Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#160 Pure Vernunft darf auch mal siegen

18. Januar 2021


Samstag, 16. Januar 2021

Dies ist der erste Arbeitstag für Chris in diesem neuen Jahr, oder besser gesagt: der erste Öffnungstag für das Café Riptide, denn untätig war Chris seit den Feiertagen nicht, seit er und Koch Nico das Café in die virusbedingte Pause schickten. Ab heute öffnen sie es bis zum Ende des gegenwärtigen Lockdowns jeweils samstags von 16 bis 19 Uhr, damit Kunden vorbestellte Burger oder Schallplatten abholen können. Alles unter „strikter“, wie Chris betont, Einhaltung der offiziellen Auflagen, nicht allein, um Bußgeldern vorzubeugen, sondern aus Überzeugung, das Virus nicht verbreiten zu wollen. „Ich unterstütze mit dem Riptide die Zero-Covid-Kampagne“, sagt Chris. Denn: „Wir hatten gerade fünf Monate geöffnet, dann wieder zu“; das sei zu vermeiden gewesen, mit konsequenten Maßnahmen. Plattenbestellungen indes sind derzeit ausschließlich telefonisch oder per Email möglich, denn der Webshop ging kürzlich offline, weil er veraltet war und derzeit, wie die gesamte Webseite des Café Riptide, überarbeitet wird. Doch werde der Webshop wohl erst nach der Webseite fertig, und „nicht mehr im Rahmen des Lockdowns, leider“, bedauert Chris.

Wir treffen uns bereits eine Stunde vor der offiziellen Öffnung, sitzen maskiert an entlegenen Tischen im Erdgeschoss und tauschen Neuigkeiten aus. Das Telefon unterbricht uns, Chris nimmt den Hörer ab und eine Bestellung entgegen. „Ja, ist alles vegan“, sagt er. Die Tische sind mittels Plexiglasspuckschutz abgetrennt, einige stehen kopfüber übereinander, auf ihnen tummeln sich Schraubendreher verschiedenster Größe und Schlitzart und die von Chrisse Kunst gestalteten Tischlampen. „In einer wertigen Pappbox, da ist der Burger drin und die Pommes“, antwortet Chris dem Anrufer. „Die Chips waren nur eine Notlösung, weil wir noch keine Fritteuse hatten.“ In die investierte Chris nämlich im Zuge des Umzuges vom Handelsweg ins Magniviertel. „Bar und mit Karte“, bestätigt er dem Kunden. „Bis später!“

Mit dem schnurlosen Telefon in der Hand kehrt Chris an seinen Platz zurück. „Wir sind hier, arbeiten“, erzählt er, „aber seit Dezember nicht mehr mit Gästen.“ Aber „hinter den Kulissen“ gab es hinreichend zu tun, „ich war wochenlang allein hier“. Er holt aus: Bis das Riptide am Pfingstwochenende Anfang Juni im Magniviertel an den Start ging, hatte das Team vorrangig all das erledigt, das für den reibungslosen Ablauf erforderlich war; „alles nicht Lebensnotwendige“ beförderte man „erstmal in die Ecke“, sagt Chris. Und all das Liegengelassene holte er in den zurückliegenden Wochen nach. Außerdem versah er die Platten in den Boxen mit neuen Hüllen, „alle, ich habe 1000 neue Hüllen bestellt, alles komplett sauber, schön gemacht“, und dabei gleich die Fächer ausgewischt, neue Genre-Fächer eingerichtet, neue Bandfächer ebenfalls, „oh, ich habe drei Refused-Platten, die bekommen ein eigenes Fach“, sowie einige Second-Hand-Platten aus dem Lager neu einsortiert und damit die Fächer aufgefüllt. Für keine Kunden derzeit zwar, aber für die nächsten, die wieder stöbern dürfen. Die entdecken dann auch die neue Doppel-10“ der Müller-Verschwörung, „Artfremd an verschiedenen Orten“; das erste Album unter dem neuen Namen und mit Roland Kremer als Sänger, und überhaupt wie schon zu Platemeiercombo-Zeiten wieder mit einem gerüttelt Maß tiefsinniger Ohrwürmer.

Einen kleinen Dachboden richtete Chris zudem ein, „da habe ich Sachen hochgeräumt, um Platz zu schaffen“. Einige „bauliche, optische Sachen“ erledigte er außerdem, übermalte die ersten Tags in den Toilettenräumen, gab dem Treppengeländer neuen Lack und montierte im Rollstuhl-WC einen eigenen Handtuchhalter sowie im Café neue Regale. „Klitzekleinigkeiten“, befindet Chris. Und grinst, ich möge doch im ersten Stock mal an dem Wandvorsprung mit dem aus dem alten Riptide vertrauten Tapetenrest gucken, gleich neben den Spielen. Dort erblicke ich eine Kuckucksuhr, und Chris grinst nach meiner Rückkehr an den Tisch noch mehr. „Die ist original aus den Neunzehnhundertsechzigern, von meinen Großeltern“, erklärt er. „Der Kuckuck geht nicht mehr, es macht nur ‚klack‘, ich muss sie noch zu Reparatur bringen.“ Einige Jahrzehnte lang war sie unbenutzt, jetzt hat sie einen besonderen Platz, der zudem einen Link zu einer anderen Kultureinrichtung legt: Im Nexus schmücken ähnlich gemusterte Tapeten die Wände und eine Kuckucksuhr dekoriert die Bühne. Das passt umso mehr, als Chris an der Gestaltung des Nexus‘ damals beteiligt war. Dabei fällt mir die Geschichte ein, die die Nexus-Leute Henrik und mir nach einer Indie-Ü30-Party erzählten, dass nämlich bei einem sehr lauten und heftigen Konzert mitten zwischen zwei Stücken der Kuckuck in die für alle unerwartete Stille hinein laut rief. Eine Denkwürdigkeit für alle Beteiligten.

Außerdem erhielt ein ganz besonderer Mensch eine besondere Aufmerksamkeit: „Unser Dirk hängt im Treppenaufgang im Rahmen“, fährt Chris fort. Jener Dirk starb vor ziemlich genau einem Jahr und hinterließ nicht nur bei Chris eine riesige Lücke im Leben; mir war er aus dem Nexus vertraut. Bislang hatte Chris Dirks Foto auf dem Tresen stehen gehabt, jetzt hat es den vorgesehenen Ehrenplatz.

Den Rechner räumte Chris außerdem auf, strukturierte die Ordner und Ablagesystematik neu, und ihm fällt ein, dass er im Küchenbereich die Regale austauschen musste, die ursprünglichen neuen Gastroregale wurden den Anforderungen nicht gerecht, jetzt stehen Nico und dem Team Lastenregale zur Verfügung. „Solche Sachen“, sagt Chris, und ergänzt „Bestellungen, Emails, Kurzarbeit, Personalverwaltung und Pläne für die Zukunft“. Auch verweist er auf das Logo, das endlich an den Fenstern prangt, was heute, sobald er die Jalousien hochzieht, von den ersten Kunden des Jahres erstmals gesehen wird. Das bestellte Logo über der Tür indes ist noch nicht fertig, weil es gesundheitliche Verzögerungen bei der Firma gab, die sich zudem mit dem erforderlichen Material verschätzte. „Jetzt habe ich eine Malerfirma beauftragt“, sagt Chris, und die wird tätig, sobald es das Wetter zulässt. Dann steht der Name des Cafés wieder über der Tür, ganz wie es im Handelsweg war.

Nur noch wenige Momente, und Chris öffnet diese Tür wieder. „Ich bin richtig aufgeregt heute“, sagt Chris. Und betont: „Hygieneregeln einhalten bleibt.“ Und noch etwas fällt ihm ein, denn auf Facebook und Instagram hat das Riptide einen neuen Anstrich bekommen, visuell gestaltete Texte sind mit einem weißen Rahmen und mit einer Tapete als Hintergrund versehen, „alles gestaltet von einer hausinternen Mitarbeiterin“, Madeline nämlich, „die das studiert hat“, so Chris. Der neue Vermieter teilte ausgewählte Beiträge vom Riptide sogar auf seinen eigenen Kanälen, berichtet Chris, und befindet erleichtert und grundsätzlich: „Das ist eine schöne, angenehme Zusammenarbeit mit dem Vermieter.“

Mit dem Team ist es dies aber auch, deutlich spürbar: Mike kommt ins Riptide, um sich einige Personalunterlagen abzuholen. Er ist gelernter Koch und Teil des Küchenteams, nur zurzeit in Kurzarbeit, und Chris sichert ihm sämtliche mögliche Unterstützung zu. Mike dankt und betont, dass es ihm gutgehe, und das ist Chris wichtig. Für den Chef ist die Situation nicht einfach, er weiß auch, wie es seinem Team geht, doch er blickt nach vorn. „Es ist wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt er, „und gucken, was man machen kann.“ Auch, wenn keine Gäste zugelassen sind. „Ich will nicht nach drei Monaten aufmachen und sagen: Ach, hätte ich mal die Wand gestrichen.“ Und auch nicht „zu Hause sitzen und depressiv werden“, sondern „für einen Rhythmus sorgen“. Über die Feiertage sei ihm bisweilen entfallen, welcher Wochentag war: „Alles verschwimmt.“

Beim Bezahlen meiner Bestellungen, als erster Kunde des neuen Jahres also, fällt mir ein, dass ich las, dass das Subway Chris interviewte. „Das Subway hat mich gefragt zur Situation“, bestätigt Chris. „Und in der Braunschweiger Zeitung hatten wir sogar eine ganze Seite“, setzt er nach. „Weil wir jetzt ein Restaurant sind, wollten sie von uns ein Winterrezept haben – ich habe Nico gefragt, er hat für sie gekocht und sie haben drüber berichtet.“ Und zwar gab es: „Haferbratlinge mit Wurzelgemüse, Rote Bete, Kartoffelstampf und Portwein-Maronen-Soße.“ Mir läuft das Wasser im Munde zusammen und ich nehme wenigstens zwei Muffins für zu Hause mit. Da ich in diesem Moment nämlich offiziell Kunde bin, habe ich dem Hygieneregularium zufolge das Riptide nach dem Begleichen meiner Rechnung unverzüglich zu verlassen. Wir verabschieden uns herzlich, Chris entlässt mich auf den Magnikirchplatz und der zweite Kunde wartet auch bereits auf Einlass.

Da stehe ich also nun auf dem Magnikirchplatz und sehe ringsum nur geschlossene Lokale und Geschäfte. Neue Nachbarn kennenzulernen, dürfte unter diesem Umständen etwas schwierig werden. Auf gut Glück gehe ich in Richtung Osten, weil ich ahne, dass ich gut Glück haben würde, und in der Tat, das House Of Sweets verkauft im weitesten Sinne Lebensmittel und ist deshalb befugt, geöffnet zu haben. Hier war ich weit vor Weihnachten schon und deckte mich mit weißen Reese‘s und Apfelstrudel-Twix ein, und dieser Vorrat hält noch an. Dessen ungeachtet bin ich einmal mehr erschlagen von dem Angebot hier. Freudestrahlend sitzt Kimberly an der Kasse des verwinkelten Geschäfts und berichtet von jenem in einer ansteckenden Begeisterung, die sich eigentlich nur in Schokolade nachvollziehbar ausdrücken lässt. „Seit Anfang November bin ich hier, aber den Laden gibt’s schon seit 2018 im Magniviertel“, erklärt sie. Seit vergangenem Jahr gibt es außerdem eine Zweigstelle in Hannover, „da hat ein 100-Quadratmeter-Laden eröffnet“, und außerdem einen nicht minder gut besuchten Onlineshop.

Nicht nur Kimberly ist begeistert vom House Of Sweets, auch unter ihren Freunden ist der Laden heißbegehrt, erzählt sie, nicht zuletzt, weil Sido auf Youtube in seiner Show „Zuhause mit Sido“ zeigte, wie er „im ersten Lockdown“, so Kimberly, eine Süßigkeitenbox aus diesem Hause entgegennahm. „Sido allein zu Haus“, sagt Kimberly, und erläutert, dass der Rapper in der Sendung jeweils einen Gast zu sich einlud, in diesem Falle Deniz, einen der drei Gründer von House Of Sweets, der als „Mr. Sweet“ selbst einen eigenen Instagram-Account betreibt. „Sido hat eine Überraschungsbox von uns bekommen“, berichtet Kimberly. „Seitdem sind wir bekannt.“ Ein weiterer Star, der hier öffentlichkeitswirksam einkauft, ist Senna Gammour von der „Popstars“-Castinggruppe Monrose: „Mit ihr arbeiten wir zusammen, sie promotet uns“, strahl Kimberly.

Der Erfolg ist: „Die Leute stehen auch ohne Lockdown Schlange“, freut sich Kimberly. Während des Lockdowns ist es, wie auch heute, nur zwei Haushalten gestattet, sich gleichzeitig in dem Laden aufzuhalten; einen dieser Plätze nehme ich bereits weg, vor der Tür warten zwei Jugendliche geduldig, eine junge Familie stöbert bereits im kunterbunten Angebot. Kimberly weiß: „Die Laufkundschaft fehlt“, deshalb ist diese Schlange zurzeit kürzer.

Ins Riptide nun hat es Kimberly noch nicht geschafft; den einzigen bisherigen Versuch vereitelte der Umstand, dass das Café voll besetzt war. Aber: „Ich bin für einen Freund hergezogen, der war im Riptide, und ein Freund von ihm hat da gearbeitet, in der Küche.“ Hergezogen heißt, dass Kimberly „eigentlich“ aus Hamburg kommt, das zurückliegende Jahr aber in Mannheim verbrachte, „ich habe da als Promoterin gearbeitet“, und nun eben klassisch der Liebe wegen in Braunschweig lebt. Seit Anfang 2020 verbringt sie ihre Wochenenden hier und seit Mai ist sie Bürgerin. Sie grinst: „Braunschweig ist immer noch näher an Hamburg als Mannheim, das hat gut geklappt.“ Nicht nur das freut sie: „Ich hatte Braunschweig nicht auf dem Schirm, aber es ist eine schöne Stadt.“

Die Kundschaft wechselt, Kimberly bedient vergnügt, und mich interessieren nach dem Bezahlvorgang endlich die drei Gründer des House Of Sweet. Von Deniz weiß ich bereits, und Kimberly erklärt, dass alle drei Cousins sind, Tahir, Sahin und eben Deniz, und sie zeigt mir deren Porträts als Wandmalereien im Geschäft. „Sie sind viel um die Welt gereist“, sagt sie, „sie haben keine Weltreise gemacht, sind aber viel um die Welt gekommen und haben verschiedene Süßigkeiten und Geschmäcker kennengelernt und sich entschieden, den Laden zu eröffnen.“ Einen vergleichbaren Laden „mit so einer Auswahl“ kennt Kimberly in Braunschweig nicht. Das wird stimmen, überall stapeln sich Tüten, Dosen, Schachteln, mit Aufdrucken in den exotischsten Sprachen und Schriftzeichen, es gibt Banana-Twinkies, irgendetwas Japanisches mit Pokémons drauf, Cerealien sogar von Reese’s, Schokoriegel, Getränkedosen, Weingummi, und irgendwo blickt auch Harry Potter aus den Massen an Leckereien hervor. „Die Leute kommen her, haben im Ausland gelebt oder waren im Urlaub und suchen Lakritz aus Finnland, sie fragen explizit nach Süßigkeiten aus demunddem Land“, sagt Kimberly, und vermittelt, wie diese Kunden sich dann freuen, wenn sie hier fündig werden.

Nun werde ich aber dem zweiten Haushalt, der draußen bereits wartet, den Platz freiräumen und versichere, dass ich wiederkomme, sobald das heimische Schokoregal etwas geleert ist. Kimberly verabschiedet sich so strahlend, wie sie von Süßigkeiten schwärmt: „Das erste, was ich gehört hab, als ich nach Braunschweig kam: Riptide.“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#159 Sankt Riptide

10. Dezember 2020


Freitag, 4. Dezember 2020

Das Magniviertel ist festlich geschmückt, es ist Adventszeit, es geht auf Nikolaus zu, quer zwischen Häusern aufgespannte Lichterketten erhellen die Straßen, mit Kugeln, Tand und Tinnef versehenes Nadelgehölz fristet ein entwurzeltes Dasein hinter Fenstern – typische Vorweihnachtszeit also, wäre da nicht der Umstand, dass die hetzenden Kunden diesen Spätherbst maskiert sind und dass sie ihre Pausen nicht wie sonst in Gastronomieeinrichtungen verbringen können. Denn noch immer hat das Virus die Welt im Griff und dieser Tage noch viel heftiger als im Frühjahr. Nicht nur Pflegepersonal und Intensivstationen sind davon betroffen, auch der Rest der Gesellschaft ist einem Umgang mit der Pandemie unterworfen, der die Normalität aufbricht und immerhin die meisten Menschen behutsam und erfinderisch sein lässt.

Behutsam und erfinderisch richtet sich auch Chris darauf ein, den Betrieb im Café Riptide nicht zum Erlahmen zu bringen: Essen und Getränke gibt es zum Mitnehmen, Platten auf Bestellung sowie Zeit, im Laden zu stöbern, nur für höchstens zwei Kunden gleichzeitig. Für heute sind wir verabredet, nach seinem und meinem Feierabend, um das Jahr reflektiert ausklingen zu lassen. „Wir haben den ersten Glühwein ab heute“, begrüßt mich Chris. Das Café schließt sich mit seiner stimmungsvollen Beleuchtung an die vorweihnachtliche Variante im Viertel an, nur dass das Stimmungsvolle im Riptide nicht zwingend jahreszeitengemäß, sondern permanent gegeben ist: Gedimmte Lichter, warme Atmosphäre, und nun zum Außer-Haus-Verzehr also auch Glühwein, den Chris und Chefkoch Nico anbieten, „handgemacht“, wie Chris betont.

Neben den Platten liegt ein Karton mit dem Cover von „The Number Of The Beast“ von Iron Maiden, der meinen Blick ablenkt, und darin ist mitnichten die Vinyl-Version als Special Edition enthalten, sondern ein Puzzle. „Als Geschenk“ gehen die zurzeit gut, sagt Chris. Er weist darauf hin, dass diese Puzzles nicht eben leichter sind als herkömmliche, nur weil da Plattencover drauf abgebildet sind, und deutet auf die vielen Flammen auf dem Motiv, ebenso wie bei „Seasons In The Abyss“ von Slayer. Die „Seventh Son Of A Seventh Son“ von Maiden kaufte kürzlich auch jemand, und Chris weiß um die Schwierigkeit dieses Motives: „Alles blau!“

Daneben errichtete Chris einen Aufsteller mit Holzrahmen, die ein Tischler, der anonym bleiben möchte, als Spende anfertigte. Auf dem Bild in den Rahmen sieht man Mr. Spock, mit dem vertrauten Spruch „Live long and prosper“ versehen, von dem Chris findet, dass er sehr gut in diese Zeit passe. Diese Rahmen sollen nach Vorstellung des Spenders für zwischen zehn und 20 Euro in frei gewählter Höhe verkauft werden, zugunsten des Fortbestands des Café Riptide.

