Archiv der Kategorie ‘Kunst‘

#145 Lecker Einhorncurry

16. Oktober 2019


Dienstag, 15. Oktober 2019

Dies dürfte der letzte Sommertag des Jahres sein, steht zu mutmaßen. Kein Wunder, dass das Achteck im Handelsweg noch einmal so richtig proppevoll ist, und nicht nur das, überall im Café und in der Rip-Lounge sowie vorm Tante Puttchen und vor der Strohpinte sitzen Menschen in kurzärmeliger Bekleidung und laben sich an Leckereien fester und flüssiger Art. Schepper trinkt eine Fritz-Kola ohne Zucker, Chris bringt mir meinen Milchkaffee: „Weil heute Dienstag ist“, sagt er. Und setzt nach: „Übrigens der letzte diese Woche.“

Das deprimiert uns Sonnenkinder ein bisschen und Schepper sinniert über nichtwiederbringbare besondere Momente, aber da genau dieser für uns ebenfalls ein besonderer Moment ist, der belegbar auf unzählige besondere Momente folgte, sei dies als weiterer Beleg dafür aufgefasst, dass es auch künftig wieder besondere Momente geben wird. Schepper ist überzeugt und betont, dass man für diese auch selbst etwas tun müsse. Oder aufgeschlossen sein und erkennen, was überhaupt ein besonderer Moment ist, das kann ja auch im Kleinen liegen, im vielleicht ansonsten Unbeachteten.

Am Wochenende etwa waren Andrea und ich in Leipzig, in Plagwitz, „Unplugwitz“, wie Schepper vorschlägt, und da erblickten wir ein kryptisches Graffito, das besagte: „Du bist mehr als eine Gurke“, und wie es sich gehört, ist Unsinn nur mit Unsinn zu kontern, und also schrieb jemand darunter: „2 Gurken“. Eine Kleinigkeit am Wegesrand, die uns nachhaltig erheiterte. Google indes verriet mir nachträglich, dass es sich bei dem ersten Satz womöglich um eine Art Liebeserklärung handeln könnte: Es gibt scheinlustige Webseiten, auf denen Frauen darüber diskutieren, warum Salatgurken besser sind als Männer. Das macht den Zusatz zwar auf andere Weise obskur, kann man aber gepflegt ignorieren und sich einfach am Nonsens erfreuen.

Überhaupt war es schön, endlich mal wieder in einer größeren Stadt gewesen zu sein, die das Alternative in einem (und im Falle von Leipzig sogar mehreren) Vierteln bündelt – nicht nur wie Braunschweig in nur einer Straße, dem Handelsweg, und ansonsten insulär über die Stadt verstreut. In Plagwitz entdeckten wir Miniclubs (in einem davon, dem Clubraum Plagwitz, sah ich vor einigen Jahren Solbrud live – ich hätte nie gedacht, dass ich den versteckten Laden nochmal wiedersehen würde), ein selbstverständliches veganes Speisenangebot, bunte Bevölkerung, Sticker, Tags, Plakate, spontane Menschenansammlungen rund um Technobeats oder Punkrockbeschallung, herumliegende Skateboards von Nutzern, die nur mal eben zum Sternikauf von ihnen abgestiegen waren, viele Kinder, lustige Shirts, etwa mit einem Foto der Kinderband Hansons und dem Schriftzug „Nirvana“ darunter darauf, dafür aber merkwürdigerweise keine Plattenläden.

Und Plagwitz empfanden wir als noch nicht so tourifiziert wie die trotzdem reizvolle Schanze in Hamburg, die wir in der Woche davor genossen und uns über den unverklemmten Umgang freuten: Von der gleichalten Verkäuferin im veganen Bekleidungsgeschäft mit „Na, ihr beiden“ angesprochen zu werden, erfrischt die Seele. Ist schon schön, wenn es aufgrund größerer Masse für das Alternative in einer Stadt eine Mindestbesucherzahl einfach gibt: Es fühlt sich so an, als müsste man nur die Tür öffnen und hätte bereits ausreichend Zulauf. Dafür ist Braunschweig nun mal viel zu klein.

Aber es tut sich etwas in Braunschweig. Aus dem früheren Cinemaxx und zwischenzeitlichen C1 ist das Astor geworden, ein Luxuskino, das mit breiteren Sitzen auf zurückgehende Zuschauerzahlen reagiert, damit die Säle bei der derzeitigen Belegung nicht mehr so leer wirken. Außerdem ist Event ein Lockmittel, und also bietet das Astor jetzt mehr an als nur Kino; herauszufinden, worum es sich bei diesem Angebot genau handelt, ist ein nächstes Ziel, und ansprechende Filme gibt es derzeit ja wieder, der Sommer ist schließlich vorbei. Morgen.

Außerdem gibt es jetzt das WestAnd und das Kufa-Haus, beides unter einem Dach, was die Braunschweiger wiederum sehr verwirrt. Untergebracht sind diese Einrichtungen dort, wo einst die Fire-Abend-Halle stand, also hinterm Jolly Joker links unter der Graffiti-Brücke durch, neben Coney-Eisland, vor der Bäckerei Tutscheck. Die Zweiteilung hat gute Gründe: Das WestAnd ist eine Privatinitative, die einen Veranstaltungssaal für 800 Personen anbietet, den Undercover und Paulis bereits nutzen. Die Crossover-Skandinavier Clawfinger gaben dort das erste Konzert, und die Hütte war nicht nur ausverkauft, sondern bestand die Bewährungsprobe mit Bravour. Und überhaupt, die Meute hüpfte, als wäre es noch 1993. Das Kufa-Haus wiederum nimmt den vorderen Bereich des Gebäudes ein und erfüllt den Tatbestand des soziokulturellen Zentrums, wird partiell mit kommunalen Mitteln gefördert und bietet neben einem Veranstaltungssaal für 300 Personen auch eine Cafeteria sowie diverse Workshop- und Arbeitsräume an. Zusammen ergibt das Konstrukt also die Nachfolge dessen, was 2002 mit dem FBZ im Bürgerpark ein unnötiges Aus fand; schwierig ist es lediglich, die Doppelbenennung in der Bevölkerung plausibel zu machen. Werbung etwa könnte da helfen. Wichtiger aber ist das Programm und dass die beiden Läden überhaupt existieren. Braunschweig findet sich nun nach Jahren der Abwesenheit endlich auch auf internationalen Tourplänen wieder.

Und dann gibt es demnächst ja auch in direkter Nachbarschaft des Riptides eine Veränderung: Das frühere Café Drei hat einen neuen Verwendungszweck. Das las ich im Internet und spreche Stecky gleich mal drauf an, denn der neue Wirt des Tante Puttchen ist es, der die Räume gegenüber mit neuem Leben füllen will. „Nächsten Monat“, sagt er an der Theke des Tante Puttchen und zapft Wolters für die Gäste. „Das wollen wir einfach als Überlauf nehmen, falls hier zu viel los ist, es aber hauptsächlich vermieten.“ Für private Feiern etwa stünde „es“ dann zur Verfügung. Einen Namen hat der Raum auch schon: Onkel Puttchen.

Der Name Tante Puttchen geht auf eine frühere Besitzerin zurück, die dort Eis verkaufte. „Nach dem Krieg“, erzählt Stecky, sei der Raum gegenüber bereits als Erweiterung des Tante Puttchen geöffnet worden – „für einen Tag“. Es gab offenbar keine Genehmigung, deshalb musste der Teil nach so kurzer Zeit wieder geschlossen werden, aber Stecky grinst: „Jetzt, nach 60 Jahren, ist es wieder zurückgekommen.“ Er zuckt mit den Schultern: „Wir versuchen’s einfach.“ Zum Beispiel mit einer monatlichen Musikreihe, selbstredend in Absprache mit dem Riptide, um Überschneidungen zu vermeiden, „so mit Straßenmusikern“, sagt er. Gast Charles lacht: „Ob er will, oder nicht“, und deutet pantomimisch an, wie er einen beliebigen Sänger aus der Fußgängerzone in den Handelsweg schleppt.

Einiges, was in der Zeit nach dem „Krieg“ so gegenüber existierte, weiß Stammgast Charles aus eigenem Erleben: „Der Red Pub, der hatte in den Achtzigern seine erfolgreichste Phase, bevor es Red Devil wurde.“ Und Charles kennt sich aus in Braunschweig: „Ich trinke hier mit wenigen Unterbrechungen seit 1985“, betont er mit leichtem englischen Akzent und deutet auf die Theke. Gelegentlich war er weggezogen, erläutert er. In den Achtzigern war Achims Tante Puttchen für ihn eine Alternative zum bis heute populären Magniviertel: „Das ist, wo wir damals hingingen für ein ruhiges Bier, für ein Rede-mit-den-Einheimischen-Bier“, sagt Charles. Der englische Akzent lässt Mutmaßungen zu, woher Charles eigentlich kommt, und auf die Idee eines anderen Gastes, es seien die USA, reagiert er im englischen Ladstyle: aufbrausend. „Es gibt kein richtiges Woher“, sagt er dann. „Ich wurde in einer Militärkaserne geboren.“ Bis er volljährig wurde, war er mehr als ein Dutzendmal umgezogen. Und jetzt lebt er im Tante Puttchen.

Schepper und ich leben eben nebenan im Riptide. André bringt uns neue Getränke in die Lounge, von der aus wir das allerspätestsommerliche Geschehen draußen verfolgen. „Ihr guckt Fernsehen“, nennt André es ganz richtig. Neben uns hängt der Tat-O-Mat, der Kunstautomat der Designgruppe Tatendrang, und Schepper ergänzt den Namen im Sinne um zwei Buchstaben zum „Tattoomat“: Arm hineinhalten und Geld einwerfen. „‘Lassen Sie sich überraschen‘“, liest er vom Aufdruck einer Schublade des Automaten ab, schüttelt seinen Arm, macht Tätowiergeräusche, guckt auf den Arm, sagt mit enttäuschtem Tonfall: „Oh, ein Anker!“, setzt nach mit „Mutti!“, dann mit „Trump“ und richtet den Arm schnell wieder auf den Automaten: „Letztes Fach, acht Euro: Entfernung, dreimal anzuwenden.“

So etwas wie das Riptide wäre in Italien gar nicht möglich, erfuhr ich kürzlich in meinem Urlaub: Davide erzählte mir das, und er hat einen Plattenladen mit Label in Savona, beides Vincebus Eruptum genannt, nach dem Debüt von Blue Cheer, was auch gleich eine Aussage über das Programm von beiden Einrichtungen macht, nämlich psychedelische Rockmusik. Plattenladen, Café, Bühne und Galerie unter einem Dach: In Italien bräuchte man allein für Café und Plattenladen schon je eine Konzession und je einen Betreiber, deshalb seien solche für ihn höchst attraktiven Einrichtungen dort auch so selten. Wehmütig hörte er sich meine Berichte an. Überhaupt, in Italien sei die Szene so klein, dass sich selbst der winzige Plattenladen für ihn kaum lohne. Deshalb öffnet er den auch nur samstags als Hobby neben seinem Hauptjob. Und der ist nicht das Label, obwohl er auf dem grandiose Musik veröffentlicht, auf Vinyl. Sein neuester Streich ist das Solowerk von Gary Lee Conner, dem früheren Gitarristen der Screaming Trees: „Unicorn Curry“ erschien jüngst auf VE Recordings. Auch neu im Programm hat Davide das dritte Album der Psychedelicrocker aus Bari mit dem unschönen Namen Anuseye, „3:33 333“, das ich mir gleich mal einpacken ließ, zusätzlich zum Splitalbum von The Linus Pauling Quartet und Colt38, einem Projekt von Claudio Colaianni, das der 2002 zwischen seiner alten Band That’s All Folks! und Anuseye betrieb.

Davide hatte ich vor vier Jahren kennengelernt, als ich in Savona Urlaub gemacht hatte und zufällig in seinen Laden gestolpert war. Dieses Mal war ich einige Kilometer weiter die Küste entlang untergekommen, in Loano, das landschaftlich und architektonisch etwas weniger spektakulär ist, aber sehr herzliche Bewohner hat. Drumherum fand ich es etwas spektakulärer. Bei den Bahnpreisen dort lohnt es sich, für Erkundungsausflüge in Ligurien das Auto stehen zu lassen; Verspätungen indes muss man gelegentlich in Kauf nehmen, wie in Deutschland nun mal auch.

Mein eigenes Lied dazu klingt so: Vor drei Jahren schon nahm ich von Sanremo aus an einer Whalewatching-Tour aufs Mittelmeer teil, die aber in dem Sinne erfolglos war, dass wir in vier Stunden keine Wale erblickten. Also wollte ich das dieses Mal nachholen und buchte telefonisch einen Platz vom nächstgelegenen Abfahrthafen aus, und das war Andora. Den ersten Termin sagte das Unternehmen jedoch am Vortag wegen schlechten Wetters ab, und also buchte ich einen neuen für meinen letzten kompletten Urlaubstag vor Ort, Abfahrt um erreichbare 12 Uhr.

Nun hält aber nicht jeder Zug auch in Savona. Also musste ich den um 9.28 Uhr ab Loano nehmen. Am Bahnhof funktionierte der Ticketautomat für genau diesen Zug allerdings nicht. Zum Glück war der Schalter besetzt und ich erhielt eben auf diesem Wege meine Fahrkarte. Am Gleis hörte ich beim Warten die Durchsage, dass genau dieser Zug 30 Minuten Verspätung habe. Kein Problem, das reichte immer noch aus, um um 12 Uhr am Schiff zu sein. Nach nur 20 Minuten schon traf der Zug ein und ich nahm erfreut Platz. Bis ich irgendwo im nächsten Tunnel die Durchsage mit der Entschuldigung dafür hörte, dass dieser Zug bereits 54 Minuten Verspätung habe. Moment: Das würde ja bedeuten, dass es sich dabei um den Zug vor meinem handelte, der also gar nicht in Andora anhielt – und schon sah ich durchs Fenster die Bahnsteigschilder meines Zielortes an mir vorbeifliegen.

Super. Der nächste Halt war Diano. Von dort aus erfolgte die nächste Fahrt nach Andora erst um 11.35 Uhr, also viel zu spät, um noch rechtzeitig am Hafen zu sein. Am Bahnhof standen keinerlei Busse herum, nur ein Taxifahrer war zu sehen. Der erzählte mir, dass mich eine Fahrt mit ihm nach Andora etwa 22 bis 25 Euro kosten würde. Das hätte mir aber die Whalewatching-Tour erheblich verteuert, also schlug er mir den Bus vor und beschrieb mir den Weg zur Haltestelle: immer geradeaus bis zum Hotel, dann rechts bis zur Kirche und dann auf der linken Seite. Klang einfach. „Ungefähr zwei Kilometer“, schob er nach. Ach du … Und es war bereits kurz nach halb elf. Also losgeatzt. Zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen, wenn es mediterran warm ist und man es eilig hat. Ich stolperte in Richtung Ortsmitte und ohrfeigte mich innerlich dafür, das Taxi nicht wenigstens für diese Strecke genommen zu haben, als es mich auch schon überholte. Wertvolle Zeit verstrich. Da, das Hotel, also die Hauptstraße entlang am Hafen vorbei und auf die Kirche zu. Keine Haltestelle zu sehen. Einige Meter weiter entdeckte ich sie dann. Zwei Leute warteten schon. Der Fahrplan verriet mir, dass der nächste Bus bereits drei Minuten später eintreffen sollte. Schön – bis auf den Umstand, dass man in Italien seine Fahrkarten beim Tabakhändler zu kaufen hat, jedoch keiner in Sichtweite war. Der Bus danach wäre wiederum zu spät dafür gewesen, das Schiff noch zu erreichen.

Also dumm tun und dem Fahrer erst sagen, dass man kein Ticket hat, wenn er schon die Türen geschlossen hat und losgefahren ist. Aber gottlob gab er mir ohne Komplikationen einen Fahrschein aus seiner Tasche. Der Preis dafür indes war höher als erwartet – und reduzierte meine Bargeldmenge dergestalt, dass ich für das Whalewatching, das nämlich zwingend bar zu bezahlen war, genau 60 Cent zu wenig, in Andora also noch eiligst einen Geldautomaten zu finden hatte. Großartig.

Der Bus schaukelte die malerische Küste entlang und ich verspürte beinahe so etwas wie Entspannung. Es war erst kurz nach elf Uhr, also noch Zeit genug. Endstation war genau der Hafen. In einer Infostelle erfuhr ich, dass der Ableger an der entlegensten Mole gelegen war, der nächste Bankautomat hingegen etwa einen halben Kilometer in der entgegengesetzten Richtung. Okay. Die schlug ich ein und rief beim Whalewatching-Anbieter an, um wenigstens mitzuteilen, dass ich quasi vor Ort war und wegen fehlender 60 Cent noch zur Bank musste. „Es ist erst 20 nach elf“, sagte die Frau, „Sie sind ja noch pünktlich, und wenn Sie keine Bank finden, werden uns die 60 Cent auch egal sein.“ Zudem wollte sie den Kapitän informieren, mit der Abfahrt auf mich bis zu fünf Minuten zu warten. Sehr gut.

