Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#156 Auch 13, Unsichtbarer!

16. September 2020


Montag, 31. August 2020

Dies ist der letzte Tag vom alten Café Riptide. Heute geben André und Chris die Schlüsselgewalt über die Räume, die die Kulturlandschaft in Braunschweig veränderten, an ihren Eigentümer zurück. 16. September 2007 bis 31. August 2020. Eigentlich ja nur bis noch etwas früher, aber – heute läuft eben der Mietvertrag aus. Am Wochenende halfen Helfer, die letzten Reste aus den beiden Räumen im Handelsweg in Container zu schleppen. Eigentlich ist heute also nichts mehr zu tun, aber da ich gestern verplant war und heute noch Urlaub habe, bin ich um 10 Uhr im Handelsweg, um André vor Ort zu treffen.

Vorher treffe ich Helmut, der aus seiner Strohpinte blickt. Ihm geht es gut, sagt er: „Man kommt durch.“ In seine Kneipe verirren sich in diesen Zeiten nur noch Stammgäste, keine Fremden, und von den Stammgästen nicht einmal alle: „Manche haben Angst, das ist berechtigt“, sagt Helmut. Er zuckt mit den Schultern, angesichts der demnächst sinkenden Temperaturen und der dann fehlenden Möglichkeit, die Gäste weiterhin wohltemperiert draußen bewirten zu können: „Abwarten, was kommt.“

In diesem Moment ist dies André, der da um die Ecke schlendert und Helmut und mich begrüßt. Er schließt das Riptide auf und lässt mich einen Blick werfen – in den kahlen Raum, auf den grauen Putz, auf die fehlenden Zwischenwände, auf Lücken somit, auf den Kabelsalat, der sich quer durch diesen Raum zieht. Danach öffnet er die Riplounge, die sich ähnlich präsentiert, auch hier fehlen Wände und Farben und Lampen und Boden, in der Nische sind lediglich einige Werkzeuge und Arbeitsmaterialien aufgestapelt, die André noch mitnehmen wird. Einiges davon drückt er mir in die Hand, damit ich an den losen Enden des Kabelmonsters im Café Lüsterklemmen anbringen kann. Ich widme mich dem Lindwurm, André anderen Aufgaben.

Und einigen Klärungen, zu Gerüchten und Geschichten, die über ihn und Chris und das Riptide allgemein im Umlauf sind. André macht dem Umzug ins Magniviertel „aus privaten Gründen“ nicht mit, bestätigt er Chris, und betont: „Mit Chris ist alles in Ordnung!“ Kein Streit, keine Trennung der Freundschaft, kein Ehekrach, keine wie auch immer geartete Katastrophe, von der in der Stadt so zu hören war. Leute haben ja abenteuerliche Ideen, wenn ihnen etwas nicht klar ist, aber auf die naheliegende kommen sie nicht: André muss sich auf andere Elemente in seinem Leben konzentrieren und seine Energie umlenken. Glücklich ist er damit nach all der Zeit und all den Errungenschaften und all den Erinnerungen auch nicht, aber sieht sich Zwängen ausgesetzt. Das Auseinanderdividieren des bisher gemeinsamen Unternehmens Riptide steht daher in absolut keinem schlechten Licht: „Wir sind beide der Meinung, dass das freundschaftlich vonstatten geht.“ Von einigen Gerüchten hat er überdies selbst gehört, lacht er: „Ich bin nach Mauritius ausgewandert, habe sieben Millionen im Lotto gewonnen.“ Sieh an, diese Geschichten habe ich noch nicht zu hören bekommen.

Ein Termin zwingt André und also auch mich zum Aufbruch. Chris hatte Recht: Das tränende Auge bleibt aus, trotz des Abschieds nach fast 13 Jahren aus diesen Räumen, die mir so viel Welt und Leben bedeuten. Die Erklärung dürfte einfach sein: Weil es bereits weitergeht, weil ich bereits weiß, das es sogar besser geworden ist, dass es nicht nur eine potentielle Zukunft hat, sondern dass diese Zukunft längst läuft. Nun also: Danke, André, für alles, und auf bald!

Neben der Strohpinte trägt Stefan einige Kisten mit Comics vor das Schaufenster von ComiCulture. Maskiert folge ich ihm in den Laden. „Corona macht den Leuten teilweise Angst und sie bleiben zu Hause und machen nur noch das Nötigste“, erzählt er. Dafür hat er Verständnis: „Und anderes ist ihnen egal, das ist menschlich.“ Er lächelt: „Vielleicht bringt‘s ja auch was Positives.“ Veränderungen nimmt er schon jetzt wahr, auch darin, wie manche Menschen darauf reagieren, dass sie kulturelle Angebote nicht mehr wahrnehmen können und dass Onlinestreams zwar eine willkommene Alternative, aber niemals ein Ersatz sind: „Die Leute sind hart unterlebt.“ Er sinniert: „Vielleicht ist es das, was übrigbleibt, dass sie merken, dass sie andere Menschen brauchen – dann reicht das doch schon.“ Gewiss ist ihm jedoch, dass sich auch die Subkultur ändern wird, was sich auch auf ComiCulture auswirken würde: „30 Prozent der Leute haben zum ersten Mal online gekauft – warum nicht ein zweites Mal?“ Der nächste Kunde gehört nicht dazu, dem widmet sich Stefan nun und ich verabschiede mich.

Nicht ohne noch einen Blick durch die Fenster des alten Riptide. Danke für die unzählbaren und tiefgreifenden Abenteuer. Ich bin gespannt auf die nächsten.

Dienstag, 15. September 2020

Zum Beispiel bei Ohlendorf, dem sympathischen Traditionsbaumarkt im Magniviertel, in direkter Nachbarschaft zum neuen Café Riptide. Da Chris schon so viel davon schwärmte, wie ihm der Laden während des Umzugs hilfreich zur Seite stand, bin ich neugierig. An der Kasse frage ich Sabrina, ob mir jemand etwas über das Geschäft erzählen kann, und sie meint, dass da der Chef besser für geeignet sei als sie, und greift zum Telefonhörer, um diesen Chef aus seinem Büro an die Kasse zu bestellen. Und zwar mit den Worten: „Papa, kannst du mal runterkommen?“ So eine Sorte Chef also! Sabrina grinst: „Das ist halt ein Familienbetrieb.“ Sie springt nämlich während ihres Studiums gelegentlich als Aushilfe ein.

Und ein Familienbetrieb ist die Ludwig Ohlendorf KG seit über 125 Jahren, auch wenn der jetzige Geschäftsführer Jürgen Weferling einen anderen Nachnamen trägt. Weil es in der Familie einst nur zwei Mädchen gab, berichtet er, irgendwann in früheren Generationen; er erwähnt eine „Urgroßmutter“: „Die Frau musste den Namen des Mannes nehmen, das macht man heute nicht mehr so.“ So kommt es also, dass die Weferlings nun die neuen Ohlendorfs sind.

Der Laden brummt, um uns herum schwirren die Kunden, Sabrina hat an der Kasse ordentlich zu tun, und der Chef weiß: „Wir sind der kleine Baumarkt, wo sie viele Sachen lose kriegen.“ Zu solchen Kunden gehörte auch Chris, wie er weiß: „Das Riptide hat viel für den Umbau gebraucht, mal eine Dose Farbe“, erzählt er. „Davon leben wir, von den Kleinigkeiten“, weiß er, und ebenso, dass der Zulauf an Privatkunden derzeit der Coronakrise geschuldet zurückgegangen ist. Dennoch ist er zufrieden: „Wir haben 200, 300 Kunden pro Tag auf einer verhältnismäßig großen Fläche.“ Was man sich nicht vorstellen kann, dass sich hier mitten im eher klein gebauten Magniviertel ein Baumarkt mit einer Fläche von 800 Quadratmetern und fast 50 Mitarbeitern verbirgt; „da sind auch Teilzeitkräfte dabei“. Und einen Onlineshop betreibt er noch „nebenbei“. Beachtlich.

Bislang hat es Jürgen Weferling noch nicht so oft ins Riptide geschafft, aber er freut sich über die Möglichkeit, dort mittags mal auf einen Kaffee einkehren zu können. „Es ist hier besser als drüben“, weiß er, denn obgleich er in der Nähe des Handelswegs wohnt, schaffte er es nie dorthin. Im Magniviertel hingegen sei alles vorteilhafter: „Hier ist jeden Abend etwas los“, beobachtet er, und bemerkt schmunzelnd: „Montags fehlt uns immer was, weil es zu hat.“

Dienstags nicht, daher kehre ich nach meinem Abschied von den Weferlings gleich mal im Riptide ein und bestelle mir meine übliche Fritz-Karamell-Kola. Madeline drückt mir die Flasche in die Hand und berichtet, dass sie gerade mal seit zwei Wochen im Riptide arbeitet. Auch ihre Kolleginnen Lucie und Nadia sind mir noch nicht bekannt, es tut sich was am neuen Standort. „Ich hab studiert in Mainz“, erzählt Madeline. Und fühlt sich im Riptide alles andere als fremd: „Ich kenne das Team, wir haben zusammen im Hallenbad gearbeitet, in Wolfsburg.“ Jetzt bin ich baff. Brauchen sie dort zurzeit etwa niemanden mehr? „Das war vor dem Studium“, beruhigt sie mich. „Ich wollte hier studieren, Master, aber das hat nicht geklappt, jetzt arbeite ich hier.“ Sie kommt ursprünglich aus Wolfsburg, und von den heute Anwesenden kennt sie Nadia schon aus dem Hallenbad, „länger her“. „Das Team ist gut, es macht Spaß“, freut sie sich, „das ist eine gute Kombi, mit Plattenladen, im Magniviertel.“ Der nächste Gast möchte nun bei Madeline ein Getränk bestellen, ich nehme mir meins und begebe mich nach draußen, auf den von der ungewöhnlich warmen Septembersonne hell erleuchteten Magnikirchplatz.

Der ist wie immer rappelvoll. Am Rande einer Tischgruppe finde ich einen Platz auf einer Bank, als mir Marc von einem der Tische der benachbarten Barnaby‘s Blues Bar mit der Pommesgabel zuwinkt. Ich winke zurück und wanke zu ihm. Vielleicht hat er ja einen neuen Chuck-Norris-Fakt für mich parat.

Und morgen hat das Riptide ja Geburtstag. 13, bestes Teenageralter! Rock‘n‘Roll, liebes Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#155 Uv-àjéd

27. August 2020


Donnerstag, 27. August 2020

Und plötzlich ist der ohnehin gefühlt viel zu kurze Sommer auch ebenso gefühlt schon fast wieder um. Eben noch in der Ostsee schwimmen, schon nur noch in Jacke draußen unterwegs. Außer, man ist Däne und schwimmt auch bei Minusgraden in der Ostsee, weil die dann ja schließlich wärmer ist als die Luft. Wenn einem dann als Zuschauer schon kälter ist als den Schwimmenden, die gutgelaunt den grauen Wellen entsteigen, während man selbst dessen angesichtig in einen Schreiwettstreit mit den Möwen tritt.

Ja, ich gehöre zu denen, die auch in Coronazeiten nicht auf ihren Jahresurlaub verzichten wollen, das gebe ich unumwunden zu. Nur war das Ziel von Andrea und mir deshalb auch entsprechend gewählt: eine Gegend in Dänemark, weil wir in Deutschland so kurzfristig nichts bezahlbar Ansprechendes fanden. Eine Gegend, in der wir weder Nachbarn noch Gastronomie oder Supermarkt hatten. Aber eben Gegend. Und Ruhe. Und außer uns zu Hochzeiten – also einmal in dieser Woche – vielleicht fünf weitere Personen gleichzeitig am ausgewiesenen Badestrand. Luxus in Ödnis. Und als einzige Möglichkeit, Musik zu kaufen, den Føtex-Supermarkt im Nachbarort, der das neue Album „Alter Echo“ von Dizzy Mizz Lizzy wohl nur deshalb überhaupt im Sortiment hat, weil es in Dänemark in den Charts ist.

Jetzt also wieder Braunschweig und den Sommer ausklingen lassen. Mit einem Eis im Limonella zum Beispiel, um die Ecke vom neuen Riptide, im Magniviertel, in der Langedammstraße, oder, falls es Ende August doch schon zu kalt dafür ist, auch einen Espresso, den mir Inhaber Hasib kredenzt. Er betreibt das Café seit „sieben Jahren und zwei Monaten“, wie er spontan errechnet, nämlich seit dem 1. Juni 2013. Seine neuen Nachbarn im Ölschlägern hat er noch nicht besuchen können, bedauert er: „Ich habe nur sonntags frei, und sonntags haben sie Ruhetag – ich würde da gern etwas trinken.“ Von dem erzwungenen Umzug des Riptide aus dem Handelsweg hat er Kenntnis: „Hoffentlich es läuft alles gut“, sagt er, „ich höre, die Leute sind nett.“

In der Gastronomie ist Hasib schon lang in Braunschweig tätig: „Ich habe vorher eine Eisdiele gehabt in Wenden“, erzählt er, das La Perla, und das hat er verkauft, nach ungefähr acht Jahren dort. Da ergibt sich die Frage, ob das Magniviertel besser ist, und die beantwortet Hasib diplomatisch lächelnd mit „Auch!“ Und erklärt, dass das La Perla lediglich eine Eisdiele war und dass er im Limonella zusätzlich „eine Kleinigkeit zum Essen“ im Angebot hat, „wir machen alles selber“, Brot, Dips, und mittags sind bis zu vier Gerichte auf der Tafel aufgeführt, „immer Kleinigkeiten“. Das Eis wiederum ist nicht aus eigener Produktion, das kommt noch aus Wenden, von Taormina indes, „die sind bekannt in Braunschweig“, weiß Hasib, und ich habe die mobilen Eiswagen mit der Aufschrift auch schon überall gesehen. „Seit 14 Jahren“ lässt er sich von denen beliefern.

Auch wenn alles so italienisch klingt, Hasib kommt aus dem Irak: „Aber ich kann es verstehen und auch ein bisschen sprechen“, sagt er. Bis vor einer Weile war er der einzige im Magniviertel, der Eis verkaufte, erzählt er: „Jetzt Das kleine Café auch“, der erste Mitbewerber also, von dem Hasib vollmundig schwärmt, „die sind lieb“, sagt er, und „die machen auch alles selber“. Früher war dort die Crêperie ansässig. „Es gibt viele Cafés im Magniviertel, zu viele“, sagt Hasib augenzwinkernd, weil es mehr Konkurrenz bedeutet, die er aber schätzt. Zum Beispiel die Makery: „Die waren Stammkunden hier und haben dann das Café aufgemacht“, berichtet er erfreut. Dann fällt ihm ein, dass das Friedrich 2, also F2 oder Friedrich der II., seit kurzer Zeit ebenfalls Eis verkauft, und grinst: „Viel zu viel Eis!“ Von dem F2 gefällt ihm der Garten nach hinten heraus. Und vom Riptide hört er nur Gutes: „Das ist die Hauptsache!“

Bevor ich nun den Weg eben dorthin fortsetze, kehre ich einmal mehr bei Simone ein, denn lustigerweise ist Schepper bei ihr Stammkunde und bat mich, ihm seine begehrte Hanf-Haarseife mitzubringen, wenn ich wieder im Viertel sein würde. Mache ich doch selbstredend. Im Viertel bin ich ja nun öfter, dem Riptide sei Dank. Kürzlich, noch vor dem Urlaub, beispielsweise mit Arni, an einem der raren Draußentische, als es noch so richtig warm war und wir einen klassischen Riptide-Tag erlebten, mit allerlei Bekannten und Freunden, die sich zufällig an unseren Tisch verirrten. Darunter Dirk, der einmal mehr mit einer Reisegruppe im Rahmen von Eat The World im Riptide eintrudelte. Dabei fiel mir auf, dass er ja quasi das Ziel schon lang subliminal im Programm verankert hatte: Obgleich die Route, für die er in Braunschweig unterwegs gewesen war, „Magniviertel“ hieß, war das noch im relativ weit davon entfernten Handelsweg residierende Riptide darin untergebracht – visionär geradezu.

Wie es sich für einen Stadtführer gehört, hatte Dirk für Arni und mich auch an dem Nachmittag Anekdoten parat, die das nahe Umfeld des Riptide betrafen. Barnaby‘s Blues Bar genaugenommen, dessen Eigentümer Peter laut Dirks Kenntnis in den USA, in New Orleans, eine Kneipe gehabt hatte, in der The Doors am 12. Dezember 1970 ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gegeben und als einziges Mal „Riders On The Storm“ gespielt hatten. Das, so fand Dirk, war dabei gar nicht mal die spannendste Geschichte um Peters früheren Laden. Denn, der Laden hatte Warehouse geheißen, und als da ein Resident-DJ selbstgebastelte elektronisch grundierte monoton-rhythmische Musik unter die Leute gemischt hatte und diese ihn nach dem Namen dieser Musikrichtung gefragt hatten, hatte er schlichtweg mit dem Namen der Location geantwortet, Warehouse, woraus sich alsbald die Bezeichnung House ergeben gehabt haben soll. Arni und ich hegten zwar, wie der Berichterstatter selbst, gesunde Zweifel daran, wir drei waren uns aber einig, dass diese Geschichte wichtiger war als der Wahrheitsgehalt. Das Internet verrät nun, dass die Geschichte in den Grundzügen sogar stimmt – dass aber ein anderes Warehouse daran beteiligt war, nämlich das in Chicago.

