Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecki eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecki vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecki fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecki kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecki: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#135 Reitende Geister

14. Dezember 2018


Donnerstag, 13. Dezember

Alles ist Veränderung, die einzige Konstante, und so weiter, und das Café Riptide erfuhr dies in diesem Jahr ganz besonders ausgeprägt. Bisweilen fühlt man sich hilflos und ausgeliefert, kann den Veränderungen, die von anderen ausgehen, vermeintlich nichts entgegensetzen, zweifelt an seinem eigenen Einfluss, wünscht sich Kräfte wie bei Marvel oder Harry Potter oder gleich noch ganz woanders angesiedelt, und übersieht dabei oft, wie viel man tatsächlich in der eigenen Hand hat, und sei es nur die Haltung zu den Dingen. Wie es schon Matt Johnson von The The sang: „If you can’t change the world, change yourself.“ Und da ja nun schon wieder Dezember ist und damit die Zeit der Rück- und Ausblicke, stelle ich heute wie immer allen Riptide-Gästen dieselbe Frage. Dieses Mal lautet sie, bewusst unkonkret: Was würdest du verändern?

Bevor ich diese Frage jedoch im Riptide äußern kann, klopfe ich auf dem Weg dorthin bei Serge an. Sein Laden ist erleuchtet, beinahe wie sein Besitzer, und bei Serge sitzt Ulrike und philosophiert mit ihm. Überall stapeln sich Kulturgüter, Bücher zuvorderst, und ich komme nicht umhin, die Atmosphäre als angemessen vorweihnachtlich zu empfinden. Passend organisiert Ulrike für Serge und sich von nebenan Kaffee und Tee. Also sind es diese beiden, die meine Frage als erste zu hören bekommen.

„Mich selbst kann ich nicht mehr verändern, dafür bin ich viel zu eingefahren“, behauptet Serge. Aber eine hypothetische Veränderung nähme er vor: Sich verjüngern. „Dann hätte ich mehr Kraft, mich ernsthaft politisch zu engagieren – ich bin zu müde, zu resigniert, zu zynisch, um das heute noch zu tun, und ich glaube nicht mehr daran, dass irgendetwas zu ändern ist.“ Serge zieht die Gelbwesten aus Frankreich als positives Beispiel heran, die als Protest nicht wie 1968 aus Intellektuellenkreisen hervorgehen: „Es ist das Volk im klassischen Sinne, Égalité, die alte französische Floskel, das fehlt bei uns, das finde ich tragisch, dass wir dem nichts Ernstzunehmendes entgegensetzen können.“ Man müsse ja nicht einmal eine neue Bewegung erfinden, man könne einfach die Gelbwesten übernehmen. Auch dem Protest von rechts müsse etwas entgegengesetzt werden – dieses nicht einmal nur rein deutsche Übel beklagen wir alle drei.

Nicht als Letzte heute stößt sich Ulrike am Konjunktiv meiner Frage. Sie empfindet ihn als Zeichen der Machtlosigkeit und sähe an dessen Stelle lieber ein „wirst“. Und verliert das „würde“ in ihrer Antwort trotzdem nicht: „Ich würde versuchen, die Lebenswelt …“ Sie überleg und stockt immer wiedert: „Lebenswerter – stimmt nicht: dem Menschen angemessener, ein gutes Leben, sozialer, mit der Umwelt in Verträglichkeit, schon auch radikal, Entscheidungen treffen, die der Autoindustrie Geld kosten, und dass man Konsequenzen spürt, keine Konsequenzen ist nicht glaubwürdig.“

Dabei fällt Serge die Aussage des Leiters der gegenwärtig tagenden Klimakonferenz ein, der eindringlich und ausdrücklich mahnte, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Erde noch zu retten. Wir wundern uns über das Fremdeln weiter Teile der Bevölkerung vor Alternativen, etwa in Sachen Ernährung, und schwenken hin zu Leuten, die den Veganismus wiederum auf die Spitze treiben, indem sie nur essen, was vom Baum fällt, einem Thema, das Henrik nach der jüngsten Indie-Ü30-Party im Nexus aufgriff und fragte, was diese Leute tun, sobald ein Wildschwein vom Baum fällt. Serge und Ulrike beginnen, im Geiste Plantagen in Baumhöhe anzupflanzen, und wir überlegen, wie gefährlich es wohl ist, in dieses Vorhaben Kürbisse aufzunehmen.

Da steckt Schepper seinen Kopf zur Tür herein. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Ollo ins Café MokkaBär zu fahren, und blieb doch im Handelsweg hängen. Ollo macht sein Café ja auch morgen noch auf. Schepper sitzt bei Roberta in der Einraum-Galerie und nimmt mich gleich mal mit. Roberta zeigt dort nämlich zurzeit ihre Kunst unter dem Titel „Alles und Nichts“, Schepper und sie trinken inmitten der Bilder auf der breiten schwarzen Lederbank Pfefferminztee, ein kleines Fußgebläse versorgt den Raum mit Temperatur. Die Arbeiten zeigen unter anderem stilisierte Akte, angsteinflößende Ikonen, gräfliche Hasen sowie Gespenster-Aliens, die Roberta in gefundene Landschaftsbilder hineinmalte. Eines dieser Wesen, beinahe leuchtend weiß, reitet auf einem Pferd, eng an das Tier angeschmiegt. „Du weißt ja gar nicht, ob der Künstler das auch gesehen hat, aber nicht reingemalt hat“, sagt Schepper. Der Gedanke gefällt Roberta, und sie mutmaßt, dass das mit der Zeit zu tun haben könnte, in der das Original entstand, und dass die Welt heute reifer dafür ist. „Das Bild ist ein Zeitverknüpfungsding“, findet Schepper. Es gehört zu den wenigen Exponaten in Raum, die Roberta übermalte. „Das wäre sonst wohl weggeworfen worden“, glaubt sie. Auch die Frau im Käfig ist eine Übermalung: „Sie hatte natürlich keinen Käfig über dem Kopf“, erklärt Roberta, „und eine andere Frisur.“ Wenn man nah an das Bild herangeht, erkennt man noch den alten Bienenkorb unter dem Hintergrund.

Auch Roberta missfällt der Konjunktiv meiner Frage, sie durchdenkt zudem die Möglichkeiten, die die Frage offen hält. „Ich bin nicht so rückwärtsgewandt, ich bin eher zukunftsorientiert“, setzt sie nachdenklich an. Schepper grinst, „aber ich bin im Rückwärtsgewand“, und deutet auf seine alte Schlaghose. Roberta fährt fort: „Ich möchte ganz viel verändern – und auch gar nichts, das passt zur Ausstellung, ‚Alles und Nichts‘.“ Sie blickt sich um.

„Ich ändere meinen Gesundheitszustand, auf jeden Fall“, lautet die Antwort von Schepper. „Das ist auch eine gute Antwort“, findet Roberta. „Das hat etwas mit Selbstheilungskräften zu tun – wenn du es selbst machst, wird dein Körper sich ändern.“ Schepper gibt einen kurzen Abriss der Umstände sowie der positiven Entwicklung und stellt mit kicherndem Verweis auf den Namen von Robertas Künstlergruppe fest: „Ich bin voller Tatendrang.“ Roberta quittiert das schelmisch mit „Ouh, ouh, ouh!“ Der Solo-Bassist fährt fort: „Ich hab Ideen, ganz viele Ideen, nächstes Jahr wird’s super.“ Er berichtet, dass er sich auch mit Serge darüber unterhielt und dass der sich von Scheppers Tatendrang anstecken ließ. „Schön, wenn ich motivieren kann“, freut sich Schepper.

Offenbar motivierte er auch Roberta dazu, sich weiter mit meiner Frage zu beschäftigen. „Ich würde noch genauer als 2018 2019 überlegen, was ich mache, und ich werde deshalb auch Sachen nicht machen – das überlegt man sich auch viel zu selten, gerade, wenn es so viele Möglichkeiten gibt.“ Sie bezeichnet sich selbst als glücklich und wundert sich, dass sie bei dieser Aussage bisweilen zu hören bekommt, wie selten das sei. „Ich kann machen, was ich mag, und sogar halbwegs davon leben“, begründet sie.

Nun fällt auch Schepper noch etwas ein: „Ich werde mich updaten, ich muss mal ein Bisschen was modernisieren.“ Roberta grinst: „Schepper 3.0!“ Er nickt: „Ich will mich vorbereiten aufs 22. Jahrhundert, die Technik updaten, da muss ich auch an mir arbeiten, da fehlt mir was.“ Roberta hakt nach: „Bass-Technik oder Equipment?“, doch Schepper bezieht sich nicht auf seine musikalischen Fähigkeiten oder seine instrumentale Ausstattung, sondern auf Kommunikationsmittel: „Neue Medien, ich hab immer noch kein Handy und will auch keins haben, aber ein Tablet klingt interessant – ich gehe mit dem alten iPod von meiner Schwester ins Internet und bin noch bei Myspace.“ Roberta ist überrascht: „Das gibt’s noch?“, sucht auf ihrem Smartphone nach der Myspace-Seite von Tatendrang-Design und wundert sich, wie gut die gepflegt ist. Zu Facebook will Schepper nicht wechseln: „Reverb Nation“ kommt ihm eher in den Sinn, empfohlen von Olaf, als wir beide kürzlich bei ihm waren und mit ihm an neuen Stücken von Blinky Blinky Computerband arbeiteten. „Oder Soundcloud“, ergänzt Roberta.

Da wir André schon durch die Scheibe zurückwinkten, steht nun die Fragerei im Riptide an. Schepper und ich verabschieden uns von Roberta und stellen uns an die Theke im Café gegenüber. Dort unterhalten sich Peter und Zabel mit André, sobald der zwischen Gästen und Küche für einen Moment am Computer verweilt. „Eigentlich würde ich mein Bier gegenüber trinken“, sagt Peter, denn er ist Teil des Einraum-Teams, momentan aber eben mit Zabel im Gespräch. Ihm behagt meine Frage nicht: „Ich würde die Frage verändern.“ Er sinniert abwehrend über die vielen Ebenen, auf denen eine Antwort möglich ist, persönlich, global, in der Zeit, und meint, sich zwischen einer persönlichen und einer allgemeingültigen Antwort entscheiden zu müssen. „Das Schöne ist, dass man Allmächtigkeit bekommt“, stellt er fest. „Es kann ja völlig fiktiv sein.“ Er greift nach seinem Bier. „Die Frage wird schöner, je länger man darüber nachdenkt“, stellt er fest. „Als Erstes – und das steckt drin in der Frage, man muss sich das Wichtigste und Aktuellste aussuchen und sich beschränken.“ Er grübelt während des Sprechens weiter und spricht beim Denken: „Ich möchte nicht offensichtlich humoristisch antworten, der Witz ist durch.“ Peter macht eine Pause und skandiert dann klar seine Antwort: „Gar nichts.“ Er nickt zufrieden. „Nach langem Überlegen.“ Zabel mutmaßt, dass Peter dann ja ein zufriedener Mensch sein müsse, doch so meint der das nicht: „Weil ich mich nicht auf eins einigen kann mit mir selbst, würde ich nichts ändern.“ Zabel versteht. „Ich weiß nicht, was gerade am wichtigsten wäre“, fährt Peter fort und grinst: „Sonst würde ja auch niemand mehr reinkommen und mir so eine Frage stellen.“ Er nickt wieder: „Ich bin mir jetzt ganz sicher.“

Zabel bleibt bei seiner abwehrenden Haltung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mit Fremden nicht sprechen.“ Peter versucht, ihn doch noch zu einer Antwort zu überreden, und Zabel sagt: „Rauchen.“ Peter und ich stutzen. Will er das Rauchen aufgeben? „Du hast die Allmacht gerade“, setzt Peter an. Zabel winkt ab: „Ich hab gesagt, ich möchte gerne eine rauchen.“ Ach so. Also greifen sie sich ihre Biere von der Theke und verschwinden ins Achteck.

