#120 Maria Magdalena

29. Oktober 2017


Sonntag, 29. Oktober 2017

Vor zehn Jahren gab es so einige Neuerungen, Veränderungen, Anfänge: die erste Indie-Ü30-Party im hochverehrten Nexus, meine Kündigung bei einem Automobilunternehmen nach 14 Jahren so genannter Betriebszugehörigkeit und mein darauf folgender Einstieg bei einer Tageszeitung, die Eröffnung des Café Riptide und den ersten Eintrag meines Riptide-Blogs, im Oktober 2007. Leider sah der Oktober in diesem Jahr kaum Gelegenheit für mich vor, mich ins heißgeliebte Riptide zu begeben, abgesehen von einigen kurzen Stippvisiten, zum Beispiel, um das Intro herauszufischen. Dieser Oktober sah vielmehr ganz andere, gänzlich unerwartbare Erlebnisse für mich vor, nicht im Riptide, nicht in Braunschweig, nicht einmal in Deutschland, aber noch in der EU.

In Rumänien war ich zu einer Hochzeit eingeladen, aber aus Umständen heraus, die ich hier überspringe, landete ich dort in einem Krankenhaus. Mit den Ansprüchen, die ich gewohnt war, erwies sich mein erster Eindruck beinahe wie eine persönliche Beleidigung: Das mutet man als Krankenhaus seinen Patienten zu? Das erste Bett: Das Kopfteil war defekt und hing herunter, mein Kopf lag also tiefer als der Rest des Körpers. Das zweite Bett: Die Matratze war ein Schaumstoffblock, von dunklen Flüssigkeiten durchtränkt, deren Ursprung man nicht wissen wollte, und die auf eine Nutzungsdauer hindeutete, die weit über meinem Alter lag. Das Laken bedeckte diese Matratze nur unzureichend und wies vergleichsweise wenige Flecken auf, das Bett und das Kissen ebenso. An meinem Nachttisch blätterte die Farbe ab, das ganze Möbel sah ramponiert aus. Esstische gab es nicht für alle sechs Betten des Zimmers, und die, die es gab, waren bunt zusammengewürfelt und unterschiedlich defekt. Eine Pinnwand, die zur Kommunikation und Dokumentation für das Personal diente, bestand aus zerstochenen Styroporplatten. Eine Ikone an der Wand wachte über allem.

Kaum anders sah es um den Raum herum aus: Die Reling auf dem Gang war aus PVC-Rohren aus dem Baumarkt zusammengesetzt und grob an die Wand gedübelt. Kaum jede zweite Neonröhre brannte. Die Krankentransportliege ließ ihre Innereien heraushängen. Für unsere Sektion gab es genau eine Herrentoilette, und die hatte anstatt eines Sitzes zwei Haltegriffe. An der Herrendusche konnte man den Wasserstrahl nicht mehr von Hahn auf Duschkopf umlenken, und wer stattdessen die Frauendusche benutzte, die nicht weniger offene Roststellen im Becken durchblicken ließ, handelte sich Schimpf und Schande ein. Mitzubringen hatte man als Patient: Tasse, Besteck, Toilettenpapier, Handtuch, Seife. Ich war entsetzt.

Weil ich das persönlich nahm. Weil ich das aus unseren westlichen Luxuszuständen heraus bewertete. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass das alles keine Absicht war, sondern schlichtweg das Beste, was dieses Krankenhaus zu bieten hatte. Niemand gaukelte den Patienten etwas vor, alle wussten, was sie erwartete, Patienten ebenso wie Krankenschwestern und Ärzte, und alle gingen damit um. Es funktionierte. Niemand stellte Ansprüche. Außer mir, der eine bessere Matratze forderte. Weil ich dachte, man hielte mir eine vor, und nicht wusste, dass es ganz einfach keine bessere gab. Was für eine Überheblichkeit, geblendet vom Wort Krankenhaus und den westlichen Standards, die ich damit verband.

Doch ich erlebte, dass das Ganze funktionierte, obwohl es so wirkte wie in einem abandoned place, der lediglich nicht abandoned war, oder als behandele man die Patienten an einem Ort, der eine Mischung aus Museum und Müllhalde war.

„Durere?“, war eines der ersten Wörter, die ich auf Rumänisch lernte: „Schmerzen?“ Auch die Antwort lernte ich schnell: „Da“, „ja“, immer. Englisch, engleză, sprachen die wenigsten Schwestern, aber wer es konnte, gab sich alle Mühe, mit mir in dieser Sprache zu kommunizieren, zum Teil sogar per Google Translate auf dem Smartphone, während ich versuchte, mir die rudimentärsten Begriffe auf Rumänisch anzueignen. Allem voran „mulțumesc“, „danke“, das ich mir zwar nicht so recht merken konnte, aber dafür die umgangssprachliche Variante, „merci“. Das sage ich auch jetzt noch oft, zurück in Braunschweig, mit auf der Zungenspitze gerolltem R, weil es mir ins Blut überging. Und Grund zur Dankbarkeit hatte ich mannigfach.

Manche Pflegenden bezogen sich sogar explizit auf meine Herkunft. „Münster, Münster, Schwager“, raunte mir ein Pfleger auf dem Weg vom Röntgen brüderlich zu. Eine Schwester erzählte mir, dass sie erst im vergangenen Jahr ein Konzert der Sängerin Sandra gesehen hatte, und zeigte mir auf ihrem Smartphone Fotos davon. Sie sah darin eine Brücke zwischen uns, denn die deutsche Sängerin war mit einem Rumänen verheiratet, Michael Cretu nämlich. Und wie es der Geier will, war meine erste selbstgekaufte Schallplatte „Samurai (Did You Ever Dream)“ von Michael Cretu.

