#41 Erkeltet

22. März 2011


Dienstag, 22. März

Ein freier Tag wie dieser, das ist der richtige Tag für ein Frühstück mit Freunden. Eines, bei dem die Zeit keine Rolle spielt. Eines mit Brötchen und Croissants, Apfelgelee und Geflügelwurst, Kaffee und Ideen. Etwa der Idee, seinen freien Tag nach erfolgter Sättigung in der Stadt zu verbringen. Seit gestern ist Frühling, und das, was der Tag uns bietet, entspricht sehr genau dem Kalender. Wir schlendern in der Stadt herum, bis wir völlig zufällig Raute Records erreichen. „Ich hab Meddle für dich da“, sagt Uwe zum Gruß. Metal? Hab ich doch letztes Mal erst einiges mitgenommen. „Nein, Meddle, mit Doppel-D.“ Ah, das Pink-Floyd-Album! Bevor ich das aus dem Fach hole, stöbere ich in den anderen Fächern herum. Wir sind nicht die einzigen Kunden, und einer von ihnen ist schneller als ich: Er legt sich die Meddle auf seinen Stapel der zu erwerbenden Platten. Macht nichts, zu Raute komme ich ohnehin immer gerne, da ist die Suche nach Meddle ein schöner weiterer Grund. Wir müssen gehen, Uwe schickt uns einen Slogan hinterher: „Wir sind nicht die Besten in dem, was wir tun, aber wir sind die Einzigen, die das machen, was wir machen.“

In der warmen Sonne trennen wir Freunde uns nun, ich gehe alleine in den Handelsweg. Bei Comiculture nehme ich mir drei Lucky-Luke-Bände mit. Bislang habe ich von dem zwar einige Bücher gelesen, aber nie den Drang zum Sammeln gehabt. Mir war das mit der Nummerierung immer zu unübersichtlich, genau wie bei Gaston. Aber da ich zurzeit recht viel Spaß habe, abwechselnd das Geo-Epoche-Heft „Kelten“ und Asterix-Bücher zu lesen, greife ich bei dem ebenfalls vom Gespann Morris und Goscinny stammenden Herrn Luke zu. Mein Plan sieht vor, gleich nebenan im Achteck sitzend zu schmökern.

Der Plan geht auf, und zwar so was von. Es ist still am Dienstagnachmittag. Das neue Intro mit der grellen Aufschrift „Techno“ ist da. André auch, er nimmt meine Bestellung entgegen, eine Club Mate Cola. Dabei erzählt er mir vom Bosse-Akustik-Gig, der demnächst im Riptide stattfindet, und von der fabelhaften Ehre, 1000 Robota anlässlich der Sound-On-Screen-Vorführung von deren Film live da zu haben. Buback, das Label der 1000 Robota, ist ja ohnehin zurzeit in aller Munde. À propos: Ich habe mir den Hinweis zu Herzen genommen, dass Justin Hoffmann, Leiter des Kunstvereins Wolfsburg, in dem am 31. März eine Buback-Ausstellung inklusive eines Konzertes von 3 Normal Beatles startet, sehr wohl noch aktives Mitglied der Band F.S.K. ist. Ich habe ihn darauf angesprochen. „Das mache ich schon noch nebenbei, das zweite Leben“, sagte er daraufhin. „Muss schon zusammen gehen, die anderen bei FSK haben auch ihre Berufe.“

Draußen im Achteck steht erstaunlicherweise nur ein einziger Tisch, an den sich Gäste setzen können, und er ist auch noch frei. Bei dem herrlichen Wetter hatte ich ein anderes Bild erwartet. Drei verwitterte Stühle umrunden diesen Tisch. Auf ihnen liegen schwarze Decken mit weißer Aufschrift, von der in einem Falle nur „skane sbier“ zu lesen ist. „Wir werden für die Draußen-Saison wieder aller herrichten“, sagt André, während er die benutzten Gläser vom Tisch räumt und den vollen Aschenbecher auf sein Tablett stapelt. „Und die Festival-Saison beginnt.“ Beim Immergut sei klar, dass das Riptide einen Stand aufbaue. „Das Immergut könnte größer werden, das machen sie aber nicht, und das macht auch den Charme ein bisschen aus.“

