Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#134 Illustratus

15. November 2018


Dienstag, 13. November 2018

Stockdunkel und nasskalt ist es am mittleren Nachmittag, da ist der November ganz bei sich, auch wenn er uns zwischendurch immer wieder sonnige Tage mit knapp unter 20 Grad kredenzt und damit den ohnehin schon erbaulich langen Sommer nachklingen lässt. Noch immer stehen am Riptide Tische und Bänke im Achteck zwischen Café und Lounge, aber deutlich weniger als zu Sommerzeiten, also bis vor zwei, drei Wochen. Noch einiges mehr hat sich in dieser Kultureinrichtung geändert, und heute steht André in der Küche, um Burger vorzubereiten und mir Auskünfte zu geben; an den Tischen und der Theke ist derweil Gesine im Einsatz.

Als Chris und André vor zwei Monaten mit ihrem aufgewühlten Facebook-Eintrag ihre Folgenden über die missliche Situation zu informieren, in der sie sich befinden, kündigten die beiden Gastwirte an, den erheblich gestiegenen finanziellen Anforderungen mit Maßnahmen zu begegnen, und diese finden nun nach und nach Anwendung, in zwei Richtungen: Einsparungen und Zusatzaktionen. Ersteres erfolgt unter anderem mit angepassten Öffnungszeiten: Seit November nehmen Chris und André in der Woche erst ab 16 Uhr den Schlüssel in die Hand. „Wir mussten die Zeiten ein bisschen straffen, weil der Winter da ist und der Nachmittag keine Laufkundschaft hat“, erläutert André. „Auf dem Papier sieht das gut aus, um Kosten zu sparen.“ Dazu gehören unter anderem Ausgaben für Personal und Strom. „Wir probieren das zum ersten Mal mit diesen Öffnungszeiten und hoffen, dass die Gäste geballt ab 16 Uhr hier sind.“ Sobald es wieder wärmer wird, wenden die beiden auch wieder die alten Öffnungszeiten ab 12 Uhr an. Heute sieht jedenfalls nichts danach aus, dass die neue Startzeit die Gäste abschreckt: Das Riptide ist auf beiden Seiten des Achtecks voll besetzt. Und am Samstag bleibt es bei 12 Uhr sowie am Sonntag bei 10 Uhr zum Frühstück.

Da sparen allein nicht ausreicht, steigern André und Chris die Attraktivität des Cafés mit etablierten und mit zusätzlichen Aktionen. Dazu gehört unter anderem die nächste Ausgabe der „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die seit 2009 von Bremen aus mit verschiedenen Musikern durch die Republik tourt und am 16. November Ben Lorentzen in den Handelsweg führt. Zu den etablierten Reihen gehört auch Sound On Screen, mit Musikfilmen im Universum-Kino und Anschlussevents im Riptide. Als nächstes läuft am 22. November ab 19 Uhr „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales, und auch die folgende Staffel steht schon fest: Diese startet am 14. Dezember um 18.45 Uhr mit dem Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“; beide Filme laufen übrigens im Original mit Untertiteln.

Zu den neuen Aktionen gehört die laut André „sehr gut angenommene neu gestartete“ Quiz-Night, die als nächstes wieder am 21. November läuft. Und weitere Konzerte sind ebenfalls geplant, im Dezember kommen Kroner und Poly Ghost ins Riptide. „Und unsere Winter-Specials sind wieder da“, ergänzt André und zählt die speziellen Getränke auf: „Apfel-Amaretto-Zimt, 43er mit Banane, Glühwein.“ Das Sonntagsfrühstück bekommt zudem am 16. Dezember ein vorweihnachtliches Gewand: Es findet als Adventsfrühstück mit vielen Winterspecials statt, für das Reservierungen erforderlich sind.

Eine Änderung betrifft den Aspekt der Ersparnis: „Die CD-Abteilung lösen wir Ende Dezember auf“, kündigt André an. „Die Nachfrage ist da gering.“ Aber nicht ersatzlos: „Dafür schaffen wir Platz für mehr Vinyl.“ Und zusätzlich nahmen die beiden schweren Herzens, aber notwendigerweise einige Speisen und Getränke von der Karte.

Wenn wir schon bei Sound On Screen waren, gibt es ja noch etwas nachzuberichten, nämlich die Aktionen beim jüngst abgelaufenen Filmfest, in dessen Rahmen auch die Musikfilmreihe wieder einen besonderen Platz erhielt. Mit einem besonderen Schmankerl: Stefan Olsdal, bekannt durch seine Aktivitäten bei der Alternative-Rock-Band Placebo, gab mit seinem neuen Projekt Digital 21 ein Konzert in der Bartholomäuskirche und trudelte zur Sound-On-Screen-After-Show-Party im Riptide ein. Nicht als DJ oder Musiker – den Soundtrack zu diesem Abend lieferte Chris persönlich unter seinem Alias Butch Cassidy –, sondern als nahbarer Gast.

Im Riptide – das ist das erklärte Ziel von Chris und André – soll es also weitergehen. Darauf hoffen auch die Gäste, die Stammgäste wie die Gelegenheitsgäste, und auch die fest eingerichteten Runden, die sich hier zusammenfinden, wie der Bassstammtisch von Schepper, der seine Basis vor längerer Zeit schon ins Riptide verlegte und kürzlich sogar sein zwanzigjähriges Bestehen feierte, dies allerdings aus Platzgründen im Schimmelhof. Oder der Illustratorenstammtisch, von dem mir Autor und Zeichner Carsten Weyershausen erst kürzlich in ebenjenem Schimmelhof erzählte, und zwar bei der jüngsten Ausgabe der Musikschöpfungen des Eiko-Vereins, bei der wir uns trafen und Musik hörten von Die Müller-Verschwörung (im Original ungekoppelt), dem Katzensuperhelden Greydenz, dem Duo Luco & Dylan sowie Doubassin Sanogo mit traditioneller Musik aus Burkina Faso, und bei der wir uns unter anderem auch über die beiden Bücher unterhielten, die Carsten mit Holger Reichard herausbrachte, „Stadt. Land. Flucht.“, das Buch über den Vergleich zwischen Leben auf dem Land und in der Stadt, in dem er die unpopuläre Stadtbewohnersicht einnahm, die ich teile, und „Kerle im Klimakterium“, das ich erst jetzt lese und nicht zu Zeiten seiner Veröffentlichung vor sechs Jahren, weil es mich damals noch nicht betraf und heute dafür begeistert. Und er berichtete von diesem Illustratorenstammtisch, der – wie es der Zufall will – genau heute tagt, in der Rip-Lounge.

Initiator dieses Stammtischs war Ben Urban, der Carsten gegenüber sitzt und der nach der Gründung erfuhr, dass es schon einmal den Versuch einer solchen Einrichtung gab, die aber nie zustande kam. Er traf den zu seiner Rechten sitzenden Patrick Schmitz alias Pott bei dessen Aktion zum Heavy-Metal-Malbuch im Januar im Ritpide und trug ihm mit Erfolg sein Ansinnen an: „Ich war selber überrascht, wie viele Illustratoren es in Braunschweig gibt.“ Ben kommt „aus der Grafik-Richtung“, erzählt er, und gestaltete unter dem Alias Hygin unter anderem Buchtitel sowie Plattencover für diverse Bands aus dem Film- und Mittelalter-Genre, darunter Versendgold, Corvus Corax und Feuerschwanz, zuletzt Ganain. Lokal beauftragt war er indes noch nicht: „Für Braunschweiger Bands habe ich das tatsächlich noch nicht gemacht“, er finde seine Kunden eher in Bremen und Hannover. Immerhin: „Waldkauz kommt aus Hildesheim.“

Bei der Metalmalbuchaktion gewann Ben einen Beutel der fingierten Band Salty Ballz, genau wie seine Sitznachbarin Kathleen Kalle alias Katzleen, die an dem Abend sogar den Ausmalwettbewerb gewann. „Ich zeichne als Hobby“, sagt sie, „und ich war bei Robertas Ladies Drawing Night, und sie hat mich auch in die Gruppe gebracht.“ Roberta Bergmann sitzt links von Carsten und ist unter anderem Mitgründerin der Gruppe Tatendrang Design, die hier in der Lounge einen ihrer Tat-O-Maten installierte.

Neben Katzleen schlängelt sich Marina Kanzian auf die Sitzbank. „Ich bin eigentlich Grafikdesignerin“, sagt sie beinahe entschuldigend, „und ich habe ein Animationsstudio mit meinem Freund und Partner.“ Sie spricht von Hyperebene, das sie mit Enrico Lummitsch betreibt. Einen leichten Akzent höre ich bei ihr heraus, ohne ihn genau lokalisieren zu können: Aus Brasilien kommt Marina, seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland. „Ich habe im Vapiano die Speisekarte mehrmals durchgelesen und so Deutsch gelernt“, erzählt sie. Und grinst. „Nee, ich habe in Brasilien schon Deutsch gesprochen!“

Rechts neben mir und damit neben Carsten sitzt Jacob Müller: „Ich bin seit einem Jahr selbständig als Illustrator.“ Arrsome Illustrations nennt er sich, wie „awesome“ in der Piratenvariante. „Ich mache Zeichnungen und Concept Art für Brett- und Videospiele“, berichtet er. „Ich bin noch sehr in den Anfängen.“ Wer weiß, vielleicht ist mir ja sogar etwas davon bekannt? Doch er grinst: „Es gibt bislang noch nichts, was raus ist.“

Dann schneit Dajana Düring in die Lounge und setzt sich zwischen Pott und Roberta an den Tisch. „Ich studiere an der HBK visuelle Kommunikation“, sagt sie. „Hauptsächlich fotografiere ich, aber ich illustriere auch.“ Sie sei „Breitband“, grundsätzlich „interessiert an Darstellungstechniken“, und ist zum ersten Mal hier: „Roberta hat mich eingeladen.“

Roberta, Pott und Carsten kenne ich schon länger. Mit Roberta saß ich in einer vom Silver Club initiierten Runde, die zur Einrichtung eines neuen soziokulturellen Zentrums in Braunschweig führen sollte und aus der sich später der Kufa-Verein gründete. Und Pott kannte ich zwar schriftlich schon länger, traf ihn aber am Tag der Meisterfeier des VfL Wolfsburg persönlich, allerdings in Peine, bei einem gemeinsamen Konzert von Krüger und Müller. „Ich freue mich, hier zu sein und meine Kollegen zu treffen“, sagt Roberta nun, und Pott nimmt wie im Reflex die Gegenhaltung ein: „Ich bin natürlich nicht freiwillig hier, ich bin gezwungen und versuche, den anderen Aufträge abzuluchsen.“ Roberta drückt mir einen Flyer in die Hand für ihren Gesprächsabend „Kopf frei für den kreativen Flow“, den sie am 27. November im Raabe-Haus anbietet. Und wie aufs Stichwort tritt Stefan Zeuke an den Tisch und überreicht ihr Flyer für ihre Ausstellung „Alles und Nichts“, die vom 1. bis 20. Dezember nebenan in der Einraumgalerie zu sehen ist. Carsten und ich vereinbaren noch, dass wir unser im C1 beim Filmfest begonnenes Gespräch über „The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam und den neuen Spirou von Emile Bravo fortsetzen wollen, dann begleite ich Stefan zurück ins Café.

Dort habe ich nämlich eine Verabredung mit drei Vierteln der Band Final Impact: Ich interviewe Jakob, Jonas und Till für das Gifhorner Kurt-Magazin von Bastian-Till Nowak. Und wie es der Weltengeist will, hört Stefan von der Theke aus so weit zu, dass er die Band gleich für die nächste Ausgabe der Stadtfinder am 22. November als Liveact verpflichtet. So geht das im Riptide.

Ich gehe jetzt aber auch. Draußen treffe ich noch den in Begleitung von Stammgast Markus rauchenden Pott, dem die Ausstellung „Soundtrack WOB“ im dortigen Stadtmuseum ebenso gut gefällt wie mir und der mir dafür noch kürzlich Infos zum Open Arsch gab, weil ich für die Ausstellung einen Text dazu verfasste. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, dass die Kommune, also die Stadt Wolfsburg, in einer eigenen Einrichtung ihre eigene Subkultur feiert.

Auf dem Heimweg komme ich an der früheren Braubar vorbei, aus der jetzt Licht dringt und vor der Ricardo und Ioannis frische Luft schnappen. Sie sind die neuen Betreiber der Kneipe, die sie am Samstag unter dem Namen „Lissabon Bar & Brasserie“ eröffnen. Einiges ist neu an der Inneneinrichtung, das Gemütliche ist indes geblieben. Lissabon heißt die Bar, weil Ricardo ein in Braunschweig geborener Portugiese ist; der Athener Ioannis trägt das Konzept mit Vorliebe und Freude mit. „Erinnerst du dich an die Werbung ‚Ob Punker oder Banker, mit Abstand können beide leben‘?“, fragt Ricardo. „Wir wollen sie zusammenbringen.“ Dafür legen sie in der Bar den Fokus auf portugiesische Spezialitäten, „zum Beispiel eine Portweinauswahl“, so Ioannis. Auch Speisen aus Portugal soll es geben. Lissabon sei „eine der weltoffensten Städte der Welt“, das wolle die Bar transportieren. Auch mit Kunst und Livemusik, wenn möglich Fado. Die beiden haben nun noch einiges vorzubereiten, um die Bar bis Samstag an den Start zu bringen, und ich will ja auch nach Hause. Obrigado, ευχαριστώ: Es tut sich etwas in der Innenstadt.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#133 Ein sicherer Ort

10. Oktober 2018


Dienstag, 9. Oktober 2018

Zwei erschreckende Nachrichten betrafen das Café Riptide im September: Die von der möglichen Schließung in zwei Jahren und die von einem Gewaltausbruch im Handelsweg, der von Rechtsradikalen ausging. Nach letzterem Ereignis fragen Kunden Chris noch heute hin und wieder. „Das Riptide war nicht beteiligt, das ging bei Tante Puttchen und Café Drei los und zog sich dann durch den Handelsweg“, berichtet Chris. Was da genau losging: Zwei Rechtsradikale lösten im Anschluss an ein Heimspiel der Braunschweiger Eintracht eine Schlägerei aus, Verletzte gab es lediglich auf Seiten der Angreifer. „Das ist uns in elf Jahren jetzt nur einmal passiert“, sagt Chris erschrocken. Und gibt dem Kunden eine behördliche Zusage weiter: „Die Polizei hat versprochen, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen.“ Noch bevor Chris den Satz beendet, löst sich trotz des Themas ein allgemeiner Lachanfall. Nach einer Weile ist Chris in der Lage, fortzufahren: „Wenn Ihr Euch einmal nicht wohlfühlt, sagt uns Bescheid.“ Der Kunde ist beruhigt und nickt verständig. Der Schrecken ist bei Chris immer noch spürbar: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er war an dem Abend nämlich dabei: „Wir haben das friedlich gelöst, dafür, dass das so ein Terror war.“ Er betont noch einmal: „Das hatte nichts mit uns zu tun.“

Auch für mich war es erschreckend, den Handelsweg und damit indirekt auch das Riptide zweimal in kürzester Zeit mit Hiobsbotschaften in den Medien wiederzufinden. Die andere drehte sich um die Schwierigkeiten, die Chris und André mit ihrem Vermieter haben, der ihnen Auslagen nicht zurückzahlt und gleichzeitig die Miete erhöht, um einen für die beiden Gastwirte kaum tragbaren Faktor. Ein Monat ist seit der Bekanntgabe der Schwierigkeiten vergangen; Zeit, in der sich zahllose Menschen zu Wort meldeten, viele öffentlich, andere direkt bei Chris und André. Inzwischen hat sich auch bei Chris die monatelang angestaute Anspannung etwas gelegt: „Unser Vertrag läuft noch zwei Jahre – wir kämpfen, wir geben nicht auf, wir sind gesprächsbereit, wir versuchen, alles mit dem Vermieter zu klären“, stellt er klar. Eine der genanten Kröten zu schlucken, sei indes unumgänglich: „Wir stellen uns auf die Mieterhöhung ein, die müssen wir tragen.“ Doch er ist sich gewiss: „So lange wir den Mietvertrag haben, schließt der Laden nicht.“

Direkte Gespräche mit dem Vermieter stehen bis dato noch aus, bislang gab es lediglich einige schriftliche Korrespondenz, etwa darüber, dass Chris und André das eigens angemietete Büro gegenüber zum 31. März nicht mehr zur Verfügung steht. Sicherlich nicht schön für das Riptide, aber Chris untermauert: „Wir sind bereit, über die Zukunft ruhig und freundlich zu sprechen.“

Derweil wandte sich nun eine breite Öffentlichkeit an die beiden Unternehmer, die im Zuge ihres aufrührenden Facebook-Postings sogar einen Umzug des Riptide in eine andere Immobilie nicht ausschlossen: „Es gab unfassbar viele Angebote, von Privatpersonen, Organisationen, Agenturen“, staunt Chris. Doch soll ein Umzug nicht das Ziel sein, so lang der gegenwärtige Standort noch zu halten ist: „Wir überlegen, wir handeln nicht voreilig.“ Sogar ein neues Büro hält jemand für das Riptide frei.

