#222 Frühling ist nachmittags ab Dreiviertel vier

Donnerstag, 19. März 2026

Dieses scheint das erste Jahr seit Ewigkeiten zu sein, in dem sich die Jahreszeiten ungefähr so verhalten, wie sie es sollten, oder besser: Wie man es von anno dunnemals noch im Gedächtnis hat. Ein Winter mit Schnee und Minusgraden, die länger anhielten als drei Tage, und nun ein Übergang in den Frühling, der sich nicht von schmuddeligen acht auf schier heiße 26 Grad innerhalb einer Woche vollzieht, sondern sanft angehoben mit morgens um die null Grad und mittags Mitte zehn. Geht! Okay, der Ausreißer bis knapp unter 20 Grad vor einigen Tagen bestätigt diesen Verlauf nur.

Das war aber auch schön! Und überhaupt, wenn der Frühling sich mal nicht aus einem matschigen Dauerherbst erhebt, sondern aus Schnee, dann behält er auch seine erlösende Wirkung bei und wirkt nicht so beliebig: das gleiche Grau wie immer, nur mit farbigen Tupfern. Die Schneeglöckchen waren wirklich welche, so hab ich das lang nicht mehr zu sehen bekommen. Als es dann warm wurde, waren wir auch bereit dazu, das zu akzeptieren und zu genießen. Mein erstes halbes gezapftes Draußenbier hatte ich mit Guido vor dem Hermanns, dann kam Sven dazu und erbat den fröstelbedingten Umzug nach drinnen, dem wir gern nachkamen. Zwei Tage später hatte ich mein erstes halbes Draußen-Flaschenbier vor dem Riptide, bis Uwe mich abermals fröstelbedingt nach drinnen eskortierte. Am Wochenende darauf genossen Andrea und ich Speis und Trank vollständig draußen, vor dem Havanna. Ein kurzes Aufatmen, dann kehrten die saisonal typischen täglichen Kälte-Wärme-Wechsel zurück und erforderten den erneuten Griff zum eigentlich fürs Einmotten vorbereiteten Schal. Nicht schlimm, so muss es.

Und à propos Frühlingsanfang: In meinem Kopf ist der kalendarische, also astronomische am 21. März, und weil es gestern im Gespräch Unklarheiten dazu gab, googelte ich – mit ausnehmend überraschendem Ergebnis. Denn Google datierte den Frühlingsbeginn 2026 nicht nur auf den morgigen 20. März, sondern noch genauer auf 15:46 Uhr. Hat was von „Life Of Brian“, zumindest dem Drehbuch, das entfallene Szenen enthält wie den Dialog zweier Hirten: „Ist es schon Anno Domini?“ – „Ja, etwa Viertel nach.“ Wenn man schon mal googelt, kann man auch Wikipedia aufrufen, und da steht erklärt, warum sich bei mir der 21. März festkrallte: Weil der bis zum Jahr 2011 auch zutraf. Und das nächste Mal erst im Jahre 2102 wieder. Wikipedia verkuriosifiziert den Frühlingsanfang weiter: „Zum ersten Mal seit 1796 wird er 2048 auf den 19. März fallen, und danach bis Ende des Jahrhunderts mindestens einmal alle vier Jahre.“ Nach Sommer, Herbst und Winter gucke ich vorsichtshalber nicht.

Der Wochenmarkt und eine geführte Touristengruppe teilen sich heute den Magnikirchplatz mit den ersten zögerlich herausgerückten Tischen und Stühlen der anrainenden Gastronomen, die auch bestens belegt sind, aber Olli und ich entscheiden uns dafür, dennoch abermals aus Fröstelgründen ins Café zu gehen. Bevor ich ihn begleite, besuche ich einen fürs Riptide im Magniviertel neuen Nachbarn, der dieses Mal neuer ist als das Riptide selbst: das Café Katzenzeit, Am Magnitor 10/11. Im vergangenen Jahr kündigte mir Betreiberin Lily bereits an, dass sie in dem Raum neben ihrem Pop-Up-Mascha-Store etwas Besonderes vorhabe, und das ist eben dieses Café mit integriertem Kuschelfaktor in Form von sechs Katzen, die zwischen den Gästen herumstreunern.

