Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#137 Berge auf dem Mond

27. Februar 2019


Dienstag, 26. Februar 2019

An einem solchen sonnigen Februartag fällt einem die Todesanzeige auf der Riptide-Theke noch unangenehmer ins Auge, als es ihre grundsätzliche Botschaft schon ist. Traurig genug, dass der für die Abgänge von Persönlichkeiten, denen Chris und André wohlgesonnen sind, vorgesehene Rahmen eine solch hohe Frequentierung überhaupt nötig hat. Jetzt steht dort der Name eines Lokalhelden, im doppelten Sinne: Norbert „Bolle“ Bolz war der Inhaber der Bassgeige einige Meter weiter, am Eulenspiegelbrunnen, der Jazzkneipe in Braunschweig, Muckertreffpunkt seit Jahrzehnten, der von seiner Krankheit wusste und ihr mit festem Blick begegnete. Unbeirrt zog er den Zapfhahn dem Krankenbett vor, oder gar einem womöglich lebenslang unterdrückten Selbstverwirklichungsdrang, kurz vor Schluss noch etwas Besonderes erleben zu müssen, was den Gedanken nahelegt, dass Bolles Leben für ihn selbst bis zum Schluss bereits etwas Besonderes war. Da kann man nur anerkennend bis neidvoll nicken und davon ausgehen: Alles richtig gemacht, Bolle!

„Ich hab schon überlegt, es auszutauschen“, sagt Chris aber nun und nickt gen Bolle. Ich weiß, was er meint: In der Flipboard-App hab ich heute Morgen gelesen, dass Mark Hollis starb, mit nur 64 Jahren. „Eine Legende“, sagt Chris, und so zurückgezogen, wie Hollis seine vergangenen 21 Jahre lebte, trifft es das Wort sehr gut. Nach dem Aus von Talk Talk 1991 veröffentlichte er 1998 eine Soloplatte, auf der man das Zurückgezogene der Person schon heraushört. Wie eine akustische Umsetzung des Verschwindens, der Verlorengehens, des Loslösens. „Mountains On The Moon“ hätte es heißen sollen, trug dann aber lediglich den Namen des Sängers als Titel. Im selben Jahr spielte er auf dem obskuren Album „A V 1“ des Duos Allinson/Brown unter dem Alias John Cope das Piano. Und das war’s. In sehr seltenen Interviews ließ er verlauten, dass er Familienleben und Musikerkarriere nicht vereinbaren könne. In ebenso seltenen Berichten über Talk Talk stand zu erfahren, dass sich die Band während der aufreibenden Aufnahmen zu ihrem letzten Studioalbum „Laughing Stock“, einem der besten Alben der Erde mithin, zerrüttet habe. Trotzdem hatte man immer den latenten Hoffnungskrümel, dass sich die Jungs nochmal irgendwann zusammenfänden, um erwachsen und entspannt noch einmal die Popmusik auf den Kopf zu stellen. Aber wozu, haben sie ja schon; so, wie sie vom Chartserfolg zum Avantgardeexperiment wechselten, vollführten das außer ihnen höchstens noch Radiohead. Umgekehrt ist es häufiger der Fall.

Dabei veröffentlichte Paul Webb alias Rustin Man gerade erst sein erstes Soloalbum mit eigenem Gesang, nach dem fantastischen „Out Of Season“ mit Beth Gibbons von Portishead, das er 2002 aufnahm. Wenn schon einer wieder aktiv ist, dachte ich, vielleicht stachelt er den Rest auch nochmal an. Wie seinerzeit seinen Bandkollegen Lee Harris zum Projekt .O.Rang. Doch sowohl der als auch Simon Brenner verschwanden weitgehend; letzterer reüssierte vor zwei Jahren lediglich unbemerkt als Angel River. Und nun verschwindet Mark Hollis ganz. „Viele Leute dachten, dass noch etwas passiert“, sagt Chris. Eben, es gab genügen Beispiele für unüberbrückbare Differenzen zwischen Musikern, die sich dann doch noch mal zusammenrauften. Das geht jetzt nur noch ohne Hollis. Dann erinnern wir uns eben an die Sequenz in dem Film „Ein Freund von mir“, als Jürgen Vogel und Daniel Brühl nachts in Porsches über die Autobahnen cruisen und zu den irrsten Kamerafahrten das sowieso schon grandiose „After The Flood“ von Talk Talk läuft. Gänsehaut.

Während Chris Heißgetränke in Tassen fließen lässt, ramentern André und Marco in der Küche herum. „Donnerstag haben wir ein tolles Konzert“, lässt mich Chris über seine Schulter hinweg gegen das Kaffeeautomatenzischen an wissen. Bassm spielen, was sich zunächst als ein merkwürdiger Bandname ausnimmt, aber in ausgeschrieben „Blues And Sweet Soul Music“ bedeutet und damit den Stil recht umfassend umreißt. „Sie covern Klassiker, Otis Redding“, beginnt Chris eine Aufzählung, die er mit der Information unterbricht, dass sie mit einem Blasinstrument, einem Klavier und einer Gitarre aufschlagen und dass die Sängerin eine schöne Stimme hat. „Der Eintritt ist natürlich frei“, sagt Chris noch und bringt dann die Kaffees an den entsprechenden Tisch.

Das Riptide bringt sich in die Plastikmülldisskussion ein und verkündet, keine Kunststoffstrohhalme mehr auszugeben. Zumindest ist dies an einem Pappbecher zu lesen, der auf der Theke neben der Vitrine mit den Muffins aufgestellt ist. In diesem Becher bietet das Riptide eine Alternative an: Die Strohhalme sehen zumindest so aus, als wären sie ebenfalls aus Pappe. Strohhalme brauche ich nicht, auch nicht für meine Fritz-Kola, die ich bei Chris bestelle. „Auf die Faust?“, fragt er, als er den Kronkorken entfernt. Ohne Glas, denke ich, und bestätige. „Dann mach mal ‘ne Faust“, sagt Chris, und als ich ihm dann meine Ghettofaust als angenommene Flaschenablage über die Theke reiche, deutet er stattdessen grinsend an, die Flüssigkeit darüber auszugießen. „Das wollte ich schon immer mal machen“, lacht er und drückt mir die Flasche unverschütteten Inhalts in die Hand. „Vielleicht an meinem letzten Tag.“ Von dem soll ja noch lang keine Rede sein! Mich erinnert das an den Auftritt von R.I.P.Uli bei Viva, als einer der vermeintlich finnischen Rapper einem Studiogast vor den Augen des verschreckten TV-Teams eine Dose Bier über dem Kopf ausgoss. In seiner eigenen Sendung verriet Initiator Hape Kerkeling später, dass dieser Zuschauer eingeweiht war. Zum Thema Bierdose auf Kopf fällt Chris einer seiner ersten Konzertgänge ein. Mit rund 14 Jahren sah er die Dimple Minds, die von der Bühne aus Bierdosen ins Publikum warfen und von denen Chris eine an den Kopf bekam: „Geil!“ So geht Punkrock. Das war zum Debütalbum der Dimple Minds, „Blau auf‘m Bau“.

Und noch eine veranstalterische Spezialität verrät Chris: Den Flohmarkt am 7. April, an dem sich der gesamte Handelsweg beteiligt, als Auftakt zum nahenden Sommer. „Wir hatten letztes Mal einen Flohmarkt drinnen“, erzählt Chris, „das war total cool, und das wollen wir dieses Mal mit den Nachbarn zusammen probieren.“ Später, auf dem Weg ins Herman’s, radelt mir Aline über den Weg, die da als Organisatorin die Fäden in der Hand hat und mir gleich mal den Flyer dazu per Whatsapp schickt. Da steht noch eine der Bands drauf, die zusammen den ganzen Tag in der Passage jammen, nämlich You Silence I Bird. „Frühlingsgestöber“ heißt die Aktion, die von 13 bis 18 Uhr parallel als Alternative zum verkaufsoffenen Sonntag läuft. Und à propos Nachbarn: Was aus dem Café Drei wird, ist zwar noch nicht raus, aber vergeben ist es offenbar bereits.

„Was bedeutet der Punkt hier auf der Platte?“, fragt Siggi, als er seine Auswahl vor Chris auf den Tresen legt. „Dass du die nicht mit der Karte bezahlen kannst“, antwortet der, denn es handelt sich um Gebrauchte aus anderer Hand. Kein Problem für Siggi. Oben drauf liegt eine Maxi-Single von den Gibson Brothers, „die haben ein, zwei gute Hits gelandet, aber den hier kannte ich nicht“, sagt Siggi. „Mariana“ heißt das Discostück und ich kenne nicht mal die Gibson Brothers, fürchte ich. Die nächste Auswahl kommentiert Siggi mit „Sex sells“: „Erotica“, klingt schwül, ist aber von Beethoven, dirigiert von Herbert von Karajan. Sheila E und Randy Crawford immerhin, seine letzten Objekte, kenne ich – namentlich. Siggi packt seine Errungenschaften zusammen und geht, Chris hat nun eine Besprechung und räumt den Platz an der Theke.

Den nimmt André ein, ich frage ihn nach der „Hear ‘em All“-Show am Freitag, die im Namen von Sound On Screen im Universum-Kino stattfindet. „Wir präsentieren das“, sagt André. „Es war sogar angedacht, das hier zu machen, aber so ist es sinniger.“ Bei „das“ handelt es sich um eine Lesung aus dem titelgebenden Buch, das Frank Schäfer kuratierte und das Texte aus unterchiedlichster Feder zu Heavy-Metal-Platten bündelt. Einige der Autoren sind zur Lesung auch zugegen, darunter Franks „Read ‘em All“-Kollegen Axel Klingenberg und Till Burgwächter sowie Toddn und „Lemmy und die Schmöker“-Gefährte Gerald Fricke. Und Schepper, der an dem Abend den Bass spielt, bevor der Film „Heavy Trip“ die Lesung beendet. „Wir mögen und lieben alle Autoren“, betont André.

Mit Schepper hatte ich am Samstag erst eine kleine Veranstaltung gegenüber, im Einraum, auf dessen Einladung hin, den leeren Raum zwischen zwei Ausstellungen zu bespielen. Ich und Bühne! Aber mit Schepper an der Seite tat es nicht so sehr weh. Er spielte Hits und Neues aus seinem elektrifizierten psychedelischen Bassrepertoire und ich bediente mich aus meinem bei Toddns Buchbauer-Verlag erschienenen Riptide-Buch „Die Stadt ist eine Erbse“ bei ausgewählten Geschichten rund um die Galerie. Schepper und das sympathische Publikum sowie Andreas virtuell gehaltene Hand nahmen mir die Angst und im wechselseitigen Einsatzpingpong verbrachten wir fast zwei Stunden zusammen auf der kleinen Bühne. Zum Schluss las ich noch etwas Prosaisches, nämlich erstmals öffentlich den Text „Verschwinden“, den ich vor einiger Zeit für das gemeinsame Stück mit Olafs Blinky Blinky Computerband schrieb. Auf dessen Bandcampseite kann man sich das übrigens anhören, er legte Atmosphären und Sounds unter die Geschichte. So kann ich nach Abflauen des Lampenfiebers doch feststellen: Es war schön!

Und lustig, was alles drumherum so passierte. Ein Fundus der Geschichten. Mit dem Schlüssel für den Raum, der zwar vorlag, aber weggeschlossen war, und jener Schlüssel fehlte. Mit den kunstlosen weißen Wänden, die Jörg daran erinnerten, dass er als Kind immer dachte, das von den Beatles sei das „Nikotingelbe Album“, weil seine Eltern so starke Raucher waren. Mit der Geschichte davon, woher Frust seinen Namen hat: Zwei Mitschüler deuteten einmal von der hintersten Reihe aus auf ihn und riefen „Frust! Frust!“, so war das fortan festgelegt. Als Frust später mal einen der beiden wiedertraf und ihn fragte, warum er ihn damals so genannt hatte, war dessen Antwort: „ …. Ich?!“

Während er seinen fälligen Aktivitäten nachgeht, kommt André kaum mit seinen Ankündigungen nach. Die Band Boxing Fox erwähnt er, die am 5. April ins Riptide kommt, und die europaweite „Songs & Whispers“-Reihe mit Akustikkonzerten, die am 15. März T.S. Steel ins Riptide spült, die „allseits beliebte Reihe“ Sound On Screen, deren 27. Staffel jetzt bekannt ist, mit „Studio 54 – The Documentary“ als Auftakt am 14. März mit DJ-Party im Anschluss sowie am 11. April die Hosen-Doku „Weil du nur einmal lebst“ mit Final Impact als Ergänzung und am 17. Mai „Asi mit Niwoh“ über Jürgen Zeltinger. Die mittlere Märzwoche wird hart, weil an dem Mittwoch auch noch die Quiznight stattfindet: „Alles geballt“, sagt André.

Und nun ergreife ich meine bestellte „Data Mirage Tangram“, die neue Doppel-LP der Young Gods, die ich am Samstag mitzunehmen vergaß, und trete den Weiterweg ins Herman’s an. Dort treffe ich unter anderem Schepper wieder, dessen einer Satz mir den Abend beschließt: „Pass auf, was du sagst, Moses, das steht hinterher alles in der Bibel!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#136 Habitak im Qashqai gefunden

18. Januar 2019


Donnerstag, 17. Januar 2019

Großartiges Wetter: Ein Wechsel aus Regen, Schnee, Wind und dicker Bewölkung lässt einige seltenere Pokémons erscheinen, das gibt wichtige Punkte und leckere Bonbons. Noch keine Woche bin ich jetzt auch dabei, mit zweieinhalbjährigem Verzug, angesteckt von Andrea, die ihren Account nach langer Pause aus einem launigen Impuls heraus reaktivierte. Ist schon merkwürdig, was das Spiel mit mir macht: Gassigehern möchte ich die Hunde mit Bällen wegfangen, und wenn ich hinter Automarken wie Qashqai, Pajero oder T-Roc herfahre, frage ich mich, wie diese Monster wohl aussehen mögen. Und umgekehrt: Pokémons wie Habitak, Karpador oder Wiesor könnten auch Bezeichnungen für Autos sein. Aber so richtige Obskuritäten wollen meinen Weg ins Riptide heute nicht queren.

Scheißwetter: Bei dem Gemisch aus Regen, Schnee, Wind und bestenfalls dicker Bewölkung mag man gar nicht vor die Tür gehen. Es sei denn, man will ins Riptide, natürlich. „Die Leute waren gestern ganz schön trinkfreudig“, berichtet Melissa aus der Küche heraus André von der gestrigen Quiznight im Riptide. André war nicht dabei und freut sich, dass die neue Veranstaltungsreihe so viele Teilnehmer findet. Marco ist noch da und pendelt mit Getränkekisten zwischen Keller und Theke hin und her. Heute mag ich einen Kafka bestellen, wie früher, als das Riptide neu und dieses Gemisch aus Kaffee und Kakao eine Art Standard für mich war. Zurück zu den Wurzeln. „Das kenne ich“, sagt André. „Wenn ich im Restaurant einmal etwas gefunden habe, was mir schmeckt, tu ich mich schwer damit, etwas Neues auszuprobieren.“ So geht mir das eigentlich nicht, ich probiere gern herum und kehre intervallartig zu meinen Lieblingsspeisen zurück. Aber der Kafka heute ist eine wetterbedingte Wahl.

