#42 Die Antwort auf die Frage nach dem Soundtrack für den Frühling

18. April 2011


Montag, 18. April

Die Nadel setzt auf. Eine dünne Keyboardfanfare ertönt, die zunächst an ein Kinderlied erinnert. Ein Bass umspielt die Fanfare alsbald. Und dann geht der treibende Rock los. Erstaunlich, bedenkt man den Sound der Band auf den Alben davor. Die Fanfare findet sich kurz darauf von einer E-Gitarre gespielt im Refrain wieder. „Money Don’t Lie“ eröffnet das Album „Nights In France“ von Flash And The Pan. Das Stück war 1987 eine von drei Singles, die die Australier aus ihrem fünften Album auskoppelten. „Manfred, lüge nicht“, könnte man es übersetzen, analog zu „Manfred für gar nichts“ von Dire Straits, „Manfred ist nicht unser Gott“ von Killing Joke und dem schlicht „Manfred“ betitelten Hit von Pink Floyd.

À propos Pink Floyd. Auch dieses Mal habe ich bei Raute Records Pech oder, wie Uwe meint, Glück: „Die ‚Meddle’ ist vergriffen.“ So lange er das Pink-Floyd-Album, das einzige, an dem ich neben einer Best-Of interessiert bin, bei ihm nicht bekomme, habe er die Sicherheit, dass ich ihm als Kunde erhalten bleibe, meint er. Wir wissen beide, dass es nicht an der „Meddle“ hängt. So entdecke ich bei ihm den Jellybean Remix von „Jet Set“ von Alphaville und „The Best Disco (In The World)“, die vierte Maxi von Bruce & Bongo, dem englischen Duo mit „Geil“. Außerdem nehme ich „Caverna Magica“ von Andreas Vollenweider mit. Uwe ist besänftigt: „Dafür erzähle ich auch keinem, dass du Bruce & Bongo hörst.“

Und Flash And The Pan, aber das weiß Uwe noch gar nicht. Kennen gelernt habe ich die Band 1985, als ein Betreuer bei der Konfa-Freizeit das Titellied des vierten Albums „Early Morning Wake Up Call“ in der Maxi-Version auf Kassette dudeln ließ, direkt in Kombination mit „Tainted Love/Where Did Our Love Go“ von Soft Cell. Zusammen waren das herrliche 16 Minuten Achtziger-Jahre-Musik, und nicht nur rückblickend die schönsten 16 Minuten der gesamten Freizeit überhaupt. Zwei Jahre später, zu einer Zeit, als es für mich noch Ostergeschenke gab, ließ ich mir „Nights In France“ zu Ostern schenken. Ich entdeckte die LP zwischen der Schrankwand im Gelsenkirchener Barock und der Zimmerwand. Ich legte die LP in meinem Presspappejugendzimmer auf meiner vom Konfirmationsgeld gekauften Billig-Stereoanlage auf. Als erstes erklang „Money Don’t Lie“. Das Fenster war weit offen, unser Grundstück grenzte an einen Acker. Über dem trällerten Lerchen. Die Luft war frühlingswarm, es dominierten die Farben blau, grün und gelb. Für mich ist seitdem „Nights In France“ ein Frühlingsbote, wie es auch Einbecker Mai-Urbock und Spargel sind.

Heute ist genau so ein Tag. Zu warm für eine Jacke, doch zu kühler Wind, um auf sie zu verzichten. In der Sonne sitzen geht aber, etwa im Achteck vorm Riptide. Das tun die Gäste dort auch. Nicht nur die, André hat an einem der Tische eine Besprechung. So ist Franzi heute zunächst allein für alles zuständig. Alles umfasst Bestellungen entgegennehmen, Abrechnungen machen, Getränke und Speisen zubereiten, Anrufer auf das Ende von Andrés Besprechung vertrösten und Gäste bedienen. Im Riptide hält sich niemand auf, um etwas zu verköstigen. Wer sich im Café aufhält, bestellt, bezahlt oder blättert in den Platten herum. „Sucht ihr gerade eine Aushilfe?“, fragt Eve, als sie bei Franzi die Rechung begleicht. Die stutzt und bestätigt: „Ja, wir suchen gerade eine Aushilfe.“ Franzi schreibt sich Eves Telefonnummer auf und verspricht, sie an Chris weiterzureichen, der gerade nicht da ist. „Keine Ahnung, ob Chris schon Bewerbungsgespräche geführt hat“, sagt Franzi. Eve hat Erfahrungen im Kellnern: „Ich habe sieben Jahre im Merz gearbeitet – ich weiß noch, wie man Tabletts trägt“, sagt sie und winkelt die rechte Hand über ihrem Kopf an, als trüge sie eines. Franzi fragt Eve nach ihrer Stempelkarte. „Sowas habt ihr auch?“, fragt Eve zurück. Franzi nickt und zeigt auf das Fach mit den Stempelkarten auf dem Tresen. „Für alle Heißgetränke gibt es einen Stempel.“ Eve blickt auf die Karten und guckt in ihrem Portemonnaie nach. „Die kommen mir bekannt vor“, sagt sie und befördert allerlei Stempelkarten ans Licht, nur keine vom Riptide. Haben möchte sie aber doch keine: „Die vergesse ich nur.“ Sie verabschiedet sich. Franzi ist seit Dezember 2009 im Riptide, getroffen habe ich sie aber noch nie. „Vorher war ich überall, auch fünf Jahre im Merz“, erzählt sie und bringt Kunden im Achteck Getränke.