Ich lehne mich in den Stuhl und blättere „Das Greenhorn“ auf, in jeder Zählung die Nummer 16. Die Sonne schafft den Weg um die Bögen oberhalb des Achtecks herum leider nicht, dafür steht sie noch zu tief. Aber man spürt ihre kraftvollen Bemühungen. Der Wind immerhin kriegt nämlich die Kurve und ist nicht zu kühl. Er lässt die Blätter der Bambus- und sonstigen Büsche zittern, die ringsum im Achteck stehen. Die eine Kastanie treibt grüne Spitzen aus. In dem Buschtopf neben dem Eingang steckt ein kleines ausgeblichenes Windrad. Es zu bewegen, fehlt dem Wind die Kraft. Nur der Busch hinter dem Windrad zittert leicht. Auf der anderen Seite der Eingangstür steht ein weiterer Tisch, doch nur für die schwarze Sturmlampe, in der eine Kerze flackert. Die ist bei dem für diese Gegend ungewöhnlich hellen Licht kaum zu sehen. Die Ölfackeln vor dem Café und der Lounge brennen nicht. Über dem Speisekartenkasten am Eingang prangt ein grünes Plakat mit der Aufschrift „Frühlings-Allerlei“, dem Namen der Suppe der Woche, an der hellgelben Achteckwand. An der klebt so einiges: Das Plakat zum Film „Der ganz große Traum“, diverse Band-Poster, von Adele über Interpol bis Iron And Wine, und Ankündigungen der nächsten Sound-On-Screen-Beiträge. Die sind auch auf dem Aufsteller zu lesen, der mitten im Achteck steht. Vor der Einraum-Galerie lehnt ein Fahrrad. An der einen verschlossenen Tür auf der Seite mit der Lounge lehnen zwei weitere Fahrräder, hinter ihnen auf der Tür steht mit Kreide geschrieben „Es ist kompliziert“. Eine grüne Sonnenplane spannt sich zwischen dem Balkon und der Lounge. Den Übergang von der Lounge zu Piou bildet ein Elektroschaltkasten, über dem Napoleon wacht. Vorher stand da noch ein Clown auf dem Kasten. Aus dem Piou-Laden dringt wahres Blitzlichtgewitter.

Im Vorbeigehen stellt André einen leeren Aschenbecher auf den Tisch zwischen Speisekarte, Kerze mit Papiertüte und Zuckerstreuer. Hin und wieder passieren Passanten die Passage, einige kehren in die Lounge oder ins Café ein. Es ist ruhig. Jennifer und Tanja von Piou stehen nebeneinander vor ihrem Laden und stülpen sich Papiertüten über den Kopf. Sie folgen den Anweisungen einer Fotografin, von der also das Blitzlichtgewitter stammte. Die Fotografin fordert sie auf, bei drei zu springen, und zählt bis drei. Jennifer und Tanja springen blind. Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen der Fotografin, denn sie gibt die Anweisung zum Sprung immer wieder. „Eins, zwei, drei, springt.“ Den beiden Bepapiertüteten ist nicht klar, ob auf drei oder bei drei und dann, und so springen Tanja und Jennifer zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Ein weißer Mops kommt aus dem Laden, schnüffelt an mir und verschwindet im Riptide. „Eins, zwei, drei, springt.“ Das ist für den Mops von deutlich größerem Interesse als das Café. Auf dasselbe Kommando stellt er sich vor Tanja und Jennifer auf die Hinterbeine und bellt. Das macht sich auf dem Foto bestimmt gut. „Für uns, fürs Internet“ seien die Fotos bestimmt, sagt Jennifer. Das werde ich mir anschauen. „Lala“, ruft die Assistentin der Fotografin und meint damit den Mops.

Weitere Gäste wollen wie ich draußen sitzen. André nimmt das Sturmlicht von dem zweiten Tisch im Achteck, stellt den Tisch etwas von der Wand ab und die zwei Stühle von meinem Tisch dazu. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass hinter mir an dem Fernseher, dem großen Café-Fenster, jemand sitzt. Radfahrer rollen gemächlich durch die Passage. „Wir möchten auch draußen sitzen“, sagen die nächsten Gäste, gehen ins Café und fragen André nach Gelegenheiten dazu. Der kommt heraus, stellt die beiden Fahrräder etwas beiseite und schließt die Tür auf. Dem Raum dahinter entnimmt er Stühle. „Können wir dir helfen?“, fragt der Gast. André lächelt und sagt: „Geht rein zur Musik und guckt, was es Neues gibt.“ Der Angesprochene nickt und sagt zu seiner Begleiterin: „Ich geh rein zur Musik und gucke, was es Neues gibt.“ Er geht rein zur Musik und guckt, was es Neues gibt. Derweil hat André die Lagertür geschlossen und holt einen der Café-Tische heraus. Die Gäste sind glücklich, bedanken sich und freuen sich über die Blumen, die mit dem guten Tisch nach draußen kamen. Für die nächsten zwei Draußen-Gäste holt André gleich Tische und Stühle aus dem Café nach draußen. Die Gäste wissen den Service zu schätzen und sind dankbar.

Meine Cola ist alle, das Heft habe ich durch. Die Sonne sinkt irgendwo hinter dem Haus, die Temperatur des Windes nimmt ab. Zeit, zu gehen. Schöner kann ich mir einen freien Tag im frischen Frühling nicht vorstellen. Ein Eis auf den Weg?


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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