#227 Endlich gechilltes Lungern, ihr Linkskremper!

Donnerstag, 6. August 2026

Jetzt hab ich vom Street-Art-Festival „Colour & Soul“ so gut wie gar nichts mitbekommen. Ständig war etwas, zum Beispiel Unwetterwarnung, als wir mit dem MokkaBär-Stammtisch letzte Woche Donnerstag auf dem Magnikirchplatz eintrudelten. Besser, eintrudeln wollten, der Wind wehte uns aus allen Richtungen herbei, wir kullerten eher so ein, und das Riptide-Team beschied uns, gleich drinnen Platz zu nehmen, da man die Außenbereiche – genau wie von Seiten der Kollegenschaft die von Barnaby’s Blues Bar nebenan – sturmfest machen wollte. Das Gerüst vor der Magnikirche, an dem eigentlich im Rahmen des Festivals Transparente für die Sprayer zum Bearbeiten angebracht sein sollten, war nackt, die Leinwand entfernt. Immerhin an den in Arbeit befindlichen Graffiti am Kaufhofgebäude kam ich auf dem Hinweg vorbei, aber auch dort hatte man sich bereits inklusive Farbsprühdosen irgendwo festgezurrt. Annika, Dennis und andere aus dem Riptide-Kollegium klappten die Schirme zu und erklommen eine Trittleiter, um die Gurte um die dicken und hohen Sonnenschutze zu wickeln, und was ich konnte, trug ich helfend bei, mit Sand vom Magnikirchplatz im Auge und Gestrüpp von den umstehenden Bäumen im Haar. So dramatisch das auch wirkte, die Laune war angespannt, aber gut. „Rudi hat sich heute zweimal etwas erbettelt“, verriet Dennis nebenbei vom Leckerli-Ergatterungsgeschick des Nachbardackels.

Wir MokkaBären standen gleich rechts vom Eingang an der Zeile mit dem Rücken zu den Schallplattenfächern aufgereiht, mit Getränken und Speisen in Griffweite. Ute ergriff die Unruhe und flog mit dem Winde heim, um das Wohlergehen ihrer Markise besorgt. Wir anderen und auch sonst alle hofften derweil darauf, dass das Unwetter endlich losbrach, denn die feuchtschwere warme Luft war nicht mehr zu ertragen. Daher begrüßten wir freudig die ersten dicken Tropfen, die mit dem Wind den Staub aufwirbelten. Und stellten auch mit Bier in der Hand ernüchtert fest, dass dies keine Auswirkungen auf bessere Luftverhältnisse hatte: Die waren draußen nicht wesentlich besser als drinnen. Stefan und ich verlegten unsere Gespräche trotzdem unter den freien Himmel und erst später, als sich eine Erhöhung der Regenmenge abzuzeichnen drohte, nach drinnen zu den anderen. Neben unserem Tisch faltete Chris pinke T-Shirts in eine Box, alle mit der Aufschrift „Colour & Soul“, und trug dabei selbst so eines. Einige der Teammitglieder und einige der Künstler, alle an den pinken Shirts erkennbar, flogen schutzsuchend ins Riptide und tauschten sich mit Chris aus, der sich die gelöste Laune nicht nehmen ließ.

Eine gewisse Unruhe machte sich indes dennoch bei allen bemerkbar, nach und nach verließen die MokkaBären die Runde und suchten das Weite. „In Broitzem kommt es runter“, hörte ich in einer Unterhaltung zwischen zwei Gästen, von denen einer den Blick aufs Smartphone gesenkt hatte und Nämliches zitierte. Andere aktualisierten fortwährend ihre Wetter-Apps und ließen vernehmen, wie sich die Lage entwickelte. Nee, keine Umstände für gechilltes Lungern, also brachen wir alle nach und nach auf. Vor einigen Wochen hatten Olli und ich uns vor einem Schauer in die Luke 6 gerettet, aber dieses Mal befürchten wir, dass die Umstände unkontrollierbarer würden, und entschwanden besser direkt nach Hause.