Also ist André jetzt frei, mir beim Kaffeezubereiten eine Antwort zu geben. Ohne es zu wissen, bestätigt er Peter: „Gar nichts, sonst wäre es ja nicht so, wie es ist“, sagt er. „Jammern kann ja jeder, ich bin eigentlich schon zufrieden.“ Ich begleite ihn in die Küche, wo er fortfährt: „Mehr bürgerliches Engagement auf den Straßen, Gelbwesten in Deutschland!“ André hat viel zu tun, die Gäste bestellen mannigfach, und der nächste Milchkaffee aus seiner Hand ist sogar für mich.

Da kommen Arni und Christian ins Café, beide mit beschlagenen Brillen, aber sie erkennen Schepper und mich trotzdem sofort. Wir setzen uns nun in eine Ecke und ich äußere einmal mehr meine Frage. „Nix, ist doch alles super“, antwortet Arni. Schepper grinst: „Zum Glück hab ich schon geantwortet.“ Arni hakt nach: „Und was würdest du ändern? Die Preise!“ Schepper lacht. Arni wird ernst: „Ansonsten bin ich gerade dabei, ganz viel zu ändern. Fast alles.“ Schepper fragt, ob es dann nicht besser wäre, aufzuzählen, was Arni nicht ändern würde. „Das ist einfacher“, bestätigt der: „Meine Beziehung werde ich nicht ändern.“ Schepper hakt nach: „Zu dir selbst?“ Aber Arni meint die zu seiner Freundin, pflichtet Schepper indes bei, dass dessen Aspekt auch wichtig sei.

„Ganz klein und persönlich“ falle die Antwort von Christian aus, sagt der: „Meine pessimistische Einstellung werde ich ändern.“ Diese Notwendigkeit unterstreicht Arni, und Schepper wendet ein: „Aber deinen Sarkasmus behalte ruhig.“ Auch da stimmt Arni zu. Christian ergänzt: „Ich hab überlegt, was würde ich bei anderen ändern, aber ich bleibe bei mir.“

Nun nimmt der Abend seinen Lauf. André reicht eine neue Runde Getränke und die Gespräche schweifen in alle Richtungen ab. Als Christian seine „Teuerste“ erwähnt, errötet Schepper ob seiner despektierlichen Gegenfrage, die er dann doch stellt: „Hast du auch eine Billigste?“ Christian wird kleinlaut: „Lustigerweise sprach ich von meiner Gitarre.“

Und doch verändern wir heute die Welt ein bisschen. Wir stecken uns mit Überlegungen und Analysen an und haben mindestens Einfluss auf den Füllstand unserer Flaschen und Tassen. Und auf die Zeit: Sie schreitet schneller voran, als uns lieb ist. Wie gut, dass wir genau das nicht verändern können.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#128 Kim-Jong-un-fass-bar: Südkorea ist Weltmeister!

27. Juni 2018


Mittwoch, 27. Juni 2018

Vorsichtshalber sei hier eine Spoilerwarnung gesetzt: Am Ende dieses Textes ist Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren ausgeschieden, die zurzeit in Russland ausgetragen wird. Nur für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. Heute steht das dritte von drei Gruppenspielen an, das entscheidet, ob es die Deutsche Mannschaft man schafft, das Achtelfinale zu erreichen. Als amtierender Weltmeister geht das Team mit breiten Schultern ins Turnier und muss doch in den ersten beiden Spielen feststellen, dass es nicht unsterblich ist: Mexiko schlägt Deutschland zum Auftakt mit 1:0, Schweden ist nur eher zufällig mit 2:1 bezwingbar. Um weiterzukommen, reicht eine Handvoll Konstellationen, die auf Unentschieden fußen, Sicherheit gibt indes nur ein Sieg über Südkorea. Doch die Südkoreaner wollen sich noch nicht ausgeschieden geben.

Es ist die dritte Herren-Fußball-WM, die das Riptide in seinem Achteck auszugsweise zeigt: Die Spiele mit deutscher Beteiligung überträgt ein Beamer aus einer abenteuerlichen schwarz gestrichenen und wild verkabelten Holzkonstruktion heraus auf die Leinwand, die am großen Fenster der Rip-Lounge aufgespannt ist, wie immer, auch bei den Europameisterschaften. Allerlei Mobiliar ist aufgereiht, Bierbänke und -tische, Caféstühle, auch die Fritz-Bänke an den Fenstern sind mit Polstern versehen. Zu sehen ist vom Fernsehbild nur bedingt etwas: Die Sonne strahlt direkt auf das helle Segeltuch im Achteck. „Wir haben extra morgens eine Plane angebracht“, deutet Chris auf die schwarze Folie, die in den Handelsweg in Richtung Martino-Katharineum vom Segeltuch herunterlappt. „Wer setzt das Spiel um 16 Uhr an, mitten im Hochsommer?“, echauffiert er sich. „Wir haben schon einen Tageslichtbeamer, aber bei direkter Sonne kapituliert der.“

Noch sind nur wenige Plätze belegt, also folge ich Chris ins Café und werfe einmal mehr einen Blick auf die Kopien der LP-Cover aus der Krautrock-Sammlung, die Riptide-Gast Udo Meyer seinerzeit für die Sound-On-Screen-Präsentation des Films „Revolution Of Sound“ über die Band Tangerine Dream dem Café zur Verfügung stellte. Das war bereits am 7. September vergangenen Jahres, also knapp zum Zehnjährigen des Riptide, aber die wundervollen Cover schmücken den Plattenladen einfach gut. Einiges davon, viel zu wenig leider, habe ich auch, Kraftwerk, Kiev Stingl, vieles fehlt mir noch, Neu!, ganz oben auf der Liste. Auf der Theke fällt mir ein Schild ins Auge, auf dem das Riptide-Team im Zuge der neuen europäischen Datenschutzverordnung darauf hinweist, dass es sich gelegentlich Namen und Musikvorlieben von Kunden merkt, und jedem, dem das nicht behagt, abverlangt, beim Betreten laut zu rufen: „Ich bin nicht einverstanden!“

Mit einer Fritz-Kola und der allerletzten Printausgabe des Intro in der Hand wähle ich meinen Sitzplatz für diese Partie außen am Fenster vor den Plattenspielern, auf einem bequemen Kissen und mit der Möglichkeit, mich an die Scheibe zu lehnen. Der Blick auf die Leinwand ist garantiert frei: Am Boden markiert ein schwarzgelbes Klebeband die Laufwege für die Thekenkräfte. Chris hat zunächst Unterstützung von Stecki und Max. Der erfüllt die Speisewünsche, die allerdings zu Zeiten von Fußballübertragungen in der Auswahl reduziert sind; auf der mit „Snäx“ betitelten Karte dazu finden sich neben Nachos auch Vollkornbrote mit selbstgemachten Pasten aus Hummus oder Roter Bete, nicht eben typisches Fußballfutter.

So untypisch ist auch das Publikum bei Fußballübertragungen im Riptide. Nur zwei Trikots sind zu sehen: eines mit der Aufschrift „Hummels“ und eines mit dem Schriftzug „Klinsmann“. Schwarz-Rot-Gold als Körper- oder sonstiger Schmuck bleibt unausgepackt. Was für ein Unterschied zum öffentlichen Aufbahren auf dem Eiermarkt, an dem ich auf dem Weg in den Handelsweg vorbeikam. Im Handelsweg wiederum ist das Riptide als Fußballzeiger nicht allein, auch vor dem Tante Puttchen bei Achim und dem Café Drei bei Jessy sitzen Guckende, auf der anderen Seite empfängt auch Helmut in seiner Strohpinte Gäste. Zusehends füllt sich das Achteck des Café Riptide, aber übervoll wird es nicht mehr. Das Publikum ist weitgehend jung, also jünger als ich, und taucht in Gruppen auf, in Zweierkonstellationen oder auch allein. Die Leute rauchen, lachen, reden, sitzen konzentriert, sind frei, ungezwungen, fröhlich, freundlich, erwartungsvoll und doch entspannt. Stecki reicht ihnen die Getränke, schon um kurz vor vier sind einige Biere darunter. Max bringt den Gästen die Snäx an die Tische.

Béla Réthy moderiert die Übertragung. Na, prost Mahlzeit, aber vielleicht sagt er ja wieder etwas ungewollt Lustiges. Chris setzt sich neben den Übertragungsapparat an einen Biertisch und reguliert die Lautstärke. Die Empfangsstörungen vergangener Meisterschaften sind passé, sehr zur Freude aller Beteiligten. Noch nach dem Anpfiff erfährt das Riptide einen Zulauf an Zuschauern, für die Stecki Sitzgelegenheiten und Getränke organisiert. Für Radfahrer wird es viel zu eng, einer hebt sein Gefährt einfach über seinen Kopf und balanciert es durch die Reihen der Sitzenden.

So recht Spannung aufkommen mag bei dem Spiel nicht. Die Leute unterhalten sich munter, zeigen sich Fotos auf ihren Smartphones oder chatten gleich selbst damit. Man bekommt den Eindruck, das Deutsche Team habe nicht erfasst, worum es bei der Partie geht. Das Publikum passt sich dem an, ganz abgewandt. Lediglich wenn Béla Réthy seine Stimme etwas erhebt, reißt es die Gäste aus ihrer Quassellethargie. Vereinzelt sind die üblichen Fußballmassenguckgeräusche zu vernehmen, mal ein „Oh!“, dann ein „Nein!“, bald ein „Au!“, aber alles eher einstudiert als leidenschaftlich.

Nach 17 Minuten steht es immer noch 0:0, ebenso im parallel verlaufenden Gruppenspiel zwischen Mexiko und Schweden. Ein frischer Wind weht durch den Handelsweg, das einzig Frische dieses Spiels. Torwart Neuer lässt den Ball fallen, es ertönt etwas Geschrei im Achteck. Südkorea versucht einen Konter, man hört das Publikum leise quieken. Im Vorbeigehen greift Stecki nach leeren Flaschen, die ihm von der Sitzbank neben mir gereicht werden, quittiert nickend den Zuruf „Kriegen wir nochmal zwei?“ und bringt in Windeseile ebenjene zwei Astra vorbei.

„Whoawhoawhaaa, kanndochnichsein!“, Rufe dieser Art werden gelegentlich lauter. Wenn Béla Réthy den Spieler mit dem Nachnamen Werner aufzählt, spricht er ihn aus wie Brösels „Wänä“. „Ouuuuuuuuuuh!“, sagt jemand. Stecki trägt eine Wolters-Flasche wie ein Sommelier in der nach unten gestreckten Hand an den Arm geschmiegt. Sobald die Spielaction nachlässt, was recht schnell geschieht, fallen die Gäste zurück in ihre Gespräche, nur um sich von der nächsten Aktion zu vereinzelten „Jetzt!“- und „Ohhhh!“-Rufen hinreißen zu lassen.

