Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#156 Auch 13, Unsichtbarer!

16. September 2020


Montag, 31. August 2020

Dies ist der letzte Tag vom alten Café Riptide. Heute geben André und Chris die Schlüsselgewalt über die Räume, die die Kulturlandschaft in Braunschweig veränderten, an ihren Eigentümer zurück. 16. September 2007 bis 31. August 2020. Eigentlich ja nur bis noch etwas früher, aber – heute läuft eben der Mietvertrag aus. Am Wochenende halfen Helfer, die letzten Reste aus den beiden Räumen im Handelsweg in Container zu schleppen. Eigentlich ist heute also nichts mehr zu tun, aber da ich gestern verplant war und heute noch Urlaub habe, bin ich um 10 Uhr im Handelsweg, um André vor Ort zu treffen.

Vorher treffe ich Helmut, der aus seiner Strohpinte blickt. Ihm geht es gut, sagt er: „Man kommt durch.“ In seine Kneipe verirren sich in diesen Zeiten nur noch Stammgäste, keine Fremden, und von den Stammgästen nicht einmal alle: „Manche haben Angst, das ist berechtigt“, sagt Helmut. Er zuckt mit den Schultern, angesichts der demnächst sinkenden Temperaturen und der dann fehlenden Möglichkeit, die Gäste weiterhin wohltemperiert draußen bewirten zu können: „Abwarten, was kommt.“

In diesem Moment ist dies André, der da um die Ecke schlendert und Helmut und mich begrüßt. Er schließt das Riptide auf und lässt mich einen Blick werfen – in den kahlen Raum, auf den grauen Putz, auf die fehlenden Zwischenwände, auf Lücken somit, auf den Kabelsalat, der sich quer durch diesen Raum zieht. Danach öffnet er die Riplounge, die sich ähnlich präsentiert, auch hier fehlen Wände und Farben und Lampen und Boden, in der Nische sind lediglich einige Werkzeuge und Arbeitsmaterialien aufgestapelt, die André noch mitnehmen wird. Einiges davon drückt er mir in die Hand, damit ich an den losen Enden des Kabelmonsters im Café Lüsterklemmen anbringen kann. Ich widme mich dem Lindwurm, André anderen Aufgaben.

Und einigen Klärungen, zu Gerüchten und Geschichten, die über ihn und Chris und das Riptide allgemein im Umlauf sind. André macht dem Umzug ins Magniviertel „aus privaten Gründen“ nicht mit, bestätigt er Chris, und betont: „Mit Chris ist alles in Ordnung!“ Kein Streit, keine Trennung der Freundschaft, kein Ehekrach, keine wie auch immer geartete Katastrophe, von der in der Stadt so zu hören war. Leute haben ja abenteuerliche Ideen, wenn ihnen etwas nicht klar ist, aber auf die naheliegende kommen sie nicht: André muss sich auf andere Elemente in seinem Leben konzentrieren und seine Energie umlenken. Glücklich ist er damit nach all der Zeit und all den Errungenschaften und all den Erinnerungen auch nicht, aber sieht sich Zwängen ausgesetzt. Das Auseinanderdividieren des bisher gemeinsamen Unternehmens Riptide steht daher in absolut keinem schlechten Licht: „Wir sind beide der Meinung, dass das freundschaftlich vonstatten geht.“ Von einigen Gerüchten hat er überdies selbst gehört, lacht er: „Ich bin nach Mauritius ausgewandert, habe sieben Millionen im Lotto gewonnen.“ Sieh an, diese Geschichten habe ich noch nicht zu hören bekommen.

Ein Termin zwingt André und also auch mich zum Aufbruch. Chris hatte Recht: Das tränende Auge bleibt aus, trotz des Abschieds nach fast 13 Jahren aus diesen Räumen, die mir so viel Welt und Leben bedeuten. Die Erklärung dürfte einfach sein: Weil es bereits weitergeht, weil ich bereits weiß, das es sogar besser geworden ist, dass es nicht nur eine potentielle Zukunft hat, sondern dass diese Zukunft längst läuft. Nun also: Danke, André, für alles, und auf bald!

Neben der Strohpinte trägt Stefan einige Kisten mit Comics vor das Schaufenster von ComiCulture. Maskiert folge ich ihm in den Laden. „Corona macht den Leuten teilweise Angst und sie bleiben zu Hause und machen nur noch das Nötigste“, erzählt er. Dafür hat er Verständnis: „Und anderes ist ihnen egal, das ist menschlich.“ Er lächelt: „Vielleicht bringt‘s ja auch was Positives.“ Veränderungen nimmt er schon jetzt wahr, auch darin, wie manche Menschen darauf reagieren, dass sie kulturelle Angebote nicht mehr wahrnehmen können und dass Onlinestreams zwar eine willkommene Alternative, aber niemals ein Ersatz sind: „Die Leute sind hart unterlebt.“ Er sinniert: „Vielleicht ist es das, was übrigbleibt, dass sie merken, dass sie andere Menschen brauchen – dann reicht das doch schon.“ Gewiss ist ihm jedoch, dass sich auch die Subkultur ändern wird, was sich auch auf ComiCulture auswirken würde: „30 Prozent der Leute haben zum ersten Mal online gekauft – warum nicht ein zweites Mal?“ Der nächste Kunde gehört nicht dazu, dem widmet sich Stefan nun und ich verabschiede mich.

Nicht ohne noch einen Blick durch die Fenster des alten Riptide. Danke für die unzählbaren und tiefgreifenden Abenteuer. Ich bin gespannt auf die nächsten.

Dienstag, 15. September 2020

Zum Beispiel bei Ohlendorf, dem sympathischen Traditionsbaumarkt im Magniviertel, in direkter Nachbarschaft zum neuen Café Riptide. Da Chris schon so viel davon schwärmte, wie ihm der Laden während des Umzugs hilfreich zur Seite stand, bin ich neugierig. An der Kasse frage ich Sabrina, ob mir jemand etwas über das Geschäft erzählen kann, und sie meint, dass da der Chef besser für geeignet sei als sie, und greift zum Telefonhörer, um diesen Chef aus seinem Büro an die Kasse zu bestellen. Und zwar mit den Worten: „Papa, kannst du mal runterkommen?“ So eine Sorte Chef also! Sabrina grinst: „Das ist halt ein Familienbetrieb.“ Sie springt nämlich während ihres Studiums gelegentlich als Aushilfe ein.

Und ein Familienbetrieb ist die Ludwig Ohlendorf KG seit über 125 Jahren, auch wenn der jetzige Geschäftsführer Jürgen Weferling einen anderen Nachnamen trägt. Weil es in der Familie einst nur zwei Mädchen gab, berichtet er, irgendwann in früheren Generationen; er erwähnt eine „Urgroßmutter“: „Die Frau musste den Namen des Mannes nehmen, das macht man heute nicht mehr so.“ So kommt es also, dass die Weferlings nun die neuen Ohlendorfs sind.

Der Laden brummt, um uns herum schwirren die Kunden, Sabrina hat an der Kasse ordentlich zu tun, und der Chef weiß: „Wir sind der kleine Baumarkt, wo sie viele Sachen lose kriegen.“ Zu solchen Kunden gehörte auch Chris, wie er weiß: „Das Riptide hat viel für den Umbau gebraucht, mal eine Dose Farbe“, erzählt er. „Davon leben wir, von den Kleinigkeiten“, weiß er, und ebenso, dass der Zulauf an Privatkunden derzeit der Coronakrise geschuldet zurückgegangen ist. Dennoch ist er zufrieden: „Wir haben 200, 300 Kunden pro Tag auf einer verhältnismäßig großen Fläche.“ Was man sich nicht vorstellen kann, dass sich hier mitten im eher klein gebauten Magniviertel ein Baumarkt mit einer Fläche von 800 Quadratmetern und fast 50 Mitarbeitern verbirgt; „da sind auch Teilzeitkräfte dabei“. Und einen Onlineshop betreibt er noch „nebenbei“. Beachtlich.

Bislang hat es Jürgen Weferling noch nicht so oft ins Riptide geschafft, aber er freut sich über die Möglichkeit, dort mittags mal auf einen Kaffee einkehren zu können. „Es ist hier besser als drüben“, weiß er, denn obgleich er in der Nähe des Handelswegs wohnt, schaffte er es nie dorthin. Im Magniviertel hingegen sei alles vorteilhafter: „Hier ist jeden Abend etwas los“, beobachtet er, und bemerkt schmunzelnd: „Montags fehlt uns immer was, weil es zu hat.“

Dienstags nicht, daher kehre ich nach meinem Abschied von den Weferlings gleich mal im Riptide ein und bestelle mir meine übliche Fritz-Karamell-Kola. Madeline drückt mir die Flasche in die Hand und berichtet, dass sie gerade mal seit zwei Wochen im Riptide arbeitet. Auch ihre Kolleginnen Lucie und Nadia sind mir noch nicht bekannt, es tut sich was am neuen Standort. „Ich hab studiert in Mainz“, erzählt Madeline. Und fühlt sich im Riptide alles andere als fremd: „Ich kenne das Team, wir haben zusammen im Hallenbad gearbeitet, in Wolfsburg.“ Jetzt bin ich baff. Brauchen sie dort zurzeit etwa niemanden mehr? „Das war vor dem Studium“, beruhigt sie mich. „Ich wollte hier studieren, Master, aber das hat nicht geklappt, jetzt arbeite ich hier.“ Sie kommt ursprünglich aus Wolfsburg, und von den heute Anwesenden kennt sie Nadia schon aus dem Hallenbad, „länger her“. „Das Team ist gut, es macht Spaß“, freut sie sich, „das ist eine gute Kombi, mit Plattenladen, im Magniviertel.“ Der nächste Gast möchte nun bei Madeline ein Getränk bestellen, ich nehme mir meins und begebe mich nach draußen, auf den von der ungewöhnlich warmen Septembersonne hell erleuchteten Magnikirchplatz.

Der ist wie immer rappelvoll. Am Rande einer Tischgruppe finde ich einen Platz auf einer Bank, als mir Marc von einem der Tische der benachbarten Barnaby‘s Blues Bar mit der Pommesgabel zuwinkt. Ich winke zurück und wanke zu ihm. Vielleicht hat er ja einen neuen Chuck-Norris-Fakt für mich parat.

Und morgen hat das Riptide ja Geburtstag. 13, bestes Teenageralter! Rock‘n‘Roll, liebes Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#155 Uv-àjéd

27. August 2020


Donnerstag, 27. August 2020

Und plötzlich ist der ohnehin gefühlt viel zu kurze Sommer auch ebenso gefühlt schon fast wieder um. Eben noch in der Ostsee schwimmen, schon nur noch in Jacke draußen unterwegs. Außer, man ist Däne und schwimmt auch bei Minusgraden in der Ostsee, weil die dann ja schließlich wärmer ist als die Luft. Wenn einem dann als Zuschauer schon kälter ist als den Schwimmenden, die gutgelaunt den grauen Wellen entsteigen, während man selbst dessen angesichtig in einen Schreiwettstreit mit den Möwen tritt.

Ja, ich gehöre zu denen, die auch in Coronazeiten nicht auf ihren Jahresurlaub verzichten wollen, das gebe ich unumwunden zu. Nur war das Ziel von Andrea und mir deshalb auch entsprechend gewählt: eine Gegend in Dänemark, weil wir in Deutschland so kurzfristig nichts bezahlbar Ansprechendes fanden. Eine Gegend, in der wir weder Nachbarn noch Gastronomie oder Supermarkt hatten. Aber eben Gegend. Und Ruhe. Und außer uns zu Hochzeiten – also einmal in dieser Woche – vielleicht fünf weitere Personen gleichzeitig am ausgewiesenen Badestrand. Luxus in Ödnis. Und als einzige Möglichkeit, Musik zu kaufen, den Føtex-Supermarkt im Nachbarort, der das neue Album „Alter Echo“ von Dizzy Mizz Lizzy wohl nur deshalb überhaupt im Sortiment hat, weil es in Dänemark in den Charts ist.

Jetzt also wieder Braunschweig und den Sommer ausklingen lassen. Mit einem Eis im Limonella zum Beispiel, um die Ecke vom neuen Riptide, im Magniviertel, in der Langedammstraße, oder, falls es Ende August doch schon zu kalt dafür ist, auch einen Espresso, den mir Inhaber Hasib kredenzt. Er betreibt das Café seit „sieben Jahren und zwei Monaten“, wie er spontan errechnet, nämlich seit dem 1. Juni 2013. Seine neuen Nachbarn im Ölschlägern hat er noch nicht besuchen können, bedauert er: „Ich habe nur sonntags frei, und sonntags haben sie Ruhetag – ich würde da gern etwas trinken.“ Von dem erzwungenen Umzug des Riptide aus dem Handelsweg hat er Kenntnis: „Hoffentlich es läuft alles gut“, sagt er, „ich höre, die Leute sind nett.“

In der Gastronomie ist Hasib schon lang in Braunschweig tätig: „Ich habe vorher eine Eisdiele gehabt in Wenden“, erzählt er, das La Perla, und das hat er verkauft, nach ungefähr acht Jahren dort. Da ergibt sich die Frage, ob das Magniviertel besser ist, und die beantwortet Hasib diplomatisch lächelnd mit „Auch!“ Und erklärt, dass das La Perla lediglich eine Eisdiele war und dass er im Limonella zusätzlich „eine Kleinigkeit zum Essen“ im Angebot hat, „wir machen alles selber“, Brot, Dips, und mittags sind bis zu vier Gerichte auf der Tafel aufgeführt, „immer Kleinigkeiten“. Das Eis wiederum ist nicht aus eigener Produktion, das kommt noch aus Wenden, von Taormina indes, „die sind bekannt in Braunschweig“, weiß Hasib, und ich habe die mobilen Eiswagen mit der Aufschrift auch schon überall gesehen. „Seit 14 Jahren“ lässt er sich von denen beliefern.

