Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#128 Kim-Jong-un-fass-bar: Südkorea ist Weltmeister!

27. Juni 2018


Mittwoch, 27. Juni 2018

Vorsichtshalber sei hier eine Spoilerwarnung gesetzt: Am Ende dieses Textes ist Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren ausgeschieden, die zurzeit in Russland ausgetragen wird. Nur für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. Heute steht das dritte von drei Gruppenspielen an, das entscheidet, ob es die Deutsche Mannschaft man schafft, das Achtelfinale zu erreichen. Als amtierender Weltmeister geht das Team mit breiten Schultern ins Turnier und muss doch in den ersten beiden Spielen feststellen, dass es nicht unsterblich ist: Mexiko schlägt Deutschland zum Auftakt mit 1:0, Schweden ist nur eher zufällig mit 2:1 bezwingbar. Um weiterzukommen, reicht eine Handvoll Konstellationen, die auf Unentschieden fußen, Sicherheit gibt indes nur ein Sieg über Südkorea. Doch die Südkoreaner wollen sich noch nicht ausgeschieden geben.

Es ist die dritte Herren-Fußball-WM, die das Riptide in seinem Achteck auszugsweise zeigt: Die Spiele mit deutscher Beteiligung überträgt ein Beamer aus einer abenteuerlichen schwarz gestrichenen und wild verkabelten Holzkonstruktion heraus auf die Leinwand, die am großen Fenster der Rip-Lounge aufgespannt ist, wie immer, auch bei den Europameisterschaften. Allerlei Mobiliar ist aufgereiht, Bierbänke und -tische, Caféstühle, auch die Fritz-Bänke an den Fenstern sind mit Polstern versehen. Zu sehen ist vom Fernsehbild nur bedingt etwas: Die Sonne strahlt direkt auf das helle Segeltuch im Achteck. „Wir haben extra morgens eine Plane angebracht“, deutet Chris auf die schwarze Folie, die in den Handelsweg in Richtung Martino-Katharineum vom Segeltuch herunterlappt. „Wer setzt das Spiel um 16 Uhr an, mitten im Hochsommer?“, echauffiert er sich. „Wir haben schon einen Tageslichtbeamer, aber bei direkter Sonne kapituliert der.“

Noch sind nur wenige Plätze belegt, also folge ich Chris ins Café und werfe einmal mehr einen Blick auf die Kopien der LP-Cover aus der Krautrock-Sammlung, die Riptide-Gast Udo Meyer seinerzeit für die Sound-On-Screen-Präsentation des Films „Revolution Of Sound“ über die Band Tangerine Dream dem Café zur Verfügung stellte. Das war bereits am 7. September vergangenen Jahres, also knapp zum Zehnjährigen des Riptide, aber die wundervollen Cover schmücken den Plattenladen einfach gut. Einiges davon, viel zu wenig leider, habe ich auch, Kraftwerk, Kiev Stingl, vieles fehlt mir noch, Neu!, ganz oben auf der Liste. Auf der Theke fällt mir ein Schild ins Auge, auf dem das Riptide-Team im Zuge der neuen europäischen Datenschutzverordnung darauf hinweist, dass es sich gelegentlich Namen und Musikvorlieben von Kunden merkt, und jedem, dem das nicht behagt, abverlangt, beim Betreten laut zu rufen: „Ich bin nicht einverstanden!“

Mit einer Fritz-Kola und der allerletzten Printausgabe des Intro in der Hand wähle ich meinen Sitzplatz für diese Partie außen am Fenster vor den Plattenspielern, auf einem bequemen Kissen und mit der Möglichkeit, mich an die Scheibe zu lehnen. Der Blick auf die Leinwand ist garantiert frei: Am Boden markiert ein schwarzgelbes Klebeband die Laufwege für die Thekenkräfte. Chris hat zunächst Unterstützung von Stecki und Max. Der erfüllt die Speisewünsche, die allerdings zu Zeiten von Fußballübertragungen in der Auswahl reduziert sind; auf der mit „Snäx“ betitelten Karte dazu finden sich neben Nachos auch Vollkornbrote mit selbstgemachten Pasten aus Hummus oder Roter Bete, nicht eben typisches Fußballfutter.

So untypisch ist auch das Publikum bei Fußballübertragungen im Riptide. Nur zwei Trikots sind zu sehen: eines mit der Aufschrift „Hummels“ und eines mit dem Schriftzug „Klinsmann“. Schwarz-Rot-Gold als Körper- oder sonstiger Schmuck bleibt unausgepackt. Was für ein Unterschied zum öffentlichen Aufbahren auf dem Eiermarkt, an dem ich auf dem Weg in den Handelsweg vorbeikam. Im Handelsweg wiederum ist das Riptide als Fußballzeiger nicht allein, auch vor dem Tante Puttchen bei Achim und dem Café Drei bei Jessy sitzen Guckende, auf der anderen Seite empfängt auch Helmut in seiner Strohpinte Gäste. Zusehends füllt sich das Achteck des Café Riptide, aber übervoll wird es nicht mehr. Das Publikum ist weitgehend jung, also jünger als ich, und taucht in Gruppen auf, in Zweierkonstellationen oder auch allein. Die Leute rauchen, lachen, reden, sitzen konzentriert, sind frei, ungezwungen, fröhlich, freundlich, erwartungsvoll und doch entspannt. Stecki reicht ihnen die Getränke, schon um kurz vor vier sind einige Biere darunter. Max bringt den Gästen die Snäx an die Tische.

Béla Réthy moderiert die Übertragung. Na, prost Mahlzeit, aber vielleicht sagt er ja wieder etwas ungewollt Lustiges. Chris setzt sich neben den Übertragungsapparat an einen Biertisch und reguliert die Lautstärke. Die Empfangsstörungen vergangener Meisterschaften sind passé, sehr zur Freude aller Beteiligten. Noch nach dem Anpfiff erfährt das Riptide einen Zulauf an Zuschauern, für die Stecki Sitzgelegenheiten und Getränke organisiert. Für Radfahrer wird es viel zu eng, einer hebt sein Gefährt einfach über seinen Kopf und balanciert es durch die Reihen der Sitzenden.

So recht Spannung aufkommen mag bei dem Spiel nicht. Die Leute unterhalten sich munter, zeigen sich Fotos auf ihren Smartphones oder chatten gleich selbst damit. Man bekommt den Eindruck, das Deutsche Team habe nicht erfasst, worum es bei der Partie geht. Das Publikum passt sich dem an, ganz abgewandt. Lediglich wenn Béla Réthy seine Stimme etwas erhebt, reißt es die Gäste aus ihrer Quassellethargie. Vereinzelt sind die üblichen Fußballmassenguckgeräusche zu vernehmen, mal ein „Oh!“, dann ein „Nein!“, bald ein „Au!“, aber alles eher einstudiert als leidenschaftlich.

Nach 17 Minuten steht es immer noch 0:0, ebenso im parallel verlaufenden Gruppenspiel zwischen Mexiko und Schweden. Ein frischer Wind weht durch den Handelsweg, das einzig Frische dieses Spiels. Torwart Neuer lässt den Ball fallen, es ertönt etwas Geschrei im Achteck. Südkorea versucht einen Konter, man hört das Publikum leise quieken. Im Vorbeigehen greift Stecki nach leeren Flaschen, die ihm von der Sitzbank neben mir gereicht werden, quittiert nickend den Zuruf „Kriegen wir nochmal zwei?“ und bringt in Windeseile ebenjene zwei Astra vorbei.

„Whoawhoawhaaa, kanndochnichsein!“, Rufe dieser Art werden gelegentlich lauter. Wenn Béla Réthy den Spieler mit dem Nachnamen Werner aufzählt, spricht er ihn aus wie Brösels „Wänä“. „Ouuuuuuuuuuh!“, sagt jemand. Stecki trägt eine Wolters-Flasche wie ein Sommelier in der nach unten gestreckten Hand an den Arm geschmiegt. Sobald die Spielaction nachlässt, was recht schnell geschieht, fallen die Gäste zurück in ihre Gespräche, nur um sich von der nächsten Aktion zu vereinzelten „Jetzt!“- und „Ohhhh!“-Rufen hinreißen zu lassen.

In Nahaufnahme sind immer wieder die seltsamen Schrifttypen auf den WM-Trikots zu sehen. Der Name Özil sieht aus wie Ö21L, also mehr wie Leet als wie Kyrillisch, was in Russland eher zu erwarten gewesen wäre. Als Kroos gegen Schweden den magischen Siegtreffer erzielte, fragte Andrea beim Blick auf dessen Rückenschriftzug erfreut: „Was steht da, Kaoos?“

Es läuft die 39. Minute, auf beiden Sportplätzen steht es immer noch 0:0. Ein Glas klirrt lautvernehmlich auf den Boden, irgendwo auf Höhe von Serges Laden. Ein Moment der Stille setzt ein. Ein Gast klatscht darob einmal verhalten und blickt sich scheu um, da fallen andere Gäste in den zaghaften Applaus ein. An seinem Tisch versorgt Chris die Umsitzenden mit Fußballfachwissen, ganz genau so, wie er es als Schallplattenhändler mit Musikfachwissen praktiziert. Ein spät eintreffendes Paar findet einen Platz im Inneren des Cafés, am großen Fenster, von dem aus ich auch schon einmal eine Fußballübertragung verfolgte. Geht.

Ein Pfostenschuss! Großes Geschrei im Handelsweg. Doch ohnehin umsonst, der Angriff war längst abgepfiffen. Was für eine Abwechslung in dem müden Spiel. Oder, wie es Béla Réthy ausdrückt: „Das ist hier keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“

Dann erlöst uns der Halbzeitpfiff. Stühle rücken, die Gespräche werden noch lauter, Max bringt bestellte Nachos heraus. Es steht immer noch überall in ganz Russland 0:0. Ein Spielstand, bei dem Deutschland als Gruppenzweiter gesichert im Achtelfinale wäre. Das wäre dann aber beinahe ähnlich langweilig erreicht wie von Frankreich und Dänemark gestern, die ihr beiderseits bereits gesichertes Weiterkommen mit Arbeitsverweigerung bestätigten. „Bei dem Spiel kann man getrost nebenbei Wäsche zusammenlegen“, whatsappt Andrea mir. Einig, bei dem Spiel kann man getrost nebenbei alles Mögliche machen.

Weiter geht‘s, die zweite Halbzeit ist angepfiffen, Stecki bringt die dritte Runde Astra an die Bank neben mir, Rosalie verstärkt das Thekenteam. Einige Gäste sind gegangen, andere neu dazugekommen. Darunter Konstantin, der sich neben Chris setzt. Ein kurzer Schrei ertönt, als ein deutscher Spieler in der 47. Minute eine Chance vergibt, gefolgt vom klassischen „Ouh!“ Der eigentlich erfreulich blaue Himmel bezieht sich leicht, was ausnahmsweise einmal gut ist, weil dann die Projektion auf der Leinwand besser zu erkennen ist. Das Spiel wird davon indes nicht besser. Anders als die Spieler auf dem Platz erfahren die Fernsehzuschauer, dass Schweden inzwischen 1:0 über Mexiko führt – damit wäre Deutschland ausgeschieden. Sofort, wie als Antwort darauf, erspielt sich das Team eine Chance und vergibt sie sogleich, einmal mehr mit „Ouh!“ quittiert. Südkorea kontert, Konstantin reißt es von der Bierbank, er brüllt „Ja!“, und als die Aktion im Sande verrinnt, lachen die anderen Gäste.

Der 0:0-Rückstand weckt das Publikum auf. Einer der Vornsitzenden wirft die Arme in die Luft, ein Sitznachbar quetscht ein „Ja!“ hervor, ein Fehlpass von Özil entlockt der Menge ein erbostes „Ohhhhhh!“ Als ein Gast einem Wechsel mit „Ja, Gomez!“ zustimmt, gibt es hinter ihm belachte Widerworte. Doch als effektiv erweist sich der Joker nicht, Kommentare wie „Oh nee, ey!“ und „Kommkommkommkomkomm!“ lassen höhere Erwartungen bei den Zuschauern erahnen.

61. Minute, Schweden führt 2:0. Ein Südkoreaner lässt sich im deutschen Strafraum theatralisch fallen und will für die Schwalbe einen Elfmeter ermogeln. Durchschaubar für den Schiedsrichter, der dem auf dem Hosenboden Sitzenden dafür die Gelbe Karte vor die Nase hält. „Steh auf, Mann, wo ist dein Problem?“, ruft jemand aus der ersten Reihe. Seine nächste Chance erarbeitet sich Südkorea ehrlich, ein Stürmer stürmt auf das ungeschützte deutsche Tor zu. Konstantin brüllt: „Mach es doch, Mann!“

Macht der Mann aber nicht. Deutschland ist wieder am Drücker, verliert den Ball: „Oh, nee!“, stöhnt es aus den Sitzreihen. Den nächsten Versuch hält der Südkoreanische Torwart: „Oioioioioi!“ Schweden erhöht den Druck auf 3:0. 73. Minute, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gomez tändelt herum, jemand fernmaßregelt Trainer Jogi Löw: „Und dafür wechselst du den ein?“ Mühsam erarbeitet sich die deutsche Mannschaft manche müde Chance, lediglich untermalt von einem Quieken aus dem Publikum. Laut wird es erst wieder beim nächsten Angriff der Südkoreaner, zumindest Konstantin klatscht und jubelt. Wieder ein Quieken für Deutschland, wieder zwei Astra für die beiden neben mir. Keine zehn Minuten mehr zu spielen.

Stecki setzt sich kurz neben mich. Er hofft auf ein Siegtor des deutschen Spielers mit der Nummer 13, also von Thomas Müller, weil er dann bei seinem Händler den Preis für sein neu erworbenes Smartphone erstattet bekommt. „Dann kann ich mir die neue Playstation kaufen“, sagt er. „Pro.“

In der 86. Minute zieht Özil knapp neben das Tor. Großes Geschrei brandet auf. Béla Réthy findet: „Der Wille ist da, aber nicht die Qualität.“ Südkorea bekommt einen Eckstoß, Konstantin applaudiert. Die Zeitlupe zeigt, wie Kroos einem Südkoreaner den Ball in den Schritt pfeffert; aus den männlichen Mündern im Publikum ertönt ein gequälter Schmerzensschrei. Stecki ist pragmatisch: „Jetzt brauchen wir nur noch eine Rote Karte, zehn Mann, und dann wird das was.“ So war es zumindest im Spiel gegen Schweden.

Das Hublot-Schild am Spielfeldrand kündigt sechs Minuten Nachspielzeit an, unerhört viel. „Scheiß Bayern-Bonus“, ruft jemand an Chris‘ Tisch. Plötzlich fällt ein Tor für Südkorea. Riesenjubel an genau dem Tisch, ausgehend natürlich von Konstantin. Aus der ersten Reihe treffen ihn böse Blicke. Doch es ist Abseits, befindet einer der Linienrichter. Konstantin und sein Gegenüber imitieren die offizielle Videoassistentenpose, zeichnen also mit den Armen Fernsehgerätkonturen in die Luft, und tatsächlich, der Schiedsrichter will‘s wissen. Das Aufatmen über das Abseits erhält einen herben Dämpfer, als der Videobeweis das Tor für gültig befindet. Die Zeitlupe offenbart zudem, dass der Ball zwischen Gomez‘ Beinen hindurcheiert: „Schön getunnelt“, findet jemand und erntet Grinsen.

