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#149 Ein Pint Guinnes auf der Autobahn

20. Februar 2020


Dienstag, 18. Februar 2020

So viel Umbruch im Café Riptide, so viele Gerüchte im Umlauf, so viele offene Fragen! Sicher ist: Der jetzige Standort ist nicht zu halten, das Café muss nach über zwölf Jahren aus dem Handelsweg wegziehen. Leider. Doch es gibt eine Zukunft, das stellen Chris und André in Aussicht, nur über den neuen Ort schweigen sie sich noch beharrlich aus, auch den Medien gegenüber, die etwas vom Magniviertel spekulieren. Ob das überhaupt stimmt und wenn ja, wo genau, also in welcher Nachbarschaft, spoilert indes niemand.

Was das für die gegenwärtige Nachbarschaft bedeutet, also den Handelsweg, wer also Nachmieter vom Riptide wird, ist ebenfalls offen. Konzerte zumindest richtet nun auch Stecky aus, der ja seit Sommer das Tante Puttchen betreibt und sich im Herbst auch das leerstehende Café Drei gegenüber sicherte, um es als „Kleiner Onkel“ für private Feiern zu vermieten oder eben Konzerte dort auszurichten. Von Iggy weiß ich zum Beispiel, dass er Gaea, einen befreundeten Hiphoper aus Portugal, bei Stecky unterbrachte; vergangene Woche trat der dort mit JPen aus Braunschweig auf. Das läuft also weiter.

Ich jetzt auch, und zwar ins Riptide, nicht, um möglicherweise Fragen beantwortet zu bekommen, sondern um Schepper zu treffen. Den sehe ich dort aber noch nicht, dafür laufe ich an der Theke Robert in die Arme. Der lässt sich von André über eine gesuchte Schallplatte beraten und hat dort außerdem seinen Kistenfund abgelegt, die „Sensation EP“ von Slut als 10“. Von denen hat Robert bislang nur eine CD, „Songs aus der Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 2006: „Die spielen sie anders als Kurt Weill, in ihrer Instrumentierung“, erklärt Robert, und davon sei er so begeistert, dass er sich eben zehn Jahre später „nebenbei“ einfach mal diese Schallplatte mitnehmen möchte. Beide wissen wir, dass die Band aus Ingolstadt kommt, aber nicht, ob es sie heute noch gibt. Robert dreht die 10“ um und entziffert das Kleingedruckte: „1997 aufgenommen in Weilheim, von Console“, stellt er fest. „Aha, die stecken alle unter einer Decke!“

Jetzt hat André nach Blick in den Computer Auskünfte zu Roberts Vinylwunsch. Dabei handelt es sich um Fugazi, „etwas aus der Vergangenheit“, erzählt Robert: „Ich habe etwas gesucht und im Keller alte Kassetten entdeckt.“ Die schleppte er in seine Küche, denn dort hat er noch einen Kassettenrekorder stehen: „Also höre ich sie“, er druckst etwas, „beim Abwaschen.“ Darunter eben die „Repeater“ von Fugazi, außerdem NoMeansNo und Primus. Gutes Zeug, und gerade heute las ich, dass Primus mit einem Tribute-Programm für Rush auf Tour gehen, vermutlich anlässlich Neil Pearts Tod. Das passt gut, weil Primus‘ Debüt mit einem Rush-Zitat beginnt: Das Intro von „YYZ“ eröffnet „John The Fisherman“ auf der „Suck On This“.

Bei so viel altem Zeug kommt Robert jedenfalls gar nicht hinterher, das ganze Neue aufzuarbeiten: „Ich habe für ein Jahr Bücher und Musik liegen“, winkt er ab. Und erklärt, dass er sich gern quasi an etwas festbeißt, das ihn begeistert, und es „dauernd“ immer wieder hört, auch ältere Wiederentdeckungen. Außerdem ist er seit einigem Monaten Teil einer sechs-, siebenköpfigen Gruppe von Leuten, die sich einmal im Monat ihre Lieblingsmusik vorspielen: Jeder bringt eine viertelstündige Auswahl mit und erläutert, was ihm daran so wichtig ist, und das Ganze im Rahmen eines Essens. Noch mehr Material zum Hören also: „Das gab einen großen Haufen neuen Input“, strahlt Robert, „das bereichert mich.“ Wie der ganze soziale Austausch dieser Abende überhaupt: „Statt Spielen oder sich sinnlos betrinken.“ Die Stilpalette der Runde sei sehr breit, erzählt er: „Eine kommt aus dem Bereich Doom-Metal, das ist eigentlich nicht meins.“ Doch habe sie immer etwas dabei, das ihn begeistere.

Dabei ist Robert selbst ein Musiker, der begeistert: Zuletzt sah und hörte ich ihn im Oktober beim von Amy-Baker-Schlagzeuger Paul organisierten Open Arsch (Closed) im Wolfsburger Hallenbad, als er mit Lump auftrat. Robert erlebe ich als Antithese zum Hybriden, sozusagen als Weder-Noch: Er spielt weder Rhythmen noch Melodien auf seiner Gitarre, sondern – beides, und auch beides nicht, aber einem beim Jazz geschulten Noiserock entlehnt, lückenhaft, dezidiert, eigenwillig, unvorhersehbar, einnehmend, groovend.

Auch Robert bewegt die Frage nach dem Weitergehen im Riptide, von André möchte er wissen, ob es eine Lücke zwischen Schließung und Neueröffnung geben wird. „Vielleicht eine Woche“, sagt André. Ab Anfang März wird das alte Riptide „für eine gewisse Zeit“ geschlossen, weil dann der Umzug beginnen soll, und das Neue soll „Anfang, Mitte April“ an den Start gehen. „Hier wird auch aufgemacht“, sagt André, für eine Art „Abrissparty“, aber: „Die Platten sind dann schon rübergebracht.“ Noch mehr Details dazu habe Chris, der das Projekt parallel voranbringt und deshalb nicht hier vor Ort ist.

Für mich bedeutet das zumindest, dass ein riesiger Wunsch noch in Erfüllung geht: Ich lege einmal im Rahmen von Sound On Screen im alten Riptide auf. Mit keiner Einrichtung war ich jemals so eng verbunden wie mit dem Café Riptide, da stand ich am allerersten Tag an der Theke, damals, 16. September 2007, mit Micha, den ich da erst kennenlernte. Einen Monat später begann ich diese Chronik, ich hatte bald danach eine Fotoausstellung mit einem Auftritt von Schepper, Toddn veröffentlichte Auszüge aus dieser Chronik als Buch und ich las im Riptide daraus vor, abermals mit Schepper sowie mit Sibylle als Moderatorin, einmal legten Uwe und ich im Café auf – und überhaupt erlebte ich ausufernd viel in diesem Riptide, das für mich und mein Leben eine erhebliche Bereicherung ist. Ich bin André und Chris unendlich dankbar für all diese Erlebnisse, und die Aftermovie-Party von Sound On Screen bestreiten zu dürfen, ist eine riesengroße Ehre für mich. Am 19. März läuft im Universum-Kino „Mystify“, die Dokumentation über INXS-Sänger Michael Hutchence, und ich darf anschließend meine liebsten Achtziger-Hits spielen.

Die darauf folgenden beiden Filme der Reihe sind „Elektrokohle (von wegen)“ über die Einstürzenden Neubauten am 17. April, an dem wir dumerweise parallel mit Rille Elf den 23. Ball im Bierhaus ausrichten, und die Dokumentation „Cairo Jazzman“ am 28. Mai. Unter beiden Filmen steht auf dem Flyer explizit, dass das Folgeprogramm im Riptide stattfindet; im April eine themengemäße DJ-Party und im Mai ein exklusives Konzert mit dem Laokoon Trio. Das regt natürlich zu Spekulationen an: Wenn der Mietvertrag erst Ende August ausläuft, sind damit dann noch die alten Räume gemeint – oder übernehmen Chris und André den vertrauten Namen für den neuen Ort und die Shows laufen dort? Sicher ist: Es geht weiter, und das beruhigt.

Und noch ist von einem Ende im Riptide auch nichts wahrzunehmen, sieht man einmal von den leeren Wänden ab, an denen zurzeit keine Kunst hängt, aber das war auch früher schon immer mal so, zwischen zwei Ausstellungen sind die Wände eben kahl. Ansonsten ist alles wie immer. Die Weihnachts-CD von The Twang liegt neben der Muffin-Vitrine, der Stapel Riptide-Aufkleber auf der Theke will dezimiert werden, alle Tische sind belegt, Gäste lümmeln sich auf dem Sofa, die Glitzerkugel strahlt, die Spiele stapeln sich am Fenster, neue Platten stapeln sich in den Fächern. Alles ist so vertraut.

Auch eine rote Kerze brennt noch auf der Theke. Daneben steht das Bild von Dirk, der einen Tag vor Silvester verstarb und der für viele Menschen, nicht nur aus dem Riptide, ein wichtiger Freund war. Aktiv war Dirk im Nexus, und dort fand im Januar auch die Trauerfeier für ihn statt – so warmherzig, so emotional, so berührend. „Für immer mit uns“, steht auf dem Foto im Riptide, und „Rest in Power“ schrieb das Nexus auf ein großes Transparent. Das hing auch am zurückliegenden Wochenende noch dort, als das Nexus den 15. Geburtstag feierte und immer wieder an Dirk erinnerte. Der Filmabend am Donnerstag etwa war ihm gewidmet. Ich lernte Dirk in meinem Auto kennen, als wir 2016 mit Nils nach Wolfsburg ins Ost fuhren, um dort Der Weg einer Freiheit zu sehen, wobei die beiden eher wegen der Band Fäulnis dort waren. Nicht nur bei den Indie-Ü30-Partys und im Nexus-Plenum traf ich Dirk danach immer mal wieder. Es rührt mein Herz, wie man allerorts seiner gedenkt.

Schon merkwürdig: Vor fünf Jahren bereits wurde mir bewusst, dass die Indie-Ü30-Party nur zwei Jahre jünger ist als das Nexus, und je älter beides wird, desto geringer scheint dieser Abstand in der Relation zu sein. Irgendwann empfinde ich beides womöglich als gleichalt, dabei war das Nexus für mich bereits etabliert, als Henrik und ich dort 2007 wegen der Party vorsprachen. So ähnlich ging es wohl auch der Tochter eines Bekannten, die bei der Geburtstagsfeier am Samstag meinte, das Nexus gab es schon, als sie begann, wegzugehen: „Es muss also älter sein als ich!“ Vielleicht stimmt es also, was Plautzenotto Nils als Sänger von E-Egal kurz darauf behauptete, dass das Nexus nämlich bereits 750 Jahre alt ist.

Ganz abgesehen davon, dass E-Egal vortrefflich mitreißenden Skapunk auf das rappelvolle Nexus niedergehen ließen – wie allein der Bass groovte! –, zeichnete sich Nils ohnehin durch humorige Ansagen aus. Der Bruder des Kackschlacht-Musikers Thomas, bei E-Egal an der Gitarre, sei nach Essen gezogen, brüllte Nils in die Menge: „Und wisst ihr, wer da herkommt?“ Erwartungsvoll blickte er in die Gesichter der verwirrten Leute, die eigentlich tanzen und feiern wollten, und löste dann selbst: „Juliane Werding!“ Nun, der offenbar erwartete Effekt blieb etwas aus, aber wenigstens Thomas murmelte: „Was du alles weißt!“ Nils setzte fort: „Und für welches Lied ist sie bekannt?“ Thomas riet: „Ein bisschen Frieden.“ Entnervt sah ihn Nils an: „Das war doch Michelle!“

Das kunterbunte Familientreffen endete mit einem Pleasure Park, Chris‘ früherer Partyreihe im Nexus. Henrik und ich wiederum legen am 28. März wieder im Nexus auf, bei der 26. Indie-Ü30-Party. „Wir wechseln zum zweiten Mal das Jahrzehnt“, stellte Henrik kürzlich fest. Und das mit einer lustigen Idee, die wir mal eben im Auto von Celle nach Hohnhorst hatten. Ein Geschenk!

Plötzlich steht Schepper neben mir. „Ich hab dich schon von gegenüber gesehen“, erzählt er. Da trieb er sich also herum, in der Rip-Lounge! Bei Melissa gibt er seine Bestellung auf: eine Fritz ohne Zucker und eine ganze Kanne Ingwertee. Ich schließe mich mit einer Karamellfritz an und folge ihm in die Rip-Lounge. Dort blättert er am großen Fenster sitzend in seinem Musiker-Magazin und sinniert wehmütig über diesen fabelhaften Ort. Es ist schön, dass es mit dem Riptide weitergeht, und es ist schade, dass es nicht hier ist, da sind wir uns einig. „Das Riptide ist wie ein Raumschiff, das hier gelandet ist“, versucht sich Schepper an einem Bild.

Die Wand neben Schepper ist blank: Dort hing bislang noch der „Tat-O-Mat“, der Kunstautomat der Künstlerinnengruppe Tatendrang. Für uns liegt die Vermutung nahe, dass das auch schon mit dem Umzug zusammenhängt. Wir betrachten den Sound-On-Screen-Flyer mit dem Programm von März bis Mai, der in dem Speisekartenhalter vor uns klemmt, und freuen uns, dass diese Reihe offensichtlich fortbestehen wird. Die Filme an sich sind zwar sicherlich auch ohne Aftershow zeigbar, aber mit dem Riptide hat Sound On Screen einfach einen viel größeren kulturellen Wert. Oder, wie Schepper es ausdrückt: „Das Riptide ist für Sound On Screen die Sahne mit Kirsche auf der …“ Er überlegt kurz und ruft dann: „Pizza!“ Kopfschüttelnd stellt er fest: „Ich hab Wortstörungsfindung.“

Durch zwei Scheiben erblickt Schepper gegenüber im Café Jörg, seinen Physiotherapeuten. Und Jörg kommt noch kurz zu uns herüber, bevor er nach Hause geht. Schepper und er plaudern über Musik, und dabei lässt Schepper durchblicken, dass auch Jörg einmal Bassist war. Kann man denn irgendwann nicht mehr Bassist sein? Das ist wie mein Lieblingsdialog aus dem in Italien spielenden Film „Rosannas letzter Wille“, als Rosanna ihren Mann im Flugzeug fragt, ob der Bürgermeister von New York eigentlich immer noch Italiener sei, und ihr Mann, gespielt vom marokkanischstämmigen Franzosen Jean Reno, perplex antwortet: „Wie kann jemand aufhören, Italiener zu sein?“ Jörg war aktiv und ist es nicht mehr, sagt er, beispielsweise war er „Aushilfe“ bei den Giraffe Men, mit denen er vor zehn Jahren durch Italien tourte. Andere Bandnamen mag Jörg nicht verraten: „Ich hab meine Interessen verlegt.“ Und den Bass an die Tochter einer Freundin weitergereicht, die in einer Punkband spielt.

