#226 Hervorragende Brustweiterleitung

Donnerstag, 16. Juli 2026

So kann’s bleiben: Die Gradzahl irgendwas Mitte 20, leichte Bewölkung, warm und trocken genug, um vor dem Riptide draußen zu sitzen, so wie heute mit der MokkaBär-Runde. Sonnenschirme und belaubte Bäume verdecken den Himmel teilweise, der Blick schweift darunter zu den Tischgruppen der umliegenden Anliegenden und zu den Marktständen dahinter, bis hin zur Magnikirche. Olli ist schon da, vor ihm steht ein Helles, ich hätte von Dominik gern ein Wolters dargereicht bekommen, was kurz darauf auch geschieht, und nach und nach trudeln die anderen ein, Ute zunächst, die sich ein Cidre bestellt, zu meiner Überraschung, das hatte ich übersehen, dass es hier nun Cidre gibt, und Olli tadelt mich, dass man sich die Speisekarte auch mal angucken kann, wenn sie denn inzwischen auch wieder ausgedruckt auf den Tischen liegt. Cidre ist es nicht, stelle ich mit Blick auf die Flens-Bügelflasche fest, in der das dunkle Getränk abgefüllt ist, sondern Cider, und zwar Dasseler Cider aus dem Weserbergland. Ute bekommt von Dominik ein riesiges Glas voll Eis und mit etwas darin, das mir mit schlechtem Blick darauf vorkommt wie eine Holzscheibe, sich aber als Apfelstück herausstellt. Uwe, Stefan und Stoni sind die nächsten, die ankommen. Wer heute nicht da ist, ist im Urlaub, und die meisten, die heute da sind, sind gerade so nicht mehr im Urlaub. Sommer halt.

Bevor Chris in den Feierabend geht, möchte ich gern noch etwas von ihm erfahren über das Street-Art-Festival Colour & Soul, das vom 27. Juli bis 3. August stattfindet, und zwar ausgerichtet vom eigens gegründeten Verein Soziokultur vor Ort, und Chris ist dort nicht nur Vorstandsmitglied, sondern auch Mit-Organisator dieser Veranstaltung. Die löst Hola Utopia! ab, den Seitenarm der vergleichbaren Festivalreihe aus Hannover, die bisher zweimal in Braunschweig stattfand und nicht nur stapelweise kunstvoll verschönerte Hausfassaden im Stadtbild hinterließ. So soll es dieses Jahr auch wieder werden. „Das Zentrum ist wieder hier auf dem Platz, das Riptide als Treffpunkt“, beginnt Chris. „In der Stadt gibt es satellitenmäßig verschiedene Murals“, gestaltet von Künstlern zwischen lokal und international bekannt, „die kommen nach Feierabend hierher“, deshalb das Riptide als Treffpunkt. „Auf dem Platz wird jeden Tag gemalt, es sind jeden Tag Leute da“, fährt er fort. „Wir haben ein tolles Line-Up, von klassisch oldschool bis newschool“, männlich und weiblich, jung und Ü50, „eine gute Mischung“.

Am Dienstag gibt es wie im Vorjahr Kino, und zwar den Film „Wholetrain“, einen Spielfilm mit Elyas M’Barek. „Es gibt wenig gute Spielfilme, die nicht nur für die Hip-Hop-Kultur gemacht sind“, findet Chris, und dieses sei so einer. Workshops sind ebenfalls wieder angedacht, „alle kostenlos, auch das Kino“, betont Chris. Anmelden sollte man sich indes, etwa für den viertägigen Graffiti-Workshop. Weitere Inhalte sind Breakdance „mit einem international erfolgreichen Tänzer“, nämlich Speedrock alias Reinhold Richter, oder Beatboxing mit PatBeat alias Patrick Dudek, meinem damals ersten Gesprächspartner für diesen Riptide-Blog, im Oktober 2007. Mit solchen Programmpunkten spricht das Festival Kenner und Neulinge an: „Das ist familien- und szenekompatibel, das liebe ich“, schwärmt Chris. Am Freitag endet gegen 21 Uhr die Fahrrad-Demo Critical Mass auf dem Platz, inklusive DJ, nämlich Ly Da Buddah mit Drum And Bass, „der ist Brain-Resident“, freut sich Chris, und der DJ richtet im Brain auch die Aftershow-Party aus, sobald es auf dem Platz am Abend leiser werden soll. Für die Fahrräder richtet Pastor Henning eigens hinter der Magnikirche einen Platz ein, berichtet Chris dankbar.

