüt von Coriky, dem neuen Projekt von Ian MacKaye, dessen Veröffentlichung die Band immer weiter verschob, wie mir Larki berichtete, weil sie wollten, dass kleine Plattenläden wieder geöffnet haben können, wo man sie dann erwerben sollte, statt online oder beim Großhändler. Da ist noch Indiegeist und passt perfekt zum Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#152 Licht und Liebe im Altewiek

28. Mai 2020


Mittwoch, 27. Mai 2020

Es ist hell. Viel heller als das Café am alten Standort im Handelsweg. Das fällt tatsächlich erst heute so richtig auf, weil heute der erste Tag ist, an dem auch Riptide-Chef Chris seine neuen Räume mit nichtabgeklebten Fenstern zu sehen bekommt, nach all den Monaten, die er hier bereits mit zahllosen Helfern verbrachte, um trotz der Beschränkungen wegen des Covid-19-Virus‘ sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, den allseits geliebten Hybriden aus Café, Plattenladen und Veranstaltungsort wegen des nicht verlängerten Mietvertrags im Handelsweg an diesem neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen. So viel Arbeit, Kampf, Aufwand, Turbulenzen, Verzögerungen, Unabsehbarkeiten, aber auch Hilfe, Unterstützung, Beistand, Zuspruch, Tatkraft und vor allem Liebe begegneten Chris in dieser Zeit, und in dieser Sekunde fällt alles in einem Punkt zusammen, kumuliert sich in einer Mischung aus Euphorie und Erschöpfung: Chris öffnet die Tür und lässt den ersten geladenen Gast ins neue Café Riptide am Ölschlägern.

Die tatsächliche Eröffnung findet eigentlich erst morgen statt, doch heute bedankt sich Chris mit einem Pre-Opening bei allen, die ihm in den zurückliegenden Wochen zur Seite standen. Seine letzte Tat, bevor er seine Freunde in Empfang nimmt, ist, die Kleberückstände vom kommunalen Baustellenschild an der Scheibe links neben dem Eingang abzuwischen. „There’s A Crack In Everything“, steht auf der Scheibe unter seinem Putztuch, und weil damit nicht das Glas gemeint ist, setzt sich das Zitat auf der Scheibe rechts vom Eingang fort: „That’s How The Light Gets In.“ Chris erklärt: „Das ist von meinem Lieblingssänger.“ Er hält kurz mit dem Wischen inne: „Ich habe zwei Lieblingssänger, einer lebt, einer ist tot, und das Zitat ist von dem Toten.“ Von Leonard Cohen nämlich, aus dessen Lied „Anthem“ aus dem Jahr 1992. Locker übersetzt bedeutet es für ihn: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“, das Ende im Handelsweg begünstigt den Anfang im Ölschlägern. Und außerdem klingt dieses Zitat weit hoffnungsvoller als das von Neil Young im alten Riptide, wenngleich das mehr Rock’n’Roll ist: „It’s Better To Burn Out Than To Fade Away“. Am Ölschlägern nun geschieht weder-noch, hier findet eine dritte Option statt: Neubeginn.

Oder Fortführung: „Wahnsinn, richtig cool“, schwärmt Sören mit einem Glas Sekt in der Hand. „Ich hab vorher mal durch die Scheibe geguckt“, erzählt er und befindet mit Blick auf die ihm vertrauten Elemente: „Mitgebracht, den Laden hier, echt cool!“ In der Tat fühlt es sich vielerorts im neuen Riptide an wie im alten. Unzählige Details fanden den Weg ins Magniviertel, etwa die „3“-Kerze an der Theke, die nun auch bald zehn Jahre alt wird. Diese Theke wiederum ist ein Novum, das sich erheblich unterscheidet: Der einstige mit Glaswänden abgetrennte und nach oben offene und damit nutzlose Lichthof des früheren Outdoor-Ladens ist verschwunden, damit mehr nutzbare Fläche entstanden, das Loch im Dach mit Fensterluken transparent gehalten und die von einem Spot angestrahlte Discokugel direkt über den Köpfen des Thekenteams angebracht.