Auf das wuchtige „Money Don’t Lie“ folgt eine Ballade, das Titellied des Albums „Nights In France“. Eine Harmonika unterstreicht den Frankreichsound, wie ihn sich Australier vorstellen. Der Sänger nuschelt von Straßencafés. Wer auch immer der Sänger ist. Über Flash And The Pan erfährt man kaum mehr, als dass Harry Vanda und George Young die einzigen Mitglieder sind. Die waren vorher bei den Easybeats, von denen „Friday On My Mind“ stammt, der Song, der Gary Moore später, nun, unsterblich gemacht hat. Außerdem haben die beiden vieles von AC/DC und John Paul Young produziert. Kein Wunder: Der Nachname Young taucht in der Konstellation gleich viermal auf. Es sind Brüder. Der Song „Nights In France“ wird in seinem Verlaufe zum hymnischen Rocker. Der Gesang endet in der Mitte des Stücks, den Part übernimmt dann eine Mundharmonika. Das Schlagzeug rührt den Beat dazu.

Einen schwarzblauen Flyer faltet Jan zusammen, als er zum Bezahlen an die Theke kommt. Aufmerksame Betrachter könnten auf dem Flyer einen Affen entdecken, Potts Logo. Der Flyer wirbt für den Poetry Slam und den Kingking Shop, beides von Pott initiiert. „Den Shop kenne ich noch nicht, aber den Poetry Slam“, sagt Jan. „Ich vergesse nur immer, rechtzeitig Karten zu besorgen.“ Also wendet er sich an Franzi und ordert drei Karten für den Poetry Slam am 7. Mai in der Neustadtmühle. Außerdem wollen er und sein Begleiter Jan-Niklas ihre Getränkerechnungen begleichen. Doch können die Slam-Karten nicht mit der EC-Karte bezahlt werden, wie Franzi bedauert. „Aber ich kann sie euch zurücklegen“, bietet sie an. Jan ist dankbar dafür: „Dann holen wir sie morgen ab und zahlen jetzt die Getränke.“ Eine Stempelkarte hat Jan, Jan-Niklas noch nicht. „Zum Shop können wir jetzt ja hin“, schlägt Jan seinem Begleiter vor. „Mit der Tram, zwei Stationen – das geht sogar zu Fuß.“ Zum Abschied gebe ich ihnen Grüße für Pott mit.

