Archiv der Kategorie ‘Politik‘

#133 Ein sicherer Ort

10. Oktober 2018


Dienstag, 9. Oktober 2018

Zwei erschreckende Nachrichten betrafen das Café Riptide im September: Die von der möglichen Schließung in zwei Jahren und die von einem Gewaltausbruch im Handelsweg, der von Rechtsradikalen ausging. Nach letzterem Ereignis fragen Kunden Chris noch heute hin und wieder. „Das Riptide war nicht beteiligt, das ging bei Tante Puttchen und Café Drei los und zog sich dann durch den Handelsweg“, berichtet Chris. Was da genau losging: Zwei Rechtsradikale lösten im Anschluss an ein Heimspiel der Braunschweiger Eintracht eine Schlägerei aus, Verletzte gab es lediglich auf Seiten der Angreifer. „Das ist uns in elf Jahren jetzt nur einmal passiert“, sagt Chris erschrocken. Und gibt dem Kunden eine behördliche Zusage weiter: „Die Polizei hat versprochen, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen.“ Noch bevor Chris den Satz beendet, löst sich trotz des Themas ein allgemeiner Lachanfall. Nach einer Weile ist Chris in der Lage, fortzufahren: „Wenn Ihr Euch einmal nicht wohlfühlt, sagt uns Bescheid.“ Der Kunde ist beruhigt und nickt verständig. Der Schrecken ist bei Chris immer noch spürbar: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er war an dem Abend nämlich dabei: „Wir haben das friedlich gelöst, dafür, dass das so ein Terror war.“ Er betont noch einmal: „Das hatte nichts mit uns zu tun.“

Auch für mich war es erschreckend, den Handelsweg und damit indirekt auch das Riptide zweimal in kürzester Zeit mit Hiobsbotschaften in den Medien wiederzufinden. Die andere drehte sich um die Schwierigkeiten, die Chris und André mit ihrem Vermieter haben, der ihnen Auslagen nicht zurückzahlt und gleichzeitig die Miete erhöht, um einen für die beiden Gastwirte kaum tragbaren Faktor. Ein Monat ist seit der Bekanntgabe der Schwierigkeiten vergangen; Zeit, in der sich zahllose Menschen zu Wort meldeten, viele öffentlich, andere direkt bei Chris und André. Inzwischen hat sich auch bei Chris die monatelang angestaute Anspannung etwas gelegt: „Unser Vertrag läuft noch zwei Jahre – wir kämpfen, wir geben nicht auf, wir sind gesprächsbereit, wir versuchen, alles mit dem Vermieter zu klären“, stellt er klar. Eine der genanten Kröten zu schlucken, sei indes unumgänglich: „Wir stellen uns auf die Mieterhöhung ein, die müssen wir tragen.“ Doch er ist sich gewiss: „So lange wir den Mietvertrag haben, schließt der Laden nicht.“

Direkte Gespräche mit dem Vermieter stehen bis dato noch aus, bislang gab es lediglich einige schriftliche Korrespondenz, etwa darüber, dass Chris und André das eigens angemietete Büro gegenüber zum 31. März nicht mehr zur Verfügung steht. Sicherlich nicht schön für das Riptide, aber Chris untermauert: „Wir sind bereit, über die Zukunft ruhig und freundlich zu sprechen.“

Derweil wandte sich nun eine breite Öffentlichkeit an die beiden Unternehmer, die im Zuge ihres aufrührenden Facebook-Postings sogar einen Umzug des Riptide in eine andere Immobilie nicht ausschlossen: „Es gab unfassbar viele Angebote, von Privatpersonen, Organisationen, Agenturen“, staunt Chris. Doch soll ein Umzug nicht das Ziel sein, so lang der gegenwärtige Standort noch zu halten ist: „Wir überlegen, wir handeln nicht voreilig.“ Sogar ein neues Büro hält jemand für das Riptide frei.

Auch Zuwendungen anderer Art erreichen das Riptide. „Die Boardjunkies haben Geldspenden für uns gesammelt, das finden wir toll“, erzählt Chris von einer Initiative des Skater-Bekleidungsgeschäfts in der Innenstadt. Und: „Es gibt Bands, die für uns spielen wollen.“ Dabei wissen Chris und André noch gar nicht, wie sie mit Spenden umgehen, ob sie sie überhaupt annehmen sollen. Das gehört mit in die Flut der Überlegungen, die die beiden nun anzustellen haben. „Bis Jahresende wird sich herauskristallisieren, wie die Marschroute für uns aussieht“, sagt Chris zuversichtlich.

Erstes Ziel ist dabei das Gespräch mit dem Vermieter. An den haben sich offenbar auch einige lokale Medien wenden wollen, jedoch ohne Erfolg, wie in der Zeitung zu lesen war, so Chris. „Wir selbst haben auch noch nicht mit der Presse gesprochen“, stellt er klar. Denn: „Wir wollen das friedlich und fair lösen.“ Ein Gerichtsverfahren etwa streben die beiden Wirte nicht an: „Das ist nur etwas für Leute, die nicht mehr weiterwissen.“

Auch die Politik meldete sich inzwischen zu Wort, die SPD etwa brachte eine Anfrage in den Stadtrat ein, mit Vorschlägen, wie der Handelsweg als Ganzes laut Text auf der SPD-Webseite „zukunftsfest“ zu machen sei. Dabei geht es um „Werbe- und Marketingstrategien“ wie bessere Beschilderungen oder das bisherige Programm ergänzende „Aktionen oder Feste“ sowie die „grundsätzliche kultur- und städtebauliche Einordnung des Handelswegs durch die Verwaltung“. Besondere Rückenstärkung geht dabei in Richtung des Café Riptide: Die Informationen über Mietpreiserhöhungen bei gleichzeitigem Sanierungsstau „können an der Politik nicht spurlos vorbeigehen“. Mit dem Vorstoß steht die SPD offenbar nicht allein da, so Chris: „Auch andere Parteien haben sich eingeschaltet.“

Also: „Das hat eine Riesenwelle geschlagen“, sagt Chris, erstaunt und dankbar gleichermaßen. Nur wollen André und er sich nun zu keiner Übersprunghandlung hinreißen lassen: „Zum Glück haben wir noch zwei Jahre.“ Veränderungen geben müsse es aber, und welche, das gehöre mit in die Pläne, die bis Ende des Jahres geschmiedet sein wollen. „Wir haben alles durchüberlegt“, sagt Chris. Sogar die Idee, den Plattenladen rauszuschmeißen: „Damit sparen wir Geld und Arbeit, aber im Winter nutzt uns der zusätzliche Platz nichts“, denn dann suchen weit weniger Menschen den Handelsweg auf als zu schöneren Jahreszeiten. Und ein Riptide ohne Platten, das ist einfach nicht vorstellbar. Doch: „Wir müssen sehen, wie wir die Arbeit reduzieren können“, stellt Chris klar. „Aber wir dürfen nicht in Panik verfallen.“ Sortieren, Pläne schmieden, „wie wir das Ganze cleverer und flexibler machen“, mit dem Vermieter sprechen – und: „Erholen“, so Chris. „Das steht jetzt als erstes im Fokus.“

Uff. Eigentlich wäre es schön gewesen, an dieser Stelle ganz viele andere Themen anzuschneiden. Von der neuen LP „Treibgut“ der Band GR:MM wäre beispielsweise zu erzählen, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon mitspielt, von anstehenden Konzerten im Riptide wie dem von Ohrenfeindt am 18. Oktober im Anschluss an den Sound-On-Screen-Film „Coda“ über Ryuichi Sakamoto im Universum-Kino, von den saisonal wieder eingeführten Suppen, von meinem spontanen Gespräch mit Pott über das Open-Arsch-Festival, über das ich einen Beitrag zur Ausstellung „Soundtrack WOB. 50 Jahre Musik und Jugendkultur in Wolfsburg“ im dortigen Stadtmuseum einen Beitrag verfassen darf, über musikalische Post aus Moskau von Anton, der mir Auszüge des „Addicted Label No Name Records“-Programms zuschickte, oder auch über meine kleinen musikalischen Abenteuer, die ich kürzlich in Ligurien erlebte, mit den Plattenläden Black Widow und Flamingo Records in Genua, mit der LP „La stanza di Swedenborg“ von Vanessa Van Basten, mit der vom Sohn eines Mitmusikers und also auch meiner Gastgeberin geschenkten CD der Band Nicola Rollando e i Nuovi Disertori. Aber jetzt wiegen andere Dinge schwerer. Oder?

Durchatmen. Verarbeiten. Sacken lassen. Nach vorn blicken. Kunden bedienen: Mit einem Flips-Gutscheinheft steht Steven vor der Theke und sucht das Blatt mit dem Riptide-Coupon. „Seite 124“, weiß Chris und lächelt. Der Mann kennt eben alle Seiten seiner Stadt. „Und ich bin auch nicht zum ersten Mal hier“, sagt Steven. Auf ein Sonntagsfrühstück hätte er auch mal Lust, und Chris weist ihn darauf hin, rechtzeitig zu reservieren, weil es sonntags erfahrungsgemäß „proppevoll“ wird. Steven ist erst kürzlich nach Braunschweig gezogen, aus Oldenburg, wo er sechs Jahre lang auf Lehramt studierte. „Eigentlich komme ich aus Sülfeld“, erzählt er, also quasi von um die Ecke. Jetzt ist er Lehrer am Gymnasium in Meine, also quasi um eine andere Ecke, das erst wenige Jahre existiert: „Der jetzige oder der davor war der erste Abi-Jahrgang dort“, bestätigt er. Und schwärmt vom Riptide: „Das ist ein cooler Laden, ich mag das, das ist die einzige alternative Anlaufstelle in Braunschweig, die ich kenne.“ Steven findet das Riptide „erfrischend“, und sicherlich auch die beiden Wolters in seinen Händen: „Ich will meine Freundin nicht warten lassen“, sagt er und kehrt zurück ins Achteck. Mit Recht: Der Sommer dauert dieses Jahr von April bis mindestens Anfang Oktober und schickt sich nicht an, sich jemals zu verabschieden. Ein guter Anlass, die Sonne und die Wärme draußen auszukosten.

Nun tritt Gesine hinter die Theke, sie ist gleich Chris‘ Ablösung, Melissa bleibt noch länger. Gesine ist seit etwa zwei Monaten Aushilfe im Café. „Ich habe Gastroerfahrungen in Hannover gesammelt, aber nur kurz“, erzählt sie. „Eigentlich komme ich aus Essen und Dortmund.“ Aus dem Pott! Der ihr gar nicht so gefällt: „Ich finde Essen nicht gut“, sagt sie. Nicht nur aus dem Grund, der ihr als erstes einfällt: „Da kann man nicht Kunst studieren.“ Auch in die dortige Kultur hatte sie wenig Einblicke: „Der Goethebunker ist die einzige Disco, in der ich war.“ Das Don’t Panic am Nordrand der Innenstadt kennt sie nicht, die Punk-Kneipe, die davor Panic Room hieß, und vom Unperfekthaus hat sie bislang auch nur gehört.

Chris übergibt nun die Schürze an Gesine und nimmt für heute seinen Hut. Ich nehme den „Black Mirror“-Soundtrack von Alex Somers und Sigur Rós auf LP mit und mache mich ebenfalls auf den Heimweg. Mit dem nicht extra zu fassenden Vorhaben, wiederzukommen, und das bitte auch nach 2020 noch.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#132 Der Handelsweg nach dem Schuss

7. September 2018


Donnerstag, 6. September 2018

Aufruhr im Handelsweg: Mit einem so alarmierenden wie emotionalen Schreiben versetzten André und Chris ihren Freunden und den Riptide-Kunden am Dienstag einen Schock. Sie machten öffentlich, was seit viel zu langer Zeit im Hintergrund schwelt: massive Differenzen mit dem Vermieter, die einen Fortbestand des Cafés an der seit beinahe elf Jahren angestammten Adresse ab 2020 in Frage stellen. Chris und André beschreiben Schikanen und berichten von Kostenexplosion und davon, am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein.

„Die 2800 Euro waren der Tropfen“, sagt Chris. André hat sich Urlaub genommen, Chris hält die Stellung, heute unterstützt von Tim und Jessy. Bei den 2800 Euro handelt es sich um Kosten für einen Berater, die der Vermieter für seine Geschäftsabwicklungen benötigte und die er anstatt einer lang von Chris und André gewünschten Auslagenrückzahlung dem Riptide aufdrücken wollte, kombiniert mit einer erheblichen Mieterhöhung. Die das Riptide nicht stemmen kann, so Chris, und das habe das Team dem Vermieter haarklein auseinandergesetzt, mit analytischen Beispielen, etwa dem Beleg dafür, dass sich die Laufkundschaft halbiert hat, seit die Stadt die Parkgebühren in der Breiten Straße erhöhte. „Wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, wir werden uns umgucken“, so Chris. So lang läuft der bestehende Mietvertrag nämlich noch. „Wir hoffen, dass Angebote kommen“, und ziehen es in Erwägung, sich gegebenenfalls für „eine bessere Immobilie“ zu entscheiden. Denn: „Hier haben wir keine Zukunft, mit oder ohne den Post.“

Den setzten die beiden Chefs nach langem Zaudern vorgestern bei Facebook ab, lancierten ihn aber nicht bei der Presse. Die persönlich formulierte Nachricht war für Freunde und Stammkunden bestimmt und sollte die Vermieter eigentlich nicht erreichen: „Wir wollten einen wütenden Bären nicht wütender machen.“ Nach 24 Stunden war die Information allerdings über 1200 mal geteilt, die absichtlich ausgeklammerte Presse nahm die Nachricht auf, sie lief sogar groß auf dem überdimensionalen LED-Monitor am Haus der Braunschweiger Zeitung, wie Chris zu seinem entsetzten Erstaunen feststellen musste. Mit der riesigen Resonanz und dem damit einhergehenden Rückhalt rechneten die beiden nicht: „Unfassbar!“, staunt Chris überwältigt. Er berichtet von dem Online-Kommentar eines Ladens, der ihm die Tränen in die Augen treibt: „Haltet durch, die ganze Stadt steht hinter euch.“ Chris ist in gewisser Weise zuversichtlich: „Wir werden uns freischwimmen, egal, wo, egal, wie.“ Und sollte sich doch keine Alternative anbieten: „Dann haben wir 13 Jahre lang unseren Traum gelebt.“

Noch ist es nicht so weit, mit dem Öffentlichmachen der Umstände ist belegbar ein Prozess in Gang gesetzt. Und sei es der, sich zu imaginieren, wie der Handelsweg, wie ganz Braunschweig ohne das Riptide aussähe – dieser Schock reicht weit. Auch in der direkten Nachbarschaft, bei der ich mich deshalb heute umhöre.

Bei Fifty Fifty Second Hand treffe ich Sophie, die für Marion hinterm Verkaufstisch die Stellung hält. „Es wäre furchtbar, wenn das Riptide nicht mehr da ist“, sagt sie. „Das Riptide macht den Handelsweg aus, der wäre nicht das Gleiche.“ Fraglich wäre daher auch, „wie sich das auf die anderen Läden auswirkt“. Das Café sei „die Kultur in Braunschweig“, sagt Sophie, „ich gehe seit Jahren ins Riptide“. Ein Ende wäre „furchtbar“. Von möglichen Umzugsplänen der beiden Chefs hat sie gehört: „Das ist die Frage, wie es fürs Riptide an einem anderen Standort wäre.“ Grundsätzlich findet sie, dass die Bedeutung des Cafés für die Stadt riesig sei: „Allgemein in Braunschweig kommt Kultur so krass zu kurz!“ Auf den paar Metern zwischen Breiter Straße und Görderlingerstraße hingegen finde sie zu ihrer Freude statt, als direkt Beteiligte schwärmt Sophie unter anderem von den Handelsweg-Partys: „Es haben alle geöffnet, es sind alle gutgelaunt, das ist superschön.“

Vor seinem Antiquariat sitzt Serge, raucht und unterhält sich mit Kunden. Die trüben Aussichten, das Riptide könne schließen, erfreuen ihn nun nicht gerade: „Ich wäre nicht begeistert, weil wir für die Nachbarschaft sehr dankbar sind“, sagt Serge. Allen sei klar, dass das Café in seiner Relevanz auf die Nachbarn abstrahlt. Unübertrefflich: „Wir sorgen uns, was da reinkommt.“ Den Facebook-Text von André und Chris betrachtet er zwar etwas skeptisch, doch: „Man könnte zynisch sagen, werbetechnisch ist das gut, viele werden dadurch auf den Handelsweg aufmerksam.“ Allein bei ihm haben sich heute einige neue Kunden eingefunden: „Journalistisch gesehen ist das super.“ Die Aussage darin verbessere sich dadurch indes nicht.

