Donnerstag, 18. Dezember 2025
Zwar ist „Kleiner Spoiler: Es wird nicht besser“ Uwes Entgegnung auf meine Feststellung, dass mein Gedächtnis inzwischen bisweilen zu wünschen übrig lässt, aber partiell passt es zu meinem Vorgehen im Dezember hier im Riptide, denn obschon ich das Jahr über zumeist inaktiv das Geschehen hier im Café begleite, stelle ich zum Jahreswechsel den Anwesenden stets ein und dieselbe Frage. Und die lautet in diesem Jahr:
Was macht dir noch Hoffnung?
Meine Antwort darauf findet heute eine umfassende Bestätigung, daher komme ich später darauf zurück. Bevor ich mich nun aber in meinen MokkaBär-Stammtisch einreihe, besuche ich noch das älteste datierte Fachwerkhaus Deutschlands, denn als ich jüngst mit Olli durchs Magniviertel schlenderte, stellte ich fest, dass jenes Gebäude nach einer jahrelangen Sanierung nicht nur fertig ist, sondern wieder belebt. Und zwar von einem „Kombi-Büro der Deutschen Bank Immobilien und der Postbank-Finanzberatung“, erklärt mir Jan, nachdem ich das alte Haus am Ackerhof 2 betrete. Das ist warm und hell erleuchtet, was auch von den in einer Art mokkacrêmebeigen Farben gehaltenen Außenwänden angenehm reflektiert wird. Ein Weihnachtsbaum flankiert den Eingang, behängt mit silbernen und dunkelblauen Kugeln.
Diese Bürogemeinschaft zog vom Kohlmarkt hierher, berichtet Jan, „da waren wir jahrelang“, und zwar oberhalb des Restaurants Dubrovnik, wo ich diese Einrichtung selbst als Platzanrainer, der ich mal war, nie wahrnahm. „Der Mietvertrag ist ausgelaufen, wir waren eine gewisse Zeit auf der Suche nach etwas Neuem“, fährt Jan fort. Bis sie hier landeten: „Wir haben es vom Standort gut und von den Räumlichkeiten sehr gut getroffen“, schwärmt er. „Es ist ein bekanntes Haus, viele stecken ihre Nase rein, was draus geworden ist.“ Er weiß: „Es war vorher eine Zoohandlung.“ Ihm gefällt „die Symbiose aus Alt und Neu“, was der Rundumblick bestätigt: Manche inneren Säulen sind von modern innenarchitektonisch gestalteten Holzverkleidungen verhüllt, andere Mauerteile zeigen offen ihr von Fachwerk eingerahmtes Herz aus Lehm. Man spürt es fast pochen, hält man seine Hand daran.
Das Gebäude ist mehrstufig aufgeteilt, Jan teilt sich seinen frei im Raum errichteten Arbeitsplatz mit einer Kollegin, und in hinteren, über wenige Stufen erreichbaren Räumen telefoniert ein weiterer Kollege. 15 Menschen arbeiten hier, ermittelt Jan mit der Unterstützung der Kollegin. „Wir sind alle selbständig“, sagt er, also Leute, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Anwesenheitszeiten „nicht immer über den Weg“ laufen, abgesehen von einem regelmäßigen Donnerstags-Meeting der Makler. Was also heute war.