Am Mittwoch gibt es außerdem ein Talk-Programm zum Thema Awareness. Am Freitag beginnt die dreitägige Buchmesse Out Of Print beim Kinderschutzbund, „das ist auch unser Ausweichort fürs Kino, wenn‘s regnet“, so Chris, und zwar mit rund 15 internationalen Ausstellern von Graffiti-Büchern und Fanzines, „ähnlich wie bei Platten“, mit vielen Objekten, die – der Titel verrät es – neu nicht mehr erhältlich sind. „Samstag ist der Haupttag“, betont Chris, da wird ab 11 Uhr auf dem Platz gemalt, da finden die Aufführungen der Workshops statt, also Breakdance und Beatbox, zwei Rap-Gruppen treten auf, die noch nicht offiziell bekanntgegeben wurden, und das alles hier auf dem Platz. „Wir freuen uns auf das Festival“, strahlt Chris.

Zu dem ja auch Murals und andere Gestaltungsaktionen gehören, nicht unwesentlich. Das Galerie-Kaufhof-Gebäude ist Ziel einer dieser Aktionen, das wird umgestaltet, „außer die Schaufenster“, und zwar von bis zu 25 Künstlern, ab Donnerstag, drei Tage lang. Chris gefällt die Außenwirkung solcher Aktionen: „Die Leute bleiben stehen und machen Fotos“, die Resonanz sei positiv. Drei Gebäude stehen außerdem für Murals zur Verfügung: „Am Anger 1, an der TU und in der Weststadt“, zählt Chris auf. Die Murals der beiden Hola-Utopia!-Ausgaben aus den Vorjahren bereichern nach wie vor das Stadtbild. „Für mich persönlich geht es back to the roots“, sinniert Chris, nämlich „was vor dem Riptide war“, als er vor gut 25 Jahren in Hamburg Graffiti-Aktionen mitkuratierte, unter anderem mit einem damals noch unbekannten Banksy als Teilnehmer. Chris freut sich: „Kontakte aus der Zeit sind dieses Mal auch mit dabei.“ Ohne Banksy.

Auch abseits des Street-Art-Festivals ist Chris zurzeit mit dem Riptide eingespannt: „Wir wollen den Innenraum verschönern“, sagt er, „deshalb ist die oberste Etage eine komplette Baustelle.“ So lang kein schlechtes Wetter ist, könne er im Innenraum des Cafés arbeiten, „nach sechs Jahren ein paar Sachen aufhübschen, ich hab vor ein paar Tagen angefangen“, etwa damit, zwischen zwei Kundenbedienungen schnell zwei Bahnen Farbe auf ein Brett zu bringen. Mit einem Zeitplan: „Im August muss oben alles fertig sein“, denn am 15. August findet die erste Tattoo-Convention im Riptide statt, in Zusammenarbeit mit The Mad Basement Studio, „da kommen fünf Tätowierer:innen“, kündigt Chris an, „die bauen sich das Obergeschoss zurecht und machen einen Walk-In mit dem Schwerpunkt Musik-Motive“, die sie vorher ermitteln und dann dort der Kundschaft zur Auswahl stellen. Einige kennt Chris schon, „es sind bisher technische Motive, Schieberegler, Klinkenstecker, Schlagzeugschlüssel“, und ich dachte als erstes an Plattencover. „Die Idee ist während der GoFundMe-Aktion entstanden“, erzählt er, und so soll auch ein Teil des Erlöses ans Riptide gehen.

Außerdem wirft noch ein anderes Ereignis seine Schatten weit voraus: Das Riptide wird nächstes Jahr 20 Jahre alt, und schon jetzt gibt es zwei Termine für die Feiern dazu, nämlich den 18. September und den 2. Oktober. Die Dates habe ich mir natürlich bereits gesavet. Inzwischen nimmt Chris nebenbei eine personelle Einsatzerweiterung im Riptide vor. Heute steht Maik in der Küche, „gelernter Koch, Chefkoch bei der Mensa in Wolfenbüttel, der nebenbei hier arbeitet“, erzählt Chris, der sich mit Safidy abwechselt – und der die Kollegenschaft aus dem Service anlernt, heute ist Janine an der Reihe. Und zwar, „damit jeder alles kann“, natürlich nur, wer will, denn so lässt sich das Team auch im Winter besser beschäftigen.

Chris hat nicht nur Feierabend, sondern auch noch Anschlusstermine, und für mich stehen bereits ein Burger und eine Schale Pommes neben dem Bier, dem widme ich mich mal, nachdem wir uns verabschieden. Außerdem hab ich Interesse an dem Cider, und wahrlich, das schmeckt gut, leicht herb, so mag ich das, und Olli freut sich über die Holzscheibe in meinem Glas. Stefan fragt, ob ich als neue Nachbarn schon bei RioCup & Co war, und kann ihm bestätigen, dass das der Fall war – und zwar nur wenige Momente zuvor, auf meinem heutigen Weg ins Riptide nämlich.