Seit Chris und André die CD-Abteilung auflösten, änderte sich etwas im Raume: Die CD-Reste sind nun auf einem schmalen Aufsteller zwischen Eingang und Theke angepriesen, und an ihrer ursprünglichen Stelle zwischen den Schallplattenfächern ist nun ein hoher Tisch mit Barhockern errichtet, an dessen Stirnseite in Boxen gebrauchte LPs zum Stöbern herausfordern. Dazwischen schlendert Morten herum, wirft Blicke auf die Auslagen und nähert sich gemütlich der Theke. Er sucht LP-Hüllen, da er eine Schallplatte verschicken möchte. Melissa übernimmt es, für ihn jeweils zehn Innen- und Außenhüllen sowie einen Karton aus dem Lager an der Theke hervorzuholen, während André mit frisch aufgenommenen Bestellungen aus der Rip-Lounge zurückkehrt. „André, haben wir einen Karton, um Platten zu verschicken?“, fragt ihn Melissa mit den Innen- und Außenhüllen in der Hand. „Ja, haben wir“, bestätigt der und fischt einen gebrauchten Pappkarton aus dem Regal. Für Morten genau richtig: „Ja, der ist gut!“ Ein Freund von Morten wohnt in der Nähe von Oldenburg und ist Plattensammler, erzählt er. „Der ist von dem Laden begeistert – und neidisch“, grinst Morten. Der Freund war bei ihm zu Besuch und entdeckte dabei das Riptide. „Ich bin, was Plattensammeln betrifft, ein Amateur“, behauptet Morten beim Verabschieden. „Aber es ist schön hier.“
Seinen Platz nimmt Simone ein, die mich fragt, wann der nächste Silver Club stattfindet. Sie möchte am Wochenende weggehen und weiß nicht, was alles in Braunschweig los ist. Die Nachricht, dass es den Silver Club seit zwei Jahren nicht mehr gibt, überrascht sie. Seinerzeit gehörte ich mit zum Team, das ehrenamtlich und ohne Gewinnabsicht – so sagte es immer der Chef Skapino – kulturelle Veranstaltungen an Orten organisierte, die für so etwas nicht vorgesehen waren. Dreimal im Jahr machten wir aus Mensen, Kirchen, Kellern, Industriehallen, Abbruchhäusern oder Fitnesszentren stimmungsvolle Räume für Lesungen, Diskussionen, Konzerte, Kunst und Partys. Aus diversen Gründen – unter anderem, weil die nach der Love Parade in Duisburg allerorts gestiegenen Sicherheitsauflagen für so etwas für eine nichtkommerzielle Reihe nicht mehr zu stemmen waren – beendeten wir jedoch unsere Aktivitäten.

Aber auch ansonsten habe ich nicht mehr so den Überblick, was an den Wochenenden in Braunschweig geschieht. Trotz der unzähligen Facebook-Einladungen, die ich bekomme: Die speichern sich selten in meinem Bewusstsein ein, schließlich sind sie ja online abrufbar. Außerdem gehe ich auch gar nicht mehr so häufig weg wie früher, wenn ich mir nicht mittels eigener Veranstaltungen einen fröhlichen Anlass dafür schaffe, bis spät nachts aktiv zu sein. „Das ging mir vor zwanzig Jahren so“, sagt Simone. Damals war sie im UJZ Peine mit Goa-Partys selbst aktiv, die sich stetig erweiterten, auf die benachbarten Lagerhallen und ein Schiff auf dem Kanal, und bei denen Simone noch die Aufgabe der Ambulanz übernahm: „Das konnte ich nicht mehr.“

Vergleichbare Veranstaltungen entdeckte Simone jüngst im Braunschweiger Laut-Club, der so niedrig ist, dass der Schweiß bald von der Decke tropft, erzählt sie. Wie beim zweiten Silver Club im Rebenpark, da standen gefühlt 30 Zentimeter Wasser auf der Tanzfläche. Wie ich schwärmt auch Simone davon, von den verschlungenen Kellerpfaden, dunkel, spärlich und stimmungsvoll illuminiert, mit morbider Kunst bestückt und in den kathedralenartigen großen unterirdischen Raum mündend, in dem dann die Party stieg. „Da habe ich mich in den Gängen verirrt“, erzählt Simone. Und lobt gleich noch die Silver Clubs in der Jugendkirche. Da hatten wir eine riesige Discokugel ins Kirchenschiff gehängt: Selten waren so viele mit offenem Mund staunende Atheisten in einer Kirche zu sehen. Und dann noch mit einem offenen Bier in der Hand. Herrlich.

Das Riptide mag Simone, weil es in Sachen Umweltbewusstsein auf ihrer Linie liegt. Mit grünem Strom und der Offenheit für artverwandte Themen. Sie erinnert mich daran, dass ich mich mit ihr vor einiger Zeit einmal unterhielt, als sie versuchte, einen Stapel Drei-Fragezeichen-CDs zu veräußern. Da meldet sich Marcel vom Sofa aus zu Wort: „Entschuldigt bitte, ich muss jeden fragen, der von den Drei Fragezeichen spricht, was seine Lieblingsfolge ist.“ Auf seinem Schoß spielt sein Sohn Oskar mit einem bunten Schiff, das Marcel im Spieleschrank des Riptide fand. Mir fällt es schwer, mich festzulegen, dafür sind es zu viele Folgen, die mir wichtig sind. Marcel hat nach all den Jahren eine für sich herausgefunden: „Meine ist ‚Das Bergmonster‘.“ Denn das ist – abgesehen von der jüngeren „Zeitreisenden“ – die einzige mit einem quasi offenen Ende, bei dem das mystische Element nicht als Verbrecher überführt wird: „Sondern, es war wohl wirklich ein Bigfoot.“ Simone erinnert sich an die falsche Cousine, die die Schrottplatzhelfer Patrick und Kenneth in der Episode besuchen, und Marcel fügt den eigensinnigen Umweltschützer an. „Meine Lieblingsfolge ist die mit den Vampiren, die ist schön vielschichtig.“ Nummer 140, „Stadt der Vampire“, also eher neu. „Und ‚Die sieben Tore‘ fand ich gut“, sagt Marcel, und Simone pflichtet ihm bei. Wobei das Wortspiel-Rätsel nicht funktioniert, weil die Mehrzahl des Narren-Synonyms Toren ist – damit ist die Folge für mich schon nur noch schwierig gut zu finden. „‚Geheimakte Ufo‘“, ruft Marcel noch vom Sofa aus. Diese Trash-Folge? „Ja, diese Trash-Folge“, lacht er. Dazu fällt Simone eine Live-Episode der Lauscherlounge ein, dem Label von Justus-Jonas-Sprecher Oliver Rohrbeck, bei der die Akteure das Manuskript vorher nicht kannten und sich während der Aufnahme immerzu kaputtlachten. In der Folge landen die Drei Fragezeichen im Weltraum, weil sie Peter von seinen Phobien befreien wollen, in diesem Falle von der Klaustrophobie, „und dann kommt ein Schwein, und ich weiß gerade gar nicht, wie das endet – doch: Sie beamen sich auf die Erde und landen in Berlin, bei der Lauscherlounge.“ An den Titel kann sie sich nicht erinnern – und mir sagt das auch gar nichts. Erstaunlich genug! Simone hat gleich einen Termin und zieht erst ihre Jacke an und dann weiter, und ich setze mich zu Marcel und Oskar.

„Wir haben schon mal zusammen gearbeitet“, erinnert sich Marcel. Er war Mitarbeiter im leider schon wieder geschlossenen Tegtmeyer in der Kreuzstraße und hatte Dienst beim wundervollen Festival von Blinky Blinky Computerband sowie diverse Male beim „Kindertanztee“, wie er unseren „Tanztee im Tegtmeyer“ mit Rille Elf nennt. Zu Recht, wenn es auch so nicht beabsichtigt war: Die Intention war, den Älteren, die sagten, sie würden nicht mehr so gern in der Samstagnacht unterwegs sein, eine Sonntagnachmittagalternative anzubieten.

Nun komme ich doch noch auf Marcels erste Frage zurück und entscheide mich für die Nummer Eins, den „Superpapagei“, weil in der Folge – inklusive der niedlichen Fehler – beinahe alles perfekt ist. Wie großartig der Kunstdieb Victor Hugenay ist! Den mag Marcel auch, zum Beispiel in der Episode, in der jener mit übersinnlichem Spuk das Bild „Die grüne Eisenfrau“ stehlen will. Das muss „Poltergeist“ sein – die gehört zwar zu meinen Lieblingsfolgen, aber weil ich sie früher so oft gehört habe, unterließ ich dies in den vergangenen Jahren und erinnere mich nun nicht mehr so genau an sie. Wie mit Lieblingsplatten, die man sich überhört. Marcel nickt: „So habe ich Life Of Agony wiederentdeckt.“ Stimmt, deren „River Runs Red“ läuft auch heute noch gut. „Ich habe sie letztes Jahr live gesehen in Hamburg“, erzählt Marcel. Erst da erfuhr er von der Geschlechtsumwandlung des Sängers Keith Caputo, der jetzt Mina heißt. Und schwärmt von dem Auftritt, bei dem er deutlich wahrnahm: „Caputo fühlt sich endlich wohl.“

Oskar, der älter wirkt als die gut sechs Monate, die er erst auf dieser Welt weilt, fordert Marcels Aufmerksamkeit ein. Marcel hat eine ansteckend positive und energievolle Ausstrahlung. „Der Kleine ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er. Und stellt fest: „Mit sich selbst ist man nie so umsichtig wie mit seinem eigenen Kind.“ Das jetzt aber nach Hause muss.

An der Theke lehnt Lukas und hält eine Orangen-Fritz-Limonade in der Hand. Den früheren Riptide-Mitarbeiter habe ich lang nicht gesehen: „Ich war das ganze Jahr 2018 nicht in Braunschweig“, bemerkt er. Nanu, zuletzt erlebte ich ihn doch noch als Barkeeper im Tante Puttchen nebenan? Das ist schon etwas her, Lukas wohnt jetzt in Kiel, der Familie wegen: Einen anderthalbjährigen Sohn hat er dort mit seiner Frau. Eine Freundin von mir zog es ebenfalls nach Kiel, und Andrea und ich feierten dort unser Silvester. „Ich auch“, sagt Lukas. Wir in Schilksee mit Blick auf Laboe, er auf der anderen Seite der Förde, kurz vor Laboe, „noch Kiel, eher dörflich, zehn Minuten zum Meer“. Kiel habe gegenüber Braunschweig eben den Vorteil, dass die Ostsee nahe ist. Nichts gegen die Oker, aber da pflichte ich ihm bereitwillig bei.

An dem Tisch, der einst CD-Fächer barg, gruppierte sich eine Touristengruppe, der André Speisen und Getränke kredenzte und vom Riptide berichtete. Nun bricht die Gruppe auf, Lukas zieht mit ihnen von dannen. Kurz darauf betritt Elke das Riptide – sie arbeitet bei dem Stadtführungs-Veranstalter, dem auch die Gruppe von eben angehört, und bespricht sich mit André. Da bin ich natürlich neugierig. „Das sind keine Touristen“, stellt Elke zunächst klar: „Zu 90 Prozent sind das Einheimische.“ Sie ist ebenfalls Stadtführerin und hat nun einen administrativen Job bei der Organisation Eat The World, die diese Führungen anbietet. „Das war ein Start-Up-Unternehmen von zwei Frauen aus Berlin, vor zehn Jahren gegründet“, berichtet sie. Das Vorhaben der Organisation sei es, „Gäste abseits von Touristenpfaden durch die Stadt oder einen Stadtteil zu führen und Skurriles und Einzigartiges zu zeigen“, so Elke. Über 100 Touren gebe es inzwischen in ganz Deutschland. „Die Gäste sind happy, wir sind happy“, resümiert Elke. Besonders die Einheimischen, die auf diesem Wege erfahren, was es Neues in ihrer Stadt gibt: „Die freuen sich, das sind dankbare Touren“, sagt Elke. „Dirk Schadt ist auch bei uns“, fügt sie an. Das passt: Schließlich sammelte der Lord schon unterhaltsame Stadtführererfahrungen als Okerflößer.

Elke kommt aus Hannover und ist in ihrer Funktion bei Eat The World unter anderem für Braunschweig zuständig. Einmal im Monat zahlt sie vor Ort ihre Partner aus, schließlich müssen die pro Lokal dargereichten Speisen auch finanziert sein. Auf einer Tour besuchen die Gruppen jeweils um die neun beteiligte Einrichtungen, in denen sie auf spezifische Weise verköstigt werden und im besten Falle ihre Stadt besser kennenlernen. „Nicht jeder kennt den Handelsweg“, führt Elke exemplarisch an. Jeder Gast bekommt eine Broschüre ausgehändigt, in der sämtliche angeschlossenen Lokale aufgelistet sind; nicht jedes kann auf jeder Tour berücksichtigt werden, aber da es in dem Heftchen aufgelistet ist, findet es trotzdem Augenmerk. Die Tour heißt „Magniviertel“, weil sie dort endet. Und da sich auch immer einmal etwas ändert, passt Eat The World die Broschüre regelmäßig an: „Zum Beispiel, das Café Drei ist weg“, sagt Elke. Was, das wusste ich noch gar nicht – zuletzt kam ich immer von der Breiten Straße aus in den Handelsweg und das Café Drei lag auf der anderen Seite. Der Handelsweg bleibt aber ganz sicher ein festes Ziel der Tour. Ins Riptide kommen die Gäste nämlich gern, sagt Elke: „Jeder, der hier war, ist total begeistert, die Älteren gucken Platten, die Jüngeren finden das Vegane gut.“ Und ihr gefällt, dass das Riptide inhabergeführt ist: „Wir wollen keine Ketten mehr.“

Neue Partner zu finden ist ein beständiges Ziel von Eat The World. Da kann ich Elke gleich mitnehmen, ich bin noch im Café MokkaBär verabredet, da kommen wir an der Bar Lissabon vorbei. Dort stelle ich ihr Ricardo vor. Elke ist begeistert von der Einrichtung: „Wer hat denn so einen guten Geschmack?“, fragt sie Ricardo. Das sind er und sein Partner Ioannis selbst, sagt er. Wir schlendern weiter zum Frankfurter Platz, wo ich Elke an Ollo weitervermittle. Im MokkaBär wartet schon eine behagliche Runde von Leuten am Kamin. Es gibt Apfelkuchen und Nussecken, natürlich Kaffee und auch Bier. Wer weiß, vielleicht stehen MokkaBär und Lissabon ja demnächst in einer Broschüre mit dem Café Riptide.