Zur Kundschaft dieses Büros gehören Menschen, „die eine Immobilie verkaufen möchten, die eine Immobilie kaufen möchten, die etwas rund um eine Immobilie finanzieren möchten“, erklärt Jan, oder Menschen, die eine Baufinanzierung anstreben, also etwa eine neue Heizung oder ein neues Dach als Vorhaben mitbringen, „oder die wissen wollen, was ihre Immobilie wert ist, zum Beispiel für das Finanzamt nach Todesfällen“, schließt er. „Wir können viel vermitteln“, setzt er fort, „zum Beispiel für Anlagengeschäfte, da können wir an entsprechende Kollegen weiterleiten.“
Obwohl ich dieses Büro im vergangenen Monat als für mich neu wahrnahm, war ich damit bereits verspätet: „Wir sind hier seit dem 14. August“, konkretisiert Jan abermals nach Rückversicherung durch die Kollegin. „Im Vergleich zum Kohlmarkt“, beginnt er und unterbricht sich selbst: „Das war ein großer Standort, aber wir waren oben im zweiten, dritten Stock – hier ist alles frisch und neu, alles für uns gebaut“, strahlt er. Abgelegener als im Stadtzentrum ist man im Magniviertel auch nicht: „Hier sind wir in drei Minuten überall“, nickt er. Und: „Hier hat man die Möglichkeit, einen Blick reinzuwerfen, man kriegt uns mit, von drei Seiten, und wir haben die Möglichkeit, etwas ins Fenster zu stellen, Immobilienangebote.“ Im Obergeschoss sind Wohnungen eingerichtet, ergänzt er.
Im Riptide waren weder Jan noch seine Kollegin bisher, das Kollegium trifft sich indes gelegentlich zum Brötchenessen vor Ort und erkundete auch schon einige benachbarte Gastronomen. „Das Potential, sich umzugucken, ist gegeben“, sagt Jan, und setzt nach: „Wir sind ja auch noch nicht lang da.“
Für heute ist Jan der erste, der meine Frage beantworten mag: „Mir macht Hoffnung, dass ich überzeugt bin, dass das Gute immer siegt.“
Wir verabschieden uns mit warmen Wünschen für die anstehende Weihnachtszeit, ich steuere den Magnikirchplatz an. Für die Art, wie der beleuchtet ist, könnte ich mir glatt eine länger andauernde Dunkelzeit wünschen, aber gottlob geht es am Sonntag mit der Tageslichtzeit ja schon wieder aufwärts. Selbst die wenigen Marktbuden wirken wie beleuchtete Kunstinstallationen.
Eine solche sah ich am Wochenende, als ich erstmals mit meiner kleinen Schwester Miriam im Urlaub war, und zwar in Kopenhagen. Das Luciafest verpassten wir, obwohl wir davon lasen, gerieten aber in den Platzangst schürenden Rückstrom im Anschluss. Da kamen wir gerade aus Christiania zurück, wo wir an einer der vielen in der ganzen Stadt errichteten Schlittschuhbahnen einen Glögg genossen und uns an den Rosinen und Mandelsplittern darin erfreuten. Miriam erfand den „Glöggner der Marmorkirche“, neben Hustinettenbärbel eine wichtige Figur, die uns begleitete. Bin ich schon gern im Urlaub lange Strecken zu Fuß unterwegs und freue mich, wenn ich mal die zehn Kilometer überschreite, sind die 18 Kilometer vom Samstag und die 15 vom Sonntag nichts für Miriam, die Wanderungen von 30 Kilometern gewohnt ist und sich auf einen Spaziergang von über 50 Kilometern durch Kopenhagen im nächsten Jahr vorbereitet. Verrückt. Ungefähr noch verrückter war auch, dass sie am Amager Strand für mindestens eine Minute ins Ostseewasser stieg, mit der Brücke nach Malmö und den in Kastrup landenden Flugzeugen als Kulisse und einem noch viel kälteren heftigen Wind um die Ohren.
Erstaunlich genug, dass wir bei der ganzen Fußlauferei – vom Olsenbanden-Standbild in Valby nach Christiania und nach Nørrebro oder von ebendort durch die Innenstadt und zurück zu unserem Standort in Frederiksberg – noch so viel zeit in Gastronomie und Shopping verbrachten. Abseits von Getümmel fanden wir sogar einen freundlichen Anbieter für Æbleskiver, den leckeren Teigkugeln in Erdbeermarmelade, bei denen es sich weder um Äpfel noch um Scheiben handelt. Musik brachte ich mit, die beiden LPs von Jørgensen/Botes erwarb ich bei Beat im Enghave Plads und die „Best-Off“ von Jørgensens Hauptband Sort Sol, „Circle Hits The Flame“, als CD im Accord in Nørrebro; zu Marina Botes muss ich nochmal eingehend recherchieren. Naja, und einen Abend verbrachten wir auch am Ofelia Plads, wo das Künstlerkollektiv Vertigo die Installation The Wave errichtete: Mehrere Dreiecke in Reihe, die aus LED-Leisten bestehen, die ferngesteuert wellenartige Lichtbewegungen über die gesamte Dreieckreihe schwappen lassen, begleitet von chorartiger Avantgarde-Klassik. Einmal durch die Reihe der Dreiecke zu schlendern dauert mehr als eine Minute und erweitert das Bewusstsein. Drumherum befindet sich beinahe nichts, da Ofelia Plads eine Art Pier im Hafen ist, zwischen Oper und Amalienborg, und man diese Fläche komplett für das eindrucksvolle Kunstwerk freihält.