Ist das schön, die vertrauten Gesichter wiederzusehen, zumindest zur Hälfte, denn Rosa, Melissa, Imke und Max sind maskiert, so wie auch wir Gäste es sein sollen, zumindest beim Betreten und Verlassen des Sitzplatzes, an dem wir für den Genuss von Speisen und Getränken selbstredend auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten dürfen. Auf einem Blatt an einem Klemmbrett verewigen wir Gäste uns namentlich, mit Chris‘ Hinweis, dass er diese Listen nach 14 Tagen ohne Coronafall vernichten wird, und desinfizieren unsere Hände an einem daneben aufgestellten Mittelspender.

Daneben, das ist schon der nächste bemerkenswerte Platz im neuen Riptide: Zum Ölschlägern hin besteht es aus einer Fensterfront, an der ein breiter Sims angebracht ist, auf dem Gäste Getränke und Speisen abstellen und einnehmen können. Blumentöpfe und „Abstand“-Schilder verzieren diese Reihe, in recycelten Bierflaschen installierte spulenförmige Lampen strahlen ein atmosphärisches warmes Licht ab, das indes an diesem sonnigen Tag noch lediglich dekorativ wirkt. Das erinnert mich an einen Pubbesuch in Dublin 1998, als ich mit Guido eine Rundreise um Irland machte. An einem Tag strömte der klassische Regen auf uns herab, und weil uns deshalb nicht so sehr nach touristischen Erkundungen war, begaben wir uns im gleichsam touristischen Viertel Temple Bar in eine Kneipe und setzten uns mit frisch gezapftem Guinness an eben so eine Fensterbank. Wir hatten es warm und gemütlich, während wir den Blickkontakt zu verregneten und neidischen Passanten aufnahmen und kryptische Postkarten verfassten. Es floss einiges an Guinness, weil an dem Tisch hinter uns die Leute damit begannen, Instrumente auszupacken und wie zufällig miteinander zu musizieren, und viele später eintretende Gäste schlossen sich dem an, inklusive einem, der zu einem der Lieder aus der anderen Ecke des Pubs zu singen begann. Auch hier im Riptide nimmt man durch die Fenster automatisch den Blickkontakt zu den Magniviertelflaneuren auf, und die werfen interessierte und neugierige Blicke zurück.

Gegenüber dieser Fensterreihe findet im Riptide ebenfalls Musik statt, jedoch nicht live, denn dort sind die Plattenkisten eingerichtet. Neuveröffentlichungen der zurückliegenden zwei Monate sind noch nicht darunter, da bislang nicht klar war, wann das Riptide wieder öffnen würde und wo Chris die Platten bis dahin lagern könnte. Zudem hätte er dann Investitionen ohne die Aussicht auf einen Verkauf getätigt. So ganz ohne Neues geht es aber auch für Chris nicht, schließlich entdecke ich etwa „Alles in Allem“ unter den Neuerscheinungen, das pressfrische Album der Einstürzenden Neubauten. Es geht also weiter!

Mehr und mehr Gäste trudeln ein, einer bringt Brot und Salz mit, und allen bietet Rosa Getränke an, wahlweise weißen Sekt oder die rote Edelgard: „Das ist ein neues Getränk“, erklärt sie, „Sekt mit Erdbeeren und Waldbeeren.“ Und leider lecker. „Marc, von wem bist du noch der Tischler?“, nimmt Chris beim Begrüßen des nächsten Gastes einen Running Gag auf. Die Umstehenden wissen, dass Marc einst einem Verwandten in Florida für ein halbes Jahr als Tischler aushalf, der während dieses Zeitraums einen Auftrag bei einem bekannten Musiker bekam, nämlich bei Lenny Kravitz. „Er wurde extra eingeflogen“, fehlinformiert uns Chris. Marc grinst abwinkend: „Er bauscht es immer so auf!“

Zu diesen anderen gehören inzwischen auch Sarah und Sascha, die mit Marc und Chris als Haupthelfende quasi eine Hausgemeinschaft im neuen Riptide bildeten. „Wir sind zu 99,9 Prozent fertig“, informiert Chris. Und erzählt, dass gestern sein Facebook- und Instagram-Account stillgelegt wurden: „Ich habe gerade geschrieben: ‚Morgen Eröffnung‘ – gehackt!“ Wegen der Formalien, die er beim Reaktivieren zu erfüllen hat, kann es daher dauern, bis der offizielle Riptide-Kanal wieder online ist. Ausgesprochen ungünstiger Zeitpunkt.

