#124 Wie kommt’s, Herr Polizeichef?

23. Februar 2018


Donnerstag, 22. Februar 2018

Netflix auf dem Smartphone! Und Micha wundert sich, dass ihm die Augen brennen. Es liegt an seiner Brille, mutmaßt er, doch wahrscheinlicher ist, dass er sich beim „Punisher“-Gucken auf dem kleinen Display die Retina zersägt. Einen PC besitzt er nicht, ebensowenig einen Smart-TV, also ist das Smartphone seine einzige Möglichkeit, in das Netflix-Universum abzutauchen. Endlich, will man meinen, angesichts der Tatsache, welchen Film- und Serienkonsum Micha so hat, da reißt das Nicht-Gucken bei Netflix glatt Lücken in seine Expertise. Trotzdem schimpfe ich ein bisschen über seine Methode. Ffür Micha ist Netflix eigentlich eher ein Teaser, wenn ihm etwas gefällt, schaut er es noch auf BluRay oder DVD. Aktuell schwärmt er von der Serie „Black Mirror“, davon habe ich auch schon anderthalb Folgen geguckt. Das Konzept erinnert mich an „Geschichten aus der Gruft“: Verschiedene Regisseure realisieren abgeschlossene Episoden aus den Genrefeldern Horror, Thriller, Spuk und Krimi, zumeist mit einem Plottwist, einer unerwarteten Pointe mithin. „Geschichten aus der Gruft“ mochte Micha aber nie, „Black Mirror“ hingegen schon, weil es modernere Themen aufgreift.

Das erzählt er mir auf dem Weg in den Handelsweg. Micha und ich wollen uns im Riptide verpflegen. Und aufwärmen, der Februar hat inzwischen eine Eigenschaft angenommen, die zur Jahreszeit passt: Minusgrade. Endlich! Etwas Schnee wäre jetzt noch fein, ich mag das ja, minus 20 Grad und Schnee und blauer Himmel. Immerhin den haben wir tagsüber inzwischen, das ist wundervoll, gut fürs Gemüt. Tagsüber ist um diese Uhrzeit bereits vorbei, da macht es uns nichts aus, dass wir in einem geschlossenen Raum sitzen; anderen Riptide-Gästen hingegen macht es nichts aus, bei den Temperaturen das Mobiliar im Achteck in Beschlag zu nehmen. Nicht mal unter der Plane, die ist nämlich eingerollt und lässt den Weg frei für gelegentliche Schneestippel. Ölfackeln illuminieren die trotzdem gemütlich erscheinende abendliche Sitzgruppe.

Während Micha ein Telefonat annimmt, gebe ich meine Bestellung bei Evelyn ab, die ich noch gar nicht kenne: Den Bonanza-Burger mit Edamer und die Fritz-Kola mit Extra-Kaffee hätte ich gern. „Mitte November bin ich gekommen, als Praktikantin, und bleibe bis Ende Mai“, erzählt Evelyn. Dieser Einsatz im Riptide findet von ihrer Schule aus statt, „ich bin in einer Praxisklasse“, sagt sie. „Wir sollten uns eine Arbeit aussuchen, die wir machen wollen, und ich wollte ins Riptide, das ist mein Lieblingsladen, seit ich in Braunschweig bin.“ Das ist sie erst seit einem Jahr, sie ist aus München hergezogen: „Ursprünglich aus Schlatt, das ist ganzganzganzganz klein, drei Häuser, vier Kuhfelder, die Straßen heißen alle Schlatt.“ Das Örtchen ist sogar so winzig, dass nicht einmal Google korrekte Ergebnisse liefert. So ähnlich wie mit Texas.

Das Riptide mag Evelyn nicht nur als Café, sondern auch als Plattenladen und wegen der musikalischen Ausrichtung, die sich nicht zwingend am gängigen Radioprogramm orientiert: „Ich bin eh nicht so eine, die Rap und so hört.“ Sondern? „Country.“ Sie grinst: „Ich höre eigentlich alles mögliche“, darunter sicherlich auch schon mal den ein- oder anderen Raptrack, aber: „Faber ist meine Lieblingsband zurzeit.“ Die hört sie jedoch nicht auf Vinyl: „Ich hab keinen Plattenspieler, leider, aber das würde ich gern.“ Gottlob ist so eine Apparatur ja mit recht einfachen Mitteln nachrüstbar. „Sonst höre ich Vinyl auch mal hier im Laden“, sagt Evelyn. Auch mit ihren recht jungen Jahren – die Zahl ist noch nicht allzulang zweistellig – hat sie schon Gastronomieerfahrungen gesammelt: „Ich hab in Bayern schon in einer Bar gearbeitet und in einem Gasthof.“ Dort bekam sie viele positive Rückmeldungen, die sie darin bestärkten, die Gastronomie als berufliches Einsatzfeld zu favorisieren. „Ich hab schon gemerkt, was für ein Stress das ist“, sagt sie, aber: „Das mag ich“, also den Stress, der sie herausfordert, nicht überfordert, denn: „Danach kann ich nach Hause und die Ruhe besser genießen.“