Außerdem verzehrten Arni und ich einen Kuchen mit frischem Obst, von dem Chris uns verriet, dass eine Freundin es in ihrem Garten geerntet und dem Riptide zur Verfügung gestellt hatte. Sowas von lecker. Und bei einer Bestellung erhielt ich zudem eine Grundlagenerkenntnis in Sachen Sprachgebrauch: Arni wählte seinen Milchkaffee mit veganer Milch, und als ich gerade anhob, „normale“ zu sagen, erhielt ich den freundlichen Hinweis, dass man im Ritpide dieses Wort vermied, um das vermeintlich Normale nicht allem anderen gegenüber wertend festzulegen. Anerkennend stattgegeben.

Und dann hatte ich noch zwei Geschichten zu berichten, einmal von dem Ausflug, den Andrea und ich nach Leipzig unternommen hatten, selbstredend auch in einen Plattenladen, den wohlsortierten Whispers Records in der Karli nämlich, aber auch in ein Eiscafé um die Ecke davon, besser: in die Eisdiele Pfeifer, deren Inhaberin uns durch das Quasi-Museum führte und uns dessen Geschichte erzählte. Dass der Herr Pfeifer den Laden jahrzehntelang aus Mangel an Möglichkeiten zwangsläufig nach klassischer DDR-Art eingerichtet und dann zur Wende vor dem Problem gestanden hatte, im Unklaren über die Besitzverhältnisse des Hauses gewesen zu sein, in dem seine Diele untergebracht war, und dass der Herr Pfeifer deshalb vorsichtshalber gar nichts investiert hatte, was ihm dann Jahre später zugute gekommen war, weil nämlich alle anderen Eisdealer auf topmodern umgesattelt hatten und er der einzige geblieben war, dessen Einrichtung allgemein aufgekommene Ostalgiebedürfnisse befriedigt hatte. Davon profitierten nun eben die Nachfolger, die die Diele unter Pfeifers Namen fortführen. Und überdies auch noch erhebliche Leckereien anbieten. So kann‘s gehen.

Die zweite Geschichte hatten Andrea und ich eines lauen Sommerabends mit jeweils einem Bier auf der Bank auf einem nahen Spielplatz erlebt, den regelmäßig eine Gruppe Heranwachsender frequentiert. So auch an jenem Abend, als wir die sowohl abwechselnd als auch gleichzeitig auf Türkisch und Deutsch gehaltenen Gespräche nur fetzenweise verstanden hatten. Ein höchst philosophischer Kommentar allerdings blieb uns nachhaltig im Gedächtnis: „Wenn einer mit allen gut kann – der kann doch kein guter Charakter sein, oder?“

Heute hat Chris fast gar keine Zeit, er steckt in Arbeiten im Büro und ist auf dem Sprung zum alten Standort im Handelsweg, erzählt mir Sera an der Theke. Das Arbeitsaufkommen lässt auch für die Belegschaft erfreulicherweise nicht nach: „Es läuft eigentlich ganz gut, es ist immer reserviert, jeden Abend ist es ausgebucht“, berichtet Sera. Denn sie weiß, was die Gäste wissen: „Der neue Laden ist etwas Anderes, der ist gut.“ Sie bedauert es, dass sie manchen Anrufern sogar absagen müssen: „Morgens um zehn: ‚Nee, heute Abend ist voll!‘“ Wie gut für das Riptide.

Da steckt Chris seinen Kopf aus der Bürotür und erzählt davon, dass André und er tagsüber das alte Riptide auseinandernehmen, oder besser: Es „vertragsgemäß in den ursprünglichen Zustand zurück“ versetzen. Stimmt ja, Enmde ugust läuft der Vertrag aus, und damit fällt die finanzielle Doppelbelastung der Mieten endlich weg. 15 Kubikmeter Schutt verließen die alten Räume bereits; einiges davon sah ich gestern im Internet auf Fotos. „Das war nur der kleine Container“, winkt Chris ab: Den größeren zweiten schafften die beiden ebenfalls randvoll. Chris ist selbst überrascht, dass André und er dem Ur-Riptide keine Träne nachweinen: „Das tut richtig gut, wir haben beide gestrahlt und sehen das positiv.“ Denn: „Hier haben wir etwas viel Besseres, nicht nur eine Notlösung.“ Zwar vermisse er die Nachbarn „und alles“, aber: „Die Entscheidung war goldrichtig.“ Das Leerräumen des Handelswegriptides sei wie ein Déjà-vu, sagt Chris, nur rückwärts: „André und ich stehen in einem weißen Raum.“ Aus dem neuen Riptide zog André sich jedoch zurück, „vorerst“, wie Chris betont, und „aus privaten Gründen“, und nicht etwa, weil es Streit gab: „Wir sind befreundet nach wie vor“, und wer weiß, sobald sich die privaten Gründe so weit klären lassen, dass es möglich ist, kehrt André vielleicht ja auch wieder zurück. Die Tür steht ihm offen, betont Chris unablässig.

Jetzt schließt er sie aber vorerst hinter sich, er hat noch zu tun, bevor er noch mehr zu tun hat. Flink nehme ich mir einen Flyer vom Record Store Day 2020 mit, der Coronas wegen nicht im April stattfand, sondern dieses Jahr dreigeteilt ist, am 29. August, 26. September und 24. Oktober. Wie sich dieser Schallplattenladentag gestaltet, bringe ich dann in Erfahrung. Ist ja schon übermorgen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#154 Rundhaustritt

22. Juli 2020


Dienstag, 21. Juli 2020

Mal wieder auf ‘ne Brause ins Riptide, etwas Sommerfrische abholen. Obwohl die ja in diesem Sommer nicht so erforderlich ist wie beispielsweise vor zwei Jahren. Da war es ja in diesem April schon wärmer als jetzt im Juli. Hat aber was für sich, nicht so angebrannt zu sein und trotzdem draußen sitzen zu können. Durch die Stadt ins Magniviertel, auf dem Weg, vor dem Mezopotamien-Grill, treffe ich Frank und Micha. Erstaunlich genug, dass ich Micha, den ich vor 13 Jahren an der Riptide-Theke im Handelsweg kennenlernte, noch gar nicht im neuen Riptide traf, und auch heute soll es dazu nicht kommen, denn die beiden haben andere Pläne.

Das Magniviertel muss ich erst noch so richtig entdecken, da habe ich bislang noch nicht allzuviel Zeit verbracht. An Galeria-Kaufhof, vulgo: Hochten, vorbei, die Makery passierend, gegenüber in die Langedammstraße einschwenkend, die Braunschweiger Niederlassung des Wolfsburger Tätowierstudios Culture Shocks und das Eiscafé Limonella entdeckend, steuere ich zwischen Rizzi-Haus und Ohlendorf auf einen Eckladen mit einladendem Sitzmobiliar vor der Tür zu. „Simones Seifenmanufaktur“ steht in der Kirchstraße 1 über der Tür, und in dem großen, lichtdurchfluteten und filigran eingerichteten Raum duftet es angenehm unaufdringlich, aber wohlriechend nach – Seife. Das sieht alles so lecker aus, was Simone da ausliegen hat, aber den Drang nach einem herzhaften Biss unterdrücke ich dann aber doch lieber.

Die neuen Nachbarn hat Simone noch gar nicht aufsuchen können, sagt sie, aber: „Ich finde es gut, dass das Café hier ist und das Magniviertel bereichert.“ Eine Mittagspause, in der sie beispielsweise das neue Angebot des Riptide-Mittagstischs wahrnehmen könnte, hat sie nicht: „Ich arbeite durchgehend“, eine erste Angestellte hat sie erst in den kommenden Wochen. Auch im alten Riptide war sie nie: „Das war nicht meine Laufschneise.“ Das verstehe ich, das war das Magniviertel für mich bislang auch nicht unbedingt, auch wenn ich diverse Einrichtungen hier schon kenne, aber eben längst nicht alle.

Ihre Manufaktur hat Simone hier „im fünften Jahr“, berichtet sie, und freut sich: „Es ist von Anfang an gut gelaufen.“ Zudem war sie vom Corona-Lockdown nicht betroffen, da sie Hygieneartikel verkauft. „Ich hatte zwar wenig Laufkundschaft“, sagt sie, nutzte aber das Online-Geschäft als kleinen Ausgleich. Ihr Sortiment ist durchgehend selbstgemacht – und zwar von ihr: „Das sind alles Naturprodukte.“ Von ihr selbstgemacht jedenfalls, was die Seifen betrifft, denn es gibt noch viel mehr zu entdecken: So arbeitet sie mit einer Braunschweiger Keramikwerkstatt zusammen, deren Angebot hier erhältlich ist, und betont dabei, dass es im Laden „keine Chemie“ gebe. Auch ein Pfandsystem für den Gefäßeaustausch bietet sie überdies an. Ergänzend gibt es bei ihr regelmäßig Bilderausstellungen und Vernissagen, nur eben nicht während der Coronazeit – da hängen Gemälde aus ihrem eigenen Wirken an den Wänden. Vielseitig! Den angenehmen Duft erklärt Simone damit, dass sie ausschließlich ätherische Öle für die Herstellung ihrer Seifen verwendet, keine synthetischen. Und sogar Tee und Kaffee verkauft sie, „der Kaffee ist aus einer kleinen Rösterei in Hildesheim und der Tee aus Deutschland, handverlesen“. Außerdem bietet Simone auch noch Workshops an – kein Wunder also, dass sie bislang noch keine Zeit fand, die neuen Nachbarn zu entdecken. Fröhlich verabschieden wir uns.

An den Hintergebäuden von Ohlendorf und einigen privaten Fachwerkhäusern vorbei residiert das Riptide gleich rechts um die Ecke, direkt am Magnikirchplatz. Das nämliche Gotteshaus hat noch mehr Fachwerkhäuser hinter sich zu bieten, mit den wohl höchsten Stockrosen der Stadt und einem von Kids umdumpten Basketballkorb, ungefähr dort, wo das Staatstheater sein „Haus 3“ kürzlich aufgab, und vor sich hektarweise Platz für Draußensitzcafémobiliar und Bocciaspielgruppen. Einige Spieler jonglieren in den Spielpausen mit den schweren Kugeln. Beides muss man können.

Drinnen im Riptide ist weit weniger Trubel, zumindest vor er Theke, denn dahinter findet soeben die Ablösung statt: Anna geht, Sera, eigentlich Serafina, kommt, Selma und Rosa bleiben und Adi, eigentlich Adrian, tritt aus der Küche. „Meine Ma hat mich schon immer Adi genannt“, sagt Adi grinsend. Er ist wie so viele neu im Riptide-Team: „Seit zwei Wochen bin ich hier, zweimal die Woche, ein bisschen Aushilfe“, erzählt er. „Ich hab ‘nen guten Job, in der Jugendhilfe als Koch.“ Jetzt drängt ihn aber das Bedürfnis nach Nikotin: Die Pause ist kurz, und die will er vor der Tür nutzen.

Zeit ist wirklich knapp für das Team: „Hier ist immer genug los für alle“, bestätigt Rosa. „Es gibt kaum Atempause, aber das ist okay – es ist gut, dass das geklappt hat alles.“ Einig, das ist eine Riesenerleichterung, dass sich das Riptide nach all den Querelen mit unverlängertem Mietvertrag und Coronapause mitten im Umzug so auffangen konnte. Unter ihrer Maske sehe ich Rosa grinsen: „Beschäftigt sein ist besser als beschäftigt aussehen – weniger anstrengend.“ Der Zulauf ist sogar so groß, dass abends bisweilen nicht jeder Sitzplatzwunsch in Erfüllung gehen kann, auch der Coronaabstandsregeln geschuldet, deshalb empfiehlt Rosa: „Reservieren!“ Draußen sind alle Tische belegt, drinnen darf es jeder zweite sein, und während der sommerlichen Tage ist es, wie schon am alten Standort, drinnen ohnehin etwas leerer. Mit dem unbestückten Tablett in der Hand kehrt Rosa hinter die Theke zurück und bestückt es mit neuen Bestellungen.

Auf der Ablagezeile längs vor den LP-Fächern liegen orangefarbene Zettel neben einem Stiftständer. „Gegen das Vergessen“, erläutert ein Schild, und fordert dazu auf: „Malt, schreibt, klebt hier für Menschen auf der Flucht.“ Aus einigen der Zetteln wurden Papierschiffchen, die an die Ertrinkenden im Mittelmeer erinnern sollen. Das Riptide bleibt ein Ort für Botschaften, diese stammt von der Initiative Seebrücke.

Auch ein Ort für Botschaften kultureller Art: Im Fenster neben der Tür stapeln sich schon wieder Flyer für Veranstaltungen, und das trotz Coronapause. Einen Stapel habe ich dazugelegt: Jens, der frühere Keyboarder von Phase V, schickte mir sein Solo-Debüt zu, das er unter dem Alias Real veröffentlichte, und legte der CD kleine Flyer mit Werbung bei. Nun ist „Avalon“ schon mal in Papierform im Plattenladen angekommen.

Eigentlich bin ich hier heute mit Arni verabredet, aber der hat dringend eine Deadline einzuhalten und verschob unser Treffen. Am Telefon berichtete er von der Aktion am Freitag, als der Verein BS Oldschool im Lokpark eine Gruftparty mit DJ Jeanny und dem Gothic-Forensiker „Dr.“ Mark Benecke ausrichtete, an der die Gäste lediglich in ihren Autos sitzend teilhaben durften. Arni begleitete das Event als Fotodokumentator und schwärmte in den höchsten Tönen davon, wobei eigentlich angesichts der gruftigen Musikauswahl tiefste Töne angemessener wären. Im Lokpark war ich noch nie, ein angedachter Silver Club dort kam nicht zustande und auch ansonsten verschlug es mich dorthin leider nicht. Für Arni als Fotografen ist die Kulisse ein Geschenk, vielleicht darf ich ihn ja mal auf einer Exkursion dorthin begleiten.

Heute habe ich ja gar keine bestellten Platten abzuholen. Coriky und Tētēma hab ich letztens schon mal mitgenommen, die neuen Alben von Ian MacKaye und Mike Patton. Irgendwas ist aber noch offen – wenn ich das nur alles immer im Kopf hätte. Vor einer Woche wollte ich mich außerdem mit Guido im Riptide treffen, weil wir Fotos von uns machen mussten. Wir hatten nämlich Ehre und Vergnügen, auch an der zweiten Ausgabe eines Buchprojektes mit dem Titel „Ich liebe Musik“ teilzunehmen, und weil nun die Coronapause die geplante Releaseparty in Dresden ausfallen ließ, hatten die Initiatoren Jörg und René die Idee, eine Art Online-Variante davon zu generieren, und baten alle Teilnehmer um Fotos von sich. Das Buch und das Album mit dem Song, den wir dafür ausgewählt hatten, nämlich „Caucasian Psychosis“ von Therapy?, auf der „Potato Junkie“ drauf ist, obwohl die Iren es ursprünglich ja auf der „Pleasure Death EP“ veröffentlichten, die ich aber nicht habe, hatte ich mitgebracht. Da Guido sich aber familienvaterbedingt verspätete, gesellte ich mich zu Hardy und Marc, die wie ich vor dem Riptide auf einen freiwerdenden Tisch lauerten. Da uns nun aber der Durst trieb, wichen wir auf die benachbarte Barnaby’s Blues Bar aus; da gibt es gezapftes Guinness, was womöglich besser zu Guidos und meiner Irlandreisegeschichte und den Fotos passte.

Alsbald saßen wir also zu viert draußen vor der Blues Bar, wir drei Erstsitzenden schon mit ausreichend schwarzem Bier und schwarzem Kräuterlikör auf dem Deckel. Marc und Hardy wollten eigentlich nur ihre anstehenden Lesetermine für das zweite Halbjahr besprechen, doch es dauerte nicht lang, dass wir gemeinsam das Themenspektrum erheblich erweiterten. Und aus welchen Gründen auch immer bei Chuck Norris landeten. „Chuck Norris knallt eine Drehtür zu“, steuerte Guido bei, wir hatten noch „Chuck Norris hat bis unendlich gezählt. Zweimal“ im Kopf, und Hardy offenbarte zu unser aller verwunderter Erheiterung, dass er von der mittlerweile längst schon veralteten Welle der Chuck-Norris-Witze gar nichts mitbekommen habe. Er zweifelte sogar beharrlich die Existenz einer Person namens Chuck Norris an und forderte von uns Titel von Filmen mit ihm ein. Von Marcs Beispiel „Missing In Action“ hatte Hardy noch nie gehört haben wollen, lediglich Guidos Einwand „Walker, Texas Ranger“ ließ Hardy gelten. Da kamen zwei Bekannte von Marc vorbei und bekamen die Diskussion mit, und einer sagte: „Chuck Norris hat in allen ‚Star Wars‘-Filmen mitgespielt. Er war die Macht.“ Hardy schüttelte den Kopf und insistierte, an Marc gerichtet: „Sag mir doch mal einen Filmtitel, wo Chuck Norris mitgespielt hat – außer ‚Star Wars‘!“

Mit meiner Karamell-Fritzkola finde ich auch heute keinen freien Platz vor dem Riptide, aber eine freie Bank. Von hier aus habe ich den perfekten Blick auf den Platz, mit Schirmen und Bäumen über mir und den weißen Wolken auf dem blauen Himmel, die dazwischen durchschimmern. Am reservierten Tisch vor mir nimmt Yvonne Platz, ihre Verabredung kommt etwas später, wie sie ihrem Smartphone entnimmt. Im neuen Riptide ist sie erst zum zweiten Mal, erzählt sie, in den Handelsweg hatte es sie nicht häufiger verschlagen. „Ich find’s toll im Magniviertel“, sagt sie, „eine coole Umgebung, noch zentraler, belebter.“ In der Tat, hier schlendern allenthalben Passanten herum, viele bleiben vor dem Schaufenster stehen und studieren die Riptide-Speisekarte. „Es ist auch schön, dass man hier draußen sitzen kann, unter den Bäumen“, fährt Yvonne fort. Und grinst: „Zu drinnen kann ich noch nicht viel sagen“, denn ihre Cafézeit verbringt sie sommers lieber unter freiem Himmel. „Ein bisschen schade finde ich, dass nur bis 21 Uhr geöffnet ist“, sagt sie und berichtet, dass ihr eine Mitarbeiterin erklärte, dass das zum Schutze der Anwohner so geregelt sei. Sie zuckt mit den Schultern: „Da stellt man sich drauf ein, aber schade ist es schon, gerade im Sommer würde man länger hier sitzen.“ Dann muss man sich eben alternative Anschlussaktivitäten ausdenken. Yvonne bestätigt das: „Beim letzten Mal haben wir eine Parkrunde gedreht, einen verlängerten Weg nach Hause.“ Und dieser Tage kann man dabei ja sogar noch Exponate des Lichtparcours‘ abwandern. Sie nickt und lehnt sich zurück: „Ich finde, dass das Riptide von der Lage her durchaus gewonnen hat.“ Beispielsweise, wenn das Magnifest stattfindet: „Man ist mittendrin, besser geht‘s nicht.“ Einen Unterschied zu früher macht sie aber aus: „Im Handelsweg hat es noch mehr den Charakter von einem Schallplattenladen gehabt, hier ist es eher das nette Gimmick nebenher.“ Stimmt, der Caféanteil ist prozentual deutlich gewachsen – aber dafür finden sich auch mehr Interessierte, und kleiner geworden ist die Vinylabteilung trotz des Augenscheins nicht.

