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#146 Relativer Glühwein

15. November 2019


Donnerstag, 14. November 2019

Wie in einer unwirklichen Zwischenjahreszeit sieht es heute im Handelsweg aus. So früh am Nachmittag einsetzende Dämmerung kündet zwar vom nahenden Winter, aber die von Strohpinte bis Tante Puttchen ausgestellten Draußensitzgelegenheiten scheinen den Sommer verlängern zu wollen. Auf allen Tischen flackern Kerzen, im Achteck vor dem Riptide auch Ölfackeln. Alles wirkt so einladend, doch sind sämtliche Tische draußen leer: Mag man den Sommer auch noch so sehr vermissen, einstellige Temperaturen dringen auch durch dicke Jacken – da lässt man sich lieber drinnen nieder.

Heute vergibt das Hermans wieder den Bier-Bachelor, wie es sich für ein Etablissement aus dem Univiertel gehört, und das Café Riptide nimmt erstmals an dieser akademischen Aktion teil. Auf einem Plakat an der Theke sind sämtliche beteiligte Einrichtungen aufgelistet: „Damit die Leute wissen, wo sie hinmüssen“, erklärt Melissa, die zurzeit mit André den Dienst verrichtet. Ich stelle fest, dass ich gar nicht alle genannten Kneipen kenne. Aufgeführt sind außer Riptide und Hermans: Shotz, Shamrock, Roots Sportsbar, dann das Bild von einem Affen mit einem Ast über dem Kopf, eindeutig von Pott gestaltet, das André und ich aber nicht zuordnen können, von dem das Internet mir später aber verrät, dass es sich um das Monkey Island handelt, Klaue, Heat, Flint, Eusebia und Dax. „Wir gucken mal, was passiert“, sagt André neugierig. Im Angebot hat das Riptide „unser Programm“, so André, also Wolters, Bayreuther Hell und Astra Urtyp, zusätzlich einige posthedonistisch als Shots deklarierte Kurze.

Meinen Weg in den Handelsweg startete ich vorhin um die Ecke von zu Hause, im MokkaBär am Frankfurter Platz, wo ich davon erfuhr, dass es im Westen jetzt noch ein neues Café gibt, nämlich mit dem MokkaBär und dem Kufa-Haus ein Dreieck bildend, an der Ecke von Hugo-Luther-Straße und Ringgleis. Dort eröffnete am Samstag nämlich das Spunk. Auf meinem weiteren Weg traf ich danach im Café Bruns auf Micha, der da wie ich Plakate und Flyer deponierte, ich für den nächsten Ball im Bierhaus mit Rille Elf am 13. Dezember, er für das Filmfest in der kommenden Woche. Dafür sind wir ohnehin verabredet, wir wollen mindestens einen Film zusammen sehen, ganz bestimmt „A Dog Called Money“, die Doku über PJ Harvey, die in der Sub-Reihe Sound On Screen läuft, die wiederum das Café Riptide ganzjährig mit dem Universum-Kino ausrichtet. Mit ins Riptide wollte er leider nicht kommen, von dort war er gerade aufgebrochen.

Strahlend gelb von der Filmfest-Werbung wird Braunschweig immer im November, und dieses Gelb erstrahlt auch unterhalb des Riptide-Fensters, an dem man sich im Inneren die Platten anhören kann. Mit einem fragenden Blick stöbert Christine in den Fächern herum, André, der gerade die Neuerscheinungen für morgen auspackt, bietet seine Hilfe an. An Tocotronic ist sie interessiert, sagt Christine, es solle ein Geschenk sein. „Ich kann dir zu denen, die wir haben, etwas sagen“, sagt André und hantiert mit den Verpackungen herum. Vorsichtshalber übernehme ich kurzerhand, obwohl ich nach der zweiten, dritten Platte damals an Tocotronic das Interesse verlor. Ausgerechnet diese Alben hat das Riptide aber ausschließlich im Angebot, welch Glück. Christine kennt eher neuere Songs von den Hamburgern, etwa „This Boy Is Tocotronic“, von denen ich wiederum keine Ahnung habe. Auf dem Debüt „Digital ist besser“ gab es damals die Indie-Hits, die auch heute noch zünden, weil es diese Art von Rockmusik mit deutschen Texten kombiniert vorher nicht gab. Für mich nutzte sich deren Habitus aber schnell ab, die Klagehaltung, die sich im Titel des übernächsten Albums „Wir kommen, um uns zu beschweren“ (im Original indes ohne Komma) manifestiert. Trotzdem mag ich das Debüt – und das nimmt Christine auch mit.

Ein Geschenk soll es sein, aber nicht zu Weihachten oder zum Geburtstag, sondern weil ihr ein Freund während ihrer Prüfungszeit zur Seite stand: Christine schaffte kürzlich ihr Referendariat am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Wolfsburg und sucht nun eine Stelle, idealerweise in ihrer Heimatstadt Braunschweig. Das Ref war schwer, sagt sie: „Man kommt an seine Grenzen, man wird ständig kritisiert.“ Dafür brauche man ein starkes Selbstvertrauen. Aber andere haben es auch geschafft: Schließlich gibt es bereits Lehrer. Sie vertraut darauf, dass meine Plattenempfehlung korrekt ist: „Tocotronic waren am Samstag in Braunschweig, das hat er erzählt“, also gehe sie davon aus, dass der zu Beschenkende sich nach wie vor für die Band interessiere. „Jetzt habe ich fast alle Geschenke zusammen“, sagt sie. „In dem neuen italienischen Laden an der Ecke habe ich eine Flasche Wein gekauft.“ Sapori Toscani eröffnete kürzlich in dem früheren Strickwarenladen am Altstadtmarkt. Sie hat weitere zu besorgende Geschenke auf ihrer Liste, daher macht sie sich nun mit dem zweiten erworbenen unter dem Arm auf dem Weg.

Nachdem ich meinen Kafka genüsslich leerte, bietet mir André einen Glühwein an. Merkwürdig, dass er das sagt, ich hatte beim Reinkommen schon so ein unbestimmtes Verlangen nach ebenjenem Heißgetränk. „Strahle ich das ab?“, fragt Melissa. „Vielleicht, weil ich so in Weihnachtsstimmung bin.“ Jetzt schon, noch vor Totensonntag? Sie wägt ab: „Weihnachten nicht direkt, aber ich mag die Lichter.“ Da stimme ich zu, die vertreiben die Winterdüsternis, wenigstens zum Jahresende. „Weihnachtsmarkt ist nicht so mein Fall“, schränkt Melissa dabei ein. „Aber Glühwein gibt‘s ja auch hier, dazu Crêpe“, sie zwinkert, „da muss man auch nicht so lange warten wie auf dem Weihnachtsmarkt.“ Und verschwindet vorübergehend in die Dunkelheit.

Der Glühwein – nicht nur lecker duftend, überdies – bilde den Auftakt für die Winterspecials, die das Riptide anbietet, erklärt mir André: „Apfel-Amaretto-Zimt, 43er-Banane, die kommen am Samstag, und Glühwein, Grog.“ Es gibt also doch Anlass, sich auf die Kälte zu freuen. „Wir wollen nicht länger auf den Winter warten“, bestätigt André, „es sind die Temperaturen da – bevor es im Januar wieder vorbei ist, wollen wir schnell …“ und konzentriert sich nun lieber darauf, die Bierflaschen korrekt in den Kühlschrank zu räumen, als Vorbereitung für nachher.

„Das ist mein zweiter Plattenladen heute“, sagt Alex, der ins Café strömt, sich die Jacke auszieht und sofort mit leuchtenden Augen auf die LP-Auslagen blickt. „Ich habe seit zwei Wochen zu meiner alten Musik zurückgefunden, ich habe vorher zehn Jahre lang nur Techno gehört.“ Alex drapiert Jacke und Schal auf einem Stuhl an den Stehtischen in der Vinyl-Ecke. „Ich komme von Dannenberg, da gibt‘s gar keinen Plattenladen“, erzählt er und stürzt auf ein bestimmtes Fach zu: „Ich habe gefunden, was genau meins ist“, ruft er und zückt eine LP von Joy Division. Seine musikalische Sozialisation begann früh mit Punk, Wizo zum Beispiel, und ging dann über in Richtung Einstürzende Neubauten, die ihm kürzlich beim Wiederhören indes als zu düster erschienen. „Ich bin großgeworden im Heim, ich hatte eine supercoole Erzieherin“, schwärmt er. „Die hat mir Musik mitgebracht.“ Vorher hatte er, wie wir alle, Musik aus dem Radio mitgeschnitten, allerdings mit einem für mich fremden Vorgehen: Die Stellen, an denen der Moderator dazwischenquatschte, löschte er nicht einfach wieder, sondern klebte sie mit Tesafilm über. Diese Erzieherin nun hatte einen speziellen Geschmack: „Die hat mir Relatives Menschsein mitgebracht“, sagt er, und setzt, als ich überrascht lache, grinsend nach: „Mit acht, neun Jahren!“ Alex‘ Vater war zudem Rocker, mit fetten Gürtelschnallen und allem, „der hat selbst Musik gemacht, und so bin ich zu Judas Priest, Whitesnake und diesen Konsorten gekommen.“ Dann zehn Jahre Techno, Electro, Minimal, Dub, Drum And Bass. „Und jetzt höre ich alles“, sagt Alex, und fügt hinzu, wie zur Erklärung: „41 bin ich jetzt.“

Ursprünglich kommt Alex aus dem Saarland, in Braunschweig fand er seine Freundin. „Die arbeitet hier am Theater“, sagt er: „Fernbeziehung.“ Außerdem hat er eine Tochter, die zwei Jahre und sieben Monate alt ist und „Hexenmusik“ macht, wie er mir per Video auf dem Smartphone vorführt: Das Mädchen spielt einige dunkle Töne auf dem Synthesizer und staunt offenbar selbst dazu. „Guck mal auf den Mund“, freut sich Alex. Das Lieblingslied seiner Tochter ist Atmosphere von Joy Division, sagt er strahlend. „Ich hole mir mal was zu trinken“, schiebt er nach und wendet sich an André am Tresen. Dort entscheidet er sich für ein Zwick‘l. „Ich kaufe mir vielleicht auch noch eine Platte“, sagt er, was André freut: „Welche Richtung?“ Alex: „Alle.“ André empfiehlt ihm die Second-Hand-Kisten mit Indie-Platten eines Freundes, die direkt vor der Theke stehen und von denen er weiß, dass sie sich vornehmlich im Bereich Hardcore bewegen. Deshalb kenne ich da so gut wie gar nichts von! Alex wird fündig und borgt sich bei André das Nadelsystem aus, damit er sich am Fenster mit seiner Auswahl akustisch befassen kann.

An dem Fenster mit der Filmfest-Werbung. „Wir haben eine eigene Reihe mit Sound On Screen mittlerweile“, berichtet André von der Riptide-Beteiligung am Filmfest. „Und wir haben die Sound-On-Screen-Filmfest-Party am Freitag nach ‚Rudeboy‘ hier, da legt einer auf von den Bonz-Jungs, einem legendären DJ-Duo, der greift das auf mit Ska, Reggae, Soul – ein bisschen feiern.“ Sechs Filme steuert Sound On Screen zum Filmfest bei: Außer dem über PJ Harvey und „Rudeboy: The Story Of Trojan Records“ sind das „Mr. Jimmy“ über einen Led-Zeppelin-Tribute-Gitarristen aus Japan, „Musica Cubana – A Story To Be Told“ über kubanische Musik an sich, „Once Aurora“ über die Künstlerin Aurora Aksnes und „Show Me The Picture: The Story Of Jim Marshall“ über den Fotografen, nicht den Turmbauer. „Filme gesichtet, für gut befunden, zeigen – und unsere Fete halt“, fasst André zusammen.

Aber es steht ja für das Riptide nicht nur das Filmfest an. „Morgen die nächste Ausgabe von Songs And Whispers mit Alexander Peppler und Band, sehr kurzfristig“, sagt André. Aus der Küche ergänzt Melissa: „Am 8. Dezember das Advents-Brunch, unser beliebtes veganes!“ André grinst: „Ich wollte das in der richtigen Reihenfolge aufzählen“, und fährt mit der Quiz-Night nächste Woche Mittwoch fort, „mit Quizmaster Sven“. Und Bassm kehren ins Riptide zurück: „Am 6. Dezember zu unserem Nikolauskonzert“, listet André auf. „Und genau, am 8. Dezember der Brunch.“

Weil das Riptide wegen des Bier-Bachelors einigen Ansturm erwartet, tritt Chris nun ebenfalls seinen Dienst an. Ich trete ab, es wird Zeit für etwas Sofa. Dieses Mal halte ich nicht an der Einraum-Galerie an – es ist ausnahmsweise einmal niemand vor Ort. Am Samstag stellte sich dort Pott im Rahmen des Braunschweiger Grafik-Tages als Tätowierer vor, morgen eröffnet Denis Stuart Rose in dem Raum eine Ausstellung. Ihn kenne ich noch vom Silver Club, da steuerte er im Rebenpark-Gewölbe gruselige Plastiken zur überwältigenden Atmosphäre bei. Im Rebenpark nun sind wir an Nikolaus mit Rille Elf eingeladen, als Beschaller der nächsten Ausgabe der Stadtfinder, deren Mit-Initiator Stefan wiederum Teilhaber am Einraum ist, und so schließen sich Kreise.

Die Kerzen brennen immer noch auf den Tischen im Handelsweg. Gelegentlich wärmen sich sogar einzelne Raucher oder kleine Rauchergrüppchen an ihnen. So ein Glühwein wärmt aber auch ganz fein, und lecker war er zudem ebenfalls. Der erste in dieser Saison. Ein schöner Auftakt, im Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#145 Lecker Einhorncurry

16. Oktober 2019


Dienstag, 15. Oktober 2019

Dies dürfte der letzte Sommertag des Jahres sein, steht zu mutmaßen. Kein Wunder, dass das Achteck im Handelsweg noch einmal so richtig proppevoll ist, und nicht nur das, überall im Café und in der Rip-Lounge sowie vorm Tante Puttchen und vor der Strohpinte sitzen Menschen in kurzärmeliger Bekleidung und laben sich an Leckereien fester und flüssiger Art. Schepper trinkt eine Fritz-Kola ohne Zucker, Chris bringt mir meinen Milchkaffee: „Weil heute Dienstag ist“, sagt er. Und setzt nach: „Übrigens der letzte diese Woche.“

Das deprimiert uns Sonnenkinder ein bisschen und Schepper sinniert über nichtwiederbringbare besondere Momente, aber da genau dieser für uns ebenfalls ein besonderer Moment ist, der belegbar auf unzählige besondere Momente folgte, sei dies als weiterer Beleg dafür aufgefasst, dass es auch künftig wieder besondere Momente geben wird. Schepper ist überzeugt und betont, dass man für diese auch selbst etwas tun müsse. Oder aufgeschlossen sein und erkennen, was überhaupt ein besonderer Moment ist, das kann ja auch im Kleinen liegen, im vielleicht ansonsten Unbeachteten.

Am Wochenende etwa waren Andrea und ich in Leipzig, in Plagwitz, „Unplugwitz“, wie Schepper vorschlägt, und da erblickten wir ein kryptisches Graffito, das besagte: „Du bist mehr als eine Gurke“, und wie es sich gehört, ist Unsinn nur mit Unsinn zu kontern, und also schrieb jemand darunter: „2 Gurken“. Eine Kleinigkeit am Wegesrand, die uns nachhaltig erheiterte. Google indes verriet mir nachträglich, dass es sich bei dem ersten Satz womöglich um eine Art Liebeserklärung handeln könnte: Es gibt scheinlustige Webseiten, auf denen Frauen darüber diskutieren, warum Salatgurken besser sind als Männer. Das macht den Zusatz zwar auf andere Weise obskur, kann man aber gepflegt ignorieren und sich einfach am Nonsens erfreuen.

