#66 El Gondor Pasa

19. April 2013


Freitag, 19. April

Man muss sich morgens beim Blick aus dem Fenster mehrmals davon überzeugen, dass die umliegenden Dächer nicht weiß sind und dass die Leute draußen ohne Schals und Mützen herumlaufen. Man erwartet es beinahe, so sehr ist man daran gewöhnt. Und jetzt, mit einiger Verspätung, schicken sich auch im Handelsweg die krumpeligen Pflanzengerippe an, ihr Grün herauszutreiben. Die Sonne ist leicht bilitisartig verschleiert, aber das macht nichts, immerhin scheint sie, dringt sie zu uns durch. Der Wind, der durch die Gassen drückt, lässt einen noch etwas frösteln, aber das blendet man aus, schließlich ist es hell und doch irgendwie fast richtig warm. Inzwischen hat man mindestens sein zweites Waffeleis des Jahres gegessen und auch ein erstes gezapftes Draußenbier getrunken. Der Duft von gezapftem Bier aus einem offenen Krug, in die Nase geweht von mildem Wind, das hat etwas Erfrischendes. Der Duft von Milchkaffee, vom Wind im Handelsweg in die Nase geweht, steht dem in nichts nach. Meinen Milchkaffee holte ich mir im Riptide, ebenso einen veganen „Snap“-Schokoriegel, und setzte mich damit zu Serge nebenan. Serge hat eine Zeitung auf seinem kleinen Beistelltisch ausgeknittert, sitzt auf seinem Stuhl und raucht. Einige gebrauchte CDs liegen außen an seinem Ladenfenster. Gegenüber bei Piou ist die Tür offen, Jenny hat einige Kleiderfiguren draußen stehen, sitzt selbst auf einer der Biergarnituren vor dem Riptide und arbeitet dort in der Sonne an ihrem aufgeklappten Laptop. André bringt ihr einen Bagel an den Arbeitsplatz. Sie ist natürlich nicht die einzige, die draußen sitzt, viele genießen, dass der Winter offenbar allmählich verlässlich und endgültig davonschmolz.

Morgen ist Record Store Day, heute normaler Veröffentlichungstag, für Chris und André stapelt sich ein Berg an Arbeit in Kartons verpackt vor der Theke. Ich hoffe darauf, dass das für heute angekündigte neue Album von !!! darunter ist. Es trägt den Namen „Thr!!!er“, was ich gut finde, besonders mit der Bemerkung von Seiten der Band, die LP solle für !!! denselben Stellenwert haben wir „Thriller“ für Michael Jackson. Große Worte einer großartigen, aber kleine Band. Den Jackson-Klassiker sah ich gestern noch bei Katrin und Uwe im Laden, im neuerdings erweiterten Raute Records, in einer der unzählbar vielen Kisten mit attraktivem Inhalt. Mitgenommen habe ich letztlich „Smashed Hits“ von Red Lorry Yellow Lorry und „Meine Hölle“ von Halle 54, der Band, in der Meier von Müller & die Platemeiercombo einst spielte, und das Album, das Plate von Müller & die Platemeiercombo damals produzierte. Uwe erzählte uns Kunden von einer besonderen LP aus Braunschweig, mit dem Glockengeläut vom Dom, die so begehrt ist, dass manche Kunden sie gleich mehrmals kaufen, und einer hatte Uwe dann mal verraten, warum überhaupt: „Da ist nicht nur Glockengeläut drauf, da kann man zwischendurch jemanden die Orgel spielen hören“, berichtete Uwe. Nur, der Organist spiele nicht etwa Kirchenlieder: „Der spielt ‚In-A-Gadda-Da-Vida‘ von Iron Butterfly.“ Wie bei den Simpsons. Da hat Matt Groening die Idee also her. Auf dem Weg zu Raute, als wir gerade aus dem Riptide kamen, sprachen Maren, Arni und ich über die Idee eines meiner Kollegen, die Sprache „Elbisch“ sei, weil Dresden nun mal an der Elbe liegt, in Wahrheit Sächsisch, und dass er sich dann vorstellte, „Arwen“ würde „Erwin“ ausgesprochen. Wir versuchten uns sofort an der Elbischen Aussprache von „Frödö“, „Gändälf“, „Mördör“ – die Reihe endete in einem Lachanfall, als Arni bei „El Gondor Pasa“ ankam.

Eigentlich muss, oder besser: will, Serge heute arbeiten. Ferdinand kommt mit eingerollten Blättern aus dem Haus. „Eine halbe Stunde“ Zeit erbittet sich Serge bei ihm, Ferdinand ist einverstanden. Serge und ich sitzen also weiter vor seinem Geschäft, entspannt, aber wie immer in tiefe Gespräche, nun, vertieft. Es ist tatsächlich erstaunlich entspannend, mit jemandem an sich unentspannte, weil tiefgehende, komplexe, anregende Gespräche zu führen. Als wir da so entspannt sitzen, schlendert Chris mit einer Tüte in der Hand an uns vorbei in Richtung Café und grüßt uns freundlich nickend mit Nachnamen. Wir grüßen den Herrn ebenso freundlich nickend zurück. Serge entlässt ab und zu Rauch in den Wind, ich nippe an meinem Milchkaffee. Als ich mir den bestellte, beriet André gerade Katja, die ihn mit einem aufgeschlagenen Kladdebuch in der Hand nach bestimmten Alben fragte. André gab ihr die erwünschte Auskunft und im Idealfalle auch gleich die erwünschte CD. „Und wo kann ich da reinhören?“, fragte sie. „Am Fenster“, antwortete André von hinter dem Tresen aus, ging um den Tresen herum auf die am Fenster aufgebauten Platten- und CD-Spieler zu und ergänzte: „Wie zu Hause.“ Katja und ich lachten. „Stimmt“, sagte Katja, „es sieht aus wie zu Hause.“ Sie drückte sich die Kopfhörer auf die Ohren und versank für eine Weile in der Musik, die sie ausgewählt hatte. Während André meine Bestellung zubereitete, stellte sich Katja neben mich, mit einer CD von Giant Sand in der Hand, „Howe Gelb, die nehme ich“, sagte sie. „Den mag ich, auch die alten Sachen, aber ich habe ihn noch nie live gesehen.“ Live solle er viel erzählen, habe sie gehört. André suchte die dazugehörige CD-Hülle heraus und fragte: „Und die Nick Cave nicht?“ Katja schüttelte den Kopf: „Der ist zu düster für einen 50. Geburtstag.“ Aber es wäre immerhin unter Gleichaltrigen. Wieder schüttelte sie den Kopf: „Nick Cave geht schon auf die 60 zu.“ Aber eigentlich wäre das wirklich egal. André reichte ihr die CD herüber: „Viel Spaß beim Verschenken.“ Sie dankte und ging. André hatte keine Zeit, in den Kartons nach der neuen !!! zu suchen, weil gleich die nächsten Kunden auf ihre Bestellungen warteten. Es sei ein Tag mit Veröffentlichungen, auf die viele warteten, sagte André, „Junip, die neue Phoenix“. Und morgen ist ja auch noch Record Store Day.

Da weiß ich gar nicht, ob ich es schaffe, zum RSD ins Riptide zu gehen – ich bin morgen in der aus Braunschweiger Sicht verbotenen Stadt, um mir Eläkeläiset anzusehen, zum siebten Mal ungefähr, auf ihrer 20-Jahre-Tour. Das hätte vor 19 Jahren auch niemand gedacht, dass sich der Witz so lange hält und doch nicht abnutzt. Mein zweites nicht-lokales Live-Konzert in an zwei Wochenenden, erstaunlich. Letzte Woche Freitag war ich bei Phillip Boa im Meier, und abgesehen davon, dass das Konzert von Sound und Songauswahl sehr gut war, überraschte am meisten, dass Boa gut aufgelegt vor Witz förmlich sprühte. Ein Riesenspaß für alle Beteiligten. Mit in die Höhe gerecktem Eintracht-Schal am Ende. Den hatte ihm ein Fan auf die Bühne geworfen.

Hannover, Braunschweig. Mit dieser fußballerischen Fehde befasste sich gestern Abend der Poetry-Slam-Battle, den Serge sah, als einer von 900 Zuschauern, und auf den ihn Micha anspricht, ein zweiter von 900 Zuschauern, der eben mit Klaus durch den Handelsweg geweht kommt und bei uns stehenbleibt. Micha und Serge sind unterschiedlicher Ansicht über die Qualität des Slam-Battles. Schade, den hätte ich mir auch gerne angesehen, aber schön, es finden wieder mehrere attraktive Veranstaltungen gleichzeitig in Braunschweig statt, wie früher, ganz früher, ich war nämlich im Museum für Photografie bei der Eröffnung der neuesten Mitgliederausstellung, weil Jörg, ein Freund von mir, dort auch ausstellt. Um Reihen geht es. Seine Reihe trägt dort keinen Titel, ich kenne ihn aber ungefähr: „Farblich korrekt geparkte Autos.“ Beim Rundgang durch die Ausstellung fiel mir eine andere Fotoreihe auf, die ich bereits kannte: „Wie geht’s uns heute!“ von Merlin Laumert hing bis vor kurzem noch mit leicht veränderter Auswahl im Café Riptide.

Dort prangen jetzt Szenenfotos des jüngsten Sound-On-Screen-Beitrags „Searching For Sugarman“, den ich leider verpasste. „‘Sugarman‘ lohnt sich“, bekräftigt Micha, der ihn sah. Am Mittwoch zeigt das Universum den Film erneut, sogar zu einer erreichbaren Uhrzeit, um 21.15 Uhr nämlich, wenn alles klappt, kann ich ihn also doch noch sehen. Um diese Mittagszeit kommt bei Serge die listige Frage auf, wie Micha sich Urlaub gibt, als Selbstständiger, ob er sich als Chef oder Angestellter sehe, und Micha antwortet: „Auf Facebook ist mein beruflicher Status: Ich selbst.“ Klaus findet: „Du hättest auch schreiben können: Ich bin, der ich bin.“ Oha, reichlich hochgegriffen, auch Serge findet lachend, „das wird jetzt philosophisch“. Serge muss jetzt wirklich arbeiten und setzt sich mit Ferdinand an die zweite Biergarnitur im Achteck. Ferdinand soll Serges Buch illustrieren, die zusammengerollten Bögen bergen Entwürfe. Klaus und Micha bleiben rauchend bei mir stehen. „Ich gehe heute ins Kino“, sagt Micha. „‘Mama‘.“ Nach allem, was ich darüber weiß: Den will ich nicht sehen. Klaus lacht: „Mutterkomplex?“ Eher zu viel Heintje gehört. Einig sind wir uns, dass wir beide „Der Tag wird kommen“ sehen wollen, den neuen Film von Gustave de Kervern und Benoît Delépine, die vor fünf Jahren mit „Luoise-Michel“, auf so etwas in der Art wie Deutsch hieß er „Louise Hires A Contract Killer“, in Anlehnung an den etwas berühmteren Aki-Kaurismäki-Film, so überraschend zu punkten wussten, beim Filmfest etwa. Das Plakat für „Der Tag wird kommen“ hängt bereits im Universum.

Wir müssen alle gehen. Micha beendet seine Pause, Klaus will auch weiter, ich habe eine spontane Mittagessenverabredung mit Anke, die mich gleich hier abholt. Auf dem Weg an die Theke bekräftigt Micha erneut, wie lohnend „Searching For Sugarman“ sei. Chris, der gerade neu gelieferte CDs in die Fächer sortiert, stimmt ihm zu: „Der Film ist ein Traum.“ Die LP mit sämtlichen Liedern von Rodriguez, den Songwriter, um den es in der Dokumentation geht, steht im Regal neben der Theke. Vor uns in der Bezahlschlange wartet unter anderem Jakob, der heute gar nicht wie gewohnt bei Serge saß. Was entdeckt er zurzeit an Kulturgütern? „Ich lese Maupassant-Novellen“, sagt Jakob. „Und ich habe mir gerade das neue Album von Alice In Chains angehört.“ Deren neuer Sänger ziemlich wie sein verstorbener Vorgänger Layne Staley klingt, wie ich finde. Jakob nicht, er mutmaßt, dass das eher an der zweiten Stimme des Gitarristen liegt, der schon zu Staleys Zeiten mitsang und jetzt einen größeren Teil übernimmt. Besonders gut wahrzunehmen sei das bei dem Unplugged-Konzert, noch mit Staley. Mad Season indes kennt Jakob noch nicht, das Projekt mit Staley, zu dem es demnächst tatsächlich ein Folgealbum geben soll.

André schaut erneut in den Kartons, ob „Thr!!!er“ mitgekommen ist, während ich bei Chris meine Rechnung begleiche. Ein Blick in den Computer offenbart André dann, weshalb er das Album nicht finden kann: „Es ist verschoben, um eine Woche, auf den 26. April.“ Dann muss ich doch nächste Woche glatt nochmal wiederkommen. Anke ist nun da, wir wollen los, und André gibt uns als Tipp „den neuen Vietnamesen neben dem Zone-Kaufhaus“ auf den Weg, ein Tipp, der mir wirklich neu ist, Anke nicht, „der hat sich längst in Hippiekreisen herumgesprochen“, sagt sie, und Chris findet, „das ist seit 20 Jahren endlich mal wieder ein guter Imbiss in Braunschweig“. Wir probieren den gleich mal aus. Und wenn ich schon die „Thr!!!er“ heute nicht bekomme, dann hoffentlich später irgendwo die neue Folge von Gabriel Burns, die erste seit drei Jahren. Mal sehen, wo es Anke und mich gleich hinträgt. In die Sonne, so viel ist sicher. Und morgen ist ja Record Store Day.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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