Bis auf in der ersten Reihe ist trotz des Rückstands und der Aussichtslosigkeit auf einen Sieg von vielen Seiten ein entspanntes Grinsen zu sehen. Fußballgucken macht zwar Laune, aber das Leben hängt von keinem Sieg ab, strahlen die Gesichter aus. Dann stürmt Neuer aus seinem Tor heraus und unterstützt einen Angriff der Deutschen, den ein Südkoreaner unbehelligt und mutterseelenallein kontert. Der Ball kullert beinahe ins deutsche Tor, zum 2:0. „Ist noch alles drin!“, ruft Stecki. Das erleben die Gäste aus er ersten Reihe schon nicht mehr mit, sie zahlen entnervt ihre Zeche. Andrea whatsappt: „Der Meinung war Neuer wohl auch – getrost alles Mögliche nebenbei zu machen.“ In der Tat, und dieses Mal ging seine Rolle als Libero nicht auf.

„Ach, wie schön ist es, wenn man kein Fußballfan ist“, ruft Hans-Christian und setzt sich zu mir. Verlieren sei verdient, sagt er, „wenn man schlecht spielt“, und damit kenne er sich aus: „Ich bin Musiker.“ Die Artistik müsse man schon beherrschen, andernfalls erhalte man die Quittung dafür: „Richtig so, peinlich!“ Hans-Christian ist Jazzpianist in verschiedenen Bands und eigentlich im Riptide verabredet, aber seine Verabredung verspätet sich, deshalb ist er allein da und zum Fußballgucken quasi gezwungen. „Die Spieler sind gut bezahlt und spielen schwach – ob das mit den Trainern zu tun hat?“, fragt er sich eher selbst und konstatiert: „Ich würde sagen, ja, ich bin selber Trainer, von einer Musikband.“ Es gehe in beiden Fällen darum, Schwächen auszugleichen, das Publikum zu überzeugen, „sich selbst zu verwirklichen, ist nur ein Teil der Sache“. Man müsse „bis zum letzten Moment spüren, was ist das Richtige, wann kommt das Schlagzeugsolo“. Kurz wirft er ein, dass seine Hochschulband Blue Line am 3. Juli beim Campusfest spielt, und kehrt zurück zum Vergleich zwischen Fußball und Musik: „Das Teamwork ist ähnlich“, sagt er. „Was über uns steht, was viel wichtiger ist, ist die Musik.“ Wie beim Fußball müsse jeder für sich selbst üben und gleichzeitig Teamwork leisten: „Man muss einen Riesenüberblick haben.“ Seinen Schülern sage er etwa, dass der Klavierspieler so souverän sein müsse, dass er nicht seine Partitur, sondern den Schlagzeuger und den Bassisten im Blick hat.

Eine schöne Analogie, besonders in einem Schallplattenladencafé. Das Riptide hatte eigentlich vor, sämtliche Finalspiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen. Doch: „Wir zeigen noch das Halbfinale und das Finale“, wiegelt Chris ab. „Wir werden wieder umbauen, die normalen Möbel hinstellen.“ Man merkt ihm an, dass er mit dem Spielergebnis nicht zufrieden ist: „Wir sind Fußballfans“, betont er. „Das war katastrophal schwach.“ Er schüttelt den Kopf: „Wie man so verlieren kann, das hat mich sehr – auf einem anderen Level – an die Eintracht Braunschweig erinnert: Wir steigen auf, wir sind Weltmeister.“ Er verstehe den Druck, unter dem amtierende Weltmeister stehen; von den vergangene fünfen seien vier in der Vorrunde ausgeschieden. Bald verwendet Chris die Vokabel, die auch mir im Kopf herumschwirrt: Arroganz. Wie nach dem Titelgewinn 1990, als die deutsche Mannschaft großmäulig das EM-Endspiel gegen Dänemark verlor und danach turnierweise vor lauter Hochmut seine Sympathien verspielte. Erst 2006 trat die Mannschaft wieder mit Demut zum Wettbewerb im eigenen Land an. In der Folge begleitete Demut die Spielweise des Teams durch die Turniere, bis es 2014 erneut den Weltmeistertitel errang und im vergangenen Jahr den Confed-Cup. Seitdem platzt die Mannschaft vor Überheblichkeit – und tritt nun den Heimweg an. Der Fall auf den Boden ermöglicht ein neuerliches Aufrichten, in Demut, so steht es zu hoffen. Den Spielen der Deutschen habe ich zumindest seit 2006 wieder gern zugesehen, 2018 waren sie nicht mehr schön.

In Braunschweig muss es viele Fans geben, die das ähnlich sehen. Kein Frust, keine Randale. Gottlob. Ein junger Araber begegnet mir auf dem Heimweg, grinsend sein Schlüsselbund mit der Hand rotierend und schräg „Schland“ krähend. So geht das.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#125 Hanni & Nanni und der dreiäugige Geist

22. März 2018


Mittwoch, 21. März 2018

„Grüß mal alle“, sagt André, als ich ihn auf meinem Weg ins Riptide andernorts in der Stadt treffe, und ich vergesse es prompt, weil ich nicht den direkten Weg gehe und also abgelenkt bin. Ich komme nämlich bei Serge vorbei und setze mich in die kleine Kammer, die ihm direkt neben dem Riptide als antiquarischer Verkaufsraum, kultureller Treffpunkt und philosophischer Debattierclub gleichermaßen dient. Für einen Moment, und sei es nur im Zuge des Hineinschlüpfens, dringt etwas kalte, aber immerhin frische Luft in den Raum; die Wolken, die über den Debattierenden dräuen, sind nicht allein Resultat des intensiven Austauschs, sondern auch des nicht minder intensiven Tabakgenusses.

Es geht wie immer um nichts Geringeres als – das Große Ganze, kann man sagen. Ausgelöst durch eine Gesprächsteilnehmerin, die soeben ihr Jurastudium beendete und mit einem extrem kritischen Blick auf die Juristerei und die fehlende Empathie mancher Juristen dafür, dass sie über Menschen zu urteilen haben. Selbst bei Kommilitonen, mit denen sie sich zu Anfang gut verstand, habe sie beobachtet, dass diese den Blick dafür verlören, klagt die Jungjuristin. Von dort aus ist es für die Runde ein kleiner Sprung zur grundsätzlichen Systemkritik. Die Getränke dazu sind koffeinhaltig und stammen wie gewohnt von nebenan, und dorthin begebe ich mich jetzt doch noch.

Inzwischen bin ich zu spät, um Chris noch zu erwischen, dabei hätte ich gern gewusst, ob ich die gerade heute für August angekündigte neue Doppel-LP von Front Line Assembly, „WarMech“, auch hier bestellen kann. Das erledige ich dann eben später bei Bandcamp, sogar mit dem Glück, das exakt letzte Exemplar der auf 100 Stück limitierten Zweifarb-Doppel-LP-Box zu erwischen. Schon ihren ersten Soundtrack zu einem Computerspiel, „AirMech“, machten Front Line Assembly 2012 mit einem formidablen Kreuzüber aus modernem EBM, Bigbeat, Ambient und härterer Clubmusik zu mehr als nur einer Pixelbegleitung. Auf „WarMech“ dürfte dann zum leider letzten Mal Jeremy Inkel zu hören sein, der Bill Leeb seit 2005 parallel zu seiner Stammband Left Spine Down bei Front Line Assembly unterstützte und der überraschend im Januar mit nur 34 Jahren verstarb. Bandcamp nun als Plattform für den Musikvertrieb ist großartig für Musiker weltweit, weil es den direkten Vertrieb an Großkonzernen vorbei zum Konsumenten ermöglicht, hat aber – das erkenne ich bei der Fritz-Kola-Kaffee-Limonade, die mir Stecki über die Theke reicht – den Nachteil, dass es auch die unabhängigen und also zumeist guten Schallplattenläden benachteiligt, weil ausklammert.

Vernünftig: Bastian Till macht seine Pause im Riptide, bei ihm sitzt Sophie Isabell. Lustig, beide mit Doppelnamen und beide mit Doppel-L am Ende. „Das ist uns noch gar nicht aufgefallen“, sagen beide gleichzeitig mit nahezu identischem Wortlaut. Bastian Till hat freiberuflichen Spätdienst und muss gleich wieder los. Sein Hauptbetätigungsfeld ist aber das Monatsmagazin „Kurt“ in Gifhorn, für das ich einmal sogar schreiben durfte, nämlich einen Bericht über meinen ehemaligen Mitschüler Timo, der mit seinem Projekt Nooc ein Album veröffentlichte. Drin gestanden habe ich auch schon, im Rahmen einer Geschichte über Olafs Blinky Blinky Computerband, für die ich gelegentlich meine Stimme gebe. Mit seiner zunächst als wagemutig erschienenen Magazin-Idee beschäftigt Bastian Till inzwischen sogar Angestellte, ein schöner Erfolg.

Wir unterhalten uns nach diversen Umwegen über Hörspiele und ich erzähle, dass ich mir morgen „Der dreiäugige Totenkopf“, das Hörspiel zum ersten Comic der Drei Fragezeichen, im Wolfsburger Planetarium an… hören will, das zweite von dreien der zweiten Staffel mit Hörspielen, die eigens für die Soundanlagen von Planetarien aufgenommen wurden. Zu sehen gibt es nicht viel, scheint es, aber das Kopfkino ist ja ohnehin wichtiger. Mit dem Vollplaybacktheater hat das nichts zu tun, wie Bastian Till mutmaßt, das war bereits im Februar in Wolfsburg, im CongressPark, und ich war natürlich auch da. Das war mein zwanzigstes Mal, dass ich die Wuppertaler gesehen habe. Einmal war auch Bastian Till, der ansonsten mit den Drei Fragezeichen nicht so viel am Hut hat, beim Vollplaybacktheater, vor Jahren und in Gifhorn. Ich staune, das muss mir entgangen sein, dass sie sogar in meiner Geburtsstadt gastierten. Mit welchem Stück, weiß Bastian Till nicht mehr: „Es war aber eine Detektivgeschichte“, scherzt er. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, das Vollplaybacktheater setzte auch mal andere Hörspiele um, John Sinclair, Jan Tenner, Edgar Wallace, Hanni & Nanni. Mit denen kennt sich Bastian Till aus, seiner Tochter wegen, und lobt die Serie für ihre geschlechtsuntypische Herangehensweise an Themen: In Episode 52 etwa nimmt ein Mädchen an einer Castingshow teil, obwohl es nicht singen kann, und wird nur deshalb ins Programm genommen, damit die Jury jemanden zum Lästern hat. Das findet Bastian Till untypisch, weil es in allen anderen Mädchengeschichten darauf hinauslaufe, dass die Protagonistin unerwarteten Erfolg hat, aber nicht, Castingshows kritisch zu sehen. Sophie Isabell bleibt skeptisch, aber Bastian Till strahlt begeistert. Soweit ich mich erinnern kann, hatten Hanni & Nanni zu Enid Blytons Zeiten tatsächlich eine etwas andere Ausrichtung, aber mehr als eine Folge habe ich von denen selbst als Kind nicht gehört. Ich würde nicht einmal mehr am Cover wiedererkennen, welche Kassette das war. So recht geweckt ist mein Interesse daran jetzt aber auch nicht wieder, selbst als Hans-Paetsch-geprägter Märchenfan fand ich als Kind – anders als die Fünf Freunde – Hanni & Nanni langweilig. Auch solche Serien wie Hexe Schrumpeldei, Hui Buh, Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg hatten mir zu wenig Handlung und Atmosphäre, um mich zu fesseln. Spannend finde ich aber, dass die beiden BB-Serien offenbar von einem Politwissenschaftler der Bundeszentrale für Politische Bildung als bedenklich eingestuft wurden, weil sie – überspitzt gesagt – zur Systemkritik aufrufen. Das macht sie zumindest sympathisch. Irgendwoanders las ich zudem und übrigens und nebenbei, dass Hörspiele in Deutschland deswegen so populär sind, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Theater zerstört waren und Radiohörspiele einen kulturellen Ersatz dafür anboten.

Mit Sophie Isabell und Bastian Till, die zahlen wollen, kehre ich an die Theke zurück. „Bald bin ich Werksältester“, höre ich Stecki dahinter raunen, „aber noch ist es Astrid.“ Die Angesprochene beschäftigt sich mit der Kasse und grinst. Werksältester, also in Dienstjahren, nicht Lebensjahren; da hat Jasmin mit ihren um die sieben Jahren aber ein schwer einholbares Pfund vorgelegt. Während Astrid neue Bestellungen im Café und in der Lounge aufnimmt und Rosalie in der Küche die bestellten Speisen zubereitet, findet Stecki etwas Zeit für Unterhaltungen.

Beide haben wir, Stecki und ich, Objekte in unseren Musik- und Comic-Sammlungen, von denen wir viel später überraschend erfuhren, dass sie über die Zeit an Wertsteigerung erfuhren. Stecki führt eine Comicserie an, deren englischsprachige Erstausgabe im Wert an Nullen zugelegt hat, und doch sind wir uns einig, dass wir Informationen dieser Art eher als persönliche statistische Angaben auffassen als als Verkaufsargument. Meine Dreifach-LPs der Drei-Fragezeichen-Jubiläumsfolgen sind ebenfalls überraschend wertvoll, dabei habe ich sie damals ganz unspektakulär hier im Riptide erworben. Stecki stutzt, verschwindet kurz im Büroteil hinter der Theke und kehrt mit einer Geister-Schocker-LP zurück. „Ohne Nummerierung“, stellt er mit Kennerblick fest. An die Serie habe ich mich noch nicht herangetraut, die hat mir zu viele Folgen. Stecki schwärmt noch von Faith van Helsing, die ich bislang auch eher ignorierte, und Gabriel Burns, einem meiner Favoriten wiederum, der leider seit drei Jahren auf Eis liegt, mitten während einer Mehrfachfolge (es fehlt der fünfte Teil eines eigentlichen Vierteilers). Stecki bringt die LP zurück. Vinyl, das untote Medium, das zurzeit in Sachen unerwarteter Renaissance von der Kassette eingeholt zu werden droht. Im Ambient und im Black Metal fing es an, dass Bands ihre Musik wieder auf Tape veröffentlichten. „Ich kenne das aus dem Hip Hop“, sagt Stecki. Stimmt, das Mixtape, das sich heute als Podcast zum Download wiederfindet. Für den kommenden Record Store Day am 21. April sei das Album „Back In Black“ von AC/DC als Kassetten-Neuauflage angekündigt, erzählt Stecki. Die wolle er haben, aber die sei sehr limitiert und seine Hoffnung auf einen Erwerb entsprechend gering.

Stecki hat Feierabend, er wird abgeholt und verabschiedet sich. Für ihn tritt Moritz den Dienst an, doch vorher begibt er sich mit Rosalie ins Achteck, zum Rauchen. „Auf eine halbe Zigarette?“, fragt Rosalie vorher Astrid, die nickt, während sie einen kleinen Zettel knickt und mit „Birnentarte vegan“ beschriftet. „Kann man das lesen?“, fragt sie mich, und zumindest ich kann. Anders war das kürzlich, als Arni und ich im Riptide kniffeln wollten und uns aus dem Spielefundus des Cafés zwar genau fünf Würfel zusammenklaubten, von denen einer aber statt mit Punkten mit für uns willkürlichen Zahlen bis 64 bedruckt war. Schwierig, damit große Straßen hinzubekommen, also ließen wir uns Klebeetiketten geben und malten die Punkte selbst drauf. Bei einem zweiten Würfel waren die weißen Punkte vom schwarzen Grund weitgehend abgeblättert, und in der Kombination war das Kniffeln ein ständiges Kopfbeugen, um den richtigen Winkel zum Licht und damit die korrekte Anzahl der ausgeleuchteten Vertiefungen im Spielgerät zu finden. Den Highscore von 344 haben wir immer noch nicht geknackt.