So ein Magnikirchplatz im Winter ist natürlich kaum weniger eindrucksvoll. Trotzdem gehe ich erstmals ins Riptide, die anderen MokkaBären begrüßen. Stoni, Olli, Stefan, Ute und Uwe sind schon da, Ulle setzt sich nach mir an unseren langen Tisch. Morgen vor einem Jahr hatte das Café MokkaBär am Frankfurter Platz zum letzten Mal geöffnet, wir betrauern diesen Umstand und freuen uns, im Ritpide ein warmherziges neues Zuhause gefunden zu haben. Zum Thema Schließung schließt sich nun zum Jahreswechsel kaum weniger bedauerlich Harrys Bierhaus an, das unserem DJ-Team von Rille Elf immer ein ausgezeichneter Austragungsort war – unser „Ball am Bierhaus“ bei den jüngsten WRG-Kulturtagen im Sommer jedenfalls war ein Knaller. Man kann die Entscheidung von Werner und Annette indes verstehen.
Die nächste Antwort auf meine Frage hole ich mir noch nicht am Tisch, sondern an der Theke, nämlich von Chris: „Sechs Buchstaben“, sagt er: „Nichts“, und fügt an, dass er seine Aussage später noch vervollständigen wolle.
Wende ich mich nun also meinen MokkaBär:innen zu. Zwischen Kalt- und Heißgetränken – für Olli ohne Zimt, beide Varianten – und Speisen ist auf unserem Tisch noch Platz für Lampen und Speisekarten und an ihm für Reflektionen über Hoffnung.
Olli: Dass ich Urlaub bis zum nächsten Jahr habe.
Stefan: Dass die Gerontokraten dieser Welt eine gewisse Restdauer haben.
Uwe: Das hab ich mir auch gerade so gedacht.
Ulle: Gute Freunde.
Ein Durcheinander an Repliken setzt ein, die Runde kommentiert gegenseitig die Antworten zu einer warmherzigen Kakophonie. Darunter erwähnt Uwe, dass er sich darauf freut, dass wir beide als Hälfte von Rille Elf am Mittwoch, 28. Januar, ab 17 Uhr im Riptide Caféhausmusik auflegen dürfen, also nicht zum Tanz, sondern zur Untermalung der Unterhaltung. Nach kurzer Dauer wird es für mich wieder eindeutiger, einzelne Beiträge herauszuhören. Genau rechtzeitig.
Ulle: Wolters.
Olli: Das Grünkohlbüffet im nächsten Jahr im Kufa-Haus.
Uwe: Sag mal Bescheid.
Stefan: Sag mal Bescheid.
Und schon setzt das nächste Pandämonium der Wortbeiträge ein. Es geht um die Unterscheidung von Grünkohl und Braunkohl, um die besten Beilagen und um das genaue Startdatum. Olli findet beim Scrollen auf seinem Mobiltelefon heraus, dass es zum Auftakt eine Grünkohlwanderung gibt, und sucht weiter nach dem Beginn-Datum. Derweil grübelt Stoni noch still über seine Antwort nach.
Stoni: Das ist schwierig, weil bei mir viele Baustellen momentan sind.
Olli: 4.2.!
Ulle: Da beginnt ja schon fast wieder die Spargelzeit! So hangelt man sich im Braunschweiger Land immer durch. Was kommt nach Spargel?
Ute: Rhabarber.
