#50 50 Wörter für fünfzig

13. Dezember 2011


Dienstag, 13. Dezember

Der Dezember holt den November nach: Der Wind bläst durch die Stadt, gelegentlich golfballgroße Wassertropfen mitschickend. Für Laub als Mitbringsel ist der Sturm zu spät. Genau das passende Herbstwetter für einen Vormittag im Café Riptide, müsste man sich dafür nicht vors Haus und damit ins Wetter wagen. Aber Wetter ist ja nie ein Argument. Mit Blick auf die Frühe des Tages und meinen Gesichtsausdruck kredenzt mir André einen Stufe-drei-Kaffee mit einem Schuss Espresso darin. „Falls es zu sehr nach vorne geht“, ergänzt er und stellt mir ein Glas Wasser dazu. Doch der befürchtete Effekt bleibt aus, ich werde nicht hyperaktiv, aber auch nicht signifikant wacher. Prima, dann kann ich mich voll auf den Geschmack des Getränks konzentrieren, und der ist gut.

„Ihr habt ein neues Baguette?“, fragt Tanja von dem Geschäft Piou gegenüber. André nickt: „Ein Fladenbrot mit Feta, eingelegten Tomaten und Rucola.“ Tanja bestellt eins, André macht sich sofort auf den Weg in die Küche und dort an die Zubereitung. Er fischt die eingelegten Tomaten aus dem Gefäß und zerkleinert sie mit einem Messer.

Weil im Dezember allenthalben Jahresrückblicke anstehen, frage ich die im Riptide Anwesenden nach ihrem persönlichen Besonderen des Jahres 2011. Also:

Tanja: Ich habe Pulp gesehen in Oslo – das war mir sehr wichtig, weil die ein Comeback gemacht und hier nur auf dem Melt-Festival gespielt haben, da fand ich das Line-Up nicht gut, deswegen bin ich extra nach Olso gefahren. Von meinem Sohn der Vater lebt in Oslo. Das war für meinen Sohn ein Highlight, weil er seinen Vater gesehen hat, und für mich, weil ich Pulp gesehen habe.

Tanja kehrt zurück in ihren Laden, André folgt ihr nach kurzer Zeit mit dem bestellten Fladenbrot. „Wir haben die Karte ein bisschen überarbeitet“, berichtet er, nachdem er von gegenüber zurückgekehrt ist. „Neuen Burger, neues Fladenbrot“, fährt er fort. „Und ein paar Preise angepasst – was auch heißt: senken.“ Dann schwärmt er von der Debüt-LP des Schauspielers Axel Prahl: „Der hat Musik studiert und eine Platte rausgebracht mit dem Filmorchester Babelsberg.“ André holt die LP „Blick aufs Mehr“ von der Neuheiten-Zeile, wo sie direkt neben „50 Words For Snow“ steht, dem neuen Album von Kate Bush, und drückt sie mir in die Hand. Lied zwei heißt „Reise, Reise“ – ich gucke, ob es eine Cover-LP ist, weil so schließlich auch ein Rammstein-Stück heißt, und stelle mit Erleichterung fest, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil, die meisten Stücke sind von Prahl – und seinem Kooperationspartner Danny Dziuk. Da haben sich ja zwei gefunden. Den ehemaligen Stoppok-Mitmusiker Dziuk habe ich bei der Show „Lemmy und die Schmöker“ im Antiquariat Buch und Kunst lieben gelernt. Da hat er die Lieder aus seinen eigenen CD-Booklets abgesungen, weil er die Texte nicht konnte. Das wirkt bei den meisten unprofessionell, aber bei ihm erstaunlicherweise nicht; stattdessen haben wir mit ihm gelacht. Über seine Texte sowieso. Auch über das Lied, das er später anlässlich des Nichtraucherschutzgesetzes auf seine Myspace-Seite geladen hat: „Nichtraucher sind Steuerhinterzieher“. Dziuk und Prahl also. Es ist doch immer wieder schön, wenn Leute schon meinen, neben ihrer eigentlichen Profession aktiv werden zu müssen, und sich dann wenigstens verlässliche Partner suchen. Es hätte so schlimm werden können: Deutscher Schauspieler bringt LP heraus. Für die Single zum gleichnamigen Film „Du bist nicht allein“ arbeitete Prahl bereits mit Jakob Ilja von Element Of Crime zusammen, das war auch schon passend. Und das Stück ist als Bonus auf der LP enthalten, wie ich sehe; die CD hat ein anderes, jedoch verstecktes Bonus-Stück. Mir egal, ich hab die Prahl-Single ohnehin zu Hause. Das Original auch, das ist von Roy Black, entstammt dem Vermächtnis meines Vaters und gibt leider einen schonungslosen Blick auf meine musikalische Sozialisation frei. „À propos Roy Black“, sagt André. „Von dem haben sie jetzt alte Aufnahmen erstmals auf Vinyl veröffentlicht.“ Stimmt, „The Last Rock’n’Roll Show“ von Roy Black And The Cannons. André nickt: „Sowas wollte er lieber machen, wurde aber in die Ecke gedrängt.“