Auch Zuwendungen anderer Art erreichen das Riptide. „Die Boardjunkies haben Geldspenden für uns gesammelt, das finden wir toll“, erzählt Chris von einer Initiative des Skater-Bekleidungsgeschäfts in der Innenstadt. Und: „Es gibt Bands, die für uns spielen wollen.“ Dabei wissen Chris und André noch gar nicht, wie sie mit Spenden umgehen, ob sie sie überhaupt annehmen sollen. Das gehört mit in die Flut der Überlegungen, die die beiden nun anzustellen haben. „Bis Jahresende wird sich herauskristallisieren, wie die Marschroute für uns aussieht“, sagt Chris zuversichtlich.

Erstes Ziel ist dabei das Gespräch mit dem Vermieter. An den haben sich offenbar auch einige lokale Medien wenden wollen, jedoch ohne Erfolg, wie in der Zeitung zu lesen war, so Chris. „Wir selbst haben auch noch nicht mit der Presse gesprochen“, stellt er klar. Denn: „Wir wollen das friedlich und fair lösen.“ Ein Gerichtsverfahren etwa streben die beiden Wirte nicht an: „Das ist nur etwas für Leute, die nicht mehr weiterwissen.“

Auch die Politik meldete sich inzwischen zu Wort, die SPD etwa brachte eine Anfrage in den Stadtrat ein, mit Vorschlägen, wie der Handelsweg als Ganzes laut Text auf der SPD-Webseite „zukunftsfest“ zu machen sei. Dabei geht es um „Werbe- und Marketingstrategien“ wie bessere Beschilderungen oder das bisherige Programm ergänzende „Aktionen oder Feste“ sowie die „grundsätzliche kultur- und städtebauliche Einordnung des Handelswegs durch die Verwaltung“. Besondere Rückenstärkung geht dabei in Richtung des Café Riptide: Die Informationen über Mietpreiserhöhungen bei gleichzeitigem Sanierungsstau „können an der Politik nicht spurlos vorbeigehen“. Mit dem Vorstoß steht die SPD offenbar nicht allein da, so Chris: „Auch andere Parteien haben sich eingeschaltet.“

Also: „Das hat eine Riesenwelle geschlagen“, sagt Chris, erstaunt und dankbar gleichermaßen. Nur wollen André und er sich nun zu keiner Übersprunghandlung hinreißen lassen: „Zum Glück haben wir noch zwei Jahre.“ Veränderungen geben müsse es aber, und welche, das gehöre mit in die Pläne, die bis Ende des Jahres geschmiedet sein wollen. „Wir haben alles durchüberlegt“, sagt Chris. Sogar die Idee, den Plattenladen rauszuschmeißen: „Damit sparen wir Geld und Arbeit, aber im Winter nutzt uns der zusätzliche Platz nichts“, denn dann suchen weit weniger Menschen den Handelsweg auf als zu schöneren Jahreszeiten. Und ein Riptide ohne Platten, das ist einfach nicht vorstellbar. Doch: „Wir müssen sehen, wie wir die Arbeit reduzieren können“, stellt Chris klar. „Aber wir dürfen nicht in Panik verfallen.“ Sortieren, Pläne schmieden, „wie wir das Ganze cleverer und flexibler machen“, mit dem Vermieter sprechen – und: „Erholen“, so Chris. „Das steht jetzt als erstes im Fokus.“

Uff. Eigentlich wäre es schön gewesen, an dieser Stelle ganz viele andere Themen anzuschneiden. Von der neuen LP „Treibgut“ der Band GR:MM wäre beispielsweise zu erzählen, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon mitspielt, von anstehenden Konzerten im Riptide wie dem von Ohrenfeindt am 18. Oktober im Anschluss an den Sound-On-Screen-Film „Coda“ über Ryuichi Sakamoto im Universum-Kino, von den saisonal wieder eingeführten Suppen, von meinem spontanen Gespräch mit Pott über das Open-Arsch-Festival, über das ich einen Beitrag zur Ausstellung „Soundtrack WOB. 50 Jahre Musik und Jugendkultur in Wolfsburg“ im dortigen Stadtmuseum einen Beitrag verfassen darf, über musikalische Post aus Moskau von Anton, der mir Auszüge des „Addicted Label No Name Records“-Programms zuschickte, oder auch über meine kleinen musikalischen Abenteuer, die ich kürzlich in Ligurien erlebte, mit den Plattenläden Black Widow und Flamingo Records in Genua, mit der LP „La stanza di Swedenborg“ von Vanessa Van Basten, mit der vom Sohn eines Mitmusikers und also auch meiner Gastgeberin geschenkten CD der Band Nicola Rollando e i Nuovi Disertori. Aber jetzt wiegen andere Dinge schwerer. Oder?

Durchatmen. Verarbeiten. Sacken lassen. Nach vorn blicken. Kunden bedienen: Mit einem Flips-Gutscheinheft steht Steven vor der Theke und sucht das Blatt mit dem Riptide-Coupon. „Seite 124“, weiß Chris und lächelt. Der Mann kennt eben alle Seiten seiner Stadt. „Und ich bin auch nicht zum ersten Mal hier“, sagt Steven. Auf ein Sonntagsfrühstück hätte er auch mal Lust, und Chris weist ihn darauf hin, rechtzeitig zu reservieren, weil es sonntags erfahrungsgemäß „proppevoll“ wird. Steven ist erst kürzlich nach Braunschweig gezogen, aus Oldenburg, wo er sechs Jahre lang auf Lehramt studierte. „Eigentlich komme ich aus Sülfeld“, erzählt er, also quasi von um die Ecke. Jetzt ist er Lehrer am Gymnasium in Meine, also quasi um eine andere Ecke, das erst wenige Jahre existiert: „Der jetzige oder der davor war der erste Abi-Jahrgang dort“, bestätigt er. Und schwärmt vom Riptide: „Das ist ein cooler Laden, ich mag das, das ist die einzige alternative Anlaufstelle in Braunschweig, die ich kenne.“ Steven findet das Riptide „erfrischend“, und sicherlich auch die beiden Wolters in seinen Händen: „Ich will meine Freundin nicht warten lassen“, sagt er und kehrt zurück ins Achteck. Mit Recht: Der Sommer dauert dieses Jahr von April bis mindestens Anfang Oktober und schickt sich nicht an, sich jemals zu verabschieden. Ein guter Anlass, die Sonne und die Wärme draußen auszukosten.

Nun tritt Gesine hinter die Theke, sie ist gleich Chris‘ Ablösung, Melissa bleibt noch länger. Gesine ist seit etwa zwei Monaten Aushilfe im Café. „Ich habe Gastroerfahrungen in Hannover gesammelt, aber nur kurz“, erzählt sie. „Eigentlich komme ich aus Essen und Dortmund.“ Aus dem Pott! Der ihr gar nicht so gefällt: „Ich finde Essen nicht gut“, sagt sie. Nicht nur aus dem Grund, der ihr als erstes einfällt: „Da kann man nicht Kunst studieren.“ Auch in die dortige Kultur hatte sie wenig Einblicke: „Der Goethebunker ist die einzige Disco, in der ich war.“ Das Don’t Panic am Nordrand der Innenstadt kennt sie nicht, die Punk-Kneipe, die davor Panic Room hieß, und vom Unperfekthaus hat sie bislang auch nur gehört.

Chris übergibt nun die Schürze an Gesine und nimmt für heute seinen Hut. Ich nehme den „Black Mirror“-Soundtrack von Alex Somers und Sigur Rós auf LP mit und mache mich ebenfalls auf den Heimweg. Mit dem nicht extra zu fassenden Vorhaben, wiederzukommen, und das bitte auch nach 2020 noch.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#132 Der Handelsweg nach dem Schuss

7. September 2018


Donnerstag, 6. September 2018

Aufruhr im Handelsweg: Mit einem so alarmierenden wie emotionalen Schreiben versetzten André und Chris ihren Freunden und den Riptide-Kunden am Dienstag einen Schock. Sie machten öffentlich, was seit viel zu langer Zeit im Hintergrund schwelt: massive Differenzen mit dem Vermieter, die einen Fortbestand des Cafés an der seit beinahe elf Jahren angestammten Adresse ab 2020 in Frage stellen. Chris und André beschreiben Schikanen und berichten von Kostenexplosion und davon, am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein.

„Die 2800 Euro waren der Tropfen“, sagt Chris. André hat sich Urlaub genommen, Chris hält die Stellung, heute unterstützt von Tim und Jessy. Bei den 2800 Euro handelt es sich um Kosten für einen Berater, die der Vermieter für seine Geschäftsabwicklungen benötigte und die er anstatt einer lang von Chris und André gewünschten Auslagenrückzahlung dem Riptide aufdrücken wollte, kombiniert mit einer erheblichen Mieterhöhung. Die das Riptide nicht stemmen kann, so Chris, und das habe das Team dem Vermieter haarklein auseinandergesetzt, mit analytischen Beispielen, etwa dem Beleg dafür, dass sich die Laufkundschaft halbiert hat, seit die Stadt die Parkgebühren in der Breiten Straße erhöhte. „Wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, wir werden uns umgucken“, so Chris. So lang läuft der bestehende Mietvertrag nämlich noch. „Wir hoffen, dass Angebote kommen“, und ziehen es in Erwägung, sich gegebenenfalls für „eine bessere Immobilie“ zu entscheiden. Denn: „Hier haben wir keine Zukunft, mit oder ohne den Post.“

Den setzten die beiden Chefs nach langem Zaudern vorgestern bei Facebook ab, lancierten ihn aber nicht bei der Presse. Die persönlich formulierte Nachricht war für Freunde und Stammkunden bestimmt und sollte die Vermieter eigentlich nicht erreichen: „Wir wollten einen wütenden Bären nicht wütender machen.“ Nach 24 Stunden war die Information allerdings über 1200 mal geteilt, die absichtlich ausgeklammerte Presse nahm die Nachricht auf, sie lief sogar groß auf dem überdimensionalen LED-Monitor am Haus der Braunschweiger Zeitung, wie Chris zu seinem entsetzten Erstaunen feststellen musste. Mit der riesigen Resonanz und dem damit einhergehenden Rückhalt rechneten die beiden nicht: „Unfassbar!“, staunt Chris überwältigt. Er berichtet von dem Online-Kommentar eines Ladens, der ihm die Tränen in die Augen treibt: „Haltet durch, die ganze Stadt steht hinter euch.“ Chris ist in gewisser Weise zuversichtlich: „Wir werden uns freischwimmen, egal, wo, egal, wie.“ Und sollte sich doch keine Alternative anbieten: „Dann haben wir 13 Jahre lang unseren Traum gelebt.“

Noch ist es nicht so weit, mit dem Öffentlichmachen der Umstände ist belegbar ein Prozess in Gang gesetzt. Und sei es der, sich zu imaginieren, wie der Handelsweg, wie ganz Braunschweig ohne das Riptide aussähe – dieser Schock reicht weit. Auch in der direkten Nachbarschaft, bei der ich mich deshalb heute umhöre.

Bei Fifty Fifty Second Hand treffe ich Sophie, die für Marion hinterm Verkaufstisch die Stellung hält. „Es wäre furchtbar, wenn das Riptide nicht mehr da ist“, sagt sie. „Das Riptide macht den Handelsweg aus, der wäre nicht das Gleiche.“ Fraglich wäre daher auch, „wie sich das auf die anderen Läden auswirkt“. Das Café sei „die Kultur in Braunschweig“, sagt Sophie, „ich gehe seit Jahren ins Riptide“. Ein Ende wäre „furchtbar“. Von möglichen Umzugsplänen der beiden Chefs hat sie gehört: „Das ist die Frage, wie es fürs Riptide an einem anderen Standort wäre.“ Grundsätzlich findet sie, dass die Bedeutung des Cafés für die Stadt riesig sei: „Allgemein in Braunschweig kommt Kultur so krass zu kurz!“ Auf den paar Metern zwischen Breiter Straße und Görderlingerstraße hingegen finde sie zu ihrer Freude statt, als direkt Beteiligte schwärmt Sophie unter anderem von den Handelsweg-Partys: „Es haben alle geöffnet, es sind alle gutgelaunt, das ist superschön.“

Vor seinem Antiquariat sitzt Serge, raucht und unterhält sich mit Kunden. Die trüben Aussichten, das Riptide könne schließen, erfreuen ihn nun nicht gerade: „Ich wäre nicht begeistert, weil wir für die Nachbarschaft sehr dankbar sind“, sagt Serge. Allen sei klar, dass das Café in seiner Relevanz auf die Nachbarn abstrahlt. Unübertrefflich: „Wir sorgen uns, was da reinkommt.“ Den Facebook-Text von André und Chris betrachtet er zwar etwas skeptisch, doch: „Man könnte zynisch sagen, werbetechnisch ist das gut, viele werden dadurch auf den Handelsweg aufmerksam.“ Allein bei ihm haben sich heute einige neue Kunden eingefunden: „Journalistisch gesehen ist das super.“ Die Aussage darin verbessere sich dadurch indes nicht.

Gegenüber sitzt Birgit in ihrer Schmuckwerkstadt 38 an den Schmiedewerkzeugen. „Das wäre natürlich tragisch, es tut mir leid für die beiden“, sagt sie bezogen auf eine potentielle Schließung des Cafés. „Andererseits, es gibt auch immer zwei Seiten“, gibt sie zu bedenken, unterstreicht aber: „Es täte mir leid, wenn sie aufgeben müssten.“

Vor ihrem Café Drei nebenan plaudert Jessy mit Gästen von Achims Tante Puttchen gegenüber. Sie teilt Birgits Haltung in allen Punkten: „Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, und wir kennen nicht beide Seiten“, sagt sie. Doch auch sie betont: „Es wäre ein Verlust, das steht außer Frage – das Riptide ist halt doch eine Größe nach fast elf Jahren.“

Genau das denkt auch Stefan, der eben von einer Runde in die Stadt in seinen Laden Comiculture zurückgekehrt ist: „Natürlich würde da was fehlen, ist doch klar!“ Er betont die Gemeinschaft im Handelsweg: „Wir haben Abhängigkeiten voneinander, das ist superwichtig, wir profitieren voneinander.“ Trotz des Facebook-Eintrags und der unmittelbaren Nachbarschaft zum Riptide kennt Stefan die exakten Hintergründe allerdings nicht: „Ich weiß gar nicht so genau, was da vor sich geht, wir haben hier alle Fragezeichen.“ Ihm ist die Bedeutung des Cafés auch für seinen Laden bewusst, untertreibend sagt er: „Das Riptide macht den Handelsweg ein bisschen bekannt in Braunschweig.“ Und für das Riptide sei der Handelsweg selbst perfekt, denn der sei „eine Art Versteck, ein Kaninchenbau“. Die emotionale Seite des Facebook-Posts kann Stefan verstehen, insbesondere mit Blick auf die Konsequenzen für Familienvater André: „Wenn du selbständig bist, investierst du ganz viel Zeit, und die kriegst du nicht wieder.“ Bei der Energie, die André ins Riptide stecke, sähe er sein Kind womöglich gar nicht großwerden. Andererseits erinnere Stefan der Facebook-Text im Hinblick auf die möglicherweise vernichtenden Reaktionen des Vermieters an den Film „Fight Club“: „Du hast die Aufgabe, eine Schlägerei anzufangen – und sie zu verlieren.“ Denn zu befürchten sei, dass die Fronten jetzt erstrecht verhärtet und Kompromisse noch aussichtsloser seien. Grundsätzlich findet Stefan: „Das Riptide ist immer ein Teil des Kulturlebens, das Ende wäre für den Handelsweg traurig, aber auch für Braunschweig.“ Er schwärmt von dem „chilligen Laden mit chilligen Leuten“, deren Art zu feiern sich von der an anderen Partymeilen in der Stadt angenehm positiv unterscheide. Und: „In der Stadt hast du Franchise, in der Peripherie inhabergeführte Geschäfte“, dazu gehört auch der Handelsweg und das müsse so bleiben. Die allgemeine Entwicklung erzeugt bei ihm Kopfschütteln: „Ich verstehe das nicht“, sagt Stefan. Zum Beispiel: „Der Siebenschläfer ist weg“, die Cocktailbar in der Scharrnstraße einige Ecken weiter schloss erst kürzlich. Er sinniert: „Als ich den Laden hier vor fast 22 Jahren aufgemacht habe, war hier im Viertel viel mehr los – die Leute waren abends unterwegs und haben dabei den Laden entdeckt und sind in der Woche wiedergekommen.“ Doch er hat eine Erklärung: „Die Stadt hat Schlagseite, das Schloss hat eine starke Präsenz, und die Leute kullern da hin.“