In der Arena auf dem Platz sitzt nur ein schwacher Gegner. Ich bin stärker: Das Smartphone bleibt aus.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#130 Nach Mitternacht gefüttert

29. August 2018


Dienstag, 28. August 2018

Wie ausgesprochen schade: Schon so kurz nach der Eröffnung ist offenbar die BrauBar in der Breiten Straße, um die Ecke vom Café Riptide, schon wieder geschlossen. Da geht der Ecke aber etwas verloren. Kürzlich – kleines Wortspiel im Zusammenhang mit einer Brauerei, haha – probierten Andrea und ich die kleine Bar aus, die mit der privaten Stebner-Brauerei benachbart war. Wir waren überrascht, wie perfekt diese Einrichtung erschien, als wäre es von langer Hand durchdesignt worden, jedoch, anders als Franchise-Kneipen, mit Seele. Gemütliche Möbel aus Holz, eine Liegewiese aus Kunstrasen und Europaletten, und als kleines Gimmick auf den Tischen neben den Blumen in der Bügelflasche unterhaltsame Kronkorkenbäume mit Magneten, mit denen man herrlich die Zeit zwischen zwei Bieren überbrücken konnte. Zwei Biere mindestens sollten es schon sein, die Eigensorten schmeckten hervorragend, auch die saisonalen Fremdbiere überzeugten. Gut, mit dem ganzen IPA-Kram kann ich nichts anfangen, die sparte ich mir aus, aber der Rest war naturtrüb und schmackhaft. Und das soll jetzt schon wieder vorbei sein? Die Zukunft der Bar ist scheinbar noch ungewiss, ab und zu mal nachgucken empfiehlt sich da wohl schon.

Aber das Riptide existiert munter weiter, das wäre ja auch noch schöner, sollte dem einmal irgendjemand Steine in den Weg legen wollen! Der herrliche Sommer holt seit dem jüngsten kühlen Wochenende etwas Luft, für morgen sind wieder hohe Temperaturen angekündigt, je nach App zumindest, die man befragt, und schon jetzt sitzen die meisten Gäste wieder sommerlich unter dem Segeltuch im Achteck. Ins Café komme ich kaum, Stecki, der heute eigentlich in der Küche eingesetzt ist, krault vor der Tür den überdimensionalen weißen Hund eines Gastes. „Lass den Hund in Ruhe“, ruft ihm einer der drei Stefans, der Zeuke nämlich, von der Einraumgalerie zu. Stecki verteidigt sich: „Ich hab doch sonst keine Freunde!“

Vor einer Weile erzählte mir Niclas, als ich nebenan bei Serge saß, dass es gelegentlich Konzerte im Riptide gibt von Bands, die abends im Eulenglück, dem früheren Panoptikum, Merz, Capitol, auftreten. Das habe ich gar nicht mitbekommen und frage Chris danach, der hinter der Theke die Kundenwünsche entgegennimmt. „Ich habe früher mal für Undercover gearbeitet, lange vor dem Riptide“, beginnt Chris. Undercover ist die Braunschweiger Konzertagentur, die die Gigs unter anderem im Eulenglück ausrichtet. Chris: „Wir verstehen uns, wir kennen uns, und wenn es musikalisch umsetzbar ist, treten die Bands vorher akustisch bei uns auf.“ Die Rogers und Kafvka machten den Anfang, die Rapperin Haiyti indes tritt die Folge am 6. Oktober nicht an: Ihre Musik lässt sich nicht akustisch umarrangieren. Anders Kafvka, „die machen Hip Hop mit Brettgitarren, wie Rage Against The Machine“, erzählt Chris, und die liefen im Handelsweg mit akustischen Instrumenten auf: „War mega!“ Und zeitlich muss es passen, dass die Künstler rechtzeitig vor dem Auftritt im Eulenglück schon in Braunschweig sind, damit noch Spielraum fürs Riptide bleibt.

Beim Thema Akustikkonzert schwenkt Chris zur Reihe Songs & Whispers, die europaweit ausgerichtet wird und auch im Riptide wieder monatlich stattfindet, „unplugged und umsonst“. Zum Auftakt spielt am 14. September Ruven Dru. Chris schwärmt von Songs & Whispers: „Das ist ein europaweites Netzwerk, das wird alles ehrenamtlich organisiert – wie würde sonst ein Sänger aus Singapur oder eine Band aus Malaysia nach Braunschweig kommen!“ Bis zum Jahresende sind die Termine dafür bereits durchgeplant.

Außerdem geht es auch mit der Musikfilmreihe Sound On Screen weiter: Das Universum-Kino zeigt am 21. September die Dokumentation „Nico 1988“ über die letzten Jahre von Christa Päffgen, die einst mit Velvet Underground zu Weltruhm kam. Im Anschluss legt Chris persönlich im Riptide auf, unter seinem Alias Butch Cassidy. Die folgenden Filme der Staffel sind: „Ryuichi Sakamoto: Coda“ am 18. Oktober und „Shut Up And Play The Piano“ über Chilly Gonzales am 22. November.

Freundliche Kunden unterbrechen unser Gespräch immer wieder, die bei Chris bestellen oder die Rechnung begleichen möchten. Mit einem Stapel Punkrockschallplatten kommt Matt an die Theke, und Chris weiß schon, dass er ihn nur auf Englisch ansprechen kann: Matt kommt aus Michigan, die Familie seiner Frau lebt in Braunschweig. „Ein Onkel hat uns herumgeführt“, erzählt Matt, „wir stoppten hier eigentlich nur für ein Bier, da sah ich die Platten – beautiful!“ Bei ihm ist seine sechsjährige Tochter Finley, die ein Zwei-Euro-Stück kleingewechselt haben möchte. „Sie will in einem Automaten Buttons kaufen“, sagt Matt, und Chris ergänzt: „Und Kaffee und Bier gibt’s da auch, aber das ist mehr für den Vater.“ Finleys Drängen ist dann auch der Grund, weshalb sich Matts Aufenthalt heute so kurz gestaltet, aber er verspricht, beim nächsten Besuch in Braunschweig wieder vorbeizukommen.

Im Hintergrund beginnen die Commodores, „Easy“ anzustimmen, und ich bringe Faith No More ins Spiel. Wir kennen die Geschichten von Nachgeborenen, die die Originale ihrer Hits nicht kennen. Chris erzählt eine von seiner Zeit als Jugendbetreuer, als er abends zu The Police am Strand saß und irgendwann auch „Every Breath You Take“ erklang. „Da kommt ein Jugendlicher vorbei, mit Schlaghosen, so Hip Hop und cool“, sagt Chris, „er ruft: ‚Ey, was haben die mit Puff Daddy gemacht!‘, und geht weiter.“ Die Jugendleiter guckten sich verwundert an und brauchten eine Weile, bis sie den Zusammenhang erfassten. Mir fällt dabei die Situation ein, als „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice gerade in den Charts war und ich ein seltenes Mal Gast im Freedom in Celle war. Da ertönten die Takte mit dem charakteristischen Beat und dem Fingerschnippsen, was drei junge Rapper zum Anlass nahmen, sich auf der ansonsten leeren, aber umstandenen Tanzfläche hiphoppend in Positur zu werfen. Als dann aber Freddy Mercury und David Bowie „Under Pressure“ anstimmten, stutzten die Jungs, räumten fluchtartig die Tanze und die Umstehenden lachten. Andererseits sind auch wie Älteren bisweilen vor Nichtinformiertsein nicht gefeit. Als ich einmal bei der Indie-Ü30-Party im Nexus „Tainted Love“ von Gloria Jones spielte, sagte jemand: „Cool, so kann man das auch covern!“ Und als Werner nachts nach dem letzten Ball im Bierhaus mit Rille Elf „Ball Of Confusion (That’s What The World Is Today)“ von The Undisputed Truth als Überleitung von unserem zu seinem Programm einlegte, begriff ich erst, dass das von Love And Rockets gar kein Original ist. Nicht mal von The Undisputed Truth: Als erste spielten es 1970 The Temptations ein. Man wird alt wie ’ne Kuh…

Und noch eine Ankündigung lässt Chris mich wissen: Das Veggie-BBQ war in den vergangenen Jahren immer ein Bestandteil des Handelsweg-Festes, „das haben wir jetzt ausgegliedert: Am Samstag machen wir das vegane BBQ“. Drei Tage lang wollen André und er kochen, schnippeln, rühren und alles von Gegrilltem über Dips bis Salaten vorbereiten. Chris: „Da wird richtig aufgefahren!“

Der Sedan-Bazar – der ohne das BBQ – war dieses Jahr tagsüber etwas dünner besucht, stellten Andrea und ich fest. Noch am frühen Abend hatten früher mehr Läden geöffnet und stapelten sich viel mehr Gäste, aber das Konkurrenzprogramm in Braunschweig war an dem Tag so groß wie gleichsam zum Teil dünn besucht. Doch Chris schränkt meine Beobachtung ein: „Es war abends voller als sonst, ich war um 22 Uhr und um 1 Uhr hier, da war es megavoll.“ Möglicherweise, so Chris, weil das Kinderprogramm dieses Mal etwas reduzierter ausgefallen war, verschoben sich die Andränge vom Nachmittag in die Nacht. Hauptsache Party!

Chris muss dienstlich in den Keller, ich will weiter ins Hermans und nehme noch die „Die Tür ist zu“-Doppel-LP von den Swans mit. Dabei bestaune ich Steckis Gremlins-T-Shirt und erwähne, dass ich kürzlich feststellte, dass der Lego-Mogwai recht unerschwinglich ist, es ihn aber frecherweise auch als als „Custom“ deklarierten günstigen Fake im Internet gibt. „Du sammelst Lego?“, fragt Stecki. Na ja, ich habe da so ein, zwei Modelle und eine Handvoll Minifiguren. „Ich habe alles verkloppt mit zwölf“, sagt Stecki ungerührt. Ganze Spacelandschaften, für die ich ihn beneiden würde; meine lagern in Kartons im Keller, die originalen aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. „Meine Tante hat einen Plüsch-Gizmo“, sagt Stecki. „Aber den gibt sie nicht her.“ Verständlich! Außerdem sucht Stecki noch nach Mr. Floppy, dem Plüschhasen aus der TV-Serie „Auf schlimmer und ewig“, doch sei der nicht zu kriegen: „Davon wurden damals in den USA nur 1000 Stück hergestellt, als Promo.“

Noch etwas zum Sedan-Bazar. Leider konnte Schepper zwar doch nicht auftreten, aber ihm gebührt noch eine Erwähnung hier: Ich treffe ihn sowie Andreas und Pommes nämlich anschließend im Hermans. Andreas hat eine Überraschung für Schepper, eine CD von einer Band: „Fängt mit Y an.“ Schepper ist als Rush-Fan sofort im Bilde: „YYNot?“ Die spielen Rush-Lieder nach, benannt nach dem Stück „YYZ“. Wir staunen, wie schnell er so treffsicher liegt, doch Andreas schränkt ein: „Leider ist es kein Original.“ Schepper winkt ab: „Macht nix, ist doch eh nur ‘ne Coverband!“

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#129 300,- DM

25. Juli 2018


Dienstag, 24. Juli 2018

Es ist so heiß, dass man beim Gang durch die Fußgängerzone kalte Füße bekommt. Weil jedes Geschäft die Klimaanlage mit gefühlt 25 Grad Unterschied zur Außentemperatur angeschmissen und die Türen weit geöffnet hat. Aber was ist schon Hitze gegen das Grau, das uns in dieser Gegend die letzten acht Jahre nicht nur den Sommer, sondern auch den Rest des Jahres vergrault hat! Das Licht macht alles wett, es strahlt so hell, das sogar die Schatten nicht dunkel sind. Das ist gut für die Seele. „Und man kann den Urlaub in Braunschweig machen“, sagt der algerische Falafelzubereiter bei Sofra. Fehlt nur das Meer.

Seinen Hedonismus kann man auch im Handelsweg pflegen, Niclas und Serge bedienen sich dafür weißer und roter Weinschaumcremes, die sie vor Serges Laden abwechselnd löffeln. Trotz der sonnigen Hitze lässt sich Serge zu einer hitzigen „Diskursanalyse“ hinreißen, wie er es nennt, und setzt an: „Wie kann man sich so lang mit dem kleinen Fußballspieler beschäftigen, dass man denkt: Seid ihr völlig irre?“ Er meint Mezut Özil, den deutschen Nationalspieler, der vor der Fußball-Weltmeisterschaft mit seinem Spielerkollegen İlkay Gündoğan Fotos von einem Besuch beim türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan im Internet verbreitete, mit seinem DFB-Team in der Vorrunde der WM ausschied und nach diverser Kritik der Mannschaft den Rücken kehrte. „Typisch Sommerloch“, findet Niclas, doch Serge widerspricht, dass derzeit angesichts der unzähligen weltweiten Probleme überhaupt ein Sommerloch existiert: „Es gibt so schwere Themen, aber alle reden über Özil.“

Die Waldbrände in Schweden und Griechenland, die Hitze in Japan und die weltweiten politischen und wirtschaftlichen Schieflagen führt Serge kurz an. „Jetzt wage ich mal eine These“, sagt er und rückt auf seinem Stuhl in eine andere Position. „Wir leben im Jetzt, und das Jetzt hat mit dem Gestern nichts mehr zu tun, das ist ein ganz neues Zeitalter, das müssen wir zur Kenntnis nehmen“, beginnt er. „Es ist alles anders, und die Erkenntnis frisst sich allmählich durch, es ist wahrnehmbar, dass wir in einem neuen Universum leben, in jeder Hinsicht.“ Serge findet ein Bild dafür: „Wir sind im Moment in einem Schwarzen Loch des Ereignishorizonts.“ Und er glaubt: „Selbst der schlichteste Mensch auf der Straße spürt das und flüchtet, nach allen Seiten, nach rechts, wird Reichsbürger, alle flüchten, nur wohin, vor der schlichten Wahrheit, dass die Komplexität nicht mehr greifbar ist, dass auch das Klima signalisiert, dass etwas nicht stimmt.“ So eine weltweite Erhitzung wie zurzeit habe es noch nie gegeben: „Die Klimaforscher gehen in ihre Höhlen und schämen sich, alle Prognosen waren falsch, es ist alles viel schneller.“

Seine Betrachtungen führen Serge bald zur Redundanz der Musik speziell, die sich seit 30 Jahren nur wiederkäut, sowie der Kunst allgemein, hin zum Hedonismus, den er sich gern gönnt. André grätscht kurz dazwischen und teilt uns mit, dass er sich einen früheren Feierabend gönnt. Dann wirft Arni einen Schatten auf die Runde, in die er tritt; wir sind verabredet und rücken nun um eine Hausnummer weiter, ins Café Riptide. Niclas und Serge verabschieden sich von uns, Serge grinsend mit den unerwarteten Worten: „Cool bleiben!“

Hinter der Theke im Café Riptide erwarten uns Chris und Tim, Rosalie werkelt in der Küche. Arni und ich bestellen der Hitze wegen schnellstens Fritz-Kola, er die klassische, ich die mit Kaffee, von der Chris sagt, sie habe jetzt einen neuen Namen, Karamell-Kaffee nämlich, aber das alte Rezept beibehalten. Arni fragt ihn, wo er seine mitgebrachten Flyer unterbringen kann, und Chris verweist ihn auf die Station in der Lounge gegenüber. Ich drücke Arni gleich noch Flyer für den nächsten Ball im Bierhaus in die Hand, den wir mit Rille Elf am 17. August in Harrys Bierhaus ausrichten. Die Flyer von Arni werben für die Ausstellung „Spurensuche: Fotografie und Autismus“ der Lebenshilfe, die Maren initiiert und kuratiert. Eröffnung ist am 10. September in der Galerie Geyso 20. Da wird Rosalie hellhörig und sprintet aus der Küche: „Geyso 20, da hab ich auch mal gearbeitet!“ Außerdem liegen Flyer für den nächsten Sedan-Bazar auf der Theke, das kunterbunte Straßenfest des Handelswegs, das am 18. August ab 12 Uhr stattfindet. Von einem Live-Act weiß ich schon: Einer kleinen Tradition folgend, ist Schepper wieder mit seinem Solo-Bass Teil des Programms.