Mutig, draußen rauchen bei der Kälte, aber immerhin hat es nicht mehr die extremen Minusgrade wie noch zuletzt, und auch nicht den überraschenden Schnee wie gestern zum Frühlingsanfang. Nichts gegen Schnee, ist dies doch das einzige Wetterphänomen in unserer Gegend, das seine Jahreszeitenzugehörigkeit deutlich zum Ausdruck bringt. Den Rest des Jahres über haben wir zehn Grad und Regen, da steckt keine konkrete Saison mehr drin, deshalb freute ich mich auch zu dieser Zeit im Jahr sehr über den immerhin ansehnlichen Schnee. Aber jetzt darf es auch wieder warm werden.

Zuletzt im Achteck gefroren haben wir bei Sound On Screen, nach dem grandiosen Film „Liberation Day“ über den Auftritt der Band Laibach in Nordkorea. Wir waren hin und weg über den respektvollen Umgang des Westteams mit dem totalitären Regime und den Menschen, denen sie dort begegneten und die sie auch als Menschen behandelten. Im Riptide legte DJ „Tanz mit Laibach“ ein eigens ans Thema angepasstes Set auf, für das er sich, wie mir Chris vorab verraten hatte, tief in die für ihn fremde Materie einarbeitete. Da standen Andrea und ich, ebenfalls des Rauches wegen, im Achteck, bei uns Uwe und Olli, mit denen ich drei Viertel des aktiven Teils der DJ-Gruppe Rille Elf ergebe; nur Günther fehlte. Wir vier hatten gerade erst den ersten Auftritt vor einem größeren Publikum, mit den Burning Beats im Nexus nämlich, und freuen uns schon auf unsere nächsten Sets, am 13. April mit dem Ball im Bierhaus und am 20. April beim elften Geburtstag des Sauna-Klubs im Hallenbad Wolfsburg, unserem ersten Auswärtsspiel, und das an so einem geschichtsträchtigen Ort. Der nächste SOS-Termin interessiert mich leider nicht so sehr, „Wildes Herz“ mit Feine Sahne Fischfilet, die ich zwar für politisch relevant halte, für musikalisch aber weniger. Der Film startet am 6. April um 19 Uhr, danach spielen Radical Radio, live erprobt ebenfalls im Achteck beim letzten Sedan-Bazar. Spannender ist für mich der Film danach: Am 17. Mai läuft die restaurierte Neufassung von „Space Is The Place“, dem irrwitzigen Film von Sun Ra. Mit dem Ensemble auf Zeit spielt anschließend eine passende Gruppe im Riptide, eine gute Wahl.

Na gut, um die für mich neuen Kollegen einmal abseits des Dienstes zu erleben, setze ich mich draußen zu ihnen an den Tisch. Als Vierter, denn Aline gesellte sich zu ihnen, seit einem Monat indes ehemalige Kollegin des Riptide-Teams: „Ich bin mit dem Studium fertig geworden.“ Rosalie eilt wieder in die Küche, Moritz beginnt seinen Dienst und Aline erzählt, wo sie jetzt arbeitet – und wir stellen fest, dass wir quasi Kollegen sind, weil mein Arbeitgeber der Stiftung untergeordnet ist, für die sie eingesetzt ist. Braunschweig wieder. Die Café-Tür öffnet sich, Astrid lugt heraus und fragt: „Aline, kommst du?“ Doch noch arbeiten? Nein, sie ist lediglich verabredet. Und ich mache jetzt auch Feierabend. Ich muss zu Hause noch bei Bandcamp eine Schallplatte bestellen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#122 Alles bleibt so, wie es nie war

20. Dezember 2017


Dienstag, 19. Dezember 2017

Für die „Weihnachtszeit im Handelsweg“ wirbt ein kleiner laminierter Flyer, der an einer ungeschmückten grünen Tanne hängt, die wiederum am Durchgang bei Möbel Sander aufgestellt ist. Das ist aus Richtung Innenstadt der Eingang zum Handelsweg, und sämtliche Anrainer haben ein Plakat mit entsprechendem Aufdruck in ihren Schaufenstern hängen. Wie die Tanne, so sind auch die Tische und Bänke vor dem Tante Puttchen und dem Café Drei, dem früheren Bierteufel, triefnass, also nicht eben weihnachtlich bewittert. Die Wetterkarte zeigt sich gegenwärtig beinahe sommerlich, mit sieben Grad und Regen. Das Mobiliar des Café Riptide ist geschützt, über dem Achteck in der Mitte des Handelswegs spannt sich ein Segeltuch. André, Marco und Max tummeln sich darunter, die Rauchenden von ihnen rauchend, und bereiten sich auf den neuen Arbeitstag vor: Es ist 12 Uhr mittags, das Riptide öffnet. Max ist eigentlich viel zu früh da, aber da eines seiner Seminare ausfiel, beginnt er seine Schicht schon jetzt. Marco schleppt Getränkekisten aus dem Vorratskeller ins Café, Andre klebt ein Plakat an die Thekenfläche, Max bindet sich die Serviceschürze um. Die ersten Gäste trudeln ein, kaum dass die Tür geöffnet ist.

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke oder guten Vorsätze. Eskapistische Kontemplation. Oder so. Oder nicht: Mich interessiert, was meine Gesprächspartner in diesem Jahr anders machen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu. Die erste Antwort gibt der Chef: „Meinen Urlaub planen“, sagt André. Das klingt jetzt eher nach der Betonung auf „planen“ statt auf „Urlaub“. André bestätigt das.

André: „Ich habe einfach meinen Resturlaub zerschlagen, ich hatte noch ein paar Tage, die habe wich wahllos genommen, außerhalb der Möglichkeit, mal wegzufahren – der ist einfach verpufft. Sonst nichts, wirklich. Es war ein wohlgesonnenes Jahr.“

Seine Aufmerksamkeit gilt jetzt aber ganz der Kundschaft, dem schließe ich mich an, wenn auch anders. André findet in der Küche seine Aufgaben, ich setze mich zu Jenny und Franzi an den Tisch.

Franzi: „Das ist eine schwierige Frage, ich hatte ein extrem schönes Jahr. Ich würde nichts anders machen – so platt das klingt.“

Jenny: „Ich hatte auch ein supergutes Jahr. Ich würde versuchen, mir ein bisschen mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen. Sonst war alles gut.“

Die beiden wenden einander zu und setzen ihr Gespräch fort, Max bringt die bestellten Getränke. Am Nachbartisch sitzt die nächste Franzi, mit Ann-Cathrin plaudernd. Auch hier gesellt sich Max alsbald dazu und liefert das Bestellte ab. Ich richte meine Frage an die beiden. „Bezogen aufs Riptide?“, fragt Franzi gegen. „Hier kann man nichts besser machen, seit der Renovierung.“ Nein, so allgemein, das eigene Leben betreffend. Aber ich vermute, dass ihre Aussage hier dennoch auf einiges Wohlwollen stoßen könnte.

Franzi: „Ich hätte meine Praxisstelle an der Uni nicht angenommen, sondern gewartet. Das waren vier Monate verschwendete Zeit. Ich habe nichts gelernt außer: Katzen sind eklig. Und Kaffee konnte ich vorher schon kochen. Ich mag Katzen, aber der Kater dort ist eklig. Meine Aufgabe war, den Kater von den Akten wegzuräumen. ‚Oh, hat er dich gebissen?‘ – ‚Ja, der hat mich gebissen.‘ Mehr Aufgaben hatte ich nicht und außer, dass die Katze mich gebissen hat, ist da nichts passiert. Ich habe mir letzte Woche eine neue Stelle genommen, das würde ich auch wieder machen.“

Während ich mitschreibe, wirft Franzi einen Blick auf meinen Blogblock und meine Sauklaue. Sie wundert sich, dass ich das lesen kann, und ich erzähle, dass ich mir mein Eigensteno seinerzeit bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung aneignete. Da entgegnet Franzi, dass sie in Fallersleben aufgewachsen ist und dass Max, einer ihrer Freunde, früher in einer Band spielte, die im Jugendzentrum Forsthaus ihren Übungsraum hatte. Ins Blaue tippe ich auf Revolt und liege richtig. Von denen habe ich sämtliche CDs im Regal, dank des Wolfsburger Labels Kernkraftritter Records. Kleine Welt.

Ann-Cathrin: „Ich würde mich im Sommer mehr disziplinieren und dann meine Hausarbeit schreiben, anstatt es in den Winter reinzuschieben. Ich hatte im Sommer eigentlich mehr Zeit, als ich jetzt im Winter habe. Vielleicht. Man weiß es nicht.“

Franzi wirft lachend ein, dass ich an den beiden Antworten erkennen müsste, es mit Studentinnen zu tun zu haben. Erkenne ich! Und setze mich einen Tisch weiter, zu Gunnar und Joana, die meine Frage im Dialog beantworten, bevor sie ihre Bestellung bei Max aufgeben, woran ich sie mit meiner Frage hindere. „Schäm dich“, sagt Max und grinst. Gunnars erste Antwort ist ein interner Scherz: „Die Brille gleich bei Fielmann kaufen.“ Joana stellt fest: „Das ist schwierig, weil es eigentlich ein gutes Jahr war.“ Ich höre ein „eigentlich“. „Es ist natürlich nie perfekt“, sagt Gunnar, meint aber auch, dass es eigentlich nichts zu bemängeln gab.

Joana: „Öfter mal wegfahren, mal einfach einen Tag, ans Meer fahren. Am Meer waren wir nur einmal, zwei Wochen zwar, aber nur einmal.“
Gunnar: „Und Silvester, da sind wir spontan ans Meer gefahren.“
Joana: „Stimmt. Matratze ins Auto und im Auto geschlafen. So was müssten wir öfter mal machen.“
Gunnar: „Vielleicht spontaner sein, das kann man festhalten dafür.“

Wo am Meer waren sie denn? „Sankt Peter-Ording, an Silvester“, erzählt Joana, und Gunnar ergänzt: „Das andere Mal waren wir in Schweden, auf Öland.“ Herrlich, beides. Öfter als zweimal habe ich es dieses Jahr auch nicht ans Meer geschafft, für mich eine schwache Quote. Dabei sind Nord- und Ostsee in gerade zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Das hab ich in anderen Jahren ausgetestet.

An der Theke bestellt Verena zwei Milchkaffees, einer davon ist für Marion, der Chefin von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft schräg gegenüber. Die Wartezeit nutzt Verena für ihre Antwort. „Dieses Jahr war eigentlich ganz schön gut“, beginnt sie. „Vielleicht würde ich etwas eher machen, höchstens.“ Sie sinniert: „Ich scan jetzt alles durch – eigentlich lief alles ganz gut.“ Eines fällt ihr dann doch ein: „Ich war jetzt dieses Jahr einmal mit meiner Mutter weg, ich würde nächstes Jahr zweimal fahren.“ Sie stoppt und murmelt vor sich hin: „Ökostrom, Kinder, mehr arbeiten kann ich nicht, Schrottauto, alles…“

Verena: „Ich bin dieses Jahr mit meiner Mutter weggefahren, die hatte einen Schlaganfall, schon vorher, ich habe gemerkt, wie gut uns das tut. Danach – öfter mal eine Auszeit nehmen und wegfahren, das ist nur für mich. Mit meiner Mutter war ich in Hann-Münden, nur eine Nacht, aber es war super. Meine Mutter mit Rolli, mit Rollatorporsche. Auf der Hinfahrt sind wir ausgestiegen, wo es gepasst hat, an der Seenplatte an der A7, bei Northeim, da sind wir runtergefahren, die Viecher gucken, Wasservögel, hat gut geklappt, wir haben alles gleich gefunden, Hotel und alles, ohne Schnickschnack, Navigatorscheiß.“

Die beiden Milchkaffees sind fertig. Christel heiße ihre Mutter, erzählt Verena noch, und dass Marion nicht ihre Chefin ist, sondern ihre Freundin, und dass sie bei einer Architektin arbeitet. Max händigt ihr die Getränke aus, und zwischen zwei Bestellungen gibt er mir auch eine Antwort.

Max: „Ich hätte mich mehr engagieren sollen, politisch, in Anbetracht der sich immer zuspitzenderen Lage, da sollte man sich besser einbringen – das ist mein bester Vorsatz für 2018.“

Eigentlich würde ich auch Marco gern noch interviewen, doch der ist mit Kisten bepackt und sagt: „Ich hab keine Zeit, ich muss jetzt in den Keller.“ Joana begleicht bei Max ihre Rechnung und erwirbt einen Geschenkgutschein für Gunnar, allerdings nicht für sich selbst, sondern für ihre Mutter, der sie bereits zu ihrem Geburtstag einen Riptide-Geschenkgutschein schenkten, den diese aber aus Zeitmangel noch nicht einlöste, was sie nun mit Gunnar gemeinsam unternehmen will, der deshalb von diesem Geschenk auch schon vorher weiß. Joanas Vater organisierte einen Plattenspieler: „Dadurch ist meine Mutter wieder auf den Geschmack gekommen.“ Max grinst: „Das ist taktisch unklug, ich hab‘s meiner Mutter ausgeredet und ihre Platten bekommen.“ Joanas Mutter dürfte ungefähr in meinem Alter sein. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, was ihre Mutter sich aussuchen würde. Joana denkt eine Weile nach: „Nein, keine Idee.“

Auch Ann-Cathrin und Franzi zahlen, eine von beiden hatte die Suppe der Woche, die Brokkolisuppe. Vergangene Woche war es die Möhren-Ingwer-Suppe. Mir begegnete eine Nachbarin im Supermarkt, die sich ein Bund Möhren kaufte, weil sie an der Suppe Gefallen gefunden hatte und diese nun rezeptlos nachkochen wollte. Solche Kreise zieht das hier.

Am Fenster bei den Plattenspielern sitzt Ole. Er hat die neuen LPs durchgeguckt und findet nun Zeit für meine Frage.

Ole: „Ehrlich gesagt: nichts. Weil ich eigentlich ziemlich zufrieden bin. Vielleicht würde ich weniger meckern und mehr mein Herz öffnen und mehr Initiative ergreifen und auf mein Herz hören und das tun, was mein Herz mir sagt. Quasi nach innen gehen, nicht im Außen alles haben wollen. Aber ich finde, ich habe es ganz gut hinbekommen für das, wie ich es konnte. Deshalb bin ich ganz zufrieden. Man kann ja nur machen, was man kann. Und lernen, deshalb ist es okay, wenn man was draus lernt.“

Da bin ich mit ihm einig, mit Hätte-hätte-Fahrradkette ist einem nicht geholfen, sofern man aus dieser Erkenntnis für die Zukunft keine alternative Handlungsweise ableitet. Ich verabschiede mich von Ole und quere den Raum. Ans andere Fenster setzen sich Uwe und Michael. Max trifft mit mir bei ihnen ein: „Moin, kann ich schon was bringen?“ Uwe nickt: „Ja, mach mal.“ Sie finden dann aber doch noch zu mehr Präzision. Michael scherzt, als ich meine Frage formuliere: „Uwe würde nicht mehr die FDP wählen.“ Das findet Uwe nicht so witzig. Vergangene Woche erzählte er mir noch, dass er in Hamburg zu einem Gorillaz-Konzert mitgenommen wurde, das ihm nicht gefiel, und dass er dann herausfand, dass parallel seine liebste Entdeckung des Jahres spielte, The Dead South nämlich.