In Nahaufnahme sind immer wieder die seltsamen Schrifttypen auf den WM-Trikots zu sehen. Der Name Özil sieht aus wie Ö21L, also mehr wie Leet als wie Kyrillisch, was in Russland eher zu erwarten gewesen wäre. Als Kroos gegen Schweden den magischen Siegtreffer erzielte, fragte Andrea beim Blick auf dessen Rückenschriftzug erfreut: „Was steht da, Kaoos?“

Es läuft die 39. Minute, auf beiden Sportplätzen steht es immer noch 0:0. Ein Glas klirrt lautvernehmlich auf den Boden, irgendwo auf Höhe von Serges Laden. Ein Moment der Stille setzt ein. Ein Gast klatscht darob einmal verhalten und blickt sich scheu um, da fallen andere Gäste in den zaghaften Applaus ein. An seinem Tisch versorgt Chris die Umsitzenden mit Fußballfachwissen, ganz genau so, wie er es als Schallplattenhändler mit Musikfachwissen praktiziert. Ein spät eintreffendes Paar findet einen Platz im Inneren des Cafés, am großen Fenster, von dem aus ich auch schon einmal eine Fußballübertragung verfolgte. Geht.

Ein Pfostenschuss! Großes Geschrei im Handelsweg. Doch ohnehin umsonst, der Angriff war längst abgepfiffen. Was für eine Abwechslung in dem müden Spiel. Oder, wie es Béla Réthy ausdrückt: „Das ist hier keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“

Dann erlöst uns der Halbzeitpfiff. Stühle rücken, die Gespräche werden noch lauter, Max bringt bestellte Nachos heraus. Es steht immer noch überall in ganz Russland 0:0. Ein Spielstand, bei dem Deutschland als Gruppenzweiter gesichert im Achtelfinale wäre. Das wäre dann aber beinahe ähnlich langweilig erreicht wie von Frankreich und Dänemark gestern, die ihr beiderseits bereits gesichertes Weiterkommen mit Arbeitsverweigerung bestätigten. „Bei dem Spiel kann man getrost nebenbei Wäsche zusammenlegen“, whatsappt Andrea mir. Einig, bei dem Spiel kann man getrost nebenbei alles Mögliche machen.

Weiter geht‘s, die zweite Halbzeit ist angepfiffen, Stecki bringt die dritte Runde Astra an die Bank neben mir, Rosalie verstärkt das Thekenteam. Einige Gäste sind gegangen, andere neu dazugekommen. Darunter Konstantin, der sich neben Chris setzt. Ein kurzer Schrei ertönt, als ein deutscher Spieler in der 47. Minute eine Chance vergibt, gefolgt vom klassischen „Ouh!“ Der eigentlich erfreulich blaue Himmel bezieht sich leicht, was ausnahmsweise einmal gut ist, weil dann die Projektion auf der Leinwand besser zu erkennen ist. Das Spiel wird davon indes nicht besser. Anders als die Spieler auf dem Platz erfahren die Fernsehzuschauer, dass Schweden inzwischen 1:0 über Mexiko führt – damit wäre Deutschland ausgeschieden. Sofort, wie als Antwort darauf, erspielt sich das Team eine Chance und vergibt sie sogleich, einmal mehr mit „Ouh!“ quittiert. Südkorea kontert, Konstantin reißt es von der Bierbank, er brüllt „Ja!“, und als die Aktion im Sande verrinnt, lachen die anderen Gäste.

Der 0:0-Rückstand weckt das Publikum auf. Einer der Vornsitzenden wirft die Arme in die Luft, ein Sitznachbar quetscht ein „Ja!“ hervor, ein Fehlpass von Özil entlockt der Menge ein erbostes „Ohhhhhh!“ Als ein Gast einem Wechsel mit „Ja, Gomez!“ zustimmt, gibt es hinter ihm belachte Widerworte. Doch als effektiv erweist sich der Joker nicht, Kommentare wie „Oh nee, ey!“ und „Kommkommkommkomkomm!“ lassen höhere Erwartungen bei den Zuschauern erahnen.

61. Minute, Schweden führt 2:0. Ein Südkoreaner lässt sich im deutschen Strafraum theatralisch fallen und will für die Schwalbe einen Elfmeter ermogeln. Durchschaubar für den Schiedsrichter, der dem auf dem Hosenboden Sitzenden dafür die Gelbe Karte vor die Nase hält. „Steh auf, Mann, wo ist dein Problem?“, ruft jemand aus der ersten Reihe. Seine nächste Chance erarbeitet sich Südkorea ehrlich, ein Stürmer stürmt auf das ungeschützte deutsche Tor zu. Konstantin brüllt: „Mach es doch, Mann!“

Macht der Mann aber nicht. Deutschland ist wieder am Drücker, verliert den Ball: „Oh, nee!“, stöhnt es aus den Sitzreihen. Den nächsten Versuch hält der Südkoreanische Torwart: „Oioioioioi!“ Schweden erhöht den Druck auf 3:0. 73. Minute, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gomez tändelt herum, jemand fernmaßregelt Trainer Jogi Löw: „Und dafür wechselst du den ein?“ Mühsam erarbeitet sich die deutsche Mannschaft manche müde Chance, lediglich untermalt von einem Quieken aus dem Publikum. Laut wird es erst wieder beim nächsten Angriff der Südkoreaner, zumindest Konstantin klatscht und jubelt. Wieder ein Quieken für Deutschland, wieder zwei Astra für die beiden neben mir. Keine zehn Minuten mehr zu spielen.

Stecki setzt sich kurz neben mich. Er hofft auf ein Siegtor des deutschen Spielers mit der Nummer 13, also von Thomas Müller, weil er dann bei seinem Händler den Preis für sein neu erworbenes Smartphone erstattet bekommt. „Dann kann ich mir die neue Playstation kaufen“, sagt er. „Pro.“

In der 86. Minute zieht Özil knapp neben das Tor. Großes Geschrei brandet auf. Béla Réthy findet: „Der Wille ist da, aber nicht die Qualität.“ Südkorea bekommt einen Eckstoß, Konstantin applaudiert. Die Zeitlupe zeigt, wie Kroos einem Südkoreaner den Ball in den Schritt pfeffert; aus den männlichen Mündern im Publikum ertönt ein gequälter Schmerzensschrei. Stecki ist pragmatisch: „Jetzt brauchen wir nur noch eine Rote Karte, zehn Mann, und dann wird das was.“ So war es zumindest im Spiel gegen Schweden.

Das Hublot-Schild am Spielfeldrand kündigt sechs Minuten Nachspielzeit an, unerhört viel. „Scheiß Bayern-Bonus“, ruft jemand an Chris‘ Tisch. Plötzlich fällt ein Tor für Südkorea. Riesenjubel an genau dem Tisch, ausgehend natürlich von Konstantin. Aus der ersten Reihe treffen ihn böse Blicke. Doch es ist Abseits, befindet einer der Linienrichter. Konstantin und sein Gegenüber imitieren die offizielle Videoassistentenpose, zeichnen also mit den Armen Fernsehgerätkonturen in die Luft, und tatsächlich, der Schiedsrichter will‘s wissen. Das Aufatmen über das Abseits erhält einen herben Dämpfer, als der Videobeweis das Tor für gültig befindet. Die Zeitlupe offenbart zudem, dass der Ball zwischen Gomez‘ Beinen hindurcheiert: „Schön getunnelt“, findet jemand und erntet Grinsen.

Bis auf in der ersten Reihe ist trotz des Rückstands und der Aussichtslosigkeit auf einen Sieg von vielen Seiten ein entspanntes Grinsen zu sehen. Fußballgucken macht zwar Laune, aber das Leben hängt von keinem Sieg ab, strahlen die Gesichter aus. Dann stürmt Neuer aus seinem Tor heraus und unterstützt einen Angriff der Deutschen, den ein Südkoreaner unbehelligt und mutterseelenallein kontert. Der Ball kullert beinahe ins deutsche Tor, zum 2:0. „Ist noch alles drin!“, ruft Stecki. Das erleben die Gäste aus er ersten Reihe schon nicht mehr mit, sie zahlen entnervt ihre Zeche. Andrea whatsappt: „Der Meinung war Neuer wohl auch – getrost alles Mögliche nebenbei zu machen.“ In der Tat, und dieses Mal ging seine Rolle als Libero nicht auf.

„Ach, wie schön ist es, wenn man kein Fußballfan ist“, ruft Hans-Christian und setzt sich zu mir. Verlieren sei verdient, sagt er, „wenn man schlecht spielt“, und damit kenne er sich aus: „Ich bin Musiker.“ Die Artistik müsse man schon beherrschen, andernfalls erhalte man die Quittung dafür: „Richtig so, peinlich!“ Hans-Christian ist Jazzpianist in verschiedenen Bands und eigentlich im Riptide verabredet, aber seine Verabredung verspätet sich, deshalb ist er allein da und zum Fußballgucken quasi gezwungen. „Die Spieler sind gut bezahlt und spielen schwach – ob das mit den Trainern zu tun hat?“, fragt er sich eher selbst und konstatiert: „Ich würde sagen, ja, ich bin selber Trainer, von einer Musikband.“ Es gehe in beiden Fällen darum, Schwächen auszugleichen, das Publikum zu überzeugen, „sich selbst zu verwirklichen, ist nur ein Teil der Sache“. Man müsse „bis zum letzten Moment spüren, was ist das Richtige, wann kommt das Schlagzeugsolo“. Kurz wirft er ein, dass seine Hochschulband Blue Line am 3. Juli beim Campusfest spielt, und kehrt zurück zum Vergleich zwischen Fußball und Musik: „Das Teamwork ist ähnlich“, sagt er. „Was über uns steht, was viel wichtiger ist, ist die Musik.“ Wie beim Fußball müsse jeder für sich selbst üben und gleichzeitig Teamwork leisten: „Man muss einen Riesenüberblick haben.“ Seinen Schülern sage er etwa, dass der Klavierspieler so souverän sein müsse, dass er nicht seine Partitur, sondern den Schlagzeuger und den Bassisten im Blick hat.

Eine schöne Analogie, besonders in einem Schallplattenladencafé. Das Riptide hatte eigentlich vor, sämtliche Finalspiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen. Doch: „Wir zeigen noch das Halbfinale und das Finale“, wiegelt Chris ab. „Wir werden wieder umbauen, die normalen Möbel hinstellen.“ Man merkt ihm an, dass er mit dem Spielergebnis nicht zufrieden ist: „Wir sind Fußballfans“, betont er. „Das war katastrophal schwach.“ Er schüttelt den Kopf: „Wie man so verlieren kann, das hat mich sehr – auf einem anderen Level – an die Eintracht Braunschweig erinnert: Wir steigen auf, wir sind Weltmeister.“ Er verstehe den Druck, unter dem amtierende Weltmeister stehen; von den vergangene fünfen seien vier in der Vorrunde ausgeschieden. Bald verwendet Chris die Vokabel, die auch mir im Kopf herumschwirrt: Arroganz. Wie nach dem Titelgewinn 1990, als die deutsche Mannschaft großmäulig das EM-Endspiel gegen Dänemark verlor und danach turnierweise vor lauter Hochmut seine Sympathien verspielte. Erst 2006 trat die Mannschaft wieder mit Demut zum Wettbewerb im eigenen Land an. In der Folge begleitete Demut die Spielweise des Teams durch die Turniere, bis es 2014 erneut den Weltmeistertitel errang und im vergangenen Jahr den Confed-Cup. Seitdem platzt die Mannschaft vor Überheblichkeit – und tritt nun den Heimweg an. Der Fall auf den Boden ermöglicht ein neuerliches Aufrichten, in Demut, so steht es zu hoffen. Den Spielen der Deutschen habe ich zumindest seit 2006 wieder gern zugesehen, 2018 waren sie nicht mehr schön.

