#45 Aprember

17. Juli 2011


Sonntag, 17. Juli

Ist das noch Juli? Für diese Sorte Monat mitten im Sommer, die aus einer Mischung aus Schwüle, Regen und Kälte besteht, müsste eigentlich ein neuer Monatsname erfunden werden. So etwas wie Aprember. Heute ist es mittelkalt, also gerade so nicht mehr ganz okay für ein T-Shirt, aber zu warm für eine Jacke, und es nieselt. Aber das Café Riptide hat hartgesottene Gäste und eine Tuchplane in der Achteckhälfte mit der Rip-Lounge. Die reicht den Hartgesottenen als Schutz. Sie speisen und trinken, während nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt das Wasser im Wind herumtrudelt. So richtig Regen ist es nämlich noch nicht. Noch nicht. Nicht nur draußen, auch drinnen sind viele Gäste. Und das am Sonntag, ungewöhnlich. Doch nicht alle sind in Gesellschaft: „Ich bin allein“, stellt Kati fest, meint es natürlich anders, während sie Kaffeetassen zunächst unter die Kaffeemaschine und dann auf vorbereitete Untertassen auf einem Tablett stellt. „Viel Frühstück heute morgen“, lässt sie mich wissen, „das ist immer sehr aufwändig.“ Sie bringt die Getränke an einen der vollen Tische und sagt nach ihrer Rückkehr an die Theke: „Ich muss jetzt erst mal Crêpes machen.“ Sie schwirrt in die Küche und macht vermutlich erst mal Crêpes.

Der Tisch vor dem Sofa ist voll belegt, die kleineren Tische daneben ebenfalls, und immerzu kommen neue Gäste ins Café. An sich ist das auch an Sonntagen wohl nichts Ungewöhnliches mehr, vergangene Woche war es ja ebenso. Da war ich mit einem Freund im Riptide, der noch nie zuvor überhaupt im Handelsweg gewesen war. Erstaunlich genug. Wir saßen draußen, und weil ich vor dem Treffen nicht wusste, wie lange ich auf ihn hätte warten müssen – es stellte sich heraus, dass er trotz meines frühen Aufbruchs vor mir da war – hatte ich mir ein Buch mitgenommen. Das hatte ich aus dem Kingking Shop: „Auf die Zwölf“ von Anton Waldt, lauter Texte für Berghain-Flyer, also nichts für Leute, die da ohnehin keinen Bezug zu haben, und ich habe keinen. Serge, der an sich mit Leuten vor der Einraum-Galerie saß, kam auf dem Weg zur nächsten Bestellung im Ritpide an unserem Tisch vorbei und griff nach dem grellpinken Büchlein. Ich versuchte, mich zu verteidigen, und wehrte prophylaktisch ab, dass der Umstand, dass ich das Buch dabeihätte, nicht bedeutete, dass ich es mochte, und Serge meinte, dass ihm das klar sei und dass der Verbrecher-Verlag dafür bekannt sei, bisweilen Seltsames zu veröffentlichen. Er legte das Buch zurück auf den Tisch und ging bestellen. Zu Hause erst stellte ich fest, dass der Name des Verlages gar nicht auf dem Umschlag abgedruckt war. Lediglich die sich gegenseitig erschießenden Strichmännchen, das winzige Verlagslogo, konnte man mit geübten Blick ausmachen. Den hatte Serge ganz offenbar. Andererseits hat „Kosmas“, das neue Buch des Ex-Wolfsburgers und Ex-Die-tödliche-Doris-Mannes Wolfgang Müller, ein sehr ähnliches Layout wie das Berghain-Buch, das scheint also für den Verbrecher-Verlag das Erkennungsmerkmal zu sein. So, wie man ECM-CDs ja auch immer am Design erkennt. Trotzdem: Beeindruckender Blick.