Für Unruhe sorgt jetzt Micha, der bei ihr ein Wasser bestellt: „Laut oder leise?“, fragt Evelyn nach. Micha überlegt noch während der Antwort und legt sich auf „laut“ fest, also mit Kohlensäure. Evelyn greift nach der entsprechenden Flasche im Kühlschrank hinter ihr und nimmt Michas Geld inklusive „Stimmt so“-Rest entgegen. Doch jetzt kapituliert sie vor den erforderlichen Aktivitäten an der Kasse. André springt aus der Küche herüber und ihr zur Seite: „Frag lieber“, bietet er ihr sanft an, „das können wir dann zusammen machen“, und erläutert ihr die Vorgehensweisen. André und ich plaudern kurz, doch er unterbricht grinsend: „Ich muss in die Küche, deinen Burger machen.“

Hinter mir höre ich, wie jemand mit Micha spricht, und vernehme den Ausruf: „Was, auf dem Handy?“ Ich drehe mich um. Micha hat ganz offensichtlich gerade Jonte von seiner Netflix-App erzählt. Die beiden stehen mit Getränken in der Hand – Micha sein Wasser, Jonte ein Wolters – neben den Ölfässern, die zwischen Eingangstür und Theke diverse Objekte feilbieten, von herabgesetzten Schallplatten bis über diverse Ausgaben des „Mint“-Magazins. Filme sind ihr Thema, das verwundert mich nicht, denn das Kino ist quasi unser aller gemeinsamer Ort, wenn es nicht das Riptide ist. In diesem Moment betritt Chris das Café, mit der obligatorischen schwarzen Transferkiste für den Warenverkehr zwischen Büro und Riptide unterm Arm. Mit Blick auf die Auslegware, die die Dielen unter uns partiell abdeckt, reicht Chris uns dreien artig die Hand und sagt: „Willkommen auf dem roten Teppich.“

Den verlassen wir jetzt aber, weil André mit einem Teller voll Burger und Chips für mich um die Ecke biegt. Wir plazieren uns an einem Tisch inmitten des Cafés und schalten die von Chrisse Kunst bemalte Lampe an. Jonte empfiehlt uns „The Shape Of Water“, den neuen Film von Guillermo del Toro. „Den hab ich in der Sneak gesehen“, erzählt er. Micha und ich haben den auch auf dem Schirm, so ganz grob. Jonte führt aus: „Bis auf das Kostüm von dem Monster, oder wie auch immer man es nennen will, habe ich nichts daran auszusetzen.“ Zu diesem Kostüm hat er eine ambivalente Meinung: Zwar wisse er, dass das eine Referenz an die zum Teil billig gemachten Monsterfilme der Sechziger sei und nennt exemplarisch „Das Ding aus dem Sumpf“, doch habe ihn der offensichtliche „Gummianzug“ befremdet. Und trotzdem: „Wie die Effekte dann gemacht sind, das ist was anderes.“ Letztlich lässt das Kostüm also doch Jontes Augen leuchten. „Hast du ‚Pans Labyrinth‘ gesehen?“, fragt er, und ich bejahe. Den mochte ich sehr gern, wenngleich ich die punktuelle explizite Gewalt unangebracht fand. „Dann könnte der dir gefallen“, sagt Jonte in Bezug auf „The Shape Of Water“. „Das ist mein Favorit des Jahres.“ Micha schränkt ein: „Des noch jungen Jahres.“ Er erzählt, dass wir beide „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gesehen haben und sehr begeistert davon sind. „Was für ein schlechter Film“, wirft Chris ein, der soeben am Nachbartisch die Chrisse-Kunst-Lampe einschaltet und die Speisekarten und Blumen neu arrangiert. Er grinst dabei breitestens, denn diese Äußerung entspricht keineswegs seiner Meinung. „Ich hab auch den del Toro gesehen, aber an ‚Three Billboards‘ kommt der nicht vorbei.“ Den wiederum hat Jonte noch nicht gesehen: „Aber ich habe gute Aussichten, das noch zu schaffen.“