Überhaupt war es schön, endlich mal wieder in einer größeren Stadt gewesen zu sein, die das Alternative in einem (und im Falle von Leipzig sogar mehreren) Vierteln bündelt – nicht nur wie Braunschweig in nur einer Straße, dem Handelsweg, und ansonsten insulär über die Stadt verstreut. In Plagwitz entdeckten wir Miniclubs (in einem davon, dem Clubraum Plagwitz, sah ich vor einigen Jahren Solbrud live – ich hätte nie gedacht, dass ich den versteckten Laden nochmal wiedersehen würde), ein selbstverständliches veganes Speisenangebot, bunte Bevölkerung, Sticker, Tags, Plakate, spontane Menschenansammlungen rund um Technobeats oder Punkrockbeschallung, herumliegende Skateboards von Nutzern, die nur mal eben zum Sternikauf von ihnen abgestiegen waren, viele Kinder, lustige Shirts, etwa mit einem Foto der Kinderband Hansons und dem Schriftzug „Nirvana“ darunter darauf, dafür aber merkwürdigerweise keine Plattenläden.

Und Plagwitz empfanden wir als noch nicht so tourifiziert wie die trotzdem reizvolle Schanze in Hamburg, die wir in der Woche davor genossen und uns über den unverklemmten Umgang freuten: Von der gleichalten Verkäuferin im veganen Bekleidungsgeschäft mit „Na, ihr beiden“ angesprochen zu werden, erfrischt die Seele. Ist schon schön, wenn es aufgrund größerer Masse für das Alternative in einer Stadt eine Mindestbesucherzahl einfach gibt: Es fühlt sich so an, als müsste man nur die Tür öffnen und hätte bereits ausreichend Zulauf. Dafür ist Braunschweig nun mal viel zu klein.

Aber es tut sich etwas in Braunschweig. Aus dem früheren Cinemaxx und zwischenzeitlichen C1 ist das Astor geworden, ein Luxuskino, das mit breiteren Sitzen auf zurückgehende Zuschauerzahlen reagiert, damit die Säle bei der derzeitigen Belegung nicht mehr so leer wirken. Außerdem ist Event ein Lockmittel, und also bietet das Astor jetzt mehr an als nur Kino; herauszufinden, worum es sich bei diesem Angebot genau handelt, ist ein nächstes Ziel, und ansprechende Filme gibt es derzeit ja wieder, der Sommer ist schließlich vorbei. Morgen.

Außerdem gibt es jetzt das WestAnd und das Kufa-Haus, beides unter einem Dach, was die Braunschweiger wiederum sehr verwirrt. Untergebracht sind diese Einrichtungen dort, wo einst die Fire-Abend-Halle stand, also hinterm Jolly Joker links unter der Graffiti-Brücke durch, neben Coney-Eisland, vor der Bäckerei Tutscheck. Die Zweiteilung hat gute Gründe: Das WestAnd ist eine Privatinitative, die einen Veranstaltungssaal für 800 Personen anbietet, den Undercover und Paulis bereits nutzen. Die Crossover-Skandinavier Clawfinger gaben dort das erste Konzert, und die Hütte war nicht nur ausverkauft, sondern bestand die Bewährungsprobe mit Bravour. Und überhaupt, die Meute hüpfte, als wäre es noch 1993. Das Kufa-Haus wiederum nimmt den vorderen Bereich des Gebäudes ein und erfüllt den Tatbestand des soziokulturellen Zentrums, wird partiell mit kommunalen Mitteln gefördert und bietet neben einem Veranstaltungssaal für 300 Personen auch eine Cafeteria sowie diverse Workshop- und Arbeitsräume an. Zusammen ergibt das Konstrukt also die Nachfolge dessen, was 2002 mit dem FBZ im Bürgerpark ein unnötiges Aus fand; schwierig ist es lediglich, die Doppelbenennung in der Bevölkerung plausibel zu machen. Werbung etwa könnte da helfen. Wichtiger aber ist das Programm und dass die beiden Läden überhaupt existieren. Braunschweig findet sich nun nach Jahren der Abwesenheit endlich auch auf internationalen Tourplänen wieder.

Und dann gibt es demnächst ja auch in direkter Nachbarschaft des Riptides eine Veränderung: Das frühere Café Drei hat einen neuen Verwendungszweck. Das las ich im Internet und spreche Stecky gleich mal drauf an, denn der neue Wirt des Tante Puttchen ist es, der die Räume gegenüber mit neuem Leben füllen will. „Nächsten Monat“, sagt er an der Theke des Tante Puttchen und zapft Wolters für die Gäste. „Das wollen wir einfach als Überlauf nehmen, falls hier zu viel los ist, es aber hauptsächlich vermieten.“ Für private Feiern etwa stünde „es“ dann zur Verfügung. Einen Namen hat der Raum auch schon: Onkel Puttchen.

Der Name Tante Puttchen geht auf eine frühere Besitzerin zurück, die dort Eis verkaufte. „Nach dem Krieg“, erzählt Stecky, sei der Raum gegenüber bereits als Erweiterung des Tante Puttchen geöffnet worden – „für einen Tag“. Es gab offenbar keine Genehmigung, deshalb musste der Teil nach so kurzer Zeit wieder geschlossen werden, aber Stecky grinst: „Jetzt, nach 60 Jahren, ist es wieder zurückgekommen.“ Er zuckt mit den Schultern: „Wir versuchen’s einfach.“ Zum Beispiel mit einer monatlichen Musikreihe, selbstredend in Absprache mit dem Riptide, um Überschneidungen zu vermeiden, „so mit Straßenmusikern“, sagt er. Gast Charles lacht: „Ob er will, oder nicht“, und deutet pantomimisch an, wie er einen beliebigen Sänger aus der Fußgängerzone in den Handelsweg schleppt.

Einiges, was in der Zeit nach dem „Krieg“ so gegenüber existierte, weiß Stammgast Charles aus eigenem Erleben: „Der Red Pub, der hatte in den Achtzigern seine erfolgreichste Phase, bevor es Red Devil wurde.“ Und Charles kennt sich aus in Braunschweig: „Ich trinke hier mit wenigen Unterbrechungen seit 1985“, betont er mit leichtem englischen Akzent und deutet auf die Theke. Gelegentlich war er weggezogen, erläutert er. In den Achtzigern war Achims Tante Puttchen für ihn eine Alternative zum bis heute populären Magniviertel: „Das ist, wo wir damals hingingen für ein ruhiges Bier, für ein Rede-mit-den-Einheimischen-Bier“, sagt Charles. Der englische Akzent lässt Mutmaßungen zu, woher Charles eigentlich kommt, und auf die Idee eines anderen Gastes, es seien die USA, reagiert er im englischen Ladstyle: aufbrausend. „Es gibt kein richtiges Woher“, sagt er dann. „Ich wurde in einer Militärkaserne geboren.“ Bis er volljährig wurde, war er mehr als ein Dutzendmal umgezogen. Und jetzt lebt er im Tante Puttchen.

Schepper und ich leben eben nebenan im Riptide. André bringt uns neue Getränke in die Lounge, von der aus wir das allerspätestsommerliche Geschehen draußen verfolgen. „Ihr guckt Fernsehen“, nennt André es ganz richtig. Neben uns hängt der Tat-O-Mat, der Kunstautomat der Designgruppe Tatendrang, und Schepper ergänzt den Namen im Sinne um zwei Buchstaben zum „Tattoomat“: Arm hineinhalten und Geld einwerfen. „‘Lassen Sie sich überraschen‘“, liest er vom Aufdruck einer Schublade des Automaten ab, schüttelt seinen Arm, macht Tätowiergeräusche, guckt auf den Arm, sagt mit enttäuschtem Tonfall: „Oh, ein Anker!“, setzt nach mit „Mutti!“, dann mit „Trump“ und richtet den Arm schnell wieder auf den Automaten: „Letztes Fach, acht Euro: Entfernung, dreimal anzuwenden.“

So etwas wie das Riptide wäre in Italien gar nicht möglich, erfuhr ich kürzlich in meinem Urlaub: Davide erzählte mir das, und er hat einen Plattenladen mit Label in Savona, beides Vincebus Eruptum genannt, nach dem Debüt von Blue Cheer, was auch gleich eine Aussage über das Programm von beiden Einrichtungen macht, nämlich psychedelische Rockmusik. Plattenladen, Café, Bühne und Galerie unter einem Dach: In Italien bräuchte man allein für Café und Plattenladen schon je eine Konzession und je einen Betreiber, deshalb seien solche für ihn höchst attraktiven Einrichtungen dort auch so selten. Wehmütig hörte er sich meine Berichte an. Überhaupt, in Italien sei die Szene so klein, dass sich selbst der winzige Plattenladen für ihn kaum lohne. Deshalb öffnet er den auch nur samstags als Hobby neben seinem Hauptjob. Und der ist nicht das Label, obwohl er auf dem grandiose Musik veröffentlicht, auf Vinyl. Sein neuester Streich ist das Solowerk von Gary Lee Conner, dem früheren Gitarristen der Screaming Trees: „Unicorn Curry“ erschien jüngst auf VE Recordings. Auch neu im Programm hat Davide das dritte Album der Psychedelicrocker aus Bari mit dem unschönen Namen Anuseye, „3:33 333“, das ich mir gleich mal einpacken ließ, zusätzlich zum Splitalbum von The Linus Pauling Quartet und Colt38, einem Projekt von Claudio Colaianni, das der 2002 zwischen seiner alten Band That’s All Folks! und Anuseye betrieb.

Davide hatte ich vor vier Jahren kennengelernt, als ich in Savona Urlaub gemacht hatte und zufällig in seinen Laden gestolpert war. Dieses Mal war ich einige Kilometer weiter die Küste entlang untergekommen, in Loano, das landschaftlich und architektonisch etwas weniger spektakulär ist, aber sehr herzliche Bewohner hat. Drumherum fand ich es etwas spektakulärer. Bei den Bahnpreisen dort lohnt es sich, für Erkundungsausflüge in Ligurien das Auto stehen zu lassen; Verspätungen indes muss man gelegentlich in Kauf nehmen, wie in Deutschland nun mal auch.

Mein eigenes Lied dazu klingt so: Vor drei Jahren schon nahm ich von Sanremo aus an einer Whalewatching-Tour aufs Mittelmeer teil, die aber in dem Sinne erfolglos war, dass wir in vier Stunden keine Wale erblickten. Also wollte ich das dieses Mal nachholen und buchte telefonisch einen Platz vom nächstgelegenen Abfahrthafen aus, und das war Andora. Den ersten Termin sagte das Unternehmen jedoch am Vortag wegen schlechten Wetters ab, und also buchte ich einen neuen für meinen letzten kompletten Urlaubstag vor Ort, Abfahrt um erreichbare 12 Uhr.

Nun hält aber nicht jeder Zug auch in Savona. Also musste ich den um 9.28 Uhr ab Loano nehmen. Am Bahnhof funktionierte der Ticketautomat für genau diesen Zug allerdings nicht. Zum Glück war der Schalter besetzt und ich erhielt eben auf diesem Wege meine Fahrkarte. Am Gleis hörte ich beim Warten die Durchsage, dass genau dieser Zug 30 Minuten Verspätung habe. Kein Problem, das reichte immer noch aus, um um 12 Uhr am Schiff zu sein. Nach nur 20 Minuten schon traf der Zug ein und ich nahm erfreut Platz. Bis ich irgendwo im nächsten Tunnel die Durchsage mit der Entschuldigung dafür hörte, dass dieser Zug bereits 54 Minuten Verspätung habe. Moment: Das würde ja bedeuten, dass es sich dabei um den Zug vor meinem handelte, der also gar nicht in Andora anhielt – und schon sah ich durchs Fenster die Bahnsteigschilder meines Zielortes an mir vorbeifliegen.

Super. Der nächste Halt war Diano. Von dort aus erfolgte die nächste Fahrt nach Andora erst um 11.35 Uhr, also viel zu spät, um noch rechtzeitig am Hafen zu sein. Am Bahnhof standen keinerlei Busse herum, nur ein Taxifahrer war zu sehen. Der erzählte mir, dass mich eine Fahrt mit ihm nach Andora etwa 22 bis 25 Euro kosten würde. Das hätte mir aber die Whalewatching-Tour erheblich verteuert, also schlug er mir den Bus vor und beschrieb mir den Weg zur Haltestelle: immer geradeaus bis zum Hotel, dann rechts bis zur Kirche und dann auf der linken Seite. Klang einfach. „Ungefähr zwei Kilometer“, schob er nach. Ach du … Und es war bereits kurz nach halb elf. Also losgeatzt. Zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen, wenn es mediterran warm ist und man es eilig hat. Ich stolperte in Richtung Ortsmitte und ohrfeigte mich innerlich dafür, das Taxi nicht wenigstens für diese Strecke genommen zu haben, als es mich auch schon überholte. Wertvolle Zeit verstrich. Da, das Hotel, also die Hauptstraße entlang am Hafen vorbei und auf die Kirche zu. Keine Haltestelle zu sehen. Einige Meter weiter entdeckte ich sie dann. Zwei Leute warteten schon. Der Fahrplan verriet mir, dass der nächste Bus bereits drei Minuten später eintreffen sollte. Schön – bis auf den Umstand, dass man in Italien seine Fahrkarten beim Tabakhändler zu kaufen hat, jedoch keiner in Sichtweite war. Der Bus danach wäre wiederum zu spät dafür gewesen, das Schiff noch zu erreichen.

Also dumm tun und dem Fahrer erst sagen, dass man kein Ticket hat, wenn er schon die Türen geschlossen hat und losgefahren ist. Aber gottlob gab er mir ohne Komplikationen einen Fahrschein aus seiner Tasche. Der Preis dafür indes war höher als erwartet – und reduzierte meine Bargeldmenge dergestalt, dass ich für das Whalewatching, das nämlich zwingend bar zu bezahlen war, genau 60 Cent zu wenig, in Andora also noch eiligst einen Geldautomaten zu finden hatte. Großartig.

Der Bus schaukelte die malerische Küste entlang und ich verspürte beinahe so etwas wie Entspannung. Es war erst kurz nach elf Uhr, also noch Zeit genug. Endstation war genau der Hafen. In einer Infostelle erfuhr ich, dass der Ableger an der entlegensten Mole gelegen war, der nächste Bankautomat hingegen etwa einen halben Kilometer in der entgegengesetzten Richtung. Okay. Die schlug ich ein und rief beim Whalewatching-Anbieter an, um wenigstens mitzuteilen, dass ich quasi vor Ort war und wegen fehlender 60 Cent noch zur Bank musste. „Es ist erst 20 nach elf“, sagte die Frau, „Sie sind ja noch pünktlich, und wenn Sie keine Bank finden, werden uns die 60 Cent auch egal sein.“ Zudem wollte sie den Kapitän informieren, mit der Abfahrt auf mich bis zu fünf Minuten zu warten. Sehr gut.

Es dauerte, bis ich in Andora eine Bank fand. Ich hob Geld ab und eilte zurück zum Hafen. So hatte ich mir meinen letzten kompletten Tag nicht vorgestellt: Eigentlich wollte ich die Wartezeit mit Kaffee und Buch überbrücken, nicht mit Hetze. Aber nun sah ich das Schiff ja bereits. Vom falschen Anleger aus allerdings, das war in dem Segelmastgetümmel nicht so leicht zu erkennen. Schnell umgedreht und schnellen Schrittes die richtige Mole angesteuert – und wortwörtlich um fünf vor zwölf angekommen. Kaum hatte ich meinen Sitzplatz an Deck eingenommen, legte das Schiff auch schon ab.

Um nur 30 Minuten später wieder umzukehren, weil sich das Wetter verschlechterte, das Geld bekämen wir selbstverständlich zurück.

