Donnerstag, 29. Januar 2026
Im Juni 2017 legten Uwe und ich erstmals im Riptide auf. Damals war ich eingesprungen, weil sich Uwes Co-DJ Markus aus dem Auflegerdasein zurückgezogen hatte, deshalb firmierte „Unsere kleine Show“, wie Uwe es nannte, noch unter deren beider Projektname Fanclub Soundsystem, obwohl wir längst beide bei Rille Elf aktiv waren. Unter diesem Namen nahmen wir das Festplattenunterhalten im Riptide wieder auf – gestern, zum zweiten Mal also, so langen Atem haben nur Leute, die keine 50 mehr sind und an den Fortbestand des Guten glauben.
Am Kopfende der Schallplattenfächer hatte uns Chris einen Tisch errichtet, auf dem wir Mischpult, Verstärker und unsere Laptops installierten. „Caféhausmusik“ war unser Motto dieses Mal, weil wir explizit nicht zum Tanzen auflegen wollten, sondern „zur Untermalung eurer Unterhaltung“, wie wir es ankündigten. Deshalb starteten wir bereits am späteren Nachmittag und spielten unsere Songauswahl angemessen leise für die Gespräche an den Tischen.
Jener Markus, dem ich das erste Engagement vor achteinhalb Jahren zu verdanken hatte, war wie damals auch gestern als Gast dabei und setzte sich an das Pult, das auf der Rückseite zu den LP-Fächern angebracht ist, mit dem Rücken zu den Fenstern also, aber mit uns im Blick. Als unser zweiter direkt unseretwegen eintreffender Gast trat Olli ins Riptide, die Brille so sehr beschlagen, dass ich ihn kaum erkennen konnte, und setzte sich neben Markus.
Ist aber auch was Winter da draußen, das kennt man gar nicht mehr: Das Jahr 2026 begann in einer Manier, die die Bevölkerung ins Chaos stürzte. Die Panikmache vor dem Schneeeinfall versetzte Teile der Menschheit in zwei Zustände: ängstliches Verharren und überhebliche Selbstüberschätzung, die stillen Besonnenen in der Mitte waren diesem Strudel des Unangemessenen schutzlos ausgeliefert. Wer konnte, flüchtete sich in ausgedehnte Winterspaziergänge, solche waren ja nun ebenfalls lang nicht mehr möglich gewesen. Wie schön die Welt sein kann, wenn der ganze Mist einfach weiß zugedeckt ist. Und leise! Und wie schön blau das Licht wird, sobald es sich mit dem Schatten des Schnees vermengt. Dem Verkehrschaos kann man sich innerstädtisch auch noch dadurch entziehen, indem man auf die Öffis umsteigt. Jeder Fußweg ist auch während dieses gegenwärtigen zweiten Wintereinbruchs in Folge eine Herausforderung, denn Gehwege sind mit Eisbrocken bestückt und manche Nebenstraßen wahre Spiegelpisten. Uwe schleppte seinen Laptop und unser Mischpult gestern allen Ernstes mit dem Fahrrad ins Magniviertel, ich hatte mein Läppi zu Fuß über die Schulter geschwungen, beides nicht der größtmögliche Spaß, aber das auch optisch warme Riptide entschädigte uns aus dem Stand.
Erst, als Sylvia von ihrem Tisch aufstand, an dem sie mit dem Rücken zu mir saß, nahm ich sie wahr, obwohl zwischen uns nur fünf Meter Raum gelegen hatten. Das war beim zurückliegenden Filmfest der einzige Makel: Sylvia hatte ich nicht getroffen, was ansonsten immer der Fall war. Wenigstens jetzt! Sie als Fan von Deine Lakaien erzählte mir zudem, dass deren Sänger „Veljanov kommt“, und zwar „am letzten Tag des Filmfests“, also am Sonntag, 15. November, und dann auch noch ins wunderbare Kufa-Haus. Hab ich schon wieder gar nix von mitbekommen. Seinen Auftritt im vergangenen Jahr in Hannover hatte Veljanov abgesagt, erzählte Sylvia, wegen des geringen Zuspruchs, und hoffte nun, dass dies in Braunschweig anders sei. Ihr zuliebe schob ich „Where You Are“ von Deine Lakaien ins Set, allerdings geremixt von VNV Nation, aber die Version ist noch entspannt genug für Caféhausmusik.