Wie schon beim alten Riptide, nähte Frau Schneider auch für das neue wieder Vorhänge, und zwar die dunkelgrünen unterhalb der Plattenregale. „Da sind kleine Krokodile drin“, verrät sie. Chris habe sich darüber gefreut, als sie ihm die zeigte: „Dabei habe ich eigentlich nur die Nähmaschine ausprobiert.“ Man muss wissen, wo sich die vier Reptilien verstecken, sonst sieht man sie nicht, weil sie wirklich winzig sind. „Dafür muss man nur geradeaus nähen, die Maschine macht die Muster automatisch“, erklärt Frau Schneider. Das Gerät vollführt nämlich beim Aufbringen der Naht einige Zickzackbewegungen, aus denen dann die Silhouetten von Krokodilen entstehen. Frau Schneider blickt sich im Café um: „Es ist super geworden, gefällt mir gut“, sagt sie. „Irgendwie fühlt es sich größer an“, überlegt sie, und weiß: „Es ist natürlich auch größer.“

Denn das neue Riptide erstreckt sich auf insgesamt drei Etagen, von denen zwei für die Gäste offen stehen und die dritte Büro und Personalräume beherbergt. Das ist die wohl größte Überraschung am neuen Standort, dass im hinteren Winkel eine Treppe nach oben führt. Dort hängt nun auch der Kronleuchter aus dem alten Riptide, der einzige Ort mit ausreichend Deckenhöhe für dieses Schmuckstück. Oben blickt man durch eines der Fenster auf das Glasdach über der Theke und in der anderen Richtung durch doppelte Butzenscheiben auf den Ölschlägern. Das alte Riptide-Sofa steht dort, als Schlusspunkt langer Tischreihen, auf denen sich die alten von Chrisse Kunst gestalteten Lampen wiederfinden. Mit den Sitzecken und der Fensterreihe von unten hat sich die Zahl der Plätze offensichtlich erheblich erhöht, ohne dass es trotz geringer Deckenhöhe eng wirkt. Gemütlich, das auf jeden Fall, und warm einladend.

Deshalb sitzen Louisa, Denise und Benny am Tisch in der hintersten Ecke, gegenüber dem Sofa. „Ich find’s total schön“, strahlt Benny, und widerspricht unbeabsichtigt Sören: „Ganz anders als vorher, niedrige Decke, Fachwerk, der Magniviertel-Charme – ich bin begeistert!“ Louisa nickt: „Mehr Platz, aber trotzdem ultragemütlich.“ Benny blickt auf die Wandfarbe: „Das Rot ist cool.“ Dunkler als im Handelsweg, aber das Rot von dort aufgreifend; so verhält es sich auch mit dem Grün der Plattenkistenvorhänge. „Ich war schon mal hier, als es noch leer war und die Wände schon rot waren“, erzählt Louisa und staunt: „Es ist noch viel gemütlicher, als ich gedacht habe!“ Sie schwärmen von den Fenstern auf beiden Seiten des Geschosses und von der Atmosphäre, die sich dadurch hier oben ergibt. „Ich bin gespannt, wie es draußen ist“, sagt Louisa mit dem Wissen um die Sitzplätze auf dem Magnikirchplatz. „Die Lage ist cool“, bestätigt Denise, und Benny ergänzt: „Es gibt einen fließenden Übergang zu Barnaby’s Blues Bar – der Magnikirchplatz ist ein neuer Hotspot in Braunschweig!“ Das findet Denise ebenfalls: „Von der Lage ist es kein Downgrade.“ Benny bestätigt: „Es ist mindestens gleichwertig!“ Das Sofa aus dem alten Riptide hätten sie überdies beinahe nicht wiedererkannt: „Es kommt hier mehr zur Geltung“, findet Louisa, und Denise grübelt: „Damals sah’s größer aus.“ Benny grinst: „Es ist geschrumpft!“ Die drei stellen übrigens die Subway-Redaktion dar, erzählen sie. „Es gibt ein enges Verhältnis zu Chris“, sagt Benny, „er schreibt immer noch Plattenrezensionen für uns.“ Sie stoßen mit ihren Getränken an: „Auf das Riptide!“

Auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss passiere ich einen Plüschbüffelkopf und das aus dem früheren Café bekannte Hirschgemälde. Neue und alte Hingucker bilden eine Einheit. An den Fensterreihen bildete sich unterdessen eine die erforderlichen Abstände einhaltende Gesprächsrunde, und Marc und Sarah baldowerten angesichts der berühmten sportlichen Aktivitäten auf dem Magnikirchplatz eine Aktion aus, die sie Chris unterbreiten: „Wir haben die Idee: das erste Riptide-Boule-Turnier!“, sagt Marc, und Sarah fügt an: „Es muss mir nur noch jemand beibringen.“ Der Vorschlag stößt bei Chris nicht nur auf offene Ohren, einen ähnlichen Gedanken hatte er auch schon.

Zu der Sitzrunde gehört Enno, der feststellt: „Ich muss mir noch eine Liste machen mit den Platten, die ich noch bestellen will, das konnte ich zwei, drei Monate nicht.“ Stimmt, ich hab hier noch zwei Alben abzuholen, die eintrafen, kurz bevor der Lockdown beschlossen wurde. Mir kommt Enno bekannt vor, und er mutmaßt, dass das von einem Online-Bild herrühren könnte, denn: „So habe ich Sascha kennen gelernt, er hat mich von einem Instagram-Foto erkannt“, erzählt er. „Ich hab unterm Dach was gemacht und Chris hat das gepostet.“ Neben uns kommt das Gespräch darauf, dass die neue Küche auch heute schon offen ist und dass erstmals im Riptide Pommes auf der Karte stehen. „Weil: gibt hier Fettabscheide“, weiß Enno, „aber nur für Pommes, nicht für Körperfett.“ Die Speisekartenneuerung ist ein Auslöser für Henning, sich bei Rosa einen Burger mit Pommes zu bestellen.

Sarah setzt sich zu Sascha an die Fensterreihe und stellt mit Blick auf den ihr gegenüber vor den Vinylalben sitzenden Marc fest: „Wir müssen die Platte noch kaufen.“ Sascha ist verwirrt: „Welche Platte?“ Sarah deutet auf den Tischler gegenüber: „Na, die Arbeitsplatte, die uns Marc empfohlen hat!“ Sascha lacht, denn der Blick in Richtung Marc hätte auch einer in Richtung der Schallplatten gewesen sein können.

Der Burger und die Pommes für Henning sind fertig, Rosa stellt ihm den rechteckigen Teller an seinen Platz am Fenster, neben Enno. Wie sind sie denn, die womöglich ersten Pommes, die im Riptide für Gäste zubereitet wurden? „Hm, ja, doch“, kaut Henning, „hmmm, lecker!“ Das erinnert Enno an einen Sketch von Loriot: „Der Mann isst.“ Die neuen Pommes sind also gut, sagt Henning, und stellt zudem erfreut fest: „Der Burger allerdings ist ganz vertraut!“ Diese Pommes nun sind nicht das einzig Neue auf der neuen Karte, und so manches Alte ist auch noch verfügbar, etwa Lemmys Frühstück, das aus Kaffee, Whisky und Zigarette besteht. „Ich muss Platten gucken“, sagt Enno nun und springt von seinem Platz auf. „Das habe ich seit Monaten nicht gemacht!“

Zwischen den turbulenten Gesprächen bietet Rosa immer wieder Getränke an, unter anderem den neuen Jägermeister Scharf. Mit überraschenden Folgen: „Marc hat grad nach dem ersten Jägermeister erzählt, dass er Lenny Kravitz‘ Emmy angefasst hat!“, kreischt Sarah. Henning lässt sich „ausnahmsweise“ auch auf ein Glas Jägermeister ein, ermahnt Rosa aber: „Wenn ich danach noch einen will: ähm, nicht.“ Sascha berichtet: „Heute bin ich richtig eskaliert: Bevor ich losgegangen bin, hab ich mein Handy zu Hause gelassen.“ Und Enno weiß: „Sogar der Fußboden ist aus Vinyl!“