In „Three Billboards“ führt Regisseur Martin McDonagh zunächst recht stereotype Figuren ein und dann charmant die Vorurteile der Zuschauer vor, indem er sämtliche Figuren Wege einschlagen lässt, mit denen nicht zu rechnen ist. Dies ist nach „Brügge sehen und sterben“ und „7 Psychos“ erst der dritte Kinofilm des Regisseurs, stellen Micha und Jonte fest, und führen weitere Beispiele an für Wenigdreher, darunter Quentin Tarantino. Zu dem hat Jonte eine uneindeutige Haltung: Tarantino wiederhole sich mittlerweile zu sehr, „man erkennt ihn sofort“. Genau das hält Micha für positiv, dass man einen Film von Tarantino „schnell“ erkennen könne. „Das gilt auch für Till Schweiger“, wirft Jonte ein. Micha kontert: „Aber auch nur, weil der selber mitspielt.“

Zwei laufende Projekte von Tarantino erfahren laut Gossip-News zurzeit schwere Rückschläge: ein Film über den Sektenführer und Massenmordauslöser Charles Manson und ein Film der Science-Fiction-Reihe „Star Trek“. Beides halten Jonte und ich nicht für zu Tarantino passend. Manson nicht, weil die Gefahr der Glorifizierung des Arschlochs besteht, oder, wie Jonte es ausdrückt: „Manson in Tarantinos Comic-Stil ist unpassend.“ Und da es sich bei „Star Trek“ um eine Art Franchise handelt, empfinden wir den Rahmen für einen Tarantino als nicht frei genug. Zwar hat er sich auch schon in ein festgelegtes Serienformat wie „CSI: Vegas“ gefügt, aber seine Episode „Grave Danger“, „Grabesstille“, konnte er quasi einfach nach vorgegebenem Muster abdrehen, seinen Stil erkennt man darin nicht wirklich.

Nur zehn Filme insgesamt wolle Tarantino drehen, sinnieren wir, acht hat er, Manson und „Star Trek“ wären die fehlenden beiden. Micha meint, Tarantino würde das Regieführen jetzt ganz sein lassen, ohne seine angekündigte Quote einzuhalten. „Und dann eröffnet er eine Videothek“, sagt Micha, da sei er rückwärtsgewandt. Und verleiht Netflix-Filme? Jonte nickt: „Aber bitte zurückspulen!“

Micha und Jonte sinnieren darüber, dass es bei „Star Trek“ wohl auch darauf ankomme, in welcher Reihe Tarantinos Film stattfinden würde. Aktuell gibt es eine, die die Jugendzeit der klassischen Figuren ausformuliert, sehr mainstreamig-popcornig und damit nach Jontes Meinung zu weit weg vom Tarantino-Stil. Initiator des „Star Trek“-Reboots war J.J. Abrams, der kürzlich auch „Star Wars“ übernahm. Das schreit ja nach einem Crossover, „Trek Wars“ oder so. Jonte und Micha stöhnen auf und winken ab. Schlimm genug, dass es Leute gibt, die jünger sind als wir, so Jonte, die Jar Jar Binks besser finden als Chewbacca. Unvorstellbar!

Eine Schallplatte würde ich noch gern bei Chris bestellen: Das selbstbetitelte Album der Supergroup Killer Be Killed, bestehend aus Leuten von Dillinger Escape Plan und mit Max Cavalera als Sänger. Auf Vinyl gibt’s nämlich einen Track mehr, doch Chris hat leider eine enttäuschende Auskunft für mich: Das Album ist als LP auf allen verfügbaren Kanälen ausverkauft. Wie schade, davon habe ich viel zu spät überhaupt erfahren. Chris weiß, dass das bei solchen Projekten häufig so ist, dass sie kaum richtig beworben werden und auch nicht auf Tour gehen. Wer zu spät kommt!

Micha und ich wollen nach Hause, wir begleichen die Rechnungen und schlendern durch den Handelsweg. Wir schauen im Café Drei vorbei, dem früheren Bierteufel, in dem auch – so ist der Handelsweg – Marion von Fifty-Fifty, dem Bekleidungsgeschäft am anderen Ende der Passage, ihr Abendessen einnimmt. Eigentlich will ich nur ein paar Flyer für die „Burning Beats“ dalassen, der Party, die wir mit Rille Elf am 3. März im Nexus ausrichten, und bekomme sofort von allen Seiten Gegenflyer zugesteckt. Die reiche ich natürlich gern weiter.

Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle gönnt sich Micha bei Tandır einen Döner und greift den Faden vom Hinweg wieder auf. Jodie Foster hat eine Episode für die britische Netflix-Serie „Black Mirror“ gedreht, bei der es um die digitale Kontrolle eines Kindes geht, und in einer anderen Episode deckt jemand per Gedankendownload Mordfälle auf. Erinnert mich doch echt sehr an „Geschichten aus der Gruft“ und diverse Hörspielreihen, wie „Mindnapping“. Die Bahn rauscht an, Micha steigt ein und schließt seinen Bericht noch schnell ab, bevor sich die Türen schließen: „Der Hamster war’s!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

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