Die Stimme von Veljanov weckt bei Markus Erinnerungen, denn als er vor 35 Jahren mit The Cain Principle aus Versehen Teil der bundesdeutschen Gothic-Subkultur gewesen war, hatte diese Band nach einem Auftritt in Süddeutschland auch das Interesse der Lakaien Alexander Veljanov und Ernst Horn geweckt. Von dieser Musikrichtung hatte sich Markus indes vor Jahrzehnten bereits abgewandt – mit seinem aktuellen komplett anders ausgerichteten Projekt The Secret Life Of Arabia steht für dieses Jahr eine neue Veröffentlichung an, erwähnte er. Als ich später „You Gave Me A Name“ von The Young Gods auflegte, strahlte Markus, wie großartig er es gefunden hatte, dass 3Sat im vergangenen Jahr „Play Terry Riley In C“ von The Young Gods ausgestrahlt hatte, und das auch noch an einem Samstagabend um viertel nach acht. „Ich kenne die Band von Uwe“, sagte Markus und deutete auf ihn, und der kannte sie aus dem Gandorf, was Markus Olli und mir erklären musste: Ein Lokal, das Industrial und veganes Essen kombiniert hatte, „in den Achtzigern“, wie Markus nachdrücklich betonte, und man kann davon ausgehen, dass diese Kombi heute wieder undenkbar sei, warf ich ein. „Aber die hatten nicht nur Industrial“, winkte Markus ab, „auch Front 242 und so, und alles in Schwarz und so.“
Das sollte man US-Amerikanern mal erklären, dass Bands wie Front 242 eben kein Industrial sind, die kleben das Etikett ja auf fast alles, was aus Richtung EBM oder Post Punk kommt. Das, was The Young Gods in den Achtzigern erfanden, nämlich die Kombination von Gitarren und Electro auf eine harte Art, übernahmen in den USA später solche Bands wie Ministry und Nine Inch Nails, und da verfiel man darauf, diese als Industrial zu bezeichnen, völlig ausblendend, dass dieser Begriff in Europa auf ganz andere Musik angewandt wurde, ausgehend von Throbbing Gristle, den Einstürzenden Neubauten, Clock DVA und Cabaret Voltaire waren das vielmehr solche wie The Klinik, Esplendor Geométrico oder SPK, also alles eher Musik ohne Gitarren, ohne solche mit Metal-Sound zumal.
Während Chris eine Schale mit Suppe und Brot an einen der Tische brachte, quetschte sich Michael zwischen Olli und Markus. Gleichzeitig mit ihm trat Ulli ins Riptide, die sich indes um unser Pult herumbewegte, uns begrüßte, genau zwischen zwei aufgelegten Songs den Eindruck bekam, dass gar keine Musik lief, und anmerkte, dass sie davon ausgegangen war, sich heute von Musik animieren zu lassen. Nicht zum Tanzen indes, wandte ich ein, vielleicht aber zum Konsum, und so begann Ulli, hinter uns in den Platten zu stöbern. Und wurde fündig: Sie zeigte mir die LP „Wild Heart“ von den Bad Dooleys, einer Braunschweiger Psychobilly-Band, die es bereits seit 1985 gibt und mit der Ulli persönlich verbunden ist. Da wurde mir mal wieder bewusst, wie sehr man gar nicht alles kennen kann, auch wenn man offenen Auges durchs Leben flitzt.
