Dienstag, 29. Juli 2025
Bei dem April-Regenguss heute früh war nicht zu erhoffen, dass „Hola Utopia!“ heute im Trockenen seinen Fortlauf nimmt, mit Sonne sogar. Gut für das Street-Art-Festival, dass der Sommer doch nochmal gnädig ist. Da bin ich ganz uneigennützig, auch wenn ich mich darüber freue, heute trockenen Fußes ins Magniviertel zu kommen. Dort nehme ich, bevor ich den Weg zum Magnikirchplatz einschlage und inspiriert von einem Firmenwagen, der regelmäßig am Franky, also einer ganz anderen Ecke der Stadt, vor meinem Fenster parkt, in der Kuhstraße 32 den Richter Altstadtbäcker als neuen Riptide-Nachbarn in Augenschein.
Dort begrüßt mich Laura, die noch nicht so lang dort als Verkäuferin tätig ist, wie die Wolfenbütteler Bäckerei an dieser Adresse angesiedelt ist, als Nachfolger einer alteingesessenen Bäckerei, Fucke nämlich. „Vor vier, fünf Jahren hat Richter diese Bäckerei übernommen“, schätzt Laura. Sie deutet auf die Auslage, in der sich mehr als ein Dutzend ballförmige Gebäckstücke aufreihen, die aussehen wie verkleinerte Blumenkohlköpfe, mit ihren hellen Streuseln auf der Oberfläche: „Die Mohnkugeln und das Rezept dafür haben wir von Fucke übernommen“, präsentiert sie freudig, das übrige Angebot bestünde aus eigenen Richter-Kreationen. Der frühere Inhaber hat seine Backstube „im Haus nebenan“ und wirft seinen Backofen gelegentlich auch noch an, weiß Laura.
Leider kannte ich die Filiale nicht, als sie noch Fucke hieß. Der schmale, lange Raum ist optimal genutzt, zwischen Tresen und Fensterfront mit Platz für Sitzgelegenheiten und im hinteren Bereich sogar mit Tischen. Die Brotschneidemaschine schwingt den vertrauten Brotschneidemaschinenrhythmus, als Laura die Bestellung eines Kunden umsetzt. In den Fenstern hängen ähnliche ästhetische Glühlampen wie im Riptide, das fällt mir immer auf, wenn ich an der Bäckerei vorbeigehe.
Da Laura auch andere Richter-Filialen kennt, kann sie Vergleiche ziehen: „Hier im Magniviertel merkt man, dass man mitten in der Stadt ist“, sagt sie. In Melverode etwa hätte man mehr ältere Stammkunden, obgleich sich diese auch hier inzwischen mehrten. Und: „Man kriegt mit, das in der Nähe Schulen sind“, sagt sie. Eltern kaufen hier ihren Kindern Pausenbrot, ältere Schüler kommen in den Pausen her, „wenn nicht gerade Ferien sind“, grinst sie. Es sind ja gerade Ferien. Im Riptide war sie auch schon mal, zum Essen, erzählt sie, und um sie nicht noch länger davon anzuhalten, die Kundschaft zufriedenzustellen, gestatte ich mir eine der Fucke-Mohnkugeln. Eine Kollegin, erzählt Laura dazu noch, habe bereits unter Fucke hier gearbeitet, die könne noch viel mehr erzählen, sei aber zurzeit im Urlaub. Nach meinem Kauf befinden sich noch 15 Mohnkugeln zwischen Croissants, Mandelhörnchen und Heidesandplätzchen. „Ich habe gestern 75 Mohnkugeln bekommen“, lässt Laura mich noch wissen. Ich verabschiede mich, schlendere in Richtung Riptide, beiße in meine Kugel und weiß sofort, warum die so begehrt sind.
Im Riptide frage ich Dominik und Dennis, ob Chris da ist, denn ich möchte mehr über „Hola Utopia!“ erfahren. „Der ist irgendwo auf dem Platz“, sagt Dominik, und das hatte ich gehofft, da möchte ich mit ihm ohnehin hin, Sachen rauskriegen. Bevor ich mich auf die Suche machen kann, kommt mir Chris zuvor und zurück ins Café, mit einer Sackkarre, die er wegbringen will, bevor er sich mir widmen kann. Dennis überreicht mir eine Fritz-Kola und ich suche mir schon mal draußen auf dem Platz einen Tisch, an den Chris sich dann setzen will, inmitten der dicht umlagerten Gastronomiebobiliars ringsum.
