Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#138 Verdammt! Wölfe!

22. März 2019


Donnerstag, 21. März 2019

Der Frühling ist da! Aber so was von. Nach mehr als einer Woche Dauerregen. Natürlich lassen sich die Leute von der Sonne vor die Tür treiben, und so treffe ich Serge und Rainer auf dem Weg ins Riptide vor Serges Laden, nicht darin. Wir freuen uns darüber, dass es derzeit Schüler sind, die auf die Straße gehen, wie weiland in den Sechzigern und nach viel zu vielen Jahren Protestpause, freuen uns, dass es überhaupt Protest gibt und dass die Jugend offenbar noch zu Verantwortung zu motivieren ist, und sind verärgert über Politiker, die diesen Jugendlichen Haltung oder gar Kompetenz absprechen, um sich selbst nicht in die Schusslinie zu bringen, womit sie sich selbst in die Schusslinie bringen. Unser Dreieck betritt Omar, der freudig erzählt, dass er vor zwei Tagen sein Deutsch-Zertifikat bestanden hat. Er ist Student aus Syrien und verschwindet mit Serge in dessen Raum, ich nehme den Anlass zum selbigen und kehre im Riptide ein.

Max und Chris sind da, bereiten in der Küche Speisen vor und erfüllen an der Theke Getränkewünsche. Auf dieser Theke steht, neben der Ankündigung des Record Store Day am 13. April, ein Dreierpack 90er-Kassetten von Maxell zum Verkauf, ich bin erstaunt. „Vor drei Monaten wollte ich erstmals seit Jahren wieder ein richtiges Mixtape machen“, beginnt Chris die Erklärung. „Ich bin in die Stadt gegangen – und habe nichts gefunden.“ In sämtlichen – also allen beiden – Multimediagroßgeschäften und den vielen kleinen Läden fand er keinerlei Audioleerkassetten. Er erinnert sich an früher, als man in jedem Laden eine ganze Regalreihe voller Kassetten hatte, mit Produkten aller Hersteller, in allen Längen und von allen Bandqualitäten. Und heute: nichts. „Ich musste ein altes Tape nehmen und die Löcher zukleben“, erzählt er. Doch aufgeben wollte er nicht: „Ich habe einen Online-Shop gefunden, der welche hatte, und habe gleich ein paar mehr bestellt.“ Für den Verkauf im Riptide, mit dem auf dem Preisschild angebrachten Vermerk: „The future is here“. Chris grinst: „Wir sind ja für neue Medien und machen alles mit, das ist die Zukunft!“

Chris greift in die Schüssel neben der Vitrine mit den Muffins und anderen Kuchen und schenkt mir daraus einen Schlüsselanhänger der Zeitschrift 11 Freunde. Danke – ohne seine Gabe hätte ich nicht zugegriffen. Nicht, weil ich das Magazin nicht mag, im Gegenteil, das lese ich sogar sehr gern, weil es den Menschen und die Leidenschaft ins Mittelfeld rückt. Sondern, weil mein Schlüsselbund einfach schon ausreichend meine Tasche ausbeult. Neben einem Wolters-Flaschenöffner, den ich mal an St. Patrick’s Day im Wild Geese erhielt, ist meine ganze Freude ein blauer Achter-Legostein, den mir an meinem letzten Arbeitstag bei der WAZ einer der Verkäufer in der Spielwarenabteilung bei WKS schenkte, dem Wolfsburger Kaufhaus. Arni und ich stöberten in unseren Pausen oft dort in der Legoabteilung und hatten schnell freundlichen Kontakt zu den Angestellten dort. Zu meinem dienstlichen Abschied drehte also ich eine Runde durch die Fuzo, und mit diesem warmherzigen Geschenk kehrte ich zurück. Seit fünfeinhalb Jahren nun schmückt der aufgrund starker Abnutzung inzwischen nicht einmal mehr verbaubare Legostein mein Schlüsselbund, so blau wie mein Auto.

Die Geschichte gefällt Chris, und er erzählt, dass er auch gern in Wolfsburg ist, zum Auflegen nämlich, und zwar im Sauna-Klub, zum Beispiel als nächstes zum Tanz in den Mai. Hab ich noch gar nicht mitbekommen, obwohl Sauna-Klub-Chef Thorsten mir regelmäßig Einladungen schickt. Mit Rille Elf waren wir bei ihm auch schon zu Gast, passend zum elften Geburtstag des Klubs.

Neben mich stellt sich Omar und bestellt einen Milchkaffee. Den bekommt er, geht zu Serge und kehrt mit immer noch voller Kaffeetasse und leerem Weinglas zurück, dieses Max darreichend. „Wein für Serge?“, fragt der, und Omar bestätigt. Darauf muss Serge aber noch etwas warten, denn Omar erzählt mir aus seinem Leben, dass er erst seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt und dass Braunschweig seine erste Station hier ist. Sein Deutsch-Zertifikat ist sein Ticket: „Vielleicht gehe ich weg, nach Berlin, Leipzig oder Köln.“ Seiner Sprache merkt man nicht an, dass er sie erst seit so kurzer Zeit spricht, doch Omar winkt ab: „Ich brauche noch viele Vokabeln!“ In Syrien machte er seinen Bachelor in Elektrotechnik, hier in Deutschland will er seinen Master machen – „oder etwas Anderes“. Er fragt mich, ob ich schon mal mit anderen Syrern gesprochen habe, und selbstverständlich habe ich dies. Er kennt das Sultana, das um die Ecke in der früheren Krabbenkuppel eingerichtet ist und das ich auch sehr mag, nicht zuletzt, weil der Chef so sympathisch ist, und genau das erzählt Omar auch, der dort einmal sehr gute Falafel zu essen bekam. Falafel mag ich auch gern, daher frage ich ihn nach seinen Empfehlungen für weitere gute Falafellieferanten in Braunschweig. Omar schwärmt vom Falafeli, und ich empfehle ihm noch das Sofra.

Auch auf Musik kommen wir zu sprechen. Omar hört gern Experimentalmusik und Ambient, aber auch Funk, Soul, Charts und Classic Rock. Wilde Mischung, und besonders interessiert mich die Experimentalmusik. „Improvisationen oder Experimente mit Instrumenten“, beschreibt er seine Vorlieben. „Oder Künstler, die Instrumente bauen und machen Experimente.“ Da frage ich natürlich nach Beispielen. Omar nennt Die Angel, „deutsche Klangkünstler“, und die kenne ich gar nicht. Dahinter verbergen sich dann aber doch Bekannte: Dirk Dresselhaus von Locust Fudge und Schneider TM sowie Ilpo Väisänen von Pan*Sonic. Mit solchen Sachen kriegt man mich. Dieser Tage trudelte viel spannende Musik aus ganz Europa bei mir ein: Der Finger, Doom Jazz aus Moskau, Cameraoscura, melodischer Drone Ambient aus La Spezia, Nac/hut Report, experimentelle Klangcollagen aus Krakau, oder Kuhn Fu, zappaeske Jazz-Avantgarde aus Groningen. Omar fragt, ob ich selbst Musik mache, und ich verweise auf meine gelegentlichen Stimmbeiträge für Blinky Blinky Computerband, deren neongrünes T-Shirt ich zufällig trage. Er versucht, sich den Bandnamen zu merken, und bringt dann doch endlich den Wein zu Serge.

Vor einigen Tagen interviewte ich im Riptide für das Kurt-Magazin aus Gifhorn einen „Torfbauern aus Neudorf-Platendorf“, wie sich Heinrich Doc Wolf selbst nannte. Er ist mit Songs im Johnny-Cash-Stil in den USA in diversen Charts und erzählte mir aus seinem wilden Leben, von Gunter Gabriel, Reinhold Beckmann, Michael Hollm und seinen vielen Aktivitäten. Er übersetzt Lieder von den Beatles und Neil Young und stimmte seine Version von „We Can Work It Out“ kurzerhand im Café an, zur Freude der anderen Gäste, und zu meiner auch. „Hier könnte ich auch auftreten“, stellte er mit Rundblick fest und drückte Max seine Visitenkarte in die Hand. „Die liegt noch beim Chef“, sagt mir Max – das wäre ein Knaller, Heinrich Doc Wolf im Riptide!

Schepper hat mit ihm auch schon gespielt, und Schepper kommt soeben durch die Tür. „Oh, alle weggelaufen!“, stellt er mit Blick auf die leeren CD-Fächer fest. Auch er blieb eben bei Serge, Omar und Rainer hängen und verabredete sich mit Rainer fürs Kino. Seine Getränkewahl ist eine Fritz-Kola ohne Zucker, ebenso wie meine. „Morgen kommt das neue Album von The Mute Gods heraus“, sagt er zu Max und fragt, ob die vielleicht schon heute angekommen ist. Max guckt in den Fächern hinter der Theke nach, da kehrt Omar zurück, mit einem Buch in der Hand. „Was hast’n für’n Buch gekriegt?“, nimmt Schepper offenbar einen vorangegangenen Faden auf, und Omar zeigt uns „Rahel Varnhagen“ von Hannah Arendt, mit dem er sich aufs Sofa lümmelt. „Hinten steht sie nicht“, ruft Max von der Theke herüber. „Macht nix“, findet Schepper, ich höre im Moment eh nur eine Platte.“ Die neue von The Claypool Lennon Delirium, ahne ich, und ich liege richtig. Während wir unsere Kola trinken, blättern wir durch die Fächer mit den neuen LPs. „Meine Augen werden auch immer schlechter“, stellt Schepper fest. „Dafür hat Serge gesagt, ich sehe immer besser aus – aber ich seh’s ja nicht mehr!“

Eigentlich wollen wir weiter, zum Café MokkaBär, bleiben aber an und in der Einraum-Galerie hängen. Serge sitzt jetzt auf der Bank vor dem Schaufenster, Schepper und Rainer betrachten drinnen die Kunst von Ulrike Weber. Serge entführt mich zurück in seinen Laden, „ich habe etwas für dich“, sagt er, und drückt mir sein neues Buch in die Hand, „Augentrost – ein Stummfilm“, mit den von Ferdinand so großartig gestalteten Seitenzahlen, die jeweils die komplette linke Seite einnehmen. Auf die Lektüre freue ich mich schon, das Buch habe ich in der Vorabversion schon bei ihm zu sehen bekommen.

Wir drehen um zur Galerie, in der Rainer soeben einen Deal für eines von Ulrikes Bildern macht. „Das gefällt mir, sogar super“, sagt Rainer, der einen Verweis auf den von ihm verehrten Expressionismus sieht. Die Bilder zeigen Porträts, kantig gezeichnet und mit dezidiert gesetzten Farbflächen versehen. Ulrike ist zugezogene Braunschweigerin, „seit 1983 wohne ich hier, mit drei Jahren Pause“, und hat schon überall in der Republik gelebt. Geboren ist sie in Detmold, hat da aber nur sechs Jahre verbracht und entsprechend wenig Eindruck von der Metropole Ostwestfalen-Lippes. „Ich erinnere mich nur, dass es dort Ampeln gibt, die über Eck an der Kreuzung hängen“, sagt Ulrike. Die Einraumgalerie gefällt ihr als Ort für ihre Arbeiten: „Sehr angenehm, ich finde, es passt richtig gut.“ Für sie ist es eine Premiere – nicht nur hier: „Ich habe noch nie ausgestellt.“ Stolz sei sie auf die Hängung, „die habe ich nämlich ganz alleine gemacht und es ist gelungen, wie ich gehört habe“. Ich gucke nach den Befestigungen, aber Ulrike korrigiert mich: „Hängung bedeutet, welche Bilder wie in welcher Kombination hängen – es geht nicht um die Technik!“ Den Impuls zum Gang in die Öffentlichkeit erhielt Ulrike von einer Freundin, „sie hat mir den Tritt in den Hintern gegeben“, und der zieht noch eine nächste Schau mit sich, nämlich im Sommer in der Oberpostdirektion, da sollen die großen Bilder in den drei großen Fenstern hängen.

Mir stellt sich – wie wohl allen – die Frage, ob ihren Porträts reale Menschen zugrunde liegen, und Ulrike verneint dies. „Irgendjemand hat einen Harzkrimischriftsteller darin gesehen“, sagt sie und deutet auf eines der Bilder. „Und Serges Interpretation war, ich male mich immer selbst.“ Ab 2012 zeichnete sie „nur Köppe“, erzählt sie, und dass der „leider verstorbene“ Georg Ystein, bei dem „wir“ Malkurse hatten, sie motivierte: „Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.“ Sie blieb dran und malte Gesichter, bis andere Leute kamen und ihr ganze Körper abverlangten. „Ich habe versucht, mehr zu machen, aber es ist nichts passiert“, sagt sie, „und dann kamen die Kopffüßler.“ Sie zeigt mir einige Bilder mit Gesichtern, aus deren Hälsen Beine wachsen und die weder unnatürlich noch naiv wirken. Das erste dieser Art trägt daher den programmatischen Titel „Siehe da, ein Kopffüßler“. Und irgendwann kamen auch Ganzkörperfiguren dazu, auf großem Format. Bei dem „Wir“ handelt es sich übrigens um die Malgruppe von Georg Ystein, die Nat und Julia Palmer heute fortführen, „in seinem Angedenken“. Und dieser Nat heißt Natarajan Subramanian und hat auch schon in der Einraumgalerie ausgestellt, Frust zeigt mir den Flyer aus dem Jahr 2011 von der Ausstellung „Serviervorschlag“.

Draußen sitzen Serge und Schepper auf der Bank, im Riptide hat André seinen Spätdienst angetreten. Serge erspäht einen Kunden und kehrt zurück zu seinem Laden, Ulrike setzt sich zu uns. Sie freut sich, auf diese Weise in eine Braunschweiger Welt einzutauchen, die sie vorher nicht kannte. Schepper und Ulrike stellen fest, dass sie beinahe Nachbarn sind. Braunschweig! Wir verabschieden uns und holen Scheppers Fahrrad. Serges Kunde grüßt freundlich, wir kennen uns, ich war schon zweimal sein Patient: Dr. Block, der einmal meiner Empfehlung, sich beim Sedan-Bazar das Schepper-Konzert anzusehen, gefolgt war und mir um Gegenzug sein Buch „Dr. Blocks Patiententypologie“ schenkte, für das ich mich endlich bedanken kann, hat es mir doch erhebliche Freude bereitet. Serge kann diese Verbindung nicht fassen, und Dr. Block sagt: „Ja, ich habe auch Bücher verschenkt!“ In drei Jahren vereinbare ich dann den nächsten Termin bei ihm.

Schepper kommt mit Schiebefahrrad, wir schlendern gemütlich zu Ollo in den MokkaBär, treffen auf dem Weg noch Schlagzeuger Wumme, der uns schon mal von Ollo grüßt, weil Wumme sich gerade das Café zum ersten Mal ansah und herausfand, dass man dort Schepper kennt. Ollo dachte sich schon, dass Schepepr Wumme noch eher trifft, als dass er im MokkaBär eintrudelt, grüßt ihn aber trotzdem nochmal. Ja, Braunschweig!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#137 Berge auf dem Mond

27. Februar 2019


Dienstag, 26. Februar 2019

An einem solchen sonnigen Februartag fällt einem die Todesanzeige auf der Riptide-Theke noch unangenehmer ins Auge, als es ihre grundsätzliche Botschaft schon ist. Traurig genug, dass der für die Abgänge von Persönlichkeiten, denen Chris und André wohlgesonnen sind, vorgesehene Rahmen eine solch hohe Frequentierung überhaupt nötig hat. Jetzt steht dort der Name eines Lokalhelden, im doppelten Sinne: Norbert „Bolle“ Bolz war der Inhaber der Bassgeige einige Meter weiter, am Eulenspiegelbrunnen, der Jazzkneipe in Braunschweig, Muckertreffpunkt seit Jahrzehnten, der von seiner Krankheit wusste und ihr mit festem Blick begegnete. Unbeirrt zog er den Zapfhahn dem Krankenbett vor, oder gar einem womöglich lebenslang unterdrückten Selbstverwirklichungsdrang, kurz vor Schluss noch etwas Besonderes erleben zu müssen, was den Gedanken nahelegt, dass Bolles Leben für ihn selbst bis zum Schluss bereits etwas Besonderes war. Da kann man nur anerkennend bis neidvoll nicken und davon ausgehen: Alles richtig gemacht, Bolle!