Na, wenigstens war ich überhaupt mal für eine Weile auf dem Meer. Den Rest des Tages verbrachte ich immerhin am Meer, das sich in Andora stürmisch an den Sandstrand stürzte. Und weil der Tag schon so merkwürdig war, dachte er sich für die Rückfahrt auch noch einen Gag aus: Der Bahnhof war etwas abgelegen und ich steuerte ihn mit einem Eis auf der Faust an. Ich schlenderte also den weiten, aber ausgeschilderten Weg entlang, wunderte mich dann aber, dass mir Google bald anzeigte, ich wäre längst am Bahnhof vorbeigelaufen. Gottlob hatte ich den Weg wegen meiner Ortsunkundigkeit viel zu früh begonnen, also warf mich das nicht , haha, aus der Bahn und ich kehrte eben um und schlug den anderen Weg ein. Das Bahnhofsgebäude, das ich Dank Google auch fand, war allerdings verschlossen, die dahinter erkennbaren Schienen waren überwachsen. Ein Rätsel. Die italienische Wikipedia nun ließ mich wissen, dass die Station vor drei, vier Jahren aufgegeben und verlegt wurde. Zum Glück sind bei Wikipedia die Koordinaten hinterlegt, so fand ich dann mit Googles Hilfe die korrekte Adresse, die mir Google selbst nicht ausgab. Und die war nochmal eine halbe Stunde zu Fuß entfernt gelegen.

Immerhin erreichte ich tatsächlich den Zug und erhielt auch ein Ticket am Automaten. Ein schöner letzter Tag. Ja, war es auch, trotz allem, am Meer ist es einfach immer schön, und ich krönte ihn in der Altstadt von Loano mit gegrillten Thunfischsteaks, die in einer Pistazien-Sesam-Tunke mariniert waren. So geht das.

Schepper und ich gehen jetzt auch, erstmal natürlich bei Chris und André bezahlen. Vor der Theke entdecke ich neue Kisten mit Schallplatten. In einer befinden sich hauptsächlich historische Werke aus Schlager und Klassik, und das Riptide schlägt per Schild vor: „Vielleicht anstatt einer Geburtstagskarte?“ Von ganz anderem Kaliber sind die Platten daneben, die haufenweise Neunziger-Indie beinhalten – von dem ich den größten Teil absolut gar nicht kenne. Schlimm! Das ist das Schöne, dass man immer etwas dazulernen kann. Und das Riptide ist ein geeigneter Ort dafür. Nächstes Mal nehme ich mehr Zeit mit und dann vielleicht auch einige Platten aus dieser Kiste mit!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#144 Regenbogenpony

11. September 2019


Dienstag, 10. September 2019

Eigentlich bin ich ja mit Karsten Weyershausen verabredet, und wie es sich gehört natürlich im Riptide. Und wie es sich ebenfalls gehört, ist das Riptide an diesem Dienstagnachmittag proppevoll. Nicht allein das Café, sondern auch das vorgelagerte Achteck mit dem Sonnensegel in der Mitte des Handelsweges, und das aus gutem Grunde, schließlich erinnert uns die Sonne heute daran, dass ja trotz niedriger Temperaturen eigentlich noch Sommer ist, und fordert uns freundlichst zum Draußensitzen auf. Uns: Als ich durch den Handelsweg streife und mir einen freien Platz suchen will, entdecke ich diesen an einem mehrfach zusammengeschobenen Tischensemble mit allerlei Bekannten drumherum. Das fasse ich sehr gern als Einladung auf.

Links vor dem Fenster sitzen Schepper und Jörg, die auf Scheppers Tablet gucken und sich dabei psychedelische Rockmusik aus den Sechzigern anhören. Vanilla Fudge scheppert aus den schmalen Lautsprechern des Apparats, und vermutlich ist dies auch genau der Sound, den die Band damals im Ohr hatte, als sie ihre Version von „Bang Bang“ auf Tonträger orgelte. Schepper und Jörg spielen selbst in einer noch unbenannten Band, zusammen mit Christoph improvisieren sie zunächst noch ausufernd vor sich hin. Alle drei haben jahrzehntelange Banderfahrung, erst kürzlich erwarb ich die LP „The Return Of The Fevertree“ von Jörgs alter Band Liquid Zoo aus dem Jahr 2000, und deren Mucke fügt sich nahtlos an das an, was eben aus dem Digitaltablett tönt. Beim Onlinegebrauchttonträgerkauf hatte ich Glück: Nicht nur war das Poster Teil der auf 1000 Exemplare limitierten Platte, auch steckten haufenweise Pressemeldungen zum Album im Sleeve.

Die weiteren Sitzenden sind: einer der vielen Stefans aus der Einraumgalerie gegenüber, Niclas, der den Platz schon bald mit Frust von der Einraumgalerie tauscht, Stecky vom Tante Puttchen nebenan und einer der noch viel mehr Stefans, die nicht zur Einraumgalerie gehören. „Ich habe schon gehört, dass es hier viele Stefans gibt“, sagt der Nichtgalerist-Stefan, und Galerist-Frust, der eigentlich auch Stefan heißt, erklärt: „Bei uns heißen alle Stefan, außer Peter, der heißt Nadine.“

Auch für Karsten findet sich noch ein Platz an dieser Tischgruppe, und mit seiner Sitzposition zwingt der Cartoonist und Autor die Riptide-Chefs Chris und André zu Schlangenlinien, wenn sie mit vollen Tabletts zwischen den Gästen und dem Café pendeln. Karsten bringt mir sein neues Buch mit: „Ist Götterspeise Blasphemie?“, fragt es im Titel, und der Untertitel ergänzt fatalistisch: „Und andere völlig unnütze Gedanken zu Dingen, die sowieso nicht zu ändern sind“. Dazu fällt Nichtgalerist-Stefan eine passende Frage ein, die er kürzlich irgendwo zu lesen bekam: „Schuldet mir der Taxifahrer Geld, wenn er rückwärts fährt?“

Erst am Freitag traf ich Karsten zufällig im Kufa-Haus, bei dessen erster Veranstaltung überhaupt. Was viele Braunschweiger noch gar nicht erfassen: Es gibt jetzt wieder ein neues FBZ, und zwar in einem Neubau an der Stelle des früheren Fire-Abend, also links unter der Brücke hinter dem früheren Jolly Joker, jetzt Jolly-Time, durch und dann rechts, direkt neben Coney Eisland, direkt am Skaterpark. Der Kufa-Verein teilt sich das Gebäude mit der WestAnd-GmbH, die darin einen kommerziellen Veranstaltungssaal für 800 Zuschauer betreibt, während die Kufa im vorderen Gebäudeteil kommunal gefördert soziokulturelle Aufgaben übernimmt und neben einem Bistro auch einen Raum für Shows mit bis zu 300 Gästen vorhält. Das soll mal einer auseinanderhalten, aber gut, die Zeit wird es bringen.

Mit dieser Einrichtungskonstellation wird zumindest eine Lücke gestopft, die seit 2002 besteht, seit nämlich das FBZ teilabgerissen und in ein Luxushotel umgebaut wurde, und spätestens, seit vor einigen Jahren auch das Meier und das Jolly Joker schlossen: Bands von mittlerer Größe, also irgendwo zwischen Jugendzentrum und VW-Halle, finden endlich wieder einen Auftrittsort in Braunschweig. Das schlägt sich schon jetzt nieder: Im Musikexpress sah ich eine Werbung für die Tour von Heather Nova, und da tummelt sich wie selbstverständlich zwischen Hamburg, Leipzig, Berlin und Köln auch wieder, wie früher, Braunschweig, eben mit dem WestAnd. Sieht gut aus, das. Am 2. November spielt sie hier, übrigens.

Chaotisch für die Braunschweiger gestaltet sich auch die Terminlage der Eröffnungen: Vor lauter offiziellen Daten rund um Ende September nahm kaum jemand wahr, dass die Show schon am vergangenen Wochenende losging. Im WestAnd wummerten Drums und Basses und lockten vorrangig eher ein jüngeres Publikum an, und das halte ich für einen gelungenen Schachzug, als erstes die Leute auf sich aufmerksam zu machen, die tatsächlich noch jedes Wochenende unterwegs sind, im Gegensatz zu den meisten Leuten, die seit 17 Jahren betrauern, dass es kein FBZ mehr gibt. Als Ergänzung dazu fand parallel im Kufa-Haus eine Reggae-Party statt, mit dem grandiosen Konzept, damit die Wurzeln von Drum And Bass freizulegen. Das Publikum beider Veranstaltungen mischte sich, und genau so soll es ja auch sein.

Beim Bier im Bistro des Kufa-Hauses erzählte mir Karsten bereits, was es mit der „Edition Wortmax“ auf sich hat, in der sein neues Buch erscheint. Bei Wortmax handelt es sich um einen Blog, den Autoren und Schriftsteller aus dem Bundesgebiet mit Literaturtipps füllen. Ursprung davon waren eine deutschsprachige Webseite für T.C. Boyle und ein Blog für Douglas Adams. Via Book On Demand nutzt Karsten die Edition Wortmax nun als erster aus diesem Kreise, um seine Texte in den Handel zu bringen. Aus Braunschweig und Umgebung sind außer Karsten noch bei Wortmax: Hardy Crueger, der beim Verlag Andreas Reiffer dieser Tage sein gemeinsames Buch „Braunschweig’sche Weihnacht“ mit Till Burgwächter herausbringt, Axel Klingenberg, der in Toddns Buchbauer-Verlag jüngst „Leben nach Mitternacht“ veröffentlichte, und Holger Reichard, mit dem Karsten die Bücher „Kerle im Klimakterium“ und „Stadt. Land. Flucht“ verfasste. Nun also „Ist Götterspeise Blasphemie?“, mit einem herrlich grünen Cover, das auch den anderen am Tisch gefällt.

Für Karsten ist nun aber der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen, für mich auch. Er zahlt an der Theke seinen Kaffee, ich meine Fritz-Karamell-Kola sowie die beiden bestellten Schallplatten, die eingetroffen sind: „South Of Reality“ als pinkes Doppel-Vinyl von The Claypool Lennon Delirium, Scheppers Lieblingsplatte des Jahres, und „Party In The Chaos“ in schwarzrotem Vinyl, eine 12“, die Jaz Coleman von Killing Joke mit dem italienischen Industrial-Duo Deflore aufnahm.

Dabei berichtet mir Chris von der Geburtstagsfeier des Universum-Kinos, das es als Filmfest-Einrichtung nun auch schon seit zehn Jahren gibt. Zu der Gala am vergangenen Wochenende war er eingeladen, weil das Riptide mit dem Kino die Musikfilmreihe Sound On Screen betreibt. Bei den vielen Ansprachen erfuhr Chris, dass das Universum als das erfolgreichste Doku-Kino in Deutschland gilt und dass eben Sound On Screen darin die erfolgreichste Reihe darstellt. „Wir wurden als einzige namentlich erwähnt“, freut sich Chris. Der nächste Film in dieser Reihe ist am 15. September zu sehen: „Wer 4 sind“ über die Fantastischen Vier, mit Jonny S als Aftershow-Show live im Riptide.

Chris nimmt das volle Tablett auf und hat es nun einfacher, die Gäste draußen zu erreichen. Er deutet im Weggehen auf die drei Farbfelder, die in Orange, Rosa und Grün die Riptide-Farben über der Theke aufnehmen, und drückt seine gute Laune motivierend mit „sieh auf das Regenbogenpony“ aus. In der Küche sind André und Iris beschäftigt: Sie ist seit Anfang September neu im Team, die Chefs arbeiten sie ein, und wenn sie draußen unter den Gästen umherstreift und Wünsche aufnimmt, merkt man ihr das Neusein gar nicht an.

Neben der Theke steht nach wie vor die Kiste mit den Jutebeuteln mit den zweifarbigen Aufdrucken, die mir nie so bewusst auffielen, bis ich darunter ein mir sehr vertrautes Motiv entdeckte: ein Katzenkopf im Golddruck auf Schwarz mit konzentrischen Kreisen im Hintergrund. Einen solchen Beutel bekam Andrea einst von ihrem Sohn geschenkt, der ihn auf dem tschechischen Fluff-Fest, einem Hardcore-Festival, entdeckte und dabei feststellte, dass diejenigen, die den Beutel angefertigt hatten, aus seiner Wahlheimat Leipzig stammten. Diesen Beutel nehmen wir mit Vorliebe mit, wenn wir uns beim Kaufmann oder auf dem Wochenmarkt mit Lebensmitteln eindecken, daher ist er mir immens vertraut, und umso merkwürdiger fühlte es sich an, diese vermeintliche Einzigartigkeit nun ausgerechnet in meinem zweiten Zuhause wiederzufinden, im Riptide nämlich. Chris klärte mich auf: Gestalter dieser Beutelserie waren zwei Brüder, die er schon seit Jahren aus der Hardcoreszene kennt und die in Leipzig unter dem Namen Floss Bros eigentlich einen Button-Laden betreiben. Was für ein paneuropäisches Pingpong!

Die Platten und Karstens Buch stecke ich aber in einen anderen Jutebeutel. Die ganze Runde bricht allmählich auseinander, der Nichtgalerist-Stefan muss seine Tochter bei ComiCulture abholen, dem Laden zwei Türen weiter, dessen Inhaber ebenfalls Stefan heißt, wo sie zurzeit Pokémon zockt. Sieh an, ich entsperre mein Mobiltelefon, auf dessen Display sofort Pokémon Go erscheint, und Stefan lacht, weil es sich auf seinem Apparat ebenso verhält. Seine Tochter spielt zwar das Kartenspiel, aber die Go-Variante übernahm er von ihr. Natürlich senden wir uns sofort Freundschaftsanfragen und Geschenke zu. Sein Profilname trägt die Nummer 42 als Appendix: natürlich mit dem Bezug zu Douglas Adams. „Die 42 taucht bei uns überall auf“, sagt Stefan. Dafür habe ich volles Verständnis. Nun muss ich aber los, meine nächste Verabredung wartet im Hermans, und ich bin schon viel zu spät. Bestimmt 42 Minuten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#143 Braunschweigs Dollstes Indiecafé

23. August 2019


Donnerstag, 22. August

Es war Sedan-Bazar und ich war nicht da. Nun, wenn das einzige Patenkind eingeschult wird, gibt es sowas von ganz klare Prioritäten! Aber Chris ist ja jetzt im Riptide, zusammen mit André, und Chris berichtet mir von dem Handelswegfest am vergangenen Samstag. „Wir waren von beiden Seiten flankiert“, steckt er den Rahmen ab, in dem der Bazar stattfand: Gleichzeitig veranstalteten der Kufa-Verein sein „Live im Westen“ an der Skaterrampe sowie das Kultviertel ein Konzert auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. So ist es ja beinahe jedes Mal. Heißt letztlich: Viel Publikum unterwegs, weil es überall etwas Spannendes gibt. Chris fährt fort: „Das Wetter war schön, die Stimmung war toll, es war das erste Mal mit DJ, nicht nur Livemusik, es gab leckeres Essen, die Lissabon-Bar war dabei, wir haben das Fest ums Eck erweitert, es war sehr schön dekoriert, und die Einraumgalerie hatte einen Stand, da haben sie nur Gurkensachen verkauft.“ Das war zumindest der Eindruck, den die Galeristen erwecken wollten, erklärt André: „Weil’s eine Gurkentruppe war, gab’s die Deko, aber verkauft haben sie Wodka mit Melone.“ Und das mit der Gurkentruppe war tatsächlich deren Eigenslogan.