Wir betreten das erste Geschoss, schlendern ganz nach hinten, an die Fenster zur Straße. Chris setzt sich aufs Sofa, das Sofa, das schon im Handelsweg einen solch exponierten Platz hatte, und ich mich ihm gegenüber. Den schmerzlichen Gedanken, der sich jetzt einstellt, möchte ich gar nicht vertiefen: Ich hatte mich darauf gefreut, im Winter genau hier in der Sofaecke zu lümmeln, Kaffee zu schlürfen und auf die womöglich indigoblaue Dämmerlichtstraße zu blicken. Geht alles nicht, und wir wissen, warum; ich genieße es daher jetzt in diesem Augenblick, Chris dort vor der roten Wand und unter der matt leuchtenden Lampe sitzen zu sehen, als wäre alles normal. Für eben diesen Augenblick ist es das auch: Es ist urgemütlich im neuen Riptide, ein schöner Ausblick auf das, was kommt, sobald es dereinst möglich ist.

Üblicherweise quetsche ich Chris aus, nach Neuigkeiten rund ums Café, aber für dieses Mal dreht Chris den Spieß um und befragt mich; daraus ergibt sich ein Gespräch, bei dem Fragen und Antworten verwischen, alles fließt. Chris‘ erster Gedanke betrifft meinen Umgang als „kulturaffiner Mensch“ mit dem Umstand, dass „Kultur, Konzerte, Kino, Partys, Menschen, Massen“ in diesem Jahr wegfielen. Zunächst hoffe ich inständigst, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein wird, und gehe also davon aus, dass das von mir so gern wahrgenommene von Chris skizzierte Leben sich bald wieder einstellen kann. Dafür, dass sich eine Pandemie nicht weiter ausbreitet, nehme ich es in Kauf, darauf zu verzichten. Zudem bin ich auch ohne all das nicht komplett ohne Kultur: Ich lese Bücher, kaufe und höre Platten, gucke mir gelegentlich sogar Filme zu Hause an, und außerdem ergaben und ergeben sich neue Möglichkeiten, Kultur wahrzunehmen oder auch anzubieten. Die Indie-Ü30-Party beispielsweise verlegten wir Dank Claudy Soundschwester vom Nexus auf Radio Okerwelle, was ohne die Einschränkungen vermutlich gar nicht erfolgt wäre; dort sind wir am 9. Februar wieder zu Gast. Und mit Rille Elf hatten wir viermal die Gelegenheit, draußen aufzulegen, zweimal mit den Stadtfindern beim Lichtparcours und zweimal am Strand von Harrys Bierhaus. Dort schlug uns jeweils eine so erhebliche Dankbarkeit von den Gästen entgegen, dass man glauben kann, dass ein Ausdünnen an Programmen die Menschen offenbar sensibilisierter für kulturelle Angebote an sich macht.

Und einige Aufträge – etwa meine Interviews für das Kurt-Magazin oder für Dein Wolfsburg – ließen sich unkompliziert telefonisch erstellen, was im Falle von Kurt ohnehin die Regel ist. Ebenso unbeeinflusst sind die Fotoaktionen, wenn Andrea und ich Veranstaltungsflyer in Szene setzen; das geschieht ohnehin zu zweit. Auch meine Rezensionen für Krautnick setzte ich ungebremst fort, schließlich veröffentlichten Leute wahlweise trotz oder gerade wegen Corona unablässig neue Musik. Sehr umtriebig sind da meine virtuellen Freunde rund um Anton vom Moskauer Label addicted/noname, die mich zudem im April zu einer Online-Video-Radio-Show einluden – was ein Spaß mit solch sympathischen Leuten!

Authentizität als Rezensent ist Chris und mir wichtig, nicht schlichtes Lobhudeln um der Plattenfirmen willen oder gar einfach den Waschzettel abschreiben. Chris trägt nämlich seit Jahren Rezensionen fürs Subway bei, und dort bestätigte man ihm, dass er eine Platte auch verreißen dürfe, wenn dies seinem Empfinden entspräche. Auch als Plattenverkäufer nehme er sich dieses Recht, und ich denke, dass ich ihm dann als Kunde auch noch mehr vertraue, wenn ich weiß, dass er in seinen Empfehlungen ehrlich ist. Damit hat das Riptide als Plattenladen eine Qualität, die Chris auch bestätigt bekommt: Ein Kunde aus Berlin, aus Berlin!, etwa attestierte dem Riptide eine zwar kleine, aber ausgezeichnete und geschmackssichere Auswahl, nicht so willkürlich wie bei ihm daheim, die sicherlich dem etwas geringeren Platz geschuldet ist, aber auch Chris‘ Expertise zur Grundlage hat. „13 Jahre sieben“, sagt Chris und wirft damit zunächst ein Rätsel auf; er vergenauert, dass er den Bestand an Platten im Laden nach 13 Jahren mal aussieben will, um die Qualität seines Angebots noch weiter anzuheben.

Auch Chris profitierte von den Möglichkeiten, die das Streaming als Alternative zur Bühne anbot, etwa mit dem Benefizkonzert auf Instagram, stellt aber wie ich fest: „Es fehlt etwas.“ Ebenso bei den Autokonzerten, die im Sommer stattfanden: „Es ist das Ende der Kultur, aber besser als nix.“ Das Miteinander als Publikum vermissen wir dabei beide. Ein nicht vorhandenes Publikum kann aber auch Druck nehmen: Als Henrik und ich für die letzte Indie-Ü30-Party ausschließlich Songs spielten, die wir noch nie zuvor im Programm hatten, mussten wir keine leere Tanzfläche fürchten, weil ein Song vielleicht mal nicht zündete. „Wie war das?“, fragt Chris, und ich stellte fest, dass ich diese Party für mich wieder frisch und neu entdeckte, weil wir natürlich im Nexus ansonsten viele Hits wiederholten, weil wir wissen, dass sie gewünscht sind und erwartet werden, und weil wir uns auch als Dienstleister auffassen, die sich selbst wünschen, dass die Leute zufrieden nach Hause gehen, und uns dann mit ihnen über Songs freuen, die wir so gut wie immer im Repertoire haben. Jetzt erweiterten wir jenes Repertoire um 40 Songs, bei denen sich einige Hörer und wir selbst fragten, wie wir all die Jahre nur ohne sie ausgekommen sein konnten. Dabei war es ohnehin bei jeder der 27 Partys mein Wunsch und Vorgehen, mindestens ein halbes Dutzend für uns neue Songs einzubauen. Und so erlebten Henrik und ich also nach 13 Jahren die Party nochmal neu – und überlegen nun, nächstes Mal bei Radio Okerwelle als Steigerung nur Songs zu spielen, auf die wir selbst Bock haben, unabhängig von ihrer Partytauglichkeit.

Das Internet als Kulturersatz stellt sich Chris und mir zwar als willkommene Option dar, aber nicht als langfristig wirkungsvoller Ersatz. Und Chris kennt Beispiele dafür, wie das Leben auch ohne Internet funktioniert: Als er kürzlich einem Gast, der ein sich ein besonderes Heißgetränk zur Mitnahme wünschte, eine von Nico gemixte Lebkuchenbombe in die Hand drückte, sprach sich dies „von Mund zu Mund“ im Viertel so weit herum, dass noch an dem Tag ein halbes Dutzend Gäste danach fragte – und die Lebkuchenbombe jetzt offiziell auf der Karte steht.

Und auch, wenn der Beschränkungen wegen zurzeit weniger Kundschaft zu bedienen ist, hat Chris zu tun, nicht nur die Karte erweitern: „Sachen streichen, ein Regal bauen, das nicht zur Eröffnung fertig geworden ist, LP-Hüllen austauschen, alt gegen neu“, zählt er auf. „Da hätte ich sonst nicht die Zeit für“, sagt er, und sinniert mit Blick auf die Lage: „Was Positives draus machen.“ Seine Mitarbeiter sind bis auf Nico in Kurzarbeit, aber Chris hält regelmäßigen Kontakt zu allen, fragt wie es ihnen geht. „Das Team findet sich“, sagt er, „das sind alles tolle Leute, ich will es beisammenhalten, und ich hoffe, dass es ihnen wirtschaftlich und privat gutgeht.“ Was für ihn seit dem Umzug neu ist: Er hat erstmals Vollzeitkräfte eingestellt, und da ist die Personalplanung ganz anders. Dafür hat er aber Spezialisten im Team, an die er Aufgaben verteilen kann, wie Urlaubsplanung, Vertretungsregelungen und ähnliches.

„Die Pandemie lässt uns neue Wege finden“, bemerkt Chris gesamtgesellschaftlich. Etwa, wie Firmen mit Zoom-Konferenzen und Homeoffice Geld einsparen können, ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen. Bedenken hat er bezüglich der „mentalen Gesundheit“, die womöglich erst in einigen Jahren offenbart, „was es mit den Menschen gemacht hat“. Was bis vor einem Jahr selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr. Online-Kauf etwa, fährt Chris fort, sei eine Gefahr für Plattenläden, und er bedauert dies nicht nur als Plattenhändler, sondern auch als Kunde: „Ein Plattenladen ist ein Ort der Kommunikation.“ Beispielhaft berichtet er von zwei Kunden der jüngeren Zeit, von denen einer die Band Waving The Gun suchte und der andere Pink Floyd, und die sich beide über den Geschmack des anderen freuten und darüber ins Gespräch kamen. Natürlich ist so etwas auch online möglich; ich erinnere an die Whatsapp-Gruppe, die Ollo eigentlich für die Stammkunden seines Café MokkaBär ins Leben gerufen hatte, um Veranstaltungen zu teilen, und die wir jetzt wöchentlich nutzen, um uns an unserem Stammtag virtuell zu treffen. Immerhin dies, aber wir wissen, dass das eben nur eine temporäre Lösung sein kann, kein Ersatz, nur eine Alternative. Chris und ich sprechen über den Record Store Day, doch dann hat er ein dienstliches Treffen, und er beschließt unsere herzliche Zusammenkunft mit: „Plattenladentag ist für mich jeden Tag.“

Eigentlich würde ich jetzt das Gespräch mit anderen Gästen suchen, wie ich es im Dezember traditionell unternehme, um allen dieselbe Frage zu stellen, jährlich eine andere. Da dies bekanntlich in diesem Dezember nicht möglich ist, wir aber in Zeiten hoher Technisierung leben, greife ich auf das Internet zurück, wie so viele seit Anbeginn der Pandemie. Ich erinnere mich, wem ich in diesem Jahr im Riptide begegnete, geplant und ungeplant, und von wem ich elektronische Kontaktdaten habe, und schreibe sie alle einzeln an, mit der Erläuterung meines Vorhabens und der Bitte, etwas dazu zu verfassen und mir zukommen zu lassen. Meine Absicht ist dabei etwas zweischneidig: Mir ist bewusst, dass wir in Zeiten einer lebensbedrohlichen Pandemie leben, mir liegt es fern, das Leid Infizierter oder Angehöriger kleinzureden. Mein Anliegen ist es, Mut zu machen, zu ermuntern, den Blick auf das Gute zu richten. Deshalb stelle ich allen Angeschriebenen meine Frage:

Was war 2020 für Dich trotzdem gut, welches Positive wäre Dir ansonsten vielleicht nicht möglich gewesen?

Chris und ich thematisierten dies in unserem Gespräch schon, jetzt seid Ihr dran. Danke Euch allen, die Ihr mir antwortetet! Auch denen, deren Replik derart persönlich ausfiel, dass sie sie zwar gern an mich richteten, aber nicht für die Öffentlichkeit vorsahen – das weiß ich zu schätzen und zu schützen. Ich freue mich, die gesammelten Antworten hier wiederzugeben, und zwar wertfrei sortiert nach Posteingang in meinem Email-, Facebook-, Instagram-, Signal- oder Whatsapp-Fach:


Sascha

Hej Matze,

was war für mich positiv im Jahr 2020? Gar nicht so einfach weil, um einen herum so viele negative Vibes herrschen. Im Hintergrund betrachtet, hat mich meine Arbeit als Krankenpfleger hart angestrengt mit all den neuen Anforderungen und lässt mich heute sogar manchmal mit einem Berufswechsel gedanklich spielen (weil „Beifall klatschen“ einfach nicht reicht). Klar, alles nötig, alles nachvollziehbar, aber alles eine schier unendliche Belastung, die nicht einfach für unsere gesamte Familie ist. Vor allem mental bis an die Grenzen geht. Darum schwanke ich manchmal und lebe vom Mut machen der Familie, Freunde und natürlich meiner Partnerin und letztendlich meiner Kinder.
Was hat mit Mut gemacht?
Ich könnte eher fragen, warum war ich so mutig? Ich habe mich in dieser wilden verrückten Zeit im April/Mai diesen Jahres selbstständig gemacht, und das war nur möglich durch das Mut machen und das Unterstützen, das an mich glauben meiner Lieben um mich herum. Seien es die Freunde gewesen, die gesagt haben: Hej mach das, du schaffst das. Oder Sarah, die mich hier schier damit unterstützt hat, mich so zu nehmen, wie ich war… busy, abwesend, gedanklich woanders, eigentlich zu nichts zu gebrauchen, da ich komplett in der Planung und Aufbau meiner Geschäftsidee war. Sie hat das alles verziehen. Ich habe alles vergessen, schrieb hier gefühlte 100 Emails und dort bastelte ich Flyer, machte Fotos, Briefköpfe, Aufkleber, machte hier und dort etwas, war aber nie im Hier und Jetzt und nickte manchmal nur noch, ohne wirklich zugehört zu haben.
Das war bestimmt nicht einfach, dennoch wurde mir das nie negativ geredet. Nein, Sarah hat an mich geglaubt und immer an mich geglaubt, auch, als ich alles hinschmeißen wollte, als ich Muffe bekam. Auch die unglaubliche Hilfe von Lars, ohne den ich es grafisch nie hinbekommen hätte. Er hat alle meine Logos entworfen und selbst gezeichnet, immer und immer wieder. Er und seine Freundin Mellissa haben immer wieder drüber gesehen und verfeinert.
Meine Kids haben mich befeuert, weil sie den verrückten Papa mit seiner Erfindung ermutigt haben.
Mut hat mir gemacht, dass ich Marc kennen gelernt habe, bei Chris im Laden. Neue Freunde, neues lachen. Auch Enno mag ich super gerne und ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe. Beide sind coole Typen, die ich unter anderen Umständen nicht kennengelernt hätte.
Mein familiärer Zusammenhalt hat mit Mut gegeben, klar, der war schon vorher da… aber die Wichtigkeit wurde mir noch einmal deutlicher und eindrücklicher in dieser Zeit. Es wirkt eben nicht mehr selbstverständlich… sondern ich besinne mich darauf, dass es noch besonderer für mich ist, weil man sie hat und es sie gibt und jede Hilfe, jede Unterstützung etwas Besonderes ist.
Durch meine kleine Firma Spachtelkiste habe ich so coole Menschen kennenlernen dürfen, das fand ich 2020 einfach toll und macht mir Mut. Ich habe Geschichten zugeschickt bekommen von Leuten, die mit meiner Mobilen Campingküche kleine Reisen (Coronakonform) angetreten sind und echte tolle kleine Abenteuer erlebt haben und ein kleines Stück heile Welt hatten. Das hat mich unglaublich gefreut. Auch Steph und Martin von Hotzenplotz-Adventures.de, die mich einfach mal zu einer kleinen Messe eingeladen haben, um mir zu zeigen, wie der Hase so läuft und worauf ich achten muss. Mit ihren Tipps und Tricks bin ich nun etwas sicherer unterwegs.
Ich konnte aufgrund dessen, dass die Menschen mein Produkt toll finden und es kaufen, mittlerweile aus der kleinen Garage meines Vaters (vielen Dank nochmal für die Bereitstellung, Senior!) in meine Kreativwerkstatt umziehen. Ein kleiner ehemaliger Schweinestall in Bortfeld. Auch über die Familie organisiert. Wäre ich ohne Family auch wieder nicht weitergekommen…
Andre, den ich immer liebevoll meinen Tischler nenne, ist der Partner meiner Cousine, und nur durch seine Hilfe kann ich mein Geschäft betreiben. Ohne Holz keine Spachtelkisten… auch wieder Familie. Es ist alles ein Kreis und ich weiß nicht, wie es wäre, wenn jemand aus diesem Kreise fehlen würde.
Darum versuche ich, positiv zu denken und gesund zu bleiben… und nie vergessen, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen geht alles irgendwie etwas leichter, sag ich mir. Und wenn ich das mal vergesse, dann sagt mir das jemand von meinen Lieben.


Roberta

Es gab viel Positives in 2020.

Zu allererst, meine Familie, Freunde und ich selbst sind gesund – ich hoffe sehr, dass es so bleibt. Deshalb hier an alle die Bitte: Haltet Euch an die Vorgaben der Bundesregierung. Vermeidet es möglichst, Euch mit anderen direkt zu treffen, geht keine unnötigen Risiken ein, nicht in dieser Zeit. Meine Parole: Einfach noch ein bisschen durchhalten, bitte. Für uns alle.

Das Zweite: Ich leide keinen Hunger, habe ein Dach über dem Kopf und einen Job, mit dem ich meinen Unterhalt bestreite.

Und Drittens: Auch wenn dieses Jahr einiges anders war für mich als die Jahre davor (ich hatte z.B. keine einzige Ausstellung, in 2019 waren es dagegen ein Dutzend) und ich deshalb finanzielle Einbußen hatte, gab es doch auch viele tolle, berufliche Momente: Mein drittes Sachbuch „Die Praxis des Gestaltens“ ist im März erschienen, mein Podcast „Der kreative Flow“ ging weiter und ich hatte sehr tolle Gäste, z.B. Judith Holofernes von „Wir sind Helden“, Regina Kehn und Illute. Ich habe drei Sketchwalks im Rahmen des „Braunschweiger Lichtparcours“ angeboten und insgesamt 30 Leute haben unter meiner Leitung im Freien etwa zwölf Stunden gezeichnet, natürlich unter Einhaltung der Corona-Bestimmungen. Und ich habe mit Hilfe von Startnext und 25 Unterstützern mein erstes Hörbuch „Die Zeitkapsel“ mit eigenen Kurzgeschichten produziert und selbst veröffentlicht (> als CD, gibt es z.B. im Riptide auch als „Take away“ und als Podcast > überall, wo es Podcasts gibt). Und das war auch etwas, das ich ohne Corona-Pandemie nicht umgesetzt hätte (um auf Deine Frage zurückzukommen, lach!): die Vertonung meiner Kurzgeschichten. Denn das war irgendwie eine Art Übersprungshandlung, weil mir im April/Mai einige Jobs weggebrochen waren. Und so konnte ich auch 15 Schauspielern/Sprechern etwas unter die Arme greifen: Sie hatten was zu tun, nämlich meine Geschichten einzusprechen, und ich konnte ihnen eine kleine Aufwandsentschädigung durch das Crowdfunding bei Startnext zahlen.