Den Müller hatte ich mir auch bei Pott im Kingking Shop gekauft. Außer einem Pott Kaffee erhielt ich von Pott noch die Empfehlung, bei Erna & Käthe in der Heinrichstraße eine Portion Frozen Yoghurt zu probieren. Er selbst sei dort bislang noch nicht gewesen, weil er nun mal einen eigenen Laden zu betreuen habe, aber wie sich herausstellte, ging es dein beiden Betreiberinnen von Erna & Käthe mit dem Kingking Shop genauso. Was beide gegenseitig bedauerten. Der Frozen Yoghurt schmeckte übrigens großartig. Mit den Toppings konnte man sich eine seltsame Geschmackskombination nach der anderen ausdenken. Der Yoghurt selbst war sauer, alles andere schmeckte wie, nun, alles andere eben so schmeckt: frische Erdbeeren und anderes Obst, selbstgebranntes Karamell, Pilz-Marshmellows, Gummibärchen, Schoko-Cookies und was man sich nicht alles auf Eissubstituten so vorstellen mochte. Dazu gab’s Kuchen, Möbel, Picknickkoffer und Getränke zu kaufen. Eine wilde Mischung, auch optisch anheimelnd an Omas Küche gemahnend. Und alles Essbare war superlecker.

Bei Pott hatte ich außerdem einen Geschenkgutschein eingelöst: „Die Wahrheit über Wacken“ von Till Burgwächter in der dritten Auflage, jetzt erschienen bei Andreas Reiffer. Wurde auch Zeit, dass ich mir das mal zulegte. Live von Till vorgelesen kannte ich gefühlt das halbe Buch (es war weniger, stellte sich bei der Lektüre heraus), als Konservenlesung steht es jetzt überdies auch bei Pott im Laden. In der Nähre der CD von Annika Blanke, die mal im Riptide als Tills Gast mit ihrem großartigen Wacken-Text punktete. Einen weiteren Gutschein habe ich außerdem bei Uwe und Katrin eingelöst, in deren Laden Raute Records. Leider hatten die beiden erst kurz zuvor kistenweise neue Post-Punk-, New-Wave- und sonstige frühe Indie-LPs hereinbekommen. Leider, weil die Auswahl dadurch so riesig wurde. So ein Pech aber auch. Zwar war Uwe gerade mit einem Kunden ins Gespräch vertieft, ein „Kein ‚Meddle’ da“ brachte er zwischen zwei Sätzen dennoch heraus. Machte nix, mit „The Last Supper“ von den Bollock Brothers und „Re-Works“ von The Art Of Noise war ich mehr als zufrieden. Eine Clan-Of-Xymox-12“ stellte ich erst mal zurück. Schließlich hatte ich auch im Riptide noch Bestellungen offen: Die „Hot Sauce Committee Party Two“ von den Beastie Boys als Doppel-LP mit Bonus-7“ ist bereits da, die „Entreat Plus“-Doppel-LP von The Cure steht noch aus.

Aber jetzt steht nicht aus, sondern ab: mein Milchkaffee. Schluck um Schluck verhindere ich das. Und da, Erleichterung für Kati: Franzi tritt ihr zur Seite. Franzis Stirn ist ganz nass, sie sieht etwas abgekämpft aus. Regnet es etwa…? „Es hat genau angefangen, als ich losmusste“, bestätigt Franzi, während sie sich die Schürze umbindet. „Wahrscheinlich ist es jetzt schon wieder vorbei.“ Sie bereitet Kaffees vor, teilt sie aus und geht dann mit leerem Tablett die Tischreihen entlang, um Bestellungen aufzunehmen. Mit gefülltem Notizblock kehrt sie zur Theke zurück und stellt erfreut fest: „Sonntag ist sonst nicht so viel los.“ Sie grinst gespielt entnervt: „Ich dachte, ich komme hier an und kann mich mit einem Kaffee raussetzen…“ Bei dem Regen wäre aus beidem nichts geworden, wende ich ein. Sie hält inne, blickt durch die offene Tür und sagt: „Stimmt, wär eh scheiße gewesen.“ Und wenn es wegen der Abkühlgefahr kein Kaffee sein kann, dann vielleicht ein kalter Kaffee, ein Eiskaffee? „Nein“, entgegnet Franzi, „dafür ist es zu kalt, heute ist das Wetter eher nach einem heißen Kakao.“ Sie winkt ab. „Ich werde heute noch dazu kommen“, ist sie überzeugt. So dringend sei der Bedarf zurzeit ohnehin nicht: „Ich komme gerade vom Brunchen.“