Während André in der Küche die Speisenbestellungen der Gäste zubereitet, die sich allesamt im sonnendurchfluteten Achteck verlustieren, bedient Chris die Gruppe der Eat-The-World-Teilnehmer, die Dirk ins Riptide führt. Für diese Organisation ist Dirk regelmäßig in Braunschweig unterwegs und führt die Teilnehmer zu entlegener, besonderer, alternativer Gastronomieorte. Das Riptide ist ein in diesem Rahmen gern gewähltes Ziel, und Chris kredenzt der Runde nicht nur Informationen über das Café, sondern auch jahreszeitengemäße mediterran orientierte Leckereien zum Probieren. Dirk ergänzt Chris‘ Informationen, indem er ein Exemplar des Buches „Die Stadt ist eine Erbse“ aus dem Regal fischt; da kann ich nur erröten.

Und nachhaken bei den vier Teilnehmern: Wie kommt es, dass sie an dieser sehr speziellen Stadtführung teilnehmen? „Der Wunsch ist entstanden, weil wir das vor ein paar Wochen in Lübeck gemacht haben, mit einem Arbeitsteam“, erklärt Olga für sich und Thomas, die beide aus Lübeck kommen und zurzeit für drei Tage Urlaub in Braunschweig machen. Die beiden Braunschweiger in dieser Runde, Heike und Ronny, fragen sich, wie man ausgerechnet hier Urlaub machen kann, wenn man aus Lübeck kommt; stimmt wohl, hier gibt es nicht mal Meer oder Berge. „Meer haben wir ja selbst“, winkt Thomas ab. Heike meint: „Für andere ist Braunschweig oft ein unsichtbarer Punkt.“ Wenn man gefragt werde, woher man komme, werfe die Antwort meistens nur noch mehr Fragen auf. „Zwischen Berlin und Hannover“, verortet es Ronny dann immer, und Dirk empfiehlt: „Zwischen Jägermeister und VW.“ Lübeck sei aber auch nicht bekannter, finden die beiden Lübecker, und sie unterstreichen ihren Eindruck, Braunschweig habe Schönes zu bieten. Das hat es wohl, was besonders beeindruckt, wenn man berücksichtigt, dass die Innenstadt im Zweiten Weltkrieg zu neunzig Prozent zerbombt war. „Lübeck auch“, nickt Olga, und auch in Punkto Zonenrandgebietslage teilen beide Städte das gleiche Schicksal, stellt sie fest.

Aber nun drängt Dirk zum Aufbruch, die nächste Station wartet: „Das Limonella im Magniviertel“, verrät er. „Das gehört Hasib, der wird aber Hasi genannt, ein irakischer Künstler.“ So kann man also auch als Nochnichtteilnehmer bei Eat The World neue Etablissements in seiner Stadt entdecken: Dirk treffen.

Der Stapel Schallplatten, die Micha Chris zwecks Erwerbs in die Hand drückt, ist bemerkenswert hoch: Imperial State Electric, Madball, Brant Bjork, The Black Keys, Rose Tattoo und Nebula. Nur erstere kenne ich nicht: „Ehemals Hellacopters“, weiß Chris natürlich, und Micha nickt. Er ist regelmäßig im Riptide, wie er sagt: „Einmal im Jahr kommen wir aus Wolfsburg her.“ Er schwärmt vom Riptide: „Das muss man unterstützen, ein kleiner Laden, der Platten verkauft, das finde ich wichtig.“ Stimmt, in Wolfsburg gibt es keinen mehr, dafür aber immerhin kompetente Leute bei Saturn und Müller, dessen Braunschweiger Filiale überdies zufällig genau heute eröffnet, was man an den vielen orangefarbenen Luftballons in der Stadt gut erkennt. Micha ist aber auch lediglich gebürtiger Wolfsburger, seinen Lebensmittelpunkt verlegte er an den Bernsteinsee und wundert sich, dass wir den kennen. Nun, seit 1993 in Wolfsburg berufstätig und in Wesendorf aufgewachsen, da ist mir sowas nicht fremd. Und Chris auch nicht, der in seiner Kindheit viel Zeit „in der Ecke“ verbrachte, in Weißenberge. „Da gibt es doch irgendwo so ein Fischrestaurant“, grübelt Micha, und das kenne ich zumindest vom Vorbeifahren, denn wenn ich früher mit dem Fahrrad nach Groß Oesingen düste, passierte es, dass ich Teichgut passierte. „Genau, Teichgut, da gehen wir manchmal essen“, sagt Micha. Und erzählt von einem Oldtimertreffen in Weißes Moor, an dem er teilnahm. „Da habe ich erst über das Riptide gesprochen“, sagt er und fragt, ob wir einen Musiker kennen, der früher bei Protector war, „der hat auch schon hier gespielt mit seiner neuen Band“, The New Broncos nämlich. Chris ist platt, diese bandhistorische Verbindung war ihm nicht bekannt. Seine Augen leuchten, als er Micha von Protector in den Achtzigern erzählt. Live sind die einst Wolfsburger, jetzt Schwedischen Thrasher inzwischen wieder unterwegs, kürzlich erst im Kulturzentrum Hallenbad. „Da haben auch Destruction gespielt“, erzählt Micha. „Das war wie ein Klassentreffen.“ So wird es bestimmt auch beim „Open Arsch (Closed)“ am 19. Oktober, wenn Paule das alte Festival aus Rümmer wiederbelebt, mit allen Helden von früher. Und so war es auch beim Abschlusskonzert der städtischen Ausstellung „Soundtrack WOB“, was Micha beides verpasste. Halle 54 waren Headliner, und Micha weiß: „Da waren auch Olly Wiebel und Cesare, mit denen bin ich aufgewachsen.“ Stimmt, Olly war mit Intercool und Cesare mit Steamgenerator dort. Kleine Welt wieder. Und kleine Szene in Wolfsburg: Wenn dann mal etwas in der Richtung stattfindet, sind auch so gut wie alle da. Doch alle Schwelgerei ist endlich, Micha muss nun los. „Meine Hunde warten.“

Und à propos Wolfsburger Bands: Kürzlich durfte ich einmal mehr Bandfotos von Cryptic Brood machen – das Ergebnis des ersten Mals war auch in der „Soundtrack WOB“-Ausstellung zu sehen, als Rückseite des Albums „Brain Eater“ –, einem Death-Metal-Trio, dessen Drummer Steffen unter dem Label Lycanthropic Chants entsprechende Musik veröffentlicht und im Jugendhaus Ost Konzerte veranstaltet. Die neuen Fotos nun sollten in Braunschweig entstehen, am liebsten stilecht mit Friedhofsbezug, was sich aber als nicht durchführbar herausstellte, insbesondere, da wir alle viel zu pietätvoll an die Sache herangingen, als dass wir einfach stumpf vor Gräbern posiert hätten, die womöglich anderen etwas bedeuteten. Alternativ schlug ich daher den Handelsweg vor, auf den sich Steffen, Micha und Butzke leicht einließen. Unser erstes Ziel war das Tante Puttchen, weil die Inneneinrichtung so oldschoolig zu unserem Vorhaben passte, aber da kamen wir kaum hin, weil jeder von uns beim Eintreten in den Handelsweg aus Richtung Martino-Katharineum andere Bekannte und Freunde traf, auch aus Wolfsburg. Nach diversen Begrüßungen betraten wir das schön schummrige Tante Puttchen. Stecky zeigte sich sofort einverstanden, seine neue Kneipe als Kulisse für die Bandfotos zur Verfügung zu stellen, und nach der Session bei ihm suchten wir weitere Hintergründe in der Nachbarschaft, darunter auch Stefans Comiculture. Als wir uns zuletzt im Riptide häuslich einrichteten, deutete Steffen durch das große Fenster und stellte fest: „Da kommt meine Freundin!“ Und Micha bemerkte ebenso verdutzt: „Ja – mit meiner Freundin!“

Bei aller Pietät begleitete uns die ganzen Stunden über eines: Wortspielereien rund ums Schänden. Am Ende der Fotosession hatte ich erhebliche Schmerzen im Zwerchfell und erkannte das hohe Schändungsbewusstsein der drei Musiker von Cryptic Brood. Leider sind die analog entstandenen Fotos bis heute nicht fertig entwickelt, weil die Labore dank der Digitalfotografie zahlenmäßig ausgedünnt und somit überlastet sind. Das frustriert schon einigermaßen, schließlich sollte das Cover schon vor drei Wochen in den Druck gehen. Wo meine Filme sich derzeit befinden, ist dabei nicht mal zu eruieren: Es gibt dort keine Schändungsverfolgung.

Mitten im Sommer ist das Ende der Sommerpause auch schon wieder Thema, denn die nächste Staffel der Musikfilmreihe Sound On Screen im Universum-Kino steht bereits fest, erzählt Chris: „Es ist eine bunte Tüte dabei.“ Der Auftakt findet erstmals an einem Sonntag statt, am 15. September nämlich, dem Tag der Deutschlandpremiere von „Wer 4 sind“, dem Film über die Fantastischen Vier: „Das war der persönliche Wunsch der Band“, sagt Chris, „ich vermute, das war der Gründungstag, da hat die Band jedenfalls drauf bestanden.“ Sicher ist, dass das Quartett mit dem Film sein dreißigjähriges Bestehen begeht. Im Anschluss gibt Johnny S im Riptide ein Konzert. Der nächste Film ist am 17. Oktober „Goa – You Are Everything“: „Über die Musikszene, Indien, wo Leute auswandern, den ganzen Tag lang Goa tanzen und Drogen nehmen“, sagt Chris und winkt grinsend ab. Natürlich käme die Betrachtung der Gegend und der Szene nicht ohne Klischees aus, sagt er: „Aber das ist eine spannende Kultur, weltweit, auch in Braunschweig, im Brain gibt es regelmäßig Goa-Partys.“ Der Film falle etwas aus der Reihe, weil er sich nicht um eine konkrete Band oder einen Musiker dreht: „Aber das ist ein ganz toller Film, der ist uns wichtig.“ Nicht minder der dritte, am 8. November ist „Inna De Yard – The Soul Of Jamaica“ zu sehen, „ein ganz toller Film über Jamaica, Reggae und die sechziger Jahre“, sagt Chris. „Es gibt so viele gute Filme darüber, eigentlich keinen schlechten.“ Dabei macht er einen Ausfallschritt in die Büroecke und lässt recherchierend vernehmen: „In der allerersten Staffel hatten wir ‚Rocksteady – The Roots Of Reggae‘“, ruft Chris herüber. Außerdem liefen der „The Doors“-Film und die Dokumentation über die skandinavische Black-Metal-Szene: „So hat Sound On Screen damals angefangen.“

Auch veröffentlicht ist mittlerweile das Jahresrestprogramm des neuen Veranstaltungszentrums WestAnd, das demnächst eröffnet werden soll, und André fragt: „Gehst du auch zu Clawfinger?“ Ja, da habe ich mir sofort für den 4. Oktober zwei Tickets gekauft, schließlich will ich den ersten mittelgroßen Veranstaltungsort in Braunschweig seit dem Ende von FBZ und Meier gebührend begrüßen. Außerdem ist Clawfinger die einzige Band aus dem mir bislang bekannten WestAnd-Programm, die ich auch in meinem Plattenschrank finde; da hoffe ich auf eine künftig größere Überschneidung. Den vorderen Teil der Halle bespielt der Kufa-Verein, und ich freue mich, dass wir in deren Räumen mit Rille Elf gebucht sind, eine Party auszurichten, Ende Oktober: Kaum ist das Gebäude da, dürfen wir dort unsere Laptops aufklappen Und wie es sich gerade wieder fügt, findet einen Tag nach dem Clawfinger-Gig die 25. Indie-Ü30-Party im Nexus statt; da hoffe ich, dass sich das sich überschneidende Publikum nicht zu sehr verausgabt und trotzdem noch ins Nexus kommt. „Wer hat den die ausgebuddelt?“, wundert sich Chris über Clawfinger. „Seit ‚Nigger‘ und ‚The Truth‘ hat man doch nichts mehr von denen gehört!“ Das war 1993, das letzte Album ist von 2007 – man darf gespannt sein, was die Skandinavier dieser Tage auf die Beine stellen wollen.

Die Leute von der Einraumgalerie gegenüber haben Bedürfnisse: Frust fragt, wann er mal wieder mit Spülgut die Riptide-Spülmaschine benutzen darf. „Frag einfach, wenn es so weit ist“, sagt Chris. Frust nickt. „Dann frage ich jetzt mal.“ Guter Moment: „Jetzt passt es sogar“, sagt Chris. Frust dankt und kehrt nach wenigen Momenten mit einem roten Korb voller leerer Gläser zurück: „Dann frage ich doch mal.“

B.D.I. verstehe ich miss, als Christian die LP von Beady Eye bezahlen will. „Das ist Oasis light“, erklärt mir Chris, es sei die Band von einem der beiden Gallagher-Brüder . „Der Kaputte“, ergänzt Christian, und Chris entgegnet: „Jeder sagt, der andere ist der Kaputte.“ Jener andere hat die Band High Flying Birds, und Chris berichtet, dass es kaum Leute gibt, die beide mögen, „der eine mag das, aber das andere nicht“. Wir überlegen noch, wofür „BDI“ stehen könnte: Chris denkt an Satellitenabwehrprogramme und ich an Thrash-Punk-Bands, also SDI und DRI. Wir Kinder der Achtziger.

Meine Karamell-Kaffee-Fritz-Kola ist leer, die Sonne lacht, ich mag noch ein bisschen draußen sein und nehme folglich meinen Hut. Weit komme ich so schnell nicht, Serge bedeutet mir, Platz zu nehmen, aber das ist ja auch das Schöne an Braunschweig allgemein und am Handelsweg besonders. So möge es doch bitte auch noch viele Sommer lang bleiben.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecky eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecky vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecky fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecky kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecky: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#141 Blut am Pranger

21. Juni 2019


Donnerstag, 20. Juni 2019

Sommer! Oder so. Zumindest ab morgen, dem längsten Tag des Jahres. Heute ist irgendwoanders im Lande Fronleichnam, also Feiertag. Und die Kulturnacht steht kurz bevor, übermorgen nämlich, was man im Handelsweg nicht übersehen kann: An den Tischen im Achteck entfalten sich nicht nur die Gäste, sondern diese auch die Programme und die Übersichtspläne, und die nahmen sie vermutlich direkt im Riptide mit, denn auf einem runden Tisch neben der Theke sind sämtliche Infomaterialien zu dem stadtumspannenden Ereignis aufgestapelt. Das Riptide selbst nimmt natürlich auch daran teil, und zwar stellt Toddn Kunst aus und hält ab 21 Uhr eine Lesung ab. Erst vorgestern traf ich ihn und Schepper genau hier, als ich zufällig auf eine Kola hereinschneien und den neuen Peter-Grant-Roman von Ben Aaronovitch zuende lesen wollte, „Die Glocke von Whitechapel“; ein schöner Tausch, stattdessen in diese Gesellschaft geraten zu sein.

Schepper sitzt auch heute hier, am nämlichen Platze auf der Bierbank am Fenster der Rip-Lounge, unter dem Segeltuch, das heute ausnahmsweise mal nicht das schlechte, sondern das sonnige Wetter abhält. Auch der Solo-Bassist hat Engagements bei der Kulturnacht, als wohl einer der wenigen Artisten des Abends gleich zwei, aber keinen davon im Handelsweg, sondern zuerst um 19.30 im BBK am Botanischen Garten und dann um 22 Uhr in der Bar Lissabon um die Ecke vom Handelsweg, bei der Ausstellungseröffnung des Illustratorenstammtischs, der sich regelmäßig im Riptide trifft.

Die ganze Bank ist neben ihm noch frei, ich setze mich zu Schepper. Vor uns plaudern zwei Frauen auf Englisch, rechts davon spielt Udo mit jemandem Schach, und Schepper liest im neuen Zeit-Magazin über 50 Jahre Mondlandung. Überall im Handelsweg sind Bänke und Stühle belegt, von Stefans ComiCulture über Helmuts Strohpinte und Serges Antiquariat bis zu Achims Tante Puttchen. Das vormalige Café Drei steht immer noch leer. Aline steuert direkt aus dem Riptide auf uns zu: „Was darf ich dir Gutes bringen?“, fragt sie mich. Des Hungers wegen einen Bonanzaburger mit einer Scheibe Extra-Käse, die sie aussuchen darf, und des Durstes wegen eine Fritz-Kola mit Extra-Koffein. „Das darf ich mir auch aussuchen, ja?“, fragt sie. Selbstredend! Und Schepper erbittet eine Fritz-Kola mit ohne Zucker drin.