Gegenüber sitzt Birgit in ihrer Schmuckwerkstadt 38 an den Schmiedewerkzeugen. „Das wäre natürlich tragisch, es tut mir leid für die beiden“, sagt sie bezogen auf eine potentielle Schließung des Cafés. „Andererseits, es gibt auch immer zwei Seiten“, gibt sie zu bedenken, unterstreicht aber: „Es täte mir leid, wenn sie aufgeben müssten.“

Vor ihrem Café Drei nebenan plaudert Jessy mit Gästen von Achims Tante Puttchen gegenüber. Sie teilt Birgits Haltung in allen Punkten: „Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, und wir kennen nicht beide Seiten“, sagt sie. Doch auch sie betont: „Es wäre ein Verlust, das steht außer Frage – das Riptide ist halt doch eine Größe nach fast elf Jahren.“

Genau das denkt auch Stefan, der eben von einer Runde in die Stadt in seinen Laden Comiculture zurückgekehrt ist: „Natürlich würde da was fehlen, ist doch klar!“ Er betont die Gemeinschaft im Handelsweg: „Wir haben Abhängigkeiten voneinander, das ist superwichtig, wir profitieren voneinander.“ Trotz des Facebook-Eintrags und der unmittelbaren Nachbarschaft zum Riptide kennt Stefan die exakten Hintergründe allerdings nicht: „Ich weiß gar nicht so genau, was da vor sich geht, wir haben hier alle Fragezeichen.“ Ihm ist die Bedeutung des Cafés auch für seinen Laden bewusst, untertreibend sagt er: „Das Riptide macht den Handelsweg ein bisschen bekannt in Braunschweig.“ Und für das Riptide sei der Handelsweg selbst perfekt, denn der sei „eine Art Versteck, ein Kaninchenbau“. Die emotionale Seite des Facebook-Posts kann Stefan verstehen, insbesondere mit Blick auf die Konsequenzen für Familienvater André: „Wenn du selbständig bist, investierst du ganz viel Zeit, und die kriegst du nicht wieder.“ Bei der Energie, die André ins Riptide stecke, sähe er sein Kind womöglich gar nicht großwerden. Andererseits erinnere Stefan der Facebook-Text im Hinblick auf die möglicherweise vernichtenden Reaktionen des Vermieters an den Film „Fight Club“: „Du hast die Aufgabe, eine Schlägerei anzufangen – und sie zu verlieren.“ Denn zu befürchten sei, dass die Fronten jetzt erstrecht verhärtet und Kompromisse noch aussichtsloser seien. Grundsätzlich findet Stefan: „Das Riptide ist immer ein Teil des Kulturlebens, das Ende wäre für den Handelsweg traurig, aber auch für Braunschweig.“ Er schwärmt von dem „chilligen Laden mit chilligen Leuten“, deren Art zu feiern sich von der an anderen Partymeilen in der Stadt angenehm positiv unterscheide. Und: „In der Stadt hast du Franchise, in der Peripherie inhabergeführte Geschäfte“, dazu gehört auch der Handelsweg und das müsse so bleiben. Die allgemeine Entwicklung erzeugt bei ihm Kopfschütteln: „Ich verstehe das nicht“, sagt Stefan. Zum Beispiel: „Der Siebenschläfer ist weg“, die Cocktailbar in der Scharrnstraße einige Ecken weiter schloss erst kürzlich. Er sinniert: „Als ich den Laden hier vor fast 22 Jahren aufgemacht habe, war hier im Viertel viel mehr los – die Leute waren abends unterwegs und haben dabei den Laden entdeckt und sind in der Woche wiedergekommen.“ Doch er hat eine Erklärung: „Die Stadt hat Schlagseite, das Schloss hat eine starke Präsenz, und die Leute kullern da hin.“

Schräg gegenüber öffnen Frusti und Andrea die Einraumgalerie, sie setzen sich nach ersten betrieblichen Aktivitäten auf die Bank vor dem großen Galeriefenster. „Ich kann sagen, dass wir den Laden hier gewählt haben, weil das Café schon da war“, unterstreicht Frusti die Relevanz des Riptide. „Es gibt immer eine gute Zusammenarbeit, man bereichert sich gegenseitig“, findet Andrea. Frusti nickt: „Wir sind abhängig, nicht zuletzt von ihrem Geschirrspüler.“ Andrea setzt an: „Zum Beispiel bei Sound On Screen, da kommen viele Gäste auch in unsere Ausstellung, das ist toll, und umgekehrt, wenn wir eine Eröffnung haben, gehen die Gäste rüber und kaufen die Getränke, die sie möchten, das ist auch toll.“ Frusti mag sich ein Ende des Riptide nicht vorstellen: „Das wäre ein Verlust für den Handelsweg.“ Und Andrea sieht es wie Stefan von Comiculture: „Das Publikum ist toll.“

Es gibt aber auch Skeptiker in der Nachbarschaft. So richtig Verständnis kann Helmut von der Strohpinte etwa für das Vorgehen von Chris und André nicht aufbringen, weil er die Intensität des Disputs nicht kennt: „Ich habe keinen Ärger mit dem Vermieter“, stellt er mit Verwunderung fest. „Wenn etwas kaputt ist, muss man ab und zu selber den Pinsel in die Hand nehmen und das korrigieren“, findet er. Und damit widmet sich der alteingesessene Wirt wieder seinem Buch.

Ungefähr genau so lang am Platze wie die Strohpinte ist Achims Kneipe Tante Puttchen: „Ich bin seit dreiunddreißigeinhalb Jahren hier drin“, dreimal so lang also wie das Riptide. Eine Pachterhöhung nach einiger Zeit sei eigentlich normal und hinnehmbar, sagt Achim, und befürchtet, dass der schriftliche Beitrag der beiden Riptide-Wirte ihrem Vermieter gegenüber vielleicht etwas undiplomatisch wirken könnte. Dem gehört indes nicht der gesamte Handelsweg: Das Tante Puttchen ist nicht in dessen Hand.

Das Riptide erfährt mehrheitlich überwältigenden Zuspruch, nicht nur online. Konstantin ist extra wegen des Posts hergekommen, um unter der Segelplane im Achteck sein Wolters zu trinken. „Ich bin ein bisschen besorgt auch“, sagt er, „das trifft mich schon – ich fänd’s halt schade, weil ich schon Ewigkeiten hier sitze und die Betreiber mag und viele Leute kennengelernt habe.“ Er schwärmt von der „netten Cafékultur“: „Es ist hip und mit einem gewissen politischen Anspruch, das war eine Art Vorreiter in Braunschweig, zum Beispiel für die Makery.“ Die Musikfilmreihe Sound On Screen sei nur eine von vielen reizvollen Riptide-Veranstaltungen in der Stadt: „Es ist ein wichtiger Ort und ein guter Zusammenschluss, zwischen Linksradikalen und Bürgies, ein Anlaufpunkt, auch um Vorverkauf für Konzerte machen zu können, um selbst Sachen verkaufen zu können.“ Den Disput zwischen den Cafébetreibern und dem Eigentümer kann er nachvollziehen: „Die Riptides wollen Geld verdienen, der Vermieter will Geld verdienen, das ist wohl kein Einzelfall – er merkt, dass der Handelsweg attraktiver und belebter wird und dass man mehr Geld rausholen kann“, die alternative Kultur sei ein kommerzieller Faktor geworden. Konstantin seufzt: „Man lebt in der Blase, dass alles so weiterläuft, wie es war“, und sei dann erschüttert, wenn es zu solchen Veränderungen kommt. Den Facebook-Text unterstützt er: „Der kam gut an, wurde oft geteilt – das war der richtige Schritt, wenn du nix machst, passiert auch nix.“

Nicht nur der Siebenschläfer ist dicht, auch die BrauBar um die Ecke – die angrenzende Stebner-Brauerei zieht derweil nach Querum um – und auch das Riptide äußert nun massive Probleme: „Es ist ein Trauerspiel“, stöhnt Schepper. Er ist nicht nur regelmäßiger Gast im Ritpide, sondern trat hier auch schon oft als Künstler auf, mit seinem Solobassprogramm. Mit einem alkoholfreien Hefeweizen sitzt er am Fenster neben dem Reinhörplattenspieler. „Wo soll denn die ganze Kleinkunstgeschichte hin, alle machen dicht, der Hansa-Kulturclub, das Meier, das Joker im weitesten Sinne, das Tegtmeyer, und das FBZ, da fing das Drama ja mit an.“ Immerhin in der Eule fänden einige „Sachen“ nach seinem Geschmack statt, wie das Konzert von Long Distance Calling im Dezember. „Es gibt nur wenige Inseln, wo man Livemusik hören kann oder selbst spielen“, findet Schepper. „Das ist zu wenig für so eine Stadt, für die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen.“ Er grinst: „Und die geilste Stadt in Niedersachsen.“ Dennoch stellt er fest: „Hier kommt doch keiner mehr her, in Peine, Gifhorn, Wolfsburg oder Celle ist mehr los, Braunschweig ist der blinde Fleck auf der Veranstaltungskarte.“ Die für 2019 geplante Halle am Westbahnhof sei „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, er sehe ihr aber denoch mit Hoffnung entgegen.

Aber: Noch ist das Riptide ja da, noch trinke ich dort Kaffee, Kola, Bier, esse Burger, Muffins, Fladenbrote, gehe zu Sound On Screen und anderen Veranstaltungen, treffe Freunde und Fremde, kaufe und bestelle Schallplatten und CDs und schreibe weiter Monat für Monat den Blog, seit nunmehr elf Jahren und ohne ein für mich absehbares Ende. Nach meinem Empfinden ist der Handelsweg das Schanzenviertel Braunschweigs, der einzige zentrierte Fleck (Sub-)Kultur in dieser Studenten- und Arbeiterstadt. Diesen Status aus welchen Gründen auch immer zu gefährden, anstatt ihn zu fördern, zeugt von fehlendem Blick für das Ganze. Und das Ganze reicht weit hinaus, über den Handelsweg, sogar über Braunschweig. Das sollte indes auch den Braunschweigern klar sein, die jetzt das potentielle Aus beweinen: Die beste Unterstützung ist wohl, im Riptide einfach mal wieder mehr Zeit zu verbringen. Ist schön dort!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#131 Die Stille nach dem Riptide

6. September 2018


Dienstag, 5. September 2018

Der Handelsweg, ganz Braunschweig ohne das Café Riptide:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#119 Rosenhochzeit

17. September 2017


Samstag, 16. September 2016

Seit zehn Jahren kennen Micha und ich uns jetzt, auf den Tag und sogar den Ort genau. „Zehn Jahre verheiratet“, drückt Micha es selbst treffend aus. Wir stehen mit Dirk bei Stefan am DJ-Pult und deuten auf die Riptide-Theke, an der wir uns heute vor genau zehn Jahren kennen lernten. Der Anlass war die Eröffnung ebendieses Etablissements.

Zehn Jahre Café Riptide in Braunschweig, im Handelsweg. Schon! Und an diesem Wochenende ist dreitägiges Geburtstagsfest für alle. Gestern startete das Fest mit dem Konzert der eigens fürs Riptide reformierten Driftwood Fairytales aus Berlin, heute ist schon ab mittags geöffnet und abends Tanz vorgesehen und morgen klingt alles mit einem Sektfrühstück aus.

Wie ich mich damals freute, als Chris mir erzählte, dass er gegen seine Pläne nicht nach Berlin gehen, sondern in Braunschweig einen Plattenladen eröffnen wollte. Damals versorgte er mich mit Obskuritäten und Importen, über seinen Onlinehandel, denn Läden gab es für Musik in Braunschweig nicht mehr: kein Silver File, kein Ran7, keine LPs mehr in der Zone, kein Schaulandt, und die übrigen Ketten reduzierten ihre Auswahl erheblich. Mitten in der Zeit des Desinteresses wagte Chris mit einem Freund – André kannte ich da noch nicht – einen Neuanfang im piefigen Braunschweig?

Und wie: Nicht nur Plattenladen, sondern Café, Galerie, Bühne ist das Riptide. Und Wohnzimmer. Und Treffpunkt. Und Kennlernraum. Hier starteten Projekte, Freundschaften, Kooperationen. Und ich erinnere mich, wie wir damals zusammenstanden und bibberten: Nach zwei Jahren des Überlebens habe sich eine Gastroeinrichtung etabliert, hieß es, und wir fieberten aufs Zweijährige hin. Das haben wir jetzt sogar fünffach überstanden. Zuletzt hörte ich an der Theke neben mir jemanden sagen: „Riptide, da war ich früher schon.“ Wie das, ist doch noch neu! Ach nee, ist es nicht – zehn Jahre alt schon.

Das Riptide bildet längst den Kern einer attraktiven Weggehmeile, des Handelswegs, dessen Anrainer sich zur gemeinsamen Abendgestaltung anbieten: Einraumgalerie, Strohpinte, Serge, Tante Puttchen, Comiculture, alles mischt sich, alles fügt sich. Auch an diesem Wochenende.

Als ich grad das Riptide betrat, begrüßte mich Gastgeber André mit einem Glas Sekt in der Hand. Aber da ich ihn quasi mitten aus einem Gespräch herausriss – er wird den ganzen Tag über denkbar umlagert sein –, steuerte ich Micha im DJ-Pult an. Dirk stellt sich zu uns und hört Michas Satz zu unserer Rosenhochzeit: „Ihr habt Zehnjähriges? Alles Gute!“ Wir danken herzlich. Micha deutet auf die Wände über den Sitzmöbeln, die normalerweise mit Kunst bestückt sind: „Da hängen Fotos von der Eröffnung, da bin ich auch drauf, nur weniger grau, musstich schmunzeln“, sagt er und schmunzelt dabei wieder. Lass uns bloß nicht übers Alter reden. „In zehn Jahren sind wir beide Mitte fünfzig“, sagt Micha und verschwindet vorsichtshalber in Richtung Theke, um sich ein weiteres alkoholfreies Hefeweizen mit Fruchtgeschmack zu holen. Dirk entdeckt Chrissi durchs Fenster: „Meine Verabredung ist da“, sagt er im Sichloseisen, „kannst ja dazukommen.“

Zunächst beobachte ich aber Stefan dabei, wie er seine Schallplatten auf den beiden Plattenspielern einsetzt. „Motown“ steht auf vielen der Labels, deren Produkte er abspielt. Micha kehrt mit dem Bier zurück und fragt ihn: „Wie viele Platten hast du eigentlich?“ Stefan winkt ab: „Ich hab nach einer Viertelstunde aufgehört zu zählen, das wurde langweilig.“ Stefan, den Micha immer Werner nennt, weil er den Nachnamen so mag, kommt aus Wolfenbüttel und legt „mal hier, mal da“ auf, „wie ich Bock hab, ich such mir das aus“. Ins Riptide geht er „schon immer“, natürlich: „Weil sie hier Platten verkaufen.“ Während er gespielte Singles verstaut und die nächsten zu spielenden LPs aus seinen Kisten holt, erzählt er: „Neulich habe ich sogar auf dem Wagenburgplatz Lohmühle in Berlin aufgelegt, an einem Sonntag zum Nachmittagskaffee, da kam eine Englisch sprechende Spanierin zu mir und sagte, ‚can you play again, we miss you‘, da war ich gerade fünf Minuten fertig.“ Er legt die Platte auf den Spieler und hebt die Nadel an. „Nächsten Monat bin ich auch im Brain wieder.“ Und dann wohl eher mit der Musik, die Micha von ihm deutlich besser kennt, elektronisch nämlich.

Chris, der zweite Gastgeber, sitzt mit einer Polaroidkamera auf einem Stuhl und lichtet ehemalige und gegenwärtige Riptide-Mitarbeiter ab, die er dafür auf dem Sofa in Position bringt. Die Fotos klebt er später in der Rip-Lounge an die eigens angefertigte Ahnentafel. „Wir haben alle Mitarbeiter eingeladen, die wir jemals hatten“, erzählt Chris. „45 an der Zahl.“ Nicht alle finden heute sicherlich den Weg aufs Sofa: „Einer lebt in Australien, der kann natürlich nicht kommen.“ In diesem Moment sind Aline, Astrid und Lara hinter der Theke, im Achteck, in der Küche und rund um die Tische aktiv. Sie werden nicht die einzigen sein, sagt Chris: „Wir haben heute so viel Personal wie noch nie, André und ich sind für heute weitgehend raus.“ So ganz natürlich nie, und das wollen sie auch nicht sein. Zehn Jahre, das kann selbst Chris sich kaum vorstellen: „Obwohl ich die Fotoausstellung gemacht und überall ‚2007‘ draufgeschrieben habe.“ Für mich hat er noch ein „Geschenk“, wie er sagt, aber nicht von ihm: Steffen drückte ihm gestern das Album „Braineater“ seiner Band Cryptic Brood für mich in die Hand, weil das Bandfoto auf der Rückseite von mir ist; einen Nachmittag lang lichtete ich das Trio im Jugendhaus Ost in Wolfsburg unter farbenfrohesten Bedingungen ab, aber letztlich gefiel ihnen ein Zufallsfoto aus dem Stadtwald am besten. Ich freue mich natürlich riesig, dass sie auf etwas von mir zurückgriffen und dass Steffen mir das Album mitbrachte. Chris bringt nun Lennarts Foto in die Rip-Lounge und klebt es zu den anderen, neben weitere Plakate und Erinnerungsstücke, zum Beispiel die Flyer der Sound-On-Screen-Filmreihe mit dem Universum-Kino. Eine Videoprojektion flimmert auf der Wand über den Fotos, „Trio mit 4 Fäusten“ läuft unendlich, wegen des Originaltitels: „Riptide“.

