#74 Rückblick auf nächstes Jahr

15. Dezember 2013


Samstag, 14. Dezember

Der Dezember ist ein Monat, in dem Jahresrückblicke bereits einen Monat zurückliegen. Das passiert ja immer früher im Jahr heutzutage. Idealerweise machen wir jetzt schon mal den Jahresrückblick für 2014. Genau: Worüber würden wir uns heute in einem Jahr rückblickend unterhalten? Anders gefragt: Was wünschen sich die Menschen für das anstehende Jahr?

Es ist Samstagnachmittag, typisch herbstgrau und nieselig, wie es sich für die Vorweihnachtszeit gehört, und also hocken Mario und ich bei Burgern und Bieren im Riptide. Um uns herum sitzen Gruppen von Menschen oder einzelne Gäste, manche mit Kindern, andere mit Hunden. Chris ist gerade nicht da, André ist kurz aus dem Büro ins Café gekommen. Von Weihnachten ist hier nichts zu spüren – eine angenehme Auszeit von all dem Trubel, eine Oase im Besinnlichkeitsterror. Der ja auch immer früher anfängt, schon mitten im November dekorierten und illuminierten viele vom Wahnsinn befallene Geschäfte ihre Auslagen. Der Wunsch, dem aufgesetzten Weihnachtsrausch zu entgehen, wird mir hier im Riptide sehr gut erfüllt. Für nächstes Jahr allerdings weiß ich noch gar nicht so recht, was ich mir wünschen würde.

Fahim: Gesünder leben, ein bisschen mehr darauf achten, was ich mir zu Essen kaufe, und selber kochen. Anfang des Jahres hat es noch besser geklappt, aber es ist ein bisschen weniger geworden. Ich muss darauf achten, dass es so bleibt – das ist mein Vorsatz.

Markus: Ich will anfangen zu reisen, ich habe das noch nicht so richtig gemacht. Urlaub machen und hinreisen an so Orte, unterwegs sein. Ich habe in Braunschweig studiert, in Wien gelebt und jetzt in Berlin. Eine Arbeitskollegin in Wien hat mir erzählt, wie viel sie gereist ist und was sie erlebt hat, das hat gemacht, dass ich ein bisschen was nachholen muss. Vielleicht nach Italien als erstes, und Israel.

Bereits erfüllt ist mir der Wunsch nach mehr Sub- und überhaupt Kultur in Braunschweig. So viel wie jetzt tat sich schon seit langem nicht mehr. Vom Kleinen bis zum Großen, von Axel Klingenbergs Eintracht-Lesung vor einem Dutzend Leuten gestern im Kingking Shop bis zum Silver Club vergangene Woche in der Mensa 2, den auch Axel moderierte und der auch von der Eintracht handelte. Der Silver Club macht glücklich, auch schon das Vorbereiten und das Abbauen, obwohl es einen plättet. Mit dem Abbauen und Wegräumen waren Mario und ich noch am Montag beschäftigt, zusammen mit anderen sympathischen Verrückten.

Mario: (mit Piepsstimme) Der Weltfrieden. (normal) Das ist im Grunde gar nicht so verkehrt, klingt aber dämlich. Ich würde mich aber freuen, wenn die Menschen aus ihren Eingrenzungen herauskämen und ein bisschen mehr Zivilcourage zeigen, in allen Situationen. Wo ich mich selber einschließen muss.

Besonders schön am jüngsten Silver Club war die große Zahl der Beteiligten, von denen einige tatsächlich zum ersten Mal in die Veranstaltung involviert waren. Steffi zum Beispiel, die den Kult-Tour-Blog schreibt und auch die Firma Mikrofilm mitbetreibt, für die sie Gründer-Porträts dreht. Erst vor wenigen Tagen eines vom Riptide, das war eine schöne Überraschung, ich sah mich plötzlich dem grellem Scheinwerferlicht ihres Mitinhabers Micha ausgesetzt. Natürlich, vom Riptide ein Gründer-Porträt zu drehen, das passt sehr gut, ist es doch etwas Besonderes, mit einer solchen Idee den immer riskanten Sprung in die Selbständigkeit zu wagen.

Kamila (Riptide-Mitarbeiterin): Viele Erfahrungen sammeln, an denen ich mich persönlich weiterentwickeln kann. Ob es jetzt Höhen oder Tiefen sind, aber wenn man zurückblickt, dass man daran vielleicht manche Dinge mit anderen Augen sieht.

Saskia: Ich wünsche mir, dass mein Baby im Mai gesund zur Welt kommt.

Marie mit Taha (er wird am 28. Dezember ein Jahr alt): Wir wünschen uns, dass wir ein nettes Tageskind finden, das diesem jungen Herrn hier Gesellschaft leistet.