Insgesamt war 2020 ein mega ereignisreiches und aufregendes Jahr – das, was ich erlebt und gefühlt habe, reicht locker für fünf Jahre (lach!).


Fehime

Ich persönlich konnte der Zeit viel viel Positives abgewinnen. Mit Basti habe ich viel mehr Zeit verbringen dürfen, habe mein/unser Zuhause, ja sogar jeden Winkel unserer Wohnung genießen und den Sommer auf dem Balkon auskosten können….auch neben der Arbeit im Home-Office. Das ist nämlich für mich die zweite positive Veränderung. Bisher war die Arbeitskultur stark von der reinen Anwesenheit geprägt, welche gleichbedeutend mit Leistung und Engagement gesetzt wurde. Dies hat sich aus meiner Sicht in eine ergebnisorientiertere Arbeitswelt gewandelt. Managern der alten Schule ist bewusst geworden, dass eine Zusammenarbeit auf Distanz möglich ist. Ihnen wurde vor Augen geführt, dass Vertrauen in die Mitarbeiter wichtiger ist als deren „Kontrolle“ und physische Anwesenheit.

Des Weiteren hat mir die Zeit mit Corona gezeigt, wie essentiell Freundschaften sind. Mit guten Freunden sind wir emotional enger zusammen gerückt.

Ich weiß nicht, ob unsere Welt nach Corona so sein wird wie vorher. Denn ich stelle fest, neben der neuen Arbeitswelt haben sich neue Produkte und Gepflogenheiten etabliert. Ein gutes Beispiel ist für mich das Thema Urlaub. Früher sind viele von uns – wenn möglich – weit weg geflogen. Das geht nicht mehr so einfach, sodass die meisten im letzten Sommer Deutschland und angrenzende Länder bereist haben. Die Vorzüge, einfach mit dem Auto in den Urlaub zu fahren und nicht stundenlang im Flugzeug sitzen zu müssen, wurden neu entdeckt. Auch wir haben diesen Sommer Freunde in Österreich besucht, die wir jahrelang nicht mehr gesehen hatten. Sonst wären wir wahrscheinlich auf einem fernen Kontinent gewesen und Corona hat uns zu diesen lieben Menschen geführt.

Für mich hat Corona Entschleunigung gebracht…und ich wünsche mir für mich, diese später noch beibehalten zu können. Ich könnte noch viel mehr positive Veränderungen aufzählen, wie beispielsweise den Support des lokalen Handels, innovativen Geschäftsmodellen oder der Hilfsbereitschaft unter den Mitbürgern. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass zahlreiche Menschen schlimmes Leid erleben mussten. So hoffe ich, dass die Zukunft für uns alle eine Kombination aus Gesundheit und den positiven Veränderungen wird!!!!


Hardy

Corona Kultur positiv?

Für mich als freiberuflicher Schriftsteller, der zum nicht unerheblichen Teil auf Honorare für Lesungen und Dozententätigkeiten angewiesen ist, sind die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus‘ fast existenzbedrohend. Hätte ich keine finanzielle Hilfe vom Land Niedersachsen und von der Stadt Braunschweig bekommen, im November auch vom Bund, hätte es für 2020 sehr düster ausgesehen. Wie es im nächsten Jahr weitergeht? Wann ich wieder anfangen kann, überhaupt etwas zu planen? Keine Ahnung.
Angst macht mir aber nicht nur das Virus – ich arbeite zum Glück nicht in einem potentiellen Hotspot –, sondern gerade auch die Leute, die selber so große Angst haben, dass sie in panikartige Dummheit verfallen und die Gefahr, die von der Seuche ausgeht, einfach wegleugnen. Auch das rasante Fortschreiten der Digitalisierung und das beschleunigte Sterben der Innenstädte durch die Pandemie sind für mich mit negativen Vorzeichen besetzt.

So bleiben jedenfalls meine positiven Erfahrungen der letzten Monate eher spärlich. Gut, ich war seit März nicht mehr krank, kein Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen, nichts. Das ist durchaus positiv. Auch, dass ich mich gezielter mit einzelnen Freunden getroffen habe als vorher, könnte man dazu zählen. Und im Sommer haben wir uns den Lichtparcours an der Oker angesehen, das war schon ein Highlight, nicht nur wegen der Kunstobjekte, sondern auch wegen der Menschen, denen wir auf dem Parcours begegnet sind – Schwätzchen mit einer Frau aus Dortmund, Wegbeschreibung für die Gäste aus den Niederlanden, Witzeln mit mir unbekannten Braunschweigern. Und alles mit einem angenehmen Abstand. Genau wie im Staatstheater Großes Haus, »Frankenstein«, vor uns neben uns hinter uns Sitzplätze, die frei bleiben mussten. Kein Tuscheln, kein Knistern, kein Hüsteln, nichts störte den Kunstgenuss. Oder ein Stück der Komödie am Altstadtmarkt, das unter freiem Himmel in der Konzertmuschel im Heinrich aufgeführt wurde; die Reihe »Mörderisches KULT«, die in Braunschweigs kleinstem Theater das Licht der Corona-Welt erblickte; das Riesenrad, das plötzlich auf dem Platz der Deutschen Einheit stand; Lesungen, hinter Spuckschutz im Café Riptide oder vor einem maskierten Publikum in der Buchhandlung Benno Goeritz; also, unsere menschliche Kreativität, die oft nur zur Gewinnmaximierung eingesetzt wird, jetzt aber auch dafür, das ein kulturelles Leben überhaupt stattfinden kann, das finde ich schon positiv. Ach, und das ich jetzt so viel Knoblauch ins Essen hauen kann wie ich will – egal, ist ja Maskenpflicht –, das ist toll!


Claudy

Was war 2020 für Dich trotzdem gut?

Wie, trotz was?
Ach so, wegen dem Wort mit C… Du weißt schon, trotz DEM!
Naja…

Gut in 2020 war für mich, dass ich einen Einschnitt in meinem Leben erleben durfte, der mich aus allem Vertrauten herausgeworfen hat und der meine ganze Routine, ja sogar mein bisheriges Selbstbild komplett in Frage gestellt hat.
Vor allem war meine Partyroutine auf Eis gelegt und damit fehlt/e mir die Möglichkeit, mich vom eigentlich Wichtigen und Wesentlichen abzulenken!
Denn als DJane für diverse Partys und Veranstaltungen hier in der Region war ich bisher an den Wochenenden sehr ausgelastet, und auch wenn das Auflegen finanziell mein zweites Standbein war, konnte ich dennoch auch gut ohne DJ-Aufträge klarkommen. Das tat mir jetzt eine Weile ganz gut, vor allem mental. Klar mache ich damit weiter, sobald es geht. Aber mit einer neuen Einstellung.
Was ist das eigentlich Wichtige und Wesentliche?
Direkte menschliche Beziehungen, freundliche Nähe, ruhiges Miteinander, konzentrierter Austausch, ein friedliches Miteinander in einer gemeinsamen Kultur.

Welches Positive wäre Dir ansonsten vielleicht nicht möglich gewesen?
Ich lernte neue technische Möglichkeiten kennen, wie ich online Menschen kontaktieren kann, wir haben z. B. online eine neue Familiengruppe und darin ganz NEU: Alle in der Familie lassen sich ausreden! Es gibt auch mehr Zeit für persönlichen Austausch zu zweit oder in kleineren Gruppen.
Ich gehe viel öfter spazieren oder tanze ein meinem großen Raum im Haus. Ich habe angefangen, mehr zu kochen, oder bastel sogar mal was. Ich habe interessante neue Kontakte gewonnen, alte Freundschaften bekommen eine neue Tiefe. Auch die seltenen Besuche in Restaurants und Cafés weiß ich nun mehr zu schätzen. Und ich wäre nie im Vorstand des Vereins gelandet, in dem ich nun bin. Also engagiere ich mich auch ganz neu.


Sylvia

2020 – ein total verrücktes Jahr – was war trotzdem gut?

Ich habe 2020 total viel vermisst, mein sonst übervoller Kalender mit kulturellen Höhepunkten ist seit dem Frühjahr gähnend leer – Konzerte, Lesungen, vor allem Kino fehlen mir schmerzlich, das gemeinsame Erleben mit Anderen.

ABER: Am wichtigsten ist meine Familie! Ich habe drei großartige Kinder, meine beiden Jungs leben mit Familie in Braunschweig, meine Tochter in Hannover. Ich habe sieben (!) Enkel, die beiden Jüngsten wurden im Sommer geboren. Alle haben ihre Kontakte gezwungenermaßen reduziert, dadurch sind wir noch mehr zusammengerückt. Das ist ein großes Glück und, wie ich von Freunden und Bekannten weiß, nicht selbstverständlich.

Und ich habe mich über jedes noch so kleine Event gefreut, das trotz Corona und dank riesiger Bemühungen stattfinden konnte. Ohne eins besonders zu erwähnen: Noch nie habe ich Besucher aller Altersstufen dermaßen glücklich und fast schon beseelt erlebt, selten so nette Begegnungen gehabt, trotz Abstand, mit völlig Fremden!

UND: Noch nie war ich so oft im Riptide, auf dem schönen Magnikirchplatz! Ganz bewusst, weil das Riptide bleiben muss!!! (xy: „Wollen wir uns mal wieder auf einen Kaffee treffen?“, ich: „Gern, aber nur im Riptide.“).

Ich kann es nicht erwarten, wenn wir uns alle wieder „richtig“ treffen können, ich möchte meine lieben Leute wieder umarmen dürfen!!! Und ich kann keine digitalen Events mehr ertragen!


Schepper

2020… was für ein irres jahr…
und trotzdem gibt es auch etwas gutes zu berichten.
da ich ja zu den sogenannten risikotypen gehöre, verbringe ich halt die zeit allein in meiner wohnung. okay, dann brainstorme ich mal:

gut ist, dass meine freunde für mich da sind und mich versorgen.
gut ist, dass ich eine so liebe schwester habe und dass sie so einen lieben freund hat.
gut ist, dass ich jeden tag mit meiner mutter telefoniere.
gut ist, dass sie alle gesund sind.
gut ist, dass ich gemerkt habe, wie wichtig mir alle sind.
gut ist, dass ich große dankbarkeit empfinde.
gut ist, dass matze die welt draußen für mich photografiert.
gut, dass es telefon und internet gibt.
gut ist, dass ich dinge viel mehr wertschätze als vorher.
gut ist, dass ich mit viel weniger auskomme.
gut ist, dass ich meine kochrezepte verbessert habe.
gut ist, dass mir niemals langweilig wird.
gut ist, dass mir bass-spielen solchen spaß macht.
gut ist, dass mir immer noch was neues einfällt.
gut ist, dass meine freunde nicht durchgedreht sind.
gut ist, dass ich coole neue und alte bands entdeckt habe.
gut ist, dass ich immer noch optimistisch bin.
gut ist, dass ich die hoffnung nicht aufgebe.
gut ist, dass ich gerne alles klein schreibe
gut ist, dass ich noch lebe…
gut ist, dass das riptide noch da ist.
gut ist, dass wir uns bestimmt bald alle wiedersehen.
gut ist, dass mir so viel gutes eingefallen ist.
gut ist, dass ihr bis hier alles durchgelesen habt :)

love + peace und bleibt munter


Maren

Im März 2020 wurde die Handbremse meines Hamsterrads gezogen. Ich habe mir erstmal – wie immer, wenn mir alles zu viel wird – noch mehr auf die Agenda gepackt, denn mir war klar (ein bisschen kenne ich mich inzwischen ja schon…): Wenn ich jetzt radikal runterschalte, dann falle ich wahrscheinlich erstmal um und stehe so schnell nicht wieder auf. Also war der Plan, den Prozess des Umfallens in die Länge zu ziehen und mich dann auch schneller wieder aufrappeln zu können. Und das hat geklappt. Meine erste positive Erkenntnis ist also: Ich kann mittlerweile besser mit Krisen umgehen.

Irgendwann im Frühsommer war zwar auch der Punkt da, an dem nichts mehr ging, aber das war in Ordnung. Ich habe mir erlaubt, auch einfach mal nicht zu funktionieren. Und dann habe ich mir die Zeit, die ich sonst so nicht gehabt hätte, genutzt, um mir mal in Ruhe anzuschauen, wie ich gerade so unterwegs bin, auf allen Ebenen: körperlich, mental und emotional. Ich habe überlegt und beobachtet und vor allem: geschrieben. Nach einer Weile hat sich das Geschriebene verändert und es haben sich langsam Erkenntnisse herauskristallisiert: Unzufriedenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und schließlich: Pläne.

Ich liebe Pläne. Und Listen…Pro und Contra…die ganze Nacht. Alles wieder verwerfen. Und nochmal von vorn. Im Sommer gab es zur Belohnung dann auch ein klein wenig Unbeschwertheit im neueröffneten Riptide, welches jetzt nur noch gut zehn Minuten zu Fuß von meinem Zuhause entfernt ist. Manchmal sind Veränderungen richtig gut.

Das Jahr geht zu Ende und ein paar der Pläne werden konkreter, gehen langsam in die Umsetzung. Ich habe 2020 viel gelernt, über mich und über andere Menschen mit teilweise sehr anderen Meinungen, mich über vieles gewundert, immer wieder gestaunt über mich und andere…also eigentlich alles wie immer, nur in diesem Jahr in der Intensität ein paar Level hochgedreht. Das Jahr war scheiße anstrengend…hat mich aber auch mächtig nach vorne gebracht.

It’s been one hell of a ride, hasn’t it?


Harald

Oh ja, das – nun – alte Jahr war aber mal ein wirklich neues… Dabei fing es so groß an, hatte ich doch kurzfristig den Eindruck, die Weltherrschaft der Künstlerseelen stünde unmittelbar bevor— damals, vor Jahren, eigentlich knapp einem: in diesem Januar, als wir fünf an dem Abend, an dem ich Arni und dich, Matze, kennenlernte, sofort einen fulminanten Sieg im Genial Großen Geistesduell errangen. (Lies ggf. deinen Blog #148, aber ich glaube, du erinnerst dich.) Tja. Ein volles Jahr. Von obigem Rausch und ernüchternder Realität zweier aufeinanderfolgender Quizabende – ein wahrhaft bipolares Erlebnis – über die kontemplative Ungewissheit menschenleerer Kleinstädte bis hin zu neuen, wichtigen Anschüben, Ansätzen, Antrieben für mehr als ein nächstes Jahrzehnt. 2020 halt. Als weitestgehend Verschonter und zwischenmenschlich Bereicherter möchte ich dieses absolute Ausnahmejahr nicht missen (es würde auch irgendwie im Kalenderfach fehlen). Ich habe tatsächlich gelernt, online mit Freunden wie auch völlig Fremden Stimmungsvolles mehrstimmig zu singen (unbestimmt latent), und habe erkannt, dass ich systemrelevant bin (wusste ich vorher schon, hatte mir aber nie jemand geglaubt, bevor es tatsächlich gefährlich wurde, systemrelevant zu sein). Ich habe eine Hochzeitsfeier liebevoll geplant und ebenso um unbestimmte Zeiträume verschoben wie den 90. Geburtstag meiner Mutter, eine weitere, sozusagen, ausgelassene Feier; und trotzdem. Trotzdem ist meine Mutter jetzt im Dinner-for-One-Alter und hat eine taufrische Schwiegertochter. Es geht ja alles. Ich komme auch schneller zur Arbeit, seit wir gelernt haben, dass Anwesenheit nicht immer nötig ist und häufig auch eher schadet – außer natürlich bei mir. Beruflich. Persönlich. Halt systemrelevant. In diesem Sinne bin ich noch gespannter auf 2021. Zweifellos ein ganz neues Jahr.


Sarah

Also, das ist eine sehr gute Frage…

Ich habe mehr Zeit für mich und meine Lieben, man freut sich sehr viel mehr darüber, gesund zu sein, und achtet doch schon etwas mehr auf sich.
Habe wieder den Sport an der frischen Luft für mich entdeckt.
Wenn man meinen Freund fragt, koche ich wieder sehr viel mehr. :-)
Natürlich wird mir auch immer wieder bewusst, dass mir das Kino fehlt oder ins Schwimmbad zu gehen, in meine Lieblingscafés oder Bars, Essen gehen oder einfach mal wieder ein Konzert zu besuchen. Vor allem das Reisen fehlt mir sehr…
Ich bin eigentlich nicht so der Typ, der gern zu Hause sitzt und nichts tut..aber auch das hab ich jetzt mal hin und wieder für mich entdeckt. Es bremst mich aus, daran ist aber nichts Schlimmes. Ich muss mich nur immer noch daran gewöhnen.
Und ich telefoniere viel öfter mit meinen Freunden und mit meinen Familienangehörigen. Wie ich finde, ein sehr positiver Effekt.

Gut ist aber, ich glaube fest daran, dass auch diese Zeit ein Ende hat.


Kristin

Dank der besonderen Umstände in diesem Jahr habe ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen können, was sehr schön war. Meistens. Alle Eltern werden verstehen, dass einem am Ende eines reinen Kindertages auch die Decke auf den Kopf fallen kann, und doch sind es wertvolle Zeiten, die man – besonders im Nachhinein – nicht missen möchte. Mein Jüngster ist in einem Alter, in dem es besonders schön ist, seine Entwicklung mitzuerleben, da die Schritte größer sind, mutiger, bedeutender. Aber auch außerhalb der Familie habe ich bewusster wahrgenommen, was ich habe. Es ist wohl eine gute Grundhaltung, mehr das zu genießen, was man hat, als das zu vermissen, worauf man vorübergehend verzichten muss. Die wenigen Konzerte etwa, die ich in diesem Jahr besuchen konnte, habe ich besonders geschätzt. So wurde das zu einem Leitmotiv: Alles einfach irgendwie bewusster wahrnehmen. Das sollte man wahrscheinlich immer tun, aber uns zeigt ja in der Regel erst das Fehlen, wie wichtig uns etwas geworden ist, was uns alltäglich und selbstverständlich erscheint. Insofern: Danke, 2020!


