#151 Otto hält die Fahne hoch

Sonntag, 19. April 2020

An einem Sonntag im April darf man auch mal Element Of Crime zitieren. Unterwegs bin ich in den Handelsweg, ins Riptide, das alte Riptide, das neue Riptide Offshore, das es noch nicht ist und noch nicht sein darf, weil ein Virus die ganze Welt lahmgelegt hat. Für das Riptide ist dies ein doppelter Schlag ins Kontor, weil Chris eigentlich vorgehabt hatte, es am 1. April am neuen Standort im Magniviertel an den Start zu bringen und parallel den alten Standort für Umzugsfinanzierungsbenefizveranstaltungen bis zum Auslaufen des dortigen Mietvertrages Ende August weiterzunutzen. Da nun aber das Corona-Virus erhebliche Einschnitte in das gewohnte Leben mit sich bringt und um die Menschheit zu schützen so gut wie alles nicht erlaubt ist, darf auch Gastronomie seit Mitte März nicht mehr betrieben werden. Heißt fürs Riptide: Doppelte Miete, Gehaltszahlungen – aber keine Einkünfte. Um wenigstens etwas an Kosten decken zu können, richtete Chris die Spenden-Webseite savetheriptide.de ein; bis kurz vor Ende Mai ist der Fortbestand gesichert. Und weil sich das Virus auf sämtliche Bereiche auswirkt, verzögert sich außerdem der Ausbau des neuen Riptides. Handwerk und Produktion verhindern punktgenaue Termineinhaltungen, und hätte Chris nicht Hilfe von Freunden, wäre er aufgeschmissen.

Einen solchen kleinen Beitrag will ich heute auch leisten, es gilt, Schallplatten vom Handelsweg zum Ölschlägern zu bringen. Sonntagmittag, schönstes Aprilsonnenwetter, es ist wie beinahe seit einem Monat durchgehend sonnig, aber noch nicht so warm, dass man sich in den Park setzen mag, was ohnehin zu den Aktivitäten gehört, die derzeit nicht erlaubt sind. Alltagseinschränkungen haben Bund, Länder und Kommunen zahllose erlassen, um die Ausbreitung des Virus‘ einzudämmen, und auch wir beide wollen und müssen uns jetzt und heute daran halten, selbst wenn es quasi dienstliche Aufgaben zu erfüllen gilt.

Ich bin noch vor Chris im Handelsweg. Der Blick in die vertraute Gasse bricht mir das Herz. So sonnig, und so leer. Im Eingang von Comiculture stapeln sich Prospekte, Marion hat einen Karton mit der Aufschrift „Zu verschenken“ vor ihrem Laden Fifty-Fifty abgestellt, knapp neben dem Eingang der mit einem schwarzen Vorhang blickdicht gemachten Einraum-Galerie, mit Herzen und der allgemein durchgesetzten sympathischen Empfehlung „Bleibt gesund“ darunter; dieser Karton ist längst leer. Vor der Strohpinte stehen Tische und Stühle, als wolle Helmut jederzeit Gäste empfangen. Er tritt aus der Tür. Zwar sei er auf die laufende Kneipe angewiesen, mache sich aber nicht verrückt: „So lang ich atme und die Sonne scheint“, sagt er und schlendert entspannt die Breite Straße entlang. Knapp verpasst er Stecky, der mit Gefolgschaft aus der anderen Richtung kommend in den Handelsweg einbiegt, um vor Tante und Onkel Puttchen die Bänke und Tische zu erneuern. Einige ausgemusterte Bretter stapeln sich in dem Bereich zwischen Serges Antiquariat und der Schmuckwerstadt38.

Und mitten im Handelsweg ist das Achteck zwischen Café Riptide und Rip-Lounge unter dem Segeltuch leer. Den Hashtag #savetheriptide hat jemand mit Kreide auf die Bodenplatten gemalt, ein Aufruf zur Initiative Seebrücke ist auf der anderen Seite noch lesbar. Die maßgefertigte Holzbank vor der Lounge nahmen Diebe in der zurückliegenden Nacht mit. Hier tobte noch vor einem Monat das Leben. Zettel in den Türscheiben weisen auf den geplanten und verschobenen Neustart im Magniviertel hin, abgeschlossen mit dem freundlichen Aufruf „bleibt gesund, solidarisch, besonnen und passt auf euch auf“.