Es dauerte, bis ich in Andora eine Bank fand. Ich hob Geld ab und eilte zurück zum Hafen. So hatte ich mir meinen letzten kompletten Tag nicht vorgestellt: Eigentlich wollte ich die Wartezeit mit Kaffee und Buch überbrücken, nicht mit Hetze. Aber nun sah ich das Schiff ja bereits. Vom falschen Anleger aus allerdings, das war in dem Segelmastgetümmel nicht so leicht zu erkennen. Schnell umgedreht und schnellen Schrittes die richtige Mole angesteuert – und wortwörtlich um fünf vor zwölf angekommen. Kaum hatte ich meinen Sitzplatz an Deck eingenommen, legte das Schiff auch schon ab.

Um nur 30 Minuten später wieder umzukehren, weil sich das Wetter verschlechterte, das Geld bekämen wir selbstverständlich zurück.

Na, wenigstens war ich überhaupt mal für eine Weile auf dem Meer. Den Rest des Tages verbrachte ich immerhin am Meer, das sich in Andora stürmisch an den Sandstrand stürzte. Und weil der Tag schon so merkwürdig war, dachte er sich für die Rückfahrt auch noch einen Gag aus: Der Bahnhof war etwas abgelegen und ich steuerte ihn mit einem Eis auf der Faust an. Ich schlenderte also den weiten, aber ausgeschilderten Weg entlang, wunderte mich dann aber, dass mir Google bald anzeigte, ich wäre längst am Bahnhof vorbeigelaufen. Gottlob hatte ich den Weg wegen meiner Ortsunkundigkeit viel zu früh begonnen, also warf mich das nicht , haha, aus der Bahn und ich kehrte eben um und schlug den anderen Weg ein. Das Bahnhofsgebäude, das ich Dank Google auch fand, war allerdings verschlossen, die dahinter erkennbaren Schienen waren überwachsen. Ein Rätsel. Die italienische Wikipedia nun ließ mich wissen, dass die Station vor drei, vier Jahren aufgegeben und verlegt wurde. Zum Glück sind bei Wikipedia die Koordinaten hinterlegt, so fand ich dann mit Googles Hilfe die korrekte Adresse, die mir Google selbst nicht ausgab. Und die war nochmal eine halbe Stunde zu Fuß entfernt gelegen.

Immerhin erreichte ich tatsächlich den Zug und erhielt auch ein Ticket am Automaten. Ein schöner letzter Tag. Ja, war es auch, trotz allem, am Meer ist es einfach immer schön, und ich krönte ihn in der Altstadt von Loano mit gegrillten Thunfischsteaks, die in einer Pistazien-Sesam-Tunke mariniert waren. So geht das.

Schepper und ich gehen jetzt auch, erstmal natürlich bei Chris und André bezahlen. Vor der Theke entdecke ich neue Kisten mit Schallplatten. In einer befinden sich hauptsächlich historische Werke aus Schlager und Klassik, und das Riptide schlägt per Schild vor: „Vielleicht anstatt einer Geburtstagskarte?“ Von ganz anderem Kaliber sind die Platten daneben, die haufenweise Neunziger-Indie beinhalten – von dem ich den größten Teil absolut gar nicht kenne. Schlimm! Das ist das Schöne, dass man immer etwas dazulernen kann. Und das Riptide ist ein geeigneter Ort dafür. Nächstes Mal nehme ich mehr Zeit mit und dann vielleicht auch einige Platten aus dieser Kiste mit!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#138 Verdammt! Wölfe!

22. März 2019


Donnerstag, 21. März 2019

Der Frühling ist da! Aber so was von. Nach mehr als einer Woche Dauerregen. Natürlich lassen sich die Leute von der Sonne vor die Tür treiben, und so treffe ich Serge und Rainer auf dem Weg ins Riptide vor Serges Laden, nicht darin. Wir freuen uns darüber, dass es derzeit Schüler sind, die auf die Straße gehen, wie weiland in den Sechzigern und nach viel zu vielen Jahren Protestpause, freuen uns, dass es überhaupt Protest gibt und dass die Jugend offenbar noch zu Verantwortung zu motivieren ist, und sind verärgert über Politiker, die diesen Jugendlichen Haltung oder gar Kompetenz absprechen, um sich selbst nicht in die Schusslinie zu bringen, womit sie sich selbst in die Schusslinie bringen. Unser Dreieck betritt Omar, der freudig erzählt, dass er vor zwei Tagen sein Deutsch-Zertifikat bestanden hat. Er ist Student aus Syrien und verschwindet mit Serge in dessen Raum, ich nehme den Anlass zum selbigen und kehre im Riptide ein.

Max und Chris sind da, bereiten in der Küche Speisen vor und erfüllen an der Theke Getränkewünsche. Auf dieser Theke steht, neben der Ankündigung des Record Store Day am 13. April, ein Dreierpack 90er-Kassetten von Maxell zum Verkauf, ich bin erstaunt. „Vor drei Monaten wollte ich erstmals seit Jahren wieder ein richtiges Mixtape machen“, beginnt Chris die Erklärung. „Ich bin in die Stadt gegangen – und habe nichts gefunden.“ In sämtlichen – also allen beiden – Multimediagroßgeschäften und den vielen kleinen Läden fand er keinerlei Audioleerkassetten. Er erinnert sich an früher, als man in jedem Laden eine ganze Regalreihe voller Kassetten hatte, mit Produkten aller Hersteller, in allen Längen und von allen Bandqualitäten. Und heute: nichts. „Ich musste ein altes Tape nehmen und die Löcher zukleben“, erzählt er. Doch aufgeben wollte er nicht: „Ich habe einen Online-Shop gefunden, der welche hatte, und habe gleich ein paar mehr bestellt.“ Für den Verkauf im Riptide, mit dem auf dem Preisschild angebrachten Vermerk: „The future is here“. Chris grinst: „Wir sind ja für neue Medien und machen alles mit, das ist die Zukunft!“

Chris greift in die Schüssel neben der Vitrine mit den Muffins und anderen Kuchen und schenkt mir daraus einen Schlüsselanhänger der Zeitschrift 11 Freunde. Danke – ohne seine Gabe hätte ich nicht zugegriffen. Nicht, weil ich das Magazin nicht mag, im Gegenteil, das lese ich sogar sehr gern, weil es den Menschen und die Leidenschaft ins Mittelfeld rückt. Sondern, weil mein Schlüsselbund einfach schon ausreichend meine Tasche ausbeult. Neben einem Wolters-Flaschenöffner, den ich mal an St. Patrick’s Day im Wild Geese erhielt, ist meine ganze Freude ein blauer Achter-Legostein, den mir an meinem letzten Arbeitstag bei der WAZ einer der Verkäufer in der Spielwarenabteilung bei WKS schenkte, dem Wolfsburger Kaufhaus. Arni und ich stöberten in unseren Pausen oft dort in der Legoabteilung und hatten schnell freundlichen Kontakt zu den Angestellten dort. Zu meinem dienstlichen Abschied drehte also ich eine Runde durch die Fuzo, und mit diesem warmherzigen Geschenk kehrte ich zurück. Seit fünfeinhalb Jahren nun schmückt der aufgrund starker Abnutzung inzwischen nicht einmal mehr verbaubare Legostein mein Schlüsselbund, so blau wie mein Auto.

Die Geschichte gefällt Chris, und er erzählt, dass er auch gern in Wolfsburg ist, zum Auflegen nämlich, und zwar im Sauna-Klub, zum Beispiel als nächstes zum Tanz in den Mai. Hab ich noch gar nicht mitbekommen, obwohl Sauna-Klub-Chef Thorsten mir regelmäßig Einladungen schickt. Mit Rille Elf waren wir bei ihm auch schon zu Gast, passend zum elften Geburtstag des Klubs.

Neben mich stellt sich Omar und bestellt einen Milchkaffee. Den bekommt er, geht zu Serge und kehrt mit immer noch voller Kaffeetasse und leerem Weinglas zurück, dieses Max darreichend. „Wein für Serge?“, fragt der, und Omar bestätigt. Darauf muss Serge aber noch etwas warten, denn Omar erzählt mir aus seinem Leben, dass er erst seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt und dass Braunschweig seine erste Station hier ist. Sein Deutsch-Zertifikat ist sein Ticket: „Vielleicht gehe ich weg, nach Berlin, Leipzig oder Köln.“ Seiner Sprache merkt man nicht an, dass er sie erst seit so kurzer Zeit spricht, doch Omar winkt ab: „Ich brauche noch viele Vokabeln!“ In Syrien machte er seinen Bachelor in Elektrotechnik, hier in Deutschland will er seinen Master machen – „oder etwas Anderes“. Er fragt mich, ob ich schon mal mit anderen Syrern gesprochen habe, und selbstverständlich habe ich dies. Er kennt das Sultana, das um die Ecke in der früheren Krabbenkuppel eingerichtet ist und das ich auch sehr mag, nicht zuletzt, weil der Chef so sympathisch ist, und genau das erzählt Omar auch, der dort einmal sehr gute Falafel zu essen bekam. Falafel mag ich auch gern, daher frage ich ihn nach seinen Empfehlungen für weitere gute Falafellieferanten in Braunschweig. Omar schwärmt vom Falafeli, und ich empfehle ihm noch das Sofra.

Auch auf Musik kommen wir zu sprechen. Omar hört gern Experimentalmusik und Ambient, aber auch Funk, Soul, Charts und Classic Rock. Wilde Mischung, und besonders interessiert mich die Experimentalmusik. „Improvisationen oder Experimente mit Instrumenten“, beschreibt er seine Vorlieben. „Oder Künstler, die Instrumente bauen und machen Experimente.“ Da frage ich natürlich nach Beispielen. Omar nennt Die Angel, „deutsche Klangkünstler“, und die kenne ich gar nicht. Dahinter verbergen sich dann aber doch Bekannte: Dirk Dresselhaus von Locust Fudge und Schneider TM sowie Ilpo Väisänen von Pan*Sonic. Mit solchen Sachen kriegt man mich. Dieser Tage trudelte viel spannende Musik aus ganz Europa bei mir ein: Der Finger, Doom Jazz aus Moskau, Cameraoscura, melodischer Drone Ambient aus La Spezia, Nac/hut Report, experimentelle Klangcollagen aus Krakau, oder Kuhn Fu, zappaeske Jazz-Avantgarde aus Groningen. Omar fragt, ob ich selbst Musik mache, und ich verweise auf meine gelegentlichen Stimmbeiträge für Blinky Blinky Computerband, deren neongrünes T-Shirt ich zufällig trage. Er versucht, sich den Bandnamen zu merken, und bringt dann doch endlich den Wein zu Serge.

Vor einigen Tagen interviewte ich im Riptide für das Kurt-Magazin aus Gifhorn einen „Torfbauern aus Neudorf-Platendorf“, wie sich Heinrich Doc Wolf selbst nannte. Er ist mit Songs im Johnny-Cash-Stil in den USA in diversen Charts und erzählte mir aus seinem wilden Leben, von Gunter Gabriel, Reinhold Beckmann, Michael Hollm und seinen vielen Aktivitäten. Er übersetzt Lieder von den Beatles und Neil Young und stimmte seine Version von „We Can Work It Out“ kurzerhand im Café an, zur Freude der anderen Gäste, und zu meiner auch. „Hier könnte ich auch auftreten“, stellte er mit Rundblick fest und drückte Max seine Visitenkarte in die Hand. „Die liegt noch beim Chef“, sagt mir Max – das wäre ein Knaller, Heinrich Doc Wolf im Riptide!

Schepper hat mit ihm auch schon gespielt, und Schepper kommt soeben durch die Tür. „Oh, alle weggelaufen!“, stellt er mit Blick auf die leeren CD-Fächer fest. Auch er blieb eben bei Serge, Omar und Rainer hängen und verabredete sich mit Rainer fürs Kino. Seine Getränkewahl ist eine Fritz-Kola ohne Zucker, ebenso wie meine. „Morgen kommt das neue Album von The Mute Gods heraus“, sagt er zu Max und fragt, ob die vielleicht schon heute angekommen ist. Max guckt in den Fächern hinter der Theke nach, da kehrt Omar zurück, mit einem Buch in der Hand. „Was hast’n für’n Buch gekriegt?“, nimmt Schepper offenbar einen vorangegangenen Faden auf, und Omar zeigt uns „Rahel Varnhagen“ von Hannah Arendt, mit dem er sich aufs Sofa lümmelt. „Hinten steht sie nicht“, ruft Max von der Theke herüber. „Macht nix“, findet Schepper, ich höre im Moment eh nur eine Platte.“ Die neue von The Claypool Lennon Delirium, ahne ich, und ich liege richtig. Während wir unsere Kola trinken, blättern wir durch die Fächer mit den neuen LPs. „Meine Augen werden auch immer schlechter“, stellt Schepper fest. „Dafür hat Serge gesagt, ich sehe immer besser aus – aber ich seh’s ja nicht mehr!“

Eigentlich wollen wir weiter, zum Café MokkaBär, bleiben aber an und in der Einraum-Galerie hängen. Serge sitzt jetzt auf der Bank vor dem Schaufenster, Schepper und Rainer betrachten drinnen die Kunst von Ulrike Weber. Serge entführt mich zurück in seinen Laden, „ich habe etwas für dich“, sagt er, und drückt mir sein neues Buch in die Hand, „Augentrost – ein Stummfilm“, mit den von Ferdinand so großartig gestalteten Seitenzahlen, die jeweils die komplette linke Seite einnehmen. Auf die Lektüre freue ich mich schon, das Buch habe ich in der Vorabversion schon bei ihm zu sehen bekommen.

Wir drehen um zur Galerie, in der Rainer soeben einen Deal für eines von Ulrikes Bildern macht. „Das gefällt mir, sogar super“, sagt Rainer, der einen Verweis auf den von ihm verehrten Expressionismus sieht. Die Bilder zeigen Porträts, kantig gezeichnet und mit dezidiert gesetzten Farbflächen versehen. Ulrike ist zugezogene Braunschweigerin, „seit 1983 wohne ich hier, mit drei Jahren Pause“, und hat schon überall in der Republik gelebt. Geboren ist sie in Detmold, hat da aber nur sechs Jahre verbracht und entsprechend wenig Eindruck von der Metropole Ostwestfalen-Lippes. „Ich erinnere mich nur, dass es dort Ampeln gibt, die über Eck an der Kreuzung hängen“, sagt Ulrike. Die Einraumgalerie gefällt ihr als Ort für ihre Arbeiten: „Sehr angenehm, ich finde, es passt richtig gut.“ Für sie ist es eine Premiere – nicht nur hier: „Ich habe noch nie ausgestellt.“ Stolz sei sie auf die Hängung, „die habe ich nämlich ganz alleine gemacht und es ist gelungen, wie ich gehört habe“. Ich gucke nach den Befestigungen, aber Ulrike korrigiert mich: „Hängung bedeutet, welche Bilder wie in welcher Kombination hängen – es geht nicht um die Technik!“ Den Impuls zum Gang in die Öffentlichkeit erhielt Ulrike von einer Freundin, „sie hat mir den Tritt in den Hintern gegeben“, und der zieht noch eine nächste Schau mit sich, nämlich im Sommer in der Oberpostdirektion, da sollen die großen Bilder in den drei großen Fenstern hängen.

Mir stellt sich – wie wohl allen – die Frage, ob ihren Porträts reale Menschen zugrunde liegen, und Ulrike verneint dies. „Irgendjemand hat einen Harzkrimischriftsteller darin gesehen“, sagt sie und deutet auf eines der Bilder. „Und Serges Interpretation war, ich male mich immer selbst.“ Ab 2012 zeichnete sie „nur Köppe“, erzählt sie, und dass der „leider verstorbene“ Georg Ystein, bei dem „wir“ Malkurse hatten, sie motivierte: „Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.“ Sie blieb dran und malte Gesichter, bis andere Leute kamen und ihr ganze Körper abverlangten. „Ich habe versucht, mehr zu machen, aber es ist nichts passiert“, sagt sie, „und dann kamen die Kopffüßler.“ Sie zeigt mir einige Bilder mit Gesichtern, aus deren Hälsen Beine wachsen und die weder unnatürlich noch naiv wirken. Das erste dieser Art trägt daher den programmatischen Titel „Siehe da, ein Kopffüßler“. Und irgendwann kamen auch Ganzkörperfiguren dazu, auf großem Format. Bei dem „Wir“ handelt es sich übrigens um die Malgruppe von Georg Ystein, die Nat und Julia Palmer heute fortführen, „in seinem Angedenken“. Und dieser Nat heißt Natarajan Subramanian und hat auch schon in der Einraumgalerie ausgestellt, Frust zeigt mir den Flyer aus dem Jahr 2011 von der Ausstellung „Serviervorschlag“.