Meine Kola ist leer, ich bringe die Flasche zurück ins Café und schlendere anders aus dem Magniviertel heraus, als ich hereinkam, unter anderem an Badsha und Musik-Mewes vorbei. Beim Googeln lief mir anderntags übrigens noch einer über den Weg, den ich nicht kannte, der sei hier geteilt: „Chuck Norris trinkt aus einem Wasserhahn. Auf ex.“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#153 Frohes Neues!

24. Juni 2020


Dienstag, 23. Juni 2020

In Skandinavien feiern sie heute Sankt Hans, dies sind die längsten Tage des Jahres, die kürzesten Nächte mithin, somit die unpassendste Zeit eigentlich, so etwas wie gestern die bundesweite „Night Of Light“ zu veranstalten, in der rot illuminierte Veranstaltungsorte auf das Corona-bedingte Desaster in der Branche hinweisen sollen; wer morgens um 6 Uhr rausmuss, treibt sich nicht in einer ohnehin spät beginnenden Montagnacht in der Stadt herum. Auch der kürzlich gestartete fünfte Lichtparcours lässt sich im Dunkeln nur begrenzt goutieren, vorerst zumindest, ab jetzt werden die Nächte ja wieder länger. Dabei ist der Lichtparcours vermutlich die beste Möglichkeit, Kunstgenuss in die Kontaktbeschränkungen einfließen zu lassen: Verstreut über die Stadt stehen leuchtende Kunstobjekte den Betrachtern zur Verfügung, die sich dafür nicht in einem geschlossenen Raum drängeln müssen. Perfekt! Und wenn sich die Stadt dazu noch Rahmenprogramme unter Einhaltung der Infektionsschutzauflagen einfallen lässt, ist auch die verlängerte Dämmerung kein Hindernis; so war es am Samstag bei der Aktion der Stadtfinder im Park der Musikschule, als Fly Cat Fly vor der „Bar du Bois“ spielten und wir danach mit Rille Elf auflegten. Die erste Veranstaltung seit einem Vierteljahr, da war die Stimmung grandios und die Dankbarkeit auf allen Seiten riesig, auf unserer nicht minder. Und außerdem spiegelt dieser Zeitraum Weihnachten, die Tage kurz nach der Wintersonnenwende, und markiert quasi das Ende des ersten Halbjahres 2020. Und überdies ein Abklingen des Lockdowns, der in Deutschland noch vergleichsweise harmlos ausfiel und offenbar die Zahl der an Corona Verstorbenen niedrig zu halten half.

Probleme gab und gibt es dennoch reihenweise, auch anderer Art, nicht zuletzt die „Night Of Light“ deutet darauf hin. Viele Freiberufler, Künstler, Selbständige leiden unter dem Wegfall von Aufträgen, der staatliche Rettungsschirm fängt die auf der Strecke Bleibenden nicht umfassend ab. Für das Riptide war die Zeit doppelt belastend: Seit April sollte es eigentlich unter der neuen Adresse im Ölschlägern im Magniviertel wiedereröffnet haben und am alten Standort für Umzugs-Benefiz-Veranstaltungen bis zum Auslaufen des Mietvertrags fortbestehen, doch zwang der Lockdown Chris und sein Team zum Stillstand. Mit einer Spendenaktion hielt sich das Riptide über Wasser, seit einem Monat empfängt es nun auch wieder Gäste, am grandiosen neuen Ort mit üppiger Außensitzfläche auf dem Magnikirchplatz. „Wir könnten sogar doppelt so viele Tische aufstellen“, freut sich Chris, denn so gefragt sei das Riptide hier, doch die Virusschutzauflagen lassen dies derzeit noch nicht zu.

Definitiv, es ist jedes Mal schwierig, draußen unter den Linden ohne Reservierung einen Sitzplatz zu bekommen. Städtische Bänke oder ein Stehtisch an der Riptidewand ermöglichen immerhin ein geduldiges Harren, und gelegentlich lassen sich Gäste auch dort zur Getränkeaufnahme nieder. Kürzlich berichtete mir Chris von einem kuriosen Umstand: Da das Riptide zurzeit aus Virusschutzgründen keine Karten auslegt, sondern innen und außen zum Fernbetrachten aushängte, und da auch das Logo noch nicht über der Eingangstür prangt, erging es einem Gast, dass er längst sitzend erst erfuhr, wo er sich aufhielt: „Ach, ich bin im Riptide?!“ Und sich freute, selbstredend. Ja, die Sonne lockt, der Lockdownauslauf lockt, die Leute sind wieder unterwegs, und wenn ich mich hier, auf Maren und Arni wartend, so umsehe, erblicke ich erfreulicherweise lauter vertraute Gesichter, und eben auch unzählige mir fremde.

Bevor ich mich an den mir von Anna freigehaltenen Tisch setzen kann, desinfiziert ihn Astrid. „Es riecht gleich nach Chlor“, warnt sie mich vor, während sie eine entsprechende Flüssigkeit aus einer Sprühflasche aufträgt und die Möbelfläche reinigt. Das riecht dann wenigstens sauber, finde ich, und sie meint: „Das riecht nach Freibad!“ Da bekomme ich prompt Appetit auf Pommes. „Und bunte Tüte“, ergänzt Astrid. Stimmt, schön sauer! Und Pommes, die gibt es ja nun auch im Riptide, also bestelle ich meinen Burger bei ihr mit nämlicher Beilage und lege den Thriller „Stunde der Flammen“ von Hardy Crueger neben die Flasche mit der Rose auf den frisch desinfizierten Tisch.

Unter den vielen Bekannten und Unbekannten um mich herum entdecke ich Axel und seinen Sohn Josch, die sich Orangen- und Zitronenbrause bestellen. „Man sieht sich ja gar nicht mehr“, stellt Axel fest, während sich dieser Umstand soeben aufhebt, gottlob. Dabei fiel mir auf, dass ich seit Beginn des Lockdowns weit mehr Bekannte auf der Straße oder am Südsee oder sonstwo traf als vorher, was vermutlich daran lag, dass die ganzen Cafés und Einrichtungen geschlossen waren, in denen ich sie sonst getroffen hätte. So wie jetzt eben Axel und Josch im Riptide. „Ich freu mich, dass es weitergeht“, sagt Axel und lässt seinen Blick über die unzähligen Tischgruppen auf dem sonnenhellen Magnikirchplatz schweifen. Den fließenden Übergang gibt es wirklich, die Tische von Barnaby’s Blues Bar und Das kleine Café schließen sich direkt an die vom Riptide an. Josch erzählt, was sich in dem Vierteljahr Stillstand ereignete, und berichtet, dass Axel ein Flipperspiel für die Playstation gefunden hat. „Er spielt das mit nur zwei Tasten“, lacht Josch. „Ich nutze für mein Spiel die halbe Tastatur, er zwei Tasten.“ Das sind immerhin doppelt so viele wie bei „Pong“, und Josch erinnert sich lachend, was Axel sagte, als er ihn erstmals am PC spielen sah: „‘Ich hab früher ‚Pong‘ gespielt‘!“

Die Erfrischungszeit währt für die beiden nur kurz, dann nimmt Sylvia ihren Platz ein, selbstredend erst nach der Desinfektion. „Es ist schön hier“, findet auch sie. Zwar war sie bereits zur Eröffnung im Riptide, aber da seitdem das Wetter schlechter wurde, ist dies ihr erster folgender Aufenthalt hier. „Eine Freundin hat ihren Laden nebenan“, berichtet sie, als Maren und Arni sich an meinen Tisch gesellen. „Wir treffen uns nach ihrem Feierabend hier.“ Arni hebt die Hände: „Das wäre verheerend, neben dem Riptide arbeiten!“ Maren nickt: „Schlimm genug, dass sich für uns der Weg halbiert hat.“ Sylvia ist Filmfan und seit zwei Jahren Rentnerin, der Lockdown eröffnete ihr neue Betätigungsfelder: „Ich gucke Netflix und Amazon Prime leer.“ Besonders „Homeland“ und „Haus des Geldes“ fixten sie an, „ich habe mir davon sogar ein Plakat bestellt“, sagt sie. „Ich fange nachmittags an“, Zeit habe sie ja nun. Sie strahlt, und ihre Verabredung trifft ein, Luule vom Fotostudio Artmann wenige Häuser weiter. „Seit drei Jahren sind wir dort, wir haben uns gefreut, dass das Riptide kommt“, schwärmt sie. Davor residierte Foto Artmann jahrzehntelang „auf der anderen Seite, hinter Galeria Kaufhof“, berichtet Luule. Eindeutig, das Riptide kommt im Magniviertel an.

Für Maren ist dies der erste Besuch im neuen Riptide, vorherige Versuche waren durch unvorhergesehenen Ladenschluss vereitelt worden. Wir drei haben uns nun auch schon seit einem Vierteljahr nicht gesehen, da gibt es einiges nachzuholen, die ganze Situation und was sie mit uns und dem Rest der Welt macht. Dabei erblickt Arni am anderen Ende des Kirchplatzes eine leuchtend orange uniformierte Sportlergruppe: „Vorbildlich, social distancing“, lobt er angesichts des weitgefassten kreisförmigen Aufbaus der Athleten. „Die haben sich sogar begrüßt per Fern…“ Er sucht nach dem Wort. Fernbedienung vielleicht? Das wohl nicht, aber das wäre für Gastronomieeinrichtungen in Coronazeiten eine gute Lösung.

Für uns ist Astrid eine Nahbedienung, sie bringt Getränke und Burger. Beim Herüberreichen berührt Arni Maren: „Ihh, der hat mich angefasst“, kreischt sie. Er zuckt mit den Schultern: „Ja, weißte, wasde jetzt alles hast?“ Maren nörgelt: „Ist ja eklig!“ Arni fährt fort: „Gute Laune und Optimismus“, ruft er, und setzt nach: „Chronischen Optimismus!“ Maren sortiert ihr Besteckt und jammert: „Ich will das nicht, krieg ich jetzt auch Antikörper?“ Arni missversteht: „Antjekörper, was hat Antje jetzt damit zu tun?“ Maren rutscht das Smartphone aus der Tasche und fällt zu Boden, gleich von drei Seiten machen sie aufmerksame Gäste darauf aufmerksam. Großes Gelächter. Arni staunt: „Der erste Tag im Riptide und es ist schon wieder genau wie früher.“

Heute bedienen viele Riptide-Mitarbeiter die Gäste, die ich noch nie gesehen habe. Chris kündigte ja an, dass er da dringend neu einstellen musste, und hatte auch rund um die Uhr Vorstellungsgespräche. „Das ist mein erster Tag, Probearbeiten“, sagt Cedric, als er unseren Tisch abräumt und wir ihn ausfragen. „Das merkt man nicht“, beteuert Arni, und so geht es uns mit allen Neuen, dass sie uns sofort das Gefühl vermitteln, sie schon ewig zu kennen und unter ihnen zu Hause zu sein; da hat Chris ein gutes Händchen für. Aber für Cedric ist es ja lediglich im Riptide neu: „Ich habe Gastroerfahrungen“, erzählt er, „aber in Bielefeld.“

Am Nachbartisch, und davon hat unserer einige, nehmen Fehime, Basti, Franziska und Michael Platz. Seit ihrem Umzug haben ich Fehime und Basti kaum mehr zu Gesicht bekommen, dieses Jahr wohl noch gar nicht, und das nicht mal wegen Corona. Fehime winkt ab: „Basti hatte jetzt sein erstes Konzert, vor Autos.“ Um die 20 Autos standen wohl vor der Bühne, und statt Applaus gab es verbotenerweise Gehupe. Diese Einschränkungen knicken Fehime, doch andererseits finde ich, dass man ohne sie vermutlich niemals die Erfahrung gemacht hätte, als Band vor Autos aufzutreten, man also im Grunde einen Gewinn dabei hatte. So wie mit der Indie-Ü30-Party, die wir ohne Lockdown wohl niemals bei Radio Okerwelle gemacht hätten; am 11. Juli zum bereits zweiten Mal, Claudy Soundschwester sei Dank. Das überzeugt Fehime ein wenig: „Du hast Recht, eigentlich müsste man das positiv sehen.“ Basti macht ein Foto von uns und schickt es an gemeinsame Nachbarn von uns, die seit dem Lockdown in Costa Rica festsitzen. Und auch Basti und Fehime schwärmen vom Riptide: „Es ist richtig cool, das es was Neues gibt“, sagt er, „der Platz ist megacool geworden.“ Fehime bestätigt: „Eine Bereicherung!“ Denn, so Basti: „Hier standen jahrelang nur fünf Tische oder so.“ Fehime grinst: „Jetzt ist dolce vita, oder deutsche vita, wie Basti sagen würde!“

Die Dämmerung setzt langsam ein, auch an einem so langen Tag, der Feierabend drängt das Riptide zur letzten Runde. Und uns zum Aufbruch. Kartenzahlung ist inzwischen wieder möglich, versichert Anna, das ist perfekt, dann kann ich nämlich gleich zwei der wie angekündigt von Ben gestalteten Riptide-Benefiz-T-Shirts mitnehmen. Da Chris schon weg ist, bestelle ich eben nächstes Mal oder per Email Platten, zum Beispiel das Debüt von Coriky, dem neuen Projekt von Ian MacKaye, dessen Veröffentlichung die Band immer weiter verschob, wie mir Larki berichtete, weil sie wollten, dass kleine Plattenläden wieder geöffnet haben können, wo man sie dann erwerben sollte, statt online oder beim Großhändler. Da ist noch Indiegeist und passt perfekt zum Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#152 Licht und Liebe im Altewiek

28. Mai 2020


Mittwoch, 27. Mai 2020

Es ist hell. Viel heller als das Café am alten Standort im Handelsweg. Das fällt tatsächlich erst heute so richtig auf, weil heute der erste Tag ist, an dem auch Riptide-Chef Chris seine neuen Räume mit nichtabgeklebten Fenstern zu sehen bekommt, nach all den Monaten, die er hier bereits mit zahllosen Helfern verbrachte, um trotz der Beschränkungen wegen des Covid-19-Virus‘ sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, den allseits geliebten Hybriden aus Café, Plattenladen und Veranstaltungsort wegen des nicht verlängerten Mietvertrags im Handelsweg an diesem neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen. So viel Arbeit, Kampf, Aufwand, Turbulenzen, Verzögerungen, Unabsehbarkeiten, aber auch Hilfe, Unterstützung, Beistand, Zuspruch, Tatkraft und vor allem Liebe begegneten Chris in dieser Zeit, und in dieser Sekunde fällt alles in einem Punkt zusammen, kumuliert sich in einer Mischung aus Euphorie und Erschöpfung: Chris öffnet die Tür und lässt den ersten geladenen Gast ins neue Café Riptide am Ölschlägern.

Die tatsächliche Eröffnung findet eigentlich erst morgen statt, doch heute bedankt sich Chris mit einem Pre-Opening bei allen, die ihm in den zurückliegenden Wochen zur Seite standen. Seine letzte Tat, bevor er seine Freunde in Empfang nimmt, ist, die Kleberückstände vom kommunalen Baustellenschild an der Scheibe links neben dem Eingang abzuwischen. „There’s A Crack In Everything“, steht auf der Scheibe unter seinem Putztuch, und weil damit nicht das Glas gemeint ist, setzt sich das Zitat auf der Scheibe rechts vom Eingang fort: „That’s How The Light Gets In.“ Chris erklärt: „Das ist von meinem Lieblingssänger.“ Er hält kurz mit dem Wischen inne: „Ich habe zwei Lieblingssänger, einer lebt, einer ist tot, und das Zitat ist von dem Toten.“ Von Leonard Cohen nämlich, aus dessen Lied „Anthem“ aus dem Jahr 1992. Locker übersetzt bedeutet es für ihn: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“, das Ende im Handelsweg begünstigt den Anfang im Ölschlägern. Und außerdem klingt dieses Zitat weit hoffnungsvoller als das von Neil Young im alten Riptide, wenngleich das mehr Rock’n’Roll ist: „It’s Better To Burn Out Than To Fade Away“. Am Ölschlägern nun geschieht weder-noch, hier findet eine dritte Option statt: Neubeginn.