Marc

Schon im Rahmen des ersten Corona-Lockdowns im Frühling 2020 dünkte mir, dass das Horten von Trockenobst, Haushaltsrollen (vielseitig verwendbar) und Trinkwasservorräten nur eine Maßnahme sein kann, um der vermaledeiten Seuche die fieberlose Stirn zu bieten. Auch der Geist, das haben wir alle (na gut, die meisten von uns) in diesem Jahr gelernt, muss gefüttert werden. Und sei es mit einfachen Dingen. Die wundervolle Vorstellung, endlich mal ein bisschen Zeit „für sich“ zu haben, kann allerdings schnell zum Alptraum werden.
Mein Fazit: Bücher, die ich immer schon mal lesen wollte, habe ich bis dahin aus gutem Grund noch nicht gelesen. Und das so beliebte, neudeutsch „Binge-Watching“ genannte Wegglotzen von Serien birgt spätestens am zweiten Tag die Gefahr des an Mario Gomez gemahnende Wundliegens. Alles nicht befriedigend, also fertigte ich mir bereits im April eine To-Do-Liste an, die ich abarbeiten wollte. Anbei eine originalgetreue Kopie:

1. Ausschlafen
2. Arbeitszimmer aufräumen
3. Eine neue Sprache lernen
4. Ein besserer Mensch werden

Jetzt haben wir Dezember, verschiedene Lockdown-Varianten liegen hinter uns, und es hat sich nichts geändert. Das Virus tobt weiter durch die Straßen, aus dem Internet heraus drohen Politiker, Hundefrisöre und andere Propheten mit der dritten, vierten oder fünften Welle. Mir egal, dann ist das eben so. Denn in weiser Voraussicht habe ich erst einen (den ersten) Punkt erledigt, und den nicht mal zur Gänze. Ich habe also noch Luft für weitere Shut- und Lockdowns. Sollte irgendwann dann tatsächlich der alle(s) erlösende Impfstoff kommen und wir uns in Form von Langzeitschäden nicht in sabbernde Pilzgeflechte verwandeln, auch gut. Denn wer weiß, was in meiner restlichen Lebenszeit noch alles auf mich wartet? Vielleicht ein ganz neuer Virus, möglicherweise biegt auch ein Weltkrieg um die Ecke. Ich hab dann meine Liste und wende mich möglicherweise den Punkten zwei bis vier zu. Vielleicht. Wenn Punkt eins erledigt ist.


Bastian Till

Ich habe mich für zum Beispiel die großen Vorzüge des Alkoholkonsums im Büro entdeckt! Es gipfelte nun tatsächlich sogar darin, dass ich einen großen Kühlschrank von der heimischen Brauerei gestellt bekam – obwohl ich doch noch viel lieber doppelte Weißweinschorle oder Gin-Tonic trinke. Das finde ich insgesamt sehr positiv und bewerte es für mich als Weiterentwicklung.

Ich bedauere es sehr, dass ich in diesem Jahr so wenig im Riptide war. Erst Lockdown, dann seit Sommer mehr oder weniger freiwilliger Autoverzicht, wieder Lockdown. Das neue Riptide habe ich noch gar nicht gesehen – aber 2021 bin ich gewiss wieder am Start. Seit dem Fahrplanwechsel fährt der Zug zwischen Gifhorn und Braunschweig ja sogar stündlich und es gibt auch neue späte Rückfahrten. Das werde ich gewiss zu nutzen wissen – und dann freue ich mich auf einen tollen Quizabend mit Arni und Matze!


Außer den Jahresabschlussfragen gibt es seit dem Umzug des Café Riptide eine neue Tradition für mich: monatlich einen der neuen Nachbarn besuchen, kennenlernen und vorstellen. Für dieses Mal suchte ich mir die St.-Magni-Kirche aus, schließlich ist Dezember, Adventszeit, es naht also ein Fest, das es ohne das Christentum in dieser Form nicht gäbe. Nach meinem Besuch bei Chris entdecke ich die Tür der Magnikirche sperrangelweit geöffnet und das Innere einladend hell strahlend erleuchtet. Außer mir betrachtet nur eine Frau den Altarraum, ansonsten begegne ich jedoch niemandem, der mir von offizieller Seite zum Gespräch bereitstünde. Aber auch dafür gibt es Emails, und ich stelle eine Anfrage an das Gemeindebüro. Auf die antwortet mir Jugenddiakon Dieter telefonisch, der mir erklärt, dass die Kirche täglich für jeden geöffnet ist, ich also keine Ausnahme erlebte, und sichert mir zu, mir schriftlich etwas zukommen zu lassen. Er antwortet auf meine zwei Fragen, die ich an die Gemeinde richtete, eine exklusive, nämlich: Was bedeutet es Dir, dass das Café Riptide nun in der Nachbarschaft angesiedelt ist, gibt es Schnittpunkte, eventuell Besuche dort oder Pläne dazu? Und als zweites die obige Jahresabschlussfrage:


Dieter

zu 1)

Ich bin seit Februar in der offenen Jugendarbeit in und über St. Magni hinaus als Diakon unterwegs. Persönlich habe ich mich über den Umzug des Riptide ins Magni1/4 gefreut. Es ist ein Garant für leckeres, gesünderes Essen und gute Musik. Gern saß ich im – glücklicherweise langen – Sommer bei Euch und läutete mit Freund*innen oder Tochter das Wochenende ein. Das werde ich mit großer Sicherheit im nächsten Jahr wieder tun.

In der Magnigemeinde freuen wir uns über das lebendige Treiben auf dem und um den Kirchplatz. Gern laden wir dazu ein, die eine oder andere lebendige Aktion gemeinsam zu erspinnen…

zu 2)

Der Sommer war gut. Wir konnten im Kinder- und Jugendzentrum das Leben hauptsächlich nach draußen verlagern. Basketball und viele andere Bewegungsspiele auf dem Platz hinter der Kirche, Hausaufgaben und Bastelaktionen an Tischen unter freiem Himmel. Naja, Bewegung und frische Luft sind manchmal nicht so selbstverständlich, aber letztendlich gesünder, als bewegungsarm auf Bildschirme zu glotzen.

Praktisch nutzten wir den ersten Lockdown im Frühjahr, um unseren Dachboden zu entrümpeln. In 35 Jahren Kinder- und Jugendzentrum St. Magni hatten sich dort viele Dinge angesammelt, die heute nicht mehr zu gebrauchen waren. Somit sind sie mit zwei Containern Richtung ALBA gereist. Und Tschüss!

Der kleine praktische Erkenntnisgewinn: Uns wurde verdeutlicht, dass wir nicht in die Hände, sondern in die Armbeuge niesen und husten sollten, und dass ab und zu Händewaschen der Hygiene sehr förderlich ist;

Und im etwas größeren Zusammenhang: Uns wurde verdeutlicht, dass wir mit unserer Art zu leben nicht unangreifbar sind. Wir dürfen unsere Verantwortung sehen und unser Handeln danach ausrichten. Wie es geht, könnten wir mindestens herausfinden, wenn nicht schon an der einen oder anderen Stelle wissen.


Ich bin bewegt von diesem immensen Rücklauf. Und ich hätte auch noch so viel zu ergänzen, etwa, wie viel besser mir in diesem Jahr Äpfel und Birnen schmecken, wie viel Gewicht also das scheinbar Banale bekommt, wenn das scheinbar Glamouröse den Platz freigibt. Zu erwähnen ist noch: In der Woche bis zum 13. Dezember macht das Riptide Urlaub, danach geht der Betrieb so weiter wie zuvor, also dienstags bis samstags, jeweils eingeschränkt, aber immer gutgelaunt, erholt und mit dem Blick nach vorn. Man darf gespannt sein auf die Kreationen von Chefkoch Nico, sich freuen auf Gespräche mit Chris und dann die ein oder andere bestellte Platte mitnehmen. Es geht weiter!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#156 Auch 13, Unsichtbarer!

16. September 2020


Montag, 31. August 2020

Dies ist der letzte Tag vom alten Café Riptide. Heute geben André und Chris die Schlüsselgewalt über die Räume, die die Kulturlandschaft in Braunschweig veränderten, an ihren Eigentümer zurück. 16. September 2007 bis 31. August 2020. Eigentlich ja nur bis noch etwas früher, aber – heute läuft eben der Mietvertrag aus. Am Wochenende halfen Helfer, die letzten Reste aus den beiden Räumen im Handelsweg in Container zu schleppen. Eigentlich ist heute also nichts mehr zu tun, aber da ich gestern verplant war und heute noch Urlaub habe, bin ich um 10 Uhr im Handelsweg, um André vor Ort zu treffen.

Vorher treffe ich Helmut, der aus seiner Strohpinte blickt. Ihm geht es gut, sagt er: „Man kommt durch.“ In seine Kneipe verirren sich in diesen Zeiten nur noch Stammgäste, keine Fremden, und von den Stammgästen nicht einmal alle: „Manche haben Angst, das ist berechtigt“, sagt Helmut. Er zuckt mit den Schultern, angesichts der demnächst sinkenden Temperaturen und der dann fehlenden Möglichkeit, die Gäste weiterhin wohltemperiert draußen bewirten zu können: „Abwarten, was kommt.“

In diesem Moment ist dies André, der da um die Ecke schlendert und Helmut und mich begrüßt. Er schließt das Riptide auf und lässt mich einen Blick werfen – in den kahlen Raum, auf den grauen Putz, auf die fehlenden Zwischenwände, auf Lücken somit, auf den Kabelsalat, der sich quer durch diesen Raum zieht. Danach öffnet er die Riplounge, die sich ähnlich präsentiert, auch hier fehlen Wände und Farben und Lampen und Boden, in der Nische sind lediglich einige Werkzeuge und Arbeitsmaterialien aufgestapelt, die André noch mitnehmen wird. Einiges davon drückt er mir in die Hand, damit ich an den losen Enden des Kabelmonsters im Café Lüsterklemmen anbringen kann. Ich widme mich dem Lindwurm, André anderen Aufgaben.

Und einigen Klärungen, zu Gerüchten und Geschichten, die über ihn und Chris und das Riptide allgemein im Umlauf sind. André macht dem Umzug ins Magniviertel „aus privaten Gründen“ nicht mit, bestätigt er Chris, und betont: „Mit Chris ist alles in Ordnung!“ Kein Streit, keine Trennung der Freundschaft, kein Ehekrach, keine wie auch immer geartete Katastrophe, von der in der Stadt so zu hören war. Leute haben ja abenteuerliche Ideen, wenn ihnen etwas nicht klar ist, aber auf die naheliegende kommen sie nicht: André muss sich auf andere Elemente in seinem Leben konzentrieren und seine Energie umlenken. Glücklich ist er damit nach all der Zeit und all den Errungenschaften und all den Erinnerungen auch nicht, aber sieht sich Zwängen ausgesetzt. Das Auseinanderdividieren des bisher gemeinsamen Unternehmens Riptide steht daher in absolut keinem schlechten Licht: „Wir sind beide der Meinung, dass das freundschaftlich vonstatten geht.“ Von einigen Gerüchten hat er überdies selbst gehört, lacht er: „Ich bin nach Mauritius ausgewandert, habe sieben Millionen im Lotto gewonnen.“ Sieh an, diese Geschichten habe ich noch nicht zu hören bekommen.

Ein Termin zwingt André und also auch mich zum Aufbruch. Chris hatte Recht: Das tränende Auge bleibt aus, trotz des Abschieds nach fast 13 Jahren aus diesen Räumen, die mir so viel Welt und Leben bedeuten. Die Erklärung dürfte einfach sein: Weil es bereits weitergeht, weil ich bereits weiß, das es sogar besser geworden ist, dass es nicht nur eine potentielle Zukunft hat, sondern dass diese Zukunft längst läuft. Nun also: Danke, André, für alles, und auf bald!

Neben der Strohpinte trägt Stefan einige Kisten mit Comics vor das Schaufenster von ComiCulture. Maskiert folge ich ihm in den Laden. „Corona macht den Leuten teilweise Angst und sie bleiben zu Hause und machen nur noch das Nötigste“, erzählt er. Dafür hat er Verständnis: „Und anderes ist ihnen egal, das ist menschlich.“ Er lächelt: „Vielleicht bringt‘s ja auch was Positives.“ Veränderungen nimmt er schon jetzt wahr, auch darin, wie manche Menschen darauf reagieren, dass sie kulturelle Angebote nicht mehr wahrnehmen können und dass Onlinestreams zwar eine willkommene Alternative, aber niemals ein Ersatz sind: „Die Leute sind hart unterlebt.“ Er sinniert: „Vielleicht ist es das, was übrigbleibt, dass sie merken, dass sie andere Menschen brauchen – dann reicht das doch schon.“ Gewiss ist ihm jedoch, dass sich auch die Subkultur ändern wird, was sich auch auf ComiCulture auswirken würde: „30 Prozent der Leute haben zum ersten Mal online gekauft – warum nicht ein zweites Mal?“ Der nächste Kunde gehört nicht dazu, dem widmet sich Stefan nun und ich verabschiede mich.

Nicht ohne noch einen Blick durch die Fenster des alten Riptide. Danke für die unzählbaren und tiefgreifenden Abenteuer. Ich bin gespannt auf die nächsten.

Dienstag, 15. September 2020

Zum Beispiel bei Ohlendorf, dem sympathischen Traditionsbaumarkt im Magniviertel, in direkter Nachbarschaft zum neuen Café Riptide. Da Chris schon so viel davon schwärmte, wie ihm der Laden während des Umzugs hilfreich zur Seite stand, bin ich neugierig. An der Kasse frage ich Sabrina, ob mir jemand etwas über das Geschäft erzählen kann, und sie meint, dass da der Chef besser für geeignet sei als sie, und greift zum Telefonhörer, um diesen Chef aus seinem Büro an die Kasse zu bestellen. Und zwar mit den Worten: „Papa, kannst du mal runterkommen?“ So eine Sorte Chef also! Sabrina grinst: „Das ist halt ein Familienbetrieb.“ Sie springt nämlich während ihres Studiums gelegentlich als Aushilfe ein.

Und ein Familienbetrieb ist die Ludwig Ohlendorf KG seit über 125 Jahren, auch wenn der jetzige Geschäftsführer Jürgen Weferling einen anderen Nachnamen trägt. Weil es in der Familie einst nur zwei Mädchen gab, berichtet er, irgendwann in früheren Generationen; er erwähnt eine „Urgroßmutter“: „Die Frau musste den Namen des Mannes nehmen, das macht man heute nicht mehr so.“ So kommt es also, dass die Weferlings nun die neuen Ohlendorfs sind.

Der Laden brummt, um uns herum schwirren die Kunden, Sabrina hat an der Kasse ordentlich zu tun, und der Chef weiß: „Wir sind der kleine Baumarkt, wo sie viele Sachen lose kriegen.“ Zu solchen Kunden gehörte auch Chris, wie er weiß: „Das Riptide hat viel für den Umbau gebraucht, mal eine Dose Farbe“, erzählt er. „Davon leben wir, von den Kleinigkeiten“, weiß er, und ebenso, dass der Zulauf an Privatkunden derzeit der Coronakrise geschuldet zurückgegangen ist. Dennoch ist er zufrieden: „Wir haben 200, 300 Kunden pro Tag auf einer verhältnismäßig großen Fläche.“ Was man sich nicht vorstellen kann, dass sich hier mitten im eher klein gebauten Magniviertel ein Baumarkt mit einer Fläche von 800 Quadratmetern und fast 50 Mitarbeitern verbirgt; „da sind auch Teilzeitkräfte dabei“. Und einen Onlineshop betreibt er noch „nebenbei“. Beachtlich.

Bislang hat es Jürgen Weferling noch nicht so oft ins Riptide geschafft, aber er freut sich über die Möglichkeit, dort mittags mal auf einen Kaffee einkehren zu können. „Es ist hier besser als drüben“, weiß er, denn obgleich er in der Nähe des Handelswegs wohnt, schaffte er es nie dorthin. Im Magniviertel hingegen sei alles vorteilhafter: „Hier ist jeden Abend etwas los“, beobachtet er, und bemerkt schmunzelnd: „Montags fehlt uns immer was, weil es zu hat.“

Dienstags nicht, daher kehre ich nach meinem Abschied von den Weferlings gleich mal im Riptide ein und bestelle mir meine übliche Fritz-Karamell-Kola. Madeline drückt mir die Flasche in die Hand und berichtet, dass sie gerade mal seit zwei Wochen im Riptide arbeitet. Auch ihre Kolleginnen Lucie und Nadia sind mir noch nicht bekannt, es tut sich was am neuen Standort. „Ich hab studiert in Mainz“, erzählt Madeline. Und fühlt sich im Riptide alles andere als fremd: „Ich kenne das Team, wir haben zusammen im Hallenbad gearbeitet, in Wolfsburg.“ Jetzt bin ich baff. Brauchen sie dort zurzeit etwa niemanden mehr? „Das war vor dem Studium“, beruhigt sie mich. „Ich wollte hier studieren, Master, aber das hat nicht geklappt, jetzt arbeite ich hier.“ Sie kommt ursprünglich aus Wolfsburg, und von den heute Anwesenden kennt sie Nadia schon aus dem Hallenbad, „länger her“. „Das Team ist gut, es macht Spaß“, freut sie sich, „das ist eine gute Kombi, mit Plattenladen, im Magniviertel.“ Der nächste Gast möchte nun bei Madeline ein Getränk bestellen, ich nehme mir meins und begebe mich nach draußen, auf den von der ungewöhnlich warmen Septembersonne hell erleuchteten Magnikirchplatz.

Der ist wie immer rappelvoll. Am Rande einer Tischgruppe finde ich einen Platz auf einer Bank, als mir Marc von einem der Tische der benachbarten Barnaby‘s Blues Bar mit der Pommesgabel zuwinkt. Ich winke zurück und wanke zu ihm. Vielleicht hat er ja einen neuen Chuck-Norris-Fakt für mich parat.

Und morgen hat das Riptide ja Geburtstag. 13, bestes Teenageralter! Rock‘n‘Roll, liebes Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#155 Uv-àjéd

27. August 2020


Donnerstag, 27. August 2020

Und plötzlich ist der ohnehin gefühlt viel zu kurze Sommer auch ebenso gefühlt schon fast wieder um. Eben noch in der Ostsee schwimmen, schon nur noch in Jacke draußen unterwegs. Außer, man ist Däne und schwimmt auch bei Minusgraden in der Ostsee, weil die dann ja schließlich wärmer ist als die Luft. Wenn einem dann als Zuschauer schon kälter ist als den Schwimmenden, die gutgelaunt den grauen Wellen entsteigen, während man selbst dessen angesichtig in einen Schreiwettstreit mit den Möwen tritt.

Ja, ich gehöre zu denen, die auch in Coronazeiten nicht auf ihren Jahresurlaub verzichten wollen, das gebe ich unumwunden zu. Nur war das Ziel von Andrea und mir deshalb auch entsprechend gewählt: eine Gegend in Dänemark, weil wir in Deutschland so kurzfristig nichts bezahlbar Ansprechendes fanden. Eine Gegend, in der wir weder Nachbarn noch Gastronomie oder Supermarkt hatten. Aber eben Gegend. Und Ruhe. Und außer uns zu Hochzeiten – also einmal in dieser Woche – vielleicht fünf weitere Personen gleichzeitig am ausgewiesenen Badestrand. Luxus in Ödnis. Und als einzige Möglichkeit, Musik zu kaufen, den Føtex-Supermarkt im Nachbarort, der das neue Album „Alter Echo“ von Dizzy Mizz Lizzy wohl nur deshalb überhaupt im Sortiment hat, weil es in Dänemark in den Charts ist.