Inder Nacht wurde es dann tatsächlich nicht so schlimm wie angekündigt, die Sprühenden setzten ihre künstlerische Arbeit in den darauffolgenden Tagen fort. Dafür waren die zurückliegenden beiden Tage und Nächte klimatisch furchtbar: heiß, aber feucht, und selbst nachts nicht unter 20 Grad, da half kein Durchzug, es wehte trotz Regengüssen eh kein Wind. Wie soll das noch werden, das ermattet doch die Menschen, wenn die Sommer künftig immer so sein sollten. Heute ist es anders, gottlob, knapp über 20 Grad, Sonne-Wolken-Mix, man spürt, wie befreit sich die Menschen verhalten.

Heute erweitere ich außerdem auf der Suche nach fürs Riptide neuen Nachbarn mein eigenes Bild vom Magniviertel auf den Löwenwall und schreite angemessen eingeschüchtert durch das Tor zur Gerloffschen Villa, Löwenwall 16, den Obelisken im Rücken, den Ziergarten zwischen mir und dem wunderschönen Gebäude am Hang zum Magniviertel. Die Treppe zur Tür, nein: zum Portal schwingt sich beidseits empor, auf dem Boden glänzt ein Mosaik, der Summer ertönt, die Tür lässt sich öffnen, dahinter erwartet mich ein hohes Foyer, von dem aus in alle Richtungen Räume abgehen und in dessen Verlängerung mich Brunhilde auf der hölzern knarrenden Treppe erwartet. Brunhilde Frye-Grunwald ist die stellvertretende Direktorin der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und selbst begeistert von dem Gebäude. Deshalb führt sie mich zunächst die Treppe empor und deutet durch ein Fenster auf die Rückansicht der Fachwerkhäuser von Klint und Ritterstraße, darüber „die Türme von Braunschweig“, die ihre Spitzen in den Himmel recken, was, wie sie findet, bei Sonnenuntergang besonders eindrucksvoll aussieht, worauf sie aber bei dem derzeit späten Einsatz dieses Naturschauspiels vorerst zu verzichten hat. Sie holt einen Schlüssel für ein in der Gegenrichtung gelegenes Büro und präsentiert mir den Garten von oben, an dem ich eben noch vorbeischlenderte. „Der Löwenwall ist ganz toll, da ist immer was los“, schwärmt sie. Wir nehmen dann im hohen, hellen Büro der Direktorin Maria-Rosa Berghahn an einem Besprechungstisch Platz und sie erläutert mir, wo ich mich gerade überhaupt aufhalte.

Die Gerloffsche Villa, erbaut 1888, 1889, ist nämlich seit 2006 das Haus der Braunschweigischen Stiftungen, und zu denen gehört hier nicht nur ihre Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, sondern unter anderem auch die privatrechtliche Braunschweigische Stiftung von Nord/LB und Öffentliche Versicherung, die Bürgerstiftung Braunschweig und die Braunschweigische Landschaft. Dieses Haus der Braunschweigischen Stiftungen nun wurde vor gut 20 Jahren ins Leben gerufen, um unter einem Dach eine „Anlaufstelle für Förderungen zu schaffen für Bürger“, so Brunhilde. Und zwar lautstark: „Wir machen gemeinsame Sommerfeste, verschiedene Veranstaltungen, um das Gebäude und den Garten für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen“, sagt sie und nimmt mir damit die Ehrfurcht, die dieses Haus von sich aus ausstrahlt – ich bin es eben nicht gerade gewohnt, sich in so mondänem Umfeld zu bewegen. „Das Fußgängertor ist den ganzen Tag offen“, zuckt sie lächelnd mit den Schultern, „die Bürger können einfach reingehen und sich auf die Bänke setzen und genießen.“ Zumindest bis zum letztgültigen Dienstschluss der Stiftungen, denn dann wird das Tor verschlossen. Gut zu wissen, das behalte ich für meinen nächsten Ausflug zum Löwenwall gern im Kopf.