Schräg gegenüber öffnen Frusti und Andrea die Einraumgalerie, sie setzen sich nach ersten betrieblichen Aktivitäten auf die Bank vor dem großen Galeriefenster. „Ich kann sagen, dass wir den Laden hier gewählt haben, weil das Café schon da war“, unterstreicht Frusti die Relevanz des Riptide. „Es gibt immer eine gute Zusammenarbeit, man bereichert sich gegenseitig“, findet Andrea. Frusti nickt: „Wir sind abhängig, nicht zuletzt von ihrem Geschirrspüler.“ Andrea setzt an: „Zum Beispiel bei Sound On Screen, da kommen viele Gäste auch in unsere Ausstellung, das ist toll, und umgekehrt, wenn wir eine Eröffnung haben, gehen die Gäste rüber und kaufen die Getränke, die sie möchten, das ist auch toll.“ Frusti mag sich ein Ende des Riptide nicht vorstellen: „Das wäre ein Verlust für den Handelsweg.“ Und Andrea sieht es wie Stefan von Comiculture: „Das Publikum ist toll.“

Es gibt aber auch Skeptiker in der Nachbarschaft. So richtig Verständnis kann Helmut von der Strohpinte etwa für das Vorgehen von Chris und André nicht aufbringen, weil er die Intensität des Disputs nicht kennt: „Ich habe keinen Ärger mit dem Vermieter“, stellt er mit Verwunderung fest. „Wenn etwas kaputt ist, muss man ab und zu selber den Pinsel in die Hand nehmen und das korrigieren“, findet er. Und damit widmet sich der alteingesessene Wirt wieder seinem Buch.

Ungefähr genau so lang am Platze wie die Strohpinte ist Achims Kneipe Tante Puttchen: „Ich bin seit dreiunddreißigeinhalb Jahren hier drin“, dreimal so lang also wie das Riptide. Eine Pachterhöhung nach einiger Zeit sei eigentlich normal und hinnehmbar, sagt Achim, und befürchtet, dass der schriftliche Beitrag der beiden Riptide-Wirte ihrem Vermieter gegenüber vielleicht etwas undiplomatisch wirken könnte. Dem gehört indes nicht der gesamte Handelsweg: Das Tante Puttchen ist nicht in dessen Hand.

Das Riptide erfährt mehrheitlich überwältigenden Zuspruch, nicht nur online. Konstantin ist extra wegen des Posts hergekommen, um unter der Segelplane im Achteck sein Wolters zu trinken. „Ich bin ein bisschen besorgt auch“, sagt er, „das trifft mich schon – ich fänd’s halt schade, weil ich schon Ewigkeiten hier sitze und die Betreiber mag und viele Leute kennengelernt habe.“ Er schwärmt von der „netten Cafékultur“: „Es ist hip und mit einem gewissen politischen Anspruch, das war eine Art Vorreiter in Braunschweig, zum Beispiel für die Makery.“ Die Musikfilmreihe Sound On Screen sei nur eine von vielen reizvollen Riptide-Veranstaltungen in der Stadt: „Es ist ein wichtiger Ort und ein guter Zusammenschluss, zwischen Linksradikalen und Bürgies, ein Anlaufpunkt, auch um Vorverkauf für Konzerte machen zu können, um selbst Sachen verkaufen zu können.“ Den Disput zwischen den Cafébetreibern und dem Eigentümer kann er nachvollziehen: „Die Riptides wollen Geld verdienen, der Vermieter will Geld verdienen, das ist wohl kein Einzelfall – er merkt, dass der Handelsweg attraktiver und belebter wird und dass man mehr Geld rausholen kann“, die alternative Kultur sei ein kommerzieller Faktor geworden. Konstantin seufzt: „Man lebt in der Blase, dass alles so weiterläuft, wie es war“, und sei dann erschüttert, wenn es zu solchen Veränderungen kommt. Den Facebook-Text unterstützt er: „Der kam gut an, wurde oft geteilt – das war der richtige Schritt, wenn du nix machst, passiert auch nix.“

Nicht nur der Siebenschläfer ist dicht, auch die BrauBar um die Ecke – die angrenzende Stebner-Brauerei zieht derweil nach Querum um – und auch das Riptide äußert nun massive Probleme: „Es ist ein Trauerspiel“, stöhnt Schepper. Er ist nicht nur regelmäßiger Gast im Ritpide, sondern trat hier auch schon oft als Künstler auf, mit seinem Solobassprogramm. Mit einem alkoholfreien Hefeweizen sitzt er am Fenster neben dem Reinhörplattenspieler. „Wo soll denn die ganze Kleinkunstgeschichte hin, alle machen dicht, der Hansa-Kulturclub, das Meier, das Joker im weitesten Sinne, das Tegtmeyer, und das FBZ, da fing das Drama ja mit an.“ Immerhin in der Eule fänden einige „Sachen“ nach seinem Geschmack statt, wie das Konzert von Long Distance Calling im Dezember. „Es gibt nur wenige Inseln, wo man Livemusik hören kann oder selbst spielen“, findet Schepper. „Das ist zu wenig für so eine Stadt, für die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen.“ Er grinst: „Und die geilste Stadt in Niedersachsen.“ Dennoch stellt er fest: „Hier kommt doch keiner mehr her, in Peine, Gifhorn, Wolfsburg oder Celle ist mehr los, Braunschweig ist der blinde Fleck auf der Veranstaltungskarte.“ Die für 2019 geplante Halle am Westbahnhof sei „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, er sehe ihr aber denoch mit Hoffnung entgegen.

Aber: Noch ist das Riptide ja da, noch trinke ich dort Kaffee, Kola, Bier, esse Burger, Muffins, Fladenbrote, gehe zu Sound On Screen und anderen Veranstaltungen, treffe Freunde und Fremde, kaufe und bestelle Schallplatten und CDs und schreibe weiter Monat für Monat den Blog, seit nunmehr elf Jahren und ohne ein für mich absehbares Ende. Nach meinem Empfinden ist der Handelsweg das Schanzenviertel Braunschweigs, der einzige zentrierte Fleck (Sub-)Kultur in dieser Studenten- und Arbeiterstadt. Diesen Status aus welchen Gründen auch immer zu gefährden, anstatt ihn zu fördern, zeugt von fehlendem Blick für das Ganze. Und das Ganze reicht weit hinaus, über den Handelsweg, sogar über Braunschweig. Das sollte indes auch den Braunschweigern klar sein, die jetzt das potentielle Aus beweinen: Die beste Unterstützung ist wohl, im Riptide einfach mal wieder mehr Zeit zu verbringen. Ist schön dort!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#130 Nach Mitternacht gefüttert

29. August 2018


Dienstag, 28. August 2018

Wie ausgesprochen schade: Schon so kurz nach der Eröffnung ist offenbar die BrauBar in der Breiten Straße, um die Ecke vom Café Riptide, schon wieder geschlossen. Da geht der Ecke aber etwas verloren. Kürzlich – kleines Wortspiel im Zusammenhang mit einer Brauerei, haha – probierten Andrea und ich die kleine Bar aus, die mit der privaten Stebner-Brauerei benachbart war. Wir waren überrascht, wie perfekt diese Einrichtung erschien, als wäre es von langer Hand durchdesignt worden, jedoch, anders als Franchise-Kneipen, mit Seele. Gemütliche Möbel aus Holz, eine Liegewiese aus Kunstrasen und Europaletten, und als kleines Gimmick auf den Tischen neben den Blumen in der Bügelflasche unterhaltsame Kronkorkenbäume mit Magneten, mit denen man herrlich die Zeit zwischen zwei Bieren überbrücken konnte. Zwei Biere mindestens sollten es schon sein, die Eigensorten schmeckten hervorragend, auch die saisonalen Fremdbiere überzeugten. Gut, mit dem ganzen IPA-Kram kann ich nichts anfangen, die sparte ich mir aus, aber der Rest war naturtrüb und schmackhaft. Und das soll jetzt schon wieder vorbei sein? Die Zukunft der Bar ist scheinbar noch ungewiss, ab und zu mal nachgucken empfiehlt sich da wohl schon.

Aber das Riptide existiert munter weiter, das wäre ja auch noch schöner, sollte dem einmal irgendjemand Steine in den Weg legen wollen! Der herrliche Sommer holt seit dem jüngsten kühlen Wochenende etwas Luft, für morgen sind wieder hohe Temperaturen angekündigt, je nach App zumindest, die man befragt, und schon jetzt sitzen die meisten Gäste wieder sommerlich unter dem Segeltuch im Achteck. Ins Café komme ich kaum, Stecki, der heute eigentlich in der Küche eingesetzt ist, krault vor der Tür den überdimensionalen weißen Hund eines Gastes. „Lass den Hund in Ruhe“, ruft ihm einer der drei Stefans, der Zeuke nämlich, von der Einraumgalerie zu. Stecki verteidigt sich: „Ich hab doch sonst keine Freunde!“

Vor einer Weile erzählte mir Niclas, als ich nebenan bei Serge saß, dass es gelegentlich Konzerte im Riptide gibt von Bands, die abends im Eulenglück, dem früheren Panoptikum, Merz, Capitol, auftreten. Das habe ich gar nicht mitbekommen und frage Chris danach, der hinter der Theke die Kundenwünsche entgegennimmt. „Ich habe früher mal für Undercover gearbeitet, lange vor dem Riptide“, beginnt Chris. Undercover ist die Braunschweiger Konzertagentur, die die Gigs unter anderem im Eulenglück ausrichtet. Chris: „Wir verstehen uns, wir kennen uns, und wenn es musikalisch umsetzbar ist, treten die Bands vorher akustisch bei uns auf.“ Die Rogers und Kafvka machten den Anfang, die Rapperin Haiyti indes tritt die Folge am 6. Oktober nicht an: Ihre Musik lässt sich nicht akustisch umarrangieren. Anders Kafvka, „die machen Hip Hop mit Brettgitarren, wie Rage Against The Machine“, erzählt Chris, und die liefen im Handelsweg mit akustischen Instrumenten auf: „War mega!“ Und zeitlich muss es passen, dass die Künstler rechtzeitig vor dem Auftritt im Eulenglück schon in Braunschweig sind, damit noch Spielraum fürs Riptide bleibt.

Beim Thema Akustikkonzert schwenkt Chris zur Reihe Songs & Whispers, die europaweit ausgerichtet wird und auch im Riptide wieder monatlich stattfindet, „unplugged und umsonst“. Zum Auftakt spielt am 14. September Ruven Dru. Chris schwärmt von Songs & Whispers: „Das ist ein europaweites Netzwerk, das wird alles ehrenamtlich organisiert – wie würde sonst ein Sänger aus Singapur oder eine Band aus Malaysia nach Braunschweig kommen!“ Bis zum Jahresende sind die Termine dafür bereits durchgeplant.

Außerdem geht es auch mit der Musikfilmreihe Sound On Screen weiter: Das Universum-Kino zeigt am 21. September die Dokumentation „Nico 1988“ über die letzten Jahre von Christa Päffgen, die einst mit Velvet Underground zu Weltruhm kam. Im Anschluss legt Chris persönlich im Riptide auf, unter seinem Alias Butch Cassidy. Die folgenden Filme der Staffel sind: „Ryuichi Sakamoto: Coda“ am 18. Oktober und „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales am 22. November.

Freundliche Kunden unterbrechen unser Gespräch immer wieder, die bei Chris bestellen oder die Rechnung begleichen möchten. Mit einem Stapel Punkrockschallplatten kommt Matt an die Theke, und Chris weiß schon, dass er ihn nur auf Englisch ansprechen kann: Matt kommt aus Michigan, die Familie seiner Frau lebt in Braunschweig. „Ein Onkel hat uns herumgeführt“, erzählt Matt, „wir stoppten hier eigentlich nur für ein Bier, da sah ich die Platten – beautiful!“ Bei ihm ist seine sechsjährige Tochter Finley, die ein Zwei-Euro-Stück kleingewechselt haben möchte. „Sie will in einem Automaten Buttons kaufen“, sagt Matt, und Chris ergänzt: „Und Kaffee und Bier gibt’s da auch, aber das ist mehr für den Vater.“ Finleys Drängen ist dann auch der Grund, weshalb sich Matts Aufenthalt heute so kurz gestaltet, aber er verspricht, beim nächsten Besuch in Braunschweig wieder vorbeizukommen.

Im Hintergrund beginnen die Commodores, „Easy“ anzustimmen, und ich bringe Faith No More ins Spiel. Wir kennen die Geschichten von Nachgeborenen, die die Originale ihrer Hits nicht kennen. Chris erzählt eine von seiner Zeit als Jugendbetreuer, als er abends zu The Police am Strand saß und irgendwann auch „Every Breath You Take“ erklang. „Da kommt ein Jugendlicher vorbei, mit Schlaghosen, so Hip Hop und cool“, sagt Chris, „er ruft: ‚Ey, was haben die mit Puff Daddy gemacht!‘, und geht weiter.“ Die Jugendleiter guckten sich verwundert an und brauchten eine Weile, bis sie den Zusammenhang erfassten. Mir fällt dabei die Situation ein, als „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice gerade in den Charts war und ich ein seltenes Mal Gast im Freedom in Celle war. Da ertönten die Takte mit dem charakteristischen Beat und dem Fingerschnippsen, was drei junge Rapper zum Anlass nahmen, sich auf der ansonsten leeren, aber umstandenen Tanzfläche hiphoppend in Positur zu werfen. Als dann aber Freddy Mercury und David Bowie „Under Pressure“ anstimmten, stutzten die Jungs, räumten fluchtartig die Tanze und die Umstehenden lachten. Andererseits sind auch wie Älteren bisweilen vor Nichtinformiertsein nicht gefeit. Als ich einmal bei der Indie-Ü30-Party im Nexus „Tainted Love“ von Gloria Jones spielte, sagte jemand: „Cool, so kann man das auch covern!“ Und als Werner nachts nach dem letzten Ball im Bierhaus mit Rille Elf „Ball Of Confusion (That’s What The World Is Today)“ von The Undisputed Truth als Überleitung von unserem zu seinem Programm einlegte, begriff ich erst, dass das von Love And Rockets gar kein Original ist. Nicht mal von The Undisputed Truth: Als erste spielten es 1970 The Temptations ein. Man wird alt wie ’ne Kuh…

Und noch eine Ankündigung lässt Chris mich wissen: Das Veggie-BBQ war in den vergangenen Jahren immer ein Bestandteil des Handelsweg-Festes, „das haben wir jetzt ausgegliedert: Am Samstag machen wir das vegane BBQ“. Drei Tage lang wollen André und er kochen, schnippeln, rühren und alles von Gegrilltem über Dips bis Salaten vorbereiten. Chris: „Da wird richtig aufgefahren!“

Der Sedan-Bazar – der ohne das BBQ – war dieses Jahr tagsüber etwas dünner besucht, stellten Andrea und ich fest. Noch am frühen Abend hatten früher mehr Läden geöffnet und stapelten sich viel mehr Gäste, aber das Konkurrenzprogramm in Braunschweig war an dem Tag so groß wie gleichsam zum Teil dünn besucht. Doch Chris schränkt meine Beobachtung ein: „Es war abends voller als sonst, ich war um 22 Uhr und um 1 Uhr hier, da war es megavoll.“ Möglicherweise, so Chris, weil das Kinderprogramm dieses Mal etwas reduzierter ausgefallen war, verschoben sich die Andränge vom Nachmittag in die Nacht. Hauptsache Party!