Als wir unsere Getränke gerade so einnehmen und uns an ihrem Erfrischungsgehalt laben, erblicken wir Dirk, wie er zielgerichtet vor uns von links nach rechts durch das Achteck steuert. Wir rufen ihm Grüße zu, und er antwortet fröhlich winkend: „Hey, ich muss leider weiter, ich werde verfolgt!“ Das stimmt: Wir sehen, dass er ein rotes Kärtchen an einer Schnur um den Hals trägt, das ihn offenbar als Touristenführer kennzeichnet, und dass ihm im Gänsemarsch ein gutes Dutzend Stadterkunder auf den Fersen ist. Sobald der Letzte in der Reihe unseren Sitzplatz passiert, ist Dirk vermutlich schon auf dem Kohlmarkt, ohne dass die Schlange unterbrochen ist. Leuten Geschichten aus der Stadt erzählen kann er gut, das hat er früher schon als Okerflößer unterhaltsam bestätigt.

In unserer Blickrichtung räumt und wischt Chris Tische ab. Er grüßt Schepper und mich mit Nachnamen und schiebt mir in die Augen guckend und dabei grinsend ein „Na, du Schweinegesicht?“ hinterher. Ich drehe mich um, aber durch die Scheibe hinter mir sehe ich, dass der Platz in der Lounge leer ist. Er muss also doch mich meinen. Worauf spielt er nur an? Da fällt es mir ein: Auf mein T-Shirt, das von Pigface, mit dem reichlich unappetitlichen „Fook“-Motiv. Voll vergessen, was ich trage! Damit revanchiert er sich für meine vergleichbare Aktion vorgestern, als ich ihm eine Hohe Fünf auf den Bauch geben wollte, und er vergessen hatte, dass auf seinem Shirt eine große Hand abgebildet war. Dabei handelte es sich um ein Kleidungsstück einer New Yorker Firma, also aus New York, nicht aus Braunschweig, die Fair-Trade-Motive von Künstlern gestalten lässt, rund um den Themenkomplex „Welthandel und Ungerechtigkeit“, wie Chris erzählt. „Das Motiv hat mir sehr gut gefallen“, sagt er, und spricht Schepper mit „Paul“ an, weil auf dessen T-Shirt der Schriftzug „Lennon“ prangt. Schepper kennt sowas: „Ich spreche gern Leute darauf an, ‚cooles Shirt‘, und die gucken erstmal runter, welches Shirt Mutti heute rausgelegt hat.“

Chris erzählte noch, dass er „The Dead Don’t Die“ gucken wollte, den neuen Film von Jim Jarmusch, einem der größten Regisseure dieser Tage, die mit ihm seit über 30 Jahren anhalten, und ich mag ihm nicht spoilern, dass ich den Film nicht mochte. Und warum. Immerhin lief er im Universum-Kino, also überhaupt in Braunschweig, und dafür bin ich schon dankbar genug. Zuletzt lief dort auch im Rahmen der „Sound On Screen“-Reihe „Chasing Trane“, die Doku über John Coltrane, die ich mit Jörg aus Wolfsburg sah, und den fanden wir auch nicht so geglückt. Ein verfilmter Wikipediaeintrag mit Lobhudeleien. Aber die Mucke, an der Coltrane beteiligt war, ist natürlich großartig, nicht nur die Hits von „Kind Of Blue“ bis „A Love Supreme“. Jörg hatte es hernach eilig, den letzten Zug nach Wolfsburg noch zu erreichen, und hastete zum Hauptbahnhof. Später schrieb er mir, dass seine Mission geglückt sei, die da lautete: „Chasing Train“. Da hörte ich bereits im Riptide das Jazz-Trio Ascension, lauter überraschend junge Leute, die den Geist Coltranes aufnahmen und ansprechend zu etwas Eigenem verwirbelten.

Außerdem holte ich mir kürzlich meine bestellte LP ab: „She Paints Words In Red“ von The House Of Love, hier allerdings ohne Artikel, das neue Album, quasi, das vor sechs Jahren erschien, und zwar zusätzlich zur CD in einer limitierten LP-Fassung mit einem Bonus-Stück, aber als ich davon erfuhr, waren die 350 Exemplare längst vergriffen und werden seitdem zu horrenden Preisen in den bekannten Gebrauchttonträgerverkaufsplattformen im Internet angeboten. Mit leicht neidvollem Blick auf den Braunschweiger Musiker, der eine Kopie davon hat, vermied ich es, die CD zu erwerben und lauerte auf die LP zu bezahlbaren Konditionen. Geduld zahlt sich aus: Ich hatte die LP vielfältig als Suchanfrage eingestellt, und plötzlich erschien sie als Voranmeldung zur Wiederveröffentlichung – musste ich natürlich sofort bestellen. Weitere 1000 Exemplare auf weißem Vinyl, meins trägt die Nummer 77. So. Jetzt können Guy Chadwick und seine Bande auch gern wieder etwas Neues herausbringen.

„Hat es denn geschmeckt?“, fragt Aline, als sie meinen leeren Burger-Teller wieder mitnimmt. Sehr! Schepper blickt auf die beiden Salatgurkenscheiben, die noch unangetastet in der ansonsten leeren Salsasoßenschale stecken: „Aber Gurken mag er nicht.“ Aline weiß, dass auch welche zur Burgerausstattung gehören: „Die Sauren hat er aber gegessen“, stellt sie fest und blickt auf die beiden Reste. „Die leg ich jetzt ein, die gibt’s dann nächstes Mal.“

Vor Schepper liegt kopfüber sein Hut auf dem Tisch. Markus knotet sein Fahrrad irgendwo fest, erblickt die Kopfbedeckung und sagt im Niedersetzen: „Na, Jungs? Nee, Männer! Hab grad kein Kleingeld.“ Na, Scheine tun’s auch, bemerken wir. „Nur zum Schein!“, sagt Markus, und Schepper winkt ab: „Mehr Schein als Sein!“

Es ist Zeit für den Aufbruch. Üblicherweise wäre Schepper noch zum MokkaBär weitergeradelt, aber Ollo ist zurzeit im Urlaub. Und war deshalb auch bedauerlicherweise am Samstag beim Stadtteilfest auf dem Frankfurter Platz nicht zugegen. Da kamen alle Anrainer zusammen, bis hin zum Nexus, und bildeten ein kunterbuntes kleines Straßenfest mit Livemusik von Kurzmal zum Abschluss. Bernd, Carlos und ich nahmen zwischendurch Getränke im Gambit ein. Carlos stammt aus Lissabon, lebte vor 30 Jahren in Braunschweig, ist längst Berliner und hat immer noch Kontakt zu Bernd, der den soziokulturellen Kufa-Teil am WestAnd mitbetreut, dem neuen Veranstaltungsort, der im Sommer seine Türen öffnet. Carlos stellte fest, dass Braunschweig sich positiv veränderte, seit er es verließ, dass nämlich die Leute freundlicher und offener seien. Und, für ihn die größte Überraschung: Die Mülltonnen können einfach so an der Straße stehen – in Berlin sei das unmöglich, weil dann alle Leute ihren Müll dazustellten. Hier sei das ansatzweise ähnlich mit Sperrmüll, erwiderte ich: Einiges kommt weg, anderes dazu, sodass die Menge an Müll über Nacht ungefähr ausgeglichen bliebe. „Weißt du, wie das in Berlin aussieht?“, fragte Carlos unbeeindruckt. Vermutlich häuft sich einfach nur noch mehr an? Carlos schüttelte den Kopf: „Es bleibt ein Jahr so.“

Also zieht Schepper nach Osten und ich begleiche meine Rechnung bei André, der Chris hinter der Theke abgelöst hat. Im Café stehen die Stehtische im früheren CD-Bereich jetzt L-förmig, also mit doppelter Abstellfläche. Ein Ventilator verwirbelt die Luft über den Kulturnachttraktaten. André gießt Roséwein in mit Eiswürfeln bestückte Gläser: „Das wird eine runde Sache“, stellt er zufrieden fest und trägt das Tablett mit den Getränken an seinen Bestimmungsort. Am Fenstergitter vor dem Schallplattenspieler sind die orangefarbenen Durchgedreht-24-Ballons festgebunden. Mein Weg führt mich zurück nach Westen, vorbei an der nun mit Frust ebenfalls besetzten Bank vor der Einraum-Galerie und an Marions indessen geschlossenem Fifty-Fifty-Bekleidungsgeschäft. Noch scheint die Sonne, aber man sieht, dass ein Gewitter aufzieht. Hoffentlich nicht auch übermorgen, wenn die Menschen durch die Kulturnacht flitzen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#140 Aashaalige

10. Mai 2019


Donnerstag, 9. Mai

Endlich Mai! Endlich den Wintermantel wieder auspacken, nachdem wir im Februar und April schon beinahe im T-Shirt im Achteck saßen. Oder, wie es ein Musiker sagte, den Henrik und ich im März bei unserer Flyer-Verteile-Aktion für die Nexus-Indie-Ü30-Party instrumenteschleppend vor dem B58 trafen: „Das ist Frühling in Deutschland, wenn man morgens beim Eiskratzen einen Sonnenbrand bekommt.“ Die Braunschweiger nennen das dieser Tage die Aashaaligen, aber vom Draußensitzen lassen wir Ostfalen uns ja mal gar nicht abhalten. Also, auf ins Riptide!

Dem nähere ich mich von der Breiten Straße aus und schwenke kurz bei Marion ein, die mir durch die Schaufensterscheibe ihres Second-Hand-Bekleidungsgeschäftes Fifty-Fifty zuwinkt. Sie ist mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt und postet auf Instagram etwas über neu eingetroffene Schuhe. „Eigentlich habe ich nicht die Zeit dafür“, stellt sie tippend fest. Sie versucht, solche notwendigen Aktivitäten in ihren raren ruhigen Minuten zu bewältigen, wird aber häufig abgelenkt, und sei es nur gedanklich, weil sie schon wieder neue Projekte ersinnt: „Ich springe ständig hin und her“, sagt sie. Und bemerkt: „Ich bräuchte jemanden, der das für mich macht.“ Dann, sagt sie, loggt sie sich mal wieder in ihren Social-Media-Accounts ein und bekommt die Information, einer ihrer Freunde habe nach längerer Zeit mal wieder etwas gepostet: „Das macht mir ein schlechtes Gewissen, ich fühle mich unter Druck gesetzt von den sozialen Medien.“ Doch sie freut: „Es gibt noch Leute, die zum Telefonhörer greifen und fragen, ob man die Siebziger-Kombi noch hat.“ Oder man kommt persönlich vorbei. Marion nickt: „Das ist das Beste!“ Zurzeit hat sie einen großen Zulauf an Swing-Bekleidung und sucht nun Kontakt zur Szene, ich empfehle ihr die Flapper-Swing-Sause, die der Kufa-Verein regelmäßig im Kulturpunkt West veranstaltet. Im Gegenzug leakt Marion den Termin für den nächsten Sedan-Bazar, den der Handelsweg jeden Sommer mit vielen Aktionen feiert: Am 17. August ist der geplant. Kundschaft trudelt ein und probiert Schuhe an, ich kehre aus und bleibe direkt gegenüber bei Comiculture hängen.

Wo wenn nicht hier bekomme ich Infos über Pokémon-Merchandise, denke ich mir, nachdem Andrea und ich den „Pokémon Detective Pikachu“ gestern in der Vorpremiere im C1 sahen und begeistert darüber waren, dass unsere Lieblingsmonster nicht nur fabelhaft animiert waren, sondern uns der Film drumherum auch noch überzeugte. Doch Stefan, der sich mit Jascha im Türrahmen unterhält, meint, dass eine Promotion des Films gar nicht nötig sei: „Die erreichen die Leute, die acht oder neun Jahre alt waren, als das Spiel in Deutschland rauskam, und die drangeblieben sind.“ Dieser Automatismus gewährleiste ein notwendiges Mindestpublikum, und andere Zuschauer könne der Film ohnehin nicht erreichen, weil die Vorkenntnisse fehlen. „Pokémon ist als Lizenz dreimal so erfolgreich wie Star Wars“, weiß Stefan. Jascha erinnert sich noch daran, Mitte der Neunziger mit den ersten Pokémons in Berührung gekommen zu sein. Stefan nickt: „Die waren damals alle Feuer – und sind es heute immer noch.“ Lukas und Ivalu treten aus dem Comiculture in unser Dreieck und erweitern es zum Kreis. Stefan sagt: „Ein guter Einstieg ist, die Leute zu fragen: Was ist dein Lieblings-Pokémon?“ Er dreht sich auffordernd zu den Neuankömmlingen um. „Chelterrar“, sagt Lukas. „Evoli“, sagt Ivalu. „Son Goku“, grinst Jascha. Meins dürfte Phanpy sein. „Gengar“, sagt Stefan. Und löst damit bei Lukas sofort eine Debatte über gelungenes und missglücktes Design bei Pokémon-Monstern aus. Der schließe ich mich nicht an, empfehle aber nochmal schnell den Film und wende mich dem Riptide zu.

Dabei komme ich noch bei Helmut und seiner Strohpinte sowie an der Einraum-Galerie vorbei, vor der zwei der vielen Stefans auf der Bank sitzen. Im Achteck winken dafür schon alte Bekannte: Rainer, Schepper und Frank sitzen um einen Tisch herum, Chris steht mit einem großen Stück Papier und einer Rolle Tesafilm bei ihnen. Für das Konzert der Band Bonefish morgen im Riptide wirbt das Plakat, das Chris an der Wand gegenüber befestigt. „Ich wollte eigentlich gerade gehen“, sagt Frank, erhebt sich und beteuert, dass das nichts mit meinem Eintreffen zu tun habe; das hätte ich auch so gesagt und habe ich auch gar nicht anders erwartet. Er lässt sich nieder und bestellt doch noch einen weiteren Kaffee, ich einen Milchkaffee und Schepper eine Fritz ohne Zucker. Rainer hebt zu einem Vortrag an, den Schepper und Frank schon kennen: „Kennst du Hemingway?“, fragt er. Kenne ich. „Kennst du Ferdinand von Schirach?“, fragt er. Namentlich, ja. Schirach habe ein Buch namens „Kaffee und Zigaretten“ herausgebracht, setzt Rainer an. Ist das geklaut? „Du meinst von Jim Jarmusch?“, fragt Rainer. „Damit hat das nichts zu tun.“ Er will auf etwas anderes hinaus: In dem Buch behauptet Schirach auf Seite 40, Hemingway habe einen zitierten Satz 1964 in seinem Buch „Paris, ein Fest fürs Leben“ geschrieben. Rainer springt beinahe aus seinem Sitz auf: „Pass auf: Hemingway war 1964 schon lange tot!“ Er lehnt sich zurück. „Das Buch wurde 1964 veröffentlicht, geschrieben wurde es früher“, weiß er und echauffiert sich: „Das darf nicht passieren!“ Frank nickt: „Zumal nicht einem Juristen wie Schirach.“ Das hätte auch mindestens dem Verlag auffallen müssen, sind wir uns einig, und auch darin, dass Verlage und Redaktionen heutzutage Lektorate für überflüssig zu halten scheinen. An manchen Grammatikfehlern kann ich erkennen, aus welchem Musikmagazin sie stammen.