Dann fokussiert sich Brunhilde auf die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz selbst. „Wir sind eine öffentlich-rechtliche Stiftung, die hat 1569 ihren Ursprung.“ Das muss erstmal sacken, sie grinst mich entsprechend erwartungsvoll an. Und ich staune fürbass. Nach immer noch aktiven Gründungsmitgliedern müsse ich nicht fragen, versuche ich einen Scherz, doch da widerspricht sie direkt und verweist auf die Büste neben dem Eingang zu diesem Büro, die mit dem Schal, der den dargestellten Mann in die Jetztzeit versetzt: Dabei handelt es sich um Herzog Julius, den Gründer der Stiftung. Und dem Benenner der Straße, in der ich wohne. Brunhilde erklärt, dass das kirchliche Vermögen im Zuge der Reformation in ein separates Sondervermögen übertragen wurde und man entschied, dass die Erträge daraus verwendet werden sollten, um Bildung und Soziales zu fördern, „und das ist bis heute im Grunde erhalten geblieben“. In den 1940er Jahren löste man einen weiteren Teilbereich heraus als Sondervermögen, um das Staatstheater, das Landesmuseum und die Universität zu fördern. Zum Vermögen der Stiftung gehören außerdem 5500 Hektar Wälder, in denen drei angestellte Förster umherstreifen, 9500 Hektar landwirtschaftliche Flächen, „überall um Braunschweig herum, Ahlum, Wolfenbüttel, Klostergut Dibbesdorf, in Sachsen-Anhalt und in Stadtoldendorf“, zählt Brunhilde auf, und schon darin stecken für mich noch viel mehr Informationen, nämlich: Ein Klostergut in Dibbesdorf ist mir auch als Durchfahrer nicht vertraut, und das herangezogene Braunschweigische Land bezieht sich nicht auf die heutigen Verwaltungs- und Stadtgrenzen, sondern eben das historische Land Braunschweig, das weit reichte und einige Exklaven hatte, darunter Stadtoldendorf im Landkreis Holzminden oder Thedinghausen kurz vor Bremen im Landkreis Verden. Weiterhin gehören 3000 Erbbaurechtsgrundstücke zum Stiftungsbesitz, von denen demnächst einige Verträge auslaufen, was für die Stiftung als spannender Prozess zu erwarten sein wird.

„Aber spannender ist, was wir mit dem, was wir einnehmen, machen dürfen: Projekte fördern“, setzt Brunhilde die Informationen fort, und zwar „kulturelle, soziale, kirchliche“, darunter das Theater Fadenschein oder das frühere LOT, das Theater in der Kaffeetwete, das Christian Weiß mit seinen xweiss-Produktionen zurzeit interimsmäßig bespielt, bis es zur Sanierung kommt. Denkmalschutz gehört zu den geförderten Initiativen, dazu führt sie das Schloss Blankenburg an, sowie soziale Projekte: „Es kann sich jeder, der einen gemeinnützigen Verein hat, bei uns bewerben“, sagt sie, verweist dazu auf das Internet-Portal der Stiftung und berichtet, dass die Zahl der Anträge hoch ist. „Wir versuchen, breit zu streuen“, etwa „in den ländlichen Raum“ und in viele Sparten. Mit dem ländlichen Raum deutet sie abermals darauf hin, dass die Stiftung das Braunschweiger Land berücksichtigt, „nicht unbedingt die Stadt Braunschweig – die hat zwar einen höheren Anteil, aber nicht nur“.