Chris muss dienstlich in den Keller, ich will weiter ins Hermans und nehme noch die „Die Tür ist zu“-Doppel-LP von den Swans mit. Dabei bestaune ich Steckis Gremlins-T-Shirt und erwähne, dass ich kürzlich feststellte, dass der Lego-Mogwai recht unerschwinglich ist, es ihn aber frecherweise auch als als „Custom“ deklarierten günstigen Fake im Internet gibt. „Du sammelst Lego?“, fragt Stecki. Na ja, ich habe da so ein, zwei Modelle und eine Handvoll Minifiguren. „Ich habe alles verkloppt mit zwölf“, sagt Stecki ungerührt. Ganze Spacelandschaften, für die ich ihn beneiden würde; meine lagern in Kartons im Keller, die originalen aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. „Meine Tante hat einen Plüsch-Gizmo“, sagt Stecki. „Aber den gibt sie nicht her.“ Verständlich! Außerdem sucht Stecki noch nach Mr. Floppy, dem Plüschhasen aus der TV-Serie „Auf schlimmer und ewig“, doch sei der nicht zu kriegen: „Davon wurden damals in den USA nur 1000 Stück hergestellt, als Promo.“

Noch etwas zum Sedan-Bazar. Leider konnte Schepper zwar doch nicht auftreten, aber ihm gebührt noch eine Erwähnung hier: Ich treffe ihn sowie Andreas und Pommes nämlich anschließend im Hermans. Andreas hat eine Überraschung für Schepper, eine CD von einer Band: „Fängt mit Y an.“ Schepper ist als Rush-Fan sofort im Bilde: „YYNot?“ Die spielen Rush-Lieder nach, benannt nach dem Stück „YYZ“. Wir staunen, wie schnell er so treffsicher liegt, doch Andreas schränkt ein: „Leider ist es kein Original.“ Schepper winkt ab: „Macht nix, ist doch eh nur ‘ne Coverband!“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#129 300,- DM

25. Juli 2018


Dienstag, 24. Juli 2018

Es ist so heiß, dass man beim Gang durch die Fußgängerzone kalte Füße bekommt. Weil jedes Geschäft die Klimaanlage mit gefühlt 25 Grad Unterschied zur Außentemperatur angeschmissen und die Türen weit geöffnet hat. Aber was ist schon Hitze gegen das Grau, das uns in dieser Gegend die letzten acht Jahre nicht nur den Sommer, sondern auch den Rest des Jahres vergrault hat! Das Licht macht alles wett, es strahlt so hell, das sogar die Schatten nicht dunkel sind. Das ist gut für die Seele. „Und man kann den Urlaub in Braunschweig machen“, sagt der algerische Falafelzubereiter bei Sofra. Fehlt nur das Meer.

Seinen Hedonismus kann man auch im Handelsweg pflegen, Niclas und Serge bedienen sich dafür weißer und roter Weinschaumcremes, die sie vor Serges Laden abwechselnd löffeln. Trotz der sonnigen Hitze lässt sich Serge zu einer hitzigen „Diskursanalyse“ hinreißen, wie er es nennt, und setzt an: „Wie kann man sich so lang mit dem kleinen Fußballspieler beschäftigen, dass man denkt: Seid ihr völlig irre?“ Er meint Mezut Özil, den deutschen Nationalspieler, der vor der Fußball-Weltmeisterschaft mit seinem Spielerkollegen İlkay Gündoğan Fotos von einem Besuch beim türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan im Internet verbreitete, mit seinem DFB-Team in der Vorrunde der WM ausschied und nach diverser Kritik der Mannschaft den Rücken kehrte. „Typisch Sommerloch“, findet Niclas, doch Serge widerspricht, dass derzeit angesichts der unzähligen weltweiten Probleme überhaupt ein Sommerloch existiert: „Es gibt so schwere Themen, aber alle reden über Özil.“

Die Waldbrände in Schweden und Griechenland, die Hitze in Japan und die weltweiten politischen und wirtschaftlichen Schieflagen führt Serge kurz an. „Jetzt wage ich mal eine These“, sagt er und rückt auf seinem Stuhl in eine andere Position. „Wir leben im Jetzt, und das Jetzt hat mit dem Gestern nichts mehr zu tun, das ist ein ganz neues Zeitalter, das müssen wir zur Kenntnis nehmen“, beginnt er. „Es ist alles anders, und die Erkenntnis frisst sich allmählich durch, es ist wahrnehmbar, dass wir in einem neuen Universum leben, in jeder Hinsicht.“ Serge findet ein Bild dafür: „Wir sind im Moment in einem Schwarzen Loch des Ereignishorizonts.“ Und er glaubt: „Selbst der schlichteste Mensch auf der Straße spürt das und flüchtet, nach allen Seiten, nach rechts, wird Reichsbürger, alle flüchten, nur wohin, vor der schlichten Wahrheit, dass die Komplexität nicht mehr greifbar ist, dass auch das Klima signalisiert, dass etwas nicht stimmt.“ So eine weltweite Erhitzung wie zurzeit habe es noch nie gegeben: „Die Klimaforscher gehen in ihre Höhlen und schämen sich, alle Prognosen waren falsch, es ist alles viel schneller.“

Seine Betrachtungen führen Serge bald zur Redundanz der Musik speziell, die sich seit 30 Jahren nur wiederkäut, sowie der Kunst allgemein, hin zum Hedonismus, den er sich gern gönnt. André grätscht kurz dazwischen und teilt uns mit, dass er sich einen früheren Feierabend gönnt. Dann wirft Arni einen Schatten auf die Runde, in die er tritt; wir sind verabredet und rücken nun um eine Hausnummer weiter, ins Café Riptide. Niclas und Serge verabschieden sich von uns, Serge grinsend mit den unerwarteten Worten: „Cool bleiben!“

Hinter der Theke im Café Riptide erwarten uns Chris und Tim, Rosalie werkelt in der Küche. Arni und ich bestellen der Hitze wegen schnellstens Fritz-Kola, er die klassische, ich die mit Kaffee, von der Chris sagt, sie habe jetzt einen neuen Namen, Karamell-Kaffee nämlich, aber das alte Rezept beibehalten. Arni fragt ihn, wo er seine mitgebrachten Flyer unterbringen kann, und Chris verweist ihn auf die Station in der Lounge gegenüber. Ich drücke Arni gleich noch Flyer für den nächsten Ball im Bierhaus in die Hand, den wir mit Rille Elf am 17. August in Harrys Bierhaus ausrichten. Die Flyer von Arni werben für die Ausstellung „Spurensuche: Fotografie und Autismus“ der Lebenshilfe, die Maren initiiert und kuratiert. Eröffnung ist am 10. September in der Galerie Geyso 20. Da wird Rosalie hellhörig und sprintet aus der Küche: „Geyso 20, da hab ich auch mal gearbeitet!“ Außerdem liegen Flyer für den nächsten Sedan-Bazar auf der Theke, das kunterbunte Straßenfest des Handelswegs, das am 18. August ab 12 Uhr stattfindet. Von einem Live-Act weiß ich schon: Einer kleinen Tradition folgend, ist Schepper wieder mit seinem Solo-Bass Teil des Programms.

Wenn alles klappt, hat Schepper in einem neuen Braunschweiger Etablissement ebenfalls einen Gig in Aussicht: Ollo hat vor einiger Zeit am Frankfurter Platz das Café MokkaBär eröffnet. Donnerstags und freitags empfängt er Gäste; mehr lässt sein Hauptarbeitgeber nicht zu, aber wenn sich das Café trägt, ist vielleicht mit etwas Hilfe auch mal mehr möglich. Schon jetzt gestattet sich Ollo ausgesuchte Samstage mit Konzerten, und seinen alten Buddy Schepper würde er gern auf der Bühne in seinem Café erleben. Der MokkaBär ist eine wundervolle gastronomische Ergänzung rund um den Frankfurter Platz, mit Gambit, Harrys Bierhaus, dem Momo, dem neu erweiterten Deniz und dem Nexus, wenn man das Areal etwas weiter fasst. Und Ollo hat den Laden schon ins Geschehen etabliert: Die Ergebnisse einer Fotoaktion rund um den Frankfurter Platz hängen in seinem Café als Kunstwerke an den Wänden.

Ebenfalls neu in der Stadt ist die einst Wolfenbütteler Stebner-Brauerei, die um die Ecke vom Riptide eine Braubar eröffnete und mit dem Crabs-Braumeistern aus dem Rebenpark zusammenarbeitet. Namensgeber Stebi schüttelte ich zumindest schon mal die Hand, ein Bierchen in seinem Lokal steht noch aus. Dafür bekamen Andrea und ich kürzlich eine Sonderführung durch die eigentlich an dem Tag geschlossene Hanfbar, in der uns ein ehrenamtlicher Helfer der abwesenden Betreiber Einblicke ins Sortiment gab. Für uns war das insbesondere mit Blick auf den Polizeieinsatz und die widersprüchlichen Nachrichten wertvoll, die da laut Helfer fälschlich behaupteten, es seien in der Bar Drogen gefunden worden. Wir konnten uns auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft eine Bar unter diesem Namen eröffnet und dort illegale Geschäfte tätigt.

Neben dem Flyer für den Sedan-Bazar stapeln sich CDs von The Twang, die ähnlich wie kürzlich GR:MM mit einer Name-Your-Price-Aktion Spenden sammeln, und zwar für die DKMS-Stiftung, die dem Blutkrebs beikommen will. Vier eigens eingespielte countryfizierte Lieder bietet die CD, und zwar alle mit Braunschweigbezug: „Frankfurt, Oder“, ein Schlager von Bosse, der Chartbreaker „Augen auf!“ der eigentlichen Wolfsburger Oomph!, „Mach dich lieber anders tot“ der NDW-Instanz Fee und „Ich wär‘ so gerne Bassist in einer amerikanischen Countryband“ von Kaltmiete, die definitiv größte Überraschung auf der EP, wenngleich der Songtitel natürlich eine Steilvorlage ist. Anlass für dieses Mini-Album ist für The Twang deren zwanzigjähriges Bestehen.

Wären Die Ärzte aus Braunschweig, hätten sie sicherlich den fünften Song dazu beigesteuert; wenigstens haben die Berliner in Chris einen großen Fan, der am 25. August im Lindbergh Palace eine Mottoparty zum Thema Die Ärzte ausrichtet. Dabei war der Auslöser dafür ein halber Scherz, wie Chris erzählt: Vor etwa drei Monaten saß er mit einer Freundin bei sich zu Hause. „Wir wollten weggehen und, wie man heute sagt, waren am vorglühen“, so Chris. „Es war ein toller Abend, wir haben Ärzte gehört und sind dann ins Lindbergh gegangen.“ Dort steuerte Chris alsbald den Chef an und teilte ihm mit: „Ich mache hier eine Ärzte-Party und spiele den ganzen Abend nur Ärzte!“ Eine Woche später erhielt Chris eine SMS: „War das ernst gemeint?“ Chris guckt, wie er in dem Moment geguckt haben wird: „Ich musste selbst überlegen: ‚Äh, ja, mach ich.‘“ Noch eine Woche später stand dann der Termin. Und Chris sah sich mit seinem eigenen Konzept konfrontiert: „Einen ganzen Abend nur Ärzte – schaffe ich das?“ Das wäre „Hardcore“, findet Chris, und entschied, auch themengemäßen Indie-Punk-Alternative zuzulassen. Aber: „Jeder dritte Song ist Ärzte, Coverversionen, solo, irgendwas mit Ärztebezug.“ Dafür nimmt Chris einiges auf sich: „Meine Ärzte-Vinyl-Sammlung, die aus 43 Platten besteht, schleppe ich ins Lindbergh.“

Wie aus einem Witz etwas Spezielles wird, erlebte Arni mit einer Reise nach New York, erzählt er: Eine Freundin fragte ihn, ob er für vier Tage mitwollte, und er sagte zu, in der Gewissheit, es habe sich nur um einen Scherz gehandelt. Als dann die Buchung anstand, stellte sich schnell das Gegenteil heraus, und Arni blieb dabei: „Ich wäre da sonst nicht hingekommen.“

Dazu fällt Chris noch etwas ein: „Das ist so ähnlich, wie Riptide Recordings entstanden ist.“ Die Geschichte kennen wir noch gar nicht, stellen wir mit Erstaunen fest, nach all den Jahren, und Chris erzählt sie uns gern. Er war bei einem Festival in Nordhausen am Ostharz, weil dort The Robocop Kraus spielten: „Die habe ich vom ersten Ton an gepusht.“ Eine andere Band zog zusätzlich seine Aufmerksamkeit auf sich: The A.M. Thawn. „Die waren supergeil, haben gegroovt“, schwärmt Chris noch heute. „Ich hab hinterher zu denen gesagt: ‚Mit euch mache ich eine Platte.‘“ Als Zwischenepisode fügt Chris nun die Rückfahrt mit leerem Tank vorbei an geschlossenen Tankstellen ein, „aber das ist eine andere Geschichte“, und fährt fort: „Sechs Monate später klingelt das Telefon, der Schlagzeuger von The Robocop Kraus ist dran und fragt, ‚Dein Angebot mit The A.M. Thawn, steht das?‘“ Wie bei der Ärzte-Party musste sich Chris erst schütteln und erwiderte selbstverständlich: „Ja, klar.“ Es ging ums Debütalbum. „Da haben wir telefonisch beschlossen: Machen wir.“ Das Ergebnis war 2002 „Victorian Leaves“, die Katalognummer Riptide Recordings 1, allerdings noch unter dem Namen Pleasure Syndicate; erst ab Katalognummer 3 griff der bis heute gültige Name. Die CD-Version erschien parallel auf Swing Deluxe, dem Label von The Robocop Kraus. Chris legte los und fuchste sich in die Thematik ein: „Irgendwann kam eine Palette, die Platte war da.“

Kurz unterbricht ihn Tim: „Eine Frau an Tisch B5 wünscht sich ihre Currywurst besonders und sagt, du wüsstest, was sie meint.“ Und Chris weiß es, ohne hinzugucken: „Ohne Fladenbrot, aber mit doppelt Salat.“ Tim gibt die so konfigurierte Bestellung an Rosalie in der Küche weiter.

Der Vertrieb der Schallplatte fiel Chris vergleichsweise leicht, weil er in der Szene bereits einen Namen hatte: „Ich bin sie nach und nach losgeworden.“ Die Band kam aus Rheine, berichtet Chris, und war mit Muff Potter befreundet, mit denen The A.M. Thawn ein Konzert im Forellenhof in Salzgitter gaben, da fragten viele nach der Platte, und Chris hatte Kontakte zu Mailordern und Fanzines: „Es sind komplett 500 Stück weg.“ Dabei hebt sich der Inhaber immer eine bis drei Kopien seiner Label-Alben für die eigene Sammlung auf, doch von „Victorian Leaves“ fehlte ihm sein Erinnerungsstück. Das musste er sich später bei Discogs nachkaufen: „Der Verkäufer hat meinen Namen erkannt und mir meine eigene Rechnung von damals beigelegt.“ In der Szene startete die Band einigermaßen durch, löste sich aber bald auf. „Die Platte ist unfassbar“, findet Chris: „DC-Fugazi-At-The-Drive-In-Style.“

So entstehen also Labels: Einfach machen. Wie so oft im Leben. Einfach machen dachte sich auch Tim, der erst seit einigen Wochen im Riptide angestellt ist. Der Bezug ist familiär: „Mein Bruder arbeitet hier, Max, der hat mir davon erzählt.“ Sieh an! „Ich war dann ein paarmal hier und fand das auch ziemlich nice, dann brauchte ich einen Job und dachte, ich könnte es hier versuchen.“ Gastronomieerfahrungen hatte er bis dato keine, „aber es gefällt mir“, sagt Tim. Und als Arni und ich uns in die etwas kühlere Rip-Lounge setzen und er unsere Bestellungen aufnimmt, macht er kein Bisschen den Eindruck, ein Anfänger zu sein. Wir nehmen ihm alles ab, den Profi und die Getränke, die ausgezeichnet kühlen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#128 Kim-Jong-un-fass-bar: Südkorea ist Weltmeister!