Immerhin erwähnt Jörg, dass er mal mit einer Band für die UK Subs in Berlin das Vorprogramm bestritt. Und erzählt, dass er im Dezember im Melkweg in Amsterdam New Model Army sah, und da auf einem im WC-Bereich hängenden Plakat erfuhr, dass die UK Subs immer noch auf Tour sind. Das stimmt, ich sah sie im Januar mit Hoax in Schweimke im Schützenhaus. Ein Dienstagabend und 500 Leute strömten in dieses abgelegene Heidenest. Charlie Harper mit 75 am Mikrofon zu sehen, machte zudem Hoffnung fürs eigene Altwerden.

Interessant für einen Physiotherapeuten finde ich Jörgs Selbsteinschätzung, er habe „zwei linke Hände“, wie er in Bezug auf seine Inaktivitäten im Internet bemerkt. Sobald er einen Computer einschalte und online gehen wolle, stürze alles zusammen. Deshalb ist er auch nicht bei Facebook und solchen Plattformen registriert. Nicht schlimm, findet er: „Ich bin ausgefüllt – was mich erreichen soll, das erreicht mich auch.“ Und sei es über Tourplakate in niederländischen Clubtoiletten.

Da Jörg Scheppers Physiotherapeut ist, freut sich jener, dass er überall an wichtigen Positionen seines Lebens von Bassisten umgeben ist. À propos, was wird denn aus dem Bassstammtisch, wenn das Riptide umzieht? Daran dachte Schepper noch gar nicht: „Der bleibt im Riptide!“, ist seine impulsive Reaktion. Das wolle er Chris und André noch mitteilen, da sei er konservativ: „Manche Sachen müssen einfach bleiben, es gibt keinen Bassexit!“

Jörg und Schepper sind nun unterwegs nach Hause, ich schließe mich gleich an. Imke nimmt nach Andrés Feierabend dessen Platz an der Theke ein und unterstützt damit Melissa, die in der Küche arbeitet. „Ich geh mit“, sagt Imke, als ich sie frage, ob sie dem Riptide auch nach dem Umzug treu bleibt, „und Melissa auch“, deutet sie in die Küche. „Das ist der Plan.“ Die beiden sind dem Riptide verbunden: „Ich habe keine Gründe, zu gehen“, strahlt Imke. Nicht sehen werde ich die beiden indes morgen beim Quiz: „Dieses Mal nicht“, sagt Melissa, „ich war bei sonst fast jedem dabei.“ Und ich bin gespannt, wie sich die Denksportgruppe Nowak bei Quizmaster Sven bewährt.

Mittwoch, 19. Februar 2020

„Das wird die letzte Quiznight in diesem Riptide“, kündigt Chris mir nachmittags an, bevor er das Café öffnet. Alle meine Fragen kann auch er nicht beantworten, etwa die nach der neuen Adresse, aus rechtlichen Gründen: „In etwa 14 Tagen können wir bekanntgeben, wohin es geht“, erklärt er. Sicher ist schon jetzt, dass der Name Riptide bleiben wird, und damit auch die Webseite. Und in der neuen Heimat findet dann auch das nächste Quiz statt: „Es ist dort geplant für April, es soll dort weitergehen“, sagt Chris. Im März also fällt der Quiz-Termin aus: „Der März ist für uns der Übergangsmonat, wir laufen zwischen den Läden, der eine kann noch nicht betrieben werden, der andere wird nach und nach verschwinden.“

Wann genau es unter der neuen Adresse weitergeht, ist heute noch offen, so Chris: „Geplant ist, im April zu öffnen – genauer geht es nicht.“ Das hängt vom baulichen Vorankommen und von weiteren Unabwägbarkeiten ab. Sowohl für André und ihn als auch für die Gäste soll in den neuen Räumen indes das Wiedererkennen des alten Riptide gewährleistet sein: „Alles bleibt, wie es ist“, sagt Chris und weiß natürlich, dass das nicht in jedem Einzelfall zu ermöglichen ist. „Fast alles“, grinst er daher: „Alles bleibt gleich, außer die Sachen, die sich ändern.“ Ob sich daher die berühmten Farben, also das Orange-Pink-Grün auf braunem Grund, oder die Mustertapete auch wirklich am neuen Ort so wiederfinden, bleibt jedenfalls noch unplanbar: „Das kann ich nicht versprechen“, sagt Chris, und seufzt: „Wir wollen am liebsten alles eins zu eins übernehmen, aber es muss sich an Ort und Umgebung anpassen.“ Modern werden soll das Riptide jedenfalls, daher nutzen André und er den Umzug als „überfällige Zäsur“, um es in Details mit der Zeit gehen zu lassen.

Anders als Schepper und ich dachten, ist die Reihe Sound On Screen doch nicht so einfach ohne das Riptide weiterführbar, weil dafür noch einige Fragen zwischen Riptide und Universum zu beantworten sind. „Die laufende Staffel findet statt am alten Ort“, versichert Chris zumindest, „wie gehabt.“ Da die bis in den Mai hineinreicht, existieren also für eine gewisse Zeit tatsächlich zwei Riptides parallel. „Der Mietvertrag läuft weiter“, zuckt Chris mit den Schultern. „Jeden Tag wandert ein Möbelstück rüber, der eine Laden wird leer, der andere voll – und dann werden die Würfel neu gemischt.“ Sound On Screen geht danach ohnehin in die Sommerpause, da ist genug Zeit, mit dem Universum ein neues Konzept auszuarbeiten.

Nun lebt das Riptide nicht nur vom Café, sondern eben auch von Konzerten, der „Songs And Whispers“-Reihe, Partys, Lesungen und mehr. „Wir wollen Veranstaltungen machen“, sagt Chris. „Aber wir müssen abwarten, was die neuen Nachbarn sagen, wir müssen unser Programm anpassen.“ Und das Anpassen im laufenden Betrieb ist etwas, das Chris und André von Anfang an vornahmen: So öffnete das Riptide zu Beginn bereits um 8 Uhr, um die Schüler des Martino-Katharineums bedienen zu können, was sich jedoch bald als unhaltbar erwies. Chris und André planen daher zwar grob fürs neue Riptide, behalten sich aber für die laufende Praxis Korrekturen vor. „Kultur, Konzerte und den Plattenladen wollen wir mitnehmen“, betont Chris, „aber wir probieren erstmal.“

Der Zeitplan hängt momentan sehr von den laufenden Bauarbeiten ab, April ist ja auch schon bald. Bis dahin ist noch viel zu tun, für Chris sogar nicht nur das Riptide betreffend: Am Freitag startet er seine neue Reihe „Butch Cassidy im Garten“ im Veranstaltungsraum Aquarium im Kleinen Haus des Staatstheaters, „wo früher oben die Bauhausparty war“. Chris lehnt diese neue Reihe an seine frühere Party im Pantone an, „weil ich die vermisse und die Leute auch“. Die Dekoration im Aquarium besteht dann aus allerlei Gartendevotionalien, bis hin zu Werkzeugen und Gartenzwergen: „Das ist eine skurrile Kulisse, da lege ich mein Zeug auf.“

Vertraut war ihm indes die Kulisse am Samstag im Nexus, als er zum 15. Geburtstag seine dortige Partyreihe reaktivierte: „Es war schön, einen Pleasure Park wie früher zu machen“, schwärmt er. Bis viertel vor sieben ging es, und nach nur zehn Minuten Umbaupause nach der letzten Band „haben die Leute vom Fleck weg getanzt“. Rund drei Monate nach Eröffnung des Nexus‘ ging der Pleasure Park seinerzeit an den Start; kein Wunder, Chris gehörte mit zu den Akteuren, die das Nexus aufbauten: „Ich war im Verein aktiv seit 1995.“ Und auch für den Namen zeichnet er mitverantwortlich, als einer von drei Beteiligten, die aus einem Pool von diversen Vorschlägen auszuwählen hatten. Leider findet Chris den Zettel mit den fünf letzten Kandidaten nicht mehr wieder, er erinnert sich nur noch an die Alternativen „Krachpalast“ und „Zappelbude“. „Nexus ist es wegen der Übersetzung geworden“, erzählt Chris: „Verbinden, Knotenpunkt, sich verknüpfen.“

Mit zu diesem Namenskomitee gehörte laut Chris, der sich nun um die ersten Gäste kümmert, auch Hardy, und mit dem bin ich zufällig verabredet, hier im Riptide, abends, kurz vor dem Quiz. Er bringt mir sein neues Buch mit, „Schlachthaus“, das einen etwas anderen Stil hat als seine anderen Geschichten und auf das ich mächtig gespannt bin. Leider kann auch er sich nicht an die anderen Nexus-Namensvorschläge erinnern.

Arni ist schon da, Kristin, Harald und Bastian Till trudeln soeben ein, Sven greift das Mikro und Hardy setzt sich als stiller Zuschauer mit an unseren Denksportgruppentisch, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „5x Arni“ liegt. Sven liest nach und nach die ersten zehn Fragen vor, lässt uns Zeit zum Beantworten, verspricht „halbe Kreativitätspunkte“ und wählt seine Themenfelder vermutlich genau deshalb so abseitig, dass man häufig nicht anders kann als Unsinn raten. Das ist lustig, erinnert etwas an das Spiel „Nobody is perfect“ in umgedreht. Nach der Pause und den nächsten zehn Fragen reichen wir, dieses Mal weit abgeschlagen, mit Glückwünschen versehen unser Krönchen an eine andere Gruppe weiter und versprechen Sven, beim nächsten Quiz wieder dabei zu sein – im April und im neuen Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#133 Ein sicherer Ort

10. Oktober 2018


Dienstag, 9. Oktober 2018

Zwei erschreckende Nachrichten betrafen das Café Riptide im September: Die von der möglichen Schließung in zwei Jahren und die von einem Gewaltausbruch im Handelsweg, der von Rechtsradikalen ausging. Nach letzterem Ereignis fragen Kunden Chris noch heute hin und wieder. „Das Riptide war nicht beteiligt, das ging bei Tante Puttchen und Café Drei los und zog sich dann durch den Handelsweg“, berichtet Chris. Was da genau losging: Zwei Rechtsradikale lösten im Anschluss an ein Heimspiel der Braunschweiger Eintracht eine Schlägerei aus, Verletzte gab es lediglich auf Seiten der Angreifer. „Das ist uns in elf Jahren jetzt nur einmal passiert“, sagt Chris erschrocken. Und gibt dem Kunden eine behördliche Zusage weiter: „Die Polizei hat versprochen, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen.“ Noch bevor Chris den Satz beendet, löst sich trotz des Themas ein allgemeiner Lachanfall. Nach einer Weile ist Chris in der Lage, fortzufahren: „Wenn Ihr Euch einmal nicht wohlfühlt, sagt uns Bescheid.“ Der Kunde ist beruhigt und nickt verständig. Der Schrecken ist bei Chris immer noch spürbar: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er war an dem Abend nämlich dabei: „Wir haben das friedlich gelöst, dafür, dass das so ein Terror war.“ Er betont noch einmal: „Das hatte nichts mit uns zu tun.“

Auch für mich war es erschreckend, den Handelsweg und damit indirekt auch das Riptide zweimal in kürzester Zeit mit Hiobsbotschaften in den Medien wiederzufinden. Die andere drehte sich um die Schwierigkeiten, die Chris und André mit ihrem Vermieter haben, der ihnen Auslagen nicht zurückzahlt und gleichzeitig die Miete erhöht, um einen für die beiden Gastwirte kaum tragbaren Faktor. Ein Monat ist seit der Bekanntgabe der Schwierigkeiten vergangen; Zeit, in der sich zahllose Menschen zu Wort meldeten, viele öffentlich, andere direkt bei Chris und André. Inzwischen hat sich auch bei Chris die monatelang angestaute Anspannung etwas gelegt: „Unser Vertrag läuft noch zwei Jahre – wir kämpfen, wir geben nicht auf, wir sind gesprächsbereit, wir versuchen, alles mit dem Vermieter zu klären“, stellt er klar. Eine der genanten Kröten zu schlucken, sei indes unumgänglich: „Wir stellen uns auf die Mieterhöhung ein, die müssen wir tragen.“ Doch er ist sich gewiss: „So lange wir den Mietvertrag haben, schließt der Laden nicht.“

Direkte Gespräche mit dem Vermieter stehen bis dato noch aus, bislang gab es lediglich einige schriftliche Korrespondenz, etwa darüber, dass Chris und André das eigens angemietete Büro gegenüber zum 31. März nicht mehr zur Verfügung steht. Sicherlich nicht schön für das Riptide, aber Chris untermauert: „Wir sind bereit, über die Zukunft ruhig und freundlich zu sprechen.“

Derweil wandte sich nun eine breite Öffentlichkeit an die beiden Unternehmer, die im Zuge ihres aufrührenden Facebook-Postings sogar einen Umzug des Riptide in eine andere Immobilie nicht ausschlossen: „Es gab unfassbar viele Angebote, von Privatpersonen, Organisationen, Agenturen“, staunt Chris. Doch soll ein Umzug nicht das Ziel sein, so lang der gegenwärtige Standort noch zu halten ist: „Wir überlegen, wir handeln nicht voreilig.“ Sogar ein neues Büro hält jemand für das Riptide frei.

Auch Zuwendungen anderer Art erreichen das Riptide. „Die Boardjunkies haben Geldspenden für uns gesammelt, das finden wir toll“, erzählt Chris von einer Initiative des Skater-Bekleidungsgeschäfts in der Innenstadt. Und: „Es gibt Bands, die für uns spielen wollen.“ Dabei wissen Chris und André noch gar nicht, wie sie mit Spenden umgehen, ob sie sie überhaupt annehmen sollen. Das gehört mit in die Flut der Überlegungen, die die beiden nun anzustellen haben. „Bis Jahresende wird sich herauskristallisieren, wie die Marschroute für uns aussieht“, sagt Chris zuversichtlich.

