#97 Helmut und die Strohpinte

18. November 2015


Mittwoch, 18. November 2015

„Die Strohpinte ist nicht in der Nähe vom Riptide – das Riptide ist in der Nähe von mir!“ Helmut rückt zur Begrüßung die Umstände gerade. Er muss gar nicht grinsen, während er das sagt, um mir zu signalisieren, dass er damit zwar einen Witz gemacht hat, es aber trotzdem ernst meint. Mein Plan ist, den am längsten Aktivem im Handelsweg für dieses Mal ins Scheinwerferlicht zu setzen. Die Strohpinte, die Kneipe, die Helmut betreibt, ist der direkte Nachbar des Café Riptide im Braunschweiger Handelsweg. Alle möglichen Quellen verraten, dass Helmut in dieser Passage der Dienstälteste ist. Und es stimmt: Seit 1974 betreibt er die Strohpinte, „jetzt sind’s 41 Jahre“, stellt er fest. Und sinniert: „Ich weiß gar nicht, wo die 41 Jahre hin sind.“

Es ist Nachmittag. Wir sitzen am Fenstertisch, in der Nähe der Loriot-Plastik, die den Besucher durchs Glas begrüßt. Helmut trinkt Mineralwasser, mir hat er ein Jever gezapft. Die Gäste sind an der Theke beschäftigt, Helmut kredenzte einem noch kurz vor unserem Gespräch ein Bier. „Ich war dreimal verheiratet, habe vier Kinder von verschiedenen Frauen, bin 74 Jahre alt und komme aus der Steiermark – was willst du wissen?“, fragt er. „Ich hab doch gar nichts zu erzählen.“ Und erzählt dann ganz viel.

In Braunschweig ist Helmut seit 1971, da hatte er schon diverse Stationen hinter sich. Geboren in der Steiermark, ging er mit 17 nach Bournemouth und London, „zehn Jahre“, zum Arbeiten. Dann nach Frankfurt, Grömitz, Berlin, Braunschweig, „zwischendurch war ich auf Sylt arbeiten und in Travemünde“, dann wieder nach Berlin, „habe geheiratet in Österreich – und bin in Braunschweig geblieben“, stellt er fest. So sollte es eigentlich gar nicht kommen: „Ich hab ein Mädel kennen gelernt in Grömitz, die kam eigentlich aus Braunschweig, aber lebte in Berlin.“ Zusammen gingen sie zunächst von Grömitz aus nach Berlin, „und haben gesagt, fahren wir nach Braunschweig“. An sich sollte dies nicht die Endstation werden, Helmut wollte weiter, nach München. „Ich war auf dem Sprung“, erzählt er, „die Koffer waren gepackt.“ Aber: „Ich bin hängen geblieben, weil’s gut lief.“ Und zwar mit der Strohpinte.

Ab 1971 arbeitete Helmut in der Stadthalle. „Ich bin immer durch den Handelsweg gegangen“, berichtet er. Und bei dem Tempo, dass seine Erinnerungen an den Tag legen, ist es schwierig, dran zu bleiben. „Das ist ein bisschen kompliziert“, schickt er mancher Anekdote voraus, und gibt sich beim Erzählen sofort Recht. Der Kontakthof in Richtung Breite Straße war sein Ziel, im Knuff spielte der Besitzer Noack immer „The Good Book“ von Louis Armstrong und Helmut aß dort genüsslich die Schmalzbrote. „Ich hab den Laden übernommen, da verging mir der Appetit, als ich gesehen habe, was er reingetan hat“, sagt Helmut und zählt einige Insektennamen auf. „Er hat mich gefragt: Willst du die Kneipe machen?“ Und Helmut hat wollen: „Versuchen kann ich’s, wenn’s nicht klappt, kann ich gehen – das wollte ich eh.“ Sein Stammlokal war seinerzeit das Fährhaus in der Kurt-Schumacher-Straße, wo er auch wohnte: „Ich kannte viele Leute“, auch durch die Schunterfeten, die dort stattfanden. „Das Fährhaus hat Falko gehört.“ Seine Gefolgschaft nahm er mit in die Strohpinte, mit positivem Effekt: „Die lief gut, vorher war da gar nix.“