Auch wenn alles so italienisch klingt, Hasib kommt aus dem Irak: „Aber ich kann es verstehen und auch ein bisschen sprechen“, sagt er. Bis vor einer Weile war er der einzige im Magniviertel, der Eis verkaufte, erzählt er: „Jetzt Das kleine Café auch“, der erste Mitbewerber also, von dem Hasib vollmundig schwärmt, „die sind lieb“, sagt er, und „die machen auch alles selber“. Früher war dort die Crêperie ansässig. „Es gibt viele Cafés im Magniviertel, zu viele“, sagt Hasib augenzwinkernd, weil es mehr Konkurrenz bedeutet, die er aber schätzt. Zum Beispiel die Makery: „Die waren Stammkunden hier und haben dann das Café aufgemacht“, berichtet er erfreut. Dann fällt ihm ein, dass das Friedrich 2, also F2 oder Friedrich der II., seit kurzer Zeit ebenfalls Eis verkauft, und grinst: „Viel zu viel Eis!“ Von dem F2 gefällt ihm der Garten nach hinten heraus. Und vom Riptide hört er nur Gutes: „Das ist die Hauptsache!“

Bevor ich nun den Weg eben dorthin fortsetze, kehre ich einmal mehr bei Simone ein, denn lustigerweise ist Schepper bei ihr Stammkunde und bat mich, ihm seine begehrte Hanf-Haarseife mitzubringen, wenn ich wieder im Viertel sein würde. Mache ich doch selbstredend. Im Viertel bin ich ja nun öfter, dem Riptide sei Dank. Kürzlich, noch vor dem Urlaub, beispielsweise mit Arni, an einem der raren Draußentische, als es noch so richtig warm war und wir einen klassischen Riptide-Tag erlebten, mit allerlei Bekannten und Freunden, die sich zufällig an unseren Tisch verirrten. Darunter Dirk, der einmal mehr mit einer Reisegruppe im Rahmen von Eat The World im Riptide eintrudelte. Dabei fiel mir auf, dass er ja quasi das Ziel schon lang subliminal im Programm verankert hatte: Obgleich die Route, für die er in Braunschweig unterwegs gewesen war, „Magniviertel“ hieß, war das noch im relativ weit davon entfernten Handelsweg residierende Riptide darin untergebracht – visionär geradezu.

Wie es sich für einen Stadtführer gehört, hatte Dirk für Arni und mich auch an dem Nachmittag Anekdoten parat, die das nahe Umfeld des Riptide betrafen. Barnaby‘s Blues Bar genaugenommen, dessen Eigentümer Peter laut Dirks Kenntnis in den USA, in New Orleans, eine Kneipe gehabt hatte, in der The Doors am 12. Dezember 1970 ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gegeben und als einziges Mal „Riders On The Storm“ gespielt hatten. Das, so fand Dirk, war dabei gar nicht mal die spannendste Geschichte um Peters früheren Laden. Denn, der Laden hatte Warehouse geheißen, und als da ein Resident-DJ selbstgebastelte elektronisch grundierte monoton-rhythmische Musik unter die Leute gemischt hatte und diese ihn nach dem Namen dieser Musikrichtung gefragt hatten, hatte er schlichtweg mit dem Namen der Location geantwortet, Warehouse, woraus sich alsbald die Bezeichnung House ergeben gehabt haben soll. Arni und ich hegten zwar, wie der Berichterstatter selbst, gesunde Zweifel daran, wir drei waren uns aber einig, dass diese Geschichte wichtiger war als der Wahrheitsgehalt. Das Internet verrät nun, dass die Geschichte in den Grundzügen sogar stimmt – dass aber ein anderes Warehouse daran beteiligt war, nämlich das in Chicago.

Außerdem verzehrten Arni und ich einen Kuchen mit frischem Obst, von dem Chris uns verriet, dass eine Freundin es in ihrem Garten geerntet und dem Riptide zur Verfügung gestellt hatte. Sowas von lecker. Und bei einer Bestellung erhielt ich zudem eine Grundlagenerkenntnis in Sachen Sprachgebrauch: Arni wählte seinen Milchkaffee mit veganer Milch, und als ich gerade anhob, „normale“ zu sagen, erhielt ich den freundlichen Hinweis, dass man im Ritpide dieses Wort vermied, um das vermeintlich Normale nicht allem anderen gegenüber wertend festzulegen. Anerkennend stattgegeben.

Und dann hatte ich noch zwei Geschichten zu berichten, einmal von dem Ausflug, den Andrea und ich nach Leipzig unternommen hatten, selbstredend auch in einen Plattenladen, den wohlsortierten Whispers Records in der Karli nämlich, aber auch in ein Eiscafé um die Ecke davon, besser: in die Eisdiele Pfeifer, deren Inhaberin uns durch das Quasi-Museum führte und uns dessen Geschichte erzählte. Dass der Herr Pfeifer den Laden jahrzehntelang aus Mangel an Möglichkeiten zwangsläufig nach klassischer DDR-Art eingerichtet und dann zur Wende vor dem Problem gestanden hatte, im Unklaren über die Besitzverhältnisse des Hauses gewesen zu sein, in dem seine Diele untergebracht war, und dass der Herr Pfeifer deshalb vorsichtshalber gar nichts investiert hatte, was ihm dann Jahre später zugute gekommen war, weil nämlich alle anderen Eisdealer auf topmodern umgesattelt hatten und er der einzige geblieben war, dessen Einrichtung allgemein aufgekommene Ostalgiebedürfnisse befriedigt hatte. Davon profitierten nun eben die Nachfolger, die die Diele unter Pfeifers Namen fortführen. Und überdies auch noch erhebliche Leckereien anbieten. So kann‘s gehen.

Die zweite Geschichte hatten Andrea und ich eines lauen Sommerabends mit jeweils einem Bier auf der Bank auf einem nahen Spielplatz erlebt, den regelmäßig eine Gruppe Heranwachsender frequentiert. So auch an jenem Abend, als wir die sowohl abwechselnd als auch gleichzeitig auf Türkisch und Deutsch gehaltenen Gespräche nur fetzenweise verstanden hatten. Ein höchst philosophischer Kommentar allerdings blieb uns nachhaltig im Gedächtnis: „Wenn einer mit allen gut kann – der kann doch kein guter Charakter sein, oder?“

Heute hat Chris fast gar keine Zeit, er steckt in Arbeiten im Büro und ist auf dem Sprung zum alten Standort im Handelsweg, erzählt mir Sera an der Theke. Das Arbeitsaufkommen lässt auch für die Belegschaft erfreulicherweise nicht nach: „Es läuft eigentlich ganz gut, es ist immer reserviert, jeden Abend ist es ausgebucht“, berichtet Sera. Denn sie weiß, was die Gäste wissen: „Der neue Laden ist etwas Anderes, der ist gut.“ Sie bedauert es, dass sie manchen Anrufern sogar absagen müssen: „Morgens um zehn: ‚Nee, heute Abend ist voll!‘“ Wie gut für das Riptide.

Da steckt Chris seinen Kopf aus der Bürotür und erzählt davon, dass André und er tagsüber das alte Riptide auseinandernehmen, oder besser: Es „vertragsgemäß in den ursprünglichen Zustand zurück“ versetzen. Stimmt ja, Enmde ugust läuft der Vertrag aus, und damit fällt die finanzielle Doppelbelastung der Mieten endlich weg. 15 Kubikmeter Schutt verließen die alten Räume bereits; einiges davon sah ich gestern im Internet auf Fotos. „Das war nur der kleine Container“, winkt Chris ab: Den größeren zweiten schafften die beiden ebenfalls randvoll. Chris ist selbst überrascht, dass André und er dem Ur-Riptide keine Träne nachweinen: „Das tut richtig gut, wir haben beide gestrahlt und sehen das positiv.“ Denn: „Hier haben wir etwas viel Besseres, nicht nur eine Notlösung.“ Zwar vermisse er die Nachbarn „und alles“, aber: „Die Entscheidung war goldrichtig.“ Das Leerräumen des Handelswegriptides sei wie ein Déjà-vu, sagt Chris, nur rückwärts: „André und ich stehen in einem weißen Raum.“ Aus dem neuen Riptide zog André sich jedoch zurück, „vorerst“, wie Chris betont, und „aus privaten Gründen“, und nicht etwa, weil es Streit gab: „Wir sind befreundet nach wie vor“, und wer weiß, sobald sich die privaten Gründe so weit klären lassen, dass es möglich ist, kehrt André vielleicht ja auch wieder zurück. Die Tür steht ihm offen, betont Chris unablässig.

Jetzt schließt er sie aber vorerst hinter sich, er hat noch zu tun, bevor er noch mehr zu tun hat. Flink nehme ich mir einen Flyer vom Record Store Day 2020 mit, der Coronas wegen nicht im April stattfand, sondern dieses Jahr dreigeteilt ist, am 29. August, 26. September und 24. Oktober. Wie sich dieser Schallplattenladentag gestaltet, bringe ich dann in Erfahrung. Ist ja schon übermorgen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#153 Frohes Neues!

24. Juni 2020


Dienstag, 23. Juni 2020

In Skandinavien feiern sie heute Sankt Hans, dies sind die längsten Tage des Jahres, die kürzesten Nächte mithin, somit die unpassendste Zeit eigentlich, so etwas wie gestern die bundesweite „Night Of Light“ zu veranstalten, in der rot illuminierte Veranstaltungsorte auf das Corona-bedingte Desaster in der Branche hinweisen sollen; wer morgens um 6 Uhr rausmuss, treibt sich nicht in einer ohnehin spät beginnenden Montagnacht in der Stadt herum. Auch der kürzlich gestartete fünfte Lichtparcours lässt sich im Dunkeln nur begrenzt goutieren, vorerst zumindest, ab jetzt werden die Nächte ja wieder länger. Dabei ist der Lichtparcours vermutlich die beste Möglichkeit, Kunstgenuss in die Kontaktbeschränkungen einfließen zu lassen: Verstreut über die Stadt stehen leuchtende Kunstobjekte den Betrachtern zur Verfügung, die sich dafür nicht in einem geschlossenen Raum drängeln müssen. Perfekt! Und wenn sich die Stadt dazu noch Rahmenprogramme unter Einhaltung der Infektionsschutzauflagen einfallen lässt, ist auch die verlängerte Dämmerung kein Hindernis; so war es am Samstag bei der Aktion der Stadtfinder im Park der Musikschule, als Fly Cat Fly vor der „Bar du Bois“ spielten und wir danach mit Rille Elf auflegten. Die erste Veranstaltung seit einem Vierteljahr, da war die Stimmung grandios und die Dankbarkeit auf allen Seiten riesig, auf unserer nicht minder. Und außerdem spiegelt dieser Zeitraum Weihnachten, die Tage kurz nach der Wintersonnenwende, und markiert quasi das Ende des ersten Halbjahres 2020. Und überdies ein Abklingen des Lockdowns, der in Deutschland noch vergleichsweise harmlos ausfiel und offenbar die Zahl der an Corona Verstorbenen niedrig zu halten half.

Probleme gab und gibt es dennoch reihenweise, auch anderer Art, nicht zuletzt die „Night Of Light“ deutet darauf hin. Viele Freiberufler, Künstler, Selbständige leiden unter dem Wegfall von Aufträgen, der staatliche Rettungsschirm fängt die auf der Strecke Bleibenden nicht umfassend ab. Für das Riptide war die Zeit doppelt belastend: Seit April sollte es eigentlich unter der neuen Adresse im Ölschlägern im Magniviertel wiedereröffnet haben und am alten Standort für Umzugs-Benefiz-Veranstaltungen bis zum Auslaufen des Mietvertrags fortbestehen, doch zwang der Lockdown Chris und sein Team zum Stillstand. Mit einer Spendenaktion hielt sich das Riptide über Wasser, seit einem Monat empfängt es nun auch wieder Gäste, am grandiosen neuen Ort mit üppiger Außensitzfläche auf dem Magnikirchplatz. „Wir könnten sogar doppelt so viele Tische aufstellen“, freut sich Chris, denn so gefragt sei das Riptide hier, doch die Virusschutzauflagen lassen dies derzeit noch nicht zu.

Definitiv, es ist jedes Mal schwierig, draußen unter den Linden ohne Reservierung einen Sitzplatz zu bekommen. Städtische Bänke oder ein Stehtisch an der Riptidewand ermöglichen immerhin ein geduldiges Harren, und gelegentlich lassen sich Gäste auch dort zur Getränkeaufnahme nieder. Kürzlich berichtete mir Chris von einem kuriosen Umstand: Da das Riptide zurzeit aus Virusschutzgründen keine Karten auslegt, sondern innen und außen zum Fernbetrachten aushängte, und da auch das Logo noch nicht über der Eingangstür prangt, erging es einem Gast, dass er längst sitzend erst erfuhr, wo er sich aufhielt: „Ach, ich bin im Riptide?!“ Und sich freute, selbstredend. Ja, die Sonne lockt, der Lockdownauslauf lockt, die Leute sind wieder unterwegs, und wenn ich mich hier, auf Maren und Arni wartend, so umsehe, erblicke ich erfreulicherweise lauter vertraute Gesichter, und eben auch unzählige mir fremde.