Ein Kläffen unterbracht unsere Caféhausmusik: Nachbardackel Rudi nutzte die von Gästen nur kurz geöffnete Tür, um sein tägliches Leckerli einzufordern. Josie erbarmte sich und snackte diesen treuen kleinen Rabauken zurück auf den Magnikirchplatz. Rudi ging, Kathrin kam und setzte sich als viertes an die Seite von Uwe und mir. Da Uwe näher an der Stuhlreihe stand als ich, bekam ich von den Gesprächen nicht so viel mit. Ich hörte nur, wie Uwe die vier lauthals fragte: „Habt ihr eigentlich schon einen Weihnachtsbaum?“
Kathrin war dann auch die erste, die sich bei uns Musik wünschte. Sie freute sich, als das charakteristische Grillenzirpen von Wham!s „Club Tropicana“ einsetzte, und kaum weniger, als ich ungewünscht mit „Steppin‘ Out“ von Joe Jackson anschloss. Zur verständlicheren Kommunikation umrundete Markus bald das DJ-Pult. Eben hatte ich noch „Less Cities, More Moving People“ von The Fixx aufgelegt, von dem Chris erfreut feststellte, dass es anfangs zum Programm seiner Partyreihe Pleasure Park gehört hatte, dann legte ich „In The Dutch Mountains“ von The Nits nach, das ich damals aus dem Musikfernsehen – also wahlweise „Formel 1“ oder „Ronnys Pop Show“ – und dem Radio kannte und deshalb annahm, dass man die ganze Band ohne diesen Hit außerhalb der Niederlande nie kennengelernt hätte. Markus widersprach und erzählte, dass ihm The Nits aus dem Punk-Umfeld schon vorher bekannt gewesen waren, und berichtete vom „Extra“, einer Punk-Abteilung, die das Afghan Warehouse eingerichtet hatte und die auch Uwe noch kannte. Dort hatte Markus Punkplatten gekauft, darunter The Nits. Markus wusste, dass das ganze Album „In The Dutch Mountains“ von den Amsterdamern live im Studio aufgenommen worden war.
Während Uwe uns mit einigen Post-Punk- und New-Wave-Klassikern erfreute, quatschten Dominik und ich über das Kino der Achtziger und über „Stranger Things“. Das Finale jener Serie kannte Dominik noch nicht, deshalb schwieg ich auch, verwies aber darauf, dass ich daran Freude hatte und dass ich dieser Serie wegen zu Beginn des Abends „Running Up That Hill (A Deal With God)“ von Kate Bush ins Programm geschoben hatte. Tiffany hätte ich ebenfalls dabei gehabt, allerdings – nun: nicht ihre auch in der Serie eingesetzte Version des Tommy-James-And-The-Shondells-Klassikers „I Think We’re Alone Now“, sondern als Gesangsgästin von Front Line Assembly für deren Cover von U2s „New Year’s Day“. Kuriose Kollaboration, klar. Könnte ich noch einige bieten: New Model Army und Tom Jones covern „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones, Ofra Haza und Die Krupps covern „Open Your Heart“ von Madonna. Behalte ich mir mal für die nächste Caféhausmusik im Riptide vor, denn diese nahm nun so chillig, wie sie verlief, auch ihren Abschluss. Für Uwe und mich war dies eine Riesenfreude, im neuen Riptide aufgelegt haben zu dürfen!
Und weil’s im Riptide so schön ist, kommen wir gleich am nächsten Tag wieder, also heute. Vergangene Woche konnte ich nicht im MokkaBär-Stammtisch teilnehmen, weil die Redaktion des Kurt-Magazins aus Gifhorn in Gifhorn ihre Weihnachtsfeier nachholte. Irgendwann vor Corona hatte ich die bisher einzige Gelegenheit, mit jener Runde Weihnachten zu feiern, da war ich sehr erfreut, dass dies nun abermals geschah. Weihnachtsfeiern im Januar haben einige Vorteile: Der Magen ist bereits vorgedehnt, aber nicht mehr so stark ausgefüllt wie in der Vorweihnachtszeit. Man bekommt wieder konkurrenzlos Tische für größere Runden in der Gastronomie. Man hat den Adventsstress bereits hinter sich, der Druck ist raus. Man wird nicht mehr mit „Last Christmas“ von Wham! beschallt. Man hat wieder alltäglichere Gesprächsthemen – so erinnerten wir uns daran, wie wir vor sechs Jahren mit einigen aus dieser Runde, darunter Kurt-Chef Bastian Till und Grafikbearbeiter Arni, vollkommen unerwartet beim Riptide-Quiz gewannen. Damals war Harald auch Mitglied der Quizgruppe mit dem tollkühnen Namen „Denksportgruppe Nowak“, den ich später als Teil des Duos Artano Soiree fürs Kurt interviewte – und der im vergangenen Jahr dem Arschloch Krebs unterlag, nur kurz nach Hardy.