Genau hier saß ich vor zehn Tagen noch mit dem Bonner Teil meiner Familie, Schwester Melanie mit Freund, zwei Töchtern, deren einem Freund und Enkel. Hierher wollten sie unbedingt, und zwar direkt, nachdem sie nach mehrstündiger Fahrt in Braunschweig angekommen waren. Die pinken Sitzkissen verführten sie dazu, das neue Sommergetränk Sarti-Spritz auszuprobieren, dargereicht mit einem pinken Aufsteller, in dem vier Gläser mit pinker Flüssigkeit hingen. Aus allen in dieser Familienrunde sprach Begeisterung, auch aus denen, die Wolters tranken, oder beides. Nach einigen Runden Skyjo ließen wir den Abend jedoch im Greek Haus ausrollen, und wahrlich, der Abend rollte mächtig. Das raubte beinahe Durchhaltevermögen für den Folgeabend, an dem wir mit Rille Elf an den dritten WRG-Kulturtagen teilnahmen, mit unserem „Ball am Bierhaus“ bei Harrys selbigem, der abermals bis spät in die Nacht dauerte. Glücklich ist, wer Gäste mitbringt, die sich sofort wohlfühlen, als wären sie dort zu Hause. Mellie, meine Schwester, lernte spätestens auf der Tanzfläche haufenweise Leute kennen, so auch Stefan von unserem MokkaBär-Stammtisch, der damit bereits mit meinen beiden Schwestern sprach, denn er hatte die Kielerin Miriam nur wenige Wochen zuvor im Kufa-Haus treffen dürfen. Glücklich ist, wer wundervolle Menschen nicht nur als Gäste hat, sondern als Geschwister.
Kurz darauf saß ich wieder mit den MokkaBären hier im Riptide, die Runde wächst sogar noch, weil wir gelegentlich noch verstreute Stammgäste des geschlossenen Cafés am Frankfurter Platz zufällig treffen und sie über die Runde im Riptide informieren. Schöner Trialog, nebenbei: Dominik fragte, ob wir noch Getränkewünsche hatten, und wer dazu in der Lage war, äußerte sich entsprechend. Olli nicht, der hatte gerade seine zur Neige gehende Wolters-Flasche an den Lippen. „Noch ein Bier?“, fragte Dominik, Zustimmung voraussetzend, doch ließ Ollis Geste keine eindeutige Interpretation zu. „Hieß das jetzt nein?“, vergewisserte sich Dominik daher irritiert. Ulle versuchte eine Deutung: „Ja, das hieß nein!“ Inzwischen hatte Olli sein Bier geschluckt und dementierte: „Nein, das hieß ja!“
Jetzt setzt sich Chris vor mich, überraschenderweise in ein helles T-Shirt mit unbestimmbarer Farbe gekleidet. „Das hat Galleta Maria designt, von der sind auch die Poster“, erklärt Chris. Galleta Maria nahm 2022 am „Hola Utopia!“-Fetsival in Hannover teil, dem Organisatoren gefiel der Stil, deshalb wählten sie ihr Motiv für diese Braunschweiger Ausgabe, in deren Rahmen sie zudem in der Weststadt ein Mural gestaltet. T-Shirts in dieser Farbe „gibt’s nur für die Crew, damit man uns erkennt“, sagt Chris, und wahrlich, hier laufen einige mit diesem merkwürdigen Farbton über den Magnikirchplatz. Was ist das, Pfirsich? Chris, wie aus der Pistole geschossen: „Nicht Schwarz!“ Und die Schrift, Lila, Flieder? Jedenfalls sind Nicht-Schwarze Shirts bei Bandshirttragenden eine Rarität. Chris erzählt von einem gelben Shirt der Descendents, das er mal hatte, zum Album „I Don’t Want To Grow Up“, dessen Cover in Gelb gehalten war. Dieses Shirt trug Chris Mitte der Neunziger bei einem Konzert von NOFX und deren Vorband The Offspring im Exil in Bodenteich, vor über 30 Jahren meine Stammdisco, schwitze es allerdings so enorm durch, dass er es auszog und in die offene Heckklappe legte – von wo es verschwand. Ein schlimmer Verlust! NOFX bekam Chris kurz darauf im Schützensaal in Gifhorn ein weiteres Mal zu sehen, dieses Mal mit den Braunschweiger Shifty Sheriffs und den Flüssigkeitsspendern Gwar als Begleitprogramm. Nur das gelbe Shirt fand er nie wieder.