27. Juni 2018


Mittwoch, 27. Juni 2018

Vorsichtshalber sei hier eine Spoilerwarnung gesetzt: Am Ende dieses Textes ist Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren ausgeschieden, die zurzeit in Russland ausgetragen wird. Nur für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. Heute steht das dritte von drei Gruppenspielen an, das entscheidet, ob es die Deutsche Mannschaft man schafft, das Achtelfinale zu erreichen. Als amtierender Weltmeister geht das Team mit breiten Schultern ins Turnier und muss doch in den ersten beiden Spielen feststellen, dass es nicht unsterblich ist: Mexiko schlägt Deutschland zum Auftakt mit 1:0, Schweden ist nur eher zufällig mit 2:1 bezwingbar. Um weiterzukommen, reicht eine Handvoll Konstellationen, die auf Unentschieden fußen, Sicherheit gibt indes nur ein Sieg über Südkorea. Doch die Südkoreaner wollen sich noch nicht ausgeschieden geben.

Es ist die dritte Herren-Fußball-WM, die das Riptide in seinem Achteck auszugsweise zeigt: Die Spiele mit deutscher Beteiligung überträgt ein Beamer aus einer abenteuerlichen schwarz gestrichenen und wild verkabelten Holzkonstruktion heraus auf die Leinwand, die am großen Fenster der Rip-Lounge aufgespannt ist, wie immer, auch bei den Europameisterschaften. Allerlei Mobiliar ist aufgereiht, Bierbänke und -tische, Caféstühle, auch die Fritz-Bänke an den Fenstern sind mit Polstern versehen. Zu sehen ist vom Fernsehbild nur bedingt etwas: Die Sonne strahlt direkt auf das helle Segeltuch im Achteck. „Wir haben extra morgens eine Plane angebracht“, deutet Chris auf die schwarze Folie, die in den Handelsweg in Richtung Martino-Katharineum vom Segeltuch herunterlappt. „Wer setzt das Spiel um 16 Uhr an, mitten im Hochsommer?“, echauffiert er sich. „Wir haben schon einen Tageslichtbeamer, aber bei direkter Sonne kapituliert der.“

Noch sind nur wenige Plätze belegt, also folge ich Chris ins Café und werfe einmal mehr einen Blick auf die Kopien der LP-Cover aus der Krautrock-Sammlung, die Riptide-Gast Udo Meyer seinerzeit für die Sound-On-Screen-Präsentation des Films „Revolution Of Sound“ über die Band Tangerine Dream dem Café zur Verfügung stellte. Das war bereits am 7. September vergangenen Jahres, also knapp zum Zehnjährigen des Riptide, aber die wundervollen Cover schmücken den Plattenladen einfach gut. Einiges davon, viel zu wenig leider, habe ich auch, Kraftwerk, Kiev Stingl, vieles fehlt mir noch, Neu!, ganz oben auf der Liste. Auf der Theke fällt mir ein Schild ins Auge, auf dem das Riptide-Team im Zuge der neuen europäischen Datenschutzverordnung darauf hinweist, dass es sich gelegentlich Namen und Musikvorlieben von Kunden merkt, und jedem, dem das nicht behagt, abverlangt, beim Betreten laut zu rufen: „Ich bin nicht einverstanden!“

Mit einer Fritz-Kola und der allerletzten Printausgabe des Intro in der Hand wähle ich meinen Sitzplatz für diese Partie außen am Fenster vor den Plattenspielern, auf einem bequemen Kissen und mit der Möglichkeit, mich an die Scheibe zu lehnen. Der Blick auf die Leinwand ist garantiert frei: Am Boden markiert ein schwarzgelbes Klebeband die Laufwege für die Thekenkräfte. Chris hat zunächst Unterstützung von Stecki und Max. Der erfüllt die Speisewünsche, die allerdings zu Zeiten von Fußballübertragungen in der Auswahl reduziert sind; auf der mit „Snäx“ betitelten Karte dazu finden sich neben Nachos auch Vollkornbrote mit selbstgemachten Pasten aus Hummus oder Roter Bete, nicht eben typisches Fußballfutter.

So untypisch ist auch das Publikum bei Fußballübertragungen im Riptide. Nur zwei Trikots sind zu sehen: eines mit der Aufschrift „Hummels“ und eines mit dem Schriftzug „Klinsmann“. Schwarz-Rot-Gold als Körper- oder sonstiger Schmuck bleibt unausgepackt. Was für ein Unterschied zum öffentlichen Aufbahren auf dem Eiermarkt, an dem ich auf dem Weg in den Handelsweg vorbeikam. Im Handelsweg wiederum ist das Riptide als Fußballzeiger nicht allein, auch vor dem Tante Puttchen bei Achim und dem Café Drei bei Jessy sitzen Guckende, auf der anderen Seite empfängt auch Helmut in seiner Strohpinte Gäste. Zusehends füllt sich das Achteck des Café Riptide, aber übervoll wird es nicht mehr. Das Publikum ist weitgehend jung, also jünger als ich, und taucht in Gruppen auf, in Zweierkonstellationen oder auch allein. Die Leute rauchen, lachen, reden, sitzen konzentriert, sind frei, ungezwungen, fröhlich, freundlich, erwartungsvoll und doch entspannt. Stecki reicht ihnen die Getränke, schon um kurz vor vier sind einige Biere darunter. Max bringt den Gästen die Snäx an die Tische.

Béla Réthy moderiert die Übertragung. Na, prost Mahlzeit, aber vielleicht sagt er ja wieder etwas ungewollt Lustiges. Chris setzt sich neben den Übertragungsapparat an einen Biertisch und reguliert die Lautstärke. Die Empfangsstörungen vergangener Meisterschaften sind passé, sehr zur Freude aller Beteiligten. Noch nach dem Anpfiff erfährt das Riptide einen Zulauf an Zuschauern, für die Stecki Sitzgelegenheiten und Getränke organisiert. Für Radfahrer wird es viel zu eng, einer hebt sein Gefährt einfach über seinen Kopf und balanciert es durch die Reihen der Sitzenden.

So recht Spannung aufkommen mag bei dem Spiel nicht. Die Leute unterhalten sich munter, zeigen sich Fotos auf ihren Smartphones oder chatten gleich selbst damit. Man bekommt den Eindruck, das Deutsche Team habe nicht erfasst, worum es bei der Partie geht. Das Publikum passt sich dem an, ganz abgewandt. Lediglich wenn Béla Réthy seine Stimme etwas erhebt, reißt es die Gäste aus ihrer Quassellethargie. Vereinzelt sind die üblichen Fußballmassenguckgeräusche zu vernehmen, mal ein „Oh!“, dann ein „Nein!“, bald ein „Au!“, aber alles eher einstudiert als leidenschaftlich.

Nach 17 Minuten steht es immer noch 0:0, ebenso im parallel verlaufenden Gruppenspiel zwischen Mexiko und Schweden. Ein frischer Wind weht durch den Handelsweg, das einzig Frische dieses Spiels. Torwart Neuer lässt den Ball fallen, es ertönt etwas Geschrei im Achteck. Südkorea versucht einen Konter, man hört das Publikum leise quieken. Im Vorbeigehen greift Stecki nach leeren Flaschen, die ihm von der Sitzbank neben mir gereicht werden, quittiert nickend den Zuruf „Kriegen wir nochmal zwei?“ und bringt in Windeseile ebenjene zwei Astra vorbei.

„Whoawhoawhaaa, kanndochnichsein!“, Rufe dieser Art werden gelegentlich lauter. Wenn Béla Réthy den Spieler mit dem Nachnamen Werner aufzählt, spricht er ihn aus wie Brösels „Wänä“. „Ouuuuuuuuuuh!“, sagt jemand. Stecki trägt eine Wolters-Flasche wie ein Sommelier in der nach unten gestreckten Hand an den Arm geschmiegt. Sobald die Spielaction nachlässt, was recht schnell geschieht, fallen die Gäste zurück in ihre Gespräche, nur um sich von der nächsten Aktion zu vereinzelten „Jetzt!“- und „Ohhhh!“-Rufen hinreißen zu lassen.

In Nahaufnahme sind immer wieder die seltsamen Schrifttypen auf den WM-Trikots zu sehen. Der Name Özil sieht aus wie Ö21L, also mehr wie Leet als wie Kyrillisch, was in Russland eher zu erwarten gewesen wäre. Als Kroos gegen Schweden den magischen Siegtreffer erzielte, fragte Andrea beim Blick auf dessen Rückenschriftzug erfreut: „Was steht da, Kaoos?“

Es läuft die 39. Minute, auf beiden Sportplätzen steht es immer noch 0:0. Ein Glas klirrt lautvernehmlich auf den Boden, irgendwo auf Höhe von Serges Laden. Ein Moment der Stille setzt ein. Ein Gast klatscht darob einmal verhalten und blickt sich scheu um, da fallen andere Gäste in den zaghaften Applaus ein. An seinem Tisch versorgt Chris die Umsitzenden mit Fußballfachwissen, ganz genau so, wie er es als Schallplattenhändler mit Musikfachwissen praktiziert. Ein spät eintreffendes Paar findet einen Platz im Inneren des Cafés, am großen Fenster, von dem aus ich auch schon einmal eine Fußballübertragung verfolgte. Geht.

Ein Pfostenschuss! Großes Geschrei im Handelsweg. Doch ohnehin umsonst, der Angriff war längst abgepfiffen. Was für eine Abwechslung in dem müden Spiel. Oder, wie es Béla Réthy ausdrückt: „Das ist hier keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“

Dann erlöst uns der Halbzeitpfiff. Stühle rücken, die Gespräche werden noch lauter, Max bringt bestellte Nachos heraus. Es steht immer noch überall in ganz Russland 0:0. Ein Spielstand, bei dem Deutschland als Gruppenzweiter gesichert im Achtelfinale wäre. Das wäre dann aber beinahe ähnlich langweilig erreicht wie von Frankreich und Dänemark gestern, die ihr beiderseits bereits gesichertes Weiterkommen mit Arbeitsverweigerung bestätigten. „Bei dem Spiel kann man getrost nebenbei Wäsche zusammenlegen“, whatsappt Andrea mir. Einig, bei dem Spiel kann man getrost nebenbei alles Mögliche machen.

Weiter geht‘s, die zweite Halbzeit ist angepfiffen, Stecki bringt die dritte Runde Astra an die Bank neben mir, Rosalie verstärkt das Thekenteam. Einige Gäste sind gegangen, andere neu dazugekommen. Darunter Konstantin, der sich neben Chris setzt. Ein kurzer Schrei ertönt, als ein deutscher Spieler in der 47. Minute eine Chance vergibt, gefolgt vom klassischen „Ouh!“ Der eigentlich erfreulich blaue Himmel bezieht sich leicht, was ausnahmsweise einmal gut ist, weil dann die Projektion auf der Leinwand besser zu erkennen ist. Das Spiel wird davon indes nicht besser. Anders als die Spieler auf dem Platz erfahren die Fernsehzuschauer, dass Schweden inzwischen 1:0 über Mexiko führt – damit wäre Deutschland ausgeschieden. Sofort, wie als Antwort darauf, erspielt sich das Team eine Chance und vergibt sie sogleich, einmal mehr mit „Ouh!“ quittiert. Südkorea kontert, Konstantin reißt es von der Bierbank, er brüllt „Ja!“, und als die Aktion im Sande verrinnt, lachen die anderen Gäste.

Der 0:0-Rückstand weckt das Publikum auf. Einer der Vornsitzenden wirft die Arme in die Luft, ein Sitznachbar quetscht ein „Ja!“ hervor, ein Fehlpass von Özil entlockt der Menge ein erbostes „Ohhhhhh!“ Als ein Gast einem Wechsel mit „Ja, Gomez!“ zustimmt, gibt es hinter ihm belachte Widerworte. Doch als effektiv erweist sich der Joker nicht, Kommentare wie „Oh nee, ey!“ und „Kommkommkommkomkomm!“ lassen höhere Erwartungen bei den Zuschauern erahnen.

61. Minute, Schweden führt 2:0. Ein Südkoreaner lässt sich im deutschen Strafraum theatralisch fallen und will für die Schwalbe einen Elfmeter ermogeln. Durchschaubar für den Schiedsrichter, der dem auf dem Hosenboden Sitzenden dafür die Gelbe Karte vor die Nase hält. „Steh auf, Mann, wo ist dein Problem?“, ruft jemand aus der ersten Reihe. Seine nächste Chance erarbeitet sich Südkorea ehrlich, ein Stürmer stürmt auf das ungeschützte deutsche Tor zu. Konstantin brüllt: „Mach es doch, Mann!“

Macht der Mann aber nicht. Deutschland ist wieder am Drücker, verliert den Ball: „Oh, nee!“, stöhnt es aus den Sitzreihen. Den nächsten Versuch hält der Südkoreanische Torwart: „Oioioioioi!“ Schweden erhöht den Druck auf 3:0. 73. Minute, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gomez tändelt herum, jemand fernmaßregelt Trainer Jogi Löw: „Und dafür wechselst du den ein?“ Mühsam erarbeitet sich die deutsche Mannschaft manche müde Chance, lediglich untermalt von einem Quieken aus dem Publikum. Laut wird es erst wieder beim nächsten Angriff der Südkoreaner, zumindest Konstantin klatscht und jubelt. Wieder ein Quieken für Deutschland, wieder zwei Astra für die beiden neben mir. Keine zehn Minuten mehr zu spielen.

Stecki setzt sich kurz neben mich. Er hofft auf ein Siegtor des deutschen Spielers mit der Nummer 13, also von Thomas Müller, weil er dann bei seinem Händler den Preis für sein neu erworbenes Smartphone erstattet bekommt. „Dann kann ich mir die neue Playstation kaufen“, sagt er. „Pro.“

In der 86. Minute zieht Özil knapp neben das Tor. Großes Geschrei brandet auf. Béla Réthy findet: „Der Wille ist da, aber nicht die Qualität.“ Südkorea bekommt einen Eckstoß, Konstantin applaudiert. Die Zeitlupe zeigt, wie Kroos einem Südkoreaner den Ball in den Schritt pfeffert; aus den männlichen Mündern im Publikum ertönt ein gequälter Schmerzensschrei. Stecki ist pragmatisch: „Jetzt brauchen wir nur noch eine Rote Karte, zehn Mann, und dann wird das was.“ So war es zumindest im Spiel gegen Schweden.

Das Hublot-Schild am Spielfeldrand kündigt sechs Minuten Nachspielzeit an, unerhört viel. „Scheiß Bayern-Bonus“, ruft jemand an Chris‘ Tisch. Plötzlich fällt ein Tor für Südkorea. Riesenjubel an genau dem Tisch, ausgehend natürlich von Konstantin. Aus der ersten Reihe treffen ihn böse Blicke. Doch es ist Abseits, befindet einer der Linienrichter. Konstantin und sein Gegenüber imitieren die offizielle Videoassistentenpose, zeichnen also mit den Armen Fernsehgerätkonturen in die Luft, und tatsächlich, der Schiedsrichter will‘s wissen. Das Aufatmen über das Abseits erhält einen herben Dämpfer, als der Videobeweis das Tor für gültig befindet. Die Zeitlupe offenbart zudem, dass der Ball zwischen Gomez‘ Beinen hindurcheiert: „Schön getunnelt“, findet jemand und erntet Grinsen.

Bis auf in der ersten Reihe ist trotz des Rückstands und der Aussichtslosigkeit auf einen Sieg von vielen Seiten ein entspanntes Grinsen zu sehen. Fußballgucken macht zwar Laune, aber das Leben hängt von keinem Sieg ab, strahlen die Gesichter aus. Dann stürmt Neuer aus seinem Tor heraus und unterstützt einen Angriff der Deutschen, den ein Südkoreaner unbehelligt und mutterseelenallein kontert. Der Ball kullert beinahe ins deutsche Tor, zum 2:0. „Ist noch alles drin!“, ruft Stecki. Das erleben die Gäste aus er ersten Reihe schon nicht mehr mit, sie zahlen entnervt ihre Zeche. Andrea whatsappt: „Der Meinung war Neuer wohl auch – getrost alles Mögliche nebenbei zu machen.“ In der Tat, und dieses Mal ging seine Rolle als Libero nicht auf.