Durch den Lichtkegel des Beamers schiebt sich Danny, der eigentlich schon wieder im Aufbruch begriffen ist. Wir kennen uns aus dem Tegtmeyer, dort trafen wir uns gelegentlich an der Theke, wenn wir mit Rille Elf den Tanztee veranstaltet hatten. „Ich weiß gar nicht, ob ich in der ersten Woche schon hier war“, sinniert er. Vom Riptide erfuhr er seinerzeit von den Betreibern in spe selbst: „Es gab damals das La VegaVie in der Sonnenstraße“, einen vegetarischen Lebensmittelmarkt, „da sind André und Chris auch oft gewesen, da hab ich sie kennen gelernt, sie haben erzählt, dass das Riptide aufmacht – und dann war ich bestimmt in der ersten Woche gleich hier.“ Im Riptide gründete er auch den Veganen Stammtisch, „am 16. Mai 2010“, weiß er noch. „Ich bin begeistert vom Riptide, von der Atmosphäre“, schwärmt er. Als reiner Veganer hätte Danny jedoch gern die Küche komplett vegan, nicht vegetarisch, weil er wie in allen nicht rein veganen Restaurants fürchtet, bei der Zubereitung könnte versehentlich eine nichtvegane Zutat auf seiner Bestellung landen. Der Vegane Stammtisch trifft sich immer am ersten Donnerstag des Monats ab 16.30 Uhr, das nächste Mal also am 5. Oktober.

Auf mein Getränk wartend, entdecke ich auf der Theke eine Glasschale mit Losen zu einem Euro das Stück. Ich nehme zwei. Auf der anderen Seite der Theke erinnert ein Schild an Grant Hart von Hüsker Dü, der vorgestern verstarb. Das Schild für Guido Lucas fehlt wohl noch, der starb am selben Tag und war für den Indie-Noise-Rock aus Deutschland eine tragende Person. Auf einem der Fässer vor der Theke bieten André und Chris den Gästen Begrüßungssekt und -osaft an. Sophie legt ein Buch neben das Gläsermeer und macht mit ihrer Spiegelreflexkamera ein Foto davon. „Gästebuch“, lese ich und entdecke ein Glas mit bunten Stiften zwischen den Sekttulpen. Verstehe. Und die Kamera? „Das Riptide ist mein Stammplatz, ich habe Chris gefragt, ob sie wen zum Fotografieren haben“, erläutert Sophie. Für den Freitag hatten sie schon jemanden, doch für den Samstag noch nicht: „Das haben wir ausgedealt.“ Für seinen Stammplatz einen Beitrag zur Feier leisten, das gefällt mir. „Ich bin hier immer – wenn ich Kaffee oder Bier trinke, dann hier“, sagt Sophie. Vor drei Jahren zog sie von Schöppenstedt nach Braunschweig: „Seitdem bin ich Stammgast.“ Sie blättert für weitere Fotos das Gästebuch auf und bleibt bei dem gewohnt üppig ausgefallenen Filzstiftwerk von Chrisse Kunst hängen, der auch die weißen Tischlampen im Café designte, freihand, wie Chris berichtete. „Sieht cool aus“, findet Sophie und löst aus.

Samstagnachmittag und das Riptide ist voller Gratulanten. Das ganze Achteck ist besetzt, die Leute erfreuen sich an der gelegentlich durchschimmernden Sonne. Micha und ich finden eine Sitzgelegenheit an der Wand neben dem Thekenzugang. Auf dem Sofa versorgt Chrissi, Dirks Verabredung, ihr Kind, mit dem sie im Anschluss kurz auf dem weichen Möbel tanzt, Chrissi davor, Mia darauf. Mia ist sicherlich der jüngste Gast heute. „Kann sein, mit fünf Monaten?“, strahlt Chrissi und setzt sich wieder zu ihrer Bezugsgruppe unter der Zeltplane und bei den bunten Geburtstagsluftballons.

DJ-Zulauf setzt ein: Zuerst schlendert Timo ins Café, der den Abend als T.Mo mit Chris alias Butch Cassidy bestreiten soll und der eine Hälfte von Indie.Disko.Gehn ist, die zweimal beim Silver Club mitmachten. „Ist voll“, freut sich Timo und grinst, „sollte immer so sein.“ Ist es ja gottlob. „Stimmt“, sagt Timo und gesellt sich zu Stefan am DJ-Pult. Die nächsten Begleiter dieser Runde sind Lüdde und Raze, der sich kurz darauf zwischen Micha und mich setzt. Raze veröffentlicht alle Nase lang hochspannende beatlose Ambient- und Drone-Stücke, als Download, viele auch auf CD und Kassette. Von einer der jüngsten Kassetten, „Gentle“, verriet er mir, dass der Grundton einer Ukulele entsprang. Wenn ich „Gentle“ höre, geht mein Bewusstsein auf Reisen – hat er eine Narration im Kopf, wenn er seine Stücke kreiert? Er verneint: „Eher Stimmungen, Sounds – mit Ausnahmen: Ich habe mal eine Doku über Tunguska gesehen, den Meteoriteneinschlag in Sibirien, das musste ich verarbeiten.“ Die Ukulele hat Raze für „Gentle“ sogar selbst gezupft, nicht einfach in irgendeiner Datenbank gesampelt. „Als nächstes würde ich mir gern eine Braguinha besorgen, das ist der Vorläufer der Ukulele“, sagt Raze. Doch die sei nur schwer erhältlich. Ihn reizen die Stahlsaiten dieses mediterranen Instruments: „Da mit einem E-Bow rüber, das gibt Sounds!“ Für mich ist Raze ein alteingesessener im Riptide, doch trügt da meine Erinnerung: „Ich habe erst nach zwei, drei Jahren mitbekommen, dass es existiert.“

Meine Lose entpuppen sich beide als Nieten: „Leider verloren“ steht auf ihnen. Ein solches Los hat Micha auch, ein anderes ziert eine Zahl: „Ich habe eine Wärmflasche gewonnen“, sagt Micha. Immerzu. Guter Witz, denke ich inmitten des Plattenladencafés. Als Chris dann die Tombolapreise verteilt und breit strahlende Gäste mit Schallplatten an uns vorbeigehen, löst auch Micha sein Los ein – und ich stelle fest, dass das kein Scherz war: Er kommt mit einer Astra-Mini-Wärmflasche von dem Fenster zurück, an dem Chris die Gewinne aufgereiht hat und verteilt. Daher wusste Micha also schon, was er bekommt. „Was willst‘n damit wärmen?“, fragt Raze lachend. Hm. Bier?

Unser Tisch ist begehrt, kaum stehen Gäste auf, setzen sich neue. Nina kehrt eben vom Tanzen zu Stefans Musikauswahl zurück und gesellt sich zu uns. Der hyperkreative Raze hat schon das nächste As in Arbeit, erzählt er gerade: „Ein neues Album kommt die Tage, es ist so weit alles fertig, sagt er.“ Als Download selbstverständlich, als CD auf jeden Fall, „und die letzten Releases waren beides, Tape und CD, ob er das weitermacht, hab ich aber keine Ahnung“. Bei „er“ handelt es sich um den Chef des Labels Shimmering Moods Records aus Amsterdam. Nicht aus Japan, wo ich das Label von „Gentle“ irrtümlich verortete: Beluga Records gibt seinen Sitz auf der Webseite nicht preis, Raze meint, es müsste Vilnius sein. „Mein Vater kommt aus Vilnius“, wirft Nina überraschend ein. Micha fragt sie prompt nach der Kennlerngeschichte ihrer Eltern aus und erzählt dann die seiner: „Meine Mutter kommt aus Rumänien.“

Maren und Arni schlängeln sich zwischen den Gästen zum Gratulieren zu Chris durch. „Hallo André“, begrüßt ihn Arni. Chris ist perplex. „Hallo Matze“, sagt er und stellt dabei fest, dass Arni und ich das gleiche T-Shirt tragen, ABBA im Black-Metal-Sytle nämlich. Unabgesprochen. An Maren richtet Chris die Begrüßung „hallo … Claudia!“ Derweil treffen Tanja und Toddn ein, endlich, auf die beiden wartete ich, denn Toddn hat als mein Verleger noch zwei Exemplare von „Die Stadt ist eine Erbse“ dabei, dem Buch zum Riptide, aus dem ich jetzt einige Auszüge vorlesen soll. Wir setzen uns in die Rip-Lounge und besprechen das Vorgehen. „Magst du vor dem Lesen Gesprächen zuhören oder darf man dich nicht volllabern?“, fragt er mich. Als Nicht-Bühnen-Mensch, der heute erst zum dritten Mal überhaupt so etwas machen soll, habe ich dazu gar keine Meinung. „Das frage ich in Interviews auch immer, das interessiert mich“, sagt Toddn. Ich weiß nicht. Mir ist das Studio auf jeden Fall lieber als die Bühne. „Das sagt meine Cousine auch“, sagt Tanja. „Sie liest lieber Hörbücher ein, als dass sie sich auf die Theaterbühne stellt.“ Hörbücher, vielleicht kennt man ihren Namen ja? „Svenja Pages“, sagt Tanja, und ja, den Namen kennt man. „Für ‚Diese Drombuschs‘ bist du wahrscheinlich zu jung“, mutmaßt Tanja und liegt daneben.

Die Lesung beginnt. Zehn Jahre Riptide. Ich bin glücklich, dass ich zu dieser Einrichtung und zu dieser Feier einen bescheidenen Beitrag leisten darf. Es ist mir eine Ehre. Besonders, weil auch André und Chris unter den Zuhörern sind. Nach der Lesung bleibe ich an dem Tisch in der Lounge sitzen. Micha setzt sich zu mir, es wird spät und später, die Runde erweitert und verändert sich, Dirk und Flori, Michel, Schepper, Stef und Micha, Nina, Jacqueline, Kerstin und Christian, Serge, Stecky. Serge, Mitte siebzig, betrachtet die Projektion der TV-Serie „Trio mit 4 Fäusten“ und fragt Chris mit abschätzigem Blick, worum es sich dabei handele, und der entgegnet: „Tja, Serge, wenn du das nicht weißt, bist du wohl nicht alt genug.“ Nicht nur Popkultur, auch Politik beschäftigt uns. Christian und Kerstin bewegen uns dazu, die Petition gegen das Verbot der Sonntagsflohmärkte ab 2018 zu unterschreiben, und Micha und Schepper diskutieren die kommende Bundestagswahl. „Ich darf nicht wählen“, sagt Micha, „ich bin beim Wahl-O-Maten rausgeflogen.“ Nach einigem Gelächter finden wir heraus, dass Micha sich nicht durch den Wahl-O-Maten zu klicken versuchte, sondern durch den Test von Deezer, welcher Partei-Musikgeschmack wohl zum eigenen passt. Schepper will bei zu hohem Rechts-Anteil im Parlament eine eigene Untergrund-Organisation gründen, Chef des Ganzen: „Ché Bacca, der Gorilla-Kämpfer.“

Wir erheben unsere Gläser und Stimmen und lassen Chris und André, lassen das Riptide hochleben. Rock‘n‘Roll!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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#118 Die Spur des Raaben

30. August 2017


Dienstag, 29. August 2017

Es ist dies fraglos ein seltsamer Sommer, und ebenso fraglos sahen die jüngst zurückliegenden Sommer nicht wesentlich anders aus. Vielleicht waren sie weniger kalt als dieser, aber nass, unbeständig und gewittrig sind die Monate von Mai bis September schon länger. Man vergisst das so schnell. Heute ist es ausnahmsweise einmal warm und sonnig, das ist selten in diesem Jahr. „So schlecht war der Sommer gar nicht“, widerspricht André, aus der Küche kommend. „Doch“, entgegnet Chris am Kassen-PC: Achtzig Prozent seien nass gewesen. Dazu fällt mir der Satz ein, den Juri vom Critical Mass Ride letztens beim Einkaufen zu mir sagte: „Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei, dann wird es endlich wieder warm.“ Heute zum Beispiel, und alle Gäste sitzen natürlich draußen, im Achteck, im hellen Licht, wenn auch nicht in der Sonne, weil die es zwar nicht direkt zwischen die Häuserwände des Handelswegs hindurch schafft, aber immerhin eine ungewohnte Helligkeit und Wärme verbreitet.

Im Café selbst sitzt so gut wie niemand. Wer an die Theke tritt, tut dies zum Bestellen oder Begleichen der Rechnung für bereits Bestelltes. Einen veganen Cupcake und einen Kaffee ordert Sue bei Chris, nicht nur für sich, und sie möchte gern die Verpflegungsmittel zusammen mit einer Schallplatte per Karte bezahlen, was durchaus möglich ist, wie Chris ihr gern versichert, „wenn die Platte da ist“. „Ist sie“, sagt Sue, „ich hab sie schon gesehen.“ Sie hüpft zum entsprechenden Fach, begleitet von Chris, „von Johnny Cash, ‚Live At murmelmurmel Prison‘.“ Chris ergänzt „Folsom“ und Sue nickt froh. Gemeinsam fischen sie das Vinyl aus dem Fach, und während Chris mit ihr zur Theke zurückkehrt, erzählt er Sue von den Umständen des Konzertes, vom Gefängnisleiter, der Cash bat, die Gefangenen nicht mit Gefängnisliedern an ihren Standort zu erinnern, sondern mehr Liebeslieder zu spielen. „Und was macht er?“, fragt Chris und antwortet selbst: „Er spielt nur solche Lieder – das war Punkrock!“ War das nicht auch das Konzert, bei dem das berühmte Stinkefingerfoto entstand? „San Quentin“, wirft André ein, der zufällig aus der Küche kommt. Und es scheint, als sei die LP nicht für Sue selbst, sondern ein Geschenk. Sue nickt: „Das ist Tradition bei uns in der Familie: Valentinstag ist bei uns das ganze Jahr über.“

Der erste runde Geburtstag steht für das Café Riptide an, genau am 16. September wird es zehn Jahre alt. Zufällig ist das dieses Jahr ein Samstag, das wird ein langes Wochenende. Die Pläne stehen schon, weitgehend, berichtet Chris. Zehn Jahre. Ich war am ersten Tag hier und bin es immer noch. Für mich ist das Riptide immer neu, jung, frisch. Und dann stehen einmal Leute neben einem, die erzählen, sie kennen das Riptide „noch von früher“, was ich von ganz anderen Einrichtungen sagen würde, zum Beispiel dem Farmer‘s Inn in Uetze. Aber jetzt gehört das Riptide zum Alteingesessenen, es ziehen Erwachsene nach Braunschweig zurück, die ihre Jugend im Riptide verbrachten. „Man fühlt sich so alt“, sagt Chris, das Küken.