Oder Fortführung: „Wahnsinn, richtig cool“, schwärmt Sören mit einem Glas Sekt in der Hand. „Ich hab vorher mal durch die Scheibe geguckt“, erzählt er und befindet mit Blick auf die ihm vertrauten Elemente: „Mitgebracht, den Laden hier, echt cool!“ In der Tat fühlt es sich vielerorts im neuen Riptide an wie im alten. Unzählige Details fanden den Weg ins Magniviertel, etwa die „3“-Kerze an der Theke, die nun auch bald zehn Jahre alt wird. Diese Theke wiederum ist ein Novum, das sich erheblich unterscheidet: Der einstige mit Glaswänden abgetrennte und nach oben offene und damit nutzlose Lichthof des früheren Outdoor-Ladens ist verschwunden, damit mehr nutzbare Fläche entstanden, das Loch im Dach mit Fensterluken transparent gehalten und die von einem Spot angestrahlte Discokugel direkt über den Köpfen des Thekenteams angebracht.

Ist das schön, die vertrauten Gesichter wiederzusehen, zumindest zur Hälfte, denn Rosa, Melissa, Imke und Max sind maskiert, so wie auch wir Gäste es sein sollen, zumindest beim Betreten und Verlassen des Sitzplatzes, an dem wir für den Genuss von Speisen und Getränken selbstredend auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten dürfen. Auf einem Blatt an einem Klemmbrett verewigen wir Gäste uns namentlich, mit Chris‘ Hinweis, dass er diese Listen nach 14 Tagen ohne Coronafall vernichten wird, und desinfizieren unsere Hände an einem daneben aufgestellten Mittelspender.

Daneben, das ist schon der nächste bemerkenswerte Platz im neuen Riptide: Zum Ölschlägern hin besteht es aus einer Fensterfront, an der ein breiter Sims angebracht ist, auf dem Gäste Getränke und Speisen abstellen und einnehmen können. Blumentöpfe und „Abstand“-Schilder verzieren diese Reihe, in recycelten Bierflaschen installierte spulenförmige Lampen strahlen ein atmosphärisches warmes Licht ab, das indes an diesem sonnigen Tag noch lediglich dekorativ wirkt. Das erinnert mich an einen Pubbesuch in Dublin 1998, als ich mit Guido eine Rundreise um Irland machte. An einem Tag strömte der klassische Regen auf uns herab, und weil uns deshalb nicht so sehr nach touristischen Erkundungen war, begaben wir uns im gleichsam touristischen Viertel Temple Bar in eine Kneipe und setzten uns mit frisch gezapftem Guinness an eben so eine Fensterbank. Wir hatten es warm und gemütlich, während wir den Blickkontakt zu verregneten und neidischen Passanten aufnahmen und kryptische Postkarten verfassten. Es floss einiges an Guinness, weil an dem Tisch hinter uns die Leute damit begannen, Instrumente auszupacken und wie zufällig miteinander zu musizieren, und viele später eintretende Gäste schlossen sich dem an, inklusive einem, der zu einem der Lieder aus der anderen Ecke des Pubs zu singen begann. Auch hier im Riptide nimmt man durch die Fenster automatisch den Blickkontakt zu den Magniviertelflaneuren auf, und die werfen interessierte und neugierige Blicke zurück.

Gegenüber dieser Fensterreihe findet im Riptide ebenfalls Musik statt, jedoch nicht live, denn dort sind die Plattenkisten eingerichtet. Neuveröffentlichungen der zurückliegenden zwei Monate sind noch nicht darunter, da bislang nicht klar war, wann das Riptide wieder öffnen würde und wo Chris die Platten bis dahin lagern könnte. Zudem hätte er dann Investitionen ohne die Aussicht auf einen Verkauf getätigt. So ganz ohne Neues geht es aber auch für Chris nicht, schließlich entdecke ich etwa „Alles in Allem“ unter den Neuerscheinungen, das pressfrische Album der Einstürzenden Neubauten. Es geht also weiter!

Mehr und mehr Gäste trudeln ein, einer bringt Brot und Salz mit, und allen bietet Rosa Getränke an, wahlweise weißen Sekt oder die rote Edelgard: „Das ist ein neues Getränk“, erklärt sie, „Sekt mit Erdbeeren und Waldbeeren.“ Und leider lecker. „Marc, von wem bist du noch der Tischler?“, nimmt Chris beim Begrüßen des nächsten Gastes einen Running Gag auf. Die Umstehenden wissen, dass Marc einst einem Verwandten in Florida für ein halbes Jahr als Tischler aushalf, der während dieses Zeitraums einen Auftrag bei einem bekannten Musiker bekam, nämlich bei Lenny Kravitz. „Er wurde extra eingeflogen“, fehlinformiert uns Chris. Marc grinst abwinkend: „Er bauscht es immer so auf!“

Zu diesen anderen gehören inzwischen auch Sarah und Sascha, die mit Marc und Chris als Haupthelfende quasi eine Hausgemeinschaft im neuen Riptide bildeten. „Wir sind zu 99,9 Prozent fertig“, informiert Chris. Und erzählt, dass gestern sein Facebook- und Instagram-Account stillgelegt wurden: „Ich habe gerade geschrieben: ‚Morgen Eröffnung‘ – gehackt!“ Wegen der Formalien, die er beim Reaktivieren zu erfüllen hat, kann es daher dauern, bis der offizielle Riptide-Kanal wieder online ist. Ausgesprochen ungünstiger Zeitpunkt.

Wie schon beim alten Riptide, nähte Frau Schneider auch für das neue wieder Vorhänge, und zwar die dunkelgrünen unterhalb der Plattenregale. „Da sind kleine Krokodile drin“, verrät sie. Chris habe sich darüber gefreut, als sie ihm die zeigte: „Dabei habe ich eigentlich nur die Nähmaschine ausprobiert.“ Man muss wissen, wo sich die vier Reptilien verstecken, sonst sieht man sie nicht, weil sie wirklich winzig sind. „Dafür muss man nur geradeaus nähen, die Maschine macht die Muster automatisch“, erklärt Frau Schneider. Das Gerät vollführt nämlich beim Aufbringen der Naht einige Zickzackbewegungen, aus denen dann die Silhouetten von Krokodilen entstehen. Frau Schneider blickt sich im Café um: „Es ist super geworden, gefällt mir gut“, sagt sie. „Irgendwie fühlt es sich größer an“, überlegt sie, und weiß: „Es ist natürlich auch größer.“

Denn das neue Riptide erstreckt sich auf insgesamt drei Etagen, von denen zwei für die Gäste offen stehen und die dritte Büro und Personalräume beherbergt. Das ist die wohl größte Überraschung am neuen Standort, dass im hinteren Winkel eine Treppe nach oben führt. Dort hängt nun auch der Kronleuchter aus dem alten Riptide, der einzige Ort mit ausreichend Deckenhöhe für dieses Schmuckstück. Oben blickt man durch eines der Fenster auf das Glasdach über der Theke und in der anderen Richtung durch doppelte Butzenscheiben auf den Ölschlägern. Das alte Riptide-Sofa steht dort, als Schlusspunkt langer Tischreihen, auf denen sich die alten von Chrisse Kunst gestalteten Lampen wiederfinden. Mit den Sitzecken und der Fensterreihe von unten hat sich die Zahl der Plätze offensichtlich erheblich erhöht, ohne dass es trotz geringer Deckenhöhe eng wirkt. Gemütlich, das auf jeden Fall, und warm einladend.

Deshalb sitzen Louisa, Denise und Benny am Tisch in der hintersten Ecke, gegenüber dem Sofa. „Ich find’s total schön“, strahlt Benny, und widerspricht unbeabsichtigt Sören: „Ganz anders als vorher, niedrige Decke, Fachwerk, der Magniviertel-Charme – ich bin begeistert!“ Louisa nickt: „Mehr Platz, aber trotzdem ultragemütlich.“ Benny blickt auf die Wandfarbe: „Das Rot ist cool.“ Dunkler als im Handelsweg, aber das Rot von dort aufgreifend; so verhält es sich auch mit dem Grün der Plattenkistenvorhänge. „Ich war schon mal hier, als es noch leer war und die Wände schon rot waren“, erzählt Louisa und staunt: „Es ist noch viel gemütlicher, als ich gedacht habe!“ Sie schwärmen von den Fenstern auf beiden Seiten des Geschosses und von der Atmosphäre, die sich dadurch hier oben ergibt. „Ich bin gespannt, wie es draußen ist“, sagt Louisa mit dem Wissen um die Sitzplätze auf dem Magnikirchplatz. „Die Lage ist cool“, bestätigt Denise, und Benny ergänzt: „Es gibt einen fließenden Übergang zu Barnaby’s Blues Bar – der Magnikirchplatz ist ein neuer Hotspot in Braunschweig!“ Das findet Denise ebenfalls: „Von der Lage ist es kein Downgrade.“ Benny bestätigt: „Es ist mindestens gleichwertig!“ Das Sofa aus dem alten Riptide hätten sie überdies beinahe nicht wiedererkannt: „Es kommt hier mehr zur Geltung“, findet Louisa, und Denise grübelt: „Damals sah’s größer aus.“ Benny grinst: „Es ist geschrumpft!“ Die drei stellen übrigens die Subway-Redaktion dar, erzählen sie. „Es gibt ein enges Verhältnis zu Chris“, sagt Benny, „er schreibt immer noch Plattenrezensionen für uns.“ Sie stoßen mit ihren Getränken an: „Auf das Riptide!“

Auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss passiere ich einen Plüschbüffelkopf und das aus dem früheren Café bekannte Hirschgemälde. Neue und alte Hingucker bilden eine Einheit. An den Fensterreihen bildete sich unterdessen eine die erforderlichen Abstände einhaltende Gesprächsrunde, und Marc und Sarah baldowerten angesichts der berühmten sportlichen Aktivitäten auf dem Magnikirchplatz eine Aktion aus, die sie Chris unterbreiten: „Wir haben die Idee: das erste Riptide-Boule-Turnier!“, sagt Marc, und Sarah fügt an: „Es muss mir nur noch jemand beibringen.“ Der Vorschlag stößt bei Chris nicht nur auf offene Ohren, einen ähnlichen Gedanken hatte er auch schon.

Zu der Sitzrunde gehört Enno, der feststellt: „Ich muss mir noch eine Liste machen mit den Platten, die ich noch bestellen will, das konnte ich zwei, drei Monate nicht.“ Stimmt, ich hab hier noch zwei Alben abzuholen, die eintrafen, kurz bevor der Lockdown beschlossen wurde. Mir kommt Enno bekannt vor, und er mutmaßt, dass das von einem Online-Bild herrühren könnte, denn: „So habe ich Sascha kennen gelernt, er hat mich von einem Instagram-Foto erkannt“, erzählt er. „Ich hab unterm Dach was gemacht und Chris hat das gepostet.“ Neben uns kommt das Gespräch darauf, dass die neue Küche auch heute schon offen ist und dass erstmals im Riptide Pommes auf der Karte stehen. „Weil: gibt hier Fettabscheide“, weiß Enno, „aber nur für Pommes, nicht für Körperfett.“ Die Speisekartenneuerung ist ein Auslöser für Henning, sich bei Rosa einen Burger mit Pommes zu bestellen.

Sarah setzt sich zu Sascha an die Fensterreihe und stellt mit Blick auf den ihr gegenüber vor den Vinylalben sitzenden Marc fest: „Wir müssen die Platte noch kaufen.“ Sascha ist verwirrt: „Welche Platte?“ Sarah deutet auf den Tischler gegenüber: „Na, die Arbeitsplatte, die uns Marc empfohlen hat!“ Sascha lacht, denn der Blick in Richtung Marc hätte auch einer in Richtung der Schallplatten gewesen sein können.

Der Burger und die Pommes für Henning sind fertig, Rosa stellt ihm den rechteckigen Teller an seinen Platz am Fenster, neben Enno. Wie sind sie denn, die womöglich ersten Pommes, die im Riptide für Gäste zubereitet wurden? „Hm, ja, doch“, kaut Henning, „hmmm, lecker!“ Das erinnert Enno an einen Sketch von Loriot: „Der Mann isst.“ Die neuen Pommes sind also gut, sagt Henning, und stellt zudem erfreut fest: „Der Burger allerdings ist ganz vertraut!“ Diese Pommes nun sind nicht das einzig Neue auf der neuen Karte, und so manches Alte ist auch noch verfügbar, etwa Lemmys Frühstück, das aus Kaffee, Whisky und Zigarette besteht. „Ich muss Platten gucken“, sagt Enno nun und springt von seinem Platz auf. „Das habe ich seit Monaten nicht gemacht!“

Zwischen den turbulenten Gesprächen bietet Rosa immer wieder Getränke an, unter anderem den neuen Jägermeister Scharf. Mit überraschenden Folgen: „Marc hat grad nach dem ersten Jägermeister erzählt, dass er Lenny Kravitz‘ Emmy angefasst hat!“, kreischt Sarah. Henning lässt sich „ausnahmsweise“ auch auf ein Glas Jägermeister ein, ermahnt Rosa aber: „Wenn ich danach noch einen will: ähm, nicht.“ Sascha berichtet: „Heute bin ich richtig eskaliert: Bevor ich losgegangen bin, hab ich mein Handy zu Hause gelassen.“ Und Enno weiß: „Sogar der Fußboden ist aus Vinyl!“

Nicht weniger glücklich über den Neustart als die Gäste sind Rosa, Imke, Melissa und Max. Rosa bedauert nur, dass sie unter den Masken nicht erkennen kann, ob ihr Gegenüber lächelt, und strengt sich an, selbst so sehr zu lächeln, dass man sie auch über die Maske hinweg als freundlich auffasst. Max baut auf mehr Laufkundschaft als im Handelsweg und ist sich sicher, dass sich etwa Gäste von Barnabys Blues Bar bei den Pommes vom Riptide bedienen würden. Draußen auf dem Platz bestätigt ihm das Bernd, der Gast bei Barnabys ist: Er würde sich im Riptide Burger bestellen und die mit an die Tische der Blues Bar nehmen, denn „Peter hat nix dagegen“. Also die direkte Bestätigung von Max.

Und auch von Chris, der zu Peter längst freundlichen Kontakt aufgenommen hat, ebenso zu vielen anderen der neuen Nachbarn. „Die Blumendeko ist bei Nachbarn gekauft, bei Florentine“, bestätigt er und betont, dass ihm das wichtig sei, lokales Gewerbe zu unterstützen. Analog zum Handelsweg seien auch hier im Magniviertel dankenswerterweise keine Ketten vertreten, sondern „alles Überzeugungstäter“. Die Aussichten für einen gelungenen Neustart sind blendend, mehr Personal ist bereits eingestellt, das Interesse ist riesig, die Nachbarschaft offen, die Laufkundschaft zahlreich und die Sehnsucht nach Treffen mit Freunden im Café Riptide nicht nur wegen der Monate in der Kontaktsperre gigantisch. Und Chris ist sichtlich bewegt, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist, mit Abschieden und Neustarts, mit Problemen und Lösungen, mit aller emotionaler Wucht, die damit einhergeht. Und: Ab morgen dürfen die ersten Gäste kommen, unter Einhaltung der Infektionsschutzregeln, und sich davon überzeugen, wie großartig das alte Café Riptide am neuen Standort ist.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#151 Otto hält die Fahne hoch

20. April 2020


Sonntag, 19. April 2020

An einem Sonntag im April darf man auch mal Element Of Crime zitieren. Unterwegs bin ich in den Handelsweg, ins Riptide, das alte Riptide, das neue Riptide Offshore, das es noch nicht ist und noch nicht sein darf, weil ein Virus die ganze Welt lahmgelegt hat. Für das Riptide ist dies ein doppelter Schlag ins Kontor, weil Chris eigentlich vorgehabt hatte, es am 1. April am neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen und parallel den alten Standort für Umzugsfinanzierungsbenefizveranstaltungen bis zum Auslaufen des dortigen Mietvertrages Ende August weiterzunutzen. Da nun aber das Corona-Virus erhebliche Einschnitte in das gewohnte Leben mit sich bringt und um die Menschheit zu schützen so gut wie alles nicht erlaubt ist, darf auch Gastronomie seit Mitte März nicht mehr betrieben werden. Heißt fürs Riptide: Doppelte Miete, Gehaltszahlungen – aber keine Einkünfte. Um wenigstens etwas an Kosten decken zu können, richtete Chris die Spenden-Webseite savetheriptide.de ein; bis kurz vor Ende Mai ist der Fortbestand gesichert. Und weil sich das Virus auf sämtliche Bereiche auswirkt, verzögert sich außerdem der Ausbau des neuen Riptides. Handwerk und Produktion verhindern punktgenaue Termineinhaltungen, und hätte Chris nicht Hilfe von Freunden, wäre er aufgeschmissen.

Einen solchen kleinen Beitrag will ich heute auch leisten, es gilt, Schallplatten vom Handelsweg zum Ölschlägern zu bringen. Sonntagmittag, schönstes Aprilsonnenwetter, es ist wie beinahe seit einem Monat durchgehend sonnig, aber noch nicht so warm, dass man sich in den Park setzen mag, was ohnehin zu den Aktivitäten gehört, die derzeit nicht erlaubt sind. Alltagseinschränkungen haben Bund, Länder und Kommunen zahllose erlassen, um die Ausbreitung des Virus‘ einzudämmen, und auch wir beide wollen und müssen uns jetzt und heute daran halten, selbst wenn es quasi dienstliche Aufgaben zu erfüllen gilt.