In einem pfirsichfarbenen Shirt tritt Kerim an unseren Tisch und fragt, ob Chris „den Schlüssel“ hat. Kerim war vor 30 Jahren unter dem Alias Kareem Supreem Produzent der Braunschweiger Hip-Hop-Gruppe Die Lyrische Präsenz, auch Die L.P. genannt, so Chris, und ich stelle abermals fest, welche Lücken ich so habe – von denen habe ich nie gehört. Seine Aufgaben bei „Hola Utpioa!“ umreißt Kerim blumig: „Mädchen für alles, Roadie, Gerüstbauer, der gutmütige Ritter“, lacht er und macht sich mit dem Schlüssel davon, wenigstens eine dieser Aufgaben umzusetzen.
Nun aber zum Festival, Chris hebt an, mich zu erhellen. „Hola Utopia!“ findet zum zweiten Mal in Braunschweig statt, in Hannover gibt es das bereits seit rund fünf Jahren. Zu den dortigen Initiatoren gehört unter anderem Artie Ilsemann, bekannt von MZEE und „Battle Of The Year“. Letzteres habe ich noch mitbekommen, aber MZEE, von Chris „emsie“ ausgesprochen, sagt mir nichts, was Chris zu Lobeshymnen hinreißt, über das Hip-Hop-Magazin und Label, das frühe Helden auf den Weg brachte, wie Advanced Chemistry, Stieber Twins, Ferris MC und den Braunschweiger MC Rene, die mir immerhin alle bekannt sind. Aus dieser Bewegung ging auch die Sprühdosen-Firma Montana hervor, die sich aufgrund der Namensgleichheit einer spanischen Firma in MTN umbenannte. Diese spanische Firma nun sponsert „Hola Utopia!“, „deshalb haben wir so viele spanische Künstler*innen“, sagt Chris. Vieles von dem, was hier Thema ist, hat seine Wurzeln in Braunschweig, sagt Chris: „Braunschweig hat eine Hip-Hop-Geschichte und eine Graffiti-Geschichte, deshalb ist es logisch, dass es das Festival hier gibt.“
Von Montag, also gestern, bis Sonntag gibt es Programm. „Mehrere Murals entstehen von geladenen Künstler*innen“, beginnt Chris. Darunter Soda aus Italien, „der Bekannteste dieses Jahr“, freut sich Chris. Diese Murals entstehen im Verlaufe dieser Woche, und zwar öffentlich: „Es gibt Leute, die sich hinsetzen mit Kaffee“ und den Malenden zugucken, so Chris. So ist es gewollt, die Arbeiten fallen auf. Auch über die Zeit der Entstehung hinaus, denn sie sollen bleiben, „sie prägen das Stadtbild im positiven Sinne“, etwa als designiertes Postkartenmotiv oder indem sie „präventiv gegen Schmierereien“ von den Eigentümern der Flächen zugelassen werden. Jener Soda gestaltet nun die Wand oberhalb der Silberquelle neu, die weiteren Standorte sind: Am Queckenberg in der Weststadt, in der Leopoldstraße, Galeria Kaufhof sowie in Wolfenbüttel ein Lessingmotiv, gegenüber vom Lessingtheater.