„Ich hab schon überlegt, es auszutauschen“, sagt Chris aber nun und nickt gen Bolle. Ich weiß, was er meint: In der Flipboard-App hab ich heute Morgen gelesen, dass Mark Hollis starb, mit nur 64 Jahren. „Eine Legende“, sagt Chris, und so zurückgezogen, wie Hollis seine vergangenen 21 Jahre lebte, trifft es das Wort sehr gut. Nach dem Aus von Talk Talk 1991 veröffentlichte er 1998 eine Soloplatte, auf der man das Zurückgezogene der Person schon heraushört. Wie eine akustische Umsetzung des Verschwindens, der Verlorengehens, des Loslösens. „Mountains On The Moon“ hätte es heißen sollen, trug dann aber lediglich den Namen des Sängers als Titel. Im selben Jahr spielte er auf dem obskuren Album „A V 1“ des Duos Allinson/Brown unter dem Alias John Cope das Piano. Und das war’s. In sehr seltenen Interviews ließ er verlauten, dass er Familienleben und Musikerkarriere nicht vereinbaren könne. In ebenso seltenen Berichten über Talk Talk stand zu erfahren, dass sich die Band während der aufreibenden Aufnahmen zu ihrem letzten Studioalbum „Laughing Stock“, einem der besten Alben der Erde mithin, zerrüttet habe. Trotzdem hatte man immer den latenten Hoffnungskrümel, dass sich die Jungs nochmal irgendwann zusammenfänden, um erwachsen und entspannt noch einmal die Popmusik auf den Kopf zu stellen. Aber wozu, haben sie ja schon; so, wie sie vom Chartserfolg zum Avantgardeexperiment wechselten, vollführten das außer ihnen höchstens noch Radiohead. Umgekehrt ist es häufiger der Fall.

Dabei veröffentlichte Paul Webb alias Rustin Man gerade erst sein erstes Soloalbum mit eigenem Gesang, nach dem fantastischen „Out Of Season“ mit Beth Gibbons von Portishead, das er 2002 aufnahm. Wenn schon einer wieder aktiv ist, dachte ich, vielleicht stachelt er den Rest auch nochmal an. Wie seinerzeit seinen Bandkollegen Lee Harris zum Projekt .O.Rang. Doch sowohl der als auch Simon Brenner verschwanden weitgehend; letzterer reüssierte vor zwei Jahren lediglich unbemerkt als Angel River. Und nun verschwindet Mark Hollis ganz. „Viele Leute dachten, dass noch etwas passiert“, sagt Chris. Eben, es gab genügen Beispiele für unüberbrückbare Differenzen zwischen Musikern, die sich dann doch noch mal zusammenrauften. Das geht jetzt nur noch ohne Hollis. Dann erinnern wir uns eben an die Sequenz in dem Film „Ein Freund von mir“, als Jürgen Vogel und Daniel Brühl nachts in Porsches über die Autobahnen cruisen und zu den irrsten Kamerafahrten das sowieso schon grandiose „After The Flood“ von Talk Talk läuft. Gänsehaut.

Während Chris Heißgetränke in Tassen fließen lässt, ramentern André und Marco in der Küche herum. „Donnerstag haben wir ein tolles Konzert“, lässt mich Chris über seine Schulter hinweg gegen das Kaffeeautomatenzischen an wissen. Bassm spielen, was sich zunächst als ein merkwürdiger Bandname ausnimmt, aber in ausgeschrieben „Blues And Sweet Soul Music“ bedeutet und damit den Stil recht umfassend umreißt. „Sie covern Klassiker, Otis Redding“, beginnt Chris eine Aufzählung, die er mit der Information unterbricht, dass sie mit einem Blasinstrument, einem Klavier und einer Gitarre aufschlagen und dass die Sängerin eine schöne Stimme hat. „Der Eintritt ist natürlich frei“, sagt Chris noch und bringt dann die Kaffees an den entsprechenden Tisch.

Das Riptide bringt sich in die Plastikmülldisskussion ein und verkündet, keine Kunststoffstrohhalme mehr auszugeben. Zumindest ist dies an einem Pappbecher zu lesen, der auf der Theke neben der Vitrine mit den Muffins aufgestellt ist. In diesem Becher bietet das Riptide eine Alternative an: Die Strohhalme sehen zumindest so aus, als wären sie ebenfalls aus Pappe. Strohhalme brauche ich nicht, auch nicht für meine Fritz-Kola, die ich bei Chris bestelle. „Auf die Faust?“, fragt er, als er den Kronkorken entfernt. Ohne Glas, denke ich, und bestätige. „Dann mach mal ‘ne Faust“, sagt Chris, und als ich ihm dann meine Ghettofaust als angenommene Flaschenablage über die Theke reiche, deutet er stattdessen grinsend an, die Flüssigkeit darüber auszugießen. „Das wollte ich schon immer mal machen“, lacht er und drückt mir die Flasche unverschütteten Inhalts in die Hand. „Vielleicht an meinem letzten Tag.“ Von dem soll ja noch lang keine Rede sein! Mich erinnert das an den Auftritt von R.I.P.Uli bei Viva, als einer der vermeintlich finnischen Rapper einem Studiogast vor den Augen des verschreckten TV-Teams eine Dose Bier über dem Kopf ausgoss. In seiner eigenen Sendung verriet Initiator Hape Kerkeling später, dass dieser Zuschauer eingeweiht war. Zum Thema Bierdose auf Kopf fällt Chris einer seiner ersten Konzertgänge ein. Mit rund 14 Jahren sah er die Dimple Minds, die von der Bühne aus Bierdosen ins Publikum warfen und von denen Chris eine an den Kopf bekam: „Geil!“ So geht Punkrock. Das war zum Debütalbum der Dimple Minds, „Blau auf‘m Bau“.

Und noch eine veranstalterische Spezialität verrät Chris: Den Flohmarkt am 7. April, an dem sich der gesamte Handelsweg beteiligt, als Auftakt zum nahenden Sommer. „Wir hatten letztes Mal einen Flohmarkt drinnen“, erzählt Chris, „das war total cool, und das wollen wir dieses Mal mit den Nachbarn zusammen probieren.“ Später, auf dem Weg ins Herman’s, radelt mir Aline über den Weg, die da als Organisatorin die Fäden in der Hand hat und mir gleich mal den Flyer dazu per Whatsapp schickt. Da steht noch eine der Bands drauf, die zusammen den ganzen Tag in der Passage jammen, nämlich You Silence I Bird. „Frühlingsgestöber“ heißt die Aktion, die von 13 bis 18 Uhr parallel als Alternative zum verkaufsoffenen Sonntag läuft. Und à propos Nachbarn: Was aus dem Café Drei wird, ist zwar noch nicht raus, aber vergeben ist es offenbar bereits.

„Was bedeutet der Punkt hier auf der Platte?“, fragt Siggi, als er seine Auswahl vor Chris auf den Tresen legt. „Dass du die nicht mit der Karte bezahlen kannst“, antwortet der, denn es handelt sich um Gebrauchte aus anderer Hand. Kein Problem für Siggi. Oben drauf liegt eine Maxi-Single von den Gibson Brothers, „die haben ein, zwei gute Hits gelandet, aber den hier kannte ich nicht“, sagt Siggi. „Mariana“ heißt das Discostück und ich kenne nicht mal die Gibson Brothers, fürchte ich. Die nächste Auswahl kommentiert Siggi mit „Sex sells“: „Erotica“, klingt schwül, ist aber von Beethoven, dirigiert von Herbert von Karajan. Sheila E und Randy Crawford immerhin, seine letzten Objekte, kenne ich – namentlich. Siggi packt seine Errungenschaften zusammen und geht, Chris hat nun eine Besprechung und räumt den Platz an der Theke.

Den nimmt André ein, ich frage ihn nach der „Hear ‘em All“-Show am Freitag, die im Namen von Sound On Screen im Universum-Kino stattfindet. „Wir präsentieren das“, sagt André. „Es war sogar angedacht, das hier zu machen, aber so ist es sinniger.“ Bei „das“ handelt es sich um eine Lesung aus dem titelgebenden Buch, das Frank Schäfer kuratierte und das Texte aus unterchiedlichster Feder zu Heavy-Metal-Platten bündelt. Einige der Autoren sind zur Lesung auch zugegen, darunter Franks „Read ‘em All“-Kollegen Axel Klingenberg und Till Burgwächter sowie Toddn und „Lemmy und die Schmöker“-Gefährte Gerald Fricke. Und Schepper, der an dem Abend den Bass spielt, bevor der Film „Heavy Trip“ die Lesung beendet. „Wir mögen und lieben alle Autoren“, betont André.

Mit Schepper hatte ich am Samstag erst eine kleine Veranstaltung gegenüber, im Einraum, auf dessen Einladung hin, den leeren Raum zwischen zwei Ausstellungen zu bespielen. Ich und Bühne! Aber mit Schepper an der Seite tat es nicht so sehr weh. Er spielte Hits und Neues aus seinem elektrifizierten psychedelischen Bassrepertoire und ich bediente mich aus meinem bei Toddns Buchbauer-Verlag erschienenen Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ bei ausgewählten Geschichten rund um die Galerie. Schepper und das sympathische Publikum sowie Andreas virtuell gehaltene Hand nahmen mir die Angst und im wechselseitigen Einsatzpingpong verbrachten wir fast zwei Stunden zusammen auf der kleinen Bühne. Zum Schluss las ich noch etwas Prosaisches, nämlich erstmals öffentlich den Text „Verschwinden“, den ich vor einiger Zeit für das gemeinsame Stück mit Olafs Blinky Blinky Computerband schrieb. Auf dessen Bandcampseite kann man sich das übrigens anhören, er legte Atmosphären und Sounds unter die Geschichte. So kann ich nach Abflauen des Lampenfiebers doch feststellen: Es war schön!

Und lustig, was alles drumherum so passierte. Ein Fundus der Geschichten. Mit dem Schlüssel für den Raum, der zwar vorlag, aber weggeschlossen war, und jener Schlüssel fehlte. Mit den kunstlosen weißen Wänden, die Jörg daran erinnerten, dass er als Kind immer dachte, das von den Beatles sei das „Nikotingelbe Album“, weil seine Eltern so starke Raucher waren. Mit der Geschichte davon, woher Frust seinen Namen hat: Zwei Mitschüler deuteten einmal von der hintersten Reihe aus auf ihn und riefen „Frust! Frust!“, so war das fortan festgelegt. Als Frust später mal einen der beiden wiedertraf und ihn fragte, warum er ihn damals so genannt hatte, war dessen Antwort: „ …. Ich?!“

Während er seinen fälligen Aktivitäten nachgeht, kommt André kaum mit seinen Ankündigungen nach. Die Band Boxing Fox erwähnt er, die am 5. April ins Riptide kommt, und die europaweite „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die am 15. März T.S. Steel ins Riptide spült, die „allseits beliebte Reihe“ Sound On Screen, deren 27. Staffel jetzt bekannt ist, mit „Studio 54 – The Documentary“ als Auftakt am 14. März mit DJ-Party im Anschluss sowie am 11. April die Hosen-Doku „Weil du nur einmal lebst“ mit Final Impact als Ergänzung und am 17. Mai „Asi mit Niwoh“ über Jürgen Zeltinger. Die mittlere Märzwoche wird hart, weil an dem Mittwoch auch noch die Quiznight stattfindet: „Alles geballt“, sagt André.

Und nun ergreife ich meine bestellte „Data Mirage Tangram“, die neue Doppel-LP der Young Gods, die ich am Samstag mitzunehmen vergaß, und trete den Weiterweg ins Herman’s an. Dort treffe ich unter anderem Schepper wieder, dessen einer Satz mir den Abend beschließt: „Pass auf, was du sagst, Moses, das steht hinterher alles in der Bibel!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#136 Habitak im Qashqai gefunden

18. Januar 2019


Donnerstag, 17. Januar 2019

Großartiges Wetter: Ein Wechsel aus Regen, Schnee, Wind und dicker Bewölkung lässt einige seltenere Pokémons erscheinen, das gibt wichtige Punkte und leckere Bonbons. Noch keine Woche bin ich jetzt auch dabei, mit zweieinhalbjährigem Verzug, angesteckt von Andrea, die ihren Account nach langer Pause aus einem launigen Impuls heraus reaktivierte. Ist schon merkwürdig, was das Spiel mit mir macht: Gassigehern möchte ich die Hunde mit Bällen wegfangen, und wenn ich hinter Automarken wie Qashqai, Pajero oder T-Roc herfahre, frage ich mich, wie diese Monster wohl aussehen mögen. Und umgekehrt: Pokémons wie Habitak, Karpador oder Wiesor könnten auch Bezeichnungen für Autos sein. Aber so richtige Obskuritäten wollen meinen Weg ins Riptide heute nicht queren.

Scheißwetter: Bei dem Gemisch aus Regen, Schnee, Wind und bestenfalls dicker Bewölkung mag man gar nicht vor die Tür gehen. Es sei denn, man will ins Riptide, natürlich. „Die Leute waren gestern ganz schön trinkfreudig“, berichtet Melissa aus der Küche heraus André von der gestrigen Quiznight im Riptide. André war nicht dabei und freut sich, dass die neue Veranstaltungsreihe so viele Teilnehmer findet. Marco ist noch da und pendelt mit Getränkekisten zwischen Keller und Theke hin und her. Heute mag ich einen Kafka bestellen, wie früher, als das Riptide neu und dieses Gemisch aus Kaffee und Kakao eine Art Standard für mich war. Zurück zu den Wurzeln. „Das kenne ich“, sagt André. „Wenn ich im Restaurant einmal etwas gefunden habe, was mir schmeckt, tu ich mich schwer damit, etwas Neues auszuprobieren.“ So geht mir das eigentlich nicht, ich probiere gern herum und kehre intervallartig zu meinen Lieblingsspeisen zurück. Aber der Kafka heute ist eine wetterbedingte Wahl.