Wenn alles klappt, hat Schepper in einem neuen Braunschweiger Etablissement ebenfalls einen Gig in Aussicht: Ollo hat vor einiger Zeit am Frankfurter Platz das Café MokkaBär eröffnet. Donnerstags und freitags empfängt er Gäste; mehr lässt sein Hauptarbeitgeber nicht zu, aber wenn sich das Café trägt, ist vielleicht mit etwas Hilfe auch mal mehr möglich. Schon jetzt gestattet sich Ollo ausgesuchte Samstage mit Konzerten, und seinen alten Buddy Schepper würde er gern auf der Bühne in seinem Café erleben. Der MokkaBär ist eine wundervolle gastronomische Ergänzung rund um den Frankfurter Platz, mit Gambit, Harrys Bierhaus, dem Momo, dem neu erweiterten Deniz und dem Nexus, wenn man das Areal etwas weiter fasst. Und Ollo hat den Laden schon ins Geschehen etabliert: Die Ergebnisse einer Fotoaktion rund um den Frankfurter Platz hängen in seinem Café als Kunstwerke an den Wänden.

Ebenfalls neu in der Stadt ist die einst Wolfenbütteler Stebner-Brauerei, die um die Ecke vom Riptide eine Braubar eröffnete und mit dem Crabs-Braumeistern aus dem Rebenpark zusammenarbeitet. Namensgeber Stebi schüttelte ich zumindest schon mal die Hand, ein Bierchen in seinem Lokal steht noch aus. Dafür bekamen Andrea und ich kürzlich eine Sonderführung durch die eigentlich an dem Tag geschlossene Hanfbar, in der uns ein ehrenamtlicher Helfer der abwesenden Betreiber Einblicke ins Sortiment gab. Für uns war das insbesondere mit Blick auf den Polizeieinsatz und die widersprüchlichen Nachrichten wertvoll, die da laut Helfer fälschlich behaupteten, es seien in der Bar Drogen gefunden worden. Wir konnten uns auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft eine Bar unter diesem Namen eröffnet und dort illegale Geschäfte tätigt.

Neben dem Flyer für den Sedan-Bazar stapeln sich CDs von The Twang, die ähnlich wie kürzlich GR:MM mit einer Name-Your-Price-Aktion Spenden sammeln, und zwar für die DKMS-Stiftung, die dem Blutkrebs beikommen will. Vier eigens eingespielte countryfizierte Lieder bietet die CD, und zwar alle mit Braunschweigbezug: „Frankfurt, Oder“, ein Schlager von Bosse, der Chartbreaker „Augen auf!“ der eigentlichen Wolfsburger Oomph!, „Mach dich lieber anders tot“ der NDW-Instanz Fee und „Ich wär‘ so gerne Bassist in einer amerikanischen Countryband“ von Kaltmiete, die definitiv größte Überraschung auf der EP, wenngleich der Songtitel natürlich eine Steilvorlage ist. Anlass für dieses Mini-Album ist für The Twang deren zwanzigjähriges Bestehen.

Wären Die Ärzte aus Braunschweig, hätten sie sicherlich den fünften Song dazu beigesteuert; wenigstens haben die Berliner in Chris einen großen Fan, der am 25. August im Lindbergh Palace eine Mottoparty zum Thema Die Ärzte ausrichtet. Dabei war der Auslöser dafür ein halber Scherz, wie Chris erzählt: Vor etwa drei Monaten saß er mit einer Freundin bei sich zu Hause. „Wir wollten weggehen und, wie man heute sagt, waren am vorglühen“, so Chris. „Es war ein toller Abend, wir haben Ärzte gehört und sind dann ins Lindbergh gegangen.“ Dort steuerte Chris alsbald den Chef an und teilte ihm mit: „Ich mache hier eine Ärzte-Party und spiele den ganzen Abend nur Ärzte!“ Eine Woche später erhielt Chris eine SMS: „War das ernst gemeint?“ Chris guckt, wie er in dem Moment geguckt haben wird: „Ich musste selbst überlegen: ‚Äh, ja, mach ich.‘“ Noch eine Woche später stand dann der Termin. Und Chris sah sich mit seinem eigenen Konzept konfrontiert: „Einen ganzen Abend nur Ärzte – schaffe ich das?“ Das wäre „Hardcore“, findet Chris, und entschied, auch themengemäßen Indie-Punk-Alternative zuzulassen. Aber: „Jeder dritte Song ist Ärzte, Coverversionen, solo, irgendwas mit Ärztebezug.“ Dafür nimmt Chris einiges auf sich: „Meine Ärzte-Vinyl-Sammlung, die aus 43 Platten besteht, schleppe ich ins Lindbergh.“

Wie aus einem Witz etwas Spezielles wird, erlebte Arni mit einer Reise nach New York, erzählt er: Eine Freundin fragte ihn, ob er für vier Tage mitwollte, und er sagte zu, in der Gewissheit, es habe sich nur um einen Scherz gehandelt. Als dann die Buchung anstand, stellte sich schnell das Gegenteil heraus, und Arni blieb dabei: „Ich wäre da sonst nicht hingekommen.“

Dazu fällt Chris noch etwas ein: „Das ist so ähnlich, wie Riptide Recordings entstanden ist.“ Die Geschichte kennen wir noch gar nicht, stellen wir mit Erstaunen fest, nach all den Jahren, und Chris erzählt sie uns gern. Er war bei einem Festival in Nordhausen am Ostharz, weil dort The Robocop Kraus spielten: „Die habe ich vom ersten Ton an gepusht.“ Eine andere Band zog zusätzlich seine Aufmerksamkeit auf sich: The A.M. Thawn. „Die waren supergeil, haben gegroovt“, schwärmt Chris noch heute. „Ich hab hinterher zu denen gesagt: ‚Mit euch mache ich eine Platte.‘“ Als Zwischenepisode fügt Chris nun die Rückfahrt mit leerem Tank vorbei an geschlossenen Tankstellen ein, „aber das ist eine andere Geschichte“, und fährt fort: „Sechs Monate später klingelt das Telefon, der Schlagzeuger von The Robocop Kraus ist dran und fragt, ‚Dein Angebot mit The A.M. Thawn, steht das?‘“ Wie bei der Ärzte-Party musste sich Chris erst schütteln und erwiderte selbstverständlich: „Ja, klar.“ Es ging ums Debütalbum. „Da haben wir telefonisch beschlossen: Machen wir.“ Das Ergebnis war 2002 „Victorian Leaves“, die Katalognummer Riptide Recordings 1, allerdings noch unter dem Namen Pleasure Syndicate; erst ab Katalognummer 3 griff der bis heute gültige Name. Die CD-Version erschien parallel auf Swing Deluxe, dem Label von The Robocop Kraus. Chris legte los und fuchste sich in die Thematik ein: „Irgendwann kam eine Palette, die Platte war da.“

Kurz unterbricht ihn Tim: „Eine Frau an Tisch B5 wünscht sich ihre Currywurst besonders und sagt, du wüsstest, was sie meint.“ Und Chris weiß es, ohne hinzugucken: „Ohne Fladenbrot, aber mit doppelt Salat.“ Tim gibt die so konfigurierte Bestellung an Rosalie in der Küche weiter.

Der Vertrieb der Schallplatte fiel Chris vergleichsweise leicht, weil er in der Szene bereits einen Namen hatte: „Ich bin sie nach und nach losgeworden.“ Die Band kam aus Rheine, berichtet Chris, und war mit Muff Potter befreundet, mit denen The A.M. Thawn ein Konzert im Forellenhof in Salzgitter gaben, da fragten viele nach der Platte, und Chris hatte Kontakte zu Mailordern und Fanzines: „Es sind komplett 500 Stück weg.“ Dabei hebt sich der Inhaber immer eine bis drei Kopien seiner Label-Alben für die eigene Sammlung auf, doch von „Victorian Leaves“ fehlte ihm sein Erinnerungsstück. Das musste er sich später bei Discogs nachkaufen: „Der Verkäufer hat meinen Namen erkannt und mir meine eigene Rechnung von damals beigelegt.“ In der Szene startete die Band einigermaßen durch, löste sich aber bald auf. „Die Platte ist unfassbar“, findet Chris: „DC-Fugazi-At-The-Drive-In-Style.“

So entstehen also Labels: Einfach machen. Wie so oft im Leben. Einfach machen dachte sich auch Tim, der erst seit einigen Wochen im Riptide angestellt ist. Der Bezug ist familiär: „Mein Bruder arbeitet hier, Max, der hat mir davon erzählt.“ Sieh an! „Ich war dann ein paarmal hier und fand das auch ziemlich nice, dann brauchte ich einen Job und dachte, ich könnte es hier versuchen.“ Gastronomieerfahrungen hatte er bis dato keine, „aber es gefällt mir“, sagt Tim. Und als Arni und ich uns in die etwas kühlere Rip-Lounge setzen und er unsere Bestellungen aufnimmt, macht er kein Bisschen den Eindruck, ein Anfänger zu sein. Wir nehmen ihm alles ab, den Profi und die Getränke, die ausgezeichnet kühlen.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#127 Marlene im Fleischwolf

23. Mai 2018


Dienstag, 22. Mai 2018

„Was fällt dir an der Musik auf“, fragt mich Chris, als ich das Café Riptide betrete. An diesem sonnigen Nach-Pfingst-Tag sitzen die Gäste im beschirmten Achteck draußen, im Innern bin ich der einzige. Noch. Chris hantiert an Bestellungen, André werkelt in der Küche. Ich stelle mich an die Theke und lausche. Erst Postpunk, dann Jazz – muss mir dieser Mix etwas sagen? Doch Chris meint nicht die Lieder, sondern die Musik. Ich verstehe nicht. Er öffnet Limonadeflaschen, lässt aufgeschäumte Milch in Kaffeetassen strömen und bedeutet mir, mich im Raum zu bewegen. Eine Ahnung beschleicht mich. Also bewege ich mich im Raum und nehme zweierlei wahr: Der Sound bewegt sich mit und in den Ecken erblicke ich den Grund dafür, neu angebrachte Lautsprecher nämlich. „Die haben wir gestern installiert“, berichtet Chris. „Es klingt anders, und es ist gut, dass wir als Musikladen und Musikfans endlich eine Anlage haben.“ Die sei ebenfalls neu und inklusive Boxen ein Geschenk zum Zehnjährigen des Riptide im vergangenen September gewesen. „Die Boxen sind richtig gut, und du hörst es“, schwärmt Chris. Vier Stück sind im Café verteilt: „Das ist Dolby Surround fast.“

Außerdem lässt Chris mich raten, was sich im Achteck und in der Riplounge gegenüber verändert hat. Mit ihm trete ich vor die Tür, er zum Verteilen der Bestellungen, ich zum verspäteten Ostereiersuchen. Schön bunt, lebendig, gut besucht und hell von der Sonne erleuchtet ist der Bereich unter dem Segeltuch. Mit dunklen Flecken: Die Tische sind frisch gestrichen. „Schwarz“, bestätigt Chris nach seiner Rückkehr ins Café meine Beobachtung. „Passend zu den Fritz-Bänken, die wir letztes Jahr installiert haben.“

Und schon bin ich nicht mehr allein. Rätselhaftes spielt sich ab: Zunächst stapelt Ulli einige Kartons auf der erstbesten Bank neben der Theke ab, tritt mit Chris in einen für mich nicht zu entschlüsselnden Dialog und kündigt im Wiederverlassen des Cafés die Ankunft von Ralf an. So geschieht es, und Ralf bringt Emma mit, einen kniehohen straßenblonden friedlichen Hund. Von ihm, also Ralf, möchte ich nun erfahren, was hier passiert, doch er verweist auf Ulli, der in diesem Moment zurückkehrt. „Wir haben einen Kunden, die Firma Riva, die diese Boxen macht“, hebt Ulli an und entfernt die Verpackung eines der gemeinten Bluetooth-Lautsprecher. „Chris hat das Ding in Benutzung und sagt, was er davon hält und wie geil er das findet.“ Dieser Bericht sei schon fertig, „wir müssen nur die entsprechenden Fotos dafür machen“. Ulli ist Inhaber der Braunschweiger PR-Agentur Profil Marketing, und „Ralle“, wie er Ralf nennt, ist als Fotograf dabei, aber nicht angestellt, „bin Freelancer“, sagt er, der unter anderem auch Musik fotografiert.

Weitere Erklärungen liefert mir Chris. Er hat einen Bericht darüber geschrieben, wie er diese Box nutzt, als DJ und als Musikhörer überhaupt, und schwärmt: „Das ist eine besondere Box.“ Gründer der Firma Riva ist nämlich Rikki Farr, und der ist einer von denen, die 1970 das Isle Of Wight Festival ins Leben riefen, und ist seitdem mit den Größen der Musikgeschichte befreundet, etwa Bob Dylan, sowie Rod Stewart und Pink Floyd, die Ulli hinzufügt. Chris kehrt zur Box zurück: „Man merkt den Unterschied“, sagt er, und erzählt, dass Farrs Motivation gewesen sei, dass er es nicht habe hinnehmen können, dass digitale Musik so schlecht klang. Entsprechend ausgefuchst sei die Technik in der Box, Ulli führt den Begriff „Trillium“ an, unter dem sich eine Vielzahl an Servern in der Box summiere, die es ermöglichen, dass das kleine Gerät dennoch beinahe Stereosound anbieten könne. „Genau“, pflicht Chris bei, „fast Surround, mit Lautsprechern auf drei von vier Seiten.“

Ab jetzt stört jeder Neugierige, Ulli und Ralf haben ein enges Zeitfenster und Chris hat noch Gäste zu bedienen. Ralf baut seine Dreibeine überall dort auf, wo er die Box bestens in Szene setzen kann, und Ulli assistiert ihm dabei. Emma streunt derweil kurz neugierig herum und lässt sich dann immer dort nieder, wo sie niemandem im Wege ist. Niclas, der draußen sitzt, kommt zum Kaffeebestellen herein. Chris kredenzt den Kaffee und legt noch einen Keks dazu, da muss er schon Technikfragen beantworten: „Wie knipst man die Lampen auf den Tischen ein?“, will Ulli wissen. Chris erklärt ihm die kabellosen LED-Lichter, während er Niclas den Kaffee aushändigt. Der staunt: „Das Leben ist … kompliziert.“ Er überlegt kurz und ergänzt: „Offensichtlich.“ Ich verlasse mit ihm das Café und trete unter das Segeltuch.