Zu den eigenen Veranstaltungen der Stiftung gehören Konzerte und Konzertreihen, dazu breitet Brunhilde aktuelle Flyer vor mir aus, für die Sommernacht im Kaiserdom – für die ich jüngst im Auftrag von Kulturbote Micha diese Flyer in Wolfsburg verteilte – sowie die Konzerte im Kloster Walkenried und im Kloster St. Marienberg in Helmstedt. Letzteres ist mir unbekannt, und da gerät Brunhilde einmal mehr direkt ins Schwärmen: „Da war bis vor kurzem ein Konvent drin“, setzt sie an, „und eine Paramentenwerkstatt“, in der kirchliche Textilien hergestellt wurden, etwa Altarläufer, „die hat leider zugemacht“, dafür kann man das Kloster jetzt besichtigen, inklusive Schatzkammer, „das hat eine ganz tolle Atmosphäre“. Eine Jugendbauhütte ist zurzeit im Kloster untergebracht, im Rahmen derer Jugendliche ein FSJ für Denkmalpflege absolvieren, und außerdem schwärmt Brunhilde vom ehemaligen Lustgarten der Domina hinter der Klosterkirche, wie der Garten offiziell hieß, in dem auch einige der Konzerte stattfinden sollen. Die Konzertreihe fand in diesem Jahr ihren Auftakt, die nächsten Programmpunkte sind indes für kurz vor Weihnachten erst angesetzt. Dafür startet das Programm am Kaiserdom bereits im September.

Ein weiteres Betätigungsfeld der Stiftung sind Stipendienprogramme mit der Musikschule Braunschweig-Goslar mit einer Ausschreibung „für junge talentierte Musiker“, die nach einem „Auswahlvorspiel“ mit Geld für die Ausbildung oder Instrumente gefördert werden. „Und sie geben ein Konzert in der Dornse“, meistens im November. Brunhilde strahlt: „Es ist faszinierend, was junge Menschen für Musik machen können.“ Zwei weitere Stipendienprogramme erreichen die HBK, eines für die Hochschule selbst, eines jeweils für drei Studierende, die bei der Eröffnung des traditionellen HBK-Rundgangs offiziell bekanntgegeben werden. Spenden hingegen stehen nicht primär auf der Maßnahmenliste dafür, wie die Stiftung zu Geld kommt, sagt Brunhilde. „Die Stiftung sammelt Einkünfte aus Vermögenswerten“, erklärt sie, und sucht allerhöchstens Sponsoren für ausgewählte Veranstaltungen, verlegt sich aber eher nicht auf „Fundraising“.

Auf den nächsten Inhaltspunkt ist Brunhilde selbst schon lang gespannt, denn sie breitet jetzt vor mir eine Karte vom Braunschweiger Land aus, auf der mit in drei Farben grundierte Nummern markiert sind. Diese Farben unterteilen Bauwerke in die Kategorien Stiftungszweck, Vermögensverwaltung und Baulasten. Der zweite Punkt beinhaltet vermietete Liegenschaften, darunter für Büros, und der dritte die historisch begründete Instandhaltung von Baudenkmälern, also „die Verpflichtung, Kirchengebäude zu sanieren“, etwa Malereien zu erhalten oder Dächer instand zu setzen. „Spannend“ ist für Brunhilde aber der erste Aspekt, unter den elf Zahlen fallen, die Orte im Braunschweiger Land beziffern, die zum Besitz der Stiftung gehören, darunter die Gedenkstätte Buchhorst, der Kaiserdom in Königslutter, die romanische Kirche in Mariental, „ein toller Ort“, in der Tat, da bin ich vor Jahren mal durchgefahren, der wirkt verwunschen, mystisch. Mit der Kirche in Üplingen fährt sie fort, „das ist ein Oktagon“, sowie mit dem historischen Glockenturm in Zorge. „Es gibt zu jedem unserer Orte die spannendsten Geschichten zu erzählen“, sagt sie begeistert, und erzählt von der Glocke in Zorge, die ausgetauscht werden musste, wodurch sie erfuhr, dass es eine Glockenbörse gibt, auf der die Stiftung dann auch die jetzige Glocke fand, und zwar eine aus Finnland, deren Vorbesitzer sogar eigens nach Zorge reiste, um auf Finnisch das Lob der Glocke zu sprechen. Oder von der Burgruine in Homburg bei Stadtoldendorf, die mitten im Wald gelegen ist, schwer zugänglich, von deren Turm aus man „ins Land gucken“ kann. Deren Restaurierung gestaltete sich schwierig, eben weil sie so unzugänglich gelegen ist, daher musste man das Material auf abenteuerliche Weise dorthin bringen, nämlich per Hubschrauber. Die Eröffnung nach Abschluss der Arbeiten ist für den Oktober vorgesehen.

