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#148 Denksportgruppe Nowak

16. Januar 2020


Mittwoch, 15. Januar 2020

Die Ereignisse holten mich während des Quizabends ein. Erschütternd genug, soll es jetzt zunächst um das Sonnige dieses dunklen Abends gehen.

Mitgefangen! Bastian Till vom Kurt-Magazin aus Gifhorn hatte die Idee, Arni und mich als seine Braunschweiger – und Ex-Gifhorner – Mitstreiter zum Kneipen-Quiz im Riptide zu verpflichten, und lud noch zwei uns beiden unbekannte Gifhorner dazu, das Quintett zu vervollständigen. Mit diesen beiden, Kristin und Harald, einigten wir uns im Vorfeld via Whatsapp – gegen die Einzelstimme des Nachnamensträgers – für die Gruppenbezeichnung „Denksportgruppe Nowak“, trotz attraktiver Alternativvorschläge wie „K-BAHM“ oder „Insanitäter“; so ließ sich die Aktion also schon im Vorfeld vielversprechend an. Der arme Arni geriet damit indes in einen Interessenkonflikt, denn der Illustratorenstammtisch hatte seinerseits seine Teilnahme am Quiz kundgetan, und als Mitglied desselben wäre er eigentlich auch dort eingesetzt gewesen, aber wir blieben geschlossen bei unserer Südheideverbindung.

Dennoch gesellen Arni und ich uns zunächst zum Illustratorenstammtisch, besser: zu Ben, dem Initiatoren und zurzeit noch einzigen Mitglied, das hier im Riptide anwesend ist. Nach und nach trudeln weitere Illustratorinnen ein, nur unsere Denksportgruppe nicht. Einige resümieren Kneipenquizerfahrungen, andere haben noch gar keine; Roberta und ich erinnern uns an das Pub Quiz im Wild Geese, damals, als noch nicht jeder das Internet mit sich herumtrug und das Höchste des Mogelns noch eine heimlich abgesetzte SMS war. Damals gab es auch nicht nur Wissensabfragen, sondern auch Aktionsfragen wie „Wie viele Seepferdchen befinden sich an dem Brunnen auf dem Altstadtmarkt?“, für deren Beantwortung jede Quizzergruppe einen Abgeordneten auf den Platz abkommandierte. Seitdem weiß ich überhaupt erst, dass sich Seepferdchen an dem Brunnen befinden. Quizzen bildet also. Eine andere Illustratorin berichtet von einem Afrika-Quiz, das die Ingenieure ohne Grenzen im Riptide veranstalteten und das sie mit einer Germanisten-Gruppe gewann. Und von der Smartphone-App Quizduell ist kurz die Rede, da teilt Gerrit auch schon die Antwortbögen aus.

Gerrit ist heute der Quizmaster, und er ist dies überhaupt erst zum zweiten Mal beim Riptide-Quiz, nach seinem Einstand im Oktober, als er den Haupt-Quizmaster Sven erstmals vertrat. Gerrit sammelte seine Quizmastererfahrungen vornehmlich privat, und in einem solchen Rahmen sprach ihn Chris einmal darauf an, ob er sich als Einspringer einbringen wollen würde, und Gerrit sagte erfreut zu. Mit einer Einschränkung: „Mein Quiz ist aufwändiger als Svens“, deshalb stünde er leider nicht monatlich zur Verfügung. Was das zu bedeuten hat, erfahre ich ja gleich, wenngleich ich auch Svens Quiz nicht kenne.

Nun trudelt die Denksportgruppe Nowak auch endlich vollständig ein, inklusive der druckfrischen Kurt-Ausgabe. Harald und Kristin entern das Sofa, Bastian Till, Arni und ich hocken uns auf die Würfel davor. Sämtliche Tische um uns herum sind mit Quizgruppen belegt, maximal fünf Ratende stark dürfen diese sein. Während Kristin uns noch kollektiv dazu verführen will, Kurze zu trinken, versucht Imke, unsere Bestellung aufzunehmen, die zunächst aus vier Wolters und einer Limonade besteht. „Hast du die Kurzen auch?“, fragt Kristin. Imke entgegnet: „Ich habe den Ruf gehört, das aber nicht als Bestellung aufgefasst.“ Das ändert sich nun, Kristin ordert vier Mexikaner und Arni für sich einen Tullamore Dew. Außerdem möchte Bastian Til einen Gin Tonic trinken und entscheidet sich bei der verfügbaren grünen Zutat für Gurke, nicht für Limette. Er strahlt: „Ich hab Saufbock, und ihr?“ Arni zuckt die Schultern: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

Die Zettel mit den Antwortmöglichkeiten liegen nun auf den Tischen, Gerrit bittet uns, einen „schmissigen Gruppennamen“ darauf zu notieren, und erklärt den Ablauf. Sechs Runden sind vorgesehen, davon drei mit Fragen, zwei mit Bildern und eine mit Musik sowie einer Pause nach drei Runden. Enttäuschtes Jaulen folgt auf seinen Hinweis, es gebe „keine Humorpunkte bei mir mehr“, anders als noch im Oktober sowie bei Sven, denn „das ist viel zu subjektiv“. Er empfiehlt dennoch: „Raten ist immer gut, besser raten als nichts hinschreiben.“ Sobald nach Personen gefragt sei, reichten Nachnamen aus, bis auf bei gekennzeichneten Ausnahmen. Außerdem ordnet er den Abend einem Thema unter: Farben, weil der Januar dunkel und grau sei. „Alles hat irgendwas mit einer Farbe zu tun“, sagt Gerrit, „wenn in der Frage keine Farbe vorkommt, dann in der Antwort.“ Aha! Gut zu wissen.

Und los geht es. Bastian Till notiert unsere Antworten. Welcher Farbstoff ist dafür verantwortlich, dass Blätter grün werden? Wir grübeln in der Gruppe. „Pfefferminz“, schlägt Arni vor. „Pfeffi!“, jubelt Bastian Till, und fragt dann laut: „Der Nachname reicht, ja?“ Klar: Westernhagen. Nach sieben solcher Fragen teilt Gerrit Zettel aus mit Bildern darauf sowie weiteren Fragen dazu. Nicht über Power Point, das gefällt mir. Obwohl Harald dafür mit Blick auf den Glitterball unter der Decke eine gute Lösung hätte: „Über die Kugel projiziert, die dreht sich ja mit.“ Ab jetzt übernimmt Kristin das Schreiben für uns. Bei den Antworten hilft uns der Hinweis mit der Farbe definitiv oft aus der Patsche, so manche schnelle Lösung überdenken wir mit diesem Hinweis. Bastian Till ist skeptisch: Bei der Frage nach einem abgebildeten Himmelskörper sei weder in der Frage noch in der Antwort „Mars“ eine Farbe untergebracht. Doch, er ist doch der Rote Planet. Der Groschen fällt bei ihm laut.

Als nächsten Block teilt Gerrit Textfragen aus, anstatt sie vorzulesen, und gibt uns Quizzenden für die Lösung sieben Minuten Zeit. Die Fragen drehen sich um das Spezialthema Schwarz-Weiß. Während wir an den Antworten knobeln, sinniert Bastian Till darüber, dass nach seinen Erfahrungen sowohl solche Kneipen-Quiz-Veranstaltungen als auch die Fragen vornehmlich männlich dominiert seien. Mit Blick auf die Schwarz-Weiß-Zettel vor uns halte ich mit unseren soeben notierten Lösungen Brooke Shields, Ulrike Meinhof und Rosa Parks dagegen. Auch Harald bemerkt dazu: „Im Baader-Meinhof-Komplex sind beide Geschlechter gleichwertig vertreten.“ Bastian Till nickt und beugt sich noch verschwörerischer zu uns: „Als ich in Gifhorn als Bürgermeister kandidierte, sollte ich einen Fragebogen für die Zeitung ausfüllen, da hab ich sie als politisches Vorbild angegeben.“ Wen, Ulrike Meinhof? Er lacht lauthals: „Ja, die habe ich dann aber wieder durchgestrichen und Rosa Parks hingeschrieben.“

Pause. Gerrit sammelt die Antwortbögen ein. Nach einem notdürftigen Abstecher in die Rip-Lounge gegenüber blickt sich Kristin im Café um und teilt Bastian Till mit: „Ich glaub, ich war doch schon mal im Riptide.“ Der stutzt: „Hast du das am Badezimmer erkannt?“ Kristin wischt den Einwand beiseite und wühlt in ihrer Erinnerung. Ein Treffen mit einer Gruppe in der Lounge kommt dabei zum Vorschein, im Rahmen einer unbestimmten anderen Aktion. „Weißt du, wo die Tourist-Information ist?“, fragt sie Bastian Till. Der wehrt ab: „Nein. Ich war noch nie als Tourist in dieser Stadt.“ Während Emil nun weitere Bestellungen von uns aufnehmen möchte, murmelt Bastian Till noch etwas davon, dass er Kneipen „am Badezimmer erkennen“ könne. Kurz vor Küchenschließung geben Harald und Kristin noch Speisen bei Emil in Bestellung, Hotdog und Fladenbrot, sowie eine weitere Runde Bier für alle. Bastian Till guckt in sein Gin-Glas: „Brauche mir nix zu essen zu bestellen, hab ja noch Gurke.“

Die Teilnehmer sammeln sich nun wieder, denn Gerrit läutet zur zweiten Halbzeit. „Ich bin beeindruckt“, stellt er nach dem Austeilen der korrigierten Antwortzettel fest. „Entweder sind alle Gruppen gut oder meine Fragen schlecht“, sagt er, denn die Teams seien nicht nur makellos, sondern auch weitgehend gleichauf: „Eine Gruppe hat sogar die volle Punktzahl.“ In unserer Denksportgruppe stellen wir fest, dass niemand von uns die Fragen hätte allein beantworten können. Brooke Shields! „Nicht meine Zeit“, sagt Bastian Till, Arni nickt dazu und Harald fragt ihn: „Wann war denn deine Zeit?“ Arni antwortet: „Ich warte eigentlich darauf, dass die noch kommt!“

Während Gerrit die korrekten Antworten durchgibt, bekommt Emil die nächste Bestellung von Bastian Till: „Fünf Mexikaner!“ Denn: „Ich habe gesagt, wenn die Frage falsch ist, gebe ich die aus.“ Er war sich nämlich sicher gewesen, dass die blauen Pferde von Paul Klee waren, doch Gerrit gibt soeben Franz Marc als Lösung an. „Harald hat es gesagt“, ruft Kristin, doch es hilft ja nichts.