Draußen sitzen Serge und Schepper auf der Bank, im Riptide hat André seinen Spätdienst angetreten. Serge erspäht einen Kunden und kehrt zurück zu seinem Laden, Ulrike setzt sich zu uns. Sie freut sich, auf diese Weise in eine Braunschweiger Welt einzutauchen, die sie vorher nicht kannte. Schepper und Ulrike stellen fest, dass sie beinahe Nachbarn sind. Braunschweig! Wir verabschieden uns und holen Scheppers Fahrrad. Serges Kunde grüßt freundlich, wir kennen uns, ich war schon zweimal sein Patient: Dr. Block, der einmal meiner Empfehlung, sich beim Sedan-Bazar das Schepper-Konzert anzusehen, gefolgt war und mir um Gegenzug sein Buch „Dr. Blocks Patiententypologie“ schenkte, für das ich mich endlich bedanken kann, hat es mir doch erhebliche Freude bereitet. Serge kann diese Verbindung nicht fassen, und Dr. Block sagt: „Ja, ich habe auch Bücher verschenkt!“ In drei Jahren vereinbare ich dann den nächsten Termin bei ihm.

Schepper kommt mit Schiebefahrrad, wir schlendern gemütlich zu Ollo in den MokkaBär, treffen auf dem Weg noch Schlagzeuger Wumme, der uns schon mal von Ollo grüßt, weil Wumme sich gerade das Café zum ersten Mal ansah und herausfand, dass man dort Schepper kennt. Ollo dachte sich schon, dass Schepepr Wumme noch eher trifft, als dass er im MokkaBär eintrudelt, grüßt ihn aber trotzdem nochmal. Ja, Braunschweig!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#134 Illustratus

15. November 2018


Dienstag, 13. November 2018

Stockdunkel und nasskalt ist es am mittleren Nachmittag, da ist der November ganz bei sich, auch wenn er uns zwischendurch immer wieder sonnige Tage mit knapp unter 20 Grad kredenzt und damit den ohnehin schon erbaulich langen Sommer nachklingen lässt. Noch immer stehen am Riptide Tische und Bänke im Achteck zwischen Café und Lounge, aber deutlich weniger als zu Sommerzeiten, also bis vor zwei, drei Wochen. Noch einiges mehr hat sich in dieser Kultureinrichtung geändert, und heute steht André in der Küche, um Burger vorzubereiten und mir Auskünfte zu geben; an den Tischen und der Theke ist derweil Gesine im Einsatz.

Als Chris und André vor zwei Monaten mit ihrem aufgewühlten Facebook-Eintrag ihre Folgenden über die missliche Situation zu informieren, in der sie sich befinden, kündigten die beiden Gastwirte an, den erheblich gestiegenen finanziellen Anforderungen mit Maßnahmen zu begegnen, und diese finden nun nach und nach Anwendung, in zwei Richtungen: Einsparungen und Zusatzaktionen. Ersteres erfolgt unter anderem mit angepassten Öffnungszeiten: Seit November nehmen Chris und André in der Woche erst ab 16 Uhr den Schlüssel in die Hand. „Wir mussten die Zeiten ein bisschen straffen, weil der Winter da ist und der Nachmittag keine Laufkundschaft hat“, erläutert André. „Auf dem Papier sieht das gut aus, um Kosten zu sparen.“ Dazu gehören unter anderem Ausgaben für Personal und Strom. „Wir probieren das zum ersten Mal mit diesen Öffnungszeiten und hoffen, dass die Gäste geballt ab 16 Uhr hier sind.“ Sobald es wieder wärmer wird, wenden die beiden auch wieder die alten Öffnungszeiten ab 12 Uhr an. Heute sieht jedenfalls nichts danach aus, dass die neue Startzeit die Gäste abschreckt: Das Riptide ist auf beiden Seiten des Achtecks voll besetzt. Und am Samstag bleibt es bei 12 Uhr sowie am Sonntag bei 10 Uhr zum Frühstück.

Da sparen allein nicht ausreicht, steigern André und Chris die Attraktivität des Cafés mit etablierten und mit zusätzlichen Aktionen. Dazu gehört unter anderem die nächste Ausgabe der „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die seit 2009 von Bremen aus mit verschiedenen Musikern durch die Republik tourt und am 16. November Ben Lorentzen in den Handelsweg führt. Zu den etablierten Reihen gehört auch Sound On Screen, mit Musikfilmen im Universum-Kino und Anschlussevents im Riptide. Als nächstes läuft am 22. November ab 19 Uhr „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales, und auch die folgende Staffel steht schon fest: Diese startet am 14. Dezember um 18.45 Uhr mit dem Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“; beide Filme laufen übrigens im Original mit Untertiteln.

Zu den neuen Aktionen gehört die laut André „sehr gut angenommene neu gestartete“ Quiz-Night, die als nächstes wieder am 21. November läuft. Und weitere Konzerte sind ebenfalls geplant, im Dezember kommen Kroner und Poly Ghost ins Riptide. „Und unsere Winter-Specials sind wieder da“, ergänzt André und zählt die speziellen Getränke auf: „Apfel-Amaretto-Zimt, 43er mit Banane, Glühwein.“ Das Sonntagsfrühstück bekommt zudem am 16. Dezember ein vorweihnachtliches Gewand: Es findet als Adventsfrühstück mit vielen Winterspecials statt, für das Reservierungen erforderlich sind.

Eine Änderung betrifft den Aspekt der Ersparnis: „Die CD-Abteilung lösen wir Ende Dezember auf“, kündigt André an. „Die Nachfrage ist da gering.“ Aber nicht ersatzlos: „Dafür schaffen wir Platz für mehr Vinyl.“ Und zusätzlich nahmen die beiden schweren Herzens, aber notwendigerweise einige Speisen und Getränke von der Karte.

Wenn wir schon bei Sound On Screen waren, gibt es ja noch etwas nachzuberichten, nämlich die Aktionen beim jüngst abgelaufenen Filmfest, in dessen Rahmen auch die Musikfilmreihe wieder einen besonderen Platz erhielt. Mit einem besonderen Schmankerl: Stefan Olsdal, bekannt durch seine Aktivitäten bei der Alternative-Rock-Band Placebo, gab mit seinem neuen Projekt Digital 21 ein Konzert in der Bartholomäuskirche und trudelte zur Sound-On-Screen-After-Show-Party im Riptide ein. Nicht als DJ oder Musiker – den Soundtrack zu diesem Abend lieferte Chris persönlich unter seinem Alias Butch Cassidy –, sondern als nahbarer Gast.

Im Riptide – das ist das erklärte Ziel von Chris und André – soll es also weitergehen. Darauf hoffen auch die Gäste, die Stammgäste wie die Gelegenheitsgäste, und auch die fest eingerichteten Runden, die sich hier zusammenfinden, wie der Bassstammtisch von Schepper, der seine Basis vor längerer Zeit schon ins Riptide verlegte und kürzlich sogar sein zwanzigjähriges Bestehen feierte, dies allerdings aus Platzgründen im Schimmelhof. Oder der Illustratorenstammtisch, von dem mir Autor und Zeichner Carsten Weyershausen erst kürzlich in ebenjenem Schimmelhof erzählte, und zwar bei der jüngsten Ausgabe der Musikschöpfungen des Eiko-Vereins, bei der wir uns trafen und Musik hörten von Die Müller-Verschwörung (im Original ungekoppelt), dem Katzensuperhelden Greydenz, dem Duo Luco & Dylan sowie Doubassin Sanogo mit traditioneller Musik aus Burkina Faso, und bei der wir uns unter anderem auch über die beiden Bücher unterhielten, die Carsten mit Holger Reichard herausbrachte, „Stadt. Land. Flucht.“, das Buch über den Vergleich zwischen Leben auf dem Land und in der Stadt, in dem er die unpopuläre Stadtbewohnersicht einnahm, die ich teile, und „Kerle im Klimakterium“, das ich erst jetzt lese und nicht zu Zeiten seiner Veröffentlichung vor sechs Jahren, weil es mich damals noch nicht betraf und heute dafür begeistert. Und er berichtete von diesem Illustratorenstammtisch, der – wie es der Zufall will – genau heute tagt, in der Rip-Lounge.

Initiator dieses Stammtischs war Ben Urban, der Carsten gegenüber sitzt und der nach der Gründung erfuhr, dass es schon einmal den Versuch einer solchen Einrichtung gab, die aber nie zustande kam. Er traf den zu seiner Rechten sitzenden Patrick Schmitz alias Pott bei dessen Aktion zum Heavy-Metal-Malbuch im Januar im Ritpide und trug ihm mit Erfolg sein Ansinnen an: „Ich war selber überrascht, wie viele Illustratoren es in Braunschweig gibt.“ Ben kommt „aus der Grafik-Richtung“, erzählt er, und gestaltete unter dem Alias Hygin unter anderem Buchtitel sowie Plattencover für diverse Bands aus dem Film- und Mittelalter-Genre, darunter Versendgold, Corvus Corax und Feuerschwanz, zuletzt Ganain. Lokal beauftragt war er indes noch nicht: „Für Braunschweiger Bands habe ich das tatsächlich noch nicht gemacht“, er finde seine Kunden eher in Bremen und Hannover. Immerhin: „Waldkauz kommt aus Hildesheim.“

Bei der Metalmalbuchaktion gewann Ben einen Beutel der fingierten Band Salty Ballz, genau wie seine Sitznachbarin Kathleen Kalle alias Katzleen, die an dem Abend sogar den Ausmalwettbewerb gewann. „Ich zeichne als Hobby“, sagt sie, „und ich war bei Robertas Ladies Drawing Night, und sie hat mich auch in die Gruppe gebracht.“ Roberta Bergmann sitzt links von Carsten und ist unter anderem Mitgründerin der Gruppe Tatendrang Design, die hier in der Lounge einen ihrer Tat-O-Maten installierte.

Neben Katzleen schlängelt sich Marina Kanzian auf die Sitzbank. „Ich bin eigentlich Grafikdesignerin“, sagt sie beinahe entschuldigend, „und ich habe ein Animationsstudio mit meinem Freund und Partner.“ Sie spricht von Hyperebene, das sie mit Enrico Lummitsch betreibt. Einen leichten Akzent höre ich bei ihr heraus, ohne ihn genau lokalisieren zu können: Aus Brasilien kommt Marina, seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland. „Ich habe im Vapiano die Speisekarte mehrmals durchgelesen und so Deutsch gelernt“, erzählt sie. Und grinst. „Nee, ich habe in Brasilien schon Deutsch gesprochen!“

Rechts neben mir und damit neben Carsten sitzt Jacob Müller: „Ich bin seit einem Jahr selbständig als Illustrator.“ Arrsome Illustrations nennt er sich, wie „awesome“ in der Piratenvariante. „Ich mache Zeichnungen und Concept Art für Brett- und Videospiele“, berichtet er. „Ich bin noch sehr in den Anfängen.“ Wer weiß, vielleicht ist mir ja sogar etwas davon bekannt? Doch er grinst: „Es gibt bislang noch nichts, was raus ist.“

Dann schneit Dajana Düring in die Lounge und setzt sich zwischen Pott und Roberta an den Tisch. „Ich studiere an der HBK visuelle Kommunikation“, sagt sie. „Hauptsächlich fotografiere ich, aber ich illustriere auch.“ Sie sei „Breitband“, grundsätzlich „interessiert an Darstellungstechniken“, und ist zum ersten Mal hier: „Roberta hat mich eingeladen.“

Roberta, Pott und Carsten kenne ich schon länger. Mit Roberta saß ich in einer vom Silver Club initiierten Runde, die zur Einrichtung eines neuen soziokulturellen Zentrums in Braunschweig führen sollte und aus der sich später der Kufa-Verein gründete. Und Pott kannte ich zwar schriftlich schon länger, traf ihn aber am Tag der Meisterfeier des VfL Wolfsburg persönlich, allerdings in Peine, bei einem gemeinsamen Konzert von Krüger und Müller. „Ich freue mich, hier zu sein und meine Kollegen zu treffen“, sagt Roberta nun, und Pott nimmt wie im Reflex die Gegenhaltung ein: „Ich bin natürlich nicht freiwillig hier, ich bin gezwungen und versuche, den anderen Aufträge abzuluchsen.“ Roberta drückt mir einen Flyer in die Hand für ihren Gesprächsabend „Kopf frei für den kreativen Flow“, den sie am 27. November im Raabe-Haus anbietet. Und wie aufs Stichwort tritt Stefan Zeuke an den Tisch und überreicht ihr Flyer für ihre Ausstellung „Alles und Nichts“, die vom 1. bis 20. Dezember nebenan in der Einraumgalerie zu sehen ist. Carsten und ich vereinbaren noch, dass wir unser im C1 beim Filmfest begonnenes Gespräch über „The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam und den neuen Spirou von Emile Bravo fortsetzen wollen, dann begleite ich Stefan zurück ins Café.

Dort habe ich nämlich eine Verabredung mit drei Vierteln der Band Final Impact: Ich interviewe Jakob, Jonas und Till für das Gifhorner Kurt-Magazin von Bastian-Till Nowak. Und wie es der Weltengeist will, hört Stefan von der Theke aus so weit zu, dass er die Band gleich für die nächste Ausgabe der Stadtfinder am 22. November als Liveact verpflichtet. So geht das im Riptide.

Ich gehe jetzt aber auch. Draußen treffe ich noch den in Begleitung von Stammgast Markus rauchenden Pott, dem die Ausstellung „Soundtrack WOB“ im dortigen Stadtmuseum ebenso gut gefällt wie mir und der mir dafür noch kürzlich Infos zum Open Arsch gab, weil ich für die Ausstellung einen Text dazu verfasste. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, dass die Kommune, also die Stadt Wolfsburg, in einer eigenen Einrichtung ihre eigene Subkultur feiert.

Auf dem Heimweg komme ich an der früheren Braubar vorbei, aus der jetzt Licht dringt und vor der Ricardo und Ioannis frische Luft schnappen. Sie sind die neuen Betreiber der Kneipe, die sie am Samstag unter dem Namen „Lissabon Bar & Brasserie“ eröffnen. Einiges ist neu an der Inneneinrichtung, das Gemütliche ist indes geblieben. Lissabon heißt die Bar, weil Ricardo ein in Braunschweig geborener Portugiese ist; der Athener Ioannis trägt das Konzept mit Vorliebe und Freude mit. „Erinnerst du dich an die Werbung ‚Ob Punker oder Banker, mit Abstand können beide leben‘?“, fragt Ricardo. „Wir wollen sie zusammenbringen.“ Dafür legen sie in der Bar den Fokus auf portugiesische Spezialitäten, „zum Beispiel eine Portweinauswahl“, so Ioannis. Auch Speisen aus Portugal soll es geben. Lissabon sei „eine der weltoffensten Städte der Welt“, das wolle die Bar transportieren. Auch mit Kunst und Livemusik, wenn möglich Fado. Die beiden haben nun noch einiges vorzubereiten, um die Bar bis Samstag an den Start zu bringen, und ich will ja auch nach Hause. Obrigado, ευχαριστώ: Es tut sich etwas in der Innenstadt.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#124 Wie kommt’s, Herr Polizeichef?

23. Februar 2018


Donnerstag, 22. Februar 2018

Netflix auf dem Smartphone! Und Micha wundert sich, dass ihm die Augen brennen. Es liegt an seiner Brille, mutmaßt er, doch wahrscheinlicher ist, dass er sich beim „Punisher“-Gucken auf dem kleinen Display die Retina zersägt. Einen PC besitzt er nicht, ebensowenig einen Smart-TV, also ist das Smartphone seine einzige Möglichkeit, in das Netflix-Universum abzutauchen. Endlich, will man meinen, angesichts der Tatsache, welchen Film- und Serienkonsum Micha so hat, da reißt das Nicht-Gucken bei Netflix glatt Lücken in seine Expertise. Trotzdem schimpfe ich ein bisschen über seine Methode. Ffür Micha ist Netflix eigentlich eher ein Teaser, wenn ihm etwas gefällt, schaut er es noch auf BluRay oder DVD. Aktuell schwärmt er von der Serie „Black Mirror“, davon habe ich auch schon anderthalb Folgen geguckt. Das Konzept erinnert mich an „Geschichten aus der Gruft“: Verschiedene Regisseure realisieren abgeschlossene Episoden aus den Genrefeldern Horror, Thriller, Spuk und Krimi, zumeist mit einem Plottwist, einer unerwarteten Pointe mithin. „Geschichten aus der Gruft“ mochte Micha aber nie, „Black Mirror“ hingegen schon, weil es modernere Themen aufgreift.

Das erzählt er mir auf dem Weg in den Handelsweg. Micha und ich wollen uns im Riptide verpflegen. Und aufwärmen, der Februar hat inzwischen eine Eigenschaft angenommen, die zur Jahreszeit passt: Minusgrade. Endlich! Etwas Schnee wäre jetzt noch fein, ich mag das ja, minus 20 Grad und Schnee und blauer Himmel. Immerhin den haben wir tagsüber inzwischen, das ist wundervoll, gut fürs Gemüt. Tagsüber ist um diese Uhrzeit bereits vorbei, da macht es uns nichts aus, dass wir in einem geschlossenen Raum sitzen; anderen Riptide-Gästen hingegen macht es nichts aus, bei den Temperaturen das Mobiliar im Achteck in Beschlag zu nehmen. Nicht mal unter der Plane, die ist nämlich eingerollt und lässt den Weg frei für gelegentliche Schneestippel. Ölfackeln illuminieren die trotzdem gemütlich erscheinende abendliche Sitzgruppe.