Nicht weniger glücklich über den Neustart als die Gäste sind Rosa, Imke, Melissa und Max. Rosa bedauert nur, dass sie unter den Masken nicht erkennen kann, ob ihr Gegenüber lächelt, und strengt sich an, selbst so sehr zu lächeln, dass man sie auch über die Maske hinweg als freundlich auffasst. Max baut auf mehr Laufkundschaft als im Handelsweg und ist sich sicher, dass sich etwa Gäste von Barnabys Blues Bar bei den Pommes vom Riptide bedienen würden. Draußen auf dem Platz bestätigt ihm das Bernd, der Gast bei Barnabys ist: Er würde sich im Riptide Burger bestellen und die mit an die Tische der Blues Bar nehmen, denn „Peter hat nix dagegen“. Also die direkte Bestätigung von Max.

Und auch von Chris, der zu Peter längst freundlichen Kontakt aufgenommen hat, ebenso zu vielen anderen der neuen Nachbarn. „Die Blumendeko ist bei Nachbarn gekauft, bei Florentine“, bestätigt er und betont, dass ihm das wichtig sei, lokales Gewerbe zu unterstützen. Analog zum Handelsweg seien auch hier im Magniviertel dankenswerterweise keine Ketten vertreten, sondern „alles Überzeugungstäter“. Die Aussichten für einen gelungenen Neustart sind blendend, mehr Personal ist bereits eingestellt, das Interesse ist riesig, die Nachbarschaft offen, die Laufkundschaft zahlreich und die Sehnsucht nach Treffen mit Freunden im Café Riptide nicht nur wegen der Monate in der Kontaktsperre gigantisch. Und Chris ist sichtlich bewegt, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist, mit Abschieden und Neustarts, mit Problemen und Lösungen, mit aller emotionaler Wucht, die damit einhergeht. Und: Ab morgen dürfen die ersten Gäste kommen, unter Einhaltung der Infektionsschutzregeln, und sich davon überzeugen, wie großartig das alte Café Riptide am neuen Standort ist.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#151 Otto hält die Fahne hoch

20. April 2020


Sonntag, 19. April 2020

An einem Sonntag im April darf man auch mal Element Of Crime zitieren. Unterwegs bin ich in den Handelsweg, ins Riptide, das alte Riptide, das neue Riptide Offshore, das es noch nicht ist und noch nicht sein darf, weil ein Virus die ganze Welt lahmgelegt hat. Für das Riptide ist dies ein doppelter Schlag ins Kontor, weil Chris eigentlich vorgehabt hatte, es am 1. April am neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen und parallel den alten Standort für Umzugsfinanzierungsbenefizveranstaltungen bis zum Auslaufen des dortigen Mietvertrages Ende August weiterzunutzen. Da nun aber das Corona-Virus erhebliche Einschnitte in das gewohnte Leben mit sich bringt und um die Menschheit zu schützen so gut wie alles nicht erlaubt ist, darf auch Gastronomie seit Mitte März nicht mehr betrieben werden. Heißt fürs Riptide: Doppelte Miete, Gehaltszahlungen – aber keine Einkünfte. Um wenigstens etwas an Kosten decken zu können, richtete Chris die Spenden-Webseite savetheriptide.de ein; bis kurz vor Ende Mai ist der Fortbestand gesichert. Und weil sich das Virus auf sämtliche Bereiche auswirkt, verzögert sich außerdem der Ausbau des neuen Riptides. Handwerk und Produktion verhindern punktgenaue Termineinhaltungen, und hätte Chris nicht Hilfe von Freunden, wäre er aufgeschmissen.