Sobald die Mundharmonika verklungen ist, ertönen ein Hi-Hat, ein Bass und eine funky gezupfte Gitarre, die fast wie eine Bontempiorgel klingt. Der Bass gibt den Groove vor, den das Schlagzeug aufnimmt. Der brummelnde Sänger sagt kurz den Titel: „Ayla“. Ein Chor nimmt ihn auf. Das Stück erinnert von der Struktur noch am ehesten an den Hit „Early Morning Wake Up Call“, ist aber in seiner Tanzbarkeit rockiger. Für mich schwebt da auch noch ein anderer Unterton mit: Als ich „Es“ von Stephen King gelesen habe, lief immer ein und dieselbe Kassette. „Ayla“ war auch darauf. Aus dem Stand kann ich nicht sagen, was noch auf der Kassette war; es funktioniert umgekehrt: Sobald eines der Stücke erklingt, beschleicht mich das damalige Teenager-Gruselbuch-Gefühl. Ich mochte King nie, bis heute, aber die Stimmung von „Es“ ist in Songs wie „Ayla“ enthalten geblieben. Gerd Alzen, mein damaliger Lieblingsmoderator, hat in seiner Sendung „Maxis maximal“ im Anschluss an „Ayla“ den älteren Flash-And-The-Pan-Song „Waiting For A Train“ gespielt, das folgte auf der Kassette, so viel weiß ich noch. Und „Waiting For A Train“ ist ganz anders, die ersten drei Alben sind versponnener, verspielter Artpop. „Walking In The Rain“ vom selbstbetitelten Debüt etwa hat damals sogar Grace Jones gefallen. Erst auf „Early Morning Wake Up Call“ dominierten die Popstrukturen, die auf „Nights In France“ unter einer Bluesrockschicht verschwanden. Einige Jahre später erschien mit „Burning Up The Night“ das sechste und letzte Album von Flash And The Pan – und das schlechteste. Erschreckend uninspirierter Plastikpoprock. Davon ist bei „Ayla“ gottlob noch nichts zu fürchten. Das Video zu dem Song, der ersten Single des Albums, lief damals sogar im Musikfernsehen, also bei „Formel eins“ und „Ronny’s Popshow.“ Das funky Gitarrenlick und der „Ayla“-Chor können sich leicht ins Gedächtnis bohren.

Vor der Theke steht eine Kiste mit Record-Store-Day-Vinyl, 7“ und 12“. Links und rechts auf der Theke stapeln sich die Boxen: von Joy Division und New Order, von Autechre und F.S.K., von Paul Weller und vielen anderen. Zwei Drei-Fragezeichen-Kassetten und die begehrten Quartettspiele ergänzen das Tresen-Ensemble. Die Drei Fragezeichen finden sich auch bei den Schallplatten wieder: Folge elf, „Das Gespensterschloss“, gibt es als Wiederveröffentlichung zwischen den musikalischen Neuheiten. André hat seine Besprechung beendet, umrundet die Theke und begrüßt Micha, der mit ein paar Postern unterm Arm bei André eine Hausmarke bestellt. Der hantiert an der Espressomaschine herum und holt aus dem Eingeweiden des Apparats ein großes Plastikteil hervor, das er als „Backbone“, „Rückgrat“, bezeichnet, „weil du’s so rausgreifst“. Weil er nur eine Hand frei hat, bittet er Micha, die Hausmarke-Flasche selber festzuhalten, die er ihm auf den Tresen stellt. Mit der freien Hand öffnet André die Flasche und lässt den Kronkorken in den Kronkorkenbehälter fallen. Micha erzählt, dass er den Film „Ohne Limit“ im Kino gesehen hat. Das sagt mir nichts. „Der handelt vom einem Loser, der eine Schreibblockade hat“, sagt Micha. „Er trifft einen Kumpel von früher und wirft eine Droge ein, mit der er plötzlich nicht mehr nur 20 Prozent seines Gehirns nutzt, sondern 100 Prozent, sogar 150 Prozent.“ Der Typ habe danach Sprachen in drei Tagen erlernen können. „Aber wie immer bei Drogen, hat die Nebenwirkungen“, sagt Micha. „Der Film ist gut, bis auf das Ende, aber visuell ganz gelungen.“ Der letzte Film, den ich gesehen habe, war „Paul“ mit Simon Pegg und Nick Frost, der bei weitem nicht so gut ist wie „Shaun Of The Dead“ und „Hot Fuzz“. „Paul“ ist von einem Amerikaner gedreht, was man deutlich merkt: Der Film wirkt, als würde der Mann versuchen, eine britische Komödie zu drehen, aber nicht wissen, dass zu einem Lacher mehr gehört als redundante Wiederholung, unflätige Sprache und Klischees. Micha ist von „Paul“ abgeneigt. Wenn schon Alien-Filme, dann eher „World Invasion: Battle Los Angeles“. „Ich liebe Alien-Invasions-Filme“, sagt Micha. Er erzählt, dass Chris vom Riptide ihn schon gesehen und von guten Effekten, aber jeder Menge Pathos berichtet habe. „Das schreckt mich ab“, sagt Micha. Er holt sein Smart-Phone aus der Tasche und zeigt mir über das Riptide-eigene W-Lan die Trailer zweier anderer Filme, die ihn interessieren. Einmal „Source Code“, den neuen Film von Duncan Jones, David Bowies Sohn, von dem auch „Moon“ stammt. „Source Code“ handelt von einer Zeitmaschine, mit der man sogar die Identität wechseln kann. Ein Mann erhält den Auftrag, die Explosion eines Zuges aufzuhalten, hat dafür aber aus technischen Gründen jeweils nur acht Minuten Zeit. Acht Minuten, die er immer wieder erlebt. Eine Abwandlung also von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und „12:01“. Bevor er den nächsten Trailer sucht, sagt Micha: „Und ‚Fast Five’ will ich sehen, aus einem Grund.“ Er macht eine Pause und grinst: „Wegen The Rock.“ Den zweiten Trailer findet Micha auf IMDB: „Hanna“. Darin macht ein Mann seine 14-jährige Tochter zu einer Profikillerin. Micha lästert darüber, dass der deutsche Verleih aus dem Titel „Wer ist Hanna?“ gemacht hat. Die Musik im Trailer ist gut. Der Abspann sagt, warum: „Score: The Chemical Brothers“ steht da. Davon hab ich gelesen, deshalb kam mir der Titel so bekannt vor. „Ich hab mir von denen das neue Album gekauft“, sagt Micha. „Further“ aus dem Jahr 2010. „Im Nachhinein hätte ich mir die Version mit den Videos kaufen sollen“, bedauert Micha. An der Version ist auch schön, dass beide Disks in einem Büchlein stecken.

