#141 Blut am Pranger

21. Juni 2019


Donnerstag, 20. Juni 2019

Sommer! Oder so. Zumindest ab morgen, dem längsten Tag des Jahres. Heute ist irgendwoanders im Lande Fronleichnam, also Feiertag. Und die Kulturnacht steht kurz bevor, übermorgen nämlich, was man im Handelsweg nicht übersehen kann: An den Tischen im Achteck entfalten sich nicht nur die Gäste, sondern diese auch die Programme und die Übersichtspläne, und die nahmen sie vermutlich direkt im Riptide mit, denn auf einem runden Tisch neben der Theke sind sämtliche Infomaterialien zu dem stadtumspannenden Ereignis aufgestapelt. Das Riptide selbst nimmt natürlich auch daran teil, und zwar stellt Toddn Kunst aus und hält ab 21 Uhr eine Lesung ab. Erst vorgestern traf ich ihn und Schepper genau hier, als ich zufällig auf eine Kola hereinschneien und den neuen Peter-Grant-Roman von Ben Aaronovitch zuende lesen wollte, „Die Glocke von Whitechapel“; ein schöner Tausch, stattdessen in diese Gesellschaft geraten zu sein.

Schepper sitzt auch heute hier, am nämlichen Platze auf der Bierbank am Fenster der Rip-Lounge, unter dem Segeltuch, das heute ausnahmsweise mal nicht das schlechte, sondern das sonnige Wetter abhält. Auch der Solo-Bassist hat Engagements bei der Kulturnacht, als wohl einer der wenigen Artisten des Abends gleich zwei, aber keinen davon im Handelsweg, sondern zuerst um 19.30 im BBK am Botanischen Garten und dann um 22 Uhr in der Bar Lissabon um die Ecke vom Handelsweg, bei der Ausstellungseröffnung des Illustratorenstammtischs, der sich regelmäßig im Riptide trifft.

Die ganze Bank ist neben ihm noch frei, ich setze mich zu Schepper. Vor uns plaudern zwei Frauen auf Englisch, rechts davon spielt Udo mit jemandem Schach, und Schepper liest im neuen Zeit-Magazin über 50 Jahre Mondlandung. Überall im Handelsweg sind Bänke und Stühle belegt, von Stefans ComiCulture über Helmuts Strohpinte und Serges Antiquariat bis zu Achims Tante Puttchen. Das vormalige Café Drei steht immer noch leer. Aline steuert direkt aus dem Riptide auf uns zu: „Was darf ich dir Gutes bringen?“, fragt sie mich. Des Hungers wegen einen Bonanzaburger mit einer Scheibe Extra-Käse, die sie aussuchen darf, und des Durstes wegen eine Fritz-Kola mit Extra-Koffein. „Das darf ich mir auch aussuchen, ja?“, fragt sie. Selbstredend! Und Schepper erbittet eine Fritz-Kola mit ohne Zucker drin.

Als wir unsere Getränke gerade so einnehmen und uns an ihrem Erfrischungsgehalt laben, erblicken wir Dirk, wie er zielgerichtet vor uns von links nach rechts durch das Achteck steuert. Wir rufen ihm Grüße zu, und er antwortet fröhlich winkend: „Hey, ich muss leider weiter, ich werde verfolgt!“ Das stimmt: Wir sehen, dass er ein rotes Kärtchen an einer Schnur um den Hals trägt, das ihn offenbar als Touristenführer kennzeichnet, und dass ihm im Gänsemarsch ein gutes Dutzend Stadterkunder auf den Fersen ist. Sobald der Letzte in der Reihe unseren Sitzplatz passiert, ist Dirk vermutlich schon auf dem Kohlmarkt, ohne dass die Schlange unterbrochen ist. Leuten Geschichten aus der Stadt erzählen kann er gut, das hat er früher schon als Okerflößer unterhaltsam bestätigt.