An der Wand neben dem Eingang hängen noch die drei Schallplatten, eine Mozart-LP und zwei Shakin-Stevens-Singles. Im Aushangkasten auf der anderen Seite der Tür schwenkt Otto von den Simpsons einsam die Riptide-Flagge. Durch die Scheiben sind die Stapel dessen zu sehen, was aus dem Café vertraut ist und wohl noch für den Umzug verpackt wird: Sitzkissen, Plattenspieler, Mischpulte, Kabel, Plastiktüten, Gefäße, Aschenbecher, Decken, Schüsseln, Speisekarten, Klemmbretter, Spiele, Rubiks Würfel, Bücher, Kerzenständer, Pflanzen; und bevor ich noch alles erfassen kann, fährt Chris in der Breiten Straße mit einem Bully vor. Ich gehe ihm entgegen.

Weiß mit einem blauen Streifen, aber ohne die frühere Aufschrift: Sofort fällt mir angesichts des Fahrzeugs eine Szene aus „Blues Brothers“ ein, und Chris weiß Geschichten vom Eigentümer dieses uralten Gefährts zu berichten, die diese Assoziation mit Leben füllen. Er wirft mit erforderlicher Wucht die Tür zu, öffnet die Heckklappe, nimmt die Sackkarre heraus und erzählt, dass ihm ein befreundeter Gastronom den alten Bully unentgeltlich für den Umzug zur Verfügung stellt. „Das ist auch Hilfe“, sagt er dankbar und führt all jene Leute ins Feld, die ihm physisch, monetär und mit Aktionen wie diesen unter die Arme greifen.

Wir begrüßen uns von Ferne, wie sich so gut wie alle Menschen zurzeit begrüßen, herzlich, aber ohne Körperkontakt, was uns sehr fehlt, und wovon wir hoffen, dass wir das bald umso ausgiebiger nachholen können. Was wir heute vorhaben, ist auch mit dem erforderlichen Abstand zu zweit machbar: Wir schleppen Kartons und Boxen ins Café und stapeln darin aus den Vinyl-Fächern in der korrekten Reihenfolge die Schallplatten ein, damit Chris sie im neuen Riptide ohne großes Suchen wieder einsortieren kann. Einer packt, der andere rollt das Gepackte mit der Sackkarre zum Bully. Das ist der Plan.

„Es ist ein Trauerspiel“, sagt Chris, als wir das Café betreten und uns in dem, was noch geblieben ist, umsehen. Ich fühle das sehr nach, auch wenn ich lediglich Gast bin, obschon vom ersten Moment an. Einige Stühle bleiben hier, ein Kühlschrank, die Bierbänke, manche Poster pinnen noch an der Wand, und so richtig genau mag ich gar nicht hinsehen, zu viel Leben habe ich hier verbracht, als dass ich das Dekonstruieren dieses Zuhauses so einfach wegstecken könnte. Also machen wir uns an die geplante Arbeit.

Reibungslos geht das Handwerk vonstatten, und nach einigen kiloschweren Transportwegen schließt Chris das Riptide ab, klappen wir sämtliche Bullytüren zu und begeben uns ins Magniviertel; auch in dem Fahrzeug kann man zum Glück das Regularium einhalten. Wir umrunden die Innenstadt, weil man vom Handelsweg aus nicht direkt ins Magniviertel kommt, und Chris erzählt begeistert und dankbar von den vielen helfenden Ideen, mit denen das Riptide Unterstützung erfährt. So hat Ben vom Illustratorenstammtisch angeregt, ein Benefiz-T-Shirt zu gestalten, gab es vorigen Samstag ein Instagram-Festival mit gestreamter Live-Musik von Kroner, Matze Rossi, Cosmo Thunder, Timo Scharf, Lina Brockhoff, Poly Ghost und No King. No Crown, und wenn alles so klappt, wie es sich in Aussicht stellt, könnte in zehn Tagen, zwei Wochen eine Art Vinyl-Bestellausgabe am neuen Standort eingerichtet sein, „Plattenverkauf außer Haus, mit Paypal zahlen, das ist ein Ziel“, sagt Chris. Doch dafür müsse noch einiges geschehen; er zählt die erforderlichen Arbeiten auf, die ab morgen anstehen: „Wir machen Riesenschritte die nächsten vier Tage“, sagt er. „Große, tolle Sachen“ sind vorgesehen, Max und Melissa übernehmen dafür beispielsweise den Umzug der Küchenutensilien. Gestern wäre eigentlich der Record Store Day gewesen, fällt mir ein, und Chris weiß, dass der verschoben wurde; laut Webseite auf den 20. Juni, inklusive der entsprechenden Hoffnung.