Jetzt also wieder Braunschweig und den Sommer ausklingen lassen. Mit einem Eis im Limonella zum Beispiel, um die Ecke vom neuen Riptide, im Magniviertel, in der Langedammstraße, oder, falls es Ende August doch schon zu kalt dafür ist, auch einen Espresso, den mir Inhaber Hasib kredenzt. Er betreibt das Café seit „sieben Jahren und zwei Monaten“, wie er spontan errechnet, nämlich seit dem 1. Juni 2013. Seine neuen Nachbarn im Ölschlägern hat er noch nicht besuchen können, bedauert er: „Ich habe nur sonntags frei, und sonntags haben sie Ruhetag – ich würde da gern etwas trinken.“ Von dem erzwungenen Umzug des Riptide aus dem Handelsweg hat er Kenntnis: „Hoffentlich es läuft alles gut“, sagt er, „ich höre, die Leute sind nett.“

In der Gastronomie ist Hasib schon lang in Braunschweig tätig: „Ich habe vorher eine Eisdiele gehabt in Wenden“, erzählt er, das La Perla, und das hat er verkauft, nach ungefähr acht Jahren dort. Da ergibt sich die Frage, ob das Magniviertel besser ist, und die beantwortet Hasib diplomatisch lächelnd mit „Auch!“ Und erklärt, dass das La Perla lediglich eine Eisdiele war und dass er im Limonella zusätzlich „eine Kleinigkeit zum Essen“ im Angebot hat, „wir machen alles selber“, Brot, Dips, und mittags sind bis zu vier Gerichte auf der Tafel aufgeführt, „immer Kleinigkeiten“. Das Eis wiederum ist nicht aus eigener Produktion, das kommt noch aus Wenden, von Taormina indes, „die sind bekannt in Braunschweig“, weiß Hasib, und ich habe die mobilen Eiswagen mit der Aufschrift auch schon überall gesehen. „Seit 14 Jahren“ lässt er sich von denen beliefern.

Auch wenn alles so italienisch klingt, Hasib kommt aus dem Irak: „Aber ich kann es verstehen und auch ein bisschen sprechen“, sagt er. Bis vor einer Weile war er der einzige im Magniviertel, der Eis verkaufte, erzählt er: „Jetzt Das kleine Café auch“, der erste Mitbewerber also, von dem Hasib vollmundig schwärmt, „die sind lieb“, sagt er, und „die machen auch alles selber“. Früher war dort die Crêperie ansässig. „Es gibt viele Cafés im Magniviertel, zu viele“, sagt Hasib augenzwinkernd, weil es mehr Konkurrenz bedeutet, die er aber schätzt. Zum Beispiel die Makery: „Die waren Stammkunden hier und haben dann das Café aufgemacht“, berichtet er erfreut. Dann fällt ihm ein, dass das Friedrich 2, also F2 oder Friedrich der II., seit kurzer Zeit ebenfalls Eis verkauft, und grinst: „Viel zu viel Eis!“ Von dem F2 gefällt ihm der Garten nach hinten heraus. Und vom Riptide hört er nur Gutes: „Das ist die Hauptsache!“

Bevor ich nun den Weg eben dorthin fortsetze, kehre ich einmal mehr bei Simone ein, denn lustigerweise ist Schepper bei ihr Stammkunde und bat mich, ihm seine begehrte Hanf-Haarseife mitzubringen, wenn ich wieder im Viertel sein würde. Mache ich doch selbstredend. Im Viertel bin ich ja nun öfter, dem Riptide sei Dank. Kürzlich, noch vor dem Urlaub, beispielsweise mit Arni, an einem der raren Draußentische, als es noch so richtig warm war und wir einen klassischen Riptide-Tag erlebten, mit allerlei Bekannten und Freunden, die sich zufällig an unseren Tisch verirrten. Darunter Dirk, der einmal mehr mit einer Reisegruppe im Rahmen von Eat The World im Riptide eintrudelte. Dabei fiel mir auf, dass er ja quasi das Ziel schon lang subliminal im Programm verankert hatte: Obgleich die Route, für die er in Braunschweig unterwegs gewesen war, „Magniviertel“ hieß, war das noch im relativ weit davon entfernten Handelsweg residierende Riptide darin untergebracht – visionär geradezu.

Wie es sich für einen Stadtführer gehört, hatte Dirk für Arni und mich auch an dem Nachmittag Anekdoten parat, die das nahe Umfeld des Riptide betrafen. Barnaby‘s Blues Bar genaugenommen, dessen Eigentümer Peter laut Dirks Kenntnis in den USA, in New Orleans, eine Kneipe gehabt hatte, in der The Doors am 12. Dezember 1970 ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gegeben und als einziges Mal „Riders On The Storm“ gespielt hatten. Das, so fand Dirk, war dabei gar nicht mal die spannendste Geschichte um Peters früheren Laden. Denn, der Laden hatte Warehouse geheißen, und als da ein Resident-DJ selbstgebastelte elektronisch grundierte monoton-rhythmische Musik unter die Leute gemischt hatte und diese ihn nach dem Namen dieser Musikrichtung gefragt hatten, hatte er schlichtweg mit dem Namen der Location geantwortet, Warehouse, woraus sich alsbald die Bezeichnung House ergeben gehabt haben soll. Arni und ich hegten zwar, wie der Berichterstatter selbst, gesunde Zweifel daran, wir drei waren uns aber einig, dass diese Geschichte wichtiger war als der Wahrheitsgehalt. Das Internet verrät nun, dass die Geschichte in den Grundzügen sogar stimmt – dass aber ein anderes Warehouse daran beteiligt war, nämlich das in Chicago.

Außerdem verzehrten Arni und ich einen Kuchen mit frischem Obst, von dem Chris uns verriet, dass eine Freundin es in ihrem Garten geerntet und dem Riptide zur Verfügung gestellt hatte. Sowas von lecker. Und bei einer Bestellung erhielt ich zudem eine Grundlagenerkenntnis in Sachen Sprachgebrauch: Arni wählte seinen Milchkaffee mit veganer Milch, und als ich gerade anhob, „normale“ zu sagen, erhielt ich den freundlichen Hinweis, dass man im Ritpide dieses Wort vermied, um das vermeintlich Normale nicht allem anderen gegenüber wertend festzulegen. Anerkennend stattgegeben.

Und dann hatte ich noch zwei Geschichten zu berichten, einmal von dem Ausflug, den Andrea und ich nach Leipzig unternommen hatten, selbstredend auch in einen Plattenladen, den wohlsortierten Whispers Records in der Karli nämlich, aber auch in ein Eiscafé um die Ecke davon, besser: in die Eisdiele Pfeifer, deren Inhaberin uns durch das Quasi-Museum führte und uns dessen Geschichte erzählte. Dass der Herr Pfeifer den Laden jahrzehntelang aus Mangel an Möglichkeiten zwangsläufig nach klassischer DDR-Art eingerichtet und dann zur Wende vor dem Problem gestanden hatte, im Unklaren über die Besitzverhältnisse des Hauses gewesen zu sein, in dem seine Diele untergebracht war, und dass der Herr Pfeifer deshalb vorsichtshalber gar nichts investiert hatte, was ihm dann Jahre später zugute gekommen war, weil nämlich alle anderen Eisdealer auf topmodern umgesattelt hatten und er der einzige geblieben war, dessen Einrichtung allgemein aufgekommene Ostalgiebedürfnisse befriedigt hatte. Davon profitierten nun eben die Nachfolger, die die Diele unter Pfeifers Namen fortführen. Und überdies auch noch erhebliche Leckereien anbieten. So kann‘s gehen.

Die zweite Geschichte hatten Andrea und ich eines lauen Sommerabends mit jeweils einem Bier auf der Bank auf einem nahen Spielplatz erlebt, den regelmäßig eine Gruppe Heranwachsender frequentiert. So auch an jenem Abend, als wir die sowohl abwechselnd als auch gleichzeitig auf Türkisch und Deutsch gehaltenen Gespräche nur fetzenweise verstanden hatten. Ein höchst philosophischer Kommentar allerdings blieb uns nachhaltig im Gedächtnis: „Wenn einer mit allen gut kann – der kann doch kein guter Charakter sein, oder?“

Heute hat Chris fast gar keine Zeit, er steckt in Arbeiten im Büro und ist auf dem Sprung zum alten Standort im Handelsweg, erzählt mir Sera an der Theke. Das Arbeitsaufkommen lässt auch für die Belegschaft erfreulicherweise nicht nach: „Es läuft eigentlich ganz gut, es ist immer reserviert, jeden Abend ist es ausgebucht“, berichtet Sera. Denn sie weiß, was die Gäste wissen: „Der neue Laden ist etwas Anderes, der ist gut.“ Sie bedauert es, dass sie manchen Anrufern sogar absagen müssen: „Morgens um zehn: ‚Nee, heute Abend ist voll!‘“ Wie gut für das Riptide.

Da steckt Chris seinen Kopf aus der Bürotür und erzählt davon, dass André und er tagsüber das alte Riptide auseinandernehmen, oder besser: Es „vertragsgemäß in den ursprünglichen Zustand zurück“ versetzen. Stimmt ja, Enmde ugust läuft der Vertrag aus, und damit fällt die finanzielle Doppelbelastung der Mieten endlich weg. 15 Kubikmeter Schutt verließen die alten Räume bereits; einiges davon sah ich gestern im Internet auf Fotos. „Das war nur der kleine Container“, winkt Chris ab: Den größeren zweiten schafften die beiden ebenfalls randvoll. Chris ist selbst überrascht, dass André und er dem Ur-Riptide keine Träne nachweinen: „Das tut richtig gut, wir haben beide gestrahlt und sehen das positiv.“ Denn: „Hier haben wir etwas viel Besseres, nicht nur eine Notlösung.“ Zwar vermisse er die Nachbarn „und alles“, aber: „Die Entscheidung war goldrichtig.“ Das Leerräumen des Handelswegriptides sei wie ein Déjà-vu, sagt Chris, nur rückwärts: „André und ich stehen in einem weißen Raum.“ Aus dem neuen Riptide zog André sich jedoch zurück, „vorerst“, wie Chris betont, und „aus privaten Gründen“, und nicht etwa, weil es Streit gab: „Wir sind befreundet nach wie vor“, und wer weiß, sobald sich die privaten Gründe so weit klären lassen, dass es möglich ist, kehrt André vielleicht ja auch wieder zurück. Die Tür steht ihm offen, betont Chris unablässig.

Jetzt schließt er sie aber vorerst hinter sich, er hat noch zu tun, bevor er noch mehr zu tun hat. Flink nehme ich mir einen Flyer vom Record Store Day 2020 mit, der Coronas wegen nicht im April stattfand, sondern dieses Jahr dreigeteilt ist, am 29. August, 26. September und 24. Oktober. Wie sich dieser Schallplattenladentag gestaltet, bringe ich dann in Erfahrung. Ist ja schon übermorgen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#153 Frohes Neues!

24. Juni 2020


Dienstag, 23. Juni 2020

In Skandinavien feiern sie heute Sankt Hans, dies sind die längsten Tage des Jahres, die kürzesten Nächte mithin, somit die unpassendste Zeit eigentlich, so etwas wie gestern die bundesweite „Night Of Light“ zu veranstalten, in der rot illuminierte Veranstaltungsorte auf das Corona-bedingte Desaster in der Branche hinweisen sollen; wer morgens um 6 Uhr rausmuss, treibt sich nicht in einer ohnehin spät beginnenden Montagnacht in der Stadt herum. Auch der kürzlich gestartete fünfte Lichtparcours lässt sich im Dunkeln nur begrenzt goutieren, vorerst zumindest, ab jetzt werden die Nächte ja wieder länger. Dabei ist der Lichtparcours vermutlich die beste Möglichkeit, Kunstgenuss in die Kontaktbeschränkungen einfließen zu lassen: Verstreut über die Stadt stehen leuchtende Kunstobjekte den Betrachtern zur Verfügung, die sich dafür nicht in einem geschlossenen Raum drängeln müssen. Perfekt! Und wenn sich die Stadt dazu noch Rahmenprogramme unter Einhaltung der Infektionsschutzauflagen einfallen lässt, ist auch die verlängerte Dämmerung kein Hindernis; so war es am Samstag bei der Aktion der Stadtfinder im Park der Musikschule, als Fly Cat Fly vor der „Bar du Bois“ spielten und wir danach mit Rille Elf auflegten. Die erste Veranstaltung seit einem Vierteljahr, da war die Stimmung grandios und die Dankbarkeit auf allen Seiten riesig, auf unserer nicht minder. Und außerdem spiegelt dieser Zeitraum Weihnachten, die Tage kurz nach der Wintersonnenwende, und markiert quasi das Ende des ersten Halbjahres 2020. Und überdies ein Abklingen des Lockdowns, der in Deutschland noch vergleichsweise harmlos ausfiel und offenbar die Zahl der an Corona Verstorbenen niedrig zu halten half.

Probleme gab und gibt es dennoch reihenweise, auch anderer Art, nicht zuletzt die „Night Of Light“ deutet darauf hin. Viele Freiberufler, Künstler, Selbständige leiden unter dem Wegfall von Aufträgen, der staatliche Rettungsschirm fängt die auf der Strecke Bleibenden nicht umfassend ab. Für das Riptide war die Zeit doppelt belastend: Seit April sollte es eigentlich unter der neuen Adresse im Ölschlägern im Magniviertel wiedereröffnet haben und am alten Standort für Umzugs-Benefiz-Veranstaltungen bis zum Auslaufen des Mietvertrags fortbestehen, doch zwang der Lockdown Chris und sein Team zum Stillstand. Mit einer Spendenaktion hielt sich das Riptide über Wasser, seit einem Monat empfängt es nun auch wieder Gäste, am grandiosen neuen Ort mit üppiger Außensitzfläche auf dem Magnikirchplatz. „Wir könnten sogar doppelt so viele Tische aufstellen“, freut sich Chris, denn so gefragt sei das Riptide hier, doch die Virusschutzauflagen lassen dies derzeit noch nicht zu.

Definitiv, es ist jedes Mal schwierig, draußen unter den Linden ohne Reservierung einen Sitzplatz zu bekommen. Städtische Bänke oder ein Stehtisch an der Riptidewand ermöglichen immerhin ein geduldiges Harren, und gelegentlich lassen sich Gäste auch dort zur Getränkeaufnahme nieder. Kürzlich berichtete mir Chris von einem kuriosen Umstand: Da das Riptide zurzeit aus Virusschutzgründen keine Karten auslegt, sondern innen und außen zum Fernbetrachten aushängte, und da auch das Logo noch nicht über der Eingangstür prangt, erging es einem Gast, dass er längst sitzend erst erfuhr, wo er sich aufhielt: „Ach, ich bin im Riptide?!“ Und sich freute, selbstredend. Ja, die Sonne lockt, der Lockdownauslauf lockt, die Leute sind wieder unterwegs, und wenn ich mich hier, auf Maren und Arni wartend, so umsehe, erblicke ich erfreulicherweise lauter vertraute Gesichter, und eben auch unzählige mir fremde.

Bevor ich mich an den mir von Anna freigehaltenen Tisch setzen kann, desinfiziert ihn Astrid. „Es riecht gleich nach Chlor“, warnt sie mich vor, während sie eine entsprechende Flüssigkeit aus einer Sprühflasche aufträgt und die Möbelfläche reinigt. Das riecht dann wenigstens sauber, finde ich, und sie meint: „Das riecht nach Freibad!“ Da bekomme ich prompt Appetit auf Pommes. „Und bunte Tüte“, ergänzt Astrid. Stimmt, schön sauer! Und Pommes, die gibt es ja nun auch im Riptide, also bestelle ich meinen Burger bei ihr mit nämlicher Beilage und lege den Thriller „Stunde der Flammen“ von Hardy Crueger neben die Flasche mit der Rose auf den frisch desinfizierten Tisch.

Unter den vielen Bekannten und Unbekannten um mich herum entdecke ich Axel und seinen Sohn Josch, die sich Orangen- und Zitronenbrause bestellen. „Man sieht sich ja gar nicht mehr“, stellt Axel fest, während sich dieser Umstand soeben aufhebt, gottlob. Dabei fiel mir auf, dass ich seit Beginn des Lockdowns weit mehr Bekannte auf der Straße oder am Südsee oder sonstwo traf als vorher, was vermutlich daran lag, dass die ganzen Cafés und Einrichtungen geschlossen waren, in denen ich sie sonst getroffen hätte. So wie jetzt eben Axel und Josch im Riptide. „Ich freu mich, dass es weitergeht“, sagt Axel und lässt seinen Blick über die unzähligen Tischgruppen auf dem sonnenhellen Magnikirchplatz schweifen. Den fließenden Übergang gibt es wirklich, die Tische von Barnaby’s Blues Bar und Das kleine Café schließen sich direkt an die vom Riptide an. Josch erzählt, was sich in dem Vierteljahr Stillstand ereignete, und berichtet, dass Axel ein Flipperspiel für die Playstation gefunden hat. „Er spielt das mit nur zwei Tasten“, lacht Josch. „Ich nutze für mein Spiel die halbe Tastatur, er zwei Tasten.“ Das sind immerhin doppelt so viele wie bei „Pong“, und Josch erinnert sich lachend, was Axel sagte, als er ihn erstmals am PC spielen sah: „‘Ich hab früher ‚Pong‘ gespielt‘!“

Die Erfrischungszeit währt für die beiden nur kurz, dann nimmt Sylvia ihren Platz ein, selbstredend erst nach der Desinfektion. „Es ist schön hier“, findet auch sie. Zwar war sie bereits zur Eröffnung im Riptide, aber da seitdem das Wetter schlechter wurde, ist dies ihr erster folgender Aufenthalt hier. „Eine Freundin hat ihren Laden nebenan“, berichtet sie, als Maren und Arni sich an meinen Tisch gesellen. „Wir treffen uns nach ihrem Feierabend hier.“ Arni hebt die Hände: „Das wäre verheerend, neben dem Riptide arbeiten!“ Maren nickt: „Schlimm genug, dass sich für uns der Weg halbiert hat.“ Sylvia ist Filmfan und seit zwei Jahren Rentnerin, der Lockdown eröffnete ihr neue Betätigungsfelder: „Ich gucke Netflix und Amazon Prime leer.“ Besonders „Homeland“ und „Haus des Geldes“ fixten sie an, „ich habe mir davon sogar ein Plakat bestellt“, sagt sie. „Ich fange nachmittags an“, Zeit habe sie ja nun. Sie strahlt, und ihre Verabredung trifft ein, Luule vom Fotostudio Artmann wenige Häuser weiter. „Seit drei Jahren sind wir dort, wir haben uns gefreut, dass das Riptide kommt“, schwärmt sie. Davor residierte Foto Artmann jahrzehntelang „auf der anderen Seite, hinter Galeria Kaufhof“, berichtet Luule. Eindeutig, das Riptide kommt im Magniviertel an.

