#67 Le Neuss

26. Mai 2013


Sonntag, 26. Mai

Als es noch nicht so heftig regnete und so verfroren war wie jetzt, als also noch nicht die Eisheiligen und die Schafskälte zusammengefallen waren, als man also noch leichtbekleidet und trocken durch die Stadt flanieren konnte, also vor knapp drei, vier Wochen, am Anfang dieses Frühjahrs, nutzte ich einige Male die Gelegenheit zum leichtbekleideten und trockenen Durchdiestadtflanieren. Dafür gab es mal mehr, mal weniger Grund; das schiere Flanieren reicht zumeist ja schon aus. Nachdem ich noch Anfang April im Schnee auf dem Wochenmarkt unterwegs war, holte die Natur ja in kürzester Zeit alles nach, was ihr bis dato temperaturbedingt verwehrt geblieben war. Als hätten die Bäume eine Lachgaseinspritzung bekommen. Alles spross in Rekordzeit, mittlerweile ist selbst die Kastanienblütenzeit fast vorbei. In einer solchen lauen Nacht, Ende April, gab mir das Riptide einen guten Grund, durch die Stadt zu mäandern. Es war in der Woche nach dem Record Store Day, den ich leider nicht im Riptdie, dafür aber mit einer Freundin in Hannover verbrachte. Eläkeläiset spielten mal wieder in der Faust, und es war wie immer in den vergangenen 20 Jahren, Riesenparty, volles Haus, Humppa galore. Und ich traf sogar noch Mitglieder der großen Silver-Club-Familie. „Humppa macht krank“, behauptete einer der finnischen Nicht-Rentner, aber das stimmt nicht, es regt den Kreislauf an. Stefanie, mit der ich unterwegs war, erzählte mir zuvor den schönen Dialog, den sie einst bei ihrer Arbeit gehabt hatte: „Meine Mutter hat immer Pferdemist auf die Erdbeeren getan“ – „Meine immer Sahne.“

Da ich also den Record Store Day verpasst hatte, nahm ich die zweite Wiederholung des Films „Searching For Sugar Man“ zum erfreulichen Anlass, zwischen Feierabend und Kinostart im Riptide die Record-Store-Day-Kiste durchzublättern. Gottlob wurde ich fündig, aber nichts anderes war ja auch zu erwarten. Außerdem wusste ich, dass meine bestellte „Tr!!!er“-LP von !!! eingetroffen war, ich hatte eine Mail bekommen, von Rudi und Renate, Rabea und Rolf. Ich bezahlte meinen Plattenstapel bei Lennart, nahm mir ein Bier und genoss die Zeit. Lennart hatte derweil anderen Kunden die traurige Nachricht zu überbringen, dass mit den geänderten Öffnungszeiten des Riptide jetzt auch das Frühstück wegfällt. Und damit, so mutmaßten wir Gesprächsbeteiligten, auch einer der schönsten Gags der Speisekarte: Das Lemmy-Frühstück, bestehend aus Whisky, Zigarette und Kaffee. „Das habe ich nie verkauft“, sagte Lennart, und meinte, es sei ja ohnehin nur ein Witz gewesen. Einer seiner neuen Kollegen indes gab an, in einem Monat gleich drei Lemmy-Frühstücke als Bestellung bekommen zu haben. Und ich erinnere mich, dass Chris und André erzählten, dass sie das Lemmy-Frühstück tatsächlich nur als Witz auf die Karte genommen hatten und sich ebenfalls wunderten, wie viele Leute es bestellten. Und – natürlich – auch serviert bekamen. Ja, schade – aber gottlob, was Lennart zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, verriet mir Chris eine Weile später, als ich ihn zufällig in der Stadt traf und darauf ansprach: Zwar gibt es tatsächlich mittlerweile neue Speisekarten, aber das Lemmy-Frühstück bleibt darin enthalten, das ist schließlich tageszeitenunabhängig.

Bier leer, LPs bezahlt, im maurischen Achteck noch wen getroffen, und dann, der direkteste Weg ins Universum führt naturgemäß am Tante Puttchen vorbei. Wenn man abends im Handelsweg unterwegs ist, weiß man, dass das Tante Puttchen die Feierabendresidenz von Katrin und Uwe ist, die dort nach Ladenschluss ihres Schallplattengeschäfts Raute Records einige schmackhafte Getränke zu sich nehmen. Der direkte Weg ins Universum führte also auf einen Sitzplatz vorm Tante Puttchen, wo mir die beiden weitere Geschichten aus ihrer Zeit in Celle erzählten, etwa von dem Untergrundladen „Amalgam für Celle“, den Katrin maßgeblich führte. Wilde Geschichten, großartige Geschichten, von Sich-Widersetzen mit Erfolg, solche Geschichten mag ich. Von „Amalgam für Celle“ liest man heute leider nicht mal mehr im Internet etwas. Die Geschichten und deren Fortsetzungen sind ein Grund mehr, mal wieder bei Raute vorbeizugucken. Und mal Kuchen mitzubringen, anstatt immer nur Flyer für irgendwelche Veranstaltungen.

Irgendwann drängte die Zeit dann aber doch, so ein Filmbeginn im Kino ist ja doch recht fix. Vor dem Universum stand Frank mit seinem Nachbarn und mit Kathrin, die ansonsten im Kino an der Kasse saß und die dieses Mal „Searching For Sugar Man“ sehen wollte. „Und, wie oft hast du den Film schon gesehen?“, forderte mich Frank heraus. Dieses wäre mein erstes Mal, musste ich gestehen. „Musst dich nicht verteidigen“, feixte er. Diese Vorstellung war die dritte im Uninersum, und damit die zweite ungeplante. Kurz nach Bundesstart sollte „Searching For Sugar Man“ wenigstens einmal in der Reihe „Sound On Screen“ laufen, und wie das bisweilen so ist, etwa auch bei „Heima“ von Sigur Rós, wenn dann die Nachfrage so groß ist, richtet das Universum ein- bis zweimalige Ausnahme-Wiederholungen ein. Zu deutlich arbeitnehmerfreundlicheren Uhrzeiten, die SOS-Filme beginnen wegen der After-Show-Veranstaltungen im Ritpide bereits um 19 Uhr, das schaffe ich leider nicht. Nach dem Bezahlen traf ich wieder Lawrence, der dort als Vorführer arbeitet, eine gute Seele des Kinos, das war er auch schon im City, und außerdem stammt er aus der Gegend, in der auch Jim Kerr lebte, und weiß Geschichten zu berichten, von Kneipenabenden an einem schottischen See, bei denen die Simple Minds zwar immer anwesend waren, sich aber nie zum Musizieren hinreißen ließen, oder von einem Simple-Minds-Fan, der in der Gegend trampte, und als eine größere Limousine anhielt und der Fahrer ihn fragte, wo es denn hingehen sollte, feststellte, dass er sich gerade zu seinem Idol Jim Kerr ins Auto setzte.

Auch zur dritten „Searching For Sugar Man“-Vorführung war das Universum gut gefüllt. Obwohl es keine offizielle SOS-Veranstaltung war, übernahm Beate als Organisatorin wieder die Anmoderation. Sie kündigte die nächsten SOS-Abende an. Der offizielle nächste Film war „Let’s Get Lost“ über Chet Baker mit anschließendem Jazz-Konzert im Riptide, erneut eine Zusammenarbeit mit der Initiative Jazz Braunschweig, wie schon „Blue Note: A Story Of Modern Jazz“ vor anderthalb Jahren. Und dann überraschte Beate das Publikum mit der Ankündigung einer Sonder-Aufführung: „Sound City“ am 29. Mai, die Doku über das gleichnamige Studio, gedreht von Allrounder Dave Grohl. Typisch Braunschweig der Zusatz von Beate: „Mit einer Lesung von Braunschweigs – er wird das nicht gerne hören – Lokalmatador Frank Schäfer“, sie deutete in die Sitzreihen, „da sitzt er übrigens.“ Frank liest nämlich an dem Abend aus seinem neuen Buch „Metal Störies – Der heißeste Scheiß auf Gottes großer Festplatte“.

Der Film selbst ist ganz okay. Die Geschichte ist rührend, von dem US-Songwriter Rodriguez, der nach zwei erfolglosen Alben in den 70ern aufhört, Musik zu machen, und bei einer Abrissfirma arbeitet, und nicht mitbekommt, dass er in Südafrika im Rahmen der Anti-Apartheid-Bewegung zum Millionenseller wurde. Zwei Typen suchen ihn, finden ihn und lassen ihn in Südafrika vor Zillionen Fans auftreten, bevor er zu seinem Job zurückkehrt. Rührend, definitiv, schön gefilmt, entspannt erzählt, aber man wundert sich schon, dass ein schwedischer Filmemacher 2012 ein Thema aufgreift, dass sich 1998 ereignete, und dass der totgeglaubte Mann erst 1998 gefunden wurde, obwohl er seit 15 Jahren in Südafrika ein bekanntermaßen Unbekannter war. So ernst scheint es mit der Suche niemandem so recht gewesen zu sein. Macht nix, die Geschichte bleibt schön.

Nach dem Film wollten Claudy und ich ein Bier trinken gehen, natürlich im Riptide. Sie hatte gerade bei Radio Okerwelle eine neue Ausgabe ihrer fantastischen Sendung „Zimmerservice“ vorbereitet und war bereit, mit dem Rad auf ein Feierabendbier in die Stadt zu kommen. Nach dem Film hieß an einem Tag in der Woche indes, dass das Riptide bei meinem Eintreffen bereits am Schließen war, wie mir Lennart bedauernd mitteilte. Tja. Auf dem Weg zurück in Richtung Handelsweg-Eingang kamen mir Frank, Kathrin und Franks Nachbar entgegen, denen ich nun diese schlechte Nachricht überbringen musste, ahnend, dass sie dasselbe Ziel hatten wie ich. Aber immerhin, das Tante Puttchen hatte noch offen. Und Claudy setzte sich dann kurz darauf auch dazu. Eine fröhliche Runde, Getränke flossen, und Claudy und ich blieben gar noch länger als die anderen bis spät in die Nacht dort sitzen, draußen, kaum fröstelnd, lang und intensiv sprechend, wie immer, viel lachend auch, alles richtig.

Nur einen Abend später war ich wieder im Riptide, verabredet nach Feierabend mit Arbeitskollegen, die mehr sind als nur das. Vor der Einraum-Galerie gegenüber saß Stefan, genüsslich entspannend nach vorletzten Vorbereitungen der Käse-Ausstellung von Vera, die ich kurz zuvor bei ihm im Laden kennengelernt und bei SOS wiedergetroffen hatte. „Bei ihm im Laden“ heißt im Kingking Shop. Dessen Gründer Pott sehe ich leider kaum noch bis nicht mehr, seit er den Shop aus beruflichen Gründen an Stefan abgab. Zuletzt indes erst gestern beim Poetry Slam im Kulturzentrum Hallenbad in Wolfsburg, den trotz Champions-League-Finale – nicht halb so aufregend wie der Sieg der VfL-Frauen dank meiner Lieblingsspielerin Martina Müller – mehr als 150 Gäste besuchten, und hey, das waren sogar vergleichsweise wenig, und hey, wir sprechen hier von Wolfsburg. Und wieder hey, das Publikum war so geil, mit Leonie Warnke eine rappende Lyrikerin mit ernsten Themen zur Siegerin zu küren. Zwar traf ich Pott kurz, aber so viel Zeit wie früher mit einer Tasse Kaffee vor den Stufen des Kingking Shops war nicht, weil Pott verständlicherweise beschäftigt war. Zu Gesprächen geneigt ist aber auch Stefan, der sich, während wir freundschaftlichen Kollegen den Riptide-Burgern und diversen Getränken zusprachen, zu uns beugte und uns Vergangenes und Künftiges rund um die Galerie und den Shop verriet. An diesem lauen Abend schaffte die Eintracht übrigens den Aufstieg in die erste Liga mit dem 1:0 in Ingolstadt.

So richtig der letzte laue Abend war es gottlob nicht. Zweimal saß ich noch in der Okercabana, wenn auch zunehmend fröstelnd. Doch schon an Himmelfahrt war mit Vatertagsgrillen unter freiem Himmel nicht viel zu wollen. Leckerstes Speiseeis in der Eiszeit in Salzdahlum draußen sitzend einzunehmen, war zwar machbar, aber eher für Hartgesottene. In der Eiszeit war ich mit meiner Schwester und deren Freund, weil wir eine Ausfahrt mit ihrem Auto machten, einem kawasakigrünen Ford Taunus mit zwei schwarzen Streifen quer über die Karosserie, Baujahr 1976, also deutlich älter als sie selbst. Ein Schmuckstück, das Auto auch. Mit Blick auf unsere hardcoreprotestantische Erziehung und die Realitätsferne unserer Erzieherin fragte ich meine Schwester, was Gott wohl zu dem Spritverbrauch sagen würde, und sie meinte: „Tanke.“ Sofort hatten wir einen Ohrwurm. Ansonsten schrie das Wetter wirklich eher nach drinnen sitzen, etwa kürzlich mit Guido im Gambit, wo wir wie immer über Musik sprachen, wie es sich gehört, und wir landeten bei Neil Young, und ich berichtete, dass ich mir kürzlich dessen „Le Noise“ zugelegt hatte, und er, alter Neil-Young-Fan, fragte: „Ist das das Gegenstück zu La Düsseldorf?“

Einen Tag lang konnte ich danach noch im schieren T-Shirt herumlaufen. Ich wählte das Riptide-T-Shirt. Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal erfuhr ich großzügige Resonanz darauf. Zum Beispiel bei einem Termin in Wolfsburg, da sprach mich ein Stadtbediensteter überraschend darauf an: „Ist das das Riptide, von dem ich im Radio gehört habe?“ Wie bitte was? „Auf Radio 21 hatten sie einen Bericht über das Café Riptide.“ Schau an. Abends bei La Vigna im romantischen Hof sprach mich eine Bedienung darauf an, anschließend gegen Mitternacht auf dem Heimweg auf einer der Brücken über einen der Oker-Umflutgräben eine mir entgegenkommende Jugendliche, die sich als Riptide-Stammgast herausstellte und mit mir auf ein Bier dort verabredete. Okay. Ganz eindeutig: Es ist wieder Zeit für mehr T-Shirt-Wetter.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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