Doch rein bei der Steet Art will es das Braunschweiger Team von „Hola Utopia!“ nicht belassen, deshalb gibt es ein Rahmenprogramm. „Die Idee: Was macht man nebenbei“, setzt Chris an, führte zu der Aufschlüsselung der Hip-Hop-Kultur in ihre vier Bestandteile, „Disziplinen“, von denen Graffiti einer ist, und die anderen: „Breakdance, Deejaying, MC“, sagt Chris. Also: „Wir wollen alles, was der Hip Hopp bietet, aufzeigen.“ Damit unterscheidet sich das Braunschweiger Festival von seinem Hannoveraner Hauptarm. „Der zentrale Ort“, fügt Chris hinzu, „ist der Magnikirchplatz.“ Auf dem wir gerade sitzen, und ja, ich sehe hinter ihm zwei Leinwände vor der Kirche aufgespannt, auf denen erste Farbspuren auszumachen sind. „Heute Abend ist ein Artist-Dinner im Riptide“, wirft Chris ein und fährt dann fort: „Heute und Donnerstag gibt es Open-Air-Kino“, und, ein weiterer wichtiger Punkt: „Alle Angebote sind kostenlos.“
Der Film, der heute Abend hinter den besprühten Leinwänden auf eine unbesprühte Leinwand projiziert wird, ist „Grenzgebiet“ von Matti Cordewinus, ein ganz besonderer Film über Graffiti, findet Chris, „weil du nicht die Graffiti siehst, nur die Gesichter, die Emotionen, Lachen, Freuen, Flüchten“. Eine Gruppe Sprayer reist da nach Osteuropa, um illegal zu sprühen, und der Fokus liegt dabei auf deren Gesichtern, nicht auf der Kunst. „Spannend“, freut sich Chris.
Ebenfalls heute findet ein erster Workshop statt, kostenlos wie alle Programmpunkte, und zwar zu Breakdance, im Saal des Kinderhilfswerks auf der anderen Seite der Magnikirche, „das wird Samstag auf dem Platz aufgeführt“, so Chris. Graffiti-Workshops für Kids gibt Myra, „in Technik, Farblehre“, und sie ist es auch, die gerade hinter ihm die Leinwand gestaltet. „Mittwoch gibt es ein Talkformat, ein kontroverses Thema“, kündigt Chris an: „Kein Benehmen – Mackertum im Kip Hop“, ein Talk mit Lzy. „Die Welt hat ein großes Problem mit dem Patriarchat“, sagt Chris, was den Hip Hop leider längst mit einschließe, „das wird offen diskutiert.“ Dabei fällt ihm ein, dass potentielle Wetterwechsel das Programm nicht beeinträchtigen: „Wenn’s regnet, gehen wir zum Kinderschutzbund“, so Chris. „Wir haben für alles eine Lösung gefunden“, darunter auch Schirme für die „Artists“, die an den Murals arbeiten. Zurück zur Diskussion: „Hip Hop hat im Ursprung Werte, wie der Punk“, sagt Chris. Daran schließt das Programm vom Donnerstag an: Die Doku „Girl Power“ über „starke Frauen, die sich durchsetzen, denn auch diese Kultur ist wie immer männlich dominiert“.
Am Freitag „kommen nach und nach die Disziplinen zusammen“, rückt Chris im Programm voran. Ab 15 Uhr gibt’s Musik vom Soundsystem Magni Kiosk & Friends sowie einen Beatbox-Workshop inklusive Aufführung, von Pat Beat, also Patrick, meinem ersten Gesprächspartner im Rahmen dieser Protokolle übrigens, im Oktober 2007. Zudem entstehen mehr und mehr Bilder von internationalen und lokalen Künstlern auf den mobilen Leinwänden auf dem Magnikirchplatz. Dann der Samstag, „der Haupttag“, so Chris, mit einem Street Jam ab 15 Uhr, einer eigens zu errichtenden Bühne auf dem Platz mit Live-Breakdance – „dann werden alle Disziplinen des Hip Hop vereint“.
Jener Pat Beat war gestern bereits Teil der Eröffnungszeremonie von „Hola Utopia!“, die auf der Okerinsel stattfand, also auf dem Gelände des alten Bahnhofsgebäudes, in dem längst eine Sparkasse untergebracht ist. Ein Tänzer performte zu Patricks Mundschlagzeug „Electric Boogie“, erzählt Chris, und Enno, der spontan vorbeikam und sich eben zu uns setzte, um dem Gespräch zu folgen, staunt: „Das hab ich nicht geschnallt, dass das Beatbox war, und das ist ein Qualitätsmerkmal!“
Am Sonntag rollt das Festival chillig aus, es gibt Ausstellungen der entstandenen Bilder, die Murals werden fertiggemalt, „rumhängen mit den Künstlern und Auflegen“, listet Chris auf. Und strahlt: „Ich hab schon Bock auf nächstes Mal!“ Er sinniert: „Hip Hop ist eine eigene, geile Kultur – ich bin neben dem Punk auch im Hip Hop verwurzelt.“ Als er vor über 20 Jahren in Hamburg Teil der Veranstaltung „Urban Discipline“ war, schüttelte er Banksy nicht nur die Hand, sondern war sogar mit ihm essen – da war das Street-Art-Phantom zwar noch nicht weltberühmt, aber in der Szene bereits ein Held. Ein weiterer Chris, der irgendwo im Hintergrund in Pfirsich gewandet umhereilt, war damals ebenfalls schon mit von der Partie, „den habe ich wieder ins Boot geholt“, freut sich Chris. Er findet: „Mit Graffiti kannst du alles machen“, beispielsweise die dreidimensionalen Spiegeleier, die jemand in Braunschweig verteilte und die sogar die lokale Tageszeitung aufscheuchten. Bei mir im Westen hängst auch eins, irgendwo bei der Sprayer-Brücke.