In Braunschweig muss es viele Fans geben, die das ähnlich sehen. Kein Frust, keine Randale. Gottlob. Ein junger Araber begegnet mir auf dem Heimweg, grinsend sein Schlüsselbund mit der Hand rotierend und schräg „Schland“ krähend. So geht das.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#125 Hanni & Nanni und der dreiäugige Geist

22. März 2018


Mittwoch, 21. März 2018

„Grüß mal alle“, sagt André, als ich ihn auf meinem Weg ins Riptide andernorts in der Stadt treffe, und ich vergesse es prompt, weil ich nicht den direkten Weg gehe und also abgelenkt bin. Ich komme nämlich bei Serge vorbei und setze mich in die kleine Kammer, die ihm direkt neben dem Riptide als antiquarischer Verkaufsraum, kultureller Treffpunkt und philosophischer Debattierclub gleichermaßen dient. Für einen Moment, und sei es nur im Zuge des Hineinschlüpfens, dringt etwas kalte, aber immerhin frische Luft in den Raum; die Wolken, die über den Debattierenden dräuen, sind nicht allein Resultat des intensiven Austauschs, sondern auch des nicht minder intensiven Tabakgenusses.

Es geht wie immer um nichts Geringeres als – das Große Ganze, kann man sagen. Ausgelöst durch eine Gesprächsteilnehmerin, die soeben ihr Jurastudium beendete und mit einem extrem kritischen Blick auf die Juristerei und die fehlende Empathie mancher Juristen dafür, dass sie über Menschen zu urteilen haben. Selbst bei Kommilitonen, mit denen sie sich zu Anfang gut verstand, habe sie beobachtet, dass diese den Blick dafür verlören, klagt die Jungjuristin. Von dort aus ist es für die Runde ein kleiner Sprung zur grundsätzlichen Systemkritik. Die Getränke dazu sind koffeinhaltig und stammen wie gewohnt von nebenan, und dorthin begebe ich mich jetzt doch noch.

Inzwischen bin ich zu spät, um Chris noch zu erwischen, dabei hätte ich gern gewusst, ob ich die gerade heute für August angekündigte neue Doppel-LP von Front Line Assembly, „WarMech“, auch hier bestellen kann. Das erledige ich dann eben später bei Bandcamp, sogar mit dem Glück, das exakt letzte Exemplar der auf 100 Stück limitierten Zweifarb-Doppel-LP-Box zu erwischen. Schon ihren ersten Soundtrack zu einem Computerspiel, „AirMech“, machten Front Line Assembly 2012 mit einem formidablen Kreuzüber aus modernem EBM, Bigbeat, Ambient und härterer Clubmusik zu mehr als nur einer Pixelbegleitung. Auf „WarMech“ dürfte dann zum leider letzten Mal Jeremy Inkel zu hören sein, der Bill Leeb seit 2005 parallel zu seiner Stammband Left Spine Down bei Front Line Assembly unterstützte und der überraschend im Januar mit nur 34 Jahren verstarb. Bandcamp nun als Plattform für den Musikvertrieb ist großartig für Musiker weltweit, weil es den direkten Vertrieb an Großkonzernen vorbei zum Konsumenten ermöglicht, hat aber – das erkenne ich bei der Fritz-Kola-Kaffee-Limonade, die mir Stecki über die Theke reicht – den Nachteil, dass es auch die unabhängigen und also zumeist guten Schallplattenläden benachteiligt, weil ausklammert.

Vernünftig: Bastian Till macht seine Pause im Riptide, bei ihm sitzt Sophie Isabell. Lustig, beide mit Doppelnamen und beide mit Doppel-L am Ende. „Das ist uns noch gar nicht aufgefallen“, sagen beide gleichzeitig mit nahezu identischem Wortlaut. Bastian Till hat freiberuflichen Spätdienst und muss gleich wieder los. Sein Hauptbetätigungsfeld ist aber das Monatsmagazin „Kurt“ in Gifhorn, für das ich einmal sogar schreiben durfte, nämlich einen Bericht über meinen ehemaligen Mitschüler Timo, der mit seinem Projekt Nooc ein Album veröffentlichte. Drin gestanden habe ich auch schon, im Rahmen einer Geschichte über Olafs Blinky Blinky Computerband, für die ich gelegentlich meine Stimme gebe. Mit seiner zunächst als wagemutig erschienenen Magazin-Idee beschäftigt Bastian Till inzwischen sogar Angestellte, ein schöner Erfolg.

Wir unterhalten uns nach diversen Umwegen über Hörspiele und ich erzähle, dass ich mir morgen „Der dreiäugige Totenkopf“, das Hörspiel zum ersten Comic der Drei Fragezeichen, im Wolfsburger Planetarium an… hören will, das zweite von dreien der zweiten Staffel mit Hörspielen, die eigens für die Soundanlagen von Planetarien aufgenommen wurden. Zu sehen gibt es nicht viel, scheint es, aber das Kopfkino ist ja ohnehin wichtiger. Mit dem Vollplaybacktheater hat das nichts zu tun, wie Bastian Till mutmaßt, das war bereits im Februar in Wolfsburg, im CongressPark, und ich war natürlich auch da. Das war mein zwanzigstes Mal, dass ich die Wuppertaler gesehen habe. Einmal war auch Bastian Till, der ansonsten mit den Drei Fragezeichen nicht so viel am Hut hat, beim Vollplaybacktheater, vor Jahren und in Gifhorn. Ich staune, das muss mir entgangen sein, dass sie sogar in meiner Geburtsstadt gastierten. Mit welchem Stück, weiß Bastian Till nicht mehr: „Es war aber eine Detektivgeschichte“, scherzt er. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, das Vollplaybacktheater setzte auch mal andere Hörspiele um, John Sinclair, Jan Tenner, Edgar Wallace, Hanni & Nanni. Mit denen kennt sich Bastian Till aus, seiner Tochter wegen, und lobt die Serie für ihre geschlechtsuntypische Herangehensweise an Themen: In Episode 52 etwa nimmt ein Mädchen an einer Castingshow teil, obwohl es nicht singen kann, und wird nur deshalb ins Programm genommen, damit die Jury jemanden zum Lästern hat. Das findet Bastian Till untypisch, weil es in allen anderen Mädchengeschichten darauf hinauslaufe, dass die Protagonistin unerwarteten Erfolg hat, aber nicht, Castingshows kritisch zu sehen. Sophie Isabell bleibt skeptisch, aber Bastian Till strahlt begeistert. Soweit ich mich erinnern kann, hatten Hanni & Nanni zu Enid Blytons Zeiten tatsächlich eine etwas andere Ausrichtung, aber mehr als eine Folge habe ich von denen selbst als Kind nicht gehört. Ich würde nicht einmal mehr am Cover wiedererkennen, welche Kassette das war. So recht geweckt ist mein Interesse daran jetzt aber auch nicht wieder, selbst als Hans-Paetsch-geprägter Märchenfan fand ich als Kind – anders als die Fünf Freunde – Hanni & Nanni langweilig. Auch solche Serien wie Hexe Schrumpeldei, Hui Buh, Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg hatten mir zu wenig Handlung und Atmosphäre, um mich zu fesseln. Spannend finde ich aber, dass die beiden BB-Serien offenbar von einem Politwissenschaftler der Bundeszentrale für Politische Bildung als bedenklich eingestuft wurden, weil sie – überspitzt gesagt – zur Systemkritik aufrufen. Das macht sie zumindest sympathisch. Irgendwoanders las ich zudem und übrigens und nebenbei, dass Hörspiele in Deutschland deswegen so populär sind, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater zerstört waren und Radiohörspiele einen kulturellen Ersatz dafür anboten.

Mit Sophie Isabell und Bastian Till, die zahlen wollen, kehre ich an die Theke zurück. „Bald bin ich Werksältester“, höre ich Stecki dahinter raunen, „aber noch ist es Astrid.“ Die Angesprochene beschäftigt sich mit der Kasse und grinst. Werksältester, also in Dienstjahren, nicht Lebensjahren; da hat Jasmin mit ihren um die sieben Jahren aber ein schwer einholbares Pfund vorgelegt. Während Astrid neue Bestellungen im Café und in der Lounge aufnimmt und Rosalie in der Küche die bestellten Speisen zubereitet, findet Stecki etwas Zeit für Unterhaltungen.

Beide haben wir, Stecki und ich, Objekte in unseren Musik- und Comic-Sammlungen, von denen wir viel später überraschend erfuhren, dass sie über die Zeit an Wertsteigerung erfuhren. Stecki führt eine Comicserie an, deren englischsprachige Erstausgabe im Wert an Nullen zugelegt hat, und doch sind wir uns einig, dass wir Informationen dieser Art eher als persönliche statistische Angaben auffassen als als Verkaufsargument. Meine Dreifach-LPs der Drei-Fragezeichen-Jubiläumsfolgen sind ebenfalls überraschend wertvoll, dabei habe ich sie damals ganz unspektakulär hier im Riptide erworben. Stecki stutzt, verschwindet kurz im Büroteil hinter der Theke und kehrt mit einer Geister-Schocker-LP zurück. „Ohne Nummerierung“, stellt er mit Kennerblick fest. An die Serie habe ich mich noch nicht herangetraut, die hat mir zu viele Folgen. Stecki schwärmt noch von Faith van Helsing, die ich bislang auch eher ignorierte, und Gabriel Burns, einem meiner Favoriten wiederum, der leider seit drei Jahren auf Eis liegt, mitten während einer Mehrfachfolge (es fehlt der fünfte Teil eines eigentlichen Vierteilers). Stecki bringt die LP zurück. Vinyl, das untote Medium, das zurzeit in Sachen unerwarteter Renaissance von der Kassette eingeholt zu werden droht. Im Ambient und im Black Metal fing es an, dass Bands ihre Musik wieder auf Tape veröffentlichten. „Ich kenne das aus dem Hip Hop“, sagt Stecki. Stimmt, das Mixtape, das sich heute als Podcast zum Download wiederfindet. Für den kommenden Record Store Day am 21. April sei das Album „Back In Black“ von AC/DC als Kassetten-Neuauflage angekündigt, erzählt Stecki. Die wolle er haben, aber die sei sehr limitiert und seine Hoffnung auf einen Erwerb entsprechend gering.

Stecki hat Feierabend, er wird abgeholt und verabschiedet sich. Für ihn tritt Moritz den Dienst an, doch vorher begibt er sich mit Rosalie ins Achteck, zum Rauchen. „Auf eine halbe Zigarette?“, fragt Rosalie vorher Astrid, die nickt, während sie einen kleinen Zettel knickt und mit „Birnentarte vegan“ beschriftet. „Kann man das lesen?“, fragt sie mich, und zumindest ich kann. Anders war das kürzlich, als Arni und ich im Riptide kniffeln wollten und uns aus dem Spielefundus des Cafés zwar genau fünf Würfel zusammenklaubten, von denen einer aber statt mit Punkten mit für uns willkürlichen Zahlen bis 64 bedruckt war. Schwierig, damit große Straßen hinzubekommen, also ließen wir uns Klebeetiketten geben und malten die Punkte selbst drauf. Bei einem zweiten Würfel waren die weißen Punkte vom schwarzen Grund weitgehend abgeblättert, und in der Kombination war das Kniffeln ein ständiges Kopfbeugen, um den richtigen Winkel zum Licht und damit die korrekte Anzahl der ausgeleuchteten Vertiefungen im Spielgerät zu finden. Den Highscore von 344 haben wir immer noch nicht geknackt.

