#81 Dröhnendes Ambiente

27. Juli 2014


Samstag, 26. Juli

Auch zwei Wochen nach dem Schlusspfiff geht es mir nach Feierabend oft so, dass ich mich darüber wundere, von nirgendwoher den Fernsehlautsprechersound übervoller Fußballstadien durch Braunschweigs Straßen tönen zu hören. Einen Monat lang hatte jeder halbwegs Fußballinteressierte die Gewissheit, sich um seine Abendgestaltung keine Sorgen machen zu müssen. Irgendwo lief immer irgendein Spiel. Dieses Mal ohne Vuvuzela, aber wieder mit dem unerträglichen Béla Réthy und seinen sogar noch unerträglicherern Kommentatorenkollegen wie Oliver Schmidt, Steffen Simon oder Tom Bartels. Fußball ohne Stadiongesänge will man nicht gucken, sonst hätte man den Fernseher einfach stummgeschaltet, aber der Preis dafür war hoch: Elend in die Länge gestückelte Schachtelsätze ohne Bezug zum Spielgeschehen ließen den Spielverfolgenden mit substanzlosen Infofragmenten wie „bei Bayer Leverkusen nur fünfmal“ vom spannenden Torsturm ablenken und womöglich den Anschlusstreffer verpassen.

Da waren die Kommentare der Mitguckenden durch die Bank besser. „Du hättest das machen sollen“ war ein häufig gehörter Satz, beim öffentlichen Gucken im Achteck vorm Café Riptide zumeist an Frauen gerichtet. Fußballgucken unter Massen kann gelegentlich befremdlich sein, im Riptide ist es anders, ebenfalls leidenschaftlich, aber mit größerer Distanz und mehr Humor. Wenn bei der Partie der deutschen Mannschaft gegen die aus Algerien aus der größtenteils weiblich besetzten Ecke bei unvorhergesehenen Stürmen der Algerier ein schrilles „verpiss dich!“ ertönte, war das vielleicht fachlich redundant, weil es schließlich kein Fußballspiel mehr wäre, verpissten sich die Gegner tatsächlich, zeugte aber von großer Passion und Empathie für die deutschen Kicker.

Bei dieser Begegnung saß ich mit Micha und Niclas am Cheftisch, neben mir bangte Chris gleichzeitig um Jögis Jungs und seine Technik. Was mir nicht klar war: Micha und Chris hatten mal zusammen Fußball gespielt, ich saß also in der Mitte zweier Experten, die sich auch noch über gemeinsame Erfahrungen austauschten. Die ironischen Kommentare von Zuschauern, die selbst spielen, haben natürlich eine ganz andere Qualität. Als Libero Manuel Neuer einmal mehr die Rolle des Torwarts übernahm und einen Ball zwar souverän, aber kompliziert vor dem Netz rettete, sagte Chris gespielt empört: „Den hätte ich mit der Mütze gefangen!“ Das Geschehen abseits des Spieles war also recht schnell interessanter als das Spiel selbst. Micha zückte in einer unbekümmerten Minute eine Duplo-Packung aus seiner Tasche und bot mir einen der Riegel an. Ich reichte ihn an Chris weiter, doch der winkte verschüchtert ab: „Oh, ich darf nicht – Fremdverzehr!“ Unter großem Gelächter nahm er sich dann doch einen der Riegel, biss aber nur hinter vorgehaltener Hand davon ab.

Weil es bereits um 18 Uhr begann, war das Spiel Deutschland gegen Frankreich deutlich besser besucht als die Nachtpartie gegen Algerien. Nicht nur das Achteck, der ganze Handelsweg war voll mit Leuten, die Fußball guckten. Serge und Niclas hatten vor Serges Laden die Logenposition, von der aus sie sowohl auf die Leinwand des Riptide als auch auf die des Tante Puttchen sehen konnten, daher setzten sie sich doch nicht wie zunächst verabredet zu uns an den Tisch. An dem hockten Steffi und Jens, die für den Kult-Tour-Blog mit Vera sprachen, und zwar über ihre Studiums-Abschluss-Ausstellung „Panorama Panik Botanik“ im Torhaus am Botanischen Garten, sowie Micha, Jessy und Viola. Besonders diese drei betätigten sich als versierte Kommentatoren-Kommentatoren, mit absichtlichen Falschverstehern und Wortverdrehern – viel zu vielen und zu situationsbedingten, um sie wiederzugeben. Violas wiederholte Forderung nach dem „Trikottausch“ erfuhr jedes Mal lautstarke Zustimmung. Mit Steffi und Jens sah ich insgesamt diverse andere Spiele, unter anderem das Halbfinale gegen Brasilien, bei dem wir vor lauter Staunen nicht zwischen dem 4:0 und der Wiederholung vom 3:0 unterscheiden konnten. Monsieur Réthy berichtete über diese in Belo Horizonte ausgetragenen Partie, was Steffi mit „dann ist ja Béla in Belo“ kommentierte. Steffi und Jens sind ohnehin Meister der pointierten Dialoge. Steffi hatte in der heimischen Küche ein Fruchtfliegenfalle gebastelt und bat Jens, die „Frufliefa“ rauszubrigen. „Die was?“, fragte Jens, als sie ihm die durchsichtige Plastiktüte mit dem schwirrenden Inhalt aushändigte. „Ach, ich seh schon: Fruchtfliegenfarm.“

