#83 André ist glücklicher Papa und Chris sieht sowieso immer gut aus

24. September 2014


Dienstag, 23. September

Heute vor genau sieben Jahren und einer Woche eröffneten Chris und André das Café Riptide. Genau an jenem Tag und genau an dieser Theke lernte ich damals Micha kennen. Kein Wunder, dass es auch heute nicht lang dauert, bis mir der Kulturbote seine Hände auf die Schultern legt, während ich mich mit André und der neuen Mitarbeiterin Caro unterhalte. André weist Caro in ihre Aufgaben und den Café-Ablauf ein, er erklärt ihr etwa, wie das funktioniert, wenn ein Gutschein verrechnet werden soll. Für André brach vor wenigen Wochen ein neues Leben an: Er wurde Vater, und wenn er jetzt von seiner Tochter Ida spricht, leuchten seine Augenringe. Viel Zeit zum Schwärmen hat er jedoch nicht, da die Gäste aus Café, Rip-Lounge und Achteck hungrig und durstig sind und André in der Küche diverse Burger zuzubereiten hat.

Derweil öffnet Caro Limonadeflaschen und lässt Kaffee in Tassen strömen. Caro heißt eigentlich Carolin, „ohne E, das hängen die meisten hinten dran, aber ich bin keine Caroline“, betont sie. Sie war schon einige Male zum Probe- und Einarbeiten hier, heute wieder. Sie kennt das Riptide als Gast und ließ sich von ihren positiven Eindrücken davon überzeugen, es hier als Mitarbeiterin zu versuchen. Gastro-Erfahrungen hat sie, die sammelte sie während ihrer Abi-Zeit. Sie kommt aus Guxhagen, bei Kassel, „nicht mit Cuxhaven zu verwechseln, was ein bisschen höher liegt“. Vor drei Jahren kam sie nach Braunschweig für eine Ausbildung zur Mediengestalterin, ab Oktober studiert sie Medienwissenschaften, „an der TU und der HBK“. Einen Job braucht sie parallel zum Studium: „Ich wollte etwas machen, was nichts mit meinem Beruf zu tun hat“, sagt sie. „Bei Mediengestaltung hat man kein Ende, man kann nicht sagen: Ich arbeite vier Stunden, denn wenn der Flyer nicht fertig ist, ist er nicht fertig.“ Deshalb Gastronomie. Gastronomy Domine.

„Ab nächsten Monat geht unser Winterprogramm los“, kündigt André an, nachdem er die bestellten Burger an die entsprechenden Tische brachte. „Das heißt, wir haben verkürzte Öffnungszeiten und als Ausgleich Suppen und Winterspecials im Programm.“ Und die Sommerspecials? „Die gehen dafür in Urlaub.“ André verschwindet wieder in der Küche, Caro notiert Bestellungen auf einem Zettel, da legt mir eben Micha hinterrücks die Hände auf die Schultern. Na, das war ja Zeit, wir haben uns die ganze Woche noch nicht gesehen, und die ist schon zwei Tage alt. „Ich hätte gern einen Burger“, wendet er sich an Caro. André steckt den Kopf aus der Küche: „Echt?“ Micha nickt: „Ja, echt, und eine Cola.“ André grinst: „Hast du amerikanische Wochen?“ Ich schließe mich der Colabestellung an: Micha nimmt eine normale Fritz, ich eine ohne Zucker. „André, hast du mal zwei Cola-Gläser?“, fragt Caro in die Küche. Ich brauche keins, werfe ich ein. André ist aus der Küche zu hören: „Micha auch nicht.“

Auch Chris ist heute im Dienst, er bringt in einer schwarzen Kunststoffkiste eine leere Getränkeflasche ins Café. Das ist mal effektiv. „Das ist meine Bürotransferkiste“, erklärt Chris. Damit transportiert er Güter zwischen dem Büro, das im ersten Stock gegenüber liegt, und dem Café hin und her. Dazu gehören nicht nur leere Limonadeflaschen, sondern auch bestellte Tonträger. „Micha, guckst du heute Abend auch Fußball?“, fragt Chris seinen früheren Mannschaftskollegen. „In der Funzel“, erwidert der. Das habe sich bei Micha inzwischen eingespielt, dass er die Spiele der Braunschweiger Eintracht dort verfolgt. Die tritt heute am Millerntor gegen St. Pauli an. „Ich bin in der Eusebia“, sagt Chris, „da gibt’s Essen und es ist rauchfrei.“ Ich bin uninformiert, ich wundere mich über ein Ligaspiel mitten in der Woche und vermute zunächst ein DFB-Pokalspiel. „Im DFB-Pokal spielen wir in Würzburg“, informiert mich Chris. Am 29. Oktober, gegen den FC Würzburger Kickers, die die Fortuna Düsseldorf aus dem Wettbewerb warfen.

