#19 Max Werners Hit

6. Mai 2009


In Braunschweig hat zwar inzwischen die Strandsaison begonnen, doch lädt das heutige Nieselwetter nicht gerade dazu ein, sein Frühstück draußen einzunehmen. Also setzt sich Katharina im Riptide an einen der Tische vor den großen Bildern von Régine Rius, die seit Samstag im Café ausgestellt sind. Von hier ist es auch sehr gemütlich, den Leuten draußen dabei zuzusehen, wie sie bei Wind und Regen mit ihren Schirmen kämpfen. Man selbst hat es ja warm und kuschelig beleuchtet. Katharina schnappt sich die Frühstückskarte und beginnt zu lesen.

André ist so früh am Morgen noch alleine im Café. Er geht zunächst in die Küche und hält sich bereit, Katharinas Bestellung entgegenzunehmen. Sie liest und überlegt. „Schülerfrühstück…?“, entdeckt sie. Aus der Küche hört sie ein „nur gegen Ausweis!“ und grinst: „Die Ohren funktionieren aber gut?“ André kommt ebenfalls grinsend um die Ecke. Katharina hat sich noch nicht so richtig entschieden. „Das ‚Vegane Frühstück’, oder nein, lieber dieses hier“, sie zeigt auf die Karte, „oder das hier mit einem Brötchen weniger, ich hab schon zu Hause etwas gegessen vorhin?“ André hilft: „Ich kann dir zu dem ‚Veganen Frühstück’ auch einen Kaffee statt des Extra-Brötchens machen.“ Damit ist Katharina einverstanden.

Katharina kam vorhin wenige Minuten später ins Café, als sie vorhatte. „Aber wenn ich auf dem Weg jemanden treffe, nehme ich mir auch die Zeit, mich mit ihm zu unterhalten“, sagt sie. „Für mich ist das auch ein Stück Lebensqualität.“ Kein Stress in der Freizeit. Derweil bringt André ein Glas Orangensaft mit einer Zitronenscheibe am Rand und den Kaffee, kurze Zeit später auch den Rest vom „Veganen Frühstück“: Das Brötchen im Korb, auf dem Teller eine Physalis, Gurken und Tomaten, ein Glasschälchen mit Butter und eine Packung Tartex, pflanzliche Pastete. Während Katharina ihr Frühstück genießt, erzählt sie, dass sie ihr Wochenende in Erfurt auf einer Dialyse-Fortbildung verbringen wird. „Da war ich noch nie“, sagt sie. „Und Weimar ist in der Nähe, das wäre auch noch interessant, aber das schaffe ich nicht.“ Bevor sie losfährt, will sie aber ihre Familie noch mal bekochen, „Spargel schälen und so“, obwohl die das auch alles alleine hinbekämen. „Spargel will ich nur dann essen, wenn Saison ist“, meint sie entschieden. „Oder Rhabarber und Erdbeeren, man kann zwar auch alles einfrieren, aber der Körper braucht das jetzt.“ Ihre Kinder sind inzwischen schon keine mehr. Der Jüngste ist gerade 16 geworden und will auch nicht mehr jeden Urlaub mit seinen Eltern verbringen. Katharina kann das nur unterstützen. „Ich-Kompetenz stärken“, nennt sie das. Die große Schwester hat in den letzten Jahren nach der Schule immer in der Okercabana gejobbt, „dieses Jahr will sie das aber nicht mehr.“

Mit dem Frühstück ist Katharina fertig. „Einen Kaffee hätte ich gerne noch“, bestellt sie bei André. Der bringt ihn ihr. „Kann ich hier mein Geburtstagsfrühstück auch wie ein Büffet bekommen, wenn ich mit Freundinnen herkomme?“, fragt sie ihn. „Ein Frühstücksbüffet hatten wir mal sonntags“, erzählt André. „Ich würde das aber gerne in der Woche machen“, meint Katharina. „Klar“, sagt André, „das kriegen wir hin, melde dich einfach rechtzeitig.“ Katharina muss jetzt auch los, sie ist mit ihrem Mann verabredet, sie wollen ihre Fahrräder zur Reparatur bringen. Sie dankt, grüßt und strömt in den Regen hinaus.