Rainer ist schon wieder weiter, der Name Camus fällt. „Von dem hab ich auch mal was gelesen“, sagt Schepper. „Im Studium – das ist laaaaang her!“ Er sinniert: „Irgendwas mit Sisyphos?“ Rainer und Frank nicken, „Der Mythos des Sisyphos“, und führen unisono „Der Fremde“ an. Dazu fällt mir The Cure ein, ich meine, dass sich deren „Killing An Arab“ darauf bezieht. Frank winkt ab: „In Cure bin ich schwach.“ Schepper nickt: „Cure finde ich auch schwach.“ Frank lacht. Ich erinnere mich, dass Robert Smith Anfang der Neunziger in Erklärungsnot kam, als der erste Golfkrieg ausbrach und es hieß, „Killing An Arab“ sei antiarabisch, und er immer erklären musste, dass sich das Lied auf Albert Camus beziehe. Später sang er bei Livekonzerten oft „Kissing An Arab“, um den Dampf aus der Debatte zu nehmen; so habe ich es auch in Roskilde und Berlin gehört. Rainer nickt nun: „Der Fremde erschießt einen Araber.“ Also! Und Frank weiß dazu: „Camus war Algerier.“

Ein Personalwechsel steht an: Rainer verlässt uns, Schlagzeuger Wumme nimmt den Platz neben Bassist Schepper ein. Dabei fällt mir ein, dass ich jüngst Franks Bassisten-Bashing im Rolling Stone las. In der aktuellen Ausgabe veröffentlichte er nämlich einen Artikel über die Geschichte der Stromgitarre und ließ an einer Stelle die Aussage fallen, dass Gitarristen sinngemäß von Natur aus zur Rampensau vorgesehen seien, und wer nur still in der Ecke stehen wolle, wäre eben Bassist geworden. Frank lacht laut los und Schepper grinst. „Was für eine Koinzidenz“, sagt Frank und nippt an seinem Kaffee. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das mitbekommst“, sagt er zu Schepper. Der lacht seinerseits und sagt: „Ich hab meine Augen und Ohren überall!“

Da Wumme auch als Schlagzeuger gelegentlich an Scheppers Bassstammtisch teilnimmt, erzählt ihm der Organisator von der jüngsten Zusammenkunft im Riptde. Es gab einen Neuzugang aus Helmstedt, ein Bassist, der mit einer Frau zusammen ein Duo bestreitet. Chris tritt an unseren Tisch und verabschiedet sich in den Feierabend, nicht ohne uns einmal mehr auf das Konzert morgen mit Bonefish hinzuweisen. Dabei fällt Schepper ein, dass er und Frank sich noch über neue Alben unterhielten und davon abgekommen waren, und Frank deutet mit leuchtenden Augen auf mich und gibt preis, dass D.A.D. acht Jahre nach „Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark“ ein neues Album herausbringen. Das wusste ich nicht, ich hörte gerade erst die letzte Raritätencompilation „Behind The Seen“ und stellte einmal mehr fest, wie wenig sich die nach Sammlung anhört, vielmehr nach einem geschlossenen Album, was Frank bestätigt. Die neue Platte hat Frank schon gehört, er ist hingerissen: „‘A Prayer For The Loud‘ heißt die, obwohl, so laut ist die gar nicht.“ Er zählt die Vorzüge dieses Albums anschaulich auf – und ich vermerke einen weiteren Posten auf meiner inneren Einkaufsliste.

Schepper erwähnt die letzte Platte von Voivod, „The Wake“, und weckt Franks Interesse. Sie tauschen sich über ihre Lieblingsstücke in der Voivod-Discografie aus. „‘The Outer Limits‘ war sehr geil“, findet Schepper. „Da waren tolle Ideen mit bei.“ Dazu fällt Frank die finnische Band Kaleidobolt ein, die auf ihrem Album „Bitter“ eine Art Garagerock aufführt und unvermittelt in Mathcore fällt, aber mit clean gespielten Gitarren. Frank ist kaum zu halten und erzählt wort- und gestenreich den Bandsound nach: „Hundert pro auf die Eins“, schließt er. Das wollen wir uns merken. Und Schepper kommt nicht von der neuen Platte von The Claypool Lennon Delirium los, von der gelungenen Mixtur aus dem hanebüchenem Unsinn Claypools und Lennons Popgespür. Frank bestätigt: „Lennon hat Popmelodien mit der Muttermilch bekommen.“ Schepper grinst: „Mit der Vatermilch auch.“

Und Schepper hört seit längerer Zeit mal wieder Blue Cheer, „da hat Wumme mich drauf gebracht“. Und mit Wumme haben wir einen Experten zu dem Thema am Tisch: „Wichtige Band“, nickt der nur knapp. Frank erzählt, dass Rockjournalist Lester Bangs über das Debütalbum „Vincebus Eruptum“, was der Bandname auf Latein ist, sagte, Blue Cheer sei die einzige Band, die rückwärts abgespielt so geil sei wie vorwärts: „Und das war ein Lob!“ Zudem gefalle Frank, dass Bandkopf Dickie Peterson betont habe, Musik als etwas Physisches aufgefasst zu haben. Das Album fehlt mir noch in meiner Sammlung, mein einziger Bezug zu „Vincebus Eruptum“ ist bis dato das gleichnamige Label und Schallplattengeschäft von Davide aus Savona, das ich dort einst entdeckte. Wumme spricht von Proto-Metal und erklärt uns, warum das zweite Album den Titel „Outsideinside“ trägt: „Weil es zur Hälfte draußen aufgenommen wurde“, und zwar deshalb, weil die Band drinnen die PA „zerschossen“ habe. Frank ist begeistert von solchen Schnurren aus der Rock’n’Roll-Historie: „Das will ich hören!“

Etwas in Eile schnurrt Serge mit einem jungen Begleiter durch den Handelsweg in Richtung Breite Straße. „Du bist mir noch etwas schuldig“, sagt er, und ich weiß das, habe aber längst eine Rezension zu seinem Buch „Augentrost: Ein Stummfilm“ auf Krautnick veröffentlicht. Das haben seine verinternetzten Vertrauten ihm noch gar nicht mitgeteilt, und ich beginne, meine Eindrücke nachzuerzählen, etwa, dass es sich zunächst liest, als trüge sich die Handlung im Zweiten Weltkrieg zu, was mit später fallen gelassenen Wörtern der Jetztzeit negiert wird. Serge ist lachend entsetzt über meine Fehleinschätzung: „Das spielt heute!“ Ja, aber so ist das mit Rezipienten. Serge betont seine Eile und sagt: „Wir reden, wenn ich das gelesen habe!“ Das machen wir.

Auch unsere Tischrunde löst sich auf. Schepper und ich verweilen noch einen Moment an der Einraum-Galerie und schlendern dann an Achims Tante Puttchen vorbei in Richtung Innenstadt. Ein kurzer Schwatz mit Nils von Guidos Pizzeria, dann trennen wir unsere Wege, vorläufig. Spätestens nächste Woche Samstag sehen wir uns im Café MokkaBär wieder, wenn nicht wie heute zufällig im Riptide. Das hat ja jetzt dem Sommer angepasst die Öffnungszeiten verändert, wie angekündigt: Donnerstags bis samstags öffnet das Café wieder schon um 12 Uhr, nur dienstags bis mittwochs bleibt es bei 16 Uhr als Beginn. Draußen sitzen wieder mehr Gäste, auch heute, das Achteck war voll, den Eisheiligen zum Trotz. Wird schon noch, mit dem Sommer!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#139 Weltfrieden

8. April 2019


Sonntag, 7. April 2019

Was für ein Geschenk für Aline und Melissa! Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem sie den Handelsweg mit ihrer Aktion Frühlingsgestöber verzaubern, zeigt sich der Frühling von seiner frühlingshaftesten Seite: Die Sonne strahlt, es ist warm und es flanieren schubweise bunte Leute durch die Passage. Bei diesem Frühlingsgestöber handelt es sich um eine Art Flohmarkt, der als Plattform für die Handelsweganrainer sowie befreundete Gewerbetreibende gedacht ist. „Wir haben die Händler angeschnackt, habt ihr Lust, mitzumachen, den Handelsweg wieder ein bisschen zu beleben“, erklärt Aline. Die Aktion stellt ein Alternativprogramm zum parallel sattfindenden verkaufsoffenen Sonntag in der Stadt dar, „nachhaltig, Fair Trade, bio“, so Aline, „um lokale, kleine Läden zu unterstützen“.

Doch nicht nur zum Stöbern kommen Leute, es gibt Livemusik und natürlich Verpflegung, Getränke zumeist, zumindest bei Helmut in der Strohpinte und bei Achim im Tante Puttchen. Im Riptide kaufen die Leute zudem Platten, als gäbe es sie dort sonst gar nicht. Die übrigen Flächen im Café und in der Lounge sind mit gebrauchter Kleidung bestückt. Andrea und ich bestellen uns zwei Kaffee und einen Muffin, Spezialangebot zur Aktion. Wir haben die Wahl: Schokolade oder Mandel-Marzipan? Klare Entscheidung von Andrea: „Mannelmassipan“, darin sind wir uns einig, das geht so flott von der Zunge und erfreut sie zudem geschmacklich. Wir treffen Arni, der sich von unserer Muffinwahl zwar inspiriert fühlt, sich aber doch zunächst für ein alkoholfreies Wolters entscheidet. Andrea zieht schon bald wieder weiter, dafür tritt Schepper zu uns. Wir hocken uns auf die Barhocker am Fernsehfenster, das als solches heute gar nicht fungieren kann, weil einer der vielen Aussteller es mit seinen T-Shirts verhängte. Schepper nimmt sich eine Fritz ohne Zucker mit, Arni greift jetzt ebenfalls zu Kaffee und MMM, Mandel-Marzipan-Muffin. Weiß der Geier, wie die beiden darauf kommen, irgendwas über Berichterstattung und so, jedenfalls sagt Arni gerade, „die schönsten Prügeleien vom Wochenende, präsentiert von“, und Schepper schließt nahtlos an mit „aufdiefresse38“.

Jetzt aber raus an die Sonne und zur Mucke. Guckt man nur gelegentlich hin, was man da hört, hat man den Eindruck, es säßen jedes Mal andere Leute auf den Stühlen im Achteck. Sie spielen Bluesrock und heißen eigentlich The Mojo Circus. Eigentlich, erklärt Gitarrist Luca: „Heute haben wir keinen Namen, heute sind wir individuell, eigentlich Mojo Circus, aber die Mädels nicht, heute also Riptide-Freunde.“ Während die Band eigentlich noch spielt, steht er am Rande: „Ich hab schon ein paar Songs gemacht mit meiner Freundin“, erzählt er. „Wir haben uns immer mal wieder abgewechselt.“ Deshalb also der vielfältige Sound – und deshalb der Eindruck von wechselnden Musikern. Er trifft zu.

Das passt zum vielfältigen Publikum, das sich ganz entspannt durch den Handelsweg schlängelt, gelegentlich verweilt, sich in der Musik wiegt, quatscht, austauscht, ausprobiert, stöbert, den Handelsweg mit Leben füllt. Adela und Dirk ermuntern mich dazu, dass wir drei uns gegenüber von Serges Laden von Ferdinand schnellzeichnen lassen, alle auf einem Bild. „Matze rechts, die Frau in der Mitte“, arrangiert Dirk uns drei. Ferdinand nimmt Augenmaß und kündigt an: „Ich mache alle nacheinander.“ Durcheinander wäre auch lustig, oder ein Porträt aus allen dreien. „Dann pass aber auf, wem du welche Haare gibst“, sagt Adela und guckt mir skeptisch auf die hohe Stirn. Mit dem Stillstehen ist es jedoch schwierig, Stef und Sarah begrüßen mich, die nächste Band schiebt ihre Instrumente an uns vorbei. Marian guckt Ferdinand über die Schulter und sieht, dass ich mir Notizen mache: „Zeichnest du Ferdinand auf?“, fragt er. Genau, nur schriftlich! Serge, der gern für seine Bücher auf Ferdinands illustratorische Künste zurückgreift, wirft einen kritischen Blick auf das Ergebnis mit uns Dreien: „Ferdinand, Frauen liegen dir einfach besser.“ Ach was, wir finden es gut!

Auch Chris schlendert durch den Handelsweg, aber komplett undienstlich heute: „Ich bin nur auf ein Stündchen privat hier.“ Marian greift das auf: „Was machst du denn hier, es ist Flohmarkt!“ Und Chris kontert phonetisch ähnlich: „Ich hab den Flow!“

Dirk schwärmt von den veganen Hanfbällchen, die es am Stand der Hanfbar zu verkosten gibt. „Da musst du schnell zugreifen“, sagt er, denn die gehen ganz gut weg. Also hin da. „Wir bieten alle möglichen Produkte rund um Hanf an“, sagt Denise, die den Stand zusammen mit Saskia bedient. Sie zählt auf: „Aufstriche, Pesto – für Nudeln –, Tee, Energy Balls, in Schoko-Sesam und Kokos-Cashew“, und beginnt, mit einem groben Messer auf einem Holzbrett Brot zu schneiden. „Das Brot ist nicht von uns, das ist nur zum Probieren“, sagt Denise. Dirk erinnern die Energy Balls an diejenigen, die Krishna-Jünger früher verteilten, und Adela stellt fest, dass das Messer nicht eben scharf sei, so mühsam, wie Denise das Schneiden zu fallen scheint. „Es geht“, wehrt Denise aber ab, „nur der Tisch ist wackelig, und ich muss aufpassen, dass ich nix umreiße – da habe ich das Talent für.“

Wir wackeln weiter zur Einraumgalerie. Peter lehnt in der Tür, Künstlerin Ulrike sitzt auf der Bank daneben, alle umringt von Kunst und fröhlichen Leuten. „Ein schön peaciger Sonntagnachmittag“, sagt Peter. „Wenn du den Weltfrieden irgendwo suchst, guck mal im Handelsweg Sonntagnachmittag.“ Recht hat er. Er erblickt die Papiertüte mit Ferdinands Bild in Adelas Hand und greift neugierig danach. Etwas enttäuscht jedoch: „Ich dachte, das ist eine Single.“ Adela wehrt ab: „Nee, nur ein Bild.“ Peter nickt: „Genau, erstmal das Cover machen.“ Findet Adela auch: „Das Drinnen ist nicht so wichtig.“ Dirk unterbricht: „Ich bin hungrig.“ Da springt Ulrike von der Bank auf, sagt „oh, ich habe was“, legt die Zigarette zur Seite und schwirrt in die Galerie, aus der sie nur Augenblicke später mit einer Papiertüte zurückkehrt und sich wieder auf die Bank setzt. Wir dürfen uns bedienen, sagt sie, und Dirk ist dankbar: „Ich nehme mir gleich zwei“, sagt er, und fördert zwei Zigarrenböreks zutage.

Stefans Comiculture ist gar nicht geöffnet, an seinem Schaufenster informieren stattdessen Michael und Mareike über die Initiative Ingenieure ohne Grenzen, eingeladen von Marion, die gegenüber den Second-Hand-Kleidungsladen Fifty-Fifty betreibt. „Wir stellen hier unsere Arbeit vor und machen Werbung dafür“, erklärt Michael. Der Kontakt zu Marion ist schon älter: „Wir sind auch bei der Fashion-Börse dabei, die sie organisiert.“ Ingenieure ohne Grenzen sieht er nicht analog zu Ärzte ohne Grenzen: „Wir haben eine andere Zielsetzung, Ärzte ohne Grenzen leisten Soforthilfe, wir Entwicklungszusammenarbeit, Stichwort: Hilfe zur Selbsthilfe.“ Die Initiative sei da um Nachhaltigkeit bemüht. Wie beispielsweise beim Bau einer Zisterne für eine Schule in Balanka in Togo, die die Ingenieure lediglich konstruierten, „gebaut wurde sie von Ehrenamtlichen vor Ort, damit die das weitergeben können“, so Michael. „Uns ist wichtig, dass nicht eine Abhängigkeit entsteht, dass die Leute sich selbst helfen.“ Mareike und Michael gehören der Regionalgruppe Braunschweig an, als einer von 28, 29 Regionalgruppen in Deutschland. „Jede betreut ein eigenes Projekt, unsere ist die Zisterne“, sagt Mareike. Vor Ort sind einige der Ingenieure trotzdem gelegentlich, um Workshops anzubieten, etwa vom richtigen Umgang mit Wasser, insbesondere für Kinder: „Es ist ja eine Schule, wo wir die Zisterne gebaut haben“, sagt Michael. Auch erarbeiten die Ingenieure dann Möglichkeiten für Verbesserungen und Weiterentwicklungen der Projekte.