Franzi wendet sich der Kaffeemaschine zu und holt sich mit einer Spezialfrage bei Kati Rat zur Bedienung des komplizierten Apparats. Dann dreht sie sich wieder zur Theke und sortiert Bestellzettel. Ich wundere mich an sie gewandt über die hartgesottenen Draußensitzer. Die sind nicht ungewöhnlich für Franzi: „Ich hatte gestern zwei, die wollten im Regen sitzen, und die saßen dann auch im Regen, die hatten da überhaupt kein Problem mit.“ Sie blickt erneut nach draußen und setzt nach: „Meins wär das nicht.“ Sie geht um die Theke herum und wieder durch die Tischreihen.

Eine Hermann-Kola im Glas bestellt Alice bei Kati. „Habt Ihr was Neues zu essen?“, fragt Alice. „Draußen steht ein Schild…“ Kati nickt: „Ja, Eis.“ Das wusste ich auch noch nicht. Kati stellt mir die Eiskarte neben den Milchkaffee. Doch Eis ist nicht das, was Alice essen möchte. Sie entscheidet sich für einen Hotdog, „mit Sauerkraut, oder?“ Ja, bestätigt Kati, mit Sauerkraut, und fragt: „Wo sitzt du, drüben?“ Sie meint die Rip-Lounge. Alice schüttelt den Kopf. „Nein, da stinkt’s mir zu doll – bin ja selber Raucher, aber beim Essen…“ So recht überzeugt ist Alice vom Hotdog doch noch nicht. Sie fragt, was es sonst noch zu essen gebe. Kati zählt auf, was es sonst noch zu essen gibt, darunter Bagels, Crêpes und Currywurst, und Alice sagt: „Hotdog, mit Sauerkraut“. Sie setzt sich an einen der letzten freien Tische.

Mit etwas unsicherem Blick und freundlicher Ausstrahlung kommen herein: Marc, der aussieht wie ein zu dunkel geratener Andy Cairns, und Igor, deutlich hagerer. Kati nimmt die Bestellungen entgegen. „Ein Bier“, sagt Igor. „Welches Bier?“, fragt Kati nach. Sie deutet auf den Kühlschrank: „Wir haben Wolters, Astra, Becks und Hefe.“ Das Zauberwort ist mit dabei: „Hefe“, sagt Igor. Marc schließt sich an. Kati nickt: „Also zwei Hefe?“ Für einen offenbar in der Rip-Lounge wartenden Dritten wollen Marc und Igor ein weiteres Getränk mitbestellen, und dabei stellt sich heraus, was ihre augenscheinliche Unsicherheit ausgelöst hat: Sie wissen es nicht so recht zu formulieren, sie finden die Vokabel nicht – sie sprechen nämlich noch gar nicht so viel Deutsch. Igor und Marc diskutieren in ihrer Muttersprache, es fällt der Name Pablo. Während Kati und Igor versuchen, das Rätsel um die unbekannte Bestellung zu lösen, läuft Marc in die Rip-Lounge und fragt wohl bei Pablo nach. Igor sagt etwas, das mich an Tee oder Limonade erinnert, doch Kati weiß es besser: „Chai Latte“, schlägt sie vor. In dem Augenblick, als Igor das bestätigen will, kommt Marc zurück, und so sagen sie gleichzeitig: „Chai Latte.“ Kati rekapituliert: „Zwei Hefe und eine Chai Latte?“ Aus der Rip-Lounge drängt sich Pablo zwischen Marc und Igor und sagt: „Zwei Chai.“ Kati rerekapituliert: „Zwei Hefe und zwei Chai Latte?“ Jetzt stimmt’s. Pablo kehrt zurück in die Rip-Lounge. Die drei kommen aus Spanien, genauer: aus Barcelona und dem Baskenland. Marc erzählt, dass er in Deutschland ist, um Deutsch zu lernen. „Ich habe eine Arbeitsstelle gefunden“, sagt Igor. Bei VW, frage ich. Igor verneint, aber Marcs Augen leuchten: „Meine Frau ist bei VW.“ Als Neu-Braunschweiger hätten sie sich ein ausgezeichnetes Café ausgesucht, merke ich an. Igor bestätigt: „Wir sind ein, zwei Mal die Woche hier.“ Sie winken und gehen ihren Getränken nach.