Sofort fällt Helmut die Geschichte mit dem Klavier ein, das es damals noch in der Strohpinte gab. „Da wurde geklimpert“, erzählt er. Sepp war dabei, „das war der Vater von einer Künstlerin, die da gegenüber ausgestellt hat“, er deutet auf die Einraumgalerie, „und Heinrich, den alle Heini nannten, das waren HBK-Studenten.“ Sepp spielte Waschbrett, Heini das Klavier, und dann war da noch Klaus, der war berufstätig und Mundharmonikaspieler. „Die Bude war voll, es war laut – da kam die Polizei“, fährt er fort und sein Grinsen verbreitert sich. „Sepp nimmt das Waschbrett“, berichtet Helmut, hielt es sich über den Kopf mit gespielter Drohgebärde und rief: „Wollt ihr meinen Auftritt versauen?“ Darüber lachten auch die Polizisten.

Dabei stellt Helmut fest, dass gewisse Regeln für die Gastronomie früher härter waren: „Ich verstehe gar nicht, wie es heute so locker sein kann.“ Das ist ja mal eine unglaubliche Information. „Ich war überrascht, als die das Riptide aufmachten, dass das Klo da oben gegenüber war.“ Zu seiner Anfangszeit mit der Strohpinte musste vor dem Herrenklo noch ein Plastikvorhang die Sicht auf potentielle Rinnenbenutzer versperren. Auch in Sachen Lärm war es deutlich strenger, mit Draußensitzen nur bis 22 Uhr und schallgeschützten Lüftungsventilatoren. Und erst der Brandschutz: „Strohpinte heißt es, weil ein Strohdach da war“, so Helmut. „Dann kam die Feuerwehr: Das muss weg!“ Dabei hatte die Feuerwehr das Dach dem Vorgänger noch abgenommen. Aber es gab eine Lösung, „eine Tunke für 80 Mark, was mich das gekostet hat, dabei war das Dach so nikotinverseucht, das konnte gar nicht brennen“. Also kaufte er sich ein „Töpfchen“ für 80 Mark und kleisterte das Dach ein: „Sah scheiße aus, aber haben sie abgenommen.“

Ein selbstgemachtes Problem gab es mit den beiden Ziegeldächern über der Theke und dem Tisch rechtwinklig dazu: Die Ziegel brachte Dave aus dem Magniviertel mit, die sind uralt, und Tommy aus Gifhorn, „der war Engländer, der hat sich um das Gerüst gekümmert“, also die Aufbauten unter dem Dach. Für die Lackierung „hat er sie in eine Wanne geschmissen“, um sie mit einem Mittel zu behandeln, „in das man sonst Jägerzäune tut“. Das „Zeug“ sei „giftig“ gewesen, was man sofort merkte: „Die Gäste sind wieder raus, mir haben die Augen gebrannt.“ Heute lacht er darüber.

„Wir waren die ersten, die Rosenmontag gefeiert haben“, stellt Helmut als nächstes klar. Und zwar am Montag, nicht wie heute am Sonntag, und die Gäste mussten kostümiert sein: „1974, da haben uns alle blöd angeguckt.“ In der Breiten Straße ging damals der Umzug los, nur „mit drei, vier Wagen“. Schließlich sei das hier damals noch das Braunschweiger Zentrum gewesen: „Aber das ist mit dem Kontakthof knattern gegangen.“