Bei der nächsten handelt es sich um eine Musikrunde, mit der Besonderheit, dass wir zwar Songtextauszüge bekommen, zu denen wir Interpret und Titel zu nennen haben, aber dass Gerrit diese Auszüge auch noch selbst singt. Was uns tatsächlich hilft, weil wir manche Lieder erst an der Melodie erkennen. Den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt singen die Quizzenden ringsum kurzerhand mit. Bei zwei Songs müssen wir trotzdem passen, die sagen uns gar nichts. Dann teilt Gerrit wieder Bilderzettel aus. Ein Bild zeigt den Roten Baron, wir grübeln, wie der wohl richtig hieß, und kommen bald auf Richthofen, fragen uns aber nach dem Vornamen. Arni kennt ihn: „Baron von.“ Superheldenfilme liegen nicht allen von uns, Fußballfragen beantworten wir auch eher nach Gefühl, Harry Potter ist eher ein Spezialthema für Einzelne aus der Runde. Dann stellt Gerrit wieder offene Fragen an alle: „Welcher Künstler ist für seine Blaue Periode bekannt?“ Das weiß Bastian Till: „Harald Juhnke.“ Zwei Fragen drehen sich um Körperteile, Gerrit fragt nach dem Gelben Fleck und nach dem Gelbkörper. „Ich weiß, wo der gelbe Fleck sich bei manchen Leuten befindet“, sagt Harald, und Bastian Till konkretisiert: „In der Unterbüx?“ Auf allgemeine Bitte wiederholt Gerrit die erste Frage: „Wo befindet sich der Gelbe Fleck?“, und Bastian Till schlägt vor: „Wollen wir mal nachgucken?“

Sämtliche Antworten sind notiert. Eigentlich ist das Quiz nun beendet, aber Gerrit sieht noch etwas Zeit übrig und schlägt eine weitere Musikrunde vor, nur dieses Mal ohne ausgeteilte Texte. Er singt und wer als erstes „Stop“ ruft, bekommt die Möglichkeit, Interpret oder Titel zu sagen und für beides jeweils einen Punkt zu sammeln. Wer eines nicht weiß, reicht die Chance auf den anderen Punkt an eine andere Gruppe weiter. Ein „Battle“ gewissermaßen, sagt Gerrit, und droht für Falschnennungen sogar Minuspunkte an. Bastian Till guckt uns an: „Spielen wir jetzt auf Sieg oder einfach nur gegen die anderen?“

Mit den anderen, klar. Gerrit singt und aus einer Ecke ertönt ein „Stop“. „Schwarz zu blau“ von Peter Fox war aber die falsche Antwort, und weil es dafür ja Minuspunkte gibt, will Gerrit von der Antwortenden an dem üppig gefüllten Tisch genau wissen: „Gehörst du zu der Gruppe oder zu der?“ Bastian Till antwortet für sie pragmatisch: „Wenn’s falsch war, zu denen!“ Den nächsten Song erkennt Harald nach einer Zeile: „Lady In Red“ von Chris de Burgh, und er fügt auch hinzu, dass ihm das peinlich ist, dass er uns aber den noch schlimmeren Refrain ersparen wollte. Wir danken es ihm. Von Rammstein ist das nächste Lied, rät jemand neben uns, doch so, wie Gerrit es anstimmte, dachte ich zunächst an Roland Kaiser, doch der Punkt geht tatsächlich an Rammstein.

Das Quiz ist nun vorbei. Gerrit sammelt wieder alle Antwortbögen ein und begibt sich damit in Klausur, legt aber noch als Bonus zum Selbstknobeln einen weiteren Bilderzettel aus. „Wir wollen noch Biere“, sagt Bastian Till zu Emil. „Wie viele?“, fragt der, und auf Bastian Tills „vier“ wehre ich ab, ich muss morgen früh raus und weiß, dass das vierte nicht für Kristin vorgesehen ist, die sich anders labt. Doch der Chef insistiert kopfschüttelnd: „Vier.“ Also gut. Harald murmelt Emil nach: „Für mich auch vier.“

In der Pause vor der Siegerehrung widmen wir uns dem dritten Bilderzettel. Ein Bild zeigt einen gezeichneten roten Stier, und Kristin ist überzeugt, dass der aus „Das letzte Einhorn“ stammt, was dazu führt, dass sie und Harald „The Last Unicorn“ anstimmen. Uns ist dabei jedoch nicht klar, was das mit einer Farbe zu tun hat. Deshalb schlägt Bastian Till hell strahlend einen anderen Titel vor: „Ich weiß: ‚A Clockwork Orange‘, ich hab das nämlich verstanden mit den Farben!“ Derweil ermittelt Kristin bei IMDB.com, dass ihre Antwort sehr wohl stimmt. „Üni ist ja auch eine Farbe“, bemerkt Bastian Till. Die beiden bunten Tentakel auf einem der Bilder stammen aus dem alten Computerspiel „Day Of The Tentacle“, und Arni erinnert sich an den Titel des ersten Teils: „Maniac Mansion!“ Auch da ist nirgendwo eine Farbe drin, aber Harald erkennt das Konzept: „Es sind bunte Bilder.“ Gerrit erklärt uns später, dass der Stier tatsächlich „Roter Stier“ heißt und dass die Tentakel „Purpur“ und „Grün“ genannt werden.

Wie nun aber kommen Kristin und Harald überhaupt in diese Runde? Die beiden kennen sich aus der Schulzeit von vor rund 20 Jahren, da war er ihr Lehrer, „und Kristin erkannte mich nach 17, 18 Jahren wieder“, erzählt Harald. Und das war in einem Chorprojekt, an dem sie beide teilnahmen. Kristin nun sah jüngst bei Facebook, dass Bastian Till auf die Veranstaltung zum Quizabend mit „interessiert“ reagiert hatte: „Das fand ich interessant“, so kam diese Denksportgruppe also zustande.

Nun steigt die Spannung, denn Gerrit kehrt mit den Zetteln zurück und gibt zunächst die richtigen Antworten preis. Manfred heißt er, der „Baron von“! Der Gelbe Fleck befindet sich im Auge, genauer: auf der Netzhaut, und Harald bemerkt mit süffisantem Seitenblick: „Einige von uns haben’s gestrichen.“ Alles ist durchgesprochen, jede Gruppe macht sich im Geiste Striche an den ausgefüllten Antwortbögen, die Gerrit nun bis auf die der ersten drei Plätze an die entsprechenden Gruppen zurückgibt. Dazu ruft er deren Namen auf: „Wer waren ‚Die fünf Fragezeichen‘“, er wendet sich an den Tisch neben sich: „Hier?“ Bastian Till deutet irgendwohin: „Nee, die zwei da!“

Zu unserer Überraschung bekommen wir unser Blatt noch nicht ausgehändigt. Wir Chaoten unter den ersten drei Plätzen? Absurd! Für die drei Besten hat Gerrit „Süßigkeitenschmankerl“ dabei, passend zum Thema Farbe eine Tüte Gummibärchen für den dritten Platz. Das ist: „Auskatzeichnet“, also das Team des Illustratorenstammtischs. Huch, immer noch nicht wir! Der Tisch neben uns und wir bleiben jetzt noch übrig. Gerrit tritt in die Mitte dazwischen. „Die haben von uns abgehört“, sagt Kristin vorauseilend rechtfertigend, und Harald ergänzt: „Die haben sogar Sachen gehört, die wir gar nicht gesagt haben!“ Doch Irrtum, nicht wir sind der Zweitplatzierte, sondern das Team nebenan, „#släuftin2020“!

Nicht zu fassen. Ausgerechnet! Wir kennen uns teilweise untereinander noch gar nicht, sind einigermaßen angeheitert und albern herum, haben also den bestmöglichen Spaß, den wir uns bei einem superspannenden Quiz im Riptide vorstellen können. Und dann gewinnen wir auch noch. Die Krönung! Wir bekommen Ritter Sport Minis von Gerrit, die wir untereinander aufteilen, sowie den Hauptpreis vom Riptide, einen Gutschein. Über dessen Verwendung sind wir uns relativ einig, Bastian Till fasst es mit Blick auf folgende mögliche Quizteilnahmen zusammen: „Wir sammeln die und drohen, sobald wir mal nicht gewinnen, lösen wir die ein!“

Wir sind erschöpft und glücklich. Echt, besser kann so ein Abend nicht sein. Dennoch bleibt bei den meisten an unserem Tisch ein Restdurst. Bastian Till blickt sich nach Emil oder Imke um und grübelt: „Ob die noch – ausschenken?“ Kristin versteht das Gemurmel nicht: „Ob die – was?“ Na: Optimal! Arni nickt: „Optimal rumkommen?“ Gelächter. „Wieso habt ihr Spaß?“, fragt Harald. „Das war vorwurfsvoll gemeint.“

Eine Sonne, dieser Abend. Eine notwendige Sonne im Dunkeln, und dieses Dunkle liegt leider nicht allein am Januar. Noch während des Quizabends erhielt ich die Nachricht, dass es für das Riptide an der jetzigen Adresse kurz vor dem 13. Geburtstag nicht mehr weitergeht. Ich bin erschüttert, ich kann mir ein Braunschweig, ein Leben ohne das Riptide nicht vorstellen. Mir ist der Ort so vertraut, und alles ist für mich immer noch so neu, so frisch, so eben gerade, dass ich selbst die mehr als zwölf Jahre nicht begreife. Geschweige denn das Ende des Riptide, wie wir es kennen. Je nun, blicken wir optimistisch in die Zukunft, und nehmen uns vor, mit der „Denksportgruppe Nowak“ noch so oft wie möglich beim Riptide-Quiz anzutreten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecky eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecky vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecky fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecky kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecky: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#135 Reitende Geister

14. Dezember 2018


Donnerstag, 13. Dezember

Alles ist Veränderung, die einzige Konstante, und so weiter, und das Café Riptide erfuhr dies in diesem Jahr ganz besonders ausgeprägt. Bisweilen fühlt man sich hilflos und ausgeliefert, kann den Veränderungen, die von anderen ausgehen, vermeintlich nichts entgegensetzen, zweifelt an seinem eigenen Einfluss, wünscht sich Kräfte wie bei Marvel oder Harry Potter oder gleich noch ganz woanders angesiedelt, und übersieht dabei oft, wie viel man tatsächlich in der eigenen Hand hat, und sei es nur die Haltung zu den Dingen. Wie es schon Matt Johnson von The The sang: „If you can’t change the world, change yourself.“ Und da ja nun schon wieder Dezember ist und damit die Zeit der Rück- und Ausblicke, stelle ich heute wie immer allen Riptide-Gästen dieselbe Frage. Dieses Mal lautet sie, bewusst unkonkret: Was würdest du verändern?