„Seit anderthalb Monaten“ gibt es das RioCup & Co an der Adresse Ölschlägern 9 erst, somit ist das Restaurant für „brasilianisches Fingerfood“ nicht nur ein neuer Nachbar für das im Magniviertel neue Riptide, sondern sogar neuer als das Riptide, das ja auch schon seit sechs Jahren hier ansässig ist. Die Infos gibt mir Ralf, der RioCup & Co mit seiner brasilianischen Frau Sandra betreibt. „Das Essen hier ist authentisch aus Brasilien, kein nachgemachtes Essen“, betont er, und fügt ausdrücklich an: „Viele Gerichte sind vegan und glutenfrei.“ Eines dieser Gerichte ist Pão de Queijo, „Käsebällchen mit zwei Sorten Käse und Tapiokastärke, die backen wir frisch im Ofen auf“, erklärt er. „Tapioka wird aus Maniokstärke gemacht“, fügt er an, „eine Masse, die sieht aus wie Pfannkuchen, die kann man sich belegen“, und zwar wahlweise herzhaft oder süß, „mit Hähnchen, Käse, Schinken, oder Erdbeeren, Nutella, Bananen, Kondensmilch mit Früchten“, auch bunt gemischt, „wir stellen die individuell zusammen“. Über mein „Hähnchen mit Erdbeeren“ lacht er: „Du glaubst gar nicht, was Leute haben wollen!“ Und sie bekommen es hier.

Ein Schwerpunkt im RioCup & Co ist Açaí, die Beere der Kohlpalme, „eine Frucht vom Amazonas“, so Ralf, die mir indes gänzlich unbekannt ist. „Die ist im Moment der Renner, überall in Deutschland“, weiß er. Zehn Jahre lang lebte er selbst in Brasilien, „ich kenne es seit Jahren“, aber erst seit einem Jahr boomt es auch hier in Mitteleuropa „und hat dieses Jahr einen Schub bekommen“. Besonders bei jüngeren Gästen, die sich auf die beiden quer zum Eingang gelegenen Räume verteilen, zwischen den mit brasilianischer Fauna bemalten hellen Wänden an den gemütlichen Holzmöbeln.

Zuletzt beheimatete dieses Gebäude eine Versicherungsagentur, bevor es leer stand, weiß Ralf. Er ist gebürtiger Braunschweiger, „ich kenne das Magniviertel von früher noch“, und entdeckte dieses Geschäft zufällig: „Wir haben nicht lange überlegt: Das machen wir hier.“ Die Lage punktet mit der Nähe zur Innenstadt, den Schülern, die durchs Viertel streifen, und dem Laufpublikum: „Das ist eine Topadresse!“ Er grinst: „Früher war das hier ein bisschen Halligalli, Saufereien in den Kneipen“, zwinkert er. „Aber früher war auch gut“, lacht er und erinnert sich an die Sangria-Eimer. „Wir sind richtig zufrieden, auch mit der Nachbarschaft“, die er nach und nach erst kennenlernt. Das Riptide ist auf der Liste noch offen, „wir hatten noch nicht die Zeit, alles durchzugucken, und ich bin noch nicht so lang wieder zurück in Braunschweig“, außerdem verschlingt so ein eigener Gastronomiebetrieb ja sehr viel Zeit, insbesondere, wenn er frisch eröffnet ist.

Zur Unterstützung engagierten Ralf und Sandra ein Team aus vier Brasilianerinnen, die zurzeit studieren und auf Minijobbasis im RioCup & Co aushelfen. „Das ist eine nette kleine Familie“, schwärmt Ralf. Und lächelt: „Die Brasilianer sind locker“, beginnt er und berichtet von „Fröhlichkeit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, die die Brasilianer an den Tag legen“. Die soll sich auch auf das RioCup & Co übertragen: „Wir wollen, dass die Leute sich wohlfühlen, dass sie reinkommen und sie ein offenes, nettes Wort empfängt.“ Er grinst: „Es ist alles ein bisschen wild, das gehört zum Charme dazu und das mögen die Leute.“ Das lockt natürlich auch Gäste aus Brasilien an, die sich hier ein Stück Zuhause abholen.

Ralf und ich haben nun beide noch etwas zu tun, also verabschieden wir uns auf ein nächstes Mal. In der Tat, man sieht, wie die Kundschaft Schlange steht oder mit erworbener Speise vor dem RioCup & Co verweilt. Stefan bestätigt das, er hatte den Ausblick auf den Zulauf, als er kürzlich beim Badsha gegenüber eingekehrt war. Leichter Wind kommt nun auf, der Baum über uns hier am Riptide-Tisch wirft ein Blatt in Stonis Hefeweizenglas. Wenigstens frösteln wir nicht mehr wie kürzlich, als uns Annika bediente und ganz überrascht in unserer Runde ihre frühere Klassenlehrerin Sabine entdeckte, und wenigstens ist es auch nicht mehr so brüllend heiß wie letztens noch.