Obwohl immerzu Gäste an die Theke kommen, um ihre Rechnungen zu begleichen, scheint das Café gar nicht leerer zu werden. Linda und Sergej bezahlen ebenfalls. Dabei fällt ihr Blick auf das einzig verbliebene Weltquartett, das noch auf der Theke klebt, unterhalb der Drei-Fragezeichen-Kassetten: Atomkraftwerke. „Wir haben alle“, sagt Sergej ansteckend gutgelaunt. Wie viele gibt es, vier? „Sechs Stück“, sagt Sergej und zählt auf: „Tyrannen eins und zwei, Ungeziefer, Seuchen…“ Mit fällt noch Rauschgift ein. „Rauschgift“, bestätigt Sergej, „und Atomkraftwerke.“ Das ist neu, das kenne ich noch gar nicht. Ich frage ihn wegen seines Namens, ob er aus dem Osten kommt. „Sehr aus dem Osten“, bestätigt er, „östlicher als die DDR – aus St. Petersburg.“ Das überrascht mich. Bis auf das zungengerollte R ist davon gar nichts zu hören, das hätte auch aus Franken oder Cloppenburg sein können. „Das stimmt“, sagt Linda. Sie lachen, grüßen und gehen.

Franzi stellt ein Tablett neben die Kaffeemaschine, stellt drei Unterteller darauf und befüllt reihum drei Tassen mit Heißgetränken. „En Scheelschen Heeßen“, wie einer meiner Ex-Kollegen aus Sachsen immer sagte, wenn er eine Tasse Kaffee meinte: „Ein Schälchen Heißen.“ Einen anderen Ex-Kollegen aus Sachsen habe ich gestern erst wieder getroffen. Ab und zu streift er für mich in Chemnitz über Flohmärkte und bringt mir Amiga-Schallplatten mit. Gestern waren es zwei Debüts und ein Zweit-Album: „Wenn der Abend kommt“ von Holger Biege, „Blues“ von Engerling, die kürzlich erst als Begleitband von Mitch Ryder in Barnaby’s Blues Bar aufgetreten sind, und „Weißes Gold“ von Stern-Combo Meißen, der Band, deren Gründungsmitglied Veronika Fischer war. Erstaunlich. Das ist, als wäre Andrea Berg Gründungsmitglied von Tangerine Dream gewesen. Oder Hugo Egon Balder von Birthcontrol. Ach, war er ja. Es klirrt, als Franzi Löffel auf die Untertassen legt. Daneben legt sie Kekse. Franzi dreht sich um und holt eine Schachtel Zigaretten aus einer Schublade. Eine Zigarette gesellt sich zu Keksen und Löffeln, bevor Franzi auch die vollen und heiß dampfenden Tassen dazustellt. Ich reihe mich in die Schlange der Rechnungsbegleichenden ein. Es hat zu regnen aufgehört. Kein schönes Wetter für eine Frauen-Fußball-WM. Schön genug hingegen für die Eintracht, sich gegen die Sechzger als Neu-Zweitligist mal eben auf den ersten Platz zu spielen. So kann’s weitergehen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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