Seit Chris und André die CD-Abteilung auflösten, änderte sich etwas im Raume: Die CD-Reste sind nun auf einem schmalen Aufsteller zwischen Eingang und Theke angepriesen, und an ihrer ursprünglichen Stelle zwischen den Schallplattenfächern ist nun ein hoher Tisch mit Barhockern errichtet, an dessen Stirnseite in Boxen gebrauchte LPs zum Stöbern herausfordern. Dazwischen schlendert Morten herum, wirft Blicke auf die Auslagen und nähert sich gemütlich der Theke. Er sucht LP-Hüllen, da er eine Schallplatte verschicken möchte. Melissa übernimmt es, für ihn jeweils zehn Innen- und Außenhüllen sowie einen Karton aus dem Lager an der Theke hervorzuholen, während André mit frisch aufgenommenen Bestellungen aus der Rip-Lounge zurückkehrt. „André, haben wir einen Karton, um Platten zu verschicken?“, fragt ihn Melissa mit den Innen- und Außenhüllen in der Hand. „Ja, haben wir“, bestätigt der und fischt einen gebrauchten Pappkarton aus dem Regal. Für Morten genau richtig: „Ja, der ist gut!“ Ein Freund von Morten wohnt in der Nähe von Oldenburg und ist Plattensammler, erzählt er. „Der ist von dem Laden begeistert – und neidisch“, grinst Morten. Der Freund war bei ihm zu Besuch und entdeckte dabei das Riptide. „Ich bin, was Plattensammeln betrifft, ein Amateur“, behauptet Morten beim Verabschieden. „Aber es ist schön hier.“
Seinen Platz nimmt Simone ein, die mich fragt, wann der nächste Silver Club stattfindet. Sie möchte am Wochenende weggehen und weiß nicht, was alles in Braunschweig los ist. Die Nachricht, dass es den Silver Club seit zwei Jahren nicht mehr gibt, überrascht sie. Seinerzeit gehörte ich mit zum Team, das ehrenamtlich und ohne Gewinnabsicht – so sagte es immer der Chef Skapino – kulturelle Veranstaltungen an Orten organisierte, die für so etwas nicht vorgesehen waren. Dreimal im Jahr machten wir aus Mensen, Kirchen, Kellern, Industriehallen, Abbruchhäusern oder Fitnesszentren stimmungsvolle Räume für Lesungen, Diskussionen, Konzerte, Kunst und Partys. Aus diversen Gründen – unter anderem, weil die nach der Love Parade in Duisburg allerorts gestiegenen Sicherheitsauflagen für so etwas für eine nichtkommerzielle Reihe nicht mehr zu stemmen waren – beendeten wir jedoch unsere Aktivitäten.

Aber auch ansonsten habe ich nicht mehr so den Überblick, was an den Wochenenden in Braunschweig geschieht. Trotz der unzähligen Facebook-Einladungen, die ich bekomme: Die speichern sich selten in meinem Bewusstsein ein, schließlich sind sie ja online abrufbar. Außerdem gehe ich auch gar nicht mehr so häufig weg wie früher, wenn ich mir nicht mittels eigener Veranstaltungen einen fröhlichen Anlass dafür schaffe, bis spät nachts aktiv zu sein. „Das ging mir vor zwanzig Jahren so“, sagt Simone. Damals war sie im UJZ Peine mit Goa-Partys selbst aktiv, die sich stetig erweiterten, auf die benachbarten Lagerhallen und ein Schiff auf dem Kanal, und bei denen Simone noch die Aufgabe der Ambulanz übernahm: „Das konnte ich nicht mehr.“

Vergleichbare Veranstaltungen entdeckte Simone jüngst im Braunschweiger Laut-Club, der so niedrig ist, dass der Schweiß bald von der Decke tropft, erzählt sie. Wie beim zweiten Silver Club im Rebenpark, da standen gefühlt 30 Zentimeter Wasser auf der Tanzfläche. Wie ich schwärmt auch Simone davon, von den verschlungenen Kellerpfaden, dunkel, spärlich und stimmungsvoll illuminiert, mit morbider Kunst bestückt und in den kathedralenartigen großen unterirdischen Raum mündend, in dem dann die Party stieg. „Da habe ich mich in den Gängen verirrt“, erzählt Simone. Und lobt gleich noch die Silver Clubs in der Jugendkirche. Da hatten wir eine riesige Discokugel ins Kirchenschiff gehängt: Selten waren so viele mit offenem Mund staunende Atheisten in einer Kirche zu sehen. Und dann noch mit einem offenen Bier in der Hand. Herrlich.

Das Riptide mag Simone, weil es in Sachen Umweltbewusstsein auf ihrer Linie liegt. Mit grünem Strom und der Offenheit für artverwandte Themen. Sie erinnert mich daran, dass ich mich mit ihr vor einiger Zeit einmal unterhielt, als sie versuchte, einen Stapel Drei-Fragezeichen-CDs zu veräußern. Da meldet sich Marcel vom Sofa aus zu Wort: „Entschuldigt bitte, ich muss jeden fragen, der von den Drei Fragezeichen spricht, was seine Lieblingsfolge ist.“ Auf seinem Schoß spielt sein Sohn Oskar mit einem bunten Schiff, das Marcel im Spieleschrank des Riptide fand. Mir fällt es schwer, mich festzulegen, dafür sind es zu viele Folgen, die mir wichtig sind. Marcel hat nach all den Jahren eine für sich herausgefunden: „Meine ist ‚Das Bergmonster‘.“ Denn das ist – abgesehen von der jüngeren „Zeitreisenden“ – die einzige mit einem quasi offenen Ende, bei dem das mystische Element nicht als Verbrecher überführt wird: „Sondern, es war wohl wirklich ein Bigfoot.“ Simone erinnert sich an die falsche Cousine, die die Schrottplatzhelfer Patrick und Kenneth in der Episode besuchen, und Marcel fügt den eigensinnigen Umweltschützer an. „Meine Lieblingsfolge ist die mit den Vampiren, die ist schön vielschichtig.“ Nummer 140, „Stadt der Vampire“, also eher neu. „Und ‚Die sieben Tore‘ fand ich gut“, sagt Marcel, und Simone pflichtet ihm bei. Wobei das Wortspiel-Rätsel nicht funktioniert, weil die Mehrzahl des Narren-Synonyms Toren ist – damit ist die Folge für mich schon nur noch schwierig gut zu finden. „‚Geheimakte Ufo‘“, ruft Marcel noch vom Sofa aus. Diese Trash-Folge? „Ja, diese Trash-Folge“, lacht er. Dazu fällt Simone eine Live-Episode der Lauscherlounge ein, dem Label von Justus-Jonas-Sprecher Oliver Rohrbeck, bei der die Akteure das Manuskript vorher nicht kannten und sich während der Aufnahme immerzu kaputtlachten. In der Folge landen die Drei Fragezeichen im Weltraum, weil sie Peter von seinen Phobien befreien wollen, in diesem Falle von der Klaustrophobie, „und dann kommt ein Schwein, und ich weiß gerade gar nicht, wie das endet – doch: Sie beamen sich auf die Erde und landen in Berlin, bei der Lauscherlounge.“ An den Titel kann sie sich nicht erinnern – und mir sagt das auch gar nichts. Erstaunlich genug! Simone hat gleich einen Termin und zieht erst ihre Jacke an und dann weiter, und ich setze mich zu Marcel und Oskar.

„Wir haben schon mal zusammen gearbeitet“, erinnert sich Marcel. Er war Mitarbeiter im leider schon wieder geschlossenen Tegtmeyer in der Kreuzstraße und hatte Dienst beim wundervollen Festival von Blinky Blinky Computerband sowie diverse Male beim „Kindertanztee“, wie er unseren „Tanztee im Tegtmeyer“ mit Rille Elf nennt. Zu Recht, wenn es auch so nicht beabsichtigt war: Die Intention war, den Älteren, die sagten, sie würden nicht mehr so gern in der Samstagnacht unterwegs sein, eine Sonntagnachmittagalternative anzubieten.

Nun komme ich doch noch auf Marcels erste Frage zurück und entscheide mich für die Nummer Eins, den „Superpapagei“, weil in der Folge – inklusive der niedlichen Fehler – beinahe alles perfekt ist. Wie großartig der Kunstdieb Victor Hugenay ist! Den mag Marcel auch, zum Beispiel in der Episode, in der jener mit übersinnlichem Spuk das Bild „Die grüne Eisenfrau“ stehlen will. Das muss „Poltergeist“ sein – die gehört zwar zu meinen Lieblingsfolgen, aber weil ich sie früher so oft gehört habe, unterließ ich dies in den vergangenen Jahren und erinnere mich nun nicht mehr so genau an sie. Wie mit Lieblingsplatten, die man sich überhört. Marcel nickt: „So habe ich Life Of Agony wiederentdeckt.“ Stimmt, deren „River Runs Red“ läuft auch heute noch gut. „Ich habe sie letztes Jahr live gesehen in Hamburg“, erzählt Marcel. Erst da erfuhr er von der Geschlechtsumwandlung des Sängers Keith Caputo, der jetzt Mina heißt. Und schwärmt von dem Auftritt, bei dem er deutlich wahrnahm: „Caputo fühlt sich endlich wohl.“

Oskar, der älter wirkt als die gut sechs Monate, die er erst auf dieser Welt weilt, fordert Marcels Aufmerksamkeit ein. Marcel hat eine ansteckend positive und energievolle Ausstrahlung. „Der Kleine ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er. Und stellt fest: „Mit sich selbst ist man nie so umsichtig wie mit seinem eigenen Kind.“ Das jetzt aber nach Hause muss.

An der Theke lehnt Lukas und hält eine Orangen-Fritz-Limonade in der Hand. Den früheren Riptide-Mitarbeiter habe ich lang nicht gesehen: „Ich war das ganze Jahr 2018 nicht in Braunschweig“, bemerkt er. Nanu, zuletzt erlebte ich ihn doch noch als Barkeeper im Tante Puttchen nebenan? Das ist schon etwas her, Lukas wohnt jetzt in Kiel, der Familie wegen: Einen anderthalbjährigen Sohn hat er dort mit seiner Frau. Eine Freundin von mir zog es ebenfalls nach Kiel, und Andrea und ich feierten dort unser Silvester. „Ich auch“, sagt Lukas. Wir in Schilksee mit Blick auf Laboe, er auf der anderen Seite der Förde, kurz vor Laboe, „noch Kiel, eher dörflich, zehn Minuten zum Meer“. Kiel habe gegenüber Braunschweig eben den Vorteil, dass die Ostsee nahe ist. Nichts gegen die Oker, aber da pflichte ich ihm bereitwillig bei.

An dem Tisch, der einst CD-Fächer barg, gruppierte sich eine Touristengruppe, der André Speisen und Getränke kredenzte und vom Riptide berichtete. Nun bricht die Gruppe auf, Lukas zieht mit ihnen von dannen. Kurz darauf betritt Elke das Riptide – sie arbeitet bei dem Stadtführungs-Veranstalter, dem auch die Gruppe von eben angehört, und bespricht sich mit André. Da bin ich natürlich neugierig. „Das sind keine Touristen“, stellt Elke zunächst klar: „Zu 90 Prozent sind das Einheimische.“ Sie ist ebenfalls Stadtführerin und hat nun einen administrativen Job bei der Organisation Eat The World, die diese Führungen anbietet. „Das war ein Start-Up-Unternehmen von zwei Frauen aus Berlin, vor zehn Jahren gegründet“, berichtet sie. Das Vorhaben der Organisation sei es, „Gäste abseits von Touristenpfaden durch die Stadt oder einen Stadtteil zu führen und Skurriles und Einzigartiges zu zeigen“, so Elke. Über 100 Touren gebe es inzwischen in ganz Deutschland. „Die Gäste sind happy, wir sind happy“, resümiert Elke. Besonders die Einheimischen, die auf diesem Wege erfahren, was es Neues in ihrer Stadt gibt: „Die freuen sich, das sind dankbare Touren“, sagt Elke. „Dirk Schadt ist auch bei uns“, fügt sie an. Das passt: Schließlich sammelte der Lord schon unterhaltsame Stadtführererfahrungen als Okerflößer.

Elke kommt aus Hannover und ist in ihrer Funktion bei Eat The World unter anderem für Braunschweig zuständig. Einmal im Monat zahlt sie vor Ort ihre Partner aus, schließlich müssen die pro Lokal dargereichten Speisen auch finanziert sein. Auf einer Tour besuchen die Gruppen jeweils um die neun beteiligte Einrichtungen, in denen sie auf spezifische Weise verköstigt werden und im besten Falle ihre Stadt besser kennenlernen. „Nicht jeder kennt den Handelsweg“, führt Elke exemplarisch an. Jeder Gast bekommt eine Broschüre ausgehändigt, in der sämtliche angeschlossenen Lokale aufgelistet sind; nicht jedes kann auf jeder Tour berücksichtigt werden, aber da es in dem Heftchen aufgelistet ist, findet es trotzdem Augenmerk. Die Tour heißt „Magniviertel“, weil sie dort endet. Und da sich auch immer einmal etwas ändert, passt Eat The World die Broschüre regelmäßig an: „Zum Beispiel, das Café Drei ist weg“, sagt Elke. Was, das wusste ich noch gar nicht – zuletzt kam ich immer von der Breiten Straße aus in den Handelsweg und das Café Drei lag auf der anderen Seite. Der Handelsweg bleibt aber ganz sicher ein festes Ziel der Tour. Ins Riptide kommen die Gäste nämlich gern, sagt Elke: „Jeder, der hier war, ist total begeistert, die Älteren gucken Platten, die Jüngeren finden das Vegane gut.“ Und ihr gefällt, dass das Riptide inhabergeführt ist: „Wir wollen keine Ketten mehr.“

Neue Partner zu finden ist ein beständiges Ziel von Eat The World. Da kann ich Elke gleich mitnehmen, ich bin noch im Café MokkaBär verabredet, da kommen wir an der Bar Lissabon vorbei. Dort stelle ich ihr Ricardo vor. Elke ist begeistert von der Einrichtung: „Wer hat denn so einen guten Geschmack?“, fragt sie Ricardo. Das sind er und sein Partner Ioannis selbst, sagt er. Wir schlendern weiter zum Frankfurter Platz, wo ich Elke an Ollo weitervermittle. Im MokkaBär wartet schon eine behagliche Runde von Leuten am Kamin. Es gibt Apfelkuchen und Nussecken, natürlich Kaffee und auch Bier. Wer weiß, vielleicht stehen MokkaBär und Lissabon ja demnächst in einer Broschüre mit dem Café Riptide.

In der Arena auf dem Platz sitzt nur ein schwacher Gegner. Ich bin stärker: Das Smartphone bleibt aus.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#135 Reitende Geister

14. Dezember 2018


Donnerstag, 13. Dezember

Alles ist Veränderung, die einzige Konstante, und so weiter, und das Café Riptide erfuhr dies in diesem Jahr ganz besonders ausgeprägt. Bisweilen fühlt man sich hilflos und ausgeliefert, kann den Veränderungen, die von anderen ausgehen, vermeintlich nichts entgegensetzen, zweifelt an seinem eigenen Einfluss, wünscht sich Kräfte wie bei Marvel oder Harry Potter oder gleich noch ganz woanders angesiedelt, und übersieht dabei oft, wie viel man tatsächlich in der eigenen Hand hat, und sei es nur die Haltung zu den Dingen. Wie es schon Matt Johnson von The The sang: „If you can’t change the world, change yourself.“ Und da ja nun schon wieder Dezember ist und damit die Zeit der Rück- und Ausblicke, stelle ich heute wie immer allen Riptide-Gästen dieselbe Frage. Dieses Mal lautet sie, bewusst unkonkret: Was würdest du verändern?

Bevor ich diese Frage jedoch im Riptide äußern kann, klopfe ich auf dem Weg dorthin bei Serge an. Sein Laden ist erleuchtet, beinahe wie sein Besitzer, und bei Serge sitzt Ulrike und philosophiert mit ihm. Überall stapeln sich Kulturgüter, Bücher zuvorderst, und ich komme nicht umhin, die Atmosphäre als angemessen vorweihnachtlich zu empfinden. Passend organisiert Ulrike für Serge und sich von nebenan Kaffee und Tee. Also sind es diese beiden, die meine Frage als erste zu hören bekommen.