Shabnam (Riptide-Mitarbeiterin): Ich wünsche mir, dass meine Mama wieder gesund wird, dass es keinen Krebs mehr auf der Welt gibt.

Wagemut, Lebenslust, Rückschläge: Einen Film über ein bewegtes Leben im Stillstand sah ich kürzlich mit Micha, und zwar „Inside Llewyn Davis“, das neue Coen-Werk. Der Film ist etwas anders als gewohnt mit einigen für die Brüder typischen Elementen. Die Hauptfigur taugt nicht so sehr zur Identifikation, weshalb man den Film zwar einmal genießt, aber sich wahrscheinlich kein zweites Mal ansieht.

Vor dem Film holte ich Micha im Riptide ab, und dort traf ich Dirk, der mir seine Begleitung Frauke vorstellte. Die erzählte von ihren Aktionen, dass sie etwa bei Facebook eine Gruppe mit den Fotografen aus Braunschweig gründete, um die mal zu bündeln, und dass sie einen Stammtisch nur für Musikerinnen ins Leben rief, den wohl ersten in Braunschweig, und der trifft sich – selbstverständlich! – im Riptide. Das mausert sich allmählich zur Heimstatt der exklusiven Stammtische, vom Bass-Stammtisch über den Veganer-Stammtisch bis nun zum Musikerinnen-Stammtisch. Fein.

Jana: Ich möchte gerne ins Ausland ein Jahr, scheißegal wohin, einfach weg. Ich mache jetzt gerade Abi, und da brauche ich erstmal eine Auszeit. Direkt danach studieren, das könnte ich nicht, das ist nicht meins, das wäre mir zu stressig. Außerdem würde ich es vermissen, wenn ich es nie gemacht hätte.

Sreeni: I want to finish my masters, that’s all. By the end of this year, I want to work at Volkswagen in Wolfsburg.

In diesem Jahr bin ich seit 20 Jahren Arbeitnehmer in Wolfsburg. Das war nie mein Traum, ich hatte nämlich gar keinen, sondern war einfach davon ausgegangen, wie die Väter meiner Väter auf Lebenszeit bei dem Konzern mit den zwei Buchstaben meinen Lebensunterhalt zusammenzuklauben. Das ist zwar nicht mehr der Fall, aber zumindest blieb mir die Stadt als Arbeitsort erhalten. Und ich lernte sie lieben, was kaum jemand glauben mag, was ich auch selbst nie erwartet hätte. Es ist gut, dort zu arbeiten. Vieles hat sich positiv verändert. Und man findet seine Nischen und Ecken. Die Musik-Abteilung in der Saturn-Filiale zum Beispiel ist so etwas wie ein heimatspendender Zufluchtsort, dort arbeiten sympathische Leute. Mit Hansi kam ich jüngst ins Gespräch über die richtige Methode, mit der ein Verkäufer einen CD- oder LP-Kunden anspricht. Was bei Muckehändlern – leider! – gar nicht gehe, sei wie beim Schlachter zu fragen: „Darf’s noch eine Scheibe mehr sein?“

Penelope: Ein Elefant. Ich wünsche mir einen Elefant.

Mckriy: Ich wünsche mir, dass ich endlich dicht im Kopf bin, normaler werde. Ich will nur ein normaler Mensch sein.

Maite: Ich habe keinen Wunsch. Ich möchte, dass alles so weiter bleibt.

Munja: Ich wünsche mir einen Boxer, ganz doll. Ich bin damit groß geworden. Ich habe gerade einen verrückten Terrier und möchte einen Boxer haben.

Draußen ist es seit Stunden stockdunkel. Mario und ich haben uns so richtig festgequatscht. Vom Hölzchen zum Stöckchen, dabei sollte es nur ein Bier sein. Jeweils. „Satzzeichen retten Leben“, zitiert Mario abschließend eine alte VZ-Gruppe: „Komm wir essen Oma.“ So können die Tage immerzu vergehen, gerne öfter, das wäre ein guter Wunsch für nächstes Jahr.

Frederik (Ritpide-Mitarbeiter): Ich wünsche mir die Bewilligung für ein Auslandsstudium. Ich möchte in New York studieren.

Jetzt ist mir André entwischt, wie ich an der Theke beim Bezahlen gesagt bekomme. Seinen Wunsch hätte ich gerne noch erfahren. Ich frage ihn und Chris dann halt nächstes Mal. Für heute ist es spät geworden, Mario und ich gehen in die kalte Nachtluft hinaus.

Tobi: Ich wünsche, dass ich zurück in die Heimat ziehe. Ich will nach Hause und nehme das Riptide aber mit. Läden wie dieser machen es aber nicht einfach, dass man sagt: und tschüß!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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