Ich bin noch vor Chris im Handelsweg. Der Blick in die vertraute Gasse bricht mir das Herz. So sonnig, und so leer. Im Eingang von Comiculture stapeln sich Prospekte, Marion hat einen Karton mit der Aufschrift „Zu verschenken“ vor ihrem Laden Fifty-Fifty abgestellt, knapp neben dem Eingang der mit einem schwarzen Vorhang blickdicht gemachten Einraum-Galerie, mit Herzen und der allgemein durchgesetzten sympathischen Empfehlung „Bleibt gesund“ darunter; dieser Karton ist längst leer. Vor der Strohpinte stehen Tische und Stühle, als wolle Helmut jederzeit Gäste empfangen. Er tritt aus der Tür. Zwar sei er auf die laufende Kneipe angewiesen, mache sich aber nicht verrückt: „So lang ich atme und die Sonne scheint“, sagt er und schlendert entspannt die Breite Straße entlang. Knapp verpasst er Stecky, der mit Gefolgschaft aus der anderen Richtung kommend in den Handelsweg einbiegt, um vor Tante und Onkel Puttchen die Bänke und Tische zu erneuern. Einige ausgemusterte Bretter stapeln sich in dem Bereich zwischen Serges Antiquariat und der Schmuckwerstadt38.

Und mitten im Handelsweg ist das Achteck zwischen Café Riptide und Rip-Lounge unter dem Segeltuch leer. Den Hashtag #savetheriptide hat jemand mit Kreide auf die Bodenplatten gemalt, ein Aufruf zur Initiative Seebrücke ist auf der anderen Seite noch lesbar. Die maßgefertigte Holzbank vor der Lounge nahmen Diebe in der zurückliegenden Nacht mit. Hier tobte noch vor einem Monat das Leben. Zettel in den Türscheiben weisen auf den geplanten und verschobenen Neustart im Magniviertel hin, abgeschlossen mit dem freundlichen Aufruf „bleibt gesund, solidarisch, besonnen und passt auf euch auf“.

An der Wand neben dem Eingang hängen noch die drei Schallplatten, eine Mozart-LP und zwei Shakin-Stevens-Singles. Im Aushangkasten auf der anderen Seite der Tür schwenkt Otto von den Simpsons einsam die Riptide-Flagge. Durch die Scheiben sind die Stapel dessen zu sehen, was aus dem Café vertraut ist und wohl noch für den Umzug verpackt wird: Sitzkissen, Plattenspieler, Mischpulte, Kabel, Plastiktüten, Gefäße, Aschenbecher, Decken, Schüsseln, Speisekarten, Klemmbretter, Spiele, Rubiks Würfel, Bücher, Kerzenständer, Pflanzen; und bevor ich noch alles erfassen kann, fährt Chris in der Breiten Straße mit einem Bully vor. Ich gehe ihm entgegen.

Weiß mit einem blauen Streifen, aber ohne die frühere Aufschrift: Sofort fällt mir angesichts des Fahrzeugs eine Szene aus „Blues Brothers“ ein, und Chris weiß Geschichten vom Eigentümer dieses uralten Gefährts zu berichten, die diese Assoziation mit Leben füllen. Er wirft mit erforderlicher Wucht die Tür zu, öffnet die Heckklappe, nimmt die Sackkarre heraus und erzählt, dass ihm ein befreundeter Gastronom den alten Bully unentgeltlich für den Umzug zur Verfügung stellt. „Das ist auch Hilfe“, sagt er dankbar und führt all jene Leute ins Feld, die ihm physisch, monetär und mit Aktionen wie diesen unter die Arme greifen.

Wir begrüßen uns von Ferne, wie sich so gut wie alle Menschen zurzeit begrüßen, herzlich, aber ohne Körperkontakt, was uns sehr fehlt, und wovon wir hoffen, dass wir das bald umso ausgiebiger nachholen können. Was wir heute vorhaben, ist auch mit dem erforderlichen Abstand zu zweit machbar: Wir schleppen Kartons und Boxen ins Café und stapeln darin aus den Vinyl-Fächern in der korrekten Reihenfolge die Schallplatten ein, damit Chris sie im neuen Riptide ohne großes Suchen wieder einsortieren kann. Einer packt, der andere rollt das Gepackte mit der Sackkarre zum Bully. Das ist der Plan.

„Es ist ein Trauerspiel“, sagt Chris, als wir das Café betreten und uns in dem, was noch geblieben ist, umsehen. Ich fühle das sehr nach, auch wenn ich lediglich Gast bin, obschon vom ersten Moment an. Einige Stühle bleiben hier, ein Kühlschrank, die Bierbänke, manche Poster pinnen noch an der Wand, und so richtig genau mag ich gar nicht hinsehen, zu viel Leben habe ich hier verbracht, als dass ich das Dekonstruieren dieses Zuhauses so einfach wegstecken könnte. Also machen wir uns an die geplante Arbeit.

Reibungslos geht das Handwerk vonstatten, und nach einigen kiloschweren Transportwegen schließt Chris das Riptide ab, klappen wir sämtliche Bullytüren zu und begeben uns ins Magniviertel; auch in dem Fahrzeug kann man zum Glück das Regularium einhalten. Wir umrunden die Innenstadt, weil man vom Handelsweg aus nicht direkt ins Magniviertel kommt, und Chris erzählt begeistert und dankbar von den vielen helfenden Ideen, mit denen das Riptide Unterstützung erfährt. So hat Ben vom Illustratorenstammtisch angeregt, ein Benefiz-T-Shirt zu gestalten, gab es vorigen Samstag ein Instagram-Festival mit gestreamter Live-Musik von Kroner, Matze Rossi, Cosmo Thunder, Timo Scharf, Lina Brockhoff, Poly Ghost und No King. No Crown, und wenn alles so klappt, wie es sich in Aussicht stellt, könnte in zehn Tagen, zwei Wochen eine Art Vinyl-Bestellausgabe am neuen Standort eingerichtet sein, „Plattenverkauf außer Haus, mit Paypal zahlen, das ist ein Ziel“, sagt Chris. Doch dafür müsse noch einiges geschehen; er zählt die erforderlichen Arbeiten auf, die ab morgen anstehen: „Wir machen Riesenschritte die nächsten vier Tage“, sagt er. „Große, tolle Sachen“ sind vorgesehen, Max und Melissa übernehmen dafür beispielsweise den Umzug der Küchenutensilien. Gestern wäre eigentlich der Record Store Day gewesen, fällt mir ein, und Chris weiß, dass der verschoben wurde; laut Webseite auf den 20. Juni, inklusive der entsprechenden Hoffnung.

Von hinten durch die Brust ins Auge parkt Chris den Bully schräg am Magnikirchplatz. Vor dem Café in spe ist zurzeit kein Platz, denn dort streichen Sarah und Sascha zwei Dutzend Tische. „Wir verbringen unseren Urlaub hier gerade“, sagt Sascha, als er wohl nach einer Pause zu den Streichutensilien greift, um Sarah zur Hand zu gehen. Sie beneidet ihn um den „schönen neuen Pinsel“, doch er sieht da gar keine Vorteile für sich: „Wir können tauschen, ich nehme lieber was Altes.“ Sie tauschen, und Sarah strahlt: „Ha, neuer Pinsel!“

Um die Abstandregel brauchen sich die beiden keine Sorgen zu machen, jedenfalls zueinander. In dem Café arbeiten noch Judith in der Küche und Marc im Thekenbereich; sie achten auf die Erfordernisse und Chris und ich können entspannt den Bully entladen und die Kartons und Boxen dort deponieren, wo Chris sie sogleich in die Fächer entleert, wie geplant in der korrekten Reihenfolge. Alle indes darf er noch nicht befüllen, weil ein Tischler morgen noch an einigen zu arbeiten hat und die Platten ja nicht zugestaubt werden sollen.

Auch Marc ist Tischler, ein handwerklich variabler, weil er heute nicht nur die Barhocker kürzt, damit sie besser unter die neuen Begebenheiten passen, sondern auch Malerarbeiten übernimmt. Eine Getränkepause ist angesetzt, wir bedienen uns bei der Kiste Fritz-Kola, und Chris und Marc frotzeln herum. „Hab ich dir schon die Geschichte von Lenny Kravitz erzählt?“, fragt mich Chris dann lachend. Marc schüttelt den Kopf: „Er bauscht die Geschichte immer mehr auf!“ Hat er bislang noch nicht, also setzt er an: „Es trug sich zu, dass Marc als Tischler arbeitete, und ein Freund von ihm ist nach Miami ausgewandert, um dort als Tischler zu arbeiten, und Marc bekam einen Anruf von diesem Freund.“ Von draußen ist Saschas Stimme zu hören: „Erzählt er schon wieder die Lenny-Kravitz-Geschichte?“ Tut er, und laut der brauchte dieser Freund Hilfe, „also wurde Marc eingeflogen in die USA, für einen großen Auftrag“. Ein Haus sollte ausgebaut werden, sagt Chris, und Marc rollt grinsend mit den Augen: „Nein, wir haben nicht das Haus ausgebaut!“ Durch die Durchreiche zur Küche ist Judiths Lachen zu hören. Unbeirrt setzt Chris fort: „Das Musikzimmer von Lenny Kravitz hat er ausgebaut und mit ihm gefrühstückt – ich kann sagen, der Tischler von Lenny Kravitz ist mein Tischler!“

Mein Staunen ist mehr als angemessen, Chris strahlt breit und Marc fühlt sich genötigt, einige Details zu korrigieren: „Der Onkel von einem Freund ist Tischler in Miami“, beginnt er. In den USA gebe es „keine fähigen Leute“, habe dieser Onkel befunden, da man dort keine Ausbildung zu absolvieren haben wie hier, sondern lediglich angelernt werde, und Marc gefragt, ob er nicht bei ihm einspringen wolle, und da Marc zu dem Zeitpunkt gerade arbeitssuchend war, nahm er dieses Angebot an. „Ich bin über ein halbes Jahr geblieben“, erzählt er. Dort war es mit Tischlern so wie hier beispielsweise mit einem Innenarchitekten: „Der hatte feste Kunden, und Lenny Kravitz war einer – wir haben sein Musikstudio ausgebaut.“ Chris greift ein: „Spiel das mal nicht so runter, ich hab den Tischler von Lenny Kravitz hier!“ Judith lugt um die Ecke und will wissen: „Wie groß ist Lenny Kravitz?“ Laut Marc nur etwa 1,65 Meter, der war viel kleiner, wenn er neben Marc stand, der fast 1,80 Meter misst. Für ihn war das Frühstück mit dem Musiker auch gar nicht so speziell wie ein anderes „Highlight“, so Marc: Das Klo war einmal verstopft, und die Firma des Onkels war gerufen worden, um den Schaden zu beheben. Dafür entledigte sich Marc alsbald seiner Schuhe und auch seiner Socken. „Am Ende fehlte eine Socke, die hat wahrscheinlich der Hund geklaut“, lacht Marc. Und schließt: „Lenny Kravitz hat meine Socke.“ Chris mutmaßt: „Die hat er an der Wand hängen, wie ich meinen ersten Dollar: ‚Die Socke von meinem Tischler‘!“

Die nächste Fuhre steht an, Chris und ich kehren ins alte Riptide zurück. Nach dem Ausflug ins neue und den Ausblick auf das, was da kommen soll, fühlt sich der Abschied für mich nicht mehr ganz so schmerzlich an. Als hätte Chris meine Gedanken gelesen, sagt er: „Eigentlich wäre ich traurig, diesen Laden auszuräumen, aber ich weiß ja, dass es drüben schöner wird!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#150 Neustart in Sizilien (Racchette da olio)

8. März 2020


Samstag, 7. März 2020

Chris erweist mir die unsagbare Ehre, vorab einen Blick in die Räume des neuen Café Riptide zu werfen. Mit der Auflage, Details für mich zu behalten, weil vieles von dem, was ich zu sehen und zu wissen bekomme, für die Gäste eine Überraschung sein soll, sobald sie dereinst durch die Tür treten werden. Das beherzige ich natürlich – und bestätige ich: Ja, da wird definitiv einiges eine positive Überraschung sein!

Offiziell verraten ist inzwischen die neue Adresse. Richtig ist, dass die Immobilie am Magnikirchplatz gelegen ist, ein Eckhaus, ein Fachwerkhaus unter Denkmalschutz und mit entsprechenden Auflagen bei der Neugestaltung. Ölschlägern heißt die Straße hier, und die Nachbarschaft straßauf, straßab ist ausgezeichnet: Barnaby‘s Blues Bar, Petite Crêperie, Kaffeezeremonie, Café Makery, Café Strupait, Zweimalschön, Krambambuli, viele weitere kleine bis größere Läden – und mittendrin also ab April auch das Café Riptide. Passt! Schade nur, dass das Haus 3 des Staatstheaters wegzieht.

Ohne Draußenplätze wäre das Riptide ganz schön beschnitten, und Chris freut sich daher, dass dem Café diverse Quadratmeter vom Magnikirchplatz zustehen, direkt an die von Barnaby‘s Blues Bar angrenzend. Er malt sich das Leben im anstehenden Frühjahr strahlend aus: „Die Sonne scheint, wir sitzen unter Bäumen, wir haben die Kirche, wir haben Boulespieler, donnerstags den Wochenmarkt, ein kleiner, feiner Markt, mal mit fünf, mal mit sechs Ständen.“ Der ganze Platz ist umringt von ansehnlichem Fachwerk, na, beinahe, aber über die spärlichen Lücken im mittelalterlichen Bild lässt es sich leicht hinwegsehen.

Ein grünes Schild im Fenster des Eckhauses behauptet, dass unter dieser Adresse im Mai eine Trattoria und Late Night Bar namens „La Sizilia“ eröffnen wird. Chris führt mich an diesem Scherz vorbei ins Innere. Ich staune. Bei jedem Schritt mehr. Und Schritte gibt es hier viele zu tun, auf 170 Quadratmetern Caféfläche. Da springt das Herz bei dem, was hier entstehen soll. Chris lotst mich durch die Baustelle, die längst an vielen Ecken Konturen aufweist und an anderen andeutet, wie großartig es hier noch wird. Wir bleiben hier stehen, werfen dort einen Blick hinein und finden hüben provisorische Sitzgelegenheiten, um uns über alles auszutauschen.

Der Plattenladen, so viel ist gewiss, wechselt ebenfalls an die neue Adresse: „Das Konzept bleibt erhalten“, nickt Chris, also die Mischung aus Café, Vinylhandel und Kulturbühne. Wie genau sich alles dann im Inneren aufteilt, erarbeitet Chris parallel zu den laufenden Bautätigkeiten. „Was sich ändert, wird sich zeigen“, sagt er, denn nicht jedes Detail des vertrauten Riptide aus dem Handelsweg lässt sich transferieren, auch wenn das der größte Wunsch von Chris und André wäre. Bis zum 1. April schon muss nun jede erforderliche Entscheidung getroffen sein, denn für dieses Datum ist die Eröffnung geplant. Und das ist schon bald.

Weitergehen soll es nach Chris‘ Wunsch mit der Musikfilmreihe Sound On Screen von Universum-Kino und Riptide, doch ist der Weg vom Kino an die neue Adresse etwas weiter als an die alte und ein fußläufig nicht ganz so schnell erreichbares Anschlussprogramm möglicherweise nicht jedes Gastes Geschmack. „Wir müssen sehen, was wir machen“, sagt Chris, und betont: „Wir wollen weitermachen.“ In der Sommerpause der Musikfilmreihe sei ausreichend Zeit, neue Konzepte zu erarbeiten; bis Mai steht das Programm bereits und findet wie gewohnt im alten Riptide statt, als nächstes am 19. März mit dem INXS-Film „Mystify“ und meinem bescheidenen Achtziger-Programm im Anschluss.

Die 170 Quadratmeter des neuen Cafés standen zuletzt zwei, drei Jahre lang leer, davor beherbergten sie einen Outdoorladen. „Niemand wollte es haben“, sagt Chris, und die Umwidmung vom Ladengeschäft zum Gastronomiebetrieb erfordert so einiges an Arbeiten – und an Genehmigungen durch die Denkmalschutzbehörde. Über „skurrile Details“ der Immobilie freut sich Chris, weil es die ja auch im Handelsweg gibt, etwa mit der gegenüberliegenden Rip-Lounge, für die man das Café verlassen und das Achteck im Handelsweg durchqueren muss. Und damit hat er Recht, da gibt es auch im neuen Palast definitiv massenhaft zu staunen. Vieles in diesem Umfeld ist sogar neu entstanden, Chris und die Architekten setzten einiges um, immer unter dem kritischen, aber offenbar wohlwollenden Blick des Denkmalschutzes. Chris berichtet von einigen elementaren Vorher-Nachher-Situationen, die jetzt zu überwältigenden Raumgestaltungen führten, und stellt jubelnd fest: „Bin ich happy!“

An den Wänden sind bereits erste Möbel aus dem alten Riptide lagerartig aufgereiht: „Das fällt drüben nicht auf, dass sie weg sind“, berichtet er, und ich stimme ihm zu. Vorgestern erst saß ich mit Micha dort, als wir an der Eröffnungsfeier des Projektes „Futter Teresa“ im Kleinen Onkel Puttchen vorbeikamen und uns im Riptide auf ein gerüttelt Maß Getränke trafen, und abgesehen davon, dass die Plattenfächer an den Wänden fehlten, hatte ich nicht den Eindruck von Lückenhaftigkeit im Mobiliar. Dabei befinden sich die Sitzbänke eben längst an der neuen Adresse: Im alten Café liegen schwarze Stoffe auf Bierbänken, was man nur sieht, wenn man es weiß, und vermutlich nur feststellt, wenn man sich daraufsetzt. Auch die LP-Fächer im Handelsweg sind längst nur noch improvisiert, die echten stehen bereits locker im neuen Café verteilt. Lediglich das Sofa „als Charakteristikum“ thront derzeit noch an seinem angestammten Platz und wird seinen Ort im neuen Café ganz sicher finden.