Während Micha ein Telefonat annimmt, gebe ich meine Bestellung bei Evelyn ab, die ich noch gar nicht kenne: Den Bonanza-Burger mit Edamer und die Fritz-Kola mit Extra-Kaffee hätte ich gern. „Mitte November bin ich gekommen, als Praktikantin, und bleibe bis Ende Mai“, erzählt Evelyn. Dieser Einsatz im Riptide findet von ihrer Schule aus statt, „ich bin in einer Praxisklasse“, sagt sie. „Wir sollten uns eine Arbeit aussuchen, die wir machen wollen, und ich wollte ins Riptide, das ist mein Lieblingsladen, seit ich in Braunschweig bin.“ Das ist sie erst seit einem Jahr, sie ist aus München hergezogen: „Ursprünglich aus Schlatt, das ist ganzganzganzganz klein, drei Häuser, vier Kuhfelder, die Straßen heißen alle Schlatt.“ Das Örtchen ist sogar so winzig, dass nicht einmal Google korrekte Ergebnisse liefert. So ähnlich wie mit Texas.

Das Riptide mag Evelyn nicht nur als Café, sondern auch als Plattenladen und wegen der musikalischen Ausrichtung, die sich nicht zwingend am gängigen Radioprogramm orientiert: „Ich bin eh nicht so eine, die Rap und so hört.“ Sondern? „Country.“ Sie grinst: „Ich höre eigentlich alles mögliche“, darunter sicherlich auch schon mal den ein- oder anderen Raptrack, aber: „Faber ist meine Lieblingsband zurzeit.“ Die hört sie jedoch nicht auf Vinyl: „Ich hab keinen Plattenspieler, leider, aber das würde ich gern.“ Gottlob ist so eine Apparatur ja mit recht einfachen Mitteln nachrüstbar. „Sonst höre ich Vinyl auch mal hier im Laden“, sagt Evelyn. Auch mit ihren recht jungen Jahren – die Zahl ist noch nicht allzulang zweistellig – hat sie schon Gastronomieerfahrungen gesammelt: „Ich hab in Bayern schon in einer Bar gearbeitet und in einem Gasthof.“ Dort bekam sie viele positive Rückmeldungen, die sie darin bestärkten, die Gastronomie als berufliches Einsatzfeld zu favorisieren. „Ich hab schon gemerkt, was für ein Stress das ist“, sagt sie, aber: „Das mag ich“, also den Stress, der sie herausfordert, nicht überfordert, denn: „Danach kann ich nach Hause und die Ruhe besser genießen.“

Für Unruhe sorgt jetzt Micha, der bei ihr ein Wasser bestellt: „Laut oder leise?“, fragt Evelyn nach. Micha überlegt noch während der Antwort und legt sich auf „laut“ fest, also mit Kohlensäure. Evelyn greift nach der entsprechenden Flasche im Kühlschrank hinter ihr und nimmt Michas Geld inklusive „Stimmt so“-Rest entgegen. Doch jetzt kapituliert sie vor den erforderlichen Aktivitäten an der Kasse. André springt aus der Küche herüber und ihr zur Seite: „Frag lieber“, bietet er ihr sanft an, „das können wir dann zusammen machen“, und erläutert ihr die Vorgehensweisen. André und ich plaudern kurz, doch er unterbricht grinsend: „Ich muss in die Küche, deinen Burger machen.“

Hinter mir höre ich, wie jemand mit Micha spricht, und vernehme den Ausruf: „Was, auf dem Handy?“ Ich drehe mich um. Micha hat ganz offensichtlich gerade Jonte von seiner Netflix-App erzählt. Die beiden stehen mit Getränken in der Hand – Micha sein Wasser, Jonte ein Wolters – neben den Ölfässern, die zwischen Eingangstür und Theke diverse Objekte feilbieten, von herabgesetzten Schallplatten bis über diverse Ausgaben des „Mint“-Magazins. Filme sind ihr Thema, das verwundert mich nicht, denn das Kino ist quasi unser aller gemeinsamer Ort, wenn es nicht das Riptide ist. In diesem Moment betritt Chris das Café, mit der obligatorischen schwarzen Transferkiste für den Warenverkehr zwischen Büro und Riptide unterm Arm. Mit Blick auf die Auslegware, die die Dielen unter uns partiell abdeckt, reicht Chris uns dreien artig die Hand und sagt: „Willkommen auf dem roten Teppich.“

Den verlassen wir jetzt aber, weil André mit einem Teller voll Burger und Chips für mich um die Ecke biegt. Wir plazieren uns an einem Tisch inmitten des Cafés und schalten die von Chrisse Kunst bemalte Lampe an. Jonte empfiehlt uns „The Shape Of Water“, den neuen Film von Guillermo del Toro. „Den hab ich in der Sneak gesehen“, erzählt er. Micha und ich haben den auch auf dem Schirm, so ganz grob. Jonte führt aus: „Bis auf das Kostüm von dem Monster, oder wie auch immer man es nennen will, habe ich nichts daran auszusetzen.“ Zu diesem Kostüm hat er eine ambivalente Meinung: Zwar wisse er, dass das eine Referenz an die zum Teil billig gemachten Monsterfilme der Sechziger sei und nennt exemplarisch „Das Ding aus dem Sumpf“, doch habe ihn der offensichtliche „Gummianzug“ befremdet. Und trotzdem: „Wie die Effekte dann gemacht sind, das ist was anderes.“ Letztlich lässt das Kostüm also doch Jontes Augen leuchten. „Hast du ‚Pans Labyrinth‘ gesehen?“, fragt er, und ich bejahe. Den mochte ich sehr gern, wenngleich ich die punktuelle explizite Gewalt unangebracht fand. „Dann könnte der dir gefallen“, sagt Jonte in Bezug auf „The Shape Of Water“. „Das ist mein Favorit des Jahres.“ Micha schränkt ein: „Des noch jungen Jahres.“ Er erzählt, dass wir beide „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gesehen haben und sehr begeistert davon sind. „Was für ein schlechter Film“, wirft Chris ein, der soeben am Nachbartisch die Chrisse-Kunst-Lampe einschaltet und die Speisekarten und Blumen neu arrangiert. Er grinst dabei breitestens, denn diese Äußerung entspricht keineswegs seiner Meinung. „Ich hab auch den del Toro gesehen, aber an ‚Three Billboards‘ kommt der nicht vorbei.“ Den wiederum hat Jonte noch nicht gesehen: „Aber ich habe gute Aussichten, das noch zu schaffen.“

In „Three Billboards“ führt Regisseur Martin McDonagh zunächst recht stereotype Figuren ein und dann charmant die Vorurteile der Zuschauer vor, indem er sämtliche Figuren Wege einschlagen lässt, mit denen nicht zu rechnen ist. Dies ist nach „Brügge sehen und sterben“ und „7 Psychos“ erst der dritte Kinofilm des Regisseurs, stellen Micha und Jonte fest, und führen weitere Beispiele an für Wenigdreher, darunter Quentin Tarantino. Zu dem hat Jonte eine uneindeutige Haltung: Tarantino wiederhole sich mittlerweile zu sehr, „man erkennt ihn sofort“. Genau das hält Micha für positiv, dass man einen Film von Tarantino „schnell“ erkennen könne. „Das gilt auch für Till Schweiger“, wirft Jonte ein. Micha kontert: „Aber auch nur, weil der selber mitspielt.“

Zwei laufende Projekte von Tarantino erfahren laut Gossip-News zurzeit schwere Rückschläge: ein Film über den Sektenführer und Massenmordauslöser Charles Manson und ein Film der Science-Fiction-Reihe „Star Trek“. Beides halten Jonte und ich nicht für zu Tarantino passend. Manson nicht, weil die Gefahr der Glorifizierung des Arschlochs besteht, oder, wie Jonte es ausdrückt: „Manson in Tarantinos Comic-Stil ist unpassend.“ Und da es sich bei „Star Trek“ um eine Art Franchise handelt, empfinden wir den Rahmen für einen Tarantino als nicht frei genug. Zwar hat er sich auch schon in ein festgelegtes Serienformat wie „CSI: Vegas“ gefügt, aber seine Episode „Grave Danger“, „Grabesstille“, konnte er quasi einfach nach vorgegebenem Muster abdrehen, seinen Stil erkennt man darin nicht wirklich.

Nur zehn Filme insgesamt wolle Tarantino drehen, sinnieren wir, acht hat er, Manson und „Star Trek“ wären die fehlenden beiden. Micha meint, Tarantino würde das Regieführen jetzt ganz sein lassen, ohne seine angekündigte Quote einzuhalten. „Und dann eröffnet er eine Videothek“, sagt Micha, da sei er rückwärtsgewandt. Und verleiht Netflix-Filme? Jonte nickt: „Aber bitte zurückspulen!“

Micha und Jonte sinnieren darüber, dass es bei „Star Trek“ wohl auch darauf ankomme, in welcher Reihe Tarantinos Film stattfinden würde. Aktuell gibt es eine, die die Jugendzeit der klassischen Figuren ausformuliert, sehr mainstreamig-popcornig und damit nach Jontes Meinung zu weit weg vom Tarantino-Stil. Initiator des „Star Trek“-Reboots war J.J. Abrams, der kürzlich auch „Star Wars“ übernahm. Das schreit ja nach einem Crossover, „Trek Wars“ oder so. Jonte und Micha stöhnen auf und winken ab. Schlimm genug, dass es Leute gibt, die jünger sind als wir, so Jonte, die Jar Jar Binks besser finden als Chewbacca. Unvorstellbar!

Eine Schallplatte würde ich noch gern bei Chris bestellen: Das selbstbetitelte Album der Supergroup Killer Be Killed, bestehend aus Leuten von Dillinger Escape Plan und mit Max Cavalera als Sänger. Auf Vinyl gibt’s nämlich einen Track mehr, doch Chris hat leider eine enttäuschende Auskunft für mich: Das Album ist als LP auf allen verfügbaren Kanälen ausverkauft. Wie schade, davon habe ich viel zu spät überhaupt erfahren. Chris weiß, dass das bei solchen Projekten häufig so ist, dass sie kaum richtig beworben werden und auch nicht auf Tour gehen. Wer zu spät kommt!

Micha und ich wollen nach Hause, wir begleichen die Rechnungen und schlendern durch den Handelsweg. Wir schauen im Café Drei vorbei, dem früheren Bierteufel, in dem auch – so ist der Handelsweg – Marion von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft am anderen Ende der Passage, ihr Abendessen einnimmt. Eigentlich will ich nur ein paar Flyer für die „Burning Beats“ dalassen, der Party, die wir mit Rille Elf am 3. März im Nexus ausrichten, und bekomme sofort von allen Seiten Gegenflyer zugesteckt. Die reiche ich natürlich gern weiter.

Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle gönnt sich Micha bei Tandır einen Döner und greift den Faden vom Hinweg wieder auf. Jodie Foster hat eine Episode für die britische Netflix-Serie „Black Mirror“ gedreht, bei der es um die digitale Kontrolle eines Kindes geht, und in einer anderen Episode deckt jemand per Gedankendownload Mordfälle auf. Erinnert mich doch echt sehr an „Geschichten aus der Gruft“ und diverse Hörspielreihen, wie „Mindnapping“. Die Bahn rauscht an, Micha steigt ein und schließt seinen Bericht noch schnell ab, bevor sich die Türen schließen: „Der Hamster war’s!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#101 Der Epilog, der durch ein Wurmloch stieg und zum Prolog wurde

28. März 2016


Montag, 28. März 2016

Frohe Ostern, Ihr Hasen!

Dem aufmerksamen Leser mag zweierlei aufgefallen sein: Es gibt eine zeitliche Lücke zum vorherigen Blogeintrag – und eine mathematische ebenfalls. Der Februar 2016 fehlt. Und die Nummer 100 fehlt. Dazu kann ich beschwichtigend sagen: noch. Sie ist in Arbeit, und weil es sich um eine besonders runde Nummer handelt, bekommt sie eine besonders runde Form. „Ein Z mit zwei Nullen“ wird es nicht, es bleibt schon bei der Eins vorn, aber das Medium stimmt immerhin.

Wer bei der jüngsten Vorstellung von Sound On Screen im Universum-Kino war und sich den Film „Jaco“ ansah, wird eine Ahnung davon haben, wie die Nummer 100 aussehen soll; allen anderen sei empfohlen, sich die nächsten beiden Filme der Reihe anzusehen, weil im Vorprogramm dieser Staffel ein Teaser für die Nummer 100 läuft. Da steckt dann nun endlich das Besondere am ausgelassenen Jubiläumseintrag: Er wird sich bewegen. Das war meine spontane Übernachtidee: Etwas Besonderes im Internet im Rahmen eines schriftlichen Blogs kann ja auch in anderen Medien umgesetzt sein, anders als etwa im Print. Eine kurze Frage bei Stef erwirkte eine Ideenexplosion bei ihrem Filmmitstreiter Micha A., der sich ein Konzept ausdachte, dessen Komplexität nun für die Verzögerung sorgte. Dabei soll das Ergebnis gar nicht lang sein, und trotzdem nimmt die Umsetzung viel Zeit in Anspruch.

Und was für einen Aufwand! Wir scripteten grob den Ablauf, vereinbarten einen Drehtermin im Café Riptide mit unseren Wunschdarstellern und einen weiteren, weil einer von ihnen an dem Tag nicht konnte. Wir schleppten haufenweise Ausrüstung in den Handelsweg und illuminierten das Café. Es muss für die anderen Gäste befremdlich gewesen sein, manche Leute immerzu das Gleiche tun zu sehen. So geht es eben zu im Film, fragt nicht! „Einmal noch“ war der Satz, den ich am häufigsten hörte.

Am ersten Drehtag, noch im Februar, beanspruchten wir schauspielerisch die Zeit von Chris (André war im Urlaub – gegenwärtig ist es andersherum), Micha Z. und Nina, die eine Pause in ihrem Studium dazu nutzte, einmal wie früher das Riptide positiv aufzumischen. Auch Stef übernahm eine Rolle, Micha A. die Technik und das Drehen. Den zweiten Drehtag gestaltete Herr A. sogar noch aufwändiger: Er installierte einen Kamerakran im Achteck, mitten während einer Hochzeitsfeier in der benachbarten Einraumgalerie. Es ging nämlich darum, Schepper in den Film zu integrieren, der auch den Soundtrack dazu liefert. Eigens für meine Lesung aus dem Buch „Die Stadt ist eine Erbse“, das Toddn mit Auszügen aus diesem Blog füllte, hatte Schepper im Sommer einen Song namens „Peas“ komponiert; den wollte ich gern in dem Film haben, weil er die Stimmung des Blogs so treffend einfängt, doch passt er leider nicht zur Stimmung des Films, weshalb sich Micha A., zumindest schon mal für den Trailer, für „The Basstronaut“ von Scheppers Album „Bass Trip“ entschied. Passend, wie Schepper fand, als er den Trailer am vergangenen Donnerstag vor „Jaco“ sah. Direkt nach der Filmaktion im Handelsweg drehten wir mit Schepper bei mir zu Hause, und dort stehen noch weitere Drehtermine aus, die allerdings aufgrund des komplexen Konzeptes noch auf sich warten lassen müssen. Tun.

Es ist ein seltsames Gefühl, sieben, acht Stunden lang zu arbeiten und dann ohne ein für mich greifbares Ergebnis Feierabend zu machen. Die Ergebnisse liegen in Form von Dateien auf den Speicherkarten in Michas Kamera und auf Stefs Festplatte, also gibt es sehr wohl ein Output, aber ich ging mit leeren Händen nach Hause und war trotzdem platt. Aufbauen, machen, abbauen – das Café sah aus wie vorher, ich nicht (Augenringe und so). Außerdem liegt das Gelingen des Blogeintrags jetzt nicht mehr bei mir, oder bei mir allein; jetzt arbeiten andere daran und machen etwas daraus. Das Zwischenergebnis ist zu sehen, wie erwähnt, im Kino. Und auf Youtube. Und hier:


Der Kürze des Objektes geschuldet ist, dass sich nicht alles, was am Drehtag tatsächlich im Riptide geschah, auch im Film niederschlägt. Wir hatten tolle Begegnungen und lustige Gespräche mit anderen Gästen, beobachteten sie beim Gesellschaftsspielespielen, hatten Kinder um unsere Beine herumscharwenzeln und eine Menge kurioser Dialoge untereinander. Micha Z. etwa wunderte sich, dass ich mir die LP von den Nevermen kaufte, ohne sie zu kennen. Wie sollte ich sie sonst kennenlernen? „Na, vorher reinhören“, sagte er. Bei Mike Patton sei das nicht nötig, meinte ich. „Die kaufst du blind?“ Eher taub, ja. Micha überlegte kurz: „Gibt’s hier auch mp3s im Riptide?“ Keine Ahnung, ich verwies ihn auf eine der Kisten neben der Tür, da könne er mal nachgucken. Er blickte auf sein multimediales Mobiltelefon und erzählte von einem Album, das er als mp3 erworben hatte und nachträglich überlegte, das Geld dafür lieber doch nicht ausgegeben haben zu wollen. Ich riet ihm, sie wieder zu verkaufen, und deutete auf die Second-Hand-Kisten. Leider findet sich im Film kein Platz für diesen Dialog. Schade, so wird er für alle Zeiten verloren sein!