Die Resonanz vom Handelsweg-Publikum auf den Ingenieursstand ist zwar zielgruppenbedingt verhalten, aber ignoriert fühlen sich Mareike und Michael nicht: „Es haben schon einige Leute nachgefragt“, sagt er. Außerdem verkaufen sie gegen Spenden Taschen, die eine junge Togoerin aus weggeworfenen Trinkwasserbeuteln herstellt. Sie nennt sie KonoLom, was laut Michael so viel bedeutet wie wiederverwerten, recyclen. Selbst sind die beiden im Handelsweg aber nicht fremd: „Wir sind Braunschweiger, wir sind unterwegs“, sagt Michael. Und Mareike ergänzt: „Wir hatten auch schon ein Treffen im Riptide.“

Und gleich soll ja die zweite Band spielen, You Silence I Bird, die ich gern endlich mal persönlich sprechen wollen würde, weil ich kürzlich mit Paul für das Gifhorner Kurt-Magazin ein telefonisches Interview machte. Die Bühne im Achteck ist leer, aber am Gespräch zweier Leute im Publikum erkenne ich, dass einer der beiden zur Band gehören muss. Richtig, Moses bestätigt meine Annahme und führt mich ums Eck, in die Breite Straße, wo Jonas und Paul mit Getränken in der Sonne sitzen. „Wir ziehen uns vor dem Auftritt gern noch zurück“, erklärt Moses. Und ich habe jetzt ein Gesicht zur Stimme von Paul. You Silence I Bird spielen heute „reduziert“, sagt Jonas, und ich vermisse den vierten Mann. „Das Piano ist nicht dabei“, bestätigt Jonas. „Wir spielen ein Straßenhalbakustikset“, formuliert es Moses. Eines, das sich angenehm in die Stimmung der Veranstaltung fügt, chillig, peacig, fließend, und einige Zuschauer tanzen dazu, von Sonne beschienen.

Die Runde ist gemacht, und das noch nicht mal vollständig. Am Stand vom Selbstfilmfest kam ich nur vorbei, und wer da alles noch Schmuck, Kleidung und CDs verkaufte, habe ich gar nicht in aller Ausführlichkeit eruieren können. Ich kehre zurück zu Schepper und Arni und nehme mir noch eine Getränkebestellung von ihnen mit zur Theke. Dort wartet schon ein anderer Paul mit einem Stapel Schallplatten unter dem Arm darauf, bedient zu werden. „Wer bekommt?“, fragt Max. Ich deute auf Paul, doch der sagt: „Mach du, bei mir dauert es länger.“ Zusätzlich zum Vinyl hätte er nämlich noch gern einen Kaffee. Vorn auf dem Stapel erkenne ich eine Maxi-Single von Peter Schilling, Paul nennt noch Supertramp: „Ich beginne eine Sammlung“, sagt er. Er stellt fest, dass heutzutage zwar jede Musik jederzeit online verfügbar sei, aber: „Wenn du etwas von Vinyl auflegest, das berührt hier“, sagt er – und drückt sich seine Faust aufs Herz.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#138 Verdammt! Wölfe!

22. März 2019


Donnerstag, 21. März 2019

Der Frühling ist da! Aber so was von. Nach mehr als einer Woche Dauerregen. Natürlich lassen sich die Leute von der Sonne vor die Tür treiben, und so treffe ich Serge und Rainer auf dem Weg ins Riptide vor Serges Laden, nicht darin. Wir freuen uns darüber, dass es derzeit Schüler sind, die auf die Straße gehen, wie weiland in den Sechzigern und nach viel zu vielen Jahren Protestpause, freuen uns, dass es überhaupt Protest gibt und dass die Jugend offenbar noch zu Verantwortung zu motivieren ist, und sind verärgert über Politiker, die diesen Jugendlichen Haltung oder gar Kompetenz absprechen, um sich selbst nicht in die Schusslinie zu bringen, womit sie sich selbst in die Schusslinie bringen. Unser Dreieck betritt Omar, der freudig erzählt, dass er vor zwei Tagen sein Deutsch-Zertifikat bestanden hat. Er ist Student aus Syrien und verschwindet mit Serge in dessen Raum, ich nehme den Anlass zum selbigen und kehre im Riptide ein.

Max und Chris sind da, bereiten in der Küche Speisen vor und erfüllen an der Theke Getränkewünsche. Auf dieser Theke steht, neben der Ankündigung des Record Store Day am 13. April, ein Dreierpack 90er-Kassetten von Maxell zum Verkauf, ich bin erstaunt. „Vor drei Monaten wollte ich erstmals seit Jahren wieder ein richtiges Mixtape machen“, beginnt Chris die Erklärung. „Ich bin in die Stadt gegangen – und habe nichts gefunden.“ In sämtlichen – also allen beiden – Multimediagroßgeschäften und den vielen kleinen Läden fand er keinerlei Audioleerkassetten. Er erinnert sich an früher, als man in jedem Laden eine ganze Regalreihe voller Kassetten hatte, mit Produkten aller Hersteller, in allen Längen und von allen Bandqualitäten. Und heute: nichts. „Ich musste ein altes Tape nehmen und die Löcher zukleben“, erzählt er. Doch aufgeben wollte er nicht: „Ich habe einen Online-Shop gefunden, der welche hatte, und habe gleich ein paar mehr bestellt.“ Für den Verkauf im Riptide, mit dem auf dem Preisschild angebrachten Vermerk: „The future is here“. Chris grinst: „Wir sind ja für neue Medien und machen alles mit, das ist die Zukunft!“

Chris greift in die Schüssel neben der Vitrine mit den Muffins und anderen Kuchen und schenkt mir daraus einen Schlüsselanhänger der Zeitschrift 11 Freunde. Danke – ohne seine Gabe hätte ich nicht zugegriffen. Nicht, weil ich das Magazin nicht mag, im Gegenteil, das lese ich sogar sehr gern, weil es den Menschen und die Leidenschaft ins Mittelfeld rückt. Sondern, weil mein Schlüsselbund einfach schon ausreichend meine Tasche ausbeult. Neben einem Wolters-Flaschenöffner, den ich mal an St. Patrick’s Day im Wild Geese erhielt, ist meine ganze Freude ein blauer Achter-Legostein, den mir an meinem letzten Arbeitstag bei der WAZ einer der Verkäufer in der Spielwarenabteilung bei WKS schenkte, dem Wolfsburger Kaufhaus. Arni und ich stöberten in unseren Pausen oft dort in der Legoabteilung und hatten schnell freundlichen Kontakt zu den Angestellten dort. Zu meinem dienstlichen Abschied drehte also ich eine Runde durch die Fuzo, und mit diesem warmherzigen Geschenk kehrte ich zurück. Seit fünfeinhalb Jahren nun schmückt der aufgrund starker Abnutzung inzwischen nicht einmal mehr verbaubare Legostein mein Schlüsselbund, so blau wie mein Auto.

Die Geschichte gefällt Chris, und er erzählt, dass er auch gern in Wolfsburg ist, zum Auflegen nämlich, und zwar im Sauna-Klub, zum Beispiel als nächstes zum Tanz in den Mai. Hab ich noch gar nicht mitbekommen, obwohl Sauna-Klub-Chef Thorsten mir regelmäßig Einladungen schickt. Mit Rille Elf waren wir bei ihm auch schon zu Gast, passend zum elften Geburtstag des Klubs.

Neben mich stellt sich Omar und bestellt einen Milchkaffee. Den bekommt er, geht zu Serge und kehrt mit immer noch voller Kaffeetasse und leerem Weinglas zurück, dieses Max darreichend. „Wein für Serge?“, fragt der, und Omar bestätigt. Darauf muss Serge aber noch etwas warten, denn Omar erzählt mir aus seinem Leben, dass er erst seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt und dass Braunschweig seine erste Station hier ist. Sein Deutsch-Zertifikat ist sein Ticket: „Vielleicht gehe ich weg, nach Berlin, Leipzig oder Köln.“ Seiner Sprache merkt man nicht an, dass er sie erst seit so kurzer Zeit spricht, doch Omar winkt ab: „Ich brauche noch viele Vokabeln!“ In Syrien machte er seinen Bachelor in Elektrotechnik, hier in Deutschland will er seinen Master machen – „oder etwas Anderes“. Er fragt mich, ob ich schon mal mit anderen Syrern gesprochen habe, und selbstverständlich habe ich dies. Er kennt das Sultana, das um die Ecke in der früheren Krabbenkuppel eingerichtet ist und das ich auch sehr mag, nicht zuletzt, weil der Chef so sympathisch ist, und genau das erzählt Omar auch, der dort einmal sehr gute Falafel zu essen bekam. Falafel mag ich auch gern, daher frage ich ihn nach seinen Empfehlungen für weitere gute Falafellieferanten in Braunschweig. Omar schwärmt vom Falafeli, und ich empfehle ihm noch das Sofra.

Auch auf Musik kommen wir zu sprechen. Omar hört gern Experimentalmusik und Ambient, aber auch Funk, Soul, Charts und Classic Rock. Wilde Mischung, und besonders interessiert mich die Experimentalmusik. „Improvisationen oder Experimente mit Instrumenten“, beschreibt er seine Vorlieben. „Oder Künstler, die Instrumente bauen und machen Experimente.“ Da frage ich natürlich nach Beispielen. Omar nennt Die Angel, „deutsche Klangkünstler“, und die kenne ich gar nicht. Dahinter verbergen sich dann aber doch Bekannte: Dirk Dresselhaus von Locust Fudge und Schneider TM sowie Ilpo Väisänen von Pan*Sonic. Mit solchen Sachen kriegt man mich. Dieser Tage trudelte viel spannende Musik aus ganz Europa bei mir ein: Der Finger, Doom Jazz aus Moskau, Cameraoscura, melodischer Drone Ambient aus La Spezia, Nac/hut Report, experimentelle Klangcollagen aus Krakau, oder Kuhn Fu, zappaeske Jazz-Avantgarde aus Groningen. Omar fragt, ob ich selbst Musik mache, und ich verweise auf meine gelegentlichen Stimmbeiträge für Blinky Blinky Computerband, deren neongrünes T-Shirt ich zufällig trage. Er versucht, sich den Bandnamen zu merken, und bringt dann doch endlich den Wein zu Serge.

Vor einigen Tagen interviewte ich im Riptide für das Kurt-Magazin aus Gifhorn einen „Torfbauern aus Neudorf-Platendorf“, wie sich Heinrich Doc Wolf selbst nannte. Er ist mit Songs im Johnny-Cash-Stil in den USA in diversen Charts und erzählte mir aus seinem wilden Leben, von Gunter Gabriel, Reinhold Beckmann, Michael Hollm und seinen vielen Aktivitäten. Er übersetzt Lieder von den Beatles und Neil Young und stimmte seine Version von „We Can Work It Out“ kurzerhand im Café an, zur Freude der anderen Gäste, und zu meiner auch. „Hier könnte ich auch auftreten“, stellte er mit Rundblick fest und drückte Max seine Visitenkarte in die Hand. „Die liegt noch beim Chef“, sagt mir Max – das wäre ein Knaller, Heinrich Doc Wolf im Riptide!

Schepper hat mit ihm auch schon gespielt, und Schepper kommt soeben durch die Tür. „Oh, alle weggelaufen!“, stellt er mit Blick auf die leeren CD-Fächer fest. Auch er blieb eben bei Serge, Omar und Rainer hängen und verabredete sich mit Rainer fürs Kino. Seine Getränkewahl ist eine Fritz-Kola ohne Zucker, ebenso wie meine. „Morgen kommt das neue Album von The Mute Gods heraus“, sagt er zu Max und fragt, ob die vielleicht schon heute angekommen ist. Max guckt in den Fächern hinter der Theke nach, da kehrt Omar zurück, mit einem Buch in der Hand. „Was hast’n für’n Buch gekriegt?“, nimmt Schepper offenbar einen vorangegangenen Faden auf, und Omar zeigt uns „Rahel Varnhagen“ von Hannah Arendt, mit dem er sich aufs Sofa lümmelt. „Hinten steht sie nicht“, ruft Max von der Theke herüber. „Macht nix“, findet Schepper, ich höre im Moment eh nur eine Platte.“ Die neue von The Claypool Lennon Delirium, ahne ich, und ich liege richtig. Während wir unsere Kola trinken, blättern wir durch die Fächer mit den neuen LPs. „Meine Augen werden auch immer schlechter“, stellt Schepper fest. „Dafür hat Serge gesagt, ich sehe immer besser aus – aber ich seh’s ja nicht mehr!“

Eigentlich wollen wir weiter, zum Café MokkaBär, bleiben aber an und in der Einraum-Galerie hängen. Serge sitzt jetzt auf der Bank vor dem Schaufenster, Schepper und Rainer betrachten drinnen die Kunst von Ulrike Weber. Serge entführt mich zurück in seinen Laden, „ich habe etwas für dich“, sagt er, und drückt mir sein neues Buch in die Hand, „Augentrost – ein Stummfilm“, mit den von Ferdinand so großartig gestalteten Seitenzahlen, die jeweils die komplette linke Seite einnehmen. Auf die Lektüre freue ich mich schon, das Buch habe ich in der Vorabversion schon bei ihm zu sehen bekommen.

Wir drehen um zur Galerie, in der Rainer soeben einen Deal für eines von Ulrikes Bildern macht. „Das gefällt mir, sogar super“, sagt Rainer, der einen Verweis auf den von ihm verehrten Expressionismus sieht. Die Bilder zeigen Porträts, kantig gezeichnet und mit dezidiert gesetzten Farbflächen versehen. Ulrike ist zugezogene Braunschweigerin, „seit 1983 wohne ich hier, mit drei Jahren Pause“, und hat schon überall in der Republik gelebt. Geboren ist sie in Detmold, hat da aber nur sechs Jahre verbracht und entsprechend wenig Eindruck von der Metropole Ostwestfalen-Lippes. „Ich erinnere mich nur, dass es dort Ampeln gibt, die über Eck an der Kreuzung hängen“, sagt Ulrike. Die Einraumgalerie gefällt ihr als Ort für ihre Arbeiten: „Sehr angenehm, ich finde, es passt richtig gut.“ Für sie ist es eine Premiere – nicht nur hier: „Ich habe noch nie ausgestellt.“ Stolz sei sie auf die Hängung, „die habe ich nämlich ganz alleine gemacht und es ist gelungen, wie ich gehört habe“. Ich gucke nach den Befestigungen, aber Ulrike korrigiert mich: „Hängung bedeutet, welche Bilder wie in welcher Kombination hängen – es geht nicht um die Technik!“ Den Impuls zum Gang in die Öffentlichkeit erhielt Ulrike von einer Freundin, „sie hat mir den Tritt in den Hintern gegeben“, und der zieht noch eine nächste Schau mit sich, nämlich im Sommer in der Oberpostdirektion, da sollen die großen Bilder in den drei großen Fenstern hängen.