Bevor ich diese Frage jedoch im Riptide äußern kann, klopfe ich auf dem Weg dorthin bei Serge an. Sein Laden ist erleuchtet, beinahe wie sein Besitzer, und bei Serge sitzt Ulrike und philosophiert mit ihm. Überall stapeln sich Kulturgüter, Bücher zuvorderst, und ich komme nicht umhin, die Atmosphäre als angemessen vorweihnachtlich zu empfinden. Passend organisiert Ulrike für Serge und sich von nebenan Kaffee und Tee. Also sind es diese beiden, die meine Frage als erste zu hören bekommen.

„Mich selbst kann ich nicht mehr verändern, dafür bin ich viel zu eingefahren“, behauptet Serge. Aber eine hypothetische Veränderung nähme er vor: Sich verjüngern. „Dann hätte ich mehr Kraft, mich ernsthaft politisch zu engagieren – ich bin zu müde, zu resigniert, zu zynisch, um das heute noch zu tun, und ich glaube nicht mehr daran, dass irgendetwas zu ändern ist.“ Serge zieht die Gelbwesten aus Frankreich als positives Beispiel heran, die als Protest nicht wie 1968 aus Intellektuellenkreisen hervorgehen: „Es ist das Volk im klassischen Sinne, Égalité, die alte französische Floskel, das fehlt bei uns, das finde ich tragisch, dass wir dem nichts Ernstzunehmendes entgegensetzen können.“ Man müsse ja nicht einmal eine neue Bewegung erfinden, man könne einfach die Gelbwesten übernehmen. Auch dem Protest von rechts müsse etwas entgegengesetzt werden – dieses nicht einmal nur rein deutsche Übel beklagen wir alle drei.

Nicht als Letzte heute stößt sich Ulrike am Konjunktiv meiner Frage. Sie empfindet ihn als Zeichen der Machtlosigkeit und sähe an dessen Stelle lieber ein „wirst“. Und verliert das „würde“ in ihrer Antwort trotzdem nicht: „Ich würde versuchen, die Lebenswelt …“ Sie überleg und stockt immer wiedert: „Lebenswerter – stimmt nicht: dem Menschen angemessener, ein gutes Leben, sozialer, mit der Umwelt in Verträglichkeit, schon auch radikal, Entscheidungen treffen, die der Autoindustrie Geld kosten, und dass man Konsequenzen spürt, keine Konsequenzen ist nicht glaubwürdig.“

Dabei fällt Serge die Aussage des Leiters der gegenwärtig tagenden Klimakonferenz ein, der eindringlich und ausdrücklich mahnte, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Erde noch zu retten. Wir wundern uns über das Fremdeln weiter Teile der Bevölkerung vor Alternativen, etwa in Sachen Ernährung, und schwenken hin zu Leuten, die den Veganismus wiederum auf die Spitze treiben, indem sie nur essen, was vom Baum fällt, einem Thema, das Henrik nach der jüngsten Indie-Ü30-Party im Nexus aufgriff und fragte, was diese Leute tun, sobald ein Wildschwein vom Baum fällt. Serge und Ulrike beginnen, im Geiste Plantagen in Baumhöhe anzupflanzen, und wir überlegen, wie gefährlich es wohl ist, in dieses Vorhaben Kürbisse aufzunehmen.

Da steckt Schepper seinen Kopf zur Tür herein. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Ollo ins Café MokkaBär zu fahren, und blieb doch im Handelsweg hängen. Ollo macht sein Café ja auch morgen noch auf. Schepper sitzt bei Roberta in der Einraum-Galerie und nimmt mich gleich mal mit. Roberta zeigt dort nämlich zurzeit ihre Kunst unter dem Titel „Alles und Nichts“, Schepper und sie trinken inmitten der Bilder auf der breiten schwarzen Lederbank Pfefferminztee, ein kleines Fußgebläse versorgt den Raum mit Temperatur. Die Arbeiten zeigen unter anderem stilisierte Akte, angsteinflößende Ikonen, gräfliche Hasen sowie Gespenster-Aliens, die Roberta in gefundene Landschaftsbilder hineinmalte. Eines dieser Wesen, beinahe leuchtend weiß, reitet auf einem Pferd, eng an das Tier angeschmiegt. „Du weißt ja gar nicht, ob der Künstler das auch gesehen hat, aber nicht reingemalt hat“, sagt Schepper. Der Gedanke gefällt Roberta, und sie mutmaßt, dass das mit der Zeit zu tun haben könnte, in der das Original entstand, und dass die Welt heute reifer dafür ist. „Das Bild ist ein Zeitverknüpfungsding“, findet Schepper. Es gehört zu den wenigen Exponaten in Raum, die Roberta übermalte. „Das wäre sonst wohl weggeworfen worden“, glaubt sie. Auch die Frau im Käfig ist eine Übermalung: „Sie hatte natürlich keinen Käfig über dem Kopf“, erklärt Roberta, „und eine andere Frisur.“ Wenn man nah an das Bild herangeht, erkennt man noch den alten Bienenkorb unter dem Hintergrund.

Auch Roberta missfällt der Konjunktiv meiner Frage, sie durchdenkt zudem die Möglichkeiten, die die Frage offen hält. „Ich bin nicht so rückwärtsgewandt, ich bin eher zukunftsorientiert“, setzt sie nachdenklich an. Schepper grinst, „aber ich bin im Rückwärtsgewand“, und deutet auf seine alte Schlaghose. Roberta fährt fort: „Ich möchte ganz viel verändern – und auch gar nichts, das passt zur Ausstellung, ‚Alles und Nichts‘.“ Sie blickt sich um.

„Ich ändere meinen Gesundheitszustand, auf jeden Fall“, lautet die Antwort von Schepper. „Das ist auch eine gute Antwort“, findet Roberta. „Das hat etwas mit Selbstheilungskräften zu tun – wenn du es selbst machst, wird dein Körper sich ändern.“ Schepper gibt einen kurzen Abriss der Umstände sowie der positiven Entwicklung und stellt mit kicherndem Verweis auf den Namen von Robertas Künstlergruppe fest: „Ich bin voller Tatendrang.“ Roberta quittiert das schelmisch mit „Ouh, ouh, ouh!“ Der Solo-Bassist fährt fort: „Ich hab Ideen, ganz viele Ideen, nächstes Jahr wird’s super.“ Er berichtet, dass er sich auch mit Serge darüber unterhielt und dass der sich von Scheppers Tatendrang anstecken ließ. „Schön, wenn ich motivieren kann“, freut sich Schepper.

Offenbar motivierte er auch Roberta dazu, sich weiter mit meiner Frage zu beschäftigen. „Ich würde noch genauer als 2018 2019 überlegen, was ich mache, und ich werde deshalb auch Sachen nicht machen – das überlegt man sich auch viel zu selten, gerade, wenn es so viele Möglichkeiten gibt.“ Sie bezeichnet sich selbst als glücklich und wundert sich, dass sie bei dieser Aussage bisweilen zu hören bekommt, wie selten das sei. „Ich kann machen, was ich mag, und sogar halbwegs davon leben“, begründet sie.

Nun fällt auch Schepper noch etwas ein: „Ich werde mich updaten, ich muss mal ein Bisschen was modernisieren.“ Roberta grinst: „Schepper 3.0!“ Er nickt: „Ich will mich vorbereiten aufs 22. Jahrhundert, die Technik updaten, da muss ich auch an mir arbeiten, da fehlt mir was.“ Roberta hakt nach: „Bass-Technik oder Equipment?“, doch Schepper bezieht sich nicht auf seine musikalischen Fähigkeiten oder seine instrumentale Ausstattung, sondern auf Kommunikationsmittel: „Neue Medien, ich hab immer noch kein Handy und will auch keins haben, aber ein Tablet klingt interessant – ich gehe mit dem alten iPod von meiner Schwester ins Internet und bin noch bei Myspace.“ Roberta ist überrascht: „Das gibt’s noch?“, sucht auf ihrem Smartphone nach der Myspace-Seite von Tatendrang-Design und wundert sich, wie gut die gepflegt ist. Zu Facebook will Schepper nicht wechseln: „Reverb Nation“ kommt ihm eher in den Sinn, empfohlen von Olaf, als wir beide kürzlich bei ihm waren und mit ihm an neuen Stücken von Blinky Blinky Computerband arbeiteten. „Oder Soundcloud“, ergänzt Roberta.

Da wir André schon durch die Scheibe zurückwinkten, steht nun die Fragerei im Riptide an. Schepper und ich verabschieden uns von Roberta und stellen uns an die Theke im Café gegenüber. Dort unterhalten sich Peter und Zabel mit André, sobald der zwischen Gästen und Küche für einen Moment am Computer verweilt. „Eigentlich würde ich mein Bier gegenüber trinken“, sagt Peter, denn er ist Teil des Einraum-Teams, momentan aber eben mit Zabel im Gespräch. Ihm behagt meine Frage nicht: „Ich würde die Frage verändern.“ Er sinniert abwehrend über die vielen Ebenen, auf denen eine Antwort möglich ist, persönlich, global, in der Zeit, und meint, sich zwischen einer persönlichen und einer allgemeingültigen Antwort entscheiden zu müssen. „Das Schöne ist, dass man Allmächtigkeit bekommt“, stellt er fest. „Es kann ja völlig fiktiv sein.“ Er greift nach seinem Bier. „Die Frage wird schöner, je länger man darüber nachdenkt“, stellt er fest. „Als Erstes – und das steckt drin in der Frage, man muss sich das Wichtigste und Aktuellste aussuchen und sich beschränken.“ Er grübelt während des Sprechens weiter und spricht beim Denken: „Ich möchte nicht offensichtlich humoristisch antworten, der Witz ist durch.“ Peter macht eine Pause und skandiert dann klar seine Antwort: „Gar nichts.“ Er nickt zufrieden. „Nach langem Überlegen.“ Zabel mutmaßt, dass Peter dann ja ein zufriedener Mensch sein müsse, doch so meint der das nicht: „Weil ich mich nicht auf eins einigen kann mit mir selbst, würde ich nichts ändern.“ Zabel versteht. „Ich weiß nicht, was gerade am wichtigsten wäre“, fährt Peter fort und grinst: „Sonst würde ja auch niemand mehr reinkommen und mir so eine Frage stellen.“ Er nickt wieder: „Ich bin mir jetzt ganz sicher.“

Zabel bleibt bei seiner abwehrenden Haltung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mit Fremden nicht sprechen.“ Peter versucht, ihn doch noch zu einer Antwort zu überreden, und Zabel sagt: „Rauchen.“ Peter und ich stutzen. Will er das Rauchen aufgeben? „Du hast die Allmacht gerade“, setzt Peter an. Zabel winkt ab: „Ich hab gesagt, ich möchte gerne eine rauchen.“ Ach so. Also greifen sie sich ihre Biere von der Theke und verschwinden ins Achteck.