Für Maren ist dies der erste Besuch im neuen Riptide, vorherige Versuche waren durch unvorhergesehenen Ladenschluss vereitelt worden. Wir drei haben uns nun auch schon seit einem Vierteljahr nicht gesehen, da gibt es einiges nachzuholen, die ganze Situation und was sie mit uns und dem Rest der Welt macht. Dabei erblickt Arni am anderen Ende des Kirchplatzes eine leuchtend orange uniformierte Sportlergruppe: „Vorbildlich, social distancing“, lobt er angesichts des weitgefassten kreisförmigen Aufbaus der Athleten. „Die haben sich sogar begrüßt per Fern…“ Er sucht nach dem Wort. Fernbedienung vielleicht? Das wohl nicht, aber das wäre für Gastronomieeinrichtungen in Coronazeiten eine gute Lösung.

Für uns ist Astrid eine Nahbedienung, sie bringt Getränke und Burger. Beim Herüberreichen berührt Arni Maren: „Ihh, der hat mich angefasst“, kreischt sie. Er zuckt mit den Schultern: „Ja, weißte, wasde jetzt alles hast?“ Maren nörgelt: „Ist ja eklig!“ Arni fährt fort: „Gute Laune und Optimismus“, ruft er, und setzt nach: „Chronischen Optimismus!“ Maren sortiert ihr Besteckt und jammert: „Ich will das nicht, krieg ich jetzt auch Antikörper?“ Arni missversteht: „Antjekörper, was hat Antje jetzt damit zu tun?“ Maren rutscht das Smartphone aus der Tasche und fällt zu Boden, gleich von drei Seiten machen sie aufmerksame Gäste darauf aufmerksam. Großes Gelächter. Arni staunt: „Der erste Tag im Riptide und es ist schon wieder genau wie früher.“

Heute bedienen viele Riptide-Mitarbeiter die Gäste, die ich noch nie gesehen habe. Chris kündigte ja an, dass er da dringend neu einstellen musste, und hatte auch rund um die Uhr Vorstellungsgespräche. „Das ist mein erster Tag, Probearbeiten“, sagt Cedric, als er unseren Tisch abräumt und wir ihn ausfragen. „Das merkt man nicht“, beteuert Arni, und so geht es uns mit allen Neuen, dass sie uns sofort das Gefühl vermitteln, sie schon ewig zu kennen und unter ihnen zu Hause zu sein; da hat Chris ein gutes Händchen für. Aber für Cedric ist es ja lediglich im Riptide neu: „Ich habe Gastroerfahrungen“, erzählt er, „aber in Bielefeld.“

Am Nachbartisch, und davon hat unserer einige, nehmen Fehime, Basti, Franziska und Michael Platz. Seit ihrem Umzug haben ich Fehime und Basti kaum mehr zu Gesicht bekommen, dieses Jahr wohl noch gar nicht, und das nicht mal wegen Corona. Fehime winkt ab: „Basti hatte jetzt sein erstes Konzert, vor Autos.“ Um die 20 Autos standen wohl vor der Bühne, und statt Applaus gab es verbotenerweise Gehupe. Diese Einschränkungen knicken Fehime, doch andererseits finde ich, dass man ohne sie vermutlich niemals die Erfahrung gemacht hätte, als Band vor Autos aufzutreten, man also im Grunde einen Gewinn dabei hatte. So wie mit der Indie-Ü30-Party, die wir ohne Lockdown wohl niemals bei Radio Okerwelle gemacht hätten; am 11. Juli zum bereits zweiten Mal, Claudy Soundschwester sei Dank. Das überzeugt Fehime ein wenig: „Du hast Recht, eigentlich müsste man das positiv sehen.“ Basti macht ein Foto von uns und schickt es an gemeinsame Nachbarn von uns, die seit dem Lockdown in Costa Rica festsitzen. Und auch Basti und Fehime schwärmen vom Riptide: „Es ist richtig cool, das es was Neues gibt“, sagt er, „der Platz ist megacool geworden.“ Fehime bestätigt: „Eine Bereicherung!“ Denn, so Basti: „Hier standen jahrelang nur fünf Tische oder so.“ Fehime grinst: „Jetzt ist dolce vita, oder deutsche vita, wie Basti sagen würde!“

Die Dämmerung setzt langsam ein, auch an einem so langen Tag, der Feierabend drängt das Riptide zur letzten Runde. Und uns zum Aufbruch. Kartenzahlung ist inzwischen wieder möglich, versichert Anna, das ist perfekt, dann kann ich nämlich gleich zwei der wie angekündigt von Ben gestalteten Riptide-Benefiz-T-Shirts mitnehmen. Da Chris schon weg ist, bestelle ich eben nächstes Mal oder per Email Platten, zum Beispiel das Debüt von Coriky, dem neuen Projekt von Ian MacKaye, dessen Veröffentlichung die Band immer weiter verschob, wie mir Larki berichtete, weil sie wollten, dass kleine Plattenläden wieder geöffnet haben können, wo man sie dann erwerben sollte, statt online oder beim Großhändler. Da ist noch Indiegeist und passt perfekt zum Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#152 Licht und Liebe im Altewiek

28. Mai 2020


Mittwoch, 27. Mai 2020

Es ist hell. Viel heller als das Café am alten Standort im Handelsweg. Das fällt tatsächlich erst heute so richtig auf, weil heute der erste Tag ist, an dem auch Riptide-Chef Chris seine neuen Räume mit nichtabgeklebten Fenstern zu sehen bekommt, nach all den Monaten, die er hier bereits mit zahllosen Helfern verbrachte, um trotz der Beschränkungen wegen des Covid-19-Virus‘ sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, den allseits geliebten Hybriden aus Café, Plattenladen und Veranstaltungsort wegen des nicht verlängerten Mietvertrags im Handelsweg an diesem neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen. So viel Arbeit, Kampf, Aufwand, Turbulenzen, Verzögerungen, Unabsehbarkeiten, aber auch Hilfe, Unterstützung, Beistand, Zuspruch, Tatkraft und vor allem Liebe begegneten Chris in dieser Zeit, und in dieser Sekunde fällt alles in einem Punkt zusammen, kumuliert sich in einer Mischung aus Euphorie und Erschöpfung: Chris öffnet die Tür und lässt den ersten geladenen Gast ins neue Café Riptide am Ölschlägern.

Die tatsächliche Eröffnung findet eigentlich erst morgen statt, doch heute bedankt sich Chris mit einem Pre-Opening bei allen, die ihm in den zurückliegenden Wochen zur Seite standen. Seine letzte Tat, bevor er seine Freunde in Empfang nimmt, ist, die Kleberückstände vom kommunalen Baustellenschild an der Scheibe links neben dem Eingang abzuwischen. „There’s A Crack In Everything“, steht auf der Scheibe unter seinem Putztuch, und weil damit nicht das Glas gemeint ist, setzt sich das Zitat auf der Scheibe rechts vom Eingang fort: „That’s How The Light Gets In.“ Chris erklärt: „Das ist von meinem Lieblingssänger.“ Er hält kurz mit dem Wischen inne: „Ich habe zwei Lieblingssänger, einer lebt, einer ist tot, und das Zitat ist von dem Toten.“ Von Leonard Cohen nämlich, aus dessen Lied „Anthem“ aus dem Jahr 1992. Locker übersetzt bedeutet es für ihn: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“, das Ende im Handelsweg begünstigt den Anfang im Ölschlägern. Und außerdem klingt dieses Zitat weit hoffnungsvoller als das von Neil Young im alten Riptide, wenngleich das mehr Rock’n’Roll ist: „It’s Better To Burn Out Than To Fade Away“. Am Ölschlägern nun geschieht weder-noch, hier findet eine dritte Option statt: Neubeginn.

Oder Fortführung: „Wahnsinn, richtig cool“, schwärmt Sören mit einem Glas Sekt in der Hand. „Ich hab vorher mal durch die Scheibe geguckt“, erzählt er und befindet mit Blick auf die ihm vertrauten Elemente: „Mitgebracht, den Laden hier, echt cool!“ In der Tat fühlt es sich vielerorts im neuen Riptide an wie im alten. Unzählige Details fanden den Weg ins Magniviertel, etwa die „3“-Kerze an der Theke, die nun auch bald zehn Jahre alt wird. Diese Theke wiederum ist ein Novum, das sich erheblich unterscheidet: Der einstige mit Glaswänden abgetrennte und nach oben offene und damit nutzlose Lichthof des früheren Outdoor-Ladens ist verschwunden, damit mehr nutzbare Fläche entstanden, das Loch im Dach mit Fensterluken transparent gehalten und die von einem Spot angestrahlte Discokugel direkt über den Köpfen des Thekenteams angebracht.

Ist das schön, die vertrauten Gesichter wiederzusehen, zumindest zur Hälfte, denn Rosa, Melissa, Imke und Max sind maskiert, so wie auch wir Gäste es sein sollen, zumindest beim Betreten und Verlassen des Sitzplatzes, an dem wir für den Genuss von Speisen und Getränken selbstredend auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten dürfen. Auf einem Blatt an einem Klemmbrett verewigen wir Gäste uns namentlich, mit Chris‘ Hinweis, dass er diese Listen nach 14 Tagen ohne Coronafall vernichten wird, und desinfizieren unsere Hände an einem daneben aufgestellten Mittelspender.

Daneben, das ist schon der nächste bemerkenswerte Platz im neuen Riptide: Zum Ölschlägern hin besteht es aus einer Fensterfront, an der ein breiter Sims angebracht ist, auf dem Gäste Getränke und Speisen abstellen und einnehmen können. Blumentöpfe und „Abstand“-Schilder verzieren diese Reihe, in recycelten Bierflaschen installierte spulenförmige Lampen strahlen ein atmosphärisches warmes Licht ab, das indes an diesem sonnigen Tag noch lediglich dekorativ wirkt. Das erinnert mich an einen Pubbesuch in Dublin 1998, als ich mit Guido eine Rundreise um Irland machte. An einem Tag strömte der klassische Regen auf uns herab, und weil uns deshalb nicht so sehr nach touristischen Erkundungen war, begaben wir uns im gleichsam touristischen Viertel Temple Bar in eine Kneipe und setzten uns mit frisch gezapftem Guinness an eben so eine Fensterbank. Wir hatten es warm und gemütlich, während wir den Blickkontakt zu verregneten und neidischen Passanten aufnahmen und kryptische Postkarten verfassten. Es floss einiges an Guinness, weil an dem Tisch hinter uns die Leute damit begannen, Instrumente auszupacken und wie zufällig miteinander zu musizieren, und viele später eintretende Gäste schlossen sich dem an, inklusive einem, der zu einem der Lieder aus der anderen Ecke des Pubs zu singen begann. Auch hier im Riptide nimmt man durch die Fenster automatisch den Blickkontakt zu den Magniviertelflaneuren auf, und die werfen interessierte und neugierige Blicke zurück.

Gegenüber dieser Fensterreihe findet im Riptide ebenfalls Musik statt, jedoch nicht live, denn dort sind die Plattenkisten eingerichtet. Neuveröffentlichungen der zurückliegenden zwei Monate sind noch nicht darunter, da bislang nicht klar war, wann das Riptide wieder öffnen würde und wo Chris die Platten bis dahin lagern könnte. Zudem hätte er dann Investitionen ohne die Aussicht auf einen Verkauf getätigt. So ganz ohne Neues geht es aber auch für Chris nicht, schließlich entdecke ich etwa „Alles in Allem“ unter den Neuerscheinungen, das pressfrische Album der Einstürzenden Neubauten. Es geht also weiter!

Mehr und mehr Gäste trudeln ein, einer bringt Brot und Salz mit, und allen bietet Rosa Getränke an, wahlweise weißen Sekt oder die rote Edelgard: „Das ist ein neues Getränk“, erklärt sie, „Sekt mit Erdbeeren und Waldbeeren.“ Und leider lecker. „Marc, von wem bist du noch der Tischler?“, nimmt Chris beim Begrüßen des nächsten Gastes einen Running Gag auf. Die Umstehenden wissen, dass Marc einst einem Verwandten in Florida für ein halbes Jahr als Tischler aushalf, der während dieses Zeitraums einen Auftrag bei einem bekannten Musiker bekam, nämlich bei Lenny Kravitz. „Er wurde extra eingeflogen“, fehlinformiert uns Chris. Marc grinst abwinkend: „Er bauscht es immer so auf!“

Zu diesen anderen gehören inzwischen auch Sarah und Sascha, die mit Marc und Chris als Haupthelfende quasi eine Hausgemeinschaft im neuen Riptide bildeten. „Wir sind zu 99,9 Prozent fertig“, informiert Chris. Und erzählt, dass gestern sein Facebook- und Instagram-Account stillgelegt wurden: „Ich habe gerade geschrieben: ‚Morgen Eröffnung‘ – gehackt!“ Wegen der Formalien, die er beim Reaktivieren zu erfüllen hat, kann es daher dauern, bis der offizielle Riptide-Kanal wieder online ist. Ausgesprochen ungünstiger Zeitpunkt.

Wie schon beim alten Riptide, nähte Frau Schneider auch für das neue wieder Vorhänge, und zwar die dunkelgrünen unterhalb der Plattenregale. „Da sind kleine Krokodile drin“, verrät sie. Chris habe sich darüber gefreut, als sie ihm die zeigte: „Dabei habe ich eigentlich nur die Nähmaschine ausprobiert.“ Man muss wissen, wo sich die vier Reptilien verstecken, sonst sieht man sie nicht, weil sie wirklich winzig sind. „Dafür muss man nur geradeaus nähen, die Maschine macht die Muster automatisch“, erklärt Frau Schneider. Das Gerät vollführt nämlich beim Aufbringen der Naht einige Zickzackbewegungen, aus denen dann die Silhouetten von Krokodilen entstehen. Frau Schneider blickt sich im Café um: „Es ist super geworden, gefällt mir gut“, sagt sie. „Irgendwie fühlt es sich größer an“, überlegt sie, und weiß: „Es ist natürlich auch größer.“

Denn das neue Riptide erstreckt sich auf insgesamt drei Etagen, von denen zwei für die Gäste offen stehen und die dritte Büro und Personalräume beherbergt. Das ist die wohl größte Überraschung am neuen Standort, dass im hinteren Winkel eine Treppe nach oben führt. Dort hängt nun auch der Kronleuchter aus dem alten Riptide, der einzige Ort mit ausreichend Deckenhöhe für dieses Schmuckstück. Oben blickt man durch eines der Fenster auf das Glasdach über der Theke und in der anderen Richtung durch doppelte Butzenscheiben auf den Ölschlägern. Das alte Riptide-Sofa steht dort, als Schlusspunkt langer Tischreihen, auf denen sich die alten von Chrisse Kunst gestalteten Lampen wiederfinden. Mit den Sitzecken und der Fensterreihe von unten hat sich die Zahl der Plätze offensichtlich erheblich erhöht, ohne dass es trotz geringer Deckenhöhe eng wirkt. Gemütlich, das auf jeden Fall, und warm einladend.

Deshalb sitzen Louisa, Denise und Benny am Tisch in der hintersten Ecke, gegenüber dem Sofa. „Ich find’s total schön“, strahlt Benny, und widerspricht unbeabsichtigt Sören: „Ganz anders als vorher, niedrige Decke, Fachwerk, der Magniviertel-Charme – ich bin begeistert!“ Louisa nickt: „Mehr Platz, aber trotzdem ultragemütlich.“ Benny blickt auf die Wandfarbe: „Das Rot ist cool.“ Dunkler als im Handelsweg, aber das Rot von dort aufgreifend; so verhält es sich auch mit dem Grün der Plattenkistenvorhänge. „Ich war schon mal hier, als es noch leer war und die Wände schon rot waren“, erzählt Louisa und staunt: „Es ist noch viel gemütlicher, als ich gedacht habe!“ Sie schwärmen von den Fenstern auf beiden Seiten des Geschosses und von der Atmosphäre, die sich dadurch hier oben ergibt. „Ich bin gespannt, wie es draußen ist“, sagt Louisa mit dem Wissen um die Sitzplätze auf dem Magnikirchplatz. „Die Lage ist cool“, bestätigt Denise, und Benny ergänzt: „Es gibt einen fließenden Übergang zu Barnaby’s Blues Bar – der Magnikirchplatz ist ein neuer Hotspot in Braunschweig!“ Das findet Denise ebenfalls: „Von der Lage ist es kein Downgrade.“ Benny bestätigt: „Es ist mindestens gleichwertig!“ Das Sofa aus dem alten Riptide hätten sie überdies beinahe nicht wiedererkannt: „Es kommt hier mehr zur Geltung“, findet Louisa, und Denise grübelt: „Damals sah’s größer aus.“ Benny grinst: „Es ist geschrumpft!“ Die drei stellen übrigens die Subway-Redaktion dar, erzählen sie. „Es gibt ein enges Verhältnis zu Chris“, sagt Benny, „er schreibt immer noch Plattenrezensionen für uns.“ Sie stoßen mit ihren Getränken an: „Auf das Riptide!“

Auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss passiere ich einen Plüschbüffelkopf und das aus dem früheren Café bekannte Hirschgemälde. Neue und alte Hingucker bilden eine Einheit. An den Fensterreihen bildete sich unterdessen eine die erforderlichen Abstände einhaltende Gesprächsrunde, und Marc und Sarah baldowerten angesichts der berühmten sportlichen Aktivitäten auf dem Magnikirchplatz eine Aktion aus, die sie Chris unterbreiten: „Wir haben die Idee: das erste Riptide-Boule-Turnier!“, sagt Marc, und Sarah fügt an: „Es muss mir nur noch jemand beibringen.“ Der Vorschlag stößt bei Chris nicht nur auf offene Ohren, einen ähnlichen Gedanken hatte er auch schon.

Zu der Sitzrunde gehört Enno, der feststellt: „Ich muss mir noch eine Liste machen mit den Platten, die ich noch bestellen will, das konnte ich zwei, drei Monate nicht.“ Stimmt, ich hab hier noch zwei Alben abzuholen, die eintrafen, kurz bevor der Lockdown beschlossen wurde. Mir kommt Enno bekannt vor, und er mutmaßt, dass das von einem Online-Bild herrühren könnte, denn: „So habe ich Sascha kennen gelernt, er hat mich von einem Instagram-Foto erkannt“, erzählt er. „Ich hab unterm Dach was gemacht und Chris hat das gepostet.“ Neben uns kommt das Gespräch darauf, dass die neue Küche auch heute schon offen ist und dass erstmals im Riptide Pommes auf der Karte stehen. „Weil: gibt hier Fettabscheide“, weiß Enno, „aber nur für Pommes, nicht für Körperfett.“ Die Speisekartenneuerung ist ein Auslöser für Henning, sich bei Rosa einen Burger mit Pommes zu bestellen.

Sarah setzt sich zu Sascha an die Fensterreihe und stellt mit Blick auf den ihr gegenüber vor den Vinylalben sitzenden Marc fest: „Wir müssen die Platte noch kaufen.“ Sascha ist verwirrt: „Welche Platte?“ Sarah deutet auf den Tischler gegenüber: „Na, die Arbeitsplatte, die uns Marc empfohlen hat!“ Sascha lacht, denn der Blick in Richtung Marc hätte auch einer in Richtung der Schallplatten gewesen sein können.