Ganz still an dem Tisch in der Ecke sitzt Aileen auf der Sitzbank und konzentriert sich auf das, was vor ihr liegt: Sie hat Schreibhefte, Bücher, einen Teller mit einer angebissenen Käsebrötchenhälfte und eine leere Tasse vor sich ausgebreitet. „Ich lerne Erdkunde, ich schreibe eine Klausur“, erklärt die Schülerin. Da hat sie sich einen schönen Ort für ausgesucht. Meint sie auch, um sich blickend: „Ich finde das entspannend.“ Sie legt den Stift auf ihren Block.

Aileen: Ich war dieses Jahr beim Hurricane, das war mein erstes Mal. Es war wilder, als ich es mir vorgestellt habe. Ungeordnet, dadurch, dass so viele Menschen da waren. Aber es war gut. So viele verschiedene Menschen zusammen, verschiedene Künstler – ich mag die Vielfältigkeit und die unterschiedlichen Leute, die zusammenkommen. Chase & Status wollte ich sehen, die machen Drum and Bass.

Sie nimmt den Stift wieder auf und konzentriert sich auf ihre Unterrichtsunterlagen. Derweil hat ein Zusteller Post gebracht. Obenauf erkenne ich das Logo von Cargo Records, die zurzeit online den Plattenladen-Award 2011 ausrufen. Jeder kann online seinen Lieblingsplattenladen wählen. Seit ich das letzte Mal auf die Seite geguckt habe, ist das Café Riptide dort von Platz 20 auf Platz sechs hochgeklettert. „Das ist schön“, freut sich André.

André: Es gibt immer so viele schöne Sachen. Schön war zum Beispiel für uns als kleinen Plattenladen, als wir Eddie Argos von Art Brut oder Fatih Akin hier begrüßen durften. Keine Ahnung, wie die das gefunden haben, die müssen sich im Internet informiert haben. Ein sehr schöner Tag war auch unsere Vier-Jahres-Feier; einmal, weil wir sehen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass das Riptide in den vier Jahren so gewachsen ist und sich etabliert hat.

Eddie Argos und Fatih Akin im Café Riptide? André grinst: „Aktuell Michaela Schaffrath, aber die war noch nicht hier, die ist nur durchgegangen.“ Sie tritt zurzeit in der Komödie am Altstadtmarkt auf. Von dort aus haben schon einige TV-Größen das Riptide zum Kaffeetrinken besucht.

„Ich habe gelesen, dass Ihr diese 12-mal-12-Heftchen habt, da hätte ich gerne eins oder zwei von“, sagt Andreas zu André. Der staunt und dreht sich zum Lager um: „Die haben wir gestern erst bekommen, wie viele möchtest du?“ André fingert eines aus den Gummibändern hervor. „Zwei wären gut“, sagt Andreas zurückhaltend. Er bekommt natürlich zwei.

Andreas: Scott Walker in rauen Mengen. Das ist mehr geworden in diesem Jahr. Ich hab noch mehr Schallplatten, da kann man nicht meckern – ich bin ein Nerd.