Auch ohne Dreh war mir das Riptide natürlich oftmals eine Heimstatt. Etwa an dem Abend, als nebenan in der Einraumgalerie die Ausstellung von Denis Stuart Rose stattfand, den ich noch vom Silver Club kannte. Da spielten parallel im Riptide Lorbass. Wir standen – da deutete sich der Frühling schon zaghaft an – plaudernd draußen im Handelsweg, und immer, wenn jemand die Tür zum Riptide öffnete, versetzte uns der Lorbass-Sound in noch mehr Partystimmung.

Die Nummer 100 ist für uns auch ein Anlass zur Party, ganz gewiss. Wobei 101 auch keine schlechte Zahl ist, schließlich heißt so das Live-Album von Depeche Mode. Hm. Weil grad Zeit ist, suche ich mal zu allen Zahlen von 101 bis Eins etwas aus meiner Sammlung, das mit Musik zu tun hat. Zugegeben, manche Ergebnisse sind reichlich gequält, einige sind im Internet recherchiert, einige wenige kenne ich selbst daher gar nicht, und oft gibt es mehr als nur eine Möglichkeit (da entschied dann mein Geschmack, wenngleich nicht komplett alle Ergebnisse auch wirklich meinem Geschmack entsprechen, da sollte der Platz dann nicht leer bleiben). Zu #99 ließ ich mich ja schon im vorherigen Blogeintrag aus. Hier nun also:

Depeche Mode – 101 (Album)
Sonic Youth – 100% (Song)
Nena – 99 Luftballons (Song)
Metallica – The $5.98 EP (Garage Days Re-Revisited) (EP)
Adolf Noise – Windows ‚97 (Song)
Phillip Boa And The Voodooclub – 1996 (Song)
Ramones – Durango 95 (Song)
Woodstock ‚94 (Sampler)
Current 93 (Band)
Deine Lakaien – Dark Star Tour ‚92 Live (Album)
Erasure – 91 Steps (Song)
Guided By Voices – Blimps Go 90 (Song)
R.E.M. – Pop Song ‚89 (Song)
Orchestral Manoeuvres In The Dark – 88 Seconds In Greensboro (Song)
Bonnie Bianco – Cinderella ‚87 (Album)
Yo La Tengo – 86-Second Blowout (Song)
Spliff – 85555 (Album)
Eurythmics – Sexcrime (Nineteen Eighty Four) (Song)
Daft Punk – Wdpk 83.7 FM (Song)
The Exploited – UK 82 (Song)
Simple Minds – New Gold Dream (81*82*83*84) (Song/Album)
Killing Joke – Eighties (Song)
Gus Gus – Cold Breath ‚79 (Song)
Schepper – Space Trip ‚78 (Song)
Talking Heads – Talking Heads: 77 (Album)
The Alarm – Spirit Of ‚76 (Song)
Die Weltenretter – 75er Jahre (Song)
AC/DC – ‚74 Jailbreak (Album)
The Incredible Bongo Band – Bongo Rock ‚73 (Song)
Neu! – Neu! ‚72 Live! in Düsseldorf (Album)
Faust – 71 Minuten (Album)
Simple Minds – Sound In 70 Cities (Song)
Ministry – Psalm 69 (Song/Album)
The Alarm – Sixty Eight Guns (Song)
Aphex Twin – Minipops 67 (Source Field Mix) (Song)
Bobby Troup – Route 66 (Song)
White Zombie – Thunder Kiss ‚65 (Song)
Input 64 (Sampler)
New Order – 1963 (Song)
Anthony Rother – 62 Minutes On Mars (Album)
à;Grumh… – Ich und meine Ananas (V.01.0.61, 7 Bis) (Song)
Beautiful People – If 60’s Was 90’s (Song/Album)
Patti Smith – 1959 (Song)
Bruce Dickinson – Born In 58 (Song)
Blok 57 (Band)
Toots & The Maytals – 54-56 That’s My Number (Song)
Charlotte Gainsbourg – 5:55 (Song/Album)
Halle 54 (Band)
Ramones – 53rd & 3rd (Song)
The B-52’s (Band)
New Model Army – 51st State (Song)
Ulla Meinecke – 50 Tips (Song)
P1/E – 49 Second Romance (Song)
Les Claypool’s Bucket Of Bernie Brains – 48 Hours To Go (Song)
Wire – Object 47 (Album)
Herbert Grönemeyer – 4630 Bochum (Album)
LCD Soundsystem – 45:33 (Album)
UB40 – UB44 (Album)
Project Pitchfork – 43rd Floor (Song)
Level 42 (Band)
Swell – 41 (Album)
U2 – „40“ (Song)
The Cure – 39 (Song)
Revolting Cocks – 38 (Song)
The Beautiful South – Straight At 37 (Song)
Violent Femmes – 36-24-36 (Song)
Bob Dylan – Rainy Day Women #12 & 35 (Song)
Nine Inch Nails – Y34RZ3R0R3M1X3D (Album)
Sun Ra – Discipline 33 (Song)
32Crash (Band)
Christian Death – Halloween Live October 31, 1981 (EP)
Alien Sex Fiend – 30 Second Coma (Song)
Die Drei Fragezeichen – 29 Die Originalmusik (Album)
A Guy Called Gerald – 28 Gun Bad Boy (Song)
Fantômas – 04/27/05 Wednesday (Song)
Einstürzende Neubauten – 26 Riesen (Song)
The Catch – 25 Years (Song)
Joy Division – 24 Hours (Song)
Welle:Erdball – 23 (C64er Version) (Song)
22 Pistepirkko (Band)
Sigue Sigue Sputnik – 21st Century Boy (Song)
Amorphous Androgynous – 20 Years Behind Bars (Song)
Paul Hardcastle – 19 (Song)
Sigur Rós – 18 Sekúndur Fyrir Sólarupprás (Song)
Heaven 17 (Band)
16 Horsepower (Band)
Depeche Mode – Little 15 (Song)
Die Trottelkacker – 13, 14 Born To Rock (Song/Album)
13&God (Band)
Warren Suicide – Twelve (Song)
U2 – 11 O‘Clock Tick Tock (Song)
Pearl Jam – Ten (Album)
Nine Inch Nails (Band)
Underworld – 8 Ball (Song)
Iron Maiden – Seventh Son Of A Seventh Son (Song/Album)
Birmingham 6 (Band)
Mainframe – 5 Minutes (Song)
Manic Street Preachers – 4 Ever Delayed (Song)
The Cure – Three Imaginary Boys (Song/Album)
2wo (Band)
John Lee Hooker – One Bourbon, One Scotch, One Beer (Song)


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#93 38118 (Ghettofaust)

29. Juli 2015


Dienstag, 28. Juli 2015

Weit komme ich nicht, als ich aus dem Westen über den Prinzenweg in die Innenstadt und also ins Café Riptide gehen will, weil ich dort – natürlich – mit Micha verabredet bin. Denn kaum bin ich am Café Himmelhoch vorbei, stürmen Claudy Soundschwester und Frauke heraus und rufen mir hinterher. In dieser Dreierkonstellation trafen wir uns schon einige Male mehr oder weniger zufällig eben im Café Himmelhoch, und als sie mich nun zielstrebig am Fenster vorbeieilen sahen, eilten sie vor die Tür und warfen mir einladende Worte nach. Natürlich setze ich mich dazu, der beiden und auch des Cafés wegen. Claudy hat sogleich eine Nachricht für Micha, die ich ihm übermitteln soll und auf die er auch schon wartet, wie er mir später mitteilen wird: Ihre aktuellen Flyer mit ihren Workshop-Angeboten verteilt sie noch selbst, ab der zweiten Auflage würde sie auf den Kulturboten zurückkommen. Frauke berichtet von Festivals, mit Blick auf mein New-Model-Army-T-Shirt, dass sie die nämlich am Samstag auf dem Burg-Herzberg-Festival sehen wird; später erfahre ich, dass die Band schon am Freitag für lau auf dem Hannoveraner Maschseefest spielt. Das muss man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen. Das wird keine Oldschoolfeier für veraltete Indiefans, denn sämtliche Alben von New Model Army sind großartig, auch die jüngsten. Frauke war zuletzt auf einem Technofestival, aber nicht mit Knicklichtern, wie ich mutmaße, „auch nicht mit Gummistiefeln“, sondern auf dem Nation Of Gondwana, von dem ich noch nie gehört habe. Vom Line-Up kenne ich gerade mal Der dritte Raum und Raz Ohara, der Rest ist mir fremd. Claudy sagt, dass sie sich von Frauke dazu hat anstecken lassen, morgens im Bad immer Minimal-Electro-Sender im Internet zu streamen.

Nun sollte ich mich aber losreißen, auch wenn es schwerfällt, denn Micha wartet, und ich muss ihn noch etwas länger warten lassen, weil ich noch bei Comiculture etwas zu besprechen habe. Wie verabredet bringe ich nämlich eine Tüte voller Lego-Minifigures mit, von den Simpsons, Serie 1 und 2, meine doppelten Exemplare. Stefan und Tilmann boten mir an, meine Tauschware im Schaufenster auszustellen. Auf einem Zettel vermerkte ich zudem, welche drei Figuren der zweiten Serie mir noch fehlen. Stefan ist gerade nicht da, Tilmann nimmt die Tüte entgegen. Ja, ich gebe es zu: Zwar bin ich dem Ü-Eier-mäßigen Sammelwahn der Lego-Minifiguren nicht ganz so verfallen, sondern lege mir pro Serie gerade mal zwei der 16 verschiedenen Objekte zu, aber die Simpsons bilden leider eine Ausnahme. Und das, obwohl ich die seit rund einer Dekade nicht einmal mehr im TV gesehen habe. Der Mix macht’s: Lego und Simpsons. Und Lego, das ist seit einiger Zeit mal wieder nach vielen Jahren der Einfallslosigkeit wieder richtig gut. Was die in ihren Sets unterbringen, man muss sich nur die Packungen mal genauer ansehen: Kaffeetassen, Würste, Bananen, Hähnchenschenkel, Möhren, alles ist irgendwo versteckt, ob bei Star Wars, im Mittelalter oder den mädchenorientierten Friends. Selbst mein Space-Shuttle-Modell hat eine Kaffeetasse im Cockpit. Und à propos Friends, da gab es – wie schon mal hier an anderer Stelle erwähnt – in der ersten Serie das Set „Traumhaus“ mit zwei so etwas wie Erwachsenen Gastfiguren am Rande des Hauptfigurennukleolus, die sich Peter und Anna nannten. Auf dem Cover sieht man Peter Grillen (Hähnchenschenkel, natürlich) und Anna Rasen mähen – und man erkennt eine markante Ähnlichkeit zu anderen ausgedachten Personen, nämlich Scully und Mulder von „Akte X“. Für alle, die sich also fragen, was diese beiden in der noch anhaltenden Pause vor der geplanten neuen Staffel so machen, deckt Lego auf: Mulder grillt Hähnchen und Scully mäht den Rasen. Überdies haben deren Schauspieler David Duchovny und Gillian Anderson erst kürzlich öffentlich betont, wie sehr sie eine Lego-Version ihrer Alter Egos wünschten. Längst erfüllt!

Nun also endlich zu Micha, der an einem Tisch draußen im Achteck auf mich wartet. Bei einer Fritz-Kola erzählt er, dass er die neue Single „Go“ von den Chemical Brothers sehr schätzt. Da pflichte ich ihm bei, wenngleich es das neue Album „Born In The Echoes“ zunächst schwer hatte, zu mir durchzudringen, ich es nach einigen Durchgängen aber sehr mag und bestätige, dass „Go“ einfach mal ein verdammter Ohrwurm ist. Und überhaupt gar nichts mit der gleichnamigen zweiten Single von Moby aus dem Jahr 1991 zu tun hat. „Das Album kenne ich noch nicht“, sagt Micha. „Ich werde es mir wohl kaufen.“ Er nimmt einen Schluck aus der Kolaflasche. „Hier.“

Draußen zu sitzen, ist nach der Hitzewelle vor ein paar Wochen so mitten im Hochsommer dieser Tage ganz schön mutig, denn uns wird des Windes wegen bald sehr kalt. „Es ist ungemütlich draußen“, stellt Micha fest. „Lass uns reingehen.“ Das tun wir, finden einen Platz neben der Theke, alle anderen sind besetzt, es ist angenehm voll. Neue Bilder hängen an den Wänden, eines davon ist heiß diskutiert: „Das Ende der Scham“ von Marie Dann. Es fällt direkt beim Eintreten ins Auge, weil es in Blickrichtung rechts prangt, übergroß und von einer Lampe hinterleuchtet. Es ist hellblau gehalten und offenbart bei genauem Hinsehen ein Motiv, das in dem Format und der Öffentlichkeit fast anrüchig ist: ein von zwei Fingern gespreiztes weibliches Geschlechtsteil nämlich. Abgesehen von der Farbe ist da nichts, was da irgendetwas versteckt. Anders als auf dem Cover des neuen Albums von Müller & die Platemeiercombo, „Castafiore“, das ein undurchdringliches Dickicht zeigt, in dem man mit nur wenig Vorstellungskraft ein ähnliches Motiv auszumachen in der Lage sein kann. Was natürlich offiziell nicht beabsichtigt und lediglich Ansichtssache ist, schon klar, die schmutzige Fantasie liegt ganz allein im Auge (oder sonstwo) des Betrachters. Interessant an dem Bild ist, wie viele Gäste hinter vorgehaltener Hand darüber tuscheln, obwohl das Motiv selbst nun beim besten Willen keine Hand vor auch nur irgendetwas hält. André freut sich diebisch, dass dies so ist, als er erklärt, dass das Bild im Rahmen der Sammelausstellung zur vierten Ausgabe des HBK-Buches „Kristel“ hängt und dass Marie Dann bereits hier und in der Einraumgalerie gegenüber die „Island“-Ausstellung bestückte.

Momentan ist André fast allein hier, er arbeitet nebenbei Jakob in der Küche ein. Chris hat zurzeit Urlaub, das verriet der mir kurz vor dessen Antritt schon. Urlaub wäre fein, zumindest das Wegfahren; ans Meer, die Seele betanken, war kürzlich mein Ziel, als ich mich morgens ins Auto setzte und gut vier Stunden später in Sønderborg an der Ostsee wieder anhielt. Fisch essen wollte ich gern, und ich erfüllte mir diesen Wunsch im laut Touristinfo einzigen Fischrestaurant der kleinen sympathischen Stadt am Alssund, direkt am Hafen, mit Blick aufs Schloss und auf die Klappbrücke, die alle paar Minuten ihre autoverkehrsbehindernde Arbeit verrichtete, indem sie Booten die Durchfahrt ermöglichte. Mein Menü bestand aus einer Lachspastete, die mit Krabben garniert war, und einer gigantischen Scholle mit Gemüse. Diese Scholle war einfach nur ungewürzt gegart und dann grob mit Salz und Pfeffer bestreut, ein Tropfen frischer Zitrone ergab den Rest. So zart war das Fleisch, dass ich es mühelos von den Gräten schieben und genüsslich verspeisen konnte. War das fein! Dazu ein dunkles Bier und etwas Sonne, was will man mehr am Meer. Na, vielleicht einen lustigen Dialog. Hinter mir saß eine Familie, dem Tonfall nach aus den USA. Die junge Kellnerin kam mit zwei Tellern aus dem Lokal nach draußen, ging an jenen Tisch und sagte zunächst: „The grilled salmon“, stellte den Teller ab, „and the …“, dann hörbar grübelnd, „well, what’s it called in English“, dann laut und bestimmt: „The other fish.“

Nicht Fisch noch Fleisch bestelle ich bei André, sondern wie üblich den Bonanza-Burger mit einer Kaffee-Kola. Micha durchsucht die Taschen seiner Jacke, weil er fürchtet, die Fußball-DVD verloren zu haben, die er hier für seinen Vater erwarb: „Schuld war Ulsaß“, über den Braunschweiger Verein FC Leu 06. Er findet die DVD und setzt sich wieder beruhigt hin. In elfeinhalb Minuten gibt es in dem Film Gespräche mit Zeitzeugen über einen Sachverhalt, in den der Spieler Lothar Ulsaß des Konkurrenzvereins Eintracht Braunschweig verwickelt war. Worum genau es geht, ist mir nicht so recht klar, vielleicht sollte ich mir die DVD auch mal zulegen, sechs Euro sind gerechtfertigt dafür. „Mein Vater sagt, Ulsaß war der beste Fußballspieler, der je in der Eintracht gespielt hat“, sagt Micha. Der Film ist von Dirk Masson, mit dem habe ich mal für die Presse gesprochen, wegen der Aktion „War Heinrich Büssing Eintracht-Fan?“ der Büssingianer, deren Mitglied er ist.