Uwe: „Mein Reinfall des Jahres: Das Gorillaz-Konzert.“

Michael: „Ich würde mehr Platten im Riptide kaufen.“

Noch mehr oder nicht mehr, hakt Uwe nach, und doppelnegiert: „Nicht keine Platten im Riptide gekauft haben würden.“ Am Freitag waren wir mit Rille Elf in Harrys Bierhaus, auflegen zum „Ball im Bierhaus“, nur konnte ich nicht dabei sein, leider. Uwe erzählt, dass schön viel los war und viele auf der kleinen Tanzfläche tanzten. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wieder an Bord.

Meine Verabredung trifft nun ein und stöbert sich durch die Platten. Die neue Godflesh fällt Arni sofort ins Auge, neben den vielen anderen attraktiven Schallplatten, die das Riptide so feilbietet. Nachdem wir uns an einen der freien Tische setzten, bekommt auch er meine Frage zu hören.

Arni: „Nicht viel, irrwitzigerweise. Ich hätte mir gewünscht, dass ich viele Sachen machen hätte können. Ich wäre gern aktiver gewesen, aber aufgrund der Jahre davor war Ruhe angesagt und ich bereue das auch nicht. Es hat den Vorteil, ich hab einen prima Vorsatz, der sich daraus ergibt fürs nächste Jahr, nämlich wieder aktiv zu werden, jetzt, wo ich Kraft getankt hab.“

Während wir plaudern, schlendern Stef und Maike an unserem Tisch vorbei. Die beiden tauschen sich eine Weile lang intensiv aus, und als Maike im Aufbruch begriffen ist, kommt auch sie an meiner Frage nicht vorbei.

Maike: „Ich hätte wahrscheinlich meine Elternzeit verlängert und wäre noch länger bei meiner Tochter zu Hause geblieben.“

Die Tochter ist auch der Grund für ihren schnellen Abschied. Stef gesellt sich daher zu Arni und mir.

Stef: „Man muss mehr seiner Rolle in der Welt, die man intuitiv weiß, nachkommen. Jeder hat so seine Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, die man nur bedingt verändern kann, die man aber manchmal wegdrängt. Das bedeutet, dass man dann Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen sollte. Manche Leute meinen, sie müssten Rollen einnehmen, die eigentlich nicht ihnen entsprechen, sie hören nicht auf ihre Intuition.“

Auch wen Stef das sehr allgemein formuliert, verbirgt sich dahinter eine persönliche Erfahrung. Wir diskutieren noch eine ganze Zeit herum und kommen vom Hölzchen zum Stöckchen, vermehrt lachend.

Was würde ich denn selbst anders machen? Vermutlich nichts. Ich habe viel Gutes und Schönes erlebt und erfahren, aber auch viel Kraftraubendes und Schlechtes. Aber da bin ich ganz bei Ole: Wäre ich zu anderen Richtungen in der Lage gewesen, hätte ich sie auch eingeschlagen, alles andere ist Lernen und im Lauf verbessern. Oder Schicksal. Na, öfter ans Meer hätte ich bestimmt auch fahren können. Aber dann wäre weniger Zeit fürs Riptide gewesen, und das geht ja gar nicht!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#117 Pinguine in der Stadt

27. Juli 2017


Donnerstag, 27. Juli 2017

Eigentlich will man ja gar nicht übers Wetter reden, aber dieser Tage bleibt das nicht aus. Nach gefühlten 393 Stunden Dauerregen freut man sich, wenn es mitten im Hochsommer mal lediglich stark bewölkt ist. So wie heute. Und sogar mit gelegentlichen Sonneneinsprengseln. „Am Sonntag bin ich noch im Harz gewesen, da war davon gar nichts zu sehen“, sagt Chris als Anspielung auf die Bilder aus Goslar, die jüngst durchs Internet gingen. Da durchströmten Wassermassen die frühere Bergarbeiterstadt und überfluteten sie in apokalyptischem Ausmaß. „Und das nur ein, zwei Tage später“, sagt Chris.

Wie üblich an Wochentagsnachmittagen sind auch jetzt beide Chefs im Einsatz. André erzeugt Küchengeräusche und Chris bearbeitet Kartons. Stimmt ja, morgen ist Freitag und heute kommen schon die Neuveröffentlichungen im Riptide an. Die morgen erst erscheinende Folge 188, „Signale aus dem Jenseits“, der Drei Fragezeichen lehnt als Vinyl an der Kühltheke auf dem Tresen. Chris ritzt mit der Schere die Klebestreifen an den Kartons auf, faltet die Papplaschen auseinander, entnimmt kleinere Kartons und diesen wiederum die LPs. Die Verpackungen zerkleinert er und stapelt sie für den Papiermüll. Die Platten erfahren hernach ihre Etikettierung, die ebenfalls Chris vornimmt, und all das, während er spricht, zum Beispiel über das Sommerkino am Kunstverein Salve Hospes, in dessen Programm kürzlich unser Film zum 100. Riptide-Blogeintrag lief. Micha A. und Stef, die den Film für mich anfertigten, hatten es organisiert, dass der als Vorfilm zum Hauptprogramm lief. „Ich habe mich gefreut, dass der ausgewählt wurde“, sagt Chris. Leider habe er es jedoch nicht geschafft, auch hinzugehen. Ich war da, mit Stef und Micha, unter anderem. „Was war der Hauptfilm?“, fragt Chris und versucht, sich zu erinnern: „Ein Klassiker?“ Ja, „Labyrinth“ von Jim Henson. „Ah ja, mit diesem…“ gibt Chris den Sinnierenden, während er im Büroteil hinter der Theke verschwindet. Ich helfe nach: Lemmy? Kurt Cobain? Irgendein verstorbener Sänger auf jeden Fall. „Johnny Cash?“, schlägt Chris vor, doch der lebt ja noch. David Bowie war‘s natürlich. „So habe ich Bowie kennen gelernt, als Schauspieler“, erzählt Chris. „Und mich gewundert, warum der so gut singen kann.“ Der Film lief OmU beim Sommerkino, und da war Bowies wundervolle angenehme Sprechstimme bestens zu hören, so vertraut wie von seinen Alben.

Einen Milchkaffee hätte ich jetzt gern. Chris bereitet ihn vor, ist dann aber damit beschäftigt, andere Kundenwünsche zu erfüllen, deshalb händigt André, der kurz aus der Küche kommt, ihn mir aus. Eben war ich noch bei Simply British, dem kleinen, feinen Laden mit Waren aus Großbritannien, der in der Schützenstraße gegenüber der Karstadtspirale gelegen ist. Dort gibt es nämlich Pinguine. Vor mittlerweile 19 Jahren war ich mit Guido in Irland unterwegs, und dort naschten wir mit Vorliebe diese Keksriegel, Penguins genannt, mit den bescheuerten Wortwitzen und Scherzfragen auf der Rückseite. Wir erinnern uns nur noch an einen: „Q: What‘s a penguin on Leicester Square? A: Wrong.“ Später erhielt ich die Pinguine nur noch bei Abigail‘s, einem ähnlichen Shop in Kopenhagen, der indes seit zwei, drei Jahren nicht mehr existiert. Umso glücklicher war ich, als ich kürzlich in Braunschweig fündig wurde. Und das sogar in Mint. Nicht im Schallplattensammlervokabular, sondern mit Minzaroma, also quasi After Eight als Keksriegel. Und immer noch mit Scherzfragen. Heute habe ich mir die Toffee-Variante mitgenommen, ich bin sehr gespannt. Vor diesem Einkauf hatte ich ein feines Mittagsmahl beim Mezopotamiengrill und brauche jetzt den Verdauungskaffee.

Zurzeit stellt Roberta Bergmann ihre Gemälde im Riptide aus. Die betrachtet zurzeit aber kaum jemand, was nicht an den Bildern liegt, sondern daran, dass es die Regenpause den Gästen ermöglicht, auch mal wieder draußen zu sitzen, im Achteck zwischen den Caféhälften. Von dort strömt André mit Tablett und Bestellblock hinter die Theke und grinst: „Es hat sich gerade jemand bei mir einen Caipiranha bestellt und ich glaub, der meint das ernst.“ Wir freuen uns über das versehentliche Wortspiel. Und Chris erzählt vom „Remmidemmi“-Video von The Twang, deren neues Album „Wüste Lieder“ auf Riptide-Recordings erschien und deutschsprachige Songs in Countryversionen enthält. „Das haben sie in der Haifischbar gedreht“, erzählt Chris und erwähnt die Mariachibläser im Song. „Die sitzen da am Tresen, megageiles Video“, schwärmt er. Hab ich noch gar nicht gesehen, aber die Platte ist wirklich gut, weil The Twang die bekannten Songs nie einfach nur nachspielen, sondern inklusive Melodien komplett neu komponieren. Nur der Text bleibt.

Und dann war ja kürzlich auch Kulturnacht mit Riptidebeteiligung. Andrea und ich starteten unsere Tour gegenüber in der Einraumgalerie, weil Schepper dort spielte, inmitten von softpornografischen Fotos auf schwarzem Hintergrund. Und Schepper war auch wieder gut, auch humoristisch. Ein Stück brach er gleich zu Anfang nach recht kurzer Zeit ab, rotierte mit der Hand und sagte: „Und so weiter, und so weiter.“ An anderer Stelle sprach er von „mundgeblasenen Kristallgläsern“. Auch musikalisch riss er uns mit, die Stunde Solobasspsychedelik verstrich im Nu. Wir strichen weiter, am Riptide vorbei, vor dem Micha, Andreas und Raze auf den Beginn von Read ‘em All warteten, von denen ihrerseits Frank und Till ihres Triovervollständigers Axel harrten. Raze drückte mir sein neuestes Ambient-Tape in die Hand, „Gentle“, einseitig bespielt. Krass, diese Postmoderne. Doch Andrea und ich wollten weiter. Später erzählte mir Schepper, dass Axel, Till und Frank ihn auf seinem Weg vom Gig zum Taxi kurzerhand für ihre Metal-Lesung im Riptide verpflichteten. Und Schepper machte natürlich mit. Eigentlich wollten Andrea und ich aufs Groovetop, also aufs Dach der Kartstadtspirale, auf dem Stef und Micha eine Elektro-Party veranstalteten, die zwar weithin zu hören war, jedoch nicht mehr erreichbar, denn die Fahrstühle waren überfüllt und die Warteschlagen lang. Also bogen wir ab und gaben uns im Kreuzhof der Brüdernkirche das Alphornquartett. Seit kurzem schenkt man dort aus, man richtete also ein Café ein, und so standen Andrea und ich mit Wolters in der Hand im mächtig gefüllten Kreuzgang der Kirche und gaben uns entspannte Songs im Alpensound. Richtig großartig finde ich, dass man in dem Café von Menschen mit Behinderung bedient wird. Das ist gelebte Gleichstellung. Kurz darauf war die Kulturnacht dann auch schon fast vorbei. 23 Uhr ist für eine Nacht als Schlusszeit einfach viel zu früh.

Es gibt ein Mike-Patton-LP-Fach im Riptide. Das Album von Dead Cross, der neuen Band mit Patton und Dave Lombardo, steht dort allerdings nicht. „Das kommt erst in einer Woche heraus“, sagt Chris nach einer kurzen Recherche. Das Vorabvideo habe ich noch nicht gesehen, Chris schon. So überwältigend, wie es beschrieben wird, findet er es nicht, aber doch gut. Patton hat zuletzt nicht nur Aufregendes gemacht, finde ich, zum Beispiel das Comeback von Faith No More. Nicht brillant, aber wenigstens okay. „Das ist der Fluch derer, die an ihrem Meisterwerk gemessen werden“, sagt Chris. „Zum Beispiel Slayer: Das neue Album ist gut, aaaaaber nicht so gut wie ‚Reign In Blood‘.“ Dabei wird Dead Cross sogar mit Slayer verglichen, denn es ist sogar noch kürzer als „Reign In Blood“. Und bei Faith No More gibt es eigentlich nicht ein einzelnes Meisterwerkalbum, das für alle gilt; manche mögen schon „Angel Dust“ nicht mehr, andere mögen nur „Album Of The Year“.

Der DPD-Zusteller unterbricht uns mit einem riesengroßen Paket, das vermutlich randvoller Platten ist. „Kannst du das wieder mitnehmen?“, fragt Chris gespielt entkräftet. Dabei fällt mein Blick auf den Flyer zum Sedan-Bazar am 12. August, dem Straßenfest des Handelswegs. Schepper tritt wieder auf, das weiß ich, aber mehr noch nicht. „Wir stellen und bestücken die Bühne, also die Musiker“, sagt Chris. An der Rip-Lounge rollen sie den Teppich aus, der die Bühne darstellt, und stellen dafür das Musikprogramm zusammen. Dazu gehört auch jemand namens Barnautzki: „Der macht deutschsprachigen Bossanova-Jazzpop“, sagt Chris und gibt an André weiter. „Maniax“, beginnt er aufzuzählen, „Ralf, der Schlagzeuger von The Twang mit seiner neuen Band“, deren Name fällt ihm nicht ein, Chris hilft: „Irgendwas mit verkleiden“, und André zückt dafür einen Tonträger: „Das maskierte Wunder“, und Chris ergänzt, dass der früher auch bei Emma Peel war. „Und noch weitere“, schließt André die Musikprogrammliste ab. Chris steigt wieder ein: „Wir grillen auch wieder – ich sitze im hohen Gras und zirpe.“ Ich brauche einen Moment. Er fährt fort: „Neu ist: Wir machen ein Kuchenbüfett selber, alles hausgemachte Sachen.“

Und weil wir grad von Schepper reden, mit ihm und seiner Schwester Märry traf ich mich jüngst im Riptide. Diese Begegnungen sind selten, seit Märry nach Dänemark ausgewandert ist. In Roskilde lebt sie jetzt, kurze Wege zum Festival. Und nicht nur dahin. Weil Porto aus Dänemark so teuer ist und ich „Vemod“, das dritte Album von Solbrud, gern wie die ersten beiden auch auf Vinyl erworben hätte, bestellte ich es in einen Plattenladen in Roskilde, aus dem Märry es dann abholte und mir ins Riptide mitbrachte. Plattendeals im Plattenladen. Nur kurz darauf erfuhr ich, dass Solbrud in Hamburg spielten und ich an dem Tag sogar Zeit hatte. Mehr als zwei Jahre nach meiner intensiven ersten Begegnung in Leipzig würde ich sie wiedersehen! Nils kam mit. Vor den Astra-Stuben saßen die vier jungen Dänen in der raren Sonne. Sänger Ole blickte auf. „Ich war mir nicht sicher“, sagte er zögerlich und nahm mich zur Begrüßung in den Arm, die anderen drei folgten. Ich war baff und glücklich. Solbrud und ihre Begleiter Wildernessking aus Südafrika bereiteten sich noch auf den Gig vor, Nils und ich schlenderten in die Schanze, nur wenige Tage nach dem G20-Gipfel. Beide Auftritte waren dann großartig. Black Metal mit so mannigfachen genrefremden Strukturen, sehr berührend. Ebenso der Abschied von Solbrud: „Bis zum nächsten Mal.“

Hinter der Theke niest Chris, neben mir vor der Theke Niclas. Er ist erkältet und bestellt sich „eine heiße Sojamilch mit Honig“. Chris nickt und verspricht, sie ihm zu Serge nebenan zu bringen. Bei dem Wetter erkältet, kein Wunder. Doch das sei es nicht, sagt Niclas, er habe sich vielmehr am Arbeitsplatz Zug weggeholt. Erst vor wenigen Tagen erreichte er seinen Schulabschluss und bewarb sich an diversen Unis. Seine Traumuni ist die in Hildesheim: Er will Philosophie und Literatur studieren. „Nicht wegen der Stadt“, betont er, sondern weil der Studiengang dort einen so guten Ruf habe. Chris ist schneller mit der Sojamilch als gedacht, also nimmt Niclas sein bestelltes Getränk gleich selbst mit zu Serge.