Er grinst dabei und steckt seine Heftchen ein. Im Riptide sei Andreas bislang nur selten gewesen, sagt er zum Abschied. Im Gehen bleibt sein Blick an der Second-Hand-Kiste mit dem Nichts-Album hängen: „Ich bleibe noch ein bisschen.“ André hat auch mir einer der 12-mal-12-Heftchen gegeben. Davon habe ich noch nie gehört. „Ist so eine Nachbarschaftsaktion, da haben gestern sehr viele nach gefragt, bevor wir davon wussten“, sagt André. Uns beiden ist schleierhaft, wo man davon gelesen haben mag. „Auf Facebook“, sagt Andreas, der sich inzwischen zu den CD-Neuheiten vorgearbeitet hat. Für solche Informationen lohnt es sich offenbar doch, sich einen Facebook-Account zuzulegen. Andererseits habe ich ja nun auch ohne davon gehört. Das Heft ist toll: Autoren, Künstler und Slammer aus der Gegend haben Kleinigkeiten dazu beigetragen. Ein Drittel davon war bereits im Riptide aktiv, viele kennt man von Poetry Slams. Schon beim Durchblättern wird deutlich, was für ein Schatz das geworden ist. Wer an dem Spaß teilhaben will, muss schnell sein: Es gibt nur 750 Exemplare. Doch die Aufschrift „Dezember 2011“ lässt vermuten, dass immerhin Fortsetzungen geplant sind.

Während ich in dem Heftchen schmökere, bringt André leere Getränkekisten weg, stellt den gefüllten Wassernapf für Hunde vor die Tür, nimmt UPS-Pakete entgegen, sortiert CDs und öffnet sich eine Flasche Paulaner Spezi. „Eigentlich bin ich kein Limonadentrinker“, sagt er. Und dann fällt ihm noch etwas ein, das ihm in diesem Jahr wichtig war: „Wir haben das Riptide auf mehrere Standbeine gestellt, unter anderem den Mailorder, doch ist der auf der Strecke geblieben – den haben wir reaktiviert und aktuelle Platten reingenommen.“

Mit gezückter Geldbörse tritt Martina an den Tresen. „Ich hätte gern einen Gutschein“, sagt sie zu André. Der fragt nach dem Wert und stellt den Gutschein entsprechend aus. „So?“, fragt er sie und zeigt ihr das länglich gefaltete Papier mit der schnörkeligen Schrift. Sieht anders aus als früher. Martina nickt zufrieden. Auch ihr stelle ich die Frage nach der persönlichen Besonderheit des Jahres. „Oh, das ist schwierig, mir fällt nur Negatives ein“, sagt sie überraschend. „Ich bestelle mir einen vegetarischen Burger und denke darüber nach.“ Kaum sitzt sie an dem Tisch neben der Theke, steht sie schon wieder auf.

Martina: Mein Umzug – von einer kalten, großen Altbauwohnung in eine große beheizte Wohnung mit Kamin. Ich habe früher direkt am Prinzenpark gewohnt, das war schon gut. Jetzt wohne ich in der Helmstedter Straße.

Das ist ja beides nicht so weit voneinander entfernt, und außerdem ist der Weg in die KaufBar dann umso kürzer. „Ja, die ist prima“, sagt Martina. „Und auch gleich bei mir um die Ecke.“

Im Neuheiten-Fach entdecke ich die neue Doppel-CD von The Cure, „Bestival Live 2011“. Das passt doch zum Silver Club am vergangenen Samstagabend, zur New Wave Independent Kulturnacht im Fire-Abend, das wir extra dafür reaktiviert haben. Abgesehen vom Organisieren, Auf- und Abbauen war mein Auftrag an dem Abend der des Türstehers. Zum zweiten Mal, bei der Braunschweig Indiesound Kulturnacht im April 2010 in der Wichmannhalle habe ich das schon einmal gemacht. Ich, Türsteher; ohne eine türstehererprobte Vorhut hätte ich mich darauf allerdings nicht eingelassen. So war ich dann eher der Begrüßer und Richtungsweiser. Ein Gast fragte, warum wir überhaupt Türsteher brauchen, und hatte Recht: Wir hatten mehr als 500 Gäste und keinerlei Probleme. André begrüßte ich unter den Gästen ebenfalls. Und Claudi Soundschwester, die sich zu mir in die Kälte stellte. Über einen Außenlautsprecher hörten wir, was auf der Bühne an Abenteuerlichem vor sich ging, und stellten fest, dass wir vermutlich etwas Tolles verpassten. Zumindest die Bilder dazu. Zum Beispiel verpassten wir Müllers Premiere als Moderator, abgesehen von den Gelegenheiten während seiner eigenen Konzerte. Die nächste Gelegenheit dieser Art bietet sich am Freitag, dem 13. Januar, im Riptide: Dann stellt er mit der Platemeiercombo deren neues Album „Von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“ vor. Zum Ausgleich dafür, dass uns das Bühnengeschehen optisch verborgen blieb, schien der Vollmond über dem Fire-Abend, dem alten Industriegebäude, das wir in rot und orange angeleuchtet hatten. Ein wunderschöner Anblick – mit der Aussicht auf eine alles toppende Mondfinsternis, wie ich feststellte. „Die war schon“, musste Claudi mich enttäuschen. Wie schade, dass ich sie verpasst habe. „Macht nix“, meinte Claudi, „vielleicht wiederholen sie sie ja.“

Sabine und Richard sitzen an dem Tisch, an dem bis vor kurzem noch Aileen gebüffelt hat. Sie finden die Frage nach der persönlichen Besonderheit des Jahres nicht ganz so einfach zu beantworten.

Sabine: Ich hatte einige besondere Begegnungen – aber die hat man ja öfter.

Richard fände die Frage nach der besten Platte einfacher zu beantworten, und das am liebsten auch ganz unabhängig vom Jahr 2011.

Richard: Wenn ich zurückdenke, würde ich „Sergeant Pepper“ sagen. Das hat keinen Bezug zur aktuellen Weltlage. Ich mag daran die Kreativität – im damaligen Umfeld war das ein ziemliches Novum, an die Zeit und die Situation gebunden.

Bei André begleiche ich meine Rechnungen. Bevor ich gehen kann, erinnert er mich an die Silvester-Party, die das Riptide mit dem Merz veranstaltet. Ich habe schon von vielen gehört, die davon schwärmen, doch keine Chance: Ich feiere schon seit Jahren mit Onkel Fritz.

Fünfzig
Caoga (Irisch)
Chamsīn (Arabisch)
Cincizeci (Rumänisch)
Cincuenta (Spanisch)
Cinquanta (Italienisch)
Cinquante (Französisch)
Cinqüenta (Portugiesisch)
əlli (Aserbaidschanisch)
Elli (Türkisch)
Femti (Norwegisch)
Femtio (Schwedisch)
Fifty (Englisch)
Fimmtíu (Isländisch)
Föfftig (Plattdeutsch)
Fuffzich
Füfzg (Schweizerdeutsch)
Gojū (Japanisch)
Halvtreds (Dänisch)
Hálvtrýss (Färöisch)
Ħamsin (Maltesisch)
Hamsini (Suaheli)
Hanter-kant (Bretonisch)
Kvindek (Esperanto)
L
Lima puluh (Malaysisch)
Limapuluh (Indonesisch)
Luldeg (Volapük)
năm mươi (Vietnamesisch)
Ötven (Ungarisch)
Padesát (Tschechisch)
Päťdesiat (Slowakisch)
Pedeset (Kroatisch)
Penkiasdešimt (Litauisch)
Pesëdhjetë (Albanisch)
Petdeset (Slowenisch)
Piecdesmit (Lettisch)
Pięćdziesiąt (Polnisch)
Pum deg (Walisisch)
Quinquaginta (Latein)
Tschuncanta (Rätoromanisch)
Viisikymmentä (Finnisch)
Viiskümmend (Estnisch)
Vijftig (Niederländisch)
Vyftig (Afrikaans)
Πενήντα (Griechisch)
Педесет (Mazedonisch, Serbisch)
П‘ятдесят (Ukrainisch)
Пятьдесят (Russisch)
Пяцьдзесят (Weißrussisch)


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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