Schwestern und Ärzte kümmerten sich um mich wie um jeden anderen Patienten. Bisweilen hatte es den mehr als starken Eindruck, dass sie mir eben wegen der Sprachbarriere besondere Zuwendung zukommen ließen. „Are you okay?“, fragten sie, oder schlicht „bine?“, „gut?“. Meine am Band angeeigneten Italienischkenntnisse kamen mir überraschend zugute, da Rumänisch eine romanische Sprache ist und die Leute mich meistens verstanden, auch wenn das rumänische Wort anders lautet. Und ich verstand sie manchmal. „Lupi“ und „ursi“ gebe es in den transsylvanischen Bergen, sagte mir ein Mitpatient beim Blick aus dem Fenster auf die majestätische Landschaft, also Wölfe und Bären, das verstand ich.

Meine Mitpatienten und deren Angehörige ließen mir allenthalben Essen zukommen, der Sohn eines Bettnachbarn brachte mir eine Rolle Toilettenpapier mit, als er meinen Mangel wahrnahm. Am Sonntag war Familientag, das Zimmer war voll mit Angehörigen und deren Angehörigen, und alle brachten etwas mit, von dem auch für mich etwas abfiel, und tauschten sich untereinander aus, auch über ihre Schicksale. Mich begeisterte, was ich schon in Italien wahrnahm, nämlich die fehlende Kluft zwischen den Generationen, und hier auch zwischen den Schichten und zwischen überhaupt allem. Wir bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, und als jemand, der in dem Raum lag, gehörte ich einfach dazu. Ich konnte mich wenigstens gelegentlich mit Keksen revanchieren; spärlich, aber überhaupt. Diese Herzlichkeit überwältigte mich. Wir bildeten eine Einheit, Zimmer zehn.

Je besser es mir ging und je mehr ich die Umstände nicht nur akzeptierte, sondern es feierte, wie gut alles trotzdem funktionierte, weil alle es so wollen und es nicht anders geht, desto mehr war meine Seele von Leichtigkeit erfüllt und sogar offen für den Witz, der überall lauerte. Zwei meiner Zimmergenossen, etwas jünger als ich, klauten in der Urologie einen Fernsehapparat, schön klobig mit Röhre, und versuchten, aus einem aus der Wand gezuppten Koaxialkabel eine Antenne zu knoten, weil sie Fußball gucken wollten. Sie schoben Tische, Betten, Nachtschränke herum, um den Apparat so dicht wie möglich an eine Steckdose und an die Fernsehwellen zu bekommen, allein, es half nichts, der Bildschirm blieb blau. Vermutlich, weil es auch in Rumänien kein terrestrisches Fernsehen mehr gibt, was ich versuchte, zu erklären, sie aber nicht davon abhielt, es weiter zu probieren. Abends, als alle in den Betten lagen, kam eine Schwester herein und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Nein“, jammerten meine beiden Fußballfans, „der Fernseher geht nicht.“ Die Schwester lachte und verwies auf ihre Unkenntnis in solchen Dingen. Nachts kam die nächste Schwester, um nach der Befindlichkeit zu fragen, und hinter ihr stürmte eine andere das Zimmer, brüllend: „Ihr habt den Fernseher von der Urologie geklaut!“

Und wir lachten viel auf unserem Zimmer. Trotz der durere, die jeder von uns hatte. Wir unterstützten uns, wo es nur ging, und erzählten uns mit Händen und Füßen Geschichten. Und ich gehörte einfach dazu. Ganz selbstverständlich.

Den größten Kontrast hatte ich direkt auf dem Rückflug, als mir in München am Flughafen der Zugang zu einer Luxuslounge zuteil wurde. Selbstgerechte Businesstypen auf schlichten Möbeln. Lauter Solisten im Konkurrenzkampf um die besten Plätze am Trog. Ich habe nur wenige Stunden zuvor noch Menschlichkeit erlebt, so intensiv und umfassend wie kaum zuvor. Sozialismus beinahe, aus einer konkreten Not heraus geboren, das sicherlich, aber funktionierend. So ein Krankenhausaufenthalt schafft ganz gewiss andere Vorzeichen als die freie Welt draußen, daher ist mein Blick zweifelsohne einigermaßen romantisch, doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass ich es genau so erlebt und erfahren habe. Ein Lehrstück in Demut.

Dafür habe ich das Braunschweiger Filmfest verpasst. Ein guter Tausch, so sehr ich das Filmfest verehre. Aber es geht ja auch weiter hier im Riptide, mit einer Bühnenshow zu einem Malbuch etwa, „Wer malen will, muss ins Riptide gehen“, die Promoaktion zum dritten Metalcovermalbuch aus dem Verlag Andreas Reiffer, am 17. November. Bin mal gespannt, was es mit der Band Salty Ballz auf sich hat. Man beachte die Signatur auf dem Cover zum Album „Ballz Don‘t Touch“. Aufschlussreich! Jetzt aber erstmal ein bisschen Sandra hören.

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

Fakebook

Eine Reaktion zu “#120 Maria Magdalena”

  1. schepper

    moin,

    zu lange war der matze krank,
    jetzt schreibt er wieder gott sei dank.

    liebe grüße, gute bässerung und danke für diesen tiefen einblick
    in unsere gesellschaft.

    bin froh und dankbar, dass du wieder da bist.

    schepper

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