Und schon jetzt gibt es erste Kontakte zu den neuen Nachbarn, erzählt Chris, die sich wohl schon auf das Riptide freuen. Einige helfen bereits, indem sie etwa Pakete annehmen, andere kündigen ihre Hilfe an, falls im Betrieb etwas vonnöten sein sollte. So war und ist es auch im Handelsweg: Die Nachbarn unterstützen sich gegenseitig, und Geschichten von Rettern aus der Not gibt es unzählige. Schön, dass das wohl überall so zu sein scheint, und als empfinge das Magniviertel das Riptide mit offenen Armen. So fühlt sich der Umzug gleich wie eine Heimkehr an.

Schon jetzt nimmt man im Straßenbild überdies einen erheblichen Unterschied zu der Situation im Handelsweg wahr: Dort hat man kaum Laufpublikum, hier flanieren unzählige Menschenmengen durchs historische Braunschweig. Das Riptide wird also künftig nicht nur seine zahllosen treuen Stammgäste bewirten können, sondern zusätzlich auch Touristen, Anwohner, Berufstätige, Schüler und Spaziergänger, die sich vom Fachwerkcharme des Magniviertels angezogen fühlen und sich nicht nur für eine Kaffeepause im oder vor dem Riptide niederlassen.

Und auch für das Riptide-Team wird am neuen Platze einiges einfacher, etwa, wenn es darum geht, den Müll zu entsorgen. Oder auch: „Ich muss nicht mehr im laufenden Betrieb in den Keller, wenn das Eis alle ist“, freut sich Chris. Wenn die Bude brennt, sind solche 40 Sekunden Abwesenheit nämlich entscheidend. Außerdem bekommt das Team eigene Aufenthaltsräume im Gebäude, die Chefs haben ein Büro, das nicht wie jetzt noch extern gelegen ist, „das ist Luxus!“, schwärmt Chris, und sogar eine eigene kleine Küchenzeile im Teambereich ist vorhanden. Und eine richtige Küche für das Café, nicht mehr nur eine Teeküche wie im Handelsweg – das lässt Raum für Speisekartenerweiterungen, die gegenwärtig abermals noch nicht festgezurrt sind.

Im Handelsweg läuft der Betrieb vorerst weiter, jedoch am 29., 30. und 31. März wird das alte Riptide vorübergehend komplett geschlossen, „dann wird alles rübergekarrt“, so Chris, damit – nach Möglichkeit – der Betrieb am 1. April unter der neuen Adresse aufgenommen werden kann, „hoffentlich“. Dann gibt es im Handelsweg nur noch das leere Geschäft: „Wir lassen die Theke da, die Kühlschränke, die Kaffeemaschine.“ Denn die Theke lässt sich aus räumlichen Gründen nicht transferieren, da existiert bereits eine Neuanfertigung, die noch installiert werden muss. „Drei Monate läuft noch der alte Mietvertrag, das offizielle Riptide ist dann hier, mit allem, was ihr kennt, und das drüben nennen wir ‚Riptide Offshore‘“, erläutert Chris. Das wird dann vermutlich nur noch freitags und samstags geöffnet sein. Diverse Bands sicherten schon ihre Auftritte zugunsten der Umzugsfinanzierung zu, erzählt Chris dankbar, darunter You Silence I Bird, Kroner, Timo Schaaf alias Son, die Maniacs.

Was auch immer künftig passiert: „Wir wollen das Team einbeziehen in den Neustart“, betont Chris. Zu diesem Team gehört auch weiterhin Marco, den eine besondere Geschichte mit dem Riptide verbindet, und das schon seit neun Jahren. Ebenfalls mit kommt Dirk, der verstorbene beste Freund von Chris, mindestens vermittels der Möbel, die einst ihm gehörten und die dann im Riptide Verwendung finden. Chris hat da noch mehr Ideen, aber bislang – wie in so vielen anderen Belangen – eben lediglich Ideen, da bis zu deren Umsetzung noch viele andere grundlegende Aufgaben bewältigt sein müssen. Ach, und die Telefonnummer bleibt natürlich: „André hat schon beantragt, dass die mitkommt“, sagt Chris. Er blickt durch den Raum und strahlt: „Ich bin guten Mutes und voller Vorfreude!“

Das Quiz im April soll auf jeden Fall schon im neuen Riptide stattfinden, das steht schon mal fest. Die Öffnungszeiten werden sich wohl verschieben, von jetzt nachmittags auf künftig bereits um die Mittagszeit, aber nicht so spät in den Abend hinein, nicht zuletzt wegen der neuen Nachbarn. Möglicherweise wird es dann sogar erforderlich, mehr Personal zu beschäftigen. In der Geschichte des Riptide sahen André und Chris schon über 70 Mitarbeiter kommen, gehen und bleiben, resümiert Chris, und zu fast allen von den Ehemaligen hat er sogar noch heute Kontakt.

Es bleibt nicht aus, in solch einer Situation an früher zu denken und sich an den Beginn des Riptide zu erinnern. Ich weiß noch, wie ich Anfang der Nuller Chris kennen lernte, zunächst über The Pleasure Syndicate, seinen Onlinehandel, den ich entdeckte, als der letzte freie Plattenladen in Braunschweig geschlossen hatte. Wir mailten zunächst, und 2005 bei einem Tiger-Lou-Konzert im Nexus traf ich ihn erstmals direkt, als er Schallplatten feilbot und ich auf der Box den Sticker von The Pleasure Syndicate erkannte. Eine der CDs, die ich später bei ihm erwarb, war „Fundamental/Fundamentalism“ von den Pet Shop Boys, die seitdem auf immer mit Chris verknüpft ist. Was war ich traurig, als er ankündigte, nach Berlin zu gehen, um dort einen Plattenladen zu eröffnen. Und was war ich froh, als er mir kurz darauf erzählte, dass er doch in Braunschweig bleiben würde. Er tat sich mit André zusammen und brachte am 16. September 2007 das Café Riptide an den Start.

Und nun versuchen sie es nach dem erzwungenen Aus im Handelsweg eben im Magniviertel. Die juristischen Gründe, derentwegen Chris die neue Adresse zunächst unter Verschluss hielt, waren versicherungstechnischer Art, erklärt er: Als noch bis zu fünf Baufirmen gleichzeitig in dem Gebäude tätig waren, nutzten gelegentlich Passanten die offen stehende Tür, um einen Blick auf die Baustelle zu werfen, wodurch es zu Unfällen hätte kommen können. Um dies zu verhindern und keine Begehrlichkeiten zu wecken, verschwiegen André und Chris die neue Adresse bis jetzt. Und brachten als Scherz das Plakat mit „La Sizilia“ an, auch in Anlehnung an den Auftakt im Handelsweg, als sie ein Schild mit der Aufschrift „Hier entsteht ein Hallenbad“ an der Tür befestigten und ein Vater mit Kind auf dem Arm fragte, wann es denn damit losgehe.

Losgehen muss Chris nun auch, und ich schließe mich an, nachdem er hinter uns abschließt. Maren und Arni schrieben gerade, dass sie im noch aktiven Ritpide sitzen, und dahin folge ich ihnen jetzt. In der Tat, ich stelle staunend fest: Das sind Bierbänke, dort an der Wand, vieles ist improvisiert, und doch fehlt es an nichts. Auch nicht an bester Laune, trotz einiger Wehmut. Zwölfeinhalb Jahre hier, das Riptide ist ein Zuhause, der Handelsweg eine Hood – nun, bewegen wir uns eben mit den Ereignissen und öffnen uns für das, was sich dort öffnen wird. Ein Pizza-Straßenverkauf wird es eher nicht sein, auch wenn manchen Passanten im Magniviertel diese Idee behagen würde.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#149 Ein Pint Guinness auf der Autobahn

20. Februar 2020


Dienstag, 18. Februar 2020

So viel Umbruch im Café Riptide, so viele Gerüchte im Umlauf, so viele offene Fragen! Sicher ist: Der jetzige Standort ist nicht zu halten, das Café muss nach über zwölf Jahren aus dem Handelsweg wegziehen. Leider. Doch es gibt eine Zukunft, das stellen Chris und André in Aussicht, nur über den neuen Ort schweigen sie sich noch beharrlich aus, auch den Medien gegenüber, die etwas vom Magniviertel spekulieren. Ob das überhaupt stimmt und wenn ja, wo genau, also in welcher Nachbarschaft, spoilert indes niemand.

Was das für die gegenwärtige Nachbarschaft bedeutet, also den Handelsweg, wer also Nachmieter vom Riptide wird, ist ebenfalls offen. Konzerte zumindest richtet nun auch Stecky aus, der ja seit Sommer das Tante Puttchen betreibt und sich im Herbst auch das leerstehende Café Drei gegenüber sicherte, um es als „Kleiner Onkel“ für private Feiern zu vermieten oder eben Konzerte dort auszurichten. Von Iggy weiß ich zum Beispiel, dass er Gaea, einen befreundeten Hiphoper aus Portugal, bei Stecky unterbrachte; vergangene Woche trat der dort mit JPen aus Braunschweig auf. Das läuft also weiter.

Ich jetzt auch, und zwar ins Riptide, nicht, um möglicherweise Fragen beantwortet zu bekommen, sondern um Schepper zu treffen. Den sehe ich dort aber noch nicht, dafür laufe ich an der Theke Robert in die Arme. Der lässt sich von André über eine gesuchte Schallplatte beraten und hat dort außerdem seinen Kistenfund abgelegt, die „Sensation EP“ von Slut als 10“. Von denen hat Robert bislang nur eine CD, „Songs aus der Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 2006: „Die spielen sie anders als Kurt Weill, in ihrer Instrumentierung“, erklärt Robert, und davon sei er so begeistert, dass er sich eben zehn Jahre später „nebenbei“ einfach mal diese Schallplatte mitnehmen möchte. Beide wissen wir, dass die Band aus Ingolstadt kommt, aber nicht, ob es sie heute noch gibt. Robert dreht die 10“ um und entziffert das Kleingedruckte: „1997 aufgenommen in Weilheim, von Console“, stellt er fest. „Aha, die stecken alle unter einer Decke!“

Jetzt hat André nach Blick in den Computer Auskünfte zu Roberts Vinylwunsch. Dabei handelt es sich um Fugazi, „etwas aus der Vergangenheit“, erzählt Robert: „Ich habe etwas gesucht und im Keller alte Kassetten entdeckt.“ Die schleppte er in seine Küche, denn dort hat er noch einen Kassettenrekorder stehen: „Also höre ich sie“, er druckst etwas, „beim Abwaschen.“ Darunter eben die „Repeater“ von Fugazi, außerdem NoMeansNo und Primus. Gutes Zeug, und gerade heute las ich, dass Primus mit einem Tribute-Programm für Rush auf Tour gehen, vermutlich anlässlich Neil Pearts Tod. Das passt gut, weil Primus‘ Debüt mit einem Rush-Zitat beginnt: Das Intro von „YYZ“ eröffnet „John The Fisherman“ auf der „Suck On This“.

Bei so viel altem Zeug kommt Robert jedenfalls gar nicht hinterher, das ganze Neue aufzuarbeiten: „Ich habe für ein Jahr Bücher und Musik liegen“, winkt er ab. Und erklärt, dass er sich gern quasi an etwas festbeißt, das ihn begeistert, und es „dauernd“ immer wieder hört, auch ältere Wiederentdeckungen. Außerdem ist er seit einigem Monaten Teil einer sechs-, siebenköpfigen Gruppe von Leuten, die sich einmal im Monat ihre Lieblingsmusik vorspielen: Jeder bringt eine viertelstündige Auswahl mit und erläutert, was ihm daran so wichtig ist, und das Ganze im Rahmen eines Essens. Noch mehr Material zum Hören also: „Das gab einen großen Haufen neuen Input“, strahlt Robert, „das bereichert mich.“ Wie der ganze soziale Austausch dieser Abende überhaupt: „Statt Spielen oder sich sinnlos betrinken.“ Die Stilpalette der Runde sei sehr breit, erzählt er: „Eine kommt aus dem Bereich Doom-Metal, das ist eigentlich nicht meins.“ Doch habe sie immer etwas dabei, das ihn begeistere.

Dabei ist Robert selbst ein Musiker, der begeistert: Zuletzt sah und hörte ich ihn im Oktober beim von Amy-Baker-Schlagzeuger Paul organisierten Open Arsch (Closed) im Wolfsburger Hallenbad, als er mit Lump auftrat. Robert erlebe ich als Antithese zum Hybriden, sozusagen als Weder-Noch: Er spielt weder Rhythmen noch Melodien auf seiner Gitarre, sondern – beides, und auch beides nicht, aber einem beim Jazz geschulten Noiserock entlehnt, lückenhaft, dezidiert, eigenwillig, unvorhersehbar, einnehmend, groovend.

Auch Robert bewegt die Frage nach dem Weitergehen im Riptide, von André möchte er wissen, ob es eine Lücke zwischen Schließung und Neueröffnung geben wird. „Vielleicht eine Woche“, sagt André. Ab Anfang März wird das alte Riptide „für eine gewisse Zeit“ geschlossen, weil dann der Umzug beginnen soll, und das Neue soll „Anfang, Mitte April“ an den Start gehen. „Hier wird auch aufgemacht“, sagt André, für eine Art „Abrissparty“, aber: „Die Platten sind dann schon rübergebracht.“ Noch mehr Details dazu habe Chris, der das Projekt parallel voranbringt und deshalb nicht hier vor Ort ist.

Für mich bedeutet das zumindest, dass ein riesiger Wunsch noch in Erfüllung geht: Ich lege einmal im Rahmen von Sound On Screen im alten Riptide auf. Mit keiner Einrichtung war ich jemals so eng verbunden wie mit dem Café Riptide, da stand ich am allerersten Tag an der Theke, damals, 16. September 2007, mit Micha, den ich da erst kennenlernte. Einen Monat später begann ich diese Chronik, ich hatte bald danach eine Fotoausstellung mit einem Auftritt von Schepper, Toddn veröffentlichte Auszüge aus dieser Chronik als Buch und ich las im Riptide daraus vor, abermals mit Schepper sowie mit Sibylle als Moderatorin, einmal legten Uwe und ich im Café auf – und überhaupt erlebte ich ausufernd viel in diesem Riptide, das für mich und mein Leben eine erhebliche Bereicherung ist. Ich bin André und Chris unendlich dankbar für all diese Erlebnisse, und die Aftermovie-Party von Sound On Screen bestreiten zu dürfen, ist eine riesengroße Ehre für mich. Am 19. März läuft im Universum-Kino „Mystify“, die Dokumentation über INXS-Sänger Michael Hutchence, und ich darf anschließend meine liebsten Achtziger-Hits spielen.

Die darauf folgenden beiden Filme der Reihe sind „Elektrokohle (von wegen)“ über die Einstürzenden Neubauten am 17. April, an dem wir dumerweise parallel mit Rille Elf den 23. Ball im Bierhaus ausrichten, und die Dokumentation „Cairo Jazzman“ am 28. Mai. Unter beiden Filmen steht auf dem Flyer explizit, dass das Folgeprogramm im Riptide stattfindet; im April eine themengemäße DJ-Party und im Mai ein exklusives Konzert mit dem Laokoon Trio. Das regt natürlich zu Spekulationen an: Wenn der Mietvertrag erst Ende August ausläuft, sind damit dann noch die alten Räume gemeint – oder übernehmen Chris und André den vertrauten Namen für den neuen Ort und die Shows laufen dort? Sicher ist: Es geht weiter, und das beruhigt.

Und noch ist von einem Ende im Riptide auch nichts wahrzunehmen, sieht man einmal von den leeren Wänden ab, an denen zurzeit keine Kunst hängt, aber das war auch früher schon immer mal so, zwischen zwei Ausstellungen sind die Wände eben kahl. Ansonsten ist alles wie immer. Die Weihnachts-CD von The Twang liegt neben der Muffin-Vitrine, der Stapel Riptide-Aufkleber auf der Theke will dezimiert werden, alle Tische sind belegt, Gäste lümmeln sich auf dem Sofa, die Glitzerkugel strahlt, die Spiele stapeln sich am Fenster, neue Platten stapeln sich in den Fächern. Alles ist so vertraut.

Auch eine rote Kerze brennt noch auf der Theke. Daneben steht das Bild von Dirk, der einen Tag vor Silvester verstarb und der für viele Menschen, nicht nur aus dem Riptide, ein wichtiger Freund war. Aktiv war Dirk im Nexus, und dort fand im Januar auch die Trauerfeier für ihn statt – so warmherzig, so emotional, so berührend. „Für immer mit uns“, steht auf dem Foto im Riptide, und „Rest in Power“ schrieb das Nexus auf ein großes Transparent. Das hing auch am zurückliegenden Wochenende noch dort, als das Nexus den 15. Geburtstag feierte und immer wieder an Dirk erinnerte. Der Filmabend am Donnerstag etwa war ihm gewidmet. Ich lernte Dirk in meinem Auto kennen, als wir 2016 mit Nils nach Wolfsburg ins Ost fuhren, um dort Der Weg einer Freiheit zu sehen, wobei die beiden eher wegen der Band Fäulnis dort waren. Nicht nur bei den Indie-Ü30-Partys und im Nexus-Plenum traf ich Dirk danach immer mal wieder. Es rührt mein Herz, wie man allerorts seiner gedenkt.