Der Burger und die Pommes für Henning sind fertig, Rosa stellt ihm den rechteckigen Teller an seinen Platz am Fenster, neben Enno. Wie sind sie denn, die womöglich ersten Pommes, die im Riptide für Gäste zubereitet wurden? „Hm, ja, doch“, kaut Henning, „hmmm, lecker!“ Das erinnert Enno an einen Sketch von Loriot: „Der Mann isst.“ Die neuen Pommes sind also gut, sagt Henning, und stellt zudem erfreut fest: „Der Burger allerdings ist ganz vertraut!“ Diese Pommes nun sind nicht das einzig Neue auf der neuen Karte, und so manches Alte ist auch noch verfügbar, etwa Lemmys Frühstück, das aus Kaffee, Whisky und Zigarette besteht. „Ich muss Platten gucken“, sagt Enno nun und springt von seinem Platz auf. „Das habe ich seit Monaten nicht gemacht!“

Zwischen den turbulenten Gesprächen bietet Rosa immer wieder Getränke an, unter anderem den neuen Jägermeister Scharf. Mit überraschenden Folgen: „Marc hat grad nach dem ersten Jägermeister erzählt, dass er Lenny Kravitz‘ Emmy angefasst hat!“, kreischt Sarah. Henning lässt sich „ausnahmsweise“ auch auf ein Glas Jägermeister ein, ermahnt Rosa aber: „Wenn ich danach noch einen will: ähm, nicht.“ Sascha berichtet: „Heute bin ich richtig eskaliert: Bevor ich losgegangen bin, hab ich mein Handy zu Hause gelassen.“ Und Enno weiß: „Sogar der Fußboden ist aus Vinyl!“

Nicht weniger glücklich über den Neustart als die Gäste sind Rosa, Imke, Melissa und Max. Rosa bedauert nur, dass sie unter den Masken nicht erkennen kann, ob ihr Gegenüber lächelt, und strengt sich an, selbst so sehr zu lächeln, dass man sie auch über die Maske hinweg als freundlich auffasst. Max baut auf mehr Laufkundschaft als im Handelsweg und ist sich sicher, dass sich etwa Gäste von Barnabys Blues Bar bei den Pommes vom Riptide bedienen würden. Draußen auf dem Platz bestätigt ihm das Bernd, der Gast bei Barnabys ist: Er würde sich im Riptide Burger bestellen und die mit an die Tische der Blues Bar nehmen, denn „Peter hat nix dagegen“. Also die direkte Bestätigung von Max.

Und auch von Chris, der zu Peter längst freundlichen Kontakt aufgenommen hat, ebenso zu vielen anderen der neuen Nachbarn. „Die Blumendeko ist bei Nachbarn gekauft, bei Florentine“, bestätigt er und betont, dass ihm das wichtig sei, lokales Gewerbe zu unterstützen. Analog zum Handelsweg seien auch hier im Magniviertel dankenswerterweise keine Ketten vertreten, sondern „alles Überzeugungstäter“. Die Aussichten für einen gelungenen Neustart sind blendend, mehr Personal ist bereits eingestellt, das Interesse ist riesig, die Nachbarschaft offen, die Laufkundschaft zahlreich und die Sehnsucht nach Treffen mit Freunden im Café Riptide nicht nur wegen der Monate in der Kontaktsperre gigantisch. Und Chris ist sichtlich bewegt, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist, mit Abschieden und Neustarts, mit Problemen und Lösungen, mit aller emotionaler Wucht, die damit einhergeht. Und: Ab morgen dürfen die ersten Gäste kommen, unter Einhaltung der Infektionsschutzregeln, und sich davon überzeugen, wie großartig das alte Café Riptide am neuen Standort ist.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#148 Denksportgruppe Nowak

16. Januar 2020


Mittwoch, 15. Januar 2020

Die Ereignisse holten mich während des Quizabends ein. Erschütternd genug, soll es jetzt zunächst um das Sonnige dieses dunklen Abends gehen.

Mitgefangen! Bastian Till vom Kurt-Magazin aus Gifhorn hatte die Idee, Arni und mich als seine Braunschweiger – und Ex-Gifhorner – Mitstreiter zum Kneipen-Quiz im Riptide zu verpflichten, und lud noch zwei uns beiden unbekannte Gifhorner dazu, das Quintett zu vervollständigen. Mit diesen beiden, Kristin und Harald, einigten wir uns im Vorfeld via Whatsapp – gegen die Einzelstimme des Nachnamensträgers – für die Gruppenbezeichnung „Denksportgruppe Nowak“, trotz attraktiver Alternativvorschläge wie „K-BAHM“ oder „Insanitäter“; so ließ sich die Aktion also schon im Vorfeld vielversprechend an. Der arme Arni geriet damit indes in einen Interessenkonflikt, denn der Illustratorenstammtisch hatte seinerseits seine Teilnahme am Quiz kundgetan, und als Mitglied desselben wäre er eigentlich auch dort eingesetzt gewesen, aber wir blieben geschlossen bei unserer Südheideverbindung.

Dennoch gesellen Arni und ich uns zunächst zum Illustratorenstammtisch, besser: zu Ben, dem Initiatoren und zurzeit noch einzigen Mitglied, das hier im Riptide anwesend ist. Nach und nach trudeln weitere Illustratorinnen ein, nur unsere Denksportgruppe nicht. Einige resümieren Kneipenquizerfahrungen, andere haben noch gar keine; Roberta und ich erinnern uns an das Pub Quiz im Wild Geese, damals, als noch nicht jeder das Internet mit sich herumtrug und das Höchste des Mogelns noch eine heimlich abgesetzte SMS war. Damals gab es auch nicht nur Wissensabfragen, sondern auch Aktionsfragen wie „Wie viele Seepferdchen befinden sich an dem Brunnen auf dem Altstadtmarkt?“, für deren Beantwortung jede Quizzergruppe einen Abgeordneten auf den Platz abkommandierte. Seitdem weiß ich überhaupt erst, dass sich Seepferdchen an dem Brunnen befinden. Quizzen bildet also. Eine andere Illustratorin berichtet von einem Afrika-Quiz, das die Ingenieure ohne Grenzen im Riptide veranstalteten und das sie mit einer Germanisten-Gruppe gewann. Und von der Smartphone-App Quizduell ist kurz die Rede, da teilt Gerrit auch schon die Antwortbögen aus.

Gerrit ist heute der Quizmaster, und er ist dies überhaupt erst zum zweiten Mal beim Riptide-Quiz, nach seinem Einstand im Oktober, als er den Haupt-Quizmaster Sven erstmals vertrat. Gerrit sammelte seine Quizmastererfahrungen vornehmlich privat, und in einem solchen Rahmen sprach ihn Chris einmal darauf an, ob er sich als Einspringer einbringen wollen würde, und Gerrit sagte erfreut zu. Mit einer Einschränkung: „Mein Quiz ist aufwändiger als Svens“, deshalb stünde er leider nicht monatlich zur Verfügung. Was das zu bedeuten hat, erfahre ich ja gleich, wenngleich ich auch Svens Quiz nicht kenne.

Nun trudelt die Denksportgruppe Nowak auch endlich vollständig ein, inklusive der druckfrischen Kurt-Ausgabe. Harald und Kristin entern das Sofa, Bastian Till, Arni und ich hocken uns auf die Würfel davor. Sämtliche Tische um uns herum sind mit Quizgruppen belegt, maximal fünf Ratende stark dürfen diese sein. Während Kristin uns noch kollektiv dazu verführen will, Kurze zu trinken, versucht Imke, unsere Bestellung aufzunehmen, die zunächst aus vier Wolters und einer Limonade besteht. „Hast du die Kurzen auch?“, fragt Kristin. Imke entgegnet: „Ich habe den Ruf gehört, das aber nicht als Bestellung aufgefasst.“ Das ändert sich nun, Kristin ordert vier Mexikaner und Arni für sich einen Tullamore Dew. Außerdem möchte Bastian Til einen Gin Tonic trinken und entscheidet sich bei der verfügbaren grünen Zutat für Gurke, nicht für Limette. Er strahlt: „Ich hab Saufbock, und ihr?“ Arni zuckt die Schultern: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

Die Zettel mit den Antwortmöglichkeiten liegen nun auf den Tischen, Gerrit bittet uns, einen „schmissigen Gruppennamen“ darauf zu notieren, und erklärt den Ablauf. Sechs Runden sind vorgesehen, davon drei mit Fragen, zwei mit Bildern und eine mit Musik sowie einer Pause nach drei Runden. Enttäuschtes Jaulen folgt auf seinen Hinweis, es gebe „keine Humorpunkte bei mir mehr“, anders als noch im Oktober sowie bei Sven, denn „das ist viel zu subjektiv“. Er empfiehlt dennoch: „Raten ist immer gut, besser raten als nichts hinschreiben.“ Sobald nach Personen gefragt sei, reichten Nachnamen aus, bis auf bei gekennzeichneten Ausnahmen. Außerdem ordnet er den Abend einem Thema unter: Farben, weil der Januar dunkel und grau sei. „Alles hat irgendwas mit einer Farbe zu tun“, sagt Gerrit, „wenn in der Frage keine Farbe vorkommt, dann in der Antwort.“ Aha! Gut zu wissen.

Und los geht es. Bastian Till notiert unsere Antworten. Welcher Farbstoff ist dafür verantwortlich, dass Blätter grün werden? Wir grübeln in der Gruppe. „Pfefferminz“, schlägt Arni vor. „Pfeffi!“, jubelt Bastian Till, und fragt dann laut: „Der Nachname reicht, ja?“ Klar: Westernhagen. Nach sieben solcher Fragen teilt Gerrit Zettel aus mit Bildern darauf sowie weiteren Fragen dazu. Nicht über Power Point, das gefällt mir. Obwohl Harald dafür mit Blick auf den Glitterball unter der Decke eine gute Lösung hätte: „Über die Kugel projiziert, die dreht sich ja mit.“ Ab jetzt übernimmt Kristin das Schreiben für uns. Bei den Antworten hilft uns der Hinweis mit der Farbe definitiv oft aus der Patsche, so manche schnelle Lösung überdenken wir mit diesem Hinweis. Bastian Till ist skeptisch: Bei der Frage nach einem abgebildeten Himmelskörper sei weder in der Frage noch in der Antwort „Mars“ eine Farbe untergebracht. Doch, er ist doch der Rote Planet. Der Groschen fällt bei ihm laut.

Als nächsten Block teilt Gerrit Textfragen aus, anstatt sie vorzulesen, und gibt uns Quizzenden für die Lösung sieben Minuten Zeit. Die Fragen drehen sich um das Spezialthema Schwarz-Weiß. Während wir an den Antworten knobeln, sinniert Bastian Till darüber, dass nach seinen Erfahrungen sowohl solche Kneipen-Quiz-Veranstaltungen als auch die Fragen vornehmlich männlich dominiert seien. Mit Blick auf die Schwarz-Weiß-Zettel vor uns halte ich mit unseren soeben notierten Lösungen Brooke Shields, Ulrike Meinhof und Rosa Parks dagegen. Auch Harald bemerkt dazu: „Im Baader-Meinhof-Komplex sind beide Geschlechter gleichwertig vertreten.“ Bastian Till nickt und beugt sich noch verschwörerischer zu uns: „Als ich in Gifhorn als Bürgermeister kandidierte, sollte ich einen Fragebogen für die Zeitung ausfüllen, da hab ich sie als politisches Vorbild angegeben.“ Wen, Ulrike Meinhof? Er lacht lauthals: „Ja, die habe ich dann aber wieder durchgestrichen und Rosa Parks hingeschrieben.“

Pause. Gerrit sammelt die Antwortbögen ein. Nach einem notdürftigen Abstecher in die Rip-Lounge gegenüber blickt sich Kristin im Café um und teilt Bastian Till mit: „Ich glaub, ich war doch schon mal im Riptide.“ Der stutzt: „Hast du das am Badezimmer erkannt?“ Kristin wischt den Einwand beiseite und wühlt in ihrer Erinnerung. Ein Treffen mit einer Gruppe in der Lounge kommt dabei zum Vorschein, im Rahmen einer unbestimmten anderen Aktion. „Weißt du, wo die Tourist-Information ist?“, fragt sie Bastian Till. Der wehrt ab: „Nein. Ich war noch nie als Tourist in dieser Stadt.“ Während Emil nun weitere Bestellungen von uns aufnehmen möchte, murmelt Bastian Till noch etwas davon, dass er Kneipen „am Badezimmer erkennen“ könne. Kurz vor Küchenschließung geben Harald und Kristin noch Speisen bei Emil in Bestellung, Hotdog und Fladenbrot, sowie eine weitere Runde Bier für alle. Bastian Till guckt in sein Gin-Glas: „Brauche mir nix zu essen zu bestellen, hab ja noch Gurke.“

Die Teilnehmer sammeln sich nun wieder, denn Gerrit läutet zur zweiten Halbzeit. „Ich bin beeindruckt“, stellt er nach dem Austeilen der korrigierten Antwortzettel fest. „Entweder sind alle Gruppen gut oder meine Fragen schlecht“, sagt er, denn die Teams seien nicht nur makellos, sondern auch weitgehend gleichauf: „Eine Gruppe hat sogar die volle Punktzahl.“ In unserer Denksportgruppe stellen wir fest, dass niemand von uns die Fragen hätte allein beantworten können. Brooke Shields! „Nicht meine Zeit“, sagt Bastian Till, Arni nickt dazu und Harald fragt ihn: „Wann war denn deine Zeit?“ Arni antwortet: „Ich warte eigentlich darauf, dass die noch kommt!“

Während Gerrit die korrekten Antworten durchgibt, bekommt Emil die nächste Bestellung von Bastian Till: „Fünf Mexikaner!“ Denn: „Ich habe gesagt, wenn die Frage falsch ist, gebe ich die aus.“ Er war sich nämlich sicher gewesen, dass die blauen Pferde von Paul Klee waren, doch Gerrit gibt soeben Franz Marc als Lösung an. „Harald hat es gesagt“, ruft Kristin, doch es hilft ja nichts.

Bei der nächsten handelt es sich um eine Musikrunde, mit der Besonderheit, dass wir zwar Songtextauszüge bekommen, zu denen wir Interpret und Titel zu nennen haben, aber dass Gerrit diese Auszüge auch noch selbst singt. Was uns tatsächlich hilft, weil wir manche Lieder erst an der Melodie erkennen. Den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt singen die Quizzenden ringsum kurzerhand mit. Bei zwei Songs müssen wir trotzdem passen, die sagen uns gar nichts. Dann teilt Gerrit wieder Bilderzettel aus. Ein Bild zeigt den Roten Baron, wir grübeln, wie der wohl richtig hieß, und kommen bald auf Richthofen, fragen uns aber nach dem Vornamen. Arni kennt ihn: „Baron von.“ Superheldenfilme liegen nicht allen von uns, Fußballfragen beantworten wir auch eher nach Gefühl, Harry Potter ist eher ein Spezialthema für Einzelne aus der Runde. Dann stellt Gerrit wieder offene Fragen an alle: „Welcher Künstler ist für seine Blaue Periode bekannt?“ Das weiß Bastian Till: „Harald Juhnke.“ Zwei Fragen drehen sich um Körperteile, Gerrit fragt nach dem Gelben Fleck und nach dem Gelbkörper. „Ich weiß, wo der gelbe Fleck sich bei manchen Leuten befindet“, sagt Harald, und Bastian Till konkretisiert: „In der Unterbüx?“ Auf allgemeine Bitte wiederholt Gerrit die erste Frage: „Wo befindet sich der Gelbe Fleck?“, und Bastian Till schlägt vor: „Wollen wir mal nachgucken?“

Sämtliche Antworten sind notiert. Eigentlich ist das Quiz nun beendet, aber Gerrit sieht noch etwas Zeit übrig und schlägt eine weitere Musikrunde vor, nur dieses Mal ohne ausgeteilte Texte. Er singt und wer als erstes „Stop“ ruft, bekommt die Möglichkeit, Interpret oder Titel zu sagen und für beides jeweils einen Punkt zu sammeln. Wer eines nicht weiß, reicht die Chance auf den anderen Punkt an eine andere Gruppe weiter. Ein „Battle“ gewissermaßen, sagt Gerrit, und droht für Falschnennungen sogar Minuspunkte an. Bastian Till guckt uns an: „Spielen wir jetzt auf Sieg oder einfach nur gegen die anderen?“

Mit den anderen, klar. Gerrit singt und aus einer Ecke ertönt ein „Stop“. „Schwarz zu blau“ von Peter Fox war aber die falsche Antwort, und weil es dafür ja Minuspunkte gibt, will Gerrit von der Antwortenden an dem üppig gefüllten Tisch genau wissen: „Gehörst du zu der Gruppe oder zu der?“ Bastian Till antwortet für sie pragmatisch: „Wenn’s falsch war, zu denen!“ Den nächsten Song erkennt Harald nach einer Zeile: „Lady In Red“ von Chris de Burgh, und er fügt auch hinzu, dass ihm das peinlich ist, dass er uns aber den noch schlimmeren Refrain ersparen wollte. Wir danken es ihm. Von Rammstein ist das nächste Lied, rät jemand neben uns, doch so, wie Gerrit es anstimmte, dachte ich zunächst an Roland Kaiser, doch der Punkt geht tatsächlich an Rammstein.

Das Quiz ist nun vorbei. Gerrit sammelt wieder alle Antwortbögen ein und begibt sich damit in Klausur, legt aber noch als Bonus zum Selbstknobeln einen weiteren Bilderzettel aus. „Wir wollen noch Biere“, sagt Bastian Till zu Emil. „Wie viele?“, fragt der, und auf Bastian Tills „vier“ wehre ich ab, ich muss morgen früh raus und weiß, dass das vierte nicht für Kristin vorgesehen ist, die sich anders labt. Doch der Chef insistiert kopfschüttelnd: „Vier.“ Also gut. Harald murmelt Emil nach: „Für mich auch vier.“

In der Pause vor der Siegerehrung widmen wir uns dem dritten Bilderzettel. Ein Bild zeigt einen gezeichneten roten Stier, und Kristin ist überzeugt, dass der aus „Das letzte Einhorn“ stammt, was dazu führt, dass sie und Harald „The Last Unicorn“ anstimmen. Uns ist dabei jedoch nicht klar, was das mit einer Farbe zu tun hat. Deshalb schlägt Bastian Till hell strahlend einen anderen Titel vor: „Ich weiß: ‚A Clockwork Orange‘, ich hab das nämlich verstanden mit den Farben!“ Derweil ermittelt Kristin bei IMDB.com, dass ihre Antwort sehr wohl stimmt. „Üni ist ja auch eine Farbe“, bemerkt Bastian Till. Die beiden bunten Tentakel auf einem der Bilder stammen aus dem alten Computerspiel „Day Of The Tentacle“, und Arni erinnert sich an den Titel des ersten Teils: „Maniac Mansion!“ Auch da ist nirgendwo eine Farbe drin, aber Harald erkennt das Konzept: „Es sind bunte Bilder.“ Gerrit erklärt uns später, dass der Stier tatsächlich „Roter Stier“ heißt und dass die Tentakel „Purpur“ und „Grün“ genannt werden.