Jetzt kommt Helmut ins Aufzählen. Die Krabbenkuppel zum Beispiel, das heutige Sultana, hieß früher Balkan Grill und dann Scotland Yard, oben war noch das Tante Sally, ein kleiner Laden. Helmut erwähnt die Discothek Darkness und die Pfeife: „Der jetzt die Bassgeige hat, hat dort gearbeitet, der Besitzer ist jetzt in Portugal“, weiß Helmut, wie er sowieso so vieles weiß, dass man sich mit ihm wundert, wenn ihm mal ein Name nicht einfällt. Im Kontakthof, oder auch nur „Hof“ genannt, gab es das Farmer’s Inn, nicht zu verwechseln mit dem in Uetze. Das war zunächst eine Teestube, dann ein türkisches Restaurant, „Namen vergessen, das hat Ünal gehört, ein bekannter Typ, der hat viele Kneipen hergerichtet, als Architekt“, so Helmut. „Obladix hieß es, danach Farmer’s Inn.“ Das Knuff sei „eh da“ gewesen.

„Noch vor der ganzen Zeit hat das Ganze einem Lothar gehört“, sagt Helmut. „Der Lothar hatte einen Hund mit Glasauge.“ Dann schwenkt er zurück zu den Läden im Kontakthof: „Ein Schnapsladen war drin, eine Etage überm Knuff, eine Schnapsboutique.“ Zu der Zeit war das Knuff noch „ganz klein“ und erweiterte sich erst später, „da kam der obere Raum dazu“. „Vorne war das Bajazzo am Eingang vom Hof, auf der anderen Seite eine Klamottenboutique, danach kam’s Zett rein.“

Dann kam Helmut Martens und löste Lothar ab, „der hat dann das Picture aufgemacht, in einem Hinterhof im Madamenweg“, berichtet Helmut weiter. „Der konnte den Hof nicht halten, er war ein gutmütiger Mensch – dann war Schluss und es war nur noch das Knuff da, das hat meine Tochter mal gehabt.“ Ach. „Der Helmut Martens, der war gut gut drauf, der hat das unheimlich doll eingerichtet, mit Antiquitäten, Farmer’s Inn, Bajazzo.“ Das war vorher auch ein Antiquitätenladen, mit einer Apothekeneinrichtung aus Dresden. „Er hat gesehen, er muss was Neues machen“, lobt Helmut, doch: „Inzwischen wurde der Hof versteigert, an R., das war ein reicher Typ, und der war rechts.“ Angewidert berichtet Helmut von dessen Gepflogenheiten. Der wohnte dort, wo jetzt Guidos Pizzeria ist, und jener Guido kam auch mit R. in den Hof. „Da war Martens weg vom Fenster“, bedauert Helmut. „Der hatte gute Ideen, hat auch das ehemalige Pupasch eingerichtet, als es noch unten war, und mit dem Sohn vom Schimmel den Schimmelhof gemacht, mit Atlantis.“ Aber auch das hatte Nachteile: „Das war zu weit draußen – und die Polizeistation vor der Tür.“

Jedenfalls ging R. „auch pleite“, so Helmut. „Das Darkness und das Scotland Yard, das hat ein Essener übernommen, den Magniwächter auch.“ Doch das Darkness wurde „immer schlimmer“, sagt Helmut und verschweigt Details. „Da kam eine Tanzschule rein, von oben runter, und jetzt ist da ein Jobcenter drin.“ Helmut kehrt zurück zum Hof: „Guido ist rechtzeitig abgesprungen, er hat gesehen, dass es nix wird mit R.“ Er schweift kurz ab und erzählt, wo und mit wem R. Noch so aktiv war. „Der Hof wurde immer pleiter pleiter pleiter und wurde versteigert“, fährt Helmut fort und weiß um Gerüchte über die Mitbieter. Gesichert ist indes der Höchstbietende: „Fritze Knapp hat gewonnen.“ Das Knuff baute der um: „Das war der erste Fehler“, meint Helmut: „Der Tresen war am Fenster, da konnte man das Bier durchreichen.“ Und diesen Tresen bauten sie nach hinten.