Bevor ich mich an den mir von Anna freigehaltenen Tisch setzen kann, desinfiziert ihn Astrid. „Es riecht gleich nach Chlor“, warnt sie mich vor, während sie eine entsprechende Flüssigkeit aus einer Sprühflasche aufträgt und die Möbelfläche reinigt. Das riecht dann wenigstens sauber, finde ich, und sie meint: „Das riecht nach Freibad!“ Da bekomme ich prompt Appetit auf Pommes. „Und bunte Tüte“, ergänzt Astrid. Stimmt, schön sauer! Und Pommes, die gibt es ja nun auch im Riptide, also bestelle ich meinen Burger bei ihr mit nämlicher Beilage und lege den Thriller „Stunde der Flammen“ von Hardy Crueger neben die Flasche mit der Rose auf den frisch desinfizierten Tisch.

Unter den vielen Bekannten und Unbekannten um mich herum entdecke ich Axel und seinen Sohn Josch, die sich Orangen- und Zitronenbrause bestellen. „Man sieht sich ja gar nicht mehr“, stellt Axel fest, während sich dieser Umstand soeben aufhebt, gottlob. Dabei fiel mir auf, dass ich seit Beginn des Lockdowns weit mehr Bekannte auf der Straße oder am Südsee oder sonstwo traf als vorher, was vermutlich daran lag, dass die ganzen Cafés und Einrichtungen geschlossen waren, in denen ich sie sonst getroffen hätte. So wie jetzt eben Axel und Josch im Riptide. „Ich freu mich, dass es weitergeht“, sagt Axel und lässt seinen Blick über die unzähligen Tischgruppen auf dem sonnenhellen Magnikirchplatz schweifen. Den fließenden Übergang gibt es wirklich, die Tische von Barnaby’s Blues Bar und Das kleine Café schließen sich direkt an die vom Riptide an. Josch erzählt, was sich in dem Vierteljahr Stillstand ereignete, und berichtet, dass Axel ein Flipperspiel für die Playstation gefunden hat. „Er spielt das mit nur zwei Tasten“, lacht Josch. „Ich nutze für mein Spiel die halbe Tastatur, er zwei Tasten.“ Das sind immerhin doppelt so viele wie bei „Pong“, und Josch erinnert sich lachend, was Axel sagte, als er ihn erstmals am PC spielen sah: „‘Ich hab früher ‚Pong‘ gespielt‘!“

Die Erfrischungszeit währt für die beiden nur kurz, dann nimmt Sylvia ihren Platz ein, selbstredend erst nach der Desinfektion. „Es ist schön hier“, findet auch sie. Zwar war sie bereits zur Eröffnung im Riptide, aber da seitdem das Wetter schlechter wurde, ist dies ihr erster folgender Aufenthalt hier. „Eine Freundin hat ihren Laden nebenan“, berichtet sie, als Maren und Arni sich an meinen Tisch gesellen. „Wir treffen uns nach ihrem Feierabend hier.“ Arni hebt die Hände: „Das wäre verheerend, neben dem Riptide arbeiten!“ Maren nickt: „Schlimm genug, dass sich für uns der Weg halbiert hat.“ Sylvia ist Filmfan und seit zwei Jahren Rentnerin, der Lockdown eröffnete ihr neue Betätigungsfelder: „Ich gucke Netflix und Amazon Prime leer.“ Besonders „Homeland“ und „Haus des Geldes“ fixten sie an, „ich habe mir davon sogar ein Plakat bestellt“, sagt sie. „Ich fange nachmittags an“, Zeit habe sie ja nun. Sie strahlt, und ihre Verabredung trifft ein, Luule vom Fotostudio Artmann wenige Häuser weiter. „Seit drei Jahren sind wir dort, wir haben uns gefreut, dass das Riptide kommt“, schwärmt sie. Davor residierte Foto Artmann jahrzehntelang „auf der anderen Seite, hinter Galeria Kaufhof“, berichtet Luule. Eindeutig, das Riptide kommt im Magniviertel an.

Für Maren ist dies der erste Besuch im neuen Riptide, vorherige Versuche waren durch unvorhergesehenen Ladenschluss vereitelt worden. Wir drei haben uns nun auch schon seit einem Vierteljahr nicht gesehen, da gibt es einiges nachzuholen, die ganze Situation und was sie mit uns und dem Rest der Welt macht. Dabei erblickt Arni am anderen Ende des Kirchplatzes eine leuchtend orange uniformierte Sportlergruppe: „Vorbildlich, social distancing“, lobt er angesichts des weitgefassten kreisförmigen Aufbaus der Athleten. „Die haben sich sogar begrüßt per Fern…“ Er sucht nach dem Wort. Fernbedienung vielleicht? Das wohl nicht, aber das wäre für Gastronomieeinrichtungen in Coronazeiten eine gute Lösung.

Für uns ist Astrid eine Nahbedienung, sie bringt Getränke und Burger. Beim Herüberreichen berührt Arni Maren: „Ihh, der hat mich angefasst“, kreischt sie. Er zuckt mit den Schultern: „Ja, weißte, wasde jetzt alles hast?“ Maren nörgelt: „Ist ja eklig!“ Arni fährt fort: „Gute Laune und Optimismus“, ruft er, und setzt nach: „Chronischen Optimismus!“ Maren sortiert ihr Besteckt und jammert: „Ich will das nicht, krieg ich jetzt auch Antikörper?“ Arni missversteht: „Antjekörper, was hat Antje jetzt damit zu tun?“ Maren rutscht das Smartphone aus der Tasche und fällt zu Boden, gleich von drei Seiten machen sie aufmerksame Gäste darauf aufmerksam. Großes Gelächter. Arni staunt: „Der erste Tag im Riptide und es ist schon wieder genau wie früher.“

Heute bedienen viele Riptide-Mitarbeiter die Gäste, die ich noch nie gesehen habe. Chris kündigte ja an, dass er da dringend neu einstellen musste, und hatte auch rund um die Uhr Vorstellungsgespräche. „Das ist mein erster Tag, Probearbeiten“, sagt Cedric, als er unseren Tisch abräumt und wir ihn ausfragen. „Das merkt man nicht“, beteuert Arni, und so geht es uns mit allen Neuen, dass sie uns sofort das Gefühl vermitteln, sie schon ewig zu kennen und unter ihnen zu Hause zu sein; da hat Chris ein gutes Händchen für. Aber für Cedric ist es ja lediglich im Riptide neu: „Ich habe Gastroerfahrungen“, erzählt er, „aber in Bielefeld.“

Am Nachbartisch, und davon hat unserer einige, nehmen Fehime, Basti, Franziska und Michael Platz. Seit ihrem Umzug haben ich Fehime und Basti kaum mehr zu Gesicht bekommen, dieses Jahr wohl noch gar nicht, und das nicht mal wegen Corona. Fehime winkt ab: „Basti hatte jetzt sein erstes Konzert, vor Autos.“ Um die 20 Autos standen wohl vor der Bühne, und statt Applaus gab es verbotenerweise Gehupe. Diese Einschränkungen knicken Fehime, doch andererseits finde ich, dass man ohne sie vermutlich niemals die Erfahrung gemacht hätte, als Band vor Autos aufzutreten, man also im Grunde einen Gewinn dabei hatte. So wie mit der Indie-Ü30-Party, die wir ohne Lockdown wohl niemals bei Radio Okerwelle gemacht hätten; am 11. Juli zum bereits zweiten Mal, Claudy Soundschwester sei Dank. Das überzeugt Fehime ein wenig: „Du hast Recht, eigentlich müsste man das positiv sehen.“ Basti macht ein Foto von uns und schickt es an gemeinsame Nachbarn von uns, die seit dem Lockdown in Costa Rica festsitzen. Und auch Basti und Fehime schwärmen vom Riptide: „Es ist richtig cool, das es was Neues gibt“, sagt er, „der Platz ist megacool geworden.“ Fehime bestätigt: „Eine Bereicherung!“ Denn, so Basti: „Hier standen jahrelang nur fünf Tische oder so.“ Fehime grinst: „Jetzt ist dolce vita, oder deutsche vita, wie Basti sagen würde!“

Die Dämmerung setzt langsam ein, auch an einem so langen Tag, der Feierabend drängt das Riptide zur letzten Runde. Und uns zum Aufbruch. Kartenzahlung ist inzwischen wieder möglich, versichert Anna, das ist perfekt, dann kann ich nämlich gleich zwei der wie angekündigt von Ben gestalteten Riptide-Benefiz-T-Shirts mitnehmen. Da Chris schon weg ist, bestelle ich eben nächstes Mal oder per Email Platten, zum Beispiel das Debüt von Coriky, dem neuen Projekt von Ian MacKaye, dessen Veröffentlichung die Band immer weiter verschob, wie mir Larki berichtete, weil sie wollten, dass kleine Plattenläden wieder geöffnet haben können, wo man sie dann erwerben sollte, statt online oder beim Großhändler. Da ist noch Indiegeist und passt perfekt zum Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#152 Licht und Liebe im Altewiek

28. Mai 2020


Mittwoch, 27. Mai 2020

Es ist hell. Viel heller als das Café am alten Standort im Handelsweg. Das fällt tatsächlich erst heute so richtig auf, weil heute der erste Tag ist, an dem auch Riptide-Chef Chris seine neuen Räume mit nichtabgeklebten Fenstern zu sehen bekommt, nach all den Monaten, die er hier bereits mit zahllosen Helfern verbrachte, um trotz der Beschränkungen wegen des Covid-19-Virus‘ sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, den allseits geliebten Hybriden aus Café, Plattenladen und Veranstaltungsort wegen des nicht verlängerten Mietvertrags im Handelsweg an diesem neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen. So viel Arbeit, Kampf, Aufwand, Turbulenzen, Verzögerungen, Unabsehbarkeiten, aber auch Hilfe, Unterstützung, Beistand, Zuspruch, Tatkraft und vor allem Liebe begegneten Chris in dieser Zeit, und in dieser Sekunde fällt alles in einem Punkt zusammen, kumuliert sich in einer Mischung aus Euphorie und Erschöpfung: Chris öffnet die Tür und lässt den ersten geladenen Gast ins neue Café Riptide am Ölschlägern.

Die tatsächliche Eröffnung findet eigentlich erst morgen statt, doch heute bedankt sich Chris mit einem Pre-Opening bei allen, die ihm in den zurückliegenden Wochen zur Seite standen. Seine letzte Tat, bevor er seine Freunde in Empfang nimmt, ist, die Kleberückstände vom kommunalen Baustellenschild an der Scheibe links neben dem Eingang abzuwischen. „There’s A Crack In Everything“, steht auf der Scheibe unter seinem Putztuch, und weil damit nicht das Glas gemeint ist, setzt sich das Zitat auf der Scheibe rechts vom Eingang fort: „That’s How The Light Gets In.“ Chris erklärt: „Das ist von meinem Lieblingssänger.“ Er hält kurz mit dem Wischen inne: „Ich habe zwei Lieblingssänger, einer lebt, einer ist tot, und das Zitat ist von dem Toten.“ Von Leonard Cohen nämlich, aus dessen Lied „Anthem“ aus dem Jahr 1992. Locker übersetzt bedeutet es für ihn: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“, das Ende im Handelsweg begünstigt den Anfang im Ölschlägern. Und außerdem klingt dieses Zitat weit hoffnungsvoller als das von Neil Young im alten Riptide, wenngleich das mehr Rock’n’Roll ist: „It’s Better To Burn Out Than To Fade Away“. Am Ölschlägern nun geschieht weder-noch, hier findet eine dritte Option statt: Neubeginn.

Oder Fortführung: „Wahnsinn, richtig cool“, schwärmt Sören mit einem Glas Sekt in der Hand. „Ich hab vorher mal durch die Scheibe geguckt“, erzählt er und befindet mit Blick auf die ihm vertrauten Elemente: „Mitgebracht, den Laden hier, echt cool!“ In der Tat fühlt es sich vielerorts im neuen Riptide an wie im alten. Unzählige Details fanden den Weg ins Magniviertel, etwa die „3“-Kerze an der Theke, die nun auch bald zehn Jahre alt wird. Diese Theke wiederum ist ein Novum, das sich erheblich unterscheidet: Der einstige mit Glaswänden abgetrennte und nach oben offene und damit nutzlose Lichthof des früheren Outdoor-Ladens ist verschwunden, damit mehr nutzbare Fläche entstanden, das Loch im Dach mit Fensterluken transparent gehalten und die von einem Spot angestrahlte Discokugel direkt über den Köpfen des Thekenteams angebracht.

Ist das schön, die vertrauten Gesichter wiederzusehen, zumindest zur Hälfte, denn Rosa, Melissa, Imke und Max sind maskiert, so wie auch wir Gäste es sein sollen, zumindest beim Betreten und Verlassen des Sitzplatzes, an dem wir für den Genuss von Speisen und Getränken selbstredend auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten dürfen. Auf einem Blatt an einem Klemmbrett verewigen wir Gäste uns namentlich, mit Chris‘ Hinweis, dass er diese Listen nach 14 Tagen ohne Coronafall vernichten wird, und desinfizieren unsere Hände an einem daneben aufgestellten Mittelspender.