Ganz kurios: 32 Grad am Mittelmeer fühlen sich angenehmer an als 32 Grad in Braunschweig. Noch kurioser: 32 Grad am Mittelmeer fühlen sich wesentlich angenehmer an als 39 Grad in Braunschweig. Als das Wochenende mit dem unrühmlichen Hitzerekord über uns hereinbrach, verbarrikadierten Andrea und ich uns hinter heruntergelassenen Jalousien und fest verschlossenen Fenstern und Balkontüren, ließen Ventilatoren heißlaufen und freuten uns darüber, dass uns eine aktuelle Streamingserie ausnahmsweise mal wieder gefiel, nämlich „Spider-Noir“ auf Prime Video. Guckten wir banausenhaft nicht in der Schwarzweißversion, weil wir die Farben so prachtvoll knallend fanden. Nicolas Cage als alternder Spiderman punktete mit dezentem Superheldenaktionismus, viel mehr aber noch mit bitterböser Schlagfertigkeit. Außerdem deckten wir uns mit tonnenweise Obst und Salat ein, teils zuvor noch von mir auf dem Wochenmarkt erworben, bevor es dort verglühte. An dem Tag packten die Marketender ihre Sachen erheblich früher zusammen, so sie denn überhaupt den Weg auf sich genommen hatten, und wer sich als Kundschaft auf dem brütenden Altstadtmarkt aufhielt, gab ihnen seinen kühlenden Segen.

Auch kurios war, dass diese Wetter-Esse über uns hereinbrach, nur kurz nachdem Kälte und Regen einer von vielen Gründen für mich waren, den Tag der Niedersachsen auszusparen. Nur unwesentlich danach stieg die Hitzekurve an, pünktlich zum Sommerbeginn, an dem es üblicherweise so heiß gar nicht ist. Nicht mal noch gar nicht: Derart heiß sollte es einfach mal überhaupt nicht in dieser Gegend werden. Zur kürzesten Nacht des Jahres machten Guido und ich uns auf ins Ruhrgebiet; vor über 30 Jahren etablierten wir die jährliche „Tour irgendwohin in Deutschland, wo wir beide noch nie waren“ mit einem fünfjährigen Binnenturnus, der mit der Regel bricht, indem er uns stets ins Ruhrgebiet führt. Da wir unsere Reiseroutine lebenslaufbedingt unterbrechen mussten und erst jüngst wieder aufnahmen, fiel die „Tour de Ruhr“ dieses Mal nicht wie zuvor auf eine durch fünf teilbare Jahreszahl, sondern eben auf jetze.

Meine letzten beiden Aktionen à la „Tour de Ruhr“ absolvierte ich ohne Guido, nämlich mit drei Besuchen 2010, als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt von Europa war, sowie 2015, als das Vollplaybacktheater ganz Rock’n‘Roll-mäßig um seine Tourkasse beklaut wurde und im heimatlichen Wuppertal an mehreren Abenden „Pulp Fiction“ als exklusive Benefiz-Show aufführte. Meine Unterkunft suchte ich in Essen, und die Freundin meiner Gastgeberin verwies mich auf den Panic Room, einen Punk-Club, in dem ihr Freund an dem Abend den Ton mischte, bei einem Festival der Partei Die Partei. Deshalb wählte ich als Unterkunft für die Tour mit Guido ein Appartement in der Nähe des Nachfolgeclubs Don’t Panic, weil dann zumindest schon mal ein angenehmes Weggehumfeld relativ sicher war. Und wie sicher!

Am ersten Abend spielten zwei Ska-Bands im Don’t Panic. Wir holten uns gezapftes Stauder aus dem Club, während drinnen die wilden Menschen schwitzten, und hörten das Konzert von draußen, in der Sonne. Von diesen Staudern hatten wir so viele, dass wir gar nicht bemerkten, dass die Betreibenden längst Feierabend machen wollten – die Nacht war weit vorangeschritten. Stattdessen nahm ich mir die Freiheit, mich in dem Club umzusehen bis in den Backstagebereich, was erstmal bei den Betreibenden auf Fragezeichen stieß, aber als ich erklärte, dass ich meine Erinnerung von vor elf Jahren mit der Realität abgleichen wollte, vergeblicherweise, hatte man Verständnis und erklärte, dass es nach dem Betreiberwechsel bauliche Veränderungen gegeben hatte. Damit schickte man uns ins Bett, das nur wenige Gehminuten entfernt in der Essener City Nord auf uns wartete.