Alles sieht nun anders aus als zu Zeiten des Matcha-Stores: Schon bevor Lily die Räume übernahm, hatten sie diese zweigeteilte Struktur. Den Vormieter, das Steakhaus mit Whiskeybar und dem schlüssigen Namen „Two Doors“, nicht etwa Tudors, nutzte diese Zweigeteiltheit bereits dafür, in jedem der schlauchartig nach hinten verlaufenden Fachwerkräume ein gastronomisches Objekt mit eigenem Schwerpunkt einzurichten, nämlich ein Grillrestaurant, in dem die Gäste ihre Steaks am Tisch selbst grillten, und eben eine Whiskeybar, mit E. Heute betritt man das Café Katzenzeit durch den Eingang Nummer 10 und findet sich in einer Türschleuse wieder. Erstmal die Eingangstür schließen, dann die Gitterschwingtür öffnen und abermals hinter sich schließen. Klar: Damit die Katzen nicht ausbüxen. Lily begrüßt mich herzlich und stellt mir gleich die ersten flauschigen Mitbewohner vor. Ein wenig fürchte ich mich als Allergiker vor der Begegnung, doch Lily versichert, dass die meisten „Allergiekatzen“ seien, bis auf die eine kleine schwarze: „Die ist der Endgegner für Allergiker.“ Selbst für sie, die bisweilen zu schniefen hat, obwohl sie eigentlich gar nicht gegen Katzen allergisch ist.

Für die Katzen gibt es in diesen weiß getünchten Fachwerkräumen mit den hellen Möbeln, den Blümchen auf den Tischen und den pinken Ranken an den Decken viele Möglichkeiten, sich zu verlustieren. Katzentreppen führen an den Wänden zu Hängebrücken in Überkopfhöhe, Kratzbäume mit Chill-Out-Kojen stehen in Ecken und es gibt eine Fluchtmöglichkeit ins Obergeschoss. Sobald sich eine der Katzen vom Kratzbaum aus auf Lilys Schulter niederlässt und mit ihr kuschelt, stelle ich fest, dass eine Entspannung eintritt. „Das sagt jeder“, lacht Lily, „man kommt hier rein und ist entspannt, das ist Therapie.“

Als erstes stellt Lily heraus, dass diese sechs Katzen allesamt „aus dem Tierschutz“ kommen, und zwar von verschiedenen Vereinen aus ganz Niedersachsen. Lily startete ein niedersachsenweites Projekt, in dessen Zuge sie im gesamten Bundesland Tierheime und Tierschutzorganisationen besucht, dort die „Pflegefälle“ fotografiert, also die schwer vermittelbaren Katzen, Steckbriefe von ihnen verfasst und diese an den Wänden ihres Cafés anbringt, „als Zwischenvermittlung“. Denn eigentlich hatte Lily in Bezug auf die Katzen andere Pläne: „Als gebürtige Braunschweigerin wollte ich nur Braunschweiger Katzen haben, aber das waren alles Freigänger“, und sie wollte nicht riskieren, dass Katzen in der Innenstadt das Café verlassen und sich ins lebensbedrohliche Getümmel stürzen. In Tierheimen und bei Tierschützern fand sie die richtigen Kandidaten nicht, „Vermehrer und Züchter sollte man nicht supporten“, also weitete sie ihr Suchareal aus und initiierte in der Folge dieses Vermittlungsprojekt. Den Steckbriefen entnehmen Katzensuchende die relevanten Charaktereigenschaften der Tiere, also, ob die Hauskatzen oder Freigänger sind, ob sie mit Artgenossen, Hunden oder Kindern klarkommen, und so weiter. Hier sehen die Gäste dann, ob eine Katze zu ihnen passen könnte, Konjunktiv intendiert, und haben dann die Möglichkeit, sich bei den Einrichtungen vor Ort zu informieren, Formalitäten auszufüllen „und den kleinen Schatz potentiell mit nach Hause zu nehmen“.