Und dann listet Chris das Festprogramm auf: „Am Freitag gibt es ein Konzert mit einer Band, die es seit vier Jahren nicht mehr gibt: Killing Joke.“ Na, den Witz erkenne ich, denn die gibt es ja noch, aber er spielt damit auf eine gemeinsame Leidenschaft an. In Wahrheit kommen The Driftwood Fairytales aus Berlin, deren Mitlieder dort längst allesamt in anderen Konstellationen Musik machen. „Das ist eine Folk-Punk-Band, die ist für einen Abend bei uns und der Eintritt ist frei“, freut sich Chris. „Der Samstag ist der Haupttag, der wirkliche Geburtstag“, fährt er fort. Dann gibt es Freibier, Gratis-Prosecco, Tombola, Verlosung, „und das Ganze endet in einer Riesenschlammschlacht, äh: -party!“ Es legt ein gewisser Butch Cassidy auf, der mir dies in Persona mitteilt, zusammen mit T.Mo von Indie.Disko.Gehn, den ich von diversen Runden mit dem Silver Club kenne und der seit einiger Zeit in Berlin lebt. „Das wird Halligalli“, verspricht Chris. „Und am Sonntag lassen wir es ausklingen.“ Seit Mai bietet das Riptide wieder ein Frühstücksbuffet am Sonntag an, und in diesem Zuge gibt es Perlwein: „Jeder, der frühstücken will, kriegt Sekt gratis, so lange der Vorrat reicht.“ Und das sind nur die Eckdaten, Details arbeiten Chris und André noch aus. Sicher ist, dass sie neues Merch anbieten; Chris zählt auf: „Riptide-T-Shirts, Riptide-Jutebeutel, Riptide-Buttons, Riptide-Aufkleber, Riptide-Flammenwerfer.“ Den will ich haben. „An dem arbeiten wird noch“, sagt Chris. „Alles in Bio-Fairtrade-Qualität!“ Auch der Flammenwerfer? Chris nickt: „Limitiert auf 5.000.“

Und dabei gab‘s doch erst vor ein paar Tagen ein Fest, an dem auch das Riptide beteiligt war, den Sedan-Bazar nämlich, das Straßenfest im Handelsweg mit allen Beteiligten. Schepper spielte auf, einer eigenen Tradition folgend, und das musste ich natürlich miterleben. Als er gerade mit seinem elektrischen Bass akrobatisch hinter dem Rücken solierte, wehte ihm der Wind seinen Banner ins Kreuz. „Gut, dass ich meine Stoßstange dabei habe“, parierte er. Nach ihm spielte das Duo Silent Radio akustisch alternative Mitsinghits, mittendrin wie spontan ergänzt von Wolf Kadaver, der aus dem Publikum heraus per Megaphon eine Textzeile ergänzte und sich dann für einige Lieder mit auf die Bühne setzte. Passend zur aktuellen politischen Bewegung spielten sie auch einen Song der Tanzenden Kadaver, der deutlich gegen Rassismus Stellung bezieht.

Heute ist die Vitrine auf der Theke ein begehrtes Ziel für viele Gäste. Sonja drückt sich beinahe ihre Nase platt und deutet auf Schälchen mit für mich seltsamem Inhalt: „Was‘n das, Chia-Pudding?“, fragt sie Chris. Sie liegt richtig: „Ja, Vanille-Chia-Pudding, hausgemacht.“ Chia sei seit einem Jahr das neue Superfood, erklärt mir Chris, und Sonja findet den Preis zwar angemessen, kann ihn mit ihrem schmalen Budget jedoch nicht begleichen, denn sie bestellt sich noch einen Kaffee und zwei Zigaretten. „Auch Feuer?“, fragt Chris. „Das ist noch drin“, murmelt Sonja, in ihrer Handtasche wühlend, und setzt sich natürlich auch nach draußen.

Dabei stößt sie beinahe mit Gideon zusammen. Einst war er hier Angestellter, heute kommt er als Gast, und zwar als schneller: „Ich bin auf dem Weg nach Japan“, erzählt er strahlend. Nicht mit GR:MM, seiner Band, sondern als Reisender, also anders als vor einem Jahr das Duo Kackschlacht, das tatsächlich eine Tour durch Japan machte. Für mich ist das immer noch eine Herzensinformation; ich mag die imaginäre Überschrift: „Kackschlacht in Japan“. Gideon bestellt und geht ebenfalls hinaus.

Nach Electro-Plattenläden erkundet sich Marniesch bei Chris. Da es in Braunschweig überhaupt nur zwei Plattenläden gibt, verweist der den Gast auf die mittlerweile leider ausgedünnte Electro-Abteilung im Riptide, und berichtet, dass es in Braunschweig zwar eine bundesweit bekannte große Drum-And-Bass-Szene gebe, doch dass der Boom an Plattenkäufen inzwischen weit zurückgegangen sei. Es gebe viele inoffizielle Partys und Veranstaltungen, sagt Chris, sowie famose DJ-Crews, wie BoomZound, die Stef mit Kult-Tour schon für den Lichtparcours 2016 am Hafen sowie für die Groovedeck-Party bei der Kulturnacht buchte. Marniesch saugt alle Informationen auf. Er ist erst den zweiten Tag in Braunschweig, kommt aus Weimar, spielt Schlagzeug im Staatsorchester, nicht in Bands, also eher bei Opern und so, und erzählt von der Kulturszene in seiner Heimatstadt, die durch den Austausch der akademischen Fachrichtungen begünstigt werde. Ein Traum. 1999 war ich in Weimar, als es Kulturhauptstadt von Europa war, und entdeckte den linksorientierten Schriftsteller Gerhard Branstner für mich, der live im Goethehaus las. Unser Goethe ist Wilhelm Raabe, sage ich, und Marniesch lacht: „Gibt es auch eine Statue von ihm?“ Ehrlich gesagt: keine Ahnung. „In Weimar ist die Statue von Goethe und Schiller das meistfotografierte Objekt“, erzählt er. Jetzt blättert er sich durch die vermeintlich schmale Electro-Auswahl im Riptide und konsterniert schon nach wenigen Momenten: „Ah, schon was gefunden.“ Mit der „Subtemple“-10“ von Burial in der Hand fragt er Chris nach einer Möglichkeit, sich Schallplatten anhören zu können. Chris händigt ihm „das System“ aus, das Marniesch am Tonarm befestigen muss. Dies tut er und stellt dann mit Bedauern fest: „Das ist nicht die, die ich dachte“, steckt die Platte wieder zurück ins Fach und händigt Chris „das System“ aus. Den Tipp mit BoomZound speichert er sich und geht dann, mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Dies tut auch Gideon, der es jetzt erheblich eilig hat: „Ich muss zum Bahnhof.“ Mit dem Zug nach Japan, soso. „Schreib eine Karte“, sagt Chris und weiß: „Das sagt jeder.“ Doch Gideon sagt zu: „Wenn ich eine finde, gern.“ Chris deutet auf die kleine Postkartensammlung hinter sich: „Japan fehlt uns noch.“ Mit dem Zug geht es zunächst nach Berlin, einen Freund treffen, berichtet Gideon, und dann erst fliegt er nach Japan. „Wie lange?“, fragt Chris. Knapp zwei Wochen, entgegnet Gideon, und ich finde das sehr lang für einen Flug. „Nee“, sagt Gideon“, „der dauert nur 26 Stunden, mit acht Stunden Aufenthalt in China.“ Und weg ist er. Saynonara!

Zum Bezahlen stellt sich Melissa neben Chris, hinter die Theke. So macht man das jetzt also. „Nein“, korrigiert sie meinen Eindruck, „ich arbeite seit drei Minuten.“ Also vom Gast direkt zum Dienst. Sie übernimmt es dann, meine Käufe zu kassieren, also meine Fritz-Kola und die handnummerierte 100 von 500 Exemplaren der LP „Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier“ von F.S.K., der Bandinstitution mit Wolfsburgs Kunstvereins-Vorsitzendem Justin Hoffmann an der Gitarre. Die Platte und das neue Intro nehme ich mit auf meinen Weg irgendwo in die Sonne. Und in die Mücken. Irgendwas ist ja immer.

Matze van Bauseneick
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#111 Familientreffen in Kaiserslautern

26. Januar 2017


Donnerstag, 26. Januar 2017

„Familientreffen“, ruft jemand, als ich das Café Riptide betrete. Denn mit mir kommt Micha herein, an der Theke steht Marcus, der sich mit Chris unterhält, der am PC steht, vor den Schallplatten sitzt André auf einem Stuhl und geht die Eigenveröffentlichungen durch, und am großen Fenster hocken Stef und Sascha. Mit „Frohes Neues“ begrüße ich Marcus, Micha schließt sich mit dem Gruß an Chris gerichtet an, und der erwidert: „Wir haben uns doch schon gesehen dieses Jahr!“ Als Stef und ich uns vorhin noch in der Küche über den Weg liefen, wussten wir nichts von unserem gemeinsamen Ziel, aber ich traf Vitas in der Stadt, der mir ihre Anwesenheit im Riptide verriet. Erbse!

Eigentlich wollten Micha und ich uns mal dienstlich treffen, für einige Absprachen. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Eingang und durchforsten unsere Unterlagen. André erhebt sich von seinem Stuhl, steuert den Thekenbereich an und fragt mich im Vorbeigehen: „Kafka?“ An sich eine gute Idee, aber heute ist mir mehr nach einem Milchkaffee. Micha gibt einen Cappuccino in Auftrag. Kurze Zeit darauf bringt uns André das Bestellte: „Falls ihr’s nicht erkennen könnt, das soll ein Herz sein“, sagt er und deutet auf die Schokopulverform auf dem Milchschaum. Ganz eindeutig ein Herz! Das wärmt mindestens so gut wie der Kaffee selbst.

Viel Zeit hat Micha nicht, er ist noch mit einem Freund zum Filmabend verabredet. Er flippt durch die App vom C1-Kino und grantelt, dass zwar gestern „Hacksaw Ridge“ vom Mel Gibson in der Vorpremiere lief, aber nicht ins normale Programm übernommen wurde. „Das ist schon der dritte Film dieses Jahr, der nicht in Braunschweig läuft“, schimpft er. Dieses Jahr war ich noch gar nicht im Kino, mein letzter Film war „Arrival“ am 5. Dezember. „Das ist schon ein bisschen her“, findet auch Micha. Er überlegt, sich „La La Land“ anzusehen, angefixt durch die vielen Oscarnominierungen und Golden Globes, „da lasse ich mich verleiten“. Mich interessiert der genau so wenig wie „Hacksaw Ridge“. „Ein Bekannter findet ‚La La Land‘ gut“, sagt Micha. Jeder findet den gut. „Das muss nichts Schlechtes sein“, sagt Micha und schlägt mir vor: „Du kannst dich mit allen abgleichen und sehen, ob du normal bist, oder krank.“ Oder genau das nicht, wer weiß.

Bei „Hacksaw Ridge“, erklärt mir Micha, geht es um einen Soldaten, der ohne Waffe in den Krieg zieht: „Das würde ich nicht machen.“ Ich nehme nur die Waffe, ohne den Krieg. „Auch ’ne Möglichkeit“, sagt Micha. Ich nehme denen die Waffe weg. Micha: „Denen den Krieg wegnehmen!“

André gönnt sich den Moment und setzt sich zu uns. Er sieht auf Michas Display und stellt die naheliegende Frage: „Wollt ihr ins Kino?“ So halb: Micha ja, ich grad nicht. Micha wiederholt seinen Unmut bezüglich der Filmauswahl in den Braunschweiger Kinos und dass er Interesse an dem Musicalfilm „La La Land“ habe. „Da wird nur gesungen“, sagt André. Micha lacht: „Sagst du in diesem Laden!“ André grinst verlegen und murmelt, dass er das auf Filme bezogen kritischer sieht. Regisseur Damien Chazelle, sagt Micha, hat ein Faible für Jazz, was Micha verlocke, denn auch der erste Film „Whiplash“ handelte von jener Musikrichtung. Ach ja: Rocky am Schlagzeug.

André erzählt etwas davon, dass jemand nach einem Film „draußen“ etwas unappetitliches erlebte, und Micha versteht miss, André sei „rauchen“ gewesen. Dabei fällt ihm die Geschichte ein, wie er mit einem „Kumpel“, der starker Raucher ist und es kaum ohne Zigarette aushält, im überlangen Remake von „Verblendung“ gewesen sei. „Daniel Craig hat gefühlt neunzig Prozent des Films geraucht“, lacht Micha. „Zum Schluss bietet ihm ’ne Frau ’ne Zigarette an und er sagt: ‚Ich will aufhören.‘“ Er grinst: „Ich gucke zu dem Kumpel rüber und der sagt: ‚Mit dir gehe ich nie wieder ins Kino.‘“ Das erinnert André ein das eine von zwei gemeinsamen Malen mit Micha im Kino: Da wies Micha André auf einen kleinen Schatten in der Ecke der Leinwand hin, der daher rührte, dass der Projektor nicht vollständig an der Empore vorbei projizierte. „Das sagt er mir vor dem Film“, echauffiert sich André. „Das wäre mir nie aufgefallen – ich habe den ganzen Film über nur die Kante gesehen.“ Micha grinst: „Gern geschehen.“

Jetzt muss André wieder arbeiten, dafür gesellt sich Stef kurz zu uns. „Unser letzter Ticker war sehr erfolgreich“, berichtet sie Micha. Gemeinsam erstellen sie nämlich für Stefs „Kult-Tour Der Stadtblog“ einen wöchentlichen Veranstaltungskalender. „Der wurde sechsmal geteilt!“ Das freut den Miturheber: „Das haben wir gut gemacht.“ Er ist in plötzlicher Eile und bricht auf, um seine Folgeverabredung einzuhalten. Stef lotst mich zu sich und Sascha an den Tisch am Fenster. Ich hocke mich zu ihnen, und wir stellen fest, dass einer der beiden weißen Lampenschirme über unseren Köpfen zerbrochen ist: „Ist das kaputt oder Design?“, fragt Stef. Ich bin für Design und Sascha hat sofort die selbe Assoziation wie ich: „Calimero.“ Mit Sombrero. „Das kenne ich wieder nicht“, sagt Stef, die etwas jünger ist als wir. Sascha erklärt ihr das mit der Zeichentrickfigur, einem schwarzen Küken mit Eierschalenhut. Seltsam genug: Ein Küken mit italienisch klingendem Namen, der auf dem griechischen Wort für „Guten Morgen“ basiert, das laut Titellied eine mexikanische Kopfbedeckung tragen soll. Multikulti.

Sascha kannte ich bislang nicht direkt, wir haben Lür als gemeinsame Brücke: Lür ist Mitinitiator des DJ-Teams „Rille Elf“ und Erfinder des Tanztees im Tegtmeyer, aus Zeitgründen aber leider nicht mehr so richtig dabei. Lür und Sascha gehen oft zusammen ins Eintrachtstadion, und einmal taumelte Lür mit Anhang nach einem Sonntagsspiel ins Tegtmeyer zum Tanztee, und da war Sascha auch dabei. Also: Gesehen haben wir uns schon mal. Auch diese neue Runde bricht auf: Sascha muss noch zum Fußballtraining und Stef will nach Hause. Ich schließe mich an.

An der Kasse steht ein großes Schild mit der Aufschrift „FCK TRMP“. Chris erläutert: „‘Der FC Kaiserslautern triumphiert‘, heißt das.“ Politische Statements verkneife man sich hier schließlich. Ich spreche ihn auf die Renovierung des Riptide an, von der in der Stadt bereits zu hören ist. „Wir haben dann zwei Wochen geschlossen“, bestätigt Chris. Vom 28. Februar bis 15. März, „das ist zumindest geplant, da müssen nur noch die Handwerker mitspielen“, sagt Chris. Am 16. März macht das Riptide dann wieder auf. „Was wir genau machen, steht noch nicht fest – wahrscheinlich normal auf und mit Sekt.“ Und wie das Riptide dann aussehen soll, verrät Chris natürlich auch nicht. Im Mai schließlich soll auch noch die Homepage überarbeitet werden. Alles neu – fürs Zehnjährige, das im September ansteht. Zehn Jahre Café Riptide. Nicht drüber nachdenken!

Matze van Bauseneick
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#60 Ferrari Testarossa

13. Oktober 2012


Samstag, 13. Oktober

Meine Erkältung klingt allmählich ab, Zeit, mal wieder unter Leute zu kommen, also ins Riptide zu gehen. Wohin auch sonst, zur Genesung. Es ist ja mal ganz nett, seine Zeit ausschließlich in Betten und auf Sofas zu verbringen und Hörspiele und Musik zu hören, aber es wächst bei mir doch bald der Bedarf nach echten Menschen. Deshalb komme ich an diesem sonnenhellen Oktobertag auch nicht in den üblichen fünf Minuten bis in mein zweites Wohnzimmer im Handelsweg, sondern brauche eine Stunde; der BIBS-Stand auf dem Kohlmarkt ist ein schöner Treffpunkt und die Zahl der zu diskutierenden Themen groß. Ein neues soziokulturelles Zentrum in Braunschweig ist nur eines von vielen, aber eines für viele. Die Sonne lacht, wir auch, trotz allem, wegen allem, und die Zahl der Lachenden wächst außerdem. Nun aber mal los.