Erstes Ziel ist dabei das Gespräch mit dem Vermieter. An den haben sich offenbar auch einige lokale Medien wenden wollen, jedoch ohne Erfolg, wie in der Zeitung zu lesen war, so Chris. „Wir selbst haben auch noch nicht mit der Presse gesprochen“, stellt er klar. Denn: „Wir wollen das friedlich und fair lösen.“ Ein Gerichtsverfahren etwa streben die beiden Wirte nicht an: „Das ist nur etwas für Leute, die nicht mehr weiterwissen.“

Auch die Politik meldete sich inzwischen zu Wort, die SPD etwa brachte eine Anfrage in den Stadtrat ein, mit Vorschlägen, wie der Handelsweg als Ganzes laut Text auf der SPD-Webseite „zukunftsfest“ zu machen sei. Dabei geht es um „Werbe- und Marketingstrategien“ wie bessere Beschilderungen oder das bisherige Programm ergänzende „Aktionen oder Feste“ sowie die „grundsätzliche kultur- und städtebauliche Einordnung des Handelswegs durch die Verwaltung“. Besondere Rückenstärkung geht dabei in Richtung des Café Riptide: Die Informationen über Mietpreiserhöhungen bei gleichzeitigem Sanierungsstau „können an der Politik nicht spurlos vorbeigehen“. Mit dem Vorstoß steht die SPD offenbar nicht allein da, so Chris: „Auch andere Parteien haben sich eingeschaltet.“

Also: „Das hat eine Riesenwelle geschlagen“, sagt Chris, erstaunt und dankbar gleichermaßen. Nur wollen André und er sich nun zu keiner Übersprunghandlung hinreißen lassen: „Zum Glück haben wir noch zwei Jahre.“ Veränderungen geben müsse es aber, und welche, das gehöre mit in die Pläne, die bis Ende des Jahres geschmiedet sein wollen. „Wir haben alles durchüberlegt“, sagt Chris. Sogar die Idee, den Plattenladen rauszuschmeißen: „Damit sparen wir Geld und Arbeit, aber im Winter nutzt uns der zusätzliche Platz nichts“, denn dann suchen weit weniger Menschen den Handelsweg auf als zu schöneren Jahreszeiten. Und ein Riptide ohne Platten, das ist einfach nicht vorstellbar. Doch: „Wir müssen sehen, wie wir die Arbeit reduzieren können“, stellt Chris klar. „Aber wir dürfen nicht in Panik verfallen.“ Sortieren, Pläne schmieden, „wie wir das Ganze cleverer und flexibler machen“, mit dem Vermieter sprechen – und: „Erholen“, so Chris. „Das steht jetzt als erstes im Fokus.“

Uff. Eigentlich wäre es schön gewesen, an dieser Stelle ganz viele andere Themen anzuschneiden. Von der neuen LP „Treibgut“ der Band GR:MM wäre beispielsweise zu erzählen, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon mitspielt, von anstehenden Konzerten im Riptide wie dem von Ohrenfeindt am 18. Oktober im Anschluss an den Sound-On-Screen-Film „Coda“ über Ryuichi Sakamoto im Universum-Kino, von den saisonal wieder eingeführten Suppen, von meinem spontanen Gespräch mit Pott über das Open-Arsch-Festival, über das ich einen Beitrag zur Ausstellung „Soundtrack WOB. 50 Jahre Musik und Jugendkultur in Wolfsburg“ im dortigen Stadtmuseum einen Beitrag verfassen darf, über musikalische Post aus Moskau von Anton, der mir Auszüge des „Addicted Label No Name Records“-Programms zuschickte, oder auch über meine kleinen musikalischen Abenteuer, die ich kürzlich in Ligurien erlebte, mit den Plattenläden Black Widow und Flamingo Records in Genua, mit der LP „La stanza di Swedenborg“ von Vanessa Van Basten, mit der vom Sohn eines Mitmusikers und also auch meiner Gastgeberin geschenkten CD der Band Nicola Rollando e i Nuovi Disertori. Aber jetzt wiegen andere Dinge schwerer. Oder?

Durchatmen. Verarbeiten. Sacken lassen. Nach vorn blicken. Kunden bedienen: Mit einem Flips-Gutscheinheft steht Steven vor der Theke und sucht das Blatt mit dem Riptide-Coupon. „Seite 124“, weiß Chris und lächelt. Der Mann kennt eben alle Seiten seiner Stadt. „Und ich bin auch nicht zum ersten Mal hier“, sagt Steven. Auf ein Sonntagsfrühstück hätte er auch mal Lust, und Chris weist ihn darauf hin, rechtzeitig zu reservieren, weil es sonntags erfahrungsgemäß „proppevoll“ wird. Steven ist erst kürzlich nach Braunschweig gezogen, aus Oldenburg, wo er sechs Jahre lang auf Lehramt studierte. „Eigentlich komme ich aus Sülfeld“, erzählt er, also quasi von um die Ecke. Jetzt ist er Lehrer am Gymnasium in Meine, also quasi um eine andere Ecke, das erst wenige Jahre existiert: „Der jetzige oder der davor war der erste Abi-Jahrgang dort“, bestätigt er. Und schwärmt vom Riptide: „Das ist ein cooler Laden, ich mag das, das ist die einzige alternative Anlaufstelle in Braunschweig, die ich kenne.“ Steven findet das Riptide „erfrischend“, und sicherlich auch die beiden Wolters in seinen Händen: „Ich will meine Freundin nicht warten lassen“, sagt er und kehrt zurück ins Achteck. Mit Recht: Der Sommer dauert dieses Jahr von April bis mindestens Anfang Oktober und schickt sich nicht an, sich jemals zu verabschieden. Ein guter Anlass, die Sonne und die Wärme draußen auszukosten.

Nun tritt Gesine hinter die Theke, sie ist gleich Chris‘ Ablösung, Melissa bleibt noch länger. Gesine ist seit etwa zwei Monaten Aushilfe im Café. „Ich habe Gastroerfahrungen in Hannover gesammelt, aber nur kurz“, erzählt sie. „Eigentlich komme ich aus Essen und Dortmund.“ Aus dem Pott! Der ihr gar nicht so gefällt: „Ich finde Essen nicht gut“, sagt sie. Nicht nur aus dem Grund, der ihr als erstes einfällt: „Da kann man nicht Kunst studieren.“ Auch in die dortige Kultur hatte sie wenig Einblicke: „Der Goethebunker ist die einzige Disco, in der ich war.“ Das Don’t Panic am Nordrand der Innenstadt kennt sie nicht, die Punk-Kneipe, die davor Panic Room hieß, und vom Unperfekthaus hat sie bislang auch nur gehört.

Chris übergibt nun die Schürze an Gesine und nimmt für heute seinen Hut. Ich nehme den „Black Mirror“-Soundtrack von Alex Somers und Sigur Rós auf LP mit und mache mich ebenfalls auf den Heimweg. Mit dem nicht extra zu fassenden Vorhaben, wiederzukommen, und das bitte auch nach 2020 noch.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#132 Der Handelsweg nach dem Schuss

7. September 2018


Donnerstag, 6. September 2018

Aufruhr im Handelsweg: Mit einem so alarmierenden wie emotionalen Schreiben versetzten André und Chris ihren Freunden und den Riptide-Kunden am Dienstag einen Schock. Sie machten öffentlich, was seit viel zu langer Zeit im Hintergrund schwelt: massive Differenzen mit dem Vermieter, die einen Fortbestand des Cafés an der seit beinahe elf Jahren angestammten Adresse ab 2020 in Frage stellen. Chris und André beschreiben Schikanen und berichten von Kostenexplosion und davon, am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein.

„Die 2800 Euro waren der Tropfen“, sagt Chris. André hat sich Urlaub genommen, Chris hält die Stellung, heute unterstützt von Tim und Jessy. Bei den 2800 Euro handelt es sich um Kosten für einen Berater, die der Vermieter für seine Geschäftsabwicklungen benötigte und die er anstatt einer lang von Chris und André gewünschten Auslagenrückzahlung dem Riptide aufdrücken wollte, kombiniert mit einer erheblichen Mieterhöhung. Die das Riptide nicht stemmen kann, so Chris, und das habe das Team dem Vermieter haarklein auseinandergesetzt, mit analytischen Beispielen, etwa dem Beleg dafür, dass sich die Laufkundschaft halbiert hat, seit die Stadt die Parkgebühren in der Breiten Straße erhöhte. „Wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, wir werden uns umgucken“, so Chris. So lang läuft der bestehende Mietvertrag nämlich noch. „Wir hoffen, dass Angebote kommen“, und ziehen es in Erwägung, sich gegebenenfalls für „eine bessere Immobilie“ zu entscheiden. Denn: „Hier haben wir keine Zukunft, mit oder ohne den Post.“

Den setzten die beiden Chefs nach langem Zaudern vorgestern bei Facebook ab, lancierten ihn aber nicht bei der Presse. Die persönlich formulierte Nachricht war für Freunde und Stammkunden bestimmt und sollte die Vermieter eigentlich nicht erreichen: „Wir wollten einen wütenden Bären nicht wütender machen.“ Nach 24 Stunden war die Information allerdings über 1200 mal geteilt, die absichtlich ausgeklammerte Presse nahm die Nachricht auf, sie lief sogar groß auf dem überdimensionalen LED-Monitor am Haus der Braunschweiger Zeitung, wie Chris zu seinem entsetzten Erstaunen feststellen musste. Mit der riesigen Resonanz und dem damit einhergehenden Rückhalt rechneten die beiden nicht: „Unfassbar!“, staunt Chris überwältigt. Er berichtet von dem Online-Kommentar eines Ladens, der ihm die Tränen in die Augen treibt: „Haltet durch, die ganze Stadt steht hinter euch.“ Chris ist in gewisser Weise zuversichtlich: „Wir werden uns freischwimmen, egal, wo, egal, wie.“ Und sollte sich doch keine Alternative anbieten: „Dann haben wir 13 Jahre lang unseren Traum gelebt.“

Noch ist es nicht so weit, mit dem Öffentlichmachen der Umstände ist belegbar ein Prozess in Gang gesetzt. Und sei es der, sich zu imaginieren, wie der Handelsweg, wie ganz Braunschweig ohne das Riptide aussähe – dieser Schock reicht weit. Auch in der direkten Nachbarschaft, bei der ich mich deshalb heute umhöre.

Bei Fifty Fifty Second Hand treffe ich Sophie, die für Marion hinterm Verkaufstisch die Stellung hält. „Es wäre furchtbar, wenn das Riptide nicht mehr da ist“, sagt sie. „Das Riptide macht den Handelsweg aus, der wäre nicht das Gleiche.“ Fraglich wäre daher auch, „wie sich das auf die anderen Läden auswirkt“. Das Café sei „die Kultur in Braunschweig“, sagt Sophie, „ich gehe seit Jahren ins Riptide“. Ein Ende wäre „furchtbar“. Von möglichen Umzugsplänen der beiden Chefs hat sie gehört: „Das ist die Frage, wie es fürs Riptide an einem anderen Standort wäre.“ Grundsätzlich findet sie, dass die Bedeutung des Cafés für die Stadt riesig sei: „Allgemein in Braunschweig kommt Kultur so krass zu kurz!“ Auf den paar Metern zwischen Breiter Straße und Görderlingerstraße hingegen finde sie zu ihrer Freude statt, als direkt Beteiligte schwärmt Sophie unter anderem von den Handelsweg-Partys: „Es haben alle geöffnet, es sind alle gutgelaunt, das ist superschön.“

Vor seinem Antiquariat sitzt Serge, raucht und unterhält sich mit Kunden. Die trüben Aussichten, das Riptide könne schließen, erfreuen ihn nun nicht gerade: „Ich wäre nicht begeistert, weil wir für die Nachbarschaft sehr dankbar sind“, sagt Serge. Allen sei klar, dass das Café in seiner Relevanz auf die Nachbarn abstrahlt. Unübertrefflich: „Wir sorgen uns, was da reinkommt.“ Den Facebook-Text von André und Chris betrachtet er zwar etwas skeptisch, doch: „Man könnte zynisch sagen, werbetechnisch ist das gut, viele werden dadurch auf den Handelsweg aufmerksam.“ Allein bei ihm haben sich heute einige neue Kunden eingefunden: „Journalistisch gesehen ist das super.“ Die Aussage darin verbessere sich dadurch indes nicht.

Gegenüber sitzt Birgit in ihrer Schmuckwerkstadt 38 an den Schmiedewerkzeugen. „Das wäre natürlich tragisch, es tut mir leid für die beiden“, sagt sie bezogen auf eine potentielle Schließung des Cafés. „Andererseits, es gibt auch immer zwei Seiten“, gibt sie zu bedenken, unterstreicht aber: „Es täte mir leid, wenn sie aufgeben müssten.“

Vor ihrem Café Drei nebenan plaudert Jessy mit Gästen von Achims Tante Puttchen gegenüber. Sie teilt Birgits Haltung in allen Punkten: „Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, und wir kennen nicht beide Seiten“, sagt sie. Doch auch sie betont: „Es wäre ein Verlust, das steht außer Frage – das Riptide ist halt doch eine Größe nach fast elf Jahren.“

Genau das denkt auch Stefan, der eben von einer Runde in die Stadt in seinen Laden Comiculture zurückgekehrt ist: „Natürlich würde da was fehlen, ist doch klar!“ Er betont die Gemeinschaft im Handelsweg: „Wir haben Abhängigkeiten voneinander, das ist superwichtig, wir profitieren voneinander.“ Trotz des Facebook-Eintrags und der unmittelbaren Nachbarschaft zum Riptide kennt Stefan die exakten Hintergründe allerdings nicht: „Ich weiß gar nicht so genau, was da vor sich geht, wir haben hier alle Fragezeichen.“ Ihm ist die Bedeutung des Cafés auch für seinen Laden bewusst, untertreibend sagt er: „Das Riptide macht den Handelsweg ein bisschen bekannt in Braunschweig.“ Und für das Riptide sei der Handelsweg selbst perfekt, denn der sei „eine Art Versteck, ein Kaninchenbau“. Die emotionale Seite des Facebook-Posts kann Stefan verstehen, insbesondere mit Blick auf die Konsequenzen für Familienvater André: „Wenn du selbständig bist, investierst du ganz viel Zeit, und die kriegst du nicht wieder.“ Bei der Energie, die André ins Riptide stecke, sähe er sein Kind womöglich gar nicht großwerden. Andererseits erinnere Stefan der Facebook-Text im Hinblick auf die möglicherweise vernichtenden Reaktionen des Vermieters an den Film „Fight Club“: „Du hast die Aufgabe, eine Schlägerei anzufangen – und sie zu verlieren.“ Denn zu befürchten sei, dass die Fronten jetzt erstrecht verhärtet und Kompromisse noch aussichtsloser seien. Grundsätzlich findet Stefan: „Das Riptide ist immer ein Teil des Kulturlebens, das Ende wäre für den Handelsweg traurig, aber auch für Braunschweig.“ Er schwärmt von dem „chilligen Laden mit chilligen Leuten“, deren Art zu feiern sich von der an anderen Partymeilen in der Stadt angenehm positiv unterscheide. Und: „In der Stadt hast du Franchise, in der Peripherie inhabergeführte Geschäfte“, dazu gehört auch der Handelsweg und das müsse so bleiben. Die allgemeine Entwicklung erzeugt bei ihm Kopfschütteln: „Ich verstehe das nicht“, sagt Stefan. Zum Beispiel: „Der Siebenschläfer ist weg“, die Cocktailbar in der Scharrnstraße einige Ecken weiter schloss erst kürzlich. Er sinniert: „Als ich den Laden hier vor fast 22 Jahren aufgemacht habe, war hier im Viertel viel mehr los – die Leute waren abends unterwegs und haben dabei den Laden entdeckt und sind in der Woche wiedergekommen.“ Doch er hat eine Erklärung: „Die Stadt hat Schlagseite, das Schloss hat eine starke Präsenz, und die Leute kullern da hin.“