„Ach, wie schön ist es, wenn man kein Fußballfan ist“, ruft Hans-Christian und setzt sich zu mir. Verlieren sei verdient, sagt er, „wenn man schlecht spielt“, und damit kenne er sich aus: „Ich bin Musiker.“ Die Artistik müsse man schon beherrschen, andernfalls erhalte man die Quittung dafür: „Richtig so, peinlich!“ Hans-Christian ist Jazzpianist in verschiedenen Bands und eigentlich im Riptide verabredet, aber seine Verabredung verspätet sich, deshalb ist er allein da und zum Fußballgucken quasi gezwungen. „Die Spieler sind gut bezahlt und spielen schwach – ob das mit den Trainern zu tun hat?“, fragt er sich eher selbst und konstatiert: „Ich würde sagen, ja, ich bin selber Trainer, von einer Musikband.“ Es gehe in beiden Fällen darum, Schwächen auszugleichen, das Publikum zu überzeugen, „sich selbst zu verwirklichen, ist nur ein Teil der Sache“. Man müsse „bis zum letzten Moment spüren, was ist das Richtige, wann kommt das Schlagzeugsolo“. Kurz wirft er ein, dass seine Hochschulband Blue Line am 3. Juli beim Campusfest spielt, und kehrt zurück zum Vergleich zwischen Fußball und Musik: „Das Teamwork ist ähnlich“, sagt er. „Was über uns steht, was viel wichtiger ist, ist die Musik.“ Wie beim Fußball müsse jeder für sich selbst üben und gleichzeitig Teamwork leisten: „Man muss einen Riesenüberblick haben.“ Seinen Schülern sage er etwa, dass der Klavierspieler so souverän sein müsse, dass er nicht seine Partitur, sondern den Schlagzeuger und den Bassisten im Blick hat.

Eine schöne Analogie, besonders in einem Schallplattenladencafé. Das Riptide hatte eigentlich vor, sämtliche Finalspiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen. Doch: „Wir zeigen noch das Halbfinale und das Finale“, wiegelt Chris ab. „Wir werden wieder umbauen, die normalen Möbel hinstellen.“ Man merkt ihm an, dass er mit dem Spielergebnis nicht zufrieden ist: „Wir sind Fußballfans“, betont er. „Das war katastrophal schwach.“ Er schüttelt den Kopf: „Wie man so verlieren kann, das hat mich sehr – auf einem anderen Level – an die Eintracht Braunschweig erinnert: Wir steigen auf, wir sind Weltmeister.“ Er verstehe den Druck, unter dem amtierende Weltmeister stehen; von den vergangene fünfen seien vier in der Vorrunde ausgeschieden. Bald verwendet Chris die Vokabel, die auch mir im Kopf herumschwirrt: Arroganz. Wie nach dem Titelgewinn 1990, als die deutsche Mannschaft großmäulig das EM-Endspiel gegen Dänemark verlor und danach turnierweise vor lauter Hochmut seine Sympathien verspielte. Erst 2006 trat die Mannschaft wieder mit Demut zum Wettbewerb im eigenen Land an. In der Folge begleitete Demut die Spielweise des Teams durch die Turniere, bis es 2014 erneut den Weltmeistertitel errang und im vergangenen Jahr den Confed-Cup. Seitdem platzt die Mannschaft vor Überheblichkeit – und tritt nun den Heimweg an. Der Fall auf den Boden ermöglicht ein neuerliches Aufrichten, in Demut, so steht es zu hoffen. Den Spielen der Deutschen habe ich zumindest seit 2006 wieder gern zugesehen, 2018 waren sie nicht mehr schön.

In Braunschweig muss es viele Fans geben, die das ähnlich sehen. Kein Frust, keine Randale. Gottlob. Ein junger Araber begegnet mir auf dem Heimweg, grinsend sein Schlüsselbund mit der Hand rotierend und schräg „Schland“ krähend. So geht das.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#127 Marlene im Fleischwolf

23. Mai 2018


Dienstag, 22. Mai 2018

„Was fällt dir an der Musik auf“, fragt mich Chris, als ich das Café Riptide betrete. An diesem sonnigen Nach-Pfingst-Tag sitzen die Gäste im beschirmten Achteck draußen, im Innern bin ich der einzige. Noch. Chris hantiert an Bestellungen, André werkelt in der Küche. Ich stelle mich an die Theke und lausche. Erst Postpunk, dann Jazz – muss mir dieser Mix etwas sagen? Doch Chris meint nicht die Lieder, sondern die Musik. Ich verstehe nicht. Er öffnet Limonadeflaschen, lässt aufgeschäumte Milch in Kaffeetassen strömen und bedeutet mir, mich im Raum zu bewegen. Eine Ahnung beschleicht mich. Also bewege ich mich im Raum und nehme zweierlei wahr: Der Sound bewegt sich mit und in den Ecken erblicke ich den Grund dafür, neu angebrachte Lautsprecher nämlich. „Die haben wir gestern installiert“, berichtet Chris. „Es klingt anders, und es ist gut, dass wir als Musikladen und Musikfans endlich eine Anlage haben.“ Die sei ebenfalls neu und inklusive Boxen ein Geschenk zum Zehnjährigen des Riptide im vergangenen September gewesen. „Die Boxen sind richtig gut, und du hörst es“, schwärmt Chris. Vier Stück sind im Café verteilt: „Das ist Dolby Surround fast.“

Außerdem lässt Chris mich raten, was sich im Achteck und in der Riplounge gegenüber verändert hat. Mit ihm trete ich vor die Tür, er zum Verteilen der Bestellungen, ich zum verspäteten Ostereiersuchen. Schön bunt, lebendig, gut besucht und hell von der Sonne erleuchtet ist der Bereich unter dem Segeltuch. Mit dunklen Flecken: Die Tische sind frisch gestrichen. „Schwarz“, bestätigt Chris nach seiner Rückkehr ins Café meine Beobachtung. „Passend zu den Fritz-Bänken, die wir letztes Jahr installiert haben.“

Und schon bin ich nicht mehr allein. Rätselhaftes spielt sich ab: Zunächst stapelt Ulli einige Kartons auf der erstbesten Bank neben der Theke ab, tritt mit Chris in einen für mich nicht zu entschlüsselnden Dialog und kündigt im Wiederverlassen des Cafés die Ankunft von Ralf an. So geschieht es, und Ralf bringt Emma mit, einen kniehohen straßenblonden friedlichen Hund. Von ihm, also Ralf, möchte ich nun erfahren, was hier passiert, doch er verweist auf Ulli, der in diesem Moment zurückkehrt. „Wir haben einen Kunden, die Firma Riva, die diese Boxen macht“, hebt Ulli an und entfernt die Verpackung eines der gemeinten Bluetooth-Lautsprecher. „Chris hat das Ding in Benutzung und sagt, was er davon hält und wie geil er das findet.“ Dieser Bericht sei schon fertig, „wir müssen nur die entsprechenden Fotos dafür machen“. Ulli ist Inhaber der Braunschweiger PR-Agentur Profil Marketing, und „Ralle“, wie er Ralf nennt, ist als Fotograf dabei, aber nicht angestellt, „bin Freelancer“, sagt er, der unter anderem auch Musik fotografiert.

Weitere Erklärungen liefert mir Chris. Er hat einen Bericht darüber geschrieben, wie er diese Box nutzt, als DJ und als Musikhörer überhaupt, und schwärmt: „Das ist eine besondere Box.“ Gründer der Firma Riva ist nämlich Rikki Farr, und der ist einer von denen, die 1970 das Isle Of Wight Festival ins Leben riefen, und ist seitdem mit den Größen der Musikgeschichte befreundet, etwa Bob Dylan, sowie Rod Stewart und Pink Floyd, die Ulli hinzufügt. Chris kehrt zur Box zurück: „Man merkt den Unterschied“, sagt er, und erzählt, dass Farrs Motivation gewesen sei, dass er es nicht habe hinnehmen können, dass digitale Musik so schlecht klang. Entsprechend ausgefuchst sei die Technik in der Box, Ulli führt den Begriff „Trillium“ an, unter dem sich eine Vielzahl an Servern in der Box summiere, die es ermöglichen, dass das kleine Gerät dennoch beinahe Stereosound anbieten könne. „Genau“, pflicht Chris bei, „fast Surround, mit Lautsprechern auf drei von vier Seiten.“

Ab jetzt stört jeder Neugierige, Ulli und Ralf haben ein enges Zeitfenster und Chris hat noch Gäste zu bedienen. Ralf baut seine Dreibeine überall dort auf, wo er die Box bestens in Szene setzen kann, und Ulli assistiert ihm dabei. Emma streunt derweil kurz neugierig herum und lässt sich dann immer dort nieder, wo sie niemandem im Wege ist. Niclas, der draußen sitzt, kommt zum Kaffeebestellen herein. Chris kredenzt den Kaffee und legt noch einen Keks dazu, da muss er schon Technikfragen beantworten: „Wie knipst man die Lampen auf den Tischen ein?“, will Ulli wissen. Chris erklärt ihm die kabellosen LED-Lichter, während er Niclas den Kaffee aushändigt. Der staunt: „Das Leben ist … kompliziert.“ Er überlegt kurz und ergänzt: „Offensichtlich.“ Ich verlasse mit ihm das Café und trete unter das Segeltuch.

An dem Fenster links vom Eingang, wenn man vor ihm steht, hantieren Julia, Misa und Max herum: Sie pusten orangefarbene Luftballons auf, wickeln Filmstreifen um das Schutzgitter und bekleben das Glas mit orangefarbener Folie. Auf den Luftballons entziffere ich einen weißen Schriftzug: „Selbstfilmfest“, es handelt sich also um das Team von Durchgedreht24. Das bestätigt Julia: „Wir haben eine Kooperation mit dem Riptide, es macht Werbung für uns, wir dekorieren ein Schaufenster und es gibt Turmgeist, den verkaufen sie werbemäßig zwei Wochen lang für uns.“ Dabei handelt es sich um einen Schnaps, der ebenfalls orangefarben ist. Sie erklärt mir die Hintergründe zum Selbstfilmfest: „Das findet vom 8. bis 10. Juni statt, man dreht in 24 Stunden einen Fünf-Minuten-Kurzfilm, in dem man drei aus zwölf Begriffen einarbeiten muss und den man nicht schneiden darf.“ Auftakt ist am 8. um 20 Uhr vor der Mensa-Wiese der TU, „genau 24 Stunden später, am Samstag, ist dann die Abgabe“, sagt Julia. „Am Sonntag gibt‘s das Screening von allen Filmen ab 9 Uhr im Roten Saal und am Sonntagabend ab 21 Uhr im C1 werden die Gewinner gekürt.“ Anmelden kann man sich „bis kurz vorher eigentlich“, so Julia, auf der Internetseite durchgedreht24.de, „ganz einfach“. Die Folie bringe Orange ins Riptide, betont sie, und stellt fest: „Obwohl, das Riptide hat ja auch Orange, dann also mehr Orange.“ Die Windlicht-Papiertüten, die auf die Tische gestellt werden sollen, fügt Misa hinzu: „Die sollen noch mehr Interesse wecken als unsere Tischkarten.“

Der Schulterschluss mit dem Riptide kommt für das Team nicht allein aus werbewirksamen Gründen: „Ich finde das Riptide super“, schwärmt Misa, „ich bin gern hier, wie viele Studierende.“ Auch die Weihnachtsfeier hatten „wir“ hier, so Misa, und erläutert, dass es sich bei dem Team um einen Verein handelt, „wir machen alles ehrenamtlich“. Die Zahl der Mitglieder hat Julia im Kopf: „Genau 23.“ Seit über 15 Jahren gibt es den Verein. Misa fällt ein, dass sie schon zwei von vier Jurymitgliedern benennen können, und Julia nennt sie: Schauspielerin Michaela Schaffrath und Regisseur Peter Timm. Prominente Namen also. „Zwei werden noch über soziale Medien verkündet“, sagt Misa. „Sie stehen schon fest, wir machen‘s nur ein bisschen spannend.“ Sie hat es in der Hand, denn Misa ist die Pressesprecherin des Vereins. Und Julia die Vorsitzende. Max hingegen: „Ich gehöre nicht dazu, ich mache aber mit – ich hab Bock drauf.“ Misa insistiert: „Als Teilnehmer gehört er dazu.“ Und Max stellt fest: „Wir waren das erste Team, das sich angemeldet hat.“ Im vergangenen Jahr nahmen 33 oder 34 Teams teil, das weiß Julia nicht mehr so genau, aber das Limit liegt bei 50.

Max und Misa pressen ihre Lungenluft in Latex, Julia wickelt weiter Filmstreifen ums Gitter: „Das ist ein alter Trailer von uns.“ Und den gibt‘s inzwischen längst auch bei Youtube zu sehen, sagt Misa, wieder zu Atem gekommen. Eines ist dem Team noch wichtig: Der Hauptpreis beträgt 1000 Euro. „Und die Pokale sind Fleischwölfe“, schließt Julia. „Weil: durchgedreht.“

Im Café unterhalten sich Ulli und Chris über das Riptide, also das Café und das Label. Dabei hat Ulli eine Information parat, die mich aufhorchen lässt: „Ralf und ich haben mal zusammen Musik gemacht.“ Und zwar zu NDW-Zeiten unter dem Namen Clit. Wie unanständig! Ulli grinst: „Das wussten wir damals nicht, es waren die Siebziger-Jahre, der Name sollte kurz, prägnant und leicht zu behalten sein – das war‘s dann.“ Erst mit dem ersten Plattenvertrag kamen die Leute auf die Band zu, so Ulli: „Sie sagten: ‚Äh, das ist aber was ganz Übles.‘“ Zu spät, zwei LPs gibt es von Clit, dazu diverse Singles, und ein Lied, das zu NDW-Zeiten offenbar einige Bekanntheit erlangte, zumindest Chris kennt es: „Keine Probleme Marlene.“ Zu Hause nachgehört, klingt etwas Fischer-Z durch, angenehm für die gutgelaunte Wavepunkdisco. Später spielte Ulli mit zwei weiteren Clit-Mitmusikern bei Krôl‘s Legacy, berühmt durch die Auftritte bei Rock auf dem Rittergut, und aktuell beim Monday Music Club. Klingt eher nach einem Projekt als nach einer Band, aber Ulli verneint: „Wir haben uns nur immer montags getroffen.“ Nachzuhören ist der Club auch auf Spotify, wie Ulli mir nahelegt, bevor er für Ralf wieder die Box so drapieren darf, dass der sie effektvoll im Sucher findet.

Zwischen den Stativen und errichteten Bluetoothboxen findet Simon Platz, um in den LP-Neuheitenfächern zu blättern. Ihm und der Firma, bei der er arbeitet, nämlich Giese Highfidelity aus Hannover, hat das Riptide die Lautsprecher und die Anlage zu verdanken. Ein schöner Zufall, dass er ausgerechnet einen Tag nach Anbringung wieder als Kunde hier ist. Er führt an, dass das auch ein Geburtstagsgeschenk vom Hersteller gewesen sei: Dali, steht für Danish Audiophile Loudspeaker Industries. Simon ist Braunschweiger und entsprechend häufig Kunde im Riptide: „Mein Lieblingsplattenladen, den darf man schon mal unterstützen.“ Die alten „Brüllwürfel“, über die das Riptide beschallt wurde, machten seine Plattenkäufe indes nicht zum puren Vergnügen, sagt er: „Ist schon was anderes jetzt.“ Die Firma Dali habe „ein richtig gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“, und zu den Lautsprechern gab es noch einen Cambridge-Verstärker geschenkt. Konzerte sollte man über dieses System aber nicht laufen lassen: „Das ist keine PA, das ist Hifi.“ Außerdem verrät er: „Wenn man die Abdeckung der Lautsprecher abmachen würde, wäre noch unser Logo da.“ Also das von Giese Highfidelity. Weil: „Wenn das jemand gut findet vom Sound, dass er sich nach Hannover verirrt.“

Als Musikhörer ist Simon zusehends audiophiler geworden, sagt er: „Je besser die Aufnahme klingt, desto mehr berührt es mich.“ Bei mir steht da die Musik an sich im Vordergrund, der Klang ist für mich nur zweitrangig. Doch Simon findet: „Wenn die Anlage geil ist, entdeckst du viele Platten neu – ‚Source first‘, ein alter Spruch von Hifi.“ Man höre etwa Instrumente oder Refrainstimmen heraus, die man vorher nie wahrgenommen hat. Doch eines übertrumpft noch das Audiophile: „Es geht halt nichts über live, das muss ich zugeben.“ Und dann auch lieber in England als in Deutschland: „Weil die in Deutschland zu laut sind, die übertreiben‘s, und die Stimmung ist in England besser.“

Einen Musiktipp hat er für mich: „Fat Fredy‘s Drop ist immer ein Tipp.“ Zweimal sah er die Band in London live: „So krass!“ So richtige Geheimtipps gebe es aber kaum noch: „Das sind sie nur zwei, drei Monate, dann kennt sie gefühlt jeder.“ Zumindest, wenn sie durch die Postillen und Blogs gereicht werden; in soziokulturellen Zentren und Kellern findet man heute eher die Geheimtipps. „Aber soziokulturelle Zentren sind weniger geworden“, bedauert Simon. Immerhin haben wir das Nexus und das B58.