Mutig, draußen rauchen bei der Kälte, aber immerhin hat es nicht mehr die extremen Minusgrade wie noch zuletzt, und auch nicht den überraschenden Schnee wie gestern zum Frühlingsanfang. Nichts gegen Schnee, ist dies doch das einzige Wetterphänomen in unserer Gegend, das seine Jahreszeitenzugehörigkeit deutlich zum Ausdruck bringt. Den Rest des Jahres über haben wir zehn Grad und Regen, da steckt keine konkrete Saison mehr drin, deshalb freute ich mich auch zu dieser Zeit im Jahr sehr über den immerhin ansehnlichen Schnee. Aber jetzt darf es auch wieder warm werden.

Zuletzt im Achteck gefroren haben wir bei Sound On Screen, nach dem grandiosen Film „Liberation Day“ über den Auftritt der Band Laibach in Nordkorea. Wir waren hin und weg über den respektvollen Umgang des Westteams mit dem totalitären Regime und den Menschen, denen sie dort begegneten und die sie auch als Menschen behandelten. Im Riptide legte DJ „Tanz mit Laibach“ ein eigens ans Thema angepasstes Set auf, für das er sich, wie mir Chris vorab verraten hatte, tief in die für ihn fremde Materie einarbeitete. Da standen Andrea und ich, ebenfalls des Rauches wegen, im Achteck, bei uns Uwe und Olli, mit denen ich drei Viertel des aktiven Teils der DJ-Gruppe Rille Elf ergebe; nur Günther fehlte. Wir vier hatten gerade erst den ersten Auftritt vor einem größeren Publikum, mit den Burning Beats im Nexus nämlich, und freuen uns schon auf unsere nächsten Sets, am 13. April mit dem Ball im Bierhaus und am 20. April beim elften Geburtstag des Sauna-Klubs im Hallenbad Wolfsburg, unserem ersten Auswärtsspiel, und das an so einem geschichtsträchtigen Ort. Der nächste SOS-Termin interessiert mich leider nicht so sehr, „Wildes Herz“ mit Feine Sahne Fischfilet, die ich zwar für politisch relevant halte, für musikalisch aber weniger. Der Film startet am 6. April um 19 Uhr, danach spielen Radical Radio, live erprobt ebenfalls im Achteck beim letzten Sedan-Bazar. Spannender ist für mich der Film danach: Am 17. Mai läuft die restaurierte Neufassung von „Space Is The Place“, dem irrwitzigen Film von Sun Ra. Mit dem Ensemble auf Zeit spielt anschließend eine passende Gruppe im Riptide, eine gute Wahl.

Na gut, um die für mich neuen Kollegen einmal abseits des Dienstes zu erleben, setze ich mich draußen zu ihnen an den Tisch. Als Vierter, denn Aline gesellte sich zu ihnen, seit einem Monat indes ehemalige Kollegin des Riptide-Teams: „Ich bin mit dem Studium fertig geworden.“ Rosalie eilt wieder in die Küche, Moritz beginnt seinen Dienst und Aline erzählt, wo sie jetzt arbeitet – und wir stellen fest, dass wir quasi Kollegen sind, weil mein Arbeitgeber der Stiftung untergeordnet ist, für die sie eingesetzt ist. Braunschweig wieder. Die Café-Tür öffnet sich, Astrid lugt heraus und fragt: „Aline, kommst du?“ Doch noch arbeiten? Nein, sie ist lediglich verabredet. Und ich mache jetzt auch Feierabend. Ich muss zu Hause noch bei Bandcamp eine Schallplatte bestellen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#122 Alles bleibt so, wie es nie war

20. Dezember 2017


Dienstag, 19. Dezember 2017

Für die „Weihnachtszeit im Handelsweg“ wirbt ein kleiner laminierter Flyer, der an einer ungeschmückten grünen Tanne hängt, die wiederum am Durchgang bei Möbel Sander aufgestellt ist. Das ist aus Richtung Innenstadt der Eingang zum Handelsweg, und sämtliche Anrainer haben ein Plakat mit entsprechendem Aufdruck in ihren Schaufenstern hängen. Wie die Tanne, so sind auch die Tische und Bänke vor dem Tante Puttchen und dem Café Drei, dem früheren Bierteufel, triefnass, also nicht eben weihnachtlich bewittert. Die Wetterkarte zeigt sich gegenwärtig beinahe sommerlich, mit sieben Grad und Regen. Das Mobiliar des Café Riptide ist geschützt, über dem Achteck in der Mitte des Handelswegs spannt sich ein Segeltuch. André, Marco und Max tummeln sich darunter, die Rauchenden von ihnen rauchend, und bereiten sich auf den neuen Arbeitstag vor: Es ist 12 Uhr mittags, das Riptide öffnet. Max ist eigentlich viel zu früh da, aber da eines seiner Seminare ausfiel, beginnt er seine Schicht schon jetzt. Marco schleppt Getränkekisten aus dem Vorratskeller ins Café, Andre klebt ein Plakat an die Thekenfläche, Max bindet sich die Serviceschürze um. Die ersten Gäste trudeln ein, kaum dass die Tür geöffnet ist.

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke oder guten Vorsätze. Eskapistische Kontemplation. Oder so. Oder nicht: Mich interessiert, was meine Gesprächspartner in diesem Jahr anders machen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu. Die erste Antwort gibt der Chef: „Meinen Urlaub planen“, sagt André. Das klingt jetzt eher nach der Betonung auf „planen“ statt auf „Urlaub“. André bestätigt das.

André: „Ich habe einfach meinen Resturlaub zerschlagen, ich hatte noch ein paar Tage, die habe wich wahllos genommen, außerhalb der Möglichkeit, mal wegzufahren – der ist einfach verpufft. Sonst nichts, wirklich. Es war ein wohlgesonnenes Jahr.“

Seine Aufmerksamkeit gilt jetzt aber ganz der Kundschaft, dem schließe ich mich an, wenn auch anders. André findet in der Küche seine Aufgaben, ich setze mich zu Jenny und Franzi an den Tisch.

Franzi: „Das ist eine schwierige Frage, ich hatte ein extrem schönes Jahr. Ich würde nichts anders machen – so platt das klingt.“

Jenny: „Ich hatte auch ein supergutes Jahr. Ich würde versuchen, mir ein bisschen mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen. Sonst war alles gut.“

Die beiden wenden einander zu und setzen ihr Gespräch fort, Max bringt die bestellten Getränke. Am Nachbartisch sitzt die nächste Franzi, mit Ann-Cathrin plaudernd. Auch hier gesellt sich Max alsbald dazu und liefert das Bestellte ab. Ich richte meine Frage an die beiden. „Bezogen aufs Riptide?“, fragt Franzi gegen. „Hier kann man nichts besser machen, seit der Renovierung.“ Nein, so allgemein, das eigene Leben betreffend. Aber ich vermute, dass ihre Aussage hier dennoch auf einiges Wohlwollen stoßen könnte.

Franzi: „Ich hätte meine Praxisstelle an der Uni nicht angenommen, sondern gewartet. Das waren vier Monate verschwendete Zeit. Ich habe nichts gelernt außer: Katzen sind eklig. Und Kaffee konnte ich vorher schon kochen. Ich mag Katzen, aber der Kater dort ist eklig. Meine Aufgabe war, den Kater von den Akten wegzuräumen. ‚Oh, hat er dich gebissen?‘ – ‚Ja, der hat mich gebissen.‘ Mehr Aufgaben hatte ich nicht und außer, dass die Katze mich gebissen hat, ist da nichts passiert. Ich habe mir letzte Woche eine neue Stelle genommen, das würde ich auch wieder machen.“

Während ich mitschreibe, wirft Franzi einen Blick auf meinen Blogblock und meine Sauklaue. Sie wundert sich, dass ich das lesen kann, und ich erzähle, dass ich mir mein Eigensteno seinerzeit bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung aneignete. Da entgegnet Franzi, dass sie in Fallersleben aufgewachsen ist und dass Max, einer ihrer Freunde, früher in einer Band spielte, die im Jugendzentrum Forsthaus ihren Übungsraum hatte. Ins Blaue tippe ich auf Revolt und liege richtig. Von denen habe ich sämtliche CDs im Regal, dank des Wolfsburger Labels Kernkraftritter Records. Kleine Welt.

Ann-Cathrin: „Ich würde mich im Sommer mehr disziplinieren und dann meine Hausarbeit schreiben, anstatt es in den Winter reinzuschieben. Ich hatte im Sommer eigentlich mehr Zeit, als ich jetzt im Winter habe. Vielleicht. Man weiß es nicht.“

Franzi wirft lachend ein, dass ich an den beiden Antworten erkennen müsste, es mit Studentinnen zu tun zu haben. Erkenne ich! Und setze mich einen Tisch weiter, zu Gunnar und Joana, die meine Frage im Dialog beantworten, bevor sie ihre Bestellung bei Max aufgeben, woran ich sie mit meiner Frage hindere. „Schäm dich“, sagt Max und grinst. Gunnars erste Antwort ist ein interner Scherz: „Die Brille gleich bei Fielmann kaufen.“ Joana stellt fest: „Das ist schwierig, weil es eigentlich ein gutes Jahr war.“ Ich höre ein „eigentlich“. „Es ist natürlich nie perfekt“, sagt Gunnar, meint aber auch, dass es eigentlich nichts zu bemängeln gab.

Joana: „Öfter mal wegfahren, mal einfach einen Tag, ans Meer fahren. Am Meer waren wir nur einmal, zwei Wochen zwar, aber nur einmal.“
Gunnar: „Und Silvester, da sind wir spontan ans Meer gefahren.“
Joana: „Stimmt. Matratze ins Auto und im Auto geschlafen. So was müssten wir öfter mal machen.“
Gunnar: „Vielleicht spontaner sein, das kann man festhalten dafür.“

Wo am Meer waren sie denn? „Sankt Peter-Ording, an Silvester“, erzählt Joana, und Gunnar ergänzt: „Das andere Mal waren wir in Schweden, auf Öland.“ Herrlich, beides. Öfter als zweimal habe ich es dieses Jahr auch nicht ans Meer geschafft, für mich eine schwache Quote. Dabei sind Nord- und Ostsee in gerade zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Das hab ich in anderen Jahren ausgetestet.

An der Theke bestellt Verena zwei Milchkaffees, einer davon ist für Marion, der Chefin von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft schräg gegenüber. Die Wartezeit nutzt Verena für ihre Antwort. „Dieses Jahr war eigentlich ganz schön gut“, beginnt sie. „Vielleicht würde ich etwas eher machen, höchstens.“ Sie sinniert: „Ich scan jetzt alles durch – eigentlich lief alles ganz gut.“ Eines fällt ihr dann doch ein: „Ich war jetzt dieses Jahr einmal mit meiner Mutter weg, ich würde nächstes Jahr zweimal fahren.“ Sie stoppt und murmelt vor sich hin: „Ökostrom, Kinder, mehr arbeiten kann ich nicht, Schrottauto, alles…“

Verena: „Ich bin dieses Jahr mit meiner Mutter weggefahren, die hatte einen Schlaganfall, schon vorher, ich habe gemerkt, wie gut uns das tut. Danach – öfter mal eine Auszeit nehmen und wegfahren, das ist nur für mich. Mit meiner Mutter war ich in Hann-Münden, nur eine Nacht, aber es war super. Meine Mutter mit Rolli, mit Rollatorporsche. Auf der Hinfahrt sind wir ausgestiegen, wo es gepasst hat, an der Seenplatte an der A7, bei Northeim, da sind wir runtergefahren, die Viecher gucken, Wasservögel, hat gut geklappt, wir haben alles gleich gefunden, Hotel und alles, ohne Schnickschnack, Navigatorscheiß.“

Die beiden Milchkaffees sind fertig. Christel heiße ihre Mutter, erzählt Verena noch, und dass Marion nicht ihre Chefin ist, sondern ihre Freundin, und dass sie bei einer Architektin arbeitet. Max händigt ihr die Getränke aus, und zwischen zwei Bestellungen gibt er mir auch eine Antwort.