Einen solchen kleinen Beitrag will ich heute auch leisten, es gilt, Schallplatten vom Handelsweg zum Ölschlägern zu bringen. Sonntagmittag, schönstes Aprilsonnenwetter, es ist wie beinahe seit einem Monat durchgehend sonnig, aber noch nicht so warm, dass man sich in den Park setzen mag, was ohnehin zu den Aktivitäten gehört, die derzeit nicht erlaubt sind. Alltagseinschränkungen haben Bund, Länder und Kommunen zahllose erlassen, um die Ausbreitung des Virus‘ einzudämmen, und auch wir beide wollen und müssen uns jetzt und heute daran halten, selbst wenn es quasi dienstliche Aufgaben zu erfüllen gilt.

Ich bin noch vor Chris im Handelsweg. Der Blick in die vertraute Gasse bricht mir das Herz. So sonnig, und so leer. Im Eingang von Comiculture stapeln sich Prospekte, Marion hat einen Karton mit der Aufschrift „Zu verschenken“ vor ihrem Laden Fifty-Fifty abgestellt, knapp neben dem Eingang der mit einem schwarzen Vorhang blickdicht gemachten Einraum-Galerie, mit Herzen und der allgemein durchgesetzten sympathischen Empfehlung „Bleibt gesund“ darunter; dieser Karton ist längst leer. Vor der Strohpinte stehen Tische und Stühle, als wolle Helmut jederzeit Gäste empfangen. Er tritt aus der Tür. Zwar sei er auf die laufende Kneipe angewiesen, mache sich aber nicht verrückt: „So lang ich atme und die Sonne scheint“, sagt er und schlendert entspannt die Breite Straße entlang. Knapp verpasst er Stecky, der mit Gefolgschaft aus der anderen Richtung kommend in den Handelsweg einbiegt, um vor Tante und Onkel Puttchen die Bänke und Tische zu erneuern. Einige ausgemusterte Bretter stapeln sich in dem Bereich zwischen Serges Antiquariat und der Schmuckwerstadt38.

Und mitten im Handelsweg ist das Achteck zwischen Café Riptide und Rip-Lounge unter dem Segeltuch leer. Den Hashtag #savetheriptide hat jemand mit Kreide auf die Bodenplatten gemalt, ein Aufruf zur Initiative Seebrücke ist auf der anderen Seite noch lesbar. Die maßgefertigte Holzbank vor der Lounge nahmen Diebe in der zurückliegenden Nacht mit. Hier tobte noch vor einem Monat das Leben. Zettel in den Türscheiben weisen auf den geplanten und verschobenen Neustart im Magniviertel hin, abgeschlossen mit dem freundlichen Aufruf „bleibt gesund, solidarisch, besonnen und passt auf euch auf“.

An der Wand neben dem Eingang hängen noch die drei Schallplatten, eine Mozart-LP und zwei Shakin-Stevens-Singles. Im Aushangkasten auf der anderen Seite der Tür schwenkt Otto von den Simpsons einsam die Riptide-Flagge. Durch die Scheiben sind die Stapel dessen zu sehen, was aus dem Café vertraut ist und wohl noch für den Umzug verpackt wird: Sitzkissen, Plattenspieler, Mischpulte, Kabel, Plastiktüten, Gefäße, Aschenbecher, Decken, Schüsseln, Speisekarten, Klemmbretter, Spiele, Rubiks Würfel, Bücher, Kerzenständer, Pflanzen; und bevor ich noch alles erfassen kann, fährt Chris in der Breiten Straße mit einem Bully vor. Ich gehe ihm entgegen.

Weiß mit einem blauen Streifen, aber ohne die frühere Aufschrift: Sofort fällt mir angesichts des Fahrzeugs eine Szene aus „Blues Brothers“ ein, und Chris weiß Geschichten vom Eigentümer dieses uralten Gefährts zu berichten, die diese Assoziation mit Leben füllen. Er wirft mit erforderlicher Wucht die Tür zu, öffnet die Heckklappe, nimmt die Sackkarre heraus und erzählt, dass ihm ein befreundeter Gastronom den alten Bully unentgeltlich für den Umzug zur Verfügung stellt. „Das ist auch Hilfe“, sagt er dankbar und führt all jene Leute ins Feld, die ihm physisch, monetär und mit Aktionen wie diesen unter die Arme greifen.

