#102 Ich hör dich rufen, Marian!

Mittwoch, 27. April 2016

Es ist ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, wenn man sich selbst auf einer Kinoleinwand sieht. Und mir ist dieses höchst besondere Ereignis tatsächlich zuteil geworden: Dank Stef und Micha A., und dank Beate. Sie brachten den Trailer zum Riptide-Film, an dem Stef und Micha immer noch arbeiten (deshalb jetzt schon Eintrag Nummer 102 und die Nummer 100 weiterhin offen – ihr Konzept für den Film zum 100. Blogeintrag stellt sich als weitaus komplexer heraus, als sie selbst dachten), ins Vorprogramm der gegenwärtigen Sound-On-Screen-Staffel im Universum-Kino. Beim ersten Mal, dem Film „Jaco“, war ich nicht dabei, aber Schepper, der auch in dem Trailer zu sehen ist. Dafür schnappte ich mir diesen meinen Lieblingsbassisten und sah mir mit und neben ihm dann „Dont Look Back“ an, den Film über Bob Dylan, der nur echt ist ohne Apostroph im Titel, und da fand dieses obskure Ereignis statt: Mich selbst sehen, in groß, auf der Leinwand, die ich schon bestimmt 800 Mal anstarrte, seit 1990, grob geschätzt, nur dieses Mal eben nicht nur als Betrachter, sondern auch als Betrachteter. Sehr seltsam. Am 19. Mai zu „All Tomorrow’s Parties“ gibt’s die dritte Gelegenheit dazu, Beate sei Dank. Großen Dank!

Wie immer gab es ein Anschlussprogramm im Café Riptide, und passend zum Thema trat Marian Meyer auf, Braunschweiger Singer-Songwriter. Ihn mag ich, ebenso wie seinen Berufskollegen Till Seifert. Und immer, wenn ich Marian treffe, sagt er dasselbe: „Hey, dich kenne ich!“, mit einem strahlenden Gesicht, gottlob. Das freut mich sehr, dass er mich nicht vergisst; und jedes Mal erzähle ich ihm dann, dass er mich daher kennt, dass ich ihn mal nach einem Auftritt aus Wolfsburg im Auto mitnahm. Und auf dem Beifahrersitz saß Schepper, den Marian wiederum sofort erkennt.

Und à propos „Marian“. Diesen Song, ursprünglich von den Sisters Of Mercy, coverte deren Ex-Gitarrist Wayne Hussey kürzlich solo, ohne seine Band The Mission, und veröffentlichte ihn als 7“. Will ich natürlich haben und frage Chris danach, doch Manni neben mir am Tresen winkt ab: „Die ist zum englischen Record Store Day rausgekommen, die kannst du hier nicht bestellen.“ Chris lässt sogleich die Finger von der Tastatur und bestätigt, dass etwa US-Veröffentlichungen hier nicht verkauft werden dürfen und europäische dort nicht und so. Wie schade.

Über die Zeit wird mir der Record Store Day immer unsympathischer. Dieses Mal gab es für mein Interesse keine einzige exklusive Schallplatte, nur Wiederveröffentlichungen und Livesachen. a-ha live in Südamerika, aber mit nur fünf Songs und von 1991. Mal wieder ein Livealbum von den Simple Minds, als rotes Doppel-Vinyl, allerdings mit nur zwei Fünfteln des gesamten Konzertes, das andernorts komplett erhältlich ist. Ist ja musikalisch ganz geil und auch angemessen hörbar aufgenommen, aber. Es hat einen unappetitlichen Beigeschmack.

Sowas wie „Marian“ hätte ich mir lieber gewünscht. „Auf Discogs findest du sie“, rät mir Manni. Guter Tipp, auf Amazon hab ich sie auch schon gesehen. Chris ist erschrocken: „Das dürfen die doch gar nicht…?“ Nee, Privatverkauf. Und tatsächlich, als Chris nochmal guckt, findet er die Single nicht in seinem System. „Glaubt man gar nicht, aber ich bin großer Sisters-Of-Mercy-Fan“, sagt Chris und deutet auf das Rerelease von „Floodland“ hinter sich, mit den 12“es der Zeit als Bonus drin. „Wenn ich sie höre, dann aber nicht die Alben“, sagt Chris. Sondern „Some Girls Wander By Mistake“, die Compilation mit den frühen EPs, als sie musikalisch noch minimaler waren, mit „Body Electric“ und dem tollen Rolling-Stones-Cover „Gimme Shelter“. „Auch die Originalversion von ‚Temple Of Love‘ ist besser als die mit Ofra Haza, die ist superkalt“, findet Chris, und ich stimme zu. Den Song kann man auch immer noch spielen und die Tanzfläche ist sofort voll.

Mein zweites wichtiges Ereignis nach dem Kinoding war das Gespräch mit Oliver Kalkofe am Montag. Seine Aktivitäten verfolge ich seit ungefähr 25 Jahren, habe alle DVDs der Mattscheibe (darüber hinaus sehe ich kein fern) und bewundere seine klare Zusammenfassung der Böhmermann-Staatsaffäre. Für mich ist er der wichtigste Medienkritiker in Deutschland, noch vor Bernd, das Brot. Zurzeit ist er wieder mit seinem alten Kumpel Dietmar Wischmeyer als „Die Arschkrampen“ unterwegs, was einen sehr starken Kontrast zu seiner ernsthaften Politkritik darstellt. Die Tour eröffneten die beiden ausgerechnet in: Wesendorf. Lüneburger Südheide, Nordkreis Gifhorn. Das Wesendorf, das sich lange über seine Kaserne definierte. Ausgerechnet das Wesendorf, in dem ich die ersten 26 Jahre meines Lebens verbrachte. Zu dem ich fast gar keinen Bezug habe, und damit heute nicht wesentlich weniger als damals, als ich dort noch wohnte. Dort haben die Arschkrampen also ihren Tourauftakt. Und zwar, weil sie mit dem Groß Oesinger Hoax-Sänger Vincent befreundet sind, der das Duo schon 1994 in die Schützenhalle brachte, Pardon: in das Kulturzentrum. Die Hütte war gerammelt voll und die Leute feierten die Gags, die Kalkofe und Wischmeyer ihnen drei Stunden lang um die Ohren schlugen. Und danach, also kurz vor Mitternacht, als Fanfotos gemacht, Autogramme gegeben und Smalltalks geführt waren, hatte ich die Chance für ein winziges Interview mit Kalkofe, für Stefs Blog Kult-Tour Der Stadtblog und mein Krautnick-Magazin. Ein Traum wurde wahr, den ich nicht mal zu träumen wagte. Und dann ist der Mann auch noch bodenständig, sympathisch, zugänglich. Was will man mehr. Okay, mehr Zeit für mehr Fragen; Tiefgang im Gespräch ist bei Leuten wie Kalkofe und Wischmeyer (der währenddessen damit fortfuhr, den Fans zur Verfügung zu stehen) definitiv gegeben, da wäre ich gern tiefer abgetaucht. Den Tiefgang nimmt man auch in ihrem Programm wahr, das eben weit weniger oberflächlich ist, als es die Fäkalvokabeln erscheinen lassen. Ja, eindeutig: Das hier ist grad Fandom par excellence, aber hey, das erlebt man nun mal nicht alle Tage. Und dann ausgerechnet in Wesendorf. Dem Anagramm von Dosenwerf, wie ein Mitschüler seinerzeit feststellte.

Nun hat das Dorf also einmal gepunktet. Trotzdem bin und bleibe ich mit Leib und Seele Braunschweiger. Zugezogen, aber überzeugt. Trotz allem. Und von „allem“ gibt es einiges, aber das ist grad mal egal. In Braunschweig bin ich gern unterwegs, nicht nur im Handelsweg. In Braunschweig gibt es eigentlich recht wenig, aber dafür viele Möglichkeiten. Den Tanztee im Tegtmeyer mit Rille Elf, für die ich extra vor einem Monat erst bei Facebook eingetreten bin, trotz meines gewaltigen Sträubens, oder die Indie-Ü30-Party im Nexus, die wir jetzt seit neun Jahren dort machen und für die wir vorher immer in einer Mammutaktion an 50 Stationen in der Stadt Flyer und Plakate verteilen. Auf diese Weise gerieten wir zufällig erstmals in die Vita-Mine, die Galerie mit Veranstaltungsmöglichkeiten von Thorsten Stelzner in der Karl-Marx-Straße. Wir hatten keine Ahnung, mit wem wir es da zu tun hatten, und blieben prompt anderthalb Stunden auf ’nen Kaffee und viele Gespräche bei ihm. Wie wir auch sonst oft bei freundlichen Leuten hängenbleiben, denen wir eigentlich nur unser Papier aufdrücken wollen: darunter Kingking Shop, Troja, Apo, Erna & Käthe, Leseratte, Brunsviga und natürlich Riptide. Eine Tour, die zwar anstrengend ist, aber mächtig Spaß macht. Ohne die die Party unvollständig wäre.

Auf Rundtour durch Braunschweig war auch Barnim gestern, mit dem Fahrrad. Das ist mal eine respektable Sache: Über ein Crowdfunding-Portal finanzierte er das neue Album seines Akasha Project, „Spheres“. Natürlich gehörte ich zu den Supportern. Dank Facebook wusste ich, dass das fertige Album bei ihm eingetroffen war, und fragte mich schon, wie es in meine Hände gelangen mochte, als es an der Tür klingelte und Barnim die Treppe hochwetzte, mit der CD im Rucksack. Er brachte sie persönlich bei allen Braunschweiger Supportern vorbei. Respekt! Deshalb hatte er aber leider auch keine Zeit für einen Kaffee am Blauen Tisch bei uns.

Den bekam Micha dafür an einem anderen Tag. Grad kam ich vom Wochenmarkt, auf dem übrigens auch Barnim arbeitet, wie so manche andere Kulturgröße ebenfalls, als Micha vor der Tür stand. Natürlich kredenzte ich ihm einen Kaffee. Wir unterhielten uns, und ich hatte eine Anwenderfrage zu Facebook, die er mir aber auch nicht beantworten konnte, obwohl er dort länger unterwegs ist als ich. Wie so ziemlich jeder Mensch auf der Welt. „Wahrscheinlich weiß das nicht mal Herr Zuckerberg“, mutmaßte Micha. Vermutlich hat der nicht mal einen Account bei Facebook, mutmaßte ich, sondern bei Google Plus. Micha behauptete, dass Zuckerberg sich ohnehin mehr um seine Tochter zu kümmern habe, und dass die vielleicht „Google“ heiße. Denn: „Immer muss er sie suchen.“

Micha kommt jetzt auch ins Riptide und lacht. Weil wir uns vor wenigen Minuten erst kurz vor dem Universum voneinander verabschiedeten. Grad war ich von Graff gekommen, wo ich eine seltsame prophetische Koinszidenz erlebte. Denn kürzlich erst sortierte ich meine Comics neu ins Regal ein und stieß dabei auch auf meine Percy-Pickwick-Sammlung. Kennt kaum einer, ich lernte den Detektiv damals übers Yps-Heft lieben. Jedenfalls dachte ich gerade noch, dass es bei der Figur zuletzt keine zuverlässige Kontinuität im Albenerscheinen gab; das letzte, „Irische Ballade“, ist bereits acht Jahre alt, zwischen 1995 und 2003 gab es auch schon eine Pause, und naja, zwischen seiner Erfindung durch Macherot 1959 bis 1961 und der Wiederaufnahme durch Jo-El Azara und Greg vergingen auch schon acht Jahre, aber das war vor meiner Zeit. Und prompt steht genau heute bei Graff der neue Band von Percy Pickwick, „und die Geisterfahrer“. Nicht mehr bei Carlsen erschienen, sondern bei Toonfish; egal: neues Futter.

Ja, wenn schon Comics, dann sind es nach meiner Vorliebe keine Superheldensachen, sondern frankobelgische Funnies. Allen voran Spirou und Fantasio. Gerade erst hab ich die Gesamtausgabe der Gaston-Neuauflage durch. Franquin war aber auch ein großartiger Zeichner! Mir kribbelt’s in den Fingern. Deswegen jetzt: Akasha Project hören und dabei Percy Pickwick lesen. Ihr wisst ja, was jetzt zu tun ist: Abschalten!

Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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