Schräg gegenüber öffnen Frusti und Andrea die Einraumgalerie, sie setzen sich nach ersten betrieblichen Aktivitäten auf die Bank vor dem großen Galeriefenster. „Ich kann sagen, dass wir den Laden hier gewählt haben, weil das Café schon da war“, unterstreicht Frusti die Relevanz des Riptide. „Es gibt immer eine gute Zusammenarbeit, man bereichert sich gegenseitig“, findet Andrea. Frusti nickt: „Wir sind abhängig, nicht zuletzt von ihrem Geschirrspüler.“ Andrea setzt an: „Zum Beispiel bei Sound On Screen, da kommen viele Gäste auch in unsere Ausstellung, das ist toll, und umgekehrt, wenn wir eine Eröffnung haben, gehen die Gäste rüber und kaufen die Getränke, die sie möchten, das ist auch toll.“ Frusti mag sich ein Ende des Riptide nicht vorstellen: „Das wäre ein Verlust für den Handelsweg.“ Und Andrea sieht es wie Stefan von Comiculture: „Das Publikum ist toll.“

Es gibt aber auch Skeptiker in der Nachbarschaft. So richtig Verständnis kann Helmut von der Strohpinte etwa für das Vorgehen von Chris und André nicht aufbringen, weil er die Intensität des Disputs nicht kennt: „Ich habe keinen Ärger mit dem Vermieter“, stellt er mit Verwunderung fest. „Wenn etwas kaputt ist, muss man ab und zu selber den Pinsel in die Hand nehmen und das korrigieren“, findet er. Und damit widmet sich der alteingesessene Wirt wieder seinem Buch.

Ungefähr genau so lang am Platze wie die Strohpinte ist Achims Kneipe Tante Puttchen: „Ich bin seit dreiunddreißigeinhalb Jahren hier drin“, dreimal so lang also wie das Riptide. Eine Pachterhöhung nach einiger Zeit sei eigentlich normal und hinnehmbar, sagt Achim, und befürchtet, dass der schriftliche Beitrag der beiden Riptide-Wirte ihrem Vermieter gegenüber vielleicht etwas undiplomatisch wirken könnte. Dem gehört indes nicht der gesamte Handelsweg: Das Tante Puttchen ist nicht in dessen Hand.

Das Riptide erfährt mehrheitlich überwältigenden Zuspruch, nicht nur online. Konstantin ist extra wegen des Posts hergekommen, um unter der Segelplane im Achteck sein Wolters zu trinken. „Ich bin ein bisschen besorgt auch“, sagt er, „das trifft mich schon – ich fänd’s halt schade, weil ich schon Ewigkeiten hier sitze und die Betreiber mag und viele Leute kennengelernt habe.“ Er schwärmt von der „netten Cafékultur“: „Es ist hip und mit einem gewissen politischen Anspruch, das war eine Art Vorreiter in Braunschweig, zum Beispiel für die Makery.“ Die Musikfilmreihe Sound On Screen sei nur eine von vielen reizvollen Riptide-Veranstaltungen in der Stadt: „Es ist ein wichtiger Ort und ein guter Zusammenschluss, zwischen Linksradikalen und Bürgies, ein Anlaufpunkt, auch um Vorverkauf für Konzerte machen zu können, um selbst Sachen verkaufen zu können.“ Den Disput zwischen den Cafébetreibern und dem Eigentümer kann er nachvollziehen: „Die Riptides wollen Geld verdienen, der Vermieter will Geld verdienen, das ist wohl kein Einzelfall – er merkt, dass der Handelsweg attraktiver und belebter wird und dass man mehr Geld rausholen kann“, die alternative Kultur sei ein kommerzieller Faktor geworden. Konstantin seufzt: „Man lebt in der Blase, dass alles so weiterläuft, wie es war“, und sei dann erschüttert, wenn es zu solchen Veränderungen kommt. Den Facebook-Text unterstützt er: „Der kam gut an, wurde oft geteilt – das war der richtige Schritt, wenn du nix machst, passiert auch nix.“

Nicht nur der Siebenschläfer ist dicht, auch die BrauBar um die Ecke – die angrenzende Stebner-Brauerei zieht derweil nach Querum um – und auch das Riptide äußert nun massive Probleme: „Es ist ein Trauerspiel“, stöhnt Schepper. Er ist nicht nur regelmäßiger Gast im Ritpide, sondern trat hier auch schon oft als Künstler auf, mit seinem Solobassprogramm. Mit einem alkoholfreien Hefeweizen sitzt er am Fenster neben dem Reinhörplattenspieler. „Wo soll denn die ganze Kleinkunstgeschichte hin, alle machen dicht, der Hansa-Kulturclub, das Meier, das Joker im weitesten Sinne, das Tegtmeyer, und das FBZ, da fing das Drama ja mit an.“ Immerhin in der Eule fänden einige „Sachen“ nach seinem Geschmack statt, wie das Konzert von Long Distance Calling im Dezember. „Es gibt nur wenige Inseln, wo man Livemusik hören kann oder selbst spielen“, findet Schepper. „Das ist zu wenig für so eine Stadt, für die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen.“ Er grinst: „Und die geilste Stadt in Niedersachsen.“ Dennoch stellt er fest: „Hier kommt doch keiner mehr her, in Peine, Gifhorn, Wolfsburg oder Celle ist mehr los, Braunschweig ist der blinde Fleck auf der Veranstaltungskarte.“ Die für 2019 geplante Halle am Westbahnhof sei „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, er sehe ihr aber denoch mit Hoffnung entgegen.

Aber: Noch ist das Riptide ja da, noch trinke ich dort Kaffee, Kola, Bier, esse Burger, Muffins, Fladenbrote, gehe zu Sound On Screen und anderen Veranstaltungen, treffe Freunde und Fremde, kaufe und bestelle Schallplatten und CDs und schreibe weiter Monat für Monat den Blog, seit nunmehr elf Jahren und ohne ein für mich absehbares Ende. Nach meinem Empfinden ist der Handelsweg das Schanzenviertel Braunschweigs, der einzige zentrierte Fleck (Sub-)Kultur in dieser Studenten- und Arbeiterstadt. Diesen Status aus welchen Gründen auch immer zu gefährden, anstatt ihn zu fördern, zeugt von fehlendem Blick für das Ganze. Und das Ganze reicht weit hinaus, über den Handelsweg, sogar über Braunschweig. Das sollte indes auch den Braunschweigern klar sein, die jetzt das potentielle Aus beweinen: Die beste Unterstützung ist wohl, im Riptide einfach mal wieder mehr Zeit zu verbringen. Ist schön dort!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#118 Die Spur des Raaben

30. August 2017


Dienstag, 29. August 2017

Es ist dies fraglos ein seltsamer Sommer, und ebenso fraglos sahen die jüngst zurückliegenden Sommer nicht wesentlich anders aus. Vielleicht waren sie weniger kalt als dieser, aber nass, unbeständig und gewittrig sind die Monate von Mai bis September schon länger. Man vergisst das so schnell. Heute ist es ausnahmsweise einmal warm und sonnig, das ist selten in diesem Jahr. „So schlecht war der Sommer gar nicht“, widerspricht André, aus der Küche kommend. „Doch“, entgegnet Chris am Kassen-PC: Achtzig Prozent seien nass gewesen. Dazu fällt mir der Satz ein, den Juri vom Critical Mass Ride letztens beim Einkaufen zu mir sagte: „Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei, dann wird es endlich wieder warm.“ Heute zum Beispiel, und alle Gäste sitzen natürlich draußen, im Achteck, im hellen Licht, wenn auch nicht in der Sonne, weil die es zwar nicht direkt zwischen die Häuserwände des Handelswegs hindurch schafft, aber immerhin eine ungewohnte Helligkeit und Wärme verbreitet.

Im Café selbst sitzt so gut wie niemand. Wer an die Theke tritt, tut dies zum Bestellen oder Begleichen der Rechnung für bereits Bestelltes. Einen veganen Cupcake und einen Kaffee ordert Sue bei Chris, nicht nur für sich, und sie möchte gern die Verpflegungsmittel zusammen mit einer Schallplatte per Karte bezahlen, was durchaus möglich ist, wie Chris ihr gern versichert, „wenn die Platte da ist“. „Ist sie“, sagt Sue, „ich hab sie schon gesehen.“ Sie hüpft zum entsprechenden Fach, begleitet von Chris, „von Johnny Cash, ‚Live At murmelmurmel Prison‘.“ Chris ergänzt „Folsom“ und Sue nickt froh. Gemeinsam fischen sie das Vinyl aus dem Fach, und während Chris mit ihr zur Theke zurückkehrt, erzählt er Sue von den Umständen des Konzertes, vom Gefängnisleiter, der Cash bat, die Gefangenen nicht mit Gefängnisliedern an ihren Standort zu erinnern, sondern mehr Liebeslieder zu spielen. „Und was macht er?“, fragt Chris und antwortet selbst: „Er spielt nur solche Lieder – das war Punkrock!“ War das nicht auch das Konzert, bei dem das berühmte Stinkefingerfoto entstand? „San Quentin“, wirft André ein, der zufällig aus der Küche kommt. Und es scheint, als sei die LP nicht für Sue selbst, sondern ein Geschenk. Sue nickt: „Das ist Tradition bei uns in der Familie: Valentinstag ist bei uns das ganze Jahr über.“

Der erste runde Geburtstag steht für das Café Riptide an, genau am 16. September wird es zehn Jahre alt. Zufällig ist das dieses Jahr ein Samstag, das wird ein langes Wochenende. Die Pläne stehen schon, weitgehend, berichtet Chris. Zehn Jahre. Ich war am ersten Tag hier und bin es immer noch. Für mich ist das Riptide immer neu, jung, frisch. Und dann stehen einmal Leute neben einem, die erzählen, sie kennen das Riptide „noch von früher“, was ich von ganz anderen Einrichtungen sagen würde, zum Beispiel dem Farmer‘s Inn in Uetze. Aber jetzt gehört das Riptide zum Alteingesessenen, es ziehen Erwachsene nach Braunschweig zurück, die ihre Jugend im Riptide verbrachten. „Man fühlt sich so alt“, sagt Chris, das Küken.

Und dann listet Chris das Festprogramm auf: „Am Freitag gibt es ein Konzert mit einer Band, die es seit vier Jahren nicht mehr gibt: Killing Joke.“ Na, den Witz erkenne ich, denn die gibt es ja noch, aber er spielt damit auf eine gemeinsame Leidenschaft an. In Wahrheit kommen The Driftwood Fairytales aus Berlin, deren Mitlieder dort längst allesamt in anderen Konstellationen Musik machen. „Das ist eine Folk-Punk-Band, die ist für einen Abend bei uns und der Eintritt ist frei“, freut sich Chris. „Der Samstag ist der Haupttag, der wirkliche Geburtstag“, fährt er fort. Dann gibt es Freibier, Gratis-Prosecco, Tombola, Verlosung, „und das Ganze endet in einer Riesenschlammschlacht, äh: -party!“ Es legt ein gewisser Butch Cassidy auf, der mir dies in Persona mitteilt, zusammen mit T.Mo von Indie.Disko.Gehn, den ich von diversen Runden mit dem Silver Club kenne und der seit einiger Zeit in Berlin lebt. „Das wird Halligalli“, verspricht Chris. „Und am Sonntag lassen wir es ausklingen.“ Seit Mai bietet das Riptide wieder ein Frühstücksbuffet am Sonntag an, und in diesem Zuge gibt es Perlwein: „Jeder, der frühstücken will, kriegt Sekt gratis, so lange der Vorrat reicht.“ Und das sind nur die Eckdaten, Details arbeiten Chris und André noch aus. Sicher ist, dass sie neues Merch anbieten; Chris zählt auf: „Riptide-T-Shirts, Riptide-Jutebeutel, Riptide-Buttons, Riptide-Aufkleber, Riptide-Flammenwerfer.“ Den will ich haben. „An dem arbeiten wird noch“, sagt Chris. „Alles in Bio-Fairtrade-Qualität!“ Auch der Flammenwerfer? Chris nickt: „Limitiert auf 5.000.“

Und dabei gab‘s doch erst vor ein paar Tagen ein Fest, an dem auch das Riptide beteiligt war, den Sedan-Bazar nämlich, das Straßenfest im Handelsweg mit allen Beteiligten. Schepper spielte auf, einer eigenen Tradition folgend, und das musste ich natürlich miterleben. Als er gerade mit seinem elektrischen Bass akrobatisch hinter dem Rücken solierte, wehte ihm der Wind seinen Banner ins Kreuz. „Gut, dass ich meine Stoßstange dabei habe“, parierte er. Nach ihm spielte das Duo Silent Radio akustisch alternative Mitsinghits, mittendrin wie spontan ergänzt von Wolf Kadaver, der aus dem Publikum heraus per Megaphon eine Textzeile ergänzte und sich dann für einige Lieder mit auf die Bühne setzte. Passend zur aktuellen politischen Bewegung spielten sie auch einen Song der Tanzenden Kadaver, der deutlich gegen Rassismus Stellung bezieht.

Heute ist die Vitrine auf der Theke ein begehrtes Ziel für viele Gäste. Sonja drückt sich beinahe ihre Nase platt und deutet auf Schälchen mit für mich seltsamem Inhalt: „Was‘n das, Chia-Pudding?“, fragt sie Chris. Sie liegt richtig: „Ja, Vanille-Chia-Pudding, hausgemacht.“ Chia sei seit einem Jahr das neue Superfood, erklärt mir Chris, und Sonja findet den Preis zwar angemessen, kann ihn mit ihrem schmalen Budget jedoch nicht begleichen, denn sie bestellt sich noch einen Kaffee und zwei Zigaretten. „Auch Feuer?“, fragt Chris. „Das ist noch drin“, murmelt Sonja, in ihrer Handtasche wühlend, und setzt sich natürlich auch nach draußen.