Hardy begleitet jetzt auch Olli und mich, als wir auf dem Weg in Magniviertel einen Umweg machen: Olli muss an den Löwenwall und möchte den Löwenstieg erklimmen, der vom Klint aus einige Stufen hinauf zum Obelisken führt. Der Klint war die Armenstraße in Braunschweig, erfuhr ich jüngst, als mir die unglaubliche Ehre zuteilwurde, dass ich Hardys letztes, bedauerlicherweise noch unveröffentlichtes Manuskript lesen durfte, von dem er mir noch erzählt hatte. Es behandelt zwei Braunschweiger Auswandererpaare, die 1904 in New York ein neues Leben suchen. Eines dieser Paare entflieht nämlich der Armut des Klint. Wie immer bei Hardy erstaunt es, bei der Lektüre mit ihm durch ein Braunschweig zu schlendern, das er selbst gar nicht gekannt haben konnte und es doch so lebendig vor den inneren Augen entstehen lässt, als wäre man live dabei. Mit New York schafft er das überdies ebenfalls. Das Buch muss kommen!
Jedenfalls staunen Olli und ich über die merkwürdige Architekturdurcheinanderwürfelung hier im Rücken des Magniviertels, zwischen Auguststraße-Bauwürfeln, unendlich vielen Garagen und den Villen des Löwenwalls. So oft ich nun, seit das Riptide Anwohner des Magniviertels ist, jenes durchstreife, um neue Nachbarn kennen zu lernen, hier war ich vermutlich noch nicht. Während Olli nach gemeinsamem Umrunden des Städtischen Museums und an den winterlichen Marktbuden vorbei geradeaus ins Riptide spaziert, biege ich nochmal in die Ritterstraße ein, weiter in den Klint, wo wir eben bereits waren, über die kurze Jodutenstraße in die Kuhstraße und wieder auf die Ritterstraße. Dort, an der Ecke direkt, öffne ich in der Ritterstraße 2 die Tür zu Siepker Immobilien. Besser, ich rüttele daran, die ist verschlossen und muss von innen geöffnet werden. Das übernimmt Chris, Sohn des Inhabers Wolfgang Siepker, und begleitet mich zum Empfangsbereich, der dem Gebäudegrundriss folgend aufregend gekrümmt ist, mit Sofa und Tisch ausgestattet, mit Kunst und einem Empfangstresen sowie mit einem Kronleuchter, an dessen unterster Kristallkugel ich meiner Unachtsamkeit wegen mit dem Kopf hängenbleibe, bevor ich mich aufs Sofa senke und Chris mir gegenüber auf einen Sessel.
Von unseren Plätzen aus haben wir durch die Fenster einen schönen Blick auf die Umgebung, und Chris beginnt sofort zu schwärmen: „Das Magniviertel ist schön aufgebaut, auch mit den Häusern.“ Und sei zudem ein ausgezeichneter Standort für das Unternehmen: „Wir haben viel Kundenfrequenz, viele Leute laufen hier vorbei“, freut er sich. Seit 15 Jahren ist die Immobilienfirma hier ansässig, existiert aber bereits seit 35 Jahren, „ein Familienunternehmen“, wie Chris betont. Zuvor war es in der Nähe des Cinemaxx in der langen Straße untergebracht, als wesentlich kleineres Büro, „wir wollten uns vergrößern und mehr Aufmerksamkeit“, und beides erfüllte sich im Magniviertel.
Worum es bei der Firma geht, verrät Chris mir auch: „Wir machen viel Verkauf und Vermietung, auch im Magniviertel.“ Nach Finanzberatung erkundige ich mich, doch das gehört nicht zum Portfolio: „Dafür haben wir einen Ansprechpartner, der sich kümmert“, und bei Bedarf stellen sie den Kontakt zwischen ihm und dem Kunden her. Dafür bietet Siepker andere Services an: „Wir beschaffen Objektunterlagen bei Amtsgerichten“, erklärt er und zählt so ziemlich jede Kommune im weiteren Umkreis auf, mit der sie zu diesem Behufe im Kontakt stehen.