„Mich selbst kann ich nicht mehr verändern, dafür bin ich viel zu eingefahren“, behauptet Serge. Aber eine hypothetische Veränderung nähme er vor: Sich verjüngern. „Dann hätte ich mehr Kraft, mich ernsthaft politisch zu engagieren – ich bin zu müde, zu resigniert, zu zynisch, um das heute noch zu tun, und ich glaube nicht mehr daran, dass irgendetwas zu ändern ist.“ Serge zieht die Gelbwesten aus Frankreich als positives Beispiel heran, die als Protest nicht wie 1968 aus Intellektuellenkreisen hervorgehen: „Es ist das Volk im klassischen Sinne, Égalité, die alte französische Floskel, das fehlt bei uns, das finde ich tragisch, dass wir dem nichts Ernstzunehmendes entgegensetzen können.“ Man müsse ja nicht einmal eine neue Bewegung erfinden, man könne einfach die Gelbwesten übernehmen. Auch dem Protest von rechts müsse etwas entgegengesetzt werden – dieses nicht einmal nur rein deutsche Übel beklagen wir alle drei.

Nicht als Letzte heute stößt sich Ulrike am Konjunktiv meiner Frage. Sie empfindet ihn als Zeichen der Machtlosigkeit und sähe an dessen Stelle lieber ein „wirst“. Und verliert das „würde“ in ihrer Antwort trotzdem nicht: „Ich würde versuchen, die Lebenswelt …“ Sie überleg und stockt immer wiedert: „Lebenswerter – stimmt nicht: dem Menschen angemessener, ein gutes Leben, sozialer, mit der Umwelt in Verträglichkeit, schon auch radikal, Entscheidungen treffen, die der Autoindustrie Geld kosten, und dass man Konsequenzen spürt, keine Konsequenzen ist nicht glaubwürdig.“

Dabei fällt Serge die Aussage des Leiters der gegenwärtig tagenden Klimakonferenz ein, der eindringlich und ausdrücklich mahnte, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Erde noch zu retten. Wir wundern uns über das Fremdeln weiter Teile der Bevölkerung vor Alternativen, etwa in Sachen Ernährung, und schwenken hin zu Leuten, die den Veganismus wiederum auf die Spitze treiben, indem sie nur essen, was vom Baum fällt, einem Thema, das Henrik nach der jüngsten Indie-Ü30-Party im Nexus aufgriff und fragte, was diese Leute tun, sobald ein Wildschwein vom Baum fällt. Serge und Ulrike beginnen, im Geiste Plantagen in Baumhöhe anzupflanzen, und wir überlegen, wie gefährlich es wohl ist, in dieses Vorhaben Kürbisse aufzunehmen.

Da steckt Schepper seinen Kopf zur Tür herein. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Ollo ins Café MokkaBär zu fahren, und blieb doch im Handelsweg hängen. Ollo macht sein Café ja auch morgen noch auf. Schepper sitzt bei Roberta in der Einraum-Galerie und nimmt mich gleich mal mit. Roberta zeigt dort nämlich zurzeit ihre Kunst unter dem Titel „Alles und Nichts“, Schepper und sie trinken inmitten der Bilder auf der breiten schwarzen Lederbank Pfefferminztee, ein kleines Fußgebläse versorgt den Raum mit Temperatur. Die Arbeiten zeigen unter anderem stilisierte Akte, angsteinflößende Ikonen, gräfliche Hasen sowie Gespenster-Aliens, die Roberta in gefundene Landschaftsbilder hineinmalte. Eines dieser Wesen, beinahe leuchtend weiß, reitet auf einem Pferd, eng an das Tier angeschmiegt. „Du weißt ja gar nicht, ob der Künstler das auch gesehen hat, aber nicht reingemalt hat“, sagt Schepper. Der Gedanke gefällt Roberta, und sie mutmaßt, dass das mit der Zeit zu tun haben könnte, in der das Original entstand, und dass die Welt heute reifer dafür ist. „Das Bild ist ein Zeitverknüpfungsding“, findet Schepper. Es gehört zu den wenigen Exponaten in Raum, die Roberta übermalte. „Das wäre sonst wohl weggeworfen worden“, glaubt sie. Auch die Frau im Käfig ist eine Übermalung: „Sie hatte natürlich keinen Käfig über dem Kopf“, erklärt Roberta, „und eine andere Frisur.“ Wenn man nah an das Bild herangeht, erkennt man noch den alten Bienenkorb unter dem Hintergrund.

Auch Roberta missfällt der Konjunktiv meiner Frage, sie durchdenkt zudem die Möglichkeiten, die die Frage offen hält. „Ich bin nicht so rückwärtsgewandt, ich bin eher zukunftsorientiert“, setzt sie nachdenklich an. Schepper grinst, „aber ich bin im Rückwärtsgewand“, und deutet auf seine alte Schlaghose. Roberta fährt fort: „Ich möchte ganz viel verändern – und auch gar nichts, das passt zur Ausstellung, ‚Alles und Nichts‘.“ Sie blickt sich um.

„Ich ändere meinen Gesundheitszustand, auf jeden Fall“, lautet die Antwort von Schepper. „Das ist auch eine gute Antwort“, findet Roberta. „Das hat etwas mit Selbstheilungskräften zu tun – wenn du es selbst machst, wird dein Körper sich ändern.“ Schepper gibt einen kurzen Abriss der Umstände sowie der positiven Entwicklung und stellt mit kicherndem Verweis auf den Namen von Robertas Künstlergruppe fest: „Ich bin voller Tatendrang.“ Roberta quittiert das schelmisch mit „Ouh, ouh, ouh!“ Der Solo-Bassist fährt fort: „Ich hab Ideen, ganz viele Ideen, nächstes Jahr wird’s super.“ Er berichtet, dass er sich auch mit Serge darüber unterhielt und dass der sich von Scheppers Tatendrang anstecken ließ. „Schön, wenn ich motivieren kann“, freut sich Schepper.

Offenbar motivierte er auch Roberta dazu, sich weiter mit meiner Frage zu beschäftigen. „Ich würde noch genauer als 2018 2019 überlegen, was ich mache, und ich werde deshalb auch Sachen nicht machen – das überlegt man sich auch viel zu selten, gerade, wenn es so viele Möglichkeiten gibt.“ Sie bezeichnet sich selbst als glücklich und wundert sich, dass sie bei dieser Aussage bisweilen zu hören bekommt, wie selten das sei. „Ich kann machen, was ich mag, und sogar halbwegs davon leben“, begründet sie.

Nun fällt auch Schepper noch etwas ein: „Ich werde mich updaten, ich muss mal ein Bisschen was modernisieren.“ Roberta grinst: „Schepper 3.0!“ Er nickt: „Ich will mich vorbereiten aufs 22. Jahrhundert, die Technik updaten, da muss ich auch an mir arbeiten, da fehlt mir was.“ Roberta hakt nach: „Bass-Technik oder Equipment?“, doch Schepper bezieht sich nicht auf seine musikalischen Fähigkeiten oder seine instrumentale Ausstattung, sondern auf Kommunikationsmittel: „Neue Medien, ich hab immer noch kein Handy und will auch keins haben, aber ein Tablet klingt interessant – ich gehe mit dem alten iPod von meiner Schwester ins Internet und bin noch bei Myspace.“ Roberta ist überrascht: „Das gibt’s noch?“, sucht auf ihrem Smartphone nach der Myspace-Seite von Tatendrang-Design und wundert sich, wie gut die gepflegt ist. Zu Facebook will Schepper nicht wechseln: „Reverb Nation“ kommt ihm eher in den Sinn, empfohlen von Olaf, als wir beide kürzlich bei ihm waren und mit ihm an neuen Stücken von Blinky Blinky Computerband arbeiteten. „Oder Soundcloud“, ergänzt Roberta.

Da wir André schon durch die Scheibe zurückwinkten, steht nun die Fragerei im Riptide an. Schepper und ich verabschieden uns von Roberta und stellen uns an die Theke im Café gegenüber. Dort unterhalten sich Peter und Zabel mit André, sobald der zwischen Gästen und Küche für einen Moment am Computer verweilt. „Eigentlich würde ich mein Bier gegenüber trinken“, sagt Peter, denn er ist Teil des Einraum-Teams, momentan aber eben mit Zabel im Gespräch. Ihm behagt meine Frage nicht: „Ich würde die Frage verändern.“ Er sinniert abwehrend über die vielen Ebenen, auf denen eine Antwort möglich ist, persönlich, global, in der Zeit, und meint, sich zwischen einer persönlichen und einer allgemeingültigen Antwort entscheiden zu müssen. „Das Schöne ist, dass man Allmächtigkeit bekommt“, stellt er fest. „Es kann ja völlig fiktiv sein.“ Er greift nach seinem Bier. „Die Frage wird schöner, je länger man darüber nachdenkt“, stellt er fest. „Als Erstes – und das steckt drin in der Frage, man muss sich das Wichtigste und Aktuellste aussuchen und sich beschränken.“ Er grübelt während des Sprechens weiter und spricht beim Denken: „Ich möchte nicht offensichtlich humoristisch antworten, der Witz ist durch.“ Peter macht eine Pause und skandiert dann klar seine Antwort: „Gar nichts.“ Er nickt zufrieden. „Nach langem Überlegen.“ Zabel mutmaßt, dass Peter dann ja ein zufriedener Mensch sein müsse, doch so meint der das nicht: „Weil ich mich nicht auf eins einigen kann mit mir selbst, würde ich nichts ändern.“ Zabel versteht. „Ich weiß nicht, was gerade am wichtigsten wäre“, fährt Peter fort und grinst: „Sonst würde ja auch niemand mehr reinkommen und mir so eine Frage stellen.“ Er nickt wieder: „Ich bin mir jetzt ganz sicher.“

Zabel bleibt bei seiner abwehrenden Haltung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mit Fremden nicht sprechen.“ Peter versucht, ihn doch noch zu einer Antwort zu überreden, und Zabel sagt: „Rauchen.“ Peter und ich stutzen. Will er das Rauchen aufgeben? „Du hast die Allmacht gerade“, setzt Peter an. Zabel winkt ab: „Ich hab gesagt, ich möchte gerne eine rauchen.“ Ach so. Also greifen sie sich ihre Biere von der Theke und verschwinden ins Achteck.

Also ist André jetzt frei, mir beim Kaffeezubereiten eine Antwort zu geben. Ohne es zu wissen, bestätigt er Peter: „Gar nichts, sonst wäre es ja nicht so, wie es ist“, sagt er. „Jammern kann ja jeder, ich bin eigentlich schon zufrieden.“ Ich begleite ihn in die Küche, wo er fortfährt: „Mehr bürgerliches Engagement auf den Straßen, Gelbwesten in Deutschland!“ André hat viel zu tun, die Gäste bestellen mannigfach, und der nächste Milchkaffee aus seiner Hand ist sogar für mich.

Da kommen Arni und Christian ins Café, beide mit beschlagenen Brillen, aber sie erkennen Schepper und mich trotzdem sofort. Wir setzen uns nun in eine Ecke und ich äußere einmal mehr meine Frage. „Nix, ist doch alles super“, antwortet Arni. Schepper grinst: „Zum Glück hab ich schon geantwortet.“ Arni hakt nach: „Und was würdest du ändern? Die Preise!“ Schepper lacht. Arni wird ernst: „Ansonsten bin ich gerade dabei, ganz viel zu ändern. Fast alles.“ Schepper fragt, ob es dann nicht besser wäre, aufzuzählen, was Arni nicht ändern würde. „Das ist einfacher“, bestätigt der: „Meine Beziehung werde ich nicht ändern.“ Schepper hakt nach: „Zu dir selbst?“ Aber Arni meint die zu seiner Freundin, pflichtet Schepper indes bei, dass dessen Aspekt auch wichtig sei.

„Ganz klein und persönlich“ falle die Antwort von Christian aus, sagt der: „Meine pessimistische Einstellung werde ich ändern.“ Diese Notwendigkeit unterstreicht Arni, und Schepper wendet ein: „Aber deinen Sarkasmus behalte ruhig.“ Auch da stimmt Arni zu. Christian ergänzt: „Ich hab überlegt, was würde ich bei anderen ändern, aber ich bleibe bei mir.“

Nun nimmt der Abend seinen Lauf. André reicht eine neue Runde Getränke und die Gespräche schweifen in alle Richtungen ab. Als Christian seine „Teuerste“ erwähnt, errötet Schepper ob seiner despektierlichen Gegenfrage, die er dann doch stellt: „Hast du auch eine Billigste?“ Christian wird kleinlaut: „Lustigerweise sprach ich von meiner Gitarre.“

Und doch verändern wir heute die Welt ein bisschen. Wir stecken uns mit Überlegungen und Analysen an und haben mindestens Einfluss auf den Füllstand unserer Flaschen und Tassen. Und auf die Zeit: Sie schreitet schneller voran, als uns lieb ist. Wie gut, dass wir genau das nicht verändern können.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#134 Illustratus

15. November 2018


Dienstag, 13. November 2018

Stockdunkel und nasskalt ist es am mittleren Nachmittag, da ist der November ganz bei sich, auch wenn er uns zwischendurch immer wieder sonnige Tage mit knapp unter 20 Grad kredenzt und damit den ohnehin schon erbaulich langen Sommer nachklingen lässt. Noch immer stehen am Riptide Tische und Bänke im Achteck zwischen Café und Lounge, aber deutlich weniger als zu Sommerzeiten, also bis vor zwei, drei Wochen. Noch einiges mehr hat sich in dieser Kultureinrichtung geändert, und heute steht André in der Küche, um Burger vorzubereiten und mir Auskünfte zu geben; an den Tischen und der Theke ist derweil Gesine im Einsatz.

Als Chris und André vor zwei Monaten mit ihrem aufgewühlten Facebook-Eintrag ihre Folgenden über die missliche Situation zu informieren, in der sie sich befinden, kündigten die beiden Gastwirte an, den erheblich gestiegenen finanziellen Anforderungen mit Maßnahmen zu begegnen, und diese finden nun nach und nach Anwendung, in zwei Richtungen: Einsparungen und Zusatzaktionen. Ersteres erfolgt unter anderem mit angepassten Öffnungszeiten: Seit November nehmen Chris und André in der Woche erst ab 16 Uhr den Schlüssel in die Hand. „Wir mussten die Zeiten ein bisschen straffen, weil der Winter da ist und der Nachmittag keine Laufkundschaft hat“, erläutert André. „Auf dem Papier sieht das gut aus, um Kosten zu sparen.“ Dazu gehören unter anderem Ausgaben für Personal und Strom. „Wir probieren das zum ersten Mal mit diesen Öffnungszeiten und hoffen, dass die Gäste geballt ab 16 Uhr hier sind.“ Sobald es wieder wärmer wird, wenden die beiden auch wieder die alten Öffnungszeiten ab 12 Uhr an. Heute sieht jedenfalls nichts danach aus, dass die neue Startzeit die Gäste abschreckt: Das Riptide ist auf beiden Seiten des Achtecks voll besetzt. Und am Samstag bleibt es bei 12 Uhr sowie am Sonntag bei 10 Uhr zum Frühstück.

Da sparen allein nicht ausreicht, steigern André und Chris die Attraktivität des Cafés mit etablierten und mit zusätzlichen Aktionen. Dazu gehört unter anderem die nächste Ausgabe der „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die seit 2009 von Bremen aus mit verschiedenen Musikern durch die Republik tourt und am 16. November Ben Lorentzen in den Handelsweg führt. Zu den etablierten Reihen gehört auch Sound On Screen, mit Musikfilmen im Universum-Kino und Anschlussevents im Riptide. Als nächstes läuft am 22. November ab 19 Uhr „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales, und auch die folgende Staffel steht schon fest: Diese startet am 14. Dezember um 18.45 Uhr mit dem Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“; beide Filme laufen übrigens im Original mit Untertiteln.

