Archiv der Kategorie ‘Cafe‘

#127 Marlene im Fleischwolf

23. Mai 2018


Dienstag, 22. Mai 2018

„Was fällt dir an der Musik auf“, fragt mich Chris, als ich das Café Riptide betrete. An diesem sonnigen Nach-Pfingst-Tag sitzen die Gäste im beschirmten Achteck draußen, im Innern bin ich der einzige. Noch. Chris hantiert an Bestellungen, André werkelt in der Küche. Ich stelle mich an die Theke und lausche. Erst Postpunk, dann Jazz – muss mir dieser Mix etwas sagen? Doch Chris meint nicht die Lieder, sondern die Musik. Ich verstehe nicht. Er öffnet Limonadeflaschen, lässt aufgeschäumte Milch in Kaffeetassen strömen und bedeutet mir, mich im Raum zu bewegen. Eine Ahnung beschleicht mich. Also bewege ich mich im Raum und nehme zweierlei wahr: Der Sound bewegt sich mit und in den Ecken erblicke ich den Grund dafür, neu angebrachte Lautsprecher nämlich. „Die haben wir gestern installiert“, berichtet Chris. „Es klingt anders, und es ist gut, dass wir als Musikladen und Musikfans endlich eine Anlage haben.“ Die sei ebenfalls neu und inklusive Boxen ein Geschenk zum Zehnjährigen des Riptide im vergangenen September gewesen. „Die Boxen sind richtig gut, und du hörst es“, schwärmt Chris. Vier Stück sind im Café verteilt: „Das ist Dolby Surround fast.“

Außerdem lässt Chris mich raten, was sich im Achteck und in der Riplounge gegenüber verändert hat. Mit ihm trete ich vor die Tür, er zum Verteilen der Bestellungen, ich zum verspäteten Ostereiersuchen. Schön bunt, lebendig, gut besucht und hell von der Sonne erleuchtet ist der Bereich unter dem Segeltuch. Mit dunklen Flecken: Die Tische sind frisch gestrichen. „Schwarz“, bestätigt Chris nach seiner Rückkehr ins Café meine Beobachtung. „Passend zu den Fritz-Bänken, die wir letztes Jahr installiert haben.“

Und schon bin ich nicht mehr allein. Rätselhaftes spielt sich ab: Zunächst stapelt Ulli einige Kartons auf der erstbesten Bank neben der Theke ab, tritt mit Chris in einen für mich nicht zu entschlüsselnden Dialog und kündigt im Wiederverlassen des Cafés die Ankunft von Ralf an. So geschieht es, und Ralf bringt Emma mit, einen kniehohen straßenblonden friedlichen Hund. Von ihm, also Ralf, möchte ich nun erfahren, was hier passiert, doch er verweist auf Ulli, der in diesem Moment zurückkehrt. „Wir haben einen Kunden, die Firma Riva, die diese Boxen macht“, hebt Ulli an und entfernt die Verpackung eines der gemeinten Bluetooth-Lautsprecher. „Chris hat das Ding in Benutzung und sagt, was er davon hält und wie geil er das findet.“ Dieser Bericht sei schon fertig, „wir müssen nur die entsprechenden Fotos dafür machen“. Ulli ist Inhaber der Braunschweiger PR-Agentur Profil Marketing, und „Ralle“, wie er Ralf nennt, ist als Fotograf dabei, aber nicht angestellt, „bin Freelancer“, sagt er, der unter anderem auch Musik fotografiert.

Weitere Erklärungen liefert mir Chris. Er hat einen Bericht darüber geschrieben, wie er diese Box nutzt, als DJ und als Musikhörer überhaupt, und schwärmt: „Das ist eine besondere Box.“ Gründer der Firma Riva ist nämlich Rikki Farr, und der ist einer von denen, die 1970 das Isle Of Wight Festival ins Leben riefen, und ist seitdem mit den Größen der Musikgeschichte befreundet, etwa Bob Dylan, sowie Rod Stewart und Pink Floyd, die Ulli hinzufügt. Chris kehrt zur Box zurück: „Man merkt den Unterschied“, sagt er, und erzählt, dass Farrs Motivation gewesen sei, dass er es nicht habe hinnehmen können, dass digitale Musik so schlecht klang. Entsprechend ausgefuchst sei die Technik in der Box, Ulli führt den Begriff „Trillium“ an, unter dem sich eine Vielzahl an Servern in der Box summiere, die es ermöglichen, dass das kleine Gerät dennoch beinahe Stereosound anbieten könne. „Genau“, pflicht Chris bei, „fast Surround, mit Lautsprechern auf drei von vier Seiten.“

Ab jetzt stört jeder Neugierige, Ulli und Ralf haben ein enges Zeitfenster und Chris hat noch Gäste zu bedienen. Ralf baut seine Dreibeine überall dort auf, wo er die Box bestens in Szene setzen kann, und Ulli assistiert ihm dabei. Emma streunt derweil kurz neugierig herum und lässt sich dann immer dort nieder, wo sie niemandem im Wege ist. Niclas, der draußen sitzt, kommt zum Kaffeebestellen herein. Chris kredenzt den Kaffee und legt noch einen Keks dazu, da muss er schon Technikfragen beantworten: „Wie knipst man die Lampen auf den Tischen ein?“, will Ulli wissen. Chris erklärt ihm die kabellosen LED-Lichter, während er Niclas den Kaffee aushändigt. Der staunt: „Das Leben ist … kompliziert.“ Er überlegt kurz und ergänzt: „Offensichtlich.“ Ich verlasse mit ihm das Café und trete unter das Segeltuch.

An dem Fenster links vom Eingang, wenn man vor ihm steht, hantieren Julia, Misa und Max herum: Sie pusten orangefarbene Luftballons auf, wickeln Filmstreifen um das Schutzgitter und bekleben das Glas mit orangefarbener Folie. Auf den Luftballons entziffere ich einen weißen Schriftzug: „Selbstfilmfest“, es handelt sich also um das Team von Durchgedreht24. Das bestätigt Julia: „Wir haben eine Kooperation mit dem Riptide, es macht Werbung für uns, wir dekorieren ein Schaufenster und es gibt Turmgeist, den verkaufen sie werbemäßig zwei Wochen lang für uns.“ Dabei handelt es sich um einen Schnaps, der ebenfalls orangefarben ist. Sie erklärt mir die Hintergründe zum Selbstfilmfest: „Das findet vom 8. bis 10. Juni statt, man dreht in 24 Stunden einen Fünf-Minuten-Kurzfilm, in dem man drei aus zwölf Begriffen einarbeiten muss und den man nicht schneiden darf.“ Auftakt ist am 8. um 20 Uhr vor der Mensa-Wiese der TU, „genau 24 Stunden später, am Samstag, ist dann die Abgabe“, sagt Julia. „Am Sonntag gibt‘s das Screening von allen Filmen ab 9 Uhr im Roten Saal und am Sonntagabend ab 21 Uhr im C1 werden die Gewinner gekürt.“ Anmelden kann man sich „bis kurz vorher eigentlich“, so Julia, auf der Internetseite durchgedreht24.de, „ganz einfach“. Die Folie bringe Orange ins Riptide, betont sie, und stellt fest: „Obwohl, das Riptide hat ja auch Orange, dann also mehr Orange.“ Die Windlicht-Papiertüten, die auf die Tische gestellt werden sollen, fügt Misa hinzu: „Die sollen noch mehr Interesse wecken als unsere Tischkarten.“

Der Schulterschluss mit dem Riptide kommt für das Team nicht allein aus werbewirksamen Gründen: „Ich finde das Riptide super“, schwärmt Misa, „ich bin gern hier, wie viele Studierende.“ Auch die Weihnachtsfeier hatten „wir“ hier, so Misa, und erläutert, dass es sich bei dem Team um einen Verein handelt, „wir machen alles ehrenamtlich“. Die Zahl der Mitglieder hat Julia im Kopf: „Genau 23.“ Seit über 15 Jahren gibt es den Verein. Misa fällt ein, dass sie schon zwei von vier Jurymitgliedern benennen können, und Julia nennt sie: Schauspielerin Michaela Schaffrath und Regisseur Peter Timm. Prominente Namen also. „Zwei werden noch über soziale Medien verkündet“, sagt Misa. „Sie stehen schon fest, wir machen‘s nur ein bisschen spannend.“ Sie hat es in der Hand, denn Misa ist die Pressesprecherin des Vereins. Und Julia die Vorsitzende. Max hingegen: „Ich gehöre nicht dazu, ich mache aber mit – ich hab Bock drauf.“ Misa insistiert: „Als Teilnehmer gehört er dazu.“ Und Max stellt fest: „Wir waren das erste Team, das sich angemeldet hat.“ Im vergangenen Jahr nahmen 33 oder 34 Teams teil, das weiß Julia nicht mehr so genau, aber das Limit liegt bei 50.

Max und Misa pressen ihre Lungenluft in Latex, Julia wickelt weiter Filmstreifen ums Gitter: „Das ist ein alter Trailer von uns.“ Und den gibt‘s inzwischen längst auch bei Youtube zu sehen, sagt Misa, wieder zu Atem gekommen. Eines ist dem Team noch wichtig: Der Hauptpreis beträgt 1000 Euro. „Und die Pokale sind Fleischwölfe“, schließt Julia. „Weil: durchgedreht.“

Im Café unterhalten sich Ulli und Chris über das Riptide, also das Café und das Label. Dabei hat Ulli eine Information parat, die mich aufhorchen lässt: „Ralf und ich haben mal zusammen Musik gemacht.“ Und zwar zu NDW-Zeiten unter dem Namen Clit. Wie unanständig! Ulli grinst: „Das wussten wir damals nicht, es waren die Siebziger-Jahre, der Name sollte kurz, prägnant und leicht zu behalten sein – das war‘s dann.“ Erst mit dem ersten Plattenvertrag kamen die Leute auf die Band zu, so Ulli: „Sie sagten: ‚Äh, das ist aber was ganz Übles.‘“ Zu spät, zwei LPs gibt es von Clit, dazu diverse Singles, und ein Lied, das zu NDW-Zeiten offenbar einige Bekanntheit erlangte, zumindest Chris kennt es: „Keine Probleme Marlene.“ Zu Hause nachgehört, klingt etwas Fischer-Z durch, angenehm für die gutgelaunte Wavepunkdisco. Später spielte Ulli mit zwei weiteren Clit-Mitmusikern bei Krôl‘s Legacy, berühmt durch die Auftritte bei Rock auf dem Rittergut, und aktuell beim Monday Music Club. Klingt eher nach einem Projekt als nach einer Band, aber Ulli verneint: „Wir haben uns nur immer montags getroffen.“ Nachzuhören ist der Club auch auf Spotify, wie Ulli mir nahelegt, bevor er für Ralf wieder die Box so drapieren darf, dass der sie effektvoll im Sucher findet.

Zwischen den Stativen und errichteten Bluetoothboxen findet Simon Platz, um in den LP-Neuheitenfächern zu blättern. Ihm und der Firma, bei der er arbeitet, nämlich Giese Highfidelity aus Hannover, hat das Riptide die Lautsprecher und die Anlage zu verdanken. Ein schöner Zufall, dass er ausgerechnet einen Tag nach Anbringung wieder als Kunde hier ist. Er führt an, dass das auch ein Geburtstagsgeschenk vom Hersteller gewesen sei: Dali, steht für Danish Audiophile Loudspeaker Industries. Simon ist Braunschweiger und entsprechend häufig Kunde im Riptide: „Mein Lieblingsplattenladen, den darf man schon mal unterstützen.“ Die alten „Brüllwürfel“, über die das Riptide beschallt wurde, machten seine Plattenkäufe indes nicht zum puren Vergnügen, sagt er: „Ist schon was anderes jetzt.“ Die Firma Dali habe „ein richtig gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“, und zu den Lautsprechern gab es noch einen Cambridge-Verstärker geschenkt. Konzerte sollte man über dieses System aber nicht laufen lassen: „Das ist keine PA, das ist Hifi.“ Außerdem verrät er: „Wenn man die Abdeckung der Lautsprecher abmachen würde, wäre noch unser Logo da.“ Also das von Giese Highfidelity. Weil: „Wenn das jemand gut findet vom Sound, dass er sich nach Hannover verirrt.“

Als Musikhörer ist Simon zusehends audiophiler geworden, sagt er: „Je besser die Aufnahme klingt, desto mehr berührt es mich.“ Bei mir steht da die Musik an sich im Vordergrund, der Klang ist für mich nur zweitrangig. Doch Simon findet: „Wenn die Anlage geil ist, entdeckst du viele Platten neu – ‚Source first‘, ein alter Spruch von Hifi.“ Man höre etwa Instrumente oder Refrainstimmen heraus, die man vorher nie wahrgenommen hat. Doch eines übertrumpft noch das Audiophile: „Es geht halt nichts über live, das muss ich zugeben.“ Und dann auch lieber in England als in Deutschland: „Weil die in Deutschland zu laut sind, die übertreiben‘s, und die Stimmung ist in England besser.“

Einen Musiktipp hat er für mich: „Fat Fredy‘s Drop ist immer ein Tipp.“ Zweimal sah er die Band in London live: „So krass!“ So richtige Geheimtipps gebe es aber kaum noch: „Das sind sie nur zwei, drei Monate, dann kennt sie gefühlt jeder.“ Zumindest, wenn sie durch die Postillen und Blogs gereicht werden; in soziokulturellen Zentren und Kellern findet man heute eher die Geheimtipps. „Aber soziokulturelle Zentren sind weniger geworden“, bedauert Simon. Immerhin haben wir das Nexus und das B58.

Chris lässt die herausragende Qualität der neuen Anlage nicht los. Ganz am Anfang gab es noch überhaupt keine Anlage im Riptide: „Da habe ich meinen Ghettoblaster von zu Hause mitgebracht und Mixtapes laufen lassen.“ An Paul Weller erinnert er sich, dass der damals lief. Der Apparat stand dort auf der Theke, wo jetzt die veganen Muffins und Cookies feilgeboten werden.

Direkt daneben stapeln sich heute Exemplare der Debüt-EP von GR:MM, einer Band, bei der Gideon mitspielt, der einst im Riptide arbeitete. Zusammen mit dem Riptide startete die Emopunkband die Aktion, dass man in eine Spendendose einen Betrag seiner Wahl entrichtet und eine CD dafür mitnimmt. Der Erlös geht vollständig an die Movember-Foundation, eine weltweite Stiftung, die sich für Männergesundheit einsetzt.

Meine CD habe ich mir mitgenommen, bevor ich vergangene Woche ins Universum-Kino weiterzog, um die jüngste Ausgabe von Sound On Screen zu sehen: „Space Is The Place“, den verwirrenden Film von Sun Ra aus dem Jahr 1974 in restaurierter Fassung. Diesen Beitrag steuerte die Initiative Jazz Braunschweig zur Musikfilmreihe bei, wie traditionell einmal pro Jahr. Im Sommer macht die Reihe Pause, aber für die nächste Staffel im Herbst ist bereits eine Dokumentation über Chilly Gonzales angekündigt. Das Magazin Intro nahm ich mir auch mit, kurz nachdem das Blatt verkündete, die Printausgabe aus Kostengründen im Sommer einzustellen. Nach 27 Jahren. Von denen ich beinahe alle Ausgaben auch las, womöglich schon, seit der Zähler einstellig war, das weiß ich nicht mehr so genau. „Geschockt“ war Chris, als er davon erfuhr, und mir geht ebenfalls eine wichtige Informationsquelle verloren. Blättern ist für mich nach wie vor angenehmer als wischen.

Kurz entwische ich noch in die Rip-Lounge, um Chris‘ drittes Rätsel zu lösen. Ich entdecke eine neu angebrachte Leiste mit LP-Covern aus dem Riptide-Labelprogramm sowie einige andere Bilder an den Wänden. Richtig erkannt. „Eines davon ist ebenfalls ein Geschenk zum Zehnjährigen“, erläutert Chris. Nun steuere ich den Heimweg an, nehme noch meine Bestellungen mit, das neue Album von Meat Beat Manifesto und den Soundtrack zu „Paterson“ von Sqürl, bleibe kurz bei Serge und Niclas hängen, lasse mir nebenan vor der Strohpinte von Helmut angesichts meines Vinyls in der Hand einige Plattenläden aufzählen, die vermutlich schon geschlossen waren, als ich begann, mir Musik zu kaufen, und schlendere dann durch die Sonne nach Hause.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#126 Man reiche die Erbsen

17. April 2018


Dienstag, 17. April 2018

Diese Natur auch immer! Vor kaum zwei Wochen noch schippten wir Schnee, heute kann man durch die Bäume vor lauter frischem Grün kaum noch blicken. Eben noch im Winterpelz gefroren, sind jetzt sämtliche Übergangsjacken eingemottet. War Draußensein noch kürzlich eine Drohung, will man sich jetzt kaum noch in geschlossenen Räumen aufhalten.