An dem Fenster links vom Eingang, wenn man vor ihm steht, hantieren Julia, Misa und Max herum: Sie pusten orangefarbene Luftballons auf, wickeln Filmstreifen um das Schutzgitter und bekleben das Glas mit orangefarbener Folie. Auf den Luftballons entziffere ich einen weißen Schriftzug: „Selbstfilmfest“, es handelt sich also um das Team von Durchgedreht24. Das bestätigt Julia: „Wir haben eine Kooperation mit dem Riptide, es macht Werbung für uns, wir dekorieren ein Schaufenster und es gibt Turmgeist, den verkaufen sie werbemäßig zwei Wochen lang für uns.“ Dabei handelt es sich um einen Schnaps, der ebenfalls orangefarben ist. Sie erklärt mir die Hintergründe zum Selbstfilmfest: „Das findet vom 8. bis 10. Juni statt, man dreht in 24 Stunden einen Fünf-Minuten-Kurzfilm, in dem man drei aus zwölf Begriffen einarbeiten muss und den man nicht schneiden darf.“ Auftakt ist am 8. um 20 Uhr vor der Mensa-Wiese der TU, „genau 24 Stunden später, am Samstag, ist dann die Abgabe“, sagt Julia. „Am Sonntag gibt‘s das Screening von allen Filmen ab 9 Uhr im Roten Saal und am Sonntagabend ab 21 Uhr im C1 werden die Gewinner gekürt.“ Anmelden kann man sich „bis kurz vorher eigentlich“, so Julia, auf der Internetseite durchgedreht24.de, „ganz einfach“. Die Folie bringe Orange ins Riptide, betont sie, und stellt fest: „Obwohl, das Riptide hat ja auch Orange, dann also mehr Orange.“ Die Windlicht-Papiertüten, die auf die Tische gestellt werden sollen, fügt Misa hinzu: „Die sollen noch mehr Interesse wecken als unsere Tischkarten.“

Der Schulterschluss mit dem Riptide kommt für das Team nicht allein aus werbewirksamen Gründen: „Ich finde das Riptide super“, schwärmt Misa, „ich bin gern hier, wie viele Studierende.“ Auch die Weihnachtsfeier hatten „wir“ hier, so Misa, und erläutert, dass es sich bei dem Team um einen Verein handelt, „wir machen alles ehrenamtlich“. Die Zahl der Mitglieder hat Julia im Kopf: „Genau 23.“ Seit über 15 Jahren gibt es den Verein. Misa fällt ein, dass sie schon zwei von vier Jurymitgliedern benennen können, und Julia nennt sie: Schauspielerin Michaela Schaffrath und Regisseur Peter Timm. Prominente Namen also. „Zwei werden noch über soziale Medien verkündet“, sagt Misa. „Sie stehen schon fest, wir machen‘s nur ein bisschen spannend.“ Sie hat es in der Hand, denn Misa ist die Pressesprecherin des Vereins. Und Julia die Vorsitzende. Max hingegen: „Ich gehöre nicht dazu, ich mache aber mit – ich hab Bock drauf.“ Misa insistiert: „Als Teilnehmer gehört er dazu.“ Und Max stellt fest: „Wir waren das erste Team, das sich angemeldet hat.“ Im vergangenen Jahr nahmen 33 oder 34 Teams teil, das weiß Julia nicht mehr so genau, aber das Limit liegt bei 50.

Max und Misa pressen ihre Lungenluft in Latex, Julia wickelt weiter Filmstreifen ums Gitter: „Das ist ein alter Trailer von uns.“ Und den gibt‘s inzwischen längst auch bei Youtube zu sehen, sagt Misa, wieder zu Atem gekommen. Eines ist dem Team noch wichtig: Der Hauptpreis beträgt 1000 Euro. „Und die Pokale sind Fleischwölfe“, schließt Julia. „Weil: durchgedreht.“

Im Café unterhalten sich Ulli und Chris über das Riptide, also das Café und das Label. Dabei hat Ulli eine Information parat, die mich aufhorchen lässt: „Ralf und ich haben mal zusammen Musik gemacht.“ Und zwar zu NDW-Zeiten unter dem Namen Clit. Wie unanständig! Ulli grinst: „Das wussten wir damals nicht, es waren die Siebziger-Jahre, der Name sollte kurz, prägnant und leicht zu behalten sein – das war‘s dann.“ Erst mit dem ersten Plattenvertrag kamen die Leute auf die Band zu, so Ulli: „Sie sagten: ‚Äh, das ist aber was ganz Übles.‘“ Zu spät, zwei LPs gibt es von Clit, dazu diverse Singles, und ein Lied, das zu NDW-Zeiten offenbar einige Bekanntheit erlangte, zumindest Chris kennt es: „Keine Probleme Marlene.“ Zu Hause nachgehört, klingt etwas Fischer-Z durch, angenehm für die gutgelaunte Wavepunkdisco. Später spielte Ulli mit zwei weiteren Clit-Mitmusikern bei Krôl‘s Legacy, berühmt durch die Auftritte bei Rock auf dem Rittergut, und aktuell beim Monday Music Club. Klingt eher nach einem Projekt als nach einer Band, aber Ulli verneint: „Wir haben uns nur immer montags getroffen.“ Nachzuhören ist der Club auch auf Spotify, wie Ulli mir nahelegt, bevor er für Ralf wieder die Box so drapieren darf, dass der sie effektvoll im Sucher findet.

Zwischen den Stativen und errichteten Bluetoothboxen findet Simon Platz, um in den LP-Neuheitenfächern zu blättern. Ihm und der Firma, bei der er arbeitet, nämlich Giese Highfidelity aus Hannover, hat das Riptide die Lautsprecher und die Anlage zu verdanken. Ein schöner Zufall, dass er ausgerechnet einen Tag nach Anbringung wieder als Kunde hier ist. Er führt an, dass das auch ein Geburtstagsgeschenk vom Hersteller gewesen sei: Dali, steht für Danish Audiophile Loudspeaker Industries. Simon ist Braunschweiger und entsprechend häufig Kunde im Riptide: „Mein Lieblingsplattenladen, den darf man schon mal unterstützen.“ Die alten „Brüllwürfel“, über die das Riptide beschallt wurde, machten seine Plattenkäufe indes nicht zum puren Vergnügen, sagt er: „Ist schon was anderes jetzt.“ Die Firma Dali habe „ein richtig gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“, und zu den Lautsprechern gab es noch einen Cambridge-Verstärker geschenkt. Konzerte sollte man über dieses System aber nicht laufen lassen: „Das ist keine PA, das ist Hifi.“ Außerdem verrät er: „Wenn man die Abdeckung der Lautsprecher abmachen würde, wäre noch unser Logo da.“ Also das von Giese Highfidelity. Weil: „Wenn das jemand gut findet vom Sound, dass er sich nach Hannover verirrt.“

Als Musikhörer ist Simon zusehends audiophiler geworden, sagt er: „Je besser die Aufnahme klingt, desto mehr berührt es mich.“ Bei mir steht da die Musik an sich im Vordergrund, der Klang ist für mich nur zweitrangig. Doch Simon findet: „Wenn die Anlage geil ist, entdeckst du viele Platten neu – ‚Source first‘, ein alter Spruch von Hifi.“ Man höre etwa Instrumente oder Refrainstimmen heraus, die man vorher nie wahrgenommen hat. Doch eines übertrumpft noch das Audiophile: „Es geht halt nichts über live, das muss ich zugeben.“ Und dann auch lieber in England als in Deutschland: „Weil die in Deutschland zu laut sind, die übertreiben‘s, und die Stimmung ist in England besser.“

Einen Musiktipp hat er für mich: „Fat Fredy‘s Drop ist immer ein Tipp.“ Zweimal sah er die Band in London live: „So krass!“ So richtige Geheimtipps gebe es aber kaum noch: „Das sind sie nur zwei, drei Monate, dann kennt sie gefühlt jeder.“ Zumindest, wenn sie durch die Postillen und Blogs gereicht werden; in soziokulturellen Zentren und Kellern findet man heute eher die Geheimtipps. „Aber soziokulturelle Zentren sind weniger geworden“, bedauert Simon. Immerhin haben wir das Nexus und das B58.

Chris lässt die herausragende Qualität der neuen Anlage nicht los. Ganz am Anfang gab es noch überhaupt keine Anlage im Riptide: „Da habe ich meinen Ghettoblaster von zu Hause mitgebracht und Mixtapes laufen lassen.“ An Paul Weller erinnert er sich, dass der damals lief. Der Apparat stand dort auf der Theke, wo jetzt die veganen Muffins und Cookies feilgeboten werden.

Direkt daneben stapeln sich heute Exemplare der Debüt-EP von GR:MM, einer Band, bei der Gideon mitspielt, der einst im Riptide arbeitete. Zusammen mit dem Riptide startete die Emopunkband die Aktion, dass man in eine Spendendose einen Betrag seiner Wahl entrichtet und eine CD dafür mitnimmt. Der Erlös geht vollständig an die Movember-Foundation, eine weltweite Stiftung, die sich für Männergesundheit einsetzt.

Meine CD habe ich mir mitgenommen, bevor ich vergangene Woche ins Universum-Kino weiterzog, um die jüngste Ausgabe von Sound On Screen zu sehen: „Space Is The Place“, den verwirrenden Film von Sun Ra aus dem Jahr 1974 in restaurierter Fassung. Diesen Beitrag steuerte die Initiative Jazz Braunschweig zur Musikfilmreihe bei, wie traditionell einmal pro Jahr. Im Sommer macht die Reihe Pause, aber für die nächste Staffel im Herbst ist bereits eine Dokumentation über Chilly Gonzales angekündigt. Das Magazin Intro nahm ich mir auch mit, kurz nachdem das Blatt verkündete, die Printausgabe aus Kostengründen im Sommer einzustellen. Nach 27 Jahren. Von denen ich beinahe alle Ausgaben auch las, womöglich schon, seit der Zähler einstellig war, das weiß ich nicht mehr so genau. „Geschockt“ war Chris, als er davon erfuhr, und mir geht ebenfalls eine wichtige Informationsquelle verloren. Blättern ist für mich nach wie vor angenehmer als wischen.

Kurz entwische ich noch in die Rip-Lounge, um Chris‘ drittes Rätsel zu lösen. Ich entdecke eine neu angebrachte Leiste mit LP-Covern aus dem Riptide-Labelprogramm sowie einige andere Bilder an den Wänden. Richtig erkannt. „Eines davon ist ebenfalls ein Geschenk zum Zehnjährigen“, erläutert Chris. Nun steuere ich den Heimweg an, nehme noch meine Bestellungen mit, das neue Album von Meat Beat Manifesto und den Soundtrack zu „Paterson“ von Sqürl, bleibe kurz bei Serge und Niclas hängen, lasse mir nebenan vor der Strohpinte von Helmut angesichts meines Vinyls in der Hand einige Plattenläden aufzählen, die vermutlich schon geschlossen waren, als ich begann, mir Musik zu kaufen, und schlendere dann durch die Sonne nach Hause.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#126 Man reiche die Erbsen

17. April 2018


Dienstag, 17. April 2018

Diese Natur auch immer! Vor kaum zwei Wochen noch schippten wir Schnee, heute kann man durch die Bäume vor lauter frischem Grün kaum noch blicken. Eben noch im Winterpelz gefroren, sind jetzt sämtliche Übergangsjacken eingemottet. War Draußensein noch kürzlich eine Drohung, will man sich jetzt kaum noch in geschlossenen Räumen aufhalten.

Dies ist nicht der einzige Grund, warum ich jetzt am frühen Nachmittag nicht ins Café Riptide gehe: Davor, im Achteck unter dem Sonnensegel, sitzen Uwe und Michael, schenken sich Club Mate in ihre Kölschstangen und genießen den Frühling. Da will ich mittun. André nimmt das Tablett, mit dem er die Getränke brachte, vom Tisch und fragt, ob ich mich der Runde anschließen will: „Hefe?“ Nein, ich dachte an Tullamore Dew, natürlich. Quatsch. Ein Milchkaffee soll es sein. André begibt sich ins Café und trifft im Türrahmen auf Chris, der ein Tablett trägt, auf dem er hochkant in Holzleisten aufgestellte Singles transportiert. Wir staunen, Chris enthüllt: Es handelt sich um Reservierungsschilder, heute hat eine Geburtstagsrunde Teile der Rip-Lounge gebucht.

Bei Geburtstagen oder anderen privaten Festivitäten auflegen ist für Uwe und mich ein undankbares Unterfangen. Die Gäste sind nicht wegen der Musik da und man selbst wird schnell zur eigengeschmacksbefreiten Jukebox degradiert. Das ist für uns auch aus der Gastperspektive häufig undankbar, bei solchen Veranstaltungen von einem Profiunterhalter beschallt zu werden. Kein Spaß etwa für die Metal-Fraktion, wenn der Konservenkasper auf Helene Fischer gebürstet ist und der Rest der Belegschaft das feiert. Solch eine Gästekombination sei nun mal schwierig, gibt Michael zu bedenken, da sei es nicht geholfen, statt Metal oder Disco eine Mitte suchen zu wollen, und lässt die Namen Felix Jaehn und Robin Schulz fallen. Die mir nichts sagen. Aktuelle DJs seien dies, „Fahrstuhlmusik“, so Michael. „Purple Schulz kenn ich“, sagt Uwe, und mir fällt Olli Schulz ein. „Olli Schulz müsste mal in Braunschweig spielen“, findet Michael. Hat er schon, im Vorprogramm von Wir sind Helden, seinerzeit im Jolly Joker. „Das muss aber schon lang her sein“, mutmaßt Michael und liegt richtig: Das war 2003, vor 15 Jahren, als noch niemand Olli Schulz kannte und er mit dem Hund Marie unterwegs war. Aber Michael will Olli Schulz in der heutigen Variante erleben. Ach ja, Braunschweig und seine Konzertbooker.

