Donnerstag, 10. September 2026
Der Herbst ist da, ganz spontan. Vorgestern noch im T-Shirt draußen gesessen, bis es dunkel wurde, heute gehört schon einiges an Überzeugungskraft dazu, dass der MokkaBär-Stammtisch sich nicht ins Café Riptide hineinsetzt, sondern es noch auf dem Magnikirchplatz aushält. Henning, der als erstes unseren reservierten Tisch erreicht, entscheidet sich für draußen, ist aber auch der erste, der später zu frieren beginnt. Diese Jugend! Er ist das zweitjüngste Mitglied unserer Runde, wir beide sind die einzigen unter 60. Das mit dem Frösteln erreicht uns aber dann alle noch.
Jedenfalls schwirren Olli und ich von zwei Seiten dazu, obwohl wir zusammen starteten und uns auf dem Weg auch die abgerissene Burgpassage anguckten, weil er nämlich noch in der Bücherei für historischen Recherchenachschub sorgte und ich einen fürs Riptide neuen Nachbarn erkundete. Noch vor einiger Zeit befand sich an der Ecke der Langedammstraße 17-18 gegenüber dem ehemaligen Hochten-Gebäude die Braunschweiger Filiale der Wolfsburger Tattoo-Institution Culture Shocks von Olli Fiedler, danach etablierte sich dort Brunswick Beauty, und dort war ich noch nicht. Der Salon nutzt nicht mehr den Eingang an der Ecke, wie zuvor noch Culture Shocks, sondern verlegte den in Richtung Bilder.Rahmen.Rache. Beim Eintreten bittet mich eine Mitarbeiterin, ich möge die Chefin nebenan fragen, und stelle dabei fest, dass Brunswick Beauty zwei Eingänge hat, einander gegenüberliegend in einer Einbuchtung der Geschäftszeile. Im Nachbarraum nun sitzt die genannte Chefin Phuong-Anh an einem Naildesign-Tisch und lässt sich von ihrer Kollegin Linh über einem in die Arbeitsfläche integrierten Absauger die Fingernägel bearbeiten, beide sind maskiert.
Über meine Annahme, es quasi mit einem neuen Geschäft zu tun zu haben, lacht Phuong-Anh: „Wir sind hier seit zehn Jahren.“ Denn als das Tattoo-Studio auszog, übernahm Brunswick Beauty lediglich dessen Fläche, der andere Raum, in dem wir jetzt sitzen, beherbergte bis 2015 ein Versicherungsbüro, bevor ihn der Salon übernahm. „Es war vorher richtig versteckt“, weiß sie, „man hat nicht gesehen, dass hier was los ist.“ Was sich erheblich änderte, seit eben vor drei Jahren der Raum an der Ecke dazukam. Wie dort verlegte der Beauty-Salon auch beim vorherigen Versicherungsbüro den Eingang, und zwar weiter nach vorn, gegenüber den neuen Eingang der Bonusfläche, „das ist praktisch für uns“.
Vom Magniviertel ist Phuong-Anh begeistert: „Das ist beliebt, eine schöne Ecke.“ Indes, wie erwähnt: „Es war am Anfang schwierig, ein bisschen versteckt, die Kunden konnten uns nicht gleich finden.“ Brunswick Beauty lebt von Stammkundschaft, erzählt sie, weniger von Laufkundschaft, was sie wiederum verwundert. Aber dennoch hadert sie nicht: „Das meiste läuft über Mundpropaganda“, dann kommt auch mal „die ganze Familie nach Empfehlung hierher“. Sie betont: „Wir sind sehr zufrieden.“
Was ich soeben direkt wahrnehme, also das Nageldesign, ist längst nicht alles, was Brunswick Beauty anbietet, zudem werde ich nur eines Bruchteils der hellweißen Räume angesichtig, während ich mich mit Linh und Phuong-Anh unterhalte. Letztere zählt auf: Fuß- und Handpflege gehören zum Portfolio, Wimpernverlängerung, Wimpernlifting, Permanent Make-Up, sie lacht: „Einmal hin, alles drin!“ Auch Wellness ist im Angebot, „meistens für Frauen“. Linh arbeitet derweil mit Gerätschaften, die ich noch nie gesehen habe, an Phuong-Anhs Fingern. „Ich brauche auch schöne Nägel“, sagt die Chefin und erklärt: „Ich arbeite viel mit Kosmetik, ich brauche stabile Nägel.“ Wie praktisch, dass man das gleich im eigenen Hause erledigt bekommt. „Wir arbeiten gegenseitig“, bestätigt Phuong-Anh, „wenn man die Kolleginnen schön machen will, ist immer jemand da.“
Im Riptide indes war Phuong-Anh noch nicht: „Selten habe ich Zeit“, Haushalt und Familie fordern diese ein nach einem langen Arbeitstag. Ab und zu berichten ihr aber Kunden davon. „Es gibt so viele schöne Cafés“, weiß sie. „Eine Freundin hat gesagt: Da müssen wir sitzen und genießen, aber ich habe wenig Zeit.“ Auch jetzt nicht, Linh setzt mit einem Schleifgerät an Phuong-Anhs nächstem Fingernagel an und erzeugt feinen Staub, der sofort im Absauger landet. Da will ich nicht länger stören, verabschiede mich von den beiden und folge dem Whatsapp-Ruf von Henning und Olli, die bereits am Riptide auf mich und die anderen warten.