Daneben, das ist schon der nächste bemerkenswerte Platz im neuen Riptide: Zum Ölschlägern hin besteht es aus einer Fensterfront, an der ein breiter Sims angebracht ist, auf dem Gäste Getränke und Speisen abstellen und einnehmen können. Blumentöpfe und „Abstand“-Schilder verzieren diese Reihe, in recycelten Bierflaschen installierte spulenförmige Lampen strahlen ein atmosphärisches warmes Licht ab, das indes an diesem sonnigen Tag noch lediglich dekorativ wirkt. Das erinnert mich an einen Pubbesuch in Dublin 1998, als ich mit Guido eine Rundreise um Irland machte. An einem Tag strömte der klassische Regen auf uns herab, und weil uns deshalb nicht so sehr nach touristischen Erkundungen war, begaben wir uns im gleichsam touristischen Viertel Temple Bar in eine Kneipe und setzten uns mit frisch gezapftem Guinness an eben so eine Fensterbank. Wir hatten es warm und gemütlich, während wir den Blickkontakt zu verregneten und neidischen Passanten aufnahmen und kryptische Postkarten verfassten. Es floss einiges an Guinness, weil an dem Tisch hinter uns die Leute damit begannen, Instrumente auszupacken und wie zufällig miteinander zu musizieren, und viele später eintretende Gäste schlossen sich dem an, inklusive einem, der zu einem der Lieder aus der anderen Ecke des Pubs zu singen begann. Auch hier im Riptide nimmt man durch die Fenster automatisch den Blickkontakt zu den Magniviertelflaneuren auf, und die werfen interessierte und neugierige Blicke zurück.

Gegenüber dieser Fensterreihe findet im Riptide ebenfalls Musik statt, jedoch nicht live, denn dort sind die Plattenkisten eingerichtet. Neuveröffentlichungen der zurückliegenden zwei Monate sind noch nicht darunter, da bislang nicht klar war, wann das Riptide wieder öffnen würde und wo Chris die Platten bis dahin lagern könnte. Zudem hätte er dann Investitionen ohne die Aussicht auf einen Verkauf getätigt. So ganz ohne Neues geht es aber auch für Chris nicht, schließlich entdecke ich etwa „Alles in Allem“ unter den Neuerscheinungen, das pressfrische Album der Einstürzenden Neubauten. Es geht also weiter!

Mehr und mehr Gäste trudeln ein, einer bringt Brot und Salz mit, und allen bietet Rosa Getränke an, wahlweise weißen Sekt oder die rote Edelgard: „Das ist ein neues Getränk“, erklärt sie, „Sekt mit Erdbeeren und Waldbeeren.“ Und leider lecker. „Marc, von wem bist du noch der Tischler?“, nimmt Chris beim Begrüßen des nächsten Gastes einen Running Gag auf. Die Umstehenden wissen, dass Marc einst einem Verwandten in Florida für ein halbes Jahr als Tischler aushalf, der während dieses Zeitraums einen Auftrag bei einem bekannten Musiker bekam, nämlich bei Lenny Kravitz. „Er wurde extra eingeflogen“, fehlinformiert uns Chris. Marc grinst abwinkend: „Er bauscht es immer so auf!“

Zu diesen anderen gehören inzwischen auch Sarah und Sascha, die mit Marc und Chris als Haupthelfende quasi eine Hausgemeinschaft im neuen Riptide bildeten. „Wir sind zu 99,9 Prozent fertig“, informiert Chris. Und erzählt, dass gestern sein Facebook- und Instagram-Account stillgelegt wurden: „Ich habe gerade geschrieben: ‚Morgen Eröffnung‘ – gehackt!“ Wegen der Formalien, die er beim Reaktivieren zu erfüllen hat, kann es daher dauern, bis der offizielle Riptide-Kanal wieder online ist. Ausgesprochen ungünstiger Zeitpunkt.

Wie schon beim alten Riptide, nähte Frau Schneider auch für das neue wieder Vorhänge, und zwar die dunkelgrünen unterhalb der Plattenregale. „Da sind kleine Krokodile drin“, verrät sie. Chris habe sich darüber gefreut, als sie ihm die zeigte: „Dabei habe ich eigentlich nur die Nähmaschine ausprobiert.“ Man muss wissen, wo sich die vier Reptilien verstecken, sonst sieht man sie nicht, weil sie wirklich winzig sind. „Dafür muss man nur geradeaus nähen, die Maschine macht die Muster automatisch“, erklärt Frau Schneider. Das Gerät vollführt nämlich beim Aufbringen der Naht einige Zickzackbewegungen, aus denen dann die Silhouetten von Krokodilen entstehen. Frau Schneider blickt sich im Café um: „Es ist super geworden, gefällt mir gut“, sagt sie. „Irgendwie fühlt es sich größer an“, überlegt sie, und weiß: „Es ist natürlich auch größer.“

Denn das neue Riptide erstreckt sich auf insgesamt drei Etagen, von denen zwei für die Gäste offen stehen und die dritte Büro und Personalräume beherbergt. Das ist die wohl größte Überraschung am neuen Standort, dass im hinteren Winkel eine Treppe nach oben führt. Dort hängt nun auch der Kronleuchter aus dem alten Riptide, der einzige Ort mit ausreichend Deckenhöhe für dieses Schmuckstück. Oben blickt man durch eines der Fenster auf das Glasdach über der Theke und in der anderen Richtung durch doppelte Butzenscheiben auf den Ölschlägern. Das alte Riptide-Sofa steht dort, als Schlusspunkt langer Tischreihen, auf denen sich die alten von Chrisse Kunst gestalteten Lampen wiederfinden. Mit den Sitzecken und der Fensterreihe von unten hat sich die Zahl der Plätze offensichtlich erheblich erhöht, ohne dass es trotz geringer Deckenhöhe eng wirkt. Gemütlich, das auf jeden Fall, und warm einladend.

Deshalb sitzen Louisa, Denise und Benny am Tisch in der hintersten Ecke, gegenüber dem Sofa. „Ich find’s total schön“, strahlt Benny, und widerspricht unbeabsichtigt Sören: „Ganz anders als vorher, niedrige Decke, Fachwerk, der Magniviertel-Charme – ich bin begeistert!“ Louisa nickt: „Mehr Platz, aber trotzdem ultragemütlich.“ Benny blickt auf die Wandfarbe: „Das Rot ist cool.“ Dunkler als im Handelsweg, aber das Rot von dort aufgreifend; so verhält es sich auch mit dem Grün der Plattenkistenvorhänge. „Ich war schon mal hier, als es noch leer war und die Wände schon rot waren“, erzählt Louisa und staunt: „Es ist noch viel gemütlicher, als ich gedacht habe!“ Sie schwärmen von den Fenstern auf beiden Seiten des Geschosses und von der Atmosphäre, die sich dadurch hier oben ergibt. „Ich bin gespannt, wie es draußen ist“, sagt Louisa mit dem Wissen um die Sitzplätze auf dem Magnikirchplatz. „Die Lage ist cool“, bestätigt Denise, und Benny ergänzt: „Es gibt einen fließenden Übergang zu Barnaby’s Blues Bar – der Magnikirchplatz ist ein neuer Hotspot in Braunschweig!“ Das findet Denise ebenfalls: „Von der Lage ist es kein Downgrade.“ Benny bestätigt: „Es ist mindestens gleichwertig!“ Das Sofa aus dem alten Riptide hätten sie überdies beinahe nicht wiedererkannt: „Es kommt hier mehr zur Geltung“, findet Louisa, und Denise grübelt: „Damals sah’s größer aus.“ Benny grinst: „Es ist geschrumpft!“ Die drei stellen übrigens die Subway-Redaktion dar, erzählen sie. „Es gibt ein enges Verhältnis zu Chris“, sagt Benny, „er schreibt immer noch Plattenrezensionen für uns.“ Sie stoßen mit ihren Getränken an: „Auf das Riptide!“

Auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss passiere ich einen Plüschbüffelkopf und das aus dem früheren Café bekannte Hirschgemälde. Neue und alte Hingucker bilden eine Einheit. An den Fensterreihen bildete sich unterdessen eine die erforderlichen Abstände einhaltende Gesprächsrunde, und Marc und Sarah baldowerten angesichts der berühmten sportlichen Aktivitäten auf dem Magnikirchplatz eine Aktion aus, die sie Chris unterbreiten: „Wir haben die Idee: das erste Riptide-Boule-Turnier!“, sagt Marc, und Sarah fügt an: „Es muss mir nur noch jemand beibringen.“ Der Vorschlag stößt bei Chris nicht nur auf offene Ohren, einen ähnlichen Gedanken hatte er auch schon.

Zu der Sitzrunde gehört Enno, der feststellt: „Ich muss mir noch eine Liste machen mit den Platten, die ich noch bestellen will, das konnte ich zwei, drei Monate nicht.“ Stimmt, ich hab hier noch zwei Alben abzuholen, die eintrafen, kurz bevor der Lockdown beschlossen wurde. Mir kommt Enno bekannt vor, und er mutmaßt, dass das von einem Online-Bild herrühren könnte, denn: „So habe ich Sascha kennen gelernt, er hat mich von einem Instagram-Foto erkannt“, erzählt er. „Ich hab unterm Dach was gemacht und Chris hat das gepostet.“ Neben uns kommt das Gespräch darauf, dass die neue Küche auch heute schon offen ist und dass erstmals im Riptide Pommes auf der Karte stehen. „Weil: gibt hier Fettabscheide“, weiß Enno, „aber nur für Pommes, nicht für Körperfett.“ Die Speisekartenneuerung ist ein Auslöser für Henning, sich bei Rosa einen Burger mit Pommes zu bestellen.

Sarah setzt sich zu Sascha an die Fensterreihe und stellt mit Blick auf den ihr gegenüber vor den Vinylalben sitzenden Marc fest: „Wir müssen die Platte noch kaufen.“ Sascha ist verwirrt: „Welche Platte?“ Sarah deutet auf den Tischler gegenüber: „Na, die Arbeitsplatte, die uns Marc empfohlen hat!“ Sascha lacht, denn der Blick in Richtung Marc hätte auch einer in Richtung der Schallplatten gewesen sein können.

Der Burger und die Pommes für Henning sind fertig, Rosa stellt ihm den rechteckigen Teller an seinen Platz am Fenster, neben Enno. Wie sind sie denn, die womöglich ersten Pommes, die im Riptide für Gäste zubereitet wurden? „Hm, ja, doch“, kaut Henning, „hmmm, lecker!“ Das erinnert Enno an einen Sketch von Loriot: „Der Mann isst.“ Die neuen Pommes sind also gut, sagt Henning, und stellt zudem erfreut fest: „Der Burger allerdings ist ganz vertraut!“ Diese Pommes nun sind nicht das einzig Neue auf der neuen Karte, und so manches Alte ist auch noch verfügbar, etwa Lemmys Frühstück, das aus Kaffee, Whisky und Zigarette besteht. „Ich muss Platten gucken“, sagt Enno nun und springt von seinem Platz auf. „Das habe ich seit Monaten nicht gemacht!“

Zwischen den turbulenten Gesprächen bietet Rosa immer wieder Getränke an, unter anderem den neuen Jägermeister Scharf. Mit überraschenden Folgen: „Marc hat grad nach dem ersten Jägermeister erzählt, dass er Lenny Kravitz‘ Emmy angefasst hat!“, kreischt Sarah. Henning lässt sich „ausnahmsweise“ auch auf ein Glas Jägermeister ein, ermahnt Rosa aber: „Wenn ich danach noch einen will: ähm, nicht.“ Sascha berichtet: „Heute bin ich richtig eskaliert: Bevor ich losgegangen bin, hab ich mein Handy zu Hause gelassen.“ Und Enno weiß: „Sogar der Fußboden ist aus Vinyl!“

Nicht weniger glücklich über den Neustart als die Gäste sind Rosa, Imke, Melissa und Max. Rosa bedauert nur, dass sie unter den Masken nicht erkennen kann, ob ihr Gegenüber lächelt, und strengt sich an, selbst so sehr zu lächeln, dass man sie auch über die Maske hinweg als freundlich auffasst. Max baut auf mehr Laufkundschaft als im Handelsweg und ist sich sicher, dass sich etwa Gäste von Barnabys Blues Bar bei den Pommes vom Riptide bedienen würden. Draußen auf dem Platz bestätigt ihm das Bernd, der Gast bei Barnabys ist: Er würde sich im Riptide Burger bestellen und die mit an die Tische der Blues Bar nehmen, denn „Peter hat nix dagegen“. Also die direkte Bestätigung von Max.

Und auch von Chris, der zu Peter längst freundlichen Kontakt aufgenommen hat, ebenso zu vielen anderen der neuen Nachbarn. „Die Blumendeko ist bei Nachbarn gekauft, bei Florentine“, bestätigt er und betont, dass ihm das wichtig sei, lokales Gewerbe zu unterstützen. Analog zum Handelsweg seien auch hier im Magniviertel dankenswerterweise keine Ketten vertreten, sondern „alles Überzeugungstäter“. Die Aussichten für einen gelungenen Neustart sind blendend, mehr Personal ist bereits eingestellt, das Interesse ist riesig, die Nachbarschaft offen, die Laufkundschaft zahlreich und die Sehnsucht nach Treffen mit Freunden im Café Riptide nicht nur wegen der Monate in der Kontaktsperre gigantisch. Und Chris ist sichtlich bewegt, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist, mit Abschieden und Neustarts, mit Problemen und Lösungen, mit aller emotionaler Wucht, die damit einhergeht. Und: Ab morgen dürfen die ersten Gäste kommen, unter Einhaltung der Infektionsschutzregeln, und sich davon überzeugen, wie großartig das alte Café Riptide am neuen Standort ist.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#148 Denksportgruppe Nowak

16. Januar 2020


Mittwoch, 15. Januar 2020

Die Ereignisse holten mich während des Quizabends ein. Erschütternd genug, soll es jetzt zunächst um das Sonnige dieses dunklen Abends gehen.