Käme ich jetzt als Kunde zu Siepker, wäre die erste Frage, ob ich kaufen oder mieten wollte, sagt Chris. „Wir tragen den Kunden dann ins System ein, er bekommt Angebote monatlich zugeschickt“, und zwar solche, die die Parameter erfüllen, die der Kunde zuvor festlegte. Grundsätzlich liege bei Siepker der Schwerpunkt auf dem Verkauf, Chris zeigt mir das Foto eines Gebäudes hier im Magniviertel, in dem er zuletzt Wohnung vermittelte. Die Lage sei „sehr beliebt“, so Chris. Allein, im Riptide war er noch nie, aber vielleicht bietet sich ja dereinst eine Kaffeepause dort an. „Wir kommen vorbei“, versichert Chris. Wir verabschieden uns, er hat bald Feierabend und ich stapfe als nächstes ins Riptide.
Dort begrüßt mich als erstes Inhaber Chris, und wir stellen fest, dass es uns vorkommt, als hätten wir uns erst gestern gesehen. An unserem üblichen Platz sitzt bisher nach wie vor lediglich Olli, aber nun ja nicht mehr allein. Das bleiben wir auch nicht: Stefan setzt sich zu uns, dann Ulle und Sabine, zuletzt Uwe. Nicht nur unsere Runde ist groß, das gesamte Café ist bestens ausgefüllt. Wir geben bei Chris unsere Bestellungen auf, Getränke wie Speisen, und nach und nach reicht er uns diese an den Tisch. Sabine hat eine Schüssel Wedges vor sich und erbittet bei Chris eine Gabel. Der reicht ihr ein Behältnis mit vielen Gabeln, Sabine nimmt sich die nächstbeste heraus, und Chris lobt: „Das war die schönste.“ Ulle frotzelt: „Deshalb nennt man es Fingerfood“, doch Sabine verweist darauf, dass einige der Wedges sehr klein sind und ihr leicht durch die Finger flutschen könnten. Ulle, selbst mit seinem Caprese beschäftigt, fragt, ob der das mal testen dürfte, Sabine nickt, Ulle greift zu – und fischt ausgerechnet ein um die zehn Zentimeter langes Kartoffelstück aus der Schüssel heraus. „Was redest denn du!“, sagt er und erntet Gelächter am Tisch. „Den hattest du doch im Auge“, tadelt Olli. Ulle immerhin bestätigt das Erfordernis von Messer und Gabel, so groß, wie das Stück sei, könne man es unmöglich ohne Besteck zerteilen.
Ein sehr stiller Dackel schlendert an und sofort sogar unter unseren Tisch. Rudi, mutmaßen wir zunächst, doch weicht das Verhalten dieses Hundes von Rudis ab, schließlich kläfft er nicht und fordert keine Leckerlis ein. Dieser Hund lässt sich bereitwillig von uns streicheln und leckt sogar unsere Hände. Das kann nicht Rudi sein. Als dann aber seine Besitzerin Gabriele erscheint, ist klar, dass er es doch ist – und sie erklärt, warum ihn heute niemand wieder nach draußen füttert: Weil sie sich nämlich mit Freundinnen im Riptide trifft und er somit bei ihr hier bleiben soll. Gabriele kam erst vor wenigen Jahren an Rudi, und das wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich war sie Katzenbesitzerin, doch jemand bat sie, sich Rudis anzunehmen, da sein damaliges Herrchen einer fortschreitenden Demenz zufolge den Betreuungsaufwand nicht mehr bewältigt bekam. „Das ist auch für mich gut“, sagt Gabriele, die sich von dem kleinen schwarzen Gesellen motiviert fühlt, denn „ich muss jetzt jeden Tag mit dem Hund raus.“ Neun Jahre alt wird Rudi im Sommer, bemerkt sie noch, während ich den unerwartet zutraulichen Nicht-Kläffer kuschele.
Aber auch für mich endet dieser Aufenthalt nun. Olli und ich erweisen Hardy noch mit Turmgeistern die Freundschaft, ich nehme „Old Joy“ von Yo La Tengo mit, auf transparentem rosa Vinyl, die Bestellung, von der Chris mich informierte, dass sie vergangene Woche eingetroffen sei, dann verabschieden wir uns und schnüren durch den Schnee zurück ins Westliche. Das Licht ist so schön blau, die Flocken rieseln vor den Lampen zu Boden, es knirscht unter unseren Füßen, bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit! Irgendeinen Baum werden wir schon finden.