Vor Henning steht bereits ein Glas Minztee, vor Olli ein alkoholhaltiges Helles im Glas, mir bringt Dominik ein Wolters und versichert mir, dass der Burger und die Pommes noch folgen werden. Als wir vor einer Woche hier zusammenfanden, befanden wir uns quasi im Zentrum des Trubels, denn ringsum erfolgten die Vorbereitungen für das Magnifest, das am vergangenen Wochenende stattfand. Die letzte Bühne wird eben gerade vor Brunswick Beauty angebaut. Da hatte auch der liebe Wochenmarkt seine ebenso liebe Platznot. Gleichzeitig mit meinem Essen trifft Uwe ein, Dominik vermutet einen Cappuccino als Getränkewunsch, und Uwe lenkt ein, angesichts der herbstlichen Temperaturen könnte man ja mit einem warmen Getränk starten. Die Runde wird größer: Stefan ist der nächste, der sich zu uns setzt, dann Stoni, der uns, ganz der Heidjer, mit „na, ihr Schnuckis“ begrüßt, und sogar Dirk, der selten, aber gern dabei ist. Einige andere sind zurzeit noch im Urlaub oder als Oma-Au-Pair in der Weltgeschichte unterwegs. Bei einigen am Tisch stehen Ausflüge noch an: Olli nach Cuxhaven, Stoni nach Fehmarn, Dirk nach Grömitz.
Für Stoni steht ein Oldtimer-Treffen auf dem Programm, er selbst fährt einen Opel GT. Das Gefährt war auch der Grund, wie MokkaBär-Chef Ollo und er sich seinerzeit kennenlernten. Verwundert berichtet er, dass bei der letzten Veranstaltung der genannten Art nicht das älteste Auto, sondern der älteste Teilnehmer gekürt wurde, mit über 80 Jahren, und Stefan zuckt die Schultern: „Ja – halt ein Oldtimer-Treffen.“
In der Nähe von Grömitz waren Andrea und ich kürzlich, und zwar in Scharbeutz, das genau so langweilig war, wie wir es uns wünschten, denn wir hatten ein Appartement mit Blick auf die Seebrücke und damit mehr Meer als zu Hause, und mehr brauchten wir auch gar nicht. So langweilig war es dann aber auch wieder nicht: An einem Abend fand eine Art Salsa-Kurs statt, offenbar veranstaltet vom Restaurant Grande, mit einer mikrofonverstärkten Vortänzerin, die zu chilliger Musik den aufgereihten Teilnehmenden jeden Alters die Schritte vormachte, was dann in der gemeinsamen Umsetzung beinahe wie ein Flashmob aussah. Auch ohne selbst daran teilzunehmen, hatten wir Spaß, zumal ich dadurch den Song „Jerusalema“ von Master KG für mich entdeckte, der offenbar in TikTok-Kreisen vor einigen Jahren viral ging und mich gar nicht erreichte, obwohl ich mich ja nun auch in Social Media bewege, wenn auch nicht in dem genannten Netzwerk. Eine Woche später richtete die Gemeinde eine weitere musikalische Besonderheit aus, nämlich eine Silent Disco. Dafür verteilte man Kopfhörer für die Leute, die am Strand zu DJ-Musik tanzen wollten. Die Dämmerung setzte ein, es war enorm windig, die Ostsee brauste erheblich, aber der sandige Dancefloor war voll. Zwischen drei verschiedenen Kanälen konnten die Tanzenden wählen, für Außenstehende sichtbar an der Farbe, in der die Kopfhörer leuchteten, nämlich blau, rot oder grün. Lustig war, dass einer der Kanäle mit Schlagern bestückt wurde, und alle Tanzenden, die diesen Kanal gewählt hatten, sangen die Hits lautstark mit. Von wegen silent also, aber enorm ansteckend du unterhaltsam, abermals auch dann, wenn man nur mit einem Bier in der Hand zuguckte. Also, von wegen langweilig!
Auch gönnten Andrea und ich uns einen Ausflug nach Magdeburg in den Zoo, einen Tag, bevor die Landtagswahl solch katastrophale Ergebnisse abwarf. Für Andrea als Vegetarierin kommen Zoos an sich nicht in Frage, aber da sie ein großes Herz für Elefanten hat, ließ sie sich auf den Kompromiss ein. Zumal wir im Internet verfolgten, wie am 6. August erstmals ein Elefantennachwuchs im Magdeburger Zoo zu verzeichnen war. Wir fielen sofort mit dem kleinen Kalb in Liebe und wollten es uns dringend aus der Nähe ansehen. Wohin sich das Mädchen und seine Mutter Sweni auch bewegten, wir folgten, und wir verfolgten, wie es kletterte, spielte, tobte, futterte, immer unter den wachsamen Augen der Mutter. Bis es sogar im Stroh einschlief. Selbst dann wichen wir nicht ihm von der Seite. Abgesehen von einigen Affen, den Giraffen und den Pinguinen guckten wir uns keine anderen Gehege an – und verbrachten zu unserer eigenen Überraschung satte vier Stunden im Zoo.