Eigentlich fehlen im Fade-Out von „Ayla“ noch Handclaps. Wieder mit Keyboardton, Bass-Groove und Hi-Hat startet danach die dritte Single „Yesterday’s Gone“. Nach dem Refrain setzt die Band ein, das Schlagzeug treibt, die Gitarre begleitet den Gesang. So sehr nach Band hat das Studioprojekt Flash And The Pan nie geklungen wie auf diesem Album. In der Mitte des Songs geht sogar das Gegniedel los. Das Schlagzeug hat die ganze Zeit über einen eher pappkartonartigen Sound, was allerdings das Album von anderen Rockalben unterscheidet. So vermeintlich unproduziert wähnt man sich dichter an den Musikern. Einmal noch kommt der Refrain, dann chillen sich die Musiker aus. „Gone, gone, gone, gone“, fistelt ein Chor. Das Keyboard jubiliert, die Gitarren flirren, der Schlagzeuger verausgabt sich wieder. Ende Seite eins, vier Lieder füllen mehr als 20 Minuten aus. Auf der zweiten Seite ist es genauso. Die beginnt mit „Drawn By The Light“, einem Bluesrocker. Die ganze zweite Seite besteht nur noch aus Bluesrockern. „Drawn By The Light“ ist auch das fröhlichste Lied, das noch am ehesten die sonnige Frühlingsstimmung transportiert.

„Morgen!“, ruft Lukas gegen halb drei nachmittags ins Riptide. Ich frage ihn, ob er gut geschlafen hat. An der Küche vorbei murmelt er „geht so“ und klopft dann André an der Theke mit dem Wort „Cheffo“ auf die Schulter. Lukas ist heute gar nicht im Dienst, er trifft sich draußen unter anderem mit seinem Kollegen Benno, der heute ebenfalls frei hat. Micha mit der Hausmarke in der Hand ist noch beim Thema Film. „Ein Kumpel von mir will ‚Thor’ sehen“, sagt er und grinst, weil er davon nicht so viel hält. Das Plakat vom dem Götterfilm kenne ich. „Ein Fußballfilm“, vermute ich. Lukas fügt an: „Oder Eishockey.“ Ich entgegne: „Oder Idioten.“ Lukas nickt: „Also Fußball.“ Ohne ein Wort stellt André einen Pokal zwischen uns auf die Theke. Darauf steht „2. Sieger Osterstreitkampf“. Den haben Cora und Jens von der Gear Box organisiert, erlärt André. Das Riptide war zum ersten Mal dabei, allerdings ohne André. Ich erinnere mich: Chris hat mitgespielt und war deshalb etwas später in die Wichmannhalle zum Silver Club gekommen. „Sieht hochwertig aus“, sagt Lukas über den Pokal. André stellt ihn wieder weg. Jenny vom Piou-Laden gegenüber lehnt sich an den Tresen. Micha hat sich gerade bei André einen Cappuccino bestellt und zirkelt um Jenny herum, um vom nächstbesten Tisch einen Zuckerstreuer zu fischen. „Na, einen Kaffee?“, fragt André Jenny. Sie sagt: „Nee, eine Leiter.“ Micha lacht laut los: „Das sage ich jetzt auch immer.“