In unserer Blickrichtung räumt und wischt Chris Tische ab. Er grüßt Schepper und mich mit Nachnamen und schiebt mir in die Augen guckend und dabei grinsend ein „Na, du Schweinegesicht?“ hinterher. Ich drehe mich um, aber durch die Scheibe hinter mir sehe ich, dass der Platz in der Lounge leer ist. Er muss also doch mich meinen. Worauf spielt er nur an? Da fällt es mir ein: Auf mein T-Shirt, das von Pigface, mit dem reichlich unappetitlichen „Fook“-Motiv. Voll vergessen, was ich trage! Damit revanchiert er sich für meine vergleichbare Aktion vorgestern, als ich ihm eine Hohe Fünf auf den Bauch geben wollte, und er vergessen hatte, dass auf seinem Shirt eine große Hand abgebildet war. Dabei handelte es sich um ein Kleidungsstück einer New Yorker Firma, also aus New York, nicht aus Braunschweig, die Fair-Trade-Motive von Künstlern gestalten lässt, rund um den Themenkomplex „Welthandel und Ungerechtigkeit“, wie Chris erzählt. „Das Motiv hat mir sehr gut gefallen“, sagt er, und spricht Schepper mit „Paul“ an, weil auf dessen T-Shirt der Schriftzug „Lennon“ prangt. Schepper kennt sowas: „Ich spreche gern Leute darauf an, ‚cooles Shirt‘, und die gucken erstmal runter, welches Shirt Mutti heute rausgelegt hat.“

Chris erzählte noch, dass er „The Dead Don’t Die“ gucken wollte, den neuen Film von Jim Jarmusch, einem der größten Regisseure dieser Tage, die mit ihm seit über 30 Jahren anhalten, und ich mag ihm nicht spoilern, dass ich den Film nicht mochte. Und warum. Immerhin lief er im Universum-Kino, also überhaupt in Braunschweig, und dafür bin ich schon dankbar genug. Zuletzt lief dort auch im Rahmen der „Sound On Screen“-Reihe „Chasing Trane“, die Doku über John Coltrane, die ich mit Jörg aus Wolfsburg sah, und den fanden wir auch nicht so geglückt. Ein verfilmter Wikipediaeintrag mit Lobhudeleien. Aber die Mucke, an der Coltrane beteiligt war, ist natürlich großartig, nicht nur die Hits von „Kind Of Blue“ bis „A Love Supreme“. Jörg hatte es hernach eilig, den letzten Zug nach Wolfsburg noch zu erreichen, und hastete zum Hauptbahnhof. Später schrieb er mir, dass seine Mission geglückt sei, die da lautete: „Chasing Train“. Da hörte ich bereits im Riptide das Jazz-Trio Ascension, lauter überraschend junge Leute, die den Geist Coltranes aufnahmen und ansprechend zu etwas Eigenem verwirbelten.

Außerdem holte ich mir kürzlich meine bestellte LP ab: „She Paints Words In Red“ von The House Of Love, hier allerdings ohne Artikel, das neue Album, quasi, das vor sechs Jahren erschien, und zwar zusätzlich zur CD in einer limitierten LP-Fassung mit einem Bonus-Stück, aber als ich davon erfuhr, waren die 350 Exemplare längst vergriffen und werden seitdem zu horrenden Preisen in den bekannten Gebrauchttonträgerverkaufsplattformen im Internet angeboten. Mit leicht neidvollem Blick auf den Braunschweiger Musiker, der eine Kopie davon hat, vermied ich es, die CD zu erwerben und lauerte auf die LP zu bezahlbaren Konditionen. Geduld zahlt sich aus: Ich hatte die LP vielfältig als Suchanfrage eingestellt, und plötzlich erschien sie als Voranmeldung zur Wiederveröffentlichung – musste ich natürlich sofort bestellen. Weitere 1000 Exemplare auf weißem Vinyl, meins trägt die Nummer 77. So. Jetzt können Guy Chadwick und seine Bande auch gern wieder etwas Neues herausbringen.