Man sollte es kaum glauben, aber der nächste Abend, mithin der erste wieder um Sekunden kürzere des Jahres, entpuppte sich als noch wilder. Im Don’t Panic spielten Rockabilly-Bands, und da wir zum Bierholen dieses Mal nicht einfach so in den Club kamen, versorgten wir uns beim angrenzenden Café Nord mit Stauder, um dort zu erfahren, dass es sich dabei um ein – überdies gigantisch großes – Alternative-Café mit langer Historie handele. So weit, so gut. Auf der anderen Seite neben dem Don’t Panic, also eins weiter als ein Tattoo-Studio, hatte das Turock geöffnet, davor tummelten sich – gleichzeitig Kontrast und Symbiose im Vergleich zu den Rockabillyfans vor uns – Leute mit Mähne und Kutte. Das Internet verriet, dass dort nämlich Death To All spielten, eine von zwei Tribute-Bands der Death-Metal-Pioniere mit dem abwegigen Namen Death, diese hier mit Schlagzeuger Gene Hoglan, den ich maßgeblich via Strapping Young Lad in meinem Regal stehen habe. Von gegenüber wiederum drangen extreme Beats zu uns herüber, denn die frühere katholische Kirche St. Gertrud hatte eine Entweihung erfahren und dient nun der lokalen Hochschule für Bildende Künste als „Kreativ-Kathedrale“ mit dem sinnigen Namen Trudi, und dort fand eben ein Rave statt. Und wir mittendrin. Was wir nicht wussten: Jenseits der vielbefahrenen Straße über den Viehofer Platz, an dem dieses Ensemble gelegen ist, befindet sich der Plattenladen Yeah Records, der inzwischen – so die aktuelle Nachrichtenlage – offenbar von der Schließung bedroht ist. Und wir verpassten terminbedingt Konzerte im Don’t Panic: Ole, ehedem bei Solbrud, hatte mit seiner Band Afsky nur kurz vor unserem Dortsein einen Auftritt und in der Woche danach waren Dead Bob angekündigt, das Nachfolgeprojekt von NoMeansNo.

Ach ja, das Ruhrgebiet. Da wir schon viel kannten, stopften wir – bis auf den erneuten Gang auf den Tetraeder in Bottrop, das offiziell so genannte Haldenereignis Emscherblick – vornehmlich Lücken. Nachdem wir eines Zeppelins über Essen ansichtig wurden, steuerten wir dessen Hangar an der Grenze zu Mülheim an und von dort aus in jener Stadt die Camera Obscura in einem Wasserturm und das Schloss Broich, das eigentlich „Bruch“ ausgesprochen werden müsste, was die Mülheimer aber als „Broich“ durchsetzten, wie man uns erklärte. Eine mittelalterliche Festung an der Ruhr, die dem Industriegebiet den Namen gab, schöne Kombi. In die Moderne schlägt „Slinky Spring To Fame“ eine Brücke, wortwörtlich, denn bei diesem Spiralbauwerk handelt es sich um eine solche, die den Rhein-Herne-Kanal überspannt und die von den Leuten in Oberhausen nach ihrem Designer Tobias Rehberger einfach Rehberger-Brücke genannt wird. Wir erklommen in Herne die reichlich versteckte Halde Pluto, besuchten das wesentlich zugänglichere Schloss Strünkede und guckten uns das Umspannwerk in Recklinghausen immerhin von außen an.

Essen selbst bereicherte uns noch mit der Gastrostraße Rü in Rüttenscheid, mit einem Frühstück neben dem Dom und mit exklusiven Blicken hinter die Kulissen an der Zeche Carl, einem der ältesten soziokulturellen Zentren Deutschlands, wie zu lesen war. Am Zaun des großen Geländes angekündigt war ein Auftritt von Senta, der sympathischen Gifhornerin, die noch bis vor einer Weile als Oonagh durchs Land getourt war. Das Maschinenhaus auf dem Zechengelände hatte man zu einer Theaterwerkstatt umfunktioniert, und wir platzten versehentlich in die Vorbereitungen zum Sommer.Kunst.Camp, die einige Jugendliche dort vornahmen. Eine der Betreuerinnen führte ins in den Backstagebereich des Maschinenhauses und erklärte uns einiges über das Programm dort. Und die Jugendlichen wunderten sich, wie man auf die absurde Idee kommen konnte, ausgerechnet im Ruhrgebiet Urlaub machen zu wollen, wo doch eigentlich alle aus dem Ruhrgebiet verschwinden wollten. Als wir erklärten, dass wir zwischen Wolfsburg und Salzgitter ebenfalls einem Strukturwandel von der Industrie zur Dienstleistung ausgesetzt seien, nur wesentlich weniger ausgeprägt, und dass wir die Mentalität im Ruhrgebiet liebten, begannen sie unisono dafür zu schwärmen, wie toll das Ruhrgebiet doch sei. Da stimmten wir gern ein.