Ulle: Erdbeeren sind mit Spargel.
Während sich die anderen nun über Lebensmittelzyklen unterhalten, feststellen, dass Ulles Antwort „Wolters“ ganzjährig gilt, sich über die Schließung der Oettinger-Brauerei austauschen und die Existenz der National-Jürgens-Brauerei begrüßen, für die wir überdies mit Rille Elf im anstehenden März erstmals mit einer Tanzveranstaltung vorgesehen sind, hat mein Mit-DJ Uwe noch eine Hoffnung zu bieten.
Uwe: Manche junge Menschen, die ich für fit halte und von denen ich glaube, dass sie die Sache reißen, was auch immer. Nicht alle, aber es gibt schon so’n paar Hoffnungsträger:innen.
Im kuscheligen Obergeschoss sitzen Deniz und Danny an einem der Tische vor den Butzenfenstern, verspeisen das Daily Special, nämlich das Süßkartoffel-Erdnuss-Curry mit Reis, und haben große Gläser mit einer grünen Flüssigkeit und Eiswürfeln vor sich stehen. Waldmeister, erklären sie mir.
Während die beiden essen, grübeln sie über die Antwort nach. „Ich hätte die Hoffnung, dass das Riptide komplett vegan wird, und ich finde auch, das Riptide hat das Potential dafür“, beginnt Danny. „Mit in die Zukunft blicken hätte ich ja viele Hoffnungen“, fügt er an, „zum Beispiel, dass es nirgendwo mehr Kriege gibt.“ Dann kehrt er zurück zur eigentlichen Fragestellung, was ihm nämlich konkret Hoffnung macht: „Es gibt die Hoffnung, dass ich mitkriege, dass mehr Leute da mitmachen, und dass es in Braunschweig wieder ein veganes Café gibt, gegenüber vom Wild Geese.“ Das Aaharveda, davon habe ich gelesen und daran bin ich vorbeigekommen, allerdings war es immer geschlossen, und ich nahm es als indisches Restaurant wahr, nicht als explizit veganes. „Sie haben es nicht draufgeschrieben“, grinst Danny. „Nur, dass es mit plantbased ist“, ergänzt Deniz. Stimmt, das habe ich wohl gelesen.
Danny fährt mit seiner Antwort fort: „Dass ich mich endlich entschieden habe, mit der Selbständigkeit anzufangen, nächstes Jahr starte ich durch.“ Und zwar mit einem „Dienstleistungsunternehmen, Arbeitsvorbereitung für Metallverarbeitende Unternehmen“, erläutert er. „Das gibt mir Hoffnung.“
Sein Tischnachbar Deniz hingegen richtet einen eher düsteren Blick in die Zukunft: „Mir fällt nicht so viel ein jetzt“, sagt er. „Wenn man nachdenkt, ist alles negativ, obwohl ich ein positiver Mensch bin, ein Optimist bin.“ Man kennt es ja: Der Pessimist sagt: Schlimmer kann’s nicht werden, der Optimist sagt: Oh doch, es kann, es kann!
Um diese noch recht frühe Tageszeit, die man ob ihrer dunklen Anmutung nicht als solche auffasst, ist das Obergeschoss des Riptide bis auf diese beiden Gäste noch leer, also kehre ich zurück nach unten. Neben der Eingangstür an den Fenstern sitzen Nicola und Ralf. „Menschen, die ich seit Jahrzehnten kenne, machen mir Hoffnung“, sprudelt Nicola sofort begeistert los. „So wie dieser Mann hier, den ich seit Jahrtausenden kenne und viel zu selten sehe“, sagt sie und drückt den errötenden Ralf kurz. Dessen Hoffnung liegt in den nachfolgenden Generationen: „Die jungen Menschen, die jungen Arbeitskollegen, die ich hab, es macht so Spaß, mit denen Projekte zu machen!“ Nicola und ich freuen uns über diese Sicht, wo doch der Jugend dieser Tage nicht so viel Positives nachgesagt wird. „Wir waren ja damals auch eine bescheuerte Jugend“, winkt Nicola ab, und unterstreicht Ralfs Betrachtung: „Die Kids find ich gut!“ Ralf arbeitet in einem Ingenieurbüro, wenn auch nicht als Ingenieur: „Es sind viele Studenten da, die haben echt Bock, was zu machen, die sind Vorbilder für alle.“ Nicola lächelt und empfindet Ralf seinerseits als Vorbild: „Du brennst ja auch für alles!“ Ralf nickt: „Wir sind für unsere Kinder verantwortlich, ob’s die eigenen sind oder nicht.“ In diesem Moment kläfft Rudi. Jemand öffnet die Cafétür, der Nachbardackel schummelt sich ins Riptide und fordert bei Dominik lautstark seine Ration Leckerlies ein. Meine Gesprächspartner staunen und lachen.