„Wir machen beim nächsten ‚Butler’-Gutscheinheft mit“, erzählt André. „Ins eigentliche Heft haben wir es leider nicht geschafft, das kommt auch nur alle anderthalb Jahre einmal heraus.“ Jemand vom „Butler“ will diese Woche noch kommen. „Die machen Bilder und schreiben über uns, das ist mal interessant, wie andere einen sehen, die nehmen nämlich keine vorgefertigten Texte.“ Außerdem haben André und Chris jetzt noch mehr Hilfe im Café. „Kathi und Sina, wir haben jetzt zwei“, sagt André. „Die kommen zum Wochenende, Sonntag machen sie ganz alleine.“

Mit der CD „Killer Klowns From Outer Space“ der Band Bloodsucking Zombies From Outer Space kommt Jörg an den Tresen. „Die machen so Psychobilly-Rockabilly“, erklärt er. „Ich hab im Internet von denen gelesen, aus Zeitgründen kaufe ich die jetzt blind.“ Er fragt André nach T-Shirts von Social Distortion. „In der Mitte zwischen den CDs liegt ein Katalog, hast du da schon mal geguckt?“, fragt André. Jörg schnappt sich den Katalog. „Ich gucke solange mal im Netz, was die da noch haben“, sagt André. Doch für Jörg ist nichts dabei, was er nicht schon hat. „Das Shirt mit dem Skelett und dem Cocktailglas habe ich“, sagt er. „Ansonsten kann ich dir noch Uhren anbieten“, stellt André lachend mit Blick auf den Monitor fest. „Social Distortion höre ich jetzt seit einem Jahr“, erzählt Jörg. „Der Sänger von den Elvis-Metallern Volbeat aus Dänemark hat so ein monstermäßiges Tattoo von denen, da hab ich dann mal reingehört und dann alles von denen zusammengesammelt.“ Über Mailorder zumeist. „EMP oder Ragewear, die habe ich gestern durch Zufall gefunden, die haben Creepshow, The Bones, Rockabilly, so diese Schiene, auch Peter Pan Speedrock.“ Die ja kürzlich erst im Roten Korsaren gespielt haben. „Da habe ich sie verpasst“, bedauert Jörg. „Die gehen gut nach vorne los.“ Das T-Shirt-Programm von Ragewear findet er gut, „von Hardcore bis zum totalen Getrümmer ist alles vertreten.“ Die T-Shirts, die im Riptide unter der Decke hängen, gefallen ihm aber auch. Er zeigt auf das Terrorizer-Shirt: „Das sind Mitglieder von Morbid Angel und Napalm Death, das Debüt ‚World Downfall’ ist eine wegweisende Death-Grind-Platte“, sagt er. „Die haben gesagt, dass die das in drei Tagen eingespielt haben, das hört man nicht, das ist punktgenau, ein Geblaste!“

Er selbst war auch mal in einer Band, „bei Dormant Misery, bis 1996, 1997 ungefähr.“ Dort hat er Schlagzeug gespielt, „aber das mache ich seitdem auch gar nicht mehr.“ Auch aus Zeitgründen. Hier im Laden ist er heute nur zufällig. „Ich habe um die Ecke geparkt und im Vorbeigehen durchs Fenster die Platten gesehen, ich bin heute völlig zum ersten Mal hier.“ Im Comicladen nebenan sei früher auch schon einmal ein An-und-Verkauf-Plattenladen gewesen, sagt Jörg. „Da hab ich mal kurz gearbeitet, aber ich habe den Namen vergessen.“ Gelernt hat er bei Mediamarkt, Verkäufer. „Das war von 1989 bis 1992, also zur Umbruchzeit vom Vinyl auf CD“, erzählt er. „Da hatte jede Sparte ihren eigenen Verkäufer, ich war für Metal zuständig, dann gab’s Punk, Rock, Jazz – so etwas gibt’s ja heute gar nicht mehr, da kümmert sich einer um alles.“ Er selbst ist heute Filialleiter in einem Computer-Laden in Salzgitter, deshalb habe er heutzutage so wenig Zeit, auch zum Musikhören. „Ich gehe lieber mit dem Hund in den Wald, egal, ob bei Regen oder Schnee, ohne Musik, da kommt keine Beschallung auf die Ohren“, sagt er. Und muss auch schon wieder los, hinaus in den Regen.