Schwerpunkt und größtes Sorgenkind für die Stiftung indes ist die Klosterkirche in Riddagshausen, neben der zufällig mein Büro gelegen ist. „Die ist uns 2014 von der Stadt übergeben worden“, so Brunhilde, dazu Ländereien, und nachdem man den Sanierungsstau ermittelte und zunächst eine Heizung installierte, die sehr teuer war, ist jetzt „das Geld aufgebraucht“, dabei müsse nun umgehend „das Dach gemacht werden“. In der Tat, das ist mit blauen Netzen verhängt und die Bereiche darunter sind für Fußgänger abgesperrt. Mit im Boot ist jetzt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die eine Spendenaktion ins Leben rief, unter anderem im Zuge des Tages des offenen Denkmals am 13. September.

Für Details zum Klosterkirchendach in Riddagshausen holt Brunhilde nun Moritz von der Baukoordination an unseren Besprechungstisch. Er bringt zur Veranschaulichung Fotos mit und erklärt: „Die Dachpfannen sind Linkskremper.“ Das sei ein typisches Merkmal der „regionalen Baukultur, ein authentisches Teil der historischen Entwicklung“, das sich zeitlich genau zuordnen lasse. „Die sind handgestrichen, nicht industriell hergestellt“, also nicht wie Gebäck, das man aus einem Teigwolf dreht und abschneidet, erklärt er, „und das sieht man an der Krempe“, denn dort hat der Hersteller mit dem Finger in die Dachpfannen „die Struktur reingezogen“, sagt er und deutet auf die entsprechende Stelle auf dem Foto. So bildhaft anschaulich bleibt er auch in der Darlegung der Problematik: Man müsse sich die schlechte Verfassung der Dachpfannen vorstellen wie einen Keks, so durchlässig, „und das ist schlecht für die Holzkonstruktion“, somit sei nämlich auch der Dachstuhl durch Feuchtigkeit bedroht. Und dann: „Ist der Dachstuhl gefährdet, ist alles andere mitgefährdet.“ Also das gesamte wunderschöne Kirchengebäude, das sich weithin sichtbar massiv aus der flachen Landschaft erhebt und von innen wie außen eine Augenweide darstellt.

Diesen Dachstuhl könne man sich am 13. September beim Tag des offenen Denkmals ansehen, die Voranmeldung online sei gerade gestartet worden, so Moritz. Jedenfalls fehlt nun das Geld für die Restaurierung der Dachpfannen, erklären Brunhilde und er. Eine Maßnahme der Deutschen Stiftung Denkmalschutz seien deren öffentlichkeitswirksame „Grundton-D-Konzerte“, führt Moritz an, die in Gebäuden stattfinden, die zur Rettung bestimmt sind, und da sei die Idee aufgekommen, ein solches auch in Riddagshausen auszurichten, „in ein, zwei Jahren, und das Geld kommt dem Erhalt der Kirche zugute“.

Jetzt geht Moritz ins die Eingeweide: Eine dendrochronologische Untersuchung ergab, dass der jetzige Dachstuhl der Klosterkirche Riddagshausen aus dem Jahr 1555 stammt, fährt er fort. Die Kirche indes ist älter, „warum hat sie damals einen neuen Dachstuhl bekommen?“, fragt er stellvertretend für die Forschenden. Eine Geschichtstafel in der Kirche erläutert den Hintergrund zu zwei Zerstörungen, beide in Folge kriegerischer Handlungen zwischen der Stadt und dem Landesherrn, denn erstere war bereits reformiert und zweiterer noch „erzkatholisch“, und beide „stritten über Religion“. Naheliegend, dass dabei ausgerechnet ein Gotteshaus in Mitleidenschaft geriet. In diesem Zuge erhielt die Kirche eben 1555 ein neues Dach, beim zweiten Vorfall 1607 lediglich einen neuen Dachreiter. „Herzog Julius‘ Sohn war kratzbürstiger“, wirft Moritz ein. Für diese zweite Erneuerung verwendete man „Eichenstämme, die teilweise 150 Jahre alt waren“, und nicht frisches Holz wie üblich. Das ermittelten Studierende der TU, so Moritz. Er drängt: „Wir müssen die Dachpfannen austauschen und die Konstruktion ertüchtigen – je länger wir warten, desto mehr geht verloren.“