„Hat es denn geschmeckt?“, fragt Aline, als sie meinen leeren Burger-Teller wieder mitnimmt. Sehr! Schepper blickt auf die beiden Salatgurkenscheiben, die noch unangetastet in der ansonsten leeren Salsasoßenschale stecken: „Aber Gurken mag er nicht.“ Aline weiß, dass auch welche zur Burgerausstattung gehören: „Die Sauren hat er aber gegessen“, stellt sie fest und blickt auf die beiden Reste. „Die leg ich jetzt ein, die gibt’s dann nächstes Mal.“

Vor Schepper liegt kopfüber sein Hut auf dem Tisch. Markus knotet sein Fahrrad irgendwo fest, erblickt die Kopfbedeckung und sagt im Niedersetzen: „Na, Jungs? Nee, Männer! Hab grad kein Kleingeld.“ Na, Scheine tun’s auch, bemerken wir. „Nur zum Schein!“, sagt Markus, und Schepper winkt ab: „Mehr Schein als Sein!“

Es ist Zeit für den Aufbruch. Üblicherweise wäre Schepper noch zum MokkaBär weitergeradelt, aber Ollo ist zurzeit im Urlaub. Und war deshalb auch bedauerlicherweise am Samstag beim Stadtteilfest auf dem Frankfurter Platz nicht zugegen. Da kamen alle Anrainer zusammen, bis hin zum Nexus, und bildeten ein kunterbuntes kleines Straßenfest mit Livemusik von Kurzmal zum Abschluss. Bernd, Carlos und ich nahmen zwischendurch Getränke im Gambit ein. Carlos stammt aus Lissabon, lebte vor 30 Jahren in Braunschweig, ist längst Berliner und hat immer noch Kontakt zu Bernd, der den soziokulturellen Kufa-Teil am WestAnd mitbetreut, dem neuen Veranstaltungsort, der im Sommer seine Türen öffnet. Carlos stellte fest, dass Braunschweig sich positiv veränderte, seit er es verließ, dass nämlich die Leute freundlicher und offener seien. Und, für ihn die größte Überraschung: Die Mülltonnen können einfach so an der Straße stehen – in Berlin sei das unmöglich, weil dann alle Leute ihren Müll dazustellten. Hier sei das ansatzweise ähnlich mit Sperrmüll, erwiderte ich: Einiges kommt weg, anderes dazu, sodass die Menge an Müll über Nacht ungefähr ausgeglichen bliebe. „Weißt du, wie das in Berlin aussieht?“, fragte Carlos unbeeindruckt. Vermutlich häuft sich einfach nur noch mehr an? Carlos schüttelte den Kopf: „Es bleibt ein Jahr so.“

Also zieht Schepper nach Osten und ich begleiche meine Rechnung bei André, der Chris hinter der Theke abgelöst hat. Im Café stehen die Stehtische im früheren CD-Bereich jetzt L-förmig, also mit doppelter Abstellfläche. Ein Ventilator verwirbelt die Luft über den Kulturnachttraktaten. André gießt Roséwein in mit Eiswürfeln bestückte Gläser: „Das wird eine runde Sache“, stellt er zufrieden fest und trägt das Tablett mit den Getränken an seinen Bestimmungsort. Am Fenstergitter vor dem Schallplattenspieler sind die orangefarbenen Durchgedreht-24-Ballons festgebunden. Mein Weg führt mich zurück nach Westen, vorbei an der nun mit Frust ebenfalls besetzten Bank vor der Einraum-Galerie und an Marions indessen geschlossenem Fifty-Fifty-Bekleidungsgeschäft. Noch scheint die Sonne, aber man sieht, dass ein Gewitter aufzieht. Hoffentlich nicht auch übermorgen, wenn die Menschen durch die Kulturnacht flitzen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

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