An einem der Tische sitzen Tobias und Jan beim Heißgetränk. „Hoffnung macht mir, dass man im Riptide weiter zu Gast unter Freunden ist, dass die Schnelllebigkeit ein Bisschen anhält, wenn man hier ist“, beginnt Jan. „Du gehst durch die Tür und hier ist Gemütlichkeit, wenn du rausgehst, ist es wieder schnell“, fährt er fort. „Das ist die Beständigkeit, die du hast, von der Handelsgasse bis hier.“ Tobias bestätigt das und sagt: „Was man sehr bewahren muss, privat, beruflich: Egal, was man durchmacht, dass man nicht den Kopf in den Sand steckt.“ Für ihn ist das Riptide ebenfalls eine Oase, man solle „Ausschau halten nach Räumen und Personen, wo man sein kann, wie man ist, und im Bewusstsein haben, was einem wirklich Hoffnung gibt, und einfach hier zu sitzen, jeden Donnerstag, und sich angenommen fühlen“. Jan nickt: „Mensch bleibt Mensch“, sagt er und deutet auf seine Mütze, auf der dieser Satz auf Englisch steht. „In der Welt, wo der Faschismus salonfähig wird, dass man hier in eine Welt reinkommt, wo es ähnliche Denkweisen gibt“, beginnt er und zitiert Dominik, der das Riptide als „neutralen Raum“ begreift, zum Beispiel, sagt „die blaugelbe Backe mir als St.-Pauli-Fan“, lacht Jan. Er deutet auf die Politik von CDU, CSU und AfD und wiederholt: „Mensch bleibt Mensch, man muss mehr Raum finden, wo man Mensch bleibt.“ Die beiden sprechen über politische Aktivitäten und wie sie sich äußern können. „Antifa ist keine Gruppierung“, beginnt Jan, und im Chor mit Tobias ertönt unisono: „Es ist eine Einstellung.“
Die beiden arbeiten als Pädagogen in einem Familienzentrum, haben also nachwachsende Generationen direkt vor Augen. Auch im Verwandtenkreis, Tobias wurde gerade zum zweiten Mal Onkel, Jan ist dies bereits länger. „Ich will nicht von meinen Nichten gefragt werden: Wo warst du?“, erläutert Jan seine Motivation. Tobias weist darauf hin, dass er sich mit Schlagworten auf Mützen und Shirts bei Kollegen positionieren möchte. „Wir gelten als linksradikal“, weiß Jan, dabei wende er „einfache Mittel“ an, um Botschaften zu transportieren, etwa über Bekleidung der Marke Elternhaus, „mit Sprüchen drauf“, so Jan, und Tobias nennt als Beispiel: „Vordenken statt nachdenken“. Jan ist wichtig. „Ohne, dass das Wort Hass draufsteht – warum nehme ich das gleiche Vokabular wie die, denen ich keinen Platz geben will?“ Auf Tobias‘ Mütze steht „Denken hilft“. Wir sprechen noch über Promis, die sich unerwartet gegen Nazis positionieren, ich führe Wolfgang Petry mit seinem Song „Scheiße ist braun“ an und Jan den Schauspieler Robert Stadlober mit seiner Tucholsky-Bearbeitung „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“.