Wie nun aber kommen Kristin und Harald überhaupt in diese Runde? Die beiden kennen sich aus der Schulzeit von vor rund 20 Jahren, da war er ihr Lehrer, „und Kristin erkannte mich nach 17, 18 Jahren wieder“, erzählt Harald. Und das war in einem Chorprojekt, an dem sie beide teilnahmen. Kristin nun sah jüngst bei Facebook, dass Bastian Till auf die Veranstaltung zum Quizabend mit „interessiert“ reagiert hatte: „Das fand ich interessant“, so kam diese Denksportgruppe also zustande.

Nun steigt die Spannung, denn Gerrit kehrt mit den Zetteln zurück und gibt zunächst die richtigen Antworten preis. Manfred heißt er, der „Baron von“! Der Gelbe Fleck befindet sich im Auge, genauer: auf der Netzhaut, und Harald bemerkt mit süffisantem Seitenblick: „Einige von uns haben’s gestrichen.“ Alles ist durchgesprochen, jede Gruppe macht sich im Geiste Striche an den ausgefüllten Antwortbögen, die Gerrit nun bis auf die der ersten drei Plätze an die entsprechenden Gruppen zurückgibt. Dazu ruft er deren Namen auf: „Wer waren ‚Die fünf Fragezeichen‘“, er wendet sich an den Tisch neben sich: „Hier?“ Bastian Till deutet irgendwohin: „Nee, die zwei da!“

Zu unserer Überraschung bekommen wir unser Blatt noch nicht ausgehändigt. Wir Chaoten unter den ersten drei Plätzen? Absurd! Für die drei Besten hat Gerrit „Süßigkeitenschmankerl“ dabei, passend zum Thema Farbe eine Tüte Gummibärchen für den dritten Platz. Das ist: „Auskatzeichnet“, also das Team des Illustratorenstammtischs. Huch, immer noch nicht wir! Der Tisch neben uns und wir bleiben jetzt noch übrig. Gerrit tritt in die Mitte dazwischen. „Die haben von uns abgehört“, sagt Kristin vorauseilend rechtfertigend, und Harald ergänzt: „Die haben sogar Sachen gehört, die wir gar nicht gesagt haben!“ Doch Irrtum, nicht wir sind der Zweitplatzierte, sondern das Team nebenan, „#släuftin2020“!

Nicht zu fassen. Ausgerechnet! Wir kennen uns teilweise untereinander noch gar nicht, sind einigermaßen angeheitert und albern herum, haben also den bestmöglichen Spaß, den wir uns bei einem superspannenden Quiz im Riptide vorstellen können. Und dann gewinnen wir auch noch. Die Krönung! Wir bekommen Ritter Sport Minis von Gerrit, die wir untereinander aufteilen, sowie den Hauptpreis vom Riptide, einen Gutschein. Über dessen Verwendung sind wir uns relativ einig, Bastian Till fasst es mit Blick auf folgende mögliche Quizteilnahmen zusammen: „Wir sammeln die und drohen, sobald wir mal nicht gewinnen, lösen wir die ein!“

Wir sind erschöpft und glücklich. Echt, besser kann so ein Abend nicht sein. Dennoch bleibt bei den meisten an unserem Tisch ein Restdurst. Bastian Till blickt sich nach Emil oder Imke um und grübelt: „Ob die noch – ausschenken?“ Kristin versteht das Gemurmel nicht: „Ob die – was?“ Na: Optimal! Arni nickt: „Optimal rumkommen?“ Gelächter. „Wieso habt ihr Spaß?“, fragt Harald. „Das war vorwurfsvoll gemeint.“

Eine Sonne, dieser Abend. Eine notwendige Sonne im Dunkeln, und dieses Dunkle liegt leider nicht allein am Januar. Noch während des Quizabends erhielt ich die Nachricht, dass es für das Riptide an der jetzigen Adresse kurz vor dem 13. Geburtstag nicht mehr weitergeht. Ich bin erschüttert, ich kann mir ein Braunschweig, ein Leben ohne das Riptide nicht vorstellen. Mir ist der Ort so vertraut, und alles ist für mich immer noch so neu, so frisch, so eben gerade, dass ich selbst die mehr als zwölf Jahre nicht begreife. Geschweige denn das Ende des Riptide, wie wir es kennen. Je nun, blicken wir optimistisch in die Zukunft, und nehmen uns vor, mit der „Denksportgruppe Nowak“ noch so oft wie möglich beim Riptide-Quiz anzutreten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
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#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecky eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecky vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecky fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecky kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecky: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#135 Reitende Geister

14. Dezember 2018


Donnerstag, 13. Dezember

Alles ist Veränderung, die einzige Konstante, und so weiter, und das Café Riptide erfuhr dies in diesem Jahr ganz besonders ausgeprägt. Bisweilen fühlt man sich hilflos und ausgeliefert, kann den Veränderungen, die von anderen ausgehen, vermeintlich nichts entgegensetzen, zweifelt an seinem eigenen Einfluss, wünscht sich Kräfte wie bei Marvel oder Harry Potter oder gleich noch ganz woanders angesiedelt, und übersieht dabei oft, wie viel man tatsächlich in der eigenen Hand hat, und sei es nur die Haltung zu den Dingen. Wie es schon Matt Johnson von The The sang: „If you can’t change the world, change yourself.“ Und da ja nun schon wieder Dezember ist und damit die Zeit der Rück- und Ausblicke, stelle ich heute wie immer allen Riptide-Gästen dieselbe Frage. Dieses Mal lautet sie, bewusst unkonkret: Was würdest du verändern?

Bevor ich diese Frage jedoch im Riptide äußern kann, klopfe ich auf dem Weg dorthin bei Serge an. Sein Laden ist erleuchtet, beinahe wie sein Besitzer, und bei Serge sitzt Ulrike und philosophiert mit ihm. Überall stapeln sich Kulturgüter, Bücher zuvorderst, und ich komme nicht umhin, die Atmosphäre als angemessen vorweihnachtlich zu empfinden. Passend organisiert Ulrike für Serge und sich von nebenan Kaffee und Tee. Also sind es diese beiden, die meine Frage als erste zu hören bekommen.

„Mich selbst kann ich nicht mehr verändern, dafür bin ich viel zu eingefahren“, behauptet Serge. Aber eine hypothetische Veränderung nähme er vor: Sich verjüngern. „Dann hätte ich mehr Kraft, mich ernsthaft politisch zu engagieren – ich bin zu müde, zu resigniert, zu zynisch, um das heute noch zu tun, und ich glaube nicht mehr daran, dass irgendetwas zu ändern ist.“ Serge zieht die Gelbwesten aus Frankreich als positives Beispiel heran, die als Protest nicht wie 1968 aus Intellektuellenkreisen hervorgehen: „Es ist das Volk im klassischen Sinne, Égalité, die alte französische Floskel, das fehlt bei uns, das finde ich tragisch, dass wir dem nichts Ernstzunehmendes entgegensetzen können.“ Man müsse ja nicht einmal eine neue Bewegung erfinden, man könne einfach die Gelbwesten übernehmen. Auch dem Protest von rechts müsse etwas entgegengesetzt werden – dieses nicht einmal nur rein deutsche Übel beklagen wir alle drei.

Nicht als Letzte heute stößt sich Ulrike am Konjunktiv meiner Frage. Sie empfindet ihn als Zeichen der Machtlosigkeit und sähe an dessen Stelle lieber ein „wirst“. Und verliert das „würde“ in ihrer Antwort trotzdem nicht: „Ich würde versuchen, die Lebenswelt …“ Sie überleg und stockt immer wiedert: „Lebenswerter – stimmt nicht: dem Menschen angemessener, ein gutes Leben, sozialer, mit der Umwelt in Verträglichkeit, schon auch radikal, Entscheidungen treffen, die der Autoindustrie Geld kosten, und dass man Konsequenzen spürt, keine Konsequenzen ist nicht glaubwürdig.“

Dabei fällt Serge die Aussage des Leiters der gegenwärtig tagenden Klimakonferenz ein, der eindringlich und ausdrücklich mahnte, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Erde noch zu retten. Wir wundern uns über das Fremdeln weiter Teile der Bevölkerung vor Alternativen, etwa in Sachen Ernährung, und schwenken hin zu Leuten, die den Veganismus wiederum auf die Spitze treiben, indem sie nur essen, was vom Baum fällt, einem Thema, das Henrik nach der jüngsten Indie-Ü30-Party im Nexus aufgriff und fragte, was diese Leute tun, sobald ein Wildschwein vom Baum fällt. Serge und Ulrike beginnen, im Geiste Plantagen in Baumhöhe anzupflanzen, und wir überlegen, wie gefährlich es wohl ist, in dieses Vorhaben Kürbisse aufzunehmen.

Da steckt Schepper seinen Kopf zur Tür herein. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Ollo ins Café MokkaBär zu fahren, und blieb doch im Handelsweg hängen. Ollo macht sein Café ja auch morgen noch auf. Schepper sitzt bei Roberta in der Einraum-Galerie und nimmt mich gleich mal mit. Roberta zeigt dort nämlich zurzeit ihre Kunst unter dem Titel „Alles und Nichts“, Schepper und sie trinken inmitten der Bilder auf der breiten schwarzen Lederbank Pfefferminztee, ein kleines Fußgebläse versorgt den Raum mit Temperatur. Die Arbeiten zeigen unter anderem stilisierte Akte, angsteinflößende Ikonen, gräfliche Hasen sowie Gespenster-Aliens, die Roberta in gefundene Landschaftsbilder hineinmalte. Eines dieser Wesen, beinahe leuchtend weiß, reitet auf einem Pferd, eng an das Tier angeschmiegt. „Du weißt ja gar nicht, ob der Künstler das auch gesehen hat, aber nicht reingemalt hat“, sagt Schepper. Der Gedanke gefällt Roberta, und sie mutmaßt, dass das mit der Zeit zu tun haben könnte, in der das Original entstand, und dass die Welt heute reifer dafür ist. „Das Bild ist ein Zeitverknüpfungsding“, findet Schepper. Es gehört zu den wenigen Exponaten in Raum, die Roberta übermalte. „Das wäre sonst wohl weggeworfen worden“, glaubt sie. Auch die Frau im Käfig ist eine Übermalung: „Sie hatte natürlich keinen Käfig über dem Kopf“, erklärt Roberta, „und eine andere Frisur.“ Wenn man nah an das Bild herangeht, erkennt man noch den alten Bienenkorb unter dem Hintergrund.

Auch Roberta missfällt der Konjunktiv meiner Frage, sie durchdenkt zudem die Möglichkeiten, die die Frage offen hält. „Ich bin nicht so rückwärtsgewandt, ich bin eher zukunftsorientiert“, setzt sie nachdenklich an. Schepper grinst, „aber ich bin im Rückwärtsgewand“, und deutet auf seine alte Schlaghose. Roberta fährt fort: „Ich möchte ganz viel verändern – und auch gar nichts, das passt zur Ausstellung, ‚Alles und Nichts‘.“ Sie blickt sich um.

„Ich ändere meinen Gesundheitszustand, auf jeden Fall“, lautet die Antwort von Schepper. „Das ist auch eine gute Antwort“, findet Roberta. „Das hat etwas mit Selbstheilungskräften zu tun – wenn du es selbst machst, wird dein Körper sich ändern.“ Schepper gibt einen kurzen Abriss der Umstände sowie der positiven Entwicklung und stellt mit kicherndem Verweis auf den Namen von Robertas Künstlergruppe fest: „Ich bin voller Tatendrang.“ Roberta quittiert das schelmisch mit „Ouh, ouh, ouh!“ Der Solo-Bassist fährt fort: „Ich hab Ideen, ganz viele Ideen, nächstes Jahr wird’s super.“ Er berichtet, dass er sich auch mit Serge darüber unterhielt und dass der sich von Scheppers Tatendrang anstecken ließ. „Schön, wenn ich motivieren kann“, freut sich Schepper.

Offenbar motivierte er auch Roberta dazu, sich weiter mit meiner Frage zu beschäftigen. „Ich würde noch genauer als 2018 2019 überlegen, was ich mache, und ich werde deshalb auch Sachen nicht machen – das überlegt man sich auch viel zu selten, gerade, wenn es so viele Möglichkeiten gibt.“ Sie bezeichnet sich selbst als glücklich und wundert sich, dass sie bei dieser Aussage bisweilen zu hören bekommt, wie selten das sei. „Ich kann machen, was ich mag, und sogar halbwegs davon leben“, begründet sie.

Nun fällt auch Schepper noch etwas ein: „Ich werde mich updaten, ich muss mal ein Bisschen was modernisieren.“ Roberta grinst: „Schepper 3.0!“ Er nickt: „Ich will mich vorbereiten aufs 22. Jahrhundert, die Technik updaten, da muss ich auch an mir arbeiten, da fehlt mir was.“ Roberta hakt nach: „Bass-Technik oder Equipment?“, doch Schepper bezieht sich nicht auf seine musikalischen Fähigkeiten oder seine instrumentale Ausstattung, sondern auf Kommunikationsmittel: „Neue Medien, ich hab immer noch kein Handy und will auch keins haben, aber ein Tablet klingt interessant – ich gehe mit dem alten iPod von meiner Schwester ins Internet und bin noch bei Myspace.“ Roberta ist überrascht: „Das gibt’s noch?“, sucht auf ihrem Smartphone nach der Myspace-Seite von Tatendrang-Design und wundert sich, wie gut die gepflegt ist. Zu Facebook will Schepper nicht wechseln: „Reverb Nation“ kommt ihm eher in den Sinn, empfohlen von Olaf, als wir beide kürzlich bei ihm waren und mit ihm an neuen Stücken von Blinky Blinky Computerband arbeiteten. „Oder Soundcloud“, ergänzt Roberta.

Da wir André schon durch die Scheibe zurückwinkten, steht nun die Fragerei im Riptide an. Schepper und ich verabschieden uns von Roberta und stellen uns an die Theke im Café gegenüber. Dort unterhalten sich Peter und Zabel mit André, sobald der zwischen Gästen und Küche für einen Moment am Computer verweilt. „Eigentlich würde ich mein Bier gegenüber trinken“, sagt Peter, denn er ist Teil des Einraum-Teams, momentan aber eben mit Zabel im Gespräch. Ihm behagt meine Frage nicht: „Ich würde die Frage verändern.“ Er sinniert abwehrend über die vielen Ebenen, auf denen eine Antwort möglich ist, persönlich, global, in der Zeit, und meint, sich zwischen einer persönlichen und einer allgemeingültigen Antwort entscheiden zu müssen. „Das Schöne ist, dass man Allmächtigkeit bekommt“, stellt er fest. „Es kann ja völlig fiktiv sein.“ Er greift nach seinem Bier. „Die Frage wird schöner, je länger man darüber nachdenkt“, stellt er fest. „Als Erstes – und das steckt drin in der Frage, man muss sich das Wichtigste und Aktuellste aussuchen und sich beschränken.“ Er grübelt während des Sprechens weiter und spricht beim Denken: „Ich möchte nicht offensichtlich humoristisch antworten, der Witz ist durch.“ Peter macht eine Pause und skandiert dann klar seine Antwort: „Gar nichts.“ Er nickt zufrieden. „Nach langem Überlegen.“ Zabel mutmaßt, dass Peter dann ja ein zufriedener Mensch sein müsse, doch so meint der das nicht: „Weil ich mich nicht auf eins einigen kann mit mir selbst, würde ich nichts ändern.“ Zabel versteht. „Ich weiß nicht, was gerade am wichtigsten wäre“, fährt Peter fort und grinst: „Sonst würde ja auch niemand mehr reinkommen und mir so eine Frage stellen.“ Er nickt wieder: „Ich bin mir jetzt ganz sicher.“

Zabel bleibt bei seiner abwehrenden Haltung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mit Fremden nicht sprechen.“ Peter versucht, ihn doch noch zu einer Antwort zu überreden, und Zabel sagt: „Rauchen.“ Peter und ich stutzen. Will er das Rauchen aufgeben? „Du hast die Allmacht gerade“, setzt Peter an. Zabel winkt ab: „Ich hab gesagt, ich möchte gerne eine rauchen.“ Ach so. Also greifen sie sich ihre Biere von der Theke und verschwinden ins Achteck.

Also ist André jetzt frei, mir beim Kaffeezubereiten eine Antwort zu geben. Ohne es zu wissen, bestätigt er Peter: „Gar nichts, sonst wäre es ja nicht so, wie es ist“, sagt er. „Jammern kann ja jeder, ich bin eigentlich schon zufrieden.“ Ich begleite ihn in die Küche, wo er fortfährt: „Mehr bürgerliches Engagement auf den Straßen, Gelbwesten in Deutschland!“ André hat viel zu tun, die Gäste bestellen mannigfach, und der nächste Milchkaffee aus seiner Hand ist sogar für mich.

Da kommen Arni und Christian ins Café, beide mit beschlagenen Brillen, aber sie erkennen Schepper und mich trotzdem sofort. Wir setzen uns nun in eine Ecke und ich äußere einmal mehr meine Frage. „Nix, ist doch alles super“, antwortet Arni. Schepper grinst: „Zum Glück hab ich schon geantwortet.“ Arni hakt nach: „Und was würdest du ändern? Die Preise!“ Schepper lacht. Arni wird ernst: „Ansonsten bin ich gerade dabei, ganz viel zu ändern. Fast alles.“ Schepper fragt, ob es dann nicht besser wäre, aufzuzählen, was Arni nicht ändern würde. „Das ist einfacher“, bestätigt der: „Meine Beziehung werde ich nicht ändern.“ Schepper hakt nach: „Zu dir selbst?“ Aber Arni meint die zu seiner Freundin, pflichtet Schepper indes bei, dass dessen Aspekt auch wichtig sei.

„Ganz klein und persönlich“ falle die Antwort von Christian aus, sagt der: „Meine pessimistische Einstellung werde ich ändern.“ Diese Notwendigkeit unterstreicht Arni, und Schepper wendet ein: „Aber deinen Sarkasmus behalte ruhig.“ Auch da stimmt Arni zu. Christian ergänzt: „Ich hab überlegt, was würde ich bei anderen ändern, aber ich bleibe bei mir.“

Nun nimmt der Abend seinen Lauf. André reicht eine neue Runde Getränke und die Gespräche schweifen in alle Richtungen ab. Als Christian seine „Teuerste“ erwähnt, errötet Schepper ob seiner despektierlichen Gegenfrage, die er dann doch stellt: „Hast du auch eine Billigste?“ Christian wird kleinlaut: „Lustigerweise sprach ich von meiner Gitarre.“

Und doch verändern wir heute die Welt ein bisschen. Wir stecken uns mit Überlegungen und Analysen an und haben mindestens Einfluss auf den Füllstand unserer Flaschen und Tassen. Und auf die Zeit: Sie schreitet schneller voran, als uns lieb ist. Wie gut, dass wir genau das nicht verändern können.

Matthias Bosenick
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