Mit einem Teller, auf dem ein Burger thront, kurvt André aus der Küche heraus auf Micha zu, der neben mir an der Theke steht. Sie gehen an den nächstbesten Tisch, André stellt den Teller mit dem Burger ab, „lass ihn dir schmecken“, und kehrt in die Küche zurück. Micha probiert einige Bissen, steht dann auf und sagt in die Küche: „Der Burger ist ein Gedicht.“

Noch bevor er in den Burger biss, zeigte mir Micha ein Foto von einem Bild, das er gerne bei sich im Wohnzimmer hängen hätte: Es stammt aus der Ausstellung „Pforritales 4“ des Hamburger Malers Uli Pforr, die aktuell in der Galerie Hugo 45 in der Hugo-Luther-Straße zu sehen ist. Galerist Achim bescheinigt Pforr eine große Karriere: Pforr bildet das Szeneleben seiner Heimatstadt fehlfarbenfroh und ohne zu beschönigen ab. Der Künstler war auch zu Gast, als Steffi kürzlich in der Galerie an zwei Tagen den ersten Geburtstag ihres Online-Magazins Kult-Tour Braunschweig feierte, mit rund 25 Künstlern, die dazu ihren ehrenamtlichen Beitrag leisteten, mit Kunstwerken, Lesungen, Impro-Theater, Live-Musik und anderen Experimenten. Da hat Steffi etwas wahrhaft unterstützenswertes auf die Beine gestellt, mit ihrem Blog, der eine Lücke füllt, die andere Medien klaffen lassen, indem Steffi nämlich über Subkultur, Alternatives und freie Kunst berichtet, und das in ihrem herzerfrischenden Stil, in dem sie nicht nur schreibt, sondern auch den Menschen begegnet. Kein Wunder, dass sich so viele dazu bereiterklärten, den Geburtstag mitzufeiern, so dass die Veranstaltung letztlich um ein Vielfaches größer wurde, als es die Ur-Idee vorsah. Auch mir war es Ehre und Vergnügen, daran beteiligt zu sein. Das Ergebnis war eine zweitägige Feier, die so harmonisch, reibungslos und familiär verlief, dass man fast gar nicht mehr wahrnahm, dass sie tatsächlich öffentlich war.

Natürlich war auch Micha zu Gast, schließlich ist er mit dem Kult-Tour-Kalender redaktionell an Steffis Magazin beteiligt. Mit Micha, Steffi und Jens erlebte ich zudem einige Wochen später die Braunschweiger Kulturnacht, wir trafen uns im Lot-Theater bei Müller & die Platemeiercombo, die dort sogar einige mir unbekannte neue Songs spielten, die die Vorfreude auf ihr neues Album noch vergrößern, das zurzeit in Produktion ist. In der Nacht waren wir vier unter anderem noch in der Aegidien-Kirche bei einem gregorianischen Chorprojekt. Das war für mich ein ergreifender Moment, als Protestant mit Atheisten und Heiden in einer katholischen Kirche zu stehen und den Gesang zu genießen. Nicht schafften wir leider das Programm im Riptide, darunter die Lesung „Blau-Gelb-Sucht“ mit Axel Klingenberg, Till Burgwächter, Gerald Fricke und Frank Schäfer, die wir bis auf Till immerhin allesamt später beim Müller-Konzert trafen, sowie die Literaturshow „Kopf und Kragen II“ mit Marcel Pollex und Finn Bostelmann. Das ist schade, aber eben dem Konzept geschuldet: Ein Großteil der Veranstaltungen im Rahmen der Kulturnacht beginnt offenbar zeitgleich um 21 Uhr.