Außerdem staunen wir jedes Mal darüber, wenn wir uns durch dieses Ballungsgebiet bewegten, das in jeder Vorstellung als grau und dicht bebaut erscheint, wie oft wir das Auto durch Felder lenkten oder uns an der Ampel ein Trecker entgegenkam. Es trifft eben beides zu. Ach, und à propos sich im Ruhrgebiet mit dem Auto bewegen: Wir unterquerten auch das Denkmal für Helmut Rahn, einem der berühmtesten Anwohner der berüchtigten A40, dem ehemaligen Spieler von Rot-Weiß Essen, das 2010 anlässlich der Aktivitäten zur Kulturhauptstadt errichtet wurde und sich im Abstand von anderthalb Kilometern auf drei Brücken über die A40 verteilt. „Sechs Minuten noch im Wankdorfstadion“, steht an der flankierenden Lärmschutzwand, und dann auf der ersten Brücke: „Rahn müsste schießen“, mithin das berühmte Zitat von Herbert Zimmermann etwas komprimiert, der da eigentlich sagte: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“. Die nächste Brücke verrät: „Rahn schießt“, und die dritte jubelt: „Tor! Tor! Tor!“

Das passte ja außerdem dazu, dass zu dem Zeitpunkt bereits sowie auch jetzt immer noch eine Fußballweltmeisterschaft der Herren stattfindet, nicht in Bern, sondern dieses Mal in der weiten Ödnis zwischen Mexiko und Kanada. Eines Abends verfolgten Guido und ich am mit Temple Bar sinnig benannten Irish Pub in der Innenstadt von Essen auf großer Leinwand ein Fußballspiel, und zwar mit der Begegnung des Iran mit Belgien. Da stellten wir erleichtert fest, dass der 2022 erfolgte Ruhestand von Moderator Béla Réthy einen wunderbaren Ersatz fand: Gari Paubandt kommentiert jetzt Spiele fürs ZDF, und auch, wenn er das wohl grundsätzlich ganz gut macht, befleißigt er sich eines Wortbaukastens mit integriertem Floskelgenerator. Wir lachten sehr. Darüber, dass Paubandt ernsthaft Vokabeln aus dem Lehrbuch für Moderatorenanfänger, Abteilung Fußball, heranzog, etwa „Spielgerät“ für Ball oder „Schlussmann“ für Torwart, analog zu Musikrezensionen, in denen Jahrzehnte später noch Formulierungen stehen wie „der charismatische Frontmann der legendären Formation“, „der Mann an der Schießbude“ oder „der Mann mit der Axt“. Darüber, dass bei Paubandt alles eine „Situation“ war. Oder über Sätze wie: „Mit 17 galt er als großes Talent seines Landes, […] mittlerweile ist er 29.“ Oder: „Beide haben wohl eine Allergie gegen Führungen.“ Am nachhaltigsten in unseren Wortschatz über ging aber seine „hervorragende Brustweiterleitung“. Seitdem spricht Guido nur noch von „Gari and the Phrasemakers“, und in der Tat, beim Spiel von Kroatien und Ghana einige Tage später setzte Paubandt seine Merkwürdigkeiten fort, als er etwa über zwei Kroaten mit demselben Nachnamen ausdrücklich sagte, sie seien „beide nicht miteinander verwandt, beide allerdings in Deutschland geboren“. So weit zur „Situation aus der ersten Hälfte“. Im fußballaffinen Ruhrgebiet muss man jedenfalls, anders als in anderen Weltengegenden, niemandem erklären, wo genau Braunschweig liegt. Die waren alle schon mal hier.

Außerdem macht man sich ja so seine Gedanken, während internationale Wettbewerbe im Fußball der Herren zu sehen sind. Irgendwie sickern bei jedem Turnier Merkwürdigkeiten durch, so Schiedsrichterentscheidungen, die geschmiert wirken, bei denen Underdogs schlecht dastehen und so weiter. In Zeiten des Internets ist die Aufregung dann international groß, aber auch nach zwei Tagen schon wieder vergessen. Nachhaltig bleiben diese ungerechten Übervorteilungen nicht im Gedächtnis, oder erinnert sich noch jemand, über welche Schweinereien man sich 2010 aufregte? Oder gar 1974? Die ganz groben Skandale sind vielleicht geblieben, beispielsweise der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Österreich, die „Schande von Gijón“, bei der WM 1982 in dem Land, das aktuell den Weltmeistertitel trägt, „noch“, um Jürgen Klopp zu zitieren, aber da wären wir bei aktuellen Verschwörungstheorien, dass Argentinien nämlich angeblich freundlich ins Finale gereicht werden soll.