Also ist André jetzt frei, mir beim Kaffeezubereiten eine Antwort zu geben. Ohne es zu wissen, bestätigt er Peter: „Gar nichts, sonst wäre es ja nicht so, wie es ist“, sagt er. „Jammern kann ja jeder, ich bin eigentlich schon zufrieden.“ Ich begleite ihn in die Küche, wo er fortfährt: „Mehr bürgerliches Engagement auf den Straßen, Gelbwesten in Deutschland!“ André hat viel zu tun, die Gäste bestellen mannigfach, und der nächste Milchkaffee aus seiner Hand ist sogar für mich.

Da kommen Arni und Christian ins Café, beide mit beschlagenen Brillen, aber sie erkennen Schepper und mich trotzdem sofort. Wir setzen uns nun in eine Ecke und ich äußere einmal mehr meine Frage. „Nix, ist doch alles super“, antwortet Arni. Schepper grinst: „Zum Glück hab ich schon geantwortet.“ Arni hakt nach: „Und was würdest du ändern? Die Preise!“ Schepper lacht. Arni wird ernst: „Ansonsten bin ich gerade dabei, ganz viel zu ändern. Fast alles.“ Schepper fragt, ob es dann nicht besser wäre, aufzuzählen, was Arni nicht ändern würde. „Das ist einfacher“, bestätigt der: „Meine Beziehung werde ich nicht ändern.“ Schepper hakt nach: „Zu dir selbst?“ Aber Arni meint die zu seiner Freundin, pflichtet Schepper indes bei, dass dessen Aspekt auch wichtig sei.

„Ganz klein und persönlich“ falle die Antwort von Christian aus, sagt der: „Meine pessimistische Einstellung werde ich ändern.“ Diese Notwendigkeit unterstreicht Arni, und Schepper wendet ein: „Aber deinen Sarkasmus behalte ruhig.“ Auch da stimmt Arni zu. Christian ergänzt: „Ich hab überlegt, was würde ich bei anderen ändern, aber ich bleibe bei mir.“

Nun nimmt der Abend seinen Lauf. André reicht eine neue Runde Getränke und die Gespräche schweifen in alle Richtungen ab. Als Christian seine „Teuerste“ erwähnt, errötet Schepper ob seiner despektierlichen Gegenfrage, die er dann doch stellt: „Hast du auch eine Billigste?“ Christian wird kleinlaut: „Lustigerweise sprach ich von meiner Gitarre.“

Und doch verändern wir heute die Welt ein bisschen. Wir stecken uns mit Überlegungen und Analysen an und haben mindestens Einfluss auf den Füllstand unserer Flaschen und Tassen. Und auf die Zeit: Sie schreitet schneller voran, als uns lieb ist. Wie gut, dass wir genau das nicht verändern können.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#128 Kim-Jong-un-fass-bar: Südkorea ist Weltmeister!

27. Juni 2018


Mittwoch, 27. Juni 2018

Vorsichtshalber sei hier eine Spoilerwarnung gesetzt: Am Ende dieses Textes ist Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren ausgeschieden, die zurzeit in Russland ausgetragen wird. Nur für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. Heute steht das dritte von drei Gruppenspielen an, das entscheidet, ob es die Deutsche Mannschaft man schafft, das Achtelfinale zu erreichen. Als amtierender Weltmeister geht das Team mit breiten Schultern ins Turnier und muss doch in den ersten beiden Spielen feststellen, dass es nicht unsterblich ist: Mexiko schlägt Deutschland zum Auftakt mit 1:0, Schweden ist nur eher zufällig mit 2:1 bezwingbar. Um weiterzukommen, reicht eine Handvoll Konstellationen, die auf Unentschieden fußen, Sicherheit gibt indes nur ein Sieg über Südkorea. Doch die Südkoreaner wollen sich noch nicht ausgeschieden geben.

Es ist die dritte Herren-Fußball-WM, die das Riptide in seinem Achteck auszugsweise zeigt: Die Spiele mit deutscher Beteiligung überträgt ein Beamer aus einer abenteuerlichen schwarz gestrichenen und wild verkabelten Holzkonstruktion heraus auf die Leinwand, die am großen Fenster der Rip-Lounge aufgespannt ist, wie immer, auch bei den Europameisterschaften. Allerlei Mobiliar ist aufgereiht, Bierbänke und -tische, Caféstühle, auch die Fritz-Bänke an den Fenstern sind mit Polstern versehen. Zu sehen ist vom Fernsehbild nur bedingt etwas: Die Sonne strahlt direkt auf das helle Segeltuch im Achteck. „Wir haben extra morgens eine Plane angebracht“, deutet Chris auf die schwarze Folie, die in den Handelsweg in Richtung Martino-Katharineum vom Segeltuch herunterlappt. „Wer setzt das Spiel um 16 Uhr an, mitten im Hochsommer?“, echauffiert er sich. „Wir haben schon einen Tageslichtbeamer, aber bei direkter Sonne kapituliert der.“

Noch sind nur wenige Plätze belegt, also folge ich Chris ins Café und werfe einmal mehr einen Blick auf die Kopien der LP-Cover aus der Krautrock-Sammlung, die Riptide-Gast Udo Meyer seinerzeit für die Sound-On-Screen-Präsentation des Films „Revolution Of Sound“ über die Band Tangerine Dream dem Café zur Verfügung stellte. Das war bereits am 7. September vergangenen Jahres, also knapp zum Zehnjährigen des Riptide, aber die wundervollen Cover schmücken den Plattenladen einfach gut. Einiges davon, viel zu wenig leider, habe ich auch, Kraftwerk, Kiev Stingl, vieles fehlt mir noch, Neu!, ganz oben auf der Liste. Auf der Theke fällt mir ein Schild ins Auge, auf dem das Riptide-Team im Zuge der neuen europäischen Datenschutzverordnung darauf hinweist, dass es sich gelegentlich Namen und Musikvorlieben von Kunden merkt, und jedem, dem das nicht behagt, abverlangt, beim Betreten laut zu rufen: „Ich bin nicht einverstanden!“

Mit einer Fritz-Kola und der allerletzten Printausgabe des Intro in der Hand wähle ich meinen Sitzplatz für diese Partie außen am Fenster vor den Plattenspielern, auf einem bequemen Kissen und mit der Möglichkeit, mich an die Scheibe zu lehnen. Der Blick auf die Leinwand ist garantiert frei: Am Boden markiert ein schwarzgelbes Klebeband die Laufwege für die Thekenkräfte. Chris hat zunächst Unterstützung von Stecky und Max. Der erfüllt die Speisewünsche, die allerdings zu Zeiten von Fußballübertragungen in der Auswahl reduziert sind; auf der mit „Snäx“ betitelten Karte dazu finden sich neben Nachos auch Vollkornbrote mit selbstgemachten Pasten aus Hummus oder Roter Bete, nicht eben typisches Fußballfutter.

So untypisch ist auch das Publikum bei Fußballübertragungen im Riptide. Nur zwei Trikots sind zu sehen: eines mit der Aufschrift „Hummels“ und eines mit dem Schriftzug „Klinsmann“. Schwarz-Rot-Gold als Körper- oder sonstiger Schmuck bleibt unausgepackt. Was für ein Unterschied zum öffentlichen Aufbahren auf dem Eiermarkt, an dem ich auf dem Weg in den Handelsweg vorbeikam. Im Handelsweg wiederum ist das Riptide als Fußballzeiger nicht allein, auch vor dem Tante Puttchen bei Achim und dem Café Drei bei Jessy sitzen Guckende, auf der anderen Seite empfängt auch Helmut in seiner Strohpinte Gäste. Zusehends füllt sich das Achteck des Café Riptide, aber übervoll wird es nicht mehr. Das Publikum ist weitgehend jung, also jünger als ich, und taucht in Gruppen auf, in Zweierkonstellationen oder auch allein. Die Leute rauchen, lachen, reden, sitzen konzentriert, sind frei, ungezwungen, fröhlich, freundlich, erwartungsvoll und doch entspannt. Stecky reicht ihnen die Getränke, schon um kurz vor vier sind einige Biere darunter. Max bringt den Gästen die Snäx an die Tische.

Béla Réthy moderiert die Übertragung. Na, prost Mahlzeit, aber vielleicht sagt er ja wieder etwas ungewollt Lustiges. Chris setzt sich neben den Übertragungsapparat an einen Biertisch und reguliert die Lautstärke. Die Empfangsstörungen vergangener Meisterschaften sind passé, sehr zur Freude aller Beteiligten. Noch nach dem Anpfiff erfährt das Riptide einen Zulauf an Zuschauern, für die Stecky Sitzgelegenheiten und Getränke organisiert. Für Radfahrer wird es viel zu eng, einer hebt sein Gefährt einfach über seinen Kopf und balanciert es durch die Reihen der Sitzenden.

So recht Spannung aufkommen mag bei dem Spiel nicht. Die Leute unterhalten sich munter, zeigen sich Fotos auf ihren Smartphones oder chatten gleich selbst damit. Man bekommt den Eindruck, das Deutsche Team habe nicht erfasst, worum es bei der Partie geht. Das Publikum passt sich dem an, ganz abgewandt. Lediglich wenn Béla Réthy seine Stimme etwas erhebt, reißt es die Gäste aus ihrer Quassellethargie. Vereinzelt sind die üblichen Fußballmassenguckgeräusche zu vernehmen, mal ein „Oh!“, dann ein „Nein!“, bald ein „Au!“, aber alles eher einstudiert als leidenschaftlich.

Nach 17 Minuten steht es immer noch 0:0, ebenso im parallel verlaufenden Gruppenspiel zwischen Mexiko und Schweden. Ein frischer Wind weht durch den Handelsweg, das einzig Frische dieses Spiels. Torwart Neuer lässt den Ball fallen, es ertönt etwas Geschrei im Achteck. Südkorea versucht einen Konter, man hört das Publikum leise quieken. Im Vorbeigehen greift Stecky nach leeren Flaschen, die ihm von der Sitzbank neben mir gereicht werden, quittiert nickend den Zuruf „Kriegen wir nochmal zwei?“ und bringt in Windeseile ebenjene zwei Astra vorbei.