Dann rücke ich einen Tisch weiter, dort studiert Aniela eine kleinbeschriebene Kladde. „Es klingt vielleicht ein Bisschen kitschig“, beginnt sie ihre Antwort, „aber ich glaube: die Liebe.“ Sie vergenauert: „Nicht im romantischen Sinne.“ Sie hat noch weitere Aspekte und Mittel, um sich Hoffnung zu machen, etwa „über eigene Horizonte hinauszuschauen“, sich aus den eigenen Blasen hinauszubewegen, und „Kinder finde ich sehr inspirierend, was Zukunftshoffnung angeht“. Was auch mit ihrem derzeitigen Auftrag zusammenhängt, denn sie ist „spontan für ein Kinderstück eingesprungen“. Eigentlich kommt sie aus Berlin, studiert aber derzeit Schauspiel in Hannover, und ergänzt, dass das „Theater an sich mir Hoffnung macht“. Kinder, so stellt Aniela fest, haben „eine Leichtigkeit und Einfachheit, sich mit Menschen zu verbinden, die wir als Erwachsene nicht haben, das finde ich inspirierend und das macht mir Hoffnung“. Sie spielt derzeit die Pippi Langstrumpf am Staatstheater, und Jan, der diese Information am Nebentisch hört, ruft: „Da gehe ich hin!“ Es entspinnt sich ein Gespräch der beiden, das Dominik damit unterbricht, dass er Anielas Essen bringt.
Daher setzen wir unser Gespräch fort, sobald Aniela gesättigt ist. Sie gönnt sich den Luxus, ihr Mobiltelefon zu ignorieren, sobald ihr danach ist, erzählt sie, weshalb sie der Anruf, dass die Rolle der Annika im Stück „Pippi Langstrumpf“ krankheitsbedingt zu vergeben sei, verpasste, und man ihr mitteilte, nachdem sie zurückrief, dass die Rolle bereits anderweitig besetzt sei. Der Kontakt behielt sich allerdings vor, Anielas Nummer gespeichert zu behalten, und rief kurz darauf abermals an: „Pippi ist jetzt auch krank.“ Und nun ist Aniela Pippi. Diese performte sie zunächst „mit Ach und Krach und mit Textbuch“, erzählt sie, und atmet auf: „Seit heute weiß ich, es geht ohne“, so hat sich der Text verinnerlicht.
Dann fährt Aniela mit ihrer Antwort fort: „Ehrlichkeit ist etwas, was mir noch Hoffnung gibt – Ehrlichkeit und Liebe.“ Sie sinniert: „Das finde ich bei Kindern ganz krass, dass das so raussprudelt, und wo sich Erwachsene eine Scheibe von abschneiden können.“ Sie findet weitere Antworten: „Entschleunigung ist auch wichtig, was mir Hoffnung gibt – es geht alles so schnell.“ Sie bedauert: „Es gibt so wenige aktive Begegnungen.“ Man müsse seine „Bubble verlassen“, sagt sie, und etwa auch mit CDU-Wählern reden, und „feststellen: wir sind alle in einem Boot“, sagt sie. Aber „wie das geht“, das lässt sie offen, da sie darauf keine Antwort parat hat. Aber: „Ich habe die Hoffnung, dass es mit Kunst gehen kann.“ Indem man etwa im Gespräch feststellt, dass man trotz unterschiedlicher politischer Haltung dieselbe Band mag. „Introspektive“, fährt sie fort, fehle ihr ebenso. Sie setzt an, dass sie etwa im politischen Aktivismus bemängelt, dass man da „gegen etwas kämpfen“ wolle, aber „Kampf steht im Widerspruch“ zum Anliegen. Introspektive, kehrt sie zurück, sei erforderlich, „die eigene Erfahrung, was uns empathisch macht“, und sie stellt fest: „Sprache hat viel Macht, ist ein wichtiges Tool“, etwa, indem man sich nicht gegen etwas positioniert, sondern sich für dessen Gegenteil einsetzt, was die eigene Grundeinstellung vom Negativen zum Positiven umkehrt. „Das erzeugt auch Hoffnung“, sagt sie, „die Sprache auf eine wohlwollende Art zu verwenden.“ Inzwischen hat sie ihre Winterjacke an und macht sich auf, das Café zu verlassen, denn am nächsten Morgen wollen Kinderherzen sie schließlich als ausgeruhte Pippi erleben.
