#122 Alles bleibt so, wie es nie war

20. Dezember 2017


Dienstag, 19. Dezember 2017

Für die „Weihnachtszeit im Handelsweg“ wirbt ein kleiner laminierter Flyer, der an einer ungeschmückten grünen Tanne hängt, die wiederum am Durchgang bei Möbel Sander aufgestellt ist. Das ist aus Richtung Innenstadt der Eingang zum Handelsweg, und sämtliche Anrainer haben ein Plakat mit entsprechendem Aufdruck in ihren Schaufenstern hängen. Wie die Tanne, so sind auch die Tische und Bänke vor dem Tante Puttchen und dem Café Drei, dem früheren Bierteufel, triefnass, also nicht eben weihnachtlich bewittert. Die Wetterkarte zeigt sich gegenwärtig beinahe sommerlich, mit sieben Grad und Regen. Das Mobiliar des Café Riptide ist geschützt, über dem Achteck in der Mitte des Handelswegs spannt sich ein Segeltuch. André, Marco und Max tummeln sich darunter, die Rauchenden von ihnen rauchend, und bereiten sich auf den neuen Arbeitstag vor: Es ist 12 Uhr mittags, das Riptide öffnet. Max ist eigentlich viel zu früh da, aber da eines seiner Seminare ausfiel, beginnt er seine Schicht schon jetzt. Marco schleppt Getränkekisten aus dem Vorratskeller ins Café, Andre klebt ein Plakat an die Thekenfläche, Max bindet sich die Serviceschürze um. Die ersten Gäste trudeln ein, kaum dass die Tür geöffnet ist.

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke oder guten Vorsätze. Eskapistische Kontemplation. Oder so. Oder nicht: Mich interessiert, was meine Gesprächspartner in diesem Jahr anders machen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu. Die erste Antwort gibt der Chef: „Meinen Urlaub planen“, sagt André. Das klingt jetzt eher nach der Betonung auf „planen“ statt auf „Urlaub“. André bestätigt das.

André: „Ich habe einfach meinen Resturlaub zerschlagen, ich hatte noch ein paar Tage, die habe wich wahllos genommen, außerhalb der Möglichkeit, mal wegzufahren – der ist einfach verpufft. Sonst nichts, wirklich. Es war ein wohlgesonnenes Jahr.“

Seine Aufmerksamkeit gilt jetzt aber ganz der Kundschaft, dem schließe ich mich an, wenn auch anders. André findet in der Küche seine Aufgaben, ich setze mich zu Jenny und Franzi an den Tisch.

Franzi: „Das ist eine schwierige Frage, ich hatte ein extrem schönes Jahr. Ich würde nichts anders machen – so platt das klingt.“

Jenny: „Ich hatte auch ein supergutes Jahr. Ich würde versuchen, mir ein bisschen mehr Zeit für meine Freunde zu nehmen. Sonst war alles gut.“

Die beiden wenden einander zu und setzen ihr Gespräch fort, Max bringt die bestellten Getränke. Am Nachbartisch sitzt die nächste Franzi, mit Ann-Cathrin plaudernd. Auch hier gesellt sich Max alsbald dazu und liefert das Bestellte ab. Ich richte meine Frage an die beiden. „Bezogen aufs Riptide?“, fragt Franzi gegen. „Hier kann man nichts besser machen, seit der Renovierung.“ Nein, so allgemein, das eigene Leben betreffend. Aber ich vermute, dass ihre Aussage hier dennoch auf einiges Wohlwollen stoßen könnte.

Franzi: „Ich hätte meine Praxisstelle an der Uni nicht angenommen, sondern gewartet. Das waren vier Monate verschwendete Zeit. Ich habe nichts gelernt außer: Katzen sind eklig. Und Kaffee konnte ich vorher schon kochen. Ich mag Katzen, aber der Kater dort ist eklig. Meine Aufgabe war, den Kater von den Akten wegzuräumen. ‚Oh, hat er dich gebissen?‘ – ‚Ja, der hat mich gebissen.‘ Mehr Aufgaben hatte ich nicht und außer, dass die Katze mich gebissen hat, ist da nichts passiert. Ich habe mir letzte Woche eine neue Stelle genommen, das würde ich auch wieder machen.“

Während ich mitschreibe, wirft Franzi einen Blick auf meinen Blogblock und meine Sauklaue. Sie wundert sich, dass ich das lesen kann, und ich erzähle, dass ich mir mein Eigensteno seinerzeit bei der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung aneignete. Da entgegnet Franzi, dass sie in Fallersleben aufgewachsen ist und dass Max, einer ihrer Freunde, früher in einer Band spielte, die im Jugendzentrum Forsthaus ihren Übungsraum hatte. Ins Blaue tippe ich auf Revolt und liege richtig. Von denen habe ich sämtliche CDs im Regal, dank des Wolfsburger Labels Kernkraftritter Records. Kleine Welt.