Dominik fragt nach weiteren Getränkewünschen, aber da ich mich gleich auf dem Platz umsehen möchte, sage ich ihm dankend ab. Gehört habe ich, dass heute Küchenhilfe Melis letzter Tag ist, und Chris bestätigt, dass zurzeit einige Angestellte das Riptide verließen, um in die weite Welt aufzubrechen. Gottlob fand er bereits Nachwuchs, und auch in der Küche ist Chris wieder bestens aufgestellt. Mike hat den Posten des Kochs mittlerweile seit einigen Jahren inne, „der Fahnenschwenker aus dem Stadion“, weiß Enno, und Chris ergänzt „Südkurve“. Mikes Vorgänger Addi, den ich vor einiger Zeit beim Eis am Gleis traf, als Andrea und ich uns davon überzeugten, dass mit Govinda ein wunderbarer Mensch den Kiosk neben dem Kufa-Haus übernahm, schickt Chris gelegentlich vegane Rezepte per Whatsapp, das freut ihn. Dazu fällt Enno ein, dass es zurzeit einige neue Restaurants mit veganem Angebot in Braunschweig gibt. Chris nickt: „Deswegen gibt’s bei uns auch ab nächste Woche Fleisch.“ Das sagt er so überzeugend, dass Enno stutzt. „Ich seh schon das Schild“, fährt Chris fort, nachdem er von übertellergroßen Schnitzeln fabulierte: „Schnitzelkönig – wer es schafft, muss nichts zahlen!“ Er überlegt sich einen Slogan dafür: „All you can Schnitzel!“
Passend zum Thema tritt Yvi an unseren Tisch, das Smartphone entsperrt, Whatsapp geöffnet, und ergänzt Essenswünsche der Artists. Chris notiert sie sich und erklärt: „Damit die Küche sich vorbereiten kann.“ Denn heute Abend ist ja das Artists-Dinner im Riptide. Der nächste, der zu uns schreitet, ist Marc, der einige administrative Detailfragen an Chris richtet und dann nickend weiterzieht, und Chris erklärt, dass Marc für ein neues Buch recherchiert.
Nun aber erheben wir uns und schlendern an den voll besetzten Tischen vorbei auf den Magnikirchplatz, an die beiden mobilen Leinwände heran, vor denen eine kleine Gruppe Menschen steht und an denen sich Myra behutsam mit Spraydosen austobt. Teil dieser Gruppe ist Enrico, der Festival-Chef, wie Chris ihn mir vorstellt. Hinter den zwei mobilen Leinwänden befindet sich eine weitere, uns zwar quer dazu, mit aufgereihten Bierbänken davor und einem impressionistisch sonnendurchfluteten Baum darüber. Auf dieser dritten Leinwand wird nachher der Film „Grenzgebiet“ gezeigt, aber noch bereiten Claas und Chris, „zwei alte Graffiti-Brüder“, so der Riptide-Chris, in pfirsichfarbenen Shirts die Technik vor.
Während wir die Szenerie betrachten, fallen Chris weitere Details zum Festival ein. „Jeder Künstler, der malt, hat einen Assistenten“, sagt er, und zwar zum Anreichen der Farben oder um mit interessierten Passanten zu sprechen. T-Shirts in anderen Farben als Pfirsich werden am Freitag und Samstag auf dem Platz verlauft, wenn auch der Riptide-Bierwagen aufgestellt ist. „Das Bürgersingen am Mittwoch geht in die Kirche“, freut Chris die Zusammenarbeit mit dem Pastor. Auch der Wochenmarkt am Donnerstag wird nicht verdrängt – deshalb handelt es sich ja auch um mobile Leinwände, die werden dafür weggeklappt. Da schlendert Mert vom Magnikiosk an uns vorbei, mit einer großen Papiertüte voller kleiner Papiertüten in der Hand, nämlich bunten Tüten voller Leckereien aus seinem Kiosk: „Die sind für die Sprüher, die Artists“, erklärt er dem dankbaren Chris.