Helmut macht einen Sprung zur Seite. Das Tante Puttchen ist definitiv jünger als die Strohpinte, betont er: „Achim hat bei mir gearbeitet, er war Sportstudent, sein Bruder hat gefragt, ob er hier anfangen kann.“ African Club hieß es vorher, danach Hupe, „der hat auch das Moppel gehabt, wo jetzt das Wild Geese drin ist, und das Gustav im Hof.“ Wahrlich, die ganzen Namen und zeitlichen Abläufe sind kompliziert. Bevor ich nach dem Gustav fragen kann, das Helmut bislang noch gar nicht erwähnt hat, ist er schon nicht mehr in Braunschweig: „Der ist mit Gerd nach Amsterdam gefahren, da gab’s Singles, Oldies, und nur da.“ Der Name von dem Hupe-Besitzer indes, der will Helmut nicht mehr einfallen. „Der hat dann alles verkauft und in der Holsteinischen Schweiz ein Hotel aufgemacht.“ Doch das ging nicht gut: „Da hat ihn eine Sekte abgezockt.“ Ausgerechnet ihn: „So ein harter Hund, und wird von einer Sekte abgezockt.“ Die erste Markise vom Tante Puttchen, nicht die jetzige, hat der auch angebracht. Wenn Helmut nur der Name wieder einfallen würde. Stattdessen hält er fest: „Achim ist auch schon lange drin.“

Nebenan, im jetzigen Comiculture, war Fahrrad Fricke. „Das ist ein Bombengeschäft gewesen“, sagt Helmut. Doch die Nachfolger fällten einige unpopuläre Entscheidungen: „Sie haben Mittagspause gemacht und die Werkstatt woandershin – das war ein Fehler.“ Denn in der Mittagspause kamen viele Kunden vorbei, damals hatten Geschäfte noch nicht bis abends um acht geöffnet. Und Leute zur Werkstatt wegschicken, das sei auch unglücklich. „Fahrrad Fricke, das war ein Name!“

Drei Antiquitätenläden gab es im Handelsweg. „Einen hat ein Franzose gehabt, wo jetzt das Riptide drin ist“, erzählt Helmut. Angelika, die den Laden danach hatte und dann an die Ecke zur Breiten Straße gegangen ist, war zuvor in dem Antiquitätengeschäft Verkäuferin gewesen, in dem sich jetzt die Einraumgalerie befindet. Und das Fifty Fifty war ein Schuhladen.

An der anderen Ecke gegenüber von Angelikas jetzigem Laden betrieb Peetie das Hound Dog. „Da war zuerst ein Jeansladen drin, danach ein Blumengeschäft, danach Berliner Höfe oder so ähnlich, einer aus Garmisch-Partenkirchen.“ Peetie hatte noch das Peeties im Gewölbekeller unter dem Handelsweg. „Das war der Weiße Mohr, das hatte der Willi, der war ein Lehrer, mit einer Apothekertochter aufgemacht, nur vom Feinsten.“ Ein Künstler, an dessen Namen sich Helmut nicht mehr erinnern kann, „hat die Barhocker gemacht, 700 Mark das Stück, aber man konnte nicht darauf sitzen“. Der Laden „hat gekracht“, so Helmut. Aber auch einen Fehler: „Die Feuchtigkeit geht überall durch, das Wasser findet immer einen Weg.“ Der Werdegang des Kellers „ist kompliziert, nachdem Willi raus ist“, sagt Helmut. Er zählt Yellow Submarine und Krokodilo auf, und „Moppel 1, das war der Koch, der damals im Moppel gearbeitet hat“. Dann kam Peetie rein, „seine Currywurst war gut“. Doch der, das hat jener mir selbst erzählt, denn das Peeties habe ich noch erlebt, immerhin das, musste aus gesundheitlichen Gründen seine beiden Läden aufgeben.