Dabei zeigt das alle zwei Jahre stattfindende Festival Theaterformen, dass man sehr wohl auch für Braunschweig geschmackssicher alternative Livemusik buchen kann. Das kostenlose Open-Air-Rahmenprogramm des Festivals war bislang immer respektabel bestückt. Die Fehlfarben sind für dieses Jahr angekündigt, leider kann ich an dem Tag nicht. „Ich auch nicht“, bedauert Michael. Uwe kann: „Wahrscheinlich ja, wenn‘s nix kostet und draußen ist.“

Keck grinsend steht Chris in der Cafétür, mit einer Schnur in der Hand, an die bunte Luftballons geknotet sind, auf denen mit der Hand geschrieben eine 15 steht. „So, wo ist dein Fahrrad?“, fragt er grinsend. Ähm, im Hinterhof meiner alten Wohnung rottet es vor sich hin. Kein Weg, den Chris auf sich nehmen will, also knotet er die Leine über der Rip-Lounge fest. Ein fünfzehnter Geburtstag also? „Ja, und es war ihr größter Wunsch, das im Riptide zu feiern“, erzählt Chris während seiner Überkopfarbeit. Vermutlich, weil es vom ersten Tag an ihr Lieblingscafé ist. Chris nickt: „Von Geburt an.“

Im Handelsweg ist es überraschend ruhig. Stefans Comiculture und Marions Fifty-Fifty haben Zulauf, in der Einraumgalerie findet Kreativberatung statt, alle anderen Anrainer haben noch nicht geöffnet. Michael und Uwe winken Nick zu, der auf dem Weg in die Einraumgalerie ist, sich kreativ betraten lassen. „Seid ihr nachher noch hier?“, fragt er die beiden, die das noch nicht abschätzen können, also verabreden sich die drei aufs Beliebige für später und Nick tritt in die Galerie. Michael blickt auf das verriegelte Café Drei und fragt, ob da was läuft.

Tut es, man sieht regelmäßig Leute auf den Bänken des früheren Bierteufels sitzen. Café Drei heißt es, weil es ursprünglich drei Leute gründeten, von denen heute nur noch Jessy übrig ist. Sie will das aber nicht dauerhaft allein machen und kündigte Zuwachs in der Chefetage an, als Henrik und ich auf Nexus-Indie-Ü30-Flyerverteiletour durch Braunschweig auch bei ihr einkehrten. Es ist gemütlich geworden, mit vielen bemerkenswerten Einrichtungsideen und einer ansprechenden Karte. Mutig indes, ein veganes Café gegenüber des veganen Cafés Riptide zu eröffnen. Ich spreche Chris darauf an, und er sagt: „Wir sind Nachbarn, wir sind nett zueinander, und wenn sie neue Gäste in den Handelsweg holen, ist das gut.“ Im Moment beobachte ich noch hauptsächlich Riptide-Gäste, die das Café Drei mal ausprobieren; das ist vermutlich für beide Cafés nicht dauerhaft ausreichend.

Dennoch begrüße ich es sehr, dass zurzeit in Braunschweig sehr viele Cafés eröffnen, die sich nicht mehr an das ungemütliche Szene-Diktat des rechteckigen Designs halten, sondern gemütlich ausgestattet sind und von freundlichen, unkomplizierten Menschen geleitet werden. Das Kiwi-Café in der Friedrich-Wilhelm-Straße gibt es schon etwas länger, das MokkaBär am Frankfurter Platz erst ab Samstag, den Schaumschläger hinter der Alten Waage habe ich zufällig beim Flyerverteilen entdeckt, in die Innenstadt zwängte sich das Café Atelier, und Michael zählt noch das Café Bruns in der Südstraße auf. „Da war ich schon zwei, drei Mal“, sagt Uwe, und mir geht es genau so.

Einmal hab ich mich genauer erkundigt. Alex, Pastor der Friedenskirche, gab mir Auskunft: Das Café Bruns ist nicht nach einem Nachnamen, sondern nach Brunswiek benannt und wird von einem eigens gegründeten Verein geführt, dem lauter Leute angehören, die eigentlich gar keine Gastronomieerfahrungen, aber jede Menge Leidenschaft haben. „Es soll ein Kultur-Treff-Ort werden“, sagte Alex und berichtete von spontan aus dem Publikum erfolgten Poesielesungen, die es künftig regelmäßig freitags dort geben soll. So etwas Ähnliches kündigt das MokkaBär an seiner Fensterscheibe auch an, nur mit Konzerten. Es tut sich was in Braunschweig. „Dafür gibt‘s das englische Café nicht mehr, hinterm Kleinen Haus“, bedauert Michael. Das Café Britannia sei vorher vom Steinweg umgezogen gewesen und habe leckere Scones feilgeboten. „Vielleicht ist es wieder umgezogen“, spricht Uwe ihm Mut zu.

Ein denkwürdiges Café entdeckten Andrea und ich kürzlich in Leeuwarden, das in diesem Jahr zusammen mit Valetta Kulturhauptstadt Europas ist und im niederländischen Friesland liegt. Ungefähr so groß wie Wolfsburg, listet es eine schier unüberblickbare Zahl an Plattenläden auf – und eine Metal-Kneipe namens Mukkes. Ostersonntag, wir traten um 21 Uhr zur Ladenöffnung ein und fanden uns in einem angenehm schummrigen, länglichen Raum mitten in der Innenstadt wieder, an dessen Wände Tausende Metal-Sticker prangten und ein Ortsschild von Roskilde. Der Barkeeper war um die 30 Jahre alt und mit hellen Dreads beknotet. Fröhlich pfoff er beim Kneipenvorbereiten sämtliche Melodien mit, die aus der Anlange quollen, und dabei handelte es sich zuvorderst um Death-Metal-Stücke, bei denen Melodien grundsätzlich kaum auszumachen waren, er beim genauen Hinhören aber zielgenau die Bassläufe erwischte. So derwischte er durch die Bar, illuminierte Kerzen für die Tische, schaltete die bunten Lampen in der auch als Livebühne genutzten Raucherlounge ein und verteilte in exakter Reihenfolge Bierdeckel auf der Theke. Mit Wischmopp und Besen jonglierte er zwischendurch auch noch. Und pfiff selbst die zermörteltsten Metalbrecher mit. Fehlerfrei. Wir staunten. Und bestellten Fassbier. Leider kein lokales, wie wir hofften, sondern – Bitburger. Also „Bitbörcher“, wie der Barkeeper sagte, mit einem R, das beinahe wie ein D klang, und einem CH tief aus der Kehle. Zumindest Andrea trank das, ich als Fahrer erlebte den Genuss des mehr oder weniger lokalen Amstel 0.0. Fröhlich pfiff der Barmann weiter, dieses Mal irischen Folk-Metal, den er bei Spotify auswählte, während er die Facebookseite der Kneipe aktualisierte. Aus der kleinen zweiten Raucherkammer mit dem Spielautomaten ließ ein einsamer Rastamann Grasschwaden zu uns herüberwehen.

So etwas passiert hier im Achteck selbstverständlich nicht, aber Michael entdeckt passend dazu die Ankündigung des nächsten Sound-On-Screen-Films an der Wand, „Space Is The Place“ von Sun Ra, der seinerzeit bei den Filmarbeiten sicherlich nicht ganz drogenfrei zu Werke ging. Michael, Uwe und ich sahen in dieser Musikfilmreihe von Universum-Kino und Café Riptide auch den Laibach-Film „Liberation Day“ und sind gleichermaßen begeistert davon. „Ich hab meiner Tochter etwas von Laibach vorgespielt, und sie sagte, das klingt wie Rammstein“, erzählt Michael kopfschüttelnd. Seine Tochter ist 20 Jahre alt. Er grinst, als er seine Replik darauf zitiert: „Nein, umgekehrt!“ Das wiederum durfte im Film nicht gesagt werden, darauf wiesen Interviewte und Abspann hin. Zumindest ist das unsere Mutmaßung: „Ich gehe davon aus, dass es Rammstein waren“, sagt Uwe.

Aus der Rip-Lounge dringen Geburtstagslieder. Wie wir so im Schatten die Sonne genießen, kommt mir gar nicht die Idee von Alltag, doch Michaels Mittagspause neigt sich dem Ende und er sich zum Gehen. Seinen Platz nimmt Nick ein, der aus der Galerie kommt. Dort gab es Beratungen für Freiberufler in der Kreativwirtschaft, mit der Nick bereits vor Jahren einige Erfahrungen machte: „Ich wollte wissen, ob sich etwas geändert hat“, erläutert er seine Motivation, an der Beratung teilgenommen zu haben. Nick, Uwe und ich tauchen tief ab im weiten und nicht immer zufriedenstellenden Themenfeld Braunschweiger Frei- und Subkultur.

Nick muss weiter, ich bekomme Hunger, Uwe hat schon gegessen, mit Michael, im Asia-Bistro, Katreppeln. Da habe ich mich auch schon einige Male gern ernährt. „Die Preise sind überschaubar, die Portionen nicht“, schwärmt Uwe und deutet mit einer Handbewegung einen Berg an, der sich auf dem Tisch türmt. „Erst nach einer halben Stunde essen kann ich sehen, wer mein Gegenüber ist – das mag ich.“ Auch mag ich Nem Grill, das vietnamesische Restaurant in der Innenstadt, und Uwe nickt.

Bevor ich dorthin gehe, informiere ich mich noch bei Chris über den Record Store Day am Samstag, die fröhliche exklusive Plattenschlacht der freien Händler. „Wir machen um 12 Uhr auf“, kündigt Chris an. Seit zehn oder elf Jahren nimmt das Riptide daran teil: „Seit den Anfangstagen von RSD Deutschland sind wir dabei“, so Chris. „Es kommen viele spannende Sachen raus“, sagt er und macht mir den Mund wässrig. Aber auch vieles, das nicht so spannend ist und das das Riptide deshalb schon mal gar nicht bestellt hat. Die ersten Lieferungen trafen heute bereits ein, Chris zeigt mir eine 7“ von Abba mit gelben Sprengseln auf transparentem Grund und ein Reprint von „Oh Carolina“ von Shaggy. „Das wird 25“, sagt Chris und schüttelt den Kopf über die verflogene Zeit. „Schon so alt.“

Und dann ist auch bald die Fußball-WM der Männer, keine zwei Monate mehr bis zum Anpfiff. „Wir zeigen alle Spiele draußen“, sagt Chris. „Wir freuen uns auf den Sommer und aufs Draußensitzen.“ Doch ist das für ihn noch sehr weit weg: „Mich hat das Fußballfieber noch nicht gepackt.“

Dafür packe ich die neue LP von Maceo Parker ein, „It‘s All About Love“, mit einem Bonus-Track auf Vinyl. Hab ich gar nicht mitbekommen, dass der ein neues Album hat. Seit 1994 höre und sammle ich den Saxophonisten, zumindest seine Musik, und das, obwohl ich ihn damals, mit 22, zunächst überhaupt nicht mochte. Seinerzeit war ich mehr als einmal pro Woche im Kino und sah in Broadway, Lupe und Scala II immerzu die Werbung für „Maceo“, einen Konzertfilm von Parker. Jazz, wie ich irrtümlich dachte, denn Maceo, früherer Saxophonist von James Brown, macht Funk, zumindest zu 98 Prozent, war in jenen Tagen noch nicht die Musik meiner Wahl. Bis ich den Trailer so oft sah, dass ich unbedingt den Soundtrack haben wollte. Fünf Jahre später trat Maceo Parker im FBZ auf, damals hielt ich den heute 75-Jährigen schon für alt, jaja, die Jugend, und mit einer Horde weiterer alter Männer machte er satte drei Stunden lang Party, Party, Party, bis der Schweiß uns in die Nacht spülte. Der einzige weiße Musiker sah aus wie Willie Tanner von Alf und der einzige Jugendlichge war Maceos Sohn Corey, der gelegentlich zum Funk rappte. Ein furioses Konzert! Auf dem neuen Album begleitet ihn nun die WDR Bigband, ich bin gespannt. Und erstmal hungrig. Wo mag ich mich nur sättigen – vielleicht in, haha, naheliegendes Wortspiel, Nem Grill?

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#123 Der kleinste Akt der Freundlichkeit

21. Januar 2018


Freitag, 19. Januar 2018

Beate schafft, was unmöglich scheint, immer wieder und heute erneut: „Anne Clark: I’ll Walk Out Into Tomorrow“, die Doku über die seit 35 Jahren aktive New-Wave-Poetin, läuft eine Woche vor dem Bundesstart in Braunschweig. Anlass und Rahmen ist die Musikfilmreihe Sound On Screen, die Beate als Vertreterin des Filmfests und des Universum-Kinos einmal im Monat mit dem Café Riptide ausrichtet. Für heute ist als After-Film-Programm ein Konzert der Band Atari Collage in dem Schallplattenladencafé vorgesehen.

Was Beate auch immer wieder gelingt, ist, das Kino auszuverkaufen. Sound On Screen hat sich im achten Jahr ihres Bestehens als verlässliche Reihe mit geschmackvollem Programm etabliert, und das honoriert das Braunschweiger Publikum mit Anwesenheit. Und mit Recht! Vor dem Film stellt Beate das Programm der Frühjahrsstaffel von Sound On Screen vor; zunächst läuft als dritter Film der laufenden Staffel im Februar „Score“ über Filmmusik an sich und nächste Woche mit „Bloodlight And Bami“ außer der Reihe eine Dokumentation über Grace Jones, dann folgen ab März „Liberation Day“ über Laibachs Auftritt in Nordkorea, „Wildes Herz“ über die linke Band Feine Sahne Fischfilet im rechts geprägten Mecklenburg-Vorpommern sowie in Zusammenarbeit mit der Initiative Jazz Braunschweig „Space Is The Place“ von Sun Ra aus dem Jahr 1974.

Bekannt und verlässlich tanzflächenfüllend bis heute sind die Hits „Our Darkness“ und „Sleeper In Metropolis“ der Londonerin Anne Clark. Obwohl beide Stücke grob dem wavigen Synthie-Electro zugeordnet sind, weckt Anne Clark Begeisterung bei einem Publikum, das nicht an Genres gebunden ist. Selbst Metalhörer sitzen heute im Kino, junge Leute indes kaum. Ja, die Hits sind aus den Jahren 1983 und 1984; seitdem hat Anne Clark eine Menge weiterer Platten in den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen veröffentlicht, und doch sind es diese beiden Lieder, für die sich die Leute auf die Tanzfläche oder eben ins Kino begeben. Eine Dokumentation über Anne Clark könnte Fans und Gelegenheitshörern also eine Menge Aufschluss geben.

Zehn Jahre lang, so kolportiert es die Info, begleitete Regisseur Claus Withopf die musikalische Poetin Anne Clark. Sein Film „I’ll Walk Out Into Tomorrow“ hat also das Potential, der Künstlerin so nahe zu kommen, wie sie es in den 35 Jahren ihrer Karriere so gut wie niemandem gewährte. Woran auch immer es liegt: Das Experiment geht gnadenlos schief. Der Fan gewinnt ein halbes Dutzend neue Erkenntnisse und der Nichtauskenner nicht wesentlich mehr. Was ist der Grund, hat der Regisseur keine Ahnung von seinem Job oder lässt die Porträtierte nicht mehr als das Bisschen zu?

Es geht damit los, dass Anne Clark zum Eingang darüber jammert, dass Plattenfirmen sie am Anfang ihrer Karriere über den Tisch gezogen haben. Damit eröffnet Withopf das Porträt mit einem Themenfeld, das man eigentlich gar nicht mit Anne Clark assoziiert: Kommerzialität, Kohle, Kapitalismus. Von Kunst keine Spur, und auch in den nächsten 80 Minuten erfährt man kaum mehr darüber. Es ist kein angenehmer Eindruck, den man so von Clark bekommt; der Film korrigiert dieses Bild nur unwesentlich, Clark wirkt verbittert, wenn sie spärlich Details aus ihrem Leben preisgibt. Nicht zuletzt die zwei Momente, die sie im Umgang mit ihren Mitmusikern zeigen, festigen den befremdlichen Eindruck von einer herrischen Dame, die rasch ungnädig sein kann.