Hinter dem Tunnel, der durch Möbel Sander in den Handelsweg führt, sitzt Serge mit drei Gästen vor seinem Laden. Das sieht wieder nach den lehrreichen und konstruktiv-streitbaren Gesprächen aus, die sich vor Serges Tür immerzu von allein einzustellen scheinen. Man kann nicht anders als mit ihm philosophieren, und er kann nicht anders als Haltung zeigen, inzwischen ja auch für jeden greifbar: Vor wenigen Wochen veröffentlichte Serge seinen Hörbuch-Buch-Hybriden „Leseprobe 1“, selbstverfasst und selbstgesprochen, überraschend offen und autobiografisch, wie er es als Person inzwischen ja auch ist. Vom Riptide-Nachbarn, über den nur wenig und doch mehr bekannt war als von ihm selbst, zum Mitgestalter in allen Gassen. „Irgendwas mit Theater“ habe er früher gemacht, das wusste man über ihn, inzwischen übernimmt er wieder mal Regie, etwa fürs Theater Fanferlüsch, hält im Rahmen der Kulturnacht in der Galerie auf Zeit eine Lesung ab und präsentiert eben seine „Leseprobe“ in CD- und Buchform. Und es soll mehr werden, ein ganzes Buch, mindestens, und Serge fragt mich im Vorbeiflug nach Verlagskontakten. Netzwerke schaffen, das ist auch eine neue Aufgabe, die er sich selbst stellte und mit der er den zurzeit in der Stadt umtriebigen Zeitgeist trifft, also auf offene Ohren und Türen stößt, insbesondere im kulturellen Bereich. Das Riptide als Nachbar ist da kein schlechter Ort, um Netzwerke aufzutun. Ebenso der übernächste Nachbar: Als erster Verlagskontakt-Hersteller fällt mir Stefan vom Kingking Shop ein, der außerdem einer der Betreiber der Einraumgalerie im Handelsweg ist.

Draußensitzen ist nicht nur für Serge attraktiv, auch die Riptide-Gäste drängen sich im Achteck und betreiben fröhliche Gesprächsrunden. Mit einer abklingenden Erkältung mag ich aber noch nicht draußen sitzen, ich gehe ins Café. Auch dort ist viel los, Franzi und Jasmin haben im besten Sinne alle Hände voll zu tun. André auch, er gehört eigentlich vor lauter lauernder Aufgaben ins Büro an den PC, denn heute Abend ist noch was los im Café: „Das DJ-Team von Indie.Disko.Gehn legt auf.“ Die kenne ich, zumindest als Logo aus Wolfsburg, dort etablierten sie die Party im Sauna-Klub. Fürs Riptide machen sich die Jungs wohl ordentlich Arbeit: „Sie bringen ihre Lightshow an, die Lounge wird zum Kino umgebaut“, kündigt André respektvoll an, während er mir einen meine Erkältung hoffentlich weiter lindernden Kafka zubereitet. Und: „Wir wollen das Rondell beleuchten, je nach Wetterlage.“

Diese ist dann auch erstmal die letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die im Riptide jetzt anstanden, ausgehend von den Festivitäten zum fünfjährigen Bestehen des Etablissements. Was da nicht alles los war. Und wie oft ich es glücklich schaffte, dabei zu sein. Täglich hatten Chris und André eine andere Aktion im Angebot, mit der sie uns köderten, was gar nicht nötig war, wir wären ja auch so gekommen. Bei der Losaktion gewann ich eine Tasse Kaffee, die habe ganz vergessen einzulösen. An dem Tag war ich eigentlich nur kurz da, um Grüße und Gratulationen zu entrichten, aber Jasmin verführte mich zum Loskauf und gewann selbst einen der silbrigglänzenden Riptide-Buttons, wie ich ihn ohnehin seit Jahren an der Jacke trage, in Eintracht mit Buttons von Silver Club und Kingking Shop. Veganes Grillen im Achteck stand einmal auf dem Programm, und davon kostete ich, als ich mich mit Claudi Soundschwester zu einem unserer unregelmäßigen Feierabendbiere traf. Bei uns am Tisch saß Bernd, seinerzeit einer der vier Initiatoren des Schlucklum in Lucklum, und der wusste Geschichten zu erzählen, etwa die, dass es Gäste gab, die Freitagnachmittag vor dem Schlucklum ihr Zelt auf- und es Sonntagmittag wieder abbauten. Und im Zuge des Geburtstags ließen Chris und André T-Shirts anfertigen, mit dem Logo einer weltbekannten Punkrockgruppe, deren Name dieselbe Anzahl Buchstaben trägt wie „Riptide“ und deren kreisrundes Logo die Cafébetrieber für ihre Zwecke dahingehend umgestalteten, dass sie die Namen der Musiker austauschten gegen Synonyme, die sie sich selbst in ihren Rundmails immer geben: Rabea, Rudi, Renate und Rolf.

Die Fünfjahresfeiern waren aber nicht alles, wie André berichtet. Vor einer Woche spielten die Driftwood Fairytales aus Berlin im Riptide. Denen, die die Band nicht kennen, erklärt es André immer so: „Bruce Springsteen ein bisschen schneller gespielt.“ In Erinnerung an das Konzert leuchten Andrés Augen: „Das war ein schöner Abend, 80 Leute, das Publikum hatte Spaß, die Band hatte Spaß.“ Das nächste Konzert gab es vorgestern, als Nachprogramm zum Film über Michel Petrucciani im Universum, in der gemeinsamen Reihe Sound On Screen, als das Tiqui Taca Trio im Café spielte, eine Jazz-Band. „Da war ein anderes Publikum hier“, sagt André, und auch das hatte Spaß im Café. Nach „Blue Note: The Story Of Modern Jazz“ vor genau einem Jahr war das schon das zweite Jazz-Thema im Riptide. Dieses Mal begleitet aber keine extrem stylishe Jazzschallplattencoverausstellung den Film, da im Zuge der Geburtstagsfeier zurzeit stimmungsvolle Schwarzweißfotos von Timo Hoheisel aus dem Caféalltag erzählen. Eine Meta-Ausstellung also.

Zu den Sound-On-Screen-Filmen habe ich es noch nie geschafft, höchstens mal zu den dazugehörigen Partys, und das finde ich mindestens bedauerlich. Immerhin, Beate vom Filmfest verriet mir, dass es womöglich im Januar einen guten Grund für mich gibt, beim Chef mal einen frühen Feierabend einzufordern. Noch ist nichts spruchreif, bestätigt auch André, aber die Hoffnung ist groß, dass Sound On Screen dann einen meiner Filmwünsche erfüllt. Das Filmfest selbst beginnt auch in wenigen Wochen, große Freude, jedoch fällt es nahezu komplett in meine Arbeitszeit, was wahrscheinlich bedeutet, dass ich so gut wie keinen Film zu sehen bekomme, große Missstimmung. Noch gibt es kein Programm, aber ich hoffe zum Beispiel auf „The Angel’s Share“, den neuen Film vom Ken Loach, und dass ich dafür dann auch Zeit finde.

Immerhin, ins Kino schaffte ich es tatsächlich mal wieder zweimal, beide Male in Begleitung von Micha, den ich vor fünf Jahren und einem Monat am Eröffnungstag des Café Riptide am Tresen kennenlernte. Kürzlich gehörte ich einmal dem Philosophenkreis bei Serge an, als Micha im Vorbeigehen auf meine Schulter hieb und rief: „Dich brauche ich.“ Er habe sich außer mir niemanden vorstellen können, der Spaß an „Holy Motors“ von Leos Carax haben könnte. Wie Recht er hatte: Den Film wollte ich sehen. Wir verabredeten uns gleich für den folgenden Abend am Universum. Und trafen uns vorher schon am Nachmittag wieder zufällig im Riptide, wo ich eigentlich mit Steffen verabredet war, der mit seiner Band Dissouled in Wolfsburg regelmäßig Grindcore-Festivals veranstaltet, und zwar mit Bands, die in der Szene international zu den Helden gehören und die dafür sorgen, dass Wolfsburg seitdem auf der Grindcore-Europakarte fettgedruckt eingetragen ist. Dissouled selbst grooven wie Sau und arbeiten zurzeit an ihrem neuen Album. Fossi machte unsere Tischrunde kurzfristig zum Quartett, wir sprachen natürlich auch über Filme. Als ich dann später meine Getränkerechnung begleichen wollte, überraschten mich Chris und André mit der Frage, ob ich „die hier“ schon hätte, und zeigten mir die an dem Tag niegelnagelneue Dreifach-LP von den Drei Fragezeichen, „…und die Geisterlampe“, mit zwölf Kurzgeschichten. Hatte ich noch nicht und schlug sofort dankbar zu. Die Geschichten sind lediglich okay und damit immerhin besser als die meisten neuen Langhörspiele, aber es ist einfach toll, die Drei Fragezeichen von Vinyl zu hören. An „Holy Motors“ jedenfalls hatten Micha und ich gleichermaßen mehr Spaß im Nachhinein als währenddessen: Er ist bedrückend finster, aber einfallsreich und bemerkenswert wie kaum ein anderer Film. Auch über den anderen gemeinsam gesehenen Film sind wir einer Meinung: „Prometheus“ hat eindrucksvolle Bilder, aber eine mies unlogische Handlung, über die wir uns mächtig echauffieren können, so viel Geld, wie in dem Machwerk schließlich steckt.

Und à propos Jazz, vergangene Woche holte ich mit die neue LP von Neneh Cherry im Riptide ab. Kein „Buffalo Stance“, obwohl das zu den guten Rapstücken der späten 80er gehörte und Neneh Cherry auch mit „Manchild“ und später „Woman“ ihre Stimme bestens zur Geltung brachte. Man stelle sich diese nun im Kontext mit der Musik des Free-Jazz-Trios The Thing vor, Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon als Basis für Coverversionen von Trip- und Hip-Hop-Stücken sowie „Dream Baby Dream“ von Suicide und „Dirt“ von The Stooges. Funktioniert tadellos, The Cherry Thing, die Stimme gibt Struktur, und nächsten Monat gibt es die Remix-LP dazu. Tja: Eines der spannendsten Alben des Jahres kommt von Neneh Cherry, man glaubt es kaum.

Jedenfalls ist die große Anzahl an Aktivitäten der jüngeren Zeit der Grund, weshalb sich das Riptide in der am Montag beginnenden Plattenladenwoche zurückhält. Nicht jedoch mit den Specials, die es in den teilnehmenden Plattenläden gibt, davon finden sicherlich auch einige ihren Weg nach Braunschweig. Auf der Internetseite des Rolling-Stone-Magazins wurde das Riptide in diesem Zusammenhang erneut präsentiert, berichtet André und kündigt außerdem an: „Wir sind demnächst auf NDR Kultur, dort werden wir vorgestellt.“

Meine leere Kafka-Tasse stelle ich neben das neue Braunschweiger Kneipen-Quartett, in dem auch das Riptide aufgeführt ist. Im Kingking Shop ließen mich Stefan und Pott einen Blick hineinwerfen, André warf noch keinen, sagt er. Gleich die erste Karte ist die mit dem Riptide, Karte A1. „Bei den Autoquartetts war das immer der Ferrari Testarossa“, sagt André. „Wer weiß, was das zu bedeuten hat.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#53 Abschied ist ein schweres Schaf

25. März 2012


Samstag, 24. März

Sonne, blauer Himmel, über 20 Grad Celsius – fristgerecht verwöhnt der Frühling an diesem ersten Osterferientag uns Ostfalen, wir holen uns unseren knappen jährlichen Anteil an Sonnentagen ab. Was das bedeutet, vermittelt ein Gang durch Braunschweig: Die Leute sitzen, wo sie nur können, vornehmlich auf dem Kohlmarkt oder in den Parks. Wer noch wie ich aus alter Gewohnheit Winterjacken trägt, macht sich im Geiste einen Vermerk, den Mantel künftig gegen die nächstdünnere Jacke zu tauschen. Kinder quirlen umher, tapsige junge Hunde verlieren zwischen den Beinen die Orientierung, gehende Menschen tragen Einkaufstaschen, sitzende nippen an Getränken. Ein Straßenmusiker spielt auf der akustischen Gitarre stimmungsaufhellende russische Begräbnismusik. Die Marketender auf dem Altstadtmarkt bestätigen, dass die Sonne die Laune aufhellt, sowohl deren eigene als auch die der Gäste. Die Eile wich der Weile. Über dem Wochenmarkt wehen wieder Düfte von Obst, Gemüse und per Heizdraht gereiftem Spargel, gemischt mit dem von Kaffee und Bratwurst. Brötchen und Käse sind heute besonders gut. Aus dem Bierteufel dröhnt der Jubel vom 1:0 der Eintracht gegen Fortuna Düsseldorf, vor Piou lässt Tanja ihren kleinen Dackel am Boden schnuppern, Serge sitzt mit einem Gast vor seinem Laden, die Riptides haben eine Biergarnitur im Achteck aufgestellt. Plätze sind dort rar, also gehen Maren, Arni, Janna und ich eben ins Café.

Zu viert am Dreiertisch, das wird eng, vor allem, weil wir alle Hunger haben. Also schiebe ich einen Stuhl vom Nachbartisch dazu, mit allem Schwung, der mir möglich ist, so entspannt, wie ich bin. Das Kissen folgt gleichzeitig der Zentrifugal- und der Schwerkraft. Ich hebe es auf und lege es zurück auf den Stuhl, den ich zwischen die anderen drei Stühle dränge. Zu eng, wie die finden, die darauf sitzen sollen. Also stelle ich entspannt den Stuhl zwischen unserem und dem Nachbartisch beiseite und übersehe, dass die Wand, an der er steht, auch den Rucksack, der auf ihm liegt, hält. Es knallt einmal kurz, als Arnis Gepäckstück den Boden erreicht. Janna hebt den Rucksack auf, ganz entspannt. Arni und ich schieben den zweiten Tisch an unseren, tatsächlich ohne, dass etwas herunterfällt. Ein weiterer Stuhl vom zweiten Tisch ist jetzt übrig, Arni stellt ihn an den Tisch gegenüber, dorthin, woher ich den anderen Stuhl geholt hatte. Bis wir alle sitzen, ist bestimmt eine Viertelstunde vergangen. Entspannung kann ganz schön stressen.

Nicht Roberto und Gregor, die gleichzeitig aus der Küche um die Ecke strömen und bei uns die Bestellung aufnehmen wollen, ganz plattenladengemäß in Stereo. Gregor bleibt mit gezücktem Block bei Arni und mir stehen. „Dann gehe ich zu den Frauen“, sagt Roberto und umrundet uns. Wir alle wollen Riptide-Burger essen, aber jeder einen anderen und anders konfiguriert, mal vegan, mal mit Käse. Maren bestellt Grünen Tee, Janna Wasser, Arni Fritz-Kola und ich ein alkoholfreies Hefeweizen. Noch während Gregor und Roberto ihre Stifte wieder – niemand weiß, wie das richtige Verb dafür heißt – ausschalten und ihre Blöcke zuklappen, kommt Chris zu uns an den Tisch und begrüßt uns. Er war eine Woche lang im Urlaub, erzählt er, auch ganz entspannt, so wie wir es jetzt sind. Da fällt mir der anstehende Record Store Day ein, da habe ich im Internet gelesen, dass das Riptide zu den teilnehmenden Plattenläden gehört. Chris bestätitgt das und sichert zu, meine Bestellliste zu berücksichtigen. Ziemlich viele Sonderveröffentlichungen gibt es dieses Mal. „Es werden jedes Mal mehr“, bestätigt Chris. An sich finde ich die Einrichtung ja gut, dass Bands und Labels Tonträger veröffentlichen, die es dann nur im Rahmen des Record Store Day in unabhängigen Schallplattenläden gibt. Doch sind da inzwischen häufig nicht mehr die Fans die Käufer, sondern geschäftstüchtige Weiterverläufer, die sich bereichern wollen. Für bestimmte Veröffentlichungen müsste man heute ein Schweinegeld hinlegen, wollte man sie wirklich haben. „Wir versuchen, alles zu kriegen“, beruhigt mich Chris. Dennoch kann er von Ausnahmen berichten: „Es gibt einige Raritäten, die haben wir nie gesehen.“ Darunter eine Smiths-10“-Box oder eine Nirvana-7“. „Wenn ich rechtzeitig feststelle, dass ich eine Platte nicht bekommen kann, sage ich dir bescheid“, beruhigt mich Chris. Das ist nett.

Und entspannt mich wieder. Andere Gäste, die ins Café kommen, strahlen ebenfalls, und keiner ist hektisch. Mir gefällt, dass mal alle Leute gutgelaunt sind. „Lass mich in Ruhe“, bölkt Arni und blättert grinsend in dem Lego-Katalog, den er vorhin aus der Spielwarenabteilung bei Kartstadt mitnahm. Lego-Regale in Spielwarenabteilungen sind regelmäßig unser Ziel, wenn es mal nicht Platten- oder Buchläden sind. Die Dänen haben inzwischen wieder an Spaß und Qualität zugelegt, nach den eher playmobilartigen Zeiten mit unveränderbaren Großbausteinen. Zurzeit haben sie eine Polizei-Serie, bei der fast jedes Modell irgendwo eine Kaffeetasse oder Kaffeemaschine hat. Bei anderen Gelegenheiten bringen sie Fische, Würste oder Hähnchenkeulen unter, selbst bei der an „Jurassic Park“ angelehnten Dino-Reihe. Ganz neu ist „Friends“, eine Reihe, die sich an Mädchen richten soll und ebenfalls den aktuell typischen Humor durchblitzen lässt. Es geht um fünf Mädels, die alle irgendwelche weitgehend mädchentypischen Sachen machen und damit ganz neoökonomisch erfolgreich sind und trotzdem Spaß haben. Die Figuren sind etwas größer als die Lego-Minifigures und heißen Andrea, Emma, Mia, Stephanie und Olivia. Letztere hat ein eigenes „Traumhaus“, und wenn man sich die Packung genau anguckt, sieht man zwei weitere Figuren: Peter und Anna, die aussehen wie Mulder und Scully. Als wär das nicht genug: Mulder grillt und Scully mäht den Rasen. Die Vorbereitungen für „Akte X“, Staffel zehn?