Zu den neuen Aktionen gehört die laut André „sehr gut angenommene neu gestartete“ Quiz-Night, die als nächstes wieder am 21. November läuft. Und weitere Konzerte sind ebenfalls geplant, im Dezember kommen Kroner und Poly Ghost ins Riptide. „Und unsere Winter-Specials sind wieder da“, ergänzt André und zählt die speziellen Getränke auf: „Apfel-Amaretto-Zimt, 43er mit Banane, Glühwein.“ Das Sonntagsfrühstück bekommt zudem am 16. Dezember ein vorweihnachtliches Gewand: Es findet als Adventsfrühstück mit vielen Winterspecials statt, für das Reservierungen erforderlich sind.

Eine Änderung betrifft den Aspekt der Ersparnis: „Die CD-Abteilung lösen wir Ende Dezember auf“, kündigt André an. „Die Nachfrage ist da gering.“ Aber nicht ersatzlos: „Dafür schaffen wir Platz für mehr Vinyl.“ Und zusätzlich nahmen die beiden schweren Herzens, aber notwendigerweise einige Speisen und Getränke von der Karte.

Wenn wir schon bei Sound On Screen waren, gibt es ja noch etwas nachzuberichten, nämlich die Aktionen beim jüngst abgelaufenen Filmfest, in dessen Rahmen auch die Musikfilmreihe wieder einen besonderen Platz erhielt. Mit einem besonderen Schmankerl: Stefan Olsdal, bekannt durch seine Aktivitäten bei der Alternative-Rock-Band Placebo, gab mit seinem neuen Projekt Digital 21 ein Konzert in der Bartholomäuskirche und trudelte zur Sound-On-Screen-After-Show-Party im Riptide ein. Nicht als DJ oder Musiker – den Soundtrack zu diesem Abend lieferte Chris persönlich unter seinem Alias Butch Cassidy –, sondern als nahbarer Gast.

Im Riptide – das ist das erklärte Ziel von Chris und André – soll es also weitergehen. Darauf hoffen auch die Gäste, die Stammgäste wie die Gelegenheitsgäste, und auch die fest eingerichteten Runden, die sich hier zusammenfinden, wie der Bassstammtisch von Schepper, der seine Basis vor längerer Zeit schon ins Riptide verlegte und kürzlich sogar sein zwanzigjähriges Bestehen feierte, dies allerdings aus Platzgründen im Schimmelhof. Oder der Illustratorenstammtisch, von dem mir Autor und Zeichner Carsten Weyershausen erst kürzlich in ebenjenem Schimmelhof erzählte, und zwar bei der jüngsten Ausgabe der Musikschöpfungen des Eiko-Vereins, bei der wir uns trafen und Musik hörten von Die Müller-Verschwörung (im Original ungekoppelt), dem Katzensuperhelden Greydenz, dem Duo Luco & Dylan sowie Doubassin Sanogo mit traditioneller Musik aus Burkina Faso, und bei der wir uns unter anderem auch über die beiden Bücher unterhielten, die Carsten mit Holger Reichard herausbrachte, „Stadt. Land. Flucht.“, das Buch über den Vergleich zwischen Leben auf dem Land und in der Stadt, in dem er die unpopuläre Stadtbewohnersicht einnahm, die ich teile, und „Kerle im Klimakterium“, das ich erst jetzt lese und nicht zu Zeiten seiner Veröffentlichung vor sechs Jahren, weil es mich damals noch nicht betraf und heute dafür begeistert. Und er berichtete von diesem Illustratorenstammtisch, der – wie es der Zufall will – genau heute tagt, in der Rip-Lounge.

Initiator dieses Stammtischs war Ben Urban, der Carsten gegenüber sitzt und der nach der Gründung erfuhr, dass es schon einmal den Versuch einer solchen Einrichtung gab, die aber nie zustande kam. Er traf den zu seiner Rechten sitzenden Patrick Schmitz alias Pott bei dessen Aktion zum Heavy-Metal-Malbuch im Januar im Ritpide und trug ihm mit Erfolg sein Ansinnen an: „Ich war selber überrascht, wie viele Illustratoren es in Braunschweig gibt.“ Ben kommt „aus der Grafik-Richtung“, erzählt er, und gestaltete unter dem Alias Hygin unter anderem Buchtitel sowie Plattencover für diverse Bands aus dem Film- und Mittelalter-Genre, darunter Versendgold, Corvus Corax und Feuerschwanz, zuletzt Ganain. Lokal beauftragt war er indes noch nicht: „Für Braunschweiger Bands habe ich das tatsächlich noch nicht gemacht“, er finde seine Kunden eher in Bremen und Hannover. Immerhin: „Waldkauz kommt aus Hildesheim.“

Bei der Metalmalbuchaktion gewann Ben einen Beutel der fingierten Band Salty Ballz, genau wie seine Sitznachbarin Kathleen Kalle alias Katzleen, die an dem Abend sogar den Ausmalwettbewerb gewann. „Ich zeichne als Hobby“, sagt sie, „und ich war bei Robertas Ladies Drawing Night, und sie hat mich auch in die Gruppe gebracht.“ Roberta Bergmann sitzt links von Carsten und ist unter anderem Mitgründerin der Gruppe Tatendrang Design, die hier in der Lounge einen ihrer Tat-O-Maten installierte.

Neben Katzleen schlängelt sich Marina Kanzian auf die Sitzbank. „Ich bin eigentlich Grafikdesignerin“, sagt sie beinahe entschuldigend, „und ich habe ein Animationsstudio mit meinem Freund und Partner.“ Sie spricht von Hyperebene, das sie mit Enrico Lummitsch betreibt. Einen leichten Akzent höre ich bei ihr heraus, ohne ihn genau lokalisieren zu können: Aus Brasilien kommt Marina, seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland. „Ich habe im Vapiano die Speisekarte mehrmals durchgelesen und so Deutsch gelernt“, erzählt sie. Und grinst. „Nee, ich habe in Brasilien schon Deutsch gesprochen!“

Rechts neben mir und damit neben Carsten sitzt Jacob Müller: „Ich bin seit einem Jahr selbständig als Illustrator.“ Arrsome Illustrations nennt er sich, wie „awesome“ in der Piratenvariante. „Ich mache Zeichnungen und Concept Art für Brett- und Videospiele“, berichtet er. „Ich bin noch sehr in den Anfängen.“ Wer weiß, vielleicht ist mir ja sogar etwas davon bekannt? Doch er grinst: „Es gibt bislang noch nichts, was raus ist.“

Dann schneit Dajana Düring in die Lounge und setzt sich zwischen Pott und Roberta an den Tisch. „Ich studiere an der HBK visuelle Kommunikation“, sagt sie. „Hauptsächlich fotografiere ich, aber ich illustriere auch.“ Sie sei „Breitband“, grundsätzlich „interessiert an Darstellungstechniken“, und ist zum ersten Mal hier: „Roberta hat mich eingeladen.“

Roberta, Pott und Carsten kenne ich schon länger. Mit Roberta saß ich in einer vom Silver Club initiierten Runde, die zur Einrichtung eines neuen soziokulturellen Zentrums in Braunschweig führen sollte und aus der sich später der Kufa-Verein gründete. Und Pott kannte ich zwar schriftlich schon länger, traf ihn aber am Tag der Meisterfeier des VfL Wolfsburg persönlich, allerdings in Peine, bei einem gemeinsamen Konzert von Krüger und Müller. „Ich freue mich, hier zu sein und meine Kollegen zu treffen“, sagt Roberta nun, und Pott nimmt wie im Reflex die Gegenhaltung ein: „Ich bin natürlich nicht freiwillig hier, ich bin gezwungen und versuche, den anderen Aufträge abzuluchsen.“ Roberta drückt mir einen Flyer in die Hand für ihren Gesprächsabend „Kopf frei für den kreativen Flow“, den sie am 27. November im Raabe-Haus anbietet. Und wie aufs Stichwort tritt Stefan Zeuke an den Tisch und überreicht ihr Flyer für ihre Ausstellung „Alles und Nichts“, die vom 1. bis 20. Dezember nebenan in der Einraumgalerie zu sehen ist. Carsten und ich vereinbaren noch, dass wir unser im C1 beim Filmfest begonnenes Gespräch über „The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam und den neuen Spirou von Emile Bravo fortsetzen wollen, dann begleite ich Stefan zurück ins Café.

Dort habe ich nämlich eine Verabredung mit drei Vierteln der Band Final Impact: Ich interviewe Jakob, Jonas und Till für das Gifhorner Kurt-Magazin von Bastian-Till Nowak. Und wie es der Weltengeist will, hört Stefan von der Theke aus so weit zu, dass er die Band gleich für die nächste Ausgabe der Stadtfinder am 22. November als Liveact verpflichtet. So geht das im Riptide.

Ich gehe jetzt aber auch. Draußen treffe ich noch den in Begleitung von Stammgast Markus rauchenden Pott, dem die Ausstellung „Soundtrack WOB“ im dortigen Stadtmuseum ebenso gut gefällt wie mir und der mir dafür noch kürzlich Infos zum Open Arsch gab, weil ich für die Ausstellung einen Text dazu verfasste. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, dass die Kommune, also die Stadt Wolfsburg, in einer eigenen Einrichtung ihre eigene Subkultur feiert.

Auf dem Heimweg komme ich an der früheren Braubar vorbei, aus der jetzt Licht dringt und vor der Ricardo und Ioannis frische Luft schnappen. Sie sind die neuen Betreiber der Kneipe, die sie am Samstag unter dem Namen „Lissabon Bar & Brasserie“ eröffnen. Einiges ist neu an der Inneneinrichtung, das Gemütliche ist indes geblieben. Lissabon heißt die Bar, weil Ricardo ein in Braunschweig geborener Portugiese ist; der Athener Ioannis trägt das Konzept mit Vorliebe und Freude mit. „Erinnerst du dich an die Werbung ‚Ob Punker oder Banker, mit Abstand können beide leben‘?“, fragt Ricardo. „Wir wollen sie zusammenbringen.“ Dafür legen sie in der Bar den Fokus auf portugiesische Spezialitäten, „zum Beispiel eine Portweinauswahl“, so Ioannis. Auch Speisen aus Portugal soll es geben. Lissabon sei „eine der weltoffensten Städte der Welt“, das wolle die Bar transportieren. Auch mit Kunst und Livemusik, wenn möglich Fado. Die beiden haben nun noch einiges vorzubereiten, um die Bar bis Samstag an den Start zu bringen, und ich will ja auch nach Hause. Obrigado, ευχαριστώ: Es tut sich etwas in der Innenstadt.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#133 Ein sicherer Ort

10. Oktober 2018


Dienstag, 9. Oktober 2018

Zwei erschreckende Nachrichten betrafen das Café Riptide im September: Die von der möglichen Schließung in zwei Jahren und die von einem Gewaltausbruch im Handelsweg, der von Rechtsradikalen ausging. Nach letzterem Ereignis fragen Kunden Chris noch heute hin und wieder. „Das Riptide war nicht beteiligt, das ging bei Tante Puttchen und Café Drei los und zog sich dann durch den Handelsweg“, berichtet Chris. Was da genau losging: Zwei Rechtsradikale lösten im Anschluss an ein Heimspiel der Braunschweiger Eintracht eine Schlägerei aus, Verletzte gab es lediglich auf Seiten der Angreifer. „Das ist uns in elf Jahren jetzt nur einmal passiert“, sagt Chris erschrocken. Und gibt dem Kunden eine behördliche Zusage weiter: „Die Polizei hat versprochen, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen.“ Noch bevor Chris den Satz beendet, löst sich trotz des Themas ein allgemeiner Lachanfall. Nach einer Weile ist Chris in der Lage, fortzufahren: „Wenn Ihr Euch einmal nicht wohlfühlt, sagt uns Bescheid.“ Der Kunde ist beruhigt und nickt verständig. Der Schrecken ist bei Chris immer noch spürbar: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er war an dem Abend nämlich dabei: „Wir haben das friedlich gelöst, dafür, dass das so ein Terror war.“ Er betont noch einmal: „Das hatte nichts mit uns zu tun.“

Auch für mich war es erschreckend, den Handelsweg und damit indirekt auch das Riptide zweimal in kürzester Zeit mit Hiobsbotschaften in den Medien wiederzufinden. Die andere drehte sich um die Schwierigkeiten, die Chris und André mit ihrem Vermieter haben, der ihnen Auslagen nicht zurückzahlt und gleichzeitig die Miete erhöht, um einen für die beiden Gastwirte kaum tragbaren Faktor. Ein Monat ist seit der Bekanntgabe der Schwierigkeiten vergangen; Zeit, in der sich zahllose Menschen zu Wort meldeten, viele öffentlich, andere direkt bei Chris und André. Inzwischen hat sich auch bei Chris die monatelang angestaute Anspannung etwas gelegt: „Unser Vertrag läuft noch zwei Jahre – wir kämpfen, wir geben nicht auf, wir sind gesprächsbereit, wir versuchen, alles mit dem Vermieter zu klären“, stellt er klar. Eine der genanten Kröten zu schlucken, sei indes unumgänglich: „Wir stellen uns auf die Mieterhöhung ein, die müssen wir tragen.“ Doch er ist sich gewiss: „So lange wir den Mietvertrag haben, schließt der Laden nicht.“

Direkte Gespräche mit dem Vermieter stehen bis dato noch aus, bislang gab es lediglich einige schriftliche Korrespondenz, etwa darüber, dass Chris und André das eigens angemietete Büro gegenüber zum 31. März nicht mehr zur Verfügung steht. Sicherlich nicht schön für das Riptide, aber Chris untermauert: „Wir sind bereit, über die Zukunft ruhig und freundlich zu sprechen.“

Derweil wandte sich nun eine breite Öffentlichkeit an die beiden Unternehmer, die im Zuge ihres aufrührenden Facebook-Postings sogar einen Umzug des Riptide in eine andere Immobilie nicht ausschlossen: „Es gab unfassbar viele Angebote, von Privatpersonen, Organisationen, Agenturen“, staunt Chris. Doch soll ein Umzug nicht das Ziel sein, so lang der gegenwärtige Standort noch zu halten ist: „Wir überlegen, wir handeln nicht voreilig.“ Sogar ein neues Büro hält jemand für das Riptide frei.

Auch Zuwendungen anderer Art erreichen das Riptide. „Die Boardjunkies haben Geldspenden für uns gesammelt, das finden wir toll“, erzählt Chris von einer Initiative des Skater-Bekleidungsgeschäfts in der Innenstadt. Und: „Es gibt Bands, die für uns spielen wollen.“ Dabei wissen Chris und André noch gar nicht, wie sie mit Spenden umgehen, ob sie sie überhaupt annehmen sollen. Das gehört mit in die Flut der Überlegungen, die die beiden nun anzustellen haben. „Bis Jahresende wird sich herauskristallisieren, wie die Marschroute für uns aussieht“, sagt Chris zuversichtlich.