Von hinten durch die Brust ins Auge parkt Chris den Bully schräg am Magnikirchplatz. Vor dem Café in spe ist zurzeit kein Platz, denn dort streichen Sarah und Sascha zwei Dutzend Tische. „Wir verbringen unseren Urlaub hier gerade“, sagt Sascha, als er wohl nach einer Pause zu den Streichutensilien greift, um Sarah zur Hand zu gehen. Sie beneidet ihn um den „schönen neuen Pinsel“, doch er sieht da gar keine Vorteile für sich: „Wir können tauschen, ich nehme lieber was Altes.“ Sie tauschen, und Sarah strahlt: „Ha, neuer Pinsel!“

Um die Abstandregel brauchen sich die beiden keine Sorgen zu machen, jedenfalls zueinander. In dem Café arbeiten noch Judith in der Küche und Marc im Thekenbereich; sie achten auf die Erfordernisse und Chris und ich können entspannt den Bully entladen und die Kartons und Boxen dort deponieren, wo Chris sie sogleich in die Fächer entleert, wie geplant in der korrekten Reihenfolge. Alle indes darf er noch nicht befüllen, weil ein Tischler morgen noch an einigen zu arbeiten hat und die Platten ja nicht zugestaubt werden sollen.

Auch Marc ist Tischler, ein handwerklich variabler, weil er heute nicht nur die Barhocker kürzt, damit sie besser unter die neuen Begebenheiten passen, sondern auch Malerarbeiten übernimmt. Eine Getränkepause ist angesetzt, wir bedienen uns bei der Kiste Fritz-Kola, und Chris und Marc frotzeln herum. „Hab ich dir schon die Geschichte von Lenny Kravitz erzählt?“, fragt mich Chris dann lachend. Marc schüttelt den Kopf: „Er bauscht die Geschichte immer mehr auf!“ Hat er bislang noch nicht, also setzt er an: „Es trug sich zu, dass Marc als Tischler arbeitete, und ein Freund von ihm ist nach Miami ausgewandert, um dort als Tischler zu arbeiten, und Marc bekam einen Anruf von diesem Freund.“ Von draußen ist Saschas Stimme zu hören: „Erzählt er schon wieder die Lenny-Kravitz-Geschichte?“ Tut er, und laut der brauchte dieser Freund Hilfe, „also wurde Marc eingeflogen in die USA, für einen großen Auftrag“. Ein Haus sollte ausgebaut werden, sagt Chris, und Marc rollt grinsend mit den Augen: „Nein, wir haben nicht das Haus ausgebaut!“ Durch die Durchreiche zur Küche ist Judiths Lachen zu hören. Unbeirrt setzt Chris fort: „Das Musikzimmer von Lenny Kravitz hat er ausgebaut und mit ihm gefrühstückt – ich kann sagen, der Tischler von Lenny Kravitz ist mein Tischler!“

Mein Staunen ist mehr als angemessen, Chris strahlt breit und Marc fühlt sich genötigt, einige Details zu korrigieren: „Der Onkel von einem Freund ist Tischler in Miami“, beginnt er. In den USA gebe es „keine fähigen Leute“, habe dieser Onkel befunden, da man dort keine Ausbildung zu absolvieren haben wie hier, sondern lediglich angelernt werde, und Marc gefragt, ob er nicht bei ihm einspringen wolle, und da Marc zu dem Zeitpunkt gerade arbeitssuchend war, nahm er dieses Angebot an. „Ich bin über ein halbes Jahr geblieben“, erzählt er. Dort war es mit Tischlern so wie hier beispielsweise mit einem Innenarchitekten: „Der hatte feste Kunden, und Lenny Kravitz war einer – wir haben sein Musikstudio ausgebaut.“ Chris greift ein: „Spiel das mal nicht so runter, ich hab den Tischler von Lenny Kravitz hier!“ Judith lugt um die Ecke und will wissen: „Wie groß ist Lenny Kravitz?“ Laut Marc nur etwa 1,65 Meter, der war viel kleiner, wenn er neben Marc stand, der fast 1,80 Meter misst. Für ihn war das Frühstück mit dem Musiker auch gar nicht so speziell wie ein anderes „Highlight“, so Marc: Das Klo war einmal verstopft, und die Firma des Onkels war gerufen worden, um den Schaden zu beheben. Dafür entledigte sich Marc alsbald seiner Schuhe und auch seiner Socken. „Am Ende fehlte eine Socke, die hat wahrscheinlich der Hund geklaut“, lacht Marc. Und schließt: „Lenny Kravitz hat meine Socke.“ Chris mutmaßt: „Die hat er an der Wand hängen, wie ich meinen ersten Dollar: ‚Die Socke von meinem Tischler‘!“

Die nächste Fuhre steht an, Chris und ich kehren ins alte Riptide zurück. Nach dem Ausflug ins neue und den Ausblick auf das, was da kommen soll, fühlt sich der Abschied für mich nicht mehr ganz so schmerzlich an. Als hätte Chris meine Gedanken gelesen, sagt er: „Eigentlich wäre ich traurig, diesen Laden auszuräumen, aber ich weiß ja, dass es drüben schöner wird!“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de
Fakebook

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