Mir stellt sich – wie wohl allen – die Frage, ob ihren Porträts reale Menschen zugrunde liegen, und Ulrike verneint dies. „Irgendjemand hat einen Harzkrimischriftsteller darin gesehen“, sagt sie und deutet auf eines der Bilder. „Und Serges Interpretation war, ich male mich immer selbst.“ Ab 2012 zeichnete sie „nur Köppe“, erzählt sie, und dass der „leider verstorbene“ Georg Ystein, bei dem „wir“ Malkurse hatten, sie motivierte: „Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.“ Sie blieb dran und malte Gesichter, bis andere Leute kamen und ihr ganze Körper abverlangten. „Ich habe versucht, mehr zu machen, aber es ist nichts passiert“, sagt sie, „und dann kamen die Kopffüßler.“ Sie zeigt mir einige Bilder mit Gesichtern, aus deren Hälsen Beine wachsen und die weder unnatürlich noch naiv wirken. Das erste dieser Art trägt daher den programmatischen Titel „Siehe da, ein Kopffüßler“. Und irgendwann kamen auch Ganzkörperfiguren dazu, auf großem Format. Bei dem „Wir“ handelt es sich übrigens um die Malgruppe von Georg Ystein, die Nat und Julia Palmer heute fortführen, „in seinem Angedenken“. Und dieser Nat heißt Natarajan Subramanian und hat auch schon in der Einraumgalerie ausgestellt, Frust zeigt mir den Flyer aus dem Jahr 2011 von der Ausstellung „Serviervorschlag“.

Draußen sitzen Serge und Schepper auf der Bank, im Riptide hat André seinen Spätdienst angetreten. Serge erspäht einen Kunden und kehrt zurück zu seinem Laden, Ulrike setzt sich zu uns. Sie freut sich, auf diese Weise in eine Braunschweiger Welt einzutauchen, die sie vorher nicht kannte. Schepper und Ulrike stellen fest, dass sie beinahe Nachbarn sind. Braunschweig! Wir verabschieden uns und holen Scheppers Fahrrad. Serges Kunde grüßt freundlich, wir kennen uns, ich war schon zweimal sein Patient: Dr. Block, der einmal meiner Empfehlung, sich beim Sedan-Bazar das Schepper-Konzert anzusehen, gefolgt war und mir um Gegenzug sein Buch „Dr. Blocks Patiententypologie“ schenkte, für das ich mich endlich bedanken kann, hat es mir doch erhebliche Freude bereitet. Serge kann diese Verbindung nicht fassen, und Dr. Block sagt: „Ja, ich habe auch Bücher verschenkt!“ In drei Jahren vereinbare ich dann den nächsten Termin bei ihm.

Schepper kommt mit Schiebefahrrad, wir schlendern gemütlich zu Ollo in den MokkaBär, treffen auf dem Weg noch Schlagzeuger Wumme, der uns schon mal von Ollo grüßt, weil Wumme sich gerade das Café zum ersten Mal ansah und herausfand, dass man dort Schepper kennt. Ollo dachte sich schon, dass Schepepr Wumme noch eher trifft, als dass er im MokkaBär eintrudelt, grüßt ihn aber trotzdem nochmal. Ja, Braunschweig!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#137 Berge auf dem Mond

27. Februar 2019


Dienstag, 26. Februar 2019

An einem solchen sonnigen Februartag fällt einem die Todesanzeige auf der Riptide-Theke noch unangenehmer ins Auge, als es ihre grundsätzliche Botschaft schon ist. Traurig genug, dass der für die Abgänge von Persönlichkeiten, denen Chris und André wohlgesonnen sind, vorgesehene Rahmen eine solch hohe Frequentierung überhaupt nötig hat. Jetzt steht dort der Name eines Lokalhelden, im doppelten Sinne: Norbert „Bolle“ Bolz war der Inhaber der Bassgeige einige Meter weiter, am Eulenspiegelbrunnen, der Jazzkneipe in Braunschweig, Muckertreffpunkt seit Jahrzehnten, der von seiner Krankheit wusste und ihr mit festem Blick begegnete. Unbeirrt zog er den Zapfhahn dem Krankenbett vor, oder gar einem womöglich lebenslang unterdrückten Selbstverwirklichungsdrang, kurz vor Schluss noch etwas Besonderes erleben zu müssen, was den Gedanken nahelegt, dass Bolles Leben für ihn selbst bis zum Schluss bereits etwas Besonderes war. Da kann man nur anerkennend bis neidvoll nicken und davon ausgehen: Alles richtig gemacht, Bolle!

„Ich hab schon überlegt, es auszutauschen“, sagt Chris aber nun und nickt gen Bolle. Ich weiß, was er meint: In der Flipboard-App hab ich heute Morgen gelesen, dass Mark Hollis starb, mit nur 64 Jahren. „Eine Legende“, sagt Chris, und so zurückgezogen, wie Hollis seine vergangenen 21 Jahre lebte, trifft es das Wort sehr gut. Nach dem Aus von Talk Talk 1991 veröffentlichte er 1998 eine Soloplatte, auf der man das Zurückgezogene der Person schon heraushört. Wie eine akustische Umsetzung des Verschwindens, der Verlorengehens, des Loslösens. „Mountains On The Moon“ hätte es heißen sollen, trug dann aber lediglich den Namen des Sängers als Titel. Im selben Jahr spielte er auf dem obskuren Album „A V 1“ des Duos Allinson/Brown unter dem Alias John Cope das Piano. Und das war’s. In sehr seltenen Interviews ließ er verlauten, dass er Familienleben und Musikerkarriere nicht vereinbaren könne. In ebenso seltenen Berichten über Talk Talk stand zu erfahren, dass sich die Band während der aufreibenden Aufnahmen zu ihrem letzten Studioalbum „Laughing Stock“, einem der besten Alben der Erde mithin, zerrüttet habe. Trotzdem hatte man immer den latenten Hoffnungskrümel, dass sich die Jungs nochmal irgendwann zusammenfänden, um erwachsen und entspannt noch einmal die Popmusik auf den Kopf zu stellen. Aber wozu, haben sie ja schon; so, wie sie vom Chartserfolg zum Avantgardeexperiment wechselten, vollführten das außer ihnen höchstens noch Radiohead. Umgekehrt ist es häufiger der Fall.

Dabei veröffentlichte Paul Webb alias Rustin Man gerade erst sein erstes Soloalbum mit eigenem Gesang, nach dem fantastischen „Out Of Season“ mit Beth Gibbons von Portishead, das er 2002 aufnahm. Wenn schon einer wieder aktiv ist, dachte ich, vielleicht stachelt er den Rest auch nochmal an. Wie seinerzeit seinen Bandkollegen Lee Harris zum Projekt .O.Rang. Doch sowohl der als auch Simon Brenner verschwanden weitgehend; letzterer reüssierte vor zwei Jahren lediglich unbemerkt als Angel River. Und nun verschwindet Mark Hollis ganz. „Viele Leute dachten, dass noch etwas passiert“, sagt Chris. Eben, es gab genügen Beispiele für unüberbrückbare Differenzen zwischen Musikern, die sich dann doch noch mal zusammenrauften. Das geht jetzt nur noch ohne Hollis. Dann erinnern wir uns eben an die Sequenz in dem Film „Ein Freund von mir“, als Jürgen Vogel und Daniel Brühl nachts in Porsches über die Autobahnen cruisen und zu den irrsten Kamerafahrten das sowieso schon grandiose „After The Flood“ von Talk Talk läuft. Gänsehaut.

Während Chris Heißgetränke in Tassen fließen lässt, ramentern André und Marco in der Küche herum. „Donnerstag haben wir ein tolles Konzert“, lässt mich Chris über seine Schulter hinweg gegen das Kaffeeautomatenzischen an wissen. Bassm spielen, was sich zunächst als ein merkwürdiger Bandname ausnimmt, aber in ausgeschrieben „Blues And Sweet Soul Music“ bedeutet und damit den Stil recht umfassend umreißt. „Sie covern Klassiker, Otis Redding“, beginnt Chris eine Aufzählung, die er mit der Information unterbricht, dass sie mit einem Blasinstrument, einem Klavier und einer Gitarre aufschlagen und dass die Sängerin eine schöne Stimme hat. „Der Eintritt ist natürlich frei“, sagt Chris noch und bringt dann die Kaffees an den entsprechenden Tisch.

Das Riptide bringt sich in die Plastikmülldisskussion ein und verkündet, keine Kunststoffstrohhalme mehr auszugeben. Zumindest ist dies an einem Pappbecher zu lesen, der auf der Theke neben der Vitrine mit den Muffins aufgestellt ist. In diesem Becher bietet das Riptide eine Alternative an: Die Strohhalme sehen zumindest so aus, als wären sie ebenfalls aus Pappe. Strohhalme brauche ich nicht, auch nicht für meine Fritz-Kola, die ich bei Chris bestelle. „Auf die Faust?“, fragt er, als er den Kronkorken entfernt. Ohne Glas, denke ich, und bestätige. „Dann mach mal ‘ne Faust“, sagt Chris, und als ich ihm dann meine Ghettofaust als angenommene Flaschenablage über die Theke reiche, deutet er stattdessen grinsend an, die Flüssigkeit darüber auszugießen. „Das wollte ich schon immer mal machen“, lacht er und drückt mir die Flasche unverschütteten Inhalts in die Hand. „Vielleicht an meinem letzten Tag.“ Von dem soll ja noch lang keine Rede sein! Mich erinnert das an den Auftritt von R.I.P.Uli bei Viva, als einer der vermeintlich finnischen Rapper einem Studiogast vor den Augen des verschreckten TV-Teams eine Dose Bier über dem Kopf ausgoss. In seiner eigenen Sendung verriet Initiator Hape Kerkeling später, dass dieser Zuschauer eingeweiht war. Zum Thema Bierdose auf Kopf fällt Chris einer seiner ersten Konzertgänge ein. Mit rund 14 Jahren sah er die Dimple Minds, die von der Bühne aus Bierdosen ins Publikum warfen und von denen Chris eine an den Kopf bekam: „Geil!“ So geht Punkrock. Das war zum Debütalbum der Dimple Minds, „Blau auf‘m Bau“.

Und noch eine veranstalterische Spezialität verrät Chris: Den Flohmarkt am 7. April, an dem sich der gesamte Handelsweg beteiligt, als Auftakt zum nahenden Sommer. „Wir hatten letztes Mal einen Flohmarkt drinnen“, erzählt Chris, „das war total cool, und das wollen wir dieses Mal mit den Nachbarn zusammen probieren.“ Später, auf dem Weg ins Herman’s, radelt mir Aline über den Weg, die da als Organisatorin die Fäden in der Hand hat und mir gleich mal den Flyer dazu per Whatsapp schickt. Da steht noch eine der Bands drauf, die zusammen den ganzen Tag in der Passage jammen, nämlich You Silence I Bird. „Frühlingsgestöber“ heißt die Aktion, die von 13 bis 18 Uhr parallel als Alternative zum verkaufsoffenen Sonntag läuft. Und à propos Nachbarn: Was aus dem Café Drei wird, ist zwar noch nicht raus, aber vergeben ist es offenbar bereits.

„Was bedeutet der Punkt hier auf der Platte?“, fragt Siggi, als er seine Auswahl vor Chris auf den Tresen legt. „Dass du die nicht mit der Karte bezahlen kannst“, antwortet der, denn es handelt sich um Gebrauchte aus anderer Hand. Kein Problem für Siggi. Oben drauf liegt eine Maxi-Single von den Gibson Brothers, „die haben ein, zwei gute Hits gelandet, aber den hier kannte ich nicht“, sagt Siggi. „Mariana“ heißt das Discostück und ich kenne nicht mal die Gibson Brothers, fürchte ich. Die nächste Auswahl kommentiert Siggi mit „Sex sells“: „Erotica“, klingt schwül, ist aber von Beethoven, dirigiert von Herbert von Karajan. Sheila E und Randy Crawford immerhin, seine letzten Objekte, kenne ich – namentlich. Siggi packt seine Errungenschaften zusammen und geht, Chris hat nun eine Besprechung und räumt den Platz an der Theke.

Den nimmt André ein, ich frage ihn nach der „Hear ‘em All“-Show am Freitag, die im Namen von Sound On Screen im Universum-Kino stattfindet. „Wir präsentieren das“, sagt André. „Es war sogar angedacht, das hier zu machen, aber so ist es sinniger.“ Bei „das“ handelt es sich um eine Lesung aus dem titelgebenden Buch, das Frank Schäfer kuratierte und das Texte aus unterchiedlichster Feder zu Heavy-Metal-Platten bündelt. Einige der Autoren sind zur Lesung auch zugegen, darunter Franks „Read ‘em All“-Kollegen Axel Klingenberg und Till Burgwächter sowie Toddn und „Lemmy und die Schmöker“-Gefährte Gerald Fricke. Und Schepper, der an dem Abend den Bass spielt, bevor der Film „Heavy Trip“ die Lesung beendet. „Wir mögen und lieben alle Autoren“, betont André.

Mit Schepper hatte ich am Samstag erst eine kleine Veranstaltung gegenüber, im Einraum, auf dessen Einladung hin, den leeren Raum zwischen zwei Ausstellungen zu bespielen. Ich und Bühne! Aber mit Schepper an der Seite tat es nicht so sehr weh. Er spielte Hits und Neues aus seinem elektrifizierten psychedelischen Bassrepertoire und ich bediente mich aus meinem bei Toddns Buchbauer-Verlag erschienenen Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ bei ausgewählten Geschichten rund um die Galerie. Schepper und das sympathische Publikum sowie Andreas virtuell gehaltene Hand nahmen mir die Angst und im wechselseitigen Einsatzpingpong verbrachten wir fast zwei Stunden zusammen auf der kleinen Bühne. Zum Schluss las ich noch etwas Prosaisches, nämlich erstmals öffentlich den Text „Verschwinden“, den ich vor einiger Zeit für das gemeinsame Stück mit Olafs Blinky Blinky Computerband schrieb. Auf dessen Bandcampseite kann man sich das übrigens anhören, er legte Atmosphären und Sounds unter die Geschichte. So kann ich nach Abflauen des Lampenfiebers doch feststellen: Es war schön!

Und lustig, was alles drumherum so passierte. Ein Fundus der Geschichten. Mit dem Schlüssel für den Raum, der zwar vorlag, aber weggeschlossen war, und jener Schlüssel fehlte. Mit den kunstlosen weißen Wänden, die Jörg daran erinnerten, dass er als Kind immer dachte, das von den Beatles sei das „Nikotingelbe Album“, weil seine Eltern so starke Raucher waren. Mit der Geschichte davon, woher Frust seinen Namen hat: Zwei Mitschüler deuteten einmal von der hintersten Reihe aus auf ihn und riefen „Frust! Frust!“, so war das fortan festgelegt. Als Frust später mal einen der beiden wiedertraf und ihn fragte, warum er ihn damals so genannt hatte, war dessen Antwort: „ …. Ich?!“

Während er seinen fälligen Aktivitäten nachgeht, kommt André kaum mit seinen Ankündigungen nach. Die Band Boxing Fox erwähnt er, die am 5. April ins Riptide kommt, und die europaweite „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die am 15. März T.S. Steel ins Riptide spült, die „allseits beliebte Reihe“ Sound On Screen, deren 27. Staffel jetzt bekannt ist, mit „Studio 54 – The Documentary“ als Auftakt am 14. März mit DJ-Party im Anschluss sowie am 11. April die Hosen-Doku „Weil du nur einmal lebst“ mit Final Impact als Ergänzung und am 17. Mai „Asi mit Niwoh“ über Jürgen Zeltinger. Die mittlere Märzwoche wird hart, weil an dem Mittwoch auch noch die Quiznight stattfindet: „Alles geballt“, sagt André.

Und nun ergreife ich meine bestellte „Data Mirage Tangram“, die neue Doppel-LP der Young Gods, die ich am Samstag mitzunehmen vergaß, und trete den Weiterweg ins Herman’s an. Dort treffe ich unter anderem Schepper wieder, dessen einer Satz mir den Abend beschließt: „Pass auf, was du sagst, Moses, das steht hinterher alles in der Bibel!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

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