Beim Stichwort „Vermehrer“ muss ich nachhaken. Lily erklärt, dass es in Deutschland Züchtern vorbehalten ist, Tiere zu verkaufen, sobald sie eine Zulassung haben. Vermehrer hingegen sind Privatpersonen, „die haben einen Wurf und verkaufen die“, was einmal auch noch in Ordnung ist, aber „die haben keine Ahnung und dürfen das eigentlich nicht“, sagt Lily. Noch schwieriger wird es, sobald diese Privatpersonen mit dem Katzenkinderverkauf eine Einnahmequelle wittern und ihn ausgedehnt betreiben. „Diese Tiere landen meist in Tierheimen“, erzählt Lily betrübt. „Dagegen will ich ankämpfen, will Leute aufklären“, bekräftigt sie. Deshalb sind ihre Tiere nämlich „aus dem Tierschutz“, sagt sie, und weiß: „Es sind dankbare Mäuse.“ Ein treffendes Kosewort für Katzen.

Außerdem will Lily „mit Vorurteilen aufräumen“: Katzen aus dem Tierschutz „haben keine Meise“, auch wenn man vielleicht mal etwas Geduld braucht, um sie an sich zu gewöhnen, und sobald dies eintritt, stellt man fest: „Sie sind dankbar.“ Genau das hat Lily „mit meinen erlebt, sie waren anfangs scheu, und jetzt springen sie jedem auf den Schoß“. Für alle Fälle und aus Tierwohlgründen ermöglicht Lily ihren Katzen zudem „einen Rückzugsort“, der sich unter der Cafédecke befindet: Ein Kletterbalken führt ins Obergeschoss, wo Lily mit den Katzen wohnt, „da können sie jederzeit hin“. Doch geschieht dies so gut wie nie, stellt Lily erstaunt und glücklich fest: „Die sind alle hier unten, die wollen die Nähe zu den Menschen.“ Sie lächelt: „Es ist selten, dass die Katzen nicht hier sein wollen, die genießen das richtig.“ Sagt sie, während sie mit der kleinen Schwarzen kuschelt.

Nun aber zum Drumherum: „Wir sind ein Frühstückscafé mit Brunch“, sagt Lily. Und „mit Foodtrends“, aktuell nämlich mit Egg-Drop-Sandwiches. „Das ist unser zweiter Preis“, strahlt Lily, „erst hatten wir den besten Matcha in Braunschweig, jetzt die besten Egg-Drop-Sandwiches in Braunschweig.“ Dabei handelt es sich um einen Trend aus Südkorea, bestehend aus Rührei und Brioche-Brot mit weiteren Zutaten. Das passt ja zu dem japanischen grünen Tee: „Wir verkaufen auch weiterhin Matcha“, sagt Lily, mit dem Anspruch, dessen Qualität fortwährend zu verfeinern. „Matcha soll auch im Vordergrund bleiben“, legt sie fest.

Wir schlendern in den zweiten Raum, dem vorherigen Matcha-Store, in dem sich zwischen dem Mobiliar noch einige Kartons befinden, sehr zur Freude der Katzen natürlich, die uns begleiten, eine, die kleine Schwarze, zwischen Lilys Rücken und Schulter umherschleichend, „mein kleiner Papagei“. Am Ende dieses Raumes, also direkt an der Fensterfront zur Straße, richtete Lily eine Leseecke ein: Ein Sitzsack mit Tisch davor und Buchregal darüber lädt zum Entspannen ein. Das Buch auf dem Tisch heißt „Freundschaft mit Katzen“, und die geht man hier gern ein. „Ruhe und Entspannung“ verspricht Lily hier, und freut sich: „Viele kommen alleine, um ein Buch zu lesen, und viele kommen zum Lernen her, setzen sich hin, die Katze auf dem Schoß, schreiben auf dem Laptop, die Katze will gestreichelt werden, hören die leise Musik, essen Kuchen.“ Sie deutet auf die Kartons und sagt: „Hier wird noch vieles renoviert“, das gesamte Café befinde sich noch in der Startphase, man dürfe noch einiges erwarten, auch an Dekoration. Die Leseecke ist schon fertig, „das ist ein Mega-Vibe hier“, sagt Lily glücklich. Auch die Kletterobjekte für die Katzen sind bereits installiert, „sie haben genug Möglichkeiten, zu klettern und zu toben“, sagt sie. Wegen der Katzen sind die Fenster des Cafés auch stets geschlossen und die Lüftung erfolgt technisch.