Erstes Ziel ist dabei das Gespräch mit dem Vermieter. An den haben sich offenbar auch einige lokale Medien wenden wollen, jedoch ohne Erfolg, wie in der Zeitung zu lesen war, so Chris. „Wir selbst haben auch noch nicht mit der Presse gesprochen“, stellt er klar. Denn: „Wir wollen das friedlich und fair lösen.“ Ein Gerichtsverfahren etwa streben die beiden Wirte nicht an: „Das ist nur etwas für Leute, die nicht mehr weiterwissen.“

Auch die Politik meldete sich inzwischen zu Wort, die SPD etwa brachte eine Anfrage in den Stadtrat ein, mit Vorschlägen, wie der Handelsweg als Ganzes laut Text auf der SPD-Webseite „zukunftsfest“ zu machen sei. Dabei geht es um „Werbe- und Marketingstrategien“ wie bessere Beschilderungen oder das bisherige Programm ergänzende „Aktionen oder Feste“ sowie die „grundsätzliche kultur- und städtebauliche Einordnung des Handelswegs durch die Verwaltung“. Besondere Rückenstärkung geht dabei in Richtung des Café Riptide: Die Informationen über Mietpreiserhöhungen bei gleichzeitigem Sanierungsstau „können an der Politik nicht spurlos vorbeigehen“. Mit dem Vorstoß steht die SPD offenbar nicht allein da, so Chris: „Auch andere Parteien haben sich eingeschaltet.“

Also: „Das hat eine Riesenwelle geschlagen“, sagt Chris, erstaunt und dankbar gleichermaßen. Nur wollen André und er sich nun zu keiner Übersprunghandlung hinreißen lassen: „Zum Glück haben wir noch zwei Jahre.“ Veränderungen geben müsse es aber, und welche, das gehöre mit in die Pläne, die bis Ende des Jahres geschmiedet sein wollen. „Wir haben alles durchüberlegt“, sagt Chris. Sogar die Idee, den Plattenladen rauszuschmeißen: „Damit sparen wir Geld und Arbeit, aber im Winter nutzt uns der zusätzliche Platz nichts“, denn dann suchen weit weniger Menschen den Handelsweg auf als zu schöneren Jahreszeiten. Und ein Riptide ohne Platten, das ist einfach nicht vorstellbar. Doch: „Wir müssen sehen, wie wir die Arbeit reduzieren können“, stellt Chris klar. „Aber wir dürfen nicht in Panik verfallen.“ Sortieren, Pläne schmieden, „wie wir das Ganze cleverer und flexibler machen“, mit dem Vermieter sprechen – und: „Erholen“, so Chris. „Das steht jetzt als erstes im Fokus.“

Uff. Eigentlich wäre es schön gewesen, an dieser Stelle ganz viele andere Themen anzuschneiden. Von der neuen LP „Treibgut“ der Band GR:MM wäre beispielsweise zu erzählen, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon mitspielt, von anstehenden Konzerten im Riptide wie dem von Ohrenfeindt am 18. Oktober im Anschluss an den Sound-On-Screen-Film „Coda“ über Ryuichi Sakamoto im Universum-Kino, von den saisonal wieder eingeführten Suppen, von meinem spontanen Gespräch mit Pott über das Open-Arsch-Festival, über das ich einen Beitrag zur Ausstellung „Soundtrack WOB. 50 Jahre Musik und Jugendkultur in Wolfsburg“ im dortigen Stadtmuseum einen Beitrag verfassen darf, über musikalische Post aus Moskau von Anton, der mir Auszüge des „Addicted Label No Name Records“-Programms zuschickte, oder auch über meine kleinen musikalischen Abenteuer, die ich kürzlich in Ligurien erlebte, mit den Plattenläden Black Widow und Flamingo Records in Genua, mit der LP „La stanza di Swedenborg“ von Vanessa Van Basten, mit der vom Sohn eines Mitmusikers und also auch meiner Gastgeberin geschenkten CD der Band Nicola Rollando e i Nuovi Disertori. Aber jetzt wiegen andere Dinge schwerer. Oder?

Durchatmen. Verarbeiten. Sacken lassen. Nach vorn blicken. Kunden bedienen: Mit einem Flips-Gutscheinheft steht Steven vor der Theke und sucht das Blatt mit dem Riptide-Coupon. „Seite 124“, weiß Chris und lächelt. Der Mann kennt eben alle Seiten seiner Stadt. „Und ich bin auch nicht zum ersten Mal hier“, sagt Steven. Auf ein Sonntagsfrühstück hätte er auch mal Lust, und Chris weist ihn darauf hin, rechtzeitig zu reservieren, weil es sonntags erfahrungsgemäß „proppevoll“ wird. Steven ist erst kürzlich nach Braunschweig gezogen, aus Oldenburg, wo er sechs Jahre lang auf Lehramt studierte. „Eigentlich komme ich aus Sülfeld“, erzählt er, also quasi von um die Ecke. Jetzt ist er Lehrer am Gymnasium in Meine, also quasi um eine andere Ecke, das erst wenige Jahre existiert: „Der jetzige oder der davor war der erste Abi-Jahrgang dort“, bestätigt er. Und schwärmt vom Riptide: „Das ist ein cooler Laden, ich mag das, das ist die einzige alternative Anlaufstelle in Braunschweig, die ich kenne.“ Steven findet das Riptide „erfrischend“, und sicherlich auch die beiden Wolters in seinen Händen: „Ich will meine Freundin nicht warten lassen“, sagt er und kehrt zurück ins Achteck. Mit Recht: Der Sommer dauert dieses Jahr von April bis mindestens Anfang Oktober und schickt sich nicht an, sich jemals zu verabschieden. Ein guter Anlass, die Sonne und die Wärme draußen auszukosten.

Nun tritt Gesine hinter die Theke, sie ist gleich Chris‘ Ablösung, Melissa bleibt noch länger. Gesine ist seit etwa zwei Monaten Aushilfe im Café. „Ich habe Gastroerfahrungen in Hannover gesammelt, aber nur kurz“, erzählt sie. „Eigentlich komme ich aus Essen und Dortmund.“ Aus dem Pott! Der ihr gar nicht so gefällt: „Ich finde Essen nicht gut“, sagt sie. Nicht nur aus dem Grund, der ihr als erstes einfällt: „Da kann man nicht Kunst studieren.“ Auch in die dortige Kultur hatte sie wenig Einblicke: „Der Goethebunker ist die einzige Disco, in der ich war.“ Das Don’t Panic am Nordrand der Innenstadt kennt sie nicht, die Punk-Kneipe, die davor Panic Room hieß, und vom Unperfekthaus hat sie bislang auch nur gehört.

Chris übergibt nun die Schürze an Gesine und nimmt für heute seinen Hut. Ich nehme den „Black Mirror“-Soundtrack von Alex Somers und Sigur Rós auf LP mit und mache mich ebenfalls auf den Heimweg. Mit dem nicht extra zu fassenden Vorhaben, wiederzukommen, und das bitte auch nach 2020 noch.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#132 Der Handelsweg nach dem Schuss

7. September 2018


Donnerstag, 6. September 2018

Aufruhr im Handelsweg: Mit einem so alarmierenden wie emotionalen Schreiben versetzten André und Chris ihren Freunden und den Riptide-Kunden am Dienstag einen Schock. Sie machten öffentlich, was seit viel zu langer Zeit im Hintergrund schwelt: massive Differenzen mit dem Vermieter, die einen Fortbestand des Cafés an der seit beinahe elf Jahren angestammten Adresse ab 2020 in Frage stellen. Chris und André beschreiben Schikanen und berichten von Kostenexplosion und davon, am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein.

„Die 2800 Euro waren der Tropfen“, sagt Chris. André hat sich Urlaub genommen, Chris hält die Stellung, heute unterstützt von Tim und Jessy. Bei den 2800 Euro handelt es sich um Kosten für einen Berater, die der Vermieter für seine Geschäftsabwicklungen benötigte und die er anstatt einer lang von Chris und André gewünschten Auslagenrückzahlung dem Riptide aufdrücken wollte, kombiniert mit einer erheblichen Mieterhöhung. Die das Riptide nicht stemmen kann, so Chris, und das habe das Team dem Vermieter haarklein auseinandergesetzt, mit analytischen Beispielen, etwa dem Beleg dafür, dass sich die Laufkundschaft halbiert hat, seit die Stadt die Parkgebühren in der Breiten Straße erhöhte. „Wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, wir werden uns umgucken“, so Chris. So lang läuft der bestehende Mietvertrag nämlich noch. „Wir hoffen, dass Angebote kommen“, und ziehen es in Erwägung, sich gegebenenfalls für „eine bessere Immobilie“ zu entscheiden. Denn: „Hier haben wir keine Zukunft, mit oder ohne den Post.“

Den setzten die beiden Chefs nach langem Zaudern vorgestern bei Facebook ab, lancierten ihn aber nicht bei der Presse. Die persönlich formulierte Nachricht war für Freunde und Stammkunden bestimmt und sollte die Vermieter eigentlich nicht erreichen: „Wir wollten einen wütenden Bären nicht wütender machen.“ Nach 24 Stunden war die Information allerdings über 1200 mal geteilt, die absichtlich ausgeklammerte Presse nahm die Nachricht auf, sie lief sogar groß auf dem überdimensionalen LED-Monitor am Haus der Braunschweiger Zeitung, wie Chris zu seinem entsetzten Erstaunen feststellen musste. Mit der riesigen Resonanz und dem damit einhergehenden Rückhalt rechneten die beiden nicht: „Unfassbar!“, staunt Chris überwältigt. Er berichtet von dem Online-Kommentar eines Ladens, der ihm die Tränen in die Augen treibt: „Haltet durch, die ganze Stadt steht hinter euch.“ Chris ist in gewisser Weise zuversichtlich: „Wir werden uns freischwimmen, egal, wo, egal, wie.“ Und sollte sich doch keine Alternative anbieten: „Dann haben wir 13 Jahre lang unseren Traum gelebt.“

Noch ist es nicht so weit, mit dem Öffentlichmachen der Umstände ist belegbar ein Prozess in Gang gesetzt. Und sei es der, sich zu imaginieren, wie der Handelsweg, wie ganz Braunschweig ohne das Riptide aussähe – dieser Schock reicht weit. Auch in der direkten Nachbarschaft, bei der ich mich deshalb heute umhöre.

Bei Fifty Fifty Second Hand treffe ich Sophie, die für Marion hinterm Verkaufstisch die Stellung hält. „Es wäre furchtbar, wenn das Riptide nicht mehr da ist“, sagt sie. „Das Riptide macht den Handelsweg aus, der wäre nicht das Gleiche.“ Fraglich wäre daher auch, „wie sich das auf die anderen Läden auswirkt“. Das Café sei „die Kultur in Braunschweig“, sagt Sophie, „ich gehe seit Jahren ins Riptide“. Ein Ende wäre „furchtbar“. Von möglichen Umzugsplänen der beiden Chefs hat sie gehört: „Das ist die Frage, wie es fürs Riptide an einem anderen Standort wäre.“ Grundsätzlich findet sie, dass die Bedeutung des Cafés für die Stadt riesig sei: „Allgemein in Braunschweig kommt Kultur so krass zu kurz!“ Auf den paar Metern zwischen Breiter Straße und Görderlingerstraße hingegen finde sie zu ihrer Freude statt, als direkt Beteiligte schwärmt Sophie unter anderem von den Handelsweg-Partys: „Es haben alle geöffnet, es sind alle gutgelaunt, das ist superschön.“

Vor seinem Antiquariat sitzt Serge, raucht und unterhält sich mit Kunden. Die trüben Aussichten, das Riptide könne schließen, erfreuen ihn nun nicht gerade: „Ich wäre nicht begeistert, weil wir für die Nachbarschaft sehr dankbar sind“, sagt Serge. Allen sei klar, dass das Café in seiner Relevanz auf die Nachbarn abstrahlt. Unübertrefflich: „Wir sorgen uns, was da reinkommt.“ Den Facebook-Text von André und Chris betrachtet er zwar etwas skeptisch, doch: „Man könnte zynisch sagen, werbetechnisch ist das gut, viele werden dadurch auf den Handelsweg aufmerksam.“ Allein bei ihm haben sich heute einige neue Kunden eingefunden: „Journalistisch gesehen ist das super.“ Die Aussage darin verbessere sich dadurch indes nicht.

Gegenüber sitzt Birgit in ihrer Schmuckwerkstadt 38 an den Schmiedewerkzeugen. „Das wäre natürlich tragisch, es tut mir leid für die beiden“, sagt sie bezogen auf eine potentielle Schließung des Cafés. „Andererseits, es gibt auch immer zwei Seiten“, gibt sie zu bedenken, unterstreicht aber: „Es täte mir leid, wenn sie aufgeben müssten.“

Vor ihrem Café Drei nebenan plaudert Jessy mit Gästen von Achims Tante Puttchen gegenüber. Sie teilt Birgits Haltung in allen Punkten: „Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, und wir kennen nicht beide Seiten“, sagt sie. Doch auch sie betont: „Es wäre ein Verlust, das steht außer Frage – das Riptide ist halt doch eine Größe nach fast elf Jahren.“

Genau das denkt auch Stefan, der eben von einer Runde in die Stadt in seinen Laden Comiculture zurückgekehrt ist: „Natürlich würde da was fehlen, ist doch klar!“ Er betont die Gemeinschaft im Handelsweg: „Wir haben Abhängigkeiten voneinander, das ist superwichtig, wir profitieren voneinander.“ Trotz des Facebook-Eintrags und der unmittelbaren Nachbarschaft zum Riptide kennt Stefan die exakten Hintergründe allerdings nicht: „Ich weiß gar nicht so genau, was da vor sich geht, wir haben hier alle Fragezeichen.“ Ihm ist die Bedeutung des Cafés auch für seinen Laden bewusst, untertreibend sagt er: „Das Riptide macht den Handelsweg ein bisschen bekannt in Braunschweig.“ Und für das Riptide sei der Handelsweg selbst perfekt, denn der sei „eine Art Versteck, ein Kaninchenbau“. Die emotionale Seite des Facebook-Posts kann Stefan verstehen, insbesondere mit Blick auf die Konsequenzen für Familienvater André: „Wenn du selbständig bist, investierst du ganz viel Zeit, und die kriegst du nicht wieder.“ Bei der Energie, die André ins Riptide stecke, sähe er sein Kind womöglich gar nicht großwerden. Andererseits erinnere Stefan der Facebook-Text im Hinblick auf die möglicherweise vernichtenden Reaktionen des Vermieters an den Film „Fight Club“: „Du hast die Aufgabe, eine Schlägerei anzufangen – und sie zu verlieren.“ Denn zu befürchten sei, dass die Fronten jetzt erstrecht verhärtet und Kompromisse noch aussichtsloser seien. Grundsätzlich findet Stefan: „Das Riptide ist immer ein Teil des Kulturlebens, das Ende wäre für den Handelsweg traurig, aber auch für Braunschweig.“ Er schwärmt von dem „chilligen Laden mit chilligen Leuten“, deren Art zu feiern sich von der an anderen Partymeilen in der Stadt angenehm positiv unterscheide. Und: „In der Stadt hast du Franchise, in der Peripherie inhabergeführte Geschäfte“, dazu gehört auch der Handelsweg und das müsse so bleiben. Die allgemeine Entwicklung erzeugt bei ihm Kopfschütteln: „Ich verstehe das nicht“, sagt Stefan. Zum Beispiel: „Der Siebenschläfer ist weg“, die Cocktailbar in der Scharrnstraße einige Ecken weiter schloss erst kürzlich. Er sinniert: „Als ich den Laden hier vor fast 22 Jahren aufgemacht habe, war hier im Viertel viel mehr los – die Leute waren abends unterwegs und haben dabei den Laden entdeckt und sind in der Woche wiedergekommen.“ Doch er hat eine Erklärung: „Die Stadt hat Schlagseite, das Schloss hat eine starke Präsenz, und die Leute kullern da hin.“

Schräg gegenüber öffnen Frusti und Andrea die Einraumgalerie, sie setzen sich nach ersten betrieblichen Aktivitäten auf die Bank vor dem großen Galeriefenster. „Ich kann sagen, dass wir den Laden hier gewählt haben, weil das Café schon da war“, unterstreicht Frusti die Relevanz des Riptide. „Es gibt immer eine gute Zusammenarbeit, man bereichert sich gegenseitig“, findet Andrea. Frusti nickt: „Wir sind abhängig, nicht zuletzt von ihrem Geschirrspüler.“ Andrea setzt an: „Zum Beispiel bei Sound On Screen, da kommen viele Gäste auch in unsere Ausstellung, das ist toll, und umgekehrt, wenn wir eine Eröffnung haben, gehen die Gäste rüber und kaufen die Getränke, die sie möchten, das ist auch toll.“ Frusti mag sich ein Ende des Riptide nicht vorstellen: „Das wäre ein Verlust für den Handelsweg.“ Und Andrea sieht es wie Stefan von Comiculture: „Das Publikum ist toll.“

Es gibt aber auch Skeptiker in der Nachbarschaft. So richtig Verständnis kann Helmut von der Strohpinte etwa für das Vorgehen von Chris und André nicht aufbringen, weil er die Intensität des Disputs nicht kennt: „Ich habe keinen Ärger mit dem Vermieter“, stellt er mit Verwunderung fest. „Wenn etwas kaputt ist, muss man ab und zu selber den Pinsel in die Hand nehmen und das korrigieren“, findet er. Und damit widmet sich der alteingesessene Wirt wieder seinem Buch.