Schon merkwürdig: Vor fünf Jahren bereits wurde mir bewusst, dass die Indie-Ü30-Party nur zwei Jahre jünger ist als das Nexus, und je älter beides wird, desto geringer scheint dieser Abstand in der Relation zu sein. Irgendwann empfinde ich beides womöglich als gleichalt, dabei war das Nexus für mich bereits etabliert, als Henrik und ich dort 2007 wegen der Party vorsprachen. So ähnlich ging es wohl auch der Tochter eines Bekannten, die bei der Geburtstagsfeier am Samstag meinte, das Nexus gab es schon, als sie begann, wegzugehen: „Es muss also älter sein als ich!“ Vielleicht stimmt es also, was Plautzenotto Nils als Sänger von E-Egal kurz darauf behauptete, dass das Nexus nämlich bereits 750 Jahre alt ist.

Ganz abgesehen davon, dass E-Egal vortrefflich mitreißenden Skapunk auf das rappelvolle Nexus niedergehen ließen – wie allein der Bass groovte! –, zeichnete sich Nils ohnehin durch humorige Ansagen aus. Der Bruder des Kackschlacht-Musikers Thomas, bei E-Egal an der Gitarre, sei nach Essen gezogen, brüllte Nils in die Menge: „Und wisst ihr, wer da herkommt?“ Erwartungsvoll blickte er in die Gesichter der verwirrten Leute, die eigentlich tanzen und feiern wollten, und löste dann selbst: „Juliane Werding!“ Nun, der offenbar erwartete Effekt blieb etwas aus, aber wenigstens Thomas murmelte: „Was du alles weißt!“ Nils setzte fort: „Und für welches Lied ist sie bekannt?“ Thomas riet: „Ein bisschen Frieden.“ Entnervt sah ihn Nils an: „Das war doch Michelle!“

Das kunterbunte Familientreffen endete mit einem Pleasure Park, Chris‘ früherer Partyreihe im Nexus. Henrik und ich wiederum legen am 28. März wieder im Nexus auf, bei der 26. Indie-Ü30-Party. „Wir wechseln zum zweiten Mal das Jahrzehnt“, stellte Henrik kürzlich fest. Und das mit einer lustigen Idee, die wir mal eben im Auto von Celle nach Hohnhorst hatten. Ein Geschenk!

Plötzlich steht Schepper neben mir. „Ich hab dich schon von gegenüber gesehen“, erzählt er. Da trieb er sich also herum, in der Rip-Lounge! Bei Melissa gibt er seine Bestellung auf: eine Fritz ohne Zucker und eine ganze Kanne Ingwertee. Ich schließe mich mit einer Karamellfritz an und folge ihm in die Rip-Lounge. Dort blättert er am großen Fenster sitzend in seinem Musiker-Magazin und sinniert wehmütig über diesen fabelhaften Ort. Es ist schön, dass es mit dem Riptide weitergeht, und es ist schade, dass es nicht hier ist, da sind wir uns einig. „Das Riptide ist wie ein Raumschiff, das hier gelandet ist“, versucht sich Schepper an einem Bild.

Die Wand neben Schepper ist blank: Dort hing bislang noch der „Tat-O-Mat“, der Kunstautomat der Künstlerinnengruppe Tatendrang. Für uns liegt die Vermutung nahe, dass das auch schon mit dem Umzug zusammenhängt. Wir betrachten den Sound-On-Screen-Flyer mit dem Programm von März bis Mai, der in dem Speisekartenhalter vor uns klemmt, und freuen uns, dass diese Reihe offensichtlich fortbestehen wird. Die Filme an sich sind zwar sicherlich auch ohne Aftershow zeigbar, aber mit dem Riptide hat Sound On Screen einfach einen viel größeren kulturellen Wert. Oder, wie Schepper es ausdrückt: „Das Riptide ist für Sound On Screen die Sahne mit Kirsche auf der …“ Er überlegt kurz und ruft dann: „Pizza!“ Kopfschüttelnd stellt er fest: „Ich hab Wortstörungsfindung.“

Durch zwei Scheiben erblickt Schepper gegenüber im Café Jörg, seinen Physiotherapeuten. Und Jörg kommt noch kurz zu uns herüber, bevor er nach Hause geht. Schepper und er plaudern über Musik, und dabei lässt Schepper durchblicken, dass auch Jörg einmal Bassist war. Kann man denn irgendwann nicht mehr Bassist sein? Das ist wie mein Lieblingsdialog aus dem in Italien spielenden Film „Rosannas letzter Wille“, als Rosanna ihren Mann im Flugzeug fragt, ob der Bürgermeister von New York eigentlich immer noch Italiener sei, und ihr Mann, gespielt vom marokkanischstämmigen Franzosen Jean Reno, perplex antwortet: „Wie kann jemand aufhören, Italiener zu sein?“ Jörg war aktiv und ist es nicht mehr, sagt er, beispielsweise war er „Aushilfe“ bei den Giraffe Men, mit denen er vor zehn Jahren durch Italien tourte. Andere Bandnamen mag Jörg nicht verraten: „Ich hab meine Interessen verlegt.“ Und den Bass an die Tochter einer Freundin weitergereicht, die in einer Punkband spielt.

Immerhin erwähnt Jörg, dass er mal mit einer Band für die UK Subs in Berlin das Vorprogramm bestritt. Und erzählt, dass er im Dezember im Melkweg in Amsterdam New Model Army sah, und da auf einem im WC-Bereich hängenden Plakat erfuhr, dass die UK Subs immer noch auf Tour sind. Das stimmt, ich sah sie im Januar mit Hoax in Schweimke im Schützenhaus. Ein Dienstagabend und 500 Leute strömten in dieses abgelegene Heidenest. Charlie Harper mit 75 am Mikrofon zu sehen, machte zudem Hoffnung fürs eigene Altwerden.

Interessant für einen Physiotherapeuten finde ich Jörgs Selbsteinschätzung, er habe „zwei linke Hände“, wie er in Bezug auf seine Inaktivitäten im Internet bemerkt. Sobald er einen Computer einschalte und online gehen wolle, stürze alles zusammen. Deshalb ist er auch nicht bei Facebook und solchen Plattformen registriert. Nicht schlimm, findet er: „Ich bin ausgefüllt – was mich erreichen soll, das erreicht mich auch.“ Und sei es über Tourplakate in niederländischen Clubtoiletten.

Da Jörg Scheppers Physiotherapeut ist, freut sich jener, dass er überall an wichtigen Positionen seines Lebens von Bassisten umgeben ist. À propos, was wird denn aus dem Bassstammtisch, wenn das Riptide umzieht? Daran dachte Schepper noch gar nicht: „Der bleibt im Riptide!“, ist seine impulsive Reaktion. Das wolle er Chris und André noch mitteilen, da sei er konservativ: „Manche Sachen müssen einfach bleiben, es gibt keinen Bassexit!“

Jörg und Schepper sind nun unterwegs nach Hause, ich schließe mich gleich an. Imke nimmt nach Andrés Feierabend dessen Platz an der Theke ein und unterstützt damit Melissa, die in der Küche arbeitet. „Ich geh mit“, sagt Imke, als ich sie frage, ob sie dem Riptide auch nach dem Umzug treu bleibt, „und Melissa auch“, deutet sie in die Küche. „Das ist der Plan.“ Die beiden sind dem Riptide verbunden: „Ich habe keine Gründe, zu gehen“, strahlt Imke. Nicht sehen werde ich die beiden indes morgen beim Quiz: „Dieses Mal nicht“, sagt Melissa, „ich war bei sonst fast jedem dabei.“ Und ich bin gespannt, wie sich die Denksportgruppe Nowak bei Quizmaster Sven bewährt.

Mittwoch, 19. Februar 2020

„Das wird die letzte Quiznight in diesem Riptide“, kündigt Chris mir nachmittags an, bevor er das Café öffnet. Alle meine Fragen kann auch er nicht beantworten, etwa die nach der neuen Adresse, aus rechtlichen Gründen: „In etwa 14 Tagen können wir bekanntgeben, wohin es geht“, erklärt er. Sicher ist schon jetzt, dass der Name Riptide bleiben wird, und damit auch die Webseite. Und in der neuen Heimat findet dann auch das nächste Quiz statt: „Es ist dort geplant für April, es soll dort weitergehen“, sagt Chris. Im März also fällt der Quiz-Termin aus: „Der März ist für uns der Übergangsmonat, wir laufen zwischen den Läden, der eine kann noch nicht betrieben werden, der andere wird nach und nach verschwinden.“

Wann genau es unter der neuen Adresse weitergeht, ist heute noch offen, so Chris: „Geplant ist, im April zu öffnen – genauer geht es nicht.“ Das hängt vom baulichen Vorankommen und von weiteren Unabwägbarkeiten ab. Sowohl für André und ihn als auch für die Gäste soll in den neuen Räumen indes das Wiedererkennen des alten Riptide gewährleistet sein: „Alles bleibt, wie es ist“, sagt Chris und weiß natürlich, dass das nicht in jedem Einzelfall zu ermöglichen ist. „Fast alles“, grinst er daher: „Alles bleibt gleich, außer die Sachen, die sich ändern.“ Ob sich daher die berühmten Farben, also das Orange-Pink-Grün auf braunem Grund, oder die Mustertapete auch wirklich am neuen Ort so wiederfinden, bleibt jedenfalls noch unplanbar: „Das kann ich nicht versprechen“, sagt Chris, und seufzt: „Wir wollen am liebsten alles eins zu eins übernehmen, aber es muss sich an Ort und Umgebung anpassen.“ Modern werden soll das Riptide jedenfalls, daher nutzen André und er den Umzug als „überfällige Zäsur“, um es in Details mit der Zeit gehen zu lassen.

Anders als Schepper und ich dachten, ist die Reihe Sound On Screen doch nicht so einfach ohne das Riptide weiterführbar, weil dafür noch einige Fragen zwischen Riptide und Universum zu beantworten sind. „Die laufende Staffel findet statt am alten Ort“, versichert Chris zumindest, „wie gehabt.“ Da die bis in den Mai hineinreicht, existieren also für eine gewisse Zeit tatsächlich zwei Riptides parallel. „Der Mietvertrag läuft weiter“, zuckt Chris mit den Schultern. „Jeden Tag wandert ein Möbelstück rüber, der eine Laden wird leer, der andere voll – und dann werden die Würfel neu gemischt.“ Sound On Screen geht danach ohnehin in die Sommerpause, da ist genug Zeit, mit dem Universum ein neues Konzept auszuarbeiten.

Nun lebt das Riptide nicht nur vom Café, sondern eben auch von Konzerten, der „Songs And Whispers“-Reihe, Partys, Lesungen und mehr. „Wir wollen Veranstaltungen machen“, sagt Chris. „Aber wir müssen abwarten, was die neuen Nachbarn sagen, wir müssen unser Programm anpassen.“ Und das Anpassen im laufenden Betrieb ist etwas, das Chris und André von Anfang an vornahmen: So öffnete das Riptide zu Beginn bereits um 8 Uhr, um die Schüler des Martino-Katharineums bedienen zu können, was sich jedoch bald als unhaltbar erwies. Chris und André planen daher zwar grob fürs neue Riptide, behalten sich aber für die laufende Praxis Korrekturen vor. „Kultur, Konzerte und den Plattenladen wollen wir mitnehmen“, betont Chris, „aber wir probieren erstmal.“

Der Zeitplan hängt momentan sehr von den laufenden Bauarbeiten ab, April ist ja auch schon bald. Bis dahin ist noch viel zu tun, für Chris sogar nicht nur das Riptide betreffend: Am Freitag startet er seine neue Reihe „Butch Cassidy im Garten“ im Veranstaltungsraum Aquarium im Kleinen Haus des Staatstheaters, „wo früher oben die Bauhausparty war“. Chris lehnt diese neue Reihe an seine frühere Party im Pantone an, „weil ich die vermisse und die Leute auch“. Die Dekoration im Aquarium besteht dann aus allerlei Gartendevotionalien, bis hin zu Werkzeugen und Gartenzwergen: „Das ist eine skurrile Kulisse, da lege ich mein Zeug auf.“

Vertraut war ihm indes die Kulisse am Samstag im Nexus, als er zum 15. Geburtstag seine dortige Partyreihe reaktivierte: „Es war schön, einen Pleasure Park wie früher zu machen“, schwärmt er. Bis viertel vor sieben ging es, und nach nur zehn Minuten Umbaupause nach der letzten Band „haben die Leute vom Fleck weg getanzt“. Rund drei Monate nach Eröffnung des Nexus‘ ging der Pleasure Park seinerzeit an den Start; kein Wunder, Chris gehörte mit zu den Akteuren, die das Nexus aufbauten: „Ich war im Verein aktiv seit 1995.“ Und auch für den Namen zeichnet er mitverantwortlich, als einer von drei Beteiligten, die aus einem Pool von diversen Vorschlägen auszuwählen hatten. Leider findet Chris den Zettel mit den fünf letzten Kandidaten nicht mehr wieder, er erinnert sich nur noch an die Alternativen „Krachpalast“ und „Zappelbude“. „Nexus ist es wegen der Übersetzung geworden“, erzählt Chris: „Verbinden, Knotenpunkt, sich verknüpfen.“

Mit zu diesem Namenskomitee gehörte laut Chris, der sich nun um die ersten Gäste kümmert, auch Hardy, und mit dem bin ich zufällig verabredet, hier im Riptide, abends, kurz vor dem Quiz. Er bringt mir sein neues Buch mit, „Schlachthaus“, das einen etwas anderen Stil hat als seine anderen Geschichten und auf das ich mächtig gespannt bin. Leider kann auch er sich nicht an die anderen Nexus-Namensvorschläge erinnern.

Arni ist schon da, Kristin, Harald und Bastian Till trudeln soeben ein, Sven greift das Mikro und Hardy setzt sich als stiller Zuschauer mit an unseren Denksportgruppentisch, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „5x Arni“ liegt. Sven liest nach und nach die ersten zehn Fragen vor, lässt uns Zeit zum Beantworten, verspricht „halbe Kreativitätspunkte“ und wählt seine Themenfelder vermutlich genau deshalb so abseitig, dass man häufig nicht anders kann als Unsinn raten. Das ist lustig, erinnert etwas an das Spiel „Nobody is perfect“ in umgedreht. Nach der Pause und den nächsten zehn Fragen reichen wir, dieses Mal weit abgeschlagen, mit Glückwünschen versehen unser Krönchen an eine andere Gruppe weiter und versprechen Sven, beim nächsten Quiz wieder dabei zu sein – im April und im neuen Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#148 Denksportgruppe Nowak

16. Januar 2020


Mittwoch, 15. Januar 2020

Die Ereignisse holten mich während des Quizabends ein. Erschütternd genug, soll es jetzt zunächst um das Sonnige dieses dunklen Abends gehen.

Mitgefangen! Bastian Till vom Kurt-Magazin aus Gifhorn hatte die Idee, Arni und mich als seine Braunschweiger – und Ex-Gifhorner – Mitstreiter zum Kneipen-Quiz im Riptide zu verpflichten, und lud noch zwei uns beiden unbekannte Gifhorner dazu, das Quintett zu vervollständigen. Mit diesen beiden, Kristin und Harald, einigten wir uns im Vorfeld via Whatsapp – gegen die Einzelstimme des Nachnamensträgers – für die Gruppenbezeichnung „Denksportgruppe Nowak“, trotz attraktiver Alternativvorschläge wie „K-BAHM“ oder „Insanitäter“; so ließ sich die Aktion also schon im Vorfeld vielversprechend an. Der arme Arni geriet damit indes in einen Interessenkonflikt, denn der Illustratorenstammtisch hatte seinerseits seine Teilnahme am Quiz kundgetan, und als Mitglied desselben wäre er eigentlich auch dort eingesetzt gewesen, aber wir blieben geschlossen bei unserer Südheideverbindung.

Dennoch gesellen Arni und ich uns zunächst zum Illustratorenstammtisch, besser: zu Ben, dem Initiatoren und zurzeit noch einzigen Mitglied, das hier im Riptide anwesend ist. Nach und nach trudeln weitere Illustratorinnen ein, nur unsere Denksportgruppe nicht. Einige resümieren Kneipenquizerfahrungen, andere haben noch gar keine; Roberta und ich erinnern uns an das Pub Quiz im Wild Geese, damals, als noch nicht jeder das Internet mit sich herumtrug und das Höchste des Mogelns noch eine heimlich abgesetzte SMS war. Damals gab es auch nicht nur Wissensabfragen, sondern auch Aktionsfragen wie „Wie viele Seepferdchen befinden sich an dem Brunnen auf dem Altstadtmarkt?“, für deren Beantwortung jede Quizzergruppe einen Abgeordneten auf den Platz abkommandierte. Seitdem weiß ich überhaupt erst, dass sich Seepferdchen an dem Brunnen befinden. Quizzen bildet also. Eine andere Illustratorin berichtet von einem Afrika-Quiz, das die Ingenieure ohne Grenzen im Riptide veranstalteten und das sie mit einer Germanisten-Gruppe gewann. Und von der Smartphone-App Quizduell ist kurz die Rede, da teilt Gerrit auch schon die Antwortbögen aus.