Die Sonne kommt herein, mit dem Effekt, dass die Gäste nun herausgehen. Bis auf uns, wir bleiben drinnen sitzen. Micha wartet auf Steffi, mit der er verabredet ist, was sie mir vorhin gar nicht erzählt hat. Sie wollen etwas essen, doch hat Micha schon jetzt Hunger und bestellt nach längerem Grübeln bei André die vegane Currywurst. Der warnt, dass man die nicht zwingend als Ersatz für eine echte Currywurst auffassen sollte, sie aber einen eigenen Geschmackscharakter habe. So ähnlich bestätigt es Micha, als er das Gericht dann probiert: „Schmeckt interessant.“ Die Stücke sehen aus wie Currywurst, das stimmt, und dazu gibt es Salat. „Ich schmeck zwar die Currywurst nicht, aber das Drumherum.“ Damit meint Micha die Soße: „Ist sehr intensiv.“ Er spießt das nächste Stück auf seine Gabel: „Das könnten auch Gurken sein.“ Später, wenn ich mit Micha und Jens vor der Videothek in der Sophienstraße sitze, wird Sidonie vorbeikommen und mir von einem veganen Mortadellaersatz aus Gurken vorschwärmen – wer weiß also, woraus die Wurst wirklich gemacht ist. Grün ist sie jedenfalls nicht. Die Mortadella aber auch nicht.

Bevor André bald in seinen verdienten Feierabend geht, möchte ich mich von ihm über den fünften Geburtstag der Filmreihe „Sound On Screen“ informieren lassen. „Das wollen wir feiern, mit Mark Reeder und dem Film ‚B-Movie‘“, sagt André. Micha dreht sich mit vollem Munde um: „Ist das nicht mit ‚ner Biene?“ André klopft ihm resigniert auf die Schulter: „Super.“ Und fährt fort, über Mark Reeder zu berichten, der Engländer ist, damals bei Factory Records involviert war, mit Joy Division und New Order und solchen Bands, und der dann aus Langeweile nach Berlin ging, um dort Ende der 70er, Anfang der 80er auf all die Ikonen zu stoßen, wie die Einstürzenden Neubauten. Über diese Zeit gibt es jetzt den Film „B-Movie“: „Den zeigen wir, Mark Reeder selber kommt auch, er legt ein bisschen auf – wir wollen euch feiern und feiern uns gleich ein bisschen mit.“ Termin ist am 11. September, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach dem ersten „SOS“-Film: „The Doors – When You‘re Strange“ lief 2010 genau eine Woche später. „Der 11. September ist einer der wenigen Tage, an die ich mich noch erinnern kann“, sinniert Micha in Erinnerung an die Ereignisse in New York im Jahr 2001. Das ist wenig, finde ich, was ist mit gestern? „Schon schwieriger“, sagt er und geht an die Theke, um bei André einen Milchkaffee und einen Kaffee zu bestellen. „Mit Milch?“, fragt André grinsend, und Micha lacht. Als er sich wieder zu mir setzt, kommt Steffi herein. Sie motiviert uns dazu, uns doch noch einen Platz draußen zu suchen.

Steffi und ich begrüßen uns mit der inzwischen üblichen Ghettofaust und dem Zusatz „38118“. Das brachte mir eine Freundin aus Hessen bei, die als Ex-Punk im Ordnungsamt arbeitet und berichtete, dass man dort zur Ghettofaust seine Postleitzahl sagt. Das ist so blöd, dass ich es liebe und mir sofort angewöhne. Interessant ist dabei, wie unterschiedlich die Leute ihre Postleitzahlen sagen. Dieselbe Freundin erzählte mir übrigens auch, dass ihre Leute dort am Lagerfeuer gerne Torfrock-Songs auf Hessisch singen. Alternierend zur Ghettofaust grüßen Steffi und ich uns auch aus der Ferne mit dem Westcoast-Zeichen der US-Rapper, wir kreuzen bei abgespreiztem Zeige- und Kleinen Finger den Ring- und Mittelfinger zum W, W wie Westliches Ringgebiet.

In diesem Moment tritt André mit einem Tablett an unseren Tisch; er hatte keine Mühe damit, unseren Umzug zu verfolgen. „Ein Kaffee mit Milch“, sagt er und stellt eine Tasse mit Kaffee ohne Milch vor Micha ab, „ein Milchkaffee“, der steht nun vor mir, und André greift ein drittes Mal aufs Tablett und wirft Steffi einen der leckeren Lotus-Karamellkekse zu. „Und ich krieg einen Keks?“, fragt sie verblüfft und gekonnt fangend. „Erstmal, vorab“, bestätigt André, und bevor Steffi die Karte durchblättern kann, rät er ihr: „Komm erstmal an“, und geht zurück. Micha sieht ihr dabei zu, wie sie den Keks aus der Folie nimmt und genussvoll abbeißt. „Guten Appetit, willst du meinen auch?“ Will sie gerne. Von der Firma hab ich einen Brotaufstrich aus diesen Keksen, „Speculoos“ heißt der in Belgien, wo ich ihn entdeckte; es gibt ihn auch in Deutschland, aber unter anderem Namen, zurzeit „Lotus Biscoff“ oder so. Schmeckt leider geil, um mal Deichkind zu bemühen. „Mit Aufstrich bin ich vorsichtig“, sagt Micha. Er habe mal Erdnussbutter probiert, weil er fand, dass sie lecker aussieht, doch: „Schmeckt gar nicht.“ Den Eindruck teile ich, obwohl ich Erdnussfan bin. Nachdem sich Steffi beide Kekse schmecken ließ, entdeckt sie auf meinem Unterteller einen weiteren, den ich nun selbst esse: „Hat er jetzt echt drei gebracht?“, fragt sie erstaunt. „Das ist ja nett.“

Im ganzen Handelsweg treibt die Sonne die Leute nach draußen. Achim sitzt vor seinem Tante Puttchen und liest Zeitung, Helmut lässt sich vor seiner Strohpinte zwar noch nicht blicken, hat aber viele Gäste dort, und Peter öffnet die Einraumgalerie. Dort sind zurzeit Gemälde von John Crisp ausgestellt, kuratiert von seiner Enkelin Fiona, die in Braunschweig wohnt. John Crisp lebte auf einer Insel bei Newcastle und verarbeitete dort künstlerisch seine Eindrücke, die er vermutlich im Zweiten Weltkrieg als Bomberflieger gesammelt hatte. Mit solchen Kenntnissen lassen sich die zeitlos wirkenden, farbenfrohen Arbeiten sehr leicht mit Inhalten füllen. Fiona erbte John Crisps Gemälde und wählte die hier gezeigten Werke aus einem großen Fundus aus, wie sie mir kürzlich erzählte. Ein Foto von der Insel hängt ebenfalls in der Galerie, St. Mary’s Island. Schon wieder die See.

Steffi blättert im Menü. „Ich glaube, ich probiere mal den Riptide-Burger“, überlegt sie, „und dazu einen Agavendicksaft?“ Sie grinst. Ist das nicht eine Reptilienart? Sie greift nach dem kleinen Aufsteller, der auf grünem Papier die saisonalen Angebote anpreist. „Nee, gibt’s noch Ingwer … ?“ Sie sucht vergeblich danach, und ich stelle fingerzeigend fest, dass sie unter „Frische“ nachgucken muss, „Frische Ingwer-Limetten-Limo“ nämlich. André verfolgt den Dialog grinsend von der Tür aus und kommt zu uns. „Ich hätt gern die Frische Ingwer-Limetten-Limo“, ruft Steffi ihm zu. „Natürlich ist die frisch“, grinst André. „Habt ihr noch die alte?“, fragt Steffi schalkhaft. André widerspricht: „Nee, die pressen wir in der Küche ganz frisch aus.“ Steffi will mehr: „Und ich probier mal den Burger, mit Tijuana und Edamer.“

Als Micha und Steffi sich gerade über Michas jüngsten Veranstaltungseintrag auf Steffis Magazin „Kult-Tour – Der Stadtblog“ unterhalten, kommt Raze an unseren Tisch. Er gibt jedem die Hand, und Micha stellt fest: „Dich habe ich ja lange nicht gesehen.“ Raze nickt, schlendert in Richtung Café weiter und sagt: „Ich hol mir mal ein Alkfreies.“ Der Schichtwechsel hat eingesetzt, jetzt sind Aline und Jasmin im Einsatz. Aline kommt mit einem Tablett an unseren Tisch: „Die Limonade?“ Steffi streckt ihr ihre Hand entgegen: „Die ist für mich, danke.“ Aline geht zurück ins Café und kommt stehenden Fußes mit dem nächsten Tablett zurück: „Der Burger?“ Steffi streckt sich ihr erneut entgegen: „Ist auch für mich, danke.“ Jetzt kommt Raze mit einem alkoholfreien Hefeweizen und setzt sich zu uns. „Wir haben uns ja ewig nicht gesehen“, sagt Micha und schüttelt ihm die Hand. Raze ist perplex: „Wir haben uns doch grad schon begrüßt … ?“

Doch Micha meint das auch in Bezug auf Social-Media-Plattformen wie Facebook. „Da hab ich mich abgemeldet“, sagt Raze. Er konzentriere sich vielmehr auf Twitter und Soundcloud, um unter dem Namen DR seine Ambientmusik publik zu machen. Das interessiert Steffi, die die ihr Magazin ebenfalls kürzlich einen Twitter-Account einrichtete und von dem Erfolg noch nicht so recht überzeugt ist. Raze bestätigt, dass man bei Twiter geduldig sein muss. Sie tauschen sich über Hashtags und andere Details aus.

Eigentlich wollte Raze nur kurz nach draußen, um Aufnahmen zu machen, Field Recordings quasi, die er dann zu Musik verarbeiten würde, „aber es ist zu windig“. Ein nichtalkoholisches Getränk hier ist ja auch fein. Und was ist mit dem Tape, das er mal ankündigte? „Das musste ich umkrempeln“, sagt Raze, weil es jetzt wohl auf einem anderen Label erscheinen soll. Er arbeitete auf dem Album unter anderem tatsächlich stilecht mit Tapeloops. Aber: „Es war zu lang, mit 80 Minuten.“ Micha versteht: „Die kriegste nicht gerollt.“ Steffi staunt: „Du bringst eine Kassette raus?“ Raze bestätigt und erläutert, dass das Tape besonders in nichtwestlichen Ländern nicht ausgestorben sei, aber auch in Japan nicht. Aus dem Internet und von Steffen von Cryptic Brood weiß ich, dass nicht nur im Ambient, sondern auch im Black Metal zurzeit Tapes wieder angesagt sind. Steffi ist verblüfft: „Das hab ich gar nicht mitgekriegt.“

Raze und Micha unterhalten sich über den Saisonstart der Zweiten Bundesliga. Schon seltsam, noch Anfang des Monats sahen Micha und ich Spiele der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, aber das ist schon wieder gefühlt sehr weit weg. Ein älterer, in Beige gekleideter Mann schiebt plötzlich sein Fahrrad an unseren Tisch und klopft auf die Platte. „Wissen Sie, wie das heißt hier?“ Während ich noch überlege, was genau er mit „hier“ gemeint haben könnte, antwortet Micha: „Handelsweg.“ Das scheint tatsächlich die gesuchte Information zu sein, der Mann erzählt: „Als Kinder haben wir hier gespielt und das ‚Selam-Bazar‘ genannt. „Sedan-Bazar“, korrigieren wir. „Selam? Sedan?“ Der Mann grübelt, sagt „danke“, schiebt sein Fahrrad weiter und blättert bei Comiculture in der Hefteauslage. „Ich habe noch nie gehört, dass jemand den alten Namen nennt“, sagt Steffi. Bei Razes Familie hingegen sei der sehr wohl noch parat.

Im Eilschritt wetzt Stefan von Comiculture durch den Handelsweg. Ich kann ihm gerade noch nachrufen, dass meine Simpsons-Figuren wie vereinbart bei ihm eingetroffen sind, da ist er schon nickend in seinem Laden verschwunden. So viele Stefans im Handelsweg, allein in der Einraumgalerie sind es drei. Kürzlich entdeckte ich im Internet ein Foto, das jene drei Stefans in Gesellschaft von Steffi zeigt, mit der brillanten Unterzeile: „Irgendwo auf diesem Foto ist ein ‚ie‘ versteckt.“ Steffi grinst: „Das hat Micha gemacht.“ Der bestätigt das: „Stimmt, ist Ewigkeiten her.“ Wir lassen das Treffen nun ausklingen, jeder hat noch etwas anderes vor. Noch ahne ich nicht, dass ich Micha gleich bei der Videothek wiedersehen werde. Es gibt noch so viel zu besprechen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#84 Schmerz!

24. Oktober 2014


Freitag, 24. Oktober

Mein Zahnarzt ist ein Guter, daran gibt es keinen Zweifel, und er kann auch nichts dafür, aber zurzeit ist er einfach Schuld an meinem unwerten Befinden. Zwar war es ihm vor einigen Jahren gelungen, meine Zahnarztphobie zu überwinden, indem er sie ernstgenommen hatte und das auch immer noch tut, aber dennoch obliegt es seinem Berufsstand nun mal, den Menschen eher unangenehme Situationen zu gestalten. So lustig und behutsam dieser Dentist auch ist, er fügt mir Schmerz zu; sicher, es ist weniger als bei seinen Kollegen, aber ohne geht es naturgemäß nicht. Gestern war nun ein Weisheitszahn dran. Ich hatte bis dato noch alle vier und war darüber – Zahnarztphobie sei Dank – auch glücklich. Doch dieser eine war kariös geworden und sein Nachbar gleich mit. Also doppelter Spaß. In Summe drei Spritzen, eine in den Gaumen. Eine Füllung ausgebohrt und neu verplombt, und dann – ich kannte das Geräusch nicht, das ein Zahn im Kiefer verursacht, an dem geruckelt wird. Ich wusste nicht, wie es im Kopf klingt, wenn Teile des maroden Zahns beim Herumruckeln abbrechen. Nun, es ging vergleichsweise und unerwartet schnell und komplikationslos und tat auch währenddessen nicht weh. Das kam erst später, als die Betäubung nachließ, im Verlauf des Nachmittags mehr, am Abend sehr. Heute ist es weniger der Schmerz, der mich plagt – ich habe Kopfschmerzen, und mein Oberkiefer fühlt sich an, als hätte er untrainiert einen Marathonlauf hinter sich gebracht. Das Allerschlimmste ist aber, dass ich drei Tage lang keinen Kaffee trinken darf. Auf Alkohol, Tee und Zigaretten soll ich auch verzichten, das ist weniger problematisch, aber Kaffee – gleich während ich mir morgens mantraartig die neue Maßgabe in den brummenden Kopf diktierte, dass ich dieses Mal auf Kaffee beim Frühstück zu verzichten habe, setzte ich routiniert das Wasser auf. Es ist nicht einfach. Und was mache ich im Riptide? Kein Kafka, kein Milchkaffee, kein Wolters – dann trinke ich eben Viva con Agua de Sankt Pauli. Hauptsache, ich bin im Riptide.

Gestern setzte ich mich nach der Behandlung zu Serge und Sidonie ans Schaufenster der Rip-Lounge. Daran merkt man, dass es Herbst wird: Zwar ist Serges Laden geöffnet, aber der Eigentümer sitzt gegenüber hinter Glas, „auf meinem Hochsitz“, wie er sagt, und raucht. Während ich im Gesicht halbseitig gelähmt froh darüber war, dass das Riptide wieder Suppen im Angebot hat, und mir die Erbsen-Dill-Suppe bestellte, die ich wenige Tage zuvor bei Claudi Soundschwester schon positiv in Nasenschein genommen hatte, legte Sidonie ihre eigene Furcht vor Dentisten dar. Ein einendes Thema, das stellte ich danach auch bei Raute fest, als Katrin von ihren Problemen berichtete und fragte, warum Zähne nicht wie Haare und Fingernägel einfach nachwachsen können. „Dann aber bitte nicht warten, bis sie schwarze Stümpfe sind“, sagt Niclas auf Serges Platz, als ich ihm heute diese Geschichte erzähle. Auch er kennt brutale Zahnarztgeschichten. Mit diesem Schmerz ist man wahrlich nicht allein.

Im Café gegenüber hängen überraschenderweise neue Bilder. Die sind Bestandteil einer Ausstellung der HBK, André reicht mir dazu einen Flyer herüber. Die Werke umrahmen die Release-Party zur dritten Ausgabe des Kristel-Magazins, von dem ich noch nie gehört habe, das HBK-Studenten erstellen. „Die Kunst hängt schon, die Party steigt am 8. November“, sagt Chris. Dann sollen die Kristel-Autoren auch aus ihrem Magazin lesen.

André und Chris sind heute mehr als beschäftigt. Abgesehen von den Wünschen der Gäste, die sie erfüllen, packen sie nebenbei Kisten voll mit Schallplatten. „Am Wochenende findest du uns zum ersten Mal auf der Funkmesse in der VW-Halle mit einem Stand“, erklärt Chris. „Wir wollen uns präsentieren, weil da vielleicht auch Publikum von außerhalb kommt.“ André ergänzt im Vorbeigehen: „Und für die nötige Software für High-End-Geräte sorgen.“ Chris sortiert LPs aus den Fächern nach Alphabet und stellt sie in die Transportkisten: „Der Laden geht auf Reisen, sozusagen.“ Er sammelt eine Art „Best Of“ zusammen, sagt er, „wenn man schon die Gelegenheit hat, zwei Tage lang auszustellen“.