Ann-Cathrin: „Ich würde mich im Sommer mehr disziplinieren und dann meine Hausarbeit schreiben, anstatt es in den Winter reinzuschieben. Ich hatte im Sommer eigentlich mehr Zeit, als ich jetzt im Winter habe. Vielleicht. Man weiß es nicht.“

Franzi wirft lachend ein, dass ich an den beiden Antworten erkennen müsste, es mit Studentinnen zu tun zu haben. Erkenne ich! Und setze mich einen Tisch weiter, zu Gunnar und Joana, die meine Frage im Dialog beantworten, bevor sie ihre Bestellung bei Max aufgeben, woran ich sie mit meiner Frage hindere. „Schäm dich“, sagt Max und grinst. Gunnars erste Antwort ist ein interner Scherz: „Die Brille gleich bei Fielmann kaufen.“ Joana stellt fest: „Das ist schwierig, weil es eigentlich ein gutes Jahr war.“ Ich höre ein „eigentlich“. „Es ist natürlich nie perfekt“, sagt Gunnar, meint aber auch, dass es eigentlich nichts zu bemängeln gab.

Joana: „Öfter mal wegfahren, mal einfach einen Tag, ans Meer fahren. Am Meer waren wir nur einmal, zwei Wochen zwar, aber nur einmal.“
Gunnar: „Und Silvester, da sind wir spontan ans Meer gefahren.“
Joana: „Stimmt. Matratze ins Auto und im Auto geschlafen. So was müssten wir öfter mal machen.“
Gunnar: „Vielleicht spontaner sein, das kann man festhalten dafür.“

Wo am Meer waren sie denn? „Sankt Peter-Ording, an Silvester“, erzählt Joana, und Gunnar ergänzt: „Das andere Mal waren wir in Schweden, auf Öland.“ Herrlich, beides. Öfter als zweimal habe ich es dieses Jahr auch nicht ans Meer geschafft, für mich eine schwache Quote. Dabei sind Nord- und Ostsee in gerade zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Das hab ich in anderen Jahren ausgetestet.

An der Theke bestellt Verena zwei Milchkaffees, einer davon ist für Marion, der Chefin von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft schräg gegenüber. Die Wartezeit nutzt Verena für ihre Antwort. „Dieses Jahr war eigentlich ganz schön gut“, beginnt sie. „Vielleicht würde ich etwas eher machen, höchstens.“ Sie sinniert: „Ich scan jetzt alles durch – eigentlich lief alles ganz gut.“ Eines fällt ihr dann doch ein: „Ich war jetzt dieses Jahr einmal mit meiner Mutter weg, ich würde nächstes Jahr zweimal fahren.“ Sie stoppt und murmelt vor sich hin: „Ökostrom, Kinder, mehr arbeiten kann ich nicht, Schrottauto, alles…“

Verena: „Ich bin dieses Jahr mit meiner Mutter weggefahren, die hatte einen Schlaganfall, schon vorher, ich habe gemerkt, wie gut uns das tut. Danach – öfter mal eine Auszeit nehmen und wegfahren, das ist nur für mich. Mit meiner Mutter war ich in Hann-Münden, nur eine Nacht, aber es war super. Meine Mutter mit Rolli, mit Rollatorporsche. Auf der Hinfahrt sind wir ausgestiegen, wo es gepasst hat, an der Seenplatte an der A7, bei Northeim, da sind wir runtergefahren, die Viecher gucken, Wasservögel, hat gut geklappt, wir haben alles gleich gefunden, Hotel und alles, ohne Schnickschnack, Navigatorscheiß.“

Die beiden Milchkaffees sind fertig. Christel heiße ihre Mutter, erzählt Verena noch, und dass Marion nicht ihre Chefin ist, sondern ihre Freundin, und dass sie bei einer Architektin arbeitet. Max händigt ihr die Getränke aus, und zwischen zwei Bestellungen gibt er mir auch eine Antwort.

Max: „Ich hätte mich mehr engagieren sollen, politisch, in Anbetracht der sich immer zuspitzenderen Lage, da sollte man sich besser einbringen – das ist mein bester Vorsatz für 2018.“

Eigentlich würde ich auch Marco gern noch interviewen, doch der ist mit Kisten bepackt und sagt: „Ich hab keine Zeit, ich muss jetzt in den Keller.“ Joana begleicht bei Max ihre Rechnung und erwirbt einen Geschenkgutschein für Gunnar, allerdings nicht für sich selbst, sondern für ihre Mutter, der sie bereits zu ihrem Geburtstag einen Riptide-Geschenkgutschein schenkten, den diese aber aus Zeitmangel noch nicht einlöste, was sie nun mit Gunnar gemeinsam unternehmen will, der deshalb von diesem Geschenk auch schon vorher weiß. Joanas Vater organisierte einen Plattenspieler: „Dadurch ist meine Mutter wieder auf den Geschmack gekommen.“ Max grinst: „Das ist taktisch unklug, ich hab‘s meiner Mutter ausgeredet und ihre Platten bekommen.“ Joanas Mutter dürfte ungefähr in meinem Alter sein. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, was ihre Mutter sich aussuchen würde. Joana denkt eine Weile nach: „Nein, keine Idee.“

Auch Ann-Cathrin und Franzi zahlen, eine von beiden hatte die Suppe der Woche, die Brokkolisuppe. Vergangene Woche war es die Möhren-Ingwer-Suppe. Mir begegnete eine Nachbarin im Supermarkt, die sich ein Bund Möhren kaufte, weil sie an der Suppe Gefallen gefunden hatte und diese nun rezeptlos nachkochen wollte. Solche Kreise zieht das hier.