„Whoawhoawhaaa, kanndochnichsein!“, Rufe dieser Art werden gelegentlich lauter. Wenn Béla Réthy den Spieler mit dem Nachnamen Werner aufzählt, spricht er ihn aus wie Brösels „Wänä“. „Ouuuuuuuuuuh!“, sagt jemand. Stecky trägt eine Wolters-Flasche wie ein Sommelier in der nach unten gestreckten Hand an den Arm geschmiegt. Sobald die Spielaction nachlässt, was recht schnell geschieht, fallen die Gäste zurück in ihre Gespräche, nur um sich von der nächsten Aktion zu vereinzelten „Jetzt!“- und „Ohhhh!“-Rufen hinreißen zu lassen.

In Nahaufnahme sind immer wieder die seltsamen Schrifttypen auf den WM-Trikots zu sehen. Der Name Özil sieht aus wie Ö21L, also mehr wie Leet als wie Kyrillisch, was in Russland eher zu erwarten gewesen wäre. Als Kroos gegen Schweden den magischen Siegtreffer erzielte, fragte Andrea beim Blick auf dessen Rückenschriftzug erfreut: „Was steht da, Kaoos?“

Es läuft die 39. Minute, auf beiden Sportplätzen steht es immer noch 0:0. Ein Glas klirrt lautvernehmlich auf den Boden, irgendwo auf Höhe von Serges Laden. Ein Moment der Stille setzt ein. Ein Gast klatscht darob einmal verhalten und blickt sich scheu um, da fallen andere Gäste in den zaghaften Applaus ein. An seinem Tisch versorgt Chris die Umsitzenden mit Fußballfachwissen, ganz genau so, wie er es als Schallplattenhändler mit Musikfachwissen praktiziert. Ein spät eintreffendes Paar findet einen Platz im Inneren des Cafés, am großen Fenster, von dem aus ich auch schon einmal eine Fußballübertragung verfolgte. Geht.

Ein Pfostenschuss! Großes Geschrei im Handelsweg. Doch ohnehin umsonst, der Angriff war längst abgepfiffen. Was für eine Abwechslung in dem müden Spiel. Oder, wie es Béla Réthy ausdrückt: „Das ist hier keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“

Dann erlöst uns der Halbzeitpfiff. Stühle rücken, die Gespräche werden noch lauter, Max bringt bestellte Nachos heraus. Es steht immer noch überall in ganz Russland 0:0. Ein Spielstand, bei dem Deutschland als Gruppenzweiter gesichert im Achtelfinale wäre. Das wäre dann aber beinahe ähnlich langweilig erreicht wie von Frankreich und Dänemark gestern, die ihr beiderseits bereits gesichertes Weiterkommen mit Arbeitsverweigerung bestätigten. „Bei dem Spiel kann man getrost nebenbei Wäsche zusammenlegen“, whatsappt Andrea mir. Einig, bei dem Spiel kann man getrost nebenbei alles Mögliche machen.

Weiter geht‘s, die zweite Halbzeit ist angepfiffen, Stecky bringt die dritte Runde Astra an die Bank neben mir, Rosalie verstärkt das Thekenteam. Einige Gäste sind gegangen, andere neu dazugekommen. Darunter Konstantin, der sich neben Chris setzt. Ein kurzer Schrei ertönt, als ein deutscher Spieler in der 47. Minute eine Chance vergibt, gefolgt vom klassischen „Ouh!“ Der eigentlich erfreulich blaue Himmel bezieht sich leicht, was ausnahmsweise einmal gut ist, weil dann die Projektion auf der Leinwand besser zu erkennen ist. Das Spiel wird davon indes nicht besser. Anders als die Spieler auf dem Platz erfahren die Fernsehzuschauer, dass Schweden inzwischen 1:0 über Mexiko führt – damit wäre Deutschland ausgeschieden. Sofort, wie als Antwort darauf, erspielt sich das Team eine Chance und vergibt sie sogleich, einmal mehr mit „Ouh!“ quittiert. Südkorea kontert, Konstantin reißt es von der Bierbank, er brüllt „Ja!“, und als die Aktion im Sande verrinnt, lachen die anderen Gäste.

Der 0:0-Rückstand weckt das Publikum auf. Einer der Vornsitzenden wirft die Arme in die Luft, ein Sitznachbar quetscht ein „Ja!“ hervor, ein Fehlpass von Özil entlockt der Menge ein erbostes „Ohhhhhh!“ Als ein Gast einem Wechsel mit „Ja, Gomez!“ zustimmt, gibt es hinter ihm belachte Widerworte. Doch als effektiv erweist sich der Joker nicht, Kommentare wie „Oh nee, ey!“ und „Kommkommkommkomkomm!“ lassen höhere Erwartungen bei den Zuschauern erahnen.

61. Minute, Schweden führt 2:0. Ein Südkoreaner lässt sich im deutschen Strafraum theatralisch fallen und will für die Schwalbe einen Elfmeter ermogeln. Durchschaubar für den Schiedsrichter, der dem auf dem Hosenboden Sitzenden dafür die Gelbe Karte vor die Nase hält. „Steh auf, Mann, wo ist dein Problem?“, ruft jemand aus der ersten Reihe. Seine nächste Chance erarbeitet sich Südkorea ehrlich, ein Stürmer stürmt auf das ungeschützte deutsche Tor zu. Konstantin brüllt: „Mach es doch, Mann!“

Macht der Mann aber nicht. Deutschland ist wieder am Drücker, verliert den Ball: „Oh, nee!“, stöhnt es aus den Sitzreihen. Den nächsten Versuch hält der Südkoreanische Torwart: „Oioioioioi!“ Schweden erhöht den Druck auf 3:0. 73. Minute, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gomez tändelt herum, jemand fernmaßregelt Trainer Jogi Löw: „Und dafür wechselst du den ein?“ Mühsam erarbeitet sich die deutsche Mannschaft manche müde Chance, lediglich untermalt von einem Quieken aus dem Publikum. Laut wird es erst wieder beim nächsten Angriff der Südkoreaner, zumindest Konstantin klatscht und jubelt. Wieder ein Quieken für Deutschland, wieder zwei Astra für die beiden neben mir. Keine zehn Minuten mehr zu spielen.

Stecky setzt sich kurz neben mich. Er hofft auf ein Siegtor des deutschen Spielers mit der Nummer 13, also von Thomas Müller, weil er dann bei seinem Händler den Preis für sein neu erworbenes Smartphone erstattet bekommt. „Dann kann ich mir die neue Playstation kaufen“, sagt er. „Pro.“

In der 86. Minute zieht Özil knapp neben das Tor. Großes Geschrei brandet auf. Béla Réthy findet: „Der Wille ist da, aber nicht die Qualität.“ Südkorea bekommt einen Eckstoß, Konstantin applaudiert. Die Zeitlupe zeigt, wie Kroos einem Südkoreaner den Ball in den Schritt pfeffert; aus den männlichen Mündern im Publikum ertönt ein gequälter Schmerzensschrei. Stecky ist pragmatisch: „Jetzt brauchen wir nur noch eine Rote Karte, zehn Mann, und dann wird das was.“ So war es zumindest im Spiel gegen Schweden.

Das Hublot-Schild am Spielfeldrand kündigt sechs Minuten Nachspielzeit an, unerhört viel. „Scheiß Bayern-Bonus“, ruft jemand an Chris‘ Tisch. Plötzlich fällt ein Tor für Südkorea. Riesenjubel an genau dem Tisch, ausgehend natürlich von Konstantin. Aus der ersten Reihe treffen ihn böse Blicke. Doch es ist Abseits, befindet einer der Linienrichter. Konstantin und sein Gegenüber imitieren die offizielle Videoassistentenpose, zeichnen also mit den Armen Fernsehgerätkonturen in die Luft, und tatsächlich, der Schiedsrichter will‘s wissen. Das Aufatmen über das Abseits erhält einen herben Dämpfer, als der Videobeweis das Tor für gültig befindet. Die Zeitlupe offenbart zudem, dass der Ball zwischen Gomez‘ Beinen hindurcheiert: „Schön getunnelt“, findet jemand und erntet Grinsen.

Bis auf in der ersten Reihe ist trotz des Rückstands und der Aussichtslosigkeit auf einen Sieg von vielen Seiten ein entspanntes Grinsen zu sehen. Fußballgucken macht zwar Laune, aber das Leben hängt von keinem Sieg ab, strahlen die Gesichter aus. Dann stürmt Neuer aus seinem Tor heraus und unterstützt einen Angriff der Deutschen, den ein Südkoreaner unbehelligt und mutterseelenallein kontert. Der Ball kullert beinahe ins deutsche Tor, zum 2:0. „Ist noch alles drin!“, ruft Stecky. Das erleben die Gäste aus er ersten Reihe schon nicht mehr mit, sie zahlen entnervt ihre Zeche. Andrea whatsappt: „Der Meinung war Neuer wohl auch – getrost alles Mögliche nebenbei zu machen.“ In der Tat, und dieses Mal ging seine Rolle als Libero nicht auf.

„Ach, wie schön ist es, wenn man kein Fußballfan ist“, ruft Hans-Christian und setzt sich zu mir. Verlieren sei verdient, sagt er, „wenn man schlecht spielt“, und damit kenne er sich aus: „Ich bin Musiker.“ Die Artistik müsse man schon beherrschen, andernfalls erhalte man die Quittung dafür: „Richtig so, peinlich!“ Hans-Christian ist Jazzpianist in verschiedenen Bands und eigentlich im Riptide verabredet, aber seine Verabredung verspätet sich, deshalb ist er allein da und zum Fußballgucken quasi gezwungen. „Die Spieler sind gut bezahlt und spielen schwach – ob das mit den Trainern zu tun hat?“, fragt er sich eher selbst und konstatiert: „Ich würde sagen, ja, ich bin selber Trainer, von einer Musikband.“ Es gehe in beiden Fällen darum, Schwächen auszugleichen, das Publikum zu überzeugen, „sich selbst zu verwirklichen, ist nur ein Teil der Sache“. Man müsse „bis zum letzten Moment spüren, was ist das Richtige, wann kommt das Schlagzeugsolo“. Kurz wirft er ein, dass seine Hochschulband Blue Line am 3. Juli beim Campusfest spielt, und kehrt zurück zum Vergleich zwischen Fußball und Musik: „Das Teamwork ist ähnlich“, sagt er. „Was über uns steht, was viel wichtiger ist, ist die Musik.“ Wie beim Fußball müsse jeder für sich selbst üben und gleichzeitig Teamwork leisten: „Man muss einen Riesenüberblick haben.“ Seinen Schülern sage er etwa, dass der Klavierspieler so souverän sein müsse, dass er nicht seine Partitur, sondern den Schlagzeuger und den Bassisten im Blick hat.