Lily ist tatsächlich eine umfassend vollständige Braunschweigerin: Geboren, aufgewachsen, studiert, „alles, ich glaube, ich komme hier nicht los – und ich liebe es“, lacht sie. „Das Magniviertel hat mein Herz“, fügt sie an, „kleine, von Inhabern geführte Läden, mit Geschichten dahinter, mit Träumen dahinter“, und, ganz wichtig, „keine Ketten“, anders als andernorts. „Ich habe knapp 13 Jahre für diesen Laden geplant und gespart, ich war ein kleines Kind“, erzählt sie. Ihr Schulmensa-Taschengeld floss bereits in das Startkapital für dieses Café. Für das sie glücklich ist, einen Platz im Magniviertel gefunden zu haben: „Das sieht man hier ganz oft, die Leidenschaft dahinter, ich supporte jeden einzelnen Laden hier, die inhabergeführten Läden machen die Stadt lebendig.“ Ihr Café befindet sich zudem in einem der ältesten Fachwerkhäuser Braunschweigs.

Durch dieses schlendern wir wieder zurück in den Hauptraum. Lily zeigt mir dabei auf ihrem Smartphone Fotos von Events, die hier bereits stattfanden, etwa das Nussknacker-Bemalen zu Weihnachten, als es noch der Matcha-Store war, oder die samstagabendlichen „Game Nights“ kürzlich, „da haben wir hier ‚Werwolf‘ gespielt“, im großen Raum, da kamen Leute zu zweit oder in Gruppen, spielten Spiele, kuschelten mit den Katzen, hörten ausnahmsweise etwas lautere Musik, tanzten, kramten Uno hervor oder Puzzles oder andere Spiele, die Lily eigens erwarb. Etwa „Lotti Karotti“, in dessen Karton sich die Katzen direkt einrichteten und mit ihren Tatzen am Spielgeschehen beteiligten, fotografisch dokumentiert. „Wir haben die Leute lachen gehört“, freut sich Lily. Und kündigt an, dass es künftig weitere Events geben werde.

Bevor ich ins Riptide übersiedele, möchte ich noch die Namen der sechs Katzen erfahren. Lily stellt sie mir alle vor: der schwarzweiße Oreo sitzt hinter Kartons, die graubeige Lissy flitzt herum, der Allergie-Endgegner Ohnezahn betrachtet eine Pflanze auf einem Board, der riesige schwarze Baghira lümmelt in einer Chill-Out-Koje am Kratzbaum und auf dessen oberster Ebene schlafen Maki und Nali, beide Nachwuchs von Lissy, die uns gefolgt ist.

Bis ins Riptide hat es Lily noch nicht geschafft, „aber ich gucke immer rein“, sagt sie und freut sich über den Satz von Leonard Cohen, der an der Scheibe steht: „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in“. Lily fährt fort: „Jeder Laden hier repräsentiert das Magniviertel, sie haben alle den gleichen Vibe, sie lieben das Alte, das Persönliche – ich liebe die Geschichten dahinter, die kreativen Köpfe hier.“ Anders gesagt: „Das Magniviertel ist ein Dorf.“ Als ihr einmal an einem Sonntag bereits am Nachmittag die Strohhalme für die Matcha-Tees ausgingen und sie sich dazu gezwungen sah, vorzeitig den Dienstschluss einzuläuten, bat sie die vermutet letzten beiden Gäste, nebenan in der Kaffeezeremonie nach Strohhalmen zu fragen. „Sie kamen mit einer Riesentüte Strohhalme zurück“, erzählt sie strahlend. Dienstschluss verschoben! Oder sie wendet sich an Mert vom Magni-Kiosk gegenüber, wenn ihr mal das Eis ausgeht. Sie lacht: „Man fragt die Nachbarn hier noch nach Zucker und Salz.“ Oder bekommt starke Rückendeckung, sobald es das rassistisch motivierte widerliche Verhalten von Einzelpersonen erfordert – dafür ist Lily ihren Nachbarn sehr dankbar und ich bin darüber erschüttert, dass so etwas überhaupt geschieht.