Dies ist nicht der einzige Grund, warum ich jetzt am frühen Nachmittag nicht ins Café Riptide gehe: Davor, im Achteck unter dem Sonnensegel, sitzen Uwe und Michael, schenken sich Club Mate in ihre Kölschstangen und genießen den Frühling. Da will ich mittun. André nimmt das Tablett, mit dem er die Getränke brachte, vom Tisch und fragt, ob ich mich der Runde anschließen will: „Hefe?“ Nein, ich dachte an Tullamore Dew, natürlich. Quatsch. Ein Milchkaffee soll es sein. André begibt sich ins Café und trifft im Türrahmen auf Chris, der ein Tablett trägt, auf dem er hochkant in Holzleisten aufgestellte Singles transportiert. Wir staunen, Chris enthüllt: Es handelt sich um Reservierungsschilder, heute hat eine Geburtstagsrunde Teile der Rip-Lounge gebucht.

Bei Geburtstagen oder anderen privaten Festivitäten auflegen ist für Uwe und mich ein undankbares Unterfangen. Die Gäste sind nicht wegen der Musik da und man selbst wird schnell zur eigengeschmacksbefreiten Jukebox degradiert. Das ist für uns auch aus der Gastperspektive häufig undankbar, bei solchen Veranstaltungen von einem Profiunterhalter beschallt zu werden. Kein Spaß etwa für die Metal-Fraktion, wenn der Konservenkasper auf Helene Fischer gebürstet ist und der Rest der Belegschaft das feiert. Solch eine Gästekombination sei nun mal schwierig, gibt Michael zu bedenken, da sei es nicht geholfen, statt Metal oder Disco eine Mitte suchen zu wollen, und lässt die Namen Felix Jaehn und Robin Schulz fallen. Die mir nichts sagen. Aktuelle DJs seien dies, „Fahrstuhlmusik“, so Michael. „Purple Schulz kenn ich“, sagt Uwe, und mir fällt Olli Schulz ein. „Olli Schulz müsste mal in Braunschweig spielen“, findet Michael. Hat er schon, im Vorprogramm von Wir sind Helden, seinerzeit im Jolly Joker. „Das muss aber schon lang her sein“, mutmaßt Michael und liegt richtig: Das war 2003, vor 15 Jahren, als noch niemand Olli Schulz kannte und er mit dem Hund Marie unterwegs war. Aber Michael will Olli Schulz in der heutigen Variante erleben. Ach ja, Braunschweig und seine Konzertbooker.

Dabei zeigt das alle zwei Jahre stattfindende Festival Theaterformen, dass man sehr wohl auch für Braunschweig geschmackssicher alternative Livemusik buchen kann. Das kostenlose Open-Air-Rahmenprogramm des Festivals war bislang immer respektabel bestückt. Die Fehlfarben sind für dieses Jahr angekündigt, leider kann ich an dem Tag nicht. „Ich auch nicht“, bedauert Michael. Uwe kann: „Wahrscheinlich ja, wenn‘s nix kostet und draußen ist.“

Keck grinsend steht Chris in der Cafétür, mit einer Schnur in der Hand, an die bunte Luftballons geknotet sind, auf denen mit der Hand geschrieben eine 15 steht. „So, wo ist dein Fahrrad?“, fragt er grinsend. Ähm, im Hinterhof meiner alten Wohnung rottet es vor sich hin. Kein Weg, den Chris auf sich nehmen will, also knotet er die Leine über der Rip-Lounge fest. Ein fünfzehnter Geburtstag also? „Ja, und es war ihr größter Wunsch, das im Riptide zu feiern“, erzählt Chris während seiner Überkopfarbeit. Vermutlich, weil es vom ersten Tag an ihr Lieblingscafé ist. Chris nickt: „Von Geburt an.“

Im Handelsweg ist es überraschend ruhig. Stefans Comiculture und Marions Fifty-Fifty haben Zulauf, in der Einraumgalerie findet Kreativberatung statt, alle anderen Anrainer haben noch nicht geöffnet. Michael und Uwe winken Nick zu, der auf dem Weg in die Einraumgalerie ist, sich kreativ betraten lassen. „Seid ihr nachher noch hier?“, fragt er die beiden, die das noch nicht abschätzen können, also verabreden sich die drei aufs Beliebige für später und Nick tritt in die Galerie. Michael blickt auf das verriegelte Café Drei und fragt, ob da was läuft.

Tut es, man sieht regelmäßig Leute auf den Bänken des früheren Bierteufels sitzen. Café Drei heißt es, weil es ursprünglich drei Leute gründeten, von denen heute nur noch Jessy übrig ist. Sie will das aber nicht dauerhaft allein machen und kündigte Zuwachs in der Chefetage an, als Henrik und ich auf Nexus-Indie-Ü30-Flyerverteiletour durch Braunschweig auch bei ihr einkehrten. Es ist gemütlich geworden, mit vielen bemerkenswerten Einrichtungsideen und einer ansprechenden Karte. Mutig indes, ein veganes Café gegenüber des veganen Cafés Riptide zu eröffnen. Ich spreche Chris darauf an, und er sagt: „Wir sind Nachbarn, wir sind nett zueinander, und wenn sie neue Gäste in den Handelsweg holen, ist das gut.“ Im Moment beobachte ich noch hauptsächlich Riptide-Gäste, die das Café Drei mal ausprobieren; das ist vermutlich für beide Cafés nicht dauerhaft ausreichend.

Dennoch begrüße ich es sehr, dass zurzeit in Braunschweig sehr viele Cafés eröffnen, die sich nicht mehr an das ungemütliche Szene-Diktat des rechteckigen Designs halten, sondern gemütlich ausgestattet sind und von freundlichen, unkomplizierten Menschen geleitet werden. Das Kiwi-Café in der Friedrich-Wilhelm-Straße gibt es schon etwas länger, das MokkaBär am Frankfurter Platz erst ab Samstag, den Schaumschläger hinter der Alten Waage habe ich zufällig beim Flyerverteilen entdeckt, in die Innenstadt zwängte sich das Café Atelier, und Michael zählt noch das Café Bruns in der Südstraße auf. „Da war ich schon zwei, drei Mal“, sagt Uwe, und mir geht es genau so.

Einmal hab ich mich genauer erkundigt. Alex, Pastor der Friedenskirche, gab mir Auskunft: Das Café Bruns ist nicht nach einem Nachnamen, sondern nach Brunswiek benannt und wird von einem eigens gegründeten Verein geführt, dem lauter Leute angehören, die eigentlich gar keine Gastronomieerfahrungen, aber jede Menge Leidenschaft haben. „Es soll ein Kultur-Treff-Ort werden“, sagte Alex und berichtete von spontan aus dem Publikum erfolgten Poesielesungen, die es künftig regelmäßig freitags dort geben soll. So etwas Ähnliches kündigt das MokkaBär an seiner Fensterscheibe auch an, nur mit Konzerten. Es tut sich was in Braunschweig. „Dafür gibt‘s das englische Café nicht mehr, hinterm Kleinen Haus“, bedauert Michael. Das Café Britannia sei vorher vom Steinweg umgezogen gewesen und habe leckere Scones feilgeboten. „Vielleicht ist es wieder umgezogen“, spricht Uwe ihm Mut zu.

Ein denkwürdiges Café entdeckten Andrea und ich kürzlich in Leeuwarden, das in diesem Jahr zusammen mit Valetta Kulturhauptstadt Europas ist und im niederländischen Friesland liegt. Ungefähr so groß wie Wolfsburg, listet es eine schier unüberblickbare Zahl an Plattenläden auf – und eine Metal-Kneipe namens Mukkes. Ostersonntag, wir traten um 21 Uhr zur Ladenöffnung ein und fanden uns in einem angenehm schummrigen, länglichen Raum mitten in der Innenstadt wieder, an dessen Wände Tausende Metal-Sticker prangten und ein Ortsschild von Roskilde. Der Barkeeper war um die 30 Jahre alt und mit hellen Dreads beknotet. Fröhlich pfoff er beim Kneipenvorbereiten sämtliche Melodien mit, die aus der Anlange quollen, und dabei handelte es sich zuvorderst um Death-Metal-Stücke, bei denen Melodien grundsätzlich kaum auszumachen waren, er beim genauen Hinhören aber zielgenau die Bassläufe erwischte. So derwischte er durch die Bar, illuminierte Kerzen für die Tische, schaltete die bunten Lampen in der auch als Livebühne genutzten Raucherlounge ein und verteilte in exakter Reihenfolge Bierdeckel auf der Theke. Mit Wischmopp und Besen jonglierte er zwischendurch auch noch. Und pfiff selbst die zermörteltsten Metalbrecher mit. Fehlerfrei. Wir staunten. Und bestellten Fassbier. Leider kein lokales, wie wir hofften, sondern – Bitburger. Also „Bitbörcher“, wie der Barkeeper sagte, mit einem R, das beinahe wie ein D klang, und einem CH tief aus der Kehle. Zumindest Andrea trank das, ich als Fahrer erlebte den Genuss des mehr oder weniger lokalen Amstel 0.0. Fröhlich pfiff der Barmann weiter, dieses Mal irischen Folk-Metal, den er bei Spotify auswählte, während er die Facebookseite der Kneipe aktualisierte. Aus der kleinen zweiten Raucherkammer mit dem Spielautomaten ließ ein einsamer Rastamann Grasschwaden zu uns herüberwehen.

So etwas passiert hier im Achteck selbstverständlich nicht, aber Michael entdeckt passend dazu die Ankündigung des nächsten Sound-On-Screen-Films an der Wand, „Space Is The Place“ von Sun Ra, der seinerzeit bei den Filmarbeiten sicherlich nicht ganz drogenfrei zu Werke ging. Michael, Uwe und ich sahen in dieser Musikfilmreihe von Universum-Kino und Café Riptide auch den Laibach-Film „Liberation Day“ und sind gleichermaßen begeistert davon. „Ich hab meiner Tochter etwas von Laibach vorgespielt, und sie sagte, das klingt wie Rammstein“, erzählt Michael kopfschüttelnd. Seine Tochter ist 20 Jahre alt. Er grinst, als er seine Replik darauf zitiert: „Nein, umgekehrt!“ Das wiederum durfte im Film nicht gesagt werden, darauf wiesen Interviewte und Abspann hin. Zumindest ist das unsere Mutmaßung: „Ich gehe davon aus, dass es Rammstein waren“, sagt Uwe.

Aus der Rip-Lounge dringen Geburtstagslieder. Wie wir so im Schatten die Sonne genießen, kommt mir gar nicht die Idee von Alltag, doch Michaels Mittagspause neigt sich dem Ende und er sich zum Gehen. Seinen Platz nimmt Nick ein, der aus der Galerie kommt. Dort gab es Beratungen für Freiberufler in der Kreativwirtschaft, mit der Nick bereits vor Jahren einige Erfahrungen machte: „Ich wollte wissen, ob sich etwas geändert hat“, erläutert er seine Motivation, an der Beratung teilgenommen zu haben. Nick, Uwe und ich tauchen tief ab im weiten und nicht immer zufriedenstellenden Themenfeld Braunschweiger Frei- und Subkultur.

Nick muss weiter, ich bekomme Hunger, Uwe hat schon gegessen, mit Michael, im Asia-Bistro, Katreppeln. Da habe ich mich auch schon einige Male gern ernährt. „Die Preise sind überschaubar, die Portionen nicht“, schwärmt Uwe und deutet mit einer Handbewegung einen Berg an, der sich auf dem Tisch türmt. „Erst nach einer halben Stunde essen kann ich sehen, wer mein Gegenüber ist – das mag ich.“ Auch mag ich Nem Grill, das vietnamesische Restaurant in der Innenstadt, und Uwe nickt.

Bevor ich dorthin gehe, informiere ich mich noch bei Chris über den Record Store Day am Samstag, die fröhliche exklusive Plattenschlacht der freien Händler. „Wir machen um 12 Uhr auf“, kündigt Chris an. Seit zehn oder elf Jahren nimmt das Riptide daran teil: „Seit den Anfangstagen von RSD Deutschland sind wir dabei“, so Chris. „Es kommen viele spannende Sachen raus“, sagt er und macht mir den Mund wässrig. Aber auch vieles, das nicht so spannend ist und das das Riptide deshalb schon mal gar nicht bestellt hat. Die ersten Lieferungen trafen heute bereits ein, Chris zeigt mir eine 7“ von Abba mit gelben Sprengseln auf transparentem Grund und ein Reprint von „Oh Carolina“ von Shaggy. „Das wird 25“, sagt Chris und schüttelt den Kopf über die verflogene Zeit. „Schon so alt.“

Und dann ist auch bald die Fußball-WM der Männer, keine zwei Monate mehr bis zum Anpfiff. „Wir zeigen alle Spiele draußen“, sagt Chris. „Wir freuen uns auf den Sommer und aufs Draußensitzen.“ Doch ist das für ihn noch sehr weit weg: „Mich hat das Fußballfieber noch nicht gepackt.“

Dafür packe ich die neue LP von Maceo Parker ein, „It‘s All About Love“, mit einem Bonus-Track auf Vinyl. Hab ich gar nicht mitbekommen, dass der ein neues Album hat. Seit 1994 höre und sammle ich den Saxophonisten, zumindest seine Musik, und das, obwohl ich ihn damals, mit 22, zunächst überhaupt nicht mochte. Seinerzeit war ich mehr als einmal pro Woche im Kino und sah in Broadway, Lupe und Scala II immerzu die Werbung für „Maceo“, einen Konzertfilm von Parker. Jazz, wie ich irrtümlich dachte, denn Maceo, früherer Saxophonist von James Brown, macht Funk, zumindest zu 98 Prozent, war in jenen Tagen noch nicht die Musik meiner Wahl. Bis ich den Trailer so oft sah, dass ich unbedingt den Soundtrack haben wollte. Fünf Jahre später trat Maceo Parker im FBZ auf, damals hielt ich den heute 75-Jährigen schon für alt, jaja, die Jugend, und mit einer Horde weiterer alter Männer machte er satte drei Stunden lang Party, Party, Party, bis der Schweiß uns in die Nacht spülte. Der einzige weiße Musiker sah aus wie Willie Tanner von Alf und der einzige Jugendlichge war Maceos Sohn Corey, der gelegentlich zum Funk rappte. Ein furioses Konzert! Auf dem neuen Album begleitet ihn nun die WDR Bigband, ich bin gespannt. Und erstmal hungrig. Wo mag ich mich nur sättigen – vielleicht in, haha, naheliegendes Wortspiel, Nem Grill?

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#125 Hanni & Nanni und der dreiäugige Geist

22. März 2018


Mittwoch, 21. März 2018

„Grüß mal alle“, sagt André, als ich ihn auf meinem Weg ins Riptide andernorts in der Stadt treffe, und ich vergesse es prompt, weil ich nicht den direkten Weg gehe und also abgelenkt bin. Ich komme nämlich bei Serge vorbei und setze mich in die kleine Kammer, die ihm direkt neben dem Riptide als antiquarischer Verkaufsraum, kultureller Treffpunkt und philosophischer Debattierclub gleichermaßen dient. Für einen Moment, und sei es nur im Zuge des Hineinschlüpfens, dringt etwas kalte, aber immerhin frische Luft in den Raum; die Wolken, die über den Debattierenden dräuen, sind nicht allein Resultat des intensiven Austauschs, sondern auch des nicht minder intensiven Tabakgenusses.

Es geht wie immer um nichts Geringeres als – das Große Ganze, kann man sagen. Ausgelöst durch eine Gesprächsteilnehmerin, die soeben ihr Jurastudium beendete und mit einem extrem kritischen Blick auf die Juristerei und die fehlende Empathie mancher Juristen dafür, dass sie über Menschen zu urteilen haben. Selbst bei Kommilitonen, mit denen sie sich zu Anfang gut verstand, habe sie beobachtet, dass diese den Blick dafür verlören, klagt die Jungjuristin. Von dort aus ist es für die Runde ein kleiner Sprung zur grundsätzlichen Systemkritik. Die Getränke dazu sind koffeinhaltig und stammen wie gewohnt von nebenan, und dorthin begebe ich mich jetzt doch noch.

Inzwischen bin ich zu spät, um Chris noch zu erwischen, dabei hätte ich gern gewusst, ob ich die gerade heute für August angekündigte neue Doppel-LP von Front Line Assembly, „WarMech“, auch hier bestellen kann. Das erledige ich dann eben später bei Bandcamp, sogar mit dem Glück, das exakt letzte Exemplar der auf 100 Stück limitierten Zweifarb-Doppel-LP-Box zu erwischen. Schon ihren ersten Soundtrack zu einem Computerspiel, „AirMech“, machten Front Line Assembly 2012 mit einem formidablen Kreuzüber aus modernem EBM, Bigbeat, Ambient und härterer Clubmusik zu mehr als nur einer Pixelbegleitung. Auf „WarMech“ dürfte dann zum leider letzten Mal Jeremy Inkel zu hören sein, der Bill Leeb seit 2005 parallel zu seiner Stammband Left Spine Down bei Front Line Assembly unterstützte und der überraschend im Januar mit nur 34 Jahren verstarb. Bandcamp nun als Plattform für den Musikvertrieb ist großartig für Musiker weltweit, weil es den direkten Vertrieb an Großkonzernen vorbei zum Konsumenten ermöglicht, hat aber – das erkenne ich bei der Fritz-Kola-Kaffee-Limonade, die mir Stecki über die Theke reicht – den Nachteil, dass es auch die unabhängigen und also zumeist guten Schallplattenläden benachteiligt, weil ausklammert.