Dann habe ich gleich mal einige Musikbestellfragen an Chris. Doch allesamt sind sie außerhalb der jeweiligen Bandshops nicht zu haben: Die „Slow Slippy“-12“ von Underworld, die neuesten EPs der Nine Inch Nails und die CD des neuen Projektes Black Line von Douglas McCarthy, dem Nitzer-Ebb-Sänger. Sehr schade: Erstere ist im Webshop nur per Kreditkarte zahlbar und ich habe keine, zweitere erfordern horrende Portokosten und letztere ist auf der Bandcamp-Seite ausverkauft. Dafür bestellt mir Chris die „Verdades“-7“ von The Eden House. Und wärmt mich nebenbei schon mal für das Wochenende rund um den 17. September an, dem zehnten Geburtstag des Riptide, während er einen Muffin auf einen Pappteller stellt und ihn in Alufolie einschlägt. Muffin to go? Eine Bestellung, bestätigt Chris, und erklärt, dass die Papiertüten, die er dafür üblicherweise verwendet, zurzeit aus sind. Den Muffin entnahm er der Kuchenglocke auf der Theke, die er kurz anhebt und um den entwendeten vierten Muffin ergänzt. Schick sieht das aus.

Ebenfalls niesend stellt sich Raze neben mich. „Ich habe Heuschnupfen“, wehrt er meine Frage nach Wetterfolgen ab. „So schlimm wie seit meiner Kindheit nicht.“ Seltsam, mein Heuschnupfen ist so abwesend sie seit 35 Jahren nicht. Raze ist extrem aufgebracht, nicht nur deshalb, sondern weil ihm seine Bank fürs Einzahlen von Münzen auf sein eigenes Konto satte sieben Euro abzog. „Ein alkoholfreies Bier?“, fragt Chris kurz dazwischen. Raze nickt und Chris reicht es ihm herüber. Die Bank ist nicht das einzige Thema, das Raze aufregt. Er springt in alle möglichen politischen Debatten, echauffiert sich darüber, wie bestimmte Gruppen auf bestimmte Informationen reagieren, und leert seine Flasche dabei in einem schier irrwitzigen Tempo. Chris öffnet ihm schon die nächste.

André kehrt aus seiner Pause zurück. Der Abend nähert sich, der Betrieb wird noch emsiger, beide rotieren. Ich auch, aber nach Hause. Bevor der nächste Regen kommt. Oder die ersten Pinguine.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#115 Drei schwarze Punkte in Klammern

20. Mai 2017


Samstag, 20. Mai 2017

„Hier hab ich noch nie gesessen, seit dem Umbau“, sagt Micha, als wir uns auf die neuen Bänke an der Wand im Café Riptide niederlassen, um unsere Kaffeekola zu trinken. Stimmt, seitdem verbrachten wir unsere Zeit entweder draußen im Achteck unter der Segeltuchplane oder gleich stehend am Tresen. Heute nicht, wir waren schon ein Eckchen zu Fuß unterwegs und lassen uns nun von unserer verringerten Kondition in die Knie zwingen. Ist ja auch schön. Neu sind hier außerdem die weißen Kunststofflampen, die die Tische zieren und zu dieser Tageszeit noch ausgeschaltet sind. Sie sind unverkabelt und erwecken den Eindruck, schwimmfähig zu sein. Am hellichten Tag endet da unsere Neugier; nicht die der Gäste am Nachbartisch, die den Mechanismus zum zweistufigen Illuminieren herausgefunden haben und damit herumspielen. Süß.

Vorhin trafen Micha und ich uns auf dem Kohlmarkt. Überraschenderweise findet heute „Braunschweig international“ statt, ein, zwei Wochen früher im Jahr als üblich, daher habe ich damit noch gar nicht gerechnet. Ohne Micha hätte ich das glatt versäumt, was ich dann doch sehr bereut hätte. Schon wieder eine regelmäßige Veranstaltung, die dieses Mal früher stattfindet als gewohnt; Rekordhalter ist die Kulturnacht, die vom August in den Juni vorverlegt wurde. Beziehungsweise strenggenommen vom August des vergangenen Jahres auf den kommenden Juni verschoben, denn das zweijährige Fest fiel 2016 aus.

Auch das Café Riptide nimmt als Austragungsort an der Kulturnacht am 10. Juni teil, die Pins zu fünf Euro, die den Eintritt zu allen Veranstaltungen ermöglichen, preist ein Schild auf der Theke zum Verkauf an. Das wird wieder eine Rennerei: Schepper spielt gegenüber in der Einraumgalerie, Die Müller Verschwörung, nur echt ohne Bindestrich und vormals noch Müller und die Platemeiercombo, spielt in der Sparkasse Dankwardstraße und Stef und Micha A., die unter anderem rund um Kult-Tour Der Stadtblog multimedial aktiv sind, veranstalten eine Party auf dem Karstadt-Parkhausdeck. Im Riptide stellt Roberta Bergmann „Vom Suchen und Finden“ aus, ab 22 Uhr lesen Axel Klingenberg, Frank Schäfer und Till Burgwächter als „Read ‚em All“ Texte rund um Heavy Metal und Artverwandtes. Die Alphorngruppe des Posaunenchors im tatsächlich idyllischen Kreuzgang der Brüderkirche klingt auch noch sehr reizvoll.

Aber zurück auf den Kohlmarkt: Bevor wir uns an die internationalen Stände wandten, zerrte mich Micha in die Stadtbibliothek zum Flohmarkt. Er hatte schon fette Beute gemacht und wusste, dass die Mitarbeiter dort unablässig die Kisten neu auffüllten. Unersättlich, der Mann! Darin, nicht nur, ähneln wir uns. Doch im Gegensatz zu ihm ging ich mit leeren Händen wieder aus dem schlossähnlichen Gebäude heraus. Das Angebot war mir zu groß und ich wusste ja, dass im Riptide noch zwei bestellte Platten auf mich warteten.

Dafür deckten wir uns danach auf dem Kohlmarkt mit Leckereien ein. Die thailändischen Zucchinipuffer und die haitianischen gebackenen Bananen waren meine Speisen der Wahl; wie üblich, aber die sind nun mal auch gut, und der Menschenmix macht immer wieder Laune. Die ganze Welt in Braunschweig.

Erwartbar wäre die ganze Welt für mich auch in Århus gewesen, das ich vor zwei Wochen besuchte, weil es Europäische Kulturhauptstadt ist, eine von zweien in diesem Jahr, aber man hat es dort aus unerfindlichen Gründen versäumt, im Jahr der Kulturhauptstadt die Kulturhauptstadt überhaupt in Erscheinung treten zu lassen. Die Museen Aros und Moesgaard sind auch den Rest des Lebens über offen und besuchenswert, aber gut, dann habe ich die eben auch endlich mal gesehen. Besonders das Aros mit dem begehbaren Regenbogen von Óláfur Elíasson auf dem Dach ist jede noch so kurze Reise wert.

Und die Plattenläden: Århus ist etwa so klein wie Braunschweig und damit trotzdem die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die größte auf dem jütischen Festland, und das werden wohl die Gründe sein, weshalb es dort mindestens acht freie Plattenläden gibt. Die sich auch noch alle gegenseitig empfehlen, wenn man in dem einen etwas sucht und es das dort nicht gibt. Zu meiner Freude fand ich dort die ein, zwei Sammlerstücke des verwunschenen Record Store Days, die es selbst im bestsortierten Riptide nicht für mich gab, sowie eine 7“ des Dänischen RSD, „Alle fangerne“ von The Sandmen nämlich, die ich direkt an meiner ersten Station neben der Kasse entdeckte und von der man mir in allen folgenden Läden, als ich nach deren ebenfalls rarer LP „Den bedste dag“ suchte, versicherte, dass sie nicht mehr zu haben sei, und dann doch recht verwundert guckte, als ich sie zwinkernd aus der Tüte zippte. Trotz der enttäuschenden Kulturhauptstadtssache hat mir Århus Spaß bereitet; aber in Dänemark keinen Spaß zu haben, das ist mir ohnehin nicht möglich.

In wenigen Momenten startet der letzte Bundesligaspieltag dieser Saison. Der Hamburger Sportverein und der Verein für Leibesübungen Wolfsburg treten unter anderem gegeneinander an; das Brisante an dieser Begegnung ist, dass das Ergebnis entscheidet, wer von beiden auf dem Relegationsplatz zur zweiten Liga landet. Und vermutlich gegen die Braunschweiger Eintracht um die Ligazugehörigkeit spielen muss. Die Eintracht ist morgen an der Reihe. Sie hat zwar den Relegationsplatz nach oben sicher, könnte aber rechnerisch noch direkt aufsteigen – wenn der Konkurrent aus Hannover verliert und Braunschweig mit ungefähr sechs Toren Differenz gewinnt. Möglich, aber unwahrscheinlich.

Noch lässt sich der Spielstand nicht abfragen, aber Micha scrollt durch Facebook und entdeckt, dass Stef eben auf Kult-Tour den Musik-Tanz-Ticker veröffentlichte, ihr wöchentliches Ankündigungsformat. Dabei kommen wir auf Jacqueline zu sprechen, und das wird jetzt meta, denn Jacqueline stolperte bei der Lektüre dieser Seiten über Stefs Blog und fragte diese, ob sie für Kult-Tour einen Gastbeitrag leisten dürfe, was Stef grundsätzlich begrüßt, und Jacqueline schrieb über ihre Ertbegegnung mit der „Sound On Screen“-Filmreihe von Universum-Kino und Riptide. Lustigerweise trafen wir uns an dem Abend nicht, obwohl wir beide da waren, aber Jacqueline sprach mich später bei der Indie-Ü30-Party im Nexus an. Ihren Text las auch Micha: „Es interessiert mich, wie jemand das sieht, der bisher keine Berührungspunkte hatte – wir kennen das alles.“

Sehr beeindruckt war Micha kürzlich von einem Frauenfußball-Spiel der U17-Europameisterschaft, da gerät er jetzt noch mächtig ins Schwärmen. Deutschland spielte gegen Spanien und gewann im Elfmeterschießen, obwohl sie die ersten beiden Elfer verschossen, erzählt er. Micha sieht sich auch gern die Spiele der Frauen des VfL Wolfsburg an. Die Frauenfußball-Europameisterschaft findet dieses Jahr in den Niederlanden statt; wir überlegen, ob die Spiele wohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden. Erst heute Morgen las ich, und zwar mit großer Freude, dass Bibiana Steinhaus als erste Schiedsrichterin für die Bundesliga der Männer zugelassen ist. „Das hab ich gelobt“, sagt auch Micha, und ärgert sich über die „fiesen Kommentare“, die diese Entscheidung hervorruft. „Das hat sie verdient, und es ist traurig, dass man das noch betonen muss“, sagt er. Finde ich auch. Männliche Schiedsrichter und Trainer sind im Frauenfußball normal, aber umgekehrt nicht. Auch das mit den weiblichen Kommentatoren finde ich viel zu selten. Micha entdeckt ein Zitat im Internet, das Ilkay Gündogan zugeschrieben wird: „Es haben also alle Angst, dass eine Frau ihre Sache nicht so gut macht, wie die Männer, über die sie sich jede Woche aufregen?“

Eine mittelgroße Gästegruppe mit einem sechs Wochen alten Baby schiebt sich Zug um Zug an unserem Tisch vorbei. Wir kennen uns aus der Hood, und fast alle bleiben sie nacheinander für Gespräche stehen. Kai teilt Michas Schwärmereien von dem U17-Spiel, mit Nils parlieren wir über Musik. Die beiden Vinyls, die ich gleich mitnehmen will, sind von David Bowie und !!!, die schwer zu googeln sind, wenn man nicht weiß, dass sie auch unter „Chk Chk Chk“ firmieren. Nils berichtet von einer Band namens …, die ihren Namen gar nicht ausgesprochen wissen will: „Hast du die neue LP von (Schweigen)?“ Nach drei Punkten kann man nicht googeln, der Zusatz „Band“ hilft da leider auch nicht weiter. Die Encyclopaedia Metallum listet eine indonesische Doomband namens „(((…)))“ auf, aber die können das nicht sein, weil die nicht nicht ausgesprochen werden wollen, sondern „Three black dots in the brackets“. Liest sich aber auch spannend.

Während Lara in der Küche hantiert, händigt mir Jakob meine beiden Schallplatten aus. Nicht nur die Werbung für den Kulturnacht-Pin steht auf der Theke, auch ein betrüblicher Anlass findet als Schild Widerhall: „Chris Cornell 20.7.1964 – 17.5.2017“ steht unter einem Foto des früheren Sängers von Soundgarden, Audioslave und Temple Of The Dog. Dazwischen macht eine Preisliste auf die gegenwärtige Ausstellung aufmerksam: Künstler Heinrich Römisch setzte sich großformatig mit Jazzgrößen auseinander, passend zum jüngsten „Sound On Screen“-Film „Miles And More“ über Miles Davis. Am nächsten Jüngsten im Riptide bin ich sogar selbst beteiligt: Mein „Rille Elf“-Freund Uwe, unter anderem bekannt durch das „Fanclub Soundsystem“, lud mich ein, am 2. Juni ab 21 Uhr mit ihm im Riptide aufzulegen, Motto: „Unsere kleine Show“. Gleichzeitig veranstaltet Schepper in den nun rauchfreien Lounge den Bassstamtisch, das passt perfekt.

Für Micha und mich ist nun Feierabend. Die Relegation bleibt in der Region: Wolfsburg verlor gegen den HSV und darf, so das Unwahrscheinliche nicht doch noch eintritt, gegen Braunschweig und gegen den Abstieg spielen. Das erfahren wir per Smartphone auf unserem Heimweg, den wir bis zum Video-Buster gemeinsam antreten, denn dort kehren wir ein, weil der Buster schließt und Ausverkauf hat, wo Micha nochmal zuschlagen will. Schade um den Laden, denn wenn Micha und ich dort Martin besuchten, war das immer fast wie in „Clerks“, ein anachronistisches Abenteuer mit aus der Welt gefallenen Geschichten. Zwar habe ich mir nie eine DVD geliehen, aber die Zeit dort war immer charmant. Irgendein überlebensgroßer Dämon posierte vor den Verkaufs-DVDs, veraltete Pappaufsteller lungerten in Ecken und struppige Grünpflanzen auf dem Tresen herum, es gab Knabberzeug und Getränke, irgendein Action-Film lief immer auf einem kleinen Fernseher, während das Radio eingeschaltet war. Es kamen Leute in Jogginghosen hereingestürmt, oft junge Paare, die sich gemeinsam Filme aussuchten, oder einzelne, die die geliehenen DVDs zurückbrachten. Wir unterhielten uns natürlich über Filme, logo, und es war immer ein Genuss, Micha und Martin beim nerdnahen Fachsimpeln zuzuhören. Vorbei. Bedauerlich. Bin gespannt, wo Martin nächsten Monat unterkommt. Ich habe mit meinen beiden Schallplatten für heute genug eingekauft und verlasse die beiden. Fröhlich lachend, wie immer. Das geht an einem solchen Ort auch gar nicht anders. Gottlob.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#110 Scheiß 2016

22. Dezember 2016


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weltweit ist man sich einig: 2016 ist ein Scheißjahr. Es startete mit dem Tod von David Bowie und schickt sich dazu an, sich mit dem mehrfach tödlichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zu verabschieden. Dazwischen: Rechtsruck, Terror, Krieg, Trump, AfD sowie weitere zu beklagende Künstlertode. Dem jüngsten mit Bezug auf den Geschmack des Riptide-Publikums huldigt auf der Theke ein Pappaufsteller, ähnlich dem für Bowie im Januar: „R.I.P. Leonard Cohen 21.9.1934 – 7.11.2016 – We are ugly but we have the music“ steht unter einem Foto des Kanadiers.