Die Reiningungskolleginnen sind bereits einmal durch das Café durch, die Katzen schnurren, ein Gast sitzt noch vor seinem Getränk, eigentlich ist im Café Katzenzeit Feierabend, aber da kommen noch zwei interessierte Gäste herein und Lily bietet ihnen eine Führung an. Wir verabschieden uns und ich mache mich nun wirklich auf ins Riptide. Dort ist eine Menge los, um mich an den einzig verbliebenen Platz auf der Bank schieben zu können, müssen sich Stefan und Bine erheben und mich durchlassen. Uwe und Olli sitzen mir gegenüber, alle haben bereits Getränke vor sich, Uwe eine Fritz-Kola und die anderen drei das Helle im Glas, Uwe außerdem das Falafelfladenbrot. Ich beginne mit Wolters und bleibe auch dabei. Ein fröhlich-ermunterndes Kläffen zeigt uns an, dass Nachbardackel Rudi wieder den Weg ins Café fand, wo er von Chris und Dominik Leckereien einfordert. Dominik kommt diesem Herzenswunsch nach und geleitet den schwarzen vierbeinigen Stammgast nach draußen.

Es geht in die nächste Runde, Uwe entscheidet sich für eine Club Mate, Olli versteht „Doc Mate“, wobei es sich bei Rudis Bellen im Hintergrund eher um Dog Mate handeln dürfte, und Stefan für ein Zwickel. Die Gläser und Flaschen von Olli, Bine und mir sind noch halbvoll. Chris bringt die Getränke, stellt fest, dass Uwes Wunsch ungewöhnlich ist, und reicht ihm ein neues Trinkgefäß dazu: „Mit neuem Glas, ohne Zitrone.“ Als er vor Stefan das Zwickel abstellt, bittet der: „Hast du für mich auch ein Glas, am besten das größte, das du finden kannst?“ Chris nickt: „Mal gucken, was wir dahaben!“ Meinen Vorschlag mit der Blumenvase kontert Uwe mit „Klangschale.“ Chris kehrt von der Theke zurück und zaubert Stefan ein Schnapsglas hervor. Dem er selbstredend ein Halbliterglas folgen lässt, mitten in unser Lachen hinein.

Zwischendurch besuche ich Safidy an der Schwelle zur Küche. Bis vergangene Woche hatte Chris noch den Job als Koch übernommen, nun ist Safidy wieder da und entlastet das Team, sehr zu Chris‘ Freude. Safidy war zwar bereits fürs Riptide aktiv, aber kennen lernte ich ihn noch nicht, kurios. Aus Madagaskar kam er vor einiger Zeit nach Braunschweig, „ich habe an der TU Umwelt- und Naturwissenschaft studiert“, erzählt er. „Ich habe ab und zu während des Studiums hier gearbeitet, es hat Spaß gemacht“, fährt er fort. Dies sei sein erster Minijob in Deutschland im Bereich Gastronomie gewesen. Zwischenzeitig versuchte er es in Düsseldorf, „aber das hat nicht geklappt“, lacht er. Und fügt an: „Braunschweig ist quasi mein Zuhause geworden.“

Als Koch bezeichnen möchte sich Safidy indes nicht: „Es ist schwierig zu sagen“, lacht er. Und definiert es so: „Ich mache einfach was Leckeres in der Küche für die Kunden im Ritpide.“ Dabei gefällt ihm, dass das Riptide „eine besondere Kneipe und Restaurant in Braunschweig“ ist, weil es ohne Fleisch auskommt: „Wenn du Umwelt- und Naturwissenschaft studierst, ist das ein wichtiges Thema, in Deutschland und Europa.“ Denn er weiß: „Mehr Fleisch essen hat eine Wirkung auf das Klima – es liegt in der Entscheidung der Konsumenten.“ Nicht nur deshalb findet er es „gut, hier zu arbeiten und den Konsumenten ein nachhaltiges Essen anzubieten“.