Jetzt schwenkt Helmut im Handelsweg umher: „Wo jetzt die Goldschmiede ist, war eine Änderungsschneiderei drin, dann ein Jugoslawe.“ Es geht weiter in Richtung Gördelingerstraße: „Der Bierteufel war eine Damenboutique und dann eine Spielhalle.“ Das wiederum prangerten Lehrer vom Martino-Katharineum an. „Dann kam Ünal mit dem Merhaba.“ Und dabei fällt Helmut wieder ein, wie Ünals Restaurant im Kontakthof hieß: Balkan. „Der hat beides verkauft, weil er Wehrdienst machen wollte in der Türkei“, sagt Helmut. Das Merhaba verkaufte Ünal an Gerd, aber dann klafft eine kleine Lücke, denn das hieß dann Einbecker und wurde von Bömmel betrieben. „Der hatte das Golem in der Wendenstraße gehabt“, so Helmut. Berühmt war Bömmel aber fürs Panopticum. Inzwischen ist er jedoch tot, gestorben in Südafrika. „Dann kam Lutz“, über den Helmut weiß: „Der war Wellensittichzüchter, der hat ein Hotel gehabt in der Celler Straße, Simone, mit seiner Frau.“ Lutz baute das Einbecker mit einem Freund um und nannte es Red Pub, „wie ein Irish Pub war das“. Und: „Gerd hat auch das Knuff gehabt und für den Vorgänger von Achim gearbeitet.“ Bevor ich nachhaken kann, wer nun dieser ominöse Gerd sei, ist Helmut schon weiter: „Dann kam so’ne Dings da rein und hat es umbenannt in Bierteufel, die ist jetzt in Berlin.“ Deren Söhne waren als Koch und Kellner irgendwo in Braunschweig beschäftigt, das habe ich nicht so ganz mitbekommen, denn Helmut blickt schon nach gegenüber.

„Wo jetzt Serge drin ist, war so ein Alter, der hat neben mir gewohnt da oben, der hat Hefte und Bücher verkauft.“ Da oben, das ist nicht mehr in der Kurt-Schumacher-Straße, sondern im Handelsweg. „Da kam immer so eine Rothaarige“, setzt Helmut an, beginnt zu grinsen und lässt mehr Lücken, als er Infos preisgibt: „Das war eine Drogenabhängige, die hat er“, er macht kurze eindeutige Bewegungen und lässt zwischen seinen Lachern Satzfragmente wie „für ein paar Mark“, „Tür offen“ und „die Schüler“ frei. Ich stutze und staune. „Ja, echt!“, ruft Helmut und lacht.

Ein Gast geht und rückt Helmut einen Schein fürs Bier in die Hand, einem neuen Gast zapft der Wirt kurz das Pils, bevor er sich wieder zu mir setzt und weitererzählt. „Daneben war der Franzose, der war ganz nett, der war ‚74 schon drin, die sind nach Frankreich zurück, Angelika hat das übernommen.“ Da, wo Angelika jetzt residiert, „vorne, da war mein Freund Helge Papendieck drin, und vor Helge war da ein Souvenirladen drin, da drüben auch“, er nickt vage in eine Richtung, „dann noch ein Antiquitätenladen“. Und dann Piou und eben jetzt der Goldschmied. Helmut blickt durchs Fenster auf die Einraumgalerie. „Da war vorher Stefan mit einem Kumpel drin“, sagt Helmut. Gandula hieß das. „Davor ein Mädel, das handwerkliche Spiegel gemacht hat.“

Der Rundflug durch Raum und Zeit endet am Startpunkt, in der Strohpinte. Sie ist gemütlich eingerichtet, das Mobiliar in dunklem Holz, das Licht schummrig und warm, mit Bildern in schweren Rahmen an den Wänden sowie Spielen und Zeitschriften auf den Treppenstufen, die ins Obergeschoss führen. Auf den Tischen stehen Teelichte und Aschenbecher. In Braunschweig geblieben ist Helmut damals, weil’s gut lief. „Aber jetzt ist es ein Krampf“, bedauert er. „Es war nicht viel in Braunschweig, heute gibt’s überall was.“ Auch „Freisitzflächen“ waren rar; vor dem Pano war das Wikinger-Restaurant in dem Gebäude, „das hatte eine schöne Freisitzfläche“. Und im Handelsweg: „Das war so, dass du im Sommer nicht durchgekommen bist – das war eine Völkerwanderung.“ Helmut sinniert: „Damals sind wir wandern gegangen, das ist heute nicht mehr so.“ Man ging mal kurz in die Nachbarkneipen, auch als Wirt. „Heute ist das eine andere Art, die sitzen beim Kaffee, mit Handy und sowas.“ Er glaubt: „Die Menschen haben sich früher mehr unterhalten, das ist nicht mehr so, gerade noch kommen sie zum Bestellen“, sagt er. „Sie sind voll beschäftigt mit ihrer Maschinerie“, dabei imitiert er den Blick aufs Smartphone.