Quasi als Belohnung für die Dentalpein war just gestern meine jüngste Vinyl-Bestellung im Riptide eingetroffen, die selbstbetitelte Debüt-EP von Myrkur. Dabei handelt es sich um das Black-Metal-Projekt einer Frau, Amalie Bruun aus Dänemark, die dort eigentlich modelt oder ansonsten im Pop-Duo Ex Cops aktiv ist und den Black Metal einfach mal ausprobierten wollte. Sie unterfüttert ihn mit mehrsätzigem Feengesang und hätte sich ansonsten offen gestanden einen Produzenten leisten sollen, aber insgesamt macht die Musik schon Spaß. Ein-Personen-Black-Metal-Projekte sind bei Frauen rar und bei Männern häufiger, stellt auch Chris fest. Er erinnert sich an das Projekt Professor aus Hannover, das in den 90ern eine Vinyl-Single mit fiesem Rumpeln veröffentlicht hatte. „Das war ein großer Lachkult bei uns“, grinst Chris. Tatsächlich kann man sich die Single „Academizer“ komplett auf Myspace anhören.

Das Riptide ist am 2. November im Fernsehen zu sehen, berichtet André, wie heute öfter im Vorbeigehen. „Das hat aber nichts mit dem Laden zu tun, das wurde nur hier gedreht.“ Während André wieder in der Küche arbeitet, erläutert Chris, dass es dabei um ein Sozialjugendarbeits-Projekt ging. „Ein Schüler, der gern die Schule klemmt, und eine Lehrerin haben sich hier getroffen.“ Das Fernsehen sei lange nicht hier gewesen, und Chris zählt die Sender auf, auf denen das Café bereits zu sehen war – es waren eine Menge. „Fast alle, außer Arte“, sagt Chris. André steckt den Kopf aus der Küche und grinst: „Meine Lieblingsgeschichte“, beginnt er, und erzählt, dass Pro7 im Rahmen des Kneipenquartetts im Riptide drehen wollte. Die mussten den Termin aber verschieben, und als sie den Ausweichtermin bekanntgaben, war es das Riptide, das absagte und um eine weitere Verschiebung bat: An dem Tag war das ZDF zu Gast. „Das geht, oder?“, grinst André und kehrt in die Küche zurück.

Der Oktober ist quasi-golden, sieht man von den feuchten Momenten ab, die wir auch schon zu erleiden hatten. Aber er ist golden genug, um die Gäste nach draußen ins Achteck zu treiben. Das dann aber teilweise in Schal und Mütze, wie Chris belustigt feststellt, als drei dick vermummte Besucherinnen bei ihm vergnügt zahlen. Parallel zu seiner Pack-Aktion ist er immer wieder gefragt: Die Gäste interessieren sich für die dritte Ausgabe des „12×12“-Heftchens von Katze Bullshit, also Marcel und Eileen Pollex, das sie gratis mitnehmen dürfen, oder für den Vorverkauf für den Poetry Slam im Dezember, der jedoch noch nicht angelaufen ist, „so drei bis vier Wochen vorher“, sagt Chris. Andere reservieren einen Tisch für Samstag, und zwar draußen, „das geht“, sagt Chris, „viele machen das, einfach warm anziehen, und wir haben Decken“. Ein anderer fragt nach dem Lemmy-Frühstück, das aus Whisky und Zigarette besteht: „Geht das auch ohne Whisky, nur Zigarette?“ Chris nickt, auch das geht, gegen geringen Obolus: „Kann ich sie dir gleich per pedes geben?“ Er entnimmt einer Schublade eine Schachtel, öffnet sie, schnippt an die Rückseite und lässt einige Zigaretten hervorragen. Der Gast nimmt sich eine. Chris schließt die Schachtel wieder und legt sie ins Schubfach zurück: „Ich übe noch, dass nur eine rauskommt.“ Anna fragt nach dem Magazin „Druff“, das im Riptide jedoch nicht ausliegt, Nora nach einer bestellten Single, und Chris weiß sofort, welche sie meint: Die Split-EP von Touché Amoré und Piano Becomes The Teeth. Dennoch muss er sie enttäuschen, denn die Single ist noch nicht da. Nora schwärmt besonders von letzterer Band, „das Lied ‚Hiding‘ ist ganz toll, das ist der Grund, warum so viele Leute die Single kaufen“, erklärt sie. „Ich war mit einem Kumpel hier, der hat sie mir vor der Nase weggeschnappt, da musste ich sie mir bestellen.“ Chris würde sie benachrichtigen, sobald das Stück eintrifft, und dabei fällt Nora ein, dass sie schon wieder eine neue Mobiltelefonnummer hat: „Ich habe mir in Berlin mein Handy klauen lassen.“ Zum ersten Mal sei ihr das passiert, in Lichtenberg, „angesagte Gegend“, da habe sie mit einer Freundin auf einer Bank gesessen, und gemerkt habe sie den Verlust erst zwei Stunden später, „weil ich nicht alle fünf Minuten auf mein Handy gucke“. Denen, die dies hingegen tun, sagt Chris, passiert so etwas nicht. Nora habe sofort von einem anderen Handy aus ihre Nummer angerufen, doch sei da schon alles gelöscht gewesen. Das macht sie grimmig: „Ich bin immer ehrlich gebe alles ab, was ich finde.“ Sie habe schon diverse hochpreisige Mobiltelefone gefunden, „aber ich brauche die Handys nicht“. Chris zeigt sich stolz auf diese Haltung: „Bewahr dir das.“

Einen weiteren Flyer legt mir André vor die Nase: Am 6. November läuft in der Reihe „Sound On Screen“ im Universum-Kino der Film „As The Palaces Burn“ über einen Totschlagprozess, in den die Band Lamb Of God in Prag verwickelt war. Im Riptide ermöglicht Till Burgwächter anschließend Einblicke in seine Erfahrungen mit dem Heavy Metal. Der jüngste „Sound On Screen“-Beitrag war „20,000 Days On Earth“, die Fake-Doku, in der der Musiker Nick Cave einen Musiker mit dem Namen Nick Cave spielt. Großartig. Mit einer Party im Riptide, bei der Dennis auflegte, den hab ich lange nicht gesehen, seit er in Berlin lebt. Unter seinen ausgewählten Songs war „Milez Is Dead“, der einzige Song von den Afghan Whigs, der mir etwas bedeutet, da freute ich mich doppelt. Auf dem Weg zwischen Kino und Riptide waren Micha und ich noch bei der Bank, und er bemerkte: „Das wäre praktisch, so ein Geldautomat im Wohnzimmer.“ Was für eine Idee.

Niclas bringt seine Teetasse aus der Rip-Lounge an die Theke und bestellt ein ungewöhnliches Glühgetränk: einen Apfelsaft mit Amaretto und einer Zimtstange drin. Hm. Wenn ich nicht das Alkoholverbot hätte, würde ich glatt versuchen, damit meine Kopfschmerzen zu betäuben. Ich fürchte, dass sie davon allerdings nur noch stärker würden. Ich habe auch viel mehr Hunger. Und abermals hm. Noch eine Suppe?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#82 ast.schmuck

15. August 2014


Donnerstag, 14. August

Von einem Sommerloch ist im Café Riptide nichts zu merken. Das Achteck ist schon am Nachmittag voll besetzt, auch im Café selbst füllen sich die Tische. Das leider nicht nur aus Platzgründen, sondern wohl auch, weil der Sommer zurzeit mal wieder in eine Richtung schlägt, die vorzeitig den Herbst erahnen lässt. Gelegentlich gehen Tropfen nieder, die noch gelegentlicher in einen heftigen Schauer übergehen. Man hat es bald satt, sich den meteorologischen Kapriolen zu fügen, und setzt sich auch in die Pfützen auf den Bänken, die nicht schnell genug unter die eigentlich dem Schutz vor der Sonne zugedachten Schirmen gezerrt wurden. Es ist ja egal, von welcher Seite man nass wird.

Vor lauter Sommerlochlosigkiet müssen heute Chris und André ran, sie unterstützen ihre Angestellten im Cafébetrieb, beantworten Fragen zu Musikveröffentlichungen, lassen Kaffee in Tassen fließen, nehmen Bezahlungen für Schallplatten entgegen und bereiten in der Küche Speisen zu. Und falls es doch so etwas wie ein Loch im Veranstaltungskalender geben sollte, endet das spätestens am 29. August, wenn die nächste Staffel der Reihe Sound On Screen mit „Fuck The Atlantic Ocean“ im Universum-Kino startet. Der Film begleitet das österreichische Singer-Songwriter-Duo „Sweet Sweet Moon“ auf einer Südamerikareise, die ein überraschender Erfolg auf Youtube den beiden Musikern ermöglichte.

Das Achteck ist bis zum letzten Platz gefüllt, es ist kein Stuhl mehr frei, den ich mir ausborgen könnte, um mich in die Runde vor Serges Laden einzufügen. Also muss es eine Klappbank sein, die am Rand des Achtecks steht, leider nicht unter Schirmen, was für mich bedeutet, dass neben der Unmöglichkeit, mich gemütlich in mein Sitzmöbel zu fläzen, auch noch die Unmöglichkeit kommt, dass ich mit einer nassen Sitzfläche klarkommen muss. Ich bringe Getränke mit, vorher im Riptide erworben.

Ein einzelner Satz ist dieses Mal das Thema der Runde, bei meinem Eintreffen sogar nur ein einzelnes Wort: „doch“. Anlass ist das Buch „Doch mein Herz singt vom Sinn des Lebens“, das Manu der Autorin Sidonie abnahm. Der Kreis diskutiert, ob das „doch“ dem Satz ein Vorleben gibt, und ob der Satz dadurch eine andere Bedeutung, wenn nicht sogar größere Tiefe bekommt. „Das ‚doch‘ rettet sie“, bricht Serge eine Lanze für die Sprachkunst der jungen Autorin. „Aber nur kaltherzig“, schränkt er ein, und ergänzt: „Das ‚Herz‘ geht nicht.“ Sidonie erläutert, dass sie etwas Körperliches in den Titel einbringen wollte, und löst damit die nächste Diskussion aus.

Beim Wort „doch“ fällt mir ein Satz ein, den ich kürzlich in Linden, dem Braunschweig Hannovers, mit dickem Filzer an eine Wand geschrieben stehend sah: „Hey, sollen die ihr Hollywood hinter uns doch abreißen“. Serge missfällt daran der Nihilismus, doch ich sehe da eine Vorgeschichte, vermutlich den erfolglosen Versuch, sich in einen Sachverhalt einzubringen, sowie keinen Generalnihilismus, sondern einen auf Scheinwelten bezogenen, und da ist Serge wiederum Hollywood als Symbol zu abgenutzt und sowohl für sich selbst als auch als Anti-These zu sehr mit vorgegebenen Inhalten behaftet. Besser gefällt ihm der offenbar von einem Legastheniker verfasste Satz, den eine Freundin an einer Bushaltestelle entdeckte: „ICH HASE DICH“. Serge lacht: „Das ist in seiner Unschuld die reine Pointe.“

Sidonies Buch enthält Gedichte, „ungereimt“, wie sie klarstellt, und dazu Illustrationen von einem Grafiker, nicht von ihr selbst, obgleich sie sehr wohl selbst als bildende Künstlerin aktiv ist, wenn auch in anderen Sparten. Sie veröffentlichte den Gedichtband unter dem Namen Sidonie-Felicitas von Schilling, und wem das lang vorkommt, dem sei hinzugefügt, dass sie den offiziellen Namenszusatz „Baronesse“ vor dem „von“ dort sogar noch wegließ. Sidonie bekommt überraschend einen Anruf und verabschiedet sich, herzlich, als sei sie nicht erst zum zweiten Mal in der Runde gewesen. Der Rest des Kreises hofft darauf, dass es auch nicht das letzte Mal war, und ist sich einig, dass es eine respektable Sache ist, wenn jemand schon mit Anfang 20 sein eigenes Buch in der Hand halten kann.

Zwar wird mit Sidonies Weggang ein bequemer Stuhl frei, doch noch bevor ich reagieren kann, nimmt Jasmin diesen Platz ein. Wie üblich gönnt sie sich vor ihrem Arbeitsantritt im Café Riptide bei Serge eine Zigarette. Bald bricht dann einer nach dem anderen auf. Übrig bleiben Niclas, Serge und ich, und als ich mich vor dem nächsten Schauer in den Hauseingang bei Serges Laden flüchte, nehme ich erstmals wahr, dass Piou gegenüber nun Vabel heißt und laut Schaufensteraufdruck „Schmuck-Werk“ anbietet. Genaugenommen heißt der Laden „.vabel“ und das Angebot „schmuck.werk“. Den Laden gibt es im Handelsweg schon seit einigen Wochen, wie mit Niclas und Serge belustigt mitteilen, doch die offizielle Eröffnung steht erst Ende des Monats an. Kein Leerstand im Handelsweg, das ist eine gute Nachricht.

Vor dem Tante Puttchen zelebrieren wie üblich Uwe und Katrin von Raute Records ihren Feierabend. Uwe entdeckt das Buch „Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?“ von Klaus Voormann in Serges Schaufenster. Serge ist erstaunt, dass überhaupt jemand Klaus Voormann kennt, aber hey, er hat es bei Uwe mit einem versierten Schallplattenverkäufer zu tun. „Der hat nicht nur ‚Revolver‘ gezeichnet“, untermauert Uwe gleich seinen Kennerstatus. Stimmt doch, wer sich ein bisschen für Musik interessiert und auch gewillt ist, archäologisch tätig zu werden, stößt im Beatles-Umfeld zwangsläufig auf den Namen Klaus Voormann. Nicht zuletzt zeigte Sound On Screen seinerzeit die Dokumentation „All You Need Is Klaus“, also sollte man dem Namen auch als aufmerksamer Riptide-Gast schon begegnet sein.

Inzwischen ist es dunkel, noch kälter und wenigstens weniger nass. Serge will seinen Laden schließen und Niclas und ich ziehen den jeweiligen Heimweg in Betracht. Da sieht Serge schräg gegenüber in der Einraum-Galerie noch Licht und schlägt vor, dass wir uns die Ausstellung ansehen. Drinnen sitzen Anja und Antje zwischen ganz vielen Stöcken. Auf zwei Plattformen stehen filigrane Holzgeflechte, am Schaufenster hängen grobe Äste scheinbar willkürlich von der Decke. Auf dem Boden liegen, fein säuberlich sortiert, weitere Äste von verschiedenen Baumarten. Ich fühle mich wie im Wald. „Ich hatte heute nur einen Proviantkorb dabei“, höre ich die offenbar hungrige Künstlerin Antje zu ihrer Besucherin Anja sagen. Sofort habe ich ein Bild von Rotkäppchen vor Augen, sie lachen. „Haben wir noch Wein da?“, fragt Anja in dem Zusammenhang. Haben sie nicht, daher geht Antje los, im Ritpide für Nachschub sorgen.

Erst beim Blick auf den Flyer fällt mir auf, dass ich Antje längst kenne, nämlich, als ich ihren Nachnamen Koos lese. So ist das manchmal, der Name bleibt haften, das Gesicht nicht, und als ich sie darauf anspreche, geht es ihr genauso. Zweimal habe ich über sie berichtet, als sie in Wolfsburger Kindertagesstätten Außenbereiche designte. Mit gigantischen Fabelwesen, denen sie mit Mosaikmustern eine farbprächtige Außenhaut verpasste und die den Einrichtungen nachhaltig Freude bereiteten. Außerdem sah ich als Besucher im Klinikum in der Salzdahlumer Straße zufällig mal eine Ausstellung von ihr, da hatte sie riesige Fantasiefische in ein Foyer gehängt. In der Einraum-Galerie begegne ich nun einer Kunst, die ich von ihr noch nicht kenne, die sie aber auch schon länger macht, wie sie berichtet, aber hier zum Teil in ihr Gegenteil verkehrt und um neue Aspekte erweitert.

Das „Astwerk“ soll bis zur Finissage am 30. August wachsen, und zwar mit Hilfe der Besucher. Die sollen sich aus den Materialien, die gebündelt auf dem Boden liegen, bedienen und daraus eigene Objekte gestalten, die Antje wiederum in den hängenden Wald integriert. Ein solches Objekt sehen ich bereits in dem Raum. „Das ist von mir“, sagt Anja. Ganz willkürlich soll die Beteiligungskation aber nicht verlaufen, Antje hat für das „Astwerk“ ein Konzept: „Ich bin gespannt auf die Leute, die da mitmachen“, sagt sie.

Mit dem „Astwerk“ verändert Antje viele eigene Konzepte und Herangehensweisen. Exemplarisch stehen die beiden dünnen Geflechte im Raum, die sie vor Jahren aus Industriestäbchen gefertigt hatte. Später wechselte sie zu organischen Stöcken, wie denen im Schaufenster. Solche Stock-Objekte errichtete Antje sonst ausschließlich draußen, jetzt erstmals in einem geschlossenen Raum. Und: Erstmals beteiligt sie Gäste daran, „vom Ich zum Wir“, so Antje. Den Veränderungsprozess des „Astwerks“ hält ein Fotograf bis zur Finissage täglich fest.