Chris lässt die herausragende Qualität der neuen Anlage nicht los. Ganz am Anfang gab es noch überhaupt keine Anlage im Riptide: „Da habe ich meinen Ghettoblaster von zu Hause mitgebracht und Mixtapes laufen lassen.“ An Paul Weller erinnert er sich, dass der damals lief. Der Apparat stand dort auf der Theke, wo jetzt die veganen Muffins und Cookies feilgeboten werden.

Direkt daneben stapeln sich heute Exemplare der Debüt-EP von GR:MM, einer Band, bei der Gideon mitspielt, der einst im Riptide arbeitete. Zusammen mit dem Riptide startete die Emopunkband die Aktion, dass man in eine Spendendose einen Betrag seiner Wahl entrichtet und eine CD dafür mitnimmt. Der Erlös geht vollständig an die Movember-Foundation, eine weltweite Stiftung, die sich für Männergesundheit einsetzt.

Meine CD habe ich mir mitgenommen, bevor ich vergangene Woche ins Universum-Kino weiterzog, um die jüngste Ausgabe von Sound On Screen zu sehen: „Space Is The Place“, den verwirrenden Film von Sun Ra aus dem Jahr 1974 in restaurierter Fassung. Diesen Beitrag steuerte die Initiative Jazz Braunschweig zur Musikfilmreihe bei, wie traditionell einmal pro Jahr. Im Sommer macht die Reihe Pause, aber für die nächste Staffel im Herbst ist bereits eine Dokumentation über Chilly Gonzales angekündigt. Das Magazin Intro nahm ich mir auch mit, kurz nachdem das Blatt verkündete, die Printausgabe aus Kostengründen im Sommer einzustellen. Nach 27 Jahren. Von denen ich beinahe alle Ausgaben auch las, womöglich schon, seit der Zähler einstellig war, das weiß ich nicht mehr so genau. „Geschockt“ war Chris, als er davon erfuhr, und mir geht ebenfalls eine wichtige Informationsquelle verloren. Blättern ist für mich nach wie vor angenehmer als wischen.

Kurz entwische ich noch in die Rip-Lounge, um Chris‘ drittes Rätsel zu lösen. Ich entdecke eine neu angebrachte Leiste mit LP-Covern aus dem Riptide-Labelprogramm sowie einige andere Bilder an den Wänden. Richtig erkannt. „Eines davon ist ebenfalls ein Geschenk zum Zehnjährigen“, erläutert Chris. Nun steuere ich den Heimweg an, nehme noch meine Bestellungen mit, das neue Album von Meat Beat Manifesto und den Soundtrack zu „Paterson“ von Sqürl, bleibe kurz bei Serge und Niclas hängen, lasse mir nebenan vor der Strohpinte von Helmut angesichts meines Vinyls in der Hand einige Plattenläden aufzählen, die vermutlich schon geschlossen waren, als ich begann, mir Musik zu kaufen, und schlendere dann durch die Sonne nach Hause.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#126 Man reiche die Erbsen

17. April 2018


Dienstag, 17. April 2018

Diese Natur auch immer! Vor kaum zwei Wochen noch schippten wir Schnee, heute kann man durch die Bäume vor lauter frischem Grün kaum noch blicken. Eben noch im Winterpelz gefroren, sind jetzt sämtliche Übergangsjacken eingemottet. War Draußensein noch kürzlich eine Drohung, will man sich jetzt kaum noch in geschlossenen Räumen aufhalten.

Dies ist nicht der einzige Grund, warum ich jetzt am frühen Nachmittag nicht ins Café Riptide gehe: Davor, im Achteck unter dem Sonnensegel, sitzen Uwe und Michael, schenken sich Club Mate in ihre Kölschstangen und genießen den Frühling. Da will ich mittun. André nimmt das Tablett, mit dem er die Getränke brachte, vom Tisch und fragt, ob ich mich der Runde anschließen will: „Hefe?“ Nein, ich dachte an Tullamore Dew, natürlich. Quatsch. Ein Milchkaffee soll es sein. André begibt sich ins Café und trifft im Türrahmen auf Chris, der ein Tablett trägt, auf dem er hochkant in Holzleisten aufgestellte Singles transportiert. Wir staunen, Chris enthüllt: Es handelt sich um Reservierungsschilder, heute hat eine Geburtstagsrunde Teile der Rip-Lounge gebucht.

Bei Geburtstagen oder anderen privaten Festivitäten auflegen ist für Uwe und mich ein undankbares Unterfangen. Die Gäste sind nicht wegen der Musik da und man selbst wird schnell zur eigengeschmacksbefreiten Jukebox degradiert. Das ist für uns auch aus der Gastperspektive häufig undankbar, bei solchen Veranstaltungen von einem Profiunterhalter beschallt zu werden. Kein Spaß etwa für die Metal-Fraktion, wenn der Konservenkasper auf Helene Fischer gebürstet ist und der Rest der Belegschaft das feiert. Solch eine Gästekombination sei nun mal schwierig, gibt Michael zu bedenken, da sei es nicht geholfen, statt Metal oder Disco eine Mitte suchen zu wollen, und lässt die Namen Felix Jaehn und Robin Schulz fallen. Die mir nichts sagen. Aktuelle DJs seien dies, „Fahrstuhlmusik“, so Michael. „Purple Schulz kenn ich“, sagt Uwe, und mir fällt Olli Schulz ein. „Olli Schulz müsste mal in Braunschweig spielen“, findet Michael. Hat er schon, im Vorprogramm von Wir sind Helden, seinerzeit im Jolly Joker. „Das muss aber schon lang her sein“, mutmaßt Michael und liegt richtig: Das war 2003, vor 15 Jahren, als noch niemand Olli Schulz kannte und er mit dem Hund Marie unterwegs war. Aber Michael will Olli Schulz in der heutigen Variante erleben. Ach ja, Braunschweig und seine Konzertbooker.

Dabei zeigt das alle zwei Jahre stattfindende Festival Theaterformen, dass man sehr wohl auch für Braunschweig geschmackssicher alternative Livemusik buchen kann. Das kostenlose Open-Air-Rahmenprogramm des Festivals war bislang immer respektabel bestückt. Die Fehlfarben sind für dieses Jahr angekündigt, leider kann ich an dem Tag nicht. „Ich auch nicht“, bedauert Michael. Uwe kann: „Wahrscheinlich ja, wenn‘s nix kostet und draußen ist.“

Keck grinsend steht Chris in der Cafétür, mit einer Schnur in der Hand, an die bunte Luftballons geknotet sind, auf denen mit der Hand geschrieben eine 15 steht. „So, wo ist dein Fahrrad?“, fragt er grinsend. Ähm, im Hinterhof meiner alten Wohnung rottet es vor sich hin. Kein Weg, den Chris auf sich nehmen will, also knotet er die Leine über der Rip-Lounge fest. Ein fünfzehnter Geburtstag also? „Ja, und es war ihr größter Wunsch, das im Riptide zu feiern“, erzählt Chris während seiner Überkopfarbeit. Vermutlich, weil es vom ersten Tag an ihr Lieblingscafé ist. Chris nickt: „Von Geburt an.“

Im Handelsweg ist es überraschend ruhig. Stefans Comiculture und Marions Fifty-Fifty haben Zulauf, in der Einraumgalerie findet Kreativberatung statt, alle anderen Anrainer haben noch nicht geöffnet. Michael und Uwe winken Nick zu, der auf dem Weg in die Einraumgalerie ist, sich kreativ betraten lassen. „Seid ihr nachher noch hier?“, fragt er die beiden, die das noch nicht abschätzen können, also verabreden sich die drei aufs Beliebige für später und Nick tritt in die Galerie. Michael blickt auf das verriegelte Café Drei und fragt, ob da was läuft.

Tut es, man sieht regelmäßig Leute auf den Bänken des früheren Bierteufels sitzen. Café Drei heißt es, weil es ursprünglich drei Leute gründeten, von denen heute nur noch Jessy übrig ist. Sie will das aber nicht dauerhaft allein machen und kündigte Zuwachs in der Chefetage an, als Henrik und ich auf Nexus-Indie-Ü30-Flyerverteiletour durch Braunschweig auch bei ihr einkehrten. Es ist gemütlich geworden, mit vielen bemerkenswerten Einrichtungsideen und einer ansprechenden Karte. Mutig indes, ein veganes Café gegenüber des veganen Cafés Riptide zu eröffnen. Ich spreche Chris darauf an, und er sagt: „Wir sind Nachbarn, wir sind nett zueinander, und wenn sie neue Gäste in den Handelsweg holen, ist das gut.“ Im Moment beobachte ich noch hauptsächlich Riptide-Gäste, die das Café Drei mal ausprobieren; das ist vermutlich für beide Cafés nicht dauerhaft ausreichend.

Dennoch begrüße ich es sehr, dass zurzeit in Braunschweig sehr viele Cafés eröffnen, die sich nicht mehr an das ungemütliche Szene-Diktat des rechteckigen Designs halten, sondern gemütlich ausgestattet sind und von freundlichen, unkomplizierten Menschen geleitet werden. Das Kiwi-Café in der Friedrich-Wilhelm-Straße gibt es schon etwas länger, das MokkaBär am Frankfurter Platz erst ab Samstag, den Schaumschläger hinter der Alten Waage habe ich zufällig beim Flyerverteilen entdeckt, in die Innenstadt zwängte sich das Café Atelier, und Michael zählt noch das Café Bruns in der Südstraße auf. „Da war ich schon zwei, drei Mal“, sagt Uwe, und mir geht es genau so.

Einmal hab ich mich genauer erkundigt. Alex, Pastor der Friedenskirche, gab mir Auskunft: Das Café Bruns ist nicht nach einem Nachnamen, sondern nach Brunswiek benannt und wird von einem eigens gegründeten Verein geführt, dem lauter Leute angehören, die eigentlich gar keine Gastronomieerfahrungen, aber jede Menge Leidenschaft haben. „Es soll ein Kultur-Treff-Ort werden“, sagte Alex und berichtete von spontan aus dem Publikum erfolgten Poesielesungen, die es künftig regelmäßig freitags dort geben soll. So etwas Ähnliches kündigt das MokkaBär an seiner Fensterscheibe auch an, nur mit Konzerten. Es tut sich was in Braunschweig. „Dafür gibt‘s das englische Café nicht mehr, hinterm Kleinen Haus“, bedauert Michael. Das Café Britannia sei vorher vom Steinweg umgezogen gewesen und habe leckere Scones feilgeboten. „Vielleicht ist es wieder umgezogen“, spricht Uwe ihm Mut zu.

Ein denkwürdiges Café entdeckten Andrea und ich kürzlich in Leeuwarden, das in diesem Jahr zusammen mit Valetta Kulturhauptstadt Europas ist und im niederländischen Friesland liegt. Ungefähr so groß wie Wolfsburg, listet es eine schier unüberblickbare Zahl an Plattenläden auf – und eine Metal-Kneipe namens Mukkes. Ostersonntag, wir traten um 21 Uhr zur Ladenöffnung ein und fanden uns in einem angenehm schummrigen, länglichen Raum mitten in der Innenstadt wieder, an dessen Wände Tausende Metal-Sticker prangten und ein Ortsschild von Roskilde. Der Barkeeper war um die 30 Jahre alt und mit hellen Dreads beknotet. Fröhlich pfoff er beim Kneipenvorbereiten sämtliche Melodien mit, die aus der Anlange quollen, und dabei handelte es sich zuvorderst um Death-Metal-Stücke, bei denen Melodien grundsätzlich kaum auszumachen waren, er beim genauen Hinhören aber zielgenau die Bassläufe erwischte. So derwischte er durch die Bar, illuminierte Kerzen für die Tische, schaltete die bunten Lampen in der auch als Livebühne genutzten Raucherlounge ein und verteilte in exakter Reihenfolge Bierdeckel auf der Theke. Mit Wischmopp und Besen jonglierte er zwischendurch auch noch. Und pfiff selbst die zermörteltsten Metalbrecher mit. Fehlerfrei. Wir staunten. Und bestellten Fassbier. Leider kein lokales, wie wir hofften, sondern – Bitburger. Also „Bitbörcher“, wie der Barkeeper sagte, mit einem R, das beinahe wie ein D klang, und einem CH tief aus der Kehle. Zumindest Andrea trank das, ich als Fahrer erlebte den Genuss des mehr oder weniger lokalen Amstel 0.0. Fröhlich pfiff der Barmann weiter, dieses Mal irischen Folk-Metal, den er bei Spotify auswählte, während er die Facebookseite der Kneipe aktualisierte. Aus der kleinen zweiten Raucherkammer mit dem Spielautomaten ließ ein einsamer Rastamann Grasschwaden zu uns herüberwehen.

So etwas passiert hier im Achteck selbstverständlich nicht, aber Michael entdeckt passend dazu die Ankündigung des nächsten Sound-On-Screen-Films an der Wand, „Space Is The Place“ von Sun Ra, der seinerzeit bei den Filmarbeiten sicherlich nicht ganz drogenfrei zu Werke ging. Michael, Uwe und ich sahen in dieser Musikfilmreihe von Universum-Kino und Café Riptide auch den Laibach-Film „Liberation Day“ und sind gleichermaßen begeistert davon. „Ich hab meiner Tochter etwas von Laibach vorgespielt, und sie sagte, das klingt wie Rammstein“, erzählt Michael kopfschüttelnd. Seine Tochter ist 20 Jahre alt. Er grinst, als er seine Replik darauf zitiert: „Nein, umgekehrt!“ Das wiederum durfte im Film nicht gesagt werden, darauf wiesen Interviewte und Abspann hin. Zumindest ist das unsere Mutmaßung: „Ich gehe davon aus, dass es Rammstein waren“, sagt Uwe.

Aus der Rip-Lounge dringen Geburtstagslieder. Wie wir so im Schatten die Sonne genießen, kommt mir gar nicht die Idee von Alltag, doch Michaels Mittagspause neigt sich dem Ende und er sich zum Gehen. Seinen Platz nimmt Nick ein, der aus der Galerie kommt. Dort gab es Beratungen für Freiberufler in der Kreativwirtschaft, mit der Nick bereits vor Jahren einige Erfahrungen machte: „Ich wollte wissen, ob sich etwas geändert hat“, erläutert er seine Motivation, an der Beratung teilgenommen zu haben. Nick, Uwe und ich tauchen tief ab im weiten und nicht immer zufriedenstellenden Themenfeld Braunschweiger Frei- und Subkultur.

Nick muss weiter, ich bekomme Hunger, Uwe hat schon gegessen, mit Michael, im Asia-Bistro, Katreppeln. Da habe ich mich auch schon einige Male gern ernährt. „Die Preise sind überschaubar, die Portionen nicht“, schwärmt Uwe und deutet mit einer Handbewegung einen Berg an, der sich auf dem Tisch türmt. „Erst nach einer halben Stunde essen kann ich sehen, wer mein Gegenüber ist – das mag ich.“ Auch mag ich Nem Grill, das vietnamesische Restaurant in der Innenstadt, und Uwe nickt.