Mitgefangen! Bastian Till vom Kurt-Magazin aus Gifhorn hatte die Idee, Arni und mich als seine Braunschweiger – und Ex-Gifhorner – Mitstreiter zum Kneipen-Quiz im Riptide zu verpflichten, und lud noch zwei uns beiden unbekannte Gifhorner dazu, das Quintett zu vervollständigen. Mit diesen beiden, Kristin und Harald, einigten wir uns im Vorfeld via Whatsapp – gegen die Einzelstimme des Nachnamensträgers – für die Gruppenbezeichnung „Denksportgruppe Nowak“, trotz attraktiver Alternativvorschläge wie „K-BAHM“ oder „Insanitäter“; so ließ sich die Aktion also schon im Vorfeld vielversprechend an. Der arme Arni geriet damit indes in einen Interessenkonflikt, denn der Illustratorenstammtisch hatte seinerseits seine Teilnahme am Quiz kundgetan, und als Mitglied desselben wäre er eigentlich auch dort eingesetzt gewesen, aber wir blieben geschlossen bei unserer Südheideverbindung.

Dennoch gesellen Arni und ich uns zunächst zum Illustratorenstammtisch, besser: zu Ben, dem Initiatoren und zurzeit noch einzigen Mitglied, das hier im Riptide anwesend ist. Nach und nach trudeln weitere Illustratorinnen ein, nur unsere Denksportgruppe nicht. Einige resümieren Kneipenquizerfahrungen, andere haben noch gar keine; Roberta und ich erinnern uns an das Pub Quiz im Wild Geese, damals, als noch nicht jeder das Internet mit sich herumtrug und das Höchste des Mogelns noch eine heimlich abgesetzte SMS war. Damals gab es auch nicht nur Wissensabfragen, sondern auch Aktionsfragen wie „Wie viele Seepferdchen befinden sich an dem Brunnen auf dem Altstadtmarkt?“, für deren Beantwortung jede Quizzergruppe einen Abgeordneten auf den Platz abkommandierte. Seitdem weiß ich überhaupt erst, dass sich Seepferdchen an dem Brunnen befinden. Quizzen bildet also. Eine andere Illustratorin berichtet von einem Afrika-Quiz, das die Ingenieure ohne Grenzen im Riptide veranstalteten und das sie mit einer Germanisten-Gruppe gewann. Und von der Smartphone-App Quizduell ist kurz die Rede, da teilt Gerrit auch schon die Antwortbögen aus.

Gerrit ist heute der Quizmaster, und er ist dies überhaupt erst zum zweiten Mal beim Riptide-Quiz, nach seinem Einstand im Oktober, als er den Haupt-Quizmaster Sven erstmals vertrat. Gerrit sammelte seine Quizmastererfahrungen vornehmlich privat, und in einem solchen Rahmen sprach ihn Chris einmal darauf an, ob er sich als Einspringer einbringen wollen würde, und Gerrit sagte erfreut zu. Mit einer Einschränkung: „Mein Quiz ist aufwändiger als Svens“, deshalb stünde er leider nicht monatlich zur Verfügung. Was das zu bedeuten hat, erfahre ich ja gleich, wenngleich ich auch Svens Quiz nicht kenne.

Nun trudelt die Denksportgruppe Nowak auch endlich vollständig ein, inklusive der druckfrischen Kurt-Ausgabe. Harald und Kristin entern das Sofa, Bastian Till, Arni und ich hocken uns auf die Würfel davor. Sämtliche Tische um uns herum sind mit Quizgruppen belegt, maximal fünf Ratende stark dürfen diese sein. Während Kristin uns noch kollektiv dazu verführen will, Kurze zu trinken, versucht Imke, unsere Bestellung aufzunehmen, die zunächst aus vier Wolters und einer Limonade besteht. „Hast du die Kurzen auch?“, fragt Kristin. Imke entgegnet: „Ich habe den Ruf gehört, das aber nicht als Bestellung aufgefasst.“ Das ändert sich nun, Kristin ordert vier Mexikaner und Arni für sich einen Tullamore Dew. Außerdem möchte Bastian Til einen Gin Tonic trinken und entscheidet sich bei der verfügbaren grünen Zutat für Gurke, nicht für Limette. Er strahlt: „Ich hab Saufbock, und ihr?“ Arni zuckt die Schultern: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

Die Zettel mit den Antwortmöglichkeiten liegen nun auf den Tischen, Gerrit bittet uns, einen „schmissigen Gruppennamen“ darauf zu notieren, und erklärt den Ablauf. Sechs Runden sind vorgesehen, davon drei mit Fragen, zwei mit Bildern und eine mit Musik sowie einer Pause nach drei Runden. Enttäuschtes Jaulen folgt auf seinen Hinweis, es gebe „keine Humorpunkte bei mir mehr“, anders als noch im Oktober sowie bei Sven, denn „das ist viel zu subjektiv“. Er empfiehlt dennoch: „Raten ist immer gut, besser raten als nichts hinschreiben.“ Sobald nach Personen gefragt sei, reichten Nachnamen aus, bis auf bei gekennzeichneten Ausnahmen. Außerdem ordnet er den Abend einem Thema unter: Farben, weil der Januar dunkel und grau sei. „Alles hat irgendwas mit einer Farbe zu tun“, sagt Gerrit, „wenn in der Frage keine Farbe vorkommt, dann in der Antwort.“ Aha! Gut zu wissen.

Und los geht es. Bastian Till notiert unsere Antworten. Welcher Farbstoff ist dafür verantwortlich, dass Blätter grün werden? Wir grübeln in der Gruppe. „Pfefferminz“, schlägt Arni vor. „Pfeffi!“, jubelt Bastian Till, und fragt dann laut: „Der Nachname reicht, ja?“ Klar: Westernhagen. Nach sieben solcher Fragen teilt Gerrit Zettel aus mit Bildern darauf sowie weiteren Fragen dazu. Nicht über Power Point, das gefällt mir. Obwohl Harald dafür mit Blick auf den Glitterball unter der Decke eine gute Lösung hätte: „Über die Kugel projiziert, die dreht sich ja mit.“ Ab jetzt übernimmt Kristin das Schreiben für uns. Bei den Antworten hilft uns der Hinweis mit der Farbe definitiv oft aus der Patsche, so manche schnelle Lösung überdenken wir mit diesem Hinweis. Bastian Till ist skeptisch: Bei der Frage nach einem abgebildeten Himmelskörper sei weder in der Frage noch in der Antwort „Mars“ eine Farbe untergebracht. Doch, er ist doch der Rote Planet. Der Groschen fällt bei ihm laut.

Als nächsten Block teilt Gerrit Textfragen aus, anstatt sie vorzulesen, und gibt uns Quizzenden für die Lösung sieben Minuten Zeit. Die Fragen drehen sich um das Spezialthema Schwarz-Weiß. Während wir an den Antworten knobeln, sinniert Bastian Till darüber, dass nach seinen Erfahrungen sowohl solche Kneipen-Quiz-Veranstaltungen als auch die Fragen vornehmlich männlich dominiert seien. Mit Blick auf die Schwarz-Weiß-Zettel vor uns halte ich mit unseren soeben notierten Lösungen Brooke Shields, Ulrike Meinhof und Rosa Parks dagegen. Auch Harald bemerkt dazu: „Im Baader-Meinhof-Komplex sind beide Geschlechter gleichwertig vertreten.“ Bastian Till nickt und beugt sich noch verschwörerischer zu uns: „Als ich in Gifhorn als Bürgermeister kandidierte, sollte ich einen Fragebogen für die Zeitung ausfüllen, da hab ich sie als politisches Vorbild angegeben.“ Wen, Ulrike Meinhof? Er lacht lauthals: „Ja, die habe ich dann aber wieder durchgestrichen und Rosa Parks hingeschrieben.“

Pause. Gerrit sammelt die Antwortbögen ein. Nach einem notdürftigen Abstecher in die Rip-Lounge gegenüber blickt sich Kristin im Café um und teilt Bastian Till mit: „Ich glaub, ich war doch schon mal im Riptide.“ Der stutzt: „Hast du das am Badezimmer erkannt?“ Kristin wischt den Einwand beiseite und wühlt in ihrer Erinnerung. Ein Treffen mit einer Gruppe in der Lounge kommt dabei zum Vorschein, im Rahmen einer unbestimmten anderen Aktion. „Weißt du, wo die Tourist-Information ist?“, fragt sie Bastian Till. Der wehrt ab: „Nein. Ich war noch nie als Tourist in dieser Stadt.“ Während Emil nun weitere Bestellungen von uns aufnehmen möchte, murmelt Bastian Till noch etwas davon, dass er Kneipen „am Badezimmer erkennen“ könne. Kurz vor Küchenschließung geben Harald und Kristin noch Speisen bei Emil in Bestellung, Hotdog und Fladenbrot, sowie eine weitere Runde Bier für alle. Bastian Till guckt in sein Gin-Glas: „Brauche mir nix zu essen zu bestellen, hab ja noch Gurke.“

Die Teilnehmer sammeln sich nun wieder, denn Gerrit läutet zur zweiten Halbzeit. „Ich bin beeindruckt“, stellt er nach dem Austeilen der korrigierten Antwortzettel fest. „Entweder sind alle Gruppen gut oder meine Fragen schlecht“, sagt er, denn die Teams seien nicht nur makellos, sondern auch weitgehend gleichauf: „Eine Gruppe hat sogar die volle Punktzahl.“ In unserer Denksportgruppe stellen wir fest, dass niemand von uns die Fragen hätte allein beantworten können. Brooke Shields! „Nicht meine Zeit“, sagt Bastian Till, Arni nickt dazu und Harald fragt ihn: „Wann war denn deine Zeit?“ Arni antwortet: „Ich warte eigentlich darauf, dass die noch kommt!“

Während Gerrit die korrekten Antworten durchgibt, bekommt Emil die nächste Bestellung von Bastian Till: „Fünf Mexikaner!“ Denn: „Ich habe gesagt, wenn die Frage falsch ist, gebe ich die aus.“ Er war sich nämlich sicher gewesen, dass die blauen Pferde von Paul Klee waren, doch Gerrit gibt soeben Franz Marc als Lösung an. „Harald hat es gesagt“, ruft Kristin, doch es hilft ja nichts.

Bei der nächsten handelt es sich um eine Musikrunde, mit der Besonderheit, dass wir zwar Songtextauszüge bekommen, zu denen wir Interpret und Titel zu nennen haben, aber dass Gerrit diese Auszüge auch noch selbst singt. Was uns tatsächlich hilft, weil wir manche Lieder erst an der Melodie erkennen. Den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt singen die Quizzenden ringsum kurzerhand mit. Bei zwei Songs müssen wir trotzdem passen, die sagen uns gar nichts. Dann teilt Gerrit wieder Bilderzettel aus. Ein Bild zeigt den Roten Baron, wir grübeln, wie der wohl richtig hieß, und kommen bald auf Richthofen, fragen uns aber nach dem Vornamen. Arni kennt ihn: „Baron von.“ Superheldenfilme liegen nicht allen von uns, Fußballfragen beantworten wir auch eher nach Gefühl, Harry Potter ist eher ein Spezialthema für Einzelne aus der Runde. Dann stellt Gerrit wieder offene Fragen an alle: „Welcher Künstler ist für seine Blaue Periode bekannt?“ Das weiß Bastian Till: „Harald Juhnke.“ Zwei Fragen drehen sich um Körperteile, Gerrit fragt nach dem Gelben Fleck und nach dem Gelbkörper. „Ich weiß, wo der gelbe Fleck sich bei manchen Leuten befindet“, sagt Harald, und Bastian Till konkretisiert: „In der Unterbüx?“ Auf allgemeine Bitte wiederholt Gerrit die erste Frage: „Wo befindet sich der Gelbe Fleck?“, und Bastian Till schlägt vor: „Wollen wir mal nachgucken?“

Sämtliche Antworten sind notiert. Eigentlich ist das Quiz nun beendet, aber Gerrit sieht noch etwas Zeit übrig und schlägt eine weitere Musikrunde vor, nur dieses Mal ohne ausgeteilte Texte. Er singt und wer als erstes „Stop“ ruft, bekommt die Möglichkeit, Interpret oder Titel zu sagen und für beides jeweils einen Punkt zu sammeln. Wer eines nicht weiß, reicht die Chance auf den anderen Punkt an eine andere Gruppe weiter. Ein „Battle“ gewissermaßen, sagt Gerrit, und droht für Falschnennungen sogar Minuspunkte an. Bastian Till guckt uns an: „Spielen wir jetzt auf Sieg oder einfach nur gegen die anderen?“

Mit den anderen, klar. Gerrit singt und aus einer Ecke ertönt ein „Stop“. „Schwarz zu blau“ von Peter Fox war aber die falsche Antwort, und weil es dafür ja Minuspunkte gibt, will Gerrit von der Antwortenden an dem üppig gefüllten Tisch genau wissen: „Gehörst du zu der Gruppe oder zu der?“ Bastian Till antwortet für sie pragmatisch: „Wenn’s falsch war, zu denen!“ Den nächsten Song erkennt Harald nach einer Zeile: „Lady In Red“ von Chris de Burgh, und er fügt auch hinzu, dass ihm das peinlich ist, dass er uns aber den noch schlimmeren Refrain ersparen wollte. Wir danken es ihm. Von Rammstein ist das nächste Lied, rät jemand neben uns, doch so, wie Gerrit es anstimmte, dachte ich zunächst an Roland Kaiser, doch der Punkt geht tatsächlich an Rammstein.