Eine weitere Arbeit ergänzt die Ausstellung: An der Wand hängen zwei weiße Leinwände mit Robinien-Schoten. „Die habe ich beim Materialsammeln mitgenommen“, berichtet sie. Die beiden Leinwände sollen absichtlich etwas Skizzenhaftes haben, keine fertigen Werke sein, damit sie besser ins Gesamtkonzept passen. Interessant: „Die Schoten wirken wie fest angebracht, haben aber nur zwei Auflagepunkte.“ Ein filigranes Ding also, das in der Tat gar nicht so wirkt.

Es ist Zeit für den Heimweg. Vielleicht komme ich ja nochmal vorbei und gestalte aus Zweigen, Ästen und Bindfäden ein Objekt, das Antje in den Hängewald einfügt. Das wäre ja auch eine Art, ein Sommerloch zu stopfen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#79 Prozessor Hastig

26. Mai 2014


Samstag, 24. Mai

Wenn man dieser Tage am Tage durch den Handelsweg geht, kreischen wieder die Schwalben zwischen den Dächern. Sie haben einen erstaunlichen Effekt: Strahlen sie selbst eigentlich eher Hektik und Nervosität aus, in ihrem lautstarken Bestreben, sich zu ernähren und damit ihr Überleben zu bewerkstelligen, flößen sie mir damit als Untensitzendem Ruhe ein. Zumindest an den Tagen, an denen ich nicht selbst für meine Nahrung sorgen muss, sondern entspannt im Riptide-Achteck Getränke und Speisen einnehmen kann.

Dieser Tage ist der Donnerstag, immer eine kurze Weile vor dem Schichtwechsel zwischen Schwalben und Fledermäusen, ideal, um durch den Handelsweg zu streifen. Es dämmert spät, ist schon angenehm warm, und es ist entsprechend viel los, zwischen Einraumgalerie und Tante Puttchen. An diesem Donnerstag zeigte das Universum den Film „Another Day Another Time“ als Begleiter zu „Inside Llewyn Davis“, dem jüngsten Werk der Coen-Brüder über einen gescheiterten Musiker der in den 60ern erst aufkeimenden neuen Folk-Szene. Kein Wunder, dass man also an einem solchen ereignisvollen Tag von den wie immer gastfreundlichen Einraum-Galeristen bis zu Filmfest-Mitgliedern überall mit Leuten ins Gespräch kommt.

Die Kulisse für viele dieser Begegnungen bildete die Ausstellung „Über Land und Mehr“ in der Einraumgalerie, in Kooperation mit blackhole-factory und dem Theater im Glaushaus, einer Schauspieler-Gruppe der Lebenshilfe Braunschweig. Am heutigen Samstag ist leider schon Finissage der Ausstellung, bei ebenso guter Wetterlage wie am Donnerstag, und dieses Mal reicht die Flanier- und Verweilmeile sogar vom Comicladen, vor dem Leute um Chef Stefan an einer Biergarnitur mit Karten handeln und spielen, bis hin zum Tante Puttchen. Überall sitzen Leute draußen und verbreiten eine der wohltuenden milden Luft angemessene Laune.

Was es mit der Ausstellung auf sich hat, erklären mir Elke und Martin von blackhole-factory. Zu sehen sind in der Galerie zwei große Projektionen, eine mit Punkten in drei Farben, von denen manche über den MS-DOS-blauen Hintergrund wandern, und eine mit Filmaufnahmen vom Hochwasser in Braunschweig im vergangenen Jahr. Die Kamera taucht bisweilen unter die Wasseroberfläche, das gibt einen gleichermaßen geheimnisvollen wie anziehend bedrohlichen Eindruck. Diverse Gegenstände und zunächst kryptische Schautafeln säumen die Schau. „Das ist eigentlich ein Performance-Projekt aus dem letzten Jahr“, erklärt Martin. Die TiG-Leute waren auf Expedition in der Stadt und im Umland zu für sie unbekannten Orten. Dort erkundeten sie, ob sie im Unbekannten etwas Vertrautes oder auch im Bekannten etwas Fremdes finden konnten. Die Künstler sammelten vor Ort Objekte und machten Aufnahmen mit Spezialmikrofonen und Unterwasserkameras. Mit Induktionsspulen spürten sie sogar brummendem Strom nach. Das mit dem Überschwemmungen sei in diesem Zusammenhang ein „Super-Zufall“ gewesen, sagt Martin, denn so erkundeten die Teilnehmer altbekannte Wege, die nun überschwemmt waren, mit den Unterwasserkameras aus einer naturgegebenen neuen Perspektive.

Rund um die Stadt herum suchten die Theaterleute nun in Teams Plätze von einem Quadratmeter Fläche, die sie mit Flatterband absperrten, erzählt Elke weiter. Das war der erste Punkt einer Liste, die sie abarbeiteten. Die nächsten Punkte: „Sie machten ein Foto von der unberührten Fläche, machten Sound mit Objekten, die sie dort fanden, drehten einen 360-Grad-Film und nahmen zwei Minuten Ton auf: Wie klingt die Umgebung?“, berichtet sie weiter. Jedes Team bestand dabei aus einem Regisseur – in der Regel Elke oder Martin – und den Schauspielern, die die Orte auswählten und die Aufgaben wahrnahmen. Zuletzt nahmen sie die gefundenen Objekte, die derzeit auch in der Galerie zu sehen sind, in Plastiktüten mit nach Hause.

Dort ging es weiter, berichtet Elke: „Sie haben den Quadratmeter rekonstruiert und geguckt, ob man an den Dingen den Ort erkennt und was der Ort sagt über Themen wie Arbeit, Freizeit, Natur.“ Auch imaginierten sie sich Geschichten zu bestimmten Orten, etwa am Hafen, wo sie ein Frühstücksbrett, eine Flasche, etwas Dönerpapier und ein abgeschnittenes Seil fanden und daraus eine Performance kreierten, die die Geschehnisse erzählte, wie sie sich mutmaßlich zugetragen haben konnten, in diesem Falle von einer Feier am Schiff.

Und es ging noch weiter. Auf Tablet-Computern hatten die Künstler Sounds und Filme von den Orten gespeichert und versuchten dann zu Hause, auch daraus den Ort zu rekonstruieren – und tauschten sogar Dateien untereinander aus, die nicht zusammengehörten, „remixten“ sie also, wie Martin es bezeichnet, „und guckten, passt es oder passt es nicht, erzählt es vielleicht auch eine Geschichte, zum Beispiel wenn man Wald sieht und hört eine Autobahn rauschen, was es ja auch in Wirklichkeit gibt“.

Die Projektion mit den Punkten in der Ausstellung ist nun eine vereinfachte Karte von Braunschweig, auf der die Quadratmeter-Orte markiert sind. Mit einem Tablet kann man sie ansteuern, so wandern dann also die Punkte über das Feld, und die gespeicherten Töne und Filme abrufen. Die sind dann auf der zweiten Projektion zu sehen und über Lautsprecher zu hören. Vor den Leinwänden reihen sich die gefundenen Objekte auf, an den Wänden dokumentieren Fotos und andere Fundstücke den Werdegang der Performance, zeigen also „die Expeditionsgruppe bei der Arbeit“, so Martin. Elke schließt: „Die Performance war ein Bericht einer Reise an die Grenzen des Bekannten.“

Als Ausstellung sei das Ganze eigentlich gar nicht geplant gewesen. Aber nun existierte das Material, und Leute, denen sie die Tablets zeigten, wollten auch mal damit spielen, und also kam es doch dazu, und zwar bewusst in der Einraumgalerie: „Weil es so kompakt ist und viele Leute auch beiläufig reinkommen und gucken“, so Martin. Das habe nicht den typischen Geschmack eines Besuches einer Kunstgalerie, sondern hier im Handelsweg einen anderen, fast beiläufigen und damit ungezwungenen Zusammenhang: „Es ist mittendrin – echt schön.“ Der Anstoß dazu kam von Steffi, die über blackhole-factory auf ihrem unverzichtbaren Blog Kult-Tour-Braunschweig berichtete, und als Elke und Martin weiterstöberten, entdeckten sie dort auch Berichte über die Einraumgalerie. Außer bei der Ausstellung von Christian Niwa waren Martin und Elke dort zuvor nie gewesen, obwohl sie gerne und regelmäßig Zeit im Café Riptide verbringen. „Wir waren bei der Eröffnung und haben mit Stefan Zeuke gequatscht, den kannten wir schon ein bisschen“, sagt Elke. Mit der Ortswahl ist sie mehr als zufrieden: „Der Handelsweg hat eine schöne Atmosphäre.“

Mit Stefan verbrachte ich jüngst auch wieder Zeit, erst am Donnerstag vor und in der Galerie, dann am Tag darauf im Kingking Shop, da war auch Schepper dabei. Bei dem konnte ich mich endlich revanchieren: Schenkte er mir bereits CDs mit seinen beiden Alben, hatte ich dieses Mal eine eigene CD mit meiner Stimme drauf dabei. Beide Fälle – also Scheppers jüngstes Album und meine CD – wären niemals ohne Olaf möglich gewesen. Olaf macht seit über 20 Jahren zumeist elektronische Musik, zunächst hauptsächlich als Inside Agitator, zu dessen Live-Besetzung ich sogar offiziell gehörte, und heute unter dem unverwechselbaren Namen Blinky Blinky Computerband. Er produzierte Scheppers Album, und ich hatte das große Glück, bisweilen den Sessions beiwohnen zu dürfen. Außerdem lässt er bei Blinky Blinky Computerband auch mal andere Leute am kreativen Prozess teilhaben, was eine vielfältige Palette an Ergebnissen hervorbringt und mir nun schon zum zweiten Mal ermöglichte, mitzumachen. Vor anderthalb Jahren produzierten wir den Song „Meine Freizeit“, jetzt – das ist nun die mitgebrachte CD – den Track „Dem Tod den Tod“ mit der B-Seite „Verschwinden“, einem viertelstündigen Hörbuch. Auch diese Aufnahmen machten einen Heidenspaß und ich bin Olaf rasend dankbar dafür, dass er mir die Möglichkeit gab, mit ihm diese Tracks zu erstellen. Mit Schepper und Stefan saß ich nun vor dem Kingking Shop in der Sonne, und weiß der Geier wie, wenn wirre Leute zusammenhocken, aber irgendwie versprachen wir uns bei irgendeinem Thema, und daraus entwickelten wir den Namen für einen neuen Supercomputer, „Prozessor Hastig“. Aber das nur am Rande.

Es ist jedes Mal erstaunlich, wie entspannt Elke und Martin sind. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, was sie alles machen und wo auf der Welt sie dies tun. Stressfreie Omnikreativität. Als nächstes stehen der „Club Instabil“ am Dienstag mit Ken Aldcroft aus Toronto und das große Sommerfest „Space Is The Place“ am 14. Juni an. Außerdem arbeiten sie mit dem Theater im Glashaus an einer neuen Produktion, von der sie bei dem Sommerfest erste Ausschnitte zeigen wollen: „Strawinski-Frühlingsopfer“, sagt Martin, und Elke ergänzt: „Aber recomposed.“ Das Projekt ist schon wieder so wahnsinnig, dass man es vermutlich sehen muss, um es zu erfassen: Die Theaterleute basteln einsaitige Instrumente mit Tonabnehmern, mit denen sie Krach machen. Auf dem Boden sind mehrere Flächen markiert, die wie ein Tenori-On-Synthesizer funktionieren: Die Schauspieler legen Styroporkugeln auf die Fläche und rufen damit je nach Anordnung von einer Kamera erfasst ihre vorher erzeugten Töne ab. Auch Drumsounds kreieren sie live, und wenn sie sich auf einer der Flächen bewegen, erzeugen sie tanzend virtuelle Schlagzeugsoli.

Nicht alle TiG-Schauspieler sind heute zur Finissage da. Francesco ist der erste, und gerade kommt Werner angeradelt. Er stellt sich mir vor und schiebt sein Rad am Comicladen vorbei. „Na, wer gewinnt?“, ruft er den Spielern fröhlich zu.

Helmut öffnet gegenüber seine Strohpinte. Er setzt sich nach draußen und liest ein Buch. Entspannung allenthalben. Nicht ganz überall: Chris und Felicia haben im Riptide alle Hände voll zu tun, Felicia hat ihren zweiten Arbeitstag und Chris erläutert ihr ihre Aufgaben, während er seine eigenen wahrnimmt. „Ich bin Bühnen- und Kostümbildnerin“, erklärt Felicia mir. „Und ich nähe Taschen, aus Planen und Lkw-Schläuchen.“ Sie bestückt ein Tablett mit Getränken, und während ich die Information rekapituliere, stellt sie fest, dass sie nicht ganz stimmt: „Aus Lkw-Planen und Fahrradschläuchen“, korrigiert sie sich. „Das Riptide ist ein schöner Arbeitsplatz“, sagt sie. „Das fand ich als Gast schon.“ Und huscht nach draußen zu den Gästen.

Dort sitzt unter anderem Simone, mit drei Stapeln Drei-Fragezeichen-CDs auf dem Tisch vor sich. Ein guter Grund, sie anzusprechen. Etwa 35 CDs müssten es sein, sagt sie ohne zu zählen. Sie möchte sie auf Kommission übers Riptide verkaufen lassen und die dafür nötigen Details mit den Chefs besprechen, „aber Chris weist gerade eine Neue ein“, erzählt Simone. „Deshalb habe ich die CDs schon mal ausgepackt.“ Sie muss ihre Wohnung aufgeben und umziehen und will sich deshalb von einigen Dingen trennen, zum Beispiel auch einem Technics-Plattenspieler, den sie für einen Milchkaffee bei Chris lässt, „und er gibt ihn in liebevolle Hände“, sagt sie. Es sei ein wertiges Gerät: „Und ich habe letztes Jahr erst die Nadel erneuert.“ Was die Drei Fragezeichen betrifft, sei sie ein Späteinsteiger gewesen, „erst 2007“. Damals hatte sie einen längeren Krankenhausaufenthalt zu überstehen und von Freundinnen einige Folgen geschenkt bekommen. „Ab da war ich drauf“, grinst sie. Jetzt ist Simone 44 und also in der Generation, die eigentlich mit den Drei Detektiven aufgewachsen ist. Das bestätigt sie: „Ich habe als Kind den Karpatenhund gelesen, das kam damals frisch raus, da hab ich mich so gegruselt, dass ich nie wieder was von denen lesen wollte.“ Der ältere Bruder einer Freundin habe ihr das zwar immer wieder angeboten: „Aber ich wollte nicht.“ Bis zu dem schicksalhaften Krankenhausaufenthalt. Von den CDs will sie sich trotzdem trennen, weil sie auf die digitale Speichermethode umgestiegen ist.

Ihr fällt ein, dass wir uns schon einmal unterhalten haben, und zwar bei einer Nachfeier vom Silver Club in der KaufBar, da saßen wir mit Helge vom Silver Club an einem Tisch. Markus und Dorith hatten sie mitgebracht, deshalb dachte Simone zunächst, das wäre bei einem Kufa-Stammtisch gewesen. Den nächsten Kufa-Stammtisch, am Mittwoch, will sie unbedingt wahrnehmen, da geht es um Foodsharing, ein wichtiges Thema für sie, wie Ernährung überhaupt. Sie geht auch deshalb ins Riptide, „ich komme immer wieder gerne, wenn ich in der Stadt bin, weil ich Vegetarierin bin, seit meinem 15. Lebensjahr“, sagt Simone. „Weil ich hier meine Speisen bekomme, ohne dass ich nachfragen muss, was drin ist.“ Und aus einem anderen für sie wichtigen Grund: „Sie nehmen Ökostrom.“

Auch Serge ist wieder da. Vor seinem Laden neben dem Riptide sitzen oder stehen Niclas, Philipp, Markus und Anita in vertrauter Runde und diskutierten in vertrautem Ernst schwere Themen. In der Mitte liegt eine angefangene Tüte Weintrauben, drumherum stehen teils leere Gefäße, die zuvor Wein, Kaffee oder Limonade enthielten. „Das einzige, wo ich weiß, dass es mir gut geht, ist, dass ich meinen heiligen Zorn habe“, höre ich Serge zur Begrüßung sagen. Ja, hier bin ich zu Hause.

Aber ich bin jetzt im Riptide verabredet. Zwischen den vollbesetzten Tischen unter dem Segeltuch im Achteck finde ich einen Platz. An einem Tisch spielen junge Frauen Karten, an einem anderen reden junge Männer auf Spanisch und Englisch miteinander. Gideon tritt seinen Dienst an, indem er wie gewohnt die Ölfackeln an den Türen zum Café und zur Rip-Lounge nachfüllt, und zu seiner dienstlichen Unterstützung kommt Nina angeradelt.

Schwalben kreischen, die Getränke schmecken, alles ist entspannend, aber das Schönste ist, dass mein Patenkind Antonia nach einigen Runden an meinen Händen zum ersten Mal drei, vier Schritte ohne Hilfe und ganz frei auf mich zu läuft. Selten habe ich einen so glücklichen Menschen gesehen wie dieses vierzehnmonatige Mädchen. Ein beglückendes Geschenk! Und ein schöner Kick für die Indie-Ü30-Party heute Abend.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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38100 Braunschweig

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Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

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