Chris kommt ins Riptide, grüßt und setzt sich sofort an seinen Platz am Computer. Er und André tauschen einige wichtige Informationen aus, über eingetroffene Bestellungen für Kunden. Anschließend erzählt André vom Kraftwerk-Konzert im Kraftwerk in Wolfsburg. „Ich war ja noch nie in der Autostadt“, sagt er. „Wir sind da durch diese künstliche Stadt geführt worden, über einen Steg ins alte Kraftwerk, das war ein tolles Ambiente, die haben die alten Maschinen beleuchtet und so.“ Die Band selbst stand auf einer kleinen Bühne, die Zuschauer saßen auf einer Tribüne. „Bei Kraftwerk ist ja nur noch ein Originalmitglied dabei, drei andere standen da noch herum, wahrscheinlich, damit es von der Anzahl her passt“, sagt André schelmisch grinsend. „Die Musik kam natürlich sowieso vom Band, aber egal, es war gut, und nach der Hälfte haben sie 3D-Brillen verteilt, da kamen die Buchstaben auf einen zugeflogen.“

Andreas kommt an den Tresen und legt André zwei CDs vor, „24 Hour Revenge Therapy“ von Jawbreaker und „No Division“ von Hot Water Music. „Das ist Punk, schon alt, 1994“, sagt er über Jawbreaker. „Da hast du dir eine ihrer besten herausgesucht“, findet André. Andreas hat noch einen weiteren Wunsch: „Gutscheine, verkauft ihr so was auch?“ André bestätigt das und holt einen hervor. „Ich zeig dir mal, wie das aussieht, den kannst du umgestalten, der ist ganz schlicht, ich schreibe hier den Betrag rein.“ André zeigt das. „Der- oder diejenige weiß, wo der Laden ist?“, vergewissert er sich. Andreas nickt. „Davon gehe ich aus, wenn nicht, sag ich’s.“ André reicht Andreas die CDs und den Gutschein. „Eine Tüte dazu?“ Andreas nickt erneut. „Ja, das wäre nett.“ Er nimmt dankend die Tüte entgegen und lässt sich anschließend draußen nassregnen.

Von dort kommt Rainer ins Café und liefert mit einer Sackkarre Getränkekisten aus, unter anderem Bionade und Schöfferhofer Weizen. „Hast du kein Leergut?“, fragt er André. „Doch, hab ich“, sagt der. „Versteckt, hm?“, mutmaßt Rainer. „Ich bring dir gleich den Rest“, ruft er und geht zurück in den Regen. André sagt: „Bionade Quitte gibt’s leider noch nicht im Großhandel, genau wie Schöfferhofer Weizen Kaktusfeige.“ Rainer kommt zurück. „Vorhin war es nur Niesel, aber jetzt regnet es richtig“, stellt er fest. „Das wird bald aufhören, ich hab Vertrauen in die Wettervorhersage.“ André unterschreibt den Lieferschein. „Dabei habe ich gar nichts gegen Regen“, sagt Rainer, „von abends 22 Uhr bis morgens um fünf!“ Er lacht, schnappt sich Klemmbrett und Sackkarre und geht wieder zurück in den Mairegen.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

2 Reaktionen

  1. Astrakan
    6. Juni 2009 · 16:01 Uhr

    Glückwunsch zur Aufnahme in die Hall-Of-Fame „Deutschlands beste Plattenläden“ im Rolling Stone!!!

  2. chris
    6. Juni 2009 · 18:13 Uhr

    Vielen Dank!
    Wir fühlen uns in jeder Hinsicht geehrt!

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