Eine schöne Analogie, besonders in einem Schallplattenladencafé. Das Riptide hatte eigentlich vor, sämtliche Finalspiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen. Doch: „Wir zeigen noch das Halbfinale und das Finale“, wiegelt Chris ab. „Wir werden wieder umbauen, die normalen Möbel hinstellen.“ Man merkt ihm an, dass er mit dem Spielergebnis nicht zufrieden ist: „Wir sind Fußballfans“, betont er. „Das war katastrophal schwach.“ Er schüttelt den Kopf: „Wie man so verlieren kann, das hat mich sehr – auf einem anderen Level – an die Eintracht Braunschweig erinnert: Wir steigen auf, wir sind Weltmeister.“ Er verstehe den Druck, unter dem amtierende Weltmeister stehen; von den vergangene fünfen seien vier in der Vorrunde ausgeschieden. Bald verwendet Chris die Vokabel, die auch mir im Kopf herumschwirrt: Arroganz. Wie nach dem Titelgewinn 1990, als die deutsche Mannschaft großmäulig das EM-Endspiel gegen Dänemark verlor und danach turnierweise vor lauter Hochmut seine Sympathien verspielte. Erst 2006 trat die Mannschaft wieder mit Demut zum Wettbewerb im eigenen Land an. In der Folge begleitete Demut die Spielweise des Teams durch die Turniere, bis es 2014 erneut den Weltmeistertitel errang und im vergangenen Jahr den Confed-Cup. Seitdem platzt die Mannschaft vor Überheblichkeit – und tritt nun den Heimweg an. Der Fall auf den Boden ermöglicht ein neuerliches Aufrichten, in Demut, so steht es zu hoffen. Den Spielen der Deutschen habe ich zumindest seit 2006 wieder gern zugesehen, 2018 waren sie nicht mehr schön.

In Braunschweig muss es viele Fans geben, die das ähnlich sehen. Kein Frust, keine Randale. Gottlob. Ein junger Araber begegnet mir auf dem Heimweg, grinsend sein Schlüsselbund mit der Hand rotierend und schräg „Schland“ krähend. So geht das.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#125 Hanni & Nanni und der dreiäugige Geist

22. März 2018


Mittwoch, 21. März 2018

„Grüß mal alle“, sagt André, als ich ihn auf meinem Weg ins Riptide andernorts in der Stadt treffe, und ich vergesse es prompt, weil ich nicht den direkten Weg gehe und also abgelenkt bin. Ich komme nämlich bei Serge vorbei und setze mich in die kleine Kammer, die ihm direkt neben dem Riptide als antiquarischer Verkaufsraum, kultureller Treffpunkt und philosophischer Debattierclub gleichermaßen dient. Für einen Moment, und sei es nur im Zuge des Hineinschlüpfens, dringt etwas kalte, aber immerhin frische Luft in den Raum; die Wolken, die über den Debattierenden dräuen, sind nicht allein Resultat des intensiven Austauschs, sondern auch des nicht minder intensiven Tabakgenusses.

Es geht wie immer um nichts Geringeres als – das Große Ganze, kann man sagen. Ausgelöst durch eine Gesprächsteilnehmerin, die soeben ihr Jurastudium beendete und mit einem extrem kritischen Blick auf die Juristerei und die fehlende Empathie mancher Juristen dafür, dass sie über Menschen zu urteilen haben. Selbst bei Kommilitonen, mit denen sie sich zu Anfang gut verstand, habe sie beobachtet, dass diese den Blick dafür verlören, klagt die Jungjuristin. Von dort aus ist es für die Runde ein kleiner Sprung zur grundsätzlichen Systemkritik. Die Getränke dazu sind koffeinhaltig und stammen wie gewohnt von nebenan, und dorthin begebe ich mich jetzt doch noch.

Inzwischen bin ich zu spät, um Chris noch zu erwischen, dabei hätte ich gern gewusst, ob ich die gerade heute für August angekündigte neue Doppel-LP von Front Line Assembly, „WarMech“, auch hier bestellen kann. Das erledige ich dann eben später bei Bandcamp, sogar mit dem Glück, das exakt letzte Exemplar der auf 100 Stück limitierten Zweifarb-Doppel-LP-Box zu erwischen. Schon ihren ersten Soundtrack zu einem Computerspiel, „AirMech“, machten Front Line Assembly 2012 mit einem formidablen Kreuzüber aus modernem EBM, Bigbeat, Ambient und härterer Clubmusik zu mehr als nur einer Pixelbegleitung. Auf „WarMech“ dürfte dann zum leider letzten Mal Jeremy Inkel zu hören sein, der Bill Leeb seit 2005 parallel zu seiner Stammband Left Spine Down bei Front Line Assembly unterstützte und der überraschend im Januar mit nur 34 Jahren verstarb. Bandcamp nun als Plattform für den Musikvertrieb ist großartig für Musiker weltweit, weil es den direkten Vertrieb an Großkonzernen vorbei zum Konsumenten ermöglicht, hat aber – das erkenne ich bei der Fritz-Kola-Kaffee-Limonade, die mir Stecky über die Theke reicht – den Nachteil, dass es auch die unabhängigen und also zumeist guten Schallplattenläden benachteiligt, weil ausklammert.

Vernünftig: Bastian Till macht seine Pause im Riptide, bei ihm sitzt Sophie Isabell. Lustig, beide mit Doppelnamen und beide mit Doppel-L am Ende. „Das ist uns noch gar nicht aufgefallen“, sagen beide gleichzeitig mit nahezu identischem Wortlaut. Bastian Till hat freiberuflichen Spätdienst und muss gleich wieder los. Sein Hauptbetätigungsfeld ist aber das Monatsmagazin „Kurt“ in Gifhorn, für das ich einmal sogar schreiben durfte, nämlich einen Bericht über meinen ehemaligen Mitschüler Timo, der mit seinem Projekt Nooc ein Album veröffentlichte. Drin gestanden habe ich auch schon, im Rahmen einer Geschichte über Olafs Blinky Blinky Computerband, für die ich gelegentlich meine Stimme gebe. Mit seiner zunächst als wagemutig erschienenen Magazin-Idee beschäftigt Bastian Till inzwischen sogar Angestellte, ein schöner Erfolg.

Wir unterhalten uns nach diversen Umwegen über Hörspiele und ich erzähle, dass ich mir morgen „Der dreiäugige Totenkopf“, das Hörspiel zum ersten Comic der Drei Fragezeichen, im Wolfsburger Planetarium an… hören will, das zweite von dreien der zweiten Staffel mit Hörspielen, die eigens für die Soundanlagen von Planetarien aufgenommen wurden. Zu sehen gibt es nicht viel, scheint es, aber das Kopfkino ist ja ohnehin wichtiger. Mit dem Vollplaybacktheater hat das nichts zu tun, wie Bastian Till mutmaßt, das war bereits im Februar in Wolfsburg, im CongressPark, und ich war natürlich auch da. Das war mein zwanzigstes Mal, dass ich die Wuppertaler gesehen habe. Einmal war auch Bastian Till, der ansonsten mit den Drei Fragezeichen nicht so viel am Hut hat, beim Vollplaybacktheater, vor Jahren und in Gifhorn. Ich staune, das muss mir entgangen sein, dass sie sogar in meiner Geburtsstadt gastierten. Mit welchem Stück, weiß Bastian Till nicht mehr: „Es war aber eine Detektivgeschichte“, scherzt er. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, das Vollplaybacktheater setzte auch mal andere Hörspiele um, John Sinclair, Jan Tenner, Edgar Wallace, Hanni & Nanni. Mit denen kennt sich Bastian Till aus, seiner Tochter wegen, und lobt die Serie für ihre geschlechtsuntypische Herangehensweise an Themen: In Episode 52 etwa nimmt ein Mädchen an einer Castingshow teil, obwohl es nicht singen kann, und wird nur deshalb ins Programm genommen, damit die Jury jemanden zum Lästern hat. Das findet Bastian Till untypisch, weil es in allen anderen Mädchengeschichten darauf hinauslaufe, dass die Protagonistin unerwarteten Erfolg hat, aber nicht, Castingshows kritisch zu sehen. Sophie Isabell bleibt skeptisch, aber Bastian Till strahlt begeistert. Soweit ich mich erinnern kann, hatten Hanni & Nanni zu Enid Blytons Zeiten tatsächlich eine etwas andere Ausrichtung, aber mehr als eine Folge habe ich von denen selbst als Kind nicht gehört. Ich würde nicht einmal mehr am Cover wiedererkennen, welche Kassette das war. So recht geweckt ist mein Interesse daran jetzt aber auch nicht wieder, selbst als Hans-Paetsch-geprägter Märchenfan fand ich als Kind – anders als die Fünf Freunde – Hanni & Nanni langweilig. Auch solche Serien wie Hexe Schrumpeldei, Hui Buh, Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg hatten mir zu wenig Handlung und Atmosphäre, um mich zu fesseln. Spannend finde ich aber, dass die beiden BB-Serien offenbar von einem Politwissenschaftler der Bundeszentrale für Politische Bildung als bedenklich eingestuft wurden, weil sie – überspitzt gesagt – zur Systemkritik aufrufen. Das macht sie zumindest sympathisch. Irgendwoanders las ich zudem und übrigens und nebenbei, dass Hörspiele in Deutschland deswegen so populär sind, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater zerstört waren und Radiohörspiele einen kulturellen Ersatz dafür anboten.

Mit Sophie Isabell und Bastian Till, die zahlen wollen, kehre ich an die Theke zurück. „Bald bin ich Werksältester“, höre ich Stecky dahinter raunen, „aber noch ist es Astrid.“ Die Angesprochene beschäftigt sich mit der Kasse und grinst. Werksältester, also in Dienstjahren, nicht Lebensjahren; da hat Jasmin mit ihren um die sieben Jahren aber ein schwer einholbares Pfund vorgelegt. Während Astrid neue Bestellungen im Café und in der Lounge aufnimmt und Rosalie in der Küche die bestellten Speisen zubereitet, findet Stecky etwas Zeit für Unterhaltungen.