Es kann also durchaus an Clark selbst liegen, dass der Film misslingt. Sie scheint sich die ganze Zeit über zu weigern, überhaupt mitzumachen. Wer weiß, ob sie beim Sichten des Materials nicht unablässig Szenen gestrichen hat, so dass für einen ganzen Film nur eine halbe Handvoll übrig blieben. Diese fügt Withopf nun ohne einen Hauch von Erzählstrang aneinander, getrennt durch Clarks Musikstücke. Möglicherweise greifen diese inhaltlich die vorangegangenen Themen auf und stellen so tatsächlich ein Bindeglied her; in ihrer Länge vermitteln sie eher den Eindruck von Füllmaterial, weil die reinen Erzählsequenzen zusammen keine Viertelstunde ergeben. Dabei beachtet Withopf keinerlei Chronologie; sowohl die Lieder als auch die Geschehnisse folgen keiner zeitlichen Abfolge. Vermittelnde Erklärungen, nicht nur für Neueinsteiger, fehlen vollends. Wer sich nicht zufällig mit Clarks Vita und Discografie einigermaßen auskennt, ist vollkommen aufgeschmissen. So ist etwa regelmäßig die Rede von einem Album, an dem Clark arbeitet; der Titel „The Smallest Act Of Kindness“ fällt keinmal, der Hinweis, dass das Album bereits vor zehn Jahren erschien, fehlt auch. Man könnte denken, es stünde ein brandneues Album zur Veröffentlichung an.

Withopf zeigt Clark an nur drei, vier verschiedenen Standorten, die meisten Szenen sind an ein und demselben Tag gedreht. Da begibt er sich dann einmal mit der Künstlerin nach London, um sich alte Wirkungsstätten zeigen zu lassen, die sie dann auch brav vorzeigt – und zu sehen bekommt man dabei lediglich Clark im Taxi, aber beinahe kein Stück von London. Noch schlimmer sind die Musikstücke unterlegt, nämlich mit schlechten Lettergrafiken, zumindest am Anfang, und das im Falle von „I Of The Storm“ auch noch fehlerhaft, nämlich als „Eye Of The Storm“.

Zwischendurch schimmert immer wieder durch, dass Clark sehr wohl Spannendes zu berichten hat. Doch sind diese Infos so reduziert, sogar mit Ansage, die Withopf nicht herausschnitt, dass sie auch in einem kurzen Bericht Platz gefunden hätten: Anne Clark wuchs in einem sehr gewalttätigen Umfeld auf, Sexualität war die erste nichtgewalttätige körperliche Erfahrung für die allen drei Geschlechtern gegenüber aufgeschlossene Frau, Clark ist zwar spirituell, verachtet aber Religionen, sie arbeitete eine Weile in einer Psychiatrie, die sie verließ, als die Mitarbeiter begannen, die Insassen zu drangsalieren, eine TV-Sendung über die Sex Pistols weckte den Punk in ihr, ihre Lyrik ist nicht akademisch, sondern emotional, und „Sleeper In Metropolis“ ist von einem Wohnblock in Croydon inspiriert.

Nicht erfährt man, was wann und warum geschah. Nach dem finanziellen Kollaps verbrachte sie einige Zeit in Norwegen; mehr als das berichtet niemand, den Zeitpunkt, die Dauer, den Grund für die Rückkehr. Man weiß nicht, wer die Stücke komponiert, die ihre Lyrik untermalen. Die Zeitpunkte und Orte der Liveaufnahmen und Viceoclips bleiben unerwähnt. Familienstand, Interessen abseits von Lyrik, Lebensweise, musikalische Sozialisastion: Die Künstlerin hält sich bedeckt. Und lacht auch nur zweimal. Gute Laune, so sagt sie, sei für sie nicht inspirierend.

Die Songs indes sind unantastbar. Da hat Anne Clark von Anfang an, also seit 1982, Glück gehabt: Obschon die Musik – wie knapp zehn Jahre zuvor bei Patti Smith – zur Begleitung ihrer Gedichte gedacht war, hatte sie immer Leute an ihrer Seite, die ihre Stücke auch musikalisch zu großartigen Werken machten. Und das in wechselnden Genres. Mit ihrem unverwechselbaren Vortragsstil zu diesen Songs, die keinen Popstrukturen folgen und trotzdem mitreißen, erarbeitete sie sich die Treue vieler Fans – und nicht etwa durch sexualisierte Weiblichkeit, die respektablerweise keinerlei Rolle bei der Darstellung dieser Künstlerin spielt. Das entspricht ungefähr dem Bild, das man als Publikum von Anne Clark hat.

Wer Anne Clarks Werdegang ohnehin verfolgt und bestenfalls noch ihre Semi-Autobiografie „Notes Taken, Traces Left“ gelesen (oder die Hörbuchvariante verinnerlicht) hat, ist am Ende besser bedient als mit diesem Film. Der unterstreicht höchstens die hohe künstlerische Qualität Clarks, mitnichten indes die des Regisseurs. So eine schlechte Musikerdokumentation war im Jahre 2018 und nach einer Vielzahl umjubelter Vergleichswerke, die zu einem großen Teil auch bei Sound On Screen zu sehen waren, nicht zu erwarten.

Immerhin, nach dem Film gehen die Meinungen dazu weit auseinander. Viele Zuschauer sind enttäuscht, andere jubeln. Besonders die gezeigten Songs wecken in vielen das Bedürfnis, sich einmal wieder mit Clarks Oeuvre auseinanderzusetzen. Das lohnt sich; ihre letzte Veröffentlichung war eine Single gegen Donald Trump, mit dem Titel „Donald Trumb Praesidend (Quack Quack)“, in Zusammenarbeit mit jemandem namens Ludwig London. Eher meiner Meinung ist unter anderem Micha, der uns in einer mitreißenden Anklage den Film zerpflückt. Er moniert, dass jemand zehn Jahre braucht, um Material für knapp 80 Minuten zusammenzutragen, und korrigiert seine errechnete Materiallänge mit jedem identifizierten Liveclip aus fremder Quelle.

Nur wenige Schritte weiter gelangen wir in den Handelsweg, in dessen Mitte sich nicht nur Kinogäste sammeln, um Getränke zu sich zu nehmen und auf das Anschlussprogramm zu warten. Wie vor, im und nach dem Kino schallt auch hier ein großflächiges Hallo durch den Abend, weil sich unablässig Menschen erfreut wiedersehen. Bald wummern die Beats von Atari Collage aus dem Riptide heraus, aber wir sind zu sehr in Gespräche vertieft, um uns ausführlich der Musik zu widmen. Micha zeigt Andrea, Maren, Jens und mir seine fotografierten Hunde, die er auf Instagram postete; ihm schwebt die Idee von einer Fotoausstellung im Café Riptide über wartende Hunde vor, unseren Zuspruch hat er, bei den herrlichen Beispielen, die wir zu sehen bekommen. Hunde gehen immer. Und Katzen. Schwarze.

Überraschenderweise treffen wir Schepper, seine Schwester Märry und ihren Freund Henrik in der Rip-Lounge. Sie haben Anlass zu feiern und tun dies ausgiebig. Extra dafür sind letztere zwei aus Dänemark angereist. Es bereitet mir immer ein großes Vergnügen, wenn Menschen Redewendungen aus ihrer Sprache ins Deutsche transportieren; auf Dänisch etwa ist es üblich, Ge- und Missfallen über Negation auszudrücken, ähnlich wie es Engländern nachgesagt wird. So empfindet Henrik, nachdem er Biernachschub aus dem Café holte, die Musik von Atari Collage als „nicht hervorragend“, Wolters aber als „nicht so schlecht“. Zumindest in letzterem sind wir uns einig, sofern ich die spärlich verfolgten Sounds rekapituliere, die zu mir herübergeweht waren.

So endet der Abend in einer mehr als unterhaltsamen großen Runde in der Lounge. Micha bringt noch Michel, Stef und Carsten herein, Jacqueline setzt sich dazu, das Lachen wird lauter, neue Verknüpfungen entstehen. Vom Film bleibt eine eigenwillige Enttäuschung zurück, aber nur über den Filmemacher, nicht über Sound On Screen oder irgendwen der Beteiligten; Braunschweig kann froh und dankbar sein über das, was Universum und Riptide hier präsentieren, und so umtriebig, wie Beate darin ist, exklusive Präsentationen direkt vor Ort bei den Verantwortlichen herauszuboxen, ist ihr nicht ansatzweise genügend Respekt und Dank entgegenzubringen. Und zu Hause hören wir uns einmal quer durch Anne Clarks Werk. Quack Quack.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#121 Trendsport Salzball

18. November 2017


Freitag, 17. November 2017

Wer zum Geier sind die Salty Ballz? Dieser Abend soll Uneingeweihten Antwort geben. Die Frage indes stellt sich nur denjenigen, die den dritten Teil des Metal-Malbuchs aus dem Verlag Andreas Reiffer mindestens durchgeblättert haben, denn in dessen Mitte findet sich das Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“ dieser Band, zu der es keinerlei Informationen im Internet gibt. Scharfe Augen erkennen in der rechten unteren Bildecke des Covers einen deutlichen Hinweis und ich den Träger dieses Hinweises sowie den Verleger am Eingang des Café Riptide.

Es ist halb acht, bei Stefan stehe noch Bücherkisten vor Comiculture, bei Helmut in der Strohpinte ist gut etwas los, aus der Einraumgalerie dringt Garage Rock, die Rip-Lounge ist gemütlich illuminiert, im Achteck vor dem Riptide stehen Pott und Andreas, beide in Salty-Ballz-Hoodies. Sie wollen mir erklären, wie es möglich ist, sämtliche Spuren dieser Band im Internet zu löschen, doch ich lehne dankend ab. Die beiden präsentieren heute „Wer malen will, muss voll aufdrehen“, das dritte Malbuch mit Metal- und Rock-Album-Covern, das Pott alias Patrick Schmitz mit Ideengeber Renatus Töpke bei Andreas Reiffer veröffentlichte. Pott hat für die Beschallung des Ereignisses eine Playlist erstellt, die viele Undergroundbands beinhaltet, und er nennt exemplarisch die Thulsa Doom aus Norwegen, die er auch für ihre Songtitel feiert, und das Label Bad Omen Records.

Auch das Riptide selbst ist anheimelnd ausgeleuchtet: Im Cafébereich sind die weißen, von Chrisse Kunst bemalten Lampen und der Spot auf den Mirrorball die einzigen Lichtquellen, den Schallplattenbereich räumt Chris gerade für die Show frei und lässt dort auch nur eine Lampe in der Ecke mit dem DJ- und Bücherpult eingeschaltet. Schepper lehnt an den abgedeckten LP-Boxen und trinkt Tee, ich habe etwas für ihn dabei, meine alte Lederjacke nämlich. Alex, die nachher die Kasse macht, auch: eine Tüte mit Perücken, Tattooärmeln und aufblasbaren Luftgitarren. Schepper fischt sich den Tattooärmel heraus, an dem Rest sollen andere noch Freude haben.

Nachdem Chris seine Arbeit abgeschlossen hat und sich wieder der Theke widmet, schichten Andreas und Pott Buch um Buch mit dem Schwertpunkt Metal aus dem Verlagsprogramm auf das Pult, und natürlich auch die drei bisherigen Malbücher. Axel, der bereits in Andreas‘ Verlag veröffentlichte, kommt dazu, begrüßt mich und dann Schepper mit Umarmung und undefinierbaren Verbaläußerungen und dann Andreas und Pott mit dezentem Handschlag und freundlichem „Guten Abend“. Wir wundern uns über diesen Unterschied. „Bei denen bin ich förmlicher“, erklärt Axel. „Hab ‘ne Geschäftsbeziehung.“

Heute ist die Fritz-Kola das Getränk meiner Wahl. Auf der Theke erinnert ein Schild an „free fallin“ Tom Petty, der am 2. Oktober starb. Für mich wäre Chuck Mosley auch so ein Schild wert gewesen, der Sänger der ersten beiden Alben von Faith No More. Pott drückt Schepper einen Stapel soeben ausgeschnittener Salty-Ballz-Sticker in die Hand. „Soll ich die auch draußen verteilen?“, fragt Schepper. Pott winkt ab und ihn davon: „Hauptsache, du bringst sie unter die Leute.“ Schepper nickt: „Dann lege ich sie unter die Leute.“

Zwischen die Bücher stapelt Andreas kleine Pizzaboxen, die alle drei Metal-Malbücher sowie einen Satz Buntstifte enthalten. Nur 99 Stück gibt es davon. Bunte, ein Neonfarben gehaltene Becher reiht er daneben auf und bestückt sie mit Buntstiften. Pott zerschneidet weitere Sticker-Paletten. „Oh nein“, ruft er, „jetzt hab ich in einen Aufkleber geschnitten.“ Schepper blickt auf einen der intakten und sagt: „Jetzt heißt es ‚alty Ball‘.“ Mit einem Edding schreibt Pott ein Plakat für den ausgelobten Luftgitarrenwettbewerb. Er stockt und fragt: „Wie schreibt man Gitarre, mit Doppel-R oder Doppel-T?“ Doppel-A, schlage ich vor, doch Andreas sagt: „B, A, Doppel-S.“ Schade, dass Schepper das grad nicht gehört hat.

Also, gemeinsames Ausmalen der Malvorlagen aus dem Buch, Luftgitarrenwettbewerb, was ist noch geplant? Bei der Ankündigung einer Release-Veranstaltung zu einem Malbuch erinnerte ich mich an die Lemmy-und-die-Schmöker-Show im Antiquariat Buch und Kunst, bei der das Cartoonistenduo Rattelschneck geladen war, Cartoons an die Wand projizierte und die Sprechblasen vormurmelte. Ein grandioser Abend. So soll es heute nicht werden, aber der Bassist der Salty Ballz gibt noch Autogramme, sagt Pott, und erklärt, dass das konsequent sei, stünde doch im Klappentext des dritten Malbuchs, dass der gestorben sei. Alex an der Kasse nimmt immer wieder Luftgitarren in Empfang und legt sie zu den anderen auf den LP-Boxen mit der Second-Hand-Ware. „Wie, Luftgitarre?“, fragt Stef irritiert, die mit Benedikt eben den Eintritt löste. „Das wusste ich alles gar nicht.“ Sie kündigte auf Kult-Tour Der Stadtblog die Veranstaltung gestern noch ohne diese Kenntnisse an. „Ich dachte, es wäre eine Malveranstaltung mit Musik.“ Pott am DJ-Laptop nickt: „Ist es ja auch.“

Stef stellt uns Benedikt vor. „Besucht ihn im Schlosscarree“, sagt sie. Dort hat er nämlich die Ausstellung „Zinkenpark Holz bewegt“. Benedikt bestätigt: „Ich bin morgen ab 10 Uhr da, und immer samstags, bis zum 1. Dezember.“ Stef zeigt Fotos und erklärt einiges zu der Schau, über Murmelbahnen, vor Ort gebauten und verkauften Kugelschreibern, eine Wippe, die auch Erwachsene nutzen können, eine Sitzbank aus einem Türblatt, Kinderfahrzeuge aus altem Werkzeug, einem Karussell. „Das ist gegenüber der Galerie auf Zeit“, sagt Stef, „schon ganz geil.“ Benedikt ist dabei gar kein Zimmermann: „Ich bin Facharbeiter für Holzverarbeitung.“

Die nächsten Gäste am Büchertisch sind Frank, Till und Helge. „Na, ihr Pfeifen?“, begrüßt Frank Schepper und Axel. Till macht den Leisefuchs und Helge interessiert sich für die ausgelegten Bücher. Ihm fällt das „Braunschweig-Malbuch“ von Roberta Bergmann ins Auge, das aber mit den Metal-Malbüchern nur gemein hat, dass es in Andreas‘ Verlag erschien. Andreas erklärt, dass das Besondere daran ist, dass man Braunschweiger Sehenswürdigkeiten nicht einfach auszumalen hat, sondern zu ergänzen, zum Beispiel die fehlenden Bilder im Herzog-Anton-Ulrich-Museum oder den Fußball von Konrad Koch. „Weitermalen, nicht nur ausmalen“, sagt Andreas.