Dabei stößt sie beinahe mit Gideon zusammen. Einst war er hier Angestellter, heute kommt er als Gast, und zwar als schneller: „Ich bin auf dem Weg nach Japan“, erzählt er strahlend. Nicht mit GR:MM, seiner Band, sondern als Reisender, also anders als vor einem Jahr das Duo Kackschlacht, das tatsächlich eine Tour durch Japan machte. Für mich ist das immer noch eine Herzensinformation; ich mag die imaginäre Überschrift: „Kackschlacht in Japan“. Gideon bestellt und geht ebenfalls hinaus.

Nach Electro-Plattenläden erkundet sich Marniesch bei Chris. Da es in Braunschweig überhaupt nur zwei Plattenläden gibt, verweist der den Gast auf die mittlerweile leider ausgedünnte Electro-Abteilung im Riptide, und berichtet, dass es in Braunschweig zwar eine bundesweit bekannte große Drum-And-Bass-Szene gebe, doch dass der Boom an Plattenkäufen inzwischen weit zurückgegangen sei. Es gebe viele inoffizielle Partys und Veranstaltungen, sagt Chris, sowie famose DJ-Crews, wie BoomZound, die Stef mit Kult-Tour schon für den Lichtparcours 2016 am Hafen sowie für die Groovedeck-Party bei der Kulturnacht buchte. Marniesch saugt alle Informationen auf. Er ist erst den zweiten Tag in Braunschweig, kommt aus Weimar, spielt Schlagzeug im Staatsorchester, nicht in Bands, also eher bei Opern und so, und erzählt von der Kulturszene in seiner Heimatstadt, die durch den Austausch der akademischen Fachrichtungen begünstigt werde. Ein Traum. 1999 war ich in Weimar, als es Kulturhauptstadt von Europa war, und entdeckte den linksorientierten Schriftsteller Gerhard Branstner für mich, der live im Goethehaus las. Unser Goethe ist Wilhelm Raabe, sage ich, und Marniesch lacht: „Gibt es auch eine Statue von ihm?“ Ehrlich gesagt: keine Ahnung. „In Weimar ist die Statue von Goethe und Schiller das meistfotografierte Objekt“, erzählt er. Jetzt blättert er sich durch die vermeintlich schmale Electro-Auswahl im Riptide und konsterniert schon nach wenigen Momenten: „Ah, schon was gefunden.“ Mit der „Subtemple“-10“ von Burial in der Hand fragt er Chris nach einer Möglichkeit, sich Schallplatten anhören zu können. Chris händigt ihm „das System“ aus, das Marniesch am Tonarm befestigen muss. Dies tut er und stellt dann mit Bedauern fest: „Das ist nicht die, die ich dachte“, steckt die Platte wieder zurück ins Fach und händigt Chris „das System“ aus. Den Tipp mit BoomZound speichert er sich und geht dann, mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Dies tut auch Gideon, der es jetzt erheblich eilig hat: „Ich muss zum Bahnhof.“ Mit dem Zug nach Japan, soso. „Schreib eine Karte“, sagt Chris und weiß: „Das sagt jeder.“ Doch Gideon sagt zu: „Wenn ich eine finde, gern.“ Chris deutet auf die kleine Postkartensammlung hinter sich: „Japan fehlt uns noch.“ Mit dem Zug geht es zunächst nach Berlin, einen Freund treffen, berichtet Gideon, und dann erst fliegt er nach Japan. „Wie lange?“, fragt Chris. Knapp zwei Wochen, entgegnet Gideon, und ich finde das sehr lang für einen Flug. „Nee“, sagt Gideon“, „der dauert nur 26 Stunden, mit acht Stunden Aufenthalt in China.“ Und weg ist er. Saynonara!

Zum Bezahlen stellt sich Melissa neben Chris, hinter die Theke. So macht man das jetzt also. „Nein“, korrigiert sie meinen Eindruck, „ich arbeite seit drei Minuten.“ Also vom Gast direkt zum Dienst. Sie übernimmt es dann, meine Käufe zu kassieren, also meine Fritz-Kola und die handnummerierte 100 von 500 Exemplaren der LP „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“ von F.S.K., der Bandinstitution mit Wolfsburgs Kunstvereins-Vorsitzendem Justin Hoffmann an der Gitarre. Die Platte und das neue Intro nehme ich mit auf meinen Weg irgendwo in die Sonne. Und in die Mücken. Irgendwas ist ja immer.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

#111 Familientreffen in Kaiserslautern

26. Januar 2017


Donnerstag, 26. Januar 2017

„Familientreffen“, ruft jemand, als ich das Café Riptide betrete. Denn mit mir kommt Micha herein, an der Theke steht Marcus, der sich mit Chris unterhält, der am PC steht, vor den Schallplatten sitzt André auf einem Stuhl und geht die Eigenveröffentlichungen durch, und am großen Fenster hocken Stef und Sascha. Mit „Frohes Neues“ begrüße ich Marcus, Micha schließt sich mit dem Gruß an Chris gerichtet an, und der erwidert: „Wir haben uns doch schon gesehen dieses Jahr!“ Als Stef und ich uns vorhin noch in der Küche über den Weg liefen, wussten wir nichts von unserem gemeinsamen Ziel, aber ich traf Vitas in der Stadt, der mir ihre Anwesenheit im Riptide verriet. Erbse!

Eigentlich wollten Micha und ich uns mal dienstlich treffen, für einige Absprachen. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Eingang und durchforsten unsere Unterlagen. André erhebt sich von seinem Stuhl, steuert den Thekenbereich an und fragt mich im Vorbeigehen: „Kafka?“ An sich eine gute Idee, aber heute ist mir mehr nach einem Milchkaffee. Micha gibt einen Cappuccino in Auftrag. Kurze Zeit darauf bringt uns André das Bestellte: „Falls ihr’s nicht erkennen könnt, das soll ein Herz sein“, sagt er und deutet auf die Schokopulverform auf dem Milchschaum. Ganz eindeutig ein Herz! Das wärmt mindestens so gut wie der Kaffee selbst.

Viel Zeit hat Micha nicht, er ist noch mit einem Freund zum Filmabend verabredet. Er flippt durch die App vom C1-Kino und grantelt, dass zwar gestern „Hacksaw Ridge“ vom Mel Gibson in der Vorpremiere lief, aber nicht ins normale Programm übernommen wurde. „Das ist schon der dritte Film dieses Jahr, der nicht in Braunschweig läuft“, schimpft er. Dieses Jahr war ich noch gar nicht im Kino, mein letzter Film war „Arrival“ am 5. Dezember. „Das ist schon ein bisschen her“, findet auch Micha. Er überlegt, sich „La La Land“ anzusehen, angefixt durch die vielen Oscarnominierungen und Golden Globes, „da lasse ich mich verleiten“. Mich interessiert der genau so wenig wie „Hacksaw Ridge“. „Ein Bekannter findet ‚La La Land‘ gut“, sagt Micha. Jeder findet den gut. „Das muss nichts Schlechtes sein“, sagt Micha und schlägt mir vor: „Du kannst dich mit allen abgleichen und sehen, ob du normal bist, oder krank.“ Oder genau das nicht, wer weiß.

Bei „Hacksaw Ridge“, erklärt mir Micha, geht es um einen Soldaten, der ohne Waffe in den Krieg zieht: „Das würde ich nicht machen.“ Ich nehme nur die Waffe, ohne den Krieg. „Auch ’ne Möglichkeit“, sagt Micha. Ich nehme denen die Waffe weg. Micha: „Denen den Krieg wegnehmen!“

André gönnt sich den Moment und setzt sich zu uns. Er sieht auf Michas Display und stellt die naheliegende Frage: „Wollt ihr ins Kino?“ So halb: Micha ja, ich grad nicht. Micha wiederholt seinen Unmut bezüglich der Filmauswahl in den Braunschweiger Kinos und dass er Interesse an dem Musicalfilm „La La Land“ habe. „Da wird nur gesungen“, sagt André. Micha lacht: „Sagst du in diesem Laden!“ André grinst verlegen und murmelt, dass er das auf Filme bezogen kritischer sieht. Regisseur Damien Chazelle, sagt Micha, hat ein Faible für Jazz, was Micha verlocke, denn auch der erste Film „Whiplash“ handelte von jener Musikrichtung. Ach ja: Rocky am Schlagzeug.

André erzählt etwas davon, dass jemand nach einem Film „draußen“ etwas unappetitliches erlebte, und Micha versteht miss, André sei „rauchen“ gewesen. Dabei fällt ihm die Geschichte ein, wie er mit einem „Kumpel“, der starker Raucher ist und es kaum ohne Zigarette aushält, im überlangen Remake von „Verblendung“ gewesen sei. „Daniel Craig hat gefühlt neunzig Prozent des Films geraucht“, lacht Micha. „Zum Schluss bietet ihm ’ne Frau ’ne Zigarette an und er sagt: ‚Ich will aufhören.‘“ Er grinst: „Ich gucke zu dem Kumpel rüber und der sagt: ‚Mit dir gehe ich nie wieder ins Kino.‘“ Das erinnert André ein das eine von zwei gemeinsamen Malen mit Micha im Kino: Da wies Micha André auf einen kleinen Schatten in der Ecke der Leinwand hin, der daher rührte, dass der Projektor nicht vollständig an der Empore vorbei projizierte. „Das sagt er mir vor dem Film“, echauffiert sich André. „Das wäre mir nie aufgefallen – ich habe den ganzen Film über nur die Kante gesehen.“ Micha grinst: „Gern geschehen.“

Jetzt muss André wieder arbeiten, dafür gesellt sich Stef kurz zu uns. „Unser letzter Ticker war sehr erfolgreich“, berichtet sie Micha. Gemeinsam erstellen sie nämlich für Stefs „Kult-Tour Der Stadtblog“ einen wöchentlichen Veranstaltungskalender. „Der wurde sechsmal geteilt!“ Das freut den Miturheber: „Das haben wir gut gemacht.“ Er ist in plötzlicher Eile und bricht auf, um seine Folgeverabredung einzuhalten. Stef lotst mich zu sich und Sascha an den Tisch am Fenster. Ich hocke mich zu ihnen, und wir stellen fest, dass einer der beiden weißen Lampenschirme über unseren Köpfen zerbrochen ist: „Ist das kaputt oder Design?“, fragt Stef. Ich bin für Design und Sascha hat sofort die selbe Assoziation wie ich: „Calimero.“ Mit Sombrero. „Das kenne ich wieder nicht“, sagt Stef, die etwas jünger ist als wir. Sascha erklärt ihr das mit der Zeichentrickfigur, einem schwarzen Küken mit Eierschalenhut. Seltsam genug: Ein Küken mit italienisch klingendem Namen, der auf dem griechischen Wort für „Guten Morgen“ basiert, das laut Titellied eine mexikanische Kopfbedeckung tragen soll. Multikulti.

Sascha kannte ich bislang nicht direkt, wir haben Lür als gemeinsame Brücke: Lür ist Mitinitiator des DJ-Teams „Rille Elf“ und Erfinder des Tanztees im Tegtmeyer, aus Zeitgründen aber leider nicht mehr so richtig dabei. Lür und Sascha gehen oft zusammen ins Eintrachtstadion, und einmal taumelte Lür mit Anhang nach einem Sonntagsspiel ins Tegtmeyer zum Tanztee, und da war Sascha auch dabei. Also: Gesehen haben wir uns schon mal. Auch diese neue Runde bricht auf: Sascha muss noch zum Fußballtraining und Stef will nach Hause. Ich schließe mich an.

An der Kasse steht ein großes Schild mit der Aufschrift „FCK TRMP“. Chris erläutert: „‘Der FC Kaiserslautern triumphiert‘, heißt das.“ Politische Statements verkneife man sich hier schließlich. Ich spreche ihn auf die Renovierung des Riptide an, von der in der Stadt bereits zu hören ist. „Wir haben dann zwei Wochen geschlossen“, bestätigt Chris. Vom 28. Februar bis 15. März, „das ist zumindest geplant, da müssen nur noch die Handwerker mitspielen“, sagt Chris. Am 16. März macht das Riptide dann wieder auf. „Was wir genau machen, steht noch nicht fest – wahrscheinlich normal auf und mit Sekt.“ Und wie das Riptide dann aussehen soll, verrät Chris natürlich auch nicht. Im Mai schließlich soll auch noch die Homepage überarbeitet werden. Alles neu – fürs Zehnjährige, das im September ansteht. Zehn Jahre Café Riptide. Nicht drüber nachdenken!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#60 Ferrari Testarossa

13. Oktober 2012


Samstag, 13. Oktober

Meine Erkältung klingt allmählich ab, Zeit, mal wieder unter Leute zu kommen, also ins Riptide zu gehen. Wohin auch sonst, zur Genesung. Es ist ja mal ganz nett, seine Zeit ausschließlich in Betten und auf Sofas zu verbringen und Hörspiele und Musik zu hören, aber es wächst bei mir doch bald der Bedarf nach echten Menschen. Deshalb komme ich an diesem sonnenhellen Oktobertag auch nicht in den üblichen fünf Minuten bis in mein zweites Wohnzimmer im Handelsweg, sondern brauche eine Stunde; der BIBS-Stand auf dem Kohlmarkt ist ein schöner Treffpunkt und die Zahl der zu diskutierenden Themen groß. Ein neues soziokulturelles Zentrum in Braunschweig ist nur eines von vielen, aber eines für viele. Die Sonne lacht, wir auch, trotz allem, wegen allem, und die Zahl der Lachenden wächst außerdem. Nun aber mal los.

Hinter dem Tunnel, der durch Möbel Sander in den Handelsweg führt, sitzt Serge mit drei Gästen vor seinem Laden. Das sieht wieder nach den lehrreichen und konstruktiv-streitbaren Gesprächen aus, die sich vor Serges Tür immerzu von allein einzustellen scheinen. Man kann nicht anders als mit ihm philosophieren, und er kann nicht anders als Haltung zeigen, inzwischen ja auch für jeden greifbar: Vor wenigen Wochen veröffentlichte Serge seinen Hörbuch-Buch-Hybriden „Leseprobe 1“, selbstverfasst und selbstgesprochen, überraschend offen und autobiografisch, wie er es als Person inzwischen ja auch ist. Vom Riptide-Nachbarn, über den nur wenig und doch mehr bekannt war als von ihm selbst, zum Mitgestalter in allen Gassen. „Irgendwas mit Theater“ habe er früher gemacht, das wusste man über ihn, inzwischen übernimmt er wieder mal Regie, etwa fürs Theater Fanferlüsch, hält im Rahmen der Kulturnacht in der Galerie auf Zeit eine Lesung ab und präsentiert eben seine „Leseprobe“ in CD- und Buchform. Und es soll mehr werden, ein ganzes Buch, mindestens, und Serge fragt mich im Vorbeiflug nach Verlagskontakten. Netzwerke schaffen, das ist auch eine neue Aufgabe, die er sich selbst stellte und mit der er den zurzeit in der Stadt umtriebigen Zeitgeist trifft, also auf offene Ohren und Türen stößt, insbesondere im kulturellen Bereich. Das Riptide als Nachbar ist da kein schlechter Ort, um Netzwerke aufzutun. Ebenso der übernächste Nachbar: Als erster Verlagskontakt-Hersteller fällt mir Stefan vom Kingking Shop ein, der außerdem einer der Betreiber der Einraumgalerie im Handelsweg ist.