Moritz wiederholt das Wort „Sorgenkind“ in Bezug auf die Klosterkirche Riddagshausen. Einige Braunschweiger Bundestagsabgeordnete aktivierten nach einem Dachbesuch das Staatsministerium, um Fördermittel für die Sanierung bereitzustellen. Mit diesen sowie weiteren Mittel vom Land und „von unseren Partnern in Riddagshausen“ soll die Sanierung schnellstmöglich angegangen werden. Er lächelt: „Es ist eine tolle Aufgabe, sich um die Objekte kümmern zu dürfen.“ Er führt das Kloster Walkenried an, das aufgrund seines Status‘ als Unesco-Welterbe dadurch Unterstützung erfährt, indem die Unesco etwa das dazugehörige Museum betreibt. „Das ist übrigens das Schwesterkloster zu Riddagshausen“, wirft er beiläufig ein und hat damit die nächste spannende Geschichte parat: „Otto IV. musste zwei Klöster errichten, weil er heiraten wollte“, beginnt er das kuriose Kapitel und erläutert, dass das zwar nicht gesichert ist, man aber nach Urkundenauswertungen und Baubeginnen davon ausgeht, dass die Kirche in Riddagshausen die zweite war, mit der Otto von Braunschweig seiner Verpflichtung nachkam. Mit einem Einwurf zu dem Gebäude, das auf den Etiketten des Duckstein-Bieres abgebildet ist, regt Brunhilde eine weitere Geschichte an: Darauf zu sehen ist nämlich der Kaiserdom in Königslutter, und sie führt an, dass Königslutter viele Brauereien hatte, denn „das Wasser der Lutter hatte durch das Gestein eine hohe Qualität“. Heute ist keine der ehedem 73 Brauereien mehr existent, dafür gibt es das Bierbildungszentrum Brauwerk 2010. Und heute gehört die Biermarke Duckstein zu Carlsberg.

Eine Reise durch das Braunschweiger Land vom Tisch aus, mit vielen Ausflugsempfehlungen für mich und Informationen zu meinem Lieblingsarbeitsort Riddagshausen – Brunhilde und Moritz führten mich sowohl in der Weite als auch in der Tiefe herum. Kommen wir nun zur nächstgelegenen Nachbarschaft der Gerloffschen Villa: „Ins Riptide gehe ich ganz gerne“, sagt Moritz. Nicht nur mit den Studierenden, die sich das Klosterkirchendach in Riddagshausen mit ihm angesehen hatten. „Ich kenne das Riptide noch, als es in der Handelsgasse war, da bin ich auch schon gern hingegangen“, erzählt er. Der Magnikirchplatz hat „Charme“, fährt er fort, und erläutert, dass das Riptide jetzt vermutlich in einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt untergebracht ist. Was ich für das älteste Fachwerkhaus Deutschlands hielt, nur wenige Meter weiter, trage lediglich die ältesten arabischen Jahreszahlen, das macht es so exklusiv, erklären mir die beiden Fachleute. „Das Riptide hat alte Kernbauten, die wohl älter sind“, schließt Moritz. Brunhilde sinniert: „Ich muss erst noch eine Beziehung zum Riptide aufbauen“, und Moritz regt an: „Dann gehen wir hin“, weil es dort vegetarisches und veganes Essen gibt, „oder Platten“. Im Gegenzug fragt Moritz mich, ob ich den neuen Laden Chill Records im Baustellenbereich der Helmstedter Straße kenne, und muss das verneinen, schreibe es mir aber auf den langen Zettel für Erkundungen, den ich aus unserem Gespräch mitnehmen werde. Er grinst: „Das Riptide und die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz arbeiten an denselben Sachen: Identität und Kultur!“

