Donnerstag, 11. Juni 2026
Heute beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren! Ausgetragen in der Gegend irgendwo zwischen Kanada und Mexico, den Auftakt macht letztgenannter Austragungsort mit der Mannschaft aus Südafrika als Kontrahenten. In den zurückliegenden Jahren waren die Fußballübertragungen am Riptide immer ausnehmend ausgelassen, zumindest am alten Standort im Handelsweg, am neuen im Magniviertel kam es noch nicht dazu. Wird es aus logistischen Gründen wohl auch nicht mehr. Also bin ich gespannt, wie groß dieses erschütternde Weltereignis als Thema heute bei meiner MokkaBär-Runde sein wird.
Bevor ich mich zu ihr geselle, möchte ich noch einen fürs Riptide im Magniviertel neuen Nachbarn entdecken. Als Fußgänger gestaltet sich dies dieser Tage etwas einfacher als als mobiler Verkehrsteilnehmer, da man sich als solcher in Braunschweig seit Montag ganz unvermittelt vor Absperrungen wiederfindet und sich dann mit seinen Schicksalsgenossen durch die für den Zeitraum der Aktionen im Rahmen des Tages der Niedersachsen nicht eingedämmten Baustellen wiederfindet. Der John-F.-Kennedyplatz, den ich autofahrend mittlerweile meide, steht inklusive Kurt-Schumacher-Straße bis zum Bahnhof voll mit Pagoden und Zelten, überall sperren Poller Anwohner, Pendler und potentielle Attentäter aus, es blinkt an Rundumleuchten und Warnwesten, doch als Fußgänger kann ich gegen den Wind kreuzen und unbehelligt in die Kuhstraße einbiegen.
Vor der Hausnummer 10 verharre ich: Kein Schild prangt an der blau gestrichenen Fassade, aber im Schaufenster sehe ich neben einem kleinen Bild mit den Infos zum Geschäft allerlei Antiquitäten aufgereiht. An der Tür nehme ich Schließgeräusche wahr, Inhaber Mario Casagrande öffnet mir und gewährt mir Eintritt. Anders, als es sein Nachname erwarten lässt, ist sein Geschäft eher winzig, angefüllt mit Regalen voller Gläser, Vasen, Kerzenleuchter, Figuren, darunter einige Elefanten, auch aus Porzellan, und alles umringt von kleinen Möbeln und aneinandergelehnten Gemälden. „Ich bin schon ewig hier“, winkt Mario ab, „ich war vorher in der Wolfenbütteler Straße, seitdem“ – also seit 30, 40 Jahren – „tobe ich hier rum mit Antiquitäten.“ Er senkt kurz die Stimme: „Was nicht mehr läuft.“ Doch er zuckt mit den Schultern: „Ich bin immer noch hier drin.“ Dafür hat er viele Gründe: günstige Miete, angenehme Nachbarschaft und eine fortgesetzte Tagesstruktur, denn „eigentlich bin ich Rentner“. Und, was er mir später erst verraten wird und was ich nie erraten hätte: Er ist 82 Jahre alt. Kundschaft indes bindet ihn heute weniger: „Es ist nichts mehr los, es sind viele alte Leute gestorben, junge Leute interessieren sich nicht – ich find’s immer noch schön.“ Die Instagram-Trends um Vintage-Einrichtungen seien wieder abgeflaut, beobachtete er. Früher hatte Mario einen Schwerpunkt: „Gemälde, ich hab noch einige im Lager.“ Was man noch heute sehen kann, da unzählige Gemälde zwischen den anderen Angebotsstücken lehnen und an den Wänden hängen.