Aber das kann ja nicht alles sein. Ich zumindest will nicht ein ganzes Jahr als nur scheiße verbuchen müssen. Mein persönliches hatte einiges zu bieten, das über das Gewöhnliche weit hinausging: den Kinofilm von Stef und Micha zum 100. Riptide-Blog-Eintrag, das Konzert im Tegtmeyer mit Blinky Blinky Computerband, vergnügliche Veranstaltungen mit Rille Elf an wechselnden Orten sowie der Indie-Ü30-Party im Nexus, meine Reisebegegnungen in Thy, Sanremo, Nizza und Kopenhagen, der 50. Geburtstag eines Dänischen Freundes in Roskilde, recht persönliche After-Show-Gespräche mit Oliver Kalkofe und Friedrich Liechtenstein, Konzertausrichtungen im Nexus mit Kult-Tour Der Stadtblog und zum Jahresabschluss auch noch die Entfristung meines neuen Arbeitsvertrages: geht doch!

Im Riptide will ich herausfinden, was für andere Menschen gar nicht so scheiße war an diesem 2016. Die beiden Chefs André und Chris habe ich um nur fünf Minuten verpasst, sagt mir Max hinter der Theke. Also gibt er mir die erste Antwort.

Max:

„Privat war gar nicht so scheiße, dass ich hier angefangen habe zu arbeiten. Global: Das neue Stones-Album war gar nicht so scheiße. Ich habe reingehört und bin wirklich sehr sehr positiv überrascht. Sie haben ganz viele alte Bluesstücke genommen, die sie geil fanden, und auf ihre Weise vertont. Und Terence Hill ist noch nicht gestorben. Und politisch war wirklich nichts gut.“

Vielleicht, dass die AfD in Braunschweig nicht ganz so große Anteile im Stadtrat bekommen hat wie anderswo? Max nickt: „Das ist ein verhältnismäßig kleines Bekenntnis zur eigenen Dummheit.“ Im Riptide arbeitet er noch nicht mal seit einem Vierteljahr, seit 1. Oktober nämlich: „Richtig frisch und der allererste Gastrojob sowieso.“ Damit finanziert er sich sein Studium. Für meine Reise durch da Jahr der Gäste bestelle bei ihm ich als Proviant ein Glas Glühwein.

In der Ecke am großen Fenster sitzt ein gutgelauntes Paar am Tisch und hält mit der jeweils freien Hand, die nicht ein Getränk umklammert, die Hand es jeweils anderen fest. Marc, der heute in der Küche herumwirbelt, bringt mir meinen Glühwein und einen Karamellkeks an den Tisch.

Nelipot & Gordon:

Gordon: „Das ist schwer.“
Nelipot: „Dass ich ihn getroffen habe – das war nicht scheiße.“
Gordon sieht sie lächelnd an.
Nelipot, grinsend: „Jetzt bist du unter Druck!“
Gordon: „Muss ich was sagen?“
Nelipot: „Du hast dich selbst getroffen.“
Gordon: „Ich hatte heute eine Blasenspiegelung.“
Das zählt zu den Sachen aus diesem Jahr, die nicht scheiße waren?
Gordon: „Das ist eine Frage des Blickwinkels. Der Arzt sah nicht unglücklich aus.“
Nelipot: „Im chinesischen Horoskop bin ich Affe, und es heißt, das eigene Jahr wird scheiße, alle zwölf Jahre wird also ein Scheißjahr.“
War dieses Jahr denn dann scheiße?
Nelipot: „Es war richtig scheiße. Ich war dreimal im Krankenhaus. Ich war mehr im Krankenhaus als irgendwo anders.“

Nelipots Akzent macht mich neugierig, sie sagt „kinesisch“. Und richtig, sie ist nicht aus Braunschweig: „Ich bin Schottin.“ Okay, das hätte ich jetzt aber auch nicht erwartet, sondern eher irgendwo aus Süddeutschland. Das stimmt zumindest ansatzweise, denn sie pendelte immer zwischen diesen zwei Regionen und kam vor zwei Jahren erst wieder nach Deutschland zurück. Kennen gelernt haben sich Gordon und Nelipot nicht in Braunschweig, sondern in Königslutter. In der Psychiatrie. Und zwar als Patienten. „Ich wurde gestern entlassen“, erzählt Gordon und zeigt auf sein Astra: „Das ist mein erstes Bier in Freiheit.“ Die beiden strahlen so vergnügt, dass es ansteckt. „Ich habe gute Zeiten gehabt in der Psychiatrie“, sagt Nelipot. Das findet Gordon auch: „Ich habe tolle Leute kennen gelernt.“ Da ich selbst auch so meine psychiatrischen Erfahrungen habe, fühlen wir uns verbunden. Das Internet verrät mir später übrigens, dass ein Nelipot jemand ist, der weitestgehend barfuß durch die Welt läuft.

In der anderen Ecke sitzt Tolga am Tisch, seine Ohren unter großen Kopfhörern verborgen, die er mit Musik aus seinem aufgeklappten Laptop versorgt. Für mich nimmt er die pinken Kopfhörer ab.

Tolga:

„Für mich persönlich war der Sommer nicht scheiße – aber ob er das auch gemessen an alten Sommern war, kann ich nicht behaupten. Gesamtgesellschaftlich: Hmmm. Dieses Jahr war vieles gut, schon am Anfang: Im Mai war ich in Portugal, das war geil, das war ein Reiseziel, das ich schon immer sehen wollte, Lissabon ist eine tolle Stadt, sehr gediegen. Von dort aus ging’s nach Porto hoch.“

Er schwelgt in Reiseerinnerungen. Ich habe Portugal noch nicht bereist, das steht noch aus. Tolga lebt in Hamburg und wartet hier auf seinen Bruder. „Einmal war ich schon im Riptide, da drüben“, sagt er und deutet auf die Rip-Lounge. Ursprünglich kommen beide aus einem Dorf im Landkreis Peine. Der Bruder arbeitet momentan noch: „Ich habe anderthalb Stunden Wartezeit“, sagt Tolga und stülpt sich seine Kopfhörer wieder über.

Einen Tisch weiter nehmen André und Matthias Platz, nacheinander, weil Matthias noch seinen Nachwuchs mit Spielsachen aus der Kiste am Fenster ausstattet. André ist als Journalist in Braunschweig unterwegs. Ich lagere meine inzwischen leere Glühweintasse und meinen Keks auf dem Tisch vor ihnen zwischen und frage: Was war für die beiden nicht so scheiße an 2016?

André & Matthias:

André: „Das Jahr ging gleich gut los mit dem neuen Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.“
Matthias: „Bei mir ging’s mit ‚ner Steuernachzahlung los.“
André: „Gut war, dass ich mal ’ne Woche rausgekommen bin, das ist auch nicht so selbstverständlich. Las Palmas, da war ich 2014 schon, das habe ich wieder aufgenommen.“
Matthias: „Ich lebe noch.“
André: „Bei dir war ja das mit dem Bild.“
Matthias: „Es fing scheiße an, ich hatte ein Bild auf meiner Homepage, an dem ich nicht die Urheberrechte hatte. Fast zehn Jahre – wären es über zehn Jahre gewesen, wäre es verjährt.“
André: „Das HAUM war auch ein kleines Fest. Die Drei-Stunden-Pressekonferenz, zu der ich drei, vier Geschichten abgesetzt habe. Das war ein Fest, dass nach sieben Jahren alles wieder begehbar ist – für mich ein Highlight, städtisch auch. Alle haben dem entgegengefiebert, jeder dachte, das macht nie wieder auf. Die Klassiker im neuen Gewand.“

Mit dem HAUM meint André das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, das sich selbst jedoch grammatisch inkorrekt nicht durchkoppelt, sondern als einen Herzog darstellt, dessen Vorname Anton und der Nachname Ulrich-Museum lautet. Max kommt an den Tisch und nimmt die Bestellungen auf, beide hätten gern einen Bonanza-Burger mit Käse und einen Cappuccino. Jeweils.

André: „Dieses Jahr habe ich nur wenige Konzerte gesehen.“
Matthias: „Ich auch.“
André: „King Crimson habe ich in Hamburg gesehen, mit Katrin und Uwe von Raute. Und The Wedding Present – wie konnte ich das vergessen! Im Hafenklang, das war grandios.“

Das einzige Konzert, das Matthias dieses Jahr sah, war eine klassikähnliche Veranstaltung, die er „furchtbar“ fand und André zu verdanken hatte. Sie waren beide reichlich abgeneigt davon. „Ich habe mir alles hinterher zurückgeholt bei der After-Show-Party“, winkt Matthias ab. Im Riptide braucht er das nicht, da kommt Max mit dem Tablett vorbei und stellt das Bestellte auf den Beistelltisch.

An der Theke sammeln sich soeben zufällig lauter Kulturtreibende: Volker, der noch auf Beate wartet, Thomas vom KULT-Theater und Roland, dessen Seemannslieder ich kürzlich bei Ollys Verlobunxfeier lachend lauschen durfte. Meinen Karamellkeks trage ich immer noch bei mir. Er bekommt einen Interimsplatz auf der Theke und die Leute um mich herum meine Frage gestellt.

Thomas, Roland, Volker & Beate:

Thomas: „Mein 2016 war gut.“
Roland: „Mein Monat Papaurlaub war gut. Mein Sohn ist geil. Mit ihm ist jedes Jahr ein geiles Jahr.“

Roland grinst breit übers ganze Antlitz und steuert das Sofa an, auf dem der juvenile Erwähnte seiner Mutter gegenüber sitzt.

Thomas: „Zu mir kommen immer mehr Leute ins KULT, dadurch kennen das immer mehr und lernen das noch mehr Leute kennen. Ich hatte keinen Überfall, keine Bomben, keine herrenlosen Taschen – super, alles gut! Ich hatte großartige Veranstaltungen und stehe immer noch jeden Morgen mit einem Grinsen auf, seit sechs Jahren.“

Das KULT, das kleinste Theater der Stadt, zog vor einiger Zeit vom Hagenmarkt in den Schimmelhof um, Anfang des Jahres sah ich dort zumindest eine Veranstaltung. Vier Jahre lang gibt es das KULT insgesamt, seit sechs Jahren ist Thomas selbständiger Theaterspieler.

Thomas: „Im Figurentheater zeige ich noch ganz viel. Und ich habe mir zu Weihnachten eine singende Säge geschenkt. Die kann man im Musikalienhandel kaufen. Ich habe sie gestern ausprobiert und ein paar Töne rausgelockt. Das ist anstrengend. Man muss sie zweimal gebogen halten, ein S machen. Wenn ich da mehr Töne rauskriege und die auch in Folge, werde ich sie einsetzen. Im Moment quietscht es nur und ich werde wohl meine Wohnung verlieren.“

Thomas legt KULT-Programme und Poster auf die Theke und verabschiedet sich, um seinen Werbezug durch Braunschweig fortzusetzen.

Beate: „Toll war, im Garten rumzubuddeln.“
Volker und Beate sprechen kurz über weitere Höhepunkte.
Beate: „Das Riptide natürlich. Der schöne Duft, wenn du reinkommst, duftet es immer so toll. Das Riptide ist toll. Auch, wenn es mal keinen Platz gibt, wie jetzt – deshalb gehen wir weiter.“
Volker: „Ich hab Urlaub. Seit jetzt.“

Und auch die beiden treten in die Dunkelheit hinaus. Betta und Leona unterhalten sich an dem Tisch direkt neben der Eingangstür. Ich lege meinen Karamellkeks ab, um alle Hände frei fürs Schreiben zu haben, und biete ihn Leona an, die ihn dankbar mit Betta teilt. Wortlose verlässliche Freundschaft.

Betta & Leona:

Betta: „Bei mir war nicht scheiße, dass die Zeit nicht so schnell vergangen ist – das war mein längstes Jahr. Sonst geht es immer so schnell weiter“
Leona: „Ist das nicht immer dann so, wen es doof ist?“
Betta: „Nein. Wenn du von Januar erzählst, denke ich, das war vor zwei Jahren.“
Leona: „Die Schule hat geklappt, das Abitur, aber ich hab jetzt nicht damit gerechnet, dass es nicht klappt.“

An der IGS Querum machte Leona ihr Abitur. Die beiden wirken infektiös glücklich. Und auch so glücklich, wie Roland seinen Sohn am Strohhalm nuckeln lässt, fordert er mich glatt dazu auf, mich noch einmal zu ihm zu gesellen und meine Frage auch an die Kindsmutter Eva zu richten.

Eva & Roland:

Eva: „Unser Kind.“
Roland: „Das habe ich auch gesagt.“

Roland erwähnt eine Metal-Band aus Wolfsburg, von der ihm jemand vorschwärmte. Es gibt einen indirekten Link zu ihm: Der Verwandte eines der Bandmitglieder spielt bei Kinnara, den Proberaumnachbarn von Rolands Band Lump.

Jetzt bin ich einmal im Riptide herumgekommen, abgesehen von der Rip-Lounge. In der Küche ringe ich nun Marc, den viele Stecky nennen, „selbst meine Mutter“, eine Antwort auf meine Frage ab, was 2016 nicht so scheiße war.

Marc:

„Unsere Kanzlerin. Mit ihrem Statement zur Flüchtlingspolitik. Ich bin beileibe kein CDU- oder CSU-Wähler! Und Martin Sonneborn im EU-Parlament mit seinen Statements. Sick Of It All, deren dreißigjähriges Jubiläum!“

Die entsprechende Box zu diesem Geburtstag der New-York-Hardcore-Band steht im Riptide bei den Punk-Platten. Marc kehrt in die Küche zurück und Niclas betritt zum Zechezahlen das Café.

Niclas:

„Ich bin aufm Sprung, ich muss überlegen.“
Also zahl er zunächst zwei Kaffee und zwei Rotwein bei Max. Er wählt seine Worte behutsam aus:
„Nicht so scheiße war, dass ich Momente hatte, die mit leichten Irritationen einhergehen und bei denen man sich fragt: Hab ich Fehler gemacht, kann ich mir was vorwerfen, war ich ungerecht? Das kann ich mich Sicherheit mit Ja beantworten. Mein Fazit ist, dass die Grundintention eine richtige ist und dass sich das Gefühl entwickelt, dass einen veranlasst, sich nicht grämen zu müssen, sondern die Kraft erhält, so weiterzumachen wie in der Vergangenheit, dann ist das eine Quelle, aus der man Kraft schöpfen kann. Gut war, dass ich das 30. Lebensjahr vollendet habe und um ein Vielfaches jünger aussehe – das gilt es zu bewahren. Und gut wird die Weihnachtsgans – davon gehe ich aus.“

Ein besinnlicher und reflektierter Abschluss. Doch die letzten Worte haben Max und Marc.