Positiv hängen bleiben jedenfalls Einzelpersonen und Underdogs, Josimar Dias alias Vozinha fast allen voran, der vierzigjährige – hust – Schlussmann der Kapverdischen Inseln, der als WM-Debütant erst Spanien in die Knie zwang und beinahe, aber eben nur beinahe, siehe Verschwörungen, auch Argentinien auf die Bretter schickte. Und so richtig allen voran Erling Braut Haaland, das wikingische Monster aus Norwegen, das mit empathischem Verhalten die Welt in Verzücken versetzt. Und in einem bedächtigen Tempo seine Tore abstaubt, man möchte sagen, er spielt „Fußball wie noch nie“, so jedenfalls der Titel des grandiosen Dokumentarfilms über George Best, der 1971 von Regisseur Hellmuth Costard im Rahmen eines Ligaspiels gefilmt wurde, und zwar ausschließlich, ohne jeglichen Spielkontext, der Titelheld des ersten Albums von The Wedding Present, und man sieht ihn ganz wie Haaland gemütlich über den grünen Platz schlendern, bis er abrupt losrennt und ein Tor macht, also, neudeutsch, „den Abschluss findet“. Anders gesagt: Haaland agiert fußballerisch wie Best energiebewusst, präzise und effizient.

Das Abschlussspiel seines Teams, von dem wir nicht hofften, dass es das werden würde, erhielt keine Ausstrahlung über öffentlich-rechtliche Sender. Nicht in Deutschland jedenfalls, also installierte ich mir VPN auf dem Smartphone, aktivierte den Livestream des Schweizer Fernsehens im Browser und spiegelte mein Telefon auf Andreas TV-Apparat. Das positive Resultat: Es funktionierte. Das negative: Auf dem Handy sah das Bild völlig normal aus, nicht aber auf dem Fernsehgerät. Dort wirkte es wie mit dem 56k-Modem geguckt, lauter grobe Blöcke, flächige Farbverwischungen und ruckelige Glitches, oder, wie Andrea sagte, sie feierten dort ein Holi-Fest. Nach Ablauf der regulären Spielzeit gaben wir indes dem Schlafbedarf den Vorzug und verpasstem das, was nun abermals die Verschwörer befeuerte, die Diskussionen nämlich um fälschlich anerkannte (England) sowie aberkannte (Norwegen) Tore. Auch hier wieder begeistert Haaland in der behutsamen Nachbetrachtung. Wir vermissen ihn. Aber er ist ja noch jung, vielleicht schafft er ja auch seine sechs WM-Teilnahmen, wie beispielsweise der dennoch glücklose – so Andrea – „fancy CR7“. Mehr als ihm hätte ich dem immerhin fünfmaligen WM-Teilnehmer Luka Modrić den Titel gewünscht. Ihn nie wieder in so einem Kontext spielen zu sehen, ist auch keine so schöne Aussicht.

Kurios auch: Sobald die Gruppenphase vorbei ist, finde ich die Spiele langweiliger. Fast immer. Möglicherweise liegt das daran, dass es so ernst wird, dass den Mannschaften selbst der grandiose Spielspaß vergeht, aber die Begegnungen sind mühsam zu verfolgen und die Ergebnisse ernüchternd. Na, an diesem Wochenende ist das Ganze ja vorbei, und ich muss gestehen, dass es mir – auch beinahe wie immer – inzwischen egal ist, wer Weltmeister wird. „Eins ist sicher“, sagt Stefan dazu, „der Weltmeister wird Spanisch sprechen.“ Tja: Cap Verde sind es nicht, Norwegen ist es nicht, Kroatien ist es nicht, Japan ist es nicht, die DR Kongo ist es nicht, besser: Doktor Kongo, wie das Land gelegentlich im Internet genannt wurde. Deren anzugtragender Fan Michel Nkuka Mboladinga wird im Gedächtnis bleiben, genannt Lumumba Vea, der bei den Spielen die gesamte Zeit über stillstand, mit erhobenem rechtem Arm und leicht geöffneter Hand, um an den 1961 ermordeten Premierminister Patrice Lumumba zu erinnern.

Aber Fußball ist ja nicht alles im Leben, gell. Kürzlich trafen wir uns zum zweiten Mal mit den lokalen Autoren des Literaturblogs Wortmax hier im Riptide, also mit Betreiber Holger sowie den Beitragenden Karsten und Axel, dieses Mal sogar mit einer regionalen Erweiterung, denn Renate kam extra mit der Eisenbahn aus Magdeburg angereist. Wie immer – und das bestätigt auch Olli, nicht nur, sobald wir uns mit dem Turmgeist zuprosten – blieb es nicht aus, dass wir auch über Hardy sprachen, und das nicht nur, weil er ebenfalls Teil dieser Runde gewesen wäre.