Zu Hause in Madagaskar ist Safidy jedes Jahr, er kehrte erst vor wenigen Wochen wieder zurück. Das stelle ich mir kompliziert vor, die Insel zu erreichen, aber Safidy winkt ab: Nur einmal umsteigen in Paris, mehr nicht, „je nach Fluggesellschaft“. Er betont: „Hier ist mein zweites Zuhause geworden.“ In Madagaskar hat er eine Baumschule, ein weiterer Grund für regelmäßige Reisen nach Hause – „und es ist wichtig: Wenn man ein Flugzeug nimmt, muss man etwas kompensieren, deshalb habe ich die Baumschule ins Leben gerufen“. Da spricht der Umwelt- und Naturwissenschaftler. Als solcher indes findet er in Braunschweig keinen Job, „es ist schwierig“, wohingegen Teilzeitjobs wie dieser im Riptide leichter zu haben seien. Hier ist er glücklich: „Es macht Spaß“, sagt er und widmet sich der nächsten Bestellung.

Unsere Runde indes widmet sich allmählich dem Aufbruch. Bine und Stefan sind bereits auf dem Heimweg, Uwe, Olli und ich schließen uns nun an. Chris sucht mir „News From Planet Zombie“ heraus, die neue LP von The Notwist, und ich erzähle ihm, dass ich kürzlich Zeit in einem der Murals vom letztjährigen Street-Art-Festival „Hola Utopia!“ verbrachte, das Chris mitorganisierte, nämlich in „Stop Bombing Civilians“ von Mister Copy alias Michael Thompson im Eichtal, weil da im obersten Stockwerk Anton wohnt, bei dem ich zu Gast war. Das Haus gehört Peter Rosenbaum, der mir vor einiger Zeit auf dem Kohlmarkt am samstäglichen BIBS-Stand erzählte, dass er dem Festival gern wieder eine Hauswand zur Verfügung stellen möchte. Das Festival hat ja nun einen neuen Namen, nämlich „Colour & Soul“, und Chris lässt mich wissen, dass für die diesjährige Ausgabe bereits erste Wände und Künstler feststünden, die er indes noch nicht verrät. Dafür nehme ich noch den „Übersteiger“ mit, das Fanmagazin vom FC St. Pauli, weil da eine Geschichte drin ist, in der auch Chris vorkommt; er zeigt mir ein grobpixeliges Foto, sagt, das müsse er sein da auf dem historischen Mannschaftsbild, und ich komme kurz dem vergeblichen Impuls nach, es mit Zeigefinger und Daumen vergrößern zu wollen. Und Olli und ich nehmen noch einen Turmgeist auf Hardy. Ihn ehrt übrigens ein neues Buch von Krimiwerkstatt und Forum Industriekultur, „Tatorte am Ringgleis“; darin sind Infos zur Industriegeschichte mit Kriminalgeschichten verknüpft.

Ab April ändert sich einiges im Riptide, Chris erzählte mir ja schon ausführlich, und nun sind wir gespannt, was wir erwarten dürfen. Für heute ist es klar: The Notwist hören. Uwe und ich sehen uns schon übermorgen wieder, wenn wir mit Rille Elf erstmals bei der National-Jürgens-Brauerei im Taproom auflegen, unser zweiter neuer Raum als DJs in diesem Jahr, nach dem Café Riptide im Januar. Da war mit Draußensitzen definitiv noch nichts zu wollen, aber wir bauen schon jetzt auf nächste Woche. Dann sind die Tage ja schon wieder länger als die Nächte, ab morgen nämlich, Viertel vor vier.

www.krautnick.de
Fakebook
www.rille-elf.de

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