Max & Marc:

Marc: „Ich bin froh, hier zu arbeiten.“
Max: „Wir haben wunderbare Chefs.“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#107 Zwillinge

23. September 2016


Freitag, 23. September 2016

So richtig oft bin ich in diesem September leider gar noch nichts ins Café Riptide gekommen. Anfang des Monats war ich da, weil meine Bestellung eingetroffen ist: „Mausoleum“, die neue EP von Myrkur, dem dänischen Ein-Frau-Black-Metal-Projekt, das nach dem Isländischen Wort für Dunkelheit benannt ist (weil es auf Dänisch mit „Mørk” deutlich weniger mystisch-eindrucksvoll klänge) und im titelgebenden Bauwerk live aufgenommen wurde, mit einem Kinderchor und ohne die üblichen Bandinstrumente. So geht Black Metal heute. Außerdem nahm ich mir die aktuelle Intro mit und bestellte mir die neue EP von Placebo, die wie ein Hit von Talk Talk heißt und die angekündigte neue Best-Of begleitet: „Life’s What You Make It“. Kein Wunder: Es ist ein Cover des nämlichen Songs. Nicht das erste, nach The Gathering und Rowland S. Howard, den Placebo auf der EP kurioserweise ebenfalls covern, mit „Autoluminescent“. Nicht bestellen konnte mir Chris leider die „Disintegration EP“ von Vanessa van Basten, einer Stoner-Doom-Band, die deren Label Taxi Driver Records kürzlich wiederveröffentlichte. Wie es der Titel suggeriert, verdrogen die Italiener darauf vier Songs von The Cures gleichnamigem Album, was die neuen Titel wie „Plainbong“ deutlich machen. Das Label ist jedoch zu klein, um international bestellbar zu sein; für den Erwerb der EP muss ich wohl wirklich mal wieder nach Italien fahren.

Okay, dieses Mal aber nicht nach Genua, Stadt von Taxi Driver Records, sondern weiter nach Westen, nach Sanremo, kurz vor der Grenze nach Frankreich. 1999 war ich schon mal in der Gegend und machte einen kurzen Ausflug in die Stadt. In meiner Erinnerung lebte Sanremo vom Glanz der Vergangenheit: In den Fünfzigern und Sechzigern war es der Inbegriff des Edelurlaubs, mit Riviera, Strandpromenade, Luxus, Jet Set, Hollywoodstars. Seitdem, so mein Eindruck von vor 17 Jahren, hat man in der Stadt den Anschluss an die Zeit und den Blick für Sanierungsfirmen verloren. Da ich aber in den zurückliegenden drei Jahren weite Bereiche Liguriens zwischen La Spezia und Savona besucht habe und ich Ligurien sehr mag, fahre ich ein Stückchen weiter und lasse ich mich eben neu auf Sanremo ein.

Meine Gastgeberin Manuela, rund 20 Jahre älter als ich, ist gleich der erste gute Eindruck, den ich von Sanremo habe. Da sie kein Englisch spricht und mein Italienisch für ausgefeilte Kommunikation zu rudimentär ist, organisiert sie einen Freund aus dem Geschäft gegenüber als Dolmetscher. Marco vermittelt den ersten Inhaltskontakt zwischen uns und gibt mir seine Telefonnummer, falls es bei uns zu Verständnisschwierigkeiten kommen sollte. Kommt es nicht: Manuela befleißigt sich einer so einfachen Sprache, dass ich ihr meistens folgen kann und wir stante pede auf ihrem Balkon in tiefe Gespräche abdriften. Anfangs habe ich noch große Schwierigkeiten, ihr zu folgen, doch alsbald gesellen sich neue Vokabeln zu meinem bescheidenen Wortschatz und wir tauschen uns intensiv aus. Gelegentlich greifen wir auf Französisch zurück, einzelne Wörter kennt sie auf Englisch und sogar auf Deutsch; bezeichnenderweise sind dies etwa „verboten“ und „Arbeit“. Eines Abends präsentiert sie mir ein eigens angeschafftes Englisch-Lernbuch, und weil sie es sich sehr zu Herzen nimmt, diese Sprache zu erlernen, nennt sie mich konsequent Mathew, obwohl ich ihr sogar Matteo angeboten habe. Besonders freue ich mich über die Restauranttips, die sie mir zukommen lässt. Ich probiere sie alle aus. Alle. Ligurische Küche! Es dauert rund eine Woche in Italien, bis ich erstmals eine Pizza oder Pasta esse. Der Rest: Fisch. Und einmal Kaninchen.

Sanremo ist klein und übersichtlich, man kann alles zu Fuß erreichen. Wie in jeder mir fremden Stadt frage ich in der Touristeninformation auch nach Plattenläden: Immerhin einen soll es noch geben. Den finde ich auch. Der Eigentümer tut sich mit mir etwas schwer. Ich frage ihn nach Vanessa van Basten. Kennt er nicht. Vom Label Taxi Driver aus Genua. Kennt er nicht. Ob er mir die Platte denn bestellen könne? Kann er nicht. Mit einigem guten Willen verkauft er mir das neue Album von Lou Dalfin, „Musica Endemica“. Die Band empfahlen mir meine Airbnb-Gastgeber in Genua vor zwei Jahren: Lou Dalfin, „Der Delfin“, singen Folklore eines abgelegenen Tals in Italien nahe Frankreichs in einem Dialekt dieser Gegend, aber mit modernen Instrumenten. Klingt ein bisschen wie deutsche verrockte Mittelaltermusik, nur ohne die doofen Texte und mit einem breiteren Stilangebot. An deren CDs heranzukommen, ist gar nicht so einfach; umso mehr freue ich mich, dass der unwillige Schallplattenmann in seinem unaufgeräumten Laden nicht nur sofort mit meiner Anfrage etwas anzufangen weiß, sondern mir sogleich die CD in die Hand drückt.

Mein Eindruck von Sanremo überdies wiederholt sich. Es kommt mir vor, als wolle es versuchen, heutige Touristen mit den Mitteln der Fünfzigerjahre zu neppen. Zu bieten hat es dabei nichts, bis auf das Casino und das Meer. Keine Museen, keine Besonderheiten, nichts. Na gut: Eine russische Kirche, die zurzeit eingerüstet ist, eine Altstadt, von deren zwei einzigen Restaurants eines zurzeit wegen Renovierung geschlossen ist und die bis auf das weithin sichtbare Sanktuarium auf dem Gipfel komplett heruntergerockt aussieht, sowie eine Festung, die zwar eine attraktive Ausstellung mit Stoffdesign der Dreißiger bis Sechziger zeigt, deren eigentliche Räume man aus mir nicht verständlichen Gründen (Italienisch) aber nicht besichtigen kann. Dennoch, nicht nur mit Manuelas Hilfe mache ich abseits der Via Giacomo Matteotti, der Einkaufsstraße, drei Straßen aus, die mit Cafés und Restaurants und einigem Flair auf mich einen einladenden Reiz ausüben: die Via Francesco Corradi, die Via Gaudio und der Corso Garibaldi. Schnell habe ich den Stadtplan verinnerlicht und bewege mich weitgehend fehlerfrei durch die Straßen und Gassen, zwischen Hafen und Altstadt.

Mir fällt auf, dass sich viele Menschen hier in Sanremo so verhalten wie zu Hause in Braunschweig: schlechter Service, grußloses Vorübergehen, kein Kontakt zu Fremden, brüsker Umgang. Also das Gegenteil von dem, weshalb ich so gern in Italien bin. Ich bin enttäuscht. Und erstaunt, dass Manuela als Bewohnerin mir meine Wahrnehmung bestätigt; es liegt also nicht an meiner Stimmung, wie auch immer die geartet sei. Worauf habe ich mich da nur eingelassen. Na, zumindest auf Manuela, die mir mit ihrer guten Laune, ihrem Humor und ihrer Fürsorglichkeit eine wundervolle Zeit in ihrem Heim bereitet.

Bereits vor der Reise hatte ich die Idee, mir von Sanremo aus einen Tagesausflug nach Nizza zu gönnen. Per Zug ist das ganz einfach. In Nizza war ich noch nie, habe es gerade mal 1999 bis Monaco geschafft, also bin ich neugierig. Und vorsichtig, angesichts der Nachrichten mit dem Anschlag, als ein Einzeltäter mit einem Lastwagen auf der weltberühmten Promenade Dutzende Menschen tötete. Zudem machte ich im benachbarten Monte Carlo die frustrierende Erfahrung, dass man mich mit meinem Schulfranzösisch nicht verstehen wollte: Wie sollte ich dann bloß in Nizza zurechtkommen?

In der Touristeninformation sagt man mir, dass es in Nizza wohl nur einen Plattenladen gäbe, einen Fnac. Das ist eine Kette, die ich schon in Antwerpen entdeckte. Der Touristeninformant beschreibt mir den Weg in ein Viertel, in dem es immerhin Musikalienhändler gibt, was die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dort auch auf Plattenläden zu stoßen. Das bewahrheitet sich zwar nicht, dafür schlendere ich aber durch eine weitgehend touristenfreie Gegend, bevor ich den Fnac aufsuche, ohne dort etwas zu finden (zum Beispiel jüngere Alben von Magma, die mir noch fehlen), und mich den Touristenecken widme. Am Hafen, gleich bei den Antiquitätenbutzen, bekomme ich Lust auf einen Kaffee. Ich wühle in meinem Französisch herum und treffe auf einen Wirt, der Lust auf Kommunikation hat. Wir scherzen und lachen, er berichtet von Fußball: „Deutschland war gestern hier.“ Ach, was war denn, WM-Qualifikation? Er deutet auf eine Zeitung: Europapokal, Schalke trat gegen OGC Nizza an. Und gewann 1:0. Was den Wirt nicht daran hindert, mit mir gemeinsam weiterzulachen. Und mir meine Nachlässigkeit vorzuwerfen, den Milchschaum nicht aufgegessen zu haben. Er schäumt extra neue Milch auf und gieß sie in meine Tasse. Schon jetzt hat Nizza Punkte gemacht.

Auf dem Weg zur Promenade komme ich an einer Treppe zur Burg vorbei. Natürlich gehe ich da hoch. Städte von oben finde ich immer reizvoll. Bei dem strahlenden Sonnenwetter ist der Ausblick von der großflächigen Ruine aus doppelt wundervoll: links das Meer, mittig die Promenade, rechts die Altstadt. Über mir spannen Pinien ihre Nadelblätterdächer. Es riecht wundervoll. Ich versuche, den Abstieg zur Altstadt zu finden, und nehme ein lauter werdendes Rauschen wahr. Zwischen dichten Blättern ergießt sich ein künstlicher Wasserfall inmitten des Burgrestes. Ich staune. Gischt kühlt die Besucher. Mir kommt ein junges Paar entgegen. Er fragt mich, ob ich weiß, wo der Wasserfall beginnt. Weiß ich nicht, aber er könne es mir ja sagen, wenn er die Quelle gefunden hat. „Komm doch mit“, sagt er, und – natürlich: Ich komme mit. Wir stellen uns vor: Sie, Nuha, kommt aus Jordanien und er, Baz, aus Kanada. Er ist beruflich in Nizza und traf hier zufällig auf sie; wie Nuha mir später erzählt, nur fünf Minuten vor mir. Also kein Paar, nicht mal alte freunde. Von Baz erfahre ich, dass das, was ich über seine Heimatstadt gelernt habe, nicht umfassend stimmt: Nach meiner Kenntnis spricht man Montreal französisch aus, er hingegen verwendet die englische Fassung. In dem Film „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ überführt die vermeintlich falsche Aussprache einen Aufschneider. Doch 30 Prozent der Bewohner sprächen Englisch, sagt Baz. Ich will weiter, in die Altstadt, und darf den Zugfahrplan nicht aus den Augen verlieren. Wir tauschen Kontaktdaten aus, denn Nuha will in ein paar Tagen nach Sanremo kommen, vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee.

Beim Abstieg verlaufe ich mich und gelange auf die Promenade. Das ist also die weltberühmte Edelmeile an der Côte d‘Azur? Ein langes Stück Teer mit Palmen dran. Kein Glitzer in Nizza. Und auch keine Pizza, jenseits der Straße säumen zwar Restaurants die Zeile, aber ich schlängle mich in die Altstadt weiter. Die ist wirklich schön, eng, dicht gedrängt mit Läden und Cafés, die den hübschen Häusern mehr als nur Optik verleihen. Sieh her, Sanremo, so geht das auch mit seinen Architekturaltlasten. Man erkennt hier das italienische Erbe und ich begreife, warum die Stadt, die eigentlich Nice heißt, bei uns den alten italienischen Namen trägt: Die Geschichte schob hier öfter mal die Grenze herum. Auf manchen Tafeln an den alten Häusern steht sogar noch eine dritte Version: Nissa. Die Leute hier tragen teilweise noch italienische Nachnamen, und auch in den Straßenbezeichnungen schlägt sich die Historie nieder. In der Rue Rossetti zum Beispiel suche ich mir ein Café. Einen regionalen Wein möchte ich probieren, aber das traue ich mir nicht zu, auf Französisch auszudrücken. Mir kommt in der Tür ein Mann entgegen, den ich auf Französisch frage, ob er Englisch spricht. Er antwortet etwas, freundlich grinsend und gutgelaunt, und diese Antwort verstehe ich nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie überhaupt auf Französisch war oder ob das der Versuch war, Englisch zu benutzen. Eine Kollegin hörte das und kommt grinsend dazu. Sie bestätigt, dass sie Englisch spricht, und fragt den Kollegen: „Do you speak English?“ Der Mann grinst und sagt: „Oui.“ Sie nickt mir zu: „That means ‚no‘.“ Meinen lokalen Wein bekomme ich und gut schmeckt er mir auch. Nizza hat also mächtig positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann die Stadt dem Wolfsburger Rapper, der sich nach ihr benannt hat, nur empfehlen.

Zurück in Sanremo. Hafenrundfahrten oder Bootsausflüge werden von hier aus nicht angeboten. Noch so ein Fehlschlag, tse! Die einzige Möglichkeit, hier am Meer auch mal aufs Meer zu kommen, ist, sich beim Whalewatching anzumelden. Klingt nach Nepp, aber sie versprechen für 34 Euro eine mehr als vierstündige Tour aufs offene Mittelmeer. Da melde ich mich doch mal an. Am Abfahrtstag werde ich jedoch vertröstet: Das Wetter sei schlecht, ich könne mich für die nächste Tour reservieren lassen. Das mache ich. Und gehe zu Fuß zu einem Strand, den mir Manuela empfahl: Valecrosia, immer die alte ligurische Bahnstrecke am Meer entlang, die man inzwischen für Radfahrer aufbereitet hat. Valecrosia liegt jedoch knapp 15 Kilometer entfernt. Ich komme am malerischen Ospedaletti vorbei, lasse das überfüllte Bordighera hinter mir und durchquere auch den Tunnel, der die Geschichte von etwas erzählt, von dem ich bis kurz vor meiner Reise noch gar nichts wusste: Milano-Sanremo, ein Radrennen. Juri erzählte mir davon, und der kennt sich mit so etwas aus, schließlich organisiert er die Critical Mass Braunschweig, die monatliche Radtour durch die Stadt, an der immer so um die 500 Radfahrer teilnehmen. So ist das, wenn man sensibilisiert wurde: Plötzlich sehe ich in Sanremo überall Radrennsporthinweise. Der Strand von Valecrosia ist wirklich schön, sehr weit, sehr kieselsteinig, und ich bin froh, dass ich mir die Lust auf ein Bad schon in Bordighera erfüllte, denn inzwischen zeigt mir das Meer, was es mit der Whalewatchingabsage auf sich hat: Es schäumt über. Die Wellen sind meterhoch und verweigern mir den unfallfreien Zutritt. Zugucken kann ich ihnen aber, wie sie ständig die Oberfläche der See umgestalten und mich mit mannigfaltigen Formen berauschen. Ein schöner Ausflug mit den Füßen. Zurück geht’s aber mit dem Bus.