Verbittert über den Rückgang an Interesse ist Mario indes nicht, „ich hab ein tolles Leben gehabt“, auf das er mit Freude zurückblickt, und er gestaltet seine Gegenwart angenehm. „Ich bin früher zur Jagd gegangen“, beginnt er zu erzählen, und hebt hervor, dass ihm daran die stille Zeit auf dem Hochsitz am besten behagte, wenn er Wildschweine beobachten konnte. „Ich war Sporttaucher“, fährt er fort, „in der Karibik, überall, und ich bin dreimal durch Afrika gefahren, mit dem Auto, durch die Wüste.“ Auch in Afghanistan war er, „und ich hab schöne Autos gehabt“. Und heute: „Ich sitze hier, es macht mir Spaß hier“, sagt er. „Ich sitze bei Richter, früher Fucke, und quatsche, ich sitze da mit anderen, die auch Antiquitäten haben“, fügt er an und winkt einmal mehr ab: „Ich muss mir nix mehr beweisen.“ Kaffee ist ohnehin ein Lebenselixier für Mario, der das Riptide selbstredend ebenfalls kennt, „das ist da auf dem Platz an der Ecke“, genau. Heute bringen ihm Kunden von vor 30, 40 Jahren bisweilen ihre bei ihm getätigten Käufe zurück, „wenn ich es haben will“, schränkt er ein, und er ist für seine Nachbarn da, „Pakete annehmen“, zum Beispiel, „das macht Spaß“.
Beim Blick in den kleinen Laden sagt Mario: „Ich bin nicht mehr auf Ordnung aus“, was man sieht und was den Impuls, unbedingt zu stöbern, nur erhöht. „Die ganzen guten Sachen sind schon verkauft worden“, findet er. Was ihn nicht davon abhält, täglich den Laden zu öffnen: „Wenn ich aufstehe, weiß ich, wo ich hinmuss.“ Der Kaffee mit Freunden lockt ihn außerdem. Ebenso die Lage: „Ich will gar nicht auf die andere Seite“, sagt er und deutet in Richtung Innenstadt. Hier kennen ihn die Leute, sagt er, „die kannten auch meinen Hund“, der bedauerlicherweise inzwischen verstorben ist, „der war immer überall drin im Magniviertel“. Früher hat er „bei Schachtschneider“ im Sportstudio trainiert, erzählt er, „mit Schwarzenegger“, denn jener Arnold war mit ersterem Peter befreundet. Mario grinst: „Das ist ein Dorf hier“, und wie zur Bestätigung schlendert Florian an uns vorbei, den ich von Radio Okerwelle kenne. „Hier hilft man sich gegenseitig“, fährt Mario fort, „kannste mal mit anfassen.“ Eigentlich möchte er längst Feierabend machen, daran wollen Florian und ich ihn nicht hindern. Ich begleite Florian noch zu Richter, wo er sich mit Backwaren eindecken will, und setze dann meinen Weg ins Riptide fort.
Was hier im Magniviertel sogar für Fußgänger einem Parcourslauf gleicht: Alles ist abgesperrt, Flatterband flaniert die Gehwege, Pagoden, Zelte, Kabelagen, ein überdimensionales „EXIT“-Schild vor dem Eingang zu Jojeco, eine Hundertschaft schwarzgekleideter Warnwestentragender fließt die Straße Ölschlägern hinab. Auf dem Magnikirchplatz kann ich zwischen Zelten hindurch erkennen, dass Arbeitende eine Bühne errichten und davor aus Absperrungen ein Labyrinth installieren, und, was ich vermute, da die Gemengelage keinen Überblick zulässt: Der Wochenmarkt findet heute keinen Platz auf dem Platz.
Ulle war der erste unserer Runde, und er entschied, dass es nicht kalt genug sei, um nicht draußen zu sitzen. Mit ihm ist auch Uwe dieser Ansicht, der zweite vor Ort, und ich als dritter setze mich zustimmend zwischen die beiden. Ulle hat bereits eine Kaffeetasse vor sich stehen, um Uwes und meine Anliegen kümmert sich Mohammed. Vor einer Woche hatte er seinen ersten Tag, da saßen wir witterungsbedingt drinnen und lernten ihn gleich kennen. „Ein Bisschen“ Erfahrung mit der Gastronomie hat er bereits, erzählt er, „meine Familie hat ein Restaurant in Helmstedt“, da half er im Sommer aus. Das Riptide ist da für ihn kein so weiter Weg, wie es zunächst scheint: „Ich wohne in Braunschweig“, zuckt er mit den Schultern. Auch Uwe wünscht Koffein, und zwar in Form eines Cappuccinos, und ich den Burger mit Käse plus Pommes mit Mayo und ein Wolters.