Da Chris noch einiges zu besprechen hat, ist nun Yvi, nicht zufällig auch die Freundin von Festival-Chef Enrico, meine Gesprächspartnerin. „Ich habe den HipHop Kultur e.V. mitgegründet, wir veranstalten das ‚Hola Utopia!‘“, beginnt sie. Der in Hannover und Braunschweig aktive Verein „hat das Ziel, die Hip-Hop-Kultur zu unterstützen in all ihren Elementen“, also den vier Disziplinen, von denen Chris bereits sprach. „Ich bin nicht Hip-Hop-Spezialist, ich bin ein bisschen reingeraten“, gibt sie grinsend preis. „Aber es ist Kultur, jeder ist willkommen, jeder kann jedem etwas beibringen.“ Deshalb sind für den Verein weitere Anliegen: „Künstler vernetzen, dass sie sich kennenlernen, und Räume schaffen.“ Unter anderem für Graffiti, denn „die meisten Gründungsmitglieder kommen aus dem Bereich – und viele haben einen Rap-Kontext“. Sie betont: „Wir wollen möglich machen“, etwa mit Workshops oder bei der Unterstützung bei Antragstellungen.
„Ich rappe nicht, ich sprühe nicht, ich tanze nicht“, lacht Yvi, und erzählt: „Ich bin im Neunziger-Jahre-Hip-Hop großgeworden, daher kenne ich auch Enrico.“ Zwar höre sie immer noch Hip Hop, hat aber den größeren Anspruch, „das Kulturelle zu schätzen, das Soziale, das Miteinander“. Als Seitenarm des Genres bevorzugt sie heute Massive Attack, also Trip Hop, fügt sie an.
Als der Verein dieses Festival im vergangenen Jahr erstmals auf dem Magnikirchplatz ausrichtete, „gab es gutes Feedback von Menschen, die sich hier bewegen“, erzählt Yvi, und bekräftigt: „Das ist das, was wir wollen, generationenübergreifend zusammenkommen, sich für Street Art interessieren und mit Künstlern in Kontakt kommen.“ Genau so geht es ihr und dem Verein auch unabhängig vom Festival, beispielsweise lernte sie vor einiger Zeit im Nexus die Sprühfinken kennen, eine Initiative, die sogar ein Printmagazin herausgibt, und deren Teilnehmer sich kurzerhand mit ihrem Verein verbanden. Nicht nur im Hip Hop ist Yvi übrigens verwurzelt, sondern auch im Magniviertel: Enrico und sie leben hier, sie sogar wieder, denn sie war bereits als Jugendliche Anwohnerin in der Nähe der Kirche. In deren Richtung bewegt sie sich nun, jemand fordert ihre Aufmerksamkeit ein.
