#86 Geschenke!

15. Dezember 2014


Montag, 15. Dezember

Weihnachtstrubel ühüberall. Gestern noch war schönstes Spätherbstsonnenwetter, heute sieht es wieder nach November aus. Nicht mal die bunt blinkende Weihnachtsdeko macht einen Unterschied zum Vormonat, denn die hing zu dem Zeitpunkt auch schon. Früher, als noch alles aus Holz war, und den Rest spare ich mir. Erstaunlicherweise findet sich im Café Riptide keinerlei weihnachtliches Interieur. Stattdessen fällt mein Blick erstmals auf die Autogrammkarte von Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht, die neben der Kasse angebracht ist. Weihnachtsgeschenke wiederum sind auch im Riptide Thema, denn viele Gäste erwerben hier welche, Schallplatten zumeist, natürlich. Jasmin nimmt Bestellwünsche am Telefon entgegen und legt Chris und André Zettel parat, damit die, sobald wieder zurück im Café, dann die Tonträger beim Händler anfordern. „Jetzt gehen die Weihnachtsgeschenkebestellungen ein“, stellt Jasmin fest. Und bis zum Fest könnte es damit jetzt doch noch arg knapp werden.

Eigentlich will ja niemand den Geschenkewahnsinn mitmachen, aber wenn man sich die Stadt so ansieht, bekommt man doch andere Eindrücke. Da stellt sich mir die Frage, was denn ein gelungenes und nachhaltiges Geschenk überhaupt ausmacht. Die Frage nach dem größten Geschenk des Jahres reiche ich der Einfachheit halber an die Gäste weiter und lasse dabei offen, ob die Befragten das Geschenk gegeben oder erhalten haben sowie ob es materiell war – oder nicht.

Nicole:

Das größte Geschenk war für mich, dass meine zwei Töchter beide im Sommer eine Arbeit oder einen neuen Start geschafft haben. Die eine hat Abitur gemacht, die andere ihre Ausbildung abgeschlossen. Das war ein schönes Geschenk.

Die Töchter sind 18 und 21 Jahre alt, sagt Nicole. Sie ist eigentlich im Riptide, um nach Schallplatten zu suchen, doch ist keiner ihrer Wünsche vorrätig, also macht Jasmin entsprechende Notizen. Auf diesem Zettel stehen nun neben Nicoles Kontaktdaten die Namen The Divine Comedy, Ben Watt und Pure Moon. Letztere kenne ich nicht. Das sei ein Ableger von Leuten, die in einer anderen bekannten Band mitmachen, sagt Nicole: „Ich weiß es nicht genau, ich habe es gestern im Radio gehört, auf Radio Okerwelle, sonntags morgens von 9 bis 12 Uhr, eine schöne Sendung.“ Sie hofft, dass Chris und André mit der Bestellung weiterhelfen können, und will später in der Woche wiederkommen.

Mehr Zeit hat Miriam, die mit ihrem Begleiter Kaffee trinkt und dabei die Klingeltöne ihres neuen Telefons ausprobiert.

Miriam:

Das größte Geschenk ist Gesundheit.

Was wie eine hingeworfene Floskel klingen mag, hat für Miriam sicherlich eine tiefe Bedeutung. Ihr Lächeln, während die die Antwort gibt und Details vermeidet, spricht Bände, die diese Schlussfolgerung begünstigen. Ihr nächstes Lächeln richtet sich an Jasmin, die den bestellten Bagel an Miriams Tisch bringt.

Noch ist Jasmin allein im Café, Chris kommt später aus dem Büro herüber. Demnächst setzt sie die Suppe der Woche an, „Süßkartoffel-Kokos mit Pfiff“, wie es die Tafel neben der Küche verrät. Zuvor erfüllt sie die Bestellung von Holger, „eine Spezi zum Mitnehmen“, die sie ihm sogar verschlossen in die Hand drücken könne. Und das tut sie.

Holger:

Das größte Geschenk war der Besuch bei meiner amerikanischen Gastfamilie, ich war dieses Jahr mal wieder drüben. Es war ein großes Geschenk, sie nach einem Jahr Pause dieses Jahr für sechs Wochen wiederzusehen. Wenn man Menschen nach langer Zeit wiedersieht, freut man sich sehr.

Im Osten der USA wohnt Holgers Gastfamilie, in Pittsburgh, Pennsylvania. Er schnappt sich die verschlossene Speziflasche und stürmt in den Herbststurm hinaus.

Nur unwesentlich mehr Zeit haben Antje und Marco, die sich in der Sitzecke des Cafés auf einen Termin vorbereiten. Ihre Antworten lassen Dramen erahnen.

Marco:

Dass ich lebe.

Antje:

Auf jeden Fall Gesundheit, und da würde ich fast mit dir mitgehen (blickt zu Marco): dass ich dieses Jahr überlebt habe.

Abgesehen davon, dass sie keine Zeit haben, lässt es Antje und Marco die Tiefe ihrer Antworten nicht zu, sie zu spezifizieren. Antje lässt lediglich das Wort „Selbstverwirklichung“ fallen, dann widmen sie sich wieder eifrig dem anstehenden Termin.

Gegenüber, in der anderen Ecke, sitzt Kyra und tippt noch eben eine Grußformel in das Dokument auf dem Bildschirm ihres Laptops, den sie dann zuklappt.

Kyra:

Das größte Geschenk sind für mich die Menschen, die mir begegnet sind.

Auch Kyra fällt es schwer, da genauer zu sein. „Ich bin für eine kurze Zeit woanders hingegangen“, sagt sie. „Das war schön, eine coole Erfahrung.“ Es sei darum gegangen, etwas zu tun, vor dem man Angst hat, und dann zu erleben, dass es funktioniert. „Das sollte man machen, ist ein guter Tipp“, sagt sie. Sie überlegt kurz: „Vielleicht nicht einen Hai streicheln.“ Sie überlegt wieder: „Oder vielleicht doch.“ Kyra sitzt öfter im Ritpide, sagt sie, denn sie ist nur zweimal um die Ecke, im LOT, Theaterpädagogin. Und Mitglied im „Drecksclub“, von dem mir schon so viele Leute vorgeschwärmt haben. Der findet am Donnerstag und Freitag jeweils ab 20 Uhr wieder im LOT statt, und vielleicht schaffe ich es ja am Donnerstag endlich mal dorthin, denn der Freitag ist bereits ausverkauft.

Ans große Fenster setzt sich Lukas und berichtet breit grinsend, wie stressig es selbst für ihn als Radfahrer eben war, sich im Weihnachtsverkehr zwischen den offenbar von Orientierungslosen gesteuerten Autos hindurch zu bewegen. Während er auf zwei Freunde wartet, öffnet er die Folie des Karamellkekses, der seinem Kaffee beiliegt.

Lukas:

Das größte Geschenk ist, dass mein Bruder ganze sechs Tage zu Besuch kommt statt nur zwei. Das ist cool.

Über Weihnachten wird das sein. Lukas‘ Bruder lebt seit anderthalb Jahren in Kalifornien, „er hat noch dreieinhalb Jahre vor sich“, so Lukas. „Sein Doktorprogramm.“ Jetzt treffen auch Lukas‘ Freunde ein, ich räume den Platz und kehre an die Theke zurück.

Dort trifft jetzt auch Chris ein, schwer bepackt mit einer schwarzen Kiste kommt er aus dem Büro herüber und stürzt sich sofort in die anliegende Arbeit. Dazu gehört, bestellte CDs auszugeben, darunter an eine regennasse Kundin, deren Antwort auf meine Frage nach dem größten Geschenk sie emotional so mitnimmt, dass sie ihren Namen nicht preisgeben mag.

Kundin:

Ich hab’s gerade bekommen, und zwar eine CD, selbst zusammengestellt. Es ist kein materielles Geschenk, weil’s ganz persönliche Musik ist. Der haut gerade ab, der Typ, der sie zusammengestellt hat.

Mehr möchte sie dazu nicht verraten, aber von Chris mehr erfahren zu CDs, die sie bestellen möchte, in der Hoffnung, dass sie noch bis Weihnachten im Riptide eintreffen werden. Dann geht sie und bedankt sich lächelnd, als ich ihr alles Gute wünsche.

Deutlich deutlicher ist das größte Geschenk für Insa, die neben Felicia auf dem Sofa sitzt: Ihre Tochter Alva, die sie auf dem Arm hat. Während Alva noch den Schlaf aus dem Gesicht bekommen muss, strahlt Insa übers ganze Gesicht.

Insa:

Meistens bist du das größte Geschenk, nicht wahr, Alva?

Dreieinhalb Monate alt ist Alva, Insas erstes Kind. Der Name Alva ist skandinavisch: „Kennst du Astrid Lindgren?“ Selbstverständlich! „Ich hatte nicht den Bezug, aber in ‚Madita‘ kommt das vor.“ Das wusste auch Felicia nicht. „Das Kindermädchen hieß Alva“, erklärt ihr Insa. Sie hat sich jetzt deshalb auch das Buch angeschafft, sagt sie.

Felicia:

Mein Geschenk kommt ein bisschen verspätet an.

Denn erst im Januar ist es bei ihr so weit. Ihre Stimmung pendelt deshalb zurzeit zwischen aufgeregt und nervös, aber im Moment ist Felicia sehr entspannt. Auch sie hat im Riptide gearbeitet, seit Mai: „Bis es unpraktisch wurde mit dem Bauch.“

In der Küche ist Chris beschäftigt, Jasmin an der Theke. Über Weihnachten ist das Café zwei Tage lang geschlossen, am 26. geht es hier weiter. Die Pause sei ihnen sowas von gegönnt. Das ist ja auch ein Geschenk.

Mein eigenes größtes Geschenk des Jahres? Das muss sich erst noch herausstellen. Ich bin seit einigen Monaten an einem Wendepunkt im Leben angekommen und habe Dinge verändert und Weichen gestellt. Einiges bewerkstellige ich selbst, anderes ist mir widerfahren. Nicht alles davon ist auf den ersten Blick als positiv oder negativ einzuordnen, das wird die Zeit zeigen; dann könnten einige der Punkte hier auftauchen. Geschenke waren für mich definitiv, dass sich meine im anonymen Internet gefundenen Gastgeber in Antwerpen und Genua als in übermäßig vielen Punkten mit mir kompatibel herausstellten, und zwar so sehr, dass ich auch nach der Reise noch Kontakt mit ihnen habe, und das ist mir in all den Jahren, in denen ich nun reise und privat unterkomme, noch nicht passiert. Sowohl Sonja in Antwerpen als auch Silvia und Stefano in Genua fand ich über Airbnb, und das sind dann die Vorteile an der Globalisierung. Und so etwas wie das Riptide, das ist sowieso immer ein Geschenk.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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