Ungefähr genau so lang am Platze wie die Strohpinte ist Achims Kneipe Tante Puttchen: „Ich bin seit dreiunddreißigeinhalb Jahren hier drin“, dreimal so lang also wie das Riptide. Eine Pachterhöhung nach einiger Zeit sei eigentlich normal und hinnehmbar, sagt Achim, und befürchtet, dass der schriftliche Beitrag der beiden Riptide-Wirte ihrem Vermieter gegenüber vielleicht etwas undiplomatisch wirken könnte. Dem gehört indes nicht der gesamte Handelsweg: Das Tante Puttchen ist nicht in dessen Hand.

Das Riptide erfährt mehrheitlich überwältigenden Zuspruch, nicht nur online. Konstantin ist extra wegen des Posts hergekommen, um unter der Segelplane im Achteck sein Wolters zu trinken. „Ich bin ein bisschen besorgt auch“, sagt er, „das trifft mich schon – ich fänd’s halt schade, weil ich schon Ewigkeiten hier sitze und die Betreiber mag und viele Leute kennengelernt habe.“ Er schwärmt von der „netten Cafékultur“: „Es ist hip und mit einem gewissen politischen Anspruch, das war eine Art Vorreiter in Braunschweig, zum Beispiel für die Makery.“ Die Musikfilmreihe Sound On Screen sei nur eine von vielen reizvollen Riptide-Veranstaltungen in der Stadt: „Es ist ein wichtiger Ort und ein guter Zusammenschluss, zwischen Linksradikalen und Bürgies, ein Anlaufpunkt, auch um Vorverkauf für Konzerte machen zu können, um selbst Sachen verkaufen zu können.“ Den Disput zwischen den Cafébetreibern und dem Eigentümer kann er nachvollziehen: „Die Riptides wollen Geld verdienen, der Vermieter will Geld verdienen, das ist wohl kein Einzelfall – er merkt, dass der Handelsweg attraktiver und belebter wird und dass man mehr Geld rausholen kann“, die alternative Kultur sei ein kommerzieller Faktor geworden. Konstantin seufzt: „Man lebt in der Blase, dass alles so weiterläuft, wie es war“, und sei dann erschüttert, wenn es zu solchen Veränderungen kommt. Den Facebook-Text unterstützt er: „Der kam gut an, wurde oft geteilt – das war der richtige Schritt, wenn du nix machst, passiert auch nix.“

Nicht nur der Siebenschläfer ist dicht, auch die BrauBar um die Ecke – die angrenzende Stebner-Brauerei zieht derweil nach Querum um – und auch das Riptide äußert nun massive Probleme: „Es ist ein Trauerspiel“, stöhnt Schepper. Er ist nicht nur regelmäßiger Gast im Ritpide, sondern trat hier auch schon oft als Künstler auf, mit seinem Solobassprogramm. Mit einem alkoholfreien Hefeweizen sitzt er am Fenster neben dem Reinhörplattenspieler. „Wo soll denn die ganze Kleinkunstgeschichte hin, alle machen dicht, der Hansa-Kulturclub, das Meier, das Joker im weitesten Sinne, das Tegtmeyer, und das FBZ, da fing das Drama ja mit an.“ Immerhin in der Eule fänden einige „Sachen“ nach seinem Geschmack statt, wie das Konzert von Long Distance Calling im Dezember. „Es gibt nur wenige Inseln, wo man Livemusik hören kann oder selbst spielen“, findet Schepper. „Das ist zu wenig für so eine Stadt, für die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen.“ Er grinst: „Und die geilste Stadt in Niedersachsen.“ Dennoch stellt er fest: „Hier kommt doch keiner mehr her, in Peine, Gifhorn, Wolfsburg oder Celle ist mehr los, Braunschweig ist der blinde Fleck auf der Veranstaltungskarte.“ Die für 2019 geplante Halle am Westbahnhof sei „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, er sehe ihr aber denoch mit Hoffnung entgegen.

Aber: Noch ist das Riptide ja da, noch trinke ich dort Kaffee, Kola, Bier, esse Burger, Muffins, Fladenbrote, gehe zu Sound On Screen und anderen Veranstaltungen, treffe Freunde und Fremde, kaufe und bestelle Schallplatten und CDs und schreibe weiter Monat für Monat den Blog, seit nunmehr elf Jahren und ohne ein für mich absehbares Ende. Nach meinem Empfinden ist der Handelsweg das Schanzenviertel Braunschweigs, der einzige zentrierte Fleck (Sub-)Kultur in dieser Studenten- und Arbeiterstadt. Diesen Status aus welchen Gründen auch immer zu gefährden, anstatt ihn zu fördern, zeugt von fehlendem Blick für das Ganze. Und das Ganze reicht weit hinaus, über den Handelsweg, sogar über Braunschweig. Das sollte indes auch den Braunschweigern klar sein, die jetzt das potentielle Aus beweinen: Die beste Unterstützung ist wohl, im Riptide einfach mal wieder mehr Zeit zu verbringen. Ist schön dort!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#130 Nach Mitternacht gefüttert

29. August 2018


Dienstag, 28. August 2018

Wie ausgesprochen schade: Schon so kurz nach der Eröffnung ist offenbar die BrauBar in der Breiten Straße, um die Ecke vom Café Riptide, schon wieder geschlossen. Da geht der Ecke aber etwas verloren. Kürzlich – kleines Wortspiel im Zusammenhang mit einer Brauerei, haha – probierten Andrea und ich die kleine Bar aus, die mit der privaten Stebner-Brauerei benachbart war. Wir waren überrascht, wie perfekt diese Einrichtung erschien, als wäre es von langer Hand durchdesignt worden, jedoch, anders als Franchise-Kneipen, mit Seele. Gemütliche Möbel aus Holz, eine Liegewiese aus Kunstrasen und Europaletten, und als kleines Gimmick auf den Tischen neben den Blumen in der Bügelflasche unterhaltsame Kronkorkenbäume mit Magneten, mit denen man herrlich die Zeit zwischen zwei Bieren überbrücken konnte. Zwei Biere mindestens sollten es schon sein, die Eigensorten schmeckten hervorragend, auch die saisonalen Fremdbiere überzeugten. Gut, mit dem ganzen IPA-Kram kann ich nichts anfangen, die sparte ich mir aus, aber der Rest war naturtrüb und schmackhaft. Und das soll jetzt schon wieder vorbei sein? Die Zukunft der Bar ist scheinbar noch ungewiss, ab und zu mal nachgucken empfiehlt sich da wohl schon.

Aber das Riptide existiert munter weiter, das wäre ja auch noch schöner, sollte dem einmal irgendjemand Steine in den Weg legen wollen! Der herrliche Sommer holt seit dem jüngsten kühlen Wochenende etwas Luft, für morgen sind wieder hohe Temperaturen angekündigt, je nach App zumindest, die man befragt, und schon jetzt sitzen die meisten Gäste wieder sommerlich unter dem Segeltuch im Achteck. Ins Café komme ich kaum, Stecki, der heute eigentlich in der Küche eingesetzt ist, krault vor der Tür den überdimensionalen weißen Hund eines Gastes. „Lass den Hund in Ruhe“, ruft ihm einer der drei Stefans, der Zeuke nämlich, von der Einraumgalerie zu. Stecki verteidigt sich: „Ich hab doch sonst keine Freunde!“

Vor einer Weile erzählte mir Niclas, als ich nebenan bei Serge saß, dass es gelegentlich Konzerte im Riptide gibt von Bands, die abends im Eulenglück, dem früheren Panoptikum, Merz, Capitol, auftreten. Das habe ich gar nicht mitbekommen und frage Chris danach, der hinter der Theke die Kundenwünsche entgegennimmt. „Ich habe früher mal für Undercover gearbeitet, lange vor dem Riptide“, beginnt Chris. Undercover ist die Braunschweiger Konzertagentur, die die Gigs unter anderem im Eulenglück ausrichtet. Chris: „Wir verstehen uns, wir kennen uns, und wenn es musikalisch umsetzbar ist, treten die Bands vorher akustisch bei uns auf.“ Die Rogers und Kafvka machten den Anfang, die Rapperin Haiyti indes tritt die Folge am 6. Oktober nicht an: Ihre Musik lässt sich nicht akustisch umarrangieren. Anders Kafvka, „die machen Hip Hop mit Brettgitarren, wie Rage Against The Machine“, erzählt Chris, und die liefen im Handelsweg mit akustischen Instrumenten auf: „War mega!“ Und zeitlich muss es passen, dass die Künstler rechtzeitig vor dem Auftritt im Eulenglück schon in Braunschweig sind, damit noch Spielraum fürs Riptide bleibt.

Beim Thema Akustikkonzert schwenkt Chris zur Reihe Songs & Whispers, die europaweit ausgerichtet wird und auch im Riptide wieder monatlich stattfindet, „unplugged und umsonst“. Zum Auftakt spielt am 14. September Ruven Dru. Chris schwärmt von Songs & Whispers: „Das ist ein europaweites Netzwerk, das wird alles ehrenamtlich organisiert – wie würde sonst ein Sänger aus Singapur oder eine Band aus Malaysia nach Braunschweig kommen!“ Bis zum Jahresende sind die Termine dafür bereits durchgeplant.

Außerdem geht es auch mit der Musikfilmreihe Sound On Screen weiter: Das Universum-Kino zeigt am 21. September die Dokumentation „Nico 1988“ über die letzten Jahre von Christa Päffgen, die einst mit Velvet Underground zu Weltruhm kam. Im Anschluss legt Chris persönlich im Riptide auf, unter seinem Alias Butch Cassidy. Die folgenden Filme der Staffel sind: „Ryuichi Sakamoto: Coda“ am 18. Oktober und „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales am 22. November.

Freundliche Kunden unterbrechen unser Gespräch immer wieder, die bei Chris bestellen oder die Rechnung begleichen möchten. Mit einem Stapel Punkrockschallplatten kommt Matt an die Theke, und Chris weiß schon, dass er ihn nur auf Englisch ansprechen kann: Matt kommt aus Michigan, die Familie seiner Frau lebt in Braunschweig. „Ein Onkel hat uns herumgeführt“, erzählt Matt, „wir stoppten hier eigentlich nur für ein Bier, da sah ich die Platten – beautiful!“ Bei ihm ist seine sechsjährige Tochter Finley, die ein Zwei-Euro-Stück kleingewechselt haben möchte. „Sie will in einem Automaten Buttons kaufen“, sagt Matt, und Chris ergänzt: „Und Kaffee und Bier gibt’s da auch, aber das ist mehr für den Vater.“ Finleys Drängen ist dann auch der Grund, weshalb sich Matts Aufenthalt heute so kurz gestaltet, aber er verspricht, beim nächsten Besuch in Braunschweig wieder vorbeizukommen.

Im Hintergrund beginnen die Commodores, „Easy“ anzustimmen, und ich bringe Faith No More ins Spiel. Wir kennen die Geschichten von Nachgeborenen, die die Originale ihrer Hits nicht kennen. Chris erzählt eine von seiner Zeit als Jugendbetreuer, als er abends zu The Police am Strand saß und irgendwann auch „Every Breath You Take“ erklang. „Da kommt ein Jugendlicher vorbei, mit Schlaghosen, so Hip Hop und cool“, sagt Chris, „er ruft: ‚Ey, was haben die mit Puff Daddy gemacht!‘, und geht weiter.“ Die Jugendleiter guckten sich verwundert an und brauchten eine Weile, bis sie den Zusammenhang erfassten. Mir fällt dabei die Situation ein, als „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice gerade in den Charts war und ich ein seltenes Mal Gast im Freedom in Celle war. Da ertönten die Takte mit dem charakteristischen Beat und dem Fingerschnippsen, was drei junge Rapper zum Anlass nahmen, sich auf der ansonsten leeren, aber umstandenen Tanzfläche hiphoppend in Positur zu werfen. Als dann aber Freddy Mercury und David Bowie „Under Pressure“ anstimmten, stutzten die Jungs, räumten fluchtartig die Tanze und die Umstehenden lachten. Andererseits sind auch wie Älteren bisweilen vor Nichtinformiertsein nicht gefeit. Als ich einmal bei der Indie-Ü30-Party im Nexus „Tainted Love“ von Gloria Jones spielte, sagte jemand: „Cool, so kann man das auch covern!“ Und als Werner nachts nach dem letzten Ball im Bierhaus mit Rille Elf „Ball Of Confusion (That’s What The World Is Today)“ von The Undisputed Truth als Überleitung von unserem zu seinem Programm einlegte, begriff ich erst, dass das von Love And Rockets gar kein Original ist. Nicht mal von The Undisputed Truth: Als erste spielten es 1970 The Temptations ein. Man wird alt wie ’ne Kuh…

Und noch eine Ankündigung lässt Chris mich wissen: Das Veggie-BBQ war in den vergangenen Jahren immer ein Bestandteil des Handelsweg-Festes, „das haben wir jetzt ausgegliedert: Am Samstag machen wir das vegane BBQ“. Drei Tage lang wollen André und er kochen, schnippeln, rühren und alles von Gegrilltem über Dips bis Salaten vorbereiten. Chris: „Da wird richtig aufgefahren!“

Der Sedan-Bazar – der ohne das BBQ – war dieses Jahr tagsüber etwas dünner besucht, stellten Andrea und ich fest. Noch am frühen Abend hatten früher mehr Läden geöffnet und stapelten sich viel mehr Gäste, aber das Konkurrenzprogramm in Braunschweig war an dem Tag so groß wie gleichsam zum Teil dünn besucht. Doch Chris schränkt meine Beobachtung ein: „Es war abends voller als sonst, ich war um 22 Uhr und um 1 Uhr hier, da war es megavoll.“ Möglicherweise, so Chris, weil das Kinderprogramm dieses Mal etwas reduzierter ausgefallen war, verschoben sich die Andränge vom Nachmittag in die Nacht. Hauptsache Party!