„Das wird der erste Sound-On-Screen-Film, zu dem ich gehe“, sagt Maren und fischt einen Flyer für die nächste Veranstaltung aus dem Ständer mit den Speisekarten neben dem Aufsteller, der für die „crunchig-fruchtige Erdnuss-Curry-Suppe“ wirbt. Das Universum zeigt am 19. April „Sex & Drugs & Rock & Roll“ über Pubrocker Ian Dury mit Gollum-Schatz Andy Serkis in der Hauptrolle und anschließendem Ronny-Mono-Konzert im Riptide. À propos Gollum: Auf Deutsch hat Andreas Fröhlich den gesprochen. Bob Andrews, zuständig für Recherchen und Archiv! Das hat er gut gemacht, schließlich erkennt man ihn nicht. Auf Englisch macht „Herr der Ringe“ aber auch Laune. Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, alle drei Extended-Versionen am Stück zu gucken, Original mit englischen Untertiteln. Die Stimmen sind toll, und auch, dass die Figuren unterschiedliche Dialekte haben. Gimli spricht einen walisischen Akzent, klärt denjenigen das Internet auf, der wie ich glaubt, es sei Schottisch, und der passt wunderbar zu dem Zwerg. Dessen Schauspieler John Rhys-Davies spricht im Original übrigens auch den Ent Treebeard. Wenn man die deutsche Fassung gewohnt ist, wundert man sich, wenn man den richtigen Namen für Helms Klamm hört, „Helm’s Deep“; hat doch schon durch die Geschichte der Name „Helms Klamm“ einen bedohlichen, einengenden, ausweglosen Klang. „Klamm“ ist ein schönes Wort für „Deep“, aber wohl weil „klamm“ auch „feucht“ und „verschimmelt“ assoziiert, geht von „Deep“ für mich weniger Bedrohung als vielmehr Schutz aus.

Mit einem vollen Tablett kurvt Gregor um die Ecke. „Sieht aus wie ein Schlumpf“, stellt er mit Blick auf die zur Seite geneigte Blume meines Hefeweizens fest. Das passt, das sieht mir ähnlich. Gregor verteilt die Getränke entsprechend ihren Bestellungen, klappt das Tablett an sich und sagt: „Lasst es euch schmecken.“ Maren setzt ihre Brille ab und nimmt das dazugehörige Etui aus ihrer Tasche. Janna lacht: Das Etui sieht aus wie eine Mini-Handtasche und ist gemustert wie ein Leopard. „Das habe ich geschenkt bekommen“, erzählt Maren stolz. Ein tolles Gescenk sei einmal auch ein Schoko-Badezusatz gewesen. Janna ist skeptisch: „Da möchte ich lieber nicht drin baden, Schoko esse ich lieber.“

Arni und ich streifen ein wenig im Raum umher. In dem Aufsteller, aus dem wir sonst das Intro fischen, liegen Umsonst-Visions. Früher habe ich die auch noch gelesen, aber mir ging deren Haltung irgendwann auf den Keks: „Das ist nicht Visions-kompatibel.“ Abgesehen von so einem beschränkten Horizont war beizeiten auch das Visions-Kompatible nicht mehr mit mir kompatibel und ich bestellte das Abo ab. Aber so mal zum Schmökern nehme ich gerne mal wieder ein Heft mit. Bei den LPs steht auch das neue Album von Oliver Koletzki, der mich bislang musikalisch über den „Drei Tage wach“-Remix von Lützenkirchen hinaus noch gar nicht erreicht hat, aber das Cover von „Großstadtmärchen 2“, dem neuen Album des gebürtigen Braunschweigers, stammt vom weißen Kaninchen aus dem Lützenkirchen-Video: Chrisse Kunst, seinerzeit Ausstellender im Riptide. Was Koletzki abseits der Musik sympathisch macht, ist, dass er sich, wenn er House macht, „Parker Frisby“ nennt, nach einer Figur aus „Die Drei Fragezeichen und die Perlenvögel“. Arni und ich entdecken zudem erfreut, dass die Riptides ein Extra-Fach für Die drei ??? zwischen Dinosaur Jr und anderen D-Musikern eingerichtet haben.

In der Rip-Lounge liegt die noch neueste Ausgabe der alternativen Zeitung „Unser-Braunschweig“ aus, mit der Ankündigung der Lichterkette vor zwei Wochen auf der Titelseite. Wir waren wieder dabei, zwei von 24.000 Teilnehmern auf einer 80-Kilometer-Strecke entlang der schönsten Ausflugsziele Ostfalens: Asse, Schacht Konrad und Eckert & Ziegler. Genau ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima zeigten die Leute Flagge, besser: Fackel. Protest für die ganze Familie, und das im doppelten Sinne: Einmal waren von der Oma bis zum Baby alle dabei, weil vom Steineschmeißen nicht auszugehen war, und dann stellt Oma nun mal Weichen fürs Baby, wenn sie gegen das Verbuddeln oder Aufbereiten todbringenden Mülls in der Gegend protestiert. Als Gesellschaftspessimist freut man sich, dass es überhaupt noch oder wieder Menschen gibt, die für irgendetwas einstehen, andererseits sieht man ja ganz besonders deutlich in Braunschweig, wie weit Bürger- und Politikerwille auseinandergehen können, ohne dass mit demokratischen Mitteln gegen fragwürdige Machthaber vorzugehen wäre. Eine Demonstration macht den Protest zwar wahrnehmbar, wendet den Grund für den Protest aber nicht direkt ab. Immerhin sah es schön aus, wie reihenweise Fackeln die Braunschweiger Innenstadt illuminierten. Überall hatten Institutionen, Parteien, Kirchen, Initiativen ihre Stände aufgebaut, verkauften Fackeln, gaben Infos aus und betreuten Teilnehmer. In feuerfesten Schalen sammelten sie nach dem Abbrennen die verglühten Fackeln. Auf dem Kohlmarkt klang der Protest mit Sambattac-Trommeln aus. Atomkraft ist wenigstens protestierbar, einen Castorbehälter kann man anfassen, eine Bildungsreform beispielsweise nicht. Ein Lokalpolitiker erzählte mir kürzlich, er habe gelesen, dass, wenn alles Geld, das die Regierung in den vergangenen Jahren von den Bürgern für die Bildung abgezwackt hat, auch wirklich in die Bildung geflossen wäre, heute jedes Kind einen eigenen Lehrer hätte. Aber das kann eine Regierung ja nicht wollen, dass die Bürger so gebildet sind, dass sie begreifen, dass eine Regierung, die genau das unterbindet, versagt hat und abgewählt gehört. Die Katze und ihr Schwanz.

„Eins, zwei, drei – Burger!“, schallt es von unserem Tisch. Arni und ich bestaunen LPs von Boris und Neurosis, als Janna und Maren uns dezent darauf aufmerksam machen, dass die erste Hälfte unserer Bestellung bereits auf dem Tisch dampft. Die Nachricht mit der Visions reißt Maren nicht weiter um: „Ich habe hier gestern schon alles in dem Heft gelesen, was mich interessiert – desegen habe ich sie mir auch nicht genommen.“ Wir untersuchen zu viert die beiden gelieferten Burger und können nicht herausfinden, um welche beiden der vier bestellten es sich handelt. Aus einem fließt ganz eindeutig Käse, doch ist der andere auch wirklich vegan? Ich biete mich an, einfach alle zu essen. „Und wir gucken zu?“, empört sich Janna. „Nee!“ Arni rauft sich die Haare: „Du isst alles und wirst nicht sooo dick?“ Mit den Händen holt er weit aus. Viel fehlt dazu ja nun nicht mehr. Janna glaubt: „Das warme Herz verbrennt alles.“ Uff. Gregor hilft uns rätselnden mit dem Zeigefinger: „Das ist vegan, und das ist der Robinson mit Käse.“ Beim ersten greift Maren zu, beim zweiten Arni. Maren bleibt mit Blick auf das Schälchen mit rotem Inhalt bei ihren Nachos jedoch skeptisch: „Und die Soße?“ Gregor beruhigt sie: „Das ist neu, die gibt es jetzt immer zu den Chips dazu.“ Das aanzichste, stelle ich leise an Gregor gewandt fest, was noch fehlt, ist Besteck. „Das aanzichste?“, wiederholt Gregor. „Kommt sofocht.“ Und die beiden offenen Burger gleich mit. Das ist ein Fest! Die Burger im Riptide sind großartig, da vermisse ich als Karnovore das Fleisch kein bisschen.

Während wir die Burger wahlweise von vorne nach hinten oder von oben nach unten dezimieren, dringt von außen Torjubel ins Café. Maren stellt zwischen zwei Bissen den Unterschied zwischen „Hochbezahlt“ und „Gut“ in Kunst und Design fest. Zu „Gut“ fällt mir ein, dass sie in der Braunschweiger Zeitung heute eine Doppelseite über die neue Ausstellung von Gerhard Richter in Berlin haben. Da ist an prominenter erster Stelle die Kerze zu sehen, die Sonic Youth für ihr Album „Daydream Nation“ als Cover genommen haben, was die BZ allerdings nicht erwähnt. Jedoch sieht Maren auch zwischen Richter und Gut nicht unbedingt den Zusammenhang, dafür aber am Kopf eines eintretenden Gastes ein Stirnband. „Ich habe mein Nena-Schweißband wiedergefunden“, erzählt sie. In Rosa-Weiß-Rosa gestreift mit der Aufschrift „Nena“. Es gehörte einst zu einem Set mit Stirnband. Ich hatte als Kind ein Schweißband vom HSV, etwa 1984, also kurz nach den beiden Meisterschaften. Maren erzählt, wie sie in den 80ern mit einem Mitschüler ein Nena-Magazin erstellte, mit aus der Bravo abgeänderten Texten in krakeliger Schreibschrift und selbstgemaltem Starschnitt. „Mein kleiner Bruder hat immer Hörspiele selbst gemacht“, erzählt Janna. „Mit klapprigem Kassettenrekorder und Mikrofon.“ Maren auch, bei einem Freund, der eine He-Man-Burg hatte und der He-Man-Geschichten vertonte. Maren machte dann die Geräusche, mit Plastiktüten über den Füßen Schritte auf fremden Planeten oder mit einer Tupperschüssel vorm Gesicht eine Stimme wie im Helm. „Das müssten wir auch mal machen“, schlägt Arni angesteckt vor. Gute Idee, wir könnten dann die Geschichte vertonen, die Janna und ich kürzlich für die Hochzeit eines befreundeten Paares schrieben: „Die Drei Fragezeichen fahren nach Kopenhagen.“ Jeder Gast hatte im Vorfeld eine Seite für die Hochzeitszeitung gestalten sollen. Da ich die Braut seinerzeit über die drei Detektive kennen gelernt hatte, war beim ersten Herumbasteln schon die Idee da: Ich fügte die Olsenbanden-Silhouette in ein Drei-Fragezeichen-Cover ein und schrieb den Titel dazu. Janna meinte, wir müssten ihnen eine Würfel-Geschichte anbieten mit sechs Auswahlmöglichkeiten zu verschiedenen Parametern, wie Auftraggeber, Bösewicht, Gegenstand, Ort und so weiter. Das Paar hatte dann zu würfeln und uns die Ergebnisse mitzuteilen, aus denen wir eine Geschichten schreiben und sie ihnen bei einem Essen vorlesen wollten. Das war gar nicht so einfach, weil wir die erwürfelten Parameter sinnvoll kombinieren mussten. Am Ende reisten Justus, Bob und Peter als Austauschschüler nach Kopenhagen, wo sie auf die Olsenbande trafen und in einen internationalen Waffenschieberfall verwickelt wurden, der bis nach Schweden reichte und in dem Egon, Benny und Kjeld als Kleinganoven doch eher auf der Seite der Guten standen. Aber eigentlich müsste die Geschichte mit den Original-(DEFA-)Sprechern vertont werden, nicht mit uns.

Die Burger haben einige von uns gesättigt. Maren blättert in der Speisekarte und macht erfreut Entdeckungen: „Es gibt jetzt ein veganes Frühstück.“ Damit nicht genug: „Es gibt jetzt vegane Muffins? Gleich mal fragen, vegane Süßigkeiten hatten sie bislang nicht, das wäre fein.“ Arni und ich krümeln die letzten Nachos von den Tellern in uns hinein. „Im Bioladen habe ich letztens gesalzene gefunden“, berichtet Arni. „Die waren superlecker.“ Roberto räumt ab und wir schwärmen alle von den Burgern. „Habt ihr die Rezeptur geändert?“, fragt Arni. „Nee“, sagt Roberto grinsend, „aber ich habe die gebraten.“ Dann ist er ja der Bratling. „Genau, ich bin der vegane Bratling.“ Arni fragt: „Wo habt ihr die eigentlich her?“ Roberto bleibt ernst: „Wir haben da in Braunschweig einen schönen speziellen Schlachter.“

Nachdem wir alle in der Karte geblättert haben, nimmt Gregor die neue Bestellung auf. Arni wünscht sich einen Milchkaffee, ich eine Fritz-Kola ohne Zucker, Maren einen weiteren grünen Tee und Janna ein weiteres Wasser. Dabei fällt mir Gregors Kettenanhänger auf. „Das ist ein Plektrum, ich spiele Bluesgitarre, das hat mir ein Freund zum Abschied geschenkt, weil ich am Samstag wegziehe“, erklärt er. Aus heiterem Himmel. „Das ist meine letzte Schicht, ich ziehe nach Hamburg.“ Immerhin verschlechtert er sich damit nicht, stellt Arni fest. Auf Läden wie das Riptide oder den Kingking Shop muss er dort aber verzichten. Abschied, um es mit dem britischen Schlagersänger aus Kenia zu sagen, ist ein scharfes Schwert. Aber wenn er mal wieder nach Braunschweig kommt, weiß er ja, wo er hinkann.

Maren hat ihren veganen Muffin bekommen und probiert. „Der ist der Oberknaller“, stellt sie fest. Wir anderen sind von unseren Burgern noch satt und stillen lediglich unseren Durst. Kunden kommen und gehen, ein kleiner weißer Hund beißt die Hand nicht, die ihn tränkt, und ein zweijähriges Mädchen schüttelt, die, die ich ihm hinhalte. Alles ganz entspannt. So wie wir. Die Sonne lockt. Draußen sind alle Plätze belegt, schon seit Stunden. Kein Wunder. Wir wollen auch nach draußen. Tschüß Gregor, lass es dir gutgehen in Hamburg!