Draußensitzen ist nicht nur für Serge attraktiv, auch die Riptide-Gäste drängen sich im Achteck und betreiben fröhliche Gesprächsrunden. Mit einer abklingenden Erkältung mag ich aber noch nicht draußen sitzen, ich gehe ins Café. Auch dort ist viel los, Franzi und Jasmin haben im besten Sinne alle Hände voll zu tun. André auch, er gehört eigentlich vor lauter lauernder Aufgaben ins Büro an den PC, denn heute Abend ist noch was los im Café: „Das DJ-Team von Indie.Disko.Gehn legt auf.“ Die kenne ich, zumindest als Logo aus Wolfsburg, dort etablierten sie die Party im Sauna-Klub. Fürs Riptide machen sich die Jungs wohl ordentlich Arbeit: „Sie bringen ihre Lightshow an, die Lounge wird zum Kino umgebaut“, kündigt André respektvoll an, während er mir einen meine Erkältung hoffentlich weiter lindernden Kafka zubereitet. Und: „Wir wollen das Rondell beleuchten, je nach Wetterlage.“

Diese ist dann auch erstmal die letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die im Riptide jetzt anstanden, ausgehend von den Festivitäten zum fünfjährigen Bestehen des Etablissements. Was da nicht alles los war. Und wie oft ich es glücklich schaffte, dabei zu sein. Täglich hatten Chris und André eine andere Aktion im Angebot, mit der sie uns köderten, was gar nicht nötig war, wir wären ja auch so gekommen. Bei der Losaktion gewann ich eine Tasse Kaffee, die habe ganz vergessen einzulösen. An dem Tag war ich eigentlich nur kurz da, um Grüße und Gratulationen zu entrichten, aber Jasmin verführte mich zum Loskauf und gewann selbst einen der silbrigglänzenden Riptide-Buttons, wie ich ihn ohnehin seit Jahren an der Jacke trage, in Eintracht mit Buttons von Silver Club und Kingking Shop. Veganes Grillen im Achteck stand einmal auf dem Programm, und davon kostete ich, als ich mich mit Claudi Soundschwester zu einem unserer unregelmäßigen Feierabendbiere traf. Bei uns am Tisch saß Bernd, seinerzeit einer der vier Initiatoren des Schlucklum in Lucklum, und der wusste Geschichten zu erzählen, etwa die, dass es Gäste gab, die Freitagnachmittag vor dem Schlucklum ihr Zelt auf- und es Sonntagmittag wieder abbauten. Und im Zuge des Geburtstags ließen Chris und André T-Shirts anfertigen, mit dem Logo einer weltbekannten Punkrockgruppe, deren Name dieselbe Anzahl Buchstaben trägt wie „Riptide“ und deren kreisrundes Logo die Cafébetrieber für ihre Zwecke dahingehend umgestalteten, dass sie die Namen der Musiker austauschten gegen Synonyme, die sie sich selbst in ihren Rundmails immer geben: Rabea, Rudi, Renate und Rolf.

Die Fünfjahresfeiern waren aber nicht alles, wie André berichtet. Vor einer Woche spielten die Driftwood Fairytales aus Berlin im Riptide. Denen, die die Band nicht kennen, erklärt es André immer so: „Bruce Springsteen ein bisschen schneller gespielt.“ In Erinnerung an das Konzert leuchten Andrés Augen: „Das war ein schöner Abend, 80 Leute, das Publikum hatte Spaß, die Band hatte Spaß.“ Das nächste Konzert gab es vorgestern, als Nachprogramm zum Film über Michel Petrucciani im Universum, in der gemeinsamen Reihe Sound On Screen, als das Tiqui Taca Trio im Café spielte, eine Jazz-Band. „Da war ein anderes Publikum hier“, sagt André, und auch das hatte Spaß im Café. Nach „Blue Note: The Story Of Modern Jazz“ vor genau einem Jahr war das schon das zweite Jazz-Thema im Riptide. Dieses Mal begleitet aber keine extrem stylishe Jazzschallplattencoverausstellung den Film, da im Zuge der Geburtstagsfeier zurzeit stimmungsvolle Schwarzweißfotos von Timo Hoheisel aus dem Caféalltag erzählen. Eine Meta-Ausstellung also.

Zu den Sound-On-Screen-Filmen habe ich es noch nie geschafft, höchstens mal zu den dazugehörigen Partys, und das finde ich mindestens bedauerlich. Immerhin, Beate vom Filmfest verriet mir, dass es womöglich im Januar einen guten Grund für mich gibt, beim Chef mal einen frühen Feierabend einzufordern. Noch ist nichts spruchreif, bestätigt auch André, aber die Hoffnung ist groß, dass Sound On Screen dann einen meiner Filmwünsche erfüllt. Das Filmfest selbst beginnt auch in wenigen Wochen, große Freude, jedoch fällt es nahezu komplett in meine Arbeitszeit, was wahrscheinlich bedeutet, dass ich so gut wie keinen Film zu sehen bekomme, große Missstimmung. Noch gibt es kein Programm, aber ich hoffe zum Beispiel auf „The Angel’s Share“, den neuen Film vom Ken Loach, und dass ich dafür dann auch Zeit finde.

Immerhin, ins Kino schaffte ich es tatsächlich mal wieder zweimal, beide Male in Begleitung von Micha, den ich vor fünf Jahren und einem Monat am Eröffnungstag des Café Riptide am Tresen kennenlernte. Kürzlich gehörte ich einmal dem Philosophenkreis bei Serge an, als Micha im Vorbeigehen auf meine Schulter hieb und rief: „Dich brauche ich.“ Er habe sich außer mir niemanden vorstellen können, der Spaß an „Holy Motors“ von Leos Carax haben könnte. Wie Recht er hatte: Den Film wollte ich sehen. Wir verabredeten uns gleich für den folgenden Abend am Universum. Und trafen uns vorher schon am Nachmittag wieder zufällig im Riptide, wo ich eigentlich mit Steffen verabredet war, der mit seiner Band Dissouled in Wolfsburg regelmäßig Grindcore-Festivals veranstaltet, und zwar mit Bands, die in der Szene international zu den Helden gehören und die dafür sorgen, dass Wolfsburg seitdem auf der Grindcore-Europakarte fettgedruckt eingetragen ist. Dissouled selbst grooven wie Sau und arbeiten zurzeit an ihrem neuen Album. Fossi machte unsere Tischrunde kurzfristig zum Quartett, wir sprachen natürlich auch über Filme. Als ich dann später meine Getränkerechnung begleichen wollte, überraschten mich Chris und André mit der Frage, ob ich „die hier“ schon hätte, und zeigten mir die an dem Tag niegelnagelneue Dreifach-LP von den Drei Fragezeichen, „…und die Geisterlampe“, mit zwölf Kurzgeschichten. Hatte ich noch nicht und schlug sofort dankbar zu. Die Geschichten sind lediglich okay und damit immerhin besser als die meisten neuen Langhörspiele, aber es ist einfach toll, die Drei Fragezeichen von Vinyl zu hören. An „Holy Motors“ jedenfalls hatten Micha und ich gleichermaßen mehr Spaß im Nachhinein als währenddessen: Er ist bedrückend finster, aber einfallsreich und bemerkenswert wie kaum ein anderer Film. Auch über den anderen gemeinsam gesehenen Film sind wir einer Meinung: „Prometheus“ hat eindrucksvolle Bilder, aber eine mies unlogische Handlung, über die wir uns mächtig echauffieren können, so viel Geld, wie in dem Machwerk schließlich steckt.

Und à propos Jazz, vergangene Woche holte ich mit die neue LP von Neneh Cherry im Riptide ab. Kein „Buffalo Stance“, obwohl das zu den guten Rapstücken der späten 80er gehörte und Neneh Cherry auch mit „Manchild“ und später „Woman“ ihre Stimme bestens zur Geltung brachte. Man stelle sich diese nun im Kontext mit der Musik des Free-Jazz-Trios The Thing vor, Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon als Basis für Coverversionen von Trip- und Hip-Hop-Stücken sowie „Dream Baby Dream“ von Suicide und „Dirt“ von The Stooges. Funktioniert tadellos, The Cherry Thing, die Stimme gibt Struktur, und nächsten Monat gibt es die Remix-LP dazu. Tja: Eines der spannendsten Alben des Jahres kommt von Neneh Cherry, man glaubt es kaum.

Jedenfalls ist die große Anzahl an Aktivitäten der jüngeren Zeit der Grund, weshalb sich das Riptide in der am Montag beginnenden Plattenladenwoche zurückhält. Nicht jedoch mit den Specials, die es in den teilnehmenden Plattenläden gibt, davon finden sicherlich auch einige ihren Weg nach Braunschweig. Auf der Internetseite des Rolling-Stone-Magazins wurde das Riptide in diesem Zusammenhang erneut präsentiert, berichtet André und kündigt außerdem an: „Wir sind demnächst auf NDR Kultur, dort werden wir vorgestellt.“

Meine leere Kafka-Tasse stelle ich neben das neue Braunschweiger Kneipen-Quartett, in dem auch das Riptide aufgeführt ist. Im Kingking Shop ließen mich Stefan und Pott einen Blick hineinwerfen, André warf noch keinen, sagt er. Gleich die erste Karte ist die mit dem Riptide, Karte A1. „Bei den Autoquartetts war das immer der Ferrari Testarossa“, sagt André. „Wer weiß, was das zu bedeuten hat.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#53 Abschied ist ein schweres Schaf

25. März 2012


Samstag, 24. März

Sonne, blauer Himmel, über 20 Grad Celsius – fristgerecht verwöhnt der Frühling an diesem ersten Osterferientag uns Ostfalen, wir holen uns unseren knappen jährlichen Anteil an Sonnentagen ab. Was das bedeutet, vermittelt ein Gang durch Braunschweig: Die Leute sitzen, wo sie nur können, vornehmlich auf dem Kohlmarkt oder in den Parks. Wer noch wie ich aus alter Gewohnheit Winterjacken trägt, macht sich im Geiste einen Vermerk, den Mantel künftig gegen die nächstdünnere Jacke zu tauschen. Kinder quirlen umher, tapsige junge Hunde verlieren zwischen den Beinen die Orientierung, gehende Menschen tragen Einkaufstaschen, sitzende nippen an Getränken. Ein Straßenmusiker spielt auf der akustischen Gitarre stimmungsaufhellende russische Begräbnismusik. Die Marketender auf dem Altstadtmarkt bestätigen, dass die Sonne die Laune aufhellt, sowohl deren eigene als auch die der Gäste. Die Eile wich der Weile. Über dem Wochenmarkt wehen wieder Düfte von Obst, Gemüse und per Heizdraht gereiftem Spargel, gemischt mit dem von Kaffee und Bratwurst. Brötchen und Käse sind heute besonders gut. Aus dem Bierteufel dröhnt der Jubel vom 1:0 der Eintracht gegen Fortuna Düsseldorf, vor Piou lässt Tanja ihren kleinen Dackel am Boden schnuppern, Serge sitzt mit einem Gast vor seinem Laden, die Riptides haben eine Biergarnitur im Achteck aufgestellt. Plätze sind dort rar, also gehen Maren, Arni, Janna und ich eben ins Café.

Zu viert am Dreiertisch, das wird eng, vor allem, weil wir alle Hunger haben. Also schiebe ich einen Stuhl vom Nachbartisch dazu, mit allem Schwung, der mir möglich ist, so entspannt, wie ich bin. Das Kissen folgt gleichzeitig der Zentrifugal- und der Schwerkraft. Ich hebe es auf und lege es zurück auf den Stuhl, den ich zwischen die anderen drei Stühle dränge. Zu eng, wie die finden, die darauf sitzen sollen. Also stelle ich entspannt den Stuhl zwischen unserem und dem Nachbartisch beiseite und übersehe, dass die Wand, an der er steht, auch den Rucksack, der auf ihm liegt, hält. Es knallt einmal kurz, als Arnis Gepäckstück den Boden erreicht. Janna hebt den Rucksack auf, ganz entspannt. Arni und ich schieben den zweiten Tisch an unseren, tatsächlich ohne, dass etwas herunterfällt. Ein weiterer Stuhl vom zweiten Tisch ist jetzt übrig, Arni stellt ihn an den Tisch gegenüber, dorthin, woher ich den anderen Stuhl geholt hatte. Bis wir alle sitzen, ist bestimmt eine Viertelstunde vergangen. Entspannung kann ganz schön stressen.

Nicht Roberto und Gregor, die gleichzeitig aus der Küche um die Ecke strömen und bei uns die Bestellung aufnehmen wollen, ganz plattenladengemäß in Stereo. Gregor bleibt mit gezücktem Block bei Arni und mir stehen. „Dann gehe ich zu den Frauen“, sagt Roberto und umrundet uns. Wir alle wollen Riptide-Burger essen, aber jeder einen anderen und anders konfiguriert, mal vegan, mal mit Käse. Maren bestellt Grünen Tee, Janna Wasser, Arni Fritz-Kola und ich ein alkoholfreies Hefeweizen. Noch während Gregor und Roberto ihre Stifte wieder – niemand weiß, wie das richtige Verb dafür heißt – ausschalten und ihre Blöcke zuklappen, kommt Chris zu uns an den Tisch und begrüßt uns. Er war eine Woche lang im Urlaub, erzählt er, auch ganz entspannt, so wie wir es jetzt sind. Da fällt mir der anstehende Record Store Day ein, da habe ich im Internet gelesen, dass das Riptide zu den teilnehmenden Plattenläden gehört. Chris bestätitgt das und sichert zu, meine Bestellliste zu berücksichtigen. Ziemlich viele Sonderveröffentlichungen gibt es dieses Mal. „Es werden jedes Mal mehr“, bestätigt Chris. An sich finde ich die Einrichtung ja gut, dass Bands und Labels Tonträger veröffentlichen, die es dann nur im Rahmen des Record Store Day in unabhängigen Schallplattenläden gibt. Doch sind da inzwischen häufig nicht mehr die Fans die Käufer, sondern geschäftstüchtige Weiterverläufer, die sich bereichern wollen. Für bestimmte Veröffentlichungen müsste man heute ein Schweinegeld hinlegen, wollte man sie wirklich haben. „Wir versuchen, alles zu kriegen“, beruhigt mich Chris. Dennoch kann er von Ausnahmen berichten: „Es gibt einige Raritäten, die haben wir nie gesehen.“ Darunter eine Smiths-10“-Box oder eine Nirvana-7“. „Wenn ich rechtzeitig feststelle, dass ich eine Platte nicht bekommen kann, sage ich dir bescheid“, beruhigt mich Chris. Das ist nett.

