#52 Drehbuch für die Träne eines Narren

20. Februar 2012


Montag, 20. Februar

Die Sonne scheint! Ein Glück für alle Rheinländer, die am heutigen Rosenmontag nicht eben winterfest gekleidet herumlaufen wollen. Obwohl, so richtig warm ist es trotzdem nicht, sieht aber besser aus als gestern, als die Braunschweiger ihren Karnevalsumzug hatten und es zwischendurch sogar einen kurzen Schneesturm gab. Viel ist heute vom Karnevalsumzug nicht mehr zu sehen, lediglich Ballons an Fußgängerüberwegschildern und einige Konfettischnipsel auf dem Gehweg erinnern an Braunschweigs große Narretei. Die Konfettischnipsel könnten glatt liegen bleiben, das lockert Braunschweigs graue Wege etwas auf. In Wolfsburg haben mal irgendwelche Leute fehlende Gehwegplatten durch Lego-Platten ersetzt. Auch das sah gut aus, aber die Stadt durfte den Humor, den sie hat, nicht zeigen, und tauschte die wertvollen Lego- gegen stinknormale handelsübliche Gehwegplatten aus. Ja, auch in Wolfsburg gibt es Streetart.

Ein Montagmorgen im Riptide ist ein Montagmorgen, unabhängig davon, ob es ein Rosenmontagmorgen ist oder nicht. Im Handelsweg ist das Riptide so früh am Tag einer der wenigen geöffneten Läden; bei Piou und Serge sind noch die Lichter aus. Chris und Sina wuseln im Café herum. Chris sieht schon wieder nach weggehen aus. Er steckt Müll in eine Plastiktüte und studiert dann einen Zettel, wohl die Einkaufsliste. Weder Chris und Sina noch die Gäste haben Pappnasen auf, von Rosenmontag keine Spur. Das war gestern noch ganz anders, erzählt Sina: „Da waren Familien mit Kindern da, die haben Tische reserviert und ihre Kinder geschminkt, Punkte ins Gesicht, Clownsgesichter – das war niedlich.“ Ansonsten geht es ihr wie mir: Karneval und Fasching können gut und gerne vorbeiziehen. Das haben die Feiernden gestern auch gemacht, sagt Sina: „Die sind hier durchgezogen.“ Also durch den Handelsweg, nicht durchs Riptide. „Nein, richtig Betrunkene hatten wir nicht.“

Der Braunschweiger Karneval ist eine seltsame Angelegenheit. Eine Freundin aus dem Rheinland meinte das am Samstag noch: „Man merkt gar nicht, dass morgen der Umzug ist, der kommt aus dem Nichts.“ Sina stimmt zu: „Stimmt, das empfinde ich auch so, plötzlich sind überall bunte Menschen.“ In Sachen Karneval nimmt man bis auf ein paar Plakate und Zeitungsberichte nichts wahr von dem Spektakel, das es wohl für ein paar Stunden ist. Als ich noch in der Gutenbergstraße gewohnt habe – das gehört zum Braunschweigerwerden dazu, einmal im westlichen Ringgebiet zu wohnen –, kamen meine Freundin und ich mal auf einem unbedarften Sonntag auf die Idee, uns doch Kaffeetrinkend irgendwo hinzusetzen, vornehmlich ins Giallo-Rosso auf dem Kohlmarkt. Auf dem Weg dorthin kamen uns die absonderlichsten Gestalten entgegengetorkelt. Die wenigsten von ihnen waren verkleidet, aber da man bisweilen den Unterschied zwischen aktueller Mode und Karnevalskostüm nicht mehr erkennt, wären uns die tatsächlich Verkleideten wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Jedenfalls gab es für uns Indiz für die Erklärung des absonderlichen Gebarens. Die Gestalten verhielten sich seltsam, zusätzlich zum Torkeln bereits am Nachmittag. Viele blieben unvermittelt stehen und ließen ebenso unvermittelt Körperflüssigkeiten ab. Wer überhaupt noch zu verbaler Kommunikation fähig war, nutze die zum Grölen. Je näher wir der Innenstadt kamen, desto schräger wurden und liefen die Gestalten. Und irgendwann dämmerte es uns, uns, die wir das Datum von Rosenmontag nie bewusst vor Augen haben: Es war der Sonntag genau davor, Braunschweiger Karnevalsumzug! Der war wohl gerade vorbei. Wir kamen einigermaßen unbeschadet im Giallo-Rosso an und hatten dann noch einen karnevalistisch unbehelligten Tag. Heute wohnen wir direkt in der Innenstadt und bekommen vom Umzug überraschenderweise absolut gar nichts mit.

Ebenso wenig wie jetzt davon, dass heute Rosenmontag ist. Ist es im Riptide ja auch nicht: „Montag ist Alles-erledigen-Tag“, sagt Chris. „Ich werde jetzt die Reste zusammensuchen, bevor es auf die große Einkaufsreise geht.“ Die ist jetzt einfacher, da Chris und André einen alten VW-Bus besitzen. „Dafür ist der Bus da“, bestätigt Chris. Für Einkäufe und Müllwegbringen: „Diese schöne Aufgabe mache ich jetzt mal“, sagt Chris und verschwindet.

Meine bestellte CD ist noch nicht da, mal wieder ein Frankreich-Import: Das neue Album von Air, „Le voyage dans la lune“, der neu komponierte Soundtrack zum gleichnamigen Science-Fiction-Filmklassiker, der in der Version des Albums, die ich bestellt habe, als Bonus-DVD beiliegt. Dafür wurde ich kürzlich bei Raute mal wieder fündig, Uwe und Katrin haben eine neue Ladung Indie-Vinyl bekommen. Für mich war zum Beispiel die „Swine Flu“-Maxi von Tumor Circus dabei. Eigentlich brauche ich die nicht, weil auf der CD von Tumor Circus die Tracks sämtlicher Vinyls enthalten sind, aber es ist einfach schön, die 12“ zu haben. Außerdem ist genau diese CD für mich mittlerweile ein Mahnmal für die Vergänglichkeit geworden: Sie ist transparent, man kann durch die Rückseite die Schrift auf der Vorderseite lesen. Das haben die alten Alternative-Tentacles-CDs leider so an sich. Sie spielen noch, aber ich sollte mir wohl beizeiten die Vinylversionen der Alben zulegen, wenn ich sie noch eine Weile hören möchte. Tumor Circus sind toll, Jello Biafra mit Steel Pole Bath Tub, die es leider nicht mehr gibt. Und zwar länger, als Wikipedia behauptet: Nicht erst 2002, sondern 1996 haben sie sich aufgelöst. Weil sie mit dem Musikbusiness nicht zurechtkamen. Das steht zumindest im Booklet der letzten CD „Unlistenable“, die wohl der Grund für den falschen Wikipediaeintrag ist: Die CD kam 2002 heraus, enthält aber lediglich die letzten Aufnahmen der Band, bevor sie sich 1996 getrennt hat. Uwe und Katrin haben jedenfalls noch die schöne Geschichte erzählt, wie sich ein Kunde bei ihnen eine LP gekauft hat. Sicher, das ist noch nicht so aufregend, besonders für einen Laden, der ausschließlich Platten verkauft. Eine Weile später jedoch kam einer von den Nexus-Leuten in den Laden und sagte, er habe am Geldautomaten einer Bank eine Tüte mit einer LP gefunden, die ganz nach Raute aussähe, und brachte sie zurück. Siehe da: Es war die LP des Kunden. So schön ehrlich kann Braunschweig sein, wenn man sich in den richtigen Kreisen bewegt. Der Nexus-Mann hatte das Album ohnehin bereits selbst zu Hause, hat er gesagt, aber wohl mit dem Augenzwinkern, das sicherstellt, dass er die Platte auch in jedem anderen Fall zurückgebracht hätte.

Während Chris im Keller das Leergut sortiert, erzählt Sina, dass es gestern im Riptide voll war: „Es waren ganz viele Menschen da, die Crêpes essen wollten.“ Crêpes sind ja auch eine Art verkleideter Teig. Sina nickt: „Im Nutella-Mantel und so.“ Sie hantiert an der Kaffeemaschine herum. „Winter ist Crêpe-Hochsaison“, stellt sie fest. Ach ja, der Winter – das war bereits der dritte in Folge, den man wirklich als Winter bezeichnen konnte. Herrlich. Immerhin dreimal habe ich es geschafft, meine Füße auf zugefrorene Gewässer zu stellen, einmal in Braunschweig und zweimal in Wolfsburg. In Braunschweig war es im Bürgerpark, auf dem kleinen Teich beim Portikus, der für meine Freundin immer in ihre freundliche Kategorie „kaiserlichen Scheiß“ fällt. Sina erzählt, dass sie in Berlin auf einem zugefrorenen See war, dem Schlachtensee in der Nähe des Grunewaldes. „Das war echt schön“, schwärmt sie und erzählt von ganzen Familien, die dort unterwegs waren und sogar auf dem Eis gegrillt haben. Auch sie war mit Familie da. Und mit Schlittschuhen: „Ich bin lange keine Schlittschuhe mehr gelaufen, aber es hat gut geklappt, ohne Schoner und Helm, ich bin keinmal hingefallen und einmal sogar rückwärts gelaufen, demonstrativ.“ Schlittschuh bin ich ewig nicht gelaufen, und als ich’s noch gelaufen bin, hat es mir keinen Spaß gemacht, immer nur im Kreis. Lieber habe ich den Leuten beim Herumalbern zugeguckt. Oder beim Grillen, das klingt schön. „Kinder sind hingefallen“, erzählt Sina. „Aber das macht denen nichts, die sind immer dick gepolstert angezogen.“

Sina stellt sich zu Sina hinter den Tresen. Noch eine! „Sie ist meine beste Freundin“, sagt die erste Sina. Sei unterhalten sich über Wulffs Rück- und Gaucks Antritt als Bundespräsident. Die andere Sina dreht sich wie die erste Sina ihre Zigaretten selbst. Sie verschwindet mit einer Tasse Kaffee in der Rip-Lounge, nachdem sie auf der Liste an der Kasse an der entsprechenden Stelle einen Strich gemacht hat. Sina zwei macht seit ein paar Monaten im Riptide sauber, sagt Sina eins. Das wird dann aber kompliziert mit zwei Sinas, oder? Sina verneint: „Wenn ihr Vater ruft, höre ich den Unterschied, wen er meint.“

Während Sina sich ihre Pause gönnt, bedient Sina die Gäste im Riptide und der Lounge. Auf der Theke hat es Zuwachs gegeben: Mehr Quartette, eine Flasche Torani-Sirup mit dem gezackt ausgeschnittenen Hinweis, dass der käuflich zu erwerben sei, „Die Krönung für Eure Heiß- und Kaltgetränke“, neue DVDs, unter anderem die Live-DVD von Radiohead und der Film „All You Need Is Klaus“, der bei der Sound-On-Screen-Reihe lief, und die Dreifach-Box von Trent Reznor und Atticus Ross mit dem Soundtrack zum Film „The Girl With The Dragon Tattoo“, der hierzulande den folgerichtigen Titel „Verblendung“ trägt. Was soll’s, ist beides nicht die korrekte Übersetzung von „Män som hatar kvinnor“. Die Dreifach-Kassette der 150. Drei-Fragezeichen-Folge „Geisterbucht“ steht neben dem Kästchen mit Stempelkarten für Heißgetränke. Sina kehrt mit der leeren Tasse aus der Lounge zurück und gesellt sich zu Sina in die Küche. Eine Reihe bunter, wenngleich unverkleideter Kinder zieht krakeelend durch den Handelsweg. Chris kommt aus dem Keller. „Ich hab den Müll sortiert“, sagt er, „Leergut und so.“ Er bereitet sich jetzt auf seine Tour vor: „Durch das Braunschweiger Land“, wie er sagt. Damit liegt er wahrscheinlich ganz richtig, bei der langen Zu-erledigen-Liste. Zum Abschied gibt er Sina in der Küche noch ein paar hilfreiche Tipps für den anstehenden Mittagsansturm, dann fällt ihm ein: „Ach, das muss ich ja…“ und er geht zurück an den PC, um von dort eine lange Liste zu holen, die er intensiv betrachtet und zusammenfaltet. Dann erinnert er mich an die nächste Ausgabe von Sound On Screen mit dem Film „The Runaways“ über die erste Band von Joan Jett am Donnerstag im Universum. Davon weiß ich bereits, weil Claudi Soundschwester kürzlich dafür bei ihrer Veranstaltung „Salon d’amour“ in der KaufBar Werbung gemacht. Da hatte sie das junge Simon-&-Garfunkel-Duo Deerwood und Slammer Sven Kamin zu Gast. „Sie macht das After-Film-Programm“, sagt Chris. Zu erwarten gibt’s dann wahrscheinlich Musik von Bands wie Bikini Kill oder Sleater-Kinney. Chris ergänzt: „Und Team Dresch und Kaia solo.“ Chris erzählt, dass er die Bands im politischen Hardcore-Umfeld kennen gelernt hat. Bei mir war es die Musik an sich, über die ich die Bands kennen lernte, weil ich nie einer Szene zugehörte. Chris verabschiedet sich und ich gucke, ob sie die Wild-Flag-LP im Fach haben. Haben sie.

À propos Slam, der war ja wieder am Freitag im LOT-Theater, und sehr gut war er auch. Moderator Dominik hatte eine Schlagfertigkeit am Leibe, die kein einstudierter Comedian hinbekommt. Souverän zeigte sich Slammer Blau Broode, der, als er gerade so richtig in Fahrt war mit seinem „Aufruf an drei verlorengegangene Freunde“, plötzlich ein Blackout hatte und seinen Text nicht mehr wusste. Er half sich zunächst mit einem wahrhaftig flachen „Das Leben ist wie…“-Witz weiter. Der war so flach, dass er nicht mal haften blieb. Der zweite dafür umso mehr: „Das Leben ist wie Achterbahnfahren, hinterher muss man kotzen.“ Mit dem dritten hatte er das Publikum wieder bei sich: „Das Leben ist wie ein Fahrstuhl, man kann’s in Brandfall nicht benutzen.“ Und wiederum à propos Witze, in der Ausgabe des englischen Q Magazine mit der „Achtung Baby“-Tribute-CD war ein Witz abgedruckt, dessen französische Pointe nur auf Englisch funktioniert: Mit welchem Käse lockt man Meister Petz aus seiner Höhle? Camembert.

Sina bringt ein Tablett mit Burgern aus der Küche an einen Tisch, die andere Sina wickelt sich zwei, drei Schals um ihren Hals. „Ich gehe in die Sonne“, sagt sie. So warm sei es dort ja noch nicht. Zu Hause warte ihr Kind: „Dann gehen wir wohl noch auf den Spielplatz.“ Mit Putzen sei sie für dieses Mal fertig. Die Idee, in der Sonne herumzuspazieren, gefällt mir, und ich schließe mich ihr an. Wie passend, dass der Braunschweiger Karnevalsumzug nicht am Rosenmontag war: Heute Abend spielt die Eintracht, das wäre für viele ein massiver Interessenkonflikt gewesen. Damit steht mein Abendprogramm fest, irgendwo werden sie das Spiel schon zeigen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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