Den kleinen Dackel hat Tanja jetzt auf dem Schoß. Serge ist in seinem Laden verschwunden. Im Bierteufel erfahren wir, dass der Torjubel wohl doch keiner war: Düsseldorf hat ein Ausgleichstor geschossen. Was soll’s, ein Punkt gegen einen Aufstiegskandidaten ist auch eine Leistung für einen Liganeuling. Am Wild Geese hängt ein Transparent, dass nächste Woche der 15. Geburtstag des Pubs ansteht. Letzten Samstag feierten wir dort noch wild St. Patrick’s Day, wie jedes Jahr, seit es das Wild Geese gibt, außer einmal, als ich krank war. Macht nicht auch bald die Okercabana wieder auf? Winter, wo ist dein Stachel?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#43 Philosophophil

23. Mai 2011


Montag, 23. Mai

So kann Frühling sein: hell, warm und trocken. Die Schwalben sind mittlerweile in Braunschweig angekommen, sie kreisen auch wieder über dem Achteck im Handelsweg. Der Platz zwischen den beiden Riptide-Räumen ist gut belegt mit Gästen, im Riptide selbst sitzt bei dem wundervollen Wetter niemand, der dort nicht auch arbeitet. Jasmin balanciert abenteuerlich auf einem Barhocker und wischt die Scheiben hinter den Plattenspielern, Franzi geht ans Telefon. Es ist Chris, der André sprechen will, sagt Franzi Jasmin über den Tresen hinweg. Jasmin ist ebenso ratlos wir Franzi mit der abgedeckten Sprechmuschel: André hätte eigentlich da sein sollen. Aber da am Samstag die BS-Visite war und das Riptide dort caterte, wähnt Jamsin André bei irgendwelchen Aufräumarbeiten. „Gestern haben wir nur ein bisschen sauber gemacht“, sagt Jasmin. Für den Abbau fehlte die Kraft. Franzi dreht sich weg und spricht mit Chris, während Jasmin von der BS-Visite erzählt: „Das war gut, ich habe selber nur die Hälfte der Ausstellung gesehen.“

Serge unterbricht Jasmin. Er kommt ins Riptide gestürmt und spricht sie an, sei kenne sich doch mit medizinischer Versorgung aus. Serge hat etwas ins Auge bekommen und macht sich Sorgen, die Jasmin zwar zu zerstreuen in der Lage ist, es aber nicht kann: Serge ist mit ihrer eigentlich beruhigenden Diagnose nicht so recht beruhigt. Er kommt gleich wieder ins Café, stellt sich dieses Mal an die Theke, bestellt einen Kaffee und wischt sich im Auge herum. Ich spreche ihn auf seinen Regie-Job beim Theater Fanferlüsch an. Micha gesellt sich zu uns, wie verabredet: Gestern noch wehte ich an ihm vorbei und sagte mehr im Scherz „bis morgen“, heute macht er den Scherz wahr. Er bestellt sich eine Hausmarke und legt zwei Plakate auf die Theke. So geht das hier: Wer hinter der Theke steht, nimmt die Plakate entgegen und klebt sie bei nächstbester Gelegenheit unter die Theke. Von vorn sichtbar, versteht sich. Kathi, Jasmin und Serge lassen sich über die schlechte Gestaltung der Plakate aus. Man könne gar nicht ausmachen, um was für eine Art Veranstaltung es sich handele, geschweige denn, wer überhaupt der Veranstalter sei. „Das Datum ist viel zu klein“, befindet Kathi. „Muss nicht der Urheber am Rand vermerkt sein?“, fragt Serge. Damit etwa bei verbotenen Inhalten nachverfolgbar sei, wer zu belangen ist. Micha nimmt einen Schluck von meiner Hermann-Brause Melone-Limette und verzieht das Gesicht. Immerhin: Er lacht. „Ich hab aus Versehen deine Flasche erwischt“, stellt er korrekt fest. Und teilt meine Meinung, dass die Brause enorm künstlich schmeckt. Wie nichts, was es in der Natur gibt, finde ich, mag den Geschmack aber gern. Micha spült mit Hausmarke nach. Eines der Plakate ziert ein Gehirn mit lauter Zahlen darauf. Serge ist davon überzeugt, dass das Gehirn wirklich so funktioniert: in Reihe verknüpft. Ich merke an, dass ich es mir nicht so schön vorstellen kann, wenn alles wieder auf Null ist. „Dann ist dunkel“, sagt Serge, und Micha widerspricht: „Vielleicht auch ganz hell und Tanz.“ Serge fragt: „Das willst du lieber? Eine Belohnung für ein dunkles Leben?“ Ich werfe ein, dass das die protestantische Sichtweise ist, und entfache damit eine Diskussion über Religionen und Spiritualität.

Derweil kommt André ins Café. Er trägt eine Kunststoffkiste, stellt sie vor der Theke ab und sagt zu Jasmin und Kathi, als müsse er sie um Erlaubnis bitten: „Ich bring hier mal ne Kiste rein.“ Jasmin versteht die Anmerkung anders: „Und was sollen wir damit machen?“ André bleibt die offensichtliche Antwort schuldig. Kathi kommt aus dem Achteck und triumphiert: „Zwei Crêpes!“ Sie verschwindet grinsend in der Küche und überlässt Jasmin die Entscheidung, was sie mit der Kiste machen soll. Die Kiste indes bleibt nicht alleine: André bringt weitere ins Café. Und sieht dabei deutlich erschöpft aus. „Geh schlafen“, schlägt Micha vor. Ich weise André auf das Café-Sofa als Möglichkeit dafür hin. „Heute nicht“, wehrt André ab. „Ich wusste ja, dass der Mai heftig wird.“ André öffnet den kleinen Schrank neben dem Eingang, holt einen Blechbehälter und den Hundenapf heraus und legt eine Decke hinein. Alles in einem Tempo, das in etwa seinem Erscheinungsbild entspricht.

Serge hat seinen Kaffee ausgetrunken und steht rauchend am Eingang, Raze alias Dominic geht an ihm vorbei ins Café. Raze bestellt sich ein alkoholfreies Bier: „Ich habe mir eine alkoholfreie Woche verordnet, aber am Wochenende muss ich spielen, das wird nix.“ Jasmin reicht ihm das Bier und grinst: „Das wird dann doch eine Herausforderung.“ Micha spricht Raze auf die buchgroße „ISAM“-CD von Amon Tobin mit dem Fotos von Tessa Farmer, die auf der Theke steht, an. „Ich hab die Rezension gelesen und gleich gewusst, dass das was für dich ist“, sagt Micha. Raze gibt ihm Recht. Da verdunkelt sich die Sonne: Lukas ist von seinem Platz im Achteck aufgestanden und steht mit angewinkelten Armen bei Serge in der Tür. „Hier ist was los“, ruft er tadelnd. „So schönes Wetter und alle sind drinnen.“ Er auch, merke ich an, als er vor mir hinter der Theke steht. „Ich will nur kurz Mails checken“, sagt Lukas und checkt kurz Mails.

Jasmin hat sich der inzwischen beachtlich aufgestapelten Aufgabe angenommen und entdeckt in den Kisten leere Flaschen, Flaschenöffner, ein auf rätselhafte Weise untrennbar in ein Bierglas gestecktes Weinglas und mit einem erfreuten Aufschrei quittierend eine angefangene Packung Tabak. Raze lacht: „Ein Kumpel hat in seinem Auto unterm Sitz letztens einen Raider gefunden.“ Es dauert bei uns allen eine Weile, bis wir den Ekelanteil dieser Nachricht erfassen. „Der muss sogar vom Vorbesitzer sein“, fährt Raze fort, „denn er hat den Wagen erst drei, vier Jahre.“

Über den Film „The Tree Of Life“ erreichen Micha und Raze erneut das Thema Spiritualität, Serge ist inzwischen nicht mehr dabei. Die Frage ist, was kommt, wenn das Licht ausgeht. „Neues Licht“, schlägt Micha vor. Raze meint: „Dann ist Feierabend.“ Micha kennt Raze besser: „Dann gibt’s noch ein Feierabendbier.“ Das Bier, das niemals leer wird, mutmaße ich. Raze grinst: „Dazu kann ich noch ein paar Sachen sagen, wenn ich mehr Bier intus hab.“ Sein „spielen“ am Wochenende ist überdies ein Auflegen, wie Raze erläutert. Er meint, dass es zurzeit sehr schwer sei, Sachen aufzulegen, die nicht sowieso schon jeder kennt, egal, in welchem Genre.

Vom Auflegen erzählt auch Svante, der eigentlich ins Riptide kam, um Flyer zu verteilen, nun aber Platten entdeckt. „Wildstyle“ steht groß auf seinen Flyern, und ich entdecke neben dem Datum 3. Juni das vertraute Logo vom Sauna-Klub im Hallenbad Wolfsburg. Doch zum Sauna-Klub gehört er nicht: „Wir machen dort nur die Partys.“ Hip-Hop-Partys nämlich, „es gibt ja keine mehr“, meint Svante, „und da dachten wir, es besteht überregional Bedarf“, deshalb lege er die Flyer in Braunschweig aus. Svante ist Wolfsburger, der in Braunschweig studiert und ohnehin fast täglich hier ist. Er ist Mitglied im Wordclass Soundsystem, zusammen mit Der DJ und Der fette MC. Das Soundsystem ist wiederum Bestandteil der größeren Crew Wordclass. Bislang kannte ich in Wolfsburg nur die Arabia Mafia und die Crew um Nizza, die Wordclass-Crew ist mir noch nicht untergekommen. „Wir sind nicht so aktiv“, ist Svantes Erklärung. „Die Leute wohnen in Bayreuth, in Hamburg – wir versuchen, das nach unseren Möglichkeiten zu machen.“ Zum Beispiel ein Hip-Hop-Festival im Kulturzentrum Hallenbad im Herbst und die Wildsytle-Party einmal im Quartal. „Wir versuchen, das überregional zu etablieren, dass es eine Marke wird, wie es sie im Moment in dem Bereich nicht gibt“, sagt Svante. Die Arabia Mafia und Nizza kennt Svante natürlich auch, nicht nur das: „Nizza hat sein Album draußen, ‚Der Club der dopen Dichter’ – das ist das Professionellste, was es aus Wolfsburg gibt im Hip Hop“, schwärmt er. „Ich bin auf dem Hiddentrack mit drauf, mit einem Rap.“ Svante erzählt von dem Video zu dem Album, bei dem alle möglichen Hip-Hop-Künstler aus Wolfsburg mitmachen und bei dem jeder seine Passage selbst gestaltet hat. „Da sind alle einschlägigen Locations aus Wolfsburg drin“, berichtet er. Das Wordclass Soundsystem arbeite überdies selber an einer CD. Und er erzählt überraschenderweise von der Lokalpolitik in Wolfsburg, an der er selber Teil hat, als Mitglied der Piratenpartei. Wir unterhalten uns noch eine Weile über Politik in Wolfsburg, auch über den falschen Oberbürgermeister Rolf Schnellecke bei Facebook, auf den sowohl die Politik als auch die Medien seiner Meinung nach mit zu wenig Humor reagiert haben. Dann müssen wir beide los.

Inzwischen hat sich das Riptide einigermaßen geleert, Micha verteilt irgendwo in Braunschweig weiter Flyer und Plakate, Razes Bier ist längst alle, Serge bei sich nebenan, André weg. Jasmin und Kathi haben ihre raumgreifende Aktion beendet, bei der sie ellenlange schwarze Tücher zusammenlegten. Ohne Vinyl gehe ich nicht: Als ich in den Musikmagazinen über „Beileid“, das neue Mini-Album von Bohren & Der Club Of Gore, gelesen habe, dass sie nämlich nicht nur erstmals überhaupt einen Sänger darauf haben, sondern dass das auch noch Mike Patton ist, was allerdings nicht mehr so sehr verwundert, wenn man weiß, dass Patton die Bohren-Alben in den USA vertreibt, derselbe Grund also, weshalb Patton plötzlich bei den Young Gods singt, und dass Bohren außerdem im Vorfeld eine 12“ herausgebracht haben, an den von Dieter Bohlen produzierten Smokie-Sänger Chris Norman gemahnend „Mitleid Lady“ betitelt, und dass es diese auf 1000 Stück limitierte 12“ ausschließlich bei Konzerten zu kaufen gab, da habe ich sofort im Internet geguckt, ob die noch irgendwo zu bekommen war, und dann im Riptide angerufen. „Könnt ihr die bestellen?“, habe ich André gefragt. Sein „Nein“ war eines der schönsten Neins überhaupt: „Die haben wir hier stehen.“ Was mache ich mir überhaupt für Sorgen. Und dann scheint auch noch die Sonne so schön. Und die Schwalben kreischen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#38 Zurückblick in die Zukunft

10. Dezember 2010


Freitag, 10. Dezember

Seit Wochen haben wir herrlichstes Winterwetter, und das im Herbst. Heute ist es ungrau, wenn auch nicht so richtig klar, aber prima, um ein bisschen in der Stadt umherzulaufen. Wie zufällig führt mich mein Weg zu Raute. Uwe hat dort vielleicht noch die „Meddle“ von Pink Floyd für mich stehen. Mein Pech: Die letzte ist gerade rausgegangen. Macht nix, sowohl die LP als auch ich kommen immer wieder. Uwe und Chefin Katrin kündigen einen guten Termin dafür an: die Weihnachtsfeier, die sie am 17. und 18. Dezember im Laden veranstalten, mit selbstgemachtem Punsch nach Kathrins Geheimrezept, Sonderangeboten und kleinen Präsenten für Freunde und Stammkunden. Es klingt so, als würde Weihnachten gut in diesem Jahr.

À propos, ich möchte die Jahresabschlusszeit nutzen, mir von den Leuten ihre aufregendsten, erinnernswertesten, beeindruckendsten oder nachhaltigsten Geschichten aus den letzten zwölf Monaten erzählen zu lassen. Meine eigene ist folgende:

Matze

Im Sommer, als er kurz einer war, waren Schepper und ich eines Nachts auf Fototour in der Stadt unterwegs. Schepper mit seinem Bass, ich mit meiner Fotokamera. Wir hielten hier und fotografierten dort, etwa bei den Dinosauriern am Naturhistorischen Museum, auf dem Gaußberg oder vor den Schlossattrappen, wo wir Straßenbahnen an Schepper und seinem Bass vorbeirauschen ließen. Vorletzte Station – letzte sollte der Farbring sein, der im Rahmen des Lichtparcours’ an der Oker stand – war die Okercabana, genauer: die wunderbare Pornopalme. Mit Blitz und Langzeitbelichtung bannten wir Scheppers mit Bass in der Hand Umhergehen auf Film. Hernach überfiel uns Durst, also stellten wir uns an die Schlange der Okercabanagetränkeausgabe. Schepper traf dort im Halbdunkel eine Freundin, die erzählte, dass sie mit einer weiteren Freundin tiefer im Ganzdunkel säße. Wir schlossen uns ihr an, jeder ein alkoholfreies Hefeweizen in der Hand, ich den Apparat mit Stativ in der anderen und Schepper seine verpackten Instrumente auf dem Rücken. Die Freundin der Freundin rief uns aus dem Dunkeln entgegen: „Ach, Schepper, ich hab dich schon von weitem an deiner Silhouette erkannt!“ Der war überrascht: „Aber die hab ich doch heute gar nicht dabei?“

Uwe & Katrin

Uwe: „Wir haben einen Kunden, der ist Single-Sammler, der stand heulend bei uns im Laden. Am 2. Januar kurz nach 11 Uhr stand der tränenüberströmt im Laden, umarmte mich und sagte ‚ich liebe dich, ich liebe dich’. Katrin: „Du musst auch sagen, warum.“ Uwe: „Der hat eine Single von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich gesucht. 25 Jahre hat er versucht, die aufzuspüren. Da haben wir ihm kurz vor Silvester gesagt, dass wir sie ihm besorgen.“ Katrin: „Der ist jetzt 55. Das war am Samstag, 2. Januar, zur Wiedereröffnung.“ Uwe: „Das war die Single von ‚Zabadak’. Monatelang ging das so: ‚Haste ‚Zabadak’?’, ‚Haste ‚Zabadak’?’.“ Katrin: „Die haben wir ihm dann auf einer Börse gekauft.“ Uwe: „Dann kam er wieder: ‚Haste ‚Zabadak’?’, und ich sage: ‚Moment’. So fing das Jahr an. Die Single ist nicht so rar, aber der Mensch hat kein Internet. Er hat am 31. Dezember Geburtstag und hat schon angekündigt, er kommt wieder, und ich werde ihm wieder eine Single besorgen. Von Bloodwyn Pig, das Album mit dem Schweinekopf, dazu sucht er die Single.“

Die zweitbeste Geschichte war für sie die von dem älteren Paar, dem die beiden die Single vom „Lachenden Vagabund“ organisierten – auf Finnisch. Bei „Zabadak“ erstaunt es mich am meisten, dass es von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich ist. Die sind an sich schlimm, so etwas wie „Bend It“ kann man sich gar nicht anhören. Sirtaki von Engländern, die einen auf Karibik machen. Aber „Zabadak“ hat, wenn man mal die ganze Party-Stimmungs-Zuordnung und das Cover von der Saragossa Band wegdenkt, einen wehmütig-melancholischen Touch. Die Single würde ich mir auch noch kaufen. Vielleicht bei der Raute-Weihnachtsfeier?

Wenige Minuten später, in der Rip-Lounge treffe ich Micha. So muss das sein. Doch wie üblich ist Micha auf dem Sprung, dieses Mal aber wirklich. Deshalb fällt seine Geschichte auch nur kurz aus:

Micha

„Das Konzert von – ich weiß den Namen nicht, das war der Komponist, der beim Filmfest als Gast war – in der Wichman-Halle. Für mich gab’s da eine Geschichte, aber da müsste ich mehr Zeit haben. Das war ein bedeutsames, schönes, gutes Ereignis in diesem Jahr.“

Und weg ist er. Käme André nicht gerade mit einem Kaffee in die Rip-Lounge, säße Jasmin jetzt allein dort. Es ist zehn Minuten vor ihrem Arbeitsbeginn, deshalb will sie sich jetzt nicht die Zeit nehmen, über eine Geschichte nachzudenken, sondern weiterlesen – es ist gerade spannend. Also gehe ich mit André ins Café und höre mir dort seine Geschichte an, die keine richtige Geschichte ist.