Die lockere Stimmung von „Drawn By The Light“ nimmt „Hard Livin’“ nicht nur vom Titel her wieder weg. Keyboard und Bass leiten das Stück ein, das eher stille Intro ist noch länger als bei den anderen Songs des Albums. Der Sänger erzählt, dass er in der Zeit gestrandet ist. Die ganze Band fällt im Refrain mit einem schweren Blues ein, der für die Strophe wieder dem Keyboard weicht. Vielleicht war es Teenage Angst, aber als deprimierend habe ich „Hard Livin’“ nie empfunden. Ist doch ein launiger Chor drin, der Song rockt doch dann ordentlich, die Gitarre gniedelt wieder. Es stimmte doch: Ostern auf dem Dorf, ein Fest im Kreise der Familie, eingesperrt in familiäre Zwänge, freiheitliches Erwachsensein in noch ungreifbarer Ferne als Errungenschaft, deren Eigenschaften man noch gar nicht kennt, da sind sogar trällernde Lerchen, obgleich verheißungsvoll, so doch Bestandteil des Soundtracks zum „Hard Livin’“. Musik hat Heranwachsende schon immer am besten verstanden. Die Gitarre begleitet den Hörer versonnen aus dem Deprisong heraus.

Von André und Franzi unbemerkt steht Rebekka neben Micha und mir vor dem Tresen und wartet darauf, bedient zu werden. Doch André ist am PC beschäftigt und Franzi in der Küche. Dabei kann man Rebekka gar nicht übersehen: Sie trägt ein regenbogengestreiftes Shirt und hat lange, lockige Haare. „Ruf doch“, schlägt ihr Micha vor, der Rebekkas stille Geduld wahrnimmt. Ich biete mich an, den vom Personal ungeliebten Klingelknopf auf der Theke für sie zu bedienen, und schlage einmal darauf. In diesem Moment kommen Lukas von draußen ins Café, André aus der PC-Ecke und Franzi aus der Küche. Lukas sagt grinsend etwas Abfälliges über die Klingel. Franzi fragt ihn über Rebekka hinweg: „Warst du das?“ Lukas spielt entsetzt: „Ich? Warum immer ich?“ Ich gestehe, der Klingler gewesen zu sein, stellvertretend für Rebekka, die zu André sagt: „Ich wollte wissen, ob meine Bestellungen schon da sind.“ André ist ein wenig verwirrt. Er erinnert sich, dass Rebekka kein Internet hat und hätte angerufen werden sollen, und guckt nach. „Die Kimya Dawson steht noch aus, die Björk müssen wir importieren, die kommt in der nächsten Lieferung mit“, sagt er ihr. Es ist ihm sichtlich unangenehm, dass Rebekka noch nicht wie zugesichert zwei Anrufe erhaltern hat, und meint, sie beklage sich zu recht darüber. Doch das verwirrt Rebekka, die sich nicht beschweren wollte – sie wusste von dem Anruf-Service gar nichts, sie wollte sich nur informieren. Mit der Information und einer Club Mate stellt sie sich zu Micha und mir. Sie ist 24 und hat eine siebenjährige Tochter, die gerade in den Ferien ist, also nutzt sie ihre freie Zeit eben im Riptide. „Was machst du?“, fragt sie Micha. „Ich bin selbständig, als Verteiler“, antwortet er und erzählt von seinem Job. Das Riptide gehört zu seinen Kunden: Er verteilt auch die Flyer für Sound On Screen, die gemeinsame Veranstaltungs-Reihe von Riptide und Universum-Kino. Der nächste Teil steht am Mittwoch an: „Lemmy“. In der Reihe lief auch die Doku „The Doors: When You’re Strange“. „Den Film fand ich nicht gut“, sagt Rebekka. „Der Spielfilm war besser.“ Micha hatte kein großes Interesse an den Doors und war mit der Doku daher zufrieden. Rebekka hört sich gerne bis zu den Ursprüngen der diversen Musikrichtungen durch. „Dann musst du ja bis zur Klassik gehen“, meint Micha. Er gibt klassischer Musik keine Zukunft: „Die hört bald niemand mehr.“ Rebekka sieht das anders: „Ich sehe die Zukunft steril und mit klassischer Musik, vielleicht noch mit Mini-Songs wie in ‚Demolition Man’, das ist ja heute schon so.“