Und entspannt mich wieder. Andere Gäste, die ins Café kommen, strahlen ebenfalls, und keiner ist hektisch. Mir gefällt, dass mal alle Leute gutgelaunt sind. „Lass mich in Ruhe“, bölkt Arni und blättert grinsend in dem Lego-Katalog, den er vorhin aus der Spielwarenabteilung bei Kartstadt mitnahm. Lego-Regale in Spielwarenabteilungen sind regelmäßig unser Ziel, wenn es mal nicht Platten- oder Buchläden sind. Die Dänen haben inzwischen wieder an Spaß und Qualität zugelegt, nach den eher playmobilartigen Zeiten mit unveränderbaren Großbausteinen. Zurzeit haben sie eine Polizei-Serie, bei der fast jedes Modell irgendwo eine Kaffeetasse oder Kaffeemaschine hat. Bei anderen Gelegenheiten bringen sie Fische, Würste oder Hähnchenkeulen unter, selbst bei der an „Jurassic Park“ angelehnten Dino-Reihe. Ganz neu ist „Friends“, eine Reihe, die sich an Mädchen richten soll und ebenfalls den aktuell typischen Humor durchblitzen lässt. Es geht um fünf Mädels, die alle irgendwelche weitgehend mädchentypischen Sachen machen und damit ganz neoökonomisch erfolgreich sind und trotzdem Spaß haben. Die Figuren sind etwas größer als die Lego-Minifigures und heißen Andrea, Emma, Mia, Stephanie und Olivia. Letztere hat ein eigenes „Traumhaus“, und wenn man sich die Packung genau anguckt, sieht man zwei weitere Figuren: Peter und Anna, die aussehen wie Mulder und Scully. Als wär das nicht genug: Mulder grillt und Scully mäht den Rasen. Die Vorbereitungen für „Akte X“, Staffel zehn?

„Das wird der erste Sound-On-Screen-Film, zu dem ich gehe“, sagt Maren und fischt einen Flyer für die nächste Veranstaltung aus dem Ständer mit den Speisekarten neben dem Aufsteller, der für die „crunchig-fruchtige Erdnuss-Curry-Suppe“ wirbt. Das Universum zeigt am 19. April „Sex & Drugs & Rock & Roll“ über Pubrocker Ian Dury mit Gollum-Schatz Andy Serkis in der Hauptrolle und anschließendem Ronny-Mono-Konzert im Riptide. À propos Gollum: Auf Deutsch hat Andreas Fröhlich den gesprochen. Bob Andrews, zuständig für Recherchen und Archiv! Das hat er gut gemacht, schließlich erkennt man ihn nicht. Auf Englisch macht „Herr der Ringe“ aber auch Laune. Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, alle drei Extended-Versionen am Stück zu gucken, Original mit englischen Untertiteln. Die Stimmen sind toll, und auch, dass die Figuren unterschiedliche Dialekte haben. Gimli spricht einen walisischen Akzent, klärt denjenigen das Internet auf, der wie ich glaubt, es sei Schottisch, und der passt wunderbar zu dem Zwerg. Dessen Schauspieler John Rhys-Davies spricht im Original übrigens auch den Ent Treebeard. Wenn man die deutsche Fassung gewohnt ist, wundert man sich, wenn man den richtigen Namen für Helms Klamm hört, „Helm’s Deep“; hat doch schon durch die Geschichte der Name „Helms Klamm“ einen bedohlichen, einengenden, ausweglosen Klang. „Klamm“ ist ein schönes Wort für „Deep“, aber wohl weil „klamm“ auch „feucht“ und „verschimmelt“ assoziiert, geht von „Deep“ für mich weniger Bedrohung als vielmehr Schutz aus.

Mit einem vollen Tablett kurvt Gregor um die Ecke. „Sieht aus wie ein Schlumpf“, stellt er mit Blick auf die zur Seite geneigte Blume meines Hefeweizens fest. Das passt, das sieht mir ähnlich. Gregor verteilt die Getränke entsprechend ihren Bestellungen, klappt das Tablett an sich und sagt: „Lasst es euch schmecken.“ Maren setzt ihre Brille ab und nimmt das dazugehörige Etui aus ihrer Tasche. Janna lacht: Das Etui sieht aus wie eine Mini-Handtasche und ist gemustert wie ein Leopard. „Das habe ich geschenkt bekommen“, erzählt Maren stolz. Ein tolles Gescenk sei einmal auch ein Schoko-Badezusatz gewesen. Janna ist skeptisch: „Da möchte ich lieber nicht drin baden, Schoko esse ich lieber.“

Arni und ich streifen ein wenig im Raum umher. In dem Aufsteller, aus dem wir sonst das Intro fischen, liegen Umsonst-Visions. Früher habe ich die auch noch gelesen, aber mir ging deren Haltung irgendwann auf den Keks: „Das ist nicht Visions-kompatibel.“ Abgesehen von so einem beschränkten Horizont war beizeiten auch das Visions-Kompatible nicht mehr mit mir kompatibel und ich bestellte das Abo ab. Aber so mal zum Schmökern nehme ich gerne mal wieder ein Heft mit. Bei den LPs steht auch das neue Album von Oliver Koletzki, der mich bislang musikalisch über den „Drei Tage wach“-Remix von Lützenkirchen hinaus noch gar nicht erreicht hat, aber das Cover von „Großstadtmärchen 2“, dem neuen Album des gebürtigen Braunschweigers, stammt vom weißen Kaninchen aus dem Lützenkirchen-Video: Chrisse Kunst, seinerzeit Ausstellender im Riptide. Was Koletzki abseits der Musik sympathisch macht, ist, dass er sich, wenn er House macht, „Parker Frisby“ nennt, nach einer Figur aus „Die Drei Fragezeichen und die Perlenvögel“. Arni und ich entdecken zudem erfreut, dass die Riptides ein Extra-Fach für Die drei ??? zwischen Dinosaur Jr und anderen D-Musikern eingerichtet haben.

In der Rip-Lounge liegt die noch neueste Ausgabe der alternativen Zeitung „Unser-Braunschweig“ aus, mit der Ankündigung der Lichterkette vor zwei Wochen auf der Titelseite. Wir waren wieder dabei, zwei von 24.000 Teilnehmern auf einer 80-Kilometer-Strecke entlang der schönsten Ausflugsziele Ostfalens: Asse, Schacht Konrad und Eckert & Ziegler. Genau ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima zeigten die Leute Flagge, besser: Fackel. Protest für die ganze Familie, und das im doppelten Sinne: Einmal waren von der Oma bis zum Baby alle dabei, weil vom Steineschmeißen nicht auszugehen war, und dann stellt Oma nun mal Weichen fürs Baby, wenn sie gegen das Verbuddeln oder Aufbereiten todbringenden Mülls in der Gegend protestiert. Als Gesellschaftspessimist freut man sich, dass es überhaupt noch oder wieder Menschen gibt, die für irgendetwas einstehen, andererseits sieht man ja ganz besonders deutlich in Braunschweig, wie weit Bürger- und Politikerwille auseinandergehen können, ohne dass mit demokratischen Mitteln gegen fragwürdige Machthaber vorzugehen wäre. Eine Demonstration macht den Protest zwar wahrnehmbar, wendet den Grund für den Protest aber nicht direkt ab. Immerhin sah es schön aus, wie reihenweise Fackeln die Braunschweiger Innenstadt illuminierten. Überall hatten Institutionen, Parteien, Kirchen, Initiativen ihre Stände aufgebaut, verkauften Fackeln, gaben Infos aus und betreuten Teilnehmer. In feuerfesten Schalen sammelten sie nach dem Abbrennen die verglühten Fackeln. Auf dem Kohlmarkt klang der Protest mit Sambattac-Trommeln aus. Atomkraft ist wenigstens protestierbar, einen Castorbehälter kann man anfassen, eine Bildungsreform beispielsweise nicht. Ein Lokalpolitiker erzählte mir kürzlich, er habe gelesen, dass, wenn alles Geld, das die Regierung in den vergangenen Jahren von den Bürgern für die Bildung abgezwackt hat, auch wirklich in die Bildung geflossen wäre, heute jedes Kind einen eigenen Lehrer hätte. Aber das kann eine Regierung ja nicht wollen, dass die Bürger so gebildet sind, dass sie begreifen, dass eine Regierung, die genau das unterbindet, versagt hat und abgewählt gehört. Die Katze und ihr Schwanz.

„Eins, zwei, drei – Burger!“, schallt es von unserem Tisch. Arni und ich bestaunen LPs von Boris und Neurosis, als Janna und Maren uns dezent darauf aufmerksam machen, dass die erste Hälfte unserer Bestellung bereits auf dem Tisch dampft. Die Nachricht mit der Visions reißt Maren nicht weiter um: „Ich habe hier gestern schon alles in dem Heft gelesen, was mich interessiert – desegen habe ich sie mir auch nicht genommen.“ Wir untersuchen zu viert die beiden gelieferten Burger und können nicht herausfinden, um welche beiden der vier bestellten es sich handelt. Aus einem fließt ganz eindeutig Käse, doch ist der andere auch wirklich vegan? Ich biete mich an, einfach alle zu essen. „Und wir gucken zu?“, empört sich Janna. „Nee!“ Arni rauft sich die Haare: „Du isst alles und wirst nicht sooo dick?“ Mit den Händen holt er weit aus. Viel fehlt dazu ja nun nicht mehr. Janna glaubt: „Das warme Herz verbrennt alles.“ Uff. Gregor hilft uns rätselnden mit dem Zeigefinger: „Das ist vegan, und das ist der Robinson mit Käse.“ Beim ersten greift Maren zu, beim zweiten Arni. Maren bleibt mit Blick auf das Schälchen mit rotem Inhalt bei ihren Nachos jedoch skeptisch: „Und die Soße?“ Gregor beruhigt sie: „Das ist neu, die gibt es jetzt immer zu den Chips dazu.“ Das aanzichste, stelle ich leise an Gregor gewandt fest, was noch fehlt, ist Besteck. „Das aanzichste?“, wiederholt Gregor. „Kommt sofocht.“ Und die beiden offenen Burger gleich mit. Das ist ein Fest! Die Burger im Riptide sind großartig, da vermisse ich als Karnovore das Fleisch kein bisschen.

Während wir die Burger wahlweise von vorne nach hinten oder von oben nach unten dezimieren, dringt von außen Torjubel ins Café. Maren stellt zwischen zwei Bissen den Unterschied zwischen „Hochbezahlt“ und „Gut“ in Kunst und Design fest. Zu „Gut“ fällt mir ein, dass sie in der Braunschweiger Zeitung heute eine Doppelseite über die neue Ausstellung von Gerhard Richter in Berlin haben. Da ist an prominenter erster Stelle die Kerze zu sehen, die Sonic Youth für ihr Album „Daydream Nation“ als Cover genommen haben, was die BZ allerdings nicht erwähnt. Jedoch sieht Maren auch zwischen Richter und Gut nicht unbedingt den Zusammenhang, dafür aber am Kopf eines eintretenden Gastes ein Stirnband. „Ich habe mein Nena-Schweißband wiedergefunden“, erzählt sie. In Rosa-Weiß-Rosa gestreift mit der Aufschrift „Nena“. Es gehörte einst zu einem Set mit Stirnband. Ich hatte als Kind ein Schweißband vom HSV, etwa 1984, also kurz nach den beiden Meisterschaften. Maren erzählt, wie sie in den 80ern mit einem Mitschüler ein Nena-Magazin erstellte, mit aus der Bravo abgeänderten Texten in krakeliger Schreibschrift und selbstgemaltem Starschnitt. „Mein kleiner Bruder hat immer Hörspiele selbst gemacht“, erzählt Janna. „Mit klapprigem Kassettenrekorder und Mikrofon.“ Maren auch, bei einem Freund, der eine He-Man-Burg hatte und der He-Man-Geschichten vertonte. Maren machte dann die Geräusche, mit Plastiktüten über den Füßen Schritte auf fremden Planeten oder mit einer Tupperschüssel vorm Gesicht eine Stimme wie im Helm. „Das müssten wir auch mal machen“, schlägt Arni angesteckt vor. Gute Idee, wir könnten dann die Geschichte vertonen, die Janna und ich kürzlich für die Hochzeit eines befreundeten Paares schrieben: „Die Drei Fragezeichen fahren nach Kopenhagen.“ Jeder Gast hatte im Vorfeld eine Seite für die Hochzeitszeitung gestalten sollen. Da ich die Braut seinerzeit über die drei Detektive kennen gelernt hatte, war beim ersten Herumbasteln schon die Idee da: Ich fügte die Olsenbanden-Silhouette in ein Drei-Fragezeichen-Cover ein und schrieb den Titel dazu. Janna meinte, wir müssten ihnen eine Würfel-Geschichte anbieten mit sechs Auswahlmöglichkeiten zu verschiedenen Parametern, wie Auftraggeber, Bösewicht, Gegenstand, Ort und so weiter. Das Paar hatte dann zu würfeln und uns die Ergebnisse mitzuteilen, aus denen wir eine Geschichten schreiben und sie ihnen bei einem Essen vorlesen wollten. Das war gar nicht so einfach, weil wir die erwürfelten Parameter sinnvoll kombinieren mussten. Am Ende reisten Justus, Bob und Peter als Austauschschüler nach Kopenhagen, wo sie auf die Olsenbande trafen und in einen internationalen Waffenschieberfall verwickelt wurden, der bis nach Schweden reichte und in dem Egon, Benny und Kjeld als Kleinganoven doch eher auf der Seite der Guten standen. Aber eigentlich müsste die Geschichte mit den Original-(DEFA-)Sprechern vertont werden, nicht mit uns.