Für den folgenden Tag habe ich noch keine Pläne. Als wüsste Manuela das, schlägt sie mir vor, mich mit ihrem uralten Fiat, den sie „Regina“ nennt, Königin, nach Bussana Vecchia mitzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Stadt, die 1887 von einem Erdbeben teilzerstört und in den Sechzigerjahren von Künstlern illegal neu besiedelt wurde. 1999 war ich schon mal dort, schlenderte durch die Gassen, betrachtete die eher kunsthandwerklichen Exponate und die pittoreske Kulisse des Verfalls und fand es ganz nett dort, so ohne Wasser und Strom. Ein bisschen ist es auch heute noch so, nur kommt mir die Stadt nun aufgeräumter vor, weniger ruinös, auch trotz des Kirchengerippes in der Mitte. Die Leute haben etwas aus der Kulisse gemacht. Und Manuela kennt ein offenes Geheimnis: La Barca, eine Art moderne Hippiekommune in Bussana Vecchia, die auf verwinkelten Pfaden zugänglich und für alle Gäste offen ist. Es empfiehlt sich aber trotzdem, die tuchbespannte Holztür hinter sich zu schließen, damit nämlich das Straußenbaby nicht abhauen kann. Il struzzo rennt zwischen den wild zusammengewürfelten Möbeln, Katzen und Hunden, Dekostücken aus aller Welt und vielsprachigen Menschen herum. Zur Begrüßung bekommen Manuela und ich Gläser mit selbstgemachtem Roséwein in die Hand gedrückt und die Einladung, uns etwas von der frisch zubereiteten Pasta mit der Käsesoße zu nehmen. Ich bin erstmal überfordert und setze mich mit Manuela an den Rand eines langen Tisches, an dem wir schon mal auf Deutsch begrüßt werden. Erst nach und nach erfahre ich, was hier los ist: Eine halbe Handvoll Männer aus Italien, den Niederlanden und der Schweiz fand sich hier zusammen, als Aussteiger, als Autonome, als Nationenverweigerer. Ihren Paradiespark öffnen sie für Gleichgesinnte und Neugierige, von denen manche hier für einige Zeit übernachten und andere, wie Manuela und ich, nur vorübergehend zu Gast sind. Mich erinnert das an Christiania in Kopenhagen, was mir meine Gesprächspartner bestätigen. Und davon habe ich einige.

Uns gegenüber setzen sich Kerry und Clyde, ein Paar aus Südafrika, das sich in Gesellschaft des Straußenbabys sofort heimisch fühlt. Sie sind Marineangehörige und nur temporär in Sanremo. Neben uns spielen ein paar jugendliche Deutsche Gesellschaftsspiele und debattieren mit dem Hausherrn aus den Niederlanden. An einem anderen Tisch singt jemand spanische Lieder zur Akustikgitarre, zumindest eines des Franzosen Manu Chao ist mir geläufig. Zwischendurch läuft Musik aus dem Laptop; als der Regen einsetzt und sich sogar ältere Besucher aus dem belgischen Knokke-Heist zu uns gesellen, in dem ich im vergangenen August Urlaub machte, läuft ABBA und viele tanzen gewittergeschützt unter der Pagode. Eigentlich will ich mich als Fremder zurückhalten, doch bieten sich ständig Unterhaltungen an, mit den Frauen, die mir Wein ausschenken und vom Konzept berichten, mit den Hausherren, die mir Kalbsfleisch und Gemüse überreichen sowie von ihrer Geschichte berichten, und das alles auf Englisch und Deutsch, was ausgerechnet meine einheimische Gastgeberin benachteiligt, von der ich eigentlich dachte, dass sie hier Heimvorteil hätte. Also finde ich mich kurzerhand als Italienischdolmetscher wieder. Erstaunlich, was alles geht. Beseelt verlassen wir nach Stunden Bussana Vecchia, nicht ohne die Blue Box im Baum am Eingang mit Scheinen zu befüllen. Wir bahnen uns zwischen Katzen, Hunden, Gänsen, Schweinen und dem Strauß unseren Weg hinaus, verabschieden uns dabei von unseren neuen Bekanntschaften wie von alten Freunden. Der Abschied dauert dabei länger als manche Party.

Über Nacht mache ich mir so meine Gedanken und sortiere meine Beobachtungen. Manuela muss es ebenso gegangen sein. Beim Frühstück spricht sie die Untiefen der Barca an, die mir auch auffielen, bei aller Sympathie und Hippieseligkeit. Was sie als Autonomie und Aussteigertum darstellten, ist für einige der Barca-Betreiber wohl eher eine Flucht aus der Realität, weil sie im Leben einige Schwierigkeiten haben. Beziehungsschmerz ist offenbar eine gängige Triebfeder. Manches Verhalten stimmt uns kritisch: Einer unterhielt die jungen Deutschen mit halblustigen Provokationen und war nur selten zu ernsthaften Gesprächen bereit oder in der Lage. Ein anderer fühlte sich beim Abwaschen vom Strauß belästigt und schob ihn rüde mit dem Fuß beiseite. „Es gibt bei uns keine Drogen“, sagt ein Dritter, „außer, man zählt Alkohol auch dazu.“ Und das den ganzen Tag. Jeden Tag. Jeden Tag haben die Barca-Betreiber also Gäste und Feste und sonst nichts. „Wir arbeiten nicht gern“, sagt ein anderer, und begreift doch selbst: „Hier gibt es aber auch immer etwas zu tun.“ Das temporäre Publikum indes bringt den guten Geist mit, der das Erleben hier so herzerwärmend macht, und ohne die Erstaussteiger und deren Initiative wäre die weitestgehend harmonische Zusammenkunft auch gar nicht möglich geworden. Wir sind uns daher beide einig, dass es gut ist, dass La Barca existiert und dass wir uns dort wohlfühlten.

Mein Kaffee mit Nuha steht nun an. Wir treffen uns an der Festung, die zu Nuhas Bedauern heute geschlossen hat – es ist Montag. Zuerst genehmigen wir uns daher den Kaffee am Hafen, dann bittet sie mich, ihr die Stadt zu zeigen. Wir schlendern durch die Altstadt bis zum Sanktuarium und kehren beim Ristorante Mulattiere ein, das mir Manuela empfahl und in dem ich schon einmal aß, dabei „Braunschweig schön trinken“ aus dem Verlag Andreas Reiffer lesend. Die Inhaber umsorgen uns freundlich und versorgen uns mit ligurischer Pasta, Wein und Wasser. Nach Stunden begleite ich sie noch zu ihrer Unterkunft, die Bitte erfülle ich ihr und erfüllt mich mit Freude.

Nuha ist für drei Tage bei einer Freundin in Sanremo untergekommen und muss am nächsten Tag den Zug nach Nizza nehmen, um nach Athen zu fliegen. Sie ist zurzeit in Europa unterwegs, sie verbringt so ihren Urlaub, von Ost nach Süd. Eigentlich arbeitet sie für die Vereinten Nationen bei der Flüchtlingshilfe. Als Jordanierin hat sie es viel mit Menschen aus ihrem Nachbarland Syrien zu tun. Sie erzählt mir von ihren Monaten auf Lesbos und der Schwierigkeit, sich mit dem schwergängigen System der UN abgeben zu wollen. Und sie erzählt von den Problemen, die sie damit hat, anders zu sein, als es ihre Familie, ihre Tradition und ihre Religion vorgeben. Es gab in ihrem Leben eine Initialzündung, die aus der einst konservativen Muslimin einen Freigeist gemacht hat, der sich gegen alle Widerstände selbst verwirklichen will und das nicht damit verwechselt, lediglich ausschweifend zu leben. Wir tauschen unsere Lebenseinstellungen aus und ich freue mich darüber, wie viele Übereinstimmungen es bei uns gibt: dem Mann aus christlicher Erziehung in Mitteleuropa und der Frau mit muslimischer Geschichte aus Arabien. So entpuppt sich dieses in Nizza verabredete Kaffeetrinken als mich noch beseelender als der Besuch in La Barca.

Jetzt aber aufs Boot, dieses Mal fällt das Whatewatching nicht aus. Ein mittelgroßes Kahn empfängt eine kleine Gruppe Touristen am alten Hafen von Sanremo und steuert dann Bordighera an, um vor dem Törn aufs offene Meer den letzten Schwung Teilnehmer aufzunehmen. Das Oberdeck ist bereits übervoll, im Innenraum schreit eine Kindergruppe, also setze ich mich an den Bug. In Bordighera gesellt sich eine weitere Kindergruppe dazu, die sich jedoch nicht innen halten lässt. Ein langhaariger und bärtiger Typ fällt mir auf, der mit Hund und anderen Angehörigen über den Steg an Bord schlendert. Das Boot ist zwar nicht so groß, aber man läuft sich nicht zwangsläufig über den Weg, und doch ist es genau er, mit dem ich bald ins Gespräch komme. Er ist es wie ich nicht gerade gewohnt, auf einem Schiff zu sein, stellt er beim achterbahnartigen Wellenreiten fest, denn er kommt aus einem Tal nahe der Grenze zu Frankreich, wo er mit seiner Verlobten eine landwirtschaftliche Saisonarbeit verrichtet. Eine sehr intensive: Dieses sei sein erstes freies Wochenende seit Mai. Die geographiebedingte Erdverbundenheit erklärt auch, weshalb sein Hund nicht klarkommt: Luna, so heißt sie, begreift das Schwanken nicht und fiept gelegentlich angstvoll. Sie lässt sich aber beruhigen, auch von umherfliegenden Kinderhänden. Natürlich spreche ich ihn bei der geografischen Beschreibung seiner Heimat auf Lou Dalfin an. Und natürlich kennt er die, „die kennt doch jeder“, glaubt er. In seinem Tal vielleicht, meine ich einschränken zu müssen, doch er widerspricht. Und erzählt, dass der Sänger sogar im selben Dorf wohnt wie er. Die Erbsigkeit der Welt mal wieder. Auch er spielt in einer Band, „Golden Cherry, übersetzt“, sagt er, also ungefähr Ciliege d‘Oro vermutlich. Er sei kein guter Gitarrist, glaubt er, und komme wegen seiner Arbeit auch kaum zum Üben. Musikalisch verortet er die Goldenen Kirschen im Garage Punk: „Wir haben gerade ‚Strychnine‘ von den Sonics gecovert.“ Jau, hier bin ich richtig. Im Gegenzug berichte ich ihm von „Ich will nicht tanzen“, der neuen Single von Blinky Blinky Computerband, zu der mich Olaf den Text und die Stimme beisteuern ließ. Das dazugehörige Album „For A Better World“ und die beiden CDs davor gibt es übrigens auch im Riptide zu kaufen. Und à propos gute Plattenläden, derer gebe es in Nizza haufenweise, sagt mein Mitskipper. Na, der Touristinformant kriegt was zu hören!

Es ist der 20. September. Nach diesem Tag sind überall in Italien Straßen benannt. Also frage ich meinen musikalischen Begleiter, was es damit auf sich hat. Er stutzt und gibt zu, das gar nicht zu wissen. Wir einigen uns darauf, dass es vermutlich etwas mit Garibaldi zu tun hat. Er schwankt über Deck davon und kehrt kurz darauf zurück: „Ich habe die anderen gefragt, die wissen es auch nicht.“ Wir lachen und vereinbaren, uns im Internet kundig zu machen. Das sagt: „Fest der Befreiung der Hauptstadt Rom und nationale Wiedervereinigung (1870); den Faschismus abgeschafft“. So richtig bringt mich das nun aber auch nicht weiter.

Aber es ist ja Whalewatching. Ein singulärer Delphin unterkreuzt unser Boot, was den Ansager sich wundern lässt, denn normalerweise gäbe es Delphine nicht als Einzelgänger. Ein zweites Mal wundert er sich, als er eine riesige Meeresschildkröte ausmacht, denn die kommen im Mittelmeer eigentlich gar nicht vor. Das war’s. Den Rest der Zeit vertändeln wir auf hoher See und lassen und sanft in den Schlummer schaukeln. Trotz der Kinder, die bei der ersten Delphinsichtung noch niedlich sind, bei ausbleibender weiterer Walbeobachtung indes echt mal so richtig nerven. Und erstaunlicherweise „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do zitieren, den Eurotrashhit, den selbst in Deutschland niemand mehr kennt, gottlob. Mal so richtig fair ist, dass wir wegen der Nichtsichtung der angekündigten Meeressäuger unsere Tickets behalten und noch bis zum Ablauf der nächsten Saison erneut verwenden dürfen.

Meinen letzten ganzen Tag verbringe ich in Imperia. Auch dessen Altstadt, Porto Maurizio, ist wunderschön und birgt das größte Gotteshaus Liguriens. Die eigentliche Stadt zwei Kilometer weiter ist immerhin ganz okay. Die Frau im Plattenladen (dieses Mal half man mir in einem Musikalienhandel weiter) ist extrem hilfsbereit, doch auch sie kennt Vanessa van Basten nicht. Aber sie stellt mir in Aussicht, die Platte bestellen zu können. Das hilft mir bedauerlicherweise jetzt auch nicht mehr. Die Alternative meiner Wahl, der Soundtrack zu Paolo Sorrentinos Film „Youth“ nämlich, ist bei ihr indes bereits ausverkauft. Schade! Den finde ich noch kurz vor der Abfahrt beim Querulantenplattenladen in Sanremo. Auf dem Album ist nämlich „Just (After Song Of Songs)“ drauf, vom Trio Medieval, ein Stück, das sich schon im Film in mein Gedächtnis einbrannte und das ich per Whatsapp auch Manuela ins Ohr pflanzte.

Als ich ein letztes Mal durch Sanremo schlendere, stelle ich fest, dass es mir doch ans Herz gewachsen ist. Die Kellnerin in dem Hafencafé fragt mich bei meinem zweiten Besuch fröhlich, wo denn meine Begleiterin vom Vortag geblieben sei, der Besitzer der gemütlichen Weinbar „Per Bacco“, in der vortrefflicher Jazz läuft, begrüßt mich bei meiner Wiederkehr mit Handschlag, und als ich im Supermarkt Mineralwasser für die Rückfahrt kaufe, winkt mir an der Kasse eine Frau zu: die Kellnerin aus dem Mulattiere. Manuela verabschiedet mich mit festen Umarmungen; im letzten Augenblick stellt sich heraus, dass wir beide Zwillinge sind und dass unsere Geburtstage nur drei Tage auseinander liegen. Da wundert mich nichts mehr. Und nehme als Fazit mit: Auch in Sanremo kann ich mich also zu Hause fühlen.

Trotzdem freue ich mich auf Braunschweig, natürlich! Mich erwartet Post von Krüger, der mir seine drei neuesten Singles schickte, und von Phillip Boa, der eine neue Box mit drei CDs, einem Buch und einer 10“ herausbrachte. Mich erwartet Arbeit für Rille Elf, denn den nächsten Tanztee am 13. November im Tegtmeyer veranstalten wir dankenswerterweise im Rahmen des Filmfestes, und ich muss dafür noch den Flyer gestalten; weiterer Einsatz für Blinky Blinky Computerband, denn Olaf und ich wollen die Songs nochmal durchgehen, die wir mit Arni und Henning am 1. Oktober im Tegtmeyer als Support von Psyche spielen wollen; und Initiative für die Indie-Ü30-Party, für die Henrik und ich die Flyer und Plakate quer über Braunschweig verteilen wollen. Die EP von Vanessa van Basten muss ich wohl zu Hause per Internet bestellen; das mache ich, sobald das neue Album von Mope draußen ist, das spart mir Porto. Und Stef ist da, wir setzen uns an den blauen Tisch in der Küche und tauschen unsere Erlebnisse aus. Ich habe Wein mit. Wird eine lange Nacht. Salute!


Matze van Bauseneick
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