Beide haben wir, Stecky und ich, Objekte in unseren Musik- und Comic-Sammlungen, von denen wir viel später überraschend erfuhren, dass sie über die Zeit an Wertsteigerung erfuhren. Stecky führt eine Comicserie an, deren englischsprachige Erstausgabe im Wert an Nullen zugelegt hat, und doch sind wir uns einig, dass wir Informationen dieser Art eher als persönliche statistische Angaben auffassen als als Verkaufsargument. Meine Dreifach-LPs der Drei-Fragezeichen-Jubiläumsfolgen sind ebenfalls überraschend wertvoll, dabei habe ich sie damals ganz unspektakulär hier im Riptide erworben. Stecky stutzt, verschwindet kurz im Büroteil hinter der Theke und kehrt mit einer Geister-Schocker-LP zurück. „Ohne Nummerierung“, stellt er mit Kennerblick fest. An die Serie habe ich mich noch nicht herangetraut, die hat mir zu viele Folgen. Stecky schwärmt noch von Faith van Helsing, die ich bislang auch eher ignorierte, und Gabriel Burns, einem meiner Favoriten wiederum, der leider seit drei Jahren auf Eis liegt, mitten während einer Mehrfachfolge (es fehlt der fünfte Teil eines eigentlichen Vierteilers). Stecky bringt die LP zurück. Vinyl, das untote Medium, das zurzeit in Sachen unerwarteter Renaissance von der Kassette eingeholt zu werden droht. Im Ambient und im Black Metal fing es an, dass Bands ihre Musik wieder auf Tape veröffentlichten. „Ich kenne das aus dem Hip Hop“, sagt Stecky. Stimmt, das Mixtape, das sich heute als Podcast zum Download wiederfindet. Für den kommenden Record Store Day am 21. April sei das Album „Back In Black“ von AC/DC als Kassetten-Neuauflage angekündigt, erzählt Stecky. Die wolle er haben, aber die sei sehr limitiert und seine Hoffnung auf einen Erwerb entsprechend gering.

Stecky hat Feierabend, er wird abgeholt und verabschiedet sich. Für ihn tritt Moritz den Dienst an, doch vorher begibt er sich mit Rosalie ins Achteck, zum Rauchen. „Auf eine halbe Zigarette?“, fragt Rosalie vorher Astrid, die nickt, während sie einen kleinen Zettel knickt und mit „Birnentarte vegan“ beschriftet. „Kann man das lesen?“, fragt sie mich, und zumindest ich kann. Anders war das kürzlich, als Arni und ich im Riptide kniffeln wollten und uns aus dem Spielefundus des Cafés zwar genau fünf Würfel zusammenklaubten, von denen einer aber statt mit Punkten mit für uns willkürlichen Zahlen bis 64 bedruckt war. Schwierig, damit große Straßen hinzubekommen, also ließen wir uns Klebeetiketten geben und malten die Punkte selbst drauf. Bei einem zweiten Würfel waren die weißen Punkte vom schwarzen Grund weitgehend abgeblättert, und in der Kombination war das Kniffeln ein ständiges Kopfbeugen, um den richtigen Winkel zum Licht und damit die korrekte Anzahl der ausgeleuchteten Vertiefungen im Spielgerät zu finden. Den Highscore von 344 haben wir immer noch nicht geknackt.

Mutig, draußen rauchen bei der Kälte, aber immerhin hat es nicht mehr die extremen Minusgrade wie noch zuletzt, und auch nicht den überraschenden Schnee wie gestern zum Frühlingsanfang. Nichts gegen Schnee, ist dies doch das einzige Wetterphänomen in unserer Gegend, das seine Jahreszeitenzugehörigkeit deutlich zum Ausdruck bringt. Den Rest des Jahres über haben wir zehn Grad und Regen, da steckt keine konkrete Saison mehr drin, deshalb freute ich mich auch zu dieser Zeit im Jahr sehr über den immerhin ansehnlichen Schnee. Aber jetzt darf es auch wieder warm werden.

Zuletzt im Achteck gefroren haben wir bei Sound On Screen, nach dem grandiosen Film „Liberation Day“ über den Auftritt der Band Laibach in Nordkorea. Wir waren hin und weg über den respektvollen Umgang des Westteams mit dem totalitären Regime und den Menschen, denen sie dort begegneten und die sie auch als Menschen behandelten. Im Riptide legte DJ „Tanz mit Laibach“ ein eigens ans Thema angepasstes Set auf, für das er sich, wie mir Chris vorab verraten hatte, tief in die für ihn fremde Materie einarbeitete. Da standen Andrea und ich, ebenfalls des Rauches wegen, im Achteck, bei uns Uwe und Olli, mit denen ich drei Viertel des aktiven Teils der DJ-Gruppe Rille Elf ergebe; nur Günther fehlte. Wir vier hatten gerade erst den ersten Auftritt vor einem größeren Publikum, mit den Burning Beats im Nexus nämlich, und freuen uns schon auf unsere nächsten Sets, am 13. April mit dem Ball im Bierhaus und am 20. April beim elften Geburtstag des Sauna-Klubs im Hallenbad Wolfsburg, unserem ersten Auswärtsspiel, und das an so einem geschichtsträchtigen Ort. Der nächste SOS-Termin interessiert mich leider nicht so sehr, „Wildes Herz“ mit Feine Sahne Fischfilet, die ich zwar für politisch relevant halte, für musikalisch aber weniger. Der Film startet am 6. April um 19 Uhr, danach spielen Radical Radio, live erprobt ebenfalls im Achteck beim letzten Sedan-Bazar. Spannender ist für mich der Film danach: Am 17. Mai läuft die restaurierte Neufassung von „Space Is The Place“, dem irrwitzigen Film von Sun Ra. Mit dem Ensemble auf Zeit spielt anschließend eine passende Gruppe im Riptide, eine gute Wahl.

Na gut, um die für mich neuen Kollegen einmal abseits des Dienstes zu erleben, setze ich mich draußen zu ihnen an den Tisch. Als Vierter, denn Aline gesellte sich zu ihnen, seit einem Monat indes ehemalige Kollegin des Riptide-Teams: „Ich bin mit dem Studium fertig geworden.“ Rosalie eilt wieder in die Küche, Moritz beginnt seinen Dienst und Aline erzählt, wo sie jetzt arbeitet – und wir stellen fest, dass wir quasi Kollegen sind, weil mein Arbeitgeber der Stiftung untergeordnet ist, für die sie eingesetzt ist. Braunschweig wieder. Die Café-Tür öffnet sich, Astrid lugt heraus und fragt: „Aline, kommst du?“ Doch noch arbeiten? Nein, sie ist lediglich verabredet. Und ich mache jetzt auch Feierabend. Ich muss zu Hause noch bei Bandcamp eine Schallplatte bestellen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#122 Alles bleibt so, wie es nie war

20. Dezember 2017


Dienstag, 19. Dezember 2017

Für die „Weihnachtszeit im Handelsweg“ wirbt ein kleiner laminierter Flyer, der an einer ungeschmückten grünen Tanne hängt, die wiederum am Durchgang bei Möbel Sander aufgestellt ist. Das ist aus Richtung Innenstadt der Eingang zum Handelsweg, und sämtliche Anrainer haben ein Plakat mit entsprechendem Aufdruck in ihren Schaufenstern hängen. Wie die Tanne, so sind auch die Tische und Bänke vor dem Tante Puttchen und dem Café Drei, dem früheren Bierteufel, triefnass, also nicht eben weihnachtlich bewittert. Die Wetterkarte zeigt sich gegenwärtig beinahe sommerlich, mit sieben Grad und Regen. Das Mobiliar des Café Riptide ist geschützt, über dem Achteck in der Mitte des Handelswegs spannt sich ein Segeltuch. André, Marco und Max tummeln sich darunter, die Rauchenden von ihnen rauchend, und bereiten sich auf den neuen Arbeitstag vor: Es ist 12 Uhr mittags, das Riptide öffnet. Max ist eigentlich viel zu früh da, aber da eines seiner Seminare ausfiel, beginnt er seine Schicht schon jetzt. Marco schleppt Getränkekisten aus dem Vorratskeller ins Café, Andre klebt ein Plakat an die Thekenfläche, Max bindet sich die Serviceschürze um. Die ersten Gäste trudeln ein, kaum dass die Tür geöffnet ist.

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke oder guten Vorsätze. Eskapistische Kontemplation. Oder so. Oder nicht: Mich interessiert, was meine Gesprächspartner in diesem Jahr anders machen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu. Die erste Antwort gibt der Chef: „Meinen Urlaub planen“, sagt André. Das klingt jetzt eher nach der Betonung auf „planen“ statt auf „Urlaub“. André bestätigt das.

André: „Ich habe einfach meinen Resturlaub zerschlagen, ich hatte noch ein paar Tage, die habe wich wahllos genommen, außerhalb der Möglichkeit, mal wegzufahren – der ist einfach verpufft. Sonst nichts, wirklich. Es war ein wohlgesonnenes Jahr.“

Seine Aufmerksamkeit gilt jetzt aber ganz der Kundschaft, dem schließe ich mich an, wenn auch anders. André findet in der Küche seine Aufgaben, ich setze mich zu Jenny und Franzi an den Tisch.

Franzi: „Das ist eine schwierige Frage, ich hatte ein extrem schönes Jahr. Ich würde nichts anders machen – so platt das klingt.“

Jenny: „Ich hatte auch ein supergutes Jahr. Ich würde versuchen, mir ein bisschen mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen. Sonst war alles gut.“

Die beiden wenden einander zu und setzen ihr Gespräch fort, Max bringt die bestellten Getränke. Am Nachbartisch sitzt die nächste Franzi, mit Ann-Cathrin plaudernd. Auch hier gesellt sich Max alsbald dazu und liefert das Bestellte ab. Ich richte meine Frage an die beiden. „Bezogen aufs Riptide?“, fragt Franzi gegen. „Hier kann man nichts besser machen, seit der Renovierung.“ Nein, so allgemein, das eigene Leben betreffend. Aber ich vermute, dass ihre Aussage hier dennoch auf einiges Wohlwollen stoßen könnte.

Franzi: „Ich hätte meine Praxisstelle an der Uni nicht angenommen, sondern gewartet. Das waren vier Monate verschwendete Zeit. Ich habe nichts gelernt außer: Katzen sind eklig. Und Kaffee konnte ich vorher schon kochen. Ich mag Katzen, aber der Kater dort ist eklig. Meine Aufgabe war, den Kater von den Akten wegzuräumen. ‚Oh, hat er dich gebissen?‘ – ‚Ja, der hat mich gebissen.‘ Mehr Aufgaben hatte ich nicht und außer, dass die Katze mich gebissen hat, ist da nichts passiert. Ich habe mir letzte Woche eine neue Stelle genommen, das würde ich auch wieder machen.“

Während ich mitschreibe, wirft Franzi einen Blick auf meinen Blogblock und meine Sauklaue. Sie wundert sich, dass ich das lesen kann, und ich erzähle, dass ich mir mein Eigensteno seinerzeit bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung aneignete. Da entgegnet Franzi, dass sie in Fallersleben aufgewachsen ist und dass Max, einer ihrer Freunde, früher in einer Band spielte, die im Jugendzentrum Forsthaus ihren Übungsraum hatte. Ins Blaue tippe ich auf Revolt und liege richtig. Von denen habe ich sämtliche CDs im Regal, dank des Wolfsburger Labels Kernkraftritter Records. Kleine Welt.