Doch im Handelsweg hat sich wieder etwas getan. Helmut deutet mit seiner Wasserflasche nach gegenüber, dass es schwappt: „Das ist auch ganz gut geworden da“, lobt er die Einraumgalerie. „Das ist was ganz Gutes.“ Kundschaft ruft, Helmut springt auf: „Hast du dir dein Bier genommen?“, ruft er dem Gast zu, und der murmelt zustimmend.

Ich bin mir sicher: Mit mehr Zeit hätte Helmut noch mehr erzählen können. Und ich mehr Gelegenheit zum Nachhaken gehabt. Aber wir hatten gerade mal eine Stunde zusammen. Es ist auch so ein opulentes Gemälde, das Helmut vom Handelsweg zeichnete. So unsortiert vielleicht etwas abstrakt, aber durchmengt mit Naturalismus, Expressionismus, Impressionismus und Dadaismus – ein Wunderwerk also. Und wir zeichnen es weiter, wir alle, die im Handelsweg unterwegs sind. Es ist wieder Leben hier. Danke für deine knappe Zeit, Helmut, und auf bald!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

7 Reaktionen

  1. Uwe
    11. November 2016 · 15:49 Uhr

    … das türkische Restaurant im Hof (links in der ersten Etage) hieß nicht ›Balkan‹, sonder ›Balkon‹: Die Front zum Hof hin war offen und gebaut wie ein innen liegender Balkon. Dort gab ein ein vortreffliches Iskender Kebab – nie wieder erreicht in Braunschweig …

  2. Wirt
    9. September 2017 · 14:00 Uhr

    Der bringt fast alles durcheinander der liebe Östreicher. Der richtiger weise einer Sekte anghörende war Moppel Wirt Peter Schleicher. Puttchen übernahm Gerd Bosse. Und das Grundstück Hof gehörte Ofen Hodemacher,dem auch das Haus von Guidos Pizzeria gehörte. Später versteigert an Fritz Knapp.Der Antique Franzose hieß Darnot. Bisschen Halbwissen des Österreichers, aber guter Schmäh.

  3. Marianne
    3. März 2018 · 16:56 Uhr

    Hallo,
    dazu noch einige Anmerkungen: Bevor das Lokal „Moppel“ hieß, war es die „Pigalle“. Und der Balkan-Grill hieß davor Balkan-Keller.
    Ich glaube, das „Golem“ hieß anschließend (oder vielleicht auch vorher)
    „TheBö“ (für Theo und Bömmel). Theo war später mit seiner Frau im Capriccio (nach Lutz).

  4. matze
    3. März 2018 · 10:21 Uhr

    Danke für die Ergänzungen! Das mausert sich hier zu einer historischen Enzyklopädie, sehr schön!

  5. matze
    3. März 2018 · 10:21 Uhr

    Wir sollten uns bei Helmut mal treffen und ihm das erzählen ;)

  6. Stephanie Janke
    8. August 2018 · 14:31 Uhr

    Ich muss da auch noch was korrigieren! Der Wirt vom Moppel gehörte nie einer Sekte an und hat auch in keinster Weise seine Lokalitäten an solche verloren. Ich muss das wissen, denn ich bin seine Tochter!
    Wäre schön, wenn das bitte korrigiert wird! Danke.

  7. matze
    9. September 2018 · 16:05 Uhr

    Danke für die Infos, die gebe ich an Helmut weiter!

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