Österliches Georgel leitet „Saviour Man“ ein, den zweitpositivsten Song auf „Nights In France“. Eine Fanfare dominiert im Refrain, der Song pluckert und ist in der Strophe von einem Ambientkeyboard unterlegt. Die Gitarren zeichnen schöne Atmosphären. Die Verheißung dringt aus allen Tönen. Es rockt. In der Mitte wechselt der musikalische Tonfall zu etwas eher Nachdenklich-Besinnlichem, der Gesang ist ab jetzt eingestellt. Durch das offene Fenster wehte laue Luft, das Zwitschern der Lerche drang durch die behutsame Gitarre und das spacige Keyboard. Doch die Band holt nur Luft. Sobald die Musik wieder in vollem Unfang da ist, gesellt sich ein Saxophon dazu. Während es soliert, unterfüttert die Kirchenorgel das Stück. So könnte es ewig weitergehen. Der Erretter naht.

Bosse nicht: Das Konzert ist verschoben, wie André ankündigt. „Der Termin steht aber noch nicht fest.“ Dafür jede Menge andere: Am 3. Mai gibt es das Live-Hörspiel „DJ Tulpe & der fette Mann“ im Riptide. Sound On Screen geht am 13. Mai mit „Utopia Ltd.“ und einem Konzert der Band 1000 Robota in die neunte Runde. Etwas Besonderes kündigt André für den 20. Mai an: einen Zombie-Abend. „Im Universum wird ein neuer Zombie-Film gezeigt und HBKler haben eine Zombie-Filmographie herausgebracht, das gab es vorher noch nicht.“ Zu sehen gibt es „Survival Of The Dead“ von George A. Romero, dem Vater des Zombiefilms. Das Buch ist „Untot – Zombie, Film, Theorie“ von Michael Fürst, Florian Krautkrämer und Serjoscha Wiemer. Hinterher gibt es eine Party im Riptide. „Wir versuchen, mit Bodennebel zu arbeiten“, sagt André, „Arme aus Blumenbeeten raus und so.“ Der „Twitter-König aus Deutschland“, so André, kommt dann am 26. Mai ins Riptide: Jan-Uwe Fitz alias „@Vergraemer“ liest aus seinem Buch „Entschuldigen Sie meine Störung“. Ihn unterstützen Holger Reichard und Gerald Fricke, die den Sammelband „Eintracht und Zwietracht – Braunschweiger Geschichten“ vorstellen. Am 21. Mai ist außerdem BS-Visite von der HBK im Rebenpark, gegenüber der Mensa. „Da machen wir das Catering“, sagt André erfreut. Auch Rebekka freut sich. Sie wollte eigentlich nur ein bisschen in den Platten blättern, hat aber als erstes „Live In London“ von Regina Spektor in die Finger bekommen. Bei den Buttons hat sie außerdem den Embryo-Engel vom Sigur-Rós-Album „Ágætis byrjun“ entdeckt. Sie möchte mit Karte bezahlen. „Ich weiß auch meinen PIN wieder“, sagt sie zu André in Erinnerung an ein früheres Erlebnis. „Aber das weißt du nicht mehr.“ André bestätigt das: „Hast du dreimal deinen PIN nicht gewusst und ich musste vor deinen Augen deine Karte zerschneiden?“ Micha ist schon gegangen, Rebekka geht jetzt auch. André verspricht ihr: „Wir telefonieren.“

Mit einem schleppenden, flirrenden Blues lassen Flash And The Pan das Album ausklingen. „Bones“ wird von gefühlt drei, vier Gitarren beherrscht, die nach Thin-Lizzy-, The-Godfathers- oder Iron-Maiden-Art umeinanderschwirren, nur nicht so hart. Dazu klimpert ein schräges Klavier. Sehr dringlich rocken die Australier zum Abschluss. Sie wissen, wo die Knochen begraben sind, sagen sie. Das hört man. Die Knochen dienen vermutlich als Dünger für all die Bäume und Blumen, die jetzt sprießen. Es ist Frühling, wer singt denn da bitte vom Tod. Auch wenn „Bones“ musikalisch gar nicht so dunkel ist, wie es der Text vermuten lässt, muss jetzt etwas Aufmunternderes her. Also noch mal von vorn, „Money Don’t Lie“ erinnert mich immer so schön an Frühling und Ostern.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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