Max: „Ich hätte mich mehr engagieren sollen, politisch, in Anbetracht der sich immer zuspitzenderen Lage, da sollte man sich besser einbringen – das ist mein bester Vorsatz für 2018.“

Eigentlich würde ich auch Marco gern noch interviewen, doch der ist mit Kisten bepackt und sagt: „Ich hab keine Zeit, ich muss jetzt in den Keller.“ Joana begleicht bei Max ihre Rechnung und erwirbt einen Geschenkgutschein für Gunnar, allerdings nicht für sich selbst, sondern für ihre Mutter, der sie bereits zu ihrem Geburtstag einen Riptide-Geschenkgutschein schenkten, den diese aber aus Zeitmangel noch nicht einlöste, was sie nun mit Gunnar gemeinsam unternehmen will, der deshalb von diesem Geschenk auch schon vorher weiß. Joanas Vater organisierte einen Plattenspieler: „Dadurch ist meine Mutter wieder auf den Geschmack gekommen.“ Max grinst: „Das ist taktisch unklug, ich hab‘s meiner Mutter ausgeredet und ihre Platten bekommen.“ Joanas Mutter dürfte ungefähr in meinem Alter sein. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, was ihre Mutter sich aussuchen würde. Joana denkt eine Weile nach: „Nein, keine Idee.“

Auch Ann-Cathrin und Franzi zahlen, eine von beiden hatte die Suppe der Woche, die Brokkolisuppe. Vergangene Woche war es die Möhren-Ingwer-Suppe. Mir begegnete eine Nachbarin im Supermarkt, die sich ein Bund Möhren kaufte, weil sie an der Suppe Gefallen gefunden hatte und diese nun rezeptlos nachkochen wollte. Solche Kreise zieht das hier.

Am Fenster bei den Plattenspielern sitzt Ole. Er hat die neuen LPs durchgeguckt und findet nun Zeit für meine Frage.

Ole: „Ehrlich gesagt: nichts. Weil ich eigentlich ziemlich zufrieden bin. Vielleicht würde ich weniger meckern und mehr mein Herz öffnen und mehr Initiative ergreifen und auf mein Herz hören und das tun, was mein Herz mir sagt. Quasi nach innen gehen, nicht im Außen alles haben wollen. Aber ich finde, ich habe es ganz gut hinbekommen für das, wie ich es konnte. Deshalb bin ich ganz zufrieden. Man kann ja nur machen, was man kann. Und lernen, deshalb ist es okay, wenn man was draus lernt.“

Da bin ich mit ihm einig, mit Hätte-hätte-Fahrradkette ist einem nicht geholfen, sofern man aus dieser Erkenntnis für die Zukunft keine alternative Handlungsweise ableitet. Ich verabschiede mich von Ole und quere den Raum. Ans andere Fenster setzen sich Uwe und Michael. Max trifft mit mir bei ihnen ein: „Moin, kann ich schon was bringen?“ Uwe nickt: „Ja, mach mal.“ Sie finden dann aber doch noch zu mehr Präzision. Michael scherzt, als ich meine Frage formuliere: „Uwe würde nicht mehr die FDP wählen.“ Das findet Uwe nicht so witzig. Vergangene Woche erzählte er mir noch, dass er in Hamburg zu einem Gorillaz-Konzert mitgenommen wurde, das ihm nicht gefiel, und dass er dann herausfand, dass parallel seine liebste Entdeckung des Jahres spielte, The Dead South nämlich.

Uwe: „Mein Reinfall des Jahres: Das Gorillaz-Konzert.“

Michael: „Ich würde mehr Platten im Riptide kaufen.“

Noch mehr oder nicht mehr, hakt Uwe nach, und doppelnegiert: „Nicht keine Platten im Riptide gekauft haben würden.“ Am Freitag waren wir mit Rille Elf in Harrys Bierhaus, auflegen zum „Ball im Bierhaus“, nur konnte ich nicht dabei sein, leider. Uwe erzählt, dass schön viel los war und viele auf der kleinen Tanzfläche tanzten. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wieder an Bord.

Meine Verabredung trifft nun ein und stöbert sich durch die Platten. Die neue Godflesh fällt Arni sofort ins Auge, neben den vielen anderen attraktiven Schallplatten, die das Riptide so feilbietet. Nachdem wir uns an einen der freien Tische setzten, bekommt auch er meine Frage zu hören.

Arni: „Nicht viel, irrwitzigerweise. Ich hätte mir gewünscht, dass ich viele Sachen machen hätte können. Ich wäre gern aktiver gewesen, aber aufgrund der Jahre davor war Ruhe angesagt und ich bereue das auch nicht. Es hat den Vorteil, ich hab einen prima Vorsatz, der sich daraus ergibt fürs nächste Jahr, nämlich wieder aktiv zu werden, jetzt, wo ich Kraft getankt hab.“

Während wir plaudern, schlendern Stef und Maike an unserem Tisch vorbei. Die beiden tauschen sich eine Weile lang intensiv aus, und als Maike im Aufbruch begriffen ist, kommt auch sie an meiner Frage nicht vorbei.

Maike: „Ich hätte wahrscheinlich meine Elternzeit verlängert und wäre noch länger bei meiner Tochter zu Hause geblieben.“

Die Tochter ist auch der Grund für ihren schnellen Abschied. Stef gesellt sich daher zu Arni und mir.

Stef: „Man muss mehr seiner Rolle in der Welt, die man intuitiv weiß, nachkommen. Jeder hat so seine Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, die man nur bedingt verändern kann, die man aber manchmal wegdrängt. Das bedeutet, dass man dann Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen sollte. Manche Leute meinen, sie müssten Rollen einnehmen, die eigentlich nicht ihnen entsprechen, sie hören nicht auf ihre Intuition.“

Auch wen Stef das sehr allgemein formuliert, verbirgt sich dahinter eine persönliche Erfahrung. Wir diskutieren noch eine ganze Zeit herum und kommen vom Hölzchen zum Stöckchen, vermehrt lachend.

Was würde ich denn selbst anders machen? Vermutlich nichts. Ich habe viel Gutes und Schönes erlebt und erfahren, aber auch viel Kraftraubendes und Schlechtes. Aber da bin ich ganz bei Ole: Wäre ich zu anderen Richtungen in der Lage gewesen, hätte ich sie auch eingeschlagen, alles andere ist Lernen und im Lauf verbessern. Oder Schicksal. Na, öfter ans Meer hätte ich bestimmt auch fahren können. Aber dann wäre weniger Zeit fürs Riptide gewesen, und das geht ja gar nicht!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#117 Pinguine in der Stadt

27. Juli 2017


Donnerstag, 27. Juli 2017

Eigentlich will man ja gar nicht übers Wetter reden, aber dieser Tage bleibt das nicht aus. Nach gefühlten 393 Stunden Dauerregen freut man sich, wenn es mitten im Hochsommer mal lediglich stark bewölkt ist. So wie heute. Und sogar mit gelegentlichen Sonneneinsprengseln. „Am Sonntag bin ich noch im Harz gewesen, da war davon gar nichts zu sehen“, sagt Chris als Anspielung auf die Bilder aus Goslar, die jüngst durchs Internet gingen. Da durchströmten Wassermassen die frühere Bergarbeiterstadt und überfluteten sie in apokalyptischem Ausmaß. „Und das nur ein, zwei Tage später“, sagt Chris.

Wie üblich an Wochentagsnachmittagen sind auch jetzt beide Chefs im Einsatz. André erzeugt Küchengeräusche und Chris bearbeitet Kartons. Stimmt ja, morgen ist Freitag und heute kommen schon die Neuveröffentlichungen im Riptide an. Die morgen erst erscheinende Folge 188, „Signale aus dem Jenseits“, der Drei Fragezeichen lehnt als Vinyl an der Kühltheke auf dem Tresen. Chris ritzt mit der Schere die Klebestreifen an den Kartons auf, faltet die Papplaschen auseinander, entnimmt kleinere Kartons und diesen wiederum die LPs. Die Verpackungen zerkleinert er und stapelt sie für den Papiermüll. Die Platten erfahren hernach ihre Etikettierung, die ebenfalls Chris vornimmt, und all das, während er spricht, zum Beispiel über das Sommerkino am Kunstverein Salve Hospes, in dessen Programm kürzlich unser Film zum 100. Riptide-Blogeintrag lief. Micha A. und Stef, die den Film für mich anfertigten, hatten es organisiert, dass der als Vorfilm zum Hauptprogramm lief. „Ich habe mich gefreut, dass der ausgewählt wurde“, sagt Chris. Leider habe er es jedoch nicht geschafft, auch hinzugehen. Ich war da, mit Stef und Micha, unter anderem. „Was war der Hauptfilm?“, fragt Chris und versucht, sich zu erinnern: „Ein Klassiker?“ Ja, „Labyrinth“ von Jim Henson. „Ah ja, mit diesem…“ gibt Chris den Sinnierenden, während er im Büroteil hinter der Theke verschwindet. Ich helfe nach: Lemmy? Kurt Cobain? Irgendein verstorbener Sänger auf jeden Fall. „Johnny Cash?“, schlägt Chris vor, doch der lebt ja noch. David Bowie war‘s natürlich. „So habe ich Bowie kennen gelernt, als Schauspieler“, erzählt Chris. „Und mich gewundert, warum der so gut singen kann.“ Der Film lief OmU beim Sommerkino, und da war Bowies wundervolle angenehme Sprechstimme bestens zu hören, so vertraut wie von seinen Alben.

Einen Milchkaffee hätte ich jetzt gern. Chris bereitet ihn vor, ist dann aber damit beschäftigt, andere Kundenwünsche zu erfüllen, deshalb händigt André, der kurz aus der Küche kommt, ihn mir aus. Eben war ich noch bei Simply British, dem kleinen, feinen Laden mit Waren aus Großbritannien, der in der Schützenstraße gegenüber der Karstadtspirale gelegen ist. Dort gibt es nämlich Pinguine. Vor mittlerweile 19 Jahren war ich mit Guido in Irland unterwegs, und dort naschten wir mit Vorliebe diese Keksriegel, Penguins genannt, mit den bescheuerten Wortwitzen und Scherzfragen auf der Rückseite. Wir erinnern uns nur noch an einen: „Q: What‘s a penguin on Leicester Square? A: Wrong.“ Später erhielt ich die Pinguine nur noch bei Abigail‘s, einem ähnlichen Shop in Kopenhagen, der indes seit zwei, drei Jahren nicht mehr existiert. Umso glücklicher war ich, als ich kürzlich in Braunschweig fündig wurde. Und das sogar in Mint. Nicht im Schallplattensammlervokabular, sondern mit Minzaroma, also quasi After Eight als Keksriegel. Und immer noch mit Scherzfragen. Heute habe ich mir die Toffee-Variante mitgenommen, ich bin sehr gespannt. Vor diesem Einkauf hatte ich ein feines Mittagsmahl beim Mezopotamiengrill und brauche jetzt den Verdauungskaffee.