Das Quiz ist nun vorbei. Gerrit sammelt wieder alle Antwortbögen ein und begibt sich damit in Klausur, legt aber noch als Bonus zum Selbstknobeln einen weiteren Bilderzettel aus. „Wir wollen noch Biere“, sagt Bastian Till zu Emil. „Wie viele?“, fragt der, und auf Bastian Tills „vier“ wehre ich ab, ich muss morgen früh raus und weiß, dass das vierte nicht für Kristin vorgesehen ist, die sich anders labt. Doch der Chef insistiert kopfschüttelnd: „Vier.“ Also gut. Harald murmelt Emil nach: „Für mich auch vier.“

In der Pause vor der Siegerehrung widmen wir uns dem dritten Bilderzettel. Ein Bild zeigt einen gezeichneten roten Stier, und Kristin ist überzeugt, dass der aus „Das letzte Einhorn“ stammt, was dazu führt, dass sie und Harald „The Last Unicorn“ anstimmen. Uns ist dabei jedoch nicht klar, was das mit einer Farbe zu tun hat. Deshalb schlägt Bastian Till hell strahlend einen anderen Titel vor: „Ich weiß: ‚A Clockwork Orange‘, ich hab das nämlich verstanden mit den Farben!“ Derweil ermittelt Kristin bei IMDB.com, dass ihre Antwort sehr wohl stimmt. „Üni ist ja auch eine Farbe“, bemerkt Bastian Till. Die beiden bunten Tentakel auf einem der Bilder stammen aus dem alten Computerspiel „Day Of The Tentacle“, und Arni erinnert sich an den Titel des ersten Teils: „Maniac Mansion!“ Auch da ist nirgendwo eine Farbe drin, aber Harald erkennt das Konzept: „Es sind bunte Bilder.“ Gerrit erklärt uns später, dass der Stier tatsächlich „Roter Stier“ heißt und dass die Tentakel „Purpur“ und „Grün“ genannt werden.

Wie nun aber kommen Kristin und Harald überhaupt in diese Runde? Die beiden kennen sich aus der Schulzeit von vor rund 20 Jahren, da war er ihr Lehrer, „und Kristin erkannte mich nach 17, 18 Jahren wieder“, erzählt Harald. Und das war in einem Chorprojekt, an dem sie beide teilnahmen. Kristin nun sah jüngst bei Facebook, dass Bastian Till auf die Veranstaltung zum Quizabend mit „interessiert“ reagiert hatte: „Das fand ich interessant“, so kam diese Denksportgruppe also zustande.

Nun steigt die Spannung, denn Gerrit kehrt mit den Zetteln zurück und gibt zunächst die richtigen Antworten preis. Manfred heißt er, der „Baron von“! Der Gelbe Fleck befindet sich im Auge, genauer: auf der Netzhaut, und Harald bemerkt mit süffisantem Seitenblick: „Einige von uns haben’s gestrichen.“ Alles ist durchgesprochen, jede Gruppe macht sich im Geiste Striche an den ausgefüllten Antwortbögen, die Gerrit nun bis auf die der ersten drei Plätze an die entsprechenden Gruppen zurückgibt. Dazu ruft er deren Namen auf: „Wer waren ‚Die fünf Fragezeichen‘“, er wendet sich an den Tisch neben sich: „Hier?“ Bastian Till deutet irgendwohin: „Nee, die zwei da!“

Zu unserer Überraschung bekommen wir unser Blatt noch nicht ausgehändigt. Wir Chaoten unter den ersten drei Plätzen? Absurd! Für die drei Besten hat Gerrit „Süßigkeitenschmankerl“ dabei, passend zum Thema Farbe eine Tüte Gummibärchen für den dritten Platz. Das ist: „Auskatzeichnet“, also das Team des Illustratorenstammtischs. Huch, immer noch nicht wir! Der Tisch neben uns und wir bleiben jetzt noch übrig. Gerrit tritt in die Mitte dazwischen. „Die haben von uns abgehört“, sagt Kristin vorauseilend rechtfertigend, und Harald ergänzt: „Die haben sogar Sachen gehört, die wir gar nicht gesagt haben!“ Doch Irrtum, nicht wir sind der Zweitplatzierte, sondern das Team nebenan, „#släuftin2020“!

Nicht zu fassen. Ausgerechnet! Wir kennen uns teilweise untereinander noch gar nicht, sind einigermaßen angeheitert und albern herum, haben also den bestmöglichen Spaß, den wir uns bei einem superspannenden Quiz im Riptide vorstellen können. Und dann gewinnen wir auch noch. Die Krönung! Wir bekommen Ritter Sport Minis von Gerrit, die wir untereinander aufteilen, sowie den Hauptpreis vom Riptide, einen Gutschein. Über dessen Verwendung sind wir uns relativ einig, Bastian Till fasst es mit Blick auf folgende mögliche Quizteilnahmen zusammen: „Wir sammeln die und drohen, sobald wir mal nicht gewinnen, lösen wir die ein!“

Wir sind erschöpft und glücklich. Echt, besser kann so ein Abend nicht sein. Dennoch bleibt bei den meisten an unserem Tisch ein Restdurst. Bastian Till blickt sich nach Emil oder Imke um und grübelt: „Ob die noch – ausschenken?“ Kristin versteht das Gemurmel nicht: „Ob die – was?“ Na: Optimal! Arni nickt: „Optimal rumkommen?“ Gelächter. „Wieso habt ihr Spaß?“, fragt Harald. „Das war vorwurfsvoll gemeint.“

Eine Sonne, dieser Abend. Eine notwendige Sonne im Dunkeln, und dieses Dunkle liegt leider nicht allein am Januar. Noch während des Quizabends erhielt ich die Nachricht, dass es für das Riptide an der jetzigen Adresse kurz vor dem 13. Geburtstag nicht mehr weitergeht. Ich bin erschüttert, ich kann mir ein Braunschweig, ein Leben ohne das Riptide nicht vorstellen. Mir ist der Ort so vertraut, und alles ist für mich immer noch so neu, so frisch, so eben gerade, dass ich selbst die mehr als zwölf Jahre nicht begreife. Geschweige denn das Ende des Riptide, wie wir es kennen. Je nun, blicken wir optimistisch in die Zukunft, und nehmen uns vor, mit der „Denksportgruppe Nowak“ noch so oft wie möglich beim Riptide-Quiz anzutreten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecky eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecky vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecky fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecky kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecky: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#135 Reitende Geister

14. Dezember 2018


Donnerstag, 13. Dezember

Alles ist Veränderung, die einzige Konstante, und so weiter, und das Café Riptide erfuhr dies in diesem Jahr ganz besonders ausgeprägt. Bisweilen fühlt man sich hilflos und ausgeliefert, kann den Veränderungen, die von anderen ausgehen, vermeintlich nichts entgegensetzen, zweifelt an seinem eigenen Einfluss, wünscht sich Kräfte wie bei Marvel oder Harry Potter oder gleich noch ganz woanders angesiedelt, und übersieht dabei oft, wie viel man tatsächlich in der eigenen Hand hat, und sei es nur die Haltung zu den Dingen. Wie es schon Matt Johnson von The The sang: „If you can’t change the world, change yourself.“ Und da ja nun schon wieder Dezember ist und damit die Zeit der Rück- und Ausblicke, stelle ich heute wie immer allen Riptide-Gästen dieselbe Frage. Dieses Mal lautet sie, bewusst unkonkret: Was würdest du verändern?

Bevor ich diese Frage jedoch im Riptide äußern kann, klopfe ich auf dem Weg dorthin bei Serge an. Sein Laden ist erleuchtet, beinahe wie sein Besitzer, und bei Serge sitzt Ulrike und philosophiert mit ihm. Überall stapeln sich Kulturgüter, Bücher zuvorderst, und ich komme nicht umhin, die Atmosphäre als angemessen vorweihnachtlich zu empfinden. Passend organisiert Ulrike für Serge und sich von nebenan Kaffee und Tee. Also sind es diese beiden, die meine Frage als erste zu hören bekommen.

„Mich selbst kann ich nicht mehr verändern, dafür bin ich viel zu eingefahren“, behauptet Serge. Aber eine hypothetische Veränderung nähme er vor: Sich verjüngern. „Dann hätte ich mehr Kraft, mich ernsthaft politisch zu engagieren – ich bin zu müde, zu resigniert, zu zynisch, um das heute noch zu tun, und ich glaube nicht mehr daran, dass irgendetwas zu ändern ist.“ Serge zieht die Gelbwesten aus Frankreich als positives Beispiel heran, die als Protest nicht wie 1968 aus Intellektuellenkreisen hervorgehen: „Es ist das Volk im klassischen Sinne, Égalité, die alte französische Floskel, das fehlt bei uns, das finde ich tragisch, dass wir dem nichts Ernstzunehmendes entgegensetzen können.“ Man müsse ja nicht einmal eine neue Bewegung erfinden, man könne einfach die Gelbwesten übernehmen. Auch dem Protest von rechts müsse etwas entgegengesetzt werden – dieses nicht einmal nur rein deutsche Übel beklagen wir alle drei.

Nicht als Letzte heute stößt sich Ulrike am Konjunktiv meiner Frage. Sie empfindet ihn als Zeichen der Machtlosigkeit und sähe an dessen Stelle lieber ein „wirst“. Und verliert das „würde“ in ihrer Antwort trotzdem nicht: „Ich würde versuchen, die Lebenswelt …“ Sie überleg und stockt immer wiedert: „Lebenswerter – stimmt nicht: dem Menschen angemessener, ein gutes Leben, sozialer, mit der Umwelt in Verträglichkeit, schon auch radikal, Entscheidungen treffen, die der Autoindustrie Geld kosten, und dass man Konsequenzen spürt, keine Konsequenzen ist nicht glaubwürdig.“

Dabei fällt Serge die Aussage des Leiters der gegenwärtig tagenden Klimakonferenz ein, der eindringlich und ausdrücklich mahnte, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Erde noch zu retten. Wir wundern uns über das Fremdeln weiter Teile der Bevölkerung vor Alternativen, etwa in Sachen Ernährung, und schwenken hin zu Leuten, die den Veganismus wiederum auf die Spitze treiben, indem sie nur essen, was vom Baum fällt, einem Thema, das Henrik nach der jüngsten Indie-Ü30-Party im Nexus aufgriff und fragte, was diese Leute tun, sobald ein Wildschwein vom Baum fällt. Serge und Ulrike beginnen, im Geiste Plantagen in Baumhöhe anzupflanzen, und wir überlegen, wie gefährlich es wohl ist, in dieses Vorhaben Kürbisse aufzunehmen.

Da steckt Schepper seinen Kopf zur Tür herein. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Ollo ins Café MokkaBär zu fahren, und blieb doch im Handelsweg hängen. Ollo macht sein Café ja auch morgen noch auf. Schepper sitzt bei Roberta in der Einraum-Galerie und nimmt mich gleich mal mit. Roberta zeigt dort nämlich zurzeit ihre Kunst unter dem Titel „Alles und Nichts“, Schepper und sie trinken inmitten der Bilder auf der breiten schwarzen Lederbank Pfefferminztee, ein kleines Fußgebläse versorgt den Raum mit Temperatur. Die Arbeiten zeigen unter anderem stilisierte Akte, angsteinflößende Ikonen, gräfliche Hasen sowie Gespenster-Aliens, die Roberta in gefundene Landschaftsbilder hineinmalte. Eines dieser Wesen, beinahe leuchtend weiß, reitet auf einem Pferd, eng an das Tier angeschmiegt. „Du weißt ja gar nicht, ob der Künstler das auch gesehen hat, aber nicht reingemalt hat“, sagt Schepper. Der Gedanke gefällt Roberta, und sie mutmaßt, dass das mit der Zeit zu tun haben könnte, in der das Original entstand, und dass die Welt heute reifer dafür ist. „Das Bild ist ein Zeitverknüpfungsding“, findet Schepper. Es gehört zu den wenigen Exponaten in Raum, die Roberta übermalte. „Das wäre sonst wohl weggeworfen worden“, glaubt sie. Auch die Frau im Käfig ist eine Übermalung: „Sie hatte natürlich keinen Käfig über dem Kopf“, erklärt Roberta, „und eine andere Frisur.“ Wenn man nah an das Bild herangeht, erkennt man noch den alten Bienenkorb unter dem Hintergrund.

Auch Roberta missfällt der Konjunktiv meiner Frage, sie durchdenkt zudem die Möglichkeiten, die die Frage offen hält. „Ich bin nicht so rückwärtsgewandt, ich bin eher zukunftsorientiert“, setzt sie nachdenklich an. Schepper grinst, „aber ich bin im Rückwärtsgewand“, und deutet auf seine alte Schlaghose. Roberta fährt fort: „Ich möchte ganz viel verändern – und auch gar nichts, das passt zur Ausstellung, ‚Alles und Nichts‘.“ Sie blickt sich um.

„Ich ändere meinen Gesundheitszustand, auf jeden Fall“, lautet die Antwort von Schepper. „Das ist auch eine gute Antwort“, findet Roberta. „Das hat etwas mit Selbstheilungskräften zu tun – wenn du es selbst machst, wird dein Körper sich ändern.“ Schepper gibt einen kurzen Abriss der Umstände sowie der positiven Entwicklung und stellt mit kicherndem Verweis auf den Namen von Robertas Künstlergruppe fest: „Ich bin voller Tatendrang.“ Roberta quittiert das schelmisch mit „Ouh, ouh, ouh!“ Der Solo-Bassist fährt fort: „Ich hab Ideen, ganz viele Ideen, nächstes Jahr wird’s super.“ Er berichtet, dass er sich auch mit Serge darüber unterhielt und dass der sich von Scheppers Tatendrang anstecken ließ. „Schön, wenn ich motivieren kann“, freut sich Schepper.