Wir begrüßen uns von Ferne, wie sich so gut wie alle Menschen zurzeit begrüßen, herzlich, aber ohne Körperkontakt, was uns sehr fehlt, und wovon wir hoffen, dass wir das bald umso ausgiebiger nachholen können. Was wir heute vorhaben, ist auch mit dem erforderlichen Abstand zu zweit machbar: Wir schleppen Kartons und Boxen ins Café und stapeln darin aus den Vinyl-Fächern in der korrekten Reihenfolge die Schallplatten ein, damit Chris sie im neuen Riptide ohne großes Suchen wieder einsortieren kann. Einer packt, der andere rollt das Gepackte mit der Sackkarre zum Bully. Das ist der Plan.

„Es ist ein Trauerspiel“, sagt Chris, als wir das Café betreten und uns in dem, was noch geblieben ist, umsehen. Ich fühle das sehr nach, auch wenn ich lediglich Gast bin, obschon vom ersten Moment an. Einige Stühle bleiben hier, ein Kühlschrank, die Bierbänke, manche Poster pinnen noch an der Wand, und so richtig genau mag ich gar nicht hinsehen, zu viel Leben habe ich hier verbracht, als dass ich das Dekonstruieren dieses Zuhauses so einfach wegstecken könnte. Also machen wir uns an die geplante Arbeit.

Reibungslos geht das Handwerk vonstatten, und nach einigen kiloschweren Transportwegen schließt Chris das Riptide ab, klappen wir sämtliche Bullytüren zu und begeben uns ins Magniviertel; auch in dem Fahrzeug kann man zum Glück das Regularium einhalten. Wir umrunden die Innenstadt, weil man vom Handelsweg aus nicht direkt ins Magniviertel kommt, und Chris erzählt begeistert und dankbar von den vielen helfenden Ideen, mit denen das Riptide Unterstützung erfährt. So hat Ben vom Illustratorenstammtisch angeregt, ein Benefiz-T-Shirt zu gestalten, gab es vorigen Samstag ein Instagram-Festival mit gestreamter Live-Musik von Kroner, Matze Rossi, Cosmo Thunder, Timo Scharf, Lina Brockhoff, Poly Ghost und No King. No Crown, und wenn alles so klappt, wie es sich in Aussicht stellt, könnte in zehn Tagen, zwei Wochen eine Art Vinyl-Bestellausgabe am neuen Standort eingerichtet sein, „Plattenverkauf außer Haus, mit Paypal zahlen, das ist ein Ziel“, sagt Chris. Doch dafür müsse noch einiges geschehen; er zählt die erforderlichen Arbeiten auf, die ab morgen anstehen: „Wir machen Riesenschritte die nächsten vier Tage“, sagt er. „Große, tolle Sachen“ sind vorgesehen, Max und Melissa übernehmen dafür beispielsweise den Umzug der Küchenutensilien. Gestern wäre eigentlich der Record Store Day gewesen, fällt mir ein, und Chris weiß, dass der verschoben wurde; laut Webseite auf den 20. Juni, inklusive der entsprechenden Hoffnung.

Von hinten durch die Brust ins Auge parkt Chris den Bully schräg am Magnikirchplatz. Vor dem Café in spe ist zurzeit kein Platz, denn dort streichen Sarah und Sascha zwei Dutzend Tische. „Wir verbringen unseren Urlaub hier gerade“, sagt Sascha, als er wohl nach einer Pause zu den Streichutensilien greift, um Sarah zur Hand zu gehen. Sie beneidet ihn um den „schönen neuen Pinsel“, doch er sieht da gar keine Vorteile für sich: „Wir können tauschen, ich nehme lieber was Altes.“ Sie tauschen, und Sarah strahlt: „Ha, neuer Pinsel!“

Um die Abstandregel brauchen sich die beiden keine Sorgen zu machen, jedenfalls zueinander. In dem Café arbeiten noch Judith in der Küche und Marc im Thekenbereich; sie achten auf die Erfordernisse und Chris und ich können entspannt den Bully entladen und die Kartons und Boxen dort deponieren, wo Chris sie sogleich in die Fächer entleert, wie geplant in der korrekten Reihenfolge. Alle indes darf er noch nicht befüllen, weil ein Tischler morgen noch an einigen zu arbeiten hat und die Platten ja nicht zugestaubt werden sollen.