Das mit den niedersächsisch bedingten Verkehrseinschränkungen lässt Ulle süffisant bemerken: „Es ist spannend, zu sehen, wie die Leute hier durch die Absperrungen fahren.“ Meinen Weg nach vom Westen nach Riddagshausen nehme ich inzwischen über die doppelt so lange Autobahnumgehung, das dauert genau so lang wie die Strecke durch die Stadt ohne Sperrungen, ist aber seit dieser Woche die schnellere und flüssigere Option. Der Tag der Niedersachsen findet zum ersten Mal in Braunschweig statt, merkt Ulle an, und da ich danach bereits googelte, weiß ich, dass der erste „TdN“, wie er auch abgekürzt wird, 1981 in Celle ausgerichtet wurde, seitdem nahezu jährlich und bereits dreimal in Wolfsburg sowie einmal in Hannover, ansonsten in Städten, die selbst Niedersachsen nicht sämtlichst kennen, sowie noch nie in Braunschweig, „die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen“, echauffiert sich Ulle mit Blick auf sein Smartphone, auf dem er die Wikipediaseite studiert. „Ach so, die Stadt Braunschweig organisiert den gar nicht“, bemerkt er, ironisch die Sperrungen entschuldigend, sondern „das niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport“. Dann ist es ja nicht so schlimm, dass sämtliche Umleitungen in Baustellen enden. Uwe würde auch gern auf sein Smartphone blicken, doch das hat die „Spider-App“, wie Ulle mit fachmännischem Blick konstatiert, „2.0“, so zersplittert, wie das Display aussieht. Uwe möchte die Daten auf ein mitgebrachtes ungenutztes Telefon übertragen, bräuchte dafür aber ein Verbindungskabel mit zwei Enden USB-C, das er nicht zur Hand hat, und verlegt seine Bemühungen nun daher halbwegs verzweifelt in die Häuslichkeit.
Aus zwei verschiedenen Richtungen, aber trotzdem gleichzeitig treten Stefan und Henning an unseren Tisch. Stefan lässt den Blick über den versperrten Platz schweifen und bedauert, dass er nicht dazu kommt, wie erhofft auf dem Markt sein Brot zu erwerben. Alles klar, dann hab ich den Markt also nicht einfach übersehen. Kaum gesetzt, findet auch Ute den Weg zu uns. Mohammed nimmt die Wünsche entgegen: Für Ulle, Stefan und Henning je ein alkoholfreies Helles, für Henning noch Pommes, für Ute Pommes und eine Weinschorle, für Uwe eine Rhabarberschorle und für mich noch ein Wolters. Auch Ute beanstandet die Sperrungen, mit einem für uns andere neuen Aspekt: „Ich wollte einen Brief einwerfen“, beginnt sie und berichtet, dass sie an vier gesperrten Briefkästen vorbeigehen musste, an denen stand, sie würden nicht geleert. Ulle mutmaßt, dass die Post vielleicht Böllereinwürfe befürchtet, und Ute glaubt, dass sie vielleicht Einwürfe von Bürgern aus anderen Bundesländern als Niedersachsen vermeiden wollen. „Aus Sachsen-Anhalt“, nickt Henning, „das sind Frühaufsteher.“
Der Tag der Niedersachsen ist nicht die einzige Veranstaltung, die ansteht: „Ich gehe in die JVA“, kündigt Ulle an, und anstelle von Entsetzen erntet er damit Verständnis, denn wir sind informiert und wissen, dass das Festival Theaterformen, das im jährlichen Wechsel mit Hannover stattfindet und dieses Mal wieder in Braunschweig ausgerichtet wird, seinen Mittelpunkt vom Gartenhaus Haeckel in die ehemalige Justizvollzugsanstalt am Rennelberg verlegt. Henning erzählt, dass er Karten für eine Tanzveranstaltung haben wollte, die aber aus dem Stand ausverkauft war. Während wir noch über das Festival sprechen, das nächste Woche Donnerstag eröffnet wird, wenn ich mit den Autoren des Literaturblogs Wortmax hier im Riptide verabredet bin, lenkt uns ein etwas merkwürdiger Anblick ab: Zwischen dem ganzen TdN-Chaos schlendert ein gutgelaunter aufblasbarer Löwe auf der anderen Straßenseite von Eingang zu Eingang und verteilt Flugblätter. Wir fragen uns, was mit dem Wesen geschähe, stäche man mit einer Nadel in das Kostüm, und finden erst später zufällig bei Instagram heraus, dass das eine Aktion des benachbarten Kinderbekleidungsgeschäftes HerzensRäuber ist, das nämlich seinen zehnten Geburtstag begeht.