Offenbar motivierte er auch Roberta dazu, sich weiter mit meiner Frage zu beschäftigen. „Ich würde noch genauer als 2018 2019 überlegen, was ich mache, und ich werde deshalb auch Sachen nicht machen – das überlegt man sich auch viel zu selten, gerade, wenn es so viele Möglichkeiten gibt.“ Sie bezeichnet sich selbst als glücklich und wundert sich, dass sie bei dieser Aussage bisweilen zu hören bekommt, wie selten das sei. „Ich kann machen, was ich mag, und sogar halbwegs davon leben“, begründet sie.

Nun fällt auch Schepper noch etwas ein: „Ich werde mich updaten, ich muss mal ein Bisschen was modernisieren.“ Roberta grinst: „Schepper 3.0!“ Er nickt: „Ich will mich vorbereiten aufs 22. Jahrhundert, die Technik updaten, da muss ich auch an mir arbeiten, da fehlt mir was.“ Roberta hakt nach: „Bass-Technik oder Equipment?“, doch Schepper bezieht sich nicht auf seine musikalischen Fähigkeiten oder seine instrumentale Ausstattung, sondern auf Kommunikationsmittel: „Neue Medien, ich hab immer noch kein Handy und will auch keins haben, aber ein Tablet klingt interessant – ich gehe mit dem alten iPod von meiner Schwester ins Internet und bin noch bei Myspace.“ Roberta ist überrascht: „Das gibt’s noch?“, sucht auf ihrem Smartphone nach der Myspace-Seite von Tatendrang-Design und wundert sich, wie gut die gepflegt ist. Zu Facebook will Schepper nicht wechseln: „Reverb Nation“ kommt ihm eher in den Sinn, empfohlen von Olaf, als wir beide kürzlich bei ihm waren und mit ihm an neuen Stücken von Blinky Blinky Computerband arbeiteten. „Oder Soundcloud“, ergänzt Roberta.

Da wir André schon durch die Scheibe zurückwinkten, steht nun die Fragerei im Riptide an. Schepper und ich verabschieden uns von Roberta und stellen uns an die Theke im Café gegenüber. Dort unterhalten sich Peter und Zabel mit André, sobald der zwischen Gästen und Küche für einen Moment am Computer verweilt. „Eigentlich würde ich mein Bier gegenüber trinken“, sagt Peter, denn er ist Teil des Einraum-Teams, momentan aber eben mit Zabel im Gespräch. Ihm behagt meine Frage nicht: „Ich würde die Frage verändern.“ Er sinniert abwehrend über die vielen Ebenen, auf denen eine Antwort möglich ist, persönlich, global, in der Zeit, und meint, sich zwischen einer persönlichen und einer allgemeingültigen Antwort entscheiden zu müssen. „Das Schöne ist, dass man Allmächtigkeit bekommt“, stellt er fest. „Es kann ja völlig fiktiv sein.“ Er greift nach seinem Bier. „Die Frage wird schöner, je länger man darüber nachdenkt“, stellt er fest. „Als Erstes – und das steckt drin in der Frage, man muss sich das Wichtigste und Aktuellste aussuchen und sich beschränken.“ Er grübelt während des Sprechens weiter und spricht beim Denken: „Ich möchte nicht offensichtlich humoristisch antworten, der Witz ist durch.“ Peter macht eine Pause und skandiert dann klar seine Antwort: „Gar nichts.“ Er nickt zufrieden. „Nach langem Überlegen.“ Zabel mutmaßt, dass Peter dann ja ein zufriedener Mensch sein müsse, doch so meint der das nicht: „Weil ich mich nicht auf eins einigen kann mit mir selbst, würde ich nichts ändern.“ Zabel versteht. „Ich weiß nicht, was gerade am wichtigsten wäre“, fährt Peter fort und grinst: „Sonst würde ja auch niemand mehr reinkommen und mir so eine Frage stellen.“ Er nickt wieder: „Ich bin mir jetzt ganz sicher.“

Zabel bleibt bei seiner abwehrenden Haltung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mit Fremden nicht sprechen.“ Peter versucht, ihn doch noch zu einer Antwort zu überreden, und Zabel sagt: „Rauchen.“ Peter und ich stutzen. Will er das Rauchen aufgeben? „Du hast die Allmacht gerade“, setzt Peter an. Zabel winkt ab: „Ich hab gesagt, ich möchte gerne eine rauchen.“ Ach so. Also greifen sie sich ihre Biere von der Theke und verschwinden ins Achteck.

Also ist André jetzt frei, mir beim Kaffeezubereiten eine Antwort zu geben. Ohne es zu wissen, bestätigt er Peter: „Gar nichts, sonst wäre es ja nicht so, wie es ist“, sagt er. „Jammern kann ja jeder, ich bin eigentlich schon zufrieden.“ Ich begleite ihn in die Küche, wo er fortfährt: „Mehr bürgerliches Engagement auf den Straßen, Gelbwesten in Deutschland!“ André hat viel zu tun, die Gäste bestellen mannigfach, und der nächste Milchkaffee aus seiner Hand ist sogar für mich.

Da kommen Arni und Christian ins Café, beide mit beschlagenen Brillen, aber sie erkennen Schepper und mich trotzdem sofort. Wir setzen uns nun in eine Ecke und ich äußere einmal mehr meine Frage. „Nix, ist doch alles super“, antwortet Arni. Schepper grinst: „Zum Glück hab ich schon geantwortet.“ Arni hakt nach: „Und was würdest du ändern? Die Preise!“ Schepper lacht. Arni wird ernst: „Ansonsten bin ich gerade dabei, ganz viel zu ändern. Fast alles.“ Schepper fragt, ob es dann nicht besser wäre, aufzuzählen, was Arni nicht ändern würde. „Das ist einfacher“, bestätigt der: „Meine Beziehung werde ich nicht ändern.“ Schepper hakt nach: „Zu dir selbst?“ Aber Arni meint die zu seiner Freundin, pflichtet Schepper indes bei, dass dessen Aspekt auch wichtig sei.

„Ganz klein und persönlich“ falle die Antwort von Christian aus, sagt der: „Meine pessimistische Einstellung werde ich ändern.“ Diese Notwendigkeit unterstreicht Arni, und Schepper wendet ein: „Aber deinen Sarkasmus behalte ruhig.“ Auch da stimmt Arni zu. Christian ergänzt: „Ich hab überlegt, was würde ich bei anderen ändern, aber ich bleibe bei mir.“

Nun nimmt der Abend seinen Lauf. André reicht eine neue Runde Getränke und die Gespräche schweifen in alle Richtungen ab. Als Christian seine „Teuerste“ erwähnt, errötet Schepper ob seiner despektierlichen Gegenfrage, die er dann doch stellt: „Hast du auch eine Billigste?“ Christian wird kleinlaut: „Lustigerweise sprach ich von meiner Gitarre.“

Und doch verändern wir heute die Welt ein bisschen. Wir stecken uns mit Überlegungen und Analysen an und haben mindestens Einfluss auf den Füllstand unserer Flaschen und Tassen. Und auf die Zeit: Sie schreitet schneller voran, als uns lieb ist. Wie gut, dass wir genau das nicht verändern können.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#128 Kim-Jong-un-fass-bar: Südkorea ist Weltmeister!

27. Juni 2018


Mittwoch, 27. Juni 2018

Vorsichtshalber sei hier eine Spoilerwarnung gesetzt: Am Ende dieses Textes ist Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren ausgeschieden, die zurzeit in Russland ausgetragen wird. Nur für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. Heute steht das dritte von drei Gruppenspielen an, das entscheidet, ob es die Deutsche Mannschaft man schafft, das Achtelfinale zu erreichen. Als amtierender Weltmeister geht das Team mit breiten Schultern ins Turnier und muss doch in den ersten beiden Spielen feststellen, dass es nicht unsterblich ist: Mexiko schlägt Deutschland zum Auftakt mit 1:0, Schweden ist nur eher zufällig mit 2:1 bezwingbar. Um weiterzukommen, reicht eine Handvoll Konstellationen, die auf Unentschieden fußen, Sicherheit gibt indes nur ein Sieg über Südkorea. Doch die Südkoreaner wollen sich noch nicht ausgeschieden geben.

Es ist die dritte Herren-Fußball-WM, die das Riptide in seinem Achteck auszugsweise zeigt: Die Spiele mit deutscher Beteiligung überträgt ein Beamer aus einer abenteuerlichen schwarz gestrichenen und wild verkabelten Holzkonstruktion heraus auf die Leinwand, die am großen Fenster der Rip-Lounge aufgespannt ist, wie immer, auch bei den Europameisterschaften. Allerlei Mobiliar ist aufgereiht, Bierbänke und -tische, Caféstühle, auch die Fritz-Bänke an den Fenstern sind mit Polstern versehen. Zu sehen ist vom Fernsehbild nur bedingt etwas: Die Sonne strahlt direkt auf das helle Segeltuch im Achteck. „Wir haben extra morgens eine Plane angebracht“, deutet Chris auf die schwarze Folie, die in den Handelsweg in Richtung Martino-Katharineum vom Segeltuch herunterlappt. „Wer setzt das Spiel um 16 Uhr an, mitten im Hochsommer?“, echauffiert er sich. „Wir haben schon einen Tageslichtbeamer, aber bei direkter Sonne kapituliert der.“

Noch sind nur wenige Plätze belegt, also folge ich Chris ins Café und werfe einmal mehr einen Blick auf die Kopien der LP-Cover aus der Krautrock-Sammlung, die Riptide-Gast Udo Meyer seinerzeit für die Sound-On-Screen-Präsentation des Films „Revolution Of Sound“ über die Band Tangerine Dream dem Café zur Verfügung stellte. Das war bereits am 7. September vergangenen Jahres, also knapp zum Zehnjährigen des Riptide, aber die wundervollen Cover schmücken den Plattenladen einfach gut. Einiges davon, viel zu wenig leider, habe ich auch, Kraftwerk, Kiev Stingl, vieles fehlt mir noch, Neu!, ganz oben auf der Liste. Auf der Theke fällt mir ein Schild ins Auge, auf dem das Riptide-Team im Zuge der neuen europäischen Datenschutzverordnung darauf hinweist, dass es sich gelegentlich Namen und Musikvorlieben von Kunden merkt, und jedem, dem das nicht behagt, abverlangt, beim Betreten laut zu rufen: „Ich bin nicht einverstanden!“

Mit einer Fritz-Kola und der allerletzten Printausgabe des Intro in der Hand wähle ich meinen Sitzplatz für diese Partie außen am Fenster vor den Plattenspielern, auf einem bequemen Kissen und mit der Möglichkeit, mich an die Scheibe zu lehnen. Der Blick auf die Leinwand ist garantiert frei: Am Boden markiert ein schwarzgelbes Klebeband die Laufwege für die Thekenkräfte. Chris hat zunächst Unterstützung von Stecky und Max. Der erfüllt die Speisewünsche, die allerdings zu Zeiten von Fußballübertragungen in der Auswahl reduziert sind; auf der mit „Snäx“ betitelten Karte dazu finden sich neben Nachos auch Vollkornbrote mit selbstgemachten Pasten aus Hummus oder Roter Bete, nicht eben typisches Fußballfutter.

So untypisch ist auch das Publikum bei Fußballübertragungen im Riptide. Nur zwei Trikots sind zu sehen: eines mit der Aufschrift „Hummels“ und eines mit dem Schriftzug „Klinsmann“. Schwarz-Rot-Gold als Körper- oder sonstiger Schmuck bleibt unausgepackt. Was für ein Unterschied zum öffentlichen Aufbahren auf dem Eiermarkt, an dem ich auf dem Weg in den Handelsweg vorbeikam. Im Handelsweg wiederum ist das Riptide als Fußballzeiger nicht allein, auch vor dem Tante Puttchen bei Achim und dem Café Drei bei Jessy sitzen Guckende, auf der anderen Seite empfängt auch Helmut in seiner Strohpinte Gäste. Zusehends füllt sich das Achteck des Café Riptide, aber übervoll wird es nicht mehr. Das Publikum ist weitgehend jung, also jünger als ich, und taucht in Gruppen auf, in Zweierkonstellationen oder auch allein. Die Leute rauchen, lachen, reden, sitzen konzentriert, sind frei, ungezwungen, fröhlich, freundlich, erwartungsvoll und doch entspannt. Stecky reicht ihnen die Getränke, schon um kurz vor vier sind einige Biere darunter. Max bringt den Gästen die Snäx an die Tische.

Béla Réthy moderiert die Übertragung. Na, prost Mahlzeit, aber vielleicht sagt er ja wieder etwas ungewollt Lustiges. Chris setzt sich neben den Übertragungsapparat an einen Biertisch und reguliert die Lautstärke. Die Empfangsstörungen vergangener Meisterschaften sind passé, sehr zur Freude aller Beteiligten. Noch nach dem Anpfiff erfährt das Riptide einen Zulauf an Zuschauern, für die Stecky Sitzgelegenheiten und Getränke organisiert. Für Radfahrer wird es viel zu eng, einer hebt sein Gefährt einfach über seinen Kopf und balanciert es durch die Reihen der Sitzenden.

So recht Spannung aufkommen mag bei dem Spiel nicht. Die Leute unterhalten sich munter, zeigen sich Fotos auf ihren Smartphones oder chatten gleich selbst damit. Man bekommt den Eindruck, das Deutsche Team habe nicht erfasst, worum es bei der Partie geht. Das Publikum passt sich dem an, ganz abgewandt. Lediglich wenn Béla Réthy seine Stimme etwas erhebt, reißt es die Gäste aus ihrer Quassellethargie. Vereinzelt sind die üblichen Fußballmassenguckgeräusche zu vernehmen, mal ein „Oh!“, dann ein „Nein!“, bald ein „Au!“, aber alles eher einstudiert als leidenschaftlich.