Mein Beitrag zu Steffis Feier schloss sich direkt an einen ungeplanten Urlaub an. Ich wollte nach Ligurien, ans Meer, aber nicht so weit nach Süden fahren. Erstes Ziel ist mit diesen Bedingungen eben Genua. Dort, im Vorort Quinto al mare, fand ich über Airbnb ein Domizil, spontan und nach nur einer einzigen Anfrage. Und hatte damit einmal mehr unglaubliches Glück. Meine Gastgeber waren nur unwesentlich älter als ich. Sie arbeiten bei der Flüchtlingshilfe, was in Italien mit Blick auf die Lampedusa-Problematik sicherlich aufreibend ist. Nach Feierabend engagieren sie sich ehrenamtlich bei einem Theater, dem Teatro Altrove, im historischen Zentrum von Genua, er als Koch, sie als Kellnerin. Das Theater hat nicht nur eigen- und fremdproduzierte Schauspielstücke im Programm, sondern auch alternative Filme und Indie-Livemusik – ist also ein Mix aus Riptide, KaufBar und Nexus, wenn man so will. Für mich fühlte sich der Ausflug also weniger an wie Urlaub in der Fremde als wie ein Heimkehren. Meine Gastgeber versorgten mich mit selbstgemachter Pizza, Tipps für touristenfreie Restaurants mit ligurischer Küche sowie Hinweisen auf Lokale, die nicht in Händen der Mafia sind. Und mit neuer Musik: Als ich bei ihnen eintraf, kehrten sie selbst erst aus dem Urlaub zurück, aus dem Valle Maira, einem abgelegenen Tal im Piemont, an der französischen Grenze. Dorthin ziehen sich Zivilisationsflüchtlinge zurück, und mit vielen von ihnen sind meine Gastgeber befreundet. Unter anderem auch mit einer Band, Lou Dalfin, die traditionelle Musik aus dem Tal spielt, aber mit modernen Elementen durchsetzt, was etwas an die ostdeutschen Mittelalterbands erinnert, aber vielfältiger und in dem Dialekt aus dem Tal gesungen ist. Acht Plattenläden brauchte ich in Genua, bis ich einen fand, der die Band überhaupt kannte, und der hatte auch gleich ein Album zum Verkauf; der „Disco Club“ war das. Bei der Suche landete ich vorher noch im Taxi Driver Record Store, dessen Angebot die Spannbreite zwischen Doom Metal und Punkrock abdeckt. Ein wahres Fest. Die Verkäuferin war auch hocherfreut, dass ich mich für das Shopoeuvre interessierte, und ich bat sie um regionale Tipps. Zwei Alben vom hauseigenen Label nahm ich mit, einmal „La tana del sogno lucido“ von 2novembre, einer Stoner-Rock-Band mit italienischen Texten, sowie das selbstbetitelte Debüt von Mope, einem Quartett, dass Doom Metal spielt und die Stimme durch ein warmes Saxophon ersetzt. Großartig, hat für mich neben „Cheval ouvert“ von Monno und „Blank Project“ von Neneh Cherry das Zeug zum Album des Jahres. Und abgesehen von toller Musik, leckerstem Essen, freundlichsten Kontakten und vielen Stunden am und im Mittelmeer gab es noch einen weiteren positiven Effekt, dass ich nach Genua gefahren war: Ich hatte acht Tage mehr Sonne als jeder, der in Braunschweig blieb. Nicht zuletzt ist es für mich immer wieder wundervoll, zu erleben, dass es offenbar überall eine Möglichkeit gibt, mich zuhause zu fühlen.

Wie hier im Riptide. Micha hat aufgegessen und verfällt mit Chris in einen Dialog über die singende Schauspielerin Scarlett Johansson. Sie ist demnächst in ausgewählten Kinos der Republik in „Under The Skin“ zu sehen, einem verwirrenden und umstrittenen Film, in dem sie auch nackt auftreten soll. Chris hat all ihre Filme gesehen, auch „Arac Attack“, „sie hat ein schönes Gesicht“, findet Chris, „aber heute, da gibt sie sich als Schminke-Brust-Tussi, das hat sie gar nicht nötig, das würde ich ihr gerne sagen“. „Ruf sie doch an“, sagt Micha achselzuckend. „Es ist immer besetzt“, grinst Chris. „Außerdem sagt sie immer, es ist schwer, mit einem DJ wie mir zu telefonieren – der legt immer auf.“ Chris berichtet, dass Scarlett Johansson jetzt ein Kind bekommen hat, „das hab ich in der Gala gelesen, beim Zahnarzt“. Zurzeit mache sie viel, sagt Micha, „sie wollte wohl vor der Schwangerschaft nochmal reinhauen“. „Das Kind ist aber schon da“, wendet Chris ein. Auch im Original von „Her“ war sie zu hören, in „Lucy“ zu sehen. „Von dem war ich ein bisschen enttäuscht“, sagt Chris. Von Regisseur Luc Besson habe er „ein bisschen mehr erwartet“. „Es war kein schlechter Film“, räumt Chris ein, „vielleicht lag das aber auch nur an ihr.“ Sehr gut fand Chris hingegen „Sin City 2“, Micha weniger: „Da fehlte mir die Überraschung, es gab keinen Psychopathen wie im ersten Teil Elijah Wood, das war zu vorhersehbar.“ Chris sieht den Film eben voll auf die weibliche Hauptdarstellerin zugeschnitten, und: „Visuell war es klasse, 3D-Comic, Blutspritzer, war schon geil!“

Mindestens geil wird auch der nächste Beitrag in der Reihe Sound On Screen, nämlich „20,000 Days On Earth“, in dem Nick Cave im Auto durch Brighton kurvt und dabei aus seinem Leben erzählt. Nach dem Film, der wie immer im Universum-Kino läuft, gibt’s im Riptide Party. Für uns heute nicht mehr. Micha muss los, den nächsten Ticker für Steffis Blog schreiben, und ich habe für den Silver Club zu tun. Spätestens dort laufen wir uns sowieso wieder über den Weg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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