#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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