#06 Frisch gebacken

Es riecht nach frisch Gebackenem im Café Riptide. André und Chris haben ihr Angebot erweitert. Veganer-Schoko-Muffins gibt es jetzt, und auch Cookies, „Kekse, auf Deutsch“, grinst André, in gleich zwei Sorten, nämlich Triple-Chocolate und normale Schokolade. Auch das Bagel-Angebot ist um zwei Sorten gewachsen: Kürbiskern und Sesam sowie „everything“ mit Mohn, Sesam, Zwiebeln und Kräutern. Die Krönung dann ist der Breakfast-Muffin mit Rosinen, Karotten und Kürbiskernen. „Der ist sehr lecker“, findet André. Und ersetzt zudem ein ganzes Frühstück. Seit einiger Zeit gibt’s auch Smoothies und Frappé im Café. „Die machen wir selber“, sagt André, „aus echten Früchten und mit einem bisschen Zaubern.“

„Ein Kirsch-Crêpe“, bestellt Serge vom Antiquitäten-Laden nebenan. „Hab ich mir fast gedacht“, sagt André. Für Serge hat er einen Bringdienst-Service eingerichtet. „Ich mach den Crêpe fertig und bringe ihn dir rüber.“

Neu im Raum sind zwei Vitrinen, eine direkt neben der Eingangstür und eine in der Vinyl-Ecke. In beiden werden Buttons feilgeboten. Einmal aus Stoff von Audrey unter dem Namen „Fadenmut“, einmal aus Fimo-Knete von „Blood And Mary“.

Gestern war Chris in Hamburg, um für den Online-Radio-Sender Byte.FM eine Sendung aufzunehmen. Ruben Jonas Schnell, der auch bei NDR Info moderiert, gründete diesen Sender. „Der ist ein Großer in der Medienlandschaft“, erklärt Chris. „Das ist für uns eine Riesen-Ehre.“ Sogar Marcus Wiebusch von Kettcar hat da eine Sendung. „Die komplette Kultur-Prominenz moderiert bei Byte.FM.“ Am 10. Mai um 17 Uhr wird die gestern aufgenommene „Mixtape“-Episode gesendet. „In der Sendung stellt er immer musikalische Projekte vor“, sagt Chris. Eine Stunde lang durfte Chris Musik machen und Moderator Schnell Rede und Antwort stehen. „Der fragt so geschickt, dass man nur entspannt und souverän Antworten kann, auch wenn man keine Erfahrungen hat.“ Byte.FM kann man im Internet empfangen, aber auch mit bestimmten Geräten, über W-LAN oder an die Anlage angeschlossen.

Nach dem Byte.FM-Abenteuer besuchten er und André, der nachgereist kam, das Billy-Bragg-Konzert in Hamburg. „Das war wie früher“, schwärmt Chris, „nur er und die Gitarre – ich hatte eine Gänsehaut das ganze Konzert über.“ Bragg, so Chris, spiele neun von zehn Konzerten als Benefiz. „Er macht’s genau richtig, er ist politisch auf der richtigen Seite.“ Und nicht nur das: „Bragg bewegt die Massen, obwohl er nie kommerziell in Erscheinung tritt.“ Das neue Album „Mr. Love And Justice“ gibt’s auch im Laden, sogar als limitierte Doppel-CD. „Die LP bekommen wir demnächst auch rein.“

Ein Paket mit LPs kommt vom Hermes-Versand. Rainer liefert es aus, André soll auf dem Hand-Gerät unterschreiben. „Wir haben seit einer Woche ein neues, das ist auch besser als das alte“, erzählt Rainer. „Kommt das vor, dass mal einer mit einem Kugelschreiber auf dem Display unterschreibt?“, fragt André. Rainer bejaht, „aber auf dem Display kann man das gut wegwischen.“ Einige Metal-Vinyls sind mitgekommen. „Ich bin ja ein Kind der 80er“, sagt Chris. Mit solcher Musik ist er aufgewachsen, „Slayer hat mein Leben verändert.“ Verständlich. „Ich muss immer lachen, wenn ich im Radio höre: ‚Dortmund. Zehntausend Metaller gehen auf die Straße’“, wenn die IG Metall demonstriert. „Der Witz lutscht sich für mich auch nie aus – ich stelle mir das dann immer bildhaft vor, zehntausend Langhaarige in Kutten.“