Nach 17 Minuten steht es immer noch 0:0, ebenso im parallel verlaufenden Gruppenspiel zwischen Mexiko und Schweden. Ein frischer Wind weht durch den Handelsweg, das einzig Frische dieses Spiels. Torwart Neuer lässt den Ball fallen, es ertönt etwas Geschrei im Achteck. Südkorea versucht einen Konter, man hört das Publikum leise quieken. Im Vorbeigehen greift Stecky nach leeren Flaschen, die ihm von der Sitzbank neben mir gereicht werden, quittiert nickend den Zuruf „Kriegen wir nochmal zwei?“ und bringt in Windeseile ebenjene zwei Astra vorbei.

„Whoawhoawhaaa, kanndochnichsein!“, Rufe dieser Art werden gelegentlich lauter. Wenn Béla Réthy den Spieler mit dem Nachnamen Werner aufzählt, spricht er ihn aus wie Brösels „Wänä“. „Ouuuuuuuuuuh!“, sagt jemand. Stecky trägt eine Wolters-Flasche wie ein Sommelier in der nach unten gestreckten Hand an den Arm geschmiegt. Sobald die Spielaction nachlässt, was recht schnell geschieht, fallen die Gäste zurück in ihre Gespräche, nur um sich von der nächsten Aktion zu vereinzelten „Jetzt!“- und „Ohhhh!“-Rufen hinreißen zu lassen.

In Nahaufnahme sind immer wieder die seltsamen Schrifttypen auf den WM-Trikots zu sehen. Der Name Özil sieht aus wie Ö21L, also mehr wie Leet als wie Kyrillisch, was in Russland eher zu erwarten gewesen wäre. Als Kroos gegen Schweden den magischen Siegtreffer erzielte, fragte Andrea beim Blick auf dessen Rückenschriftzug erfreut: „Was steht da, Kaoos?“

Es läuft die 39. Minute, auf beiden Sportplätzen steht es immer noch 0:0. Ein Glas klirrt lautvernehmlich auf den Boden, irgendwo auf Höhe von Serges Laden. Ein Moment der Stille setzt ein. Ein Gast klatscht darob einmal verhalten und blickt sich scheu um, da fallen andere Gäste in den zaghaften Applaus ein. An seinem Tisch versorgt Chris die Umsitzenden mit Fußballfachwissen, ganz genau so, wie er es als Schallplattenhändler mit Musikfachwissen praktiziert. Ein spät eintreffendes Paar findet einen Platz im Inneren des Cafés, am großen Fenster, von dem aus ich auch schon einmal eine Fußballübertragung verfolgte. Geht.

Ein Pfostenschuss! Großes Geschrei im Handelsweg. Doch ohnehin umsonst, der Angriff war längst abgepfiffen. Was für eine Abwechslung in dem müden Spiel. Oder, wie es Béla Réthy ausdrückt: „Das ist hier keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“

Dann erlöst uns der Halbzeitpfiff. Stühle rücken, die Gespräche werden noch lauter, Max bringt bestellte Nachos heraus. Es steht immer noch überall in ganz Russland 0:0. Ein Spielstand, bei dem Deutschland als Gruppenzweiter gesichert im Achtelfinale wäre. Das wäre dann aber beinahe ähnlich langweilig erreicht wie von Frankreich und Dänemark gestern, die ihr beiderseits bereits gesichertes Weiterkommen mit Arbeitsverweigerung bestätigten. „Bei dem Spiel kann man getrost nebenbei Wäsche zusammenlegen“, whatsappt Andrea mir. Einig, bei dem Spiel kann man getrost nebenbei alles Mögliche machen.

Weiter geht‘s, die zweite Halbzeit ist angepfiffen, Stecky bringt die dritte Runde Astra an die Bank neben mir, Rosalie verstärkt das Thekenteam. Einige Gäste sind gegangen, andere neu dazugekommen. Darunter Konstantin, der sich neben Chris setzt. Ein kurzer Schrei ertönt, als ein deutscher Spieler in der 47. Minute eine Chance vergibt, gefolgt vom klassischen „Ouh!“ Der eigentlich erfreulich blaue Himmel bezieht sich leicht, was ausnahmsweise einmal gut ist, weil dann die Projektion auf der Leinwand besser zu erkennen ist. Das Spiel wird davon indes nicht besser. Anders als die Spieler auf dem Platz erfahren die Fernsehzuschauer, dass Schweden inzwischen 1:0 über Mexiko führt – damit wäre Deutschland ausgeschieden. Sofort, wie als Antwort darauf, erspielt sich das Team eine Chance und vergibt sie sogleich, einmal mehr mit „Ouh!“ quittiert. Südkorea kontert, Konstantin reißt es von der Bierbank, er brüllt „Ja!“, und als die Aktion im Sande verrinnt, lachen die anderen Gäste.

Der 0:0-Rückstand weckt das Publikum auf. Einer der Vornsitzenden wirft die Arme in die Luft, ein Sitznachbar quetscht ein „Ja!“ hervor, ein Fehlpass von Özil entlockt der Menge ein erbostes „Ohhhhhh!“ Als ein Gast einem Wechsel mit „Ja, Gomez!“ zustimmt, gibt es hinter ihm belachte Widerworte. Doch als effektiv erweist sich der Joker nicht, Kommentare wie „Oh nee, ey!“ und „Kommkommkommkomkomm!“ lassen höhere Erwartungen bei den Zuschauern erahnen.

61. Minute, Schweden führt 2:0. Ein Südkoreaner lässt sich im deutschen Strafraum theatralisch fallen und will für die Schwalbe einen Elfmeter ermogeln. Durchschaubar für den Schiedsrichter, der dem auf dem Hosenboden Sitzenden dafür die Gelbe Karte vor die Nase hält. „Steh auf, Mann, wo ist dein Problem?“, ruft jemand aus der ersten Reihe. Seine nächste Chance erarbeitet sich Südkorea ehrlich, ein Stürmer stürmt auf das ungeschützte deutsche Tor zu. Konstantin brüllt: „Mach es doch, Mann!“

Macht der Mann aber nicht. Deutschland ist wieder am Drücker, verliert den Ball: „Oh, nee!“, stöhnt es aus den Sitzreihen. Den nächsten Versuch hält der Südkoreanische Torwart: „Oioioioioi!“ Schweden erhöht den Druck auf 3:0. 73. Minute, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gomez tändelt herum, jemand fernmaßregelt Trainer Jogi Löw: „Und dafür wechselst du den ein?“ Mühsam erarbeitet sich die deutsche Mannschaft manche müde Chance, lediglich untermalt von einem Quieken aus dem Publikum. Laut wird es erst wieder beim nächsten Angriff der Südkoreaner, zumindest Konstantin klatscht und jubelt. Wieder ein Quieken für Deutschland, wieder zwei Astra für die beiden neben mir. Keine zehn Minuten mehr zu spielen.

Stecky setzt sich kurz neben mich. Er hofft auf ein Siegtor des deutschen Spielers mit der Nummer 13, also von Thomas Müller, weil er dann bei seinem Händler den Preis für sein neu erworbenes Smartphone erstattet bekommt. „Dann kann ich mir die neue Playstation kaufen“, sagt er. „Pro.“

In der 86. Minute zieht Özil knapp neben das Tor. Großes Geschrei brandet auf. Béla Réthy findet: „Der Wille ist da, aber nicht die Qualität.“ Südkorea bekommt einen Eckstoß, Konstantin applaudiert. Die Zeitlupe zeigt, wie Kroos einem Südkoreaner den Ball in den Schritt pfeffert; aus den männlichen Mündern im Publikum ertönt ein gequälter Schmerzensschrei. Stecky ist pragmatisch: „Jetzt brauchen wir nur noch eine Rote Karte, zehn Mann, und dann wird das was.“ So war es zumindest im Spiel gegen Schweden.

Das Hublot-Schild am Spielfeldrand kündigt sechs Minuten Nachspielzeit an, unerhört viel. „Scheiß Bayern-Bonus“, ruft jemand an Chris‘ Tisch. Plötzlich fällt ein Tor für Südkorea. Riesenjubel an genau dem Tisch, ausgehend natürlich von Konstantin. Aus der ersten Reihe treffen ihn böse Blicke. Doch es ist Abseits, befindet einer der Linienrichter. Konstantin und sein Gegenüber imitieren die offizielle Videoassistentenpose, zeichnen also mit den Armen Fernsehgerätkonturen in die Luft, und tatsächlich, der Schiedsrichter will‘s wissen. Das Aufatmen über das Abseits erhält einen herben Dämpfer, als der Videobeweis das Tor für gültig befindet. Die Zeitlupe offenbart zudem, dass der Ball zwischen Gomez‘ Beinen hindurcheiert: „Schön getunnelt“, findet jemand und erntet Grinsen.

Bis auf in der ersten Reihe ist trotz des Rückstands und der Aussichtslosigkeit auf einen Sieg von vielen Seiten ein entspanntes Grinsen zu sehen. Fußballgucken macht zwar Laune, aber das Leben hängt von keinem Sieg ab, strahlen die Gesichter aus. Dann stürmt Neuer aus seinem Tor heraus und unterstützt einen Angriff der Deutschen, den ein Südkoreaner unbehelligt und mutterseelenallein kontert. Der Ball kullert beinahe ins deutsche Tor, zum 2:0. „Ist noch alles drin!“, ruft Stecky. Das erleben die Gäste aus er ersten Reihe schon nicht mehr mit, sie zahlen entnervt ihre Zeche. Andrea whatsappt: „Der Meinung war Neuer wohl auch – getrost alles Mögliche nebenbei zu machen.“ In der Tat, und dieses Mal ging seine Rolle als Libero nicht auf.

„Ach, wie schön ist es, wenn man kein Fußballfan ist“, ruft Hans-Christian und setzt sich zu mir. Verlieren sei verdient, sagt er, „wenn man schlecht spielt“, und damit kenne er sich aus: „Ich bin Musiker.“ Die Artistik müsse man schon beherrschen, andernfalls erhalte man die Quittung dafür: „Richtig so, peinlich!“ Hans-Christian ist Jazzpianist in verschiedenen Bands und eigentlich im Riptide verabredet, aber seine Verabredung verspätet sich, deshalb ist er allein da und zum Fußballgucken quasi gezwungen. „Die Spieler sind gut bezahlt und spielen schwach – ob das mit den Trainern zu tun hat?“, fragt er sich eher selbst und konstatiert: „Ich würde sagen, ja, ich bin selber Trainer, von einer Musikband.“ Es gehe in beiden Fällen darum, Schwächen auszugleichen, das Publikum zu überzeugen, „sich selbst zu verwirklichen, ist nur ein Teil der Sache“. Man müsse „bis zum letzten Moment spüren, was ist das Richtige, wann kommt das Schlagzeugsolo“. Kurz wirft er ein, dass seine Hochschulband Blue Line am 3. Juli beim Campusfest spielt, und kehrt zurück zum Vergleich zwischen Fußball und Musik: „Das Teamwork ist ähnlich“, sagt er. „Was über uns steht, was viel wichtiger ist, ist die Musik.“ Wie beim Fußball müsse jeder für sich selbst üben und gleichzeitig Teamwork leisten: „Man muss einen Riesenüberblick haben.“ Seinen Schülern sage er etwa, dass der Klavierspieler so souverän sein müsse, dass er nicht seine Partitur, sondern den Schlagzeuger und den Bassisten im Blick hat.

Eine schöne Analogie, besonders in einem Schallplattenladencafé. Das Riptide hatte eigentlich vor, sämtliche Finalspiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen. Doch: „Wir zeigen noch das Halbfinale und das Finale“, wiegelt Chris ab. „Wir werden wieder umbauen, die normalen Möbel hinstellen.“ Man merkt ihm an, dass er mit dem Spielergebnis nicht zufrieden ist: „Wir sind Fußballfans“, betont er. „Das war katastrophal schwach.“ Er schüttelt den Kopf: „Wie man so verlieren kann, das hat mich sehr – auf einem anderen Level – an die Eintracht Braunschweig erinnert: Wir steigen auf, wir sind Weltmeister.“ Er verstehe den Druck, unter dem amtierende Weltmeister stehen; von den vergangene fünfen seien vier in der Vorrunde ausgeschieden. Bald verwendet Chris die Vokabel, die auch mir im Kopf herumschwirrt: Arroganz. Wie nach dem Titelgewinn 1990, als die deutsche Mannschaft großmäulig das EM-Endspiel gegen Dänemark verlor und danach turnierweise vor lauter Hochmut seine Sympathien verspielte. Erst 2006 trat die Mannschaft wieder mit Demut zum Wettbewerb im eigenen Land an. In der Folge begleitete Demut die Spielweise des Teams durch die Turniere, bis es 2014 erneut den Weltmeistertitel errang und im vergangenen Jahr den Confed-Cup. Seitdem platzt die Mannschaft vor Überheblichkeit – und tritt nun den Heimweg an. Der Fall auf den Boden ermöglicht ein neuerliches Aufrichten, in Demut, so steht es zu hoffen. Den Spielen der Deutschen habe ich zumindest seit 2006 wieder gern zugesehen, 2018 waren sie nicht mehr schön.

In Braunschweig muss es viele Fans geben, die das ähnlich sehen. Kein Frust, keine Randale. Gottlob. Ein junger Araber begegnet mir auf dem Heimweg, grinsend sein Schlüsselbund mit der Hand rotierend und schräg „Schland“ krähend. So geht das.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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