Frank, der mit Till und Axel das Heavy-Metal-Lesetrio „Read ‘em All“ bildet, war vor 30 Jahren Mitglied der Band Salem‘s Law, deren Cover zu „Tale Of Goblins‘ Breed“ im dritten Malbuch enthalten ist. Jetzt drängt Frank nämlich mit seinen Ex-Bandmitgliedern Stefan und Volker zum DJ-Pult vor und beschwert sich grinsend bei Pott: „Du hast mir vier Belegexemplare geschickt, aber wir sind fünf in der Band!“ Aus dem vorbereiteten Ausmalstapel vor mir reiche ich Stefan das Cover von Salem‘s Law. Das war ein Volltreffer, ein versehentlicher: „Das habe ich gemacht“, sagt der Gitarrist. Und zwar nur das. Er war ansonsten gar nicht gestalterisch aktiv, nicht vorher, nicht danach. „Wir brauchten damals ein Cover, da hab ich einfach angefangen“, erzählt Stefan. „Wir hatten Kunst in der Schule“, sagt er schulterzuckend. „Ich war gut im Plagiieren.“ Auch das Cover von „Tale Of Goblins‘ Breed“ sei teilweise plagiiert, aber die Quelle gibt er nicht offiziell preis. „Das Bild ist getuscht, mit Tusche“, erzählt er weiter. „Eigentlich wollte ich das mit Airbrush machen, aber ich hatte die Zeit nicht, mich mit Airbrush zu beschäftigen.“ Er sinniert: „Heute würde man das in Photoshop machen.“ Meine Ausmalvorlage des Covers reicht er an Andreas zurück: „Ich leg‘s wieder hin, ich hab‘s ja schon mal ausgemalt.“ Sogar in Textil: „Wir haben T-Shirts mit dem Cover gedruckt, in Schwarzweiß, davon hab ich zehn Stück ausgemalt, mit Klamottentusche, erst nur für mich, dann kamen Leute, ‚oh, ich will auch so eins‘.“

Jetzt beginnt der offizielle Teil, Andreas und Pott ergreifen das Mikrofon. Der Ideengeber Renatus sei erkrankt, berichtet Andreas, lasse aber grüßen: „Ich glaub, es ist die Männergrippe.“ Er berichtet, dass Renatus mit dieser Idee und einer Liste von einverstandenen Metalbands an ihn herangetreten sei: „Ich hab noch nie so kurz überlegt, ob ich etwas mache.“ Nicht nur Metal sei im ersten Buch enthalten, auch Rock, zum Beispiel Die Ärzte, mit dem vergleichsweise schlichten Cover zu „Die Bestie in Menschengestalt“, aber auch Komplexes wie Flotsam And Jetsam. „Doomsday For The Deceiver“, grunzt Helge neben mir und nickt anerkennend. Frank wirft ein: „Da kann man schon Metal zu sagen.“

Illustrator Pott erläutert den Produktionsprozess: „Das Spannende ist, man muss nix neu kreieren, sondern nur Metal-Cover zum Ausmalen machen, das geht flott, da hatt ich ein bisschen Bock drauf.“ So richtig flott gingen nicht alle von der Hand, Andreas hält exemplarisch die LP „Terminal Earth“ von Scanner hoch, mit einigem Nebel auf dem Cover. Da sei es schwierig gewesen, den Nebel in Outlines darzustellen, so Pott: „Da muss man seinen eigenen Stil einfließen lassen.“ Das Schönste sei für ihn „A Twist In The Myth“ von Blind Guardian gewesen: „Da denkt man, das ist einfach, aber der Drache, mit Outlines – wo hängt der Fuß?“, Pott grinst: „Da muss man aufpassen, dass es nicht wie ein Klumpen aussieht.“

Renatus habe Andreas „im Fieberwahn“ gefragt, ob ein vierter Teil auch noch drin sei, und „To Hell With The Devil“ von Stryper vorgeschlagen. Pott nimmt den Vorschlag auf: „Der vierte Band soll true bleiben, das wird ein christliches Metal-Malbuch, mit christlichem Doom-Metal.“ Andreas kehrt zu Details zum neuen dritten Buch zurück, er nennt Salem‘s Law. Das Publikum bleibt still, er wundert sich: „Ich will was hören!“ Endlich brechen die anwesenden Bandmitglieder und deren Fans in Jubel aus. Doch beinhalte das Buch eine Band, die „noch legendärer“ sei: Salty Ballz. „Der Sänger hat das Vorwort geschrieben“, verkündet Andreas.

Jetzt schwenkt Andreas ins Programm des Abends über: „Eine Lesung ist schlecht möglich“, stellt er fest. „Obwohl heute internationaler Vorlesetag ist, aber wir haben andere Sachen mit euch vor.“ Da wäre der Malwettbewerb, für den er die Buntstifte und Malvorlagen an den Tischen verteilt. „Ihr könnte auch was dazumalen“, regt er an. Vorn steht eine Box bereit, die die mit Namen versehenen Beiträge aufnimmt. Preise gibt es auch, so Pott: „Salty Ballz haben uns Merch zur Verfügung gestellt.“ Eine Jury soll auch noch gebildet werden, zwei Freiwillige sind dafür erforderlich, es melden sich Helge und Ulrike. „Und wir haben einen Überraschungsgast“, sagt Andreas: „Ein prominenter Musiker, der signieren wird.“ Pott ergänzt den Luftgitarrenwettbewerb, für den es Preise und bei Bedarf Verkleidungen gibt, aber eine aus Zeitgründen limitierte Teilnehmerzahl. „Imitiert?“, versteht Helge neben mir. Pott nickt und ergänzt „ein kleines Wortspiel: Wer zuerst kommt, ha-ha, malt zuerst“. Das Publikum quittiert das mit einem einmündigen „Höy!“

Die Musik metalt, das Publikum malt, Karsten und Axel unterhalten sich biertrinkend an der Theke. Vielschreiber Axel hat seit einem Jahr nichts veröffentlicht, und Karsten berichtet, dass er von Axels Plänen zwar weiß, die aber geheim seien. „Die sollen erstmal die alten Bücher leerkaufen“, sagt Axel lachend. Auch Karsten hat Projekte am Start, erst heute erhielt er von einem renommierten Verlag die Anfrage, ob er zu einer Sammlung einige Cartoons beisteuern wolle. Im Frühjahr gebe er dazu Genaueres preis: „Das ist auch noch geheim.“

Jetzt ist es so weit, Der Bassist der Salty Ballz tritt an das Pult. Wilde schwarze Mähne, Lederjacke, Shirt der eigenen Band, knallenge Jeans, Cowboystiefel, Sonnenbrille: Aaron Jeffreys, der sich als AC vorstellt. „Ich spreche ein bisschen Deutsch“, radebricht er amerikanisch, „das ist einfacher für euch.“ Er blickt sich im Riptide um: „Ihr wisst gar nicht, was ihr für ein Juwel hier habt“, sagt er. „Braunschweig ist besser als LA, vor allem seit den Nineties.“ Er nimmt Bezug auf die Geschichte, er sei mit einer geleasten Corvette verunfallt: „Das stimmt nicht, die war gestohlen.“ Er setzt nach: „Von mir.“ Vince Neil sei die gefahren. „Ich saß auf der Rückbank und hatte Besseres zu tun als zu fahren.“ Außerdem lobt AC die Idee der Metal-Malbücher: „Mandala ausmalen sucks.“ Ich lasse mir natürlich sofort auf mein Salty-Ballz-Cover ein Autogramm geben. So riesig ist der Ansturm gar nicht, denn die meisten Anwesenden haben Schepper sofort erkannt, was bei der Verkleidung echt eine Leistung ist.

Das Cover des Graveyard-Albums hat Katzleen gestaltet und steckt es in die Box. „Weil‘s mir einfach gefällt“, erläutert sie ihre Motivwahl. „Ich habe vollkommen nach Optik entschieden.“ Sie arbeitet beim Stadtmagazin Subway, das diesen Monat seinen 30. Geburtstag feiert. „Ich habe ich meinen Freund mitgeschleppt, der zwar nicht malt, aber Metal mag“, erzählt sie. „Es ist total verrückt, mal nicht zu Hause zu malen, sondern hier mit vielen Leuten.“ Das Malen ist ihr also vertraut. „Zu Hause aber nicht Ausmalbücher“, bestätigt sie, „und nur zur Entspannung.“

Eben noch poste Volker mit Frank – in orangefarbener Perücke – und AC zu einschlägigen Metal-Hits aus Potts Playlist, jetzt erzählt er Schepper und mir einige Details zur Geschichte von Salem‘s Law. „Wir sind hier heute nur zu dritt, weil Kui kein Whatsapp hat“, stellt er feixend voran. Zum Schluss bestand die Band aus nur vier Leuten, ansonsten immer aus fünf: „Zur Album-Veröffentlichung waren wir fünf.“ Der Sänger war Backi: „Den haben wir irgendwann ausgetauscht gegen Harro, das hat aber auch nix gebracht.“ Als sie nur zu viert waren, übernahm Kui den Gesang: „Aber Kui hat ja kein Whatsapp.“

Die Original-Salem‘s-Law mit Backi als Sänger treffen sich auch heute noch. „Cool“, findet Schepper. „Und weißte, warum?“ fragt Volker. „Weil‘s irgendwann Emails gab.“ Einer hatte noch Kontakt zu einem zweiten und trommelte übers Internet die ganze Band zusammen. Zuerst checkten alle ab, ob man sich noch mag: „Und aus einem ‚Mann, seid ihr fett geworden‘ ist ein Stammtisch geworden.“ Schepper erzählt, dass er das von seiner ersten Band auch so kennt. Als „Die drei B“ bezeichnet er das erste Wiedersehen nach Jahren: „Bärte, Brillen, Bäuche.“ Er erzählt, dass irgendwann einer zu einem Treffen mit einer halben Kiste alkoholfreien Bieres ankam und alle sich freuten: „Früher hätten wir den verhauen.“

Das zweite Album von Salem‘s Law gibt es ausschließlich als Bonus zu „Generation Rock“, einem Buch von Frank Schäfer. „Da waren wir zu viert“, erzählt Volker weiter. Zwischen den Alben nahm die Band mit Harro ein Demo auf, nur etwa drei Songs. „Damals wart ihr auch im Fernsehapparat“, erinnert sich Schepper. Volker bestätigt, bei Tele 5, im Rahmen der Sendung „Hard And Heavy“, die ein Pendant zu „Headbanger‘s Ball“ auf MTV gewesen sei. Dort gab es Konzertausschnitte und ein Interview mit Salem‘s Law zu sehen, „das war mit Backi“.

Was ich nicht wusste, ist, dass es vor fünf Jahren auf einem polnischen Label ein Rerelase des vergriffenen und teuer gehandelten „Tale Of Goblins‘ Breed“ gab, mit fünf Livetracks als Bonus. „Die Originaltapes aus dem Studio gab‘s leider nicht mehr“, bedauert Volker. Damals habe die Band lediglich einen Demo-Mix zur Vorlage beim Label angefertigt, aber: „Das Label hat gesagt, ist geil genug“, so Volker. Und er stimmt der Aussage zu, nach entsprechendem Feedback von anderen Labelbetreibern: „Das war genau richtig, das hat das Rohe, Rauhe, ist nicht so glatt wie mit Seide überzogen.“ Für das Remaster hatte Volker „glücklicherweise“ noch ein DAT-Band von den Aufnahmen.

Die Künstler sollen jetzt gekürt werden, Ulrike, Helge, Andreas und Pott sind sich einig. „Die Kürung fiel uns schwer“, sagt Ulrike und schwärmt: „Es war uns eine Wonne, euch zuzusehen.“ Sie spricht von „harten Kämpfen“ in der Jury, „Pott sagt Streit, ich sage harte Kämpfe“. Die Auswahl sei nach Motiv erfolgt, sagt sie, und Pott quittiert dies mit einem knappen „nein“. Harte Kämpfe, in der Tat! Zwei dritte Plätze lobt die Jury aus, für Ben und für Kassiererin Alex, dafür keinen zweiten und weitere zwei erste, wiederum für jemanden namens Alex und für Katzleen. Der oder die zweite Alex lässt sich indes zur Preisübergabe nicht blicken. „Wo ist Alex?“, fragt Pott. „Hier gewinnen und dann nicht abholen, das haben wir gerne.“ Er grinst: „Es war vorher abgemacht, wer gewinnt und nicht abholt, zahlt die Zeche für uns.“

Zu den Preisen gehören Malbücher und Salty-Ballz-Jutebeutel, die Pott und Andreas auch beim abschließenden Luftgitarrenwettbewerb vergeben. „Tü-ten, Tü-ten“, skandiert das aufgebrachte Publikum unablässig, während wiederum Ulrike und Alex ihre Luftgitarren zu Wolfmother und Iron Maiden schwingen. „Zwei Leute ist ein Contest“, meinte Andreas im Vorfeld zuversichtlich, weil einige Nominierte ihre Namen von der Liste strichen. Die Stimmung kippt ins Ausgelassene. Pott startet Maiden. „Lauter“, brüllt das Publikum, und als Pott lauter dreht, „schneller!“ Pott revanchiert sich, indem er den Unmut der Gäste damit erregt, dass er despektierlich von „Iron Dings“ spricht. Tumult, Aufruhr und Empörung! Also ein Fest.

Es ist nach Mitternacht, ich begleite AC in den Backstagebereich, der sich ganz Rock‘n‘Roll-like im Eingang schräg gegenüber in der früheren Toilette des Riptide befindet. Die anderen Jungs sind neidisch auf mich. Die Mädels nicht so. Wir werden alle nicht jünger. Hauptsache, die zuckerfreie Cola knallt noch ordentlich rein. Metal!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
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Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.November 2018:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO + FR: 16.00 bis 1.00 Uhr*
SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
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