Mittlerweile dringt die Witterung zunehmend in unsere Gespräche ein. Mein Blick geht direkt auf den Eingang zum Riptide mit dem blauen Himmel dahinter, die mir gegenüber Sitzenden verfolgen hinter mir eine Himmelsverdunkelung, die sie instinktiv dazu veranlasst, ihre Habseligkeiten griffbereit zu halten. Gelegentlich grummelt es sogar aus Richtung der Magnikirche. Abermals aus verschiedenen Winkeln, aber gleichzeitig erweitern Sabine und Markus unseren Kreis. Sabine ließ sich gerade bei Becker & Flöge von Stoni ihre Brille richten und weiß, dass der auch noch kommen will. Zudem war sie bei einer Preisverleihung im Architekturpavillon auf dem Burgplatz, den „TUmorrow Awards“, und musste erleben, wie jemand nach einer das Publikum ratlos zurücklassenden Rede mit dem Ausgießen stark unangenehm geruchsbildender Flüssigkeiten für noch mehr Ratlosigkeit sorgte.
Mohammed nimmt wieder Bestellungen auf: An Sabines „ein alkoholfreies Helles“ schließen sich Ulle und Stefan an. Markus ist nur auf Stippvisite da und unterhält sich mit Uwe. Zuletzt sahen wir uns am Samstag, als wir mit unserem DJ-Team Rille Elf den Old’s Cool Club in der Wendenstraße erstmals bespielten, wohin uns auch viele von diesem Stammtisch folgten. Er bekräftigt seine Empfehlung, mir das Album „Tin Drum“ von Japan zuzulegen, da es sein liebstes Album überhaupt sei, und verabschiedet sich schon wieder.
An einem der Poller an der Ecke zum Riptide lehnt Gabriele und wartet. Es ist klar, worauf, denn aus dem Café ist ein Kläffen zu hören. „Dominik hat seine Aufgabe abgegeben“, lacht Stefan, der gerade aus dem Riptide zurückkehrt und beobachtete, wie jemand anders den schwarzen Dackel Rudi mit Leckerlis versorgte. Das war nämlich Abby, die heute anstelle von Safidy die Küche belegt und die ihrem Theken-Kollegen Dominik das tägliche Rudi-Ritual abnahm. Derweil befragt Sabine Ute nach deren Urlaub am Gardasee und in Cinque Terre, und Ute erzählt unter anderem von dem Reiseführer, der gern nicht nur von der Gegend, sondern auch von sich erzählte, und das mit blumigen Bildern, solchen wie: „Da haben wir uns ordentlich einen in die Schrankwand gezimmert.“ Bei uns stößt das leicht auf Unverständnis, aber es bleibt haften.
Die Wolken verdunkeln sich, das Grummeln nimmt zu, eine Bö fegt uns auseinander. Das wird dann wohl eher ein Tag der Niederschlagsen, so wie es aussieht. Das Riptide beteiligt sich übrigens auch daran, und zwar, indem es Getränkespecials anbietet, einen Bierwagen errichtet und im Plattenbereich Sonderangebote auszeichnet. Noch vorher nehme ich mir die neue Compilation von Beck mit, „Everybody’s Gotta Learn Sometime“, auf rotem Vinyl, sowie einen Turmgeist auf Hardy. Dann versucht jeder von uns, so trocken wie möglich zu Hause anzukommen. Abgesehen von einigen Tropfen wird es mir gelingen, gottlob, hab ja eine LP dabei. Und ach: Wir haben ja gar nicht über Fußball gesprochen!