Für Brunhilde und Moritz ist es eigentlich längst Zeit, den Feierabend anzutreten, daher bedanke ich mich für die Zeit, die sie mir widmeten, und nehme erst Abschied und außerdem eine Menge Wissen mit ins Riptide. Dort bin ich primär zu spät und sekundär heute auch noch allein, der gesamte MokkaBär-Stammtisch hat nämlich abgesagt, aber das ficht mich nicht an, im Riptide ist man ja nie allein. Drinnen stehen noch Reihen von leeren Getränkekisten als Übrigbleibsel des „Colour & Soul“-Festivals, Gäste tummeln sich ausschließlich draußen, und das setzt sich quer über den gesamten Magnikirchplatz fort. Dominik drückt mir an der Theke ein Wolters in die Hand, Josie bringt mir später mein Fladenbrot mit Tomate und Mozzarella an den Tisch. An sich hatte ich gehofft, noch auf Chris zu treffen, weil ich herausfinden wollte, ob ich das selbstbetitelte Debüt von EXP, einem neuen Seitenarm von Cop Shoot Cop, sowie das neue Album von Imperial Teen, einem alten Seitenarm von Faith No More, bei ihm bestellen kann oder auf teures US-Porto zurückgreifen muss, aber er ist bereits im Feierabend. Also nehme ich einen der reservierten Tische ein und genieße es, dass ich nach den zwei drückenden Tagen endlich wieder frei atmen kann. Schade, dass die Mauersegler diese Woche bereits die Stadt verließen, jetzt müssen wir wieder neun Monate lang auf ihre Rückkehr warten. Nach einer Weile höre ich Rufe über den Platz schallen und sehe, dass eine Gruppe Leute silberfarbene Kugeln durch den Staub rollt. Die Boule-Spielenden sind wieder da. Rudi höre ich nicht, aber Josie versichert mir, dass er vorhin drinnen Krach machte.

Als ich nach einiger Zeit gerade den Aufbruch wagen will, höre ich jemanden den Hit von Roy Black singen: „Du bist nicht allein …“, und schon sind Bine und Ulle bei mir. Bine traf ich gerade diese Woche zwischen den Kleingärten in Riddagshausen, als ich gerade Pause machte und sie auf dem Weg zu ihrer Parzelle war, die sie mir dann gleich zeigte. Riddagshausen ist toll. Einen Hasen sah ich diese Woche morgens im Klostergarten, Turnfalken, Buntspechte, Rostgänse, Schwalben, Dohlen, Gänse, Störche gehören zum Alltag, und gestern versetzte mich ein Moment um gefühlte 150 Jahre zurück: Da stand ich am Gatter zur Pferdekoppel am Teetied, als drei aufgebrachte Enten aus einer Holzhütte watschelten und sich schnatternd gegenseitig über die Fläche jagten, während ein Pferd unbeeindruckt zuguckte und ein Hahn auf den Mist kletterte und krähte. Fehlte nur noch Michel aus Lönneberga. Jedenfalls sind Ulle und Bine hier jetzt nur auf Stippvisite, denn eigentlich hatten sie ja den Stammtisch abgesagt wegen eines Familienbesuches, der aus Süddeutschland auf dem Weg nach Dänemark bei ihnen einen Zwischenstopp einlegt, und also verabschieden sie sich auch schon wieder. Ich freue mich über die Begegnung und trete mit einem Ohrwurm den Heimweg an. „Du bist nicht allein“ hab ich als 7“ von Roy Black sowie als Maxi-CD von Axel Prahl, als Soundtrack zum gleichnamigen Film, in dem er auch die Hauptrolle spielte. Ach ja, Platten: „A Handful Of Nuggs“, die neue 12“ von Primus, hab ich letzte Woche schon mitgenommen und durch den Monsun nach Hause geschleppt, den Turmgeist auf Hardy noch auf den Lippen. Ohne einen solchen verlasse ich das Riptide auch heute nicht.

www.krautnick.de
Fakebook
www.rille-elf.de

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