Die Hintergrundmusik ist wieder bunt gemischt. Im Repertoire tauchen immer wieder The Chameleons auf. „‚Script Of The Bridge’ ist eine großartige Platte aus dem Jahr 1983“, sagt Chris. Er kommt ins Grübeln und stutzt kurz. „Die Hälfte der Leute, die ich heute kenne, waren 1983 noch nicht auf der Welt.“ Beim nächsten Lied überlegt Sabrina, die gerade ihren Kaffee bezahlen will, kurz und fragt dann: „Ist das France Gall?“ Es ist. „Ich habe gelesen, dass die besser geworden sein soll, so bin ich auf sie gekommen.“ Die Schlager der Gallierin fand Sabrina doof. „‚Der Computer Nr. 3’ war albern, ‚Ella elle l’a’ ist besser.“ Schlager zu mögen findet sie an sich jedoch nicht schlimm: „Jeder hat seine dunklen Seiten.“ Und sollte dazu stehen. „Ich finde Gérard Depardieu sexy“, gesteht sie. „Ich finde es mutig, diesen Scheiß-Körper im knappen Tiger-Tanga zur Schau zu stellen.“ Zum Thema besser geworden fällt ihr noch Peter Maffay ein. „Früher Schlager, heute ernstzunehmend“, meint Sabrina. „‚Begegnungen’ ist toll, der macht jetzt viel für den Nachwuchs.“

Der neuen LP von The B-52’s, „Funplex“, liegt das komplette Album auch als CD bei. „Das machen viele“, sagt Chris. „REM auch, aber da kostet die LP auch gleich 39 Euro.“ Auch Shellac haben das schon gemacht. „Und Jason Molina, aber da gibt’s die CDs separat gar nicht, wenn du die haben willst, musst du dir die LPs kaufen.“ Ein schönes Statement. „Naja, die CD kostet ja nix in der Herstellung.“

Sebastian hat Rise Against im Internet-Radio gehört und möchte von Chris mehr über die Band wissen. Chris gibt Auskunft, Sebastian will in die Alben reinhören. Er wohnt zwar schon lange in Braunschweig, kommt aber aus Adenbüttel. „Mitten aus der Büttelei.“ Der Begriff hat sich für die ganzen –büttel-Dörfer im Südkreis Gifhorn mittlerweile durchgesetzt. „Das Wort findest du sogar auf Wikipedia“, erzählt Sebastian. Als er dort einmal etwas suchen wollte, war sein Nachbardorf Rethen Artikel des Tages. Darüber wunderte er sich und guckte gleich mal nach Adenbüttel. „Unsere Jugendfeuerwehr hat schon viele Erfolge gefeiert“, sagt er. Er findet Wikipedia gut, nur nicht die selbstherrlichen Verbesserer. „‚Irrelevant’ ist da von vielen das Lieblingswort“, beklagt er sich. „Je länger du dabei bist und je mehr du beiträgst, desto mehr Macht hast du da.“ Für Rise Against will er noch mal wiederkommen.

André streift herum, kippt Plattenstapel zurück, legt den Kopfhörer am CD-Player an seinen richtigen Platz und räumt einen Tisch ab. Die Sonne scheint durch die Passage ins Café. „Bald können wir wieder draußen sitzen“, sagt Chris. Er hat auch schon Pläne für die Draußen-Zeit. André verschwindet in der Küche. „Ich backe mal ein paar Bagels.“

van Bauseneick
www.krautnick.de

1 Kommentare

  1. Das ist ja schön.
    Ich bin begeistert von eurem Laden in der netten Gasse und rühr für euch kräftig die Werbetrommel. Ehrensache. m

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