Am Fenster bei den Plattenspielern sitzt Ole. Er hat die neuen LPs durchgeguckt und findet nun Zeit für meine Frage.

Ole: „Ehrlich gesagt: nichts. Weil ich eigentlich ziemlich zufrieden bin. Vielleicht würde ich weniger meckern und mehr mein Herz öffnen und mehr Initiative ergreifen und auf mein Herz hören und das tun, was mein Herz mir sagt. Quasi nach innen gehen, nicht im Außen alles haben wollen. Aber ich finde, ich habe es ganz gut hinbekommen für das, wie ich es konnte. Deshalb bin ich ganz zufrieden. Man kann ja nur machen, was man kann. Und lernen, deshalb ist es okay, wenn man was draus lernt.“

Da bin ich mit ihm einig, mit Hätte-hätte-Fahrradkette ist einem nicht geholfen, sofern man aus dieser Erkenntnis für die Zukunft keine alternative Handlungsweise ableitet. Ich verabschiede mich von Ole und quere den Raum. Ans andere Fenster setzen sich Uwe und Michael. Max trifft mit mir bei ihnen ein: „Moin, kann ich schon was bringen?“ Uwe nickt: „Ja, mach mal.“ Sie finden dann aber doch noch zu mehr Präzision. Michael scherzt, als ich meine Frage formuliere: „Uwe würde nicht mehr die FDP wählen.“ Das findet Uwe nicht so witzig. Vergangene Woche erzählte er mir noch, dass er in Hamburg zu einem Gorillaz-Konzert mitgenommen wurde, das ihm nicht gefiel, und dass er dann herausfand, dass parallel seine liebste Entdeckung des Jahres spielte, The Dead South nämlich.

Uwe: „Mein Reinfall des Jahres: Das Gorillaz-Konzert.“

Michael: „Ich würde mehr Platten im Riptide kaufen.“

Noch mehr oder nicht mehr, hakt Uwe nach, und doppelnegiert: „Nicht keine Platten im Riptide gekauft haben würden.“ Am Freitag waren wir mit Rille Elf in Harrys Bierhaus, auflegen zum „Ball im Bierhaus“, nur konnte ich nicht dabei sein, leider. Uwe erzählt, dass schön viel los war und viele auf der kleinen Tanzfläche tanzten. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wieder an Bord.

Meine Verabredung trifft nun ein und stöbert sich durch die Platten. Die neue Godflesh fällt Arni sofort ins Auge, neben den vielen anderen attraktiven Schallplatten, die das Riptide so feilbietet. Nachdem wir uns an einen der freien Tische setzten, bekommt auch er meine Frage zu hören.

Arni: „Nicht viel, irrwitzigerweise. Ich hätte mir gewünscht, dass ich viele Sachen machen hätte können. Ich wäre gern aktiver gewesen, aber aufgrund der Jahre davor war Ruhe angesagt und ich bereue das auch nicht. Es hat den Vorteil, ich hab einen prima Vorsatz, der sich daraus ergibt fürs nächste Jahr, nämlich wieder aktiv zu werden, jetzt, wo ich Kraft getankt hab.“

Während wir plaudern, schlendern Stef und Maike an unserem Tisch vorbei. Die beiden tauschen sich eine Weile lang intensiv aus, und als Maike im Aufbruch begriffen ist, kommt auch sie an meiner Frage nicht vorbei.

Maike: „Ich hätte wahrscheinlich meine Elternzeit verlängert und wäre noch länger bei meiner Tochter zu Hause geblieben.“

Die Tochter ist auch der Grund für ihren schnellen Abschied. Stef gesellt sich daher zu Arni und mir.

Stef: „Man muss mehr seiner Rolle in der Welt, die man intuitiv weiß, nachkommen. Jeder hat so seine Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, die man nur bedingt verändern kann, die man aber manchmal wegdrängt. Das bedeutet, dass man dann Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen sollte. Manche Leute meinen, sie müssten Rollen einnehmen, die eigentlich nicht ihnen entsprechen, sie hören nicht auf ihre Intuition.“

Auch wen Stef das sehr allgemein formuliert, verbirgt sich dahinter eine persönliche Erfahrung. Wir diskutieren noch eine ganze Zeit herum und kommen vom Hölzchen zum Stöckchen, vermehrt lachend.

Was würde ich denn selbst anders machen? Vermutlich nichts. Ich habe viel Gutes und Schönes erlebt und erfahren, aber auch viel Kraftraubendes und Schlechtes. Aber da bin ich ganz bei Ole: Wäre ich zu anderen Richtungen in der Lage gewesen, hätte ich sie auch eingeschlagen, alles andere ist Lernen und im Lauf verbessern. Oder Schicksal. Na, öfter ans Meer hätte ich bestimmt auch fahren können. Aber dann wäre weniger Zeit fürs Riptide gewesen, und das geht ja gar nicht!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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