Bevor ich dorthin gehe, informiere ich mich noch bei Chris über den Record Store Day am Samstag, die fröhliche exklusive Plattenschlacht der freien Händler. „Wir machen um 12 Uhr auf“, kündigt Chris an. Seit zehn oder elf Jahren nimmt das Riptide daran teil: „Seit den Anfangstagen von RSD Deutschland sind wir dabei“, so Chris. „Es kommen viele spannende Sachen raus“, sagt er und macht mir den Mund wässrig. Aber auch vieles, das nicht so spannend ist und das das Riptide deshalb schon mal gar nicht bestellt hat. Die ersten Lieferungen trafen heute bereits ein, Chris zeigt mir eine 7“ von Abba mit gelben Sprengseln auf transparentem Grund und ein Reprint von „Oh Carolina“ von Shaggy. „Das wird 25“, sagt Chris und schüttelt den Kopf über die verflogene Zeit. „Schon so alt.“

Und dann ist auch bald die Fußball-WM der Männer, keine zwei Monate mehr bis zum Anpfiff. „Wir zeigen alle Spiele draußen“, sagt Chris. „Wir freuen uns auf den Sommer und aufs Draußensitzen.“ Doch ist das für ihn noch sehr weit weg: „Mich hat das Fußballfieber noch nicht gepackt.“

Dafür packe ich die neue LP von Maceo Parker ein, „It‘s All About Love“, mit einem Bonus-Track auf Vinyl. Hab ich gar nicht mitbekommen, dass der ein neues Album hat. Seit 1994 höre und sammle ich den Saxophonisten, zumindest seine Musik, und das, obwohl ich ihn damals, mit 22, zunächst überhaupt nicht mochte. Seinerzeit war ich mehr als einmal pro Woche im Kino und sah in Broadway, Lupe und Scala II immerzu die Werbung für „Maceo“, einen Konzertfilm von Parker. Jazz, wie ich irrtümlich dachte, denn Maceo, früherer Saxophonist von James Brown, macht Funk, zumindest zu 98 Prozent, war in jenen Tagen noch nicht die Musik meiner Wahl. Bis ich den Trailer so oft sah, dass ich unbedingt den Soundtrack haben wollte. Fünf Jahre später trat Maceo Parker im FBZ auf, damals hielt ich den heute 75-Jährigen schon für alt, jaja, die Jugend, und mit einer Horde weiterer alter Männer machte er satte drei Stunden lang Party, Party, Party, bis der Schweiß uns in die Nacht spülte. Der einzige weiße Musiker sah aus wie Willie Tanner von Alf und der einzige Jugendlichge war Maceos Sohn Corey, der gelegentlich zum Funk rappte. Ein furioses Konzert! Auf dem neuen Album begleitet ihn nun die WDR Bigband, ich bin gespannt. Und erstmal hungrig. Wo mag ich mich nur sättigen – vielleicht in, haha, naheliegendes Wortspiel, Nem Grill?

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#125 Hanni & Nanni und der dreiäugige Geist

22. März 2018


Mittwoch, 21. März 2018

„Grüß mal alle“, sagt André, als ich ihn auf meinem Weg ins Riptide andernorts in der Stadt treffe, und ich vergesse es prompt, weil ich nicht den direkten Weg gehe und also abgelenkt bin. Ich komme nämlich bei Serge vorbei und setze mich in die kleine Kammer, die ihm direkt neben dem Riptide als antiquarischer Verkaufsraum, kultureller Treffpunkt und philosophischer Debattierclub gleichermaßen dient. Für einen Moment, und sei es nur im Zuge des Hineinschlüpfens, dringt etwas kalte, aber immerhin frische Luft in den Raum; die Wolken, die über den Debattierenden dräuen, sind nicht allein Resultat des intensiven Austauschs, sondern auch des nicht minder intensiven Tabakgenusses.

Es geht wie immer um nichts Geringeres als – das Große Ganze, kann man sagen. Ausgelöst durch eine Gesprächsteilnehmerin, die soeben ihr Jurastudium beendete und mit einem extrem kritischen Blick auf die Juristerei und die fehlende Empathie mancher Juristen dafür, dass sie über Menschen zu urteilen haben. Selbst bei Kommilitonen, mit denen sie sich zu Anfang gut verstand, habe sie beobachtet, dass diese den Blick dafür verlören, klagt die Jungjuristin. Von dort aus ist es für die Runde ein kleiner Sprung zur grundsätzlichen Systemkritik. Die Getränke dazu sind koffeinhaltig und stammen wie gewohnt von nebenan, und dorthin begebe ich mich jetzt doch noch.

Inzwischen bin ich zu spät, um Chris noch zu erwischen, dabei hätte ich gern gewusst, ob ich die gerade heute für August angekündigte neue Doppel-LP von Front Line Assembly, „WarMech“, auch hier bestellen kann. Das erledige ich dann eben später bei Bandcamp, sogar mit dem Glück, das exakt letzte Exemplar der auf 100 Stück limitierten Zweifarb-Doppel-LP-Box zu erwischen. Schon ihren ersten Soundtrack zu einem Computerspiel, „AirMech“, machten Front Line Assembly 2012 mit einem formidablen Kreuzüber aus modernem EBM, Bigbeat, Ambient und härterer Clubmusik zu mehr als nur einer Pixelbegleitung. Auf „WarMech“ dürfte dann zum leider letzten Mal Jeremy Inkel zu hören sein, der Bill Leeb seit 2005 parallel zu seiner Stammband Left Spine Down bei Front Line Assembly unterstützte und der überraschend im Januar mit nur 34 Jahren verstarb. Bandcamp nun als Plattform für den Musikvertrieb ist großartig für Musiker weltweit, weil es den direkten Vertrieb an Großkonzernen vorbei zum Konsumenten ermöglicht, hat aber – das erkenne ich bei der Fritz-Kola-Kaffee-Limonade, die mir Stecki über die Theke reicht – den Nachteil, dass es auch die unabhängigen und also zumeist guten Schallplattenläden benachteiligt, weil ausklammert.

Vernünftig: Bastian Till macht seine Pause im Riptide, bei ihm sitzt Sophie Isabell. Lustig, beide mit Doppelnamen und beide mit Doppel-L am Ende. „Das ist uns noch gar nicht aufgefallen“, sagen beide gleichzeitig mit nahezu identischem Wortlaut. Bastian Till hat freiberuflichen Spätdienst und muss gleich wieder los. Sein Hauptbetätigungsfeld ist aber das Monatsmagazin „Kurt“ in Gifhorn, für das ich einmal sogar schreiben durfte, nämlich einen Bericht über meinen ehemaligen Mitschüler Timo, der mit seinem Projekt Nooc ein Album veröffentlichte. Drin gestanden habe ich auch schon, im Rahmen einer Geschichte über Olafs Blinky Blinky Computerband, für die ich gelegentlich meine Stimme gebe. Mit seiner zunächst als wagemutig erschienenen Magazin-Idee beschäftigt Bastian Till inzwischen sogar Angestellte, ein schöner Erfolg.

Wir unterhalten uns nach diversen Umwegen über Hörspiele und ich erzähle, dass ich mir morgen „Der dreiäugige Totenkopf“, das Hörspiel zum ersten Comic der Drei Fragezeichen, im Wolfsburger Planetarium an… hören will, das zweite von dreien der zweiten Staffel mit Hörspielen, die eigens für die Soundanlagen von Planetarien aufgenommen wurden. Zu sehen gibt es nicht viel, scheint es, aber das Kopfkino ist ja ohnehin wichtiger. Mit dem Vollplaybacktheater hat das nichts zu tun, wie Bastian Till mutmaßt, das war bereits im Februar in Wolfsburg, im CongressPark, und ich war natürlich auch da. Das war mein zwanzigstes Mal, dass ich die Wuppertaler gesehen habe. Einmal war auch Bastian Till, der ansonsten mit den Drei Fragezeichen nicht so viel am Hut hat, beim Vollplaybacktheater, vor Jahren und in Gifhorn. Ich staune, das muss mir entgangen sein, dass sie sogar in meiner Geburtsstadt gastierten. Mit welchem Stück, weiß Bastian Till nicht mehr: „Es war aber eine Detektivgeschichte“, scherzt er. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, das Vollplaybacktheater setzte auch mal andere Hörspiele um, John Sinclair, Jan Tenner, Edgar Wallace, Hanni & Nanni. Mit denen kennt sich Bastian Till aus, seiner Tochter wegen, und lobt die Serie für ihre geschlechtsuntypische Herangehensweise an Themen: In Episode 52 etwa nimmt ein Mädchen an einer Castingshow teil, obwohl es nicht singen kann, und wird nur deshalb ins Programm genommen, damit die Jury jemanden zum Lästern hat. Das findet Bastian Till untypisch, weil es in allen anderen Mädchengeschichten darauf hinauslaufe, dass die Protagonistin unerwarteten Erfolg hat, aber nicht, Castingshows kritisch zu sehen. Sophie Isabell bleibt skeptisch, aber Bastian Till strahlt begeistert. Soweit ich mich erinnern kann, hatten Hanni & Nanni zu Enid Blytons Zeiten tatsächlich eine etwas andere Ausrichtung, aber mehr als eine Folge habe ich von denen selbst als Kind nicht gehört. Ich würde nicht einmal mehr am Cover wiedererkennen, welche Kassette das war. So recht geweckt ist mein Interesse daran jetzt aber auch nicht wieder, selbst als Hans-Paetsch-geprägter Märchenfan fand ich als Kind – anders als die Fünf Freunde – Hanni & Nanni langweilig. Auch solche Serien wie Hexe Schrumpeldei, Hui Buh, Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg hatten mir zu wenig Handlung und Atmosphäre, um mich zu fesseln. Spannend finde ich aber, dass die beiden BB-Serien offenbar von einem Politwissenschaftler der Bundeszentrale für Politische Bildung als bedenklich eingestuft wurden, weil sie – überspitzt gesagt – zur Systemkritik aufrufen. Das macht sie zumindest sympathisch. Irgendwoanders las ich zudem und übrigens und nebenbei, dass Hörspiele in Deutschland deswegen so populär sind, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater zerstört waren und Radiohörspiele einen kulturellen Ersatz dafür anboten.

Mit Sophie Isabell und Bastian Till, die zahlen wollen, kehre ich an die Theke zurück. „Bald bin ich Werksältester“, höre ich Stecki dahinter raunen, „aber noch ist es Astrid.“ Die Angesprochene beschäftigt sich mit der Kasse und grinst. Werksältester, also in Dienstjahren, nicht Lebensjahren; da hat Jasmin mit ihren um die sieben Jahren aber ein schwer einholbares Pfund vorgelegt. Während Astrid neue Bestellungen im Café und in der Lounge aufnimmt und Rosalie in der Küche die bestellten Speisen zubereitet, findet Stecki etwas Zeit für Unterhaltungen.

Beide haben wir, Stecki und ich, Objekte in unseren Musik- und Comic-Sammlungen, von denen wir viel später überraschend erfuhren, dass sie über die Zeit an Wertsteigerung erfuhren. Stecki führt eine Comicserie an, deren englischsprachige Erstausgabe im Wert an Nullen zugelegt hat, und doch sind wir uns einig, dass wir Informationen dieser Art eher als persönliche statistische Angaben auffassen als als Verkaufsargument. Meine Dreifach-LPs der Drei-Fragezeichen-Jubiläumsfolgen sind ebenfalls überraschend wertvoll, dabei habe ich sie damals ganz unspektakulär hier im Riptide erworben. Stecki stutzt, verschwindet kurz im Büroteil hinter der Theke und kehrt mit einer Geister-Schocker-LP zurück. „Ohne Nummerierung“, stellt er mit Kennerblick fest. An die Serie habe ich mich noch nicht herangetraut, die hat mir zu viele Folgen. Stecki schwärmt noch von Faith van Helsing, die ich bislang auch eher ignorierte, und Gabriel Burns, einem meiner Favoriten wiederum, der leider seit drei Jahren auf Eis liegt, mitten während einer Mehrfachfolge (es fehlt der fünfte Teil eines eigentlichen Vierteilers). Stecki bringt die LP zurück. Vinyl, das untote Medium, das zurzeit in Sachen unerwarteter Renaissance von der Kassette eingeholt zu werden droht. Im Ambient und im Black Metal fing es an, dass Bands ihre Musik wieder auf Tape veröffentlichten. „Ich kenne das aus dem Hip Hop“, sagt Stecki. Stimmt, das Mixtape, das sich heute als Podcast zum Download wiederfindet. Für den kommenden Record Store Day am 21. April sei das Album „Back In Black“ von AC/DC als Kassetten-Neuauflage angekündigt, erzählt Stecki. Die wolle er haben, aber die sei sehr limitiert und seine Hoffnung auf einen Erwerb entsprechend gering.

Stecki hat Feierabend, er wird abgeholt und verabschiedet sich. Für ihn tritt Moritz den Dienst an, doch vorher begibt er sich mit Rosalie ins Achteck, zum Rauchen. „Auf eine halbe Zigarette?“, fragt Rosalie vorher Astrid, die nickt, während sie einen kleinen Zettel knickt und mit „Birnentarte vegan“ beschriftet. „Kann man das lesen?“, fragt sie mich, und zumindest ich kann. Anders war das kürzlich, als Arni und ich im Riptide kniffeln wollten und uns aus dem Spielefundus des Cafés zwar genau fünf Würfel zusammenklaubten, von denen einer aber statt mit Punkten mit für uns willkürlichen Zahlen bis 64 bedruckt war. Schwierig, damit große Straßen hinzubekommen, also ließen wir uns Klebeetiketten geben und malten die Punkte selbst drauf. Bei einem zweiten Würfel waren die weißen Punkte vom schwarzen Grund weitgehend abgeblättert, und in der Kombination war das Kniffeln ein ständiges Kopfbeugen, um den richtigen Winkel zum Licht und damit die korrekte Anzahl der ausgeleuchteten Vertiefungen im Spielgerät zu finden. Den Highscore von 344 haben wir immer noch nicht geknackt.

Mutig, draußen rauchen bei der Kälte, aber immerhin hat es nicht mehr die extremen Minusgrade wie noch zuletzt, und auch nicht den überraschenden Schnee wie gestern zum Frühlingsanfang. Nichts gegen Schnee, ist dies doch das einzige Wetterphänomen in unserer Gegend, das seine Jahreszeitenzugehörigkeit deutlich zum Ausdruck bringt. Den Rest des Jahres über haben wir zehn Grad und Regen, da steckt keine konkrete Saison mehr drin, deshalb freute ich mich auch zu dieser Zeit im Jahr sehr über den immerhin ansehnlichen Schnee. Aber jetzt darf es auch wieder warm werden.

Zuletzt im Achteck gefroren haben wir bei Sound On Screen, nach dem grandiosen Film „Liberation Day“ über den Auftritt der Band Laibach in Nordkorea. Wir waren hin und weg über den respektvollen Umgang des Westteams mit dem totalitären Regime und den Menschen, denen sie dort begegneten und die sie auch als Menschen behandelten. Im Riptide legte DJ „Tanz mit Laibach“ ein eigens ans Thema angepasstes Set auf, für das er sich, wie mir Chris vorab verraten hatte, tief in die für ihn fremde Materie einarbeitete. Da standen Andrea und ich, ebenfalls des Rauches wegen, im Achteck, bei uns Uwe und Olli, mit denen ich drei Viertel des aktiven Teils der DJ-Gruppe Rille Elf ergebe; nur Günther fehlte. Wir vier hatten gerade erst den ersten Auftritt vor einem größeren Publikum, mit den Burning Beats im Nexus nämlich, und freuen uns schon auf unsere nächsten Sets, am 13. April mit dem Ball im Bierhaus und am 20. April beim elften Geburtstag des Sauna-Klubs im Hallenbad Wolfsburg, unserem ersten Auswärtsspiel, und das an so einem geschichtsträchtigen Ort. Der nächste SOS-Termin interessiert mich leider nicht so sehr, „Wildes Herz“ mit Feine Sahne Fischfilet, die ich zwar für politisch relevant halte, für musikalisch aber weniger. Der Film startet am 6. April um 19 Uhr, danach spielen Radical Radio, live erprobt ebenfalls im Achteck beim letzten Sedan-Bazar. Spannender ist für mich der Film danach: Am 17. Mai läuft die restaurierte Neufassung von „Space Is The Place“, dem irrwitzigen Film von Sun Ra. Mit dem Ensemble auf Zeit spielt anschließend eine passende Gruppe im Riptide, eine gute Wahl.

Na gut, um die für mich neuen Kollegen einmal abseits des Dienstes zu erleben, setze ich mich draußen zu ihnen an den Tisch. Als Vierter, denn Aline gesellte sich zu ihnen, seit einem Monat indes ehemalige Kollegin des Riptide-Teams: „Ich bin mit dem Studium fertig geworden.“ Rosalie eilt wieder in die Küche, Moritz beginnt seinen Dienst und Aline erzählt, wo sie jetzt arbeitet – und wir stellen fest, dass wir quasi Kollegen sind, weil mein Arbeitgeber der Stiftung untergeordnet ist, für die sie eingesetzt ist. Braunschweig wieder. Die Café-Tür öffnet sich, Astrid lugt heraus und fragt: „Aline, kommst du?“ Doch noch arbeiten? Nein, sie ist lediglich verabredet. Und ich mache jetzt auch Feierabend. Ich muss zu Hause noch bei Bandcamp eine Schallplatte bestellen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.November 2018:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO + FR: 16.00 bis 1.00 Uhr*
SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr*

  • bei wenig Betrieb schliessen wir eher!