Vor der mobilen Leinwand steht Myra und betrachtet, was sie bereits begann. Zu sehen ist in monochromen goldenen Farben die Skizze eines Mannes, der ein Kind auf seinen Schultern trägt. Sie nimmt ihre Schutzmaske ab und erzählt, dass sie 2021 in Hannover beim „Hola Utopia!“ an einem Workshop teilnahm, in dessen Rahmen sie Platten bemalte. Ein Teilnehmer, Joshua, „kam auf mich zu, willste nicht nächstes Jahr mitleiten“, also selbst einen Workshop anbieten, und da sagte sie prompt zu. Damit war sie 2022 Teil des Festivals, mit Joshua und Christoph aus Braunschweig leitete sie einen Workshop, unterstütze einen zweiten und assistierte Künstlerin Lily Brick aus Barcelona bei ihrer Wand. „Ich habe sie unterstützt und viel gelernt“, schwärmt Myra. So kam es, dass sie im Jahr darauf mit Künstler Micha selbst eine Fassade gestaltete. Im vergangenen Jahr dann half sie in Hannover Künstler MO und hatte in Braunschweig ihre eigene Wand, an der Martha-Fuchs-Schule. „Dieses Jahr mache ich einen Workshop mit Leonard, er ist quasi meine Assistenz“, erklärt sie. Und lächelt: „Ich finde es richtig toll, hier jungen Leuten Möglichkeiten zu geben, reinzuschnuppern und weiterzumachen.“
Für Myra ist dieses Festival auch persönlich eine Bereicherung. „Es ist krass, wen man kennenlernt und was für Freundschaften sich entwickeln“, strahlt sie. Und erzählt von einem Urlaub mit einer Freundin, der die beiden nach Spanien führte, wo an einem Tag ihre Buchungen scheiterten. Kurzerhand schrieb sie die Leute an, mit denen sie sich beim „Hola Utopia!“ verknüpft hatte, und fand von deren Seiten lauter offene Türen vor, zum Übernachten, aber auch für den Einblick in eine Ateliergemeinschaft „in einem riesigen Gebäudekomplex, cool“. In diesem Urlaub nun entstand auch das Bild, an dem Myra zurzeit arbeitet, das mit dem Vater und dem Kind auf den Schultern, ein in Frankreich aufgenommener Schnappschuss. „Ich mache gerne Fotos“, sagt Myra, und dieses Motiv findet sie „schön – innig, aber sehr alltäglich, nicht so …“ Sie ringt um Worte, ich schlage „aufgesetzt“ vor, ein unfreiwilliges Wortspiel, und Myra fährt fort: „Die Beziehung, beide sind voll cool und es ist normal.“
Ihren Workshop begann Myra heute bereits, die Teilnehmer sind „von zwölf bis Mitte 30“ Jahre alt. Sie startete mit „Ausprobieren, die Dose kennenlernen direkt an der Wand“, sagt sie. Thema ist, wie der Titel des Festivals verrät, Utopie, darüber sprach sie mit den Workshop-Teilnehmenden, „was sie wünschen zum Zusammenleben, Grundsatzfragen, und wir haben versucht, die in ein Bild zu bringen“. So der Plan, morgen beginnen sie nämlich zu malen, „Leonard und ich geben Unterstützung“. Myra erwähnt noch, dass sie aus Hannover kommt und mittlerweile in Halle lebt, und von einer kürzlichen Stippvisite mit Andrea zur Moritzburg auf der Rückfahrt aus Leipzig weiß ich, dass Halle stapelweise Wände bietet, die sich zum Sprühen anbieten. Myra nickt, setzt sich ihre Maske wieder auf und will ihre Arbeit an dem Vater-Sohn-Gespann fortsetzen, da radelt Wolf heran und begrüßt sie. „Auch Künstler?“, fragt sie ihn, und er nickt, deutet aber Schnörkel an: „Mit Pinsel.“ Während Myra nun wieder sprüht, erzählt mir Wolf, dass er zurzeit eine Ausstellung in der Böcklerstraße vorbereitet, „Kunst im Kiez“, die am 15. August Vernissage hat und das ganze Wochenende lang zu sehen sein soll. „Ein hochspannendes Thema“, macht er mich neugierig. An dem Samstag bin ich indes beim Sommerfest im Kufa-Haus eingespannt, das wird eng.
Bis zum Film bleibe ich heute nicht mehr, auch wenn ich es bedaure, die Stimmung auf dem Magnikirchplatz nicht mitverfolgen zu können. Jenen in Richtung Heimweg zu überqueren gelingt mir nur mühsam, schließlich sitzen Uwe, Markus und Michael an einem der Riptide-Tische und verwickeln mich in Gespräche. Falls jemand den Film „La Haine“ auf DVD hat, Markus sucht den zurzeit. Kurz noch einmal ins Riptide, eine Plattenbestellung aufgeben – die Split-7“ von den Circle Jerks und den Descendents –, dann geht’s am Galeria-Kaufhof-Gebäude vorbei nach Hause. Um diese Zeit ist dort kein Artist mehr aktiv, aber es ist schon eine Menge zu sehen. Morgen mal mit Klappstuhl und Kaffee wiederkommen, dazu Hip Hop aus der Bluetooth-Box? A Tribe Called Quest, Oldschool-Neunziger und noch schön ohne Mackertum, und danach Sookee und Missy Elliott. Das ist ein Plan! Hallo, Utopie!
Matthias Bosenick