Zurzeit stellt Roberta Bergmann ihre Gemälde im Riptide aus. Die betrachtet zurzeit aber kaum jemand, was nicht an den Bildern liegt, sondern daran, dass es die Regenpause den Gästen ermöglicht, auch mal wieder draußen zu sitzen, im Achteck zwischen den Caféhälften. Von dort strömt André mit Tablett und Bestellblock hinter die Theke und grinst: „Es hat sich gerade jemand bei mir einen Caipiranha bestellt und ich glaub, der meint das ernst.“ Wir freuen uns über das versehentliche Wortspiel. Und Chris erzählt vom „Remmidemmi“-Video von The Twang, deren neues Album „Wüste Lieder“ auf Riptide-Recordings erschien und deutschsprachige Songs in Countryversionen enthält. „Das haben sie in der Haifischbar gedreht“, erzählt Chris und erwähnt die Mariachibläser im Song. „Die sitzen da am Tresen, megageiles Video“, schwärmt er. Hab ich noch gar nicht gesehen, aber die Platte ist wirklich gut, weil The Twang die bekannten Songs nie einfach nur nachspielen, sondern inklusive Melodien komplett neu komponieren. Nur der Text bleibt.

Und dann war ja kürzlich auch Kulturnacht mit Riptidebeteiligung. Andrea und ich starteten unsere Tour gegenüber in der Einraumgalerie, weil Schepper dort spielte, inmitten von softpornografischen Fotos auf schwarzem Hintergrund. Und Schepper war auch wieder gut, auch humoristisch. Ein Stück brach er gleich zu Anfang nach recht kurzer Zeit ab, rotierte mit der Hand und sagte: „Und so weiter, und so weiter.“ An anderer Stelle sprach er von „mundgeblasenen Kristallgläsern“. Auch musikalisch riss er uns mit, die Stunde Solobasspsychedelik verstrich im Nu. Wir strichen weiter, am Riptide vorbei, vor dem Micha, Andreas und Raze auf den Beginn von Read ‘em All warteten, von denen ihrerseits Frank und Till ihres Triovervollständigers Axel harrten. Raze drückte mir sein neuestes Ambient-Tape in die Hand, „Gentle“, einseitig bespielt. Krass, diese Postmoderne. Doch Andrea und ich wollten weiter. Später erzählte mir Schepper, dass Axel, Till und Frank ihn auf seinem Weg vom Gig zum Taxi kurzerhand für ihre Metal-Lesung im Riptide verpflichteten. Und Schepper machte natürlich mit. Eigentlich wollten Andrea und ich aufs Groovetop, also aufs Dach der Kartstadtspirale, auf dem Stef und Micha eine Elektro-Party veranstalteten, die zwar weithin zu hören war, jedoch nicht mehr erreichbar, denn die Fahrstühle waren überfüllt und die Warteschlagen lang. Also bogen wir ab und gaben uns im Kreuzhof der Brüdernkirche das Alphornquartett. Seit kurzem schenkt man dort aus, man richtete also ein Café ein, und so standen Andrea und ich mit Wolters in der Hand im mächtig gefüllten Kreuzgang der Kirche und gaben uns entspannte Songs im Alpensound. Richtig großartig finde ich, dass man in dem Café von Menschen mit Behinderung bedient wird. Das ist gelebte Gleichstellung. Kurz darauf war die Kulturnacht dann auch schon fast vorbei. 23 Uhr ist für eine Nacht als Schlusszeit einfach viel zu früh.

Es gibt ein Mike-Patton-LP-Fach im Riptide. Das Album von Dead Cross, der neuen Band mit Patton und Dave Lombardo, steht dort allerdings nicht. „Das kommt erst in einer Woche heraus“, sagt Chris nach einer kurzen Recherche. Das Vorabvideo habe ich noch nicht gesehen, Chris schon. So überwältigend, wie es beschrieben wird, findet er es nicht, aber doch gut. Patton hat zuletzt nicht nur Aufregendes gemacht, finde ich, zum Beispiel das Comeback von Faith No More. Nicht brillant, aber wenigstens okay. „Das ist der Fluch derer, die an ihrem Meisterwerk gemessen werden“, sagt Chris. „Zum Beispiel Slayer: Das neue Album ist gut, aaaaaber nicht so gut wie ‚Reign In Blood‘.“ Dabei wird Dead Cross sogar mit Slayer verglichen, denn es ist sogar noch kürzer als „Reign In Blood“. Und bei Faith No More gibt es eigentlich nicht ein einzelnes Meisterwerkalbum, das für alle gilt; manche mögen schon „Angel Dust“ nicht mehr, andere mögen nur „Album Of The Year“.

Der DPD-Zusteller unterbricht uns mit einem riesengroßen Paket, das vermutlich randvoller Platten ist. „Kannst du das wieder mitnehmen?“, fragt Chris gespielt entkräftet. Dabei fällt mein Blick auf den Flyer zum Sedan-Bazar am 12. August, dem Straßenfest des Handelswegs. Schepper tritt wieder auf, das weiß ich, aber mehr noch nicht. „Wir stellen und bestücken die Bühne, also die Musiker“, sagt Chris. An der Rip-Lounge rollen sie den Teppich aus, der die Bühne darstellt, und stellen dafür das Musikprogramm zusammen. Dazu gehört auch jemand namens Barnautzki: „Der macht deutschsprachigen Bossanova-Jazzpop“, sagt Chris und gibt an André weiter. „Maniax“, beginnt er aufzuzählen, „Ralf, der Schlagzeuger von The Twang mit seiner neuen Band“, deren Name fällt ihm nicht ein, Chris hilft: „Irgendwas mit verkleiden“, und André zückt dafür einen Tonträger: „Das maskierte Wunder“, und Chris ergänzt, dass der früher auch bei Emma Peel war. „Und noch weitere“, schließt André die Musikprogrammliste ab. Chris steigt wieder ein: „Wir grillen auch wieder – ich sitze im hohen Gras und zirpe.“ Ich brauche einen Moment. Er fährt fort: „Neu ist: Wir machen ein Kuchenbüfett selber, alles hausgemachte Sachen.“

Und weil wir grad von Schepper reden, mit ihm und seiner Schwester Märry traf ich mich jüngst im Riptide. Diese Begegnungen sind selten, seit Märry nach Dänemark ausgewandert ist. In Roskilde lebt sie jetzt, kurze Wege zum Festival. Und nicht nur dahin. Weil Porto aus Dänemark so teuer ist und ich „Vemod“, das dritte Album von Solbrud, gern wie die ersten beiden auch auf Vinyl erworben hätte, bestellte ich es in einen Plattenladen in Roskilde, aus dem Märry es dann abholte und mir ins Riptide mitbrachte. Plattendeals im Plattenladen. Nur kurz darauf erfuhr ich, dass Solbrud in Hamburg spielten und ich an dem Tag sogar Zeit hatte. Mehr als zwei Jahre nach meiner intensiven ersten Begegnung in Leipzig würde ich sie wiedersehen! Nils kam mit. Vor den Astra-Stuben saßen die vier jungen Dänen in der raren Sonne. Sänger Ole blickte auf. „Ich war mir nicht sicher“, sagte er zögerlich und nahm mich zur Begrüßung in den Arm, die anderen drei folgten. Ich war baff und glücklich. Solbrud und ihre Begleiter Wildernessking aus Südafrika bereiteten sich noch auf den Gig vor, Nils und ich schlenderten in die Schanze, nur wenige Tage nach dem G20-Gipfel. Beide Auftritte waren dann großartig. Black Metal mit so mannigfachen genrefremden Strukturen, sehr berührend. Ebenso der Abschied von Solbrud: „Bis zum nächsten Mal.“

Hinter der Theke niest Chris, neben mir vor der Theke Niclas. Er ist erkältet und bestellt sich „eine heiße Sojamilch mit Honig“. Chris nickt und verspricht, sie ihm zu Serge nebenan zu bringen. Bei dem Wetter erkältet, kein Wunder. Doch das sei es nicht, sagt Niclas, er habe sich vielmehr am Arbeitsplatz Zug weggeholt. Erst vor wenigen Tagen erreichte er seinen Schulabschluss und bewarb sich an diversen Unis. Seine Traumuni ist die in Hildesheim: Er will Philosophie und Literatur studieren. „Nicht wegen der Stadt“, betont er, sondern weil der Studiengang dort einen so guten Ruf habe. Chris ist schneller mit der Sojamilch als gedacht, also nimmt Niclas sein bestelltes Getränk gleich selbst mit zu Serge.

Dann habe ich gleich mal einige Musikbestellfragen an Chris. Doch allesamt sind sie außerhalb der jeweiligen Bandshops nicht zu haben: Die „Slow Slippy“-12“ von Underworld, die neuesten EPs der Nine Inch Nails und die CD des neuen Projektes Black Line von Douglas McCarthy, dem Nitzer-Ebb-Sänger. Sehr schade: Erstere ist im Webshop nur per Kreditkarte zahlbar und ich habe keine, zweitere erfordern horrende Portokosten und letztere ist auf der Bandcamp-Seite ausverkauft. Dafür bestellt mir Chris die „Verdades“-7“ von The Eden House. Und wärmt mich nebenbei schon mal für das Wochenende rund um den 17. September an, dem zehnten Geburtstag des Riptide, während er einen Muffin auf einen Pappteller stellt und ihn in Alufolie einschlägt. Muffin to go? Eine Bestellung, bestätigt Chris, und erklärt, dass die Papiertüten, die er dafür üblicherweise verwendet, zurzeit aus sind. Den Muffin entnahm er der Kuchenglocke auf der Theke, die er kurz anhebt und um den entwendeten vierten Muffin ergänzt. Schick sieht das aus.

Ebenfalls niesend stellt sich Raze neben mich. „Ich habe Heuschnupfen“, wehrt er meine Frage nach Wetterfolgen ab. „So schlimm wie seit meiner Kindheit nicht.“ Seltsam, mein Heuschnupfen ist so abwesend sie seit 35 Jahren nicht. Raze ist extrem aufgebracht, nicht nur deshalb, sondern weil ihm seine Bank fürs Einzahlen von Münzen auf sein eigenes Konto satte sieben Euro abzog. „Ein alkoholfreies Bier?“, fragt Chris kurz dazwischen. Raze nickt und Chris reicht es ihm herüber. Die Bank ist nicht das einzige Thema, das Raze aufregt. Er springt in alle möglichen politischen Debatten, echauffiert sich darüber, wie bestimmte Gruppen auf bestimmte Informationen reagieren, und leert seine Flasche dabei in einem schier irrwitzigen Tempo. Chris öffnet ihm schon die nächste.

André kehrt aus seiner Pause zurück. Der Abend nähert sich, der Betrieb wird noch emsiger, beide rotieren. Ich auch, aber nach Hause. Bevor der nächste Regen kommt. Oder die ersten Pinguine.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#115 Drei schwarze Punkte in Klammern

20. Mai 2017


Samstag, 20. Mai 2017

„Hier hab ich noch nie gesessen, seit dem Umbau“, sagt Micha, als wir uns auf die neuen Bänke an der Wand im Café Riptide niederlassen, um unsere Kaffeekola zu trinken. Stimmt, seitdem verbrachten wir unsere Zeit entweder draußen im Achteck unter der Segeltuchplane oder gleich stehend am Tresen. Heute nicht, wir waren schon ein Eckchen zu Fuß unterwegs und lassen uns nun von unserer verringerten Kondition in die Knie zwingen. Ist ja auch schön. Neu sind hier außerdem die weißen Kunststofflampen, die die Tische zieren und zu dieser Tageszeit noch ausgeschaltet sind. Sie sind unverkabelt und erwecken den Eindruck, schwimmfähig zu sein. Am hellichten Tag endet da unsere Neugier; nicht die der Gäste am Nachbartisch, die den Mechanismus zum zweistufigen Illuminieren herausgefunden haben und damit herumspielen. Süß.