Vorgestern traf ich mich mit Adela und Lukas im Riptide, und mit Adelas Tochter Elli – die nämlich erstmals seit sieben Jahren überhaupt wieder da war, und da heißt hier: nicht in Neuseeland, wohin sie nämlich ausgewandert ist. Eigentlich hatten wir überlegt, etwas zum Abschluss zu bringen, das wir vor ihrem Weggang begonnen hatten, nämlich miteinander die „Fantômas“-Trilogie zu gucken, was wir nach dem zweiten Film unterbrechen mussten, aber wir ahnten, dass es viel zu viel zu erzählen gibt, als dass wir diese gemeinsame Zeit mit einem Film verstreichen lassen wollten, zumal diese gemeinsame Zeit ja auch wieder endlich ist, da Elli ja bald wieder in ihre neue Heimat zurückkehrt. Also tauschten wir uns aus, berichteten ihr über Veränderungen und Ereignisse in Braunschweig und lauschten ihren Erfahrungsberichten aus Aotearoa. Die erschütternderweise nicht zwingend so positiv ausfielen, wie wir Europäer uns das gern vorstellen, als idealisiertes Auswandererland, nicht nur wegen „Der Herr der Ringe“. Rassismus gegenüber Māori und extrem hohe Lebenshaltungskosten sind da nur zwei Aspekte. Zurzeit lebt Elli ganz im Süden der Südinsel, zwei Stunden entfernt von Dunedin, das uns Musiknerds wegen des Dunedin Sound aus den Achtzigern vertraut ist, mit Bands wie The Clean und dem Label Flying Nun Records. Elli indes erwärmt sich mehr für die dortige Clubkultur, die weit lebendiger ist als die an ihrem Wohnort. Das war ein wahrhaftig freudiges Wiedersehen, und den dritten „Fantômas“ gucken wir eben nächstes Mal. Ist ja auch schön, wenn man Pläne hat.

Mit unserem DJ-Team Rille Elf, dem ja neben Günther und Olli Cyberpagan auch MokkaBär-Mitgast Uwe angehört, haben wir den Plan, am Samstag als Teil der IV. WRG-Kulturtage vor dem Schön & Frölich aufzulegen, dem früheren Jolly Joker also, während dort drinnen parallel eine Revival-Party stattfindet. Wir sind dankbar und glücklich, dass Mitbetreiber Paul uns diese Gelegenheit ermöglicht. Und auch, dass wir für diese vierte Ausgabe der Kulturtage ein so umfangreiches Programm zusammentragen konnten. Räumlich zieht es sich durch den gesamten Bezirk Westliches Ringgebiet, vom Weißen Ross bis zum Füllerkamp, denn mit dabei sind der Werkschauraum, Yvonnes Kiosk, der Kulturraum Jakobi, der Verein BS-Kunst, die WRG-Studios in ihrer Außenstelle WRG-Sensor, das Nexus und das Spunk. Und wir mittendrin, in bester Gesellschaft also, mit unserer strandlosen Strandparty, die wir in den vorherigen Jahren am bedauerlicherweise geschlossenen Harrys Bierhaus ausrichteten und nun ans Schön & Frölich verlagern dürfen.

Unsere Runde löst sich auf, Dackel Rudi kläfft Dominik um Leckerlis an, und während Uwe, Olli, Stoni und ich noch unsere letzten Getränke verköstigen wollen, bezieht sich der Himmel, verstärkt sich der Wind und fallen zusehends mehr Partikel von den Bäumen in unsere Gläser. „Früher nannte man das Altbierbowle“, sagt Uwe, während Olli ein Blatt aus seinem Getränk fingert. Zeit für den Aufbruch. Als ich mir letztens die rote LP „Everybody’s Gotta Learn Sometime“ von Beck mitnahm, vergaß ich völlig, meine eingetroffene Bestellung hinzuzufügen, denn „The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Empathy“ steht längst für mich zur Mitnahme bereit, das dritte Album vom Claypool Lennon Delirium, und während Olli und ich den Turmgeist über Hardy reflektieren lassen, händigt mit Dennis die grüne Doppel-LP mit dem dicken Comic darin aus. Schaffen wir es trocken nach Hause? Stoni ist schon weg, Uwe besteigt sein flottes Fahrrad – und Olli und mich erwischen nach kurzem Weg die ersten Tropfen. Machen wir halt Zwischenstopp in der Luke 6, da ist es ja auch sympathisch und gemütlich. Nach einem Astra ist der Regen vorbei und die Luft wieder frisch. So ist der Sommer schön!

www.krautnick.de
Fakebook
www.rille-elf.de

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