Die Burger haben einige von uns gesättigt. Maren blättert in der Speisekarte und macht erfreut Entdeckungen: „Es gibt jetzt ein veganes Frühstück.“ Damit nicht genug: „Es gibt jetzt vegane Muffins? Gleich mal fragen, vegane Süßigkeiten hatten sie bislang nicht, das wäre fein.“ Arni und ich krümeln die letzten Nachos von den Tellern in uns hinein. „Im Bioladen habe ich letztens gesalzene gefunden“, berichtet Arni. „Die waren superlecker.“ Roberto räumt ab und wir schwärmen alle von den Burgern. „Habt ihr die Rezeptur geändert?“, fragt Arni. „Nee“, sagt Roberto grinsend, „aber ich habe die gebraten.“ Dann ist er ja der Bratling. „Genau, ich bin der vegane Bratling.“ Arni fragt: „Wo habt ihr die eigentlich her?“ Roberto bleibt ernst: „Wir haben da in Braunschweig einen schönen speziellen Schlachter.“

Nachdem wir alle in der Karte geblättert haben, nimmt Gregor die neue Bestellung auf. Arni wünscht sich einen Milchkaffee, ich eine Fritz-Kola ohne Zucker, Maren einen weiteren grünen Tee und Janna ein weiteres Wasser. Dabei fällt mir Gregors Kettenanhänger auf. „Das ist ein Plektrum, ich spiele Bluesgitarre, das hat mir ein Freund zum Abschied geschenkt, weil ich am Samstag wegziehe“, erklärt er. Aus heiterem Himmel. „Das ist meine letzte Schicht, ich ziehe nach Hamburg.“ Immerhin verschlechtert er sich damit nicht, stellt Arni fest. Auf Läden wie das Riptide oder den Kingking Shop muss er dort aber verzichten. Abschied, um es mit dem britischen Schlagersänger aus Kenia zu sagen, ist ein scharfes Schwert. Aber wenn er mal wieder nach Braunschweig kommt, weiß er ja, wo er hinkann.

Maren hat ihren veganen Muffin bekommen und probiert. „Der ist der Oberknaller“, stellt sie fest. Wir anderen sind von unseren Burgern noch satt und stillen lediglich unseren Durst. Kunden kommen und gehen, ein kleiner weißer Hund beißt die Hand nicht, die ihn tränkt, und ein zweijähriges Mädchen schüttelt, die, die ich ihm hinhalte. Alles ganz entspannt. So wie wir. Die Sonne lockt. Draußen sind alle Plätze belegt, schon seit Stunden. Kein Wunder. Wir wollen auch nach draußen. Tschüß Gregor, lass es dir gutgehen in Hamburg!

Den kleinen Dackel hat Tanja jetzt auf dem Schoß. Serge ist in seinem Laden verschwunden. Im Bierteufel erfahren wir, dass der Torjubel wohl doch keiner war: Düsseldorf hat ein Ausgleichstor geschossen. Was soll’s, ein Punkt gegen einen Aufstiegskandidaten ist auch eine Leistung für einen Liganeuling. Am Wild Geese hängt ein Transparent, dass nächste Woche der 15. Geburtstag des Pubs ansteht. Letzten Samstag feierten wir dort noch wild St. Patrick’s Day, wie jedes Jahr, seit es das Wild Geese gibt, außer einmal, als ich krank war. Macht nicht auch bald die Okercabana wieder auf? Winter, wo ist dein Stachel?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#43 Philosophophil

23. Mai 2011


Montag, 23. Mai

So kann Frühling sein: hell, warm und trocken. Die Schwalben sind mittlerweile in Braunschweig angekommen, sie kreisen auch wieder über dem Achteck im Handelsweg. Der Platz zwischen den beiden Riptide-Räumen ist gut belegt mit Gästen, im Riptide selbst sitzt bei dem wundervollen Wetter niemand, der dort nicht auch arbeitet. Jasmin balanciert abenteuerlich auf einem Barhocker und wischt die Scheiben hinter den Plattenspielern, Franzi geht ans Telefon. Es ist Chris, der André sprechen will, sagt Franzi Jasmin über den Tresen hinweg. Jasmin ist ebenso ratlos wir Franzi mit der abgedeckten Sprechmuschel: André hätte eigentlich da sein sollen. Aber da am Samstag die BS-Visite war und das Riptide dort caterte, wähnt Jamsin André bei irgendwelchen Aufräumarbeiten. „Gestern haben wir nur ein bisschen sauber gemacht“, sagt Jasmin. Für den Abbau fehlte die Kraft. Franzi dreht sich weg und spricht mit Chris, während Jasmin von der BS-Visite erzählt: „Das war gut, ich habe selber nur die Hälfte der Ausstellung gesehen.“

Serge unterbricht Jasmin. Er kommt ins Riptide gestürmt und spricht sie an, sei kenne sich doch mit medizinischer Versorgung aus. Serge hat etwas ins Auge bekommen und macht sich Sorgen, die Jasmin zwar zu zerstreuen in der Lage ist, es aber nicht kann: Serge ist mit ihrer eigentlich beruhigenden Diagnose nicht so recht beruhigt. Er kommt gleich wieder ins Café, stellt sich dieses Mal an die Theke, bestellt einen Kaffee und wischt sich im Auge herum. Ich spreche ihn auf seinen Regie-Job beim Theater Fanferlüsch an. Micha gesellt sich zu uns, wie verabredet: Gestern noch wehte ich an ihm vorbei und sagte mehr im Scherz „bis morgen“, heute macht er den Scherz wahr. Er bestellt sich eine Hausmarke und legt zwei Plakate auf die Theke. So geht das hier: Wer hinter der Theke steht, nimmt die Plakate entgegen und klebt sie bei nächstbester Gelegenheit unter die Theke. Von vorn sichtbar, versteht sich. Kathi, Jasmin und Serge lassen sich über die schlechte Gestaltung der Plakate aus. Man könne gar nicht ausmachen, um was für eine Art Veranstaltung es sich handele, geschweige denn, wer überhaupt der Veranstalter sei. „Das Datum ist viel zu klein“, befindet Kathi. „Muss nicht der Urheber am Rand vermerkt sein?“, fragt Serge. Damit etwa bei verbotenen Inhalten nachverfolgbar sei, wer zu belangen ist. Micha nimmt einen Schluck von meiner Hermann-Brause Melone-Limette und verzieht das Gesicht. Immerhin: Er lacht. „Ich hab aus Versehen deine Flasche erwischt“, stellt er korrekt fest. Und teilt meine Meinung, dass die Brause enorm künstlich schmeckt. Wie nichts, was es in der Natur gibt, finde ich, mag den Geschmack aber gern. Micha spült mit Hausmarke nach. Eines der Plakate ziert ein Gehirn mit lauter Zahlen darauf. Serge ist davon überzeugt, dass das Gehirn wirklich so funktioniert: in Reihe verknüpft. Ich merke an, dass ich es mir nicht so schön vorstellen kann, wenn alles wieder auf Null ist. „Dann ist dunkel“, sagt Serge, und Micha widerspricht: „Vielleicht auch ganz hell und Tanz.“ Serge fragt: „Das willst du lieber? Eine Belohnung für ein dunkles Leben?“ Ich werfe ein, dass das die protestantische Sichtweise ist, und entfache damit eine Diskussion über Religionen und Spiritualität.

Derweil kommt André ins Café. Er trägt eine Kunststoffkiste, stellt sie vor der Theke ab und sagt zu Jasmin und Kathi, als müsse er sie um Erlaubnis bitten: „Ich bring hier mal ne Kiste rein.“ Jasmin versteht die Anmerkung anders: „Und was sollen wir damit machen?“ André bleibt die offensichtliche Antwort schuldig. Kathi kommt aus dem Achteck und triumphiert: „Zwei Crêpes!“ Sie verschwindet grinsend in der Küche und überlässt Jasmin die Entscheidung, was sie mit der Kiste machen soll. Die Kiste indes bleibt nicht alleine: André bringt weitere ins Café. Und sieht dabei deutlich erschöpft aus. „Geh schlafen“, schlägt Micha vor. Ich weise André auf das Café-Sofa als Möglichkeit dafür hin. „Heute nicht“, wehrt André ab. „Ich wusste ja, dass der Mai heftig wird.“ André öffnet den kleinen Schrank neben dem Eingang, holt einen Blechbehälter und den Hundenapf heraus und legt eine Decke hinein. Alles in einem Tempo, das in etwa seinem Erscheinungsbild entspricht.

Serge hat seinen Kaffee ausgetrunken und steht rauchend am Eingang, Raze alias Dominic geht an ihm vorbei ins Café. Raze bestellt sich ein alkoholfreies Bier: „Ich habe mir eine alkoholfreie Woche verordnet, aber am Wochenende muss ich spielen, das wird nix.“ Jasmin reicht ihm das Bier und grinst: „Das wird dann doch eine Herausforderung.“ Micha spricht Raze auf die buchgroße „ISAM“-CD von Amon Tobin mit dem Fotos von Tessa Farmer, die auf der Theke steht, an. „Ich hab die Rezension gelesen und gleich gewusst, dass das was für dich ist“, sagt Micha. Raze gibt ihm Recht. Da verdunkelt sich die Sonne: Lukas ist von seinem Platz im Achteck aufgestanden und steht mit angewinkelten Armen bei Serge in der Tür. „Hier ist was los“, ruft er tadelnd. „So schönes Wetter und alle sind drinnen.“ Er auch, merke ich an, als er vor mir hinter der Theke steht. „Ich will nur kurz Mails checken“, sagt Lukas und checkt kurz Mails.

Jasmin hat sich der inzwischen beachtlich aufgestapelten Aufgabe angenommen und entdeckt in den Kisten leere Flaschen, Flaschenöffner, ein auf rätselhafte Weise untrennbar in ein Bierglas gestecktes Weinglas und mit einem erfreuten Aufschrei quittierend eine angefangene Packung Tabak. Raze lacht: „Ein Kumpel hat in seinem Auto unterm Sitz letztens einen Raider gefunden.“ Es dauert bei uns allen eine Weile, bis wir den Ekelanteil dieser Nachricht erfassen. „Der muss sogar vom Vorbesitzer sein“, fährt Raze fort, „denn er hat den Wagen erst drei, vier Jahre.“

Über den Film „The Tree Of Life“ erreichen Micha und Raze erneut das Thema Spiritualität, Serge ist inzwischen nicht mehr dabei. Die Frage ist, was kommt, wenn das Licht ausgeht. „Neues Licht“, schlägt Micha vor. Raze meint: „Dann ist Feierabend.“ Micha kennt Raze besser: „Dann gibt’s noch ein Feierabendbier.“ Das Bier, das niemals leer wird, mutmaße ich. Raze grinst: „Dazu kann ich noch ein paar Sachen sagen, wenn ich mehr Bier intus hab.“ Sein „spielen“ am Wochenende ist überdies ein Auflegen, wie Raze erläutert. Er meint, dass es zurzeit sehr schwer sei, Sachen aufzulegen, die nicht sowieso schon jeder kennt, egal, in welchem Genre.

Vom Auflegen erzählt auch Svante, der eigentlich ins Riptide kam, um Flyer zu verteilen, nun aber Platten entdeckt. „Wildstyle“ steht groß auf seinen Flyern, und ich entdecke neben dem Datum 3. Juni das vertraute Logo vom Sauna-Klub im Hallenbad Wolfsburg. Doch zum Sauna-Klub gehört er nicht: „Wir machen dort nur die Partys.“ Hip-Hop-Partys nämlich, „es gibt ja keine mehr“, meint Svante, „und da dachten wir, es besteht überregional Bedarf“, deshalb lege er die Flyer in Braunschweig aus. Svante ist Wolfsburger, der in Braunschweig studiert und ohnehin fast täglich hier ist. Er ist Mitglied im Wordclass Soundsystem, zusammen mit Der DJ und Der fette MC. Das Soundsystem ist wiederum Bestandteil der größeren Crew Wordclass. Bislang kannte ich in Wolfsburg nur die Arabia Mafia und die Crew um Nizza, die Wordclass-Crew ist mir noch nicht untergekommen. „Wir sind nicht so aktiv“, ist Svantes Erklärung. „Die Leute wohnen in Bayreuth, in Hamburg – wir versuchen, das nach unseren Möglichkeiten zu machen.“ Zum Beispiel ein Hip-Hop-Festival im Kulturzentrum Hallenbad im Herbst und die Wildsytle-Party einmal im Quartal. „Wir versuchen, das überregional zu etablieren, dass es eine Marke wird, wie es sie im Moment in dem Bereich nicht gibt“, sagt Svante. Die Arabia Mafia und Nizza kennt Svante natürlich auch, nicht nur das: „Nizza hat sein Album draußen, ‚Der Club der dopen Dichter’ – das ist das Professionellste, was es aus Wolfsburg gibt im Hip Hop“, schwärmt er. „Ich bin auf dem Hiddentrack mit drauf, mit einem Rap.“ Svante erzählt von dem Video zu dem Album, bei dem alle möglichen Hip-Hop-Künstler aus Wolfsburg mitmachen und bei dem jeder seine Passage selbst gestaltet hat. „Da sind alle einschlägigen Locations aus Wolfsburg drin“, berichtet er. Das Wordclass Soundsystem arbeite überdies selber an einer CD. Und er erzählt überraschenderweise von der Lokalpolitik in Wolfsburg, an der er selber Teil hat, als Mitglied der Piratenpartei. Wir unterhalten uns noch eine Weile über Politik in Wolfsburg, auch über den falschen Oberbürgermeister Rolf Schnellecke bei Facebook, auf den sowohl die Politik als auch die Medien seiner Meinung nach mit zu wenig Humor reagiert haben. Dann müssen wir beide los.

Inzwischen hat sich das Riptide einigermaßen geleert, Micha verteilt irgendwo in Braunschweig weiter Flyer und Plakate, Razes Bier ist längst alle, Serge bei sich nebenan, André weg. Jasmin und Kathi haben ihre raumgreifende Aktion beendet, bei der sie ellenlange schwarze Tücher zusammenlegten. Ohne Vinyl gehe ich nicht: Als ich in den Musikmagazinen über „Beileid“, das neue Mini-Album von Bohren & Der Club Of Gore, gelesen habe, dass sie nämlich nicht nur erstmals überhaupt einen Sänger darauf haben, sondern dass das auch noch Mike Patton ist, was allerdings nicht mehr so sehr verwundert, wenn man weiß, dass Patton die Bohren-Alben in den USA vertreibt, derselbe Grund also, weshalb Patton plötzlich bei den Young Gods singt, und dass Bohren außerdem im Vorfeld eine 12“ herausgebracht haben, an den von Dieter Bohlen produzierten Smokie-Sänger Chris Norman gemahnend „Mitleid Lady“ betitelt, und dass es diese auf 1000 Stück limitierte 12“ ausschließlich bei Konzerten zu kaufen gab, da habe ich sofort im Internet geguckt, ob die noch irgendwo zu bekommen war, und dann im Riptide angerufen. „Könnt ihr die bestellen?“, habe ich André gefragt. Sein „Nein“ war eines der schönsten Neins überhaupt: „Die haben wir hier stehen.“ Was mache ich mir überhaupt für Sorgen. Und dann scheint auch noch die Sonne so schön. Und die Schwalben kreischen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

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