Man überließ es der Bevölkerung, einen Namen für das Magdeburger Elefantenmädchen zu wählen, und gab drei Optionen zur Auswahl: Edda, nach dem nahezu gleichzeitig geborenen Kind eines Elefantenpflegers, Mauritia, nach dem Schutzheiligen des Magdeburger Doms, und Mandisa, was auf Xhosa „die Süße“ heißt. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, vorhin enthüllte der Zoo, dass sich Edda sauknapp gegen Mandisa durchsetzte, und zwar mit 7533 zu 7510 Stimmen, während auf Mauritia nur 1228 fielen. Andrea und ich hatten mit abgestimmt, beide für Edda, und fühlen uns nun wie glückliche Familienangehörige der kleinen Elefantin.
„Der Elefant ist jetzt blau“, meint Henning nüchtern. Leider nicht wie der aus der Sendung mit der Maus. Henning und Stefan sahen Elefantenkinder in Afrika, Henning in Namibia, Stefan in Sambia. Natürlich auch die großen, und Stefan erzählt, dass es ratsam ist, sich dezent zu entfernen, sobald ein Elefantenbulle sauer wird, weil gegen einen solchen auch ein Jeep kein ausreichender Schutz wäre. Als ich noch in Wolfsburg bei der Zeitung WAZ arbeitete, hatte ich einmal den Auftrag, über einen Zirkus zu berichten, und in diesem Zuge direkten Rüsselkontakt mit dessen Elefanten. Das vergesse ich nie, so beeindruckend war das. Das wäre glatt ein Grund, sich mal nach Afrika aufzumachen. Immerhin, Andrea und ich lasen jüngst „Der weiße Knochen“ von Barbara Gowdy, einen Roman, der aus der Sicht von Elefanten geschrieben ist, zwar teils leicht anthropomorph, aber – was wir auch im Magdeburger Zoo nachlasen – so gut recherchiert, dass man einen realistischen Eindruck der elefantischen Familienstrukturen und Verhaltensweisen erhielt. Ein grausames Buch, aber eines, das sehr zu Herzen geht.
„Der weiße Knochen“ war eine Empfehlung, die Hardy mir vor einem Jahr gab, bei unserem letzten oder vorletzten Treffen. Und kurz nachdem er mir die Elefantenfiguren aus dem Nachlass seines Vaters überreichte, damit sie sich in die Herde von Andrea einreihten. Vergangene Woche hätte er Geburtstag gehabt. Er fehlt. Seinen Part beim Krimifestival übernimmt dieses Mal Roland Kremer, der am 29. Oktober um 18 Uhr im Augustinum aus Hardys letztem Thriller „Der Bootsmann“ liest.
Wie aufs Stichwort tritt Hardys Co-Autor Marc alias Till an unseren Tisch, an dem auch Riptide-Chef Chris lehnt und mit uns schnackt. Marc trägt ein Shirt der Wolfsburger Thrash-Metal-Helden Protector, was Chris von einem Festival in der Braunschweiger Eishalle Ende der Achtziger schwärmen lässt, und zu unser aller Verwunderung zählt er aus dem Stand sämtliche weitere Teilnehmer auf, darunter Kreator, Tankard und Raven. Nach einigen Fachsimpeleien trennen sich die beiden wieder von uns, Marc ist in Barnabys Blues Bar verabredet, Chris erhält einen geschäftlichen Anruf. Allzu lang sitzen wir aber auch nicht mehr hier, uns fröstelt inzwischen dann doch zu sehr.
Wir begleichen unsere Rechnungen im Café bei Dennis, Olli und ich inklusive Turmgeist auf Hardy. Vor einer Woche entdeckte ich dort „Thank You“ auf der Theke, das erste Solo-Album eines ehemaligen Mitglieds der Beastie Boys, Mike D nämlich, und nahm es sofort mit. Was ich Chris noch erzählen wollte, war, dass ich bei meinem Freund Noge in Ravensburg „Überflieger nach vorn“ von Die L.P. erwarb, auf LP natürlich, von der mir Chris vor einem Jahr erzählte, weil deren Ex-Mitglied Kareem beim Street-Art-Festival „Hola Utopia!“ involviert war. Nicht leicht zu googeln, aber Die L.P. steht für Die lyrische Präsenz, das ist schon individueller. Lustig, die Braunschweiger Hip-Hop-Crew droppt auf dem Album meine Postleitzahl. Außerdem liegen Flyer aus für die Veranstaltung mit dem so einprägsamen wie ausdrucksstarken Titel „8. Regionales Musikfest“, in dessen Rahmen als eine von 21 Spielstätten auch das Riptide eine Bühne bietet, von 14 bis 21.30 Uhr für ein halbes Dutzend Bands. Außerdem weist mich ein Plakat darauf hin, das Marcel Pollex wieder im Riptide liest, und zwar am 1. Oktober. Und nun: ab in den Herbst!