Gerrit ist heute der Quizmaster, und er ist dies überhaupt erst zum zweiten Mal beim Riptide-Quiz, nach seinem Einstand im Oktober, als er den Haupt-Quizmaster Sven erstmals vertrat. Gerrit sammelte seine Quizmastererfahrungen vornehmlich privat, und in einem solchen Rahmen sprach ihn Chris einmal darauf an, ob er sich als Einspringer einbringen wollen würde, und Gerrit sagte erfreut zu. Mit einer Einschränkung: „Mein Quiz ist aufwändiger als Svens“, deshalb stünde er leider nicht monatlich zur Verfügung. Was das zu bedeuten hat, erfahre ich ja gleich, wenngleich ich auch Svens Quiz nicht kenne.

Nun trudelt die Denksportgruppe Nowak auch endlich vollständig ein, inklusive der druckfrischen Kurt-Ausgabe. Harald und Kristin entern das Sofa, Bastian Till, Arni und ich hocken uns auf die Würfel davor. Sämtliche Tische um uns herum sind mit Quizgruppen belegt, maximal fünf Ratende stark dürfen diese sein. Während Kristin uns noch kollektiv dazu verführen will, Kurze zu trinken, versucht Imke, unsere Bestellung aufzunehmen, die zunächst aus vier Wolters und einer Limonade besteht. „Hast du die Kurzen auch?“, fragt Kristin. Imke entgegnet: „Ich habe den Ruf gehört, das aber nicht als Bestellung aufgefasst.“ Das ändert sich nun, Kristin ordert vier Mexikaner und Arni für sich einen Tullamore Dew. Außerdem möchte Bastian Til einen Gin Tonic trinken und entscheidet sich bei der verfügbaren grünen Zutat für Gurke, nicht für Limette. Er strahlt: „Ich hab Saufbock, und ihr?“ Arni zuckt die Schultern: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

Die Zettel mit den Antwortmöglichkeiten liegen nun auf den Tischen, Gerrit bittet uns, einen „schmissigen Gruppennamen“ darauf zu notieren, und erklärt den Ablauf. Sechs Runden sind vorgesehen, davon drei mit Fragen, zwei mit Bildern und eine mit Musik sowie einer Pause nach drei Runden. Enttäuschtes Jaulen folgt auf seinen Hinweis, es gebe „keine Humorpunkte bei mir mehr“, anders als noch im Oktober sowie bei Sven, denn „das ist viel zu subjektiv“. Er empfiehlt dennoch: „Raten ist immer gut, besser raten als nichts hinschreiben.“ Sobald nach Personen gefragt sei, reichten Nachnamen aus, bis auf bei gekennzeichneten Ausnahmen. Außerdem ordnet er den Abend einem Thema unter: Farben, weil der Januar dunkel und grau sei. „Alles hat irgendwas mit einer Farbe zu tun“, sagt Gerrit, „wenn in der Frage keine Farbe vorkommt, dann in der Antwort.“ Aha! Gut zu wissen.

Und los geht es. Bastian Till notiert unsere Antworten. Welcher Farbstoff ist dafür verantwortlich, dass Blätter grün werden? Wir grübeln in der Gruppe. „Pfefferminz“, schlägt Arni vor. „Pfeffi!“, jubelt Bastian Till, und fragt dann laut: „Der Nachname reicht, ja?“ Klar: Westernhagen. Nach sieben solcher Fragen teilt Gerrit Zettel aus mit Bildern darauf sowie weiteren Fragen dazu. Nicht über Power Point, das gefällt mir. Obwohl Harald dafür mit Blick auf den Glitterball unter der Decke eine gute Lösung hätte: „Über die Kugel projiziert, die dreht sich ja mit.“ Ab jetzt übernimmt Kristin das Schreiben für uns. Bei den Antworten hilft uns der Hinweis mit der Farbe definitiv oft aus der Patsche, so manche schnelle Lösung überdenken wir mit diesem Hinweis. Bastian Till ist skeptisch: Bei der Frage nach einem abgebildeten Himmelskörper sei weder in der Frage noch in der Antwort „Mars“ eine Farbe untergebracht. Doch, er ist doch der Rote Planet. Der Groschen fällt bei ihm laut.

Als nächsten Block teilt Gerrit Textfragen aus, anstatt sie vorzulesen, und gibt uns Quizzenden für die Lösung sieben Minuten Zeit. Die Fragen drehen sich um das Spezialthema Schwarz-Weiß. Während wir an den Antworten knobeln, sinniert Bastian Till darüber, dass nach seinen Erfahrungen sowohl solche Kneipen-Quiz-Veranstaltungen als auch die Fragen vornehmlich männlich dominiert seien. Mit Blick auf die Schwarz-Weiß-Zettel vor uns halte ich mit unseren soeben notierten Lösungen Brooke Shields, Ulrike Meinhof und Rosa Parks dagegen. Auch Harald bemerkt dazu: „Im Baader-Meinhof-Komplex sind beide Geschlechter gleichwertig vertreten.“ Bastian Till nickt und beugt sich noch verschwörerischer zu uns: „Als ich in Gifhorn als Bürgermeister kandidierte, sollte ich einen Fragebogen für die Zeitung ausfüllen, da hab ich sie als politisches Vorbild angegeben.“ Wen, Ulrike Meinhof? Er lacht lauthals: „Ja, die habe ich dann aber wieder durchgestrichen und Rosa Parks hingeschrieben.“

Pause. Gerrit sammelt die Antwortbögen ein. Nach einem notdürftigen Abstecher in die Rip-Lounge gegenüber blickt sich Kristin im Café um und teilt Bastian Till mit: „Ich glaub, ich war doch schon mal im Riptide.“ Der stutzt: „Hast du das am Badezimmer erkannt?“ Kristin wischt den Einwand beiseite und wühlt in ihrer Erinnerung. Ein Treffen mit einer Gruppe in der Lounge kommt dabei zum Vorschein, im Rahmen einer unbestimmten anderen Aktion. „Weißt du, wo die Tourist-Information ist?“, fragt sie Bastian Till. Der wehrt ab: „Nein. Ich war noch nie als Tourist in dieser Stadt.“ Während Emil nun weitere Bestellungen von uns aufnehmen möchte, murmelt Bastian Till noch etwas davon, dass er Kneipen „am Badezimmer erkennen“ könne. Kurz vor Küchenschließung geben Harald und Kristin noch Speisen bei Emil in Bestellung, Hotdog und Fladenbrot, sowie eine weitere Runde Bier für alle. Bastian Till guckt in sein Gin-Glas: „Brauche mir nix zu essen zu bestellen, hab ja noch Gurke.“

Die Teilnehmer sammeln sich nun wieder, denn Gerrit läutet zur zweiten Halbzeit. „Ich bin beeindruckt“, stellt er nach dem Austeilen der korrigierten Antwortzettel fest. „Entweder sind alle Gruppen gut oder meine Fragen schlecht“, sagt er, denn die Teams seien nicht nur makellos, sondern auch weitgehend gleichauf: „Eine Gruppe hat sogar die volle Punktzahl.“ In unserer Denksportgruppe stellen wir fest, dass niemand von uns die Fragen hätte allein beantworten können. Brooke Shields! „Nicht meine Zeit“, sagt Bastian Till, Arni nickt dazu und Harald fragt ihn: „Wann war denn deine Zeit?“ Arni antwortet: „Ich warte eigentlich darauf, dass die noch kommt!“

Während Gerrit die korrekten Antworten durchgibt, bekommt Emil die nächste Bestellung von Bastian Till: „Fünf Mexikaner!“ Denn: „Ich habe gesagt, wenn die Frage falsch ist, gebe ich die aus.“ Er war sich nämlich sicher gewesen, dass die blauen Pferde von Paul Klee waren, doch Gerrit gibt soeben Franz Marc als Lösung an. „Harald hat es gesagt“, ruft Kristin, doch es hilft ja nichts.

Bei der nächsten handelt es sich um eine Musikrunde, mit der Besonderheit, dass wir zwar Songtextauszüge bekommen, zu denen wir Interpret und Titel zu nennen haben, aber dass Gerrit diese Auszüge auch noch selbst singt. Was uns tatsächlich hilft, weil wir manche Lieder erst an der Melodie erkennen. Den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt singen die Quizzenden ringsum kurzerhand mit. Bei zwei Songs müssen wir trotzdem passen, die sagen uns gar nichts. Dann teilt Gerrit wieder Bilderzettel aus. Ein Bild zeigt den Roten Baron, wir grübeln, wie der wohl richtig hieß, und kommen bald auf Richthofen, fragen uns aber nach dem Vornamen. Arni kennt ihn: „Baron von.“ Superheldenfilme liegen nicht allen von uns, Fußballfragen beantworten wir auch eher nach Gefühl, Harry Potter ist eher ein Spezialthema für Einzelne aus der Runde. Dann stellt Gerrit wieder offene Fragen an alle: „Welcher Künstler ist für seine Blaue Periode bekannt?“ Das weiß Bastian Till: „Harald Juhnke.“ Zwei Fragen drehen sich um Körperteile, Gerrit fragt nach dem Gelben Fleck und nach dem Gelbkörper. „Ich weiß, wo der gelbe Fleck sich bei manchen Leuten befindet“, sagt Harald, und Bastian Till konkretisiert: „In der Unterbüx?“ Auf allgemeine Bitte wiederholt Gerrit die erste Frage: „Wo befindet sich der Gelbe Fleck?“, und Bastian Till schlägt vor: „Wollen wir mal nachgucken?“

Sämtliche Antworten sind notiert. Eigentlich ist das Quiz nun beendet, aber Gerrit sieht noch etwas Zeit übrig und schlägt eine weitere Musikrunde vor, nur dieses Mal ohne ausgeteilte Texte. Er singt und wer als erstes „Stop“ ruft, bekommt die Möglichkeit, Interpret oder Titel zu sagen und für beides jeweils einen Punkt zu sammeln. Wer eines nicht weiß, reicht die Chance auf den anderen Punkt an eine andere Gruppe weiter. Ein „Battle“ gewissermaßen, sagt Gerrit, und droht für Falschnennungen sogar Minuspunkte an. Bastian Till guckt uns an: „Spielen wir jetzt auf Sieg oder einfach nur gegen die anderen?“

Mit den anderen, klar. Gerrit singt und aus einer Ecke ertönt ein „Stop“. „Schwarz zu blau“ von Peter Fox war aber die falsche Antwort, und weil es dafür ja Minuspunkte gibt, will Gerrit von der Antwortenden an dem üppig gefüllten Tisch genau wissen: „Gehörst du zu der Gruppe oder zu der?“ Bastian Till antwortet für sie pragmatisch: „Wenn’s falsch war, zu denen!“ Den nächsten Song erkennt Harald nach einer Zeile: „Lady In Red“ von Chris de Burgh, und er fügt auch hinzu, dass ihm das peinlich ist, dass er uns aber den noch schlimmeren Refrain ersparen wollte. Wir danken es ihm. Von Rammstein ist das nächste Lied, rät jemand neben uns, doch so, wie Gerrit es anstimmte, dachte ich zunächst an Roland Kaiser, doch der Punkt geht tatsächlich an Rammstein.

Das Quiz ist nun vorbei. Gerrit sammelt wieder alle Antwortbögen ein und begibt sich damit in Klausur, legt aber noch als Bonus zum Selbstknobeln einen weiteren Bilderzettel aus. „Wir wollen noch Biere“, sagt Bastian Till zu Emil. „Wie viele?“, fragt der, und auf Bastian Tills „vier“ wehre ich ab, ich muss morgen früh raus und weiß, dass das vierte nicht für Kristin vorgesehen ist, die sich anders labt. Doch der Chef insistiert kopfschüttelnd: „Vier.“ Also gut. Harald murmelt Emil nach: „Für mich auch vier.“

In der Pause vor der Siegerehrung widmen wir uns dem dritten Bilderzettel. Ein Bild zeigt einen gezeichneten roten Stier, und Kristin ist überzeugt, dass der aus „Das letzte Einhorn“ stammt, was dazu führt, dass sie und Harald „The Last Unicorn“ anstimmen. Uns ist dabei jedoch nicht klar, was das mit einer Farbe zu tun hat. Deshalb schlägt Bastian Till hell strahlend einen anderen Titel vor: „Ich weiß: ‚A Clockwork Orange‘, ich hab das nämlich verstanden mit den Farben!“ Derweil ermittelt Kristin bei IMDB.com, dass ihre Antwort sehr wohl stimmt. „Üni ist ja auch eine Farbe“, bemerkt Bastian Till. Die beiden bunten Tentakel auf einem der Bilder stammen aus dem alten Computerspiel „Day Of The Tentacle“, und Arni erinnert sich an den Titel des ersten Teils: „Maniac Mansion!“ Auch da ist nirgendwo eine Farbe drin, aber Harald erkennt das Konzept: „Es sind bunte Bilder.“ Gerrit erklärt uns später, dass der Stier tatsächlich „Roter Stier“ heißt und dass die Tentakel „Purpur“ und „Grün“ genannt werden.

Wie nun aber kommen Kristin und Harald überhaupt in diese Runde? Die beiden kennen sich aus der Schulzeit von vor rund 20 Jahren, da war er ihr Lehrer, „und Kristin erkannte mich nach 17, 18 Jahren wieder“, erzählt Harald. Und das war in einem Chorprojekt, an dem sie beide teilnahmen. Kristin nun sah jüngst bei Facebook, dass Bastian Till auf die Veranstaltung zum Quizabend mit „interessiert“ reagiert hatte: „Das fand ich interessant“, so kam diese Denksportgruppe also zustande.

Nun steigt die Spannung, denn Gerrit kehrt mit den Zetteln zurück und gibt zunächst die richtigen Antworten preis. Manfred heißt er, der „Baron von“! Der Gelbe Fleck befindet sich im Auge, genauer: auf der Netzhaut, und Harald bemerkt mit süffisantem Seitenblick: „Einige von uns haben’s gestrichen.“ Alles ist durchgesprochen, jede Gruppe macht sich im Geiste Striche an den ausgefüllten Antwortbögen, die Gerrit nun bis auf die der ersten drei Plätze an die entsprechenden Gruppen zurückgibt. Dazu ruft er deren Namen auf: „Wer waren ‚Die fünf Fragezeichen‘“, er wendet sich an den Tisch neben sich: „Hier?“ Bastian Till deutet irgendwohin: „Nee, die zwei da!“

Zu unserer Überraschung bekommen wir unser Blatt noch nicht ausgehändigt. Wir Chaoten unter den ersten drei Plätzen? Absurd! Für die drei Besten hat Gerrit „Süßigkeitenschmankerl“ dabei, passend zum Thema Farbe eine Tüte Gummibärchen für den dritten Platz. Das ist: „Auskatzeichnet“, also das Team des Illustratorenstammtischs. Huch, immer noch nicht wir! Der Tisch neben uns und wir bleiben jetzt noch übrig. Gerrit tritt in die Mitte dazwischen. „Die haben von uns abgehört“, sagt Kristin vorauseilend rechtfertigend, und Harald ergänzt: „Die haben sogar Sachen gehört, die wir gar nicht gesagt haben!“ Doch Irrtum, nicht wir sind der Zweitplatzierte, sondern das Team nebenan, „#släuftin2020“!

Nicht zu fassen. Ausgerechnet! Wir kennen uns teilweise untereinander noch gar nicht, sind einigermaßen angeheitert und albern herum, haben also den bestmöglichen Spaß, den wir uns bei einem superspannenden Quiz im Riptide vorstellen können. Und dann gewinnen wir auch noch. Die Krönung! Wir bekommen Ritter Sport Minis von Gerrit, die wir untereinander aufteilen, sowie den Hauptpreis vom Riptide, einen Gutschein. Über dessen Verwendung sind wir uns relativ einig, Bastian Till fasst es mit Blick auf folgende mögliche Quizteilnahmen zusammen: „Wir sammeln die und drohen, sobald wir mal nicht gewinnen, lösen wir die ein!“

Wir sind erschöpft und glücklich. Echt, besser kann so ein Abend nicht sein. Dennoch bleibt bei den meisten an unserem Tisch ein Restdurst. Bastian Till blickt sich nach Emil oder Imke um und grübelt: „Ob die noch – ausschenken?“ Kristin versteht das Gemurmel nicht: „Ob die – was?“ Na: Optimal! Arni nickt: „Optimal rumkommen?“ Gelächter. „Wieso habt ihr Spaß?“, fragt Harald. „Das war vorwurfsvoll gemeint.“

Eine Sonne, dieser Abend. Eine notwendige Sonne im Dunkeln, und dieses Dunkle liegt leider nicht allein am Januar. Noch während des Quizabends erhielt ich die Nachricht, dass es für das Riptide an der jetzigen Adresse kurz vor dem 13. Geburtstag nicht mehr weitergeht. Ich bin erschüttert, ich kann mir ein Braunschweig, ein Leben ohne das Riptide nicht vorstellen. Mir ist der Ort so vertraut, und alles ist für mich immer noch so neu, so frisch, so eben gerade, dass ich selbst die mehr als zwölf Jahre nicht begreife. Geschweige denn das Ende des Riptide, wie wir es kennen. Je nun, blicken wir optimistisch in die Zukunft, und nehmen uns vor, mit der „Denksportgruppe Nowak“ noch so oft wie möglich beim Riptide-Quiz anzutreten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

Kontakt

Ölschlägern 14
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

 

Öffnungszeiten:
MO: geschlossen
DI – DO: 11.00 – 21.00
FR – SA : 11.00 – 1.00*
SO:  geschlossen

* bei wenig Betrieb schließen wir eher!