Tja, und jetzt ist die Weltmeisterei vorbei, es ist die Stille vor der Bundesliga. Aber so richtig Sommerloch ist in Braunschweig deshalb noch lange nicht ausgebrochen. Was alleine heute wieder alles los ist. Open Air am Dowesee, Spielemeile auf dem Kohlmarkt, Sommerlochfestival vor den Schlossattrappen, Sommerfest in der HBK und Sedan-Bazar im Handelsweg. Zweite Auflage, etwas früher im Jahr als die erste, aber mit ähnlich umfangreichem Mit-allen-für-alle-Programm. Leider schaffe ich es erst am Abend, dazuzustoßen, da ist der Handelsweg zwar immer noch zum Bersten gefüllt, das Programm aber gelaufen und die Sonderaktionen abgebaut. Nun, man kann nicht alles haben, und das wäre auch zu viel verlangt, denn „alles“ ist in Braunschweig mittlerweile gottlob eine nicht mehr fassbare Menge. Also stelle ich mich zu Raze und Gideon, der dieses Mal als Gast in Achteck sitzt. Wie sollte es anders sein, angesichts des sich anbahnenden Sommers: Reisen ist unser Thema, und Gideon erzählt unter anderem, wie er mit seiner Band Finders Keepers in Schweden war. Die Band ist in Hamburg lokalisiert und macht melodischen Hardcore. Auch in Braunschweig gibt es eine Hardcore-Szene, bemerke ich, doch gebe es da tatsächlich Unterschiede, meint Gideon. Aus der Braunschweiger Szene kenne ich Iggy, der unter „Heart And Passion“ unter anderem im B58 Straight-Edge-Veranstaltungen organisiert. Auch Gideon kennt ihn: „Das macht er auch in Hamburg“, berichtet er. Und hat neuerdings auch eine eigene Band, Almost Equal. Aufschlussreich finde ich, dass ich Iggy von seinem Arbeitsplatz kenne, aus der Musikabteilung bei Müller in Wolfsburg nämlich. Das ist erfrischend: In Wolfsburg gibt es mit Müller und Saturn nur zwei Möglichkeiten, sich Schallplatten und CDs zu kaufen; beides sind Handelsketten, aber bei beiden sind Fachleute beschäftigt, die wirklich welche sind – man kann tatsächlich mit Freude und Genuss in Wolfsburg Musik kaufen gehen.

Falls man nicht in Braunschweig bleibt, hier geht das natürlich auch bestens, und wie zum Beweis schlendern Uwe und Katrin von Raute Records an unserem Tisch vorbei und grüßen. Nebenan, vor der Einraum-Galerie, bricht ebenfalls Hardcore los: Ronny Mono gibt Spontan und mit Unterstützung einen akustischen Kurzgig, wie gewohnt hochenergetisch, mitreißend, ohne Rücksicht auf Selbstverhorstung und damit komplett akzeptiert, schreit er seinen Song wild hüpfend und breit grinsend in den Nachthimmel. Die Leute um ihn herum grinsen nicht minder, Stefan von der Galerie hält den Ausbruch mit seinem Mobiltelefon fest, hochkant. Selbst als Zuspätzumfestgekommener hat man damit noch etwas Livemusik abgepasst, und nicht die letzte, anschließend erklingen nämlich aus Helmuts Strohpinte gedämpfte Stonessongs.

Polen wird unser nächstes Thema, nicht nur, weil sich Ania mit Jens zu uns setzt. Sie kommt im Sommer gerne nach Braunschweig, um sich ihr Studium in Polen zu finanzieren. Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren und ich freue mich, dass sie frisch wieder da ist. Gideon war kürzlich in Polen, erzählt er, mit einem VW-Bus an der Ostseeküste, ein Traum. Raze will demnächst dort hin, nach Danzig, zum „Open Source Art“-Festival, insbesondere wegen Maps & Diagrams und Marcus Fjellström. Raze macht ebenfalls selbst Musik, als DR, und zwar Ambient mit Drones, und berichtet, dass er demnächst auf einem politischen Charity-Sampler mit einem Track vertreten sein wird.

Ambient und Drones passen jetzt eigentlich ganz gut zur Heimgehstimmung. Ich begleite Ania und Jens noch ein Stückchen und gehe dann allein weiter durch die Nacht. Vor dem Gambit sitzen noch Leute, und obwohl es schon zwei Wochen her ist, dass der Schlusspfiff erscholl, ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, einen Blick auf die längst abgebaute Leinwand zu werfen, um den Spielstand zu erfahren. Immerhin, kleine Entschädigung: Die dritte Liga startete heute, der Chemnitzer FC steht an der Spitze, der Hallesche FC am anderen Ende, die Exoten von der SG Sonnenhof Großaspach sind am Sonntag erst an der Reihe, gegen Fortuna Köln. Die Eintracht ist erst am 1. August gefordert, zum Auftaktspiel der zweiten Bundesliga in Düsseldorf, wie die Eintracht ein One-Hit-Wonder in der Bundesliga, nur eine Saison früher. Die Bundesliga selbst startet erst am 22. August, dann sind unsere Nachbarn aus Wolfsburg bei den Bayern zu Gast. Die drei Punkte kann man den Wölfen nur gönnen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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