Chris muss dienstlich in den Keller, ich will weiter ins Hermans und nehme noch die „Die Tür ist zu“-Doppel-LP von den Swans mit. Dabei bestaune ich Steckis Gremlins-T-Shirt und erwähne, dass ich kürzlich feststellte, dass der Lego-Mogwai recht unerschwinglich ist, es ihn aber frecherweise auch als als „Custom“ deklarierten günstigen Fake im Internet gibt. „Du sammelst Lego?“, fragt Stecki. Na ja, ich habe da so ein, zwei Modelle und eine Handvoll Minifiguren. „Ich habe alles verkloppt mit zwölf“, sagt Stecki ungerührt. Ganze Spacelandschaften, für die ich ihn beneiden würde; meine lagern in Kartons im Keller, die originalen aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. „Meine Tante hat einen Plüsch-Gizmo“, sagt Stecki. „Aber den gibt sie nicht her.“ Verständlich! Außerdem sucht Stecki noch nach Mr. Floppy, dem Plüschhasen aus der TV-Serie „Auf schlimmer und ewig“, doch sei der nicht zu kriegen: „Davon wurden damals in den USA nur 1000 Stück hergestellt, als Promo.“

Noch etwas zum Sedan-Bazar. Leider konnte Schepper zwar doch nicht auftreten, aber ihm gebührt noch eine Erwähnung hier: Ich treffe ihn sowie Andreas und Pommes nämlich anschließend im Hermans. Andreas hat eine Überraschung für Schepper, eine CD von einer Band: „Fängt mit Y an.“ Schepper ist als Rush-Fan sofort im Bilde: „YYNot?“ Die spielen Rush-Lieder nach, benannt nach dem Stück „YYZ“. Wir staunen, wie schnell er so treffsicher liegt, doch Andreas schränkt ein: „Leider ist es kein Original.“ Schepper winkt ab: „Macht nix, ist doch eh nur ‘ne Coverband!“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#129 300,- DM

25. Juli 2018


Dienstag, 24. Juli 2018

Es ist so heiß, dass man beim Gang durch die Fußgängerzone kalte Füße bekommt. Weil jedes Geschäft die Klimaanlage mit gefühlt 25 Grad Unterschied zur Außentemperatur angeschmissen und die Türen weit geöffnet hat. Aber was ist schon Hitze gegen das Grau, das uns in dieser Gegend die letzten acht Jahre nicht nur den Sommer, sondern auch den Rest des Jahres vergrault hat! Das Licht macht alles wett, es strahlt so hell, das sogar die Schatten nicht dunkel sind. Das ist gut für die Seele. „Und man kann den Urlaub in Braunschweig machen“, sagt der algerische Falafelzubereiter bei Sofra. Fehlt nur das Meer.

Seinen Hedonismus kann man auch im Handelsweg pflegen, Niclas und Serge bedienen sich dafür weißer und roter Weinschaumcremes, die sie vor Serges Laden abwechselnd löffeln. Trotz der sonnigen Hitze lässt sich Serge zu einer hitzigen „Diskursanalyse“ hinreißen, wie er es nennt, und setzt an: „Wie kann man sich so lang mit dem kleinen Fußballspieler beschäftigen, dass man denkt: Seid ihr völlig irre?“ Er meint Mezut Özil, den deutschen Nationalspieler, der vor der Fußball-Weltmeisterschaft mit seinem Spielerkollegen İlkay Gündoğan Fotos von einem Besuch beim türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan im Internet verbreitete, mit seinem DFB-Team in der Vorrunde der WM ausschied und nach diverser Kritik der Mannschaft den Rücken kehrte. „Typisch Sommerloch“, findet Niclas, doch Serge widerspricht, dass derzeit angesichts der unzähligen weltweiten Probleme überhaupt ein Sommerloch existiert: „Es gibt so schwere Themen, aber alle reden über Özil.“

Die Waldbrände in Schweden und Griechenland, die Hitze in Japan und die weltweiten politischen und wirtschaftlichen Schieflagen führt Serge kurz an. „Jetzt wage ich mal eine These“, sagt er und rückt auf seinem Stuhl in eine andere Position. „Wir leben im Jetzt, und das Jetzt hat mit dem Gestern nichts mehr zu tun, das ist ein ganz neues Zeitalter, das müssen wir zur Kenntnis nehmen“, beginnt er. „Es ist alles anders, und die Erkenntnis frisst sich allmählich durch, es ist wahrnehmbar, dass wir in einem neuen Universum leben, in jeder Hinsicht.“ Serge findet ein Bild dafür: „Wir sind im Moment in einem Schwarzen Loch des Ereignishorizonts.“ Und er glaubt: „Selbst der schlichteste Mensch auf der Straße spürt das und flüchtet, nach allen Seiten, nach rechts, wird Reichsbürger, alle flüchten, nur wohin, vor der schlichten Wahrheit, dass die Komplexität nicht mehr greifbar ist, dass auch das Klima signalisiert, dass etwas nicht stimmt.“ So eine weltweite Erhitzung wie zurzeit habe es noch nie gegeben: „Die Klimaforscher gehen in ihre Höhlen und schämen sich, alle Prognosen waren falsch, es ist alles viel schneller.“

Seine Betrachtungen führen Serge bald zur Redundanz der Musik speziell, die sich seit 30 Jahren nur wiederkäut, sowie der Kunst allgemein, hin zum Hedonismus, den er sich gern gönnt. André grätscht kurz dazwischen und teilt uns mit, dass er sich einen früheren Feierabend gönnt. Dann wirft Arni einen Schatten auf die Runde, in die er tritt; wir sind verabredet und rücken nun um eine Hausnummer weiter, ins Café Riptide. Niclas und Serge verabschieden sich von uns, Serge grinsend mit den unerwarteten Worten: „Cool bleiben!“

Hinter der Theke im Café Riptide erwarten uns Chris und Tim, Rosalie werkelt in der Küche. Arni und ich bestellen der Hitze wegen schnellstens Fritz-Kola, er die klassische, ich die mit Kaffee, von der Chris sagt, sie habe jetzt einen neuen Namen, Karamell-Kaffee nämlich, aber das alte Rezept beibehalten. Arni fragt ihn, wo er seine mitgebrachten Flyer unterbringen kann, und Chris verweist ihn auf die Station in der Lounge gegenüber. Ich drücke Arni gleich noch Flyer für den nächsten Ball im Bierhaus in die Hand, den wir mit Rille Elf am 17. August in Harrys Bierhaus ausrichten. Die Flyer von Arni werben für die Ausstellung „Spurensuche: Fotografie und Autismus“ der Lebenshilfe, die Maren initiiert und kuratiert. Eröffnung ist am 10. September in der Galerie Geyso 20. Da wird Rosalie hellhörig und sprintet aus der Küche: „Geyso 20, da hab ich auch mal gearbeitet!“ Außerdem liegen Flyer für den nächsten Sedan-Bazar auf der Theke, das kunterbunte Straßenfest des Handelswegs, das am 18. August ab 12 Uhr stattfindet. Von einem Live-Act weiß ich schon: Einer kleinen Tradition folgend, ist Schepper wieder mit seinem Solo-Bass Teil des Programms.

Wenn alles klappt, hat Schepper in einem neuen Braunschweiger Etablissement ebenfalls einen Gig in Aussicht: Ollo hat vor einiger Zeit am Frankfurter Platz das Café MokkaBär eröffnet. Donnerstags und freitags empfängt er Gäste; mehr lässt sein Hauptarbeitgeber nicht zu, aber wenn sich das Café trägt, ist vielleicht mit etwas Hilfe auch mal mehr möglich. Schon jetzt gestattet sich Ollo ausgesuchte Samstage mit Konzerten, und seinen alten Buddy Schepper würde er gern auf der Bühne in seinem Café erleben. Der MokkaBär ist eine wundervolle gastronomische Ergänzung rund um den Frankfurter Platz, mit Gambit, Harrys Bierhaus, dem Momo, dem neu erweiterten Deniz und dem Nexus, wenn man das Areal etwas weiter fasst. Und Ollo hat den Laden schon ins Geschehen etabliert: Die Ergebnisse einer Fotoaktion rund um den Frankfurter Platz hängen in seinem Café als Kunstwerke an den Wänden.

Ebenfalls neu in der Stadt ist die einst Wolfenbütteler Stebner-Brauerei, die um die Ecke vom Riptide eine Braubar eröffnete und mit dem Crabs-Braumeistern aus dem Rebenpark zusammenarbeitet. Namensgeber Stebi schüttelte ich zumindest schon mal die Hand, ein Bierchen in seinem Lokal steht noch aus. Dafür bekamen Andrea und ich kürzlich eine Sonderführung durch die eigentlich an dem Tag geschlossene Hanfbar, in der uns ein ehrenamtlicher Helfer der abwesenden Betreiber Einblicke ins Sortiment gab. Für uns war das insbesondere mit Blick auf den Polizeieinsatz und die widersprüchlichen Nachrichten wertvoll, die da laut Helfer fälschlich behaupteten, es seien in der Bar Drogen gefunden worden. Wir konnten uns auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft eine Bar unter diesem Namen eröffnet und dort illegale Geschäfte tätigt.

Neben dem Flyer für den Sedan-Bazar stapeln sich CDs von The Twang, die ähnlich wie kürzlich GR:MM mit einer Name-Your-Price-Aktion Spenden sammeln, und zwar für die DKMS-Stiftung, die dem Blutkrebs beikommen will. Vier eigens eingespielte countryfizierte Lieder bietet die CD, und zwar alle mit Braunschweigbezug: „Frankfurt, Oder“, ein Schlager von Bosse, der Chartbreaker „Augen auf!“ der eigentlichen Wolfsburger Oomph!, „Mach dich lieber anders tot“ der NDW-Instanz Fee und „Ich wär‘ so gerne Bassist in einer amerikanischen Countryband“ von Kaltmiete, die definitiv größte Überraschung auf der EP, wenngleich der Songtitel natürlich eine Steilvorlage ist. Anlass für dieses Mini-Album ist für The Twang deren zwanzigjähriges Bestehen.

Wären Die Ärzte aus Braunschweig, hätten sie sicherlich den fünften Song dazu beigesteuert; wenigstens haben die Berliner in Chris einen großen Fan, der am 25. August im Lindbergh Palace eine Mottoparty zum Thema Die Ärzte ausrichtet. Dabei war der Auslöser dafür ein halber Scherz, wie Chris erzählt: Vor etwa drei Monaten saß er mit einer Freundin bei sich zu Hause. „Wir wollten weggehen und, wie man heute sagt, waren am vorglühen“, so Chris. „Es war ein toller Abend, wir haben Ärzte gehört und sind dann ins Lindbergh gegangen.“ Dort steuerte Chris alsbald den Chef an und teilte ihm mit: „Ich mache hier eine Ärzte-Party und spiele den ganzen Abend nur Ärzte!“ Eine Woche später erhielt Chris eine SMS: „War das ernst gemeint?“ Chris guckt, wie er in dem Moment geguckt haben wird: „Ich musste selbst überlegen: ‚Äh, ja, mach ich.‘“ Noch eine Woche später stand dann der Termin. Und Chris sah sich mit seinem eigenen Konzept konfrontiert: „Einen ganzen Abend nur Ärzte – schaffe ich das?“ Das wäre „Hardcore“, findet Chris, und entschied, auch themengemäßen Indie-Punk-Alternative zuzulassen. Aber: „Jeder dritte Song ist Ärzte, Coverversionen, solo, irgendwas mit Ärztebezug.“ Dafür nimmt Chris einiges auf sich: „Meine Ärzte-Vinyl-Sammlung, die aus 43 Platten besteht, schleppe ich ins Lindbergh.“

Wie aus einem Witz etwas Spezielles wird, erlebte Arni mit einer Reise nach New York, erzählt er: Eine Freundin fragte ihn, ob er für vier Tage mitwollte, und er sagte zu, in der Gewissheit, es habe sich nur um einen Scherz gehandelt. Als dann die Buchung anstand, stellte sich schnell das Gegenteil heraus, und Arni blieb dabei: „Ich wäre da sonst nicht hingekommen.“

Dazu fällt Chris noch etwas ein: „Das ist so ähnlich, wie Riptide Recordings entstanden ist.“ Die Geschichte kennen wir noch gar nicht, stellen wir mit Erstaunen fest, nach all den Jahren, und Chris erzählt sie uns gern. Er war bei einem Festival in Nordhausen am Ostharz, weil dort The Robocop Kraus spielten: „Die habe ich vom ersten Ton an gepusht.“ Eine andere Band zog zusätzlich seine Aufmerksamkeit auf sich: The A.M. Thawn. „Die waren supergeil, haben gegroovt“, schwärmt Chris noch heute. „Ich hab hinterher zu denen gesagt: ‚Mit euch mache ich eine Platte.‘“ Als Zwischenepisode fügt Chris nun die Rückfahrt mit leerem Tank vorbei an geschlossenen Tankstellen ein, „aber das ist eine andere Geschichte“, und fährt fort: „Sechs Monate später klingelt das Telefon, der Schlagzeuger von The Robocop Kraus ist dran und fragt, ‚Dein Angebot mit The A.M. Thawn, steht das?‘“ Wie bei der Ärzte-Party musste sich Chris erst schütteln und erwiderte selbstverständlich: „Ja, klar.“ Es ging ums Debütalbum. „Da haben wir telefonisch beschlossen: Machen wir.“ Das Ergebnis war 2002 „Victorian Leaves“, die Katalognummer Riptide Recordings 1, allerdings noch unter dem Namen Pleasure Syndicate; erst ab Katalognummer 3 griff der bis heute gültige Name. Die CD-Version erschien parallel auf Swing Deluxe, dem Label von The Robocop Kraus. Chris legte los und fuchste sich in die Thematik ein: „Irgendwann kam eine Palette, die Platte war da.“

Kurz unterbricht ihn Tim: „Eine Frau an Tisch B5 wünscht sich ihre Currywurst besonders und sagt, du wüsstest, was sie meint.“ Und Chris weiß es, ohne hinzugucken: „Ohne Fladenbrot, aber mit doppelt Salat.“ Tim gibt die so konfigurierte Bestellung an Rosalie in der Küche weiter.

Der Vertrieb der Schallplatte fiel Chris vergleichsweise leicht, weil er in der Szene bereits einen Namen hatte: „Ich bin sie nach und nach losgeworden.“ Die Band kam aus Rheine, berichtet Chris, und war mit Muff Potter befreundet, mit denen The A.M. Thawn ein Konzert im Forellenhof in Salzgitter gaben, da fragten viele nach der Platte, und Chris hatte Kontakte zu Mailordern und Fanzines: „Es sind komplett 500 Stück weg.“ Dabei hebt sich der Inhaber immer eine bis drei Kopien seiner Label-Alben für die eigene Sammlung auf, doch von „Victorian Leaves“ fehlte ihm sein Erinnerungsstück. Das musste er sich später bei Discogs nachkaufen: „Der Verkäufer hat meinen Namen erkannt und mir meine eigene Rechnung von damals beigelegt.“ In der Szene startete die Band einigermaßen durch, löste sich aber bald auf. „Die Platte ist unfassbar“, findet Chris: „DC-Fugazi-At-The-Drive-In-Style.“

So entstehen also Labels: Einfach machen. Wie so oft im Leben. Einfach machen dachte sich auch Tim, der erst seit einigen Wochen im Riptide angestellt ist. Der Bezug ist familiär: „Mein Bruder arbeitet hier, Max, der hat mir davon erzählt.“ Sieh an! „Ich war dann ein paarmal hier und fand das auch ziemlich nice, dann brauchte ich einen Job und dachte, ich könnte es hier versuchen.“ Gastronomieerfahrungen hatte er bis dato keine, „aber es gefällt mir“, sagt Tim. Und als Arni und ich uns in die etwas kühlere Rip-Lounge setzen und er unsere Bestellungen aufnimmt, macht er kein Bisschen den Eindruck, ein Anfänger zu sein. Wir nehmen ihm alles ab, den Profi und die Getränke, die ausgezeichnet kühlen.

Matze van Bauseneick
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Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

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MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO + FR: 16.00 bis 1.00 Uhr*
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