Unser MokkaBär-Kreis hat sich ebenfalls teilweise aufgelöst, mit den verbliebenen Uwe und Olli mache ich mich auch gleich auf den Weg. Als Ute sich zum Aufbruch wandte, sagte Olli: „Wir sehen uns nächstes Jahr“, und Ute grinste: „Das macht mir Hoffnung.“ Bevor wir nun auch den Heimweg nehmen, fordere ich noch weitere Antworten ein. Zunächst Dominik: „Hoffnung macht mir, dass es immer noch so etwas gibt wie Omas gegen Rechts, Leute in dem Alter, die das an ihre Enkel weitergeben“, sagt er. Und grinst: „Und die letzten sieben Punkte für Eintracht Braunschweig, aber das steht auf einem anderen Blatt Papier.“ Ohne zu grinsen hat er noch einen Zusatz: „Für den Laden, dass es immer so tolle Stammgäste wie euch gibt.“ Wir verbliebenen MokkaBären ergreifen die Gelegenheit beim Schopfe, heftigst zu erröten.
Für Josie, die eben aus der Pause zurückkehrt, ist der Hoffnungsträger „Nächstenliebe“, sagt sie. „Dass die Leute sich gegenseitig helfen, obwohl sie sich nicht kennen.“ Sie stapelt benutztes Geschirr auf ein Tablett und wendet sich in Richtung Küche.
Olli und mir schenkt Chris noch je einen Turmgeist ein, in unser „Auf Hardy“ stimmen Uwe und er mit ein. Nun setzt Chris wie angekündigt sein „Nichts“ fort: „Nichts bezieht sich auf die ganze Gesellschaft, und ich glaube, the worst is yet to come.“ Er schüttelt den Kopf: „Deutschland wird abschmieren“, sagt er, uns erwähnt „Arbeitslosigkeit, Wirtschaft, Nazis“. Privat tauscht er sich mit engen Freunden aus und informiert sich über Newsletter und Social Media bei Plattformen und Leuten, „denen das nicht egal ist, die alles, was mich bewegt, zusammenfassen“. Er ist erschüttert, dass es so viele Stellen gibt, die wissen, dass die Entscheidungen der Regierung ins Elend führen, „man weiß es, und die CDU kommt durch“. Deshalb macht ihm Hoffnung, dass es „viele Organisationen gibt, die gegen den Trend von Neoliberalismus und Turbokapitalismus ihre Stimme erheben – doch es wird am Ende nix nutzen“. Damit bestätigt Chris nun also Uwes Bonmot: „Kleiner Spoiler: Es wird nicht besser.“
Und meine eigene Hoffnung? Obschon ich die Menschheit grundsätzlich für eine schlechte Erfindung halte, da sie als Masse manipulierbar und anfällig ist und auch nach 2600 Jahren nicht dazu in der Lage, sich nachhaltig und dauerhaft zum Positiven zu entwickeln, mal ganz abgesehen davon, dass sie nicht gleich positiv erfunden auf die Erde trat, macht es mir Hoffnung, dass ich auch nach einem halben Jahrhundert auf diesem Planeten immer noch auf einen alten Freundeskreis zurückblicken kann, dass immer auch neue Freunde hinzukommen – der MokkaBär-Stammtisch etwa ist ein Freundeskreis, der aus dem Nichts unter Fremden entstand – und dass ich in der Fremde stets und immer noch mit Menschen tolle Begegnungen haben kann, weil uns Zufälle verbinden, eine Begegnung in einer Jazzbar, der Plattenkauf, der Vermieter einer Unterkunft. Und selbst hier, in Braunschweig, an einem Tag wie diesem und an einem Ort wie diesem, den ich seit über 18 Jahren aufsuche, darf ich mit Fremden aus dem Stand tiefe Gespräche haben. Danke, das macht mir Hoffnung!