Ann-Cathrin: „Ich würde mich im Sommer mehr disziplinieren und dann meine Hausarbeit schreiben, anstatt es in den Winter reinzuschieben. Ich hatte im Sommer eigentlich mehr Zeit, als ich jetzt im Winter habe. Vielleicht. Man weiß es nicht.“

Franzi wirft lachend ein, dass ich an den beiden Antworten erkennen müsste, es mit Studentinnen zu tun zu haben. Erkenne ich! Und setze mich einen Tisch weiter, zu Gunnar und Joana, die meine Frage im Dialog beantworten, bevor sie ihre Bestellung bei Max aufgeben, woran ich sie mit meiner Frage hindere. „Schäm dich“, sagt Max und grinst. Gunnars erste Antwort ist ein interner Scherz: „Die Brille gleich bei Fielmann kaufen.“ Joana stellt fest: „Das ist schwierig, weil es eigentlich ein gutes Jahr war.“ Ich höre ein „eigentlich“. „Es ist natürlich nie perfekt“, sagt Gunnar, meint aber auch, dass es eigentlich nichts zu bemängeln gab.

Joana: „Öfter mal wegfahren, mal einfach einen Tag, ans Meer fahren. Am Meer waren wir nur einmal, zwei Wochen zwar, aber nur einmal.“
Gunnar: „Und Silvester, da sind wir spontan ans Meer gefahren.“
Joana: „Stimmt. Matratze ins Auto und im Auto geschlafen. So was müssten wir öfter mal machen.“
Gunnar: „Vielleicht spontaner sein, das kann man festhalten dafür.“

Wo am Meer waren sie denn? „Sankt Peter-Ording, an Silvester“, erzählt Joana, und Gunnar ergänzt: „Das andere Mal waren wir in Schweden, auf Öland.“ Herrlich, beides. Öfter als zweimal habe ich es dieses Jahr auch nicht ans Meer geschafft, für mich eine schwache Quote. Dabei sind Nord- und Ostsee in gerade zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Das hab ich in anderen Jahren ausgetestet.

An der Theke bestellt Verena zwei Milchkaffees, einer davon ist für Marion, der Chefin von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft schräg gegenüber. Die Wartezeit nutzt Verena für ihre Antwort. „Dieses Jahr war eigentlich ganz schön gut“, beginnt sie. „Vielleicht würde ich etwas eher machen, höchstens.“ Sie sinniert: „Ich scan jetzt alles durch – eigentlich lief alles ganz gut.“ Eines fällt ihr dann doch ein: „Ich war jetzt dieses Jahr einmal mit meiner Mutter weg, ich würde nächstes Jahr zweimal fahren.“ Sie stoppt und murmelt vor sich hin: „Ökostrom, Kinder, mehr arbeiten kann ich nicht, Schrottauto, alles…“

Verena: „Ich bin dieses Jahr mit meiner Mutter weggefahren, die hatte einen Schlaganfall, schon vorher, ich habe gemerkt, wie gut uns das tut. Danach – öfter mal eine Auszeit nehmen und wegfahren, das ist nur für mich. Mit meiner Mutter war ich in Hann-Münden, nur eine Nacht, aber es war super. Meine Mutter mit Rolli, mit Rollatorporsche. Auf der Hinfahrt sind wir ausgestiegen, wo es gepasst hat, an der Seenplatte an der A7, bei Northeim, da sind wir runtergefahren, die Viecher gucken, Wasservögel, hat gut geklappt, wir haben alles gleich gefunden, Hotel und alles, ohne Schnickschnack, Navigatorscheiß.“

Die beiden Milchkaffees sind fertig. Christel heiße ihre Mutter, erzählt Verena noch, und dass Marion nicht ihre Chefin ist, sondern ihre Freundin, und dass sie bei einer Architektin arbeitet. Max händigt ihr die Getränke aus, und zwischen zwei Bestellungen gibt er mir auch eine Antwort.

Max: „Ich hätte mich mehr engagieren sollen, politisch, in Anbetracht der sich immer zuspitzenderen Lage, da sollte man sich besser einbringen – das ist mein bester Vorsatz für 2018.“

Eigentlich würde ich auch Marco gern noch interviewen, doch der ist mit Kisten bepackt und sagt: „Ich hab keine Zeit, ich muss jetzt in den Keller.“ Joana begleicht bei Max ihre Rechnung und erwirbt einen Geschenkgutschein für Gunnar, allerdings nicht für sich selbst, sondern für ihre Mutter, der sie bereits zu ihrem Geburtstag einen Riptide-Geschenkgutschein schenkten, den diese aber aus Zeitmangel noch nicht einlöste, was sie nun mit Gunnar gemeinsam unternehmen will, der deshalb von diesem Geschenk auch schon vorher weiß. Joanas Vater organisierte einen Plattenspieler: „Dadurch ist meine Mutter wieder auf den Geschmack gekommen.“ Max grinst: „Das ist taktisch unklug, ich hab‘s meiner Mutter ausgeredet und ihre Platten bekommen.“ Joanas Mutter dürfte ungefähr in meinem Alter sein. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, was ihre Mutter sich aussuchen würde. Joana denkt eine Weile nach: „Nein, keine Idee.“

Auch Ann-Cathrin und Franzi zahlen, eine von beiden hatte die Suppe der Woche, die Brokkolisuppe. Vergangene Woche war es die Möhren-Ingwer-Suppe. Mir begegnete eine Nachbarin im Supermarkt, die sich ein Bund Möhren kaufte, weil sie an der Suppe Gefallen gefunden hatte und diese nun rezeptlos nachkochen wollte. Solche Kreise zieht das hier.

Am Fenster bei den Plattenspielern sitzt Ole. Er hat die neuen LPs durchgeguckt und findet nun Zeit für meine Frage.

Ole: „Ehrlich gesagt: nichts. Weil ich eigentlich ziemlich zufrieden bin. Vielleicht würde ich weniger meckern und mehr mein Herz öffnen und mehr Initiative ergreifen und auf mein Herz hören und das tun, was mein Herz mir sagt. Quasi nach innen gehen, nicht im Außen alles haben wollen. Aber ich finde, ich habe es ganz gut hinbekommen für das, wie ich es konnte. Deshalb bin ich ganz zufrieden. Man kann ja nur machen, was man kann. Und lernen, deshalb ist es okay, wenn man was draus lernt.“

Da bin ich mit ihm einig, mit Hätte-hätte-Fahrradkette ist einem nicht geholfen, sofern man aus dieser Erkenntnis für die Zukunft keine alternative Handlungsweise ableitet. Ich verabschiede mich von Ole und quere den Raum. Ans andere Fenster setzen sich Uwe und Michael. Max trifft mit mir bei ihnen ein: „Moin, kann ich schon was bringen?“ Uwe nickt: „Ja, mach mal.“ Sie finden dann aber doch noch zu mehr Präzision. Michael scherzt, als ich meine Frage formuliere: „Uwe würde nicht mehr die FDP wählen.“ Das findet Uwe nicht so witzig. Vergangene Woche erzählte er mir noch, dass er in Hamburg zu einem Gorillaz-Konzert mitgenommen wurde, das ihm nicht gefiel, und dass er dann herausfand, dass parallel seine liebste Entdeckung des Jahres spielte, The Dead South nämlich.

Uwe: „Mein Reinfall des Jahres: Das Gorillaz-Konzert.“

Michael: „Ich würde mehr Platten im Riptide kaufen.“

Noch mehr oder nicht mehr, hakt Uwe nach, und doppelnegiert: „Nicht keine Platten im Riptide gekauft haben würden.“ Am Freitag waren wir mit Rille Elf in Harrys Bierhaus, auflegen zum „Ball im Bierhaus“, nur konnte ich nicht dabei sein, leider. Uwe erzählt, dass schön viel los war und viele auf der kleinen Tanzfläche tanzten. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wieder an Bord.

Meine Verabredung trifft nun ein und stöbert sich durch die Platten. Die neue Godflesh fällt Arni sofort ins Auge, neben den vielen anderen attraktiven Schallplatten, die das Riptide so feilbietet. Nachdem wir uns an einen der freien Tische setzten, bekommt auch er meine Frage zu hören.

Arni: „Nicht viel, irrwitzigerweise. Ich hätte mir gewünscht, dass ich viele Sachen machen hätte können. Ich wäre gern aktiver gewesen, aber aufgrund der Jahre davor war Ruhe angesagt und ich bereue das auch nicht. Es hat den Vorteil, ich hab einen prima Vorsatz, der sich daraus ergibt fürs nächste Jahr, nämlich wieder aktiv zu werden, jetzt, wo ich Kraft getankt hab.“

Während wir plaudern, schlendern Stef und Maike an unserem Tisch vorbei. Die beiden tauschen sich eine Weile lang intensiv aus, und als Maike im Aufbruch begriffen ist, kommt auch sie an meiner Frage nicht vorbei.

Maike: „Ich hätte wahrscheinlich meine Elternzeit verlängert und wäre noch länger bei meiner Tochter zu Hause geblieben.“

Die Tochter ist auch der Grund für ihren schnellen Abschied. Stef gesellt sich daher zu Arni und mir.

Stef: „Man muss mehr seiner Rolle in der Welt, die man intuitiv weiß, nachkommen. Jeder hat so seine Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, die man nur bedingt verändern kann, die man aber manchmal wegdrängt. Das bedeutet, dass man dann Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen sollte. Manche Leute meinen, sie müssten Rollen einnehmen, die eigentlich nicht ihnen entsprechen, sie hören nicht auf ihre Intuition.“

Auch wen Stef das sehr allgemein formuliert, verbirgt sich dahinter eine persönliche Erfahrung. Wir diskutieren noch eine ganze Zeit herum und kommen vom Hölzchen zum Stöckchen, vermehrt lachend.

Was würde ich denn selbst anders machen? Vermutlich nichts. Ich habe viel Gutes und Schönes erlebt und erfahren, aber auch viel Kraftraubendes und Schlechtes. Aber da bin ich ganz bei Ole: Wäre ich zu anderen Richtungen in der Lage gewesen, hätte ich sie auch eingeschlagen, alles andere ist Lernen und im Lauf verbessern. Oder Schicksal. Na, öfter ans Meer hätte ich bestimmt auch fahren können. Aber dann wäre weniger Zeit fürs Riptide gewesen, und das geht ja gar nicht!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
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