Auch Marc ist Tischler, ein handwerklich variabler, weil er heute nicht nur die Barhocker kürzt, damit sie besser unter die neuen Begebenheiten passen, sondern auch Malerarbeiten übernimmt. Eine Getränkepause ist angesetzt, wir bedienen uns bei der Kiste Fritz-Kola, und Chris und Marc frotzeln herum. „Hab ich dir schon die Geschichte von Lenny Kravitz erzählt?“, fragt mich Chris dann lachend. Marc schüttelt den Kopf: „Er bauscht die Geschichte immer mehr auf!“ Hat er bislang noch nicht, also setzt er an: „Es trug sich zu, dass Marc als Tischler arbeitete, und ein Freund von ihm ist nach Miami ausgewandert, um dort als Tischler zu arbeiten, und Marc bekam einen Anruf von diesem Freund.“ Von draußen ist Saschas Stimme zu hören: „Erzählt er schon wieder die Lenny-Kravitz-Geschichte?“ Tut er, und laut der brauchte dieser Freund Hilfe, „also wurde Marc eingeflogen in die USA, für einen großen Auftrag“. Ein Haus sollte ausgebaut werden, sagt Chris, und Marc rollt grinsend mit den Augen: „Nein, wir haben nicht das Haus ausgebaut!“ Durch die Durchreiche zur Küche ist Judiths Lachen zu hören. Unbeirrt setzt Chris fort: „Das Musikzimmer von Lenny Kravitz hat er ausgebaut und mit ihm gefrühstückt – ich kann sagen, der Tischler von Lenny Kravitz ist mein Tischler!“

Mein Staunen ist mehr als angemessen, Chris strahlt breit und Marc fühlt sich genötigt, einige Details zu korrigieren: „Der Onkel von einem Freund ist Tischler in Miami“, beginnt er. In den USA gebe es „keine fähigen Leute“, habe dieser Onkel befunden, da man dort keine Ausbildung zu absolvieren haben wie hier, sondern lediglich angelernt werde, und Marc gefragt, ob er nicht bei ihm einspringen wolle, und da Marc zu dem Zeitpunkt gerade arbeitssuchend war, nahm er dieses Angebot an. „Ich bin über ein halbes Jahr geblieben“, erzählt er. Dort war es mit Tischlern so wie hier beispielsweise mit einem Innenarchitekten: „Der hatte feste Kunden, und Lenny Kravitz war einer – wir haben sein Musikstudio ausgebaut.“ Chris greift ein: „Spiel das mal nicht so runter, ich hab den Tischler von Lenny Kravitz hier!“ Judith lugt um die Ecke und will wissen: „Wie groß ist Lenny Kravitz?“ Laut Marc nur etwa 1,65 Meter, der war viel kleiner, wenn er neben Marc stand, der fast 1,80 Meter misst. Für ihn war das Frühstück mit dem Musiker auch gar nicht so speziell wie ein anderes „Highlight“, so Marc: Das Klo war einmal verstopft, und die Firma des Onkels war gerufen worden, um den Schaden zu beheben. Dafür entledigte sich Marc alsbald seiner Schuhe und auch seiner Socken. „Am Ende fehlte eine Socke, die hat wahrscheinlich der Hund geklaut“, lacht Marc. Und schließt: „Lenny Kravitz hat meine Socke.“ Chris mutmaßt: „Die hat er an der Wand hängen, wie ich meinen ersten Dollar: ‚Die Socke von meinem Tischler‘!“

Die nächste Fuhre steht an, Chris und ich kehren ins alte Riptide zurück. Nach dem Ausflug ins neue und den Ausblick auf das, was da kommen soll, fühlt sich der Abschied für mich nicht mehr ganz so schmerzlich an. Als hätte Chris meine Gedanken gelesen, sagt er: „Eigentlich wäre ich traurig, diesen Laden auszuräumen, aber ich weiß ja, dass es drüben schöner wird!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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