Vorhin trafen Micha und ich uns auf dem Kohlmarkt. Überraschenderweise findet heute „Braunschweig international“ statt, ein, zwei Wochen früher im Jahr als üblich, daher habe ich damit noch gar nicht gerechnet. Ohne Micha hätte ich das glatt versäumt, was ich dann doch sehr bereut hätte. Schon wieder eine regelmäßige Veranstaltung, die dieses Mal früher stattfindet als gewohnt; Rekordhalter ist die Kulturnacht, die vom August in den Juni vorverlegt wurde. Beziehungsweise strenggenommen vom August des vergangenen Jahres auf den kommenden Juni verschoben, denn das zweijährige Fest fiel 2016 aus.

Auch das Café Riptide nimmt als Austragungsort an der Kulturnacht am 10. Juni teil, die Pins zu fünf Euro, die den Eintritt zu allen Veranstaltungen ermöglichen, preist ein Schild auf der Theke zum Verkauf an. Das wird wieder eine Rennerei: Schepper spielt gegenüber in der Einraumgalerie, Die Müller Verschwörung, nur echt ohne Bindestrich und vormals noch Müller und die Platemeiercombo, spielt in der Sparkasse Dankwardstraße und Stef und Micha A., die unter anderem rund um Kult-Tour Der Stadtblog multimedial aktiv sind, veranstalten eine Party auf dem Karstadt-Parkhausdeck. Im Riptide stellt Roberta Bergmann „Vom Suchen und Finden“ aus, ab 22 Uhr lesen Axel Klingenberg, Frank Schäfer und Till Burgwächter als „Read ‚em All“ Texte rund um Heavy Metal und Artverwandtes. Die Alphorngruppe des Posaunenchors im tatsächlich idyllischen Kreuzgang der Brüderkirche klingt auch noch sehr reizvoll.

Aber zurück auf den Kohlmarkt: Bevor wir uns an die internationalen Stände wandten, zerrte mich Micha in die Stadtbibliothek zum Flohmarkt. Er hatte schon fette Beute gemacht und wusste, dass die Mitarbeiter dort unablässig die Kisten neu auffüllten. Unersättlich, der Mann! Darin, nicht nur, ähneln wir uns. Doch im Gegensatz zu ihm ging ich mit leeren Händen wieder aus dem schlossähnlichen Gebäude heraus. Das Angebot war mir zu groß und ich wusste ja, dass im Riptide noch zwei bestellte Platten auf mich warteten.

Dafür deckten wir uns danach auf dem Kohlmarkt mit Leckereien ein. Die thailändischen Zucchinipuffer und die haitianischen gebackenen Bananen waren meine Speisen der Wahl; wie üblich, aber die sind nun mal auch gut, und der Menschenmix macht immer wieder Laune. Die ganze Welt in Braunschweig.

Erwartbar wäre die ganze Welt für mich auch in Århus gewesen, das ich vor zwei Wochen besuchte, weil es Europäische Kulturhauptstadt ist, eine von zweien in diesem Jahr, aber man hat es dort aus unerfindlichen Gründen versäumt, im Jahr der Kulturhauptstadt die Kulturhauptstadt überhaupt in Erscheinung treten zu lassen. Die Museen Aros und Moesgaard sind auch den Rest des Lebens über offen und besuchenswert, aber gut, dann habe ich die eben auch endlich mal gesehen. Besonders das Aros mit dem begehbaren Regenbogen von Óláfur Elíasson auf dem Dach ist jede noch so kurze Reise wert.

Und die Plattenläden: Århus ist etwa so klein wie Braunschweig und damit trotzdem die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die größte auf dem jütischen Festland, und das werden wohl die Gründe sein, weshalb es dort mindestens acht freie Plattenläden gibt. Die sich auch noch alle gegenseitig empfehlen, wenn man in dem einen etwas sucht und es das dort nicht gibt. Zu meiner Freude fand ich dort die ein, zwei Sammlerstücke des verwunschenen Record Store Days, die es selbst im bestsortierten Riptide nicht für mich gab, sowie eine 7“ des Dänischen RSD, „Alle fangerne“ von The Sandmen nämlich, die ich direkt an meiner ersten Station neben der Kasse entdeckte und von der man mir in allen folgenden Läden, als ich nach deren ebenfalls rarer LP „Den bedste dag“ suchte, versicherte, dass sie nicht mehr zu haben sei, und dann doch recht verwundert guckte, als ich sie zwinkernd aus der Tüte zippte. Trotz der enttäuschenden Kulturhauptstadtssache hat mir Århus Spaß bereitet; aber in Dänemark keinen Spaß zu haben, das ist mir ohnehin nicht möglich.

In wenigen Momenten startet der letzte Bundesligaspieltag dieser Saison. Der Hamburger Sportverein und der Verein für Leibesübungen Wolfsburg treten unter anderem gegeneinander an; das Brisante an dieser Begegnung ist, dass das Ergebnis entscheidet, wer von beiden auf dem Relegationsplatz zur zweiten Liga landet. Und vermutlich gegen die Braunschweiger Eintracht um die Ligazugehörigkeit spielen muss. Die Eintracht ist morgen an der Reihe. Sie hat zwar den Relegationsplatz nach oben sicher, könnte aber rechnerisch noch direkt aufsteigen – wenn der Konkurrent aus Hannover verliert und Braunschweig mit ungefähr sechs Toren Differenz gewinnt. Möglich, aber unwahrscheinlich.

Noch lässt sich der Spielstand nicht abfragen, aber Micha scrollt durch Facebook und entdeckt, dass Stef eben auf Kult-Tour den Musik-Tanz-Ticker veröffentlichte, ihr wöchentliches Ankündigungsformat. Dabei kommen wir auf Jacqueline zu sprechen, und das wird jetzt meta, denn Jacqueline stolperte bei der Lektüre dieser Seiten über Stefs Blog und fragte diese, ob sie für Kult-Tour einen Gastbeitrag leisten dürfe, was Stef grundsätzlich begrüßt, und Jacqueline schrieb über ihre Ertbegegnung mit der „Sound On Screen“-Filmreihe von Universum-Kino und Riptide. Lustigerweise trafen wir uns an dem Abend nicht, obwohl wir beide da waren, aber Jacqueline sprach mich später bei der Indie-Ü30-Party im Nexus an. Ihren Text las auch Micha: „Es interessiert mich, wie jemand das sieht, der bisher keine Berührungspunkte hatte – wir kennen das alles.“

Sehr beeindruckt war Micha kürzlich von einem Frauenfußball-Spiel der U17-Europameisterschaft, da gerät er jetzt noch mächtig ins Schwärmen. Deutschland spielte gegen Spanien und gewann im Elfmeterschießen, obwohl sie die ersten beiden Elfer verschossen, erzählt er. Micha sieht sich auch gern die Spiele der Frauen des VfL Wolfsburg an. Die Frauenfußball-Europameisterschaft findet dieses Jahr in den Niederlanden statt; wir überlegen, ob die Spiele wohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden. Erst heute Morgen las ich, und zwar mit großer Freude, dass Bibiana Steinhaus als erste Schiedsrichterin für die Bundesliga der Männer zugelassen ist. „Das hab ich gelobt“, sagt auch Micha, und ärgert sich über die „fiesen Kommentare“, die diese Entscheidung hervorruft. „Das hat sie verdient, und es ist traurig, dass man das noch betonen muss“, sagt er. Finde ich auch. Männliche Schiedsrichter und Trainer sind im Frauenfußball normal, aber umgekehrt nicht. Auch das mit den weiblichen Kommentatoren finde ich viel zu selten. Micha entdeckt ein Zitat im Internet, das Ilkay Gündogan zugeschrieben wird: „Es haben also alle Angst, dass eine Frau ihre Sache nicht so gut macht, wie die Männer, über die sie sich jede Woche aufregen?“

Eine mittelgroße Gästegruppe mit einem sechs Wochen alten Baby schiebt sich Zug um Zug an unserem Tisch vorbei. Wir kennen uns aus der Hood, und fast alle bleiben sie nacheinander für Gespräche stehen. Kai teilt Michas Schwärmereien von dem U17-Spiel, mit Nils parlieren wir über Musik. Die beiden Vinyls, die ich gleich mitnehmen will, sind von David Bowie und !!!, die schwer zu googeln sind, wenn man nicht weiß, dass sie auch unter „Chk Chk Chk“ firmieren. Nils berichtet von einer Band namens …, die ihren Namen gar nicht ausgesprochen wissen will: „Hast du die neue LP von (Schweigen)?“ Nach drei Punkten kann man nicht googeln, der Zusatz „Band“ hilft da leider auch nicht weiter. Die Encyclopaedia Metallum listet eine indonesische Doomband namens „(((…)))“ auf, aber die können das nicht sein, weil die nicht nicht ausgesprochen werden wollen, sondern „Three black dots in the brackets“. Liest sich aber auch spannend.

Während Lara in der Küche hantiert, händigt mir Jakob meine beiden Schallplatten aus. Nicht nur die Werbung für den Kulturnacht-Pin steht auf der Theke, auch ein betrüblicher Anlass findet als Schild Widerhall: „Chris Cornell 20.7.1964 – 17.5.2017“ steht unter einem Foto des früheren Sängers von Soundgarden, Audioslave und Temple Of The Dog. Dazwischen macht eine Preisliste auf die gegenwärtige Ausstellung aufmerksam: Künstler Heinrich Römisch setzte sich großformatig mit Jazzgrößen auseinander, passend zum jüngsten „Sound On Screen“-Film „Miles And More“ über Miles Davis. Am nächsten Jüngsten im Riptide bin ich sogar selbst beteiligt: Mein „Rille Elf“-Freund Uwe, unter anderem bekannt durch das „Fanclub Soundsystem“, lud mich ein, am 2. Juni ab 21 Uhr mit ihm im Riptide aufzulegen, Motto: „Unsere kleine Show“. Gleichzeitig veranstaltet Schepper in den nun rauchfreien Lounge den Bassstamtisch, das passt perfekt.

Für Micha und mich ist nun Feierabend. Die Relegation bleibt in der Region: Wolfsburg verlor gegen den HSV und darf, so das Unwahrscheinliche nicht doch noch eintritt, gegen Braunschweig und gegen den Abstieg spielen. Das erfahren wir per Smartphone auf unserem Heimweg, den wir bis zum Video-Buster gemeinsam antreten, denn dort kehren wir ein, weil der Buster schließt und Ausverkauf hat, wo Micha nochmal zuschlagen will. Schade um den Laden, denn wenn Micha und ich dort Martin besuchten, war das immer fast wie in „Clerks“, ein anachronistisches Abenteuer mit aus der Welt gefallenen Geschichten. Zwar habe ich mir nie eine DVD geliehen, aber die Zeit dort war immer charmant. Irgendein überlebensgroßer Dämon posierte vor den Verkaufs-DVDs, veraltete Pappaufsteller lungerten in Ecken und struppige Grünpflanzen auf dem Tresen herum, es gab Knabberzeug und Getränke, irgendein Action-Film lief immer auf einem kleinen Fernseher, während das Radio eingeschaltet war. Es kamen Leute in Jogginghosen hereingestürmt, oft junge Paare, die sich gemeinsam Filme aussuchten, oder einzelne, die die geliehenen DVDs zurückbrachten. Wir unterhielten uns natürlich über Filme, logo, und es war immer ein Genuss, Micha und Martin beim nerdnahen Fachsimpeln zuzuhören. Vorbei. Bedauerlich. Bin gespannt, wo Martin nächsten Monat unterkommt. Ich habe mit meinen beiden Schallplatten für heute genug eingekauft und verlasse die beiden. Fröhlich lachend, wie immer. Das geht an einem solchen Ort auch gar nicht anders. Gottlob.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

  • bei wenig Betrieb schließen wir eher!