André

„Allgemein, die ganze positive Resonanz. Das ist vielleicht kein Highlight, aber was ich nett finde, im neuen Intro, Linus Volkmann, der Chefredakteur, geht in Plattenläden und macht da ein Praktikum und macht eine Rubrik daraus, dass Platenläden es schwer haben, da hat er drei Beispiele genannt, wie es gehen kann, ein Plattenladen in Köln, einer in Hamburg – und das Riptide. Die Fußball-WM war sympathisch, das Wetter passte. Es ist schön, dass es allgemein so gut läuft, dass auch Sound On Screen so gut angenommen wird.“

Jasmin bindet sich neben André die Schürze um. Die spannende Stelle in ihrem Buch hat sie nicht zuende lesen können, da kam ihr der Dienstantritt dazwischen. Eine Geschichte will ihr nicht ad hoc einfallen. „Mein Jahr war langweilig“, behauptet sie, und ich glaube es ihr nicht, schließlich steht sie im Riptide hinter der Theke, das kann doch gar nicht langweilig sein. „Stimmt“, sagt sie, „ich hab hier angefangen, das war auf jeden Fall super.“ Echt, erst dieses Jahr? Kommt mir so vor, als sei Jasmin schon ewig dabei. „Im März, April so“, widerspricht sie aber. So richtig als gültige Geschichte wertet sie das jetzt aber nicht.

Mit beschlagener Brille blättert Stefan im Vinyl herum.

Stefan

„Ich habe eine krasse Geschichte erlebt. Wo ich angefangen habe im Betrieb – der Kollege, unter dem ich angefangen habe, hat den Job ein Jahr lang alleine gemacht, ich habe da ein Praktikum gemacht – da hat sich herausgestellt, dass der Geld unterschlagen hat. Der ist jetzt auf der Flucht, hat sich ins Ausland abgesetzt. Ich bin jetzt Auszubildender in dem Laden. Ich bin noch da, aber der Kollege ist weg. Das war krass.“

In der Tat, krass. Doch Stefan blickt nicht so weit zurück, wie er vorausschaut. „Fürs nächste Jahr plane ich eine Partyreihe in der Skateboardhalle“, verrät er. „Ich will Dubstep, Electronics, Drum & Bass und vielleicht eine Band an einem Abend präsentieren.“ Als Reihe? „Ja, das ist zwar noch in der Mache, aber ein festes Vorhaben.“ In der Walhalla ist er seit Anfang an engagiert. „Gleich das erste Konzert war das Beste, Obrint Pas aus Spanien, da hat die Kassenschlange bis in die andere Disco gereicht.“ Das muss dann ja das Cube gewesen sein? „Nein, noch davor, Toxic oder so.“ Er kichert bei der Erinnerung an die ganzen Punks, die in dem Laden gestanden haben. Und von den Rockern erzählt er, die die Security stellten. Ein Betrunkener schnappte sich das Mikro und sang. „Die Rocker haben sich das zwei, drei Minuten angeguckt und ihn dann freundlich von der Bühne geholt“, erzählt Stefan. Wahrscheinlich haben sie gewartet, ob vielleicht wie bei Black Flag ein zweiter Henry Rollins dabei herauskommt. „Nee, bei dem nicht“, lacht Stefan und wendet sich wieder den Schallplatten zu.

An einem der Tische sitzt Lars. Er ist mit einigem technischen Gerät beschäftigt.

Lars

„Viele Leute aus der Rockmusik sind gestorben dieses Jahr. Dio, Peter Steele, der Sänger von Gotthard, ich habe seinen Namen vergessen. Dio ist gestorben, eine Woche später haben Gotthard ein Dio-Tribute-Album herausgebracht. Das war schon länger geplant. Einen Monat später ist der Sänger auch gestorben, bei einem Motorradunfall in den USA. Er wollte sich einen Lebenstraum erfüllen und ist unter einer Brücke überfahren worden. Das fällt mir leider als erstes ein.“

Doch aus Lars blickt positiv in die Zukunft: „System Of A Down sind wieder zusammen, und ich sehe sie bei Rock im Park.“ Auch der Gitarrist sei wieder dabei, obwohl der jetzt bei Scars On Broadway Gitarre spielt. „Der hatte früher eine Glatze, jetzt hat er lange Haare und kifft die ganze Zeit“, grinst Lars und legt sein technisches Gerät zurück in die Pappverpackung. Die Musik von Scars On Broadway gefalle ihm, sagt er.

Am Nachbartisch sitzen Milena und Kathlen, unterhalten sich und warten auf die Crêpes, die sie bei Jasmin bestellt haben.

Milena

„Ich habe dieses Jahr von der Uni, der HBK, aus bei ‚Campus On Air’ mitgemacht, bei Radio Okerwelle. Da hat man eine Stunde zur Verfügung. Ich habe einen Beitrag übers Riptide gemacht – mein erster Radiobericht. Der wird am 15. Dezember ab 20 Uhr gesendet, da sind wir dann im Studio. Der ist nur vier Minuten lang, aber das war wirklich etwas Besonderes, entwicklungsmäßig ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe viele Leute interviewt, mit Chris geredet. Ich bin gerade erst nach Braunschweig gezogen, habe angefangen zu studieren. Für den Radiobeitrag sollten wir etwas Besonderes nehmen, das nicht unbedingt mit Braunschweig zu tun haben musste. Leute, die uns begeistern. Ich habe überlegt: Was hat Braunschweig für Besonderheiten? Da ist mir spontan das Riptide eingefallen. Das wünsche ich mir, dass sich in der Kulturlandschaft in Braunschweig etwas tut – das war meine Intention. Es war toll, wie das im Riptide aufgenommen wurde, die Leute waren offen und kooperativ. Ich habe die Atmosphäre beschrieben, die finde ich einzigartig. Chris hat erzählt, wie er dazu gekommen ist. Gerade das Vegetarische fand ich hier super von Anfang an.“

Jasmin bringt die Crêpes, Milena und Kathlen sortieren sich die Bestellung zu und probieren beieinander. Milena kommt aus Gießen, Kathlen ist gerade aus Hanau nach Hildesheim gezogen. Sie ist bei Milena zu Besuch und zum ersten Mal in Braunschweig. „Ich liebe so Wohnzimmerkneipen“, sagt sie. Die beiden Hessinnen lassen sich darüber aus, dass sie immer als Süddeutsche wegsortiert werden. „Hanau liegt genau in der Mitte“, mein Kathlen. Und sie stellt fest, dass sie für Hildesheimer Ansprüche viel falsch sagt: „Wir sagen ‚wem ist das’ statt ‚wem gehört das’ oder ‚wessen ist das’“, sagt sie.

Kathlen

„Ich war auf dem Berlin-Festival im September. Der Hauptact wurde kurz vor dem Auftritt abgesagt. Ich war sehr enttäuscht, ich hatte mich so darauf gefreut. Fatboy Slim sollte es sein. Nachts um halb vier haben sie es abgesagt und gesagt, wir sollen nach Hause gehen. Wir konnten das nicht glauben, wir haben das zuerst für einen Scherz gehalten und gewartet. Wir sind dann über einen Sicherheitszaun gestiegen. Die hatten viel zu viele Karten verkauft, die Anlage war viel zu klein. Wir waren bis halb sechs da, weil’s einfach nicht wahr sein konnte. Das war nicht mal der letzte Tag, wir haben nur drei Konzerte gesehen – viel Geld rausgeworfen für nichts. Es gab ein Nachholkonzert mit Fatboy Slim und noch zwei Bands, aber da hatte ich keine Zeit.“

Meine Mutmaßung, dass sich die beiden Studentinnen aus ihrer Heimat kennen, widerlegen sie mit einer völlig unerwarteten Geschichte: „Wir haben beide letztes Jahr ein Praktikum in einer Jugendherberge in Kanada gemacht“, erzählt Milena. Das Grinsen der beiden könnte kaum breiter sein. Gießen und Hanau liegen nur etwa eine Stunde auseinander, aber von dort kennen sie sich nicht. „Wir sehen uns heute nach Kanada zum zweiten Mal“, setzt Kathlen auch noch drauf.

Zwei Tische weiter unterhalten sich Jana und Mieke. Auch sie sind Studentinnen, doch nur Jana wohnt auch in Braunschweig. Mieke ist bei ihr zu Besuch.

Jana

„Ich war im Ausland ein halbes Jahr, von Mai bis September, in Schweden, in Lund. Ich habe dort meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich spreche kein Schwedisch, das braucht man dort auch nicht, man kommt mit Englisch ganz gut zurecht. Es ist schwer, ohne Vorkenntnisse die Sprache durch Hören aufzunehmen. Schweden war Zufall – ich wollte ins Ausland, wo es passt und ich einen Platz kriege.“

Mieke

„Ich hatte einen Superscheißsommer. Es war heiß, ich habe meine Zeit damit verbracht, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Ich habe in überhitzten Räumen gesessen und leichte Sommerkleidung getragen. Wir waren 50 Leute im Raum, es lief nur so, es war richtig heiß. Ich musste das so machen, weil mein Computer gerade kaputt war. Ich musste mich in volle Räume quälen. Es war eine Katastrophe – aber auch schön. Die Bücherei hatte 24 Stunden auf. Das war super. Wenn wir nachts um zwei fertig waren, sind wir noch etwas trinken gegangen. Das war eine nette Zeit.“

Ihr Besuch bei Jana ist Miekes zweiter Aufenthalt in Braunschweig. Beide kommen aus Bremen. Jana will auch wieder in eine große Stadt ziehen, wenn sie mit dem Studium fertig ist. „Braunschweig ist mir zu klein – mir ist sogar Bremen zu klein, obwohl es doppelt so groß ist.“ Das kann ich verstehen. Wenn ich mal aus Hamburg zurück nach Braunschweig fahre, denke ich auch manchmal: Mann, ist das alles klein hier. Aber dafür weiß ich, welche Möglichkeiten ich hier in der Stadt habe. „Zum Studieren ist Braunschweig auch gut, aber danach möchte ich weg“, sagt Jana.

Julius und Yngwie spielen am Nachbartisch Schach. Yngwie nennt Julius Jules, englisch gesprochen, wie in „Pulp Fiction“.

Julius

„Ich war auf Interrail-Tour quer durch Europa, mit dem Zug und mit zwei Kumpels, drei Wochen lang – das war das beste Erlebnis, das ich dieses Jahr hatte. Wir waren in Spanien, in England. Wir haben relativ lustige Sachen erlebt – unterm Eifelturm geschlafen, weil wir keine Unterkunft gefunden hatten. Wir haben viele Kulturen kennen gelernt unterm Eiffelturm. Und einen besoffenen Eiffelturmverkäufer.“

„Du bist dran“, sagt Yngwie zu Julius. Ich frage Yngwie, ob es sein kann, dass ich den Musikgeschmack seines Vaters kenne. „Da liegst du richtig“, lacht Yngwie. Julius erzählt, dass die beiden oft im Riptide sind. „Im Winter waren wir eine Woche lang jeden Tag hier, weil es so kalt war.“

Yngwie

„Für mich war das wichtigste Ereignis dieses Jahr das Hurricane – nicht wegen der Bands, sondern wegen des Konsums. Bandtechnisch hat es sich nicht so gelohnt, war aber lustig.“

„Ich stimme zu“, sagt Julius und bewegt eine Schachfigur. So recht erklären mag Yngwie seine Ausführungen nicht, ergänzt aber: „Mein persönliches Highlight war, dass ich weitermachen darf in der Schule.“ Auch das lässt er für sich stehen, grinst nur und wendet sich wieder dem Schachspiel zu. „Du bist“, sagt Julius.

Und dann sehe ich Bend in den CDs blättern. Ein Kreis schließt sich. Ich habe Bends Gesicht ungefähr zehn Jahre lang nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Er kennt mich nicht, ich war nur Kunde – und er Verkäufer bei Ran7. Das war für mich der Plattenladen schlechthin, in Braunschweig sowieso und auch allgemein. Was hab ich da nicht alles gefunden: „Cop Killer“ von Body Count auf Vinyl in der Erstauflage, „Dirty“ von Sonic Youth in der Erstauflage mit dem später nicht mehr verwendeten Foto unter der CD. Und Aberdutzende CDs und LPs mehr. Für mich als Jugendlichem war es auch immer lehrreich, bei Ran7 einkaufen und stöbern zu gehen – die Leute hinterm Tresen hatten, wie es sich für einen Plattenladen gehört, Ahnung und waren auskunftsfreudig. Zwischen dem Ende von Ran7 und dem Anfang von Riptide und Raute herrschte in Braunschweig die pure Schallplattenladenödnis. Gleichzeitig schloss damals auch das FBZ und läutete die inzwischen gottlob weitgehend vergangene allgemeine kulturelle Ödnis ein. Mit Riptide und Ran7 sowie Nexus, Zum Schweinebärmann Bar, KaufBar, Silberquelle und Silver Club kehrte vor einiger Zeit gottlob endlich die Kultur wieder in die Stadt zurück. Und jetzt steht Bend im Riptide. „Wo auch sonst“, sagt er. Erschütternderweise hat Bend von sich selbst nicht so viele positive Geschichten zu erzählen. Aber dafür – zum großen Teil auch daraus resultierend – jede Menge zu diskutieren. Wir verlaufen uns in aktueller Politik, Kultur und Gesellschaft. Bend ist ausgesprochen kritisch. Und doch nicht ohne realistische Hoffnungen. „Wenn ich im Lotto gewinne“, sagt er, „dann mache ich wieder einen Laden auf – natürlich klappt das nicht.“ Mit so einem Gewinn wäre er nicht vom Gewinn abhängig und damit freier in der Gestaltung. Als Mitarbeiter bei Ran7 war er seinerzeit als Kunde gelandet, erzählt Bend. „Der Chef hat mich gefragt, ob ich das machen will.“ Also hat er das gemacht. In seinem damaligen Job war er nicht so zufrieden, er jobbte in einem Architekturbüro und als Inline-Trainer. „Ich habe mein Geld mit Eishockey verdient“, grinst Bend. „Das waren die besten Zeiten.“ Nach dem Ende von Ran7 war er kurz bei Schaulandt und danach einige Zeit in Hannover bei 25 Music im Lager. Auch als Testfahrer hat er schon gearbeitet. „Man hangelt sich so durch“, sagt Bend schulterzuckend. Und anstatt auf 2010 zurückzublicken, richtet er seinen Blick nach vorne.

Bend

„2010 ist der Zeitpunkt, wo ich mir Gedanken mache, Initiative zu ergreifen. Leute zusammentrommeln, die sich Gedanken machen – soll das so weitergehen, kann man etwas unternehmen, was für Möglichkeiten hat man?“

Ich habe Bend getroffen. Ran7 im Riptide, ein Kreis schließt sich. Ich hätte nie damit gerechnet, auch nur irgendwen aus dem Laden jemals wiederzusehen, und bin gleichzeitig erschüttert, dass nicht alle so auf die Füße gefallen sind, wie ich es ihnen wünsche. Was aus seinen Ex-Kollegen geworden ist, weiß auch Bend nicht. „Eine Kollegin muss bei mir in der Nähe wohnen, die habe ich mal gesehen, als ich Wahlhelfer war“, sagt er. Und verabschiedet sich, er wollte nur kurz gucken und längst wieder weg sein. Ich habe Bend von Ran7 getroffen. Im Riptide. Da hat sich das Jahr 2010 einen Höhepunkt bis kurz vor Schluss aufgespart. Mit Wermutstropfen.

Chris kommt, schwer bepackt und bewollmützt. Eigentlich will ich gehen und Chris hat auch keine Zeit, weil er noch etwas holen muss. Eine Geschichte fällt ihm spontan nicht ein, sein Jahr sei langweilig gewesen, behauptet er. Das haben alle behauptet, bevor sie mir dann doch eine Geschichte erzählt haben. Außer Jasmin, wo steckt sie überhaupt? Vielleicht wird ja der Auftritt von Dirk Berneman heute Abend Chris’ beste Geschichte des Jahres. Ich nehme meine Mütze aus der Tasche und Abschied. Draußen begegne ich der besenschwingenden Jasmin, die sogleich strahlend ihre eigene Behauptung widerlegt, nichts Tolles erlebt zu haben.

Jasmin

„Meine Geschichte – worauf ich am stolzesten bin: Eine vierstöckige Hochzeitstorte, die ich zum ersten Mal im Leben gebacken habe. Ich habe Wochen nicht geschlafen, Tage damit verbracht, war mehlübersudelt. Die Torte war rosa mit ganz vielen Blumen drauf. Und das war die schönste Hochzeit, auf der ich je war.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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