Vernünftig: Bastian Till macht seine Pause im Riptide, bei ihm sitzt Sophie Isabell. Lustig, beide mit Doppelnamen und beide mit Doppel-L am Ende. „Das ist uns noch gar nicht aufgefallen“, sagen beide gleichzeitig mit nahezu identischem Wortlaut. Bastian Till hat freiberuflichen Spätdienst und muss gleich wieder los. Sein Hauptbetätigungsfeld ist aber das Monatsmagazin „Kurt“ in Gifhorn, für das ich einmal sogar schreiben durfte, nämlich einen Bericht über meinen ehemaligen Mitschüler Timo, der mit seinem Projekt Nooc ein Album veröffentlichte. Drin gestanden habe ich auch schon, im Rahmen einer Geschichte über Olafs Blinky Blinky Computerband, für die ich gelegentlich meine Stimme gebe. Mit seiner zunächst als wagemutig erschienenen Magazin-Idee beschäftigt Bastian Till inzwischen sogar Angestellte, ein schöner Erfolg.

Wir unterhalten uns nach diversen Umwegen über Hörspiele und ich erzähle, dass ich mir morgen „Der dreiäugige Totenkopf“, das Hörspiel zum ersten Comic der Drei Fragezeichen, im Wolfsburger Planetarium an… hören will, das zweite von dreien der zweiten Staffel mit Hörspielen, die eigens für die Soundanlagen von Planetarien aufgenommen wurden. Zu sehen gibt es nicht viel, scheint es, aber das Kopfkino ist ja ohnehin wichtiger. Mit dem Vollplaybacktheater hat das nichts zu tun, wie Bastian Till mutmaßt, das war bereits im Februar in Wolfsburg, im CongressPark, und ich war natürlich auch da. Das war mein zwanzigstes Mal, dass ich die Wuppertaler gesehen habe. Einmal war auch Bastian Till, der ansonsten mit den Drei Fragezeichen nicht so viel am Hut hat, beim Vollplaybacktheater, vor Jahren und in Gifhorn. Ich staune, das muss mir entgangen sein, dass sie sogar in meiner Geburtsstadt gastierten. Mit welchem Stück, weiß Bastian Till nicht mehr: „Es war aber eine Detektivgeschichte“, scherzt er. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, das Vollplaybacktheater setzte auch mal andere Hörspiele um, John Sinclair, Jan Tenner, Edgar Wallace, Hanni & Nanni. Mit denen kennt sich Bastian Till aus, seiner Tochter wegen, und lobt die Serie für ihre geschlechtsuntypische Herangehensweise an Themen: In Episode 52 etwa nimmt ein Mädchen an einer Castingshow teil, obwohl es nicht singen kann, und wird nur deshalb ins Programm genommen, damit die Jury jemanden zum Lästern hat. Das findet Bastian Till untypisch, weil es in allen anderen Mädchengeschichten darauf hinauslaufe, dass die Protagonistin unerwarteten Erfolg hat, aber nicht, Castingshows kritisch zu sehen. Sophie Isabell bleibt skeptisch, aber Bastian Till strahlt begeistert. Soweit ich mich erinnern kann, hatten Hanni & Nanni zu Enid Blytons Zeiten tatsächlich eine etwas andere Ausrichtung, aber mehr als eine Folge habe ich von denen selbst als Kind nicht gehört. Ich würde nicht einmal mehr am Cover wiedererkennen, welche Kassette das war. So recht geweckt ist mein Interesse daran jetzt aber auch nicht wieder, selbst als Hans-Paetsch-geprägter Märchenfan fand ich als Kind – anders als die Fünf Freunde – Hanni & Nanni langweilig. Auch solche Serien wie Hexe Schrumpeldei, Hui Buh, Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg hatten mir zu wenig Handlung und Atmosphäre, um mich zu fesseln. Spannend finde ich aber, dass die beiden BB-Serien offenbar von einem Politwissenschaftler der Bundeszentrale für Politische Bildung als bedenklich eingestuft wurden, weil sie – überspitzt gesagt – zur Systemkritik aufrufen. Das macht sie zumindest sympathisch. Irgendwoanders las ich zudem und übrigens und nebenbei, dass Hörspiele in Deutschland deswegen so populär sind, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater zerstört waren und Radiohörspiele einen kulturellen Ersatz dafür anboten.

Mit Sophie Isabell und Bastian Till, die zahlen wollen, kehre ich an die Theke zurück. „Bald bin ich Werksältester“, höre ich Stecki dahinter raunen, „aber noch ist es Astrid.“ Die Angesprochene beschäftigt sich mit der Kasse und grinst. Werksältester, also in Dienstjahren, nicht Lebensjahren; da hat Jasmin mit ihren um die sieben Jahren aber ein schwer einholbares Pfund vorgelegt. Während Astrid neue Bestellungen im Café und in der Lounge aufnimmt und Rosalie in der Küche die bestellten Speisen zubereitet, findet Stecki etwas Zeit für Unterhaltungen.

Beide haben wir, Stecki und ich, Objekte in unseren Musik- und Comic-Sammlungen, von denen wir viel später überraschend erfuhren, dass sie über die Zeit an Wertsteigerung erfuhren. Stecki führt eine Comicserie an, deren englischsprachige Erstausgabe im Wert an Nullen zugelegt hat, und doch sind wir uns einig, dass wir Informationen dieser Art eher als persönliche statistische Angaben auffassen als als Verkaufsargument. Meine Dreifach-LPs der Drei-Fragezeichen-Jubiläumsfolgen sind ebenfalls überraschend wertvoll, dabei habe ich sie damals ganz unspektakulär hier im Riptide erworben. Stecki stutzt, verschwindet kurz im Büroteil hinter der Theke und kehrt mit einer Geister-Schocker-LP zurück. „Ohne Nummerierung“, stellt er mit Kennerblick fest. An die Serie habe ich mich noch nicht herangetraut, die hat mir zu viele Folgen. Stecki schwärmt noch von Faith van Helsing, die ich bislang auch eher ignorierte, und Gabriel Burns, einem meiner Favoriten wiederum, der leider seit drei Jahren auf Eis liegt, mitten während einer Mehrfachfolge (es fehlt der fünfte Teil eines eigentlichen Vierteilers). Stecki bringt die LP zurück. Vinyl, das untote Medium, das zurzeit in Sachen unerwarteter Renaissance von der Kassette eingeholt zu werden droht. Im Ambient und im Black Metal fing es an, dass Bands ihre Musik wieder auf Tape veröffentlichten. „Ich kenne das aus dem Hip Hop“, sagt Stecki. Stimmt, das Mixtape, das sich heute als Podcast zum Download wiederfindet. Für den kommenden Record Store Day am 21. April sei das Album „Back In Black“ von AC/DC als Kassetten-Neuauflage angekündigt, erzählt Stecki. Die wolle er haben, aber die sei sehr limitiert und seine Hoffnung auf einen Erwerb entsprechend gering.

Stecki hat Feierabend, er wird abgeholt und verabschiedet sich. Für ihn tritt Moritz den Dienst an, doch vorher begibt er sich mit Rosalie ins Achteck, zum Rauchen. „Auf eine halbe Zigarette?“, fragt Rosalie vorher Astrid, die nickt, während sie einen kleinen Zettel knickt und mit „Birnentarte vegan“ beschriftet. „Kann man das lesen?“, fragt sie mich, und zumindest ich kann. Anders war das kürzlich, als Arni und ich im Riptide kniffeln wollten und uns aus dem Spielefundus des Cafés zwar genau fünf Würfel zusammenklaubten, von denen einer aber statt mit Punkten mit für uns willkürlichen Zahlen bis 64 bedruckt war. Schwierig, damit große Straßen hinzubekommen, also ließen wir uns Klebeetiketten geben und malten die Punkte selbst drauf. Bei einem zweiten Würfel waren die weißen Punkte vom schwarzen Grund weitgehend abgeblättert, und in der Kombination war das Kniffeln ein ständiges Kopfbeugen, um den richtigen Winkel zum Licht und damit die korrekte Anzahl der ausgeleuchteten Vertiefungen im Spielgerät zu finden. Den Highscore von 344 haben wir immer noch nicht geknackt.

Mutig, draußen rauchen bei der Kälte, aber immerhin hat es nicht mehr die extremen Minusgrade wie noch zuletzt, und auch nicht den überraschenden Schnee wie gestern zum Frühlingsanfang. Nichts gegen Schnee, ist dies doch das einzige Wetterphänomen in unserer Gegend, das seine Jahreszeitenzugehörigkeit deutlich zum Ausdruck bringt. Den Rest des Jahres über haben wir zehn Grad und Regen, da steckt keine konkrete Saison mehr drin, deshalb freute ich mich auch zu dieser Zeit im Jahr sehr über den immerhin ansehnlichen Schnee. Aber jetzt darf es auch wieder warm werden.

Zuletzt im Achteck gefroren haben wir bei Sound On Screen, nach dem grandiosen Film „Liberation Day“ über den Auftritt der Band Laibach in Nordkorea. Wir waren hin und weg über den respektvollen Umgang des Westteams mit dem totalitären Regime und den Menschen, denen sie dort begegneten und die sie auch als Menschen behandelten. Im Riptide legte DJ „Tanz mit Laibach“ ein eigens ans Thema angepasstes Set auf, für das er sich, wie mir Chris vorab verraten hatte, tief in die für ihn fremde Materie einarbeitete. Da standen Andrea und ich, ebenfalls des Rauches wegen, im Achteck, bei uns Uwe und Olli, mit denen ich drei Viertel des aktiven Teils der DJ-Gruppe Rille Elf ergebe; nur Günther fehlte. Wir vier hatten gerade erst den ersten Auftritt vor einem größeren Publikum, mit den Burning Beats im Nexus nämlich, und freuen uns schon auf unsere nächsten Sets, am 13. April mit dem Ball im Bierhaus und am 20. April beim elften Geburtstag des Sauna-Klubs im Hallenbad Wolfsburg, unserem ersten Auswärtsspiel, und das an so einem geschichtsträchtigen Ort. Der nächste SOS-Termin interessiert mich leider nicht so sehr, „Wildes Herz“ mit Feine Sahne Fischfilet, die ich zwar für politisch relevant halte, für musikalisch aber weniger. Der Film startet am 6. April um 19 Uhr, danach spielen Radical Radio, live erprobt ebenfalls im Achteck beim letzten Sedan-Bazar. Spannender ist für mich der Film danach: Am 17. Mai läuft die restaurierte Neufassung von „Space Is The Place“, dem irrwitzigen Film von Sun Ra. Mit dem Ensemble auf Zeit spielt anschließend eine passende Gruppe im Riptide, eine gute Wahl.

Na gut, um die für mich neuen Kollegen einmal abseits des Dienstes zu erleben, setze ich mich draußen zu ihnen an den Tisch. Als Vierter, denn Aline gesellte sich zu ihnen, seit einem Monat indes ehemalige Kollegin des Riptide-Teams: „Ich bin mit dem Studium fertig geworden.“ Rosalie eilt wieder in die Küche, Moritz beginnt seinen Dienst und Aline erzählt, wo sie jetzt arbeitet – und wir stellen fest, dass wir quasi Kollegen sind, weil mein Arbeitgeber der Stiftung untergeordnet ist, für die sie eingesetzt ist. Braunschweig wieder. Die Café-Tür öffnet sich, Astrid lugt heraus und fragt: „Aline, kommst du?“ Doch noch arbeiten? Nein, sie ist lediglich verabredet. Und ich mache jetzt auch Feierabend. Ich muss zu Hause noch bei Bandcamp eine Schallplatte bestellen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#124 Wie kommt’s, Herr Polizeichef?

23. Februar 2018


Donnerstag, 22. Februar 2018

Netflix auf dem Smartphone! Und Micha wundert sich, dass ihm die Augen brennen. Es liegt an seiner Brille, mutmaßt er, doch wahrscheinlicher ist, dass er sich beim „Punisher“-Gucken auf dem kleinen Display die Retina zersägt. Einen PC besitzt er nicht, ebensowenig einen Smart-TV, also ist das Smartphone seine einzige Möglichkeit, in das Netflix-Universum abzutauchen. Endlich, will man meinen, angesichts der Tatsache, welchen Film- und Serienkonsum Micha so hat, da reißt das Nicht-Gucken bei Netflix glatt Lücken in seine Expertise. Trotzdem schimpfe ich ein bisschen über seine Methode. Ffür Micha ist Netflix eigentlich eher ein Teaser, wenn ihm etwas gefällt, schaut er es noch auf BluRay oder DVD. Aktuell schwärmt er von der Serie „Black Mirror“, davon habe ich auch schon anderthalb Folgen geguckt. Das Konzept erinnert mich an „Geschichten aus der Gruft“: Verschiedene Regisseure realisieren abgeschlossene Episoden aus den Genrefeldern Horror, Thriller, Spuk und Krimi, zumeist mit einem Plottwist, einer unerwarteten Pointe mithin. „Geschichten aus der Gruft“ mochte Micha aber nie, „Black Mirror“ hingegen schon, weil es modernere Themen aufgreift.

Das erzählt er mir auf dem Weg in den Handelsweg. Micha und ich wollen uns im Riptide verpflegen. Und aufwärmen, der Februar hat inzwischen eine Eigenschaft angenommen, die zur Jahreszeit passt: Minusgrade. Endlich! Etwas Schnee wäre jetzt noch fein, ich mag das ja, minus 20 Grad und Schnee und blauer Himmel. Immerhin den haben wir tagsüber inzwischen, das ist wundervoll, gut fürs Gemüt. Tagsüber ist um diese Uhrzeit bereits vorbei, da macht es uns nichts aus, dass wir in einem geschlossenen Raum sitzen; anderen Riptide-Gästen hingegen macht es nichts aus, bei den Temperaturen das Mobiliar im Achteck in Beschlag zu nehmen. Nicht mal unter der Plane, die ist nämlich eingerollt und lässt den Weg frei für gelegentliche Schneestippel. Ölfackeln illuminieren die trotzdem gemütlich erscheinende abendliche Sitzgruppe.

Während Micha ein Telefonat annimmt, gebe ich meine Bestellung bei Evelyn ab, die ich noch gar nicht kenne: Den Bonanza-Burger mit Edamer und die Fritz-Kola mit Extra-Kaffee hätte ich gern. „Mitte November bin ich gekommen, als Praktikantin, und bleibe bis Ende Mai“, erzählt Evelyn. Dieser Einsatz im Riptide findet von ihrer Schule aus statt, „ich bin in einer Praxisklasse“, sagt sie. „Wir sollten uns eine Arbeit aussuchen, die wir machen wollen, und ich wollte ins Riptide, das ist mein Lieblingsladen, seit ich in Braunschweig bin.“ Das ist sie erst seit einem Jahr, sie ist aus München hergezogen: „Ursprünglich aus Schlatt, das ist ganzganzganzganz klein, drei Häuser, vier Kuhfelder, die Straßen heißen alle Schlatt.“ Das Örtchen ist sogar so winzig, dass nicht einmal Google korrekte Ergebnisse liefert. So ähnlich wie mit Texas.

Das Riptide mag Evelyn nicht nur als Café, sondern auch als Plattenladen und wegen der musikalischen Ausrichtung, die sich nicht zwingend am gängigen Radioprogramm orientiert: „Ich bin eh nicht so eine, die Rap und so hört.“ Sondern? „Country.“ Sie grinst: „Ich höre eigentlich alles mögliche“, darunter sicherlich auch schon mal den ein- oder anderen Raptrack, aber: „Faber ist meine Lieblingsband zurzeit.“ Die hört sie jedoch nicht auf Vinyl: „Ich hab keinen Plattenspieler, leider, aber das würde ich gern.“ Gottlob ist so eine Apparatur ja mit recht einfachen Mitteln nachrüstbar. „Sonst höre ich Vinyl auch mal hier im Laden“, sagt Evelyn. Auch mit ihren recht jungen Jahren – die Zahl ist noch nicht allzulang zweistellig – hat sie schon Gastronomieerfahrungen gesammelt: „Ich hab in Bayern schon in einer Bar gearbeitet und in einem Gasthof.“ Dort bekam sie viele positive Rückmeldungen, die sie darin bestärkten, die Gastronomie als berufliches Einsatzfeld zu favorisieren. „Ich hab schon gemerkt, was für ein Stress das ist“, sagt sie, aber: „Das mag ich“, also den Stress, der sie herausfordert, nicht überfordert, denn: „Danach kann ich nach Hause und die Ruhe besser genießen.“

Für Unruhe sorgt jetzt Micha, der bei ihr ein Wasser bestellt: „Laut oder leise?“, fragt Evelyn nach. Micha überlegt noch während der Antwort und legt sich auf „laut“ fest, also mit Kohlensäure. Evelyn greift nach der entsprechenden Flasche im Kühlschrank hinter ihr und nimmt Michas Geld inklusive „Stimmt so“-Rest entgegen. Doch jetzt kapituliert sie vor den erforderlichen Aktivitäten an der Kasse. André springt aus der Küche herüber und ihr zur Seite: „Frag lieber“, bietet er ihr sanft an, „das können wir dann zusammen machen“, und erläutert ihr die Vorgehensweisen. André und ich plaudern kurz, doch er unterbricht grinsend: „Ich muss in die Küche, deinen Burger machen.“

Hinter mir höre ich, wie jemand mit Micha spricht, und vernehme den Ausruf: „Was, auf dem Handy?“ Ich drehe mich um. Micha hat ganz offensichtlich gerade Jonte von seiner Netflix-App erzählt. Die beiden stehen mit Getränken in der Hand – Micha sein Wasser, Jonte ein Wolters – neben den Ölfässern, die zwischen Eingangstür und Theke diverse Objekte feilbieten, von herabgesetzten Schallplatten bis über diverse Ausgaben des „Mint“-Magazins. Filme sind ihr Thema, das verwundert mich nicht, denn das Kino ist quasi unser aller gemeinsamer Ort, wenn es nicht das Riptide ist. In diesem Moment betritt Chris das Café, mit der obligatorischen schwarzen Transferkiste für den Warenverkehr zwischen Büro und Riptide unterm Arm. Mit Blick auf die Auslegware, die die Dielen unter uns partiell abdeckt, reicht Chris uns dreien artig die Hand und sagt: „Willkommen auf dem roten Teppich.“

Den verlassen wir jetzt aber, weil André mit einem Teller voll Burger und Chips für mich um die Ecke biegt. Wir plazieren uns an einem Tisch inmitten des Cafés und schalten die von Chrisse Kunst bemalte Lampe an. Jonte empfiehlt uns „The Shape Of Water“, den neuen Film von Guillermo del Toro. „Den hab ich in der Sneak gesehen“, erzählt er. Micha und ich haben den auch auf dem Schirm, so ganz grob. Jonte führt aus: „Bis auf das Kostüm von dem Monster, oder wie auch immer man es nennen will, habe ich nichts daran auszusetzen.“ Zu diesem Kostüm hat er eine ambivalente Meinung: Zwar wisse er, dass das eine Referenz an die zum Teil billig gemachten Monsterfilme der Sechziger sei und nennt exemplarisch „Das Ding aus dem Sumpf“, doch habe ihn der offensichtliche „Gummianzug“ befremdet. Und trotzdem: „Wie die Effekte dann gemacht sind, das ist was anderes.“ Letztlich lässt das Kostüm also doch Jontes Augen leuchten. „Hast du ‚Pans Labyrinth‘ gesehen?“, fragt er, und ich bejahe. Den mochte ich sehr gern, wenngleich ich die punktuelle explizite Gewalt unangebracht fand. „Dann könnte der dir gefallen“, sagt Jonte in Bezug auf „The Shape Of Water“. „Das ist mein Favorit des Jahres.“ Micha schränkt ein: „Des noch jungen Jahres.“ Er erzählt, dass wir beide „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gesehen haben und sehr begeistert davon sind. „Was für ein schlechter Film“, wirft Chris ein, der soeben am Nachbartisch die Chrisse-Kunst-Lampe einschaltet und die Speisekarten und Blumen neu arrangiert. Er grinst dabei breitestens, denn diese Äußerung entspricht keineswegs seiner Meinung. „Ich hab auch den del Toro gesehen, aber an ‚Three Billboards‘ kommt der nicht vorbei.“ Den wiederum hat Jonte noch nicht gesehen: „Aber ich habe gute Aussichten, das noch zu schaffen.“

In „Three Billboards“ führt Regisseur Martin McDonagh zunächst recht stereotype Figuren ein und dann charmant die Vorurteile der Zuschauer vor, indem er sämtliche Figuren Wege einschlagen lässt, mit denen nicht zu rechnen ist. Dies ist nach „Brügge sehen und sterben“ und „7 Psychos“ erst der dritte Kinofilm des Regisseurs, stellen Micha und Jonte fest, und führen weitere Beispiele an für Wenigdreher, darunter Quentin Tarantino. Zu dem hat Jonte eine uneindeutige Haltung: Tarantino wiederhole sich mittlerweile zu sehr, „man erkennt ihn sofort“. Genau das hält Micha für positiv, dass man einen Film von Tarantino „schnell“ erkennen könne. „Das gilt auch für Till Schweiger“, wirft Jonte ein. Micha kontert: „Aber auch nur, weil der selber mitspielt.“

Zwei laufende Projekte von Tarantino erfahren laut Gossip-News zurzeit schwere Rückschläge: ein Film über den Sektenführer und Massenmordauslöser Charles Manson und ein Film der Science-Fiction-Reihe „Star Trek“. Beides halten Jonte und ich nicht für zu Tarantino passend. Manson nicht, weil die Gefahr der Glorifizierung des Arschlochs besteht, oder, wie Jonte es ausdrückt: „Manson in Tarantinos Comic-Stil ist unpassend.“ Und da es sich bei „Star Trek“ um eine Art Franchise handelt, empfinden wir den Rahmen für einen Tarantino als nicht frei genug. Zwar hat er sich auch schon in ein festgelegtes Serienformat wie „CSI: Vegas“ gefügt, aber seine Episode „Grave Danger“, „Grabesstille“, konnte er quasi einfach nach vorgegebenem Muster abdrehen, seinen Stil erkennt man darin nicht wirklich.

Nur zehn Filme insgesamt wolle Tarantino drehen, sinnieren wir, acht hat er, Manson und „Star Trek“ wären die fehlenden beiden. Micha meint, Tarantino würde das Regieführen jetzt ganz sein lassen, ohne seine angekündigte Quote einzuhalten. „Und dann eröffnet er eine Videothek“, sagt Micha, da sei er rückwärtsgewandt. Und verleiht Netflix-Filme? Jonte nickt: „Aber bitte zurückspulen!“

Micha und Jonte sinnieren darüber, dass es bei „Star Trek“ wohl auch darauf ankomme, in welcher Reihe Tarantinos Film stattfinden würde. Aktuell gibt es eine, die die Jugendzeit der klassischen Figuren ausformuliert, sehr mainstreamig-popcornig und damit nach Jontes Meinung zu weit weg vom Tarantino-Stil. Initiator des „Star Trek“-Reboots war J.J. Abrams, der kürzlich auch „Star Wars“ übernahm. Das schreit ja nach einem Crossover, „Trek Wars“ oder so. Jonte und Micha stöhnen auf und winken ab. Schlimm genug, dass es Leute gibt, die jünger sind als wir, so Jonte, die Jar Jar Binks besser finden als Chewbacca. Unvorstellbar!

Eine Schallplatte würde ich noch gern bei Chris bestellen: Das selbstbetitelte Album der Supergroup Killer Be Killed, bestehend aus Leuten von Dillinger Escape Plan und mit Max Cavalera als Sänger. Auf Vinyl gibt’s nämlich einen Track mehr, doch Chris hat leider eine enttäuschende Auskunft für mich: Das Album ist als LP auf allen verfügbaren Kanälen ausverkauft. Wie schade, davon habe ich viel zu spät überhaupt erfahren. Chris weiß, dass das bei solchen Projekten häufig so ist, dass sie kaum richtig beworben werden und auch nicht auf Tour gehen. Wer zu spät kommt!

Micha und ich wollen nach Hause, wir begleichen die Rechnungen und schlendern durch den Handelsweg. Wir schauen im Café Drei vorbei, dem früheren Bierteufel, in dem auch – so ist der Handelsweg – Marion von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft am anderen Ende der Passage, ihr Abendessen einnimmt. Eigentlich will ich nur ein paar Flyer für die „Burning Beats“ dalassen, der Party, die wir mit Rille Elf am 3. März im Nexus ausrichten, und bekomme sofort von allen Seiten Gegenflyer zugesteckt. Die reiche ich natürlich gern weiter.

Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle gönnt sich Micha bei Tandır einen Döner und greift den Faden vom Hinweg wieder auf. Jodie Foster hat eine Episode für die britische Netflix-Serie „Black Mirror“ gedreht, bei der es um die digitale Kontrolle eines Kindes geht, und in einer anderen Episode deckt jemand per Gedankendownload Mordfälle auf. Erinnert mich doch echt sehr an „Geschichten aus der Gruft“ und diverse Hörspielreihen, wie „Mindnapping“. Die Bahn rauscht an, Micha steigt ein und schließt seinen Bericht noch schnell ab, bevor sich die Türen schließen: „Der Hamster war’s!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#123 Der kleinste Akt der Freundlichkeit

21. Januar 2018


Freitag, 19. Januar 2018

Beate schafft, was unmöglich scheint, immer wieder und heute erneut: „Anne Clark: I’ll Walk Out Into Tomorrow“, die Doku über die seit 35 Jahren aktive New-Wave-Poetin, läuft eine Woche vor dem Bundesstart in Braunschweig. Anlass und Rahmen ist die Musikfilmreihe Sound On Screen, die Beate als Vertreterin des Filmfests und des Universum-Kinos einmal im Monat mit dem Café Riptide ausrichtet. Für heute ist als After-Film-Programm ein Konzert der Band Atari Collage in dem Schallplattenladencafé vorgesehen.

Was Beate auch immer wieder gelingt, ist, das Kino auszuverkaufen. Sound On Screen hat sich im achten Jahr ihres Bestehens als verlässliche Reihe mit geschmackvollem Programm etabliert, und das honoriert das Braunschweiger Publikum mit Anwesenheit. Und mit Recht! Vor dem Film stellt Beate das Programm der Frühjahrsstaffel von Sound On Screen vor; zunächst läuft als dritter Film der laufenden Staffel im Februar „Score“ über Filmmusik an sich und nächste Woche mit „Bloodlight And Bami“ außer der Reihe eine Dokumentation über Grace Jones, dann folgen ab März „Liberation Day“ über Laibachs Auftritt in Nordkorea, „Wildes Herz“ über die linke Band Feine Sahne Fischfilet im rechts geprägten Mecklenburg-Vorpommern sowie in Zusammenarbeit mit der Initiative Jazz Braunschweig „Space Is The Place“ von Sun Ra aus dem Jahr 1974.

Bekannt und verlässlich tanzflächenfüllend bis heute sind die Hits „Our Darkness“ und „Sleeper In Metropolis“ der Londonerin Anne Clark. Obwohl beide Stücke grob dem wavigen Synthie-Electro zugeordnet sind, weckt Anne Clark Begeisterung bei einem Publikum, das nicht an Genres gebunden ist. Selbst Metalhörer sitzen heute im Kino, junge Leute indes kaum. Ja, die Hits sind aus den Jahren 1983 und 1984; seitdem hat Anne Clark eine Menge weiterer Platten in den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen veröffentlicht, und doch sind es diese beiden Lieder, für die sich die Leute auf die Tanzfläche oder eben ins Kino begeben. Eine Dokumentation über Anne Clark könnte Fans und Gelegenheitshörern also eine Menge Aufschluss geben.

Zehn Jahre lang, so kolportiert es die Info, begleitete Regisseur Claus Withopf die musikalische Poetin Anne Clark. Sein Film „I’ll Walk Out Into Tomorrow“ hat also das Potential, der Künstlerin so nahe zu kommen, wie sie es in den 35 Jahren ihrer Karriere so gut wie niemandem gewährte. Woran auch immer es liegt: Das Experiment geht gnadenlos schief. Der Fan gewinnt ein halbes Dutzend neue Erkenntnisse und der Nichtauskenner nicht wesentlich mehr. Was ist der Grund, hat der Regisseur keine Ahnung von seinem Job oder lässt die Porträtierte nicht mehr als das Bisschen zu?

Es geht damit los, dass Anne Clark zum Eingang darüber jammert, dass Plattenfirmen sie am Anfang ihrer Karriere über den Tisch gezogen haben. Damit eröffnet Withopf das Porträt mit einem Themenfeld, das man eigentlich gar nicht mit Anne Clark assoziiert: Kommerzialität, Kohle, Kapitalismus. Von Kunst keine Spur, und auch in den nächsten 80 Minuten erfährt man kaum mehr darüber. Es ist kein angenehmer Eindruck, den man so von Clark bekommt; der Film korrigiert dieses Bild nur unwesentlich, Clark wirkt verbittert, wenn sie spärlich Details aus ihrem Leben preisgibt. Nicht zuletzt die zwei Momente, die sie im Umgang mit ihren Mitmusikern zeigen, festigen den befremdlichen Eindruck von einer herrischen Dame, die rasch ungnädig sein kann.

Es kann also durchaus an Clark selbst liegen, dass der Film misslingt. Sie scheint sich die ganze Zeit über zu weigern, überhaupt mitzumachen. Wer weiß, ob sie beim Sichten des Materials nicht unablässig Szenen gestrichen hat, so dass für einen ganzen Film nur eine halbe Handvoll übrig blieben. Diese fügt Withopf nun ohne einen Hauch von Erzählstrang aneinander, getrennt durch Clarks Musikstücke. Möglicherweise greifen diese inhaltlich die vorangegangenen Themen auf und stellen so tatsächlich ein Bindeglied her; in ihrer Länge vermitteln sie eher den Eindruck von Füllmaterial, weil die reinen Erzählsequenzen zusammen keine Viertelstunde ergeben. Dabei beachtet Withopf keinerlei Chronologie; sowohl die Lieder als auch die Geschehnisse folgen keiner zeitlichen Abfolge. Vermittelnde Erklärungen, nicht nur für Neueinsteiger, fehlen vollends. Wer sich nicht zufällig mit Clarks Vita und Discografie einigermaßen auskennt, ist vollkommen aufgeschmissen. So ist etwa regelmäßig die Rede von einem Album, an dem Clark arbeitet; der Titel „The Smallest Act Of Kindness“ fällt keinmal, der Hinweis, dass das Album bereits vor zehn Jahren erschien, fehlt auch. Man könnte denken, es stünde ein brandneues Album zur Veröffentlichung an.

Withopf zeigt Clark an nur drei, vier verschiedenen Standorten, die meisten Szenen sind an ein und demselben Tag gedreht. Da begibt er sich dann einmal mit der Künstlerin nach London, um sich alte Wirkungsstätten zeigen zu lassen, die sie dann auch brav vorzeigt – und zu sehen bekommt man dabei lediglich Clark im Taxi, aber beinahe kein Stück von London. Noch schlimmer sind die Musikstücke unterlegt, nämlich mit schlechten Lettergrafiken, zumindest am Anfang, und das im Falle von „I Of The Storm“ auch noch fehlerhaft, nämlich als „Eye Of The Storm“.

Zwischendurch schimmert immer wieder durch, dass Clark sehr wohl Spannendes zu berichten hat. Doch sind diese Infos so reduziert, sogar mit Ansage, die Withopf nicht herausschnitt, dass sie auch in einem kurzen Bericht Platz gefunden hätten: Anne Clark wuchs in einem sehr gewalttätigen Umfeld auf, Sexualität war die erste nichtgewalttätige körperliche Erfahrung für die allen drei Geschlechtern gegenüber aufgeschlossene Frau, Clark ist zwar spirituell, verachtet aber Religionen, sie arbeitete eine Weile in einer Psychiatrie, die sie verließ, als die Mitarbeiter begannen, die Insassen zu drangsalieren, eine TV-Sendung über die Sex Pistols weckte den Punk in ihr, ihre Lyrik ist nicht akademisch, sondern emotional, und „Sleeper In Metropolis“ ist von einem Wohnblock in Croydon inspiriert.

Nicht erfährt man, was wann und warum geschah. Nach dem finanziellen Kollaps verbrachte sie einige Zeit in Norwegen; mehr als das berichtet niemand, den Zeitpunkt, die Dauer, den Grund für die Rückkehr. Man weiß nicht, wer die Stücke komponiert, die ihre Lyrik untermalen. Die Zeitpunkte und Orte der Liveaufnahmen und Viceoclips bleiben unerwähnt. Familienstand, Interessen abseits von Lyrik, Lebensweise, musikalische Sozialisastion: Die Künstlerin hält sich bedeckt. Und lacht auch nur zweimal. Gute Laune, so sagt sie, sei für sie nicht inspirierend.

Die Songs indes sind unantastbar. Da hat Anne Clark von Anfang an, also seit 1982, Glück gehabt: Obschon die Musik – wie knapp zehn Jahre zuvor bei Patti Smith – zur Begleitung ihrer Gedichte gedacht war, hatte sie immer Leute an ihrer Seite, die ihre Stücke auch musikalisch zu großartigen Werken machten. Und das in wechselnden Genres. Mit ihrem unverwechselbaren Vortragsstil zu diesen Songs, die keinen Popstrukturen folgen und trotzdem mitreißen, erarbeitete sie sich die Treue vieler Fans – und nicht etwa durch sexualisierte Weiblichkeit, die respektablerweise keinerlei Rolle bei der Darstellung dieser Künstlerin spielt. Das entspricht ungefähr dem Bild, das man als Publikum von Anne Clark hat.

Wer Anne Clarks Werdegang ohnehin verfolgt und bestenfalls noch ihre Semi-Autobiografie „Notes Taken, Traces Left“ gelesen (oder die Hörbuchvariante verinnerlicht) hat, ist am Ende besser bedient als mit diesem Film. Der unterstreicht höchstens die hohe künstlerische Qualität Clarks, mitnichten indes die des Regisseurs. So eine schlechte Musikerdokumentation war im Jahre 2018 und nach einer Vielzahl umjubelter Vergleichswerke, die zu einem großen Teil auch bei Sound On Screen zu sehen waren, nicht zu erwarten.

Immerhin, nach dem Film gehen die Meinungen dazu weit auseinander. Viele Zuschauer sind enttäuscht, andere jubeln. Besonders die gezeigten Songs wecken in vielen das Bedürfnis, sich einmal wieder mit Clarks Oeuvre auseinanderzusetzen. Das lohnt sich; ihre letzte Veröffentlichung war eine Single gegen Donald Trump, mit dem Titel „Donald Trumb Praesidend (Quack Quack)“, in Zusammenarbeit mit jemandem namens Ludwig London. Eher meiner Meinung ist unter anderem Micha, der uns in einer mitreißenden Anklage den Film zerpflückt. Er moniert, dass jemand zehn Jahre braucht, um Material für knapp 80 Minuten zusammenzutragen, und korrigiert seine errechnete Materiallänge mit jedem identifizierten Liveclip aus fremder Quelle.

Nur wenige Schritte weiter gelangen wir in den Handelsweg, in dessen Mitte sich nicht nur Kinogäste sammeln, um Getränke zu sich zu nehmen und auf das Anschlussprogramm zu warten. Wie vor, im und nach dem Kino schallt auch hier ein großflächiges Hallo durch den Abend, weil sich unablässig Menschen erfreut wiedersehen. Bald wummern die Beats von Atari Collage aus dem Riptide heraus, aber wir sind zu sehr in Gespräche vertieft, um uns ausführlich der Musik zu widmen. Micha zeigt Andrea, Maren, Jens und mir seine fotografierten Hunde, die er auf Instagram postete; ihm schwebt die Idee von einer Fotoausstellung im Café Riptide über wartende Hunde vor, unseren Zuspruch hat er, bei den herrlichen Beispielen, die wir zu sehen bekommen. Hunde gehen immer. Und Katzen. Schwarze.

Überraschenderweise treffen wir Schepper, seine Schwester Märry und ihren Freund Henrik in der Rip-Lounge. Sie haben Anlass zu feiern und tun dies ausgiebig. Extra dafür sind letztere zwei aus Dänemark angereist. Es bereitet mir immer ein großes Vergnügen, wenn Menschen Redewendungen aus ihrer Sprache ins Deutsche transportieren; auf Dänisch etwa ist es üblich, Ge- und Missfallen über Negation auszudrücken, ähnlich wie es Engländern nachgesagt wird. So empfindet Henrik, nachdem er Biernachschub aus dem Café holte, die Musik von Atari Collage als „nicht hervorragend“, Wolters aber als „nicht so schlecht“. Zumindest in letzterem sind wir uns einig, sofern ich die spärlich verfolgten Sounds rekapituliere, die zu mir herübergeweht waren.

So endet der Abend in einer mehr als unterhaltsamen großen Runde in der Lounge. Micha bringt noch Michel, Stef und Carsten herein, Jacqueline setzt sich dazu, das Lachen wird lauter, neue Verknüpfungen entstehen. Vom Film bleibt eine eigenwillige Enttäuschung zurück, aber nur über den Filmemacher, nicht über Sound On Screen oder irgendwen der Beteiligten; Braunschweig kann froh und dankbar sein über das, was Universum und Riptide hier präsentieren, und so umtriebig, wie Beate darin ist, exklusive Präsentationen direkt vor Ort bei den Verantwortlichen herauszuboxen, ist ihr nicht ansatzweise genügend Respekt und Dank entgegenzubringen. Und zu Hause hören wir uns einmal quer durch Anne Clarks Werk. Quack Quack.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#122 Alles bleibt so, wie es nie war

20. Dezember 2017


Dienstag, 19. Dezember 2017

Für die „Weihnachtszeit im Handelsweg“ wirbt ein kleiner laminierter Flyer, der an einer ungeschmückten grünen Tanne hängt, die wiederum am Durchgang bei Möbel Sander aufgestellt ist. Das ist aus Richtung Innenstadt der Eingang zum Handelsweg, und sämtliche Anrainer haben ein Plakat mit entsprechendem Aufdruck in ihren Schaufenstern hängen. Wie die Tanne, so sind auch die Tische und Bänke vor dem Tante Puttchen und dem Café Drei, dem früheren Bierteufel, triefnass, also nicht eben weihnachtlich bewittert. Die Wetterkarte zeigt sich gegenwärtig beinahe sommerlich, mit sieben Grad und Regen. Das Mobiliar des Café Riptide ist geschützt, über dem Achteck in der Mitte des Handelswegs spannt sich ein Segeltuch. André, Marco und Max tummeln sich darunter, die Rauchenden von ihnen rauchend, und bereiten sich auf den neuen Arbeitstag vor: Es ist 12 Uhr mittags, das Riptide öffnet. Max ist eigentlich viel zu früh da, aber da eines seiner Seminare ausfiel, beginnt er seine Schicht schon jetzt. Marco schleppt Getränkekisten aus dem Vorratskeller ins Café, Andre klebt ein Plakat an die Thekenfläche, Max bindet sich die Serviceschürze um. Die ersten Gäste trudeln ein, kaum dass die Tür geöffnet ist.

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke oder guten Vorsätze. Eskapistische Kontemplation. Oder so. Oder nicht: Mich interessiert, was meine Gesprächspartner in diesem Jahr anders machen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu. Die erste Antwort gibt der Chef: „Meinen Urlaub planen“, sagt André. Das klingt jetzt eher nach der Betonung auf „planen“ statt auf „Urlaub“. André bestätigt das.

André: „Ich habe einfach meinen Resturlaub zerschlagen, ich hatte noch ein paar Tage, die habe wich wahllos genommen, außerhalb der Möglichkeit, mal wegzufahren – der ist einfach verpufft. Sonst nichts, wirklich. Es war ein wohlgesonnenes Jahr.“

Seine Aufmerksamkeit gilt jetzt aber ganz der Kundschaft, dem schließe ich mich an, wenn auch anders. André findet in der Küche seine Aufgaben, ich setze mich zu Jenny und Franzi an den Tisch.

Franzi: „Das ist eine schwierige Frage, ich hatte ein extrem schönes Jahr. Ich würde nichts anders machen – so platt das klingt.“

Jenny: „Ich hatte auch ein supergutes Jahr. Ich würde versuchen, mir ein bisschen mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen. Sonst war alles gut.“

Die beiden wenden einander zu und setzen ihr Gespräch fort, Max bringt die bestellten Getränke. Am Nachbartisch sitzt die nächste Franzi, mit Ann-Cathrin plaudernd. Auch hier gesellt sich Max alsbald dazu und liefert das Bestellte ab. Ich richte meine Frage an die beiden. „Bezogen aufs Riptide?“, fragt Franzi gegen. „Hier kann man nichts besser machen, seit der Renovierung.“ Nein, so allgemein, das eigene Leben betreffend. Aber ich vermute, dass ihre Aussage hier dennoch auf einiges Wohlwollen stoßen könnte.

Franzi: „Ich hätte meine Praxisstelle an der Uni nicht angenommen, sondern gewartet. Das waren vier Monate verschwendete Zeit. Ich habe nichts gelernt außer: Katzen sind eklig. Und Kaffee konnte ich vorher schon kochen. Ich mag Katzen, aber der Kater dort ist eklig. Meine Aufgabe war, den Kater von den Akten wegzuräumen. ‚Oh, hat er dich gebissen?‘ – ‚Ja, der hat mich gebissen.‘ Mehr Aufgaben hatte ich nicht und außer, dass die Katze mich gebissen hat, ist da nichts passiert. Ich habe mir letzte Woche eine neue Stelle genommen, das würde ich auch wieder machen.“

Während ich mitschreibe, wirft Franzi einen Blick auf meinen Blogblock und meine Sauklaue. Sie wundert sich, dass ich das lesen kann, und ich erzähle, dass ich mir mein Eigensteno seinerzeit bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung aneignete. Da entgegnet Franzi, dass sie in Fallersleben aufgewachsen ist und dass Max, einer ihrer Freunde, früher in einer Band spielte, die im Jugendzentrum Forsthaus ihren Übungsraum hatte. Ins Blaue tippe ich auf Revolt und liege richtig. Von denen habe ich sämtliche CDs im Regal, dank des Wolfsburger Labels Kernkraftritter Records. Kleine Welt.

Ann-Cathrin: „Ich würde mich im Sommer mehr disziplinieren und dann meine Hausarbeit schreiben, anstatt es in den Winter reinzuschieben. Ich hatte im Sommer eigentlich mehr Zeit, als ich jetzt im Winter habe. Vielleicht. Man weiß es nicht.“

Franzi wirft lachend ein, dass ich an den beiden Antworten erkennen müsste, es mit Studentinnen zu tun zu haben. Erkenne ich! Und setze mich einen Tisch weiter, zu Gunnar und Joana, die meine Frage im Dialog beantworten, bevor sie ihre Bestellung bei Max aufgeben, woran ich sie mit meiner Frage hindere. „Schäm dich“, sagt Max und grinst. Gunnars erste Antwort ist ein interner Scherz: „Die Brille gleich bei Fielmann kaufen.“ Joana stellt fest: „Das ist schwierig, weil es eigentlich ein gutes Jahr war.“ Ich höre ein „eigentlich“. „Es ist natürlich nie perfekt“, sagt Gunnar, meint aber auch, dass es eigentlich nichts zu bemängeln gab.

Joana: „Öfter mal wegfahren, mal einfach einen Tag, ans Meer fahren. Am Meer waren wir nur einmal, zwei Wochen zwar, aber nur einmal.“
Gunnar: „Und Silvester, da sind wir spontan ans Meer gefahren.“
Joana: „Stimmt. Matratze ins Auto und im Auto geschlafen. So was müssten wir öfter mal machen.“
Gunnar: „Vielleicht spontaner sein, das kann man festhalten dafür.“

Wo am Meer waren sie denn? „Sankt Peter-Ording, an Silvester“, erzählt Joana, und Gunnar ergänzt: „Das andere Mal waren wir in Schweden, auf Öland.“ Herrlich, beides. Öfter als zweimal habe ich es dieses Jahr auch nicht ans Meer geschafft, für mich eine schwache Quote. Dabei sind Nord- und Ostsee in gerade zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Das hab ich in anderen Jahren ausgetestet.

An der Theke bestellt Verena zwei Milchkaffees, einer davon ist für Marion, der Chefin von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft schräg gegenüber. Die Wartezeit nutzt Verena für ihre Antwort. „Dieses Jahr war eigentlich ganz schön gut“, beginnt sie. „Vielleicht würde ich etwas eher machen, höchstens.“ Sie sinniert: „Ich scan jetzt alles durch – eigentlich lief alles ganz gut.“ Eines fällt ihr dann doch ein: „Ich war jetzt dieses Jahr einmal mit meiner Mutter weg, ich würde nächstes Jahr zweimal fahren.“ Sie stoppt und murmelt vor sich hin: „Ökostrom, Kinder, mehr arbeiten kann ich nicht, Schrottauto, alles…“

Verena: „Ich bin dieses Jahr mit meiner Mutter weggefahren, die hatte einen Schlaganfall, schon vorher, ich habe gemerkt, wie gut uns das tut. Danach – öfter mal eine Auszeit nehmen und wegfahren, das ist nur für mich. Mit meiner Mutter war ich in Hann-Münden, nur eine Nacht, aber es war super. Meine Mutter mit Rolli, mit Rollatorporsche. Auf der Hinfahrt sind wir ausgestiegen, wo es gepasst hat, an der Seenplatte an der A7, bei Northeim, da sind wir runtergefahren, die Viecher gucken, Wasservögel, hat gut geklappt, wir haben alles gleich gefunden, Hotel und alles, ohne Schnickschnack, Navigatorscheiß.“

Die beiden Milchkaffees sind fertig. Christel heiße ihre Mutter, erzählt Verena noch, und dass Marion nicht ihre Chefin ist, sondern ihre Freundin, und dass sie bei einer Architektin arbeitet. Max händigt ihr die Getränke aus, und zwischen zwei Bestellungen gibt er mir auch eine Antwort.

Max: „Ich hätte mich mehr engagieren sollen, politisch, in Anbetracht der sich immer zuspitzenderen Lage, da sollte man sich besser einbringen – das ist mein bester Vorsatz für 2018.“

Eigentlich würde ich auch Marco gern noch interviewen, doch der ist mit Kisten bepackt und sagt: „Ich hab keine Zeit, ich muss jetzt in den Keller.“ Joana begleicht bei Max ihre Rechnung und erwirbt einen Geschenkgutschein für Gunnar, allerdings nicht für sich selbst, sondern für ihre Mutter, der sie bereits zu ihrem Geburtstag einen Riptide-Geschenkgutschein schenkten, den diese aber aus Zeitmangel noch nicht einlöste, was sie nun mit Gunnar gemeinsam unternehmen will, der deshalb von diesem Geschenk auch schon vorher weiß. Joanas Vater organisierte einen Plattenspieler: „Dadurch ist meine Mutter wieder auf den Geschmack gekommen.“ Max grinst: „Das ist taktisch unklug, ich hab‘s meiner Mutter ausgeredet und ihre Platten bekommen.“ Joanas Mutter dürfte ungefähr in meinem Alter sein. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, was ihre Mutter sich aussuchen würde. Joana denkt eine Weile nach: „Nein, keine Idee.“

Auch Ann-Cathrin und Franzi zahlen, eine von beiden hatte die Suppe der Woche, die Brokkolisuppe. Vergangene Woche war es die Möhren-Ingwer-Suppe. Mir begegnete eine Nachbarin im Supermarkt, die sich ein Bund Möhren kaufte, weil sie an der Suppe Gefallen gefunden hatte und diese nun rezeptlos nachkochen wollte. Solche Kreise zieht das hier.

Am Fenster bei den Plattenspielern sitzt Ole. Er hat die neuen LPs durchgeguckt und findet nun Zeit für meine Frage.

Ole: „Ehrlich gesagt: nichts. Weil ich eigentlich ziemlich zufrieden bin. Vielleicht würde ich weniger meckern und mehr mein Herz öffnen und mehr Initiative ergreifen und auf mein Herz hören und das tun, was mein Herz mir sagt. Quasi nach innen gehen, nicht im Außen alles haben wollen. Aber ich finde, ich habe es ganz gut hinbekommen für das, wie ich es konnte. Deshalb bin ich ganz zufrieden. Man kann ja nur machen, was man kann. Und lernen, deshalb ist es okay, wenn man was draus lernt.“

Da bin ich mit ihm einig, mit Hätte-hätte-Fahrradkette ist einem nicht geholfen, sofern man aus dieser Erkenntnis für die Zukunft keine alternative Handlungsweise ableitet. Ich verabschiede mich von Ole und quere den Raum. Ans andere Fenster setzen sich Uwe und Michael. Max trifft mit mir bei ihnen ein: „Moin, kann ich schon was bringen?“ Uwe nickt: „Ja, mach mal.“ Sie finden dann aber doch noch zu mehr Präzision. Michael scherzt, als ich meine Frage formuliere: „Uwe würde nicht mehr die FDP wählen.“ Das findet Uwe nicht so witzig. Vergangene Woche erzählte er mir noch, dass er in Hamburg zu einem Gorillaz-Konzert mitgenommen wurde, das ihm nicht gefiel, und dass er dann herausfand, dass parallel seine liebste Entdeckung des Jahres spielte, The Dead South nämlich.

Uwe: „Mein Reinfall des Jahres: Das Gorillaz-Konzert.“

Michael: „Ich würde mehr Platten im Riptide kaufen.“

Noch mehr oder nicht mehr, hakt Uwe nach, und doppelnegiert: „Nicht keine Platten im Riptide gekauft haben würden.“ Am Freitag waren wir mit Rille Elf in Harrys Bierhaus, auflegen zum „Ball im Bierhaus“, nur konnte ich nicht dabei sein, leider. Uwe erzählt, dass schön viel los war und viele auf der kleinen Tanzfläche tanzten. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wieder an Bord.

Meine Verabredung trifft nun ein und stöbert sich durch die Platten. Die neue Godflesh fällt Arni sofort ins Auge, neben den vielen anderen attraktiven Schallplatten, die das Riptide so feilbietet. Nachdem wir uns an einen der freien Tische setzten, bekommt auch er meine Frage zu hören.

Arni: „Nicht viel, irrwitzigerweise. Ich hätte mir gewünscht, dass ich viele Sachen machen hätte können. Ich wäre gern aktiver gewesen, aber aufgrund der Jahre davor war Ruhe angesagt und ich bereue das auch nicht. Es hat den Vorteil, ich hab einen prima Vorsatz, der sich daraus ergibt fürs nächste Jahr, nämlich wieder aktiv zu werden, jetzt, wo ich Kraft getankt hab.“

Während wir plaudern, schlendern Stef und Maike an unserem Tisch vorbei. Die beiden tauschen sich eine Weile lang intensiv aus, und als Maike im Aufbruch begriffen ist, kommt auch sie an meiner Frage nicht vorbei.

Maike: „Ich hätte wahrscheinlich meine Elternzeit verlängert und wäre noch länger bei meiner Tochter zu Hause geblieben.“

Die Tochter ist auch der Grund für ihren schnellen Abschied. Stef gesellt sich daher zu Arni und mir.

Stef: „Man muss mehr seiner Rolle in der Welt, die man intuitiv weiß, nachkommen. Jeder hat so seine Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, die man nur bedingt verändern kann, die man aber manchmal wegdrängt. Das bedeutet, dass man dann Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen sollte. Manche Leute meinen, sie müssten Rollen einnehmen, die eigentlich nicht ihnen entsprechen, sie hören nicht auf ihre Intuition.“

Auch wen Stef das sehr allgemein formuliert, verbirgt sich dahinter eine persönliche Erfahrung. Wir diskutieren noch eine ganze Zeit herum und kommen vom Hölzchen zum Stöckchen, vermehrt lachend.

Was würde ich denn selbst anders machen? Vermutlich nichts. Ich habe viel Gutes und Schönes erlebt und erfahren, aber auch viel Kraftraubendes und Schlechtes. Aber da bin ich ganz bei Ole: Wäre ich zu anderen Richtungen in der Lage gewesen, hätte ich sie auch eingeschlagen, alles andere ist Lernen und im Lauf verbessern. Oder Schicksal. Na, öfter ans Meer hätte ich bestimmt auch fahren können. Aber dann wäre weniger Zeit fürs Riptide gewesen, und das geht ja gar nicht!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#121 Trendsport Salzball

18. November 2017


Freitag, 17. November 2017

Wer zum Geier sind die Salty Ballz? Dieser Abend soll Uneingeweihten Antwort geben. Die Frage indes stellt sich nur denjenigen, die den dritten Teil des Metal-Malbuchs aus dem Verlag Andreas Reiffer mindestens durchgeblättert haben, denn in dessen Mitte findet sich das Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“ dieser Band, zu der es keinerlei Informationen im Internet gibt. Scharfe Augen erkennen in der rechten unteren Bildecke des Covers einen deutlichen Hinweis und ich den Träger dieses Hinweises sowie den Verleger am Eingang des Café Riptide.

Es ist halb acht, bei Stefan stehe noch Bücherkisten vor Comiculture, bei Helmut in der Strohpinte ist gut etwas los, aus der Einraumgalerie dringt Garage Rock, die Rip-Lounge ist gemütlich illuminiert, im Achteck vor dem Riptide stehen Pott und Andreas, beide in Salty-Ballz-Hoodies. Sie wollen mir erklären, wie es möglich ist, sämtliche Spuren dieser Band im Internet zu löschen, doch ich lehne dankend ab. Die beiden präsentieren heute „Wer malen will, muss voll aufdrehen“, das dritte Malbuch mit Metal- und Rock-Album-Covern, das Pott alias Patrick Schmitz mit Ideengeber Renatus Töpke bei Andreas Reiffer veröffentlichte. Pott hat für die Beschallung des Ereignisses eine Playlist erstellt, die viele Undergroundbands beinhaltet, und er nennt exemplarisch die Thulsa Doom aus Norwegen, die er auch für ihre Songtitel feiert, und das Label Bad Omen Records.

Auch das Riptide selbst ist anheimelnd ausgeleuchtet: Im Cafébereich sind die weißen, von Chrisse Kunst bemalten Lampen und der Spot auf den Mirrorball die einzigen Lichtquellen, den Schallplattenbereich räumt Chris gerade für die Show frei und lässt dort auch nur eine Lampe in der Ecke mit dem DJ- und Bücherpult eingeschaltet. Schepper lehnt an den abgedeckten LP-Boxen und trinkt Tee, ich habe etwas für ihn dabei, meine alte Lederjacke nämlich. Alex, die nachher die Kasse macht, auch: eine Tüte mit Perücken, Tattooärmeln und aufblasbaren Luftgitarren. Schepper fischt sich den Tattooärmel heraus, an dem Rest sollen andere noch Freude haben.

Nachdem Chris seine Arbeit abgeschlossen hat und sich wieder der Theke widmet, schichten Andreas und Pott Buch um Buch mit dem Schwertpunkt Metal aus dem Verlagsprogramm auf das Pult, und natürlich auch die drei bisherigen Malbücher. Axel, der bereits in Andreas‘ Verlag veröffentlichte, kommt dazu, begrüßt mich und dann Schepper mit Umarmung und undefinierbaren Verbaläußerungen und dann Andreas und Pott mit dezentem Handschlag und freundlichem „Guten Abend“. Wir wundern uns über diesen Unterschied. „Bei denen bin ich förmlicher“, erklärt Axel. „Hab ‘ne Geschäftsbeziehung.“

Heute ist die Fritz-Kola das Getränk meiner Wahl. Auf der Theke erinnert ein Schild an „free fallin“ Tom Petty, der am 2. Oktober starb. Für mich wäre Chuck Mosley auch so ein Schild wert gewesen, der Sänger der ersten beiden Alben von Faith No More. Pott drückt Schepper einen Stapel soeben ausgeschnittener Salty-Ballz-Sticker in die Hand. „Soll ich die auch draußen verteilen?“, fragt Schepper. Pott winkt ab und ihn davon: „Hauptsache, du bringst sie unter die Leute.“ Schepper nickt: „Dann lege ich sie unter die Leute.“

Zwischen die Bücher stapelt Andreas kleine Pizzaboxen, die alle drei Metal-Malbücher sowie einen Satz Buntstifte enthalten. Nur 99 Stück gibt es davon. Bunte, ein Neonfarben gehaltene Becher reiht er daneben auf und bestückt sie mit Buntstiften. Pott zerschneidet weitere Sticker-Paletten. „Oh nein“, ruft er, „jetzt hab ich in einen Aufkleber geschnitten.“ Schepper blickt auf einen der intakten und sagt: „Jetzt heißt es ‚alty Ball‘.“ Mit einem Edding schreibt Pott ein Plakat für den ausgelobten Luftgitarrenwettbewerb. Er stockt und fragt: „Wie schreibt man Gitarre, mit Doppel-R oder Doppel-T?“ Doppel-A, schlage ich vor, doch Andreas sagt: „B, A, Doppel-S.“ Schade, dass Schepper das grad nicht gehört hat.

Also, gemeinsames Ausmalen der Malvorlagen aus dem Buch, Luftgitarrenwettbewerb, was ist noch geplant? Bei der Ankündigung einer Release-Veranstaltung zu einem Malbuch erinnerte ich mich an die Lemmy-und-die-Schmöker-Show im Antiquariat Buch und Kunst, bei der das Cartoonistenduo Rattelschneck geladen war, Cartoons an die Wand projizierte und die Sprechblasen vormurmelte. Ein grandioser Abend. So soll es heute nicht werden, aber der Bassist der Salty Ballz gibt noch Autogramme, sagt Pott, und erklärt, dass das konsequent sei, stünde doch im Klappentext des dritten Malbuchs, dass der gestorben sei. Alex an der Kasse nimmt immer wieder Luftgitarren in Empfang und legt sie zu den anderen auf den LP-Boxen mit der Second-Hand-Ware. „Wie, Luftgitarre?“, fragt Stef irritiert, die mit Benedikt eben den Eintritt löste. „Das wusste ich alles gar nicht.“ Sie kündigte auf Kult-Tour Der Stadtblog die Veranstaltung gestern noch ohne diese Kenntnisse an. „Ich dachte, es wäre eine Malveranstaltung mit Musik.“ Pott am DJ-Laptop nickt: „Ist es ja auch.“

Stef stellt uns Benedikt vor. „Besucht ihn im Schlosscarree“, sagt sie. Dort hat er nämlich die Ausstellung „Zinkenpark Holz bewegt“. Benedikt bestätigt: „Ich bin morgen ab 10 Uhr da, und immer samstags, bis zum 1. Dezember.“ Stef zeigt Fotos und erklärt einiges zu der Schau, über Murmelbahnen, vor Ort gebauten und verkauften Kugelschreibern, eine Wippe, die auch Erwachsene nutzen können, eine Sitzbank aus einem Türblatt, Kinderfahrzeuge aus altem Werkzeug, einem Karussell. „Das ist gegenüber der Galerie auf Zeit“, sagt Stef, „schon ganz geil.“ Benedikt ist dabei gar kein Zimmermann: „Ich bin Facharbeiter für Holzverarbeitung.“

Die nächsten Gäste am Büchertisch sind Frank, Till und Helge. „Na, ihr Pfeifen?“, begrüßt Frank Schepper und Axel. Till macht den Leisefuchs und Helge interessiert sich für die ausgelegten Bücher. Ihm fällt das „Braunschweig-Malbuch“ von Roberta Bergmann ins Auge, das aber mit den Metal-Malbüchern nur gemein hat, dass es in Andreas‘ Verlag erschien. Andreas erklärt, dass das Besondere daran ist, dass man Braunschweiger Sehenswürdigkeiten nicht einfach auszumalen hat, sondern zu ergänzen, zum Beispiel die fehlenden Bilder im Herzog-Anton-Ulrich-Museum oder den Fußball von Konrad Koch. „Weitermalen, nicht nur ausmalen“, sagt Andreas.

Frank, der mit Till und Axel das Heavy-Metal-Lesetrio „Read ‘em All“ bildet, war vor 30 Jahren Mitglied der Band Salem‘s Law, deren Cover zu „Tale Of Goblins‘ Breed“ im dritten Malbuch enthalten ist. Jetzt drängt Frank nämlich mit seinen Ex-Bandmitgliedern Stefan und Volker zum DJ-Pult vor und beschwert sich grinsend bei Pott: „Du hast mir vier Belegexemplare geschickt, aber wir sind fünf in der Band!“ Aus dem vorbereiteten Ausmalstapel vor mir reiche ich Stefan das Cover von Salem‘s Law. Das war ein Volltreffer, ein versehentlicher: „Das habe ich gemacht“, sagt der Gitarrist. Und zwar nur das. Er war ansonsten gar nicht gestalterisch aktiv, nicht vorher, nicht danach. „Wir brauchten damals ein Cover, da hab ich einfach angefangen“, erzählt Stefan. „Wir hatten Kunst in der Schule“, sagt er schulterzuckend. „Ich war gut im Plagiieren.“ Auch das Cover von „Tale Of Goblins‘ Breed“ sei teilweise plagiiert, aber die Quelle gibt er nicht offiziell preis. „Das Bild ist getuscht, mit Tusche“, erzählt er weiter. „Eigentlich wollte ich das mit Airbrush machen, aber ich hatte die Zeit nicht, mich mit Airbrush zu beschäftigen.“ Er sinniert: „Heute würde man das in Photoshop machen.“ Meine Ausmalvorlage des Covers reicht er an Andreas zurück: „Ich leg‘s wieder hin, ich hab‘s ja schon mal ausgemalt.“ Sogar in Textil: „Wir haben T-Shirts mit dem Cover gedruckt, in Schwarzweiß, davon hab ich zehn Stück ausgemalt, mit Klamottentusche, erst nur für mich, dann kamen Leute, ‚oh, ich will auch so eins‘.“

Jetzt beginnt der offizielle Teil, Andreas und Pott ergreifen das Mikrofon. Der Ideengeber Renatus sei erkrankt, berichtet Andreas, lasse aber grüßen: „Ich glaub, es ist die Männergrippe.“ Er berichtet, dass Renatus mit dieser Idee und einer Liste von einverstandenen Metalbands an ihn herangetreten sei: „Ich hab noch nie so kurz überlegt, ob ich etwas mache.“ Nicht nur Metal sei im ersten Buch enthalten, auch Rock, zum Beispiel Die Ärzte, mit dem vergleichsweise schlichten Cover zu „Die Bestie in Menschengestalt“, aber auch Komplexes wie Flotsam And Jetsam. „Doomsday For The Deceiver“, grunzt Helge neben mir und nickt anerkennend. Frank wirft ein: „Da kann man schon Metal zu sagen.“

Illustrator Pott erläutert den Produktionsprozess: „Das Spannende ist, man muss nix neu kreieren, sondern nur Metal-Cover zum Ausmalen machen, das geht flott, da hatt ich ein bisschen Bock drauf.“ So richtig flott gingen nicht alle von der Hand, Andreas hält exemplarisch die LP „Terminal Earth“ von Scanner hoch, mit einigem Nebel auf dem Cover. Da sei es schwierig gewesen, den Nebel in Outlines darzustellen, so Pott: „Da muss man seinen eigenen Stil einfließen lassen.“ Das Schönste sei für ihn „A Twist In The Myth“ von Blind Guardian gewesen: „Da denkt man, das ist einfach, aber der Drache, mit Outlines – wo hängt der Fuß?“, Pott grinst: „Da muss man aufpassen, dass es nicht wie ein Klumpen aussieht.“

Renatus habe Andreas „im Fieberwahn“ gefragt, ob ein vierter Teil auch noch drin sei, und „To Hell With The Devil“ von Stryper vorgeschlagen. Pott nimmt den Vorschlag auf: „Der vierte Band soll true bleiben, das wird ein christliches Metal-Malbuch, mit christlichem Doom-Metal.“ Andreas kehrt zu Details zum neuen dritten Buch zurück, er nennt Salem‘s Law. Das Publikum bleibt still, er wundert sich: „Ich will was hören!“ Endlich brechen die anwesenden Bandmitglieder und deren Fans in Jubel aus. Doch beinhalte das Buch eine Band, die „noch legendärer“ sei: Salty Ballz. „Der Sänger hat das Vorwort geschrieben“, verkündet Andreas.

Jetzt schwenkt Andreas ins Programm des Abends über: „Eine Lesung ist schlecht möglich“, stellt er fest. „Obwohl heute internationaler Vorlesetag ist, aber wir haben andere Sachen mit euch vor.“ Da wäre der Malwettbewerb, für den er die Buntstifte und Malvorlagen an den Tischen verteilt. „Ihr könnte auch was dazumalen“, regt er an. Vorn steht eine Box bereit, die die mit Namen versehenen Beiträge aufnimmt. Preise gibt es auch, so Pott: „Salty Ballz haben uns Merch zur Verfügung gestellt.“ Eine Jury soll auch noch gebildet werden, zwei Freiwillige sind dafür erforderlich, es melden sich Helge und Ulrike. „Und wir haben einen Überraschungsgast“, sagt Andreas: „Ein prominenter Musiker, der signieren wird.“ Pott ergänzt den Luftgitarrenwettbewerb, für den es Preise und bei Bedarf Verkleidungen gibt, aber eine aus Zeitgründen limitierte Teilnehmerzahl. „Imitiert?“, versteht Helge neben mir. Pott nickt und ergänzt „ein kleines Wortspiel: Wer zuerst kommt, ha-ha, malt zuerst“. Das Publikum quittiert das mit einem einmündigen „Höy!“

Die Musik metalt, das Publikum malt, Karsten und Axel unterhalten sich biertrinkend an der Theke. Vielschreiber Axel hat seit einem Jahr nichts veröffentlicht, und Karsten berichtet, dass er von Axels Plänen zwar weiß, die aber geheim seien. „Die sollen erstmal die alten Bücher leerkaufen“, sagt Axel lachend. Auch Karsten hat Projekte am Start, erst heute erhielt er von einem renommierten Verlag die Anfrage, ob er zu einer Sammlung einige Cartoons beisteuern wolle. Im Frühjahr gebe er dazu Genaueres preis: „Das ist auch noch geheim.“

Jetzt ist es so weit, Der Bassist der Salty Ballz tritt an das Pult. Wilde schwarze Mähne, Lederjacke, Shirt der eigenen Band, knallenge Jeans, Cowboystiefel, Sonnenbrille: Aaron Jeffreys, der sich als AC vorstellt. „Ich spreche ein bisschen Deutsch“, radebricht er amerikanisch, „das ist einfacher für euch.“ Er blickt sich im Riptide um: „Ihr wisst gar nicht, was ihr für ein Juwel hier habt“, sagt er. „Braunschweig ist besser als LA, vor allem seit den Nineties.“ Er nimmt Bezug auf die Geschichte, er sei mit einer geleasten Corvette verunfallt: „Das stimmt nicht, die war gestohlen.“ Er setzt nach: „Von mir.“ Vince Neil sei die gefahren. „Ich saß auf der Rückbank und hatte Besseres zu tun als zu fahren.“ Außerdem lobt AC die Idee der Metal-Malbücher: „Mandala ausmalen sucks.“ Ich lasse mir natürlich sofort auf mein Salty-Ballz-Cover ein Autogramm geben. So riesig ist der Ansturm gar nicht, denn die meisten Anwesenden haben Schepper sofort erkannt, was bei der Verkleidung echt eine Leistung ist.

Das Cover des Graveyard-Albums hat Katzleen gestaltet und steckt es in die Box. „Weil‘s mir einfach gefällt“, erläutert sie ihre Motivwahl. „Ich habe vollkommen nach Optik entschieden.“ Sie arbeitet beim Stadtmagazin Subway, das diesen Monat seinen 30. Geburtstag feiert. „Ich habe ich meinen Freund mitgeschleppt, der zwar nicht malt, aber Metal mag“, erzählt sie. „Es ist total verrückt, mal nicht zu Hause zu malen, sondern hier mit vielen Leuten.“ Das Malen ist ihr also vertraut. „Zu Hause aber nicht Ausmalbücher“, bestätigt sie, „und nur zur Entspannung.“

Eben noch poste Volker mit Frank – in orangefarbener Perücke – und AC zu einschlägigen Metal-Hits aus Potts Playlist, jetzt erzählt er Schepper und mir einige Details zur Geschichte von Salem‘s Law. „Wir sind hier heute nur zu dritt, weil Kui kein Whatsapp hat“, stellt er feixend voran. Zum Schluss bestand die Band aus nur vier Leuten, ansonsten immer aus fünf: „Zur Album-Veröffentlichung waren wir fünf.“ Der Sänger war Backi: „Den haben wir irgendwann ausgetauscht gegen Harro, das hat aber auch nix gebracht.“ Als sie nur zu viert waren, übernahm Kui den Gesang: „Aber Kui hat ja kein Whatsapp.“

Die Original-Salem‘s-Law mit Backi als Sänger treffen sich auch heute noch. „Cool“, findet Schepper. „Und weißte, warum?“ fragt Volker. „Weil‘s irgendwann Emails gab.“ Einer hatte noch Kontakt zu einem zweiten und trommelte übers Internet die ganze Band zusammen. Zuerst checkten alle ab, ob man sich noch mag: „Und aus einem ‚Mann, seid ihr fett geworden‘ ist ein Stammtisch geworden.“ Schepper erzählt, dass er das von seiner ersten Band auch so kennt. Als „Die drei B“ bezeichnet er das erste Wiedersehen nach Jahren: „Bärte, Brillen, Bäuche.“ Er erzählt, dass irgendwann einer zu einem Treffen mit einer halben Kiste alkoholfreien Bieres ankam und alle sich freuten: „Früher hätten wir den verhauen.“

Das zweite Album von Salem‘s Law gibt es ausschließlich als Bonus zu „Generation Rock“, einem Buch von Frank Schäfer. „Da waren wir zu viert“, erzählt Volker weiter. Zwischen den Alben nahm die Band mit Harro ein Demo auf, nur etwa drei Songs. „Damals wart ihr auch im Fernsehapparat“, erinnert sich Schepper. Volker bestätigt, bei Tele 5, im Rahmen der Sendung „Hard And Heavy“, die ein Pendant zu „Headbanger‘s Ball“ auf MTV gewesen sei. Dort gab es Konzertausschnitte und ein Interview mit Salem‘s Law zu sehen, „das war mit Backi“.

Was ich nicht wusste, ist, dass es vor fünf Jahren auf einem polnischen Label ein Rerelase des vergriffenen und teuer gehandelten „Tale Of Goblins‘ Breed“ gab, mit fünf Livetracks als Bonus. „Die Originaltapes aus dem Studio gab‘s leider nicht mehr“, bedauert Volker. Damals habe die Band lediglich einen Demo-Mix zur Vorlage beim Label angefertigt, aber: „Das Label hat gesagt, ist geil genug“, so Volker. Und er stimmt der Aussage zu, nach entsprechendem Feedback von anderen Labelbetreibern: „Das war genau richtig, das hat das Rohe, Rauhe, ist nicht so glatt wie mit Seide überzogen.“ Für das Remaster hatte Volker „glücklicherweise“ noch ein DAT-Band von den Aufnahmen.

Die Künstler sollen jetzt gekürt werden, Ulrike, Helge, Andreas und Pott sind sich einig. „Die Kürung fiel uns schwer“, sagt Ulrike und schwärmt: „Es war uns eine Wonne, euch zuzusehen.“ Sie spricht von „harten Kämpfen“ in der Jury, „Pott sagt Streit, ich sage harte Kämpfe“. Die Auswahl sei nach Motiv erfolgt, sagt sie, und Pott quittiert dies mit einem knappen „nein“. Harte Kämpfe, in der Tat! Zwei dritte Plätze lobt die Jury aus, für Ben und für Kassiererin Alex, dafür keinen zweiten und weitere zwei erste, wiederum für jemanden namens Alex und für Katzleen. Der oder die zweite Alex lässt sich indes zur Preisübergabe nicht blicken. „Wo ist Alex?“, fragt Pott. „Hier gewinnen und dann nicht abholen, das haben wir gerne.“ Er grinst: „Es war vorher abgemacht, wer gewinnt und nicht abholt, zahlt die Zeche für uns.“

Zu den Preisen gehören Malbücher und Salty-Ballz-Jutebeutel, die Pott und Andreas auch beim abschließenden Luftgitarrenwettbewerb vergeben. „Tü-ten, Tü-ten“, skandiert das aufgebrachte Publikum unablässig, während wiederum Ulrike und Alex ihre Luftgitarren zu Wolfmother und Iron Maiden schwingen. „Zwei Leute ist ein Contest“, meinte Andreas im Vorfeld zuversichtlich, weil einige Nominierte ihre Namen von der Liste strichen. Die Stimmung kippt ins Ausgelassene. Pott startet Maiden. „Lauter“, brüllt das Publikum, und als Pott lauter dreht, „schneller!“ Pott revanchiert sich, indem er den Unmut der Gäste damit erregt, dass er despektierlich von „Iron Dings“ spricht. Tumult, Aufruhr und Empörung! Also ein Fest.

Es ist nach Mitternacht, ich begleite AC in den Backstagebereich, der sich ganz Rock‘n‘Roll-like im Eingang schräg gegenüber in der früheren Toilette des Riptide befindet. Die anderen Jungs sind neidisch auf mich. Die Mädels nicht so. Wir werden alle nicht jünger. Hauptsache, die zuckerfreie Cola knallt noch ordentlich rein. Metal!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#118 Die Spur des Raaben

30. August 2017


Dienstag, 29. August 2017

Es ist dies fraglos ein seltsamer Sommer, und ebenso fraglos sahen die jüngst zurückliegenden Sommer nicht wesentlich anders aus. Vielleicht waren sie weniger kalt als dieser, aber nass, unbeständig und gewittrig sind die Monate von Mai bis September schon länger. Man vergisst das so schnell. Heute ist es ausnahmsweise einmal warm und sonnig, das ist selten in diesem Jahr. „So schlecht war der Sommer gar nicht“, widerspricht André, aus der Küche kommend. „Doch“, entgegnet Chris am Kassen-PC: Achtzig Prozent seien nass gewesen. Dazu fällt mir der Satz ein, den Juri vom Critical Mass Ride letztens beim Einkaufen zu mir sagte: „Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei, dann wird es endlich wieder warm.“ Heute zum Beispiel, und alle Gäste sitzen natürlich draußen, im Achteck, im hellen Licht, wenn auch nicht in der Sonne, weil die es zwar nicht direkt zwischen die Häuserwände des Handelswegs hindurch schafft, aber immerhin eine ungewohnte Helligkeit und Wärme verbreitet.

Im Café selbst sitzt so gut wie niemand. Wer an die Theke tritt, tut dies zum Bestellen oder Begleichen der Rechnung für bereits Bestelltes. Einen veganen Cupcake und einen Kaffee ordert Sue bei Chris, nicht nur für sich, und sie möchte gern die Verpflegungsmittel zusammen mit einer Schallplatte per Karte bezahlen, was durchaus möglich ist, wie Chris ihr gern versichert, „wenn die Platte da ist“. „Ist sie“, sagt Sue, „ich hab sie schon gesehen.“ Sie hüpft zum entsprechenden Fach, begleitet von Chris, „von Johnny Cash, ‚Live At murmelmurmel Prison‘.“ Chris ergänzt „Folsom“ und Sue nickt froh. Gemeinsam fischen sie das Vinyl aus dem Fach, und während Chris mit ihr zur Theke zurückkehrt, erzählt er Sue von den Umständen des Konzertes, vom Gefängnisleiter, der Cash bat, die Gefangenen nicht mit Gefängnisliedern an ihren Standort zu erinnern, sondern mehr Liebeslieder zu spielen. „Und was macht er?“, fragt Chris und antwortet selbst: „Er spielt nur solche Lieder – das war Punkrock!“ War das nicht auch das Konzert, bei dem das berühmte Stinkefingerfoto entstand? „San Quentin“, wirft André ein, der zufällig aus der Küche kommt. Und es scheint, als sei die LP nicht für Sue selbst, sondern ein Geschenk. Sue nickt: „Das ist Tradition bei uns in der Familie: Valentinstag ist bei uns das ganze Jahr über.“

Der erste runde Geburtstag steht für das Café Riptide an, genau am 16. September wird es zehn Jahre alt. Zufällig ist das dieses Jahr ein Samstag, das wird ein langes Wochenende. Die Pläne stehen schon, weitgehend, berichtet Chris. Zehn Jahre. Ich war am ersten Tag hier und bin es immer noch. Für mich ist das Riptide immer neu, jung, frisch. Und dann stehen einmal Leute neben einem, die erzählen, sie kennen das Riptide „noch von früher“, was ich von ganz anderen Einrichtungen sagen würde, zum Beispiel dem Farmer‘s Inn in Uetze. Aber jetzt gehört das Riptide zum Alteingesessenen, es ziehen Erwachsene nach Braunschweig zurück, die ihre Jugend im Riptide verbrachten. „Man fühlt sich so alt“, sagt Chris, das Küken.

Und dann listet Chris das Festprogramm auf: „Am Freitag gibt es ein Konzert mit einer Band, die es seit vier Jahren nicht mehr gibt: Killing Joke.“ Na, den Witz erkenne ich, denn die gibt es ja noch, aber er spielt damit auf eine gemeinsame Leidenschaft an. In Wahrheit kommen The Driftwood Fairytales aus Berlin, deren Mitlieder dort längst allesamt in anderen Konstellationen Musik machen. „Das ist eine Folk-Punk-Band, die ist für einen Abend bei uns und der Eintritt ist frei“, freut sich Chris. „Der Samstag ist der Haupttag, der wirkliche Geburtstag“, fährt er fort. Dann gibt es Freibier, Gratis-Prosecco, Tombola, Verlosung, „und das Ganze endet in einer Riesenschlammschlacht, äh: -party!“ Es legt ein gewisser Butch Cassidy auf, der mir dies in Persona mitteilt, zusammen mit T.Mo von Indie.Disko.Gehn, den ich von diversen Runden mit dem Silver Club kenne und der seit einiger Zeit in Berlin lebt. „Das wird Halligalli“, verspricht Chris. „Und am Sonntag lassen wir es ausklingen.“ Seit Mai bietet das Riptide wieder ein Frühstücksbuffet am Sonntag an, und in diesem Zuge gibt es Perlwein: „Jeder, der frühstücken will, kriegt Sekt gratis, so lange der Vorrat reicht.“ Und das sind nur die Eckdaten, Details arbeiten Chris und André noch aus. Sicher ist, dass sie neues Merch anbieten; Chris zählt auf: „Riptide-T-Shirts, Riptide-Jutebeutel, Riptide-Buttons, Riptide-Aufkleber, Riptide-Flammenwerfer.“ Den will ich haben. „An dem arbeiten wird noch“, sagt Chris. „Alles in Bio-Fairtrade-Qualität!“ Auch der Flammenwerfer? Chris nickt: „Limitiert auf 5.000.“

Und dabei gab‘s doch erst vor ein paar Tagen ein Fest, an dem auch das Riptide beteiligt war, den Sedan-Bazar nämlich, das Straßenfest im Handelsweg mit allen Beteiligten. Schepper spielte auf, einer eigenen Tradition folgend, und das musste ich natürlich miterleben. Als er gerade mit seinem elektrischen Bass akrobatisch hinter dem Rücken solierte, wehte ihm der Wind seinen Banner ins Kreuz. „Gut, dass ich meine Stoßstange dabei habe“, parierte er. Nach ihm spielte das Duo Silent Radio akustisch alternative Mitsinghits, mittendrin wie spontan ergänzt von Wolf Kadaver, der aus dem Publikum heraus per Megaphon eine Textzeile ergänzte und sich dann für einige Lieder mit auf die Bühne setzte. Passend zur aktuellen politischen Bewegung spielten sie auch einen Song der Tanzenden Kadaver, der deutlich gegen Rassismus Stellung bezieht.

Heute ist die Vitrine auf der Theke ein begehrtes Ziel für viele Gäste. Sonja drückt sich beinahe ihre Nase platt und deutet auf Schälchen mit für mich seltsamem Inhalt: „Was‘n das, Chia-Pudding?“, fragt sie Chris. Sie liegt richtig: „Ja, Vanille-Chia-Pudding, hausgemacht.“ Chia sei seit einem Jahr das neue Superfood, erklärt mir Chris, und Sonja findet den Preis zwar angemessen, kann ihn mit ihrem schmalen Budget jedoch nicht begleichen, denn sie bestellt sich noch einen Kaffee und zwei Zigaretten. „Auch Feuer?“, fragt Chris. „Das ist noch drin“, murmelt Sonja, in ihrer Handtasche wühlend, und setzt sich natürlich auch nach draußen.

Dabei stößt sie beinahe mit Gideon zusammen. Einst war er hier Angestellter, heute kommt er als Gast, und zwar als schneller: „Ich bin auf dem Weg nach Japan“, erzählt er strahlend. Nicht mit GR:MM, seiner Band, sondern als Reisender, also anders als vor einem Jahr das Duo Kackschlacht, das tatsächlich eine Tour durch Japan machte. Für mich ist das immer noch eine Herzensinformation; ich mag die imaginäre Überschrift: „Kackschlacht in Japan“. Gideon bestellt und geht ebenfalls hinaus.

Nach Electro-Plattenläden erkundet sich Marniesch bei Chris. Da es in Braunschweig überhaupt nur zwei Plattenläden gibt, verweist der den Gast auf die mittlerweile leider ausgedünnte Electro-Abteilung im Riptide, und berichtet, dass es in Braunschweig zwar eine bundesweit bekannte große Drum-And-Bass-Szene gebe, doch dass der Boom an Plattenkäufen inzwischen weit zurückgegangen sei. Es gebe viele inoffizielle Partys und Veranstaltungen, sagt Chris, sowie famose DJ-Crews, wie BoomZound, die Stef mit Kult-Tour schon für den Lichtparcours 2016 am Hafen sowie für die Groovedeck-Party bei der Kulturnacht buchte. Marniesch saugt alle Informationen auf. Er ist erst den zweiten Tag in Braunschweig, kommt aus Weimar, spielt Schlagzeug im Staatsorchester, nicht in Bands, also eher bei Opern und so, und erzählt von der Kulturszene in seiner Heimatstadt, die durch den Austausch der akademischen Fachrichtungen begünstigt werde. Ein Traum. 1999 war ich in Weimar, als es Kulturhauptstadt von Europa war, und entdeckte den linksorientierten Schriftsteller Gerhard Branstner für mich, der live im Goethehaus las. Unser Goethe ist Wilhelm Raabe, sage ich, und Marniesch lacht: „Gibt es auch eine Statue von ihm?“ Ehrlich gesagt: keine Ahnung. „In Weimar ist die Statue von Goethe und Schiller das meistfotografierte Objekt“, erzählt er. Jetzt blättert er sich durch die vermeintlich schmale Electro-Auswahl im Riptide und konsterniert schon nach wenigen Momenten: „Ah, schon was gefunden.“ Mit der „Subtemple“-10“ von Burial in der Hand fragt er Chris nach einer Möglichkeit, sich Schallplatten anhören zu können. Chris händigt ihm „das System“ aus, das Marniesch am Tonarm befestigen muss. Dies tut er und stellt dann mit Bedauern fest: „Das ist nicht die, die ich dachte“, steckt die Platte wieder zurück ins Fach und händigt Chris „das System“ aus. Den Tipp mit BoomZound speichert er sich und geht dann, mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Dies tut auch Gideon, der es jetzt erheblich eilig hat: „Ich muss zum Bahnhof.“ Mit dem Zug nach Japan, soso. „Schreib eine Karte“, sagt Chris und weiß: „Das sagt jeder.“ Doch Gideon sagt zu: „Wenn ich eine finde, gern.“ Chris deutet auf die kleine Postkartensammlung hinter sich: „Japan fehlt uns noch.“ Mit dem Zug geht es zunächst nach Berlin, einen Freund treffen, berichtet Gideon, und dann erst fliegt er nach Japan. „Wie lange?“, fragt Chris. Knapp zwei Wochen, entgegnet Gideon, und ich finde das sehr lang für einen Flug. „Nee“, sagt Gideon“, „der dauert nur 26 Stunden, mit acht Stunden Aufenthalt in China.“ Und weg ist er. Saynonara!

Zum Bezahlen stellt sich Melissa neben Chris, hinter die Theke. So macht man das jetzt also. „Nein“, korrigiert sie meinen Eindruck, „ich arbeite seit drei Minuten.“ Also vom Gast direkt zum Dienst. Sie übernimmt es dann, meine Käufe zu kassieren, also meine Fritz-Kola und die handnummerierte 100 von 500 Exemplaren der LP „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“ von F.S.K., der Bandinstitution mit Wolfsburgs Kunstvereins-Vorsitzendem Justin Hoffmann an der Gitarre. Die Platte und das neue Intro nehme ich mit auf meinen Weg irgendwo in die Sonne. Und in die Mücken. Irgendwas ist ja immer.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#117 Pinguine in der Stadt

27. Juli 2017


Donnerstag, 27. Juli 2017

Eigentlich will man ja gar nicht übers Wetter reden, aber dieser Tage bleibt das nicht aus. Nach gefühlten 393 Stunden Dauerregen freut man sich, wenn es mitten im Hochsommer mal lediglich stark bewölkt ist. So wie heute. Und sogar mit gelegentlichen Sonneneinsprengseln. „Am Sonntag bin ich noch im Harz gewesen, da war davon gar nichts zu sehen“, sagt Chris als Anspielung auf die Bilder aus Goslar, die jüngst durchs Internet gingen. Da durchströmten Wassermassen die frühere Bergarbeiterstadt und überfluteten sie in apokalyptischem Ausmaß. „Und das nur ein, zwei Tage später“, sagt Chris.

Wie üblich an Wochentagsnachmittagen sind auch jetzt beide Chefs im Einsatz. André erzeugt Küchengeräusche und Chris bearbeitet Kartons. Stimmt ja, morgen ist Freitag und heute kommen schon die Neuveröffentlichungen im Riptide an. Die morgen erst erscheinende Folge 188, „Signale aus dem Jenseits“, der Drei Fragezeichen lehnt als Vinyl an der Kühltheke auf dem Tresen. Chris ritzt mit der Schere die Klebestreifen an den Kartons auf, faltet die Papplaschen auseinander, entnimmt kleinere Kartons und diesen wiederum die LPs. Die Verpackungen zerkleinert er und stapelt sie für den Papiermüll. Die Platten erfahren hernach ihre Etikettierung, die ebenfalls Chris vornimmt, und all das, während er spricht, zum Beispiel über das Sommerkino am Kunstverein Salve Hospes, in dessen Programm kürzlich unser Film zum 100. Riptide-Blogeintrag lief. Micha A. und Stef, die den Film für mich anfertigten, hatten es organisiert, dass der als Vorfilm zum Hauptprogramm lief. „Ich habe mich gefreut, dass der ausgewählt wurde“, sagt Chris. Leider habe er es jedoch nicht geschafft, auch hinzugehen. Ich war da, mit Stef und Micha, unter anderem. „Was war der Hauptfilm?“, fragt Chris und versucht, sich zu erinnern: „Ein Klassiker?“ Ja, „Labyrinth“ von Jim Henson. „Ah ja, mit diesem…“ gibt Chris den Sinnierenden, während er im Büroteil hinter der Theke verschwindet. Ich helfe nach: Lemmy? Kurt Cobain? Irgendein verstorbener Sänger auf jeden Fall. „Johnny Cash?“, schlägt Chris vor, doch der lebt ja noch. David Bowie war‘s natürlich. „So habe ich Bowie kennen gelernt, als Schauspieler“, erzählt Chris. „Und mich gewundert, warum der so gut singen kann.“ Der Film lief OmU beim Sommerkino, und da war Bowies wundervolle angenehme Sprechstimme bestens zu hören, so vertraut wie von seinen Alben.

Einen Milchkaffee hätte ich jetzt gern. Chris bereitet ihn vor, ist dann aber damit beschäftigt, andere Kundenwünsche zu erfüllen, deshalb händigt André, der kurz aus der Küche kommt, ihn mir aus. Eben war ich noch bei Simply British, dem kleinen, feinen Laden mit Waren aus Großbritannien, der in der Schützenstraße gegenüber der Karstadtspirale gelegen ist. Dort gibt es nämlich Pinguine. Vor mittlerweile 19 Jahren war ich mit Guido in Irland unterwegs, und dort naschten wir mit Vorliebe diese Keksriegel, Penguins genannt, mit den bescheuerten Wortwitzen und Scherzfragen auf der Rückseite. Wir erinnern uns nur noch an einen: „Q: What‘s a penguin on Leicester Square? A: Wrong.“ Später erhielt ich die Pinguine nur noch bei Abigail‘s, einem ähnlichen Shop in Kopenhagen, der indes seit zwei, drei Jahren nicht mehr existiert. Umso glücklicher war ich, als ich kürzlich in Braunschweig fündig wurde. Und das sogar in Mint. Nicht im Schallplattensammlervokabular, sondern mit Minzaroma, also quasi After Eight als Keksriegel. Und immer noch mit Scherzfragen. Heute habe ich mir die Toffee-Variante mitgenommen, ich bin sehr gespannt. Vor diesem Einkauf hatte ich ein feines Mittagsmahl beim Mezopotamiengrill und brauche jetzt den Verdauungskaffee.

Zurzeit stellt Roberta Bergmann ihre Gemälde im Riptide aus. Die betrachtet zurzeit aber kaum jemand, was nicht an den Bildern liegt, sondern daran, dass es die Regenpause den Gästen ermöglicht, auch mal wieder draußen zu sitzen, im Achteck zwischen den Caféhälften. Von dort strömt André mit Tablett und Bestellblock hinter die Theke und grinst: „Es hat sich gerade jemand bei mir einen Caipiranha bestellt und ich glaub, der meint das ernst.“ Wir freuen uns über das versehentliche Wortspiel. Und Chris erzählt vom „Remmidemmi“-Video von The Twang, deren neues Album „Wüste Lieder“ auf Riptide-Recordings erschien und deutschsprachige Songs in Countryversionen enthält. „Das haben sie in der Haifischbar gedreht“, erzählt Chris und erwähnt die Mariachibläser im Song. „Die sitzen da am Tresen, megageiles Video“, schwärmt er. Hab ich noch gar nicht gesehen, aber die Platte ist wirklich gut, weil The Twang die bekannten Songs nie einfach nur nachspielen, sondern inklusive Melodien komplett neu komponieren. Nur der Text bleibt.

Und dann war ja kürzlich auch Kulturnacht mit Riptidebeteiligung. Andrea und ich starteten unsere Tour gegenüber in der Einraumgalerie, weil Schepper dort spielte, inmitten von softpornografischen Fotos auf schwarzem Hintergrund. Und Schepper war auch wieder gut, auch humoristisch. Ein Stück brach er gleich zu Anfang nach recht kurzer Zeit ab, rotierte mit der Hand und sagte: „Und so weiter, und so weiter.“ An anderer Stelle sprach er von „mundgeblasenen Kristallgläsern“. Auch musikalisch riss er uns mit, die Stunde Solobasspsychedelik verstrich im Nu. Wir strichen weiter, am Riptide vorbei, vor dem Micha, Andreas und Raze auf den Beginn von Read ‘em All warteten, von denen ihrerseits Frank und Till ihres Triovervollständigers Axel harrten. Raze drückte mir sein neuestes Ambient-Tape in die Hand, „Gentle“, einseitig bespielt. Krass, diese Postmoderne. Doch Andrea und ich wollten weiter. Später erzählte mir Schepper, dass Axel, Till und Frank ihn auf seinem Weg vom Gig zum Taxi kurzerhand für ihre Metal-Lesung im Riptide verpflichteten. Und Schepper machte natürlich mit. Eigentlich wollten Andrea und ich aufs Groovetop, also aufs Dach der Kartstadtspirale, auf dem Stef und Micha eine Elektro-Party veranstalteten, die zwar weithin zu hören war, jedoch nicht mehr erreichbar, denn die Fahrstühle waren überfüllt und die Warteschlagen lang. Also bogen wir ab und gaben uns im Kreuzhof der Brüdernkirche das Alphornquartett. Seit kurzem schenkt man dort aus, man richtete also ein Café ein, und so standen Andrea und ich mit Wolters in der Hand im mächtig gefüllten Kreuzgang der Kirche und gaben uns entspannte Songs im Alpensound. Richtig großartig finde ich, dass man in dem Café von Menschen mit Behinderung bedient wird. Das ist gelebte Gleichstellung. Kurz darauf war die Kulturnacht dann auch schon fast vorbei. 23 Uhr ist für eine Nacht als Schlusszeit einfach viel zu früh.

Es gibt ein Mike-Patton-LP-Fach im Riptide. Das Album von Dead Cross, der neuen Band mit Patton und Dave Lombardo, steht dort allerdings nicht. „Das kommt erst in einer Woche heraus“, sagt Chris nach einer kurzen Recherche. Das Vorabvideo habe ich noch nicht gesehen, Chris schon. So überwältigend, wie es beschrieben wird, findet er es nicht, aber doch gut. Patton hat zuletzt nicht nur Aufregendes gemacht, finde ich, zum Beispiel das Comeback von Faith No More. Nicht brillant, aber wenigstens okay. „Das ist der Fluch derer, die an ihrem Meisterwerk gemessen werden“, sagt Chris. „Zum Beispiel Slayer: Das neue Album ist gut, aaaaaber nicht so gut wie ‚Reign In Blood‘.“ Dabei wird Dead Cross sogar mit Slayer verglichen, denn es ist sogar noch kürzer als „Reign In Blood“. Und bei Faith No More gibt es eigentlich nicht ein einzelnes Meisterwerkalbum, das für alle gilt; manche mögen schon „Angel Dust“ nicht mehr, andere mögen nur „Album Of The Year“.

Der DPD-Zusteller unterbricht uns mit einem riesengroßen Paket, das vermutlich randvoller Platten ist. „Kannst du das wieder mitnehmen?“, fragt Chris gespielt entkräftet. Dabei fällt mein Blick auf den Flyer zum Sedan-Bazar am 12. August, dem Straßenfest des Handelswegs. Schepper tritt wieder auf, das weiß ich, aber mehr noch nicht. „Wir stellen und bestücken die Bühne, also die Musiker“, sagt Chris. An der Rip-Lounge rollen sie den Teppich aus, der die Bühne darstellt, und stellen dafür das Musikprogramm zusammen. Dazu gehört auch jemand namens Barnautzki: „Der macht deutschsprachigen Bossanova-Jazzpop“, sagt Chris und gibt an André weiter. „Maniax“, beginnt er aufzuzählen, „Ralf, der Schlagzeuger von The Twang mit seiner neuen Band“, deren Name fällt ihm nicht ein, Chris hilft: „Irgendwas mit verkleiden“, und André zückt dafür einen Tonträger: „Das maskierte Wunder“, und Chris ergänzt, dass der früher auch bei Emma Peel war. „Und noch weitere“, schließt André die Musikprogrammliste ab. Chris steigt wieder ein: „Wir grillen auch wieder – ich sitze im hohen Gras und zirpe.“ Ich brauche einen Moment. Er fährt fort: „Neu ist: Wir machen ein Kuchenbüfett selber, alles hausgemachte Sachen.“

Und weil wir grad von Schepper reden, mit ihm und seiner Schwester Märry traf ich mich jüngst im Riptide. Diese Begegnungen sind selten, seit Märry nach Dänemark ausgewandert ist. In Roskilde lebt sie jetzt, kurze Wege zum Festival. Und nicht nur dahin. Weil Porto aus Dänemark so teuer ist und ich „Vemod“, das dritte Album von Solbrud, gern wie die ersten beiden auch auf Vinyl erworben hätte, bestellte ich es in einen Plattenladen in Roskilde, aus dem Märry es dann abholte und mir ins Riptide mitbrachte. Plattendeals im Plattenladen. Nur kurz darauf erfuhr ich, dass Solbrud in Hamburg spielten und ich an dem Tag sogar Zeit hatte. Mehr als zwei Jahre nach meiner intensiven ersten Begegnung in Leipzig würde ich sie wiedersehen! Nils kam mit. Vor den Astra-Stuben saßen die vier jungen Dänen in der raren Sonne. Sänger Ole blickte auf. „Ich war mir nicht sicher“, sagte er zögerlich und nahm mich zur Begrüßung in den Arm, die anderen drei folgten. Ich war baff und glücklich. Solbrud und ihre Begleiter Wildernessking aus Südafrika bereiteten sich noch auf den Gig vor, Nils und ich schlenderten in die Schanze, nur wenige Tage nach dem G20-Gipfel. Beide Auftritte waren dann großartig. Black Metal mit so mannigfachen genrefremden Strukturen, sehr berührend. Ebenso der Abschied von Solbrud: „Bis zum nächsten Mal.“

Hinter der Theke niest Chris, neben mir vor der Theke Niclas. Er ist erkältet und bestellt sich „eine heiße Sojamilch mit Honig“. Chris nickt und verspricht, sie ihm zu Serge nebenan zu bringen. Bei dem Wetter erkältet, kein Wunder. Doch das sei es nicht, sagt Niclas, er habe sich vielmehr am Arbeitsplatz Zug weggeholt. Erst vor wenigen Tagen erreichte er seinen Schulabschluss und bewarb sich an diversen Unis. Seine Traumuni ist die in Hildesheim: Er will Philosophie und Literatur studieren. „Nicht wegen der Stadt“, betont er, sondern weil der Studiengang dort einen so guten Ruf habe. Chris ist schneller mit der Sojamilch als gedacht, also nimmt Niclas sein bestelltes Getränk gleich selbst mit zu Serge.

Dann habe ich gleich mal einige Musikbestellfragen an Chris. Doch allesamt sind sie außerhalb der jeweiligen Bandshops nicht zu haben: Die „Slow Slippy“-12“ von Underworld, die neuesten EPs der Nine Inch Nails und die CD des neuen Projektes Black Line von Douglas McCarthy, dem Nitzer-Ebb-Sänger. Sehr schade: Erstere ist im Webshop nur per Kreditkarte zahlbar und ich habe keine, zweitere erfordern horrende Portokosten und letztere ist auf der Bandcamp-Seite ausverkauft. Dafür bestellt mir Chris die „Verdades“-7“ von The Eden House. Und wärmt mich nebenbei schon mal für das Wochenende rund um den 17. September an, dem zehnten Geburtstag des Riptide, während er einen Muffin auf einen Pappteller stellt und ihn in Alufolie einschlägt. Muffin to go? Eine Bestellung, bestätigt Chris, und erklärt, dass die Papiertüten, die er dafür üblicherweise verwendet, zurzeit aus sind. Den Muffin entnahm er der Kuchenglocke auf der Theke, die er kurz anhebt und um den entwendeten vierten Muffin ergänzt. Schick sieht das aus.

Ebenfalls niesend stellt sich Raze neben mich. „Ich habe Heuschnupfen“, wehrt er meine Frage nach Wetterfolgen ab. „So schlimm wie seit meiner Kindheit nicht.“ Seltsam, mein Heuschnupfen ist so abwesend sie seit 35 Jahren nicht. Raze ist extrem aufgebracht, nicht nur deshalb, sondern weil ihm seine Bank fürs Einzahlen von Münzen auf sein eigenes Konto satte sieben Euro abzog. „Ein alkoholfreies Bier?“, fragt Chris kurz dazwischen. Raze nickt und Chris reicht es ihm herüber. Die Bank ist nicht das einzige Thema, das Raze aufregt. Er springt in alle möglichen politischen Debatten, echauffiert sich darüber, wie bestimmte Gruppen auf bestimmte Informationen reagieren, und leert seine Flasche dabei in einem schier irrwitzigen Tempo. Chris öffnet ihm schon die nächste.

André kehrt aus seiner Pause zurück. Der Abend nähert sich, der Betrieb wird noch emsiger, beide rotieren. Ich auch, aber nach Hause. Bevor der nächste Regen kommt. Oder die ersten Pinguine.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.April 2017:
MO: Ruhetag
DI + MI: 12.00 bis 23.00 Uhr
DO + FR + SA: 12.00 bis 1.00 Uhr
SO:  10.00 bis 14.00 Uhr