#138 Verdammt! Wölfe!

22. März 2019


Donnerstag, 21. März 2019

Der Frühling ist da! Aber so was von. Nach mehr als einer Woche Dauerregen. Natürlich lassen sich die Leute von der Sonne vor die Tür treiben, und so treffe ich Serge und Rainer auf dem Weg ins Riptide vor Serges Laden, nicht darin. Wir freuen uns darüber, dass es derzeit Schüler sind, die auf die Straße gehen, wie weiland in den Sechzigern und nach viel zu vielen Jahren Protestpause, freuen uns, dass es überhaupt Protest gibt und dass die Jugend offenbar noch zu Verantwortung zu motivieren ist, und sind verärgert über Politiker, die diesen Jugendlichen Haltung oder gar Kompetenz absprechen, um sich selbst nicht in die Schusslinie zu bringen, womit sie sich selbst in die Schusslinie bringen. Unser Dreieck betritt Omar, der freudig erzählt, dass er vor zwei Tagen sein Deutsch-Zertifikat bestanden hat. Er ist Student aus Syrien und verschwindet mit Serge in dessen Raum, ich nehme den Anlass zum selbigen und kehre im Riptide ein.

Max und Chris sind da, bereiten in der Küche Speisen vor und erfüllen an der Theke Getränkewünsche. Auf dieser Theke steht, neben der Ankündigung des Record Store Day am 13. April, ein Dreierpack 90er-Kassetten von Maxell zum Verkauf, ich bin erstaunt. „Vor drei Monaten wollte ich erstmals seit Jahren wieder ein richtiges Mixtape machen“, beginnt Chris die Erklärung. „Ich bin in die Stadt gegangen – und habe nichts gefunden.“ In sämtlichen – also allen beiden – Multimediagroßgeschäften und den vielen kleinen Läden fand er keinerlei Audioleerkassetten. Er erinnert sich an früher, als man in jedem Laden eine ganze Regalreihe voller Kassetten hatte, mit Produkten aller Hersteller, in allen Längen und von allen Bandqualitäten. Und heute: nichts. „Ich musste ein altes Tape nehmen und die Löcher zukleben“, erzählt er. Doch aufgeben wollte er nicht: „Ich habe einen Online-Shop gefunden, der welche hatte, und habe gleich ein paar mehr bestellt.“ Für den Verkauf im Riptide, mit dem auf dem Preisschild angebrachten Vermerk: „The future is here“. Chris grinst: „Wir sind ja für neue Medien und machen alles mit, das ist die Zukunft!“

Chris greift in die Schüssel neben der Vitrine mit den Muffins und anderen Kuchen und schenkt mir daraus einen Schlüsselanhänger der Zeitschrift 11 Freunde. Danke – ohne seine Gabe hätte ich nicht zugegriffen. Nicht, weil ich das Magazin nicht mag, im Gegenteil, das lese ich sogar sehr gern, weil es den Menschen und die Leidenschaft ins Mittelfeld rückt. Sondern, weil mein Schlüsselbund einfach schon ausreichend meine Tasche ausbeult. Neben einem Wolters-Flaschenöffner, den ich mal an St. Patrick’s Day im Wild Geese erhielt, ist meine ganze Freude ein blauer Achter-Legostein, den mir an meinem letzten Arbeitstag bei der WAZ einer der Verkäufer in der Spielwarenabteilung bei WKS schenkte, dem Wolfsburger Kaufhaus. Arni und ich stöberten in unseren Pausen oft dort in der Legoabteilung und hatten schnell freundlichen Kontakt zu den Angestellten dort. Zu meinem dienstlichen Abschied drehte also ich eine Runde durch die Fuzo, und mit diesem warmherzigen Geschenk kehrte ich zurück. Seit fünfeinhalb Jahren nun schmückt der aufgrund starker Abnutzung inzwischen nicht einmal mehr verbaubare Legostein mein Schlüsselbund, so blau wie mein Auto.

Die Geschichte gefällt Chris, und er erzählt, dass er auch gern in Wolfsburg ist, zum Auflegen nämlich, und zwar im Sauna-Klub, zum Beispiel als nächstes zum Tanz in den Mai. Hab ich noch gar nicht mitbekommen, obwohl Sauna-Klub-Chef Thorsten mir regelmäßig Einladungen schickt. Mit Rille Elf waren wir bei ihm auch schon zu Gast, passend zum elften Geburtstag des Klubs.

Neben mich stellt sich Omar und bestellt einen Milchkaffee. Den bekommt er, geht zu Serge und kehrt mit immer noch voller Kaffeetasse und leerem Weinglas zurück, dieses Max darreichend. „Wein für Serge?“, fragt der, und Omar bestätigt. Darauf muss Serge aber noch etwas warten, denn Omar erzählt mir aus seinem Leben, dass er erst seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt und dass Braunschweig seine erste Station hier ist. Sein Deutsch-Zertifikat ist sein Ticket: „Vielleicht gehe ich weg, nach Berlin, Leipzig oder Köln.“ Seiner Sprache merkt man nicht an, dass er sie erst seit so kurzer Zeit spricht, doch Omar winkt ab: „Ich brauche noch viele Vokabeln!“ In Syrien machte er seinen Bachelor in Elektrotechnik, hier in Deutschland will er seinen Master machen – „oder etwas Anderes“. Er fragt mich, ob ich schon mal mit anderen Syrern gesprochen habe, und selbstverständlich habe ich dies. Er kennt das Sultana, das um die Ecke in der früheren Krabbenkuppel eingerichtet ist und das ich auch sehr mag, nicht zuletzt, weil der Chef so sympathisch ist, und genau das erzählt Omar auch, der dort einmal sehr gute Falafel zu essen bekam. Falafel mag ich auch gern, daher frage ich ihn nach seinen Empfehlungen für weitere gute Falafellieferanten in Braunschweig. Omar schwärmt vom Falafeli, und ich empfehle ihm noch das Sofra.

Auch auf Musik kommen wir zu sprechen. Omar hört gern Experimentalmusik und Ambient, aber auch Funk, Soul, Charts und Classic Rock. Wilde Mischung, und besonders interessiert mich die Experimentalmusik. „Improvisationen oder Experimente mit Instrumenten“, beschreibt er seine Vorlieben. „Oder Künstler, die Instrumente bauen und machen Experimente.“ Da frage ich natürlich nach Beispielen. Omar nennt Die Angel, „deutsche Klangkünstler“, und die kenne ich gar nicht. Dahinter verbergen sich dann aber doch Bekannte: Dirk Dresselhaus von Locust Fudge und Schneider TM sowie Ilpo Väisänen von Pan*Sonic. Mit solchen Sachen kriegt man mich. Dieser Tage trudelte viel spannende Musik aus ganz Europa bei mir ein: Der Finger, Doom Jazz aus Moskau, Cameraoscura, melodischer Drone Ambient aus La Spezia, Nac/hut Report, experimentelle Klangcollagen aus Krakau, oder Kuhn Fu, zappaeske Jazz-Avantgarde aus Groningen. Omar fragt, ob ich selbst Musik mache, und ich verweise auf meine gelegentlichen Stimmbeiträge für Blinky Blinky Computerband, deren neongrünes T-Shirt ich zufällig trage. Er versucht, sich den Bandnamen zu merken, und bringt dann doch endlich den Wein zu Serge.

Vor einigen Tagen interviewte ich im Riptide für das Kurt-Magazin aus Gifhorn einen „Torfbauern aus Neudorf-Platendorf“, wie sich Heinrich Doc Wolf selbst nannte. Er ist mit Songs im Johnny-Cash-Stil in den USA in diversen Charts und erzählte mir aus seinem wilden Leben, von Gunter Gabriel, Reinhold Beckmann, Michael Hollm und seinen vielen Aktivitäten. Er übersetzt Lieder von den Beatles und Neil Young und stimmte seine Version von „We Can Work It Out“ kurzerhand im Café an, zur Freude der anderen Gäste, und zu meiner auch. „Hier könnte ich auch auftreten“, stellte er mit Rundblick fest und drückte Max seine Visitenkarte in die Hand. „Die liegt noch beim Chef“, sagt mir Max – das wäre ein Knaller, Heinrich Doc Wolf im Riptide!

Schepper hat mit ihm auch schon gespielt, und Schepper kommt soeben durch die Tür. „Oh, alle weggelaufen!“, stellt er mit Blick auf die leeren CD-Fächer fest. Auch er blieb eben bei Serge, Omar und Rainer hängen und verabredete sich mit Rainer fürs Kino. Seine Getränkewahl ist eine Fritz-Kola ohne Zucker, ebenso wie meine. „Morgen kommt das neue Album von The Mute Gods heraus“, sagt er zu Max und fragt, ob die vielleicht schon heute angekommen ist. Max guckt in den Fächern hinter der Theke nach, da kehrt Omar zurück, mit einem Buch in der Hand. „Was hast’n für’n Buch gekriegt?“, nimmt Schepper offenbar einen vorangegangenen Faden auf, und Omar zeigt uns „Rahel Varnhagen“ von Hannah Arendt, mit dem er sich aufs Sofa lümmelt. „Hinten steht sie nicht“, ruft Max von der Theke herüber. „Macht nix“, findet Schepper, ich höre im Moment eh nur eine Platte.“ Die neue von The Claypool Lennon Delirium, ahne ich, und ich liege richtig. Während wir unsere Kola trinken, blättern wir durch die Fächer mit den neuen LPs. „Meine Augen werden auch immer schlechter“, stellt Schepper fest. „Dafür hat Serge gesagt, ich sehe immer besser aus – aber ich seh’s ja nicht mehr!“

Eigentlich wollen wir weiter, zum Café MokkaBär, bleiben aber an und in der Einraum-Galerie hängen. Serge sitzt jetzt auf der Bank vor dem Schaufenster, Schepper und Rainer betrachten drinnen die Kunst von Ulrike Weber. Serge entführt mich zurück in seinen Laden, „ich habe etwas für dich“, sagt er, und drückt mir sein neues Buch in die Hand, „Augentrost – ein Stummfilm“, mit den von Ferdinand so großartig gestalteten Seitenzahlen, die jeweils die komplette linke Seite einnehmen. Auf die Lektüre freue ich mich schon, das Buch habe ich in der Vorabversion schon bei ihm zu sehen bekommen.

Wir drehen um zur Galerie, in der Rainer soeben einen Deal für eines von Ulrikes Bildern macht. „Das gefällt mir, sogar super“, sagt Rainer, der einen Verweis auf den von ihm verehrten Expressionismus sieht. Die Bilder zeigen Porträts, kantig gezeichnet und mit dezidiert gesetzten Farbflächen versehen. Ulrike ist zugezogene Braunschweigerin, „seit 1983 wohne ich hier, mit drei Jahren Pause“, und hat schon überall in der Republik gelebt. Geboren ist sie in Detmold, hat da aber nur sechs Jahre verbracht und entsprechend wenig Eindruck von der Metropole Ostwestfalen-Lippes. „Ich erinnere mich nur, dass es dort Ampeln gibt, die über Eck an der Kreuzung hängen“, sagt Ulrike. Die Einraumgalerie gefällt ihr als Ort für ihre Arbeiten: „Sehr angenehm, ich finde, es passt richtig gut.“ Für sie ist es eine Premiere – nicht nur hier: „Ich habe noch nie ausgestellt.“ Stolz sei sie auf die Hängung, „die habe ich nämlich ganz alleine gemacht und es ist gelungen, wie ich gehört habe“. Ich gucke nach den Befestigungen, aber Ulrike korrigiert mich: „Hängung bedeutet, welche Bilder wie in welcher Kombination hängen – es geht nicht um die Technik!“ Den Impuls zum Gang in die Öffentlichkeit erhielt Ulrike von einer Freundin, „sie hat mir den Tritt in den Hintern gegeben“, und der zieht noch eine nächste Schau mit sich, nämlich im Sommer in der Oberpostdirektion, da sollen die großen Bilder in den drei großen Fenstern hängen.

Mir stellt sich – wie wohl allen – die Frage, ob ihren Porträts reale Menschen zugrunde liegen, und Ulrike verneint dies. „Irgendjemand hat einen Harzkrimischriftsteller darin gesehen“, sagt sie und deutet auf eines der Bilder. „Und Serges Interpretation war, ich male mich immer selbst.“ Ab 2012 zeichnete sie „nur Köppe“, erzählt sie, und dass der „leider verstorbene“ Georg Ystein, bei dem „wir“ Malkurse hatten, sie motivierte: „Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.“ Sie blieb dran und malte Gesichter, bis andere Leute kamen und ihr ganze Körper abverlangten. „Ich habe versucht, mehr zu machen, aber es ist nichts passiert“, sagt sie, „und dann kamen die Kopffüßler.“ Sie zeigt mir einige Bilder mit Gesichtern, aus deren Hälsen Beine wachsen und die weder unnatürlich noch naiv wirken. Das erste dieser Art trägt daher den programmatischen Titel „Siehe da, ein Kopffüßler“. Und irgendwann kamen auch Ganzkörperfiguren dazu, auf großem Format. Bei dem „Wir“ handelt es sich übrigens um die Malgruppe von Georg Ystein, die Nat und Julia Palmer heute fortführen, „in seinem Angedenken“. Und dieser Nat heißt Natarajan Subramanian und hat auch schon in der Einraumgalerie ausgestellt, Frust zeigt mir den Flyer aus dem Jahr 2011 von der Ausstellung „Serviervorschlag“.

Draußen sitzen Serge und Schepper auf der Bank, im Riptide hat André seinen Spätdienst angetreten. Serge erspäht einen Kunden und kehrt zurück zu seinem Laden, Ulrike setzt sich zu uns. Sie freut sich, auf diese Weise in eine Braunschweiger Welt einzutauchen, die sie vorher nicht kannte. Schepper und Ulrike stellen fest, dass sie beinahe Nachbarn sind. Braunschweig! Wir verabschieden uns und holen Scheppers Fahrrad. Serges Kunde grüßt freundlich, wir kennen uns, ich war schon zweimal sein Patient: Dr. Block, der einmal meiner Empfehlung, sich beim Sedan-Bazar das Schepper-Konzert anzusehen, gefolgt war und mir um Gegenzug sein Buch „Dr. Blocks Patiententypologie“ schenkte, für das ich mich endlich bedanken kann, hat es mir doch erhebliche Freude bereitet. Serge kann diese Verbindung nicht fassen, und Dr. Block sagt: „Ja, ich habe auch Bücher verschenkt!“ In drei Jahren vereinbare ich dann den nächsten Termin bei ihm.

Schepper kommt mit Schiebefahrrad, wir schlendern gemütlich zu Ollo in den MokkaBär, treffen auf dem Weg noch Schlagzeuger Wumme, der uns schon mal von Ollo grüßt, weil Wumme sich gerade das Café zum ersten Mal ansah und herausfand, dass man dort Schepper kennt. Ollo dachte sich schon, dass Schepepr Wumme noch eher trifft, als dass er im MokkaBär eintrudelt, grüßt ihn aber trotzdem nochmal. Ja, Braunschweig!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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Eine Reaktion

  1. Heinrich Wulfes
    3. März 2019 · 11:22 Uhr

    Würde gern mal einen Johnny Cash-Abend